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Nr. 1 DIE ZEIT S.

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66 DIE ZEIT LEBEN Ich habe einen Traum Nr.1 29. Dezember 2005

DER 100. WUNSCH ZUR


RETTUNG DER WELT
»Ich träume davon, dass
niemand mehr arm ist. Ich
weiß, dass das naiv klingt, aber
eine Milliarde Erdenbürger
müssen mit einem Dollar am
Tag auskommen.
Wie soll sich davon eine ganze
Familie ernähren?«
DESMOND TUTU

ch habe einen Traum, und ich glaube, wieder ziemlich naiv. Aber ich höre nicht auf, von mer wieder versuchen, irgendwelche Grenzen zwi- DESMOND TUTU,

I
Gott träumt diesen Traum auch. Wir alle dieser Welt zu träumen. Von einer Welt des Tei- schen uns zu ziehen. Zwischen Juden und Deut- 74, Erzbischof von Kapstadt,
träumen ihn, denn jeder von uns ist ein lens, nicht des Konkurrenzkampfes. Von einer schen. Zwischen katholischen und protestanti- arbeitete zunächst als Lehrer,
Kind Gottes. Es ist der Traum von der Welt, in der nicht immer nur der Stärkste gewinnt. schen Nordiren. Zwischen weißen und schwarzen bevor er seinen Beruf aus
großen weltweiten Familie, zu der wir alle Von einer Welt, in der sich nicht wiederholt, was Südafrikanern. Gott aber sagt: Nein! Tut es nicht! Protest gegen die Bildungspolitik
gehören. Ich gebe zu, das klingt ziemlich wir bei der Flutkatastrophe in New Orleans mit Ich träume davon, dass wir alle Grenzen nieder- des Apartheid-Regimes aufgab.
schlicht und sentimental. Aber in Wirk- ansehen mussten. Das war alles andere als eine Fa- reißen. Denn meine Humanität beruht auf Ihrer Bald darauf wurde er zum
lichkeit ist es sehr radikal. Was heißt das denn: eine milie. Da haben viele Menschen gelitten. Und ei- und umgekehrt. Ubuntu nennen wir das in unse- anglikanischen Priester geweiht –
Welt, eine globale Familie? Es heißt, dass es keine nige mussten sterben, weil sie arm waren. Und rer Kultur. Es bedeutet: Ein Mensch wird nur und zum kämpferischen Gegner
Außenseiter gibt. Alle gehören dazu, Schwarze vielleicht auch, weil sie schwarz waren. durch andere Menschen zum Menschen.
der Rassentrennung. 1984 erhielt
und Weiße, Reiche und Arme, Kluge und weni- New Orleans hat gezeigt, wie weit wir von die- Genau das lehrt die Bibel gleich am Anfang.
er den Friedensnobelpreis.
ger Kluge, Schöne und nicht so Schöne, Unver- ser einen Familie entfernt sind. Aber ich träume Sie wissen schon, die Geschichte, als Gott Adam
schuf und Adam im Garten lebte und eine fantas- Tutu leitete die Wahrheits-
sehrte und Behinderte, Frauen und Männer, weiter, immer weiter. Ich bin wirklich kein blauäu-
Schwule, Lesben und Heteros, einfach alle, ohne giger Optimist, aber ich habe Hoffnung. Warum? tische Zeit mit all den Tieren hatte. Aber der gute und Versöhnungskommission,
Ausnahme. Weil wir letztendlich alle das gleiche moralische Mann war trotzdem nicht rundum glücklich, also die Verbrechen während der weißen
Und stellen Sie sich vor: Ich träume, dass sogar Universum bewohnen. Ist das nicht wunderbar? sprach Gott: Es ist nicht gut, dass der Mensch ein- Herrschaft aufklärte.
Osama bin Laden und George Bush Mitglieder Überlegen Sie mal: Wer sind denn die Men- sam sei. Und er schlug vor: Adam, wie wär’s, wenn Diese ging 1993 zu Ende.
unserer Familie sind! Der israelische Premier Scha- schen, die wir am meisten bewundern? Bei deren du dir ein Kuscheltier unter deinen Mitgeschöp- Desmond Tutu ist seit 1955
ron und der palästinensische Präsident Abbas auch. Anblick wir weiche Knie bekommen? Es sind fen suchtest? Und Adam sagte gleich: Kommt verheiratet, hat vier Kinder. Hier
