es 1141

edition suhrkamp
Neue Folge Band 141
Friedensarlalysen 17
I·' ,.'.'
VierteljahresschriJt für
Erziehung, Politik und Wissenschaft
fIerausgegeben von der
fIessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (fISFK)
in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft für
Friedens- und Konfliktforschung (AFK),
mit Unterstützung der Berghof Stiftung für Konfliktforschung
Von welchen Überlegungen gehen politische Gruppen und Bewegungen
aus, die erklärtermaßen Gewalt als Mittel ihrer Politik einsetien? Wie
wirkt sich diese Entscheidung für Gewalt auf die Selbstdarstellung und die
Resonanz dieser Gruppen im politischen Alltag aus? Umgekehrt: Welche
Alltagserfahrungen führen dazu, daß politische Gruppen zu Gewaltstra-
tegien greifen, und wie kann diesen Tendenzen pädagogisch und politisch
entgegengewirkt werden, ohne Gewalt? Der 17. Band der Friedensanaly-
sen untersucht diese - in unterschiedlichen Kontexten und historischen
Konstellationen unterschiedlich zu beantwortenden - Fragen an drei Bei-
spielen: der politischen Strategie der Nazis vor 1933, dem Neofaschismus
und dem Terrorismus. Vorschläge, wie im Vorfeld solcher Gruppenbil-
dungen - in der Schule undin der außerschulischen Jugendbildung - Ge-
walterfahrungen thematisiert werden können, schließen sich an. Ihr Ziel
ist es, Jugendliche für mögliche Alternativen zur (in der Regel vorbewuß-
ten) Umsetzung solcher Alltagserfahrungen in eigenes gewaltförmiges
Handeln. bzw. in die Akzeptanz von Gewalt auf den verschiedenen poli-
tischen Ebenen zu sensibilisieren.
Faszination der Gewalt
Politische Strategie
und Alltagserfahrung
Redaktion Reiner Steinweg
Suhrkamp
Redaktionsrat der FriedenSanalyse1:
Christiane Rajewsky (Köln), Peter chlotter (Frankfurt),
Rainer Tetzlaff (Hamburg), Steph Tiedtke (Frankfurt).
Redaktionsadresse:
Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung,
Leimenrode 29, 6000 Frankfurt/M. 1.
edition suhrkamp I 141
Neue Folge Band 141
© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1983
Erstausgabe
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,
des öffentlichen Vortrags
sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,
auch einzelner Teile.
Satz: Georg Wagner, Nördlingen
Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden
Umschlagentwurf: Willy Fleckhaus
Printed in Germany
I 2 3 4 5 6 - 88 87 86 85 84 83
Inhalt
Thesen aus den Beiträgen 7
Zu diesem Band 8
Ute Volmerg
Gewalt im Alltag oder die Ghettoisierung des Bösen 16
Wolf-Dieter Narr
Demonstranten, Politiker (Polizei) und Journalisten
Zwölf Thesen zur Gewalt 30
Herfried Münkler
Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand
Die Faszination des Untergrunds und ihre Demontage durch die
Strategie des Terrors 60
Eike Hennig
»Wert habe ich nur als Kämpfer«
Rechtsextremistische Militanz und neonazistischer Terror 89
Hans-Gerd J aschke/Martin Loiperdinger
Gewalt und NSDAP vor 1933
Ästhetische Okkupation und physischer Terror 123
Hans-Gerd J aschke/Eike Hennig
Die neue Diskussion über den Rechtsextremismus
Ausgewählte und kommentierte Literaturhinweise 156
Reiner SteinweglWolfgang Heidefuß/Peter Petsch
Alltag, Gewalt, Sinnlichkeit
Theaterspielen als Instrument der außerschulischen
Friedenserziehung 161
Hans-Joachim Rödiger
Unterrichtseinheit: Gewalt um uns - Gewalt in uns
Ein Vorschlag zur Behandlung des Themas Gewalt in
Oberstufen-Kursen 209
Allgemeiner Teil
Christiane Rajewsky
Krieg oder Frieden?
Jugendbücher 1912-1982:
Historische Einführung, Vorschläge, Kommentare 243
Klaus Ehring/Hans-H. Hücking
Die neue Friedensbewegung in Ungarn 313
Information
I. Berghof-Stiftung für, Konfliktforschung
Aufruf zur Unterstützung der Friedensforschung in der
Bundesrepublik 351
2. Vorstellung neuer Friedensforschungs-Studien 353
3. »Friedensläden« und »Friedensbüros« in der
Bundesrepublik 366
4. Zur Arbeit der Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
München 370
5. Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion 371
6. Ausbildung zum Friedensarbeiter 371
7. Literaturübersicht zu Friedensforschung und
Friedensarbeit 372
8. Illustrierte Broschüren und Tonbildserien zum Thema
»Gewalt«   ~  
9· Gesamtverzeichnis der HSFK-Publikationen 373
Zu den Autoren dieses Bandes 374
Summaries in English 375
Zu den »Friedensanalysen« 380
Inhalt der Bände 1-16 381
Planung 389
Abbildungsnachweis 391
Thesen aus den Beiträgen
• Im Prozeß der Zivilisation haben wir gelernt, Gefühle nur so-
weit zuzulassen, wie wir sie kontrollieren können. Unbere-
chenbarkeit und willkürliche Gewaltanwendung unterstellen
wir immer »den anderen«. Aus dem Kreislauf von Gewalt und
Gegengewalt ist nur herauszukommen, wenn jeder sich mit sei-
nen eigenen unberechenbaren Gewaltneigungen und    
tenen Gefühlsanteilen auseinandersetzt.
• Gewaltanwendung oder ihre Provokation ist für Demonstran-
ten wie Politiker nicht nur taktisch-politisch unklug; Gewalt
gewinnt vielmehr eine Eigendynamik, schlägt zurück auf den
Zweck, verändert und zerstört die Identität derjenigen, die Ge-
brauch von ihr machen.
• Eine Umkehr der Tendenz zur Gewalt in innenpolitischen Aus-
einandersetzungen ist nur zu erwarten, wenn die Medien bzw.
die Journalisten beginnen, gewaltloses Handeln stärker mit
Aufmerksamkeit zu belohnen als gewaltsames.
• Nicht politische Theorien sind Ursache für den Schritt zum
Terrorismus, sondern im Gegenteil ein Mangel an ausgeform-
ten politischen Vorstellungen, verbunden mit Sinndefiziten im
Alltag und individueller Perspektivlosigkeit.
• Gewalt strukturiert das zentrale neonazistische Deutungsmu-
ster. Es fasziniert, weil es den Lebenserfahrungen vieler Unter-
privilegierter mit den Widersprüchen zwischen Realität und
normativen Ansprüchen des politischen Systems entspricht.
• Angriffe von SA-Trupps vor 1933 waren nach deren Selbst-
wahrnehmung immer legitime Akte der Verteidigung. Sie
schlugen und mordeten, weil sie sich physisch oder psychisch
bedroht fühlten.
• Das zur Gewaltanwendung und -hinnahme neigende Alltagsbe-
wußtsein kann nur dann nachhaltig verändert werden, wenn die
Thematisierung von Gewalt im Zusammenhang körpernaher
Erlebnisse erfolgt, die zugleich Alternativen und Sinnbezüge
sichtbar machen. Eine Möglichkeit dieser Art ist das auf Refle-
xion angelegte, improvisierende Theaterspiel in kleinen Grup-
pen.
7
Zu diesem Band
Fast ein Vierteljahrhundert war es - unter dem Eindruck des na-
tionalsozialistischen Terrors und des Zweiten Weltkriegs - bei
politischen Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik höchst
selten zu Gewalttätigkeiten gekommen. Ein Indiz dafür, daß hier
Veränderungen bevorstanden, war die Resonanz auf das 1966
erstmals in deutscher Sprache erschienene Buch von Frantz Fanon,
Die Verdammten dieser Erde, das in geballten Sätzen von außer-
ordentlicher Kraft dem ganzen über Jahrhunderte angestauten
Haß der Kolonisierten in der Dritten Welt Ausdruck verlieh:
»Seit seiner Geburt ist es für ihn [ den Kolonisierten] klar, daß diese sper-
rige, mit Verboten gespickte Welt nur durch die absolute G((walt in Frage
gestellt werden kann.«
»Die nackte Dekolonisation läßt durch alle Poren glühende Kugeln und
blutige Messer erahnen.«
(Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt 1966, S. 28; vgl. im vorliegen-
den Band S. 73 f.)
Die Faszination, die solche Sätze auf viele Heranwachsende in
Europa ausübten, läßt sich nicht allein mit dem geschärften Be-
wußtsein für koloniales und neokoloniales Unrecht im Zusam-
menhang mit dem Vietnamkrieg erklären. Sie sprachen ein tiefer-
liegendes, aus der eigenen Lebenssituation erwachsenes Bedürfnis
nach eruptiver Selbstbefreiung an: Auch die eigene Lebenswelt
wurde zunehmend als eine mit Verboten und Tabus gespickte
wahrgenommen, deren Unsinnigkeit durch den Schleier der )'re-
pressiven Toleranz« (Marcuse) nurmehr unzulänglich verdeckt zu
sein schien. Nicht allein, weil man dem Autor darin zustimmte,
daß die politische, ökonomische und militärische Unterwerfung
der Völker in der Dritten Weh durch die Industrienationen nur
mit Gewalt zu beenden sei, hatte Fanons Buch einen solch bemer-
kenswerten Erfolg in Europa, sondern vor allem, weil er - dar-
über noch hinausgehend - auf eindringliche Weise die These for-
mulierte, daß der Kolonisierte Gewalt anwenden müsse, um seine
eigene Identität finden zu können: »Das kolonisierte ;Ding< wird
Mensch gerade in dem Prozeß, durch den es sich befreit.«
(Ebenda) Diese These war es, die - den gesellschaftlichen Konsens
8
der Nachkriegszeit durchbrechend - elektrisierend wirkte bzw.
ein sich entwickelndes Lebensgefühl auf den Begriff brachte. »In-
nere« Kolonisation - der Begriff schien vielen auch auf die eigene
Situation anwendbar zu sein, erschien als das reale Bindeglied
zwischen den Ausgebeuteten und Unterdrückten der Ersten und
Dritten Welt, das beide über jeden bloßen Idealismus, über alles
bloß karitative Mitleid hinaus verband. Und so konnte auch Fa-
nons unbedingte Bejahung der Gewalt Ende der sechziger Jahre
selbst schon als Befreiung gelten, als überwältigende Verheißung,.
die nur noch gegen die eigenen »bürgerlichen Vorurteile« durch-
zusetzen war, um erfüllt zu werden.
Und dann begann der Aufbruch in den Schrecken.
Es war nicht nur der Schrecken des unmittelbaren Terrors (zu
diesem Mittel entschlossen sich nur die wenigsten): Auch alle die
anderen, am Ende der Studentenbewegung stolz als »Partei« eti-
kettierten Gruppen setzten auf Gewalt; sie wollten sie nur besser
organisieren, später, mit größerer Aussicht auf Erfolg und in grö-
ßeren Kollektiven anwenden. Und im Blick auf diese zukünftige
»Gewalt des Volkes« erstarrten jene Gruppen, indem sie sich
selbst Gewalt antaten, nicht minder als jene, die der »Revolution«
mit Terror zum »Sieg« verhelfen wollten.
Die politischen Folgen des Terrors waren indessen ungleich grö-
ßer als die Wirkung jener heillos zerstrittenen »Parteien«; nur
waren es andere, als seine Verfechter sich erträumt hatten: Im
»deutschen Herbst« 1977 drohte die Bundesrepublik in einen Zu-
stand abzugleiten, der fast schon wieder bekannte Züge annahm:
Daß es nicht zu Pogromen und Lynchakten kam, ist lediglich
darauf zurückzuführen, daß die Entführer und Mörder nicht
»greifbar« waren. Und eine neue Schleife in der spiralförmigen
Eskalation der Gewalt legte sich über die alten: Gerade diese Re-
aktion der Öffentlichkeit (und des Nachbarn um die Ecke) war es,
die dem Terror oder jedenfalls den inzwischen teilweise inhaftier-
ten Terroristen neue Sympathien zuführte. Zugleich hatte der
Terror jener linken Splittergruppen - »Rote Armee-Fraktion«,
»Bewegung 2. Juni«, »Revolutionäre Zellen« - noch eine andere,
ebenfalls von ihnen nicht erwartete Wirkung gezeitigt: Da das
Gewalttabu einmal von der Linken gebrochen war, wurden auch
im Umkreis der »Nationalen Rechten« - die in den zwanziger
Jahren bei weitem den größten Anteil an den politischen Gewalt-
taten hatte, aber unter dem Eindruck der Niederlage von 1945
9
zunächst um ein anderes, weniger gewalttätiges Erscheinungsbild
bemüht war- Gewalt und Terror wieder »ehrbar«. Vor allem die
jüngeren rechten Aktivisten zeigten sich von der Gewalt (und
vom »Vorbild« der linken Terroristen) fasziniert; man wollte -
wie die Linken - endlich »Taten« sehen.
Der Terrorismus mit seinen verschiedenen Formen, politischen
Motiven und ideengeschichtlichen Hintergründen ist indessen
nur eine Variante der Gewalt in politischen Auseinandersetzun-
gen, die in densiebziger Jahren Bedeutung gewann. Eine andere,
mit teilweise ähnlichen oder noch größeren gesellschaftlichen
Auswirkungen, hat mit jenen politischen Traditionen kaum etwas'
zu tun: die Gewalt bei Demonstrationen und im Kampf um tech-
nische Großprojekte. Zwar gab es auch hier vereinzelt Versuche
organisierter politischer Gruppen, z. B. Bauplätze für Atomkraft-
werke mit generalstabsmäßig vorbereitetem Gewalteinsatz zu er-
obern. Entscheidend aber für die Eskalation der Gewalt auf die-
sem Felde waren immer wieder eher »naturwüchsige« Impulse,
die sich aus den wechselseitigen Reaktionen von Polizisten und
Demonstranten ergaben, aus einem Prozeß, der sich am treffend-
sten mit dem Ausdruck »gegenseitiges Aufschaukeln« kennzeich-
nen läßt. Die überwiegende Mehrheit der Demonstranten - etwa
aus Bürgerinitiativen - hat zu Beginn solcher Auseinandersetzun-
gen keinerlei Absicht zur Gewaltanwendung; erst die Erfahrung
staatlicher Reaktionen auf friedlichen Protest verändert ihre Hal-
tung und provoziert Zustimmung zu Formen der Gewalt bei Men-
schen, von denen niemand dies zuvor erwartet hätte, am wenig-
sten sie selbst. Die Polizei aber reagiert ihrerseits - z. B. am
2. November 1981.auf der Startbahn West bei Frankfurt- auf die
wenigen, die von Anfang an auf Gewalt setzen, oft viel zu heftig
und ist dann im Grunde hilflos gegenüber der so in Gang gebrach-
ten Eskalation. Immer wiederkommt es auf diese Weise zu pa-
thologischen Lernprozessen auf beiden Seiten.
Wie aber ist es zu erklären, daß Menschen mit so unterschiedli-
chen Hintergründen, unter den - für friedliche Konfliktaustragung
relativ günstigen - Umständen einer parlamentarischen De-
mokratie, so rasch und oft, aufgrund nur kleiner Anstöße von
außen, politische Strategien entwickeln, deren zentrales Moment
der Einsatz von Gewalt ist, obwohl ihre Zweckmäßigkeit in vieler
Hinsicht ständig widerlegt wird? Eindimensionale Erklärungen
helfen hier wenig. Zu deutlich ist, wie unterschiedliche Ursachen
10
in die gleiche Richtung wirken: historische (das besondere deut-
sche Verhältnis zur staatlichen Gewalt, zur parlamentarischen
Demokratie und zum Militarismus, siehe S. 126 H.), gesellschaft-
liche und damit zusammenhängend psychische Entwicklungen
sowie, mit wachsender Arbeitslosigkeit, ökonomische.
Wir haben uns in den Friedensanalysen schon in früheren Bän-
den ausführlich mit den verschiedenen Aggressionstheorien be-
schäftigt (Band 5) und mit den besonderen Ursachen von Gewalt
und struktureller Feindseligkeit in modernen Industriegesell-
schaften (Band 6). Am Beispiel des Ost-W est-Konflikts und der
Zustimmung vieler Bevölkerungsgruppen zu einer Sicherheitspo-
litik, die zur Hauptsache auf Rüstung und Waffen beruht, haben
wir darüber hinaus einige Mechanismen des Alltagsbewußtseins
zu illustrieren versucht, die dieser Zustimmung zur latenten Ge-
walt zugrunde liegen (Ute Volmerg, »Waffen faszinieren doch je-
den!«, Band 13). Diese Mechanismen werden im vorliegenden
Band theoretisch zusammengefaßt, kritisch erörtert und vertieft
(S. 171 ff. und S. 185). In der Tat ist es eine zentrale Annahme
aller Beiträge dieses Bandes, daß es vor allem die konkreten All-
tagserfahrungen sind, die Anlaß zur Ausbildung gewalttätiger po-
litischer Strategien geben. Die scheinbar so zweckrationalen Be-
gründungen für solche Strategien haben ihre Ursache oft in Äng-
sten, fehlenden Sinnbezügen und abnehmender sinnlicher Erfah-
rungsmöglichkeit. Ohnmachtsgefühle, Gruppen- und ge-
schlechtsspezifische Phantasien (dazu S. 107 f.), ein Verlangen
nach Entdifferenzierung nicht mehr durchschaubarer, komplexer
gesellschaftlicher Zusammenhänge kommen hinzu. Die Neigung
des Alltagsbewußtseins, Vorgänge, die in intensiver zwischen-
menschlicher Interaktion erfahren wurden, zu verallgemeinern
und auf das politische Feld zu übertragen, läßt Gewalt oft als
unentbehrliches und natürliches Mittel der Interessendurchset-
zung auch auf der gesellschaftlichen Ebene erscheinen.
