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Wenn einer sagt oder meint, die Bestrafung der Dämonen und
der gottlosen Menschen sei zeitlich und werde zu irgendeiner
Zeit ein Ende haben oder es werde eine Wiedereinbringung
von Dämonen oder gottlosen Menschen geben,
der sei verflucht.
Wer behauptet, die himmlischen Mächte, alle Menschen, der
Teufel und die bösen Geister würden sich mit Gott untrennbar
wieder vereinen, so wie jener göttliche Geist, den sie Christus
nennen, der von göttlicher Gestalt war und sich, wie sie sagen,
entäußerte, und dadurch werde es ein Ende des Königtums
Christi geben - den treffe der Bannfluch.
Kirchenlehre um 553

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Schottland im Jahr 1306

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r war verhasst und er wusste es. Nicht nur die verfluchten
Ketzer und Häretiker behaupteten von ihm, er wäre ganz
Zunge und Augen, und der Rest von ihm sei ganz
verkommen, auch die einfachen Leute erzählten sich schaurige
Geschichten vom leibhaftigen Teufel in Menschengestalt.
Voller Sorge dachte er an die Prophezeiung des großen
Kirchenvaters Gratian1, der in seiner Weisheit alles vorhergesehen

1
Gratian, mit vollständigem Namen Flavius Gratianus. Geboren um 359 in Sirmium. Gestorben am 25.
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August 383 in Lyon, war von 375 bis 383 Kaiser im Westen des Römischen Reiches, wurde aber bereits
367 von seinem Vater Valentinian I. zum Mitkaiser ernannt. Zusammen mit Theodosius I. gilt er als
Begründer der christlichen Staatskirche.

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und in seinen Schriften als Zeugnis für kommende Generationen und


die Ewigkeit festgehalten hatte. In dessen Überlieferungen stand es
geschrieben: Dem Teufel verfallene Frauen werden sich über die Erde
ausbreiten. Waren diese Frauen verrückt? Immer mehr Frauen
behaupteten, sie könnten in der Mitte der Nacht mit einer
heidnischen Göttin, zusammen mit einer zahllosen Horde anderer
Frauen, über weite Teile des Landes fliegen, wenn sie nur einer
mysteriösen Meisterin gehorchen würden?2 In Frankreich, in Italien
und im kalten Germanien bekannten Frauen in großer Zahl, fast
immer unter der Folter, Hexen zu sein und die grässlichsten Praktiken
zu pflegen. Warum nahmen sie an, dass sie übermenschliche Kräfte
besäßen, wenn doch die Folter sie zum Sprechen, und das Feuer sie
läutern konnte? War das der Anfang vom Ende der heiligen Mutter
Kirche? Ein Satz aus der kostbaren Heiligen Schrift brannte in seinem
Gedächtnis und ließ ihn nicht mehr los: „Eine Hexe sollst du nicht am
Leben lassen.“3

Mit ratlosem Kopfschütteln betrachtete er die Botschaften,


die vor ihm lagen. Waren die Frauen die Vorboten für die unmittelbar
bevorstehende Ankunft des Antichristen? Wenn die
besorgniserregenden Informationen zutrafen, die schon seit Jahren
aus allen Teilen der christlichen Welt nach Rom gelangten, dann war
es nicht nur ein Kampf ums Überleben, sondern für das Überleben
der Kirche und der Welt.

2
Gratian in seinen Dekreten Abschnitt 364
3
Exodus 22.17

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Mit seinem Gänsekiel schrieb er auf das Pergament: „Alles


Irdische ist flüchtig wie der Rauch des Feuers. Nur meine Worte
gelten für die Ewigkeit.“
Seine Lippen formten den Satz: „Nur ich kann den Zerfall
aufhalten. Mein Wissen und mein Geist müssen in ewig geltenden
Worten weiterleben.“
Seit vielen Tagen und Nächten war er auf der Suche nach der
wirkungsvollsten Formulierung.
„Ich bin dazu ausersehen. Ich muss es tun. Ich allein bin
Gottes Stellvertreter auf Erden.“
Nur das leise kratzende Geräusch des Federkiels war zu hören,
als er schrieb: „Es gibt nur eine heilige, apostolische Kirche;
außerhalb ihrer gibt es keine Erlösung oder Vergebung der Sünden.“
Papst Bonifaz VIII. legte den Gänsekiel beiseite. Er spürte die Läuse an
seinem Körper und er begann leise zu beten.

Es sollte noch viele Tage und Nächte dauern. Dann endete


seine Botschaft an die Menschheit mit den Worten: „Nun aber
erklären wir, sagen wir, setzen wir fest und verkünden wir: Jede
menschliche Kreatur soll um ihres Seelenheiles willen dem Wort
Gottes unterstehen und das weltliche Schwert im Auftrag der Kirche
führen. Es ist zum Heile für jegliches menschliche Wesen durchaus
unerlässlich, dem römischen Papst unterworfen zu sein.“4
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4
Aus der päpstlichen Bulle „Unam sanctam“

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Es war sein Kampf für die Allmacht der Kirche und gegen den
Unglauben. Noch viele Jahrhunderte danach hielt sich an den
Fürstenhöfen, in den Klöstern und Dörfern das Gerücht, dass Papst
Bonifaz VIII. für alle Ewigkeit im Achten Kreis der Hölle, kopfunter in
den Felsspalten hängen würde.5

5
Zitat nach Dante.

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„Es ist die Pflicht eines jeden Katholiken, Ketzer zu verfolgen.“


Papst Gregor IX., 1170-1241

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ch weiß, dass ihr unterdrückt werdet und dass ihr arm seid.
Aber sorgt euch nicht. In Wirklichkeit seid ihr reich.“
Die Predigten fanatisierter Wandermönche, von Rom
ausgesandt, sollten die Menschen im rauen Schottland zurück auf
den rechten Weg bringen. Überall verharrten verängstigte und
hungrige Menschen im Gebet. Das Streben nach Besitz, Macht und
Gold war angesichts des baldigen Endes sinnlos geworden.

Zuerst hatte man es auf eine Laune der Natur geschoben.


Auch die alten Götter wurden beschuldigt, aber es gab keine
Änderung. Der Zorn des Herrn war unübersehbar. Überall in der
christlichen Welt sanken die Temperaturen. Heftige Stürme und
Regenfälle überzogen die Länder und wollten nicht mehr aufhören.
Von Schottland bis Italien, von den weiten russischen Ebenen bis zu
den Pyrenäen waren die Menschen fürchterlichen klimatischen
Bedingungen unterworfen. Der Hunger war in den Burgen, in den
engen Städten und in den Dörfern ein ständiger Gast und der Tod
allgegenwärtig.
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Aus Irland und Schottland gab es grauenvolle Dinge zu


berichten. Hungerleidende Menschen hatten in den Friedhöfen frisch

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begrabene Leichen ausgegraben, um das verwesende Fleisch zu


essen. Im Jahr 1299 verbot Pabst Bonifaz unter dem Zwang der
Ereignisse den Brauch des Leichen-Kochens, bei dem die Gebeine
vom Fleisch gelöst wurden, um wenigstens die Knochen in
christlicher Erde zu beerdigen. Verzweifelte Eltern töteten ihre Kinder
und Kinder ihre Eltern, um ihren Hunger zu stillen. Es war keine
Seltenheit, dass sich hungrige Menschen voller Gier über die Leichen
der Gehängten hermachten.6 Jeden Tag starben so viele Leute, dass
die Luft verpestet war. Arme Bettler starben in großer Zahl auf den
Straßen und auf den Misthaufen.7
Als die Pest ihre ersten Opfer forderte, konnte es nur eine
Ursache geben. Es war der gerechte Zorn Gottes über die bösen
Taten der Menschen, zur Züchtigung der Sterblichen, die sich ohne
Aufenthalt von einem Ort zum anderen fortpflanzten. Gegen die Pest
halfen weder Klugheit noch menschliche Vorkehrungen. Demütige
Gebete und feierliche Prozessionen, die von frommen Leuten
vorgetragen und durchgeführt wurden halfen nicht mehr.8
Die sichtbaren Zeichen der Seuche waren Schwellungen in der
Leistengegend oder in den Achselhöhlen, die nach kurzer Zeit so groß
wie ein Apfel wurden. Von diesen Körperteilen griffen die
todbringenden Pestbeulen auf andere Körperteile über. Dann
erschienen schwarze, blau unterlaufene Flecken auf den Armen, an
den Schenkeln und allen anderen Körperteilen als Zeichen des

6
Gimpel, Seite 208 bis 212
7
Nach einer Beschreibung des Abts von Saint-Martin in Tournai in seiner Chronik über die Hungersnöte
und das damals herrschende Elend.
8
Aus „Decamerone“ von Giovanni Boccaccio um 1350.

