P. 1
30 - Muskelgewebe

30 - Muskelgewebe

|Views: 1,745|Likes:
Veröffentlicht vonleechors_master

More info:

Published by: leechors_master on Jul 27, 2009
Urheberrecht:Attribution Non-commercial

Availability:

Read on Scribd mobile: iPhone, iPad and Android.
download as PDF, TXT or read online from Scribd
See more
See less

11/17/2010

pdf

text

original

30

30 Muskelgewebe
Dieter O. Fürst, Matthias Gautel, Petro E. Petrides

30.1
30.1.1 30.1.2

Feinstruktur der Muskulatur – 1002
Die quergestreifte Muskulatur – 1002 Die glatte Muskulatur – 1004

30.2
30.2.1 30.2.2 30.2.3

Die Proteine des kontraktilen Apparats – 1004
Myosin – 1004 Aktin – 1006 Das Cytoskelett der quergestreiften Muskelzellen – 1007

30.3
30.3.1 30.3.2 30.3.3

Molekularer Mechanismus der Muskelkontraktion und -relaxation – 1009
Der Querbrückenzyklus – 1009 Kopplung zwischen Erregung und Kontraktion – 1011 Molekularer Mechanismus der Muskelrelaxation – 1014

30.4 30.5
30.5.1 30.5.2

Regeneration der Muskelzelle – 1015 Pathobiochemie: Angeborene und erworbene Muskelerkrankungen – 1017
Angeborene Muskelerkrankungen – 1017 Erworbene Muskelerkrankungen – 1021

Literatur

– 1022

1002

Kapitel 30 · Muskelgewebe

> > Einleitung Der Mensch benötigt einige 100 willkürlich schnell kontrahierbare Muskeln, um koordinierte, zielgerichtete Bewegungen durchführen zu können. Diese Muskeln, deren Zellen eine auffällige Querstreifung aufweisen, kommen außer als Bewegungsapparat des Skeletts auch in Auge, Zunge, Gesicht sowie in einer spezialisierten Form als Muskulatur des Herzens vor. Es gibt zwei zelluläre Formen von quergestreifter Muskulatur. Der Herzmuskel besteht aus einzelnen, elektrisch gekoppelten Zellen, den Cardiomyozyten, die alle synchron kontrahieren. Skelettmuskeln bestehen dagegen aus vergleichsweise riesigen Zellen, die jeweils ein Syncytium darstellen: aus vielen ursprünglich vorhandenen Einzelzellen bildet sich durch Zellfusionen ein lang gestrecktes Gebilde mit außerordentlich vielen peripher liegenden Zellkernen. Die entstehenden Muskelfasern können durch individuelle Innervation aktiviert werden. Die glatte, vegetativ innervierte Muskulatur der Eingeweide (Gastrointestinal- und Urogenitaltrakt sowie Blutgefäße) weist dagegen keine Querstreifung auf, besteht aus einzelnen lang gestreckten Zellen, ist nicht willkürlich innerviert und kontrahiert wesentlich langsamer als quergestreifte Muskulatur. Die verschiedenen Muskeltypen zeichnen sich durch eine gewebespezifische Ausstattung mit unterschiedlichen Isoformen kontraktiler Proteine, Regulatorproteinen, Ionenkanalproteinen und Enzymen aus. Viele Proteine der verschiedenen Muskelgewebe können durch Genmutationen strukturell so verändert werden, dass Muskelerkrankungen entstehen. So führen z.B. Mutationen von Cytoskelettproteinen des Skelettmuskels zum Muskelschwund (Dystrophie), solche von kontraktilen Proteinen und Regulatorproteinen im Herzen zu Cardiomyopathien und jene in Ionenkanalproteinen zu Lähmungserscheinungen der Skelettmuskulatur oder Herzrhythmusstörungen.

30.1 30.1.1

Feinstruktur der Muskulatur
Die quergestreifte Muskulatur

pischer Bilder war die Bedeutung dieser Bandenmuster erklärbar (7 u.).
! Das Sarkomer ist die funktionelle Einheit der Myofibrille.

30

! Der quergestreifte Muskel weist eine hierarchische Organisationsstruktur auf.

Voraussetzung für das Verständnis des Mechanismus der Muskelkontraktion ist die Kenntnis der Feinstruktur der Muskulatur (. Abb. 30.1). Quergestreifte Muskeln in der Skelettmuskulatur (1 in . Abb. 30.1) setzen sich aus Faserbündeln (2 in . Abb. 30.1) zusammen, die noch mit bloßem Auge gut erkennbar sind. Sie werden von verschiedenen Nervenfasern erregt. Die einzelnen Muskelfasern des Bündels (3 in . Abb. 30.1) sind lange Zellen mit einem Durchmesser von 10 bis 100 m und Längen von wenigen mm bis zu mehreren cm. In einigen Fällen können sie die Gesamtlänge des Muskels durchlaufen und an beiden Enden in die bindegewebigen Sehnen übergehen. Die Muskelfasern enthalten in hoher Konzentration die Proteine Aktin und Myosin. Diese bilden faserförmig in der Längsrichtung der Muskelzelle angeordnete Komplexe, die als Myofibrillen bezeichnet werden und die ca. 80% des Gesamtvolumens der Zellen einnehmen. Bereits bei lichtmikroskopischer Betrachtung zeigen Skelettmuskelfasern eine charakteristische Querstreifung, die durch eine hochregelmäßige Anordnung des kontraktilen Apparats entsteht (. Abb. 30.2). Im Polarisationsmikroskop lassen sich anisotrope, doppelbrechende, proteinreiche A-Banden und isotrope, also weniger dichte und nicht doppelbrechende I-Banden, unterscheiden. Im Zentrum der I-Bande ist noch eine schmale, stark lichtbrechende Struktur, die Z-Scheibe, zu erkennen (4 in . Abb. 30.1). Erst durch die höhere Auflösung elektronen mikrosko-

Die grundlegende Baueinheit der Myofibrille ist das Sarkomer. Das Sarkomer ist ein Zylinder mit einem Durchmesser von etwa 1500 nm und einer Länge von etwa 2500 nm (2,5 m). Eine Längenänderung vieler oder aller Einzelsarkomere, von denen z.B. der Bizepsmuskel etwa 10 Mio. besitzt, verursacht die Verkürzung oder Verlängerung des gesamten Muskels. Das Sarkomer wird durch die oben erwähnten Z(wischen)-Scheiben begrenzt, die gleichsam die Grund- und Deckplatten des Zylinders bilden. Es handelt sich hierbei um Proteinkomplexe, in denen die Filamente Aktin und Titin sowie das -Actinin die wichtigsten Rollen spielen. In beiden Z-Scheiben sind je ca. 2000 parallel zur Zylinderachse verlaufende dünne Myofilamente aus Aktin verankert. Entscheidend für den Kontraktionsmechanismus ist, dass die aus den benachbarten Sarkomeren in eine Z-Scheibe inserierenden dünnen Filamente entgegengesetzte Polarität besitzen. In der Mitte der im Ruhezustand ca. 2,5 m langen Sarkomere befinden sich weitere Gerüstproteine (z.B. Myomesin), die in der sog. M(ittel)-Bande die ebenfalls parallel zur Zylinderachse angeordneten dicken Myofilamente aus Myosin verankern (1600 nm lang, je 800 nm diesseits und jenseits der zentralen M-Bande und 15 nm dick). In den Überlappungszonen, die sowohl dünne als auch dicke Filamente enthalten, bietet sich im Querschnitt des Sarkomers folgendes Bild: Jedes dicke Filament liegt im Mittelpunkt eines gleichseitigen Sechsecks, dessen Ecken von dünnen Filamenten gebildet werden (. Abb. 30.3). Jedes dünne Filament besitzt 3 »dicke« Nachbarn (9 in . Abb. 30.1). Das Zahlenverhältnis dünner zu dicken Filamenten beträgt 2:1.

1003 30.1 · Feinstruktur der Muskulatur

30

. Abb. 30.2. Elektronenoptische Aufnahme (Längsschnitt) eines quergestreiften Muskels. (Aufnahme von H.E. Huxley, Cambridge). Vergrößerung 18 600:1

. Abb. 30.3. Elektronenoptische Aufnahme (Querschnitt) eines quergestreiften Muskels. Jedes dicke Myosinfilament ist von 6 dünnen Aktinfilamenten umgeben. (Aufnahme von H.E. Huxley, Cambridge). Vergrößerung 155 000:1

! Durch die unterschiedliche Verwendung von Muskelprotein-isoformen entstehen unterschiedliche Myofibrillentypen.

. Abb. 30.1. Die einzelnen Organisationsebenen des quergestreiften Muskels. 1 Muskel; 2 Faserbündel; 3 Muskelfaser; 4 Myofibrille; 5 Aufbau des Sarkomers; 6 Querschnitt durch dünne Myofilamente im Bereich der Z-Scheibe; 7 Querschnitt durch dicke Myofilamente; 8 Querschnitt durch dicke Myofilamente im Bereich der M-Bande; 9 sich überlappende dicke und dünne Myofilamente. (Verändert nach Bloom W, Fawcett DW 1994)

Die Proteine der Myofibrillen kommen in Isoformen vor, die sich durch ihre physikalisch-chemischen Eigenschaften unterscheiden. Protein-Isoformen können durch Multigenfamilien (mehrere Gene) oder durch alternierendes Spleißen (ein Gen) gebildet werden. Die Vielfalt dieser Protein-Isoformen (zu denen noch fetale und neonatale Varianten kommen) erlaubt dem menschlichen Organismus, nach dem Baukastenprinzip Muskelfasern verschiedener Myofibrillenstruktur für spezielle Funktionen zu bilden und diese Strukturen veränderten Umweltanforderungen (z.B. Training) durch Adaptation anzupassen. Eine Störung dieses Systems (Maladaptation) dürfte entscheidend an der Entstehung von Krankheiten der Muskulatur beteiligt sein.

1004

Kapitel 30 · Muskelgewebe

30.1.2

Die glatte Muskulatur

Im Gegensatz zur quergestreiften besteht die glatte Muskulatur aus spindelförmigen Zellen mit jeweils nur einem Kern. Glatte Muskelzellen enthalten zwar dicke und dünne Filamente, jedoch sind diese nicht zu Sarkomeren mit regelIn Kürze
Mehrere hundert Skelettmuskeln garantieren die koordinierten Bewegungen des Knochengerüsts, die schnell oder langsam und von längerer oder kürzerer Dauer sein können. Daneben sorgt die dauerarbeitende Herzmuskulatur für den Bluttransport und die glatte Muskulatur in Eingeweiden und Blutgefäßen für kontraktile Prozesse von langsamer Dauer. Die Vielfalt dieser unterschiedlichen Muskelfaser-Phänotypen wird zum einen durch die Expression für den einzelnen Typ spezifischer Proteine und zum anderen durch die Expression von Protein-Iso-

mäßigen Strukturmustern geordnet. Aus diesem Grund fehlt auch die Querstreifung. Die Enden der dünnen Filamente sind mit Hilfe sog. »dense bodies« am Cytoskelett der glatten Muskelzellen sowie an ihrer Plasmamembran befestigt.

formen erreicht, deren Struktur an die jeweilige Funktion angepasst ist. Funktionelle Einheit der Myofibrille ist das Sarkomer, welches die dicken und dünnen Myofilamente sowie Cytoskelettproteine enthält. Die Proteine der Myofibrillen kommen in Isoformen vor, die durch Genfamilien oder alternierendes Spleißen gebildet werden. Durch die Vielfalt dieser Protein-Isoformen entstehen Muskelfasern unterschiedlicher Zusammensetzung, die sich veränderten Umweltanforderungen durch Adaptation anpassen können.