Andere, allgemeine Tendenzen der gesellschaftlichen Entwick-
lung wirken mitverursachend. So beschreibt Ute Volmerg die Fol-
gen, die sich aus der seit dem Mittelalter ständig zunehmenden
Ausgrenzung und Ghettoisierung .der Gewalt als Bestandteil des
Bösen ergeben: Indem sie im »Prozeß der Zivilisation« (Elias) aus
unserem Bewußtsein und den öffentlichen Symbolen zunehmend
verdrängt wird, nimmt sie sozusagen hinter unserem Rücken, oft
unbemerkt und unbewußt, immer gigantischere, bedrohlichere
11
Formen an. Die rapide Zerstörung der Natur ist, neben der Auf-
häufung von Waffen, ein zentrales Merkmal dieser immer anony-
mer werdenden gesellschaftlichen Gewalt. Die Natt/r aber rächt
sich, und diejenigen, die davon unmittelbar betroffen sind, fangen
an sich aufzulehnen. Sie beginnen, den ökologischen Zusammen-
hang, in dem sie stehen, zu erkennen; weil sie aber zugleich ihre
eigene Verstrickung in die Mechanismen des Alltagsbewußtseins,
ihre Projektionen auf die Politiker zum Beispiel, nicht erkennen,
weiterhin ihren eigenen Anteil am »Bösen« aus Gründen des
Selbstschutzes und der Identitätserhaltung leugnen (nur »die Po-
litiker« sind »böse«, sind automatisch »Charakterschweine« und
wie die Bezeichnungen alle heißen), greifen sie vielfach selbst zur
Gewalt. Die oben erwähnten Aufschaukelungsprozesse, der An-
schein der Erfolglosigkeit, die Unumkehrbarkeit vieler großtech-
nologischer Entscheidungen und ihrer naturzerstörerischen Fol-
gen sowie das Unverständnis vieler Politiker für neue Prioritäten
und Bewußtseinsveränderungen provozieren das Inkrafttreten
dieser Mechanismen zusätzlich. Diese Zuflucht zur Gewalt beim
Versuch, Gewalt zu verhindern, ist aber nicht nur ein politisches
Paradox; sie leitet in aller Regel die Niederlage einer Widerstands-
bewegung ein. Dabei spielt die Gewalt auf der psychischen Ebene
- die Absicht etwa, den politischen Gegner » auf die Knie « zu
zwingen, statt ihm Möglichkeiten zu zeigen, sich ohne Gesichts-
verlust aus einer prekären Situation zurückzuziehen - oft noch
eine größere Rolle als die physische.
So ist es nur folgerichtig, wenn Wolf-Dieter Narr sich in seinem
Appell in gleicher Weise an Demonstranten und Politiker wendet,
ihre Verwicklung in die Gewalteskalation aufzeigt sowie die
zwingenden politischen Gründe für gewaltloses Handeln auf bei-
den Seiten darlegt. Aber noch eine dritte Personengruppe könnte
Narr zufolge erheblich dazu beitragen, daß der Tendenz zur Ge-
waltanwendung bzw. zur Gewalteskalation in akuten Auseinan-
dersetzungen Einhalt geboten wird: die Journalisten. Wenn die
Medien (auf deren Gestaltung sie indessen nur begrenzt Einfluß
haben) statt gewaltförmiger gewaltlose Aktionen und Handlungs-
strategien mit Aufmerksamkeit belohnen würden, entfiele ein we-
sentlicher Anreiz für die ersteren.
Auch in den bei den folgenden Beiträgen - zum linksradikalen
und zum neofaschistischen Terrorismus- wird anhand von Au-
tobiographien und Interviews die These belegt, daß die Erringung
12
von Medienaufmerksamkeit entscheidende Bedeutung für die
Entwicklung politischer Gewaltstrategien hat (S. 81 und S. 106).
Darüber hinaus zeigt Herfried Münkler, in welchem Ausmaß
Hoffnungen auf neue Sinnbezüge, Lebendigkeit und, paradoxer-
weise, Zärtlichkeit den Entschluß bestimmt haben, sich »linken«
terroristischen Gruppen anzuschließen oder sie zu unterstützen -
und wie das Leben im Untergrund gerade diese Hoffnungen und
Mythen allmählich zerstört. Bei beidem spielt der Besitz der
Waffe (sozusagen als Realsymbol der Gewalt) eine entscheidende
Rolle, d. h. die damit scheinbar gewonnene absolute Autonomie
(»Richter, Diktator und Gott in einer Person«) und die Deforma-
tion durch illegalen Waffenbesitz (S. 75 ff.).
Anders als - theoretisch - für die Linksextremisten sind Gewalt
und Kampf für Rechtsextremisten keine Übergangsformen, kein
(angeblich) notwendiges Übel, sondern eine unveränderliche
Konstante menschlichen Seins: Gewalt als Ordnungsprinzip und
als Deutungsmuster, das Verständigung, Gespräch gar nicht erst
aufkommen läßt. Eike Hennig weist darauf hin, daß eine solche
Gewalt-»Philosophie« den lebens geschichtlichen Erfahrungen
Unterprivilegierter entspricht. Ihr politisches Profil erhalten sol-
che Erfahrungen jedoch erst durch die Verknüpfung mit alten
faschistischen Vorstellungen wie der vom »politischen Soldaten«
(Ernst Röhm) und durch die Mund-zu-Mund-Verbreitung einer
volkstümlichen, »positiven« NS-Legende. Mögen Gruppen mit
diesem politischen Profil im Moment auch noch relativ klein sein,
so könnten sie unter veränderten äußeren Bedingungen rasch an
Bedeutung gewinnen, wie Hennig anhand verschiedener Um-
frage-Ergebnisse deutlich macht. Je mehr Anlaß etablierte Politi-
ker zur Wahrnehmung von Differenzen bieten zwischen dem,
was sie in bezug auf Gewalt tun, und dem, was sie sagen, desto
wahrscheinlicher wird es, daß immer größere Teile der Jugend
sich, um der eigenen Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit willen,
auch solchen Gruppierungen zuwenden, die sich offen zur Gewalt
bekennen.
In diesem Zusammenhang ist ein Vergleich mit den Gewaltstra-
tegien der Nationalsozialisten vor 1933 nicht ohne Interesse.
Hans-Gerd laschke und Martin Loiperdinger beschreiben drei
Formen, in denen insbesondere die SA Gewalt ausübte oder - vor
allem - ihre Fähigkeit zur organisierten Gewaltanwendungde-
monstrierte: Die »ästhetische Okkupation« (für jeweils etwa zwei
13
Wochen wurde in einem kleinen ländlichen Gebiet durch zahllose
Versammlungen und eine Art Allgegenwart der Lebensalltag un-
mittelbar nationalsozialistisch geprägt), die »Reichsparteitage« mit
ihrem para-militärischen Gepränge und schließlich planmäßige
und gezielte Überfälle auf Arbeiterviertel dann, wenn die SA
. durch Zusammenziehung großer Verbände eindeutig überlegen
war. Individuelle und spontane Schlägereien versuchte die Partei-
leitung- entgegen gängiger Vorstellungen vom nationalsozialisti-
schen »Kampf um die Straße« - dagegen zu unterbinden, wenn
auch nicht immer mit Erfolg. J aschke und Loiperdinger weisen
jedoch ausdrücklich darauf hin, daß die Nationalsozialisten mit
diesen Methoden nur deshalb ihre Ziele erreichen konnten, weil
Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung schon vor-
her innerhalb des rechten Spektrums weitgehend akzeptiert
war.
Um diese Akzeptanz geht es in den beiden folgenden Aufsätzen,
die Versuche     außerhalb und innerhalb der Schule für
Gewalt zu sensibilisieren und die Fähigkeit zu gewaltlosem Han-
deln zu entwickeln. Reiner Steinweg, Wolfgang Heidefuß und
Peter Petsch verwenden dafür kurze, Gewalt thematisierende
Theaterszenen von Bertolt Brecht, die sie im Rahmen der außer-
schulischen Bildung (aber teilweise schulbegleitend) mit Jugendli-
ehen improvisierend erspielen. Nicht Aufführungen sind also das
Ziel, sondern die Reflexion der Erlebnisse, Wahrnehmungen und
latenten Problembearbeitungen während des Theaterspielens. Be-
reits diese Erlebnis- und Tätigkeitsform, so die These der Auto-
ren, wirkt der Neigung zur Gewalt entgegen, weil sie Sinnbezüge
auf sinnliche Weise vermittelt und zur Reflexion von Alltagssitua-
tionen, Alltagsbewußtsein und routinisiertem Alltagshandeln
provoziert.
Auch Hans-Joachim Rödiger verläßt bei seinem Vorschlag für
eine Unterrichts einheit »Gewalt in uns - Gewalt um uns« in
Oberstufenkursen die Ebene bloßer Textinterpretation bzw. ver-
bindet sie mit Interaktionsspielen. Ausgangspunkt seines Vor-
schlags ist die Überlegung, daß das Thema Gewalt allein dann mit
- nicht nur kognitivem - Erfolg behandelt werden kann, wenn die
verwendeten Texte und Spiele nicht ausschließlich die politisch-
historische, sondern auch die lebensgeschichtliche Dimension be-
rühren, und wenn darüber hinaus die aktuelle Situation des Schü-
lers - also Spuren von Gewalt in der Schule und im Unterricht-
zur Sprache kommt.
Im Allgemeinen Teil des vorliegenden Bandes der Friedensana-
lysen geht es, im Beitrag von Christiane Rajewsky, ebenfalls um
Erziehung gegen Gewalt. Die von ihr vorgestellten, für diese
Zwecke geeigneten Jugendbücher thematisieren jedoch im we-
sentlichen den Irrsinn der zwischenstaatlichen Gewalt und nicht
Gewalt bei innenpolitischen Auseinandersetzungen. Die umfang-
reiche kommentierte Liste enthält im übrigen aus Gründen, die .
die Autorin erörtert (S. 263 f.), keineswegs nur solche Bücher, die
eigens für Jugendliche geschrieben wurden. Gerade beim Lesen
der für Erwachsene verfaßten Antikriegsromane aus der Weima-
rer Zeit können Jugendliche die Sinnlosigkeit des Krieges erleben
und die Faszination der Waffenästhetik und -gewalt überwinden.
Die Einleitung beleuchtet den Hintergrund, vor dem diese und
spätere Bücher entstanden und gelesen wurden - die Kriegspäd-
agogik und kriegsverherrlichende Literatur von der Wilhelmini-
schen Zeit bis heute -, und gibt didaktische Hinweise für die
pädagogische Begleitung der Lektüre.
Der Beitrag von Klaus Ehring und Hans-H. Hücking über die
junge ungarische Friedensbewegung knüpft an den vorangehen-
den Band der Friedensanalysen über die »Neue Friedensbewe-
gung« an. Die Autoren beschreiben anhand authentischer Texte
und Interviews die Tendenzen und Schwierigkeiten einer Frie-
densbewegung, die - anders als in der DDR - nicht auf eine be-
hutsame Unterstützung durch die Amtskirche rechnen kann und
zugleich in Gefahr steht, mit der in Ungarn stärker entwickelten
politischen Opposition identifiziert zu werden und damit an
Möglichkeiten zu verlieren, Einfluß auf die staatliche Friedens-
und Entspannungspolitik zu nehmen.
UteVolmerg
Gewalt im Alltag oder die Ghettoisierung
des Bösen
Wer zum ersten Mal unter einer französischen Kathedrale aus
dem 13. Jahrhundert steht und ihren architektonischen Linien bis
in den Himmel hinauf folgt, wird verwundert sein über die Figu-
ren, die überall waagerecht von der glatten Fassade abstehen und
die senkrechte Linie unterbrechen. Von weitem sieht es so aus, als
seien die Grate, Bögen und Pfeiler mit Stacheln übersät wie die
Haut eines Drachens. Aus der Nähe betrachtet, entpuppen sich
diese Höcker als furchterregende, steinerne Ungeheuer, Drachen,
Löwen und Chimären, die von den Kirchenmauern herabzusprin-
gen drohen. Ihre profane Funktion, das Regenwasser nach außen
abzuleiten (Wasserspeier), verschwindet hinter ihrer sakralen, die
bösen Geister von der Kirche abzuschrecken. Angesichts dieser
Einheit von Göttlichem und Dämonischem stellt sich das Gefühl
auseinanderstrebender Kräfte ein; der Betrachter fragt sich un-
willkürlich, was diese Schreckbilder mit der Kirche zu tun ha-
ben.
Während einer Frankreichreise stellte sich mir der Sinn dieser
Einheit auf eine überraschende Weise szenisch dar: Ich stand am
Fuß der Kathedrale von Troyes und beobachtete, wie eine fran-
zösische Mirage unmittelbar auf die Kirchturmspitze zuzujagen
schien. Als die Mirage die senkrechte Linie des Turmes schnitt,
verschmolz sie für den Bruchteil einer Sekunde mit einem der
Dämonen. Es schien so, als sei er lebendig geworden und flöge
nun mit Überschallgeschwindigkeit vom Kirchendach ab.
Nach wenigen Sekunden verschwand die Mirage am Horizont,
so als sei sie nie dagewesen. Der böse Dämon hingegen hing im-
mer noch da, wo er vorher war. Wie im Zeitraffer war in dieser
Szene die Entwicklung von Jahrhunderten eingefangen. Symbo-
lisch hatte noch einmal der Prozeß stattgefunden, in dem sich das
unverstandene, dämonisierte "Böse« des Mittelalters in das ab-
strakte » B ö s e ~   der Gewaltpotentiale von heute verwandelt hat:
Im Mittelalter waren Raub, Mord, Verstümmelung, Vergewalti-
gung und Unterdrückung an der Tagesordnung; heute haben wir
16
die paradoxe Situation, daß wir uns in unserem Alltag zwar siche-
rer fühlen als die Menschen früherer Zeiten, aber in unmittelbarer
Nachbarschaft von Gewalt- und Zerstörungspotentialen unvor-
stellbaren Ausmaßes leben. Unsere Dämonen hängen nicht mehr
sichtbar am Kirchendach. Das Grauen ist aus der Öffentlichkeit
verbannt, eingebunkert, vergraben und mit Stacheldrahtzäunen
umgeben, es ist in der Tiefsee, im Weltraum und in der Wüste
versteckt, und wo sich Abschußrampen und Atomraketen aus
praktischen Gründen der Kriegsführung nicht verbergen lassen,
werden sie bis zur Unkenntlichkeit getarnt.
Und dennoch beruhen die Dämonen an der mittelalterlichen
Kirche, die das Böse bannen sollten, und die Raketenrüstung auf
demselben uralten Abschreckungsglauben. Er ist keine Erfindung
des Atomzeitalters, sondern läßt sich zurückführen bis auf archai-
sche Kultformen der Naturvölker. Mit Hilfe der nachgeahmten
Schreckensmaske eines bösen Dämons glaubte man, andere böse
Dämonen verscheuchen zu können. Die Menschen der Antike
vertrauten auf die abschreckende Wirkung des Gorgonenhaupts.
Es wurde überall angebracht, wo es einen Schutz gegen Angriffe
von außen aufzurichten galt, an Trinkgefäßen, Waffen, Schildern,
Brunnen, Häusern und Tempeln. Das hervorstechendste Merk-
mal des archaischen Gorgonenhaupts ist die vorgestreckte Zunge.
Hinter dieser Darstellung stand der Glaube, durch den übertrie-
benen Ausdruck von Hohn und Wut die Macht einer unberechen-
baren bösen äußeren Gewalt brechen zu können. Auf diese Weise
wurde das Böse durch die Symbolisierung des Bösen abge-
schreckt. Um es in Schach zu halten, mußte man sich teilweise mit
ihm identifizieren.!
Dieser Abschreckungsglaube ist eines der heidnischen Elemente,
die das Christentum übernommen hat. An der Grenze zwischen
Heidentum und Christentum, Innen und Außen, Weltlichkeit
und Geistlichkeit, Gut und Böse wurde der Dämonenkult inte-
griert, um eben dies Dämonische von der Kirche abzuwehren. Im
Mittelalter fiel diese Grenze zusammen mit der Kirchenmauer.
Wenn wir heute eine mittelalterliche Kirche betrachten, sehen
wir eine Zeit dokumentiert, in der die Menschen in ständiger
Furcht vor »dem Bösen« lebten. Es begegnete ihnen in den unbe-
rechenbaren Affekten ihrer Mitmenschen, denen sie, wenn sie
nicht selbst stärker waren, hilflos ausgeliefert waren. Raub,
Kampf, Jagd auf Menschen und Tiere, das Töten und Verstüm-
meln anderer gehörte zu den besonderen Freuden des mittelalter-
lichen Ritters.
2
»Auch das Leben der Bürger in den Städten war in
einem ganz anderen Maße als in der späteren Zeit von kleinen und
großen Fehden durchsetzt, und .auch hier waren Angriffslust, Haß
und die Freude an der Qual anderer ungebändigter als in der
folgenden Phase ... Raub, Kampf, Plünderung, Familienfehden,
das alles spielte im Leben der Stadtbevölkerung kaum eine gerin-
gere Rolle als im Leben der Kriegerkaste selbst.«3
Die Kirche umgrenzte demgegenüber einen relativ gewaltfreien
Raum. In seiner Architektur und Ausstattung symbolisierte das
mittelalterliche Kirchet+gebäude den Staat Gottes, das heilige J e-
rusalem, in dem andere Gesetze galten als in der feindlichen Um-
welt.
4
Im Prozeß der Zivilisation sind diese Grenzen des gewalt-
freien Raumes immer weiter nach außen verlagert worden. Der
Gottesstaat ist durch den weltlichen Staat abgelöst worden. Er
schützt sich immer noch auf dieselbe magische Weise vor dem
»bösen Feind« außerhalb seiner Grenzen. Anders als den Dämo-
nenfratzen des Mittelalters sieht man den modernen Abschrek-
kungsmitteln »das Böse« allerdings nicht mehr an, das sie ab-
schrecken sollen. Dafür sind sie um so wirksamer geworden. Sie
sind glatt, ästhetisch, dem Zwecke des Tötens angepaßt; sie schei-
nen mit den Leidenschaften der Menschen, mit Haß, Wut, Grau-
samkeit und der Angst davor nichts zu tun zu haben. Sie erschrek-
ken nicht mehr durch ihr Äußeres, sondern durch ihre todbrin-
gende Ladung. Darin ist unser Zeitalter weniger abergläubisch als
das Mittelalter. Und dennoch sollen sie nur symbolische Funktion
haben, wie die Abschreckungstheoretiker behaupten. Man stelle
sich einmal vor, die Gewalt, die in einer Pershing-Rakete steckt,
würde bildlich dargestellt, entsprechend der griechischen Sage
vom Haupt der Medusa, dessen Anblick alles zu Stein verwan-
delte. Wie müßte ein Bild aussehen, das dies Zerstörungspotential
verdeutlichte? Unsere Phantasie reicht nicht aus, sich das auszu-
malen. Die modernen Massenvernichtungsmittel haben jeden Be-
zug zu menschlichen Dimensionen, menschlichen Gefühlen, Er-
fahrungen und Vorstellungen verloren.