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baldigen Todes. Kaum jemand genas und fast alle starben nach drei
Tagen. Weite Landstriche waren menschenleer und verödeten. Das
wenige Vieh auf den Weiden ging an Vernachlässigung ein. Schiffe
strandeten, weil die Besatzungen vom Schwarzen Tod geholt worden
waren. In drei Jahren wurde ein Drittel der Christenheit dahingerafft.
Die Menschen waren verzweifelt und fanden keinen Ausweg. Es
stand geschrieben: „Der Herr straft mit der Rute ihre Missetaten und
mit Hieben ihre Sünden.“9
Aber es stand aber auch geschrieben: „Zuerst erschuf Gott
den Mann und dann die Tiere. Dann versetzte er den Mann in einen
Tiefschlaf und entnahm ihm eine Rippe. Aus der Rippe machte er eine
Frau und brachte sie zu dem Menschen, den er nach seinem
Angesicht geschaffen hatte. Der Mensch freute sich und rief:
„Endlich, sie gehört zu mir, denn von mir ist sie gekommen.“10
Doch woher war sie wirklich gekommen und warum traf der
Zorn Gottes die Menschen so hart? Gelehrte Männer erinnerten sich
an uralten Überlieferungen. Als die Menschen begannen, sich über
die Erde auszubreiten, wurden ihnen viele Töchter geboren. Das
sahen die Gottessöhne im Himmel und sie sahen auch, dass die
Menschentöchter sehr schön waren. Zweihundert Engel widersetzten
sich dem Gebot des Herrn, sich nicht zu versündigen und Semjasa, ihr
Oberster beschwor sie, es nicht zu tun. Aber die Gottessöhne
begehrten auf und stiegen von einem hohen Berg herab um sich die
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9
Psalm 88, 33
10
Mose / Genesis 2.18 bis 25 – Die Erschaffung der Frau.

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schönsten Menschenfrauen zu nehmen, um sich ihnen hinzugeben,


sie zu verunreinigen und ihnen alle Sünden zu offenbaren. Sie lehrten
den Frauen allerlei Zaubermittel, Beschwörungsformeln und das
schneiden von Wurzeln. Die Frauen bekamen schöne Kinder und die
Kinder pflanzten sich mit den unwissenden Menschen fort und mit
ihnen die Sünden, die von Generation zu Generation mehr wurden.
Da sprach der Herr zu Gabriel und Michael, den gerechten Engeln:
„Zieht los gegen die Bastarde, die Verworfenen und die Hurenkinder.
Wenn sich die Söhne untereinander erschlagen, und wenn sie, die
Väter den Untergang ihrer geliebten Söhne gesehen haben, so binde
sie für siebzig Geschlechter unter die Hügel der Erde.“11
Im Angesicht der allgegenwärtigen Schrecken, des Elends und
des Todes verstanden auch die einfachen Menschen die Worte der
Mönche und Prediger. Die Schwäche der Gottessöhne konnte nicht
mit rechten Dingen zugegangen sein. Nur dem Teufel mit seiner
diabolischen Macht konnte es gelingen, seine wollüstigen Töchter
auszusenden, damit sie mit ihren Reizen die Schwachen verführen
konnten. Aus den ersten Verbindungen der zweihundert
abgefallenen Engel mit Menschenfrauen, waren neue Geschlechter
entstanden, deren ganzes Denken und Planen durch und durch böse
war.

Mit zunehmender Not bekam der Teufel eine reale Gestalt,


und seine zahllosen Anhänger die Boten des Schreckens. Der
schreckliche Fürst des Vollmachtsgebiets der Luft, war nicht mehr ein

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Mose / Genesis 6 und Henoch „Der Fall der Engel“

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harmloses, körperloses Wesen. Sein schreckliches Heer waren


teuflische Wesen, die mit höllischen Kräften in die Körper der
Menschen eindringen oder was noch schlimmer war, menschliche
Gestalt annehmen konnten. Not, Elend und der Teufel waren
sichtbar. Die Zeichen der Apokalypse, die das baldige Ende der Welt
ankündigten, waren überall zu sehen.

Die hungernden Menschen schrieben dem Teufel viele


Eigenschaften zu. Sie glaubten an seine Fähigkeit, sich geschlechtlich
mit den Menschen zu vereinigen. Schon immer galten Frauen als das
verdorbene Geschlecht. „Eva war aus der Rippe Adams erschaffen.
Sie war schwach und erlag den Einflüsterungen der Schlange, dem
Teufel in Tiergestalt, und darum nahm die Sünde ihren Anfang bei
einer Frau. Nur ihretwegen müssen alle Menschen sterben.“12 Das
verkündeten die Bettelmönche, die wie die Todesboten das Land
heimsuchten.
„Ob jung oder alt, die ist die ianua diaboli, die Einfallspforte
des Teufels. Sie ist nur ein missglückter Mann mit einer defekten und
fehlerhaften Natur.“13
Für das einfache Volk waren es leicht verständliche
Botschaften. Die Nachkommen der Vereinigung mit den
Zweihundert, die Verrat an Gott geübt und zum Teufel übergelaufen
waren, mussten wie bessere Menschen aussehen, oder was ein
12
Sirach, einer der Propheten des Alten Testaments, prägte den Satz, der eine unheilvolle Wirkung in
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der späteren Kirchengeschichte haben sollte: „Von einer Frau nahm die Sünde ihren Anfang; ihretwegen
müssen wir alle sterben.“
13
Zitat von Albertus Magnus

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besonders perfider Trick war, sich wie normale Menschen geben. Die
teuflischen Wesen besaßen keine Seele, was sie besonders gefährlich
machte. Überall war die Angst zu spüren, dass es auch den
Unschuldigen
ldigen wie den Bewohnern der Städte Sodom und Gomorra
ergehen würde, die vernichtet wurden, weil Engel mit Wesen anderer
Art verkehrten. Die strikte Trennung von Glauben und Vernunft,14 das
biblische Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, bereitete den
Boden,
oden, auf dem die Ängste vor dem Teufel und seinem Reich
gediehen.

14
Nach dem Häretiker Siger von Brabant.

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Aus Erde geformt, in Schuld empfangen, zur Strafe geboren, tut der Mensch
Böses, das nicht gestattet ist, Schändliches, das sich nicht geziemt, Eitles,
das nicht nützt, und wird schließlich zur Nahrung des Feuers, zur Speise der
Würmer, zu einem Haufen Fäulnis.

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N
icht nur im einfachen Volk gab es viele Gerüchte
über die schöne Gräfin. Auch Adel und voran der
Klerus waren davon nicht frei und begegnete ihr
mit einer Mischung aus Misstrauen und ehrfürchtigem Respekt.
Obwohl sie ein offensichtlich gottesfürchtiges Leben führte, sagte
man ihr nach, dass sie ein Bündnis mit dem Teufel geschlossen und
ihm ihre unsterbliche Seele verschrieben habe. Das sichtbare Zeichen
für den Pakt war ein eigenartig geformtes, kleines Muttermal auf der
Stirn der Gräfin, und die Belohnung für ihre Hingabe waren
übernatürliche Gaben. Die schöne Gräfin konnte aus dem Flug der
Vögel erkennen, ob die Ernten gut oder schlecht ausfallen würden.
Mit ihren Kenntnissen der Heilwurzeln und Kräuter konnte sie Kranke
heilen und einmal war es ihr sogar gelungen, ein Kind wieder zum
Leben zu erwecken, das im Eis eines Sees eingebrochen war. Seit dem
haftete ihr der Ruf an, Tote wieder zum Leben erwecken zu können.
Doch der Preis für solche Fähigkeiten war hoch. Manche wussten von
teuflischen Ritualen und Hexereien, an denen die Gräfin beteiligt
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gewesen sei soll. Auch soll sie nächtliche Ratsversammlungen

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einberufen haben, an denen die Bösen gemäß ihren Taten bestraft


und die Guten belohnt wurden und in deren Verlauf kleine Kinder
von einer gierigen Gefräßigkeit zerrissen. Und nur durch die Gnade
der Herrin der Nacht wieder in die Wiegen zurückgelegt wurden.15
Manche wollten wissen, dass sie in Vollmondnächten auf der
Suche nach Kindern und jungen Frauen war, um sie in den Wäldern in
Holzkisten lebendig zu verscharren. Voller Grauen wurde gemunkelt,
dass man in manchen Frühlingsnächten die Schreie der Opfer hören
könne, die verzweifelt versuchten, sich aus den dunklen
Gefängnissen zu befreien. Die Gerüchte bekamen neue Nahrung, als
ein geistesverwirrtes, altes Weib ihre vor vielen Jahren verstorbene
Tochter in der Nähe der Gräfin gesehen haben wollte.
Isabel16 Gräfin von Buchan, wusste um das Gerede. Es waren
Schauermärchen, die sich das einfache Volk zuflüsterte, um von
seiner Not abzulenken.