30.2

Die Proteine des kontraktilen Apparats
Myosin

30.2.1

ten dienen je nach Myosintyp der Aktivierung (glatter Muskel) oder Feinregulation der Kontraktion (quergestreifter Muskel). Das Myosinmolekül weist demnach die Zusammensetzung (MHC)2(LC)2+2 auf Im Muskelgewebe werden mindestens 13 unterschiedliche Gene für schwere Myosinketten exprimiert (. Tabelle 30.1), die in zwei Clustern auf den Chromosomen 14 und 17 liegen. Es besteht eine fast unbegrenzte Möglichkeit, die unterschiedlichen schweren und leichten Ketten miteinander zu kombinieren, wodurch sich eine verwirrende Zahl möglicher Myosinmoleküle ergibt. So sind alleine mehr als 9 verschiedene »schnelle« Myosin-Isoformen möglich, die oft nebeneinander in einem Muskel vorkommen! Die einzelnen Isoformen unterscheiden sich erheblich voneinander hinsichtlich ihrer ATPase-Aktivität und der maximalen lastfreien Verkürzungsgeschwindigkeit. Dadurch bietet sich die Möglichkeit einer feinen Abstimmung der Eigenschaften des Myosins auf gewünschte physiologische Zustände. Um den strukturellen Bereichen der Myosinmoleküle spezifische biochemische Eigenschaften zuordnen zu können, war die gezielte Herstellung proteolytischer Fragmente von enormer Bedeutung. Die schwere Myosinkette ist an zwei Stellen besonders empfindlich gegenüber Proteolyse: 4 Am Übergang vom Köpfchen zum Schaft und 4 ca. 90 nm vom Ende des stabförmigen Teils entfernt Dadurch lassen sich die folgenden Fragmente erhalten (. Abb. 30.4 und . Tabelle 30.2): 4 LMM (light meromyosin), der 90 nm lange carboxyterminale Teil des Schafts, der alleine eine Art dicker Filamente aufbauen kann

30

! Das Myosinhexamer ist das Hauptprotein der dicken Myofilamente.

Die dicken Filamente bestehen als Haupt-Strukturkomponente aus dem Myosin, einem Molekül, das einige besondere Eigenschaften aufweist: es ist extrem asymmetrisch gebaut und besitzt einen ca. 150 nm langen, stabförmig gestreckten Teil (»Schaft«) sowie an einem Ende zwei etwa 20 nm große »Köpfchen«. Die Fähigkeit des stabförmigen Teils zur Selbstassoziation ist die Grundlage für die Bildung der dicken Filamente, während die enzymatisch aktiven Köpfchen an Aktin binden können und die in ihnen ablaufende Hydrolyse von ATP eine Konformationsänderung bewirkt, welche die molekulare Grundlage der Muskelmechanik darstellt. Jedes Myosinmolekül mit einer Molekülmasse von ca. 520 kD ist aus 6 Untereinheiten aufgebaut: 4 Zwei schwere Ketten (myosin heavy chain, MHC) mit einer Masse von je 220 kD bestehen etwa zur Hälfte aus dem Schaft, während die aminoterminale Hälfte die Köpfchen aufbaut. Die stabförmigen Bereiche der schweren Ketten bilden eine prototypische -helicale »coiled-coil«-Struktur aus, in der jede 3. und 4. Position von 7 (heptad-repeat) durch hydrophobe Aminosäuren besetzt sind 4 Mit den Köpfchen assoziiert sind jeweils eine essentielle und eine regulatorische leichte Kette (light chain, LC), die strukturelle Ähnlichkeit zum Calcium-bindenden Protein Calmodulin aufweisen. Die leichten Ket-

1005 30.2 · Die Proteine des kontraktilen Apparats

30

. Tabelle 30.1. Nomenklatur der Myosin schweren Ketten und ihr Bezug zu bestimmten Fasertypen Fasertyp Embryonal Nomenklatur der Myosin schweren Kette MHCemb (MYH3) Vorkommen in Fasertyp: Primäre Myotuben, extraocular, infrafusale und regenerierende extrafusale Fasern (Muskelspindeln) Fötale Fasern Neonatal, extraocular, M. masseter, intrafusale und regenerierende extrafusale Fasern (Muskelspindeln) II A, II AB, II DA, II C, I C II B, II BD, II AB II D, II BD, II DA Extraoculare und laryngeale Muskeln (auch „superschnell“ genannt) masticatorische Muskeln I, I C, II C fötales Herz Extraocular Diaphragma, M. masseter, intrafusale Fasern (Muskelspindeln) Extraocular, M. tensor tympani, intrafusale Fasern (Muskelspindeln) Kardial Glatte Muskulatur

Fötal Neonatal

MYH4 MHCneo (MYH8)

Schnell phasisch (»Typ II«)

MHC II a MHC II b MHC II d/x MHCeom MHC IIm MYH7 (cardial ) MHC I

Langsam phasisch (»Typ I«)

Langsam tonisch

MHC Iton

Cardial Glatter Muskel

MYHCA MYH 11

. Abb. 30.4. Aufbau des Myosinhexamers aus 2 schweren und 2 Paaren von leichten Ketten

1006

Kapitel 30 · Muskelgewebe

. Tabelle 30.2. Größe und Eigenschaften proteolytischer Spaltprodukte von Myosin Native Molekülmasse Schwere Kette Stabförmiger Teil (Schaft) LMM HMM S1 S2 440 150 (150)n 340 130 45 kDa in SDS-PAGE 220 120 75 140, 22, 17 90, 22, 17 45 Länge (nm) 150 + 20 150 90 60 + 20 20 60 ATPase-Aktivität (+) – – + + – Actin-Bindung (+) – – + + – Bildung von Filamenten + + + – – –

4 S2 (Subfragment 2), der 60 nm lange Rest des stabförmigen Teils, der alleine keine Filamente bilden kann 4 S1 (Subfragment 1), einzelne Myosinköpfchen von ca. 20 nm, die eine Aktin-Bindungsstelle sowie die Fähigkeit der ATP-Spaltung besitzen 4 HMM (heavy meromyosin), Paare von Myosinköpfchen, die über ihre S2-Anteile zusammenhängen Die Myosinmoleküle assoziieren durch elektrostatische Wechselwirkungen ihrer stabförmigen (LMM) Anteile zu zylinderförmigen Filamenten (. Abb. 30.5). In quergestreiften Muskeln geschieht diese Assoziation mit erstaunlicher Präzision, sodass wahrscheinlich jeweils genau 294 Moleküle ein Filament von 1,6 m Länge aufbauen. Die Myosinköpfchen stehen von der Oberfläche des Zylinders radial nach außen ab und bilden die im elektronenmikroskopischen Bild sichtbaren Querbrücken, die dicke und dünne Filamente beim Kontraktionsvorgang verbinden. Die Moleküle sind in den dicken Filamenten mit den Köpfen nach beiden Seiten hin ausgerichtet, sodass in der Mitte eine köpfchenfreie Zone (»bare zone«) von 150 nm Breite entsteht. Dies bedeutet, dass die Myosinmoleküle in diesem Bereich über ihre gesamte Länge überlappen und man nur dort sowohl eine antiparallele als auch eine parallele Anordnung benachbarter Moleküle antrifft. Zu den Enden hin nimmt die Anzahl der Moleküle ab, und daher laufen die dicken Filamente spitz zu. Diese Art des Filamentaufbaus, in dem parallele, antiparallele und wieder parallele Bereiche einander abwechseln, stellt eine absolute Besonderheit in der Natur dar. In allen anderen bekannten makromolekularen Komplexen wiederholt sich eine bestimmte Anordnung der Moleküle von einem Ende zum anderen, und die Polarität ändert sich nicht (z.B. Aktinfilamente, Mikrotubuli, Intermediärfilamente, Kollagenfasern, bakterielle Flagellen etc.). Die Regulation der quantitativen Verteilung dieser und anderer Proteine im Muskelgewebe unterliegt dem Einfluss von Cytokinen (FGF, TGF- , IGF-1, Myostatin) und Hormonen; so führt z.B. die vermehrte Ausschüttung von Schilddrüsenhormonen zu einer Umschaltung der Synthese von V3- zu V1-Myosin im Ventrikel und damit zu einem Myosin mit höherer ATPase-Aktivität. Veränderungen der

regionalen Verteilung der Expression dieser Isoproteine werden auch bei der pathologischen Herzhypertrophie gefunden.

30.2.2

Aktin

! Aktin ist das Hauptprotein der dünnen Filamente.

30

Die strukturgebende Komponente der dünnen Filamente ist das Aktin, dazu kommen als Regulatorproteine Tropomyosin und – nur im quergestreiften Muskel – der Troponinkomplex. Aktin ist ein annähernd globuläres Protein (G-Aktin, 42 kDa Molekülmasse), das unter physiologischen Bedingungen zu langen, fadenförmigen Ketten (FAktin) polymerisiert. Im Skelettmuskel lagern sich etwa 360 G-Aktinmoleküle zu 1 m langen Filamenten zusammen. Durch eine seitlich etwas verschobene Bindung der Aktine aneinander ergibt sich das Bild einer Doppelhelix aus zwei schraubig umwundenen Strängen (. Abb. 30.6).
! Tropomyosine und Troponine sind Aktin-assoziierte Proteine.

In den Rinnen zwischen den Aktinketten liegen die 40 nm langen, starren Tropomyosinmoleküle, von denen jedes aus 2 Polypeptidketten besteht. In einem dünnen Filament erstreckt sich ein Tropomyosinmolekül über 7 Aktinmoleküle, wobei auf jedem Tropomyosin zusätzlich noch der Troponinkomplex (I, C, T) sitzt. Aktin- und Myosinproteine verschiedener Muskelarten zeichnen sich durch das Vorkommen der Aminosäure 3-Methylhistidin aus. Die Tropomyosine stellen eine Familie nahe verwandter dimerer Proteine dar, die auf unterschiedlichen Spleißvarianten der Transkripte von vier Genen (TPM1 bis TPM4) beruhen. In allen adulten Muskeln kommen nur die von den langen Transkripten der TPM1- bis –3-Gene abgeleiteten Varianten einheitlicher Länge (284 Reste) vor, alle kürzeren Molekülvarianten findet man nur in Nichtmuskelzellen.