Frühere Zeiten symbolisierten das Unheil durch ein gefährliches
Tier, dessen Gesicht meist menschliche Züge des Hasses und der
Angriffslust trägt. Drei solcher Chimären hüten den Glocken-
turm von Notre-Dame. Sie verweisen auf einen unberechenbaren,
unstillbaren wilden Tieranteil des Menschen, von dem Vernich-
18
tung befürchtet wurde. In der Mythologie und im Märchen sind
es meist mehrköpfige Schlangendrachen, die diese Bedrohungs-
phantasie verkörpern. Ihre Wut und ihre Gefräßigkeit lassen sich
nur zeitweise mit dem Opfer einer Jungfrau befriedigen. Dabei
scheint es so, als ob das Leben, das sie verschlingen - bevor es
. wiedergeboren werden konnte,..-, sich im wuchernden Wachstum
ihrer Köpfe zerstörerisch reproduzierte. Jeder Kopf, der ihnen
abgeschlagen wird, wächst zweifach nach. Das Wachstum heuti-
ger Gewaltpotentiale ist jener Hydra nicht unähnlich. In unserer
technisierten und scheinrationalen Sprache und Vorstellungswelt
sind es aber nicht mehr gefährliche Schlangenköpfe, die befriedigt
werden, sondern Lücken, die gefüllt werden müssen, etwa Ab-
schreckungslücken und Gesetzeslücken. Und wo immer eine
Lücke beseitigt wurde, ist es wie im Märchen - es wächst eine
neue nach. Es ist schwer, hinter dieser abstrakten »Lücken«-Lo-
gik das eigene »Untier«, die menschliche Gewalt und unsere
Angst davor noch zu erkennen.
Der gleiche Prozeß der Desymbolisierung der Gewalt läßt sich
auch im Inneren der Gesellschaft beobachten. Parallel zur Ab-
grenzung des Staates gegenüber gewaltsamen Einbrüchen von au-
ßen sind im Inneren der Gesellschaft Gewaltmonopole entstan-
den, die den Menschen vor der Bedrohung durch den Menschen
schützen. Norbert Elias beschreibt diesen Prozeß der Zivilisation
als Monopolisierung der körperlichen Gewalttat durch staatliche
Institutionen:
»Der Alltag wird freier von Wendungen, die schockartig hereinbrechen.
Die Gewalttat ist kaserniert; und aus ihren Speichern, aus den Kasernen,
bricht sie nur noch im äußersten Falle, in Kriegszeiten und in Zeiten des
gesellschaftlichen Umbruchs, unmittelbar in das Leben des einzelnen ein.
Gewöhnlich ist sie als Monopol bestimmter Spezialistengruppen aus dem
Leben der anderen ausgeschaltet; und diese Spezialisten, die ganze Mono-
polorganisation der Gewalttat, steht jetzt nur noch am Rande des gesell-
schaftlichen Alltags Wache als eine Kontrollorganisation für das Verhalten
des einzelnen. Auch in dieser Form, auch als Kontrollorganisation, hat die
körperliche Gewalt und die Bedrohung, die von ihr ausgeht, einen bestim-
menden Einfluß auf den einzelnen in der Gesellschaft, er mag es wissen
oder nicht. Aber es ist nicht mehr eine beständige Unsicherheit, die sie in
das Leben des einzelnen hineinträgt, sondern eine eigentümliche Form
von Sicherheit.«5
Diese Sicherheit beruht darauf, daß wir als Gewalt häufig nur
noch das identifizieren, was die Kontrollorganisation durch-
bricht, wenn die Dämme nicht halten und die Affekte sich unmit-
telbar Ausdruck verschaffen. Dabei sieht es so aus, als seien nicht
wir, sondern die Sicherheitssysteme dafür verantwortlich, die ver-
sagt haben. So ist es auch das technische Versagen, vor dem wir in
unserem Alltag am meisten Angst haben, sei es nun das Versagen
des Autos, des Abschreckungssystems oder des Körpers, dessen
Belastungsgrenze erreicht ist. Lebten die Menschen früher in der
Angst vor der unberechenbaren und willkürlichen Gewalt des
anderen und seiner Affekte, scheint es heute der Zufall zu sein, der
unser Leben bedroht. Die Anonymisierung der körperlichen Ge-
walttat in den Gewaltapparaten hat zur Folge, daß auch im Alltag
die Gewalt als ein Ding erscheint. Weil Apparate keine Affekte
haben können, sieht es so aus, als habe ihre Gewalt mit den Men-
schen nichts zu tun.
An·einem einfachen Beispiel kann man sich das klarmachen. Ein
Autounfall ist ein Autounfall, nichts weiter. Wegen überhöhter
Geschwindigkeit aus der Kurve getragen, heißt es. Daß Aggressi-
vität im Spiel war, Aggressivität gegen sich selbst oder gegen an-
dere, kommt nicht ins Bewußtsein. Daß es einen Fahrer gegeben
haben muß, der Gefühle hatte, mit denen er 'sein Fahrzeug
steuerte, wird meist vergessen. Vielleicht war er wütend oder ge-
kränkt und gab deshalb soviel Gas; vielleicht wollte er am liebsten
jemanden umbringen; vielleicht war er aber auch verzweifelt und
in seinem Selbstwertgefühl so niedergedrückt, daß er keinen an-
deren Ausweg wußte, um sich seinen Problemen zu entziehen;
vielleicht wollte er aber auch sich und anderen Stärke beweisen.
Was auch immer die Motive und Gefühle sind, die zu einem Un-
fall führen, in der Zeitung oder in der Verkehrs statistik erscheinen
sie nicht. Danach sieht es vielmehr so aus, als sei die Gewalt auf
der Straße eine unausweichliche Folge der Verkehrsdichte, tech-
nisch unzulänglicher Autos oder der Tatsache zu verdanken, daß
sich immer noch nicht genügend Autofahrer anschnallen. Die öf-
fentliche Sprachregelung macht die » Tücke« des Objekts oder der
Organisation zur Ursache des Unglücks. Dabei ist es doch nur
unsere eigene »Tücke«, die uns das Objekt falsch bedienen ließ.
So werden Denk- und Sprachschemata eingeübt, die die mensch-
liche Ursache der Gewalt systematisch verleugnen,.
Dasselbe technische Verständnis prägt unser Verhältnis zum ei-
genen Körper. Auch er wird (in der vorherrschenden Medizin)
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wie ein Apparat behandelt, dessen Funktionsstörungen beseitigt
werden müssen. Diese werden als Folgen äußerer Einwirkungen
auf einzelne Organe aufgefaßt, als Infektion, Erkältung oder Ver-
letzung, nicht aber als Ausdruck seelisch-körperlichen Unbeha-
gens. Hat der Körper versagt, muß er schnellstens repariert wer-
den, damit er ebenso reibungslos funktioniert wie zuvor. Warum
er gerade das nicht mehr wollte, ist eine unzulässige Frage, die
allzu weitreichende Konsequenzen haben könnte. So wird dem
Körper zweimal Gewalt angetan: durch die Ursache der Krank-
heit und durch die Behandlung.
Die Beispiele zeigen, daß Gewalt im Alltag eher als »Betriebsun-
fall« der Sicherheitssysteme aufgefaßt wird denn als Ausdruck
menschlichen Fühlens und Handeins. Entsprechend wird damit
umgegangen. Die Spuren solcher »Betriebsunfälle« werden
schnell beseitigt: das Unfallopfer in die Klinik, den Wagen auf den
Schrottplatz, den Kranken ins Krankenhaus, den Kriminellen ins
Gefängnis. Wenn »das Böse« trotz aller Sicherheitsvorkehrungen
sich in aller Öffentlichkeit doch einmal Bahn bricht, stehen die
»Wärter« bereit, um die Spuren zu beseitigen. Die Täter und Op-
fer werden an den Rand unserer Existenz, ins Ghetto, abgeführt.
In dem Sinne, daß sie die öffentliche Sicherheit gefährdet haben,
sind sie beide schuldig. Das Unglück wird isoliert und in Gebäu-
den verwaltet, denen man von außen nichts ansieht. Wir brauchen
uns jedenfalls nicht mehr damit auseinanderzusetzen. Die Wellen
schlagen über dem »Unfall«, der, wie das Wort schon sagt, gar
kein Fall war, zusammen, und das Alltagsleben geht weiter, als
wenn nichts gewesen wäre.
In die .Angst vor dem Zufall hat sich jene ursprüngliche Angst
vor der unberechenbaren Gewalttätigkeit des Menschen geflüch-
tet, unter der die Zeitgenossen früherer Jahrhunderte gelebt ha-
ben. Heute erscheint der Zufall als Täter. Unsere Angst hat keine
Sprache und kein Objekt mehr und ist uns selber daher unver-
ständlich geworden. Der Zufall ereilt uns. Weil er keinen persön-
lichen Täter hat, hat er auch kein individuelles Opfer. Er meint
niemanden Bestimmtes. Der Zufall bedroht alle und niemanden.
Die eigene Betroffenheit wird so zu einer statistischen Größe. Die
Möglichkeit, daß ein Atomreaktor schmilzt, ein Satellit vom
Himmel fällt, wir bei einem Autounfall ums Leben kommen oder
Opfer eines Dritten Weltkrieges werden, läßt sich mit »an Sicher-
heit grenzender Wahrscheinlichkeit« berechnen. Unsere Sicher-
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heit heißt (statistische!) »Unwahrscheinlichkeit«. Dahinter ist das
Bewußtsein verlorengegangen, daß alle diese Gewaltapparate nur
dazu da sind, den Menschen vor seiner ursprünglichen eigenen
Gewalttätigkeit zu schützen; und daß, wenn sie als Sicherheitssy-
steme versagen, es nichts als die eigene Gewalt ist, die uns
trifft.
Der einzige Bereich, in dem Gewalt noch unverhohlen als zwi-
schenmenschliche Gewalt auftreten darf, ist die Privatsphäre der
Familie. Nur noch die Kinder sind Affekten und Gewaltneigun-
gen schutzlos ausgeliefert. Daß davon rücksichtslos Gebrauch ge-
macht wird, deutet die Zahl mißhandelter Kinder an. Der Begriff
»Dunkelziffer« sagt zugleich, unter welchen Bedingungen Gewalt
in der Familie zugelassen ist: unter der Bedingung, daß sie nicht in
der Öffentlichkeit, sondern im »dunkeln« stattfindet und dort
auch bleibt. So darf man seine Kinder mißhandeln, sich aber nicht
erwischen lassen. Ein allgemein geteilter Konsens sichert die Pri-
vatsphäre der Familie als letztes Refugium der Gewaltanwendung
für den einzelnen ab. Das Kind, das morgens blau geschlagen in
die Schule kommt, hat sich gestoßen. Die Kollegin, die der Arbeit
fernbleibt, ist krank, obwohl ihre Familienverhältnisse Schlimme-
res nahelegen. Solange die Erklärungen mit den öffentlichen
Sprachregelungen noch in Einklang gebracht werden können,
mithin das Tabu der Gewalt nicht verletzt wird, dürfen Menschen
verletzt werden. Es scheint um die Sprache zu gehen, nicht um die
Gewalt. Bezeichnend hierfür sind die Bemühungen, den anti-
quierten Begriff der »elterlichen Gewalt«, der doch die Erfahrung
sehr genau trifft, aus dem juristischen Vokabular zu streichen.
Würden wir nach der Sprache gehen, käme Gewalt im Alltag
praktisch nur als legitime Gewalt staatlicher Institutionen und
(noch) als elterliche Gewalt in der Familie vor. Worin sind solche
extrem entgegengesetzten Bereiche wie etwa Gefängnis und Fa-
milie vergleichbar? Gewalt findet beide Male unter Ausschluß der
Öffentlichkeit statt. Hinter verschlossenen Türen haben Willkür
und Affekte Spielraum, vorausgesetzt, daß die Verletzungen nicht
sichtbar werden. Jeder weiß, daß es dabei zu sogenannten Über-
griffen kommt - das gehört zur Wirksamkeit der Gewaltinstitu-
tionen sozusagen dazu: Man muß Angst haben, ihnen »in die
Hände zu fallen«. Das Risiko soll für den Angreifer »kalkuliert
untragbar« sein, heißt es dazu in der Abschreckungslogik der Rü-
stungsstrategen. Dazwischen aber, zwischen diesen Ghettos, ist
22
das Alltagsleben planiert als eine Sicherheitszone, in der Gewalt
nicht mehr vorzukommen scheint, in der wir auf unsere Gewalt-
bedürfnisse verzichtet haben, um der größeren Sicherheit willen,
die uns die Gewaltinstitutionen des Staates garantieren.
Erst in jüngster Zeit machen die Aktionen von Bürgerinitiativen,
Hausbesetzern oder Rüstungsgegnern unübersehbar darauf auf-
merksam, daß an dieser Rechnung etwas nicht stimmt. Sie bringen
ins Bewußtsein, daß Gewalt längst stattgefunden hat, noch bevor
die entsprechenden Gruppen in ihrem Protest zum Knüppel oder
zum Pflasterstein greifen. Sie weisen mit ihren Aktionen darauf
hin; daß das, was wir als Sicherheit und Ordnung zu identifizieren
gewohnt sind, auf einer Gewalt beruht, die uns letztlich das Leben
kosten kann, das zu schützen sie doch vorgeben.
Manch einem erscheint die Auseinandersetzung absurd und lä-
cherlich, die sich z. B. an der Frankfurter Startbahn West exem-
plarisch nachvollziehen läßt. Nicht zufällig geht es dabei um den
Baum. Da versuchen Leute ein Waldstück zu erhalten, wO es um
das ökonomische Überleben der Bundesrepublik, ihre internatio-
nale Konkurrenzfähigkeit und »Solvenz« geht. Die Bäume im
Mörfelder Wald - immerhin sind es mehrere Hunderttausend-
stehen gegen die Sicherheit und Zukunft der Arbeitsplätze im
Rhein-Main-Gebiet und in der Bundesrepublik, so heißt es von
seiten der Hessischen Regierung. Die Startbahn-Gegner halten
dies für eine falsche Alternative. Denn wo soll das hinführen,
wenn das Funktionieren der Gesellschaft nur um den Preis der
Vernichtung unserer natürlichen Lebensgrundlagen aufrechter-
halten werden kann, oder, wie die Friedensbewegung argumen-
tiert, wenn Sicherheit nur garantiert werden kann, indem man
seinen eigenen Selbstmord vorbereitet. Für die Startbahn-Gegner
ist der Prozeß der Zivilisation als Beherrschung innerer und äu-
ßerer Natur selbst an eine Grenze gestoßen: die N atur. Wo Natur
vernichtet wird, vernichten wir uns selbst.
Für andere, die in den Institutionen die Entscheidungen treffen,
ist es noch lange nicht soweit. Sie gehen mit Natur um, als sei sie
immer noch der unerschöpfliche Rohstoff, den unser Fort-
schrittsglaube voraussetzt, obwohl doch Umweltkatastrophen,
Lebensmittelvergiftungen, wissenschaftliche Gutachten wie etwa
Global 2000 und auch die persönliche Erfahrung etwas anderes
lehren. Es ist soweit, daß wir die Kosten der Zivilisation am eige-
nen Leibe zu spüren bekommen. Sei es, daß in unserer Nathbar-
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schaft ein Kernkraftwerk gebaut wird, Abschußrampen installiert
werden oder der Wald vernichtet wird, der als Wasser- und Sau-
erstoffspeicher für unser Überleben unersetzlich ist.
Deshalb geht es bei der Startbahn um mehr· als nur um die
Bäume, die da stehen. Es geht um »den Baum« schlechthin, der in
früheren Zeiten der Naturreligionen die mystische Einheit des
Menschen mit der Natur symbolisierte. Wenn sich heute Men-
schen wieder um einzelne Bäume kümmern, sie benennen, sie
versorgen, ja sogar ihr Leben symbolisch mit einem Baum yerbin-
den, um ihn vor dem Tod zu bewahren, so mutet das an wie ein
Versuch der Wiederbeseelung der Natur. In den Bäumen, in de-
nen heute die Startbahn-Gegner sitzen, wohnte in Zeitaltern ma-
gischen Denkens oder wohnt noch heute bei den Naturvölkern
die Tiernatur des Schamanen.
6
Bäume durchmaßen symbolisch
alle Schichtender menschlichen Existenz, weil sie mit den Wur-
zeln in die Unterwelt und mit der Krone in den Himmel ragten.
Nach beiden Seiten hin war das Erleben für die Naturvölker of-
fen. Der Übergang zwischen Zivilisation und Natur, Ordnung
und Chaos, Diesseits und Jenseits war fließend und wurde durch
Rituale·im Bewußtsein offengehalten.
Als der christliche Kolonisator, Bonifatius, Hand an einen Baum
legte, um die heidnische Religion zu erschüttern und die Herr-
schaft des Christentums zu begründen, legte er auch Hand an die
Einheit des Menschen mit der Natur. Er bewies mit der Axt gegen
die Wotanseiche, daß der Baum nicht beseelt war; Wotans Blitz,
den »die Heiden« fürchteten, blieb aus. Von heute aus betrachtet,
wissend, wie die Entwicklung bis zum Kampf um den Baum im
Mörfelder Wald weiterging, ist zu fragen, ob das Christentum
nicht ein verhängnisvolles Mißverständnis eingeleitet hat. Der
magische Glaube von der Beseelung der Natur war konkret, doth
mußte er so konkretistisch verstanden werden, wie es von Boni-
fatius überliefert ist? Die Frage nach richtig oder falsch wurde mit
der Axt entschieden. Da die unmittelbaren Folgen ausblieben, galt
die Natur als ohnmächtig und der Glaube an die Naturgewalt als
widerlegt. Ähnlich würde es sicher auch im Mörfelder Wald zu-
gehen. Zunächst einmal geschieht nichts. Was macht das schon,
, wenn ein paar Bäume mehr oder weniger abgehackt werden?
Jährlich fallen wesentlich mehr Bäume dem Eigenheimbau zum
Opfer, als der Startbahnbau kostet - so die Argumentation des
hessischen Ministerpräsidenten in seiner Regierungserklärung.
Kein Blitz ist vom Himmel herabgefahren; die Natur rächt sich,
wie wir inzwischen wissen, auf andere Weise: unauffällig, stetig
und mit Konsequenz. Nicht, daß hier für eine erneute Personali-
sierung der Naturgewalt plädiert werden soll. Wir wissen es ja
inzwischen besser und wissenschaftlich fundiert, daß wir selbst
Teil der Natur sind, eines großen Öko-Systems, in dem kein Ein-
griff ohne Konsequenzen bleibt. Unser Handeln hat einen
Schneeballeffekt, und die Folgen sind unübersehbar. Der Traum
von der globalen Reichweite und Wirksamkeit menschlichen
Handeins ist wahr, aber auf andere Weise als gewünscht. Heute
sind wir mit den unbeabsichtigten vernichtenden Folgen unseres
Umgangs mit der Natur konfrontiert. Und dennoch ist ein Um-
denken nicht in Sicht, trotz täglicher Horrornachrichten in den
Medien. Vom Standpunkt der heutigen Öko-Wissenschaft hat das
magische Denken gar nicht so unrecht: Die Natur rächt sich,
Sünden gegen die Natur werden von der Natur geahndet. Diese
Erfahrung faßte 1855 der Indianerhäuptling Seattle in einem Brief
an den amerikanischen Präsidenten in ein eindrucksvolles Bild:
»Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört der Erde: Das
wissen wir. Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie
vereint. Alles ist verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne
der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur
eine Faser. Was immer ihr dem. Gewebe antut, das tut ihr euch selber
an.«7
Die Kritik der Aufklärung an der Personalisierung der Naturge-
walten hat den Blick auf den wahren Kern der Naturreligionen
versperrt: Der Mensch als Naturwesen ist den gleichen Gesetzen
unterworfen wie die Natur außer ihm, und er ist von ihr abhängig.