Merken Sie jetzt, wie radikal dieser Traum ist? nicht die starken, aggressiven, rücksichtslosen überhaupt nicht infrage. Also ließ ihn Gott ein- träumt er davon, dass die Mensch-
Aber mein Traum wirft schwierige Fragen auf. Zeitgenossen, nicht die Machos. Es sind beschei- schlafen, und dann – jeder kennt die Story – schuf heit sich als globale Familie begreift –
Wenn wir wirklich alle dazugehören, wenn wir alle dene Leute, Leute wie Nelson Mandela, der Dalai er aus der Rippe Adams dieses umwerfende We- und dass Südafrika Deutschland
Brüder und Schwestern sind, wie können wir da Lama oder Mahatma Gandhi. sen … Und als Adam erwachte, rief er: Wwwwow! endlich im Fußball besiegt
Milliarden für Waffen ausgeben, für Werkzeuge Wir spüren, dass sie gut sind. Wir alle haben eine Jetzt habe ich genau das, was mir der Doktor ver-
des Todes? Wie können wir das tun, obwohl wir Art Antenne, mit der wir ihre Güte empfangen schrieben hat!
doch ganz genau wissen, dass schon ein Bruchteil können. Das Böse hingegen erweckt unseren Zorn. Diese Geschichte lehrt: Wir sind aufeinander
dieser Milliarden reichen würde, dass unsere dar- Wenn jemand ein Kind missbraucht. Wenn je- angewiesen. Wir sind in einem fein gewobenen
benden Schwestern und Brüder überall auf der mand Gewalt gegen Schwächere anwendet. Wenn Netzwerk verbunden. Wir sind eine Familie. Und
Erde sauberes Trinkwasser, genug Essen, eine sich jemand als Rassist versündigt. Aber das Böse ist jedes Mal, wenn wir das vergessen, bekommen wir
menschenwürdige Unterkunft, eine gute Schul- das Abartige, am Ende wird das Gute siegen. Schau- eine Menge Scherereien. Das ist mein großer
bildung und eine angemessene Gesundheitsfür- en wir nur in die Geschichte, auf die scheinbar all- Traum, der Traum von der Weltfamilie.
sorge hätten? mächtigen Männer, auf Nero, Hitler, Mussolini, Aber da fällt mir noch ein Traum ein, ein ganz
Eine Milliarde Erdenbürger müssen mit einem Franco, Idi Amin, auf die Erfinder der Apartheid. kleiner. Ich wünschte, wir hätten Deutschland
Dollar am Tag auskommen. Mit einem Dollar! Sie dachten: We are running the show. Denkste. Aus- neulich beim Fußballländerspiel geschlagen. Aber
Das ist lächerlich! Wie kann man von einem nahmslos alle scheiterten, alle bissen ins Gras. ihr hattet ja diesen jungen Burschen, der drei Tore
Dollar überleben? Wie soll sich davon eine ganze Aber bleiben wir einmal bei den Grausamkei- schoss, wie hieß er doch gleich? Podolski, richtig.
Familie ernähren? Warum schwadronieren wir ei- ten der Geschichte: dem Holocaust, den so ge- Sehr gut. Sehr gut. Sehr gut. Aber ich hoffe, und
gentlich so viel darüber, wie man die Armut über- nannten ethnischen Säuberungen in Bosnien, das ist mein kleiner Traum, dass wir euch aufmi-
winden könnte? Warum handeln wir nicht ein- dem Völkermord in Ruanda. Oder nehmen wir schen, wenn ihr zur Weltmeisterschaft 2010 nach
fach? Wissen wir denn nicht, dass die globale Kluft das, was sie hier in Südafrika unter dem Vorzei- Südafrika kommt.
zwischen Armen und Reichen fatale Folgen hat? chen der Apartheid getan haben … Na ja, sie woll- Gott segne euch!
Sie macht unsere Welt zu einem gefährlichen ten uns nicht ausrotten, aber sie haben viele Leu-
Platz. Kriege brechen aus, weil die Menschen ver- te umgebracht, sie behandelten Menschen wie AUFGEZEICHNET VON BARTHOLOMÄUS GRILL
zweifelt sind. Sie sind verzweifelt, weil sie hung- Müll, und am Ende höhlten sie ihre eigene FOTO VON TOBY SELANDER
rig, krank und arm sind. Ich träume von einer Menschlichkeit aus. Wie kann es zu diesen Grau-
Welt ohne Krieg. Ja, ja, ich weiß, das klingt schon samkeiten kommen? Sie entstehen, weil wir im- Audio www.zeit.de/audio

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