1007 30.2 · Die Proteine des kontraktilen Apparats

30

. Abb. 30.5. Assoziation von Myosinhexameren zum dicken Myofilament. Die Myosinköpfe sind in 2 Bereichen (Pfeile) flexibel

30.2.3

Das Cytoskelett der quergestreiften Muskelzellen

. Abb. 30.6. Assoziation von Aktin, Tropmyosin und dem Troponin-Komplex zum dünnen Myofilament

Zusätzlich zu den kontraktilen Myofibrillenproteinen existieren im Muskel mehrere spezialisierte Cytoskelett-Domänen: 4 Das sarkomere Cytoskelett, das die Z-Scheiben und M-Banden aufbaut, bestehend u. a. aus Titin, Myomesin, MyBP-C (C-Protein) und Nebulin 4 Außerhalb des Sarkomers ein Gerüst aus Intermediärfilamenten mit Proteinen wie Desmin, Plectin, Synemin und Paranemin, über die auch Mitochondrien, Zellkerne und sarkolemmale Teile organisiert werden 4 Ein Membrancytoskelett bestehend aus Dystrophin und damit assoziierten Glycoproteinen, die eine Ver-

1008

Kapitel 30 · Muskelgewebe

. Abb. 30.7. Aufbau des sarkomeren Cytoskeletts aus Titin und damit assoziierten Proteinen

bindung vom Aktin-Cytoskelett zur extrazellulären Matrix herstellen 4 Hauptsächlich transversal verlaufende Zell-Matrix Kontakte, genannt Costamere, die in ihrer Zusammensetzung den Fokalkontakten von Nichtmuskelzellen ähneln
! Titin und damit assoziierte Proteine bilden das Gerüst der Myofibrillen.

30

Für die Anordnung der kontraktilen und akzessorischen Proteine im Sarkomer ist das Titinmolekül von zentraler Bedeutung. Dieses über 1 m lange, mit ca. 3000 kDa

größte bekannte Polypeptid überbrückt die gesamte symmetrische Halbeinheit eines Sarkomers von der M-Bande zur Z-Scheibe. Das Titinmolekül ist aus repetitiven, ca. 100 Aminosäuren großen Modulen der sog. ImmunglobulinSuperfamilie aufgebaut. Zusammen mit nicht-repetitiven Sequenzen bilden diese hunderte spezifischer Bindungsstellen für Proteine wie -Actinin, Aktin, Myosin, C-Protein und Myomesin. Dabei definieren sie automatisch die Abstände aller Bindungspartner zueinander. Titin kann also als molekularer Bauplan (»molecular ruler«) des Sarkomers verstanden werden. Der Verlust des Titinmoleküls führt zum völligen Verlust der Sarkomerbildung, selbst bei

. Abb. 30.8. Schematische Darstellung der Proteinkomplexe, die das Cytoskelett der Muskelzelle mit der extrazellulären Matrix (ECM) verbinden. Der Komplex aus Dystroglykanen (DGCα und β) und Sarkoglykanen (SGCα, β, γ, δ und Sarkospan S) verknüpft die Laminine der ECM über Dystrophin (DYS) direkt mit Aktin-Filamenten (blau). Über die Interaktion des Dystrophins mit Dystrobrevin,

Syntrophin und nNOS (DSN) wird eine direkte Anbindung an intrazelluläre Signaltransduktionswege ermöglicht. Die Integrine (INTα, β) stellen über mehrere Proteine der Adhäsionskontakte (FIL = Filamin, AAC = α-Actinin, VPT = Vinculin, Paxillin, Talin) eine zweite Brücke von der ECM zu den Aktin-Filamenten her

1009 30.3 · Molekularer Mechanismus der Muskelkontraktion und -relaxation

30

verbleibender Expression anderer sarkomerischer Proteine. Dies illustriert, dass so komplexe makromolekulare Systeme wie das Sarkomer nicht alleine durch selbst-assemblierende Proteinuntereinheiten gebildet werden können, sondern eine zusätzliche Organisationsebene erforderlich ist. Die mit Titin assoziierten Proteine MyBP-C (C-Protein), Myomesin und M-Protein sind ebenfalls von modularem Aufbau und erfüllen Funktionen in der Kontraktions-Feinregulation sowie dem Aufbau des dicken Filaments (C-Protein) und der M-Bande (Myomesin, M-Protein). Im Skelettmuskel dient das ca. 700 kDa große Protein Nebulin als Blaupause für die regelmäßige Länge der Aktinfilamente. Dieses Proteinnetzwerk wird auch als endosarkomeres Cytoskelett bezeichnet (. Abb. 30.7).
! Proteine wie Dystrophin bilden das Membran-Cytoskelett der Muskelfasern.

Die kontraktile Kraft der Myofibrillen muss über die Zellmembran auf die Muskelinsertionen übertragen werden, um durch Kontraktion der Muskelzelle schließlich zur Kontraktion eines ganzen Muskels zu gelangen. Für diese Kraftübertragung und für die Erhaltung der Integrität des
In Kürze
Das Sarkomer besteht aus den dicken und den dünnen Filamenten sowie aus verschiedenen cytoskelettalen Proteinen: Die dicken Filamente werden primär von Myosin gebildet. Dieses hexamere Protein besteht aus zwei schweren und vier leichten Ketten und kommt in vielen Isoformen vor, die sich hinsichtlich der ATPase-Aktivität und der maximalen Verkürzungsgeschwindigkeit unterscheiden. In den Vorhöfen des Herzens herrscht die

Sarkolemms selbst sind zwei Proteinkomplexe verantwortlich. Eine zentrale Rolle bei der Organisation des subsarkolemmalen Cytoskeletts spielt das Dystrophin, das strukturell mit Spectrin und -Actinin verwandt ist und dessen Schädigung Auslöser der Duchenne-Muskeldystrophie (7 Kap. 30.5.1) ist. Das Dystrophin bindet mit seinem Aminoterminus direkt an Aktin-Filamente und weiter carboxyterminal an einen Komplex aus mehreren Transmembran-Glycoproteinen (Dystroglykane, Sarkoglykane; . Abb. 30.8). Über die Dystroglykane erfolgt direkt die Bindung an Proteine der Basallamina der Muskelzellen (Laminin-2, Agrin). Der zweite funktionell bedeutsame Membrankomplex sind die Costamere, Adhärenskontakte, die »rippenförmig« (lat. costa, Rippe) in Höhe der Z-Scheiben um die Muskelfasern verlaufen. Zentrale Proteine sind hier die Integrine, die als Rezeptoren des Laminins dienen. Im Zellinneren vermitteln mehrere Fokalkontakt-Proteine (u.a. Vinculin, Talin, Paxillin, Filamin) die Verknüpfung mit dem Aktin-Cytoskelett (. Abb. 30.8). Es ist noch nicht geklärt, wie weit gehend die Zusammenhänge zwischen diesen beiden Proteinkomplexen sind.

V1-Form, in den Kammern die V3-Form vor. Ihre quantitative Verteilung unterliegt der Regulation durch Cytokine und Hormone. Die dünnen Filamente bestehen aus Aktin, dem Troponinkomplex und Tropomyosin, wobei letztere als Regulatorproteine wirken. Die wichtigsten Cytoskelettproteine des Muskels sind Dystrophin, Desmin, Nebulin und Titin.

30.3

Molekularer Mechanismus der Muskelkontraktion und -relaxation
Der Querbrückenzyklus

30.3.1

! Die Muskelkontraktion kommt durch eine verstärkte Überlappung der dünnen und dicken Filamente zustande.

Lange Zeit war angenommen worden, dass die Muskelkontraktion auf einem gummiartigen Zusammenziehen der Myosin-Filamente beruhe. Licht- und elektronenmikroskopische Untersuchungen in den Labors von A.F. Huxley und H.E. Huxley zeigten in den 50er Jahren, dass statt dessen die Länge der Myosin- und Aktinfilamente im Verlauf der Kontraktion konstant bleibt und sich nur deren Überlappungsgrad ändert. Diese Arbeiten führten zur Formulierung der Gleitfilament-Theorie der Muskelkontraktion

(»sliding filaments«), nach der die Kontraktion auf der Wechselwirkung der dicken und dünnen Filamente beruht, die aneinander vorbeigleiten (. Abb. 30.9). Um ein exzentrisches Ineinandergleiten der dicken und dünnen Filamente zu verhindern, werden die A-Banden durch ihre Verankerung über den elastischen Anteil des Titins mit der Z-Scheibe im Sarkomer zentriert. Das Titin ist also für die passive Elastizität des Muskels mitverantwortlich. Die treibende Kraft für die aktive Kontraktion kommt von den Myosin-Querbrücken (also den Köpfchen der Myosinmoleküle), in denen die Energie-produzierende ATPase-Aktivität und die eigentlichen sich bewegenden Teile lokalisiert sind.
! Die Querbrücken der dicken Filamente ändern zyklisch ihre räumlichen Beziehungen zu den dünnen Filamenten.

1010

Kapitel 30 · Muskelgewebe

chen dissoziieren die Köpfchen von Aktin und gehen in die ursprüngliche Konformation über. Diese auch als Querbrückenzyklus bezeichnete Abfolge von 4 Bindung des Köpfchens an Aktin 4 Konformationsänderung 4 Abkopplung 4 Konformationsänderung 4 erneute Bindung an einem anderen Punkt des dünnen Filaments wiederholt sich zyklisch, woraus in Summe eine Verkürzung des Sarkomers resultiert. Die Myosinköpfe laufen gleichsam auf den Aktinmolekülen, wobei sie selbst auf der Stelle treten. Die Energie für diesen Prozess stammt wie für alle wesentlichen energieverbrauchenden Prozesse in der Zelle aus der Hydrolyse von ATP. Den Schlüssel zum Verständnis der Koppelung von ATP-Hydrolyse und Konformationsänderung des Myosins bot die Entdeckung, dass die Kopfregionen der Myosinmoleküle ATPase-Aktivität aufweisen, die auch als Myosin-ATPase bezeichnet wird.
! Die Konformationsänderung des Myosinkopfs ist die molekulare Grundlage des Querbrückenzyklus.