Die Natur ist nicht gut und nicht böse, sondern Leben und Tod.
In den Fruchtbarkeits-Initiationsriten der Naturvölker wurde
beides als Einheit symbolisch nachvollzogen. Der Tod war nicht
die bose Gewalt, die von außen als >,Sensenmann« an die Tür
klopft, wenn es im Leben eines Sünders, aus welchen unberechen-
baren Gründen auch immer, soweit ist. Der Tod war auch kein
Versagen der Natur, wie es im heutigen Alltagsbewußtsein ver-
standen wird. Tod und Leben, Gut und Böse waren Natur glei-
chermaßen, mit der sich der einzelne in mystischer Teilhabe iden-
tifizierte. So sterben die Schamanen der Naturvölker in ihrem
Leben dreimal: bei der Geburt, bei der Initiation, d. h. der rituel-
len Einführung des Jugendlichen ins Erwachsenenleben, und bei
ihrem wirklichen Tod. In manchen Bräuchen, Fastnachts- und
Ernteritualen, hat sich die Darstellung einer ursprünglichen Ein-
heit des Menschen mit der Natur über die Jahrhunderte - wenn
auch unbegriffen - bis heute erhalten:
»Noch gegen Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stürmten
im Lötschental am Sonntag vor der alten Fastnacht die Masken wie die
Stiere brüllend durch das Dorf, in welchem um ein Uhr nachmittags alle
Häuser verrammelt worden waren. Ließen sich eine Frau, ein Kind oder
ein jüngerer Bursche sehen, so   ihnen die Masken einen Aschen-
sack um den Kopf, und insbesondere die jungen Mädchen wurden mit
einer Rußaufschwemmung, Jauche oder mit Blut bespritzt. Dies waren
indes verhältnismäßig milde Bräuche, die in früheren Zeiten sehr viel
wilder und rauher gewesen waren, als noch ausgeraubt, zerstört und ge-
plündert wurde.
Derlei findet man heute noch 'in Afrika. Nachdem die Initianden (mvon)
im südlichen Kamerun auf qualvolle Weise durch einen etwa fünfzehn
Meter langen Tunnel gerobbt und gerutscht sind, befinden sie sich >drau-
ßen<, außerhalb jeder Ordnung. Alle Arten von Plünderung, Raub und
Überfall sind ihnen nunmehr gestattet ( .... ) Sie haben das Recht, jede
Frau totzuschlagen, die sich in ihre Nähe wagt, oder besser gesagt, sie
können dies ohne weiteres tun, da sie jenseits aller Normen, jenseits von
Gut und Böse stehen.«8
In diesen Bräuchen und Riten wurde die Grenze zwischen Natur
und Zivilisation symbolisch aufgehoben, wobei die Menschen in
der Tiergestalt selbst jenen unberechenbaren, vernichtenden und
todbringenden Anteil auslebten, den sie der Natur zuschrieben
und an dem sie als Naturwesen teilhatten: Heute weisen wir die-
sen vernichtenden Anteil anonymen Mächten zu: der Gesell-
schaft, der Rüstungsdynamik, der ökonomischen Notwendigkeit,
den Sachzwängen, den Staus auf den Autobahnen, dem techni-
schen Fortschritt oder wie unsere Götter auch sonst immer hei-
ßen. Die Naturgötter sind zu Zivilisationsgöttern geworden; sie
sind in unserem Bewußtsein nicht weniger mächtig.
Im Prozeß der Zivilisation ist uns die äußere Natur und zugleich
'unsere innere Natur fremd geworden. Wir befinden uns heute in
der Lage jenes Fischers, der wie im Märchen Der Fischer und der
Geist am Ufer steht und in seinem Netz einen gefährlichen Fang
zutage fördert. Er ist ungewöhnlich schwer und entpuppt sich als
eine Flasche, die mit einem Siegel und dem magischen Zeichen
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Gottes verschlossen ist. Der Fischer öffnet sie in der Erwartung,
etwas Wertvolles zu finden. Der Flasche entströmt ein unsichtba-
res Gas, das sich zur Gestalt eines Geistes verdichtet, der die
Sonne   .. Mit donnernder Stimme kündigt er an, den
Fischer töten zu wollen. Der Fischer verlangt Aufklärung über
diese Undankbarkeit, worauf er und der Leser des Märchens eine
Lektion über die Dynamik abgespaltener Gefühlsanteile erhalten,
die zu lange unter Verschluß gehalten wurden:
,.Vernimm, du kleines Menschenkind, eine gute Nachricht: du hast mich
aus einer langen Gefangenschaft befreit. Ichgehöre zu den abtrünnigen
Geistern, und .weil ich Salomo, den großen Propheten, einst beleidigte,
verbannte er mich in dieses Gefäß und drückte den Namen Gottes darauf.
Nachdem ich zweihundert Jahre darin geschmachtet hatte, beschloß ich,
den reich zu machen, der die Flasche finden und öffnen würde. Aber es
kam niemand. Es verging abermals dieselbe Zeit, und ich beschloß jetzt,
meinem Befreier alle Schätze der Welt zu geben; wieder meldete sich
keiner, der sich diese verdienen wollte. Da schwur ich, daß derjenige, wer
es auch sei, der mich einst befreie, sofort des Todes sterben soll, und das
bist du. Darum mache dich fertig, denn ich will dich erwürgen.«9
Wäre der Geist früher befreit worden, hätte er seinen Wohltäter
noch mit Gold und Silber belohnt. So lange eingesperrt, hat er
jedoch nur noch Vernichtung im Sinn.
Psychoanalytisch interpretiert, läßt sich das Bild vom Geist in
der Flasche als eine Warnung vor der kollektiven Verdrängung
unserer eigenen unkontrollierten Natur verstehen. Wir haben ge-
lernt, Gefühle nur soweit zuzulassen, soweit sie sich kontrollieren
lassen, der Rest wird abgespalten und verbannt. Der Prozeß der
Zivilisation hat auf der einen Seite zur Monopolisierung der Ge-
walt in äußeren Institutionen, auf der anderen Seite zur Verleug-
nung und Tabuierung unserer individuellen Gewaltneigungen ge-
führt. Mit der Institutionalisierung der Gewalt sind sie jedoch
nicht automatisch verschwunden. Sie führen, eingekerkert in der
Flasche, in die sie unsere psychische Kontrollorganisation ver-
bannt hat, ihr Eigendasein. Das abgespaltene Produkt ist hochex-
plosiv, um so mehr, als es in der Öffentlichkeit keine Repräsen-
tationschancen mehr hat. Aus der Sprache und von den modernen
Kirchendächern verdrängt, führen die ,.Chimären« und »Dämo-
nen« ihr Eigenleben tief unter der Oberfläche unseres Bewußt-
seins. Weil wir keine Sprache mehr für sie haben, lassen sie auch
nicht mehr mit sich reden.
Durch die List der Vernunft läßt sich der böse Geist im Märchen
noch einmal überwältigen. Er verschwindet erneut in die Flasche,
um dem ungläubigen Fischer zu beweisen, daß er zuvor darinnen
gewesen war. So entkommt der Fischer dem sicheren Verderben,
und es wendet sich alles noch einmal zum Guten. Abgespaltene
mächtige Gefühlsinhalte sind dumm, sie lassen sich manipulieren,
und sie werden destruktiv, je länger. sie unter Verschluß gehalten
werden, sagt das Märchen. Zu Anfang wollte der ~ i s t noch seine
Macht zum Guten einsetzen, je länger er jedoch in der Flasche
schmachtete, desto größer wurde seine ohnmächtige Wut, die,
schließlich entfesselt, Mord bedeutete. Unsere Ohnmacht und
unsere Wut sind in den. Apparaten eingeschlossen, in den Ver-
nichtungsapparaten und in unserem »psychischen Apparat«. Wo-
vor wir am meisten Angst haben, ist, daß sie eines Tages befreit
werden könnten, durch einen Zufall, einen »starken Mann« oder
etwas anderes, das sich nicht vorhersehen läßt. Die Angst vor der
eigenen Unberechenbarkeit wird dabei projiziert auf die Unbere-
chenbarkeit der jeweiligen Gegner: der Polizei oder der Demon-
stranten, der Russen oder der Amerikaner. Deshalb können wir
unsere Waffen nicht abschaffen, weil man ja nie weiß, ob der
andere diese Schwäche nicht ausnutzen wird, und der nimmt mit
der gleichen Berechtigung dasselbe von uns an. Einig sind sich
alle, niemand will gewaltsame Auseinandersetzungen, die aber
zugleich alle vorbereiten, jeder gegen den aggressiven, feindseli-
gen, gewalttätigen und unberechenbaren Anteil des anderen. Die
Errimgenschaften der Zivilisation haben diesen Anteil nicht besei-
tigen können und auch nicht die Angst davor. Sie werden es auch
in Zukunft nicht können. So scheint mir der einzige Weg, sich mit
ihm vertraut zu machen, d. h., die Verbindung aufzunehmen mit
dem »Bösen« und der Gewalttätigkeit, die in uns ist. Nur auf diese
Weise könnten wir von der Angst vor der eigenen Unberechen-
barkeit befreit werden und von dem Zwang, sie beim anderen
wütend zu bekämpfen.
Anmerkungen
1 Paulys Realenzyklopädie der klassischen AltertuinswissenschaJt, hg.
von Wilhe1m Kroll,   ~ Bd., Stuttgart 1972, S. 1648 ff.
2 Norbert Elias, Der Prozeß der Zivilisation, Frankfurt 1977, Bd. I,
S.266.
3 Ebenda, S. 273.
4 Guenter Bandmann, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträ-
ger, Berlin 195 I.
5 Norbert Elias (s. Anm. 2), Bd. 2, S. 325.
6 Hans Peter Duerr, Traumzeit, Frankfurt 1978, S. 84.
7 Zit. nach Der Spiegel, Nr. 35, 1982, S. 89·
8 Hans Peter Duerr (s. Anm. 6), S. 53/54.
9 Märchen aus IOOI Nacht, Bayreuth, 1963, S. 66.
Wolf-Dieter Narr
Demonstranten, Politiker (Polizei)
und Journalisten
Zwölf Thesen zur Gewalt
1. Annahmen, die die Ausgangs- und Bezugspunkte
deutlich machen
These I: Demonstrationen wenden sich gegen Gewalt. In ihnen
ereignet sich Gewalt. Demonstrationen werden durch Gewalt ein-
geschränkt, verhindert und verstellt.
Minderheiten vor allem benutzen Demonstrationen, um ihre In-
teressen sichtbar zu machen, um Hörer, Seher, um Weiterträger
zu gewinnen. »Das Maß ist voll!« so lautete jüngst (Anfang No-
vember 1982) ein Flugblatt der Berliner »Instandbesetzer und ih-
rer Unterstützer«, mit dem sie zu einer Demonstration gegen
staatliche Gewalt aufriefen. »Mit geziehen Lügenkampagnen von
Senat und Springerpresse werden besetzte Häuser diffamiert, kri-
minalisiert und geräumt«, heißt es da weiter. »Unser Widerstand
ist nicht gebrochen! Lummers Krawall-Linie muß gestoppt wer-
den!« Deshalb: »Wir rufen auf zur Großdemonstration«; und
weiter: »Laßt Eurer Phantasie freien Lauf, damit's eine pfunds-
Demo wird!«
Politische Instanzen, nicht selten von den angerufenen Gerich-
ten unterstützt, wenden sich ihrerseits gegen Demonstrationen,
wenn sie befürchten zu müssen meinen, daß es dort zu Gewalt-
handlungen der Demonstranten, zu Gefährdungen der »öffentli-
chen Sicherheit und Ordnung« kommt. »Das Verbot« der in
Brokdorf geplanten Demonstration von Kernkraftgegnern, so der
Landrat des Kreises Steinburg am 2J. Februar 1981 in einer »All-
gemeinverfügung«, ist erforderlich,
»weil bei einer Durchführung von Aufzug und Versammlung unter freiem
Himmel gegen das Kernkraftwerk Brokdorf nach den gegenwärtig er-
kennbaren Umständen die öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittel-
bar gefährdet ist. Der Schutz der öffentlichen Ordnung umfaßt unter an-
derem [sowohl] den Schutz von Leben und Gesundheit des einzelnen als
auch den Schutz der gesamten Rechtsnormen. Diese Rechtsgüter würden

bei Durchführung einer Versammlung/Aufzug gegen das Kernkraftwerk
Brokdorf mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit verletzt
werden.«
Und der 12. Senat des Oberverwaltungsgerichts zu Lüneburg se-
kundiert in seinem wenige Tage später erfolgenden Beschluß und
seiner Begründung:
»Bei seiner Beurteilung des Sachverhalts geht der Senat davon aus, daß der
größte Teil der Demonstrationsteilnehmer in friedlicher Weise ihrer
Überzeugung Ausdruck geben wollen, daß sie allergrößte Sorge wegen
der Energieerzeugung durch Atomkraft haben. Die Anzeichen dafür, daß
die Demonstration von einer großen Anzahl von Teilnehmern nicht fried-
lich und unter Gewaltanwendung durchgeführt werden soll, sind jedoch
so deutlich, daß die Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung
unübersehbar sind.«
Aber auch wenn Demonstrationen nicht von vornherein verboten
werden, weil sie dem Versammlungsgesetz widersprechen oder zu
widersprechen scheinen, durch das das Grundrecht auf Demon-
stration (Art. 8, Absatz 1 des Grundgesetzes) eingeschränkt ist,
werden sie polizeilich aufbereitet, begleitet, kontrolliert und gege-
benenfalls zerstreut. Die vom zuständigen Innenminister als über-
wiegend friedlich bezeichnete Demonstration in Kalkar vom Sep-
tember 1977 umfaßte nach innenministeriellen Schätzungen
30000 Teilnehmer. Im »unmittelbaren Einsatzraum« waren fast
8000 Polizisten eingesetzt, an besonderen Kontrollstellen noch
einmal 4500. Noch nicht genannt sind die Polizisten an Ausfall-
straßen und in anderen Bundesländern. Immerhin wurden insge-
samt nahezu 1 50 000 Personen und rund 75 000 Fahrzeuge kon-
trolliert, wurden 99 Personen vorläufig festgenommen und über
8000 Gegenstände »sichergestellt«.
Welch ein Aufwand. Mag er, politisch-polizeitaktisch gesehen,
die »öffentliche Sicherheit und Ordnung« erhöhen, so verstärkt er
doch zweifelsohne zugleich den öffentlichen Gewalteinsatz und
vergrößert die Wahrscheinlichkeit, daß es zu Scharmützeln aller
Art zwischen Demonstranten und polizeilichen Kontrolleuren
kommt. Viele Demonstrationen sind deswegen auch weniger da-
durch bekannt geworden, wogegen die Demonstranten oder wo-
für sie sich einsetzten, als durch das Faktum »Gewalt«.
Wer also von Demonstrationen handelt, muß auch von Gewalt
sprechen. Von welcher Gewalt aber? Wie soll man im Irrgarten
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wechselseitig sich ausschließender Ansprüche zu Recht finden?
Wie soll man sich nur einigermaßen stimmig informieren? Denn
die Medien, die uns die Nachrichten zutragen, als ob wir selbst bei
den Demonstrationen gewesen wären, sieben nicht selten nur die
Ereignisse heraus, die »Hauen und Prügeln«, Steine- und Tränen-
gaswerfen zeigen.
So besteht das erste Gebot darin, sich so genau wie möglich zu
informieren und sich nicht durch Schlagworte oder Schlag-Bilder
die eigene An- und Einsicht verstellen zu lassen.
Das z w ~ i t   Gebot aber lautet: Niemand soll sich daran hindern
lassen, genau zu prüfen, worum es in einer Demonstration ging
oder geht, auch dann, wenn »Gewalt« vorausgesagt wird oder
tatsächlich ausgeübt wurde. Erst wenn man begreift, wie es zu
einer Demonstration und eventuellen Gewalthandlungen kam,
von wem immer sie ausgeübt worden sein mögen, ist man auch in
der Lage zu beurteilen, wie die Gewalt zu bewerten und wem sie
zuzuschreiben ist. Gewalt ist immer der Endpunkt einer Ereignis-
kette, die man kennen muß, will man sich nicht vom »schlagen-
den« Augenblick zu falschen Folgerungen vedühren lassen.
Dem zweiten gesellt sich das dritte Gebot: Was zu verschiede-
nen Zeiten und von verschiedenen Gruppen als Gewalt verstan-
den wird, ist sehr unterschiedlich. Man darf sich also durch das
Etikett Gewalt, das möglicherweise von interessierter Seite einer
bestimmten Handlung verliehen wird, nicht auf eine falsche
Fährte locken lassen. Diese Warnung soll nicht besagen, man
solle, man dürfe es mit »der Gewalt« leichtnehmen. Im Gegenteil.
Aber gerade deswegen besteht eine große Sorgfalts- und Differen-
zierungspflicht. Jede und jeder, die Gewalt beurteilen, müssen
auch die eigenen Karten ihrer Wert- und Urteils kriterien offen-
legen.
Gewalt, wie sie in den folgenden Thesen überwiegend verstan-
den wird, meint vor allem physische Gewalt. Physische Gewalt
tut dem anderen direkten Harm an, sie verletzt sie oder ihn in
ihrer/seiner körperlichen Unversehrtheit. Dieser Gewaltbegriff
ist sehr eng, zu eng. Eher indirekte und sublimere Formen der
Gewalt dürfen nicht unterschlagen werden. Dennoch mag er für
die Erörterung der Gewalt im Umkreis der Demonstrationen ge-
nügen. Physische Gewalt ist dem Phänomen der Demonstration
verschwistert. Beiden eignen die Merkmale: direkt, unmittelbar,
greifbar, sichtbar, fühlbar. Beide sind deswegen Formen des Han-
delns, die leicht ineinander übergehen zu können scheinen. Und
trotzdem, so lautet die Hauptthese der kommenden verdichteten
Erörterung: Physische Gewalt ist in jeder Form Feind der De-
monstration.