15
Nach Johannes von Salisbury (um 1115 bis 1180).
16
Der Name Isebel (oder Isabel) leitet sich von der Tochter Etbaals, des Königs von Tyrus ab. Isebel war
eine phönizische Prinzessin. Sie verehrt Baal, einen Gott, zuständig vor allem für die Fruchtbarkeit und
das Wetter. Zu ihrer rassischen kommt so auch eine religiöse Fremdartigkeit. Der Name wird in den
christlichen Mythen mit einer Götzendienerin und Hure gleichgesetzt.

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Es ist das Schicksal dieser Erden,


sie wird stets älter, schlimmer werden.

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bwohl er mit dem Kirchenbann belegt und vogelfrei war,
ließ sich Robert The Bruce, Earl of Carrick, am 25. März
1306 zum König von Schottland krönen. Zwei Tage
später, am 27. März 1306, führte ihm Isabel, Gräfin von Buchan,
zuerst eine weiße Stute17 zu und ihn dann nach uraltem keltischen
Brauch auf den Thron von Scone, der bis ins Jahr 1296 auf einem
heiligen Stein gestanden hatte, zu geleiten.18 Die Krönungszeremonie
war ein symbolischer Akt und sollte dem verhassten Papst in Rom
zeigen, dass der alte Glaube noch tief im Volk verwurzelt war.
Bei der feierlichen Krönungszeremonie hatte Isabel von
Buchan eine Vision. Sie sah eine prächtige Treppe mit zwölf19

17
Der keltische Ritus der Hierogamie hat eine Parallele in einem altindischen Ritus. Ein angehender
König musste sich unter anderem mit einer weißen Stute, der Muttergöttin in Pferdegestalt
geschlechtlich vereinen. Die Stute ist das Symbol des Territoriums und der Erde und obendrein
Verkörperung der Königsherrschaft. Mit der Vereinigung wird seine Herrschaft rechtmäßig und
fruchtbar.
18
Nach einer Legende hat sich der biblische Jakob auf diesen Stein gesetzt und träumte von der
Himmelsleiter. Eine zweite Sage behauptet, der Stein sei ein Stück vom Thron des ägyptischen Pharaos.
Seine Tochter Scotia brachte ihn mit, als sie einen Kelten heiratete und Stamm-Mutter der Schotten
wurde.
19
838 setzte sich Keneth MacAlpin auf diesen Stein, nur dadurch wurde er zum König der Schotten. Alle
seine Nachfolger wiederholten diese Zeremonie. 1296 ließ der englische König Edward I. den Stein nach
London bringen. Der Stone of Scone ist auch unter den Begriffen Coronation Stone (Krönungsstein),
Stone of Destiny (Stein der Vorsehung/ Bestimmung) oder Liafail bekannt und spielt im britischen
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Krönungsritual eine Rolle. Die letzten Beinamen finden sich auch beim Stein von Tara in Irland, der wie
der Stone of Scone mit dem sagenhaften Stein von Fal identifiziert wird. Hier dürfte es sich um einen
Mythos handeln, der von den Gael (in denen früher manche Forscher die Träger der
Glockenbecherkultur erkennen wollten) bei ihrer Invasion auf die Inseln mitgebracht wurde. Nach
einigen Legenden soll es sich um den Stein handeln, auf dem der Kopf des biblischen Patriarchen Jakob

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goldenen Stufen, die auf dem heiligen Stein20 der Vorfahren stand
und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel mit flammenden
Schwertern auf und nieder. Aber die Engel fanden keine Ruhe, denn
sie konnten die untersten zwei Stufen nicht betreten. Ein
hochgewachsener Ritter in glänzender Rüstung auf einem mächtigen,
weißen Pferd verwehrte den Engeln den Zugang zur Erde. Sie
konnten auch nicht zurück in den strahlenden Himmel. Dort
verhinderte eine gewaltige Macht das Überschreiten der siebten
Stufe.21
In ihrem Traum versuchte Isabel von Buchan dem Ritter den
Helm abzunehmen, aber als er sein Visier öffnete und sie sein Gesicht
sah, erschrak sie. Es besaß keine menschliche Form. Was sich ihren
Augen bot, war nur übelriechendes Aas von marklosen Knochen und
wimmelnden Maden. Die stinkende Masse hatte Ohren auf der Stirn
für Schmeicheleien, Augen am Hinterkopf damit er das Unheil nicht
sehen konnte und in sein Herz hatte sich ein riesiger Wurm
hineingefressen.22

ruhte, als er die Vision der Himmelsleiter hatte, oder um einen Teil des Thrones des israelitischen Königs
David.

20
Der heilige Stein war von den Engländern gestohlen worden und blieb für Jahrhunderte verschollen.
21
Benedikt von Nursia schildert die Leiter des Jakobstraums mit zwölf Sprossen als Leiter der Tugenden.
Den Weg zum Himmel konnte man sich in der frühen Christenheit nicht anders als in der Form eines
Aufstiegs vorstellen. Die karthagische Märtyrerin Perpetua hatte im Gefängnis die Vision einer sehr
hohen und engen Leiter zum Himmel, mit einem drohenden Drachen am Fuß der Leiter. Vgl. auch 1.
Mose 28 „Jakobs Traum von der Himmelsleiter.“
22
Die Geschichte wird ursprünglich Birgitta von Schweden zugeschrieben. Sie war Ordensstifterin und
Heilige. Geboren um 1303 und gestorben am 23. Juli 1373 in Rom. Birgitta ließ sich im Kloster Alvastra
nieder und gab sich den strengsten Bußübungen hin. Der Legende nach wurden ihr zahlreiche

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Am 19. Juni 1306 wurden die Truppen von Robert The Bruce
in der Schlacht bei Methven durch die Engländer vernichtend
geschlagen. Schon die Vorzeichen hatten auf kein gutes Ende
hingedeutet. Am Vorabend der Schlacht war am Himmel ein glutroter
Feuerball erschienen, der mit großer Geschwindigkeit am dunklen
Nachthimmel seine Bahn zog.23 Dann sahen die verängstigten
Schotten am Horizont einen leuchtend roten Feuerschein. Niemand
konnte sich das Phänomen erklären, da man annahm, dass der
Himmel, abgesehen von größeren Körpern wie Planeten, dem Mond
und der Sonne frei, von Materie wäre.24
Noch während der Nacht griffen die Engländer an und
überraschten die schlafenden Schotten. Die Schwachstellen der
Befestigungen waren verraten worden. Von viertausendfünfhundert
schottischen Soldaten überlebten nur vierhundert. Sie erzählten von
einem geheimnisvollen, teuflischen Feuer und einem Reiter auf
einem weißen Pferd, der ausgezogen war, um sie zu vernichten.25

Offenbarungen zuteil. Nach ihren Angaben erklärte sie Christus als seine Braut. Am 7. Oktober 1391
sprach Bonifatius IX. Brigitta von Schweden heilig. Ihr Fest ist der 8., in Schweden der 7. Oktober.

23 Das Naturphänomen ist überliefert und war vermutlich ein Meteorit.


24 Ein auf Aristoteles zurückgehender und von Isaac Newton bekräftigte Glaube, dass das Sonnensystem
abgesehen von den größeren Körpern wie Planeten, Monden und Kometen frei von Materie sei.
25 Eduard I. zog 1304 nach Schottland und setzte bei der Belagerung von Stirling Castle das erste mal das
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„Griechische Feuer“ ein, das von den Byzantinern erstmals im 7. und 8. Jh. verwendet worden sein soll. Bis
zum Jahre 1319 hatten die Schotten diesen Vorsprung aufgeholt. Ein flämischer Gelehrter hatte ihnen das
Geheimnis verraten. Quelle: Henry W. Hine, Gunpowder and Ammuniton, Their Origin and Progress, 1904.

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Aymer de Valence, der die englischen Truppen anführte, ritt ein


mächtiges, weißes Pferd.

Isabel von Buchan hatte, wie es keltischer Brauch war, als


schottische Adlige, Robert The Bruce auf den Thron geführt und sich
damit zu ihm und gegen den englischen König bekannt. Ihr Traum
von einem unabhängigen Schottland war mit
mit dem Sieg der Engländer
ausgeträumt.