. Abb. 30.9. Gleitmodell der Muskelkontraktion. Durch Aneinandervorbeigleiten der dicken und dünnen Myofilamente kommt es zur Verkürzung des Sarkomers

30

Die Myosin-Querbrücken binden in einer 90°-Konformation an Aktin, gehen in eine 45°-Konformation über und verschieben dabei die dicken gegen die dünnen Filamente. Dieser Vorgang läuft unter Spaltung von ATP zu ADP und Phosphat ab. Durch erneute Bindung von ATP an das Köpf-

Die gegenwärtige Vorstellung über den molekularen Mechanismus des Querbrückenzyklus (. Abb. 30.10) beruht auf der Beobachtung, dass die Bindung von ATP und die Freisetzung von ADP Lageveränderungen von Domänen

. Abb. 30.10. Molekulares Modell der Kraftentwicklung im Muskel. Zwei Spalten im Bereich des globulären Myosinkopfs, d.h. eine ATP-Bindungsstelle (aktives Zentrum des Enzyms) und eine, die in der Mitte der Aktinbindungsstelle liegt, sind in der offenen und geschlos-

senen Form dargestellt. Der Arbeitstakt, in dem die Arbeit am Aktinfilament erfolgt, wird durch die Öffnung des ATP-bindenden Spalts (aktives Zentrum des Enzyms) nach Freisetzung der Produkte der ATPHydrolyse angetrieben. (Verändert nach Rayment I, Holden HM 1994)

1011 30.3 · Molekularer Mechanismus der Muskelkontraktion und -relaxation

30

des Myosinproteins und damit eine Konformationsänderung des Myosinkopfs hervorrufen, die die Grundlage der Bewegung darstellt. Man unterscheidet hierbei die eigentliche Motordomäne im S1-Bereich des Myosins und die ebenfalls in S1 lokalisierte Hebelarmdomäne (lever arm), die aus den Bindungsstellen der leichten Ketten und den beiden leichten Ketten selbst besteht. In der globulären Region des Myosinkopfs liegen zwei Spalten, von denen eine als Substratbindungsregion für ATP dient (violett und gelb markiert in . Abb. 30.10). Die zweite Spalte liegt im Bereich der Aktinbindungsstelle (grün markiert in . Abb. 30.10). Während der Kraftentwicklung öffnen und schließen sich diese beiden Spalten. Diese Konformationsänderungen werden von einer als Konverterdomäne bezeichneten Region in Winkelveränderungen des Hebelarms umgesetzt. Das Myosinmolekül schlägt damit gewissermaßen rhythmisch mit dem Schwanz (dem Hebelarm). Dieser Vorgang durchläuft folgende Stadien: 4 In Abwesenheit von ATP bildet Myosin eine starke Bindung mit Aktin aus (. Abb. 30.10, Zustand A) 4 Wenn ATP an das aktive Zentrum im Myosin bindet, kommt es über eine Kommunikation mit der AktinBindungsstelle zu einer Öffnung der Spalte und damit zu einer Schwächung der Bindung von Myosin an Aktin (Zustand B) 4 Nach Lösung der Bindung führt das ATP im aktiven Zentrum zu einem Verschluss der ATP-Bindungsstelle (Zustand C), gleichzeitig wird es zu ADP und Pi hydrolysiert 4 Daraufhin kann Myosin wieder eine schwache Bindung mit Aktin ausbilden (Zustand D) 4 Der Übergang in den kraftproduzierenden Zustand ist mit der Freisetzung von anorganischem Phosphat und der Öffnung der ATP-Bindungsstelle verbunden, welche eine Bewegung der Kopf-Schaft-Verbindung von etwa 5 nm verursacht (Zustand E). Da Myosin fest an Aktin gebunden ist, wird diese Bewegung auf das Aktinfilament übertragen und führt so zu einer Bewegung. Somit wirkt die Halsregion des Myosinkopfs als schlagendes Ruder 4 Am Ende des Arbeitstaktes (Zustand F) wird ADP freigesetzt und Myosin wieder fest an Aktin mit offener ATP-Bindungsstelle gebunden, welche zur erneuten ATP-Aufnahme bereit ist Für eine rasche Muskelkontraktion muss eine große Zahl derartiger Zyklen ablaufen: Jedes dicke Filament verfügt über 600 Myosinkopfgruppen, von denen jede etwa 5 Querbrückenzyklen pro Sekunde durchmacht.
! In vitro-Motilitäts-Assay und Einzelmolekül-Experimente.

in vitro-Motilitäts-Assay (IMA) und in Experimenten mit einzelnen Myosinmolekülen demonstriert werden. Im IMA gleiten Aktinfilamente in Gegenwart von ATP über Myosin-beschichtete Oberflächen. In Einzelmolekülexperimenten kann die Funktion der molekularen Motoren weiter aufgelöst werden. So scheint es nun, dass ein einziger Myosinkopf durch Hydrolyse eines ATP-Moleküls eine Bewegung von ca. 5 nm bewirkt, wobei Kräfte im PiconewtonBereich wirken. Diese Experimente erlauben nun auch die molekulare Analyse mutierter Motorproteine, wie sie z.B. bei hereditären Herzerkrankungen (7 Kap. 30.5.1) vorkommen.

30.3.2

Kopplung zwischen Erregung und Kontraktion

! Calciumionen vermitteln die elektromechanische Koppelung.

Für die Entstehung von Kraft und Bewegung sind ausschließlich die Myosin-Köpfchen, Aktin und die Hydrolyse von ATP erforderlich. Dies konnte eindrücklich durch den

Durch Übertragung der Erregung vom Nerv auf den Muskel an der motorischen Endplatte entsteht ein Aktionspotential. Dieser Erregungsprozess läuft an den äußeren Grenzmembranen (Sarkolemm) ab, die den extrazellulären Raum vom Faserinneren trennen. Die Kontraktion ist dagegen ein intrazellulärer Vorgang. Die zeitliche Koppelung der bioelektrischen und -mechanischen Phänomene setzt daher die Existenz eines Systems der Informationsvermittlung von der Zelloberfläche ins Innere der kontraktilen Fasern voraus. Calciumionen wirken dabei als Mittlersubstanzen zwischen Membranerregung und intrazellulärer Myofilamentverschiebung (elektromechanische Koppelung). Der erste Schritt liegt in der Steigerung der Calciumpermeabilität der Membranen im Augenblick der Depolarisation. Calciumionen dringen dementsprechend während der Dauer des Aktionspotentials (im einfachsten Fall aus dem Extrazellulärraum) über spannungsabhängige Calciumkanäle (L-Typ-Calciumkanal, Dihydropyridinrezeptor) ins Faserinnere ein. Dort setzen sie die zur Kontraktion führenden Mechanismen in Gang (s.u.). Diese Kanäle werden im Laufe der Depolarisierung innerhalb von Millisekunden maximal aktiviert und bleiben während der Plateauphase des Aktionspotentials geöffnet. Dünne kontraktile Gebilde sind durch die eindiffundierenden Calciumionen ohne Schwierigkeit von der äußeren Zelloberfläche her aktivierbar. Bei den dickeren Fasern des Myokards oder der Skelettmuskulatur ist dagegen auf diese einfache Art wegen der viel weiteren Diffusionsstrecken kein rascher Anstoß des kontraktilen Systems von der äußeren Grenzmembran her möglich. Bei dicken Muskelfasern erfolgt daher die elektromechanische Koppelung auf folgende Weise: 4 Die äußeren Zellmembranen im Bereich der Z-Scheiben sind in Form transversaler Tubuli weit ins Faser-

1012

Kapitel 30 · Muskelgewebe

. Tabelle 30.3. Eigenschaften des Ryanodinrezeptors von Skelett- bzw. Herzmuskel Eigenschaft Molekülmasse (kDa) Aktivierung durch Ryanodin Calcium ATP Acylcarnitin cyclo-ADP-Ribose Hemmung durch Magnesium Calmodulin . Abb. 30.11. Die transversalen Tubuli und das endoplasmatische Retikulum (auch als sarkoplasmatisch bezeichnet) in einer Muskelfaser. Parallel zu den Myofibrillen liegen Mitochondrien und Glycogengranula ++ ++ ++ ++ ++ ++ (μmol) ++ ++ – ++ ++ (μmol) ++ – ++ Skelettmuskel 560 Herzmuskel 560

30

innere eingestülpt (. Abb. 30.11). Im Myokard verlaufen darüber hinaus auch Längsverbindungen zwischen den transversalen Tubuli eng parallel zu den Myofibrillen 4 Zwischen den transversalen Tubuli befinden sich die longitudinalen Strukturen des sarkoplasmatischen Retikulums. Seiner Funktion nach ist es als intrazellulärer Calciumspeicher anzusehen 4 Die transversalen Tubuli und das sarkoplasmatische Retikulum sind über synapsenartige Kontaktstellen, die sog. Triaden, verknüpft. Diese bestehen aus meist zwei sog. terminalen Cisternen des sarkoplasmatischen Retikulums, die sich an transversalen Tubuli anlagern Bei der elektromechanischen Koppelung finden an den oben geschilderten Triaden folgende Vorgänge statt (. Abb. 30.12, . Tabelle 30.3): 4 Die mit der Erregung einhergehende Öffnung der spannungsabhängigen Calciumkanäle führt zu einer lokalen Erhöhung der cytosolischen Calciumkonzentration im Bereich der Triade. Dies löst die Aktivierung eines auch als Ryanodinrezeptor bezeichneten ligandenaktivierten Calciumkanals des sarkoplasmatischen Retikulums aus, was mit einer Freisetzung großer Mengen von Calcium aus dem sarkoplasmatischen Retikulum in den cytosolischen Raum einhergeht. Dieser Vorgang wird auch als Calcium-induzierte Calciumfreisetzung bezeichnet (calcium-induced calcium release, CICR) 4 Außerdem gibt es Hinweise dafür, dass die mit der Depolarisierung einhergehende Konformationsänderung des spannungsabhängigen Calciumkanals (Dihydropyridin-Rezeptor) direkt auf den Ryanodinrezeptor übertragen wird und so die Calciumfreisetzung aus dem endoplasmatischen Retikulum auslöst. Dieser Vorgang wird auch als konformationsabhängige Cal-

ciumfreisetzung bezeichnet (conformationally coupled calcium release, CCCR) 4 Schließlich kann der Ryanodinrezeptor auch durch Liganden aktiviert werden. Zu diesen gehören cycloADP-Ribose (7 Kap. 23.3.4),Acylcarnitin (7 Kap. 12.2.1) oder reaktive Sauerstoffspezies (ROS, 7 Kap. 15.3) Störungen des Zusammenspiels zwischen dem spannungsabhängigen Calciumkanal der Plasmamembran und dem Ryanodinrezeptor können zu schwerwiegenden Pathologien führen (7 Kap. 30.5). Etwas anders ist dagegen die Situation bei Myokardfasern. Hier entspricht zwar das transversale System weitgehend dem der Skelettmuskulatur. Die longitudinalen endoplasmatischen Calciumspeicher sind jedoch nur relativ schwach ausgebildet. Die elektromechanischen Koppelungsprozesse in den Myokardfasern sind daher stark

. Abb. 30.12. Molekulare Mechanismen bei der Aktivierung der intrazellulären Calciumfreisetzung der Muskelzelle. CS = Calsequestrin; DHPR = Dihydropyridinrezeptor; RR = Ryanodinrezeptor. (Einzelheiten 7 Text)

1013 30.3 · Molekularer Mechanismus der Muskelkontraktion und -relaxation

30

vom extrazellulären Calciumangebot abhängig und infolgedessen auch sehr vom Extrazellulärraum her im positiven oder negativen Sinne beeinflussbar (z.B. durch Calciumantagonisten).
! Calcium aktiviert den Actomyosinkomplex nur indirekt.