Gerade weil physische Gewalt von innen und
außen sperren und sprengen kann, ist der jeweilige Produktions-
zusammenhang von Gewalt zu untersuchen: Aufgrund welcher
längerfristig wirkenden Bedingungen und infolge welcher kurz-
fristigen Anlässe ist sie zu verstehen? Zugleich ist Vorsicht gebo-
ten. Viele Beobachter lassen sich von der Unmittelbarkeit von
Gewalthandlungen verführen. Derjenige, der aktuell Gewalt übt,
ist oft weniger verantwortlich als der, der im Hintergrund ver-
bleibt und keinen Stein wirft. Außerdem hört man gerade, wenn
Gewalt sich ereignet, sehr häufig den Ausruf »Haltet den Dieb!«
bzw. den Gewalttätigen - gerade von denjenigen, die von ihrer
eigenen Beteiligung am »Gewaltspiel« ablenken möchten.
Ich werde an dieser Stelle die Ätiologie, sprich: den Ursachen-
zusammenhang, der Gewalt nicht zu ergründen suchen. Statt des-
sen werde ich mich darauf beschränken, Kriterien einer erforder-
lichen politischen Moral und einer moralischen Politik zugleich
zu erinnern. Demokratie und Demonstrationen als ihre Unruhe
können nur überleben, wenn die »realpolitische« Trennung zwi-
schen Politik und Moral nicht mitvollzogen. wird, der die Spal-
tung zwischen »privatem« und »öffentlichem« Verhalten, zwi-
schen »privater« und »öffentlicher« Rechtfertigung vorausgeht
und folgt.
Die Adressaten der folgenden Überlegungen sind in erster Linie
diejenigen, die sich an Demonstrationen beteiligen, weil ihre In-
teressen in Verfahren und Entscheidung zu wenig berücksichtigt
wurden. Nicht jedes demonstrativ bezeugte Interesse läßt sich
freilich demokratisch adeln. Demokratisch wirken demonstrierte,
in unterschiedlicher Form nicht berücksichtigte und unterdrückte
Interessen nur, wenn ihre Verwirklichung nicht Diskriminierun-
gen anderer Gruppen oder Minderheiten nach sich zieht. In zwei-
ter Linie zielen die Erwägungen auf Politiker (in Gefolge
auf Polizisten) und Journalisten, die ihrerseits am Verlauf von
Demonstrationen und ihrem friedlichen oder gewalthaitigen Cha-
rakter größeren Anteil haben, als sie in der Regel einzuräumen
bereit sind. Während ich zu Teilnehmerinnen und Teilnehmern an
Demonstrationen, denen es in Form und Inhalt um demokratisch
37
ausweisbare Ziele geht, ohne Vorbehalt und Schwierigkeit spre-
chen kann, gilt dies für die anderen Adressaten nicht im gleichen
Umfang. Machtgewinn oder Machterhalt, nicht Machtabgabe und
Reduktion sind die üblichen Motive von Politikern - insbeson-
dere, wenn sie staatliche Ämter bekleiden. Verborgen und mehr
oder minder stark können ihnen Demonstrationen, die nicht Ma-
nifestationen bestehender Politik sind, kaum genehm sein, wie oft
sie auch den Grundsatz der Demonstrationsfreiheit betonen
mögen. (Gerade um den »Grundsatz« zu »retten«, werden sie
deswegen aktuell immer wieder Einschränkungen bestimmter
Demonstrationen oder Auflagen für alle befürworten.) Diese Ver-
mutung gilt auch für viele Journalisten, deren Publikationsorgane
dafür sorgen, daß sie sich eher wie herrschaftsverständige Nach-
richtenschenke benehmen denn als Vertreter möglichst vollstän-
diger und das heißt zugleich kritischer Information.
Es wäre naiv, die Augen vor diesem Sach- bzw. Personenverhalt
zu verschließen. Dennoch will ich gerade auch die Politiker und
die Journalisten, die staatliche Positionen vertreten, an dem Por-
tepee fassen, das sie sich selbst unter Berufung auf das Grundge-
setz anlegen. Ich gehe vom Als-ob eines demokratisch-liberalen
Grundkonsenses aus, obwohl gerade die Demonstrationen der
letzten 10 Jahre und ihre politisch-publizistische Behandlung der
faktischen Gegebenheit eines solchen Grundkonsenses wider-
sprechen. Als nicht ausgrenzender müßte er über die etablierten
Parteien hinausgehen. Als ob die Grundrechte gälten ...
These 2: Demonstration und Demokratie gehören zusammen.
Selbst im besten Fall einer demokratischen Gesellschaft, der sich
auf Erden ereignen könnte, werden Interessen von Gruppen und
einzelnen voneinander abweichen. Und es wird immer erneut
Konflikte zwischen solchen Interessen geben. Weil aber einmal
bestehende gesellschaftliche Institutionen dazu neigen, zu erstar-
ren und nur noch bestimmten Interessen zu dienen, ist die außer-
institutionelle Form, ist die Demonstration als eingerichtete
Nichteinrichtung unabdingbar.
Demonstrationen sind zwar auch in »Massengesellschaften«,
also gesellschaftlichen Einheiten, in denen viele Menschen zusam-
menleben - Hunderttausende, ja Millionen -, kein Ersatz für den
Konflikte behandelnden und lösenden 1y1echanismus archaischer
Gesellschaften: das Palaver. Aber Demonstrationen sind Signale
dafür, daß verschiedene Formen von Palaverersatz geboten sind.
Sie zeigen an, daß die üblichen Formen, mit deren Hilfe Interes-
sen ausgesprochen werden und zur Geltung kommen, nicht mehr
ausreichen.
Deswegen ist demokratisch eine radikale Freiheit des Demon-
strieren-Könnens geboten. Dem Grundrecht auf Demonstra-
tionsfreiheit ist vom Bundesverfassungsgericht »konstitutive Be-
deutung« beigemessen worden. Die Versammlungsfreiheit dient
demzufolge im Sinne des Grundgesetzes
»der freien Entfaltung der Persönlichkeit des einzelnen und trägt der Tat-
sache Rechnung, daß der einzelne nicht ein isoliertes Individuum ist, son-
dern sich auch in Gemeinschaft mit mehreren Menschen durch kollektives
Handeln entfaltet« (v. Münch/Maunz-Dürig-Herzog-Scholz). »Alle
Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis fried-
lich und ohne Waffen zu versammeln.« (Artikel 8 Satz I des Grundgeset-
zes)
Die einschränkende Gesetzgebung, die aufgrund von Art. 8 Satz 2
möglich ist und im Versammlungsgesetz erfolgte, ist hinsichtlich
der Art der Einschränkung verfassungsrechtlich umstritten; von
einem substantiellen Verständnis der Demokratie aus, wie es
letztlich auch dem Grundgesetz vorgegeben ist und in den
Grundrechten sich ausdrückt, insbesondere den Artikeln 1 und
20, ist die Art der Beschränkungen systematisch unzulässig. Sie
schränkt den ungeplanten, den spontanen Charakter von Demon-
strationen ein; sie leistet dem Mißverständnis Vorschub, eine
»Versammlung im Freien« müsse immer durch einen »Leiter«
ausgewiesen sein (vgl. § 14 Versammlungsgesetz); sie ermöglicht
schließlich, ohne zureichende Kriterien eine Versammlung zu
verbieten, »wenn nach den zur Zeit des Erlasses der Verfügung
erkennbaren Umständen die öffentliche Sicherheit oder Ordnung
bei Durchführung der Versammlung oder des Aufzugs unmittel-
bar gefährdet ist« (§ 15. Versammlungsgesetz). Wie einschränkend
dieser Paragraph 15 gefaßt ist, hat der seinerzeitige Innenminister
Lehr während der dritten Lesung des Gesetzes am 6. Mai 1953
eingeräumt:
»Die Rechte der Polizei, eine Versammlung oder einen Aufzug zu verbie-
ten, sind im Entwurf abschließend geregelt.( ... ) Nun haben Sie also ein
einheitliches, übersichtliches Recht geschaffen. Es kann insbesondere
39
nicht mehr mit der polizeilichen Generalklausel ( ... ), vorgegangen wer-
den. Die einzige (!) Ausnahme betrifft Aufzüge und Versammlungen un-
ter freiem Himmel. Hier ist ein § 15 mit neuem Wortlaut geschaffen wor-
den, der in groben Zügen der Generalklausel entspricht und in diesem
Falle auch bitter nötig ist.«
Demonstrationen, »Aufzüge und Versammlungen unter freiem
Himmel«, werden als geplant und ordnungsgemäß veranstaltete
und mit einem Leiter ausgerüstete, d. h. autoritär gestaltete Auf-
märsche mißverstanden. Demonstrationen werden zuerst unter
der Perspektive polizeilicher Aufgaben betrachtet. Diese Konzep-
tion der Demonstrationen herrscht bis heute vor: Sie verkennt
den Charakter von Großdemonstrationen, wie sie in der Bundes-
republik seit Ende der sechziger Jahre vorkommen, und sie sperrt
sich gegen deren oft antiautoritäre, nicht straff durchorganisierte,
nicht von vornherein berechenbare Form. Gerade als solche of-
fene Form kommt die Demonstration aber erst zu ihrem demo-
kratischen Begriff: als jeweils unterschiedlicher, nicht institutio-
nalisierter Ausdruck der Volkssouveränität.
II. Teilnehmer an Demonstrationen müssen an der
Gewaltfreiheit ein starkes Interesse haben.
These 3: Teilnehmer an Demonstrationen müssen schwer verein-
bare Eigenschaften aushalten.
Wer sich nicht ärgert oder ängstigt, wer nicht seine besondere
Sympathie für eine Sache oder Person ausdrücken will, wird kaum
in einer Demonstration mitgehen. Und doch ist zugleich Selbst-
disziplin der Demonstrierenden erlorderlich. Sie wollen auf etwas
aufmerksam machen, auf einen Skandal hinweisen, Nicht-De-
monstrierende anregen und überzeugen. Über die große Zahl der
Beteiligten wollen sie Druck auf diejenigen ausüben, die einem
beklagten Mangel abhelfen können. Aber die Demonstration
selbst verändert nichts. Sie setzt nur ein Zeichen. Diese ihre
Grenze ist zu beachten. Darum Selbstdisziplin. Denn beachten
die Demonstrierenden diese Grenze nicht, verliert die Demon-
stration ihren offenen, ihren appellativen Charakter. Entgegen ih-
rem Interesse, zu werben und Druck ohne Sanktions gewalt aus-
zuüben, fordern sie Widerstand, ja weitere Begrenzungen her-
aus.
Die Eigenschaften »Ärger« und »Disziplin« sind schwer auf ei-
nem Tandem zu vereinigen. Ähnliches gilt für die Eigenschaften:
sich zu wehren, sich nichts gefallen zu lassen auf der einen und
doch die Vergeblichkeit vieler Appelle ertragen zu können auf der
anderen Seite (»Frustrationstoleranz«). Beide aber sind gleicher-
weise erforderlich. Viele lassen sich in ihren eigenen Bedürfnissen
so unterdrücken, enteignen und hilflos machen, daß sie gesell-
schaftliche Unbill nur noch passiv ertragen. Gerade dagegen gilt
es> die Einrichtung von Demonstrationen unterscl;Iiedlicher For-
men hochzuhalten und zu benutzen. Auch Streiks zählen hierher.
Zugleich aber gehört, wie schon bemerkt, zur Demonstration,
daß sie in aller Regel ihren Zweck nicht, jedenfalls nicht unmit-
telbar und sofort erreicht. Er mag vieler Demonstrationen bedür-
fen. Und die Erfolge mögen lange gering ausfallen. Sie mögen vor
allem nicht faßlich sein wie reife Früchte im Herbst. Diese kann
man sehen, greifen, schmecken ...
Wie soll man aber die Angst, daß jeder Widerstand zu spät
kommt, daß die ökologische Zerstörung nicht wiedergutzuma-
chen ist, daß die Rüstung eine solche Eigendynamik entfaltet, daß
sie zum Krieg treibt, wenn nicht jetzt und hier Änderungen, Um-
kehr erfolgen - wie soll man solche Angst mit der Aufforderung
vereinbaren, »Geduld und kleine Schritte sind's, die zählen«?
Denn: »Wer über gewissen Dingen den Verstand nicht verliert«,
so wußte schon Gotthold Ephraim Lessing, »hat keinen zu ver-
lieren«. Er droht zum Biedermann oder sie droht zur Biederfrau
zu werden, die so lange harmonisierend und betulich an den Ge-
fahren mitwirken, bis es zu spät ist, die Gefahren zu bekämpfen.
Aber gilt nicht zugleich: Wer in schwierigen Zeiten den Kopf
nicht benutzt, verliert ihn gerade dann, wenn er/sie ihn am mei-
sten brauchte?
Es gibt keine bruch- und spannungslose Auflösung dieser ver-
schiedenen Eigenschaftspaare, von denen jeweils beide Elemente
erforderlich sind. Schwer ist es, sich demokratisch zu verhalten,
und alles andere als selbstverständlich, wenn Eile nottut. Deswe-
gen ist es auch so wichtig, sich der Schwierigkeiten >,in der eigenen
Seele« bewußt zu sein, Schwierigkeiten aller anderen, die da de-
monstrieren zugleich (und auch vieler, die nicht teilnehmen). Nur
so kann man hoffen, die Spannung produktiv zu ertragen, ohne
»auszurasten« oder zu resignieren.
Sich demokratisch, gerade indem man demonstriert, zu verhal-
ten, wird noch schwerer. Das Ziel entzieht sich oft, wird fern,
obwohl es heute doch schon erreicht sein müßte. Im Gegenteil.
Die Hindernisse vor dem Ziel werden vergrößert. Kernkraft-
werke werden gebaut, Kanäle gezogen, neue Waffen entwickelt,
die Waffenarsenale vergrößert, Häuser, die man gerade instandbe-
setzen wollte, angerissen oder teuer »umgewidmet«: Vor allem
aber: Bestehende Interessen, repräsentiert von staatlichen oder
auch anderen Institutionen und ihren Vertretern, nehmen De-
monstrationen, die sich gegen sie richten, nicht mit verschränkten
Armen zur Kenntnis. Sie suchen sie, wenn schon nicht zu verhin-
dern, so doch zu behindern. Zuweilen könnte man geradezu von
einer Sabotage der herrschenden Verhältnisse reden. Sie reichen
bekanntlich tief in uns selbst hinein, in unsere eigenen Widersprü-
che, in unsere privaten und öffentlichen Verkehrsformen zu-
gleich.
Es bleibt nichts anderes, sosehr man die Gründe auskundschaf-
ten mag, sosehr der schwarze Schuldpeter den herrschenden Ver-
hältnissen und ihren Vertretern immer erneut zuzuschieben ist:
Von Teilnehmern an Demonstrationen wird viel, wird mehr ver-
langt. Man darf sich die eigenen Ansprüche nicht herunterhandeln
lassen oder sie selbst rationalisierend verwässern, so wie dies lau-
fend mit den politischen Versprechungen und Ansprüchen hier-
zulande geschieht, die rasch zu Discountpreisen gehandelt wer-
den. Da geht es allenfalls noch um Glaubwürdigkeit, vielmehr um
die beste Art, wie man suggerieren könnte, eigenes Verhalten sei
zuverlässig, »glaubwürdig«. In diesem Sinne müssen Demon-
stranten »Gesinnungsethiker« sein, Leute, die ihre Sache radikal
ernst nehmen, wenn es beispielsweise um Frieden geht. Zugleich
aber gilt es unablässig, des strikten Zusammenhangs von Zielen
und Mitteln eingedenk zu sein. Unabdingbar ist, daß neben dem
inhaltlichen Ziel (beispielsweise die »Nachrüstung« zu verhin-
dern) das prozeßförmige nie verloren geht. Das inhaltlich ausge-
wiesene Ziel kann nur erreicht werden, wenn man letztlich auf die
Überzeugung noch nicht gleichgesinnter Menschen setzt, welche
bunten Mittel man immer dazu verwenden mag, um Überzeu-
gung auch unKonventionell zu initiieren. So gesehen ist das, was
unter »Verantwortungsethik« zu verstehen ist, zu verfolgen. Eine
Verantwortung ohne genau angegebene »Gesinnung« macht diese
leer, sie gerät zur Attitüde, zur leeren Geste. Eine "Gesinnung«
ohne Verantwortung läßt notfalls die »Tugend durch den Schrek-
ken herrschen« und enträt des demokratisch strikten Bezugs.
These 4: Gerade weil Demonstrieren so spannungsreiche Eigen-
schaften erfordert, individuell und kollektiv, gerade weil Demon-
strationen so oft von außen bedroht sind und keinen (unmittelba-
ren) Erfolg zeitigen, liegt Gewalt nahe im Verhaltensarsenal von
Teilnehmern an Demonstrationen. Aber sie zahlt sich nicht aus.
»Es ist der größte und verhängnisvollste Irrtum zu glauben, daß
durch Gewaltfreiheit und Friedfertigkeit in jedem Fall ,Gutes<
erreicht wird und der Gegner sein Verbrechen unterläßt«, so er-
mahnt im Januar 1981 die Zeitung des BBU-Itzehoe und Bewe-
gung Weiße Rose:
»Viele gut gemeinten Initiativen der Gegenwart richten das Gegenteil an.
( ... ) Mit dem Faschismus und insbesondere mit dem Atomfaschismus
kann ein Mensch sich nicht geistig auseinandersetzen, weil er ungeistig ist.
Die Sprüche vom Recht auf Widerstand müssen jetzt von jedem eingelöst
werden. Worte und Taten müssen nun zusammenkommen! ... «
Gewalt, so scheint es, ist vonnöten, um das ökologische oder das
friedenspolitische Ziel zu erreichen. Die herrschenden Verhält-
nisse können nicht durch Reden ins Wanken gebracht werden.
Hinzu gesellt sich das subjektive Gefühl, endlich etwas tun zu
können, wenn man einen Stein wirft. Das Gefühl der Ohnmacht
lichtet sich wenigstens vorübergehend. Statt weiterzurennen; hält
man an und wirft. Ein befreiendes Gefühl, das Gefühl eines
neuen, eines anderen Selbstbewußtseins mag sich vorübergehend
einstellen. Im Moment der Gewalthandlung jedenfalls. Da wird er
(sie) selbst »gewaltig«. Fast könnte man hier und dort - nicht bei
den meisten, aber offen bei wenigen, verborgen bei gar nicht so
wenigen einzelnen und Gruppen - von einer »Ekstase der Ge-
walt« und des dabei freigesetzten, die Ohnmacht abstreifenden,
die Wut veräußerlichenden Gefühls sprechen. Von einer heimli-
chen Lust zu dieser "Ekstase«.