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Und Mose wurde zornig über die Hauptleute des Heeres, die Hauptleute
über tausend und über hundert, die aus dem Feldzug kamen, und sprach zu
ihnen: „Warum habt ihr alle Frauen leben lassen?"
4. Mose 31,14-15

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D
ie Gräfin war auf der Flucht und sie wusste, dass es
kein Zurück gab. Sie ging einfach weiter, ohne sich
umzusehen. Weg vom Geschrei der Männer, dem
Klirren der Waffen und den gellenden Schreien der Verwundeten.
Müde und apathisch setzte sie einen Fuß vor den anderen. Ihr
Atem kam stoßweise, unterbrochen von einem heiseren Husten. Mit
der linken Hand hielt sie ein schmutziges, löchriges Tuch fest um ihre
schmalen Schultern. Das Tuch hatte sie einem Erschlagenen
abgenommen, um damit ihre kostbaren Kleider zu verdecken, die sie
verraten konnten.
Der schmale Weg führte in engen Kehren hinab in eine kleine
Schlucht. An manchen Stellen ragten die dicken Wurzeln der Bäume
wie ineinander verschlungenes Gewürm aus dem aufgerissenen Hang
zu ihrer Linken. Ängstlich wich sie den großen Felsvorsprüngen aus,
die in den schmalen, kaum erkennbaren Weg hinein ragten. In ihrer
panischen Angst stolperte sie über Steine und abgebrochene Äste.
Herabhängende Zweige schlugen ihr ins Gesicht, aber sie nahm die
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Schmerzen nicht wahr. Auch den quälenden Hunger spürte sie nicht.

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Es war, als würde eine engelsgleiche Stimme zu ihr sprechen: „Halte


in Treue durch, auch wenn es dein Leben kostet. Dann wird dir als
Siegespreis ewiges Leben geschenkt.“
Immer schneller und ohne nachzudenken lief sie auf dem Weg
weiter. Die Einsamkeit des dunklen Waldes war eine Befreiung. Weg
vom großen Feld mit den unzähligen Toten und Sterbenden, in den
für schwere Reiter undurchdringlichen Wald. Sie sah das glitzernde
Band eines Baches. Dann stolperte sie über große, moosbewachsene
Steine, die das eiskalte, strömende Wasser seit Urzeiten teilten.
Immer wieder musste sie ausweichen und ihre Füße fanden auf den
glitschigen Steinen kaum Halt. Durch den Wald klang das Heulen der
Hunde nah und doch aus weiter Entfernung.

Am dritten Tag ihrer Flucht stieß sie im dichten Wald auf eine
ärmliche Köhlerhütte. Isabel von Buchan war schmutzig und ihre
Kleider zerrissen, aber der Köhler erkannte sie sofort und wollte ihr
helfen. Doch ihr war nur eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Als
das Gebell der Hund näher kam, versteckte sie sich voller Angst in der
Abfallgrube. Sie sah, wie die Hunde auf die Hütte zuhetzten und
begann sich mit bloßen Händen in die stinkenden Exkremente
einzugraben. Hinter den Hunden kamen Männer mit Helmen und
Kettenhemden und warfen Fackeln in die ärmliche Hütte. Als sie die
gellenden Schreie der Frauen hörte, drückte sie ihre Augen fest zu.
Sie roch den Qualm und sah die hoch aufsteigenden Flammen, die
aus der Köhlerhütte schlugen. Ein leises Schluchzen schüttelte ihren
schmalen Körper.

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Wie lange sie so da lag wusste sie nicht. Erst als es dunkel
geworden war, richtete sie sich vorsichtig auf. Die Schreie und
Stimmen waren verklungen und das heisere Gebell der Hunde nur
noch aus weiter Ferne zu hören. Die Hunde hatten ihre Witterung
verloren. Nur der Geruch von brennendem Holz und verbranntem
Fleisch hing schwer in der Luft. Wo vor wenigen Stunden noch Leben
war, schlugen kleine Flammen aus einem Gewirr von schwarz
verbranntem Holz.
Als sie sich umdrehte, sah sie ihn. Der Köhler, der ihr helfen
wollte, stand unbeweglich an der großen Eiche, wie ein schwerer
Koloss, gespenstisch angeleuchtet von den in den klaren
Abendhimmel aufsteigenden Funken des verlöschenden Feuers. Sie
war glücklich, ihn zu sehen und rannte zu ihm, über das Blut und die
Körper der toten Frauen, die in seltsam verrenkten Haltungen am
Boden lagen, vorbei an den Resten der eingestürzten Hütte.
Die tiefen Falten in seinem ruß- und blutverschmierten
Gesicht sahen im Widerschein des Feuers noch tiefer und wie kleine
Schluchten aus. Als sie dicht vor ihm stand und in seine Augen sah,
erschrak sie. Es waren dunkle, blutverkrustete Höhlen. Sie sah das
Ende des dicken Nagels, der aus seiner Stirn ragte, mit dem sie ihn
zur Abschreckung an die große Eiche genagelt hatten. Entsetzt wich
sie zurück und rannte so schnell sie konnte weg, zurück in den Wald.
Mit lautem Krachen barsten die verbrannten Balken der Hütte.
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„Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen.“


2. Mose 22,17

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S
chon seit Tagen konnte sie das laute Hämmern der
Zimmerleute und Schmiede, die Rufe und die hektische
Betriebsamkeit auf dem Burghof hören. Die Geräusche
drangen durch die meterdicken Mauern bis in ihre dunkle Zelle.
Isabel von Buchan hatte Angst vor dem, was geschehen würde.
Manchmal wünschte sie sich, stark zu sein, so wie Bronwyn und
Gwendolyn, ihre Freundinnen und Vertrauten, die dem rasenden
Streben König Edwards nach Rache nicht entgangen waren.26
So lange sie denken konnte, waren die Zwillinge ihre
wertvollsten Ratgeberinnen. Doch gegen die Kraft der Ketten und des
Feuers waren auch die beiden Frauen und ihre sieben Schwestern27
machtlos gewesen. Es war ihnen nicht gelungen, zu entkommen. Die
wenigen Burgwachen waren alt und die Männer König Edwards
konnten Isabel von Buchans schwach befestigte Burg in wenigen
Tagen einnehmen und sie ergreifen.

26
Zitat Barrow Seite 293.
27
In der keltischen Mythologie gibt es eine Parallele. Auf der Insel Avalaon herrschen paradiesische
Zustände. Unter der Obhut von Morgane, der Fee, und ihren neun Schwestern werden die Menschen
bei voller Gesundheit über hundert Jahre alt. Avalon ist eine der vielen Inseln der keltischen Anderswelt.

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Bei der Plünderung der brennenden Burg hatte man in den


Privatgemächern der Gräfin zwei Eisenkisten gefunden. In einer der
Kisten lagen, in schwarze glänzende Erde eingebettet, zwei blanke
runde Steine. In der anderen Kiste ein grauer, unscheinbarer
Gesteinsbrocken. Der Inhalt der beiden Kisten erschien wertlos und
wurde nicht weiter beachtet, aber sie nahmen die Kisten mit.
Dann fanden die Männer einen kostbaren Psalter28 und ein
dickes Buch. Zwischen den mit einer schweren Buchschließe
gesicherten und mit schmucklos braunem Leder bezogenen
Holzdeckeln befanden sich wertvolle, blattförmig zugeschnittene
Pergamentbögen. Auf dem ersten Blatt war eine von vierundzwanzig
Strahlen der Sonne umgebene, nackte schwangere Frau abgebildet.
Ihr lag der Mond zu Füßen und sie trug auf dem Kopf eine Krone mit
zwölf Sternen. Das zweite Blatt war mit einer Malerei, die mit sechs
Kreisen die Erschaffung der Welt darstellte, kunstvoll verziert. In
lateinischer Sprache stand auf dem Blatt „membra Christi“29 und
darunter Sefer ha-Bahir geschrieben. Dann folgten mit
verschiedenfarbigen Tinten und Goldtinktur beschriebene
Pergamentbögen, mit Namen von sechshundertsechsundsechzig
Namen von Frauen in Schottland, in Irland, aber auch in Brabant, in
Flandern, in Sachsen und Böhmen. Es waren Frauen von Adel, aber
auch geachtete Frauen aus Klöstern und einfache Frauen, die von den

28
Der Legende nach handelte es sich um den Canterbury Psalter. In sechs kreisrunden Abbildungen
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wandelt sich der Herr des ersten Tages zum Gelehrten und hebt gebietend die Schrift empor. Er befiehlt
den Pflanzen zu wachsen und den Menschen ihn anzubeten.

29
die Glieder Christi

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Häschern der Inquisition erst viele Jahre später und nach langer
Suche gefasst werden konnten. Nach den Namen folgten viele Seiten
mit mystischen Kommentaren und Beschwörungsformeln zur
Heiligen Schrift.30 Auf der letzten Seite stand in lateinischer Sprache:
„Die Götter, die Himmel und Erde nicht gemacht haben, sollen
verschwinden von der Erde und unter dem Himmel.“31
In den Jahrzehnten danach, als die Inquisition viele der Frauen
aufgespürt und ergriffen hatte, fand man zehn weitgehend identische
Bücher und darin den Hinweis auf ein zwölftes Buch. Das zwölfte
Buch blieb trotz intensiver Suche verschollen.