Steigt die Konzentration an freien Calciumionen im Cytosol von 10–8 auf 10–5 mol/l an, so kommt es im Sarkomer zur Kontraktion. Allerdings erfolgt die aktivierende Wirkung der Calciumionen nicht direkt auf den Actomyosinkomplex, sondern läuft über das sog. Troponin-Tropomyosin-System ab (. Abb. 30.13). 4 Das lang gestreckte Tropomyosinmolekül, welches in der Furche des F-Aktins liegt und sich über 7 Aktinmonomere erstreckt, blockiert in Abwesenheit von Calcium die Wechselwirkung zwischen Aktin und Myosin. Wahrscheinlich verdeckt es die spezifischen Bindungsstellen für die Myosinköpfe 4 Durch den Troponinkomplex, der aus den 3 Untereinheiten Troponin C, I und T besteht, wird seine Lage auf dem F-Aktin stabilisiert. Troponin C, welches weitgehende Strukturhomologie zum Calmodulin zeigt, dient als Ligand für die während der Erregung freigesetzten Calciumionen und macht dabei eine Konformationsänderung durch. Diese wird über die Troponinuntereinheiten I und T auf das Tropomyosin weitergeleitet, welches dadurch die Myosinbindungsstellen freigibt, womit der Kontraktionsvorgang ausgelöst werden kann Auch in der glatten Muskelzelle von Blutgefäßen, Lungenepithelien, Gallenblase, Myometrium oder Harnblase ist die Wechselwirkung zwischen den Myosinkopfgruppen und dem F-Aktin Grundlage des Kontraktionsprozesses. Dieser kann durch Wechselwirkungen mit dem F-Aktin oder alternativ dem Myosin reguliert werden (. Abb. 30.14a,b): 4 Glatte Muskelzellen enthalten zwar Tropomyosin, jedoch fehlt ihnen Troponin. Im relaxierten Zustand bindet ein als Caldesmon bezeichnetes Protein an das Tropomyosin des Aktins der glatten Muskelzellen und verhindert so dessen Wechselwirkung mit dem Myosin. Steigt die Calciumkonzentration an, binden die dann entstehenden Ca2+-Calmodulinkomplexe an Caldesmon und entfernen es auf diese Weise aus seiner Bindung an Aktin. Die Aktin-Myosin-Wechselwirkung kann jetzt stattfinden 4 Eine der beiden leichten Ketten des Myosins der glatten Muskulatur, die sog. regulatorische leichte Kette, hemmt die für den Kontraktionsvorgang notwendige MyosinAktin-Wechselwirkung. Diese Hemmung wird durch Phosphorylierung der regulatorischen leichten Kette aufgehoben. Die hierfür verantwortliche Myosin-leichte Kette-Kinase (myosin light chain kinase, MLCK) wird durch Calcium-Calmodulin aktiviert. Die MLCK kann

. Abb. 30.13. Wechselwirkung von Aktin, Tropomyosin und Troponin C, I und T. In Abwesenheit von Calcium verdeckt Tropomyosin die Myosinbindungsstelle (markiert in lila) am Aktinmolekül. Anlagerung von Calcium an eine spezifische Bindungsregion des Troponin C führt über Konformationsänderungen der Troponine zur Freigabe der Myosinbindungsstelle. Durch Abfall des Calciumspiegels wird der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt

. Abb. 30.14a,b. Regulation der Kontraktion der glatten Muskulatur. a Bedeutung von Caldesmon für die Wechselwirkung des Aktins mit Myosin. b Bedeutung der Myosin-leichte Kette-Kinase (MyosinLCK = light chain kinase) für die Kontraktion der glatten Muskelzelle. (Weitere Einzelheiten 7 Text)

1014

Kapitel 30 · Muskelgewebe

u.a. durch die Proteinkinase A phosphoryliert werden und benötigt dann höhere Calcium-Calmodulin-Konzentrationen für ihre Aktivierung. Dies ist die Basis für die Relaxation der glatten Muskulatur durch Aktivatoren von -Rezeptoren (7 Kap. 26.3.4), z.B. bei der Asthmatherapie.

30.3.3

Molekularer Mechanismus der Muskelrelaxation

4 In der Plasmamembran lässt sich neben einer Ca2+ATPase ein Na+/Ca2+-Gegentransportsystem nachweisen. Dieser Antiporter transportiert drei Na+-Ionen im Austausch gegen ein Ca2+-Ion in den cytosolischen Raum 4 Ein Teil des Calciums wird auch in Mitochondrien aufgenommen. Dies dient jedoch über Calcium-empfindliche Dehydrogenasen hauptsächlich der Adaptation des oxidativen Stoffwechsels an den Energiebedarf der Muskelzelle (7 Kap. 15.1.1) Insgesamt werden für diese Calciumbewegungen etwa 25% der Energie der Muskelzellen aufgewendet. Die mit der De- und Repolarisation der Plasmamembran verbundenen Änderungen der transmembranären Natrium- und Calciumgradienten werden durch die membranständige Na+/K+-ATPase rückgängig gemacht. Dieses Enzym kann myokardspezifisch durch Herzglykoside gehemmt werden, die häufig zur Stärkung der Herzkraft der Patienten eingesetzt werden. Die positiv inotrope Wirkung dieser Medikamente erklärt sich dadurch, dass die Hemmung der Na+/K+ -ATPase zu einer Erhöhung des intrazellulären Natriumspiegels führt. Dies hemmt den Na+/Ca2+Antiporter und löst damit einen Anstieg der intrazellulären Calciumkonzentration aus.

! Die Muskelrelaxation ist ebenfalls ein ATP-abhängiger Vorgang.

Grundlage der Relaxation von Muskeln ist die Senkung der cytosolischen Calciumkonzentration auf Werte unter 10–6 mol/l. Hierfür sind v.a. drei Vorgänge wichtig: 4 Eine im sarkoplasmatischen Retikulum lokalisierte Ca2+-ATPase katalysiert den ATP-abhängigen Transport von cytosolischen Calciumionen gegen ein Konzentrationsgefälle in das sarkoplasmatische Retikulum. Calcium wird dort durch das Protein Calsequestrin gebunden. Pro mol ATP werden 2 mol Calciumionen aktiv transportiert. Diese Calcium-ATPase wird durch das Protein Phospholamban gehemmt (7 u.)

30

. Abb. 30.15a,b. Regulation der cytosolischen Calciumkonzentration im Myokard. a Mechanismen der Calciumfreisetzung in das und des Calciumexports aus dem Cytosol. b Effekte von 1-Agonisten wie Noradrenalin auf die elektromechanische Koppelung im Myokard.

AC = Adenylatcyclase; CS = Calsequestrin; DHPR = Dihydropyridinrezeptor (spannungsabhängiger Calciumkanal); Gs = stimulierendes G-Protein; PK A = Proteinkinase A; RR = Ryanodinrezeptor; SR = sarkoplasmatisches Retikulum. (Einzelheiten 7 Text)

1015 30.4 · Regeneration der Muskelzelle

30

! Neurotransmitter und Hormone regulieren den myokardialen Calciumstoffwechsel.

Die synchron ablaufenden und sich rhythmisch wiederholenden Kontraktionen des Myokards beruhen auf regelmäßigen Oszillationen der cytosolischen Calciumkonzentrationen. Diese spiegeln periodisch ablaufende Änderungen des Verhältnisses von Calciuminflux in das und Calciumefflux aus dem Cytosol wieder. Die wichtigsten Mechanismen sind hierbei (. Abb. 30.15a): 4 Die für die Kontraktion notwendige Erhöhung der cytosolischen Calciumkonzentration beruht zu etwa 30% auf einem Influx aus dem extrazellulären Raum und zu 70% aus dem sarkoplasmatischen Retikulum 4 Die Senkung der cytosolischen Calciumkonzentration während der Relaxation erfolgt durch die sarkoplasmatische Calcium-ATPase sowie über den Na+/Ca2+Antiporter. Die Calciumausschleusung durch die Ca2+-ATPase des Plasmalemms oder durch Aufnahme in die Mitochondrien spielt demgegenüber nur eine geringe Rolle Eine lastabhängige Anpassung der Herzleistung erfolgt im Gegensatz zum Skelettmuskel v.a. über Katecholamine,
In Kürze
Die Muskelkontraktion kommt durch ATP-abhängige Wechselwirkungen von Aktin und Myosin zustande. Dabei verursacht die Bindung von ATP an den Myosinkopf eine Konformationsänderung, die die Bindung an Aktin schwächt und damit eine Gegenbewegung von Aktin und Myosin erlaubt (Querbrückenzyklus). Die Erregungs-

wobei eine Signaltransduktion über β1-Rezeptoren von besonderer Bedeutung ist (. Abb. 30.15b). Durch Noradrenalin (Adrenalin) aktivierte -Rezeptoren führen über stimulierende G-Proteine zur Aktivierung der Adenylatcyclase und gesteigerter cAMP-Bildung. Dieses aktiviert die Proteinkinase A, welche im Myokard folgende Phosphorylierungen auslöst, die am Zustandekommen des positiv inotropen Effekts von Katecholaminen beteiligt sind: 4 Die Phosphorylierung des spannungsabhängigen Calciumkanals führt zu einer Steigerung und Beschleunigung des Calciumeinstroms 4 Die Phosphorylierung des Myosin-Bindungsproteins C bewirkt eine Erhöhung der Kraftentwicklung 4 Die Phosphorylierung von Troponin I löst eine Abnahme der Calciumabhängigkeit der Kontraktion und eine schnellere Relaxation aus 4 Die Phosphorylierung von Phospholamban hebt dessen Hemmwirkung auf die sarkoplasmatische Ca2+ATPase auf. Infolgedessen wird Calcium vermehrt ins sarkoplasmatische Retikulum aufgenommen, was die Relaxationszeit verkürzt und die intrazellulären Calciumspeicher auffüllt

übertragung vom Nerven auf die Muskulatur erfolgt über Calcium-Ionen, die an Troponin C binden, wodurch Myosinbindungsstellen geöffnet werden, was den Kontraktionsvorgang auslöst. Bei der Muskelrelaxation wird ebenfalls ATP verbraucht, da die Calciumionen vom kontraktilen System entfernt werden müssen.

30.4

Regeneration der Muskelzelle

Die Frage, ob und in welchem Umfang Regenerationsvorgänge in den verschiedenen Muskeltypen des Organismus ablaufen können, ist von erheblicher praktischer Bedeutung, da Muskelgewebe häufig Verletzungen unterliegt. Generell sind Cardiomyozyten und Skelettmuskelzellen nicht mehr teilungsfähig. Sie können sich also nur durch Hypertrophie, d.h. Zunahme des Zellvolumens ausdehnen. In allen Muskeltypen finden sich allerdings neben Myozyten auch stromale Zellen, sodass sich die Frage erhebt, inwieweit diese zur Muskelregenerierung beitragen können. Im Myokard machen die Myozyten zwar etwa 70% des Gewebevolumens, aber nur ein Drittel aller Zellen aus. Die Nichtmyozytenfraktion besteht hauptsächlich aus Fibroblasten, glatten Gefäßmuskelzellen, Endothelzellen und Makrophagen. Sie synthetisieren u.a. das kollagene Netzwerk, das die Anordnung der Myozyten im Rahmen der myokardialen Architektur bestimmt. Die Aktivität dieser

Zelltypen ist für pathobiochemische Prozesse von großer Bedeutung. Ein Beispiel ist die Akkumulation von Typ IKollagen bei der pathologischen Myokardhypertrophie. Eine Neubildung von Muskelzellen aus den verschiedenen zellulären Elementen des Herzens ist offensichtlich nicht möglich, weswegen Myokardinfarkte nur narbig ausheilen. In letzter Zeit ist jedoch beobachtet worden, dass eine gewisse Neubildung von Cardiomyozyten durch embryonale oder adulte Stammzellen erfolgen kann. Im Gegensatz zum Myokard kommen im Skelettmuskel einkernige Zellen ohne Myofibrillen vor, die als Satellitenzellen bezeichnet werden. Sie sind für die Neubildung von Muskelzellen nach Muskelverletzungen verantwortlich und liegen unter der Basalmembran der Skelettmuskelfasern, wo sie nur im elektronenoptischen Bild erkennbar sind. Glatte Muskelzellen besitzen nicht nur die Fähigkeit zur Biosynthese extrazellulärer Matrixproteine (Elastin, Kollagen, Glycosaminoglykane), sondern können sich auch teilen. Als Bestandteil von Gefäßendothelien, in denen sie proliferieren können, besitzen glatte Muskelzellen deshalb