Und dennoch, behaupte ich, zeichnet sich die Qualität von De-
monstrationen strikt gesehen in der Perspektive derjenigen, die an
Demonstrationen teilnehmen, durch den Grad aus, bis zu dem es
den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gelungen ist, von sich aus
Gewalt zu vermeiden. Warum sich Gewalt für diejenigen, die an
43
Demonstrationen sich beteiligen, solange sie substantiell demo-
kratische Ziele verfolgen, nicht »auszahlt«, soll an einer etwas
systematisch markierten Latte von Argumenten erhellt werden.
Nicht unerheblich, aber unzureichend sind taktische Argu-
mente:
(r) Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind in ihren Gewalt-
mitteln den Vertretern des staatlichen Monopols physischer Ge-
waltsamkeit systematisch unterlegen. Selbst wenn es ihnen ge-
länge, hier oder dort eine Polizei-Hundertschaft in die Flucht zu
schlagen, einzelne Polizisten davonzujagen, Zäune umzuwerfen
oder auch nur »massenhaft« Fenstersplitter zu erzeugen, wäre mit
diesen »Erfolgen« nichts erreicht. Die Niederlage gegenüber dem
Monopolinhaber ist programmiert. Die Konfrontation mit den
Vertretern des Gewaltmonopols, in der Regel also mit der Polizei,
schwächt dieses Monopol nicht. Es stärkt dasselbe in Mitteln und
taktischer Finesse - vom Legitimationseffekt zu schweigen, siehe
(3). Das Argument des systematischen Kräfteungleichgewichts
und der daraus zu ziehenden Folgerungen der Vermeidung direk-
ter Konfrontation mag in Extremsituationen vorübergehend au-
ßer Kraft zu setzen sein (Beispiel Faschismus). Dieser Zustand
darf aber nicht, fahrlässig verzerrend, vorweg angenommen wer-
den. Außerdem gilt auch dann: Wenn schon nicht die andere
Seite, so müssen doch die eigenen Kräfte kalkuliert werden. Allzu
oft sind auch in Widerstandssituationen zu höheren (aber nicht
spezifisch mit den Umständen vermittelten) Zwecken sinnlos
Menschenopfer erbracht worden.
(2) Wenn es im Verlauf von Demonstrationen zu Gewalthand-
lungen kommt, gewinnt in aller Regel die »andere Seite«. Nicht
allein aufgrund ihrer physischen Überlegenheit. Die Demonstra-
tion verliert vielmehr die Werbekraft ihres Zieles. Bürgerinnen
und Bürger, die vielleicht davon hätten überzeugt werden kön-
nen, daß eine andere Energie- und Wirtschaftspolitik vonnöten ist
und Kernkraftwerke nicht mehr gebaut werden dürfen, werden
nun abgeschreckt. Die Demonstration verschlingt ihre eigenen
»Kinder«. Deshalb überrascht es nicht, daß von diesen Demon-
strationen interessegeleitet nur so berichtet wird, als hätten sie aus
einem einzigen Knäuel von Gewalt bestanden. Das ursprüngliche
Ziel, um dessentwillen dieDemonstrationsteilnehmer zusammen-
gekommen sind, tritt zurück hinter der in Berichterstattung und
Diskussion zusätzlich verstärkten Gewaltwolke. Mit anderen
44
Worten: Wenn auf Demonstrationen Gewalthandlungen sich er-
eignen, lachen diejenigen Interessenvertreter, die dem Demon-
strationsziel abhold sind, sich - verborgen - ins Fäustchen.
(3) Je mehr man auf Demonstrationen Gewalthandlungen ge-
wärtigen muß, desto mehr findet ein Sortierungsprozeß unter
denjenigen statt, die sich demonstrierend zusammentun. Schon
die massierte polizeiliche Begleitung macht vielen, die teilnehmen
(wollen), verständlicherweise Angst. Manche, die bei solchen De-
monstrationen dabeibleiben, werden übrigens gerade von ihrer
Angst ver.anlaßt, dieselbe nach außen zu wenden und irgend etwas
»Gewaltiges« zU tun (diesen Aspekt der Entstehung von Gewalt
bei Demonstrationsteilnehmerinnen/-teilnehmern gilt es zu erin-
nern). Viele, die »an sich« mit dem Ziel der Demonstration sym-
pathisieren, die »an sich« auch bereit sind, sich für die von ihnen
geteilten Ziele zu engagieren, werden davon abgehalten, sich zu
beteiligen. Schon um den ablehnungswürdigen Ausleseprozeß
zwischen denjenigen, die etwas ängstlicher sind (oder sich ihre
Angst eher zugeben), und denen, die etwas mutiger sind (oder
vielleicht auch etwas unbedachter), nicht selbst zu befördern,
müssen Mit-Geher an Demonstrationen alles tun, sie friedlich zu
halten, sprich keine anderen denn gewaltfreie Mittel auch des zi-
vilen Ungehorsams einzusetzen. Wer einen Darwinismus der
Angst oder des Muts befördert, in dessen Verlauf nur die »Kühn-
sten« »überleben«, schädigt in Form und Inhalt, individuell und
kollektiv demokratische Belange.
Diese vergleichsweise vordergründig bleibenden Argumente
werden durch substantielle untermauert und verstärkt:
(4) Peter Brückner hat zusammen mit Barbara Sichtermann ein-
mal formuliert, »Linke« - solche also, die die Sache von Freiheit,
Gleichheit und Solidarität (Geschwisterlichkeit) radikal ernst
. nehmen - müßten sich durch eine besondere Form der» Tötungs-
hemmung« auszeichnen. Selbst in Gedanken an ihre Gegner, ja,
im Hinblick auf ihre Feinde hätten sie in Gegnerschaft und Haß
das Wissen nicht auszulöschen, daß jede und jeder andere - wel-
che schreckliche Rolle er/sie auch immer spiele (»Charakter-
maske«) - ein verletzbares, nicht ersetzbares Individuum dar-
stelle, unterschieden von der Rolle, die sie bis zur Ununter-
scheidbarkeit ausfüllten.
Eine solche Einstellung und ein entsprechendes Verhalten fallen
manchmal schwer. Sehr schwer. Und dennoch sind sie unabding-
45
bar und immer zu begründen und zu erwerben. Wie die »Tö-
tungshemmung« gilt, gilt auch die Auflage einer »Gewalthem-
mung«. Sie liegt der »Tötungshemmung« voraus; sie gleitet in
diese über. »Linke«, also   die den strikten Zusammenhang
humaner Ziele und humaner Mittel kennen, kennen müssen,
können sich an der verführerischen Ästhetik der Gewalt
nicht erbauen. Sie können ihr nicht trauen, indem sie auf
ihre vernichtende, ihre unterdrückende Lösungskraft setzen.
»Schwarz«-»Weiß«, »legitime«-»illegitime« Gewalt, »Bulle«-
»Demonstrant« usw.: Schon die Sprache verrät und lockert
den Gewaltgriff, weil »der andere« immer ein Stück oder gar
total entmenschlicht (dargestellt) wird. Darum ist auch der Feind-
Begriff für »Rechte« so anziehend. Ihnen fällt es demgemäß leicht,
Personen, die sich nicht nach dem herrschenden Leisten mes-
sen lassen, auszugrenzen bis hin zur physischen Vernichtung.
Der Vorstufen aber sind viele. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
an Demonstrationen, die menschliche Unterdrückung in ihren
vielgestaltigen Formen hier oder dort anzeigen und demonstrie-
rend überwinden wollen, sind von ihrer Sache her gezwungen, die
Integrität jedes Menschen, seine Unverletzlichkeit also, seine
leichte Verletzbarkeit vielmehr, ernst zu nehmen. Prinzipiell wie
die eigene. Es mag dennoch Zeiten und Situationen geben, in de-
nen Gewalt nicht vermeidbar ist, in denen man Schuld auf sich
lädt, wenn man weiterhin keine Gewaltmittel einsetzt. Und solche
Zeiten und Situationen gibt es heute in nicht wenigen Ländern. Sie
sind auch in Deutschland nicht lange vorbei und erneut vorstell-
bar. Aber auch dann gilt die human unabdingbare Tötungs- und
Gewalthemmung, die jede Zuwider-Handlung unter den dauern-
den und unmittelbaren Druck, sich zu rechtfertigen, stellt.
(5) Die Gewalthemmung, die Gewaltvermeidung ist nicht allein
wegen der Sache, im Hinblick auf den Zweck der Demonstration
erforderlich. Am meisten ist sie letztlich für die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer an Demonstrationen selbst vonnöten, für ihre
eigene Integrität, ihr eigenes Selbstbewußtsein. Bekannt ist die
biblische Formulierung: »Wer das Schwert nimmt, wird durch
das Schwert umkommen.« Diese Formulierung ist nicht äußer-
lich, sie ist psychologisch zu Wer das Schwert nimmt,
wird selbst »schwerthaft«. Er verliert den anderen aus den Augen,
macht ihn zum Objekt, zum Projekt, er verliert sich selbst aus
dem Sinn, ändert seinen Sinn, wird zum Schwertführer, zum
Sachwalter. Die mimetische, die Nachahmungs- und Reproduk-
tionsgefahr aller Auseinandersetzungen um Herrschaft und mit
Gewalt ist oft beschrieben worden. Die Geschichte ist ein Fried-
hof entsprechender Erfahrungen, sprich der Vergeblichkeit, mit
der ehedem Unterdrückte Herrschaft und Gewalt durch neue
Formen des Umgangs zu ersetzen versuchten, um sich nicht
durch den Kampf um Herrschaft und Gewalt den bestehenden
Formen anzugleichen. Aus Knechten werden Herren; sie schaffen
Herrschaft nicht ab, sie verdrängen nur die alten Inhaber.
Deswegen ist die Erinnerung an diesen mächtigen sozialen An-
gleichungsmechanismus wachzuhalten, so daß sie gegenwärtig
werde. Diesem Angleichungsmechanismus, daß man selbst Ge-
walt übt, obwohl man doch gerade gesellschaftlich-gesellige Ver-
hältnisse ohne Gewalt erreichen will, daß man konventioneller
noch den Krieg vorbereitet, weil man (subjektiv glaubhaft) den
Frieden will, ist fast nicht zu entkommen. In seinem Gedicht An
die Nachgeborenen hat Brecht die Schwierigkeit vorgestellt:
»Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.«
Die Zeiten waren seinerzeit noch finsterer, in und um Deutsch-
land jedenfalls. Die Schwierigkeit, der man so schwer entrinnen
kann, besteht jedoch auch heute. Handelt es sich doch weniger
um eine subjektive Anstrengung, die, da wir alle Kinder der ge-
genwärtigen Verhältnisse sind, schwer genug fallen mag. Bloße
Torheit wäre es, die Umstände zu vergessen, die uns, gewaltig
(strukturell) und gewalttätig in unser Leben eingreifend, umste-
hen. Wir leben mitten in Gewalt. Solche Torheit mag sogar
schuldhaft sein.
47
Aber die prinzipiell erforderliche Gewalthemmung ist dennoch
um unserer selbst willen unabdingbar (nicht Gewaltvermeidung
um jeden Preis, aber der Preis muß sehr hoch sein, der die Ver-
meidungshaltung aufgeben lassen könnte). Gleichfalls die An-
strengung, freundlich zu sein, wenn man freundliche Verhältnisse
schaffen möchte. Gerade das haben gegenwärtige »alternative«
Versuche erkannt, daß man gesellschaftliche Änderungen nicht in
»subjektive« und »objektive« Etappen aufspalten kann: erst die
ökonomischen Änderungen, dann die der Verhaltens- und Be-
wußtseinsweisen von Personen; erst die Herrschaft übernehmen,
dann allmählich demokratische Prozesse in Gang setzen; erst die
»Zukunft« gewinnen, dann mit dem »Leben« beginnen ... Eine
Kette von (kollektiven) Selbsttäuschungen. Deswegen gilt es
auch, Gewalt, wenn irgend möglich, zu vermeiden. Denn das Mit-
tel der Gewalt läßt sich nicht wie ein einfaches Werkzeug aus der
Hand legen. Das Mittel der Gewalt gewinnt eine Eigendynamik,
es schlägt zurück auf den Zweck; es wird der Zweck. Und es
verändert uns: insgeheim erst, dann deutlich, bis wir der Gewalt
bedürfen wie einer Droge. Bommi Baumann, Hans-Joachim
Klein und andere haben diese Faszination und diese Veränderung
beschrieben. Sie gilt aber auch für »harmlosere Formen«. Sie stel-
len Anfänge dar. Hans-Joachim Klein berichtet:
»Endlich waren Genossen/innen in der BRD dazu übergegangen, die
Waffen der Kritik auch in die Sprache der Waffen umzusetzen. Ich ver-
stand und akzeptierte voll und ganz ihre Entscheidung, dies nun zU,tun.
Der Frust der legalen politischen Arbeit, den ich Tag für Tag erlebte, war
die Grundlage für mein Urteil. Egal, was du angehst und machst, das
System lacht dich aus und läßt dich von seinen hilfswilligen Bütteln ver-
prügeln, in Knast werfen oder erschießen wie einen Benno Ohne-
sorge.«
Wenig später berichtet Klein dann über den Effekt der »Mit-
tel« :
»Nun war es nicht so, daß ich allein auf Waffen abfuhr, die da wie Altar-
beigaben vor uns lagen. Jeder schnallte sich die Dinger um oder hängte sie
über die Schulter und veranstaltete einen Scheinkrieg damit. ( ... ) Die
Waffen, das war ein Stück Macht. Von ihnen ging eine Faszination aus, die
sich nur schwer beschreiben läßt, die uns aber alle in ihren Bann zog. Hat
man so ein Ding erst mal, treten neue Verhaltensweisen bei einem ein; man
verändert sich.«
Und Bommi Baumann bestätigt:
"Du bildest einfach nur noch solche Raubtierinstinkte aus. Du läufst
nachher nur noch wie ein Revolvermann. ( ... ) Ein Mann, der mit der
Knarre rumläuft, der verlagert seinen Mittelpunkt zur Waffe hin, da wo
du sie trägst, das ist dein Mittelpunkt ... Diese irrsinnige Anspannung
den ganzen Tag über, das sind alles Sachen, die kommen fürchterlich
zusammen am Schluß, wenn in den Gruppen keine Sensibilität mehr da
ist. Nur noch rigides Weitermachen, der totale Leistungsdruck, der geht
immer weiter, der wird immer schlimmer, bis dann an irgendeiner Stelle
ein Typ zusammenbricht, da macht er nicht mehr mit, da kann er nicht
mehr. ( ... ) Zu anderen Leuten hast du nur noch einen Sachkontakt ...
Du wirst wie der Apparat, den du bekämpfst, zum Schluß hat er dich
eingeholt.«
Extreme Formen gewiß, aber damit nicht abzutun. Sie zeigen in-
dividuelle, sie zeigen kollektive (Selbst-)Zerstörungsprozesse. Sie
belegen das, was als mimetische Gefahr bezeichnet worden ist.
Der »Apparat«, wie Bommi Baumann formuliert, "hat dich ein-
geholt«. Die befreiende Wirkung, die der erste Steinwurf erzeu-
gen mag, das "gute Gefühl« - sie täuschen. Schon zu Beginn ber-
gen sie die Gefahr in sich, daß man nur mit einem Minuszeichen
versieht, was gemäß den bestehenden Verhältnissen positiv ge-
wertet wird. Die schlechterdings entscheidende Rechtfertigung
aber, die allen in Form und Inhalt demokratischen Demonstratio-
nen eignet, ihre Rechtfertigung als Bewegung gegen alle Gewalt,
die unterdrückt, geht dabei selbst in der eigenen »Seele« verloren
- das gute Gewissen derjenigen, die an Demonstrationen sich be-
teiligen, das wahrhaft befreiende. Statt dessen breitet sich ein ver-
borgenes Herrschaftsmotiv aus, das auch die eigene Gruppe, die
eigenen »Verkehrsformen«, durchdringt bis hin zur Gewalt zwi-
schen Männern und Frauen!
These 5: Nachbemerkung: Die Aufforderung zur qualifizierten
Gewaltfreiheit darf nicht mißverstanden oder mißbraucht wer-
den. Die Forderung der Gewaltfreiheit, prinzipiell und strikt mit
aktuellen Konsequenzen, gilt selbstverständlich auch für den Um-
gang mit denjenigen unter den Demonstrationsteilnehmern, die
Gewalt üben.
Ein bestrafendes Verhalten ist abzulehnen, das solche Mit-Läufer
von Demonstrationen herausgreift und ihnen bestimmte Gewalt-
49
handlungen, weil sie »erwischt« worden sind, oberflächlich zu-
rechnet. Von entsprechender politischer und gerichtlicher Seite
wird die Gewalthandlung, in die einer verwickelt war, isoliert für
sich selbst genommen. Außerdem wird so getan, als habe die
Staatsgewalt, allwärts präsent, damit nichts zu tun. Von den Teil-
nehmerinnen und Teilnehmern an Demonstrationen aber ist zu
verlangen, daß sie vorher - und, soweit möglich, während und
hinterher- ein fortgesetztes Gewalt-Palaver pflegen; daß sie ohne
Scheu öffentlich über den Zusammenhang von Zielen und Mitteln
diskutieren und also auch die einzelnen oder kleinen Gruppen, die
sich in Gewalt absondern und einen entsprechenden sozialen Ko-
kon bilden, nicht ihrerseits »abschieben« oder fälschlicherweise
freilassen. Hierbei muß man wissen, daß nach außen gekehrte
Gewalt nicht selten reflexiv-introvertierte Gewalt, die manche mit
Drogen u. ä. sich selbst antun, vermeiden läßt. Deswegen sind
auffangende soziale Zusammenhänge so wichtig. Hierbei darf
man sich aber auch nicht vom Scheinradikalismus der Gewalt
oder von einer falschen Solidarität verführen lassen.
IH. Die Vertreter staatlicher Institutionen und etablierter
Parteien verstoßen nicht selten wider die »öffentliche
Sicherheit und Ordnung« im Sinne der Grundrechte,
wenn sie sich gegen Demonstrationen und
»Demonstranten« kehren.
These 6: Die Freiheit zu demonstrieren ist ein zentrales Grund-
recht. Die Formulierungen der einschränkenden Gesetzgebung,
insbesondere des Versammlungsgesetzes (siehe These 2), sind ge-
eignet, die uneinschränkbare Kernbedeutung des individuellen
und kollektiven Grundrechts - zugleich als eines aktiven, eines
staatlich zu unterstützenden Rechts - zu gefährden.