Isabel von Buchan war der Gotteslästerung, der Hexerei und


des Hochverrats angeklagt. Die Anschuldigungen waren so
schwerwiegend, dass daraus die Zugehörigkeit zu einem satanischen
Geheimbund abgeleitet werden konnte. Man warf ihr vor, zusammen
mit den sechshundertsechsundsechzig Frauen aus weit entfernten
Ländern, mit denen sie nur auf übernatürlichem Weg in Verbindung
stehen konnte, in der Synagoga Satanae dem Teufel zu huldigen.
Angesichts der Beweise gab es für sie nur geringe
Möglichkeiten, mit dem Leben davon zu kommen. Verteidigen durfte
sie sich nicht und für Hexerei gab es nur eine Strafe, den qualvollen
Tod durch das reinigende Feuer. Isabel von Buchan kannte ihr Urteil
noch nicht, aber sie wusste, dass man ihr es am Tag vor der

30
Es handelt sich dabei vermutlich um das Buch Sefer ha-Bahir, eines der fundamentalen Texte der
Kabbala. Das Buch tauchte erstmals um 1150 in der Provence auf und soll angeblich aus dem Orient
stammen. Alle Kopien des Buches gelten als verschollen, oder sind der Inquisition zum Opfer gefallen.
31
Jer. 10.11

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Hinrichtung vorlesen würde. Die langen Folterqualen, denen ihre


Freundinnen ausgesetzt waren, blieben ihr erspart, aber sie ahnte,
dass die beiden Frauen verbrannt worden waren.

In der Zelle, viele Stufen unterhalb des mächtigen


Hauptturms, war ihr jedes Gefühl für Zeit verloren gegangen. Nur ihr
starker Glaube hatte ihr geholfen, die Zeit in der Dunkelheit zu
überstehen. Ihre blutenden Lippen flüsterten: „Alles Lüge, alles Lüge.
Das Wort ist nicht der Anfang und nicht das Ende. Leben wächst aus
dem Tod und Nacht ist der Anfang vom Tag …“
In den ersten Wochen ihrer Gefangenschaft waren die
Wachen immer wieder gekommen, um sich das zu holen, was ihr
gesetzlich verbrieftes Recht war. Sie dachte noch daran, aber die
Erinnerung begann im ewigen Halbdunkeln der Zelle zu verblassen.
Die betrunkenen Männer kamen nicht mehr um sie zu schänden.
Als sich die Wachen beim Öffnen der Kerkertür das erste mal
bekreuzigten und den Blick senkten, spürte sie die Angst.. Seit dem
Tag wurde sie von den Wachen nicht mehr berührt. Der Grund
konnte nur sein, dass sie trotz der schweren Schuld am Leben bleiben
sollte. Denn das Anrecht der Wachen, das mit den Frauen zu tun, was
sie wollten, bezog sich nur auf die zum Tode Verurteilten. Jetzt
wusste sie, dass es doch noch eine Hoffnung gab.
Die Gräfin sah auch, dass die Wachen Abstand zu ihr hielten.
Wenn die schwere, mit Eisen beschlagene Kerkertür geöffnet wurde,
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spürte sie die Kraft, die von ihr ausging. Die Holzschüssel mit dem
grauen Brei und dem tönernen Wasserkrug wurde an der Schwelle

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abgestellt und vorsichtig mit einer Holzstange in ihre Richtung


geschoben, damit sie ihr Essen und das Wasser trotz der schweren
Eisenketten erreichen konnte.
Niemand sprach mit ihr, aber manchmal drangen leise Worte
zu ihr durch. Als sie zufällig ein Gespräch belauschen konnte, spürte
sie eine Veränderung. Anders als noch vor einigen Wochen redeten
die grobschlächtigen Wachen mit Ehrfurcht über ihre beiden toten
Freundinnen. Die Gräfin konnte aus den Gesprächsfetzen
heraushören, dass die Zwillinge selbst unter schwerster Folter keinen
Laut von sich gegeben hatten. Sogar als die Scheiterhaufen
angezündet und die Körper schon lichterloh brannten, hatten sie ein
eigentümliches, fremd klingendes und noch nie gehörtes Lied
gesungen. Die Wachen erzählten sich, dass die Melodie so voller
Qualen war, dass sich die vielen Zuschauer der Verbrennung voller
Entsetzen die Ohren zuhalten mussten. Niemand hatte das Ende der
starken Frauen gesehen, denn die Menschen waren vor Entsetzen
und ohne sich umzusehen weggelaufen. Noch viele Stunden danach,
als die Flammen der mächtigen Scheiterhaufen erloschen waren, soll
das abscheuliche Lied in den Mauern, den Wiesen und Wäldern wie
ein leises Wispern und Raunen zu hören gewesen sein.
König Edward hatte ihr eine andere Strafe auferlegt, aber
Isabel von Buchan wusste nicht, was mit ihr geschehen würde.

Inzwischen war es Herbst und die Kälte des nahen Winters


war zwischen den Mauern zu spüren. Man hatte sie aus der
Dunkelheit der Zelle heraus gezerrt. Auf den nassen Steinstufen war

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sie gestürzt und ihre Knie und Arme waren voller Blut. Mit den
schweren Ketten, mit denen ihre Arme und Beine eng gefesselt
waren, gelang es ihr nicht den Wagen zu besteigen. Die Wachen
mussten sie an den Ketten auf den Wagen ziehen. Viele Menschen
waren auf dem großen Platz vor der Burg und alle kreischten und
schrien und riefen obszöne Worte. Sie drängelten sich dicht um den
zweirädrigen Wagen der von einem Ochsen gezogen wurde. Tränen
flossen ihr dreckverschmiertes Gesicht hinab, aber ihre offenen,
feuerroten Haare glänzten immer noch im herbstlichen Licht. Dann
sah sie in furchtbar entstellet Gesichter. Sie sah Krücken und Stöcke
und mit Lumpen umwickelte Leiber. Noch nie hatte sie so viel
Hässlichkeit und Entstellung gesehen. Als der Wagen anhielt, wurde
den hunderten Leprakranken zugerufen: „Diese Frau ist der Hexerei
überführt und sie wird brennen, wie es das Gesetz befielt. Doch das
reinigende Feuer wird sie schnell verbrennen und der Wind ihre
Asche in alle Himmelsrichtungen verstreuen. Doch wir werden euch
die Gnade gewähren sie als euer Eigentum zu nehmen. Sie gehört
euch.“
Doch die schrillen Stimmen der Kranken verstummten.
Niemand sprach ein Wort und niemand wagte die geschändete
Gräfin zu berühren. Dann, nach einer ganzen Weile trat eine
schrecklich entstellte Gestalt vor und sprach: „Seht her, hier habe ich
hundert Gefährten, denen ihr eine Hexe als gemeinsames Eigentum
versprochen habt. Aber in uns brennt eine so große Hitze und die
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Tücher kleben uns am Leib, dass es unter dem Himmel keine Frau

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gibt, die den Umgang mit uns auch nur einen Tag ertragen könnte.
Gebt ihr die Gnade des Feuers. Wir wollen sie nicht.“32
Die entstellten Gestalten wichen still zurück und Isabel von
Buchan wurde in ihre dunkle Zelle zurück gebracht.

Sie wusste nicht, ob es Tage oder Wochen waren. Jedes


Gefühl für Zeit war verschwunden, als sie schwere Schritte, das
Klirren von Eisen und Stimmen hörte. Dann öffnete sich die Tür und
ihre Ketten wurden gelöst. Das flackernde Licht der Fackeln zeichnete
sich in gespenstischen Reflexen an den grauen Mauern ab, als man
sie durch lange dunkle Gänge führte. Dann sah sie durch die
schmalen Mauerdurchlässe das schwache Licht des anbrechenden
Tages. Es war bitter kalt und die Bauern und Leibeigenen schienen
noch zu schlafen. Sie wurde die endlos erscheinenden Stufen des
Hauptturms hochgezerrt. Der eisige Wind pfiff durch schmale
Scharten des meterdicken Mauerwerks und Isabel von Buchan
zitterte am ganzen Körper.
Als sie oben auf dem Turm angekommen waren, sah sie tief
hängende, graue Wolken, die schwer über den Wäldern hingen.
Langsam durchbrach das Licht der aufgehenden Morgensonne die
dichten Wolken.
Nach der langen Zeit in der Dunkelheit gewöhnten sich ihre
Augen nur langsam an das fahle Morgenlicht. Dann sah sie den
schweren eisernen Käfig.

32
Aus dem Versroman Tristan und Isolde, des bretonischen Dichters Berol. Entstanden vermutlich um
1190.

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„Ich werde es überstehen“ waren ihre Worte, als man sie in


dem
m Käfig einschloss, in dem es ihr kaum möglich war aufrecht zu
stehen, der aber so schmal war, dass sie sich nicht hinlegen konnte.
Dann sprach sie kein Wort mehr und ließ alles geschehen.
Langsam wurde der Käfig an einer starken Kette, fünf Meter
an der Turmaußenseite
urmaußenseite hinabgelassen. Niemand konnte sie so
erreichen. Ein eisiger Winter kündigte sich an und das dünne
Wollkleid hing in Fetzen an ihrem schmalen Körper.33

33
Isabel, Gräfin von Buchan war in ein Komplott gegen König Edward II und der rituellen Tötung des
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John Comyn (eines schottischen Adligen) auf geweihtem Boden, der Greyfriars Kirk in Dumfries
verwickelt. Sie wurde vier Jahre in einem eisernen Käfig gefangen gehalten. Quelle Seite 58 „Der Tempel
und die Loge“ Baigent, Leigh. Bechtermünz Verlag.