1016

Kapitel 30 · Muskelgewebe

30

. Abb. 30.16. Signalwege, die den Muskelaufbau bzw. -abbau regulieren. a Die Bedeutung von Calcineurin für die Genexpression der Muskelzelle: Die Regulation der Genexpression im Muskel wird durch komplizierte und erst teilweise verstandene Regelnetzwerke kontrolliert. Mehrere normalerweise mitogene Signalwege über Rezeptortyrosinkinasen oder α1-adrenerge Rezeptoren führen zur Aktivierung kleiner G-Proteine (Ras und Rho-Familie) und schließlich zur Aktivierung von Proteinkinasen wie dem Ras-aktivierten MAP/ERKWeg, oder zur Aktivierung von Protein Kinase C. Durch Phosphorylierung von Transkriptionsfaktoren (NF-ATn, beispielsweise GATA-2 im Skelettmuskel oder GATA-4 im Herzmuskel) wird deren Transport in den Zellkern und ihre Transkriptionsaktivität kontrolliert. Durch Muskelaktivität oder Rezeptoraktivierung wird aus zellulären Speichern Calcium freigesetzt, wobei der Inositoltrisphosphat-Rezeptor wesentlich beteiligt ist. Durch die erhöhte intrazelluläre Calciumkonzentration wird die Ca2+-abhängige Proteinphosphatase Calcineurin aktiviert. Sie dephosphoryliert im Cytosol den Transkriptionsfaktor NF-ATc, der daraufhin in den Zellkern transportiert wird und zusammen mit den NF-ATn transkriptionell aktiv wird. αAR = α-adrenerge Rezeptoren; RTK = Rezeptortyrosinkinasen; Raf = Ras-aktivierte RafKinase; MEK = mitogen-activated protein kinase kinase; ERK = extracellular signal regulated kinase/mitogen activated protein kinase; IP3R = Inositol-tris-phosphat-Rezeptor; DAG = Diacylglycerin; PKC = Protein

Kinase C b Regulation des Wechselspiels aus Muskelaufbau und Muskelabbau durch FOXO-1. Bei fehlender mechanischer Aktivität, bei Sepsis, Diabetes oder Kachexie kommt es über Abschaltung des Inositol-3-phosphat-Kinasenweg (PI3K) zu verringerter Aktivierung der Proteinkinase PKB. Damit wird die Phosphorylierung des Transkriptionsfaktors FOXO-1 (im Herzmuskel auch FOXO-3) reduziert. Der dephosphorylierte Transkriptionsfaktor wird in den Zellkern transportiert und aktiviert dort die Transkription von Atrophie-fördernden Genen (Atrogenen) wie MuRF oder Atrogin-1 (MAFbx1). Die erhöhte Expression dieser Proteine steigert den Proteinabbau über das Ubiquitin-Proteasom-System. Bei Aktivierung anaboler Signalwege, zum Beispiel über die Insulinrezeptorkinase (Insulin RK) oder den Rezeptor des insulinartigen Wachstumsfaktors-1 (IGF-1 RK) wird PKB vermehrt durch Phosphorylierung aktiviert, und über die Aktivität nachgeschalteter Proteinkinasen wie die Glycogen-Synthase-Kinase (GSK), mTOR und S6 Kinase (S6K) kommt es zu gesteigerter Proteinsynthese. Über diesen Signalweg stehen anabole und katabole Signale im dynamischen Gleichgewicht

große Bedeutung bei der Entstehung der Arteriosklerose und der erneuten Verengung (Restenose) der Herzkranzgefäße nach Traumen wie z.B. der Ballondilatation.
! Cytokine und Hormone regulieren Muskelwachstum und Hypertrophie sowie den Muskelabbau und Atrophie.

Wachstum und Hypertrophie von Muskelzellen werden durch muskelspezifische wie auch pleiotrope Transkriptionsfaktoren kontrolliert. Ihre Aktivität wird durch eine Vielzahl teilweise konvergierender Signalwege kontrolliert, die wiederum durch eine Reihe von Cytokin- oder hormon-

stimulierten Rezeptoren aktiviert werden. Auch die mechanische Aktivität des Muskels selbst wirkt als wachstumsstimulierender Reiz. Als zentrales signalverarbeitendes Molekül bei vielen dieser Prozesse dient die Calcium-abhängige Proteinphosphatase Calcineurin (7 Kap. 9.2.1). Sie wird u.a. durch erhöhte intrazelluläre Calciumkonzentrationen (wie sie durch andauernde Muskelaktivierung entstehen) sowie über hormonelle Stimulierung durch Wachstumsfaktoren wie IGF-1 7 Kap. 27.7.2) aktiviert. Durch ihre Phosphatase-Aktivität wird u.a. der Transkriptionsfaktor NF-ATc1 aktiviert und in den Zellkern transloziert, wo er zusammen mit anderen

1017 30.5 · Pathobiochemie: Angeborene und erworbene Muskelerkrankungen

30

myogenen Faktoren wie NF-Atc, GATA-2 und -4, MyoD und MYF2 positiv auf die Transkription muskelspezifischer Gene wirkt (7 Kap. 16.2.3). Über die parallele Aktivierung pleiotroper Genexpression, v.a. über den Transkriptionsfaktor NF- B, kommt es zur Anpassung allgemeiner zellulärer Funktionen wie z.B. des Energiestoffwechsels (. Abb. 30.16). Als Besonderheit sowohl des Herz- wie des Skelettmuskels gilt, dass in diesen postmitotischen Zellen die Aktivierung ansonsten mitogener Signalwege, wie z.B. der kleinen GTPasen Ras und Rho, oder der Tyrosinkinase Src, zur Zelldifferenzierung und Hypertrophie anstatt zur Dedifferenzierung und Proliferation führen. Auch die Aktivierung von Cytokinrezeptoren der IL-6-Familie mündet in muskulärer Hypertrophie. Sowohl im Herz- wie auch im Skelettmuskel ist mechanische Aktivität einer der stärksten Regulatoren des Muskelwachstums über konvergierende Signalwege. Im Gegensatz dazu führt mechanische Inaktivität, wie beispielsweise bei Bettlägerigkeit oder bei Intensivpatienten, zum raschen Abbau von Muskelproteinen und zur transkriptionellen Repression ihrer Synthese (Inaktivitätsatrophie)
In Kürze
Während der Herzmuskel ein postmitotisches Organ darstellt, das auf Schädigungen nur mit einer Fibrosierung reagieren kann, können Skelett- und glatte Muskelzellen durch Aktivierung von Stammzellen (Satellitenzellen) regenerieren. Für das hypertrophische Wachstum von Herz- und Skelettmuskel ist die Cal-

(. Abb. 30.16.b). Aber auch humorale Faktoren steigern den Abbau von Muskelproteinen, wie z.B. Cytokine der Tumornekrosefaktor-Familie, die bei Sepsis und Kachexie erhöht sind, sowie verringerte Insulinspiegel wie bei Diabetes. Die enge Beziehung zwischen Aktivität und Proteinumsatz wird wesentlich über das Ubiquitin-Proteasom-System reguliert, wobei muskelspezifische Ubiquitin-konjugierende Proteine (»Atrogene«) wie MuRF-1 und Atrogin-1 die zu degradierenden Muskelproteine mit Ubiquitin markieren und so dem Proteasom zuführen. Der Transkriptionsfaktor FOXO-1 reguliert hierbei die erhöhte Expression von Atrogin-1 und MuRF, sowie die Abschaltung speziell von Sarkomerproteinen. Durch anabole Signale, z.B. über den Insulinrezeptor und den Insulin-ähnlichen Wachstumsfaktor IGF-1, kommt es zur Phosphorylierung von FOXO-1 durch die Kinase PKB, wodurch FOXO-1 vom Zellkern ausgeschlossen und seine Funktion bei der Expression kataboler Gene gehemmt wird. In katabolen Situationen wird durch die verminderte Phosphorylierung von FOXO-1 dessen Translokation in den Zellkern ermöglicht, und damit die Expression von Atrogin-1 und MuRF erhöht.

cium-abhängige Proteinphosphatase Calcineurin von zentraler Bedeutung, welche die Aktivität muskelspezifischer Genexpression reguliert. Muskelabbau (Atrophie) wird durch die vermehrte Expression von Ubiquitinligasen (Atrogene) durch den Transkriptionsfaktor FOXO-1 vermittelt.

30.5

Pathobiochemie: Angeborene und erworbene Muskelerkrankungen

die Entwicklung neuer molekular orientierter Behandlungsansätze stehen deshalb im Zentrum der Erforschung dieser Muskelerkrankungen.

Die normale Funktion der Muskeln beruht auf einem komplexen Zusammenspiel des kontraktilen Apparats und des Cytoskeletts mit den Membrankompartimenten, welche die ionale Zusammensetzung des Cytoplasmas steuern. Eine übergeordnete Kontrolle üben hierbei neuronale, hormonelle oder metabolische Signale aus. Demgemäß können sich Störungen in auch nur einer der vielen beteiligten Komponenten schnell in einer Muskelerkrankung manifestieren. Es gibt bisher noch keine umfassende, akzeptierte Klassifizierung aller dieser Krankheitsbilder; . Tabelle 30.4 versucht eine Gruppierung der wichtigsten Muskelerkrankungen vorwiegend nach funktionellen Gesichtspunkten. Bei vielen der genannten Muskelerkrankungen erlaubten die raschen Fortschritte der Molekularbiologie durch die Methode der positionellen Klonierung die Identifizierung der verantwortlichen Gene. Eine molekulare Analyse der Zusammenhänge zwischen Genmutationen und den dadurch bedingten klinischen Manifestationen sowie

30.5.1

Angeborene Muskelerkrankungen

! Muskeldystrophien sind durch den fortschreitenden Schwund der Muskulatur gekennzeichnet.