Diese Gefährdung wird zur aktuellen Gefahr und zur halben Auf-
hebung des Grundrechts, wenn man betrachtet, in welcher Weise
der Begriff der »öffentlichen Sicherheit und Ordnung« politisch
und gerichtlich ausgelegt wird. Die Sätze, mit denen der Landrat
des Kreises Steinburg am 23. Februar 1981 seine »Allgemeinver-
fügung« gegen die Demonstration in Brokdorf begründete, wur-
den eingangs schon zitiert. Der 12. Senat des Oberverwaltungsge-
richts zu Lüneburg bestätigte diese »Begründung« der »Allge-
meinverfügung« wie folgt:
»Auch in dem hier zu beurteilenden Fall eines Demonstrationsverbots
wegen der Befürchtungen für die öffentliche Sicherheit und Ordnung liegt
ein doppeltes Betroffensein vor: Einerseits geht es um die Versammlungs-
und Meinungsfreiheit, andererseits um die persönlichen Belange der von
der Demonstration betroffenen Bevölkerung, die mit dem Begriff der öf-
fentlichen Sicherheit und Ordnung zusammengefaßt werden. Die betrof-
fenen Bürger müssen nach Ansicht des Senats den gleichen Rechtsschutz
genießen wie die Adressaten der Verbotsverfügung, so. daß ihnen eine
Beschwerdemöglichkeit einzuräumen ist.«  
Der Ungereimtheiten sind viele. Sie fangen bei den Informationen
an, die den Landrat und den 12. Senat davon überzeugten, daß
eine erhebliche Gefährdung »mit an Sicherheit grenzender Wahr-
scheinlichkeit« anzunehmen sei, und sie hören dort auf, wo Ge-
meindevertreter als Vertreter privater Interessen, genau gesehen
als Privatleute in öffentlichen Gewändern, auftreten dürfen. Hier
interessiert allein, wie ungleichgewichtig »öffentliche Sicherheit
und Ordnung« gewogen werden. Beim Landrat kommt das
Grundrecht auf Demonstration schon gar nicht mehr vor. In der
Argumentation des 12. Senats beim OVG zu Lüneburg wird es so
erwähnt, als komme ihm kein höherer Rang zu als etwa dem
Interesse eines Hofbesitzers an seiner »unversehrten Wiese«. Das
Schleswig-Holsteinische Landgericht hatte kurz zuvor zu Recht
noch den »hohen Stellenwert des Grundrechts der Versamm-
lungsfreiheit« hervorgehoben, »dem für das demokratische Leben
fundamentale Bedeutung« zukomme.
Der einseitige, oft gar nicht ausgewiesene, letztlich polizeiliche
Begriff der »öffentlichen Sicherheit und Ordnung« erinnert an
den Titel des preußischen Versammlungsgesetzes von 1850. Der
lautete: »Verordnung über die Verhütung eines die gesetzliche
Freiheit und Ordnung gefährdenden Mißbrauchs des Versamm-
lungs- und Vereinigungsrechtes«. Sprich Demonstrationen, wenn
sie nicht ordentlich angemeldet und streng autoritär geleitet sind,
Demonstrationen als nicht vorweg geplanter und eingehegter
Ausdruck des Volkssouveräns werden von vornherein mißtrau-
isch, polizeiäugig angesehen und demgemäß behandelt. Deswegen
kann gegenwärtig auch festgestellt werden, daß unbeschadet des
geltenden Demonstrationsrechts (und auch der nach 1970 sichtba-
ren Liberalisierungen) die Praxis der Demonstrationen polizei-
und gerichtsförmig eingeschränkt und das Grundrecht partiell
aufgehoben werden.
These 7: Die Polizei wird bei Demonstrationen vielfach miß-
braucht.
Untersucht man die polizeilichen Taktiken und interpretiert man
Selbstäußerungen der Polizei, dann läßt sich die These vertreten,
daß die Polizei in ihren Führungsspitzen und ihren »Strategen«
begriffen hat, daß demokratische Massendemonstrationen einen
anderen Charakter besitzen als parteilich straffe Aufmärsche. Die
polizeilichen Leitungen und auch die eingesetzten Polizisten wis-
sen sehr oft, daß mit den Problemen, um derentwillen demon-
striert wird, anders umgegangen werden muß als polizeiförmig.
Dennoch wird die Polizei von den zuständigen politischen In-
stanzen, die sich hinter dem polizeilichen Schild verkriechen, bei
Demonstrationen symbolisch, kontrollierend und eingreifend so
»machtvoll«, quantitativ so umfangreich eingesetzt, daß die Qua-
lität der Demonstrationen sich von vornherein ändert. Diese De-
monstrationen riechen nach Gewalt, was immer ihre T eilnehme-
rinnen und Teilnehmer beabsichtigen mögen. Der Polizeieinsatz
provoziert auch Gewalt, und sei es nur (siehe oben) als Angstre-
aktion, jenseits unnötiger, durch keinen öffentlich-demokra-
tischen Zweck ausweisbarer Eingriffe.
Die Polizei wird deswegen politisch mißbraucht, weil hinter
dem Gewaltschirm der Polizei und schließlich auch hinter der von
Polizisten und Demonstrationsteilnehmern aktuell erzeugten Ge-
waltwolke verborgen werden kann, daß den Demonstrationen
politische Gründe zugrunde liegen. Weil auch verschleiert zu
werden vermag, daß Gewaltakte nicht selten auf vorgängige öf-
fentliche Versäumnisse zurückzuführen sind. Weil schließlich die
übliche Politik weiterbetrieben werden kann, als sei nichts gesche-
hen und als genügten einige pathetische Erklärungen zugunsten
des »unverbrüchlichen Rechtsstaats« und gegen die Gewalt von
Demonstranten.
These 8: In der Demonstration nimmt der demokratische Souve-
rän, das Volk, in einzelnen seiner Gruppen unmittelbar das Wort.
Die Form der Demonstration paßt somit nicht nahtlos zur Form
der repräsentativen Demokratie. Sie fungiert als deren notwendi-
ges Korrektiv (vgl. die Thesen I und 2). Diese Funktion muß er-
halten bleiben und ausgebaut werden.
Im Konflikt zwischen einschränkendem Versammlungs gesetz
und dem Grundrecht auf freie, ungehinderte, spontane, auch un-
geordnete Demonstration spricht - sofern die Qualität einer libe-
ralen Demokratie beansprucht wird - die Vermutung für das letz-
tere; denn den Erstarrungstendenzen repräsentativer Vermittlung
von Interessen kann nur so begegnet werden (siehe auch These
I I). Das Versammlungsgesetz ist also zu revidieren - auch weil
sich die Formen der Demonstration verändert haben. Die gegen-
wärtige Revisions-Diskussion läuft allerdings in einer grundsätz-
lich anderen Richtung: Die an ihr in Staat und Parteien Beteiligten
wollten vor allem die Kontroll- und Verbotsnormen spezifizie-
ren, um neu hinzugekommene Elemente der Demonstration do-
mestizieren zu können. Wer aber darauf ausgeht, Demonstratio-
nen weiter einzuhegen, mag vordergründig beanspruchen, Gewalt
bei Demonstrationen zu beschränken. Tatsächlich fördert er
Gewalt. Gewalt auch bei Demonstrationen entsteht meist, weil
vitale Interessen von Gruppen allzu lange nicht oder nur man-
gelhaft berücksichtigt worden sind und weil auch wiederholte
Demonstrationen ins Leere liefen. Um so wichtiger ist es, die
Demonstration als Form nicht-institutionalisierter Artikulation
offenzuhalten; vor allem ist zu überlegen, wie auf entsprechende
Hinweise, die durch Demonstrationen geleistet werden, in un-
konventioneller Weise geantwortet werden kann. Stehen sich De-
monstration und Bürokratie unvermittelt gegenüber, geht die De-
mokratie zu Bruch. Anstatt fast alles zu tun, um Demonstrationen
einerseits polizeilich »im Griff« zu halten (das Bild ist sehr wört-
lich zu nehmen) und andererseits möglichst zu entmutigen - oder
wie im Konflikt um die Frankfurter Startbahn West den Herr-
im-Hause-Standpunkt zu beziehen -, käme alles darauf an, auf die
Motive der Demonstrationsteilnehmer einzugehen und gemein-
sam nach Wegen der Abhilfe zu suchen. Solches Verhalten ver-
langte, daß die Vertreter der etablierten politisch-gesellschaftli-
chen Einrichtungen aus ihren Interessen- und Verfahrenslöchern,
in die sie sich tief eingebuddelt haben, herausfänden und neue
politische Formen wenigstens für diskussionsfähig hielten. Statt
dessen hat es den Anschein, als würden die Formen der repräsen-
tativen Demokratie desto mehr verfassungsschützerisch selbst aus
53
der Diskussion genommen, je deutlicher wird, daß ihre Leistungs-
kraft im liberal-demokratischen Sinne des Grundgesetzes syste-
matisch schwächer wird.
IV. Wenn die Medien die Gewaltbotschaft verstärken,
verstoßen sie wider ihre eigene Legitimität.
These 9: Es gibt keine »reine« Vermittlu,ng von Nachrichten. Wer
berichtet, wählt aus, stellt Daten zusammen, er schafft die Wirk-
lichkeit aktiv mit, über die da berichtet werden soll - auch die
Wirklichkeit der Gewalt.
Diese allgemeine Feststellung gilt für die sogenannten modernen
Massenmedien in besonderem Maße, deren Auswahl- und Zu-
sammenstellungsregeln nur erspürt werden können. Ihre Fähig-
keit, technisch gesteigert, Informationen »unmittelbar«, »aktu-
ell«, »authentisch« vom Geschehen zum fernen Bürger zu trans-
portieren, steigert sich ebenso, wie die Möglichkeit des Bürgers
sinkt, diese Informationen durch eigene Erfahrungen zu kontra-
stieren und zu kontrollieren. Als eigenartiger Erfahrungsersatz,
dessen mitformende Leistung nicht oder nur dem geübten Ohr
und Auge kenntlich wird, verstärken die Medien Vorurteile, Äng-
ste, »Weltanschauungen«, ja sie sorgen in der dauernden Aktuali-
sierung für den Grad ihrer Geltung.
Welchen Eindruck Demonstrationen machen, entscheiden die'
Demonstrierenden und die Bürger, die sich sonst am Ort des
Geschehens aufhalten, auch die Polizisten, nur zum Teil, zuwei-
len sogar zum geringeren Teil. Große Demonstrationen besitzen
heute als spektakuläre Ereignisse »Medienwert«. Wie die Medien
über eine Demonstration berichten, entscheidet wesentlich über
den »Demonstrationswert« mit. Die Medien schaffen in aller Re-
gel keine Demonstrationen (sieht man einmal von den Anti-
Springer-Demonstrationen Ende der sechziger Jahre ab). Aber sie
bestimmen deren Wirkung. Die Medien wirken auch im Vorfeld
von Demonstrationen mit. Sie schaffen etwa erst das Erfordernis
der Demontration, weil sie über bestimmte Probleme zu wenig
oder zu einseitig berichten und manche Interessen unter den Tisch
der Redaktion fallen lassen. Sie beeinflussen Demonstrationen
auch durch die Art ihrer Vorinformation: indem sie vorausgrei-
fende Gewalt geradezu herbeischreiben und herbeifilmen ; indem
54
sie ihre Leserinnen und Leser, ihre Seherinnen und Seher »aufhei-
zen«, Ängste hervorlocken, Vorurteile bestärken u. ä. m. In einer
Zeit, da Information zum vornehmsten Mittel auch der Politik
geworden ist und Ereignisse und Personen wenn nicht medial
»kreiert«, so doch medial geformt werden, werden die Medien
selbst zum Politikum. Sie sind immer mitschuldig, mitverant-
wortlich. '
Aus diesen Gründen können die Vertreter der Medien nicht un-
beteiligt beiseite stehen oder sich in die Nische des Beobachters
zurückziehen, wenn das Thema »Demonstrationen und Gewalt«
verhandelt wird. Wenn in Medien vor allem über gewaltförmige
Scharmützel zwischen einigen (Rand-)Gruppen von Demon-
stranten und Polizisten berichtet wird, also über das Spektakel im
Spektakel; wenn über die Ziele der Demonstration kaum etwas
verlautet; wenn die Vorgeschichte von Gewaltausbrüchen ausge-
blendet bleibt oder nur die spektakulärsten Bilder gezeigt werden
- so machen sich die entsprechenden Medien und ihre Vertreter
der aktiv-einseitigen Mitpolitik schuldig. Sie sind dann für zu-
künftige Verbote und zukünftige Gewaltausbrüche mitverant-
wortlich. Nicht ohne Grund wendet sich die Kritik, ja, der Haß
vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Demonstrationen im-
mer erneut gegen Berichte der Springerpresse. Demonstrationen
haben in ihr keine Chance, solange sie gegen etablierte Interessen
gerichtet sind. Ihre Berichte stellen einen dauernden Appell an die
Vorurteile ihrer Leser dar, die gegen die Demonstranten und ihre
Ziele mobilisiert werden sollen.
These IO: Für die Berichterstattung über Demonstrationen und
Gewalt ist ein ethischer Kodex für Journalisten zu entwickeln.
Einen solchen Kodex als allgemeingültigen gibt es bisher nicht.
Der jeweilige Verhaltenskodex der Journalisten wird in der Regel
von denjenigen Medien (und ihrer Organisationsform) politisch-
faktisch festgeschrieben, in denen sie beschäftigt sind. Mit der
»inneren« Pressefreiheit ist es dort oft nicht allzugut bestellt. Zen-
sur findet als staatliche nicht statt. Aber es gibt auch hier den
Verfassungsschutz und das Gebot der »Ausgewogenheit«. Me-
dienintern gibt es. dagegen eine Fülle zensierender Instanzen, und
frühzeitig werden die feinen Hebel der Selbstzensur in Bewegung
gesetzt.
55
Insofern sind alle Forderungen und Appelle an Journalisten
noch etwas »weltferner«, als dies Postulaten ohnehin anzuhaften
pflegt. Dennoch seien einige an Und für sich selbstverständliche
Minimalstandards der Berichterstattung erinnert, weil sie gerade
im Kontext von Demonstrationen und gewaltförmigen Ereignis-
sen so wenig beachtet werden: Dort wären sie am nötigsten. Be-
richte über Demonstrationen, gerade wenn sie mehr oder minder
- das Ausmaß ist wichtig - gewaltdurchzogen sind, müssen ins-
besondere folgende Kriterien beachten (oder sich an denselben in
ihrer Qualität messen lassen):
(I) Inwieweit beziehen sie die Vorgeschichte eines Ereignisses
ein? In der Regel werden Ereignisse, insbesondere wenn sie sich
gewaltförmig zuspitzen, nur verständlich (das ist nicht gleichzu-
setzen mit »entschuldbar), wenn ihr Hergang berichtet wird.
Sonst erscheint Gewalt (oder auch eine Demonstration) wie ein
durch bösen oder guten Willen, sprich willkürlich, herbeigeführ-
tes (Natur-)Ereignis, das entsprechend auf »kriminelle Energie«,
»böse« Gesinnung und ähnliches zurückführbarzu sein scheint.
(2) Ein Bericht über Demonstrationen und Gewaltvorfälle kann
das Merkmal seriös nur so lange in Anspruch nehmen, wie hin-
reichend über Anlaß und Gegenstand der Demonstration berich-
tet worden ist. Außerdem ist vor allem bei gewaltförmigen Ereig-
nissen Präzision zu verlangen. Andernfalls müssen die Lückt:n
markiert werden: Je (scheinbar) unmittelbarer der Informierte an
einem Ereignis mit Hilfe des Mediums teilhaben kann - das Fern-
sehen ist das vornehmste Beispiel -, desto mehr kann er- durch
geschickte Bildwahl und entsprechende Perspektiven getäuscht
werden.
(3) Massenmedien, das ergibt sich aus ihren Adressaten und ih-
ren werbenden Financiers, werden in der Regel eher Mehrheits-
denn Minderheitsmeinungen und -ansichten mitteilen. Oasist un-
vermeidlich. Dennoch ist zu verlangen, daß gerade in der Bericht-
erstattung über Demonstrationen - dem vornehmsten Instrument
von Minderheiten -, vor allem, wenn Gewalt zu sichten war, das
Bild einigermaßen getreu wiedergegeben wird, sprich auch die
an.dere Seite zu Wort und/oder zu Bild kommt. Insbesondere
heißt dies aber, daß Journalisten nicht wie selbstbeteiligte und
entsprechend interessierte Politiker von der ungeprüften Vermu-
tung ausgehen dürfen, staatliche Gewalt habe sich angemessen
verhalten und kein Wässerchen trüben können. Liest man Be-
richte über Demonstrationen (,der 'sieht solche,.an denen man
selbst teilgenommen hat, dann kommt einem die alte Äsopsche
Fabel in den Sinn: Ein Wolf und ein Schaf tranken durstig aus
einem Bach. Der Wolf oberhalb, das Schaf unterhalb des Bach-
laufs. Da es aber den Wolf nach dem Schaf gelüstete und er, wie
man heute sagt, einer Legitimation bedurfte, klagte er d;ts Schaf
an, ihm das Trinkwasser getrübt zu haben. Das Schaf kam kaum
noch zu Wort. Es wurde die Beute des (bestrafenden) Rachens.
Bald danach war der Wolf gesättigt und also zufrieden. Ruhe war
wiederhergestellt.
(4) Hier handelt es sich um das Schwerste von allem, einen
gleichsam pädagogischen Anspruch an. die Medien. Wollen sie
aufklärend im besten Sinne des Wortes wirken und nicht nur Mit-
läufer, Mideser, Mitseher erzeugen, dann müssen sie die
tionen mit Hilfe der drei vorgenannten Schritte so aufbereiten -
gerade wenn es um so etwas »Undeutsches« geht wie Massende-
monstrationen, die nicht »von oben« organisiert sind -, daß sie
und die Anlässe dem Leser oder Seher nachvollziehbar werden, ja,
daß er oder sie selbst instandgesetzt werden zu beurteilen, zu ak-
zeptieren oder zu verwerfen.
Es gibt - so meine Medienedahrung - wenige Berichte über
Demonstrationen der letzten 15 Jahre, die diesen vier bescheide-
nen Ansprüchen gerecht würden.
V. Gewaltfreiheit und das staatliche Gewaltmonopol
These I I: Die Demonstration den Demonstranten - aber nicht
nur: Demokratie ist für Form und Inhalt der Demonstration kon-
stitutiv. Das Prinzip der Gewaltfreiheit muß aber für alle Seiten
gelten.