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Schön ist abscheulich und abscheulich ist schön.


Recht ist schlecht und schlecht ist recht.
Fein ist faul und faul ist fein.
Nichts ist, wie es scheint.34

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Schottland
Donnerstag, 31. August 1967

H
ör dir mal diese beschissene Musik an.“ Tim Waitts
starrte wie geistesabwesend auf den Boden. Dann
drehte er sich um und griff mit seinen
dreckverschmierten Händen an die chromglänzenden Drehknöpfe
seines neuen Bajazzo TS35, um nach einem anderen Sender zu
suchen. Aus dem kleinen Lautsprecher kam die ungewohnt klingende
Stimme von Tony Blackburn, dem neuen Moderator von BBC Radio 1,
der mit hektisch hoher Stimme die nächste Schallplatte ankündigte.
„Radios können die Hunnen ja bauen.“
Tim war stolz auf sein neues deutsches Telefunken -
Kofferradio, obwohl der Empfang in der Höhle sehr schlecht war. Die
disharmonischen Klänge von Lucifer Sam aus der ersten Pink Floyd
Langspielplatte verschwanden in einem Gewirr von Rauschen und
sich überlagernden Sendern. Vorsichtig, um sie nicht zu verbiegen

34
Zitat frei nach William Shakespeare aus „Macbeth“.
35
Ein Kofferradio von Telefunken. Wurde etwa zwischen
1965 und 1967 gebaut.

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oder abzubrechen, drehte er die dünne Antenne, um einen besseren


Empfang zu bekommen.
Mike Donally richtete sich auf und der schwache Schein der
Karbidlampe an seinem Helm beleuchtete die unwirkliche Szene.
„BBC bringt auch immer schlechtere Musik“ war sein
uninteressiert klingender, kaum verständlich gemurmelter
Kommentar. Eigentlich war es ihm egal, welche Musik oder ob
überhaupt Töne aus dem Radio kamen. Die neue Musik, die jetzt alle
hörten, berührte ihn nicht.
„Mach mal den Krach aus, ich muss nachdenken.“
Tim Waitts schaltete an einem der silberglänzenden
Drehknöpfe das Radio aus und schwieg.
„Hörst du das auch? Das Tropfgeräusch. Das ist
jahrtausendealtes Wasser. Das läuft noch wenn es uns schon lange
nicht mehr gibt.“
Im Lichtkegel der Helmlampen sahen sie sich in der dunklen
Höhle um. Glitzernde Feuchtigkeit perlte an den Höhlenwänden, die
durch uralte Kalkablagerungen eine gelbgrauen Farbe angenommen
hatten.

Tim Waitts und Mike Donally, zwei gestandene Familienväter


und Hobbyarchäologen, wussten nicht genau, was sie eigentlich
suchten oder zu finden hofften. Sie waren in der Gegend
aufgewachsen. Als Kinder, vor über vierzig Jahren, war die Umgebung
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der Burgruine nahe der englischen Kleinstadt Berwick-upon-Tweed36


ihr Spielparadies. Sie kannten jede noch so verborgene Stelle. Schon
damals, auf ihren Streifzügen durch die dichten Wälder waren ihnen
seltsam geformte, verwitterte Steine aufgefallen. Die sechs, vor
vielen Jahrhunderten sorgfältig wie in einem Kreis angeordneten,
grauen Steinquader37 mit seltsamen Einkerbungen, lagen gut
versteckt unter dicken Baumwurzeln, dichtem Gestrüpp und Moos.
Die beiden Jungs hatten sie bei ihren Streifzügen durch den dichten
Wald gefunden und in den vielen Jahren mit niemand darüber
geredet.
Ganz in der Nähe der Steine, unterhalb der Burgmauer, gab es
eine Stelle am Steilhang die mit auffällig viel Geröll bedeckt war. Als
Kinder waren sie zu schwach, um das Geröll zu beseitigen. Jetzt,
vierzig Jahre später, auf der Suche nach Spuren der Kelten, war es
diese Stelle, die ihre Neugier geweckt hatte. Das Geröll, hinter dem
sie als Kinder den Zugang zu einer Höhle vermutet hatten, war nach
den vielen Jahren und unter dichtem Gestrüpp kaum noch zu
erkennen. Nur die sechs moosbewachsenen und verwitterten Steine
waren noch vorhanden und zeigten ihnen die richtige Stelle.

36
Berwick-upon-Tweed ist eine Stadt in Northumberland an der englischen Ostküste und die nördlichste
Stadt Englands. Sie liegt auf einer Halbinsel an der Mündung des Flusses Tweed, der in dieser Gegend
die Grenze zwischen England und Schottland bildet. Eine zeitgenössische Beschreibung der Stadt
behauptete, sie sei „so stark bevölkert und so wichtig für den Handel, dass man sie zu Recht als zweites
Alexandria bezeichnen könnte, dessen Reichtum die See und dessen Mauer das Wasser war“
37
Vermutlich handelt es sich bei den Steinen um Cromlechs. Das Wort kommt aus dem Bretonischen
und bezeichnet im Kreis angeordnete Steine. Es sind Monumente aus der Jungsteinzeit (ca. zwischen
5000 und 1800 v.Chr.), die vorwiegend an der französischen Atlantikküste, in Dänemark, Schweden und
auf den britischen Inseln gefunden wurden.

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Im Jahr 1296 hatte Eduard I. von England mit seinen Truppen


die Stadt erstürmt und geplündert. Es war ein mehrere Tage
andauerndes, blutiges Gemetzel, in dem fast alle siebzehntausend in
der Stadt verbliebenen Bewohner erschlagen wurden. Niemand
wurde verschont, selbst diejenigen nicht, die Schutz in den Kirchen
gesucht hatten. In alten Chroniken konnte man nachlesen, dass es
einigen wenigen Frauen auf wundersame Weise gelungen war, aus
der brennenden Stadt unbeschadet zu entkommen.
Der Grund, warum sie in wochenlanger, schweißtreibender
und gefährlicher Arbeit versucht hatten, das immer wieder
nachrutschende Geröll zu entfernen, war eine Notiz in einem alten
Kirchenbuch. Danach soll es ein Höhlensystem nahe Berwick Castle
gegeben haben, in der die Menschen in Notzeiten Schutz finden
konnten. Sie kannten auch die Geschichten um die alte Burgruine
und die Gerüchte um einen uralten, verschütteten Geheimgang.
Sofort war ihnen die Stelle eingefallen, an der sie als Kinder gespielt
hatten.

Schon vor Wochen war es ihnen gelungen, den verschütteten,


kaum einen Meter hohen Eingang freizulegen und sie hatten
tatsächlich eine tief in den Berg führende, aber kaum noch
zugängliche Höhle entdeckt.
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Viele Legenden rankten sich um die alte Burgruine und um


einen Arm des legendären, schottischen Freiheitskämpfers William

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Wallace, der auf eine grausame Weise zu Tode gekommen war. Als
die Männer Edwards I. ihn durch Verrat schottischer Adliger ihn
ergriffen hatten, wurde Wallace wurde am 23. August 1305 in
London zuerst bis zur Ohnmacht gehängt, anschließend mit Hilfe
einiger Pferde gestreckt, bis die Haut an seinem Körper zu reißen
begann. Dann wurden ihm bei vollem Bewusstsein Penis und Hoden
abgetrennt. Als letztes wurde ihm bei lebendigem Leibe die
Bauchdecke aufgeschnitten und seine Innereien mit heißen Eisen
verbrannt. William Wallace erlag nach langem Todeskampf den
Qualen. Sein Körper wurde zerstückelt. Seine Arme und Beine
wurden als Abschreckung in alle Himmelsrichtungen geschickt und
sein Kopf wurde auf der London Bridge aufgespießt. Aber der Arm,
den man zur Abschreckung an der Burgmauer aufgehängt hatte, war
unter mysteriösen Umständen verschwunden.
In dem Zusammenhang wollten die Ausgräber auch das
ungewöhnlich grausame Schicksal der Gräfin Isabel von Buchan
erforschen, die in Berwick Castle gefangen gehalten worden war.