Bei Patienten mit der schweren Dystrophie vom DuchenneTyp [beschrieben von G. Duchenne (Paris)] treten Symptome bereits im Alter von 2 bis 3 Jahren auf. Die Schwäche und Muskeldystrophie, v.a. der proximalen Muskulatur der unteren Extremität (. Abb. 30.17), schreitet unaufhaltsam fort, sodass die Patienten im Alter von 12 Jahren an den Rollstuhl gefesselt sind. Die meisten Patienten sterben im Alter von etwa 20 Jahren an Lungenkomplikationen. Bei der von Becker (Kiel) beschriebenen Dystrophie bleiben die Patienten bis etwa zum 15. Lebensjahr gehfähig. Beiden Dystrophien liegen Mutationen im Dystrophin-Gen zugrunde, einem mit 2,5 Mb und fast 80 Exons

1018

Kapitel 30 · Muskelgewebe

30

. Tabelle 30.4. Krankheiten der Muskulatur Muskuläre Dystrophien Duchenne’sche Muskeldystrophie Becker’sche Muskeldystrophie Emery-Dreyfuss-Muskeldystrophie Facioscapulohumerale Dystrophie Oculopharyngeale Muskeldystrophie Scapulohumerale Muskeldystrophie Pelvifemurale Muskeldystrophie Distale Myopathien Gliedergürtel-Muskeldystrophien dominant rezessiv X-chromosomal Congenitale Muskeldystrophien (central core, Centronucleäre, Congenitale Muskeldystropie, Nemaline Rod Myopathie) Muskelerkrankungen aufgrund veränderter Erregbarkeit des Sarcolemms Maligne Hyperthermie Paramyotonia Congenita Hypokalämische periodische Paralyse Dystrophe Myotonie QT-Syndrom (Ionenkanäle) Stoffwechselerkrankungen Saure Maltase-Defizienz Phosphorylase-Defizienz Carnitin-Palmitoyltransferase-Defizienz Erkrankungen des Fettstoffwechsels Mitochondriale Krankheiten (z.B. MELAS-Syndrom) McArdle-Syndrom Endokrine Myopathien Myopathien durch Drogen, Toxine und Nahrungsdefizienzen Muskelerkrankungen aufgrund neuronaler Krankheiten und neuromuskulärer Transmissionsstörungen Denervation Spinale und Bulbospinale Muskelatrophie Perineuritis motor neuron disease Myasthenia Gravis Entzündliche Myopathien: Polymyositis Dermatomyositis Acute virale Myositis Parasitische Myositis Calcinosis Focale Myositis Herzmuskel-Erkrankungen Familiäre hypertrophe Kardiomyopathie Dilatative Kardiomyopathie X-chromosomale Kardiomyopathie Barth-Syndrom Kardiomyopathien durch hämodynamische Belastung Weitere Muskelkrankheiten: Multibrey-Syndrom (Muscle-Liver-Brain-Eye Nanism) desmin-storage disease Calciphylaxis FSH-Dystrophie Barnes-Myopathie

. Abb. 30.17. Progressive Muskeldystrophie vom Typ Duchenne. Die Patienten zeigen Hyperlordose, Scapulae alatae, vorgestreckten Bauch, breitbeinigen Stand, atrophische Oberschenkelmuskulatur und Pseudohypertrophie der Waden (»Gnomenwaden«). (Aus Zöllner 1991)

sehr großen Gen auf dem X-Chromosom. Ein Drittel der Mutationen sind de-Novo-Mutationen. Das codierte Protein ist als Cytoskelettprotein in Assoziation mit den Plasmamembranen aller Muskel- (Herz, Gefäß, Skelett) und Fasertypen nachweisbar, weiterhin auch im zentralen und peripheren Nervensystem. In den einzelnen Geweben finden sich mindestens 5 verschiedene Dystrophinvarianten, je nachdem, wie das primäre Transkript gespleißt wird. Bei Duchenne-Patienten ist kein oder nur wenig Dystrophin mit der Western-Blot Technik nachweisbar, bei BeckerPatienten sind die Dystrophinmengen leicht reduziert oder die Größe des Proteins ist vermindert. Das Fehlen von Dystrophin führt zu einer Störung der Verbindung des subsarkolemmalen Cytoskeletts und dem GlycoproteinKomplex im Muskel. Dadurch wird das Sarkolemm während der Muskelkontraktion geschädigt, sodass es zum Zelluntergang (Nekrose) kommt. Molekulare Ursache sind partielle Gendeletionen, Punktmutationen oder Duplikationen.
! Myotone Muskelerkrankungen zeichnen sich durch eine verlangsamte Muskelrelaxation aus.

Die myotonen Muskelerkrankungen stellen eine heterogene Gruppe klinisch verwandter Krankheiten dar, die das gemeinsame Charakteristikum der Myotonie aufweisen, d.h. einer verlangsamten Relaxation des Muskels nach willkürlicher Kontraktion (Aktionsmyotonie) oder mechanischer Stimulation mit einem Reflexhammer (Perkussionsmyotonie). Bei der klassischen Myotonie bessert sich die Myotonie mit der Erwärmung der Muskulatur, während

1019 30.5 · Pathobiochemie: Angeborene und erworbene Muskelerkrankungen

30

. Abb. 30.18. Mutationen in den Domänen (D1-D4) des Natriumkanalproteins (lineare Darstellung) bei hyperkaliämischer Para-

lyse (hypP) und Paramyotonia congenita (PC). In rot der Spannungssensor. (Nach Ptacek et al. 1993)

sie sich bei der paradoxen Myotonie (Paramyotonie) mit wiederholter Muskelkontraktion verschlechtert. Elektrophysiologisch ist die Myotonie durch repetitive elektrische Aktivität von Muskelfasern charakterisiert. Die myotonen Muskelerkrankungen können auch mit Dystrophiezeichen vergesellschaftet sein.
! Nicht-dystrophe Myotonien werden durch Mutationen in Ionenkanalproteingenen verursacht.

treten in einem Arginylrest im S4-Segment der Domäne 4 (. Abb. 30.18) auf, d.h. dem Proteinanteil, der als Spannungssensor wirken soll. Die anderen beiden Mutationen liegen zwischen den Domänen 3 und 4, d.h. der Region, die als Inaktivierungstor dient. Bei der kongenitalen Myotonie, deren Symptome sich nach Muskelarbeit bessern, liegen Mutationen im Chloridkanalgen vor (Insertionsmutanten mit nachfolgender Störung der Transkription).
! Maligne Hyperthermie, eine lebensbedrohliche Störung des Calciumhaushalts des Muskels.

Zu den nicht-dystrophen Myotonien gehören die hyperkaliämische periodische Paralyse (hypP), die kongenitale Paramyotonie und die kongenitale Myotonie. Patienten mit hypP erfahren plötzlich eine schmerzlose Schwäche der Extremitäten, sodass sie oft nicht mehr gehen oder sich aus einem Stuhl erheben können. Die Anfallsdauer unterscheidet sich bei den einzelnen Formen der hypP, meist kehrt die normale Muskelkraft nach einigen Stunden zurück. Die hypP und die kongenitale Paramyotonie sind durch Mutationen in der -Untereinheit des Natriumkanalgens bedingt (. Abb. 30.18). Bei beiden Krankheiten ist die NaKanalinaktivierung gestört, wenn erhöhte extrazelluläre Kaliumkonzentrationen vorliegen. Die Mutationen treten im S5-Segment (. Abb. 30.18) der Domäne 2 und dem S6-Segment der Domäne 4 auf. Obwohl sie damit nicht in der Verbindung zwischen den Domänen 3 und 4 liegen, die das Inaktivierungstor des Natriumkanals bilden, sind diese Mutationen wie das Tor im Bereich der cytosolischen Oberfläche des Kanals lokalisiert. Wie beide Mutationen dieselbe hypP verursachen können, ist noch unklar. Eine gestörte Inaktivierung des Natrium-Kanals liegt auch bei der kongenitalen Paramyotonie (Paramyotonia congenita, PC) vor. Klinische Symptome werden bei Abkühlung des Muskels hervorgerufen. Zwei der Mutationen

Die maligne Hyperthermie (MH) bezeichnet eine Gruppe autosomal-dominant vererbter Funktionsvarianten des Ryanodinrezeptors, die normalerweise asymptomatisch sind. Es handelt sich also nicht im eigentlichen Sinne um eine genetische Erkrankung. Bestimmte sog. Triggersubstanzen, zu denen v.a. die volatilen Anästhetika wie Halothan sowie bestimmte Muskelrelaxantien wie Succinylcholin gehören, lösen bei den Trägern der MH-Mutationen einen erhöhten Ca2+-Ausstrom aus dem SR des Skelettmuskels aus. Die stark erhöhten intrazellulären Ca2+-Konzentrationen lösen an den sarkomerischen Proteinen, v.a. dem Ca-regulierenden System des dünnen Filaments, eine supramaximale Aktivierung und daraus resultierend einen stark erhöhten ATP-Umsatz des Myosins aus. Als Folge entstehen ein Hypermetabolismus im Muskel und ein schneller, dramatischer Temperaturanstieg auf weit über 40°C. Ohne raschen Entzug des Triggers und Blockade des Ryanodinrezeptors kann die MH tödlich enden.
! Dystrophe Myotonien entstehen durch die Vermehrung von Triplett-Repeats in einem Proteinkinase-Gen.

1020

Kapitel 30 · Muskelgewebe

Diese Dystrophien sind die häufigsten im Erwachsenenalter und sind durch Muskelschwund und Myotonie sowie Erregungsleitungsstörungen im Herzen charakterisiert. Bei den Patienten ist ein Gen auf Chromosom 19 (q13.3) betroffen, das für eine Serin-Threonin-spezifische cycloAMP-abhängige Proteinkinase codiert, die Ionenkanalproteine phosphoryliert und so ihre Funktion moduliert. Von Mutationen ist jedoch nicht der codierende Teil betroffen, sondern das Triplett CTG, das normalerweise in 5 bis 35 Kopien am 3 -Ende des Proteinkinasegens vorliegt (triplett-repeats). Bei Patienten mit milden Formen der Erkrankung ist die Zahl dieses Tripletts auf mehr als 50, bei denen mit schwerer Manifestation auf über 2000 erhöht. Die Schwere der Erkrankung nimmt normalerweise mit der Übertragung auf die nächste Generation zu (Antizipation). Das bedeutet gleichzeitig eine Zunahme der Repeats. Auf der anderen Seite sind einzelne Familien beschrieben worden, bei denen mit der Übertragung auf die nächste Generation eine Abnahme der Repeats und damit der Manifestationen der Erkrankung einhergeht.
! Die familiäre hypertrophe Cardiomyopathie wird durch Mutationen in verschiedenen Sarkomerproteinen hervorgerufen.

a

30

Diese Cardiomyopathie ist pathologisch-anatomisch durch eine Massenzunahme im Bereich des interventrikulären Septums (. Abb. 30.19), durch das Auftreten einer ungeordneten Myofibrillenstruktur und sekundär vermehrter interstitieller Fibrose gekennzeichnet. Die Krankheit kann milde verlaufen, ist aber auch die häufigste Ursache des plötzlichen Herztodes bei Kindern und jungen Er wachsenen. Alle bisher bekannten Gendefekte betreffen sarkomerische Proteine. Auch diese Erkrankung weist eine molekulare Heterogenität auf, da z.B. Mutationen 4 im Myosin- -Schwerketten-Gen 4 aber auch im Troponin-T-Gen oder 4 im Tropomyosingen (die für Proteine der dünnen Myofilamente codieren) oder auch 4 im MyBP-C Gen (das für ein Protein der dicken Myofilamente codiert) oder auch die Cardiomyopathie hervorrufen können. Bisher wurden bei Familienuntersuchungen mehr als 20 verschiedene Punktmutationen im Myosin- -Schwerketten-Gen nachgewiesen, die meist zu einer Änderung der Polarität der betroffenen Aminosäure führen. Auffälligerweise sind die meisten Mutationen auf den Kopfbereich des Myosins beschränkt. Wie diese Punktmutationen im -Myosingen zur Cardiomyopathie führen, ist noch unklar, da nicht alle im Bereich der ATPase-Domäne oder in den Aktin- und leichte Myosinketten-bindenden Domänen liegen. Möglicherweise bedingen die Myosinmutanten eine Störung entweder der strukturellen Integrität der Sarkomere, der Wechselwirkung mit regulatorischen Proteinen

b

c . Abb. 30.19a–c. Hypertrophe Kardiomyopathie. a Hypertrophie des linken Ventrikels und des Kammerseptums als Kardinalzeichen. b Histologisches Korrelat: Bündel hypertrophierter Zellen in unregelmäßiger Anordnung. c Radiologisches Korrelat: links-ventrikuläre Betonung des Herzschattens

1021 30.5 · Pathobiochemie: Angeborene und erworbene Muskelerkrankungen

30

oder der funktionellen Wechselwirkungen zwischen den Myofilamenten (ähnlich wie bei Ehlers-Danlos-Syndrom). Die Art der Mutationen ist mit der Schwere der Erkrankung korreliert, d.h. isopolare Mutationen sind mit einer höheren Lebenserwartung verbunden.
! Patienten mit Glycogenspeicherkrankheiten klagen über vorzeitig auftretende körperliche Ermüdbarkeit.

bisher bekannt ist, wie Gendefekt, Mitochondrienveränderung und Zellschädigung zusammenhängen.
! Repolarisationsstörungen durch mutierte Ionenkanäle begünstigen Herzrhythmusstörungen.