Dort, wo etablierte Politik sich in einem zementierten Kanalsy-
stem vollzieht, bilden Demonstrationen die Chance, Querverbin-
dungen zu schaffen und Interessen zu erschließen, die ins Kanal-
system nicht passen. Dort, wo Entscheidungen anstehen, die nur
aus den bestehenden Informationskanälen gespeist wurden, bie-
ten Demonstrationen die Chance einer Korrektur - selbst vom
Gesichtspunkt der Stabilität aus gesprochen, sofern diese noch
halbwegs demokratisch qualifiziert wird (siehe These 8). Gerade
57
wenn keine neuen Formen politischer Artikulation und Organi-
sation von Interessen probiert werden, ist es um so wichtiger, das
Gebiet der Demonstrationen und ihre Formen so wenig zu be-
schränken, wie dies vor anderen demokratisch ausgewiesenen In-
teressen verantwortbar ist. Darum der Appell, dieses »Gut« nicht
zu verschleudern (was gemäß herrschender bundesrepublikani-
scher Lesart meint: zu verpolizeilichen). Das übliche Bekenntnis
aller Vertreter staatlicher Institutionen und etablierter Parteien
zur Gewaltfreiheit nützt wenig. Allzuoft birgt dieses Bekenntnis
doppelte Moral. Mit den »Grünen« in Hessen will die SPD-Füh-
rung z. B. nur reden, wenn diese sich zur »Gewaltfreiheit« be-
kannt haben. Muß aber dieses Bekenntnis nicht auch der Politik
insgesamt gelten? Kann man die herrschende Interpretation des
Rechtsstaats und die herrschende Verwendung des staatlichen
Monopols physischer Gewaltsamkeit zu politisch höchst einseiti-
gen Zwecken einfach von diesem Bekenntnis ausnehmen? Wie
wäre es, wenn man der Politik, dem politischen Prozeß, eine
Gasse bahnen und das Monopol physischer Gewaltsamkeit auf
weit »nach hinten« verlagerte Grenzen zurückziehen würde, es
dabei gleichzeitig soweit wie möglich demokratisch eingemein-
dend? Würde man in dieser Richtung argumentieren und nicht
schlechter Politik, die sich der Diskussion entzieht,. ein gutes po-
lizeiliches Gewissen, vielmehr Gebiß verschaffen, so wäre die
richtige Forderung nach prinzipieller Gewaltfreiheit ehrlicher
und zeitigte auch praktische Erträge.
These I2: Gewaltförmige Verhältnisse können nicht durch De-
monstrationen allein oder primär verändert werden. Es gibt ge-
waltförmige Zustände, in denen das Gebot der Gewaltfreiheit
fragwürdig wird. Aber dann handelt es sich schon um Verhält-
nisse, in denen Demonstrationen nicht mehr frei organisiert wer-
den können.
Ein Indiz für solche Verhältnisse, in denen Gewalt aller Art bis
hin zur Sabotage in anderem Licht erscheint, ein Indiz für den
Weg in solche Verhältnisse ist in demokratisch nicht zu rechtfer-
tigenden Einschränkungen der Demonstrationsfreiheit zu sehen.
Deswegen sind Rechte und Praxis der Demonstratiop. weit offen
zu halten und dient jede Demonstration auch diesem Zweck. Wer
die in einem Flächenstaat wie der Bundesrepublik noch vorhan-
denen Lücken möglichen Demonstrierens verstopft - also in einer
hochorganisierten, durch komplexe Bezüge und Abhängigkeiten
ausgezeichneten Gesellschaft -, der »demonstriert« Gewalt. De-
monstrationen »von unten« sind in einer solchen Gesellschaft,
recht besehen, eigentlich eher unwahrscheinlich. Gerade deswe-
gen ist es bemerkenswert, daß während der letzten eineinhalb
Jahrzehnte Demonstrationen permanent auf der Tagesordnung
standen. Kein Demokrat - auch wenn er sich der Mehrheit zu-
rechnet und an der gegenwärtigen Politik und ihren Formen nur
wenig auszusetzen hat - kann daran interessiert sein, daß die Lük-
ken geschlossen werden, die für Demonstrationen noch verblei-
ben. Er wird als Demokrat, auch als zur Mehrheit gehöriger, nur
so lange existieren können, wie der Minderheitenschutz auch in
den politischen Formen ohne Wenn und Aber gilt. Daß es damit
in der Bundesrepublik schlecht bestellt ist, ganz zu schweigen
davon, daß das Grundrecht auf Demonstration in demokratisch
nicht haltbarer Weise nur für »Deutsche« gilt, kann nicht daran
hindern, für die Freiheit der Demonstration und das heißt zu-
gleich auch ihre Gewaltfreiheit unablässig einzutreten. Auch de-
monstrierend.
Herfried Münkler
Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand
Die Faszination des Untergrunds
und ihre Demontage
durch die Strategie des Terrors
»Der Eintritt in die Gruppe, das Aufsaugen ihrer Norm und die Knarre
am Gürtel entwickeln ihn dann schon, den >neuen< Menschen. Er ist Herr
über Leben und Tod geworden, bestimmt, was gut und böse ist, nimmt
sich, was er braucht und von wem er es will; er ist Richter, Diktator und
Gott in einer Person - wenn auch für den Preis, daß er es nur für kurze
Zeit sein kann.«!
Volker Speitels Bericht über seine Erfahrungen mit dem west-
deutschen Terrorismus in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre,
geäußert nach seiner Festnahme, dem Zusammenbruch seiner
Hoffnungen und seiner schließlich definitiven Abwendung von
der »RAF«, der Roten Armee-Fraktion, kann als Bestätigung für
die verschiedentlich geäußerte Vermutung gelesen werden, daß
der Einstieg in den Terrorismus weniger zu tun habe mit be-
stimmten politischen Ideen, die nun durch Gewalt und Terror
verwirklicht werden sollen, als vielmehr mit den zuvor gemachten
Alltagserfahrungen und dem lebenspraktischen Sinnangebot, das
die Existenz in der Illegalität für manche zu verheißen schien. In
den Untergrund zu gehen, so jedenfalls legen es die Bemerkungen
Speitels nahe, scheint für manchen gleichbedeutend gewesen zu
sein mit der Erwartung, endlich den lähmenden, tagtäglichen
Ohnmachtsgefühlen - gleichgültig, ob diese nun politisch geprägt
waren oder aus gänzlich unpolitischen Zusammenhängen er-
wuchsen - enthoben zu sein, diesem steten Verdacht, alle An-
strengungen seien sinnlos und vergeblich, und etwas von dem zu
verwirklichen, was die Tagträume beherrscht: Macht, Allmacht.
Nicht länger mehr nur Objekt, sondern endlich einmal Subjekt
der Ereignisse zu sein - die Illegalität, und allein die Illegalität,
schien dies zu verbürgen.
Andere wiederum scheinen im Untergrund die einzige Möglich-
keit gesehen zu haben, den endlosen Diskussionen der Linken mit
ihrem »Sowohl- als auch«, ihrem »Einerseits - andererseits«, ih-
60
ren doch offensichtlich folgenlosen Analysen und Einschätzun-
gen, Verurteilungen und Solidaritätsbekundungen zu entkommen
und sie zu ersetzen durch ein klares, an Eindeutigkeit nicht zu
überbietendes »Entweder - oden<: »Entweder Schwein oder
Mensch. ( ... ) Entweder Problem oder Lösung. Dazwischen gibt
es nichts. Sieg oder Tod«, wie Holger Meins noch unmittelbar vor
seinem Tod erklärt hat.
2
Welcher Motivkomplex nun entscheidend gewesen sein mag - in
den Untergrund zu gehen bedeutete für die Betreffenden jeden-
falls, eine als unerträglich empfundene Normalität einzutauschen
gegen einen Ausnahmezustand, der Freiheit und Selbstverwirkli-
chung versprach; es bedeutete, freizukommen aus den Verflech-
tungen und Verästelungen einer immer komplexeren und immer
weniger durchschaubaren Welt und, auch und gerade in politi-
scher Hinsicht, wieder zu wissen, was gut und böse, wer
»Freund« und wer »Feind« ist, und dementsprechend handeln zu
können. Insofern ist Terrorismus immer auch Komplexitätsre-
duktion mit der Waffe. Was kein »Marsch durch die Institutio-
nen« des säkularisierten, gewaltenteilig verfaßten Staates je hätte
versprechen können, verhieß der Untergrund: einmal »Richter,
Diktator und Gott in einer Person« zu sein.
Die - bei nüchternem Durchdenken völlig unrealistische - Er-
wartung, die lateinamerikanischen Land- und Stadtguerillamo-
delle, Zu diesem Zeitpunkt in Lateinamerika bereits weitgehend
gescheitert, könnten auf die Bedingungen eines dichtbesiedelten,
hochindustrialisierten, demokratisch verfaßten und sozialpoli-
tisch relativ fortschrittlichen Landes übertragen werden, hat we-
niger mit jenen Modellen als vielmehr mit den spezifischen Er-
wartungshaltungen zu tun, unter denen sie hierzulande rezipiert
worden sind. Nicht der historische Che Guevara - samt seinem
Scheitern im bolivianischen Urwald - war ausschlaggebend, son-
dern jener eigentümliche Mythos, der sich um seine Person gewo-
ben hatte. Der Politiker und Guerillastratege Guevara wurde zu-
gedeckt von jenem bekannten Poster, das ihn als Christus und
Held zeigte. In gleichsam kristallisierter Form hat dieses Poster
die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand verkörpert, wie sie
Ende der sechzigerl Anfang der siebziger Jahre nicht nur bei de-
nen anzutreffen war, die dann tatsächlich in den Untergrund ge-
gangen sind - wobei Ausnahmezustand nicht verfassungspoli-
tisch, sondern lebenspraktisch zu verstehen ist.
61
Der große, entscheidende Fortschritt an innerstaatlicher Pazifi-
zierung, den der neuzeitliche Staat erreicht hat, indem er für sich
das »Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit« (Max Weber)
reklamierte und durchsetzte, hat auf der Kehrseite freilich auch
die Domestikation des Menschen bedeutet, seine Subsumtion un-
ter die staatlichen Entscheidungen, gleichgültig, wie häufig dage-
gen appelliert werden kann und wie begründet sich der Staat als
die Gesamtheit seiner Bürger darzustellen weiß. Dafür, daß diese
Kränkung des menschlichen Narzißmus vernünftigerweise hinzu-
nehmen sei, hatten die Vertragstheoretiker von Hobbes bis Rous-
seau gute Gründe geltend gemacht: Nur so sei die Sicherheit des
Lebens, des Eigentums und schließlich auch der Freiheit zu ge-
währleisten. Doch sie haben nie verschwiegen, daß dieser Fort-
schritt mit Verzichtleistungen beglichen werden mußte: Nur wer
die ihm von Natur zukommenden, freilich prekären Rechte ab-
trat, konnte einige davon garantiert zurückbekommen. Weil die
Vertragstheoretiker jedoch unterstellten, daß die wenigen garan-
tierten Rechte mehr seien als die vielen prekären, konnten sie die
Errichtung des Staates, den Übergang vom »Natur-« zum »Ge-
sellschaftszustand«, insgesamt als einen Fortschritt begreifen.
Dies nun kann mit drei - miteinander jedoch nur schwerlich zu
vereinbarenden - Gegenargumenten bestritten werden: Erstens
kann geltend gemacht werden, daß der Staat tatsächlich das nicht
garantiere, was zu garantieren er vorgebe und weswegen er be-
gründet worden sei; in diesem Fall, so hatten es die Yertragstheo-
retlker selbst vorgesehen, fallen alle abgetretenen ursprünglichen
Rechte wieder an den Menschen zurück. Zweitens kann einge-
. wandt werden, daß durch die staatliche Monopolisierung physi-
scher Gewaltsamkeit den Armen und Unterdrückten das einzige
Mittel, die Verhältnisse zu ändern, die Gewalt, genommen wor-
den sei. Die Resolution der Kommunarden in Brechts Svendbor-
ger Gedichten beispielsweise bedient sich dieses Einwands:
»In Erwägung unsrer Schwäche machtet
Ihr Gesetze, die uns knechten soHn.
Die Gesetze seien künftig nicht beachtet
In Erwägung, daß wit: nicht mehr Knecht sein woHn.
In Erwägung, daß ihr uns dann eben
Mit Gewehren und Kanonen droht
Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben
Mehr zu fürchten als den Tod.«
Drittens können schließlich - implizit wie explizit - das Gewalt-
monopol des Staates und die staatliche Limitierung menschlicher
Handlungsmöglichkeiten abgelehnt werden, weil sie den Men-
schen auf eine Objektrolle reduzierten und ihn unverzichtbarer
Äußerungsformen seiner Existenz beraubten, ihm also die Re-
gression aus seinem Menschsein abverlangten.
Beruht der erste Einwand auf juristischen Argumenten, die sich
aus dem fiktiv-ursprünglichen Vertrag herleiten, so macht der
zweite Einwand die Idee der Gerechtigkeit gegen die durch den
Staat gesicherte schlechte Wirklichkeit geltend, bedient sich also
ethisch-politischer Argumente. Der dritte Einwand dagegen beruft
sich auf Grundbefindlichkeiten des Menschen, die in der beste-
henden Ordnung unterdrückt würden, bringt also anthropologi-
sche Argumente ins Spiel. Mögen in der Ideologie des Terroris-
mus diese drei Argumente noch so sehr miteinander vermischt
worden sein, so hat die rekonstruierende Analyse sie doch präzise
zu unterscheiden, da die Vorherrschaft des einen oder anderen
Arguments entscheidend war für die Wahl der jeweiligen Strate-
gle.
Die Ideologie des westdeutschen Terrorismus, mit der die Ak-
tionen der Gruppen legitimiert wurden, hat sich zunächst vorwie-
gend des ethisch-politischen Arguments bedient, indem sie von
der Befreiung der Unterdrückten und Entrechteten, Armen und
Elenden hierzulande, vor allem aber in der Dritten Welt, als dem
entscheidenden politischen Ziel der Gruppen sprach. Nachdem
diese »als interessiert unterstellten Dritten« sich jedoch als politi-
sche Adressaten des Terrorismus verweigert hatten, trat immer
stärker das anthropologische Argument in den Vordergrund: die
Selbstbefreiung des Menschen von seiner staatlich antrainlerten
Untertanenmentalität durch den Kampf - in der ideologischen
Entwicklung der »Roten Armee Fraktion« ebenso wie der »Be-
wegung 2. Juni«, vor allem aber der »Revolutionären Zellen«.3
Im ideologischen Entwicklungsprozeß der Gruppen, in dessen
Verlauf - insbesondere bei der »RAF« - mit der Steigerung der
Gewalt die politische Selbstdarstellung allmählich versiegte, trat
zuletzt ganz offen hervor, was zunächst noch verhüllt gewesen
war: die Selbstbezüglichkeit der terroristischen Gewalt, ihre Re-
duktion auf die biographische Perspektive der Terroristen. Indem
die Angehörigen der terroristischen Gruppen dem Staat das »Mo-
nopol legitimer physischer Gewaltsamkeit« bestritten, sich mit
Waffen versahen und diese auch gebrauchten, schätzten sie die
Möglichkeit eines bedeutsamen und folgenreichen, dafür voraus-
sichtlich jedoch kurzen Lebens höher als das, was sie verächtlich
die »Sekurität bürgerlicher Existenz« nannten.
4
»Entweder über-
leben um jeden Preis oder Kampf bis zum Tod« - angesichts
dieser selbst gestellten Alternative hat sich Holger Meins für den
Kampf bis zum Tod entschieden: »Revolutionär, im Kampf -: bei
aller Liebe zum Leben: den Tod verachtend. Das ist für mich:
dem Volke dienen. - RAF.«s Alle politischen Ziele verschwanden
hinter dieser biographzschen Alternative.
Zugleich versprach der Untergrund aber auch die Überwindung
jener Arbeitsteiligkeit, durch die die bürgerliche Gesellschaft den
Menschen in »Hand« und »Kopf« zerlegt und immer stärker par-
tikularisiert hat. >Bommi< Baumann hat dieses Versprechen des
Untergrunds beschrieben:
»Du lernst natürlich bei den Sachen die gesamte Technologie, alle Arten
von Pässen und Stempelehen zu fälschen, nachzudrucken, du wirst ein
absoluter Fälscher. Du wirst ein Spezialist im Autoknacken, ( ... ). Du
wirst ein sehr guter Waffenfachmann, du kannst wunderbar mit Waffen
umgehen, zerlegen, auseinandernehmen, besser als jeder Soldat. Und du
wirst ein guter Planer, wovon jeder Kriminelle im Film träumt. Bei einer
Bank siehst du im Vorbeigehen, ob sie machbar ist oder nicht. Das heißt,
kein Spezialistentum, jeder muß fähig sein, alles zu machen. ( ... ) Du bist
auf allen Gebieten Spezialist, jeder kann alles. Du bist Planer genauso wie
Ausführender, du kannst überfallen, genauso wie du einen Überfall aus-
hecken kannst und wie du ihn leiten kannst, du kannst mit Funk umgehen,
du kannst Radios umbasteln auf Polizeifunk, du lernst alles, du mußt alles
kennen. «6
Weil inder Guerillagruppe jeder alles könne, so Baumanns an-
fängliche Überzeugung, werde es in ihr nur noch in sehr reduzier-
tem Umfang Autoritätsstrukturen geben. Damit entstehe in der
Guerillagruppe zuerst der »neue Mensch«, durch den allein die
zukünftige freie und gerechte Gesellschaft möglich werde. Und
als die Perspektiven für deren mögliche Errichtung immer mehr
dahinzuschwinden begannen, konnte man sich damit beruhigen,
daß in den kämpfenden Gruppen immerhin der »neue Mensch«
bereits entstanden sei. So erklärte Ulrike Meinhof:
»Deswegen hassen Bundesanwaltschaft, dieses Gericht, Bundeskriminal-
amt und Regierung Andreas [Baader] am meisten. Für sie geht es darum,
das Neue, den neuen Menschen, die neue Gesellschaft, deren Keimform
die Guerilla in ihrer Identität von Macht, Subjektivität, Lernprozeß, Pra-
xis ist, zu vernichten.<?
Dies alles zusammengenommen, wird die Faszination des Unter-
grunds und der IllegalitätS verständlich, die Ende der sechzi-
ger! Anfang der siebziger Jahre auch manche beschäftigte, die gar
nicht ernstlich die Absicht hatten, in den Untergrund zu gehen.
Verblieben sie in der »Sekurität ihrer bürgerlichen Existenz«, so
doch eben mit einem schlechten Gewissen, das einige durch ma-
terielle und ideelle Unterstützung der Illegalen wenigstens etwas
zu besänftigen suchten.
Die politischen Mythen des Guerillakrieges, der »solidarischen
und liebevollen Beziehungen« in den terroristischen Gruppen
und der Selbstbefreiung des Menschen durch den Kampf konnten
so zu einem nicht unbedeutenden Element der politischen Kultur
in Westeuropa werden. Daß