Jetzt, am scheinbaren Ende des Höhlengangs standen sie in


einer über vier Meter hohen Felsengrotte. Am Boden der Höhle
bestand aus mit Lehm und Ton verschmiertem Fels. An einigen
Stellen konnte man erkennen, dass Unebenheiten mit lehmiger Erde
aufgefüllt und festgestampft worden waren. Aber sie fanden keine
Hinweise auf den Verwendungszweck der Höhle und auch keine
begehbaren, weiterführenden Gänge. Die Höhle endete hier und war
leer.

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Sie wollten ihre Suche schon aufgeben und saßen unschlüssig


auf den Steinquadern vor der Höhle. Mike Donally betrachtete
nachdenklich den freigelegten Zugang. Ihm ging die eigentümlich
anmutende Grotte am Ende des Höhlengangs nicht aus dem Kopf. Zu
offensichtlich waren in grauer Vorzeit dort Menschen gewesen.
„Wir müssen noch mal nachdenken. Ich kann nicht glauben,
dass diese seltsame Höhle vollkommen leer sein soll.“
Mike Donally schwieg und betrachtete den Höhleneingang.
Dann sagte er zu Tim: „An den Wänden sind Spuren von
Schlagwerkzeugen zu sehen. Jemand hat sich große Mühe gemacht,
die Höhlenwände zu bearbeiten. Die das gemacht haben, haben sich
auch etwas dabei gedacht.“
„Ja, du hast vermutlich recht. Aber es sind keine
Felszeichnungen oder Einkerbungen vorhanden. Hast du eine Idee,
was für einen Verwendungszweck die Höhle gehabt haben könnte?“
„Vielleicht haben die früher darin Schutz gesucht oder die
Höhle für ihre Vorräte genutzt.“
Tim beobachtete den steilen Hang mit dem kaum einen
Meter hohen, freigelegten Höhleneingang. Dann sah er zu den
Mauern von Berwick Castle auf, dorthin, wo vor langer Zeit der
mächtige Hauptturm gestanden haben musste. Plötzlich war ihm
alles klar. Aufgrund der Lage war es möglich, dass es eine Verbindung
zwischen der Höhle und der verfallenden Burganlage gegeben haben
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könnte.

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„Mike, denk mal nach, haben wir etwas übersehen?“


Für Tim war es ein unerträglicher Gedanke, dass die
wochenlange Arbeit umsonst gewesen sein sollte und später
vielleicht ein Anderer eine sensationelle Entdeckung machen könnte.
„Vielleicht war es eine Art Kultstätte?“
„Daran habe ich auch schon gedacht, aber es gibt keine
Malereien, keine eingeritzten Figuren, keine religiösen Zeichen,
nichts.“
Mike und Tim schwiegen einen Moment und Mike nahm
einen Schluck aus seiner Bierflasche. Dann fragte er: „Warum haben
wir den Boden nicht genauer untersucht? Der ist doch aus Lehm.
Jemand muss die Höhle aufgefüllt haben.“
„Mike, du bist ein Genie, das könnte es gewesen sein. Ich
denke, das Geheimnis der Höhle lag genau vor uns und wir haben es
nicht gesehen.“
„Wie meinst du das?“
„Denk mal nach, vielleicht wollte jemand etwas verbergen
und hat es vergraben, das wäre doch denkbar?“
Er lachte. „Du kennst doch den Ausdruck „Heiliger Boden“?“
An Mikes verblüfftem Gesichtsausdruck konnte man
erkennen, dass er verstanden hatte.
„Du meinst, da ist vielleicht etwas eingegraben?“
„Ja klar, da ist eine Stelle mit dunklem Lehmboden. Der gehört
nicht zu den natürlichen Ablagerungen in der Höhle. Der wurde da
hingebracht und festgestampft. Lass uns da mal graben.“

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Sie gingen wieder in die Höhle zurück und betrachteten den


Boden.
„Was denkst du, wo wir zuerst anfangen sollten?“
Mike ging langsam auf die dunkle Stelle am Boden in der
Mitte der Grotte zu. Dann antwortete er: „Versuchen wir es hier. Die
Stelle kommt mir vor, als ob sie etwas höher wäre. Vielleicht haben
wir hier Glück.“
Er beugte sich vor und versuchte mit seiner Schaufel, den
festgetretenen Lehmboden zu lösen. Tim wollte zuerst abwinken,
aber Mikes angespannt klingende Stimme sagte ihm, dass seine
Vermutung stimmen könnte.
„Wir müssen hier graben. Irgendwie spüre ich, dass wir noch
nicht aufgeben sollten.“
Als sie versuchten, mit der Schaufel den lehmigen Boden
abzutragen, stießen sie auf Stein. Zuerst dachten sie, es wäre der
Fels, aber der Stein sah aus, als wäre er von Menschenhand behauen.
Vorsichtig gruben sie weiter und die Spannung stieg spürbar an.
Niemand sprach mehr ein Wort und nur das Keuchen durch die
Anstrengung und die hohe Luftfeuchtigkeit war zu hören. Nach
Stunden hatten sie eine große Steinplatte freigelegt. Die Steinplatte
war schwer und sie mussten zuerst Werkzeug heranschaffen. Erst am
darauffolgenden Tag gelang es ihnen, die Platte anzuheben und sie
fanden darunter einen in den Fels geschlagenen Hohlraum, gerade
groß genug, um zwei mit festen Beschlägen gesicherte Eisenkisten,
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kaum größer als Schuhkartons zu verbergen. Die Feuchtigkeit der


Höhle war nicht in den Hohlraum vorgedrungen und die Eisenkisten

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befanden sich in einem guten Zustand. Auf jeder Seite der


Eisenkisten, auch an den Ober- und Unterseiten befand sich jeweils
ein grob eingeschlagenes Kreuz. Auf den Deckeln der Kisten war die
Inschrift „membra diaboli“38 angebracht. Offensichtlich wollte man
den Inhalt der Kisten durch religiöse Symbole bannen. In einer der
Kisten befand sich ein grobkörniger, dunkler, fast schwarzer Stein,
dessen Oberfläche krustige Schmelzspuren zeigte. Es war ein
eigentümlicher Stein und Tim und Mike hatten so etwas noch nie
gesehen. In dem Stein waren nur wenige Millimeter große, leicht
glänzende Kügelchen wie durch eine ungeheure Hitze verschmolzen
eingebettet. An dem Stein konnte man erkennen, dass jemand
versucht hatte, Stücke abzuschlagen.
Als sie den Stein in der Hand hielten, spürten sie eine starke
Kraft. Der Stein war magnetisch.39
In der zweiten Kiste fanden sie dunkle, fast schwarze, lehmige
Erde und darin zwei tiefschwarze, mattglänzende Steine in der Größe
eines Tennisballs und in einer perfekten Kugelform. Mike und Tim
betrachten lange ihren Fund. Dann brach Mike`s nachdenkliche
Stimme das Schweigen.

38
„die Glieder des Teufels“
39
Millimetergroße Silikatkügelchen (Chondren) findet man in Meteoriten. Chondritische Meteorite
repräsentieren das älteste Material in unserem Sonnensystem. Unbekannt ist bis heute die
Energiequelle und der Ort der Chondrenbildung, auch das Vorgängermaterial ist nicht genau bekannt.
Gemäß den meisten Theorien haben sich die Chondren bereits im Sonnennebel gebildet. Es gibt aber
auch Theorien die davon ausgehen, dass sich Chondren auf der Oberfläche oder in der Atmosphäre
eines Protoplaneten gebildet haben. Mit einem Magneten kann man ein gefundenes Steinstück auch auf
Magnetismus testen, da Chondrite wegen der in ihnen vorhandenen kleinen metallischen Eisenteilchen
magnetisch sind.