Dem McArdle-Syndrom liegt ein vollständiger Defekt der Glycogenphosphorylase des Muskels zugrunde, wodurch sich der Glycogengehalt des Muskels auf mehr als das zehnfache der Norm erhöht. Da das Muskelglycogen bei körperlicher Belastung nicht abgebaut werden kann, resultieren eine vorzeitig auftretende körperliche Ermüdbarkeit und Muskelschwäche, die bei schwerer Belastung zu Lähmungserscheinungen führen kann. Durch eine Beeinträchtigung der Permeabilität der Muskelmembran treten die Kreatinkinase und Myoglobin in das Blutplasma über. Die Unfähigkeit Glycogen zu mobilisieren verursacht einen sekundären Pyruvatmangel, demzufolge die Patienten von der Verfügbarkeit alternativer Substrate wie freier Fettsäuren für ihren oxidativen Stoffwechsel während der Muskeltätigkeit abhängig sind. Die Krankheit ist auf molekularer Ebene heterogen, d.h. 90% der Patienten weisen eine AUG-Stopcodon-Mutation (Codon 49 im Exon 1), die übrigen verschiedene Aminosäuresubstitutionen auf.
! Mutationen in Genen der mitochondrialen DNA können Muskelerkrankungen verursachen.

Herzrhythmusstörungen machen etwa 10% aller natürlichen Todesfälle aus. Zu den angeborenen Ursachen gehört das QT-Syndrom (Verlängerung der QT-Zeit im EKG), das bei jungen, ansonst gesunden Menschen einen abrupt einsetzenden Bewusstseinsverlust (Synkope), Krämpfe und plötzlichen Tod aufgrund von ventrikulären Herzrhythmusstörungen hervorrufen kann. Viele Menschen mit QT-Syndrom haben ein verlängertes QT-Intervall im EKG, was für eine gestörte Repolarisation spricht. Ähnlich wie bei der familiären hypertrophen Cardiomyopathie sind auch beim QT-Syndrom die molekularen Ursachen heterogen: Mutationen in Genen für Kalium- (KVLQT1 bzw. HERG) oder Natriumkanalproteine (SCN5A) können das QT-Syndrom verursachen.

30.5.2

Erworbene Muskelerkrankungen

Mitochondrien enthalten ihre eigene zirkuläre DNA (in 5 Kopien) mit einer Länge von etwa 16 kb für insgesamt 37 Gene. Diese Gene tragen die Information für 12 tRNAs, zwei rRNAs und 13 Polypeptide, die Bestandteile der Atmungskette und der oxidativen Phosphorylierung sind (verschiedene Untereinheiten der Komplexe I, II, IV und V). Eine der mitochondrialen Myopathien ist das MELASSyndrom (Mitochondriale Enzephalomyopathie mit Lactat-Azidose und Schlaganfällen), das durch Krampfanfälle, migräneartige Kopfschmerzen, Lactat-Azidose, gelegentliches Erbrechen und rezidivierende Schlaganfällen (die zu Muskellähmungen führen) gekennzeichnet ist. Bei Patienten mit MELAS-Syndrom sind Punktmutationen im Gen für die Leucin-tRNA beschrieben worden, die zu einer Mitochondrienschwellung führen, ohne dass im Einzelnen

Änderungen des Stoffwechsels und der Expression verschiedener Gene in der Muskulatur treten als Folge von Änderungen der Schilddrüsen- und Nebennierenrindenfunktion auf. Trijodthyronin reguliert z.B. die Expression von Myosin-Isoformen, der Na+/K+-ATPase und der sarkoplasmatischen Ca2+-ATPase. Die durch hämodynamische Belastung entstehende Cardiomyopathie stellt ein wichtiges klinisches Problem dar. Gegenstand der molekular orientierten Herzforschung ist die Aufdeckung der Mechanismen, die für die Änderungen der Genexpression verantwortlich sind, die als Reaktion des Myokards auf Volumenbelastung, Ischämie oder Infarkt auftreten. Im Myokard sind die Polypeptidwachstumsfaktoren TGF- und verschiedene FGFs nachweisbar. Diese dürften an der Änderung der Expression von Struktur- und Enzymproteinen (Myosin, Aktin) und von Ionenkanalproteinen, an der Aktivierung von Fibroblasten mit konsekutiver Typ-I-Kollagenakkumulation und von Fibrose entscheidend beteiligt sein. Daneben hemmt Bradykinin die Proliferation von Fibroblasten, wohingegen Angiotensin-II diese stimuliert.

1022

Kapitel 30 · Muskelgewebe

In Kürze
Molekularbiologische Methoden haben es ermöglicht, erstmalig die molekularen Ursachen einzelner Muskelerkrankungen zu erkennen. Muskeldystrophien sind durch den fortschreitenden Schwund der Muskulatur gekennzeichnet. Mit Hilfe der positionellen Klonierung ist es gelungen, Mutationen im Gen für das Cytoskelettprotein Dystrophin bei der Duchenne-Muskeldystrophie als verantwortliches Gen zu identifizieren. Bei den myotonen Muskelerkrankungen führen Mutationen in Kanalproteinen für Natrium- bzw. Chloridionen zu den klinischen Symptomen der verlangsamten Relaxation des Muskels nach willkürlicher Kontraktion. Bei den dystrophen Myotonien treten Muskelschwund und Myotonien gleichzeitig auf. Bei diesen Patienten ist ein Gen für eine Proteinkinase mutiert, die Ionenkanalproteine phosphoryliert (Myotonien). Von der Mutation sind Triplett- (CTG-) Wiederholungen betroffen, die bei Gesunden normalerweise in etwa 5–35 Kopien am nichttranslatierten 3 -Ende des Gens vorliegen. Bei Patienten ist in Korrelation zum klinischen Schweregrad die Zahl der Tripletts auf 50 bis zu 2000 erhöht. Hypertrophe Cardiomyopathien werden durch Mutationen in verschiedenen Sarkomerproteinen (Myosin-βSchwereketten, Myosin-Leichtketten, Troponin-T, Tropomyosin, MyBP-C) verursacht. Die molekulare Heterogenität reflektiert die unterschiedliche klinische Ausprägung der Erkrankung, d.h. insbesondere auch das Risiko eines plötzlichen Herztods. Die durch hämodynamische Belastungen entstehenden Cardiomyopathien sind die häufigsten und sehr schwerwiegenden erworbenen Muskelerkrankungen. Pathobiochemisch steht die Erforschung der Ursachen der für die veränderten strukturellen und funktionellen Eigenschaften des Myokards verantwortliche Genexpression im Vordergrund.

Literatur
Bücher und Monographien Engel A, Franzini-Armstrong C (eds.) (1994) Myology (2 Bände). 2.Aufl., McGraw-Hill Inc., New York Kreis T, Vale R (eds.) (1999) Guidebook to Cytoskeletal and Motor Proteins. Oxford University Press, Oxford Pette D, Fürst DO (eds.) (1999) The Third Filament System. Rev. Physiol. Biochem. Pharmacol. 138. Springer Verlag, Berlin Heidelberg New York Zöllner N (1991) Innere Medizin. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York Original- und Übersichtsarbeiten Berchtold MW, Brinkmeier H, Müntener M (2000) Calcium Ion in Skeletal Muscle: Its Crucial Role for Muscle Function, Plasticity, and Disease. Physiological Reviews 80:1215–1265 Bers DM (2000) Calcium Fluxes Involved in Control of Cardiac Myocyte Contraction. Circ Res 87:275–281 Bloom W, Fawcett DW (1994) Textbook of Histology. Saunders, Philadelphia Campbell KP (1995) Three muscular dystrophies: loss of cytoskeleton – extracellular matrix linkage. Cell 80:675–679 Crabtree GR (2001) Calcium, Calcineurin, and the Control of Transcription. J Biol Chem 276:2313–2316 Glass DJ (2005) Skeletal muscle hypertrophy and atrophy signaling pathways. Int J Biochem Cell Biol 37:1974–1984

30

Holmes KC, Geeves MA (2000) The structural basis of muscle contraction. Phil Trans Roy Soc Lond B 355:419–431 Huxley HE (1969) The Mechanism of Muscular Contraction. Science 164:1356–1366 Mackrill JJ (1999) Protein-protein interactions in intracellular Ca2+release channel function. Biochem J 337:345–361 Meissner G (1994) Ryanodine Receptor/Ca2+ release channels and their regulation by endogenous effectors. Annu Rev Physiol 56:485–508 Pette D, Staron RS (1997) Mammalian skeletal muscle fiber type transitions. Int Rev Cytol 170:143–223 Ptacek LJ et al. (1993) Genetics and physiology of the myotonic muscle disorders. New Engl J Med 328:482–489 Rayment I, Holden HM (1994) The three-dimensional structure of a molecular motor. TIBS 19:129–134 Schiaffino, S. and Serrano, A. (2002) Calcineurin signaling and neural control of skeletal muscle fiber type and size. Trends Pharmacol Sci 23:569–575 Steinberg SF (1999) The Molecular Basis for Distinct -Adrenergic Receptor Subtype Actions in Cardiomyocytes. Circ Res 85:1101– 1111 Towbin JA (1998) The role of cytoskeletal proteins in cardiomyopathies. Curr Opin Cell Biol 10:131–139 Winegrad S (1999) Cardiac Myosin Binding Protein C. Circ Res 84:1117– 1126 Links im Netz 7 www.lehrbuch-medizin.de/biochemie

You're Reading a Free Preview

Herunterladen
scribd
/*********** DO NOT ALTER ANYTHING BELOW THIS LINE ! ************/ var s_code=s.t();if(s_code)document.write(s_code)//-->