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„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Die zwei Kisten
machen mir Angst. Sie kommen mir irgendwie wie Käfige vor, in
denen etwas gefangen gehalten wurde, das auf keinen Fall
freigelassen und
d zusammenkommen durfte.“

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Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und
behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.
Offenbarung 1,3

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Frühjahr 2064

J
ohanna sah Noui, den Jungen, der nackt neben ihr im Gras
lag, mit einem nachdenklichen Blick an.
„Du kennst ja spannende Geschichten. Woher weißt
du das alles? Wo gibt es die vielen Bücher die du immer mitbringst?“
Noui blätterte in dem alten Buch aus dem er vorgelesen hatte,
und Johanna sah, dass die Seiten des alten Buches mit vielen Notizen
und handschriftlichen Bemerkungen versehen waren. Offensichtlich
hatte sich jemand ausführlich mit der Geschichte beschäftigt,
scheinbar Interessantes markiert und Gedanken in Stichworten
festgehalten.
„Ich hab die Bücher von Marius, meinem Großvater. Er gibt
mir immer welche mit, wenn die Ferien vorbei sind. Die Geschichten
von der Gräfin finde ich besonders spannend. Mein Großvater hat
mir noch andere erzählt, aber irgendwie klingen die alle ähnlich und
passen zusammen.“
„Weißt du denn auch, was mit der Gräfin geschehen ist? Hat
man sie verbrannt? Ist sie in dem Käfig gestorben? Hat der Herr ihr
geholfen?“

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Johanna war sichtlich bewegt. Die Geschichte war anders als


die, die Noui ihr sonst vorlas.
„Du mit deinem beknackten Gott. Der hat Besseres zu tun als
einer Frau im Käfig zu helfen.“
„Du sollst nicht so über den Herrn im Himmel reden. Ich
verbiete es dir.“
Johannas Antwort klang patzig und Noui versuchte einem
Streit mit seiner impulsiv reagierenden Freundin aus dem Weg zu
gehen.
„Ich weiß nicht mehr genau, wie die Geschichte weiterging.
Angeblich ertrug die Gräfin ihr Schicksal vier lange Jahre. Marius hat
mir erzählt, dass sie die Jahre nur überstehen konnte, weil sie eine
Hexe war und der Teufel in der Gestalt der schönen Gräfin dem Volk
zeigen wollte, welche Macht er besaß.“
„Also so richtig überzeugt mich das nicht. Ich denke mal, da
steckt mehr dahinter. Und dann auch noch das mit den Leprakranken
die sie nicht haben wollten.“
Noui sah Johanna verwundert an.
„Darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht. Du hast recht.
Seltsam ist das schon. Aber wer weiß das noch was damals so üblich
war.“
Johanna liebte die langen, kontroversen Gespräche mit Noui,
der so anders war als die wenigen Jungs die sie kannte.
„Ich denke, die hatten einfach Angst sie zu verbrennen. Damit
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wäre ihre unsterbliche Seele wie die der Zwillinge auf Wanderschaft
gegangen. Oder die Gräfin sollte dem Wind ausgesetzt sein und nicht

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den Boden berühren. Sonst hätten die sie ja nicht an der


Außenmauer frei schwebend in einem Käfig aufhängen müssen. Es
hätte ja auch genügt, sie in irgendeinem tiefen Keller verschwinden
zu lassen.“
„Das weiß ich nicht.“
Nouis Antwort klang ratlos und verwundert über so viel
Phantasie.
„Marius hat mir noch erzählt, dass die Gräfin am Ende des
vierten Jahres aus ihrem Käfig freigelassen wurde. Warum man sie
nicht verbrannt hat, weiß ich auch nicht. Marius hat gesagt, sie hätte
noch viele Jahrzehnte in einer Höhle gelebt und die Menschen wären
zu ihr gekommen, um sie anzubeten. Aber dann verlor sich ihre Spur
in der Dunkelheit der Geschichte. Marius sagt, dass es keine weiteren
Aufzeichnungen geben würde.“
Noui schwieg einen Moment. Er sah Johanna, die neben ihm
im Gras lag aus den Augenwinkeln. Sie sah wunderschön aus und ihre
feuerroten Haare glänzten im Sonnenlicht. Aber er wagte nicht, sie zu
berühren oder sie direkt anzusehen.
„Marius sagt, es gibt eine Sage, nach der kann man sie in
manchen Nächten, in denen der Mond blutrot am Himmel steht,
auch heute noch auf einsam gelegenen Feldern oder im dichten Wald
zusammen mit anderen Frauen sehen. Die Frauen sollen mit dem
Teufel einen Geheimbund eingegangen sein und darum ewig
weiterleben.“

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Johanna lachte laut auf und sah sich mit einem spitzbübischen
Lächeln um. Dann deute sie mit der Hand auf ein unbestimmtes Ziel
im dichten Unterholz.
„Wir müssen vorsichtig sein mit dem was wir tun. Ich hab sie
gerade noch dort gesehen. Vielleicht beobachtet sie uns?“
Noui reagierte nicht auf Johannas provozierende Bemerkung.
Er sprach einfach weiter: „Marius behauptet, er hätte sie auch schon
gesehen. Aber ich glaub, er lügt. Er hat auch gesagt, manche Frauen
würden von einem wunderbaren Licht geleitet. Die Sterne sollen den
Regen und die Kälte von solchen Frauen abhalten und der Teufel
persönlich bewahrt sie vor den Dämonen des Schlafes.“
Johanna war von der Antwort nicht überzeugt. Alles klang zu
märchenhaft und zu unwirklich. Sie wollte auch nicht, dass Noui den
schönen Nachmittag auf der einsamen Waldlichtung zu schnell
beenden würde, und sie fragte: „Dein Großvater hat so viele Bücher.
Weiß er denn auch was mit dem zwölften Buch geschehen ist? Weiß
dein schlauer Marius auch darüber Bescheid?“
„Komisch, dass du danach fragst. Ja, ich hab Marius auch nach
dem Buch gefragt und er hat ganz eigenartig reagiert.“
„Wie meinst du das?“
„Man kann sonst ganz vernünftig mit ihm reden, aber das war
ein ganz seltsames Gespräch – vollkommen anders als sonst. Marius
sagt, dass zwölfte Buch existiert immer noch und die Nachkommen
der Frauen, die in dem Buch standen, wären heute sehr mächtig. Und
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auch die Steinkugeln die man bei der Gräfin gefunden hat, gibt es. Er
hat sie angeblich sogar gesehen und berührt. Dazu hat er

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irgendetwas von Stein und Wasser, männlich und weiblich


gemurmelt und dass die Steine klug seien und neues Leben schaffen
würden. Ich hab nicht so recht verstanden, was er damit gemeint hat.
Ich glaub er wird langsam etwas schrullig. Er ist ja auch schon
ziemlich alt. Er hat auch gesagt, dass er das zwölfte Buch sogar in den
Händen gehalten hat und wenn ich alt genug wäre, würde ich
verstehen, was sich mit den Steinen und dem Buch auf sich hat, weil
ich dazu bestimmt wäre. Aber ich glaube er spinnt.“
Johanna sah Noui mit einem verständnislosen
Gesichtsausdruck an. Ihre Gedanken waren woanders und es kam ihr
vor, als ob aus dem dichten Unterholz eine leise Stimme, lockend und
schön etwas Wunderbares flüstern würde. Aber es war so
unbestimmt und sie dachte an eine Sinnestäuschung als Noui
weitersprach.
„Er hat gesagt, dass es die Gemeinschaft der Glieder Gottes
immer noch gibt und dass sie mitten unter uns sind. Aber die sollen
das falsche Tier anbeten. Der hat auch so einen religiösen Tick wie
du. Marius darf man auch nicht alles glauben.“
Johanna lachte ungläubig und drehte sich auf die Seite.
„Du sollst doch nicht so reden. Du weißt doch dass ich mir
meinen Glauben nicht nehmen lasse. Was machen die? Die beten ein
Tier an?“
„Marius hatte noch einen anderen Ausdruck, aber den hab ich
vergessen. Ja, es soll ein Tier oder eine Pflanze oder so etwas sein,
das große Wunder vollbringen kann. Und das Ding soll ein Ebenbild
erschaffen, das sprechen kann und das so schön ist, dass es von allen

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Menschen bewundert und angebetet wird. Und dann sollen mehr


und noch mehr entstehen die angebetet und verehrt werden, und
immer so weiter. Also ziemlicher Unsinn wenn du mich fragst.“
Dann schwieg Noui einen Moment. Johanna sah, dass seine
Fröhlichkeit
chkeit nur gespielt war. Noui versuchte seine Angst zu mit der
Abwertung seines Großvaters zu überdecken.
„Er hat auch gesagt, dass alle Menschen getötet werden, die
das Bild nicht anbeten.“40

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Vermutlich die Johannes Offenbarung „das Tier aus der Erde“ 13.13 bis 18

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Raoul Yannik

Geboren im Oktober 1950 in der damals beschaulichen,


schwäbischen Kleinstadt Sindelfingen. Nach Abitur und Ausbildung
schloss sich ein längeres, aus heutiger Sicht ziemlich nutzloses
Studium in Berlin an. Heute, nach einer kurzen Ehe und anderen
Missgeschicken lebe ich aus Lebens- und Liebesgründen in Essen. Ich
schreibe Essays, Kurzgeschichten und Romane über die Abgründe der
Seele, über die Irrwege der Liebe, über das was sein könnte und was
ist.

Meine Schreib-Werkstatt: www.raoulyannik.de


Mein Web-Tagebuch: http://raoulyannik.blogspot.com/
Tipps und Fragen an mich: kontakt@raoulyannik.de

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Meine Bücher und Veröffentlichungen

HEXENMACHT
Roman 560 Seiten Schweitzerhaus Verlag
ISBN-10: 3939475211 ISBN-13: 978-3939475217
Im Buchhandel und bei Amazon erhältlich

Kurzgeschichten
Schweitzerhaus Verlag ISBN 978-3-939475-06-4

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Mein Web-Tagebuch: http://raoulyannik.blogspot.com/
Nachricht an mich: kontakt@raoulyannik.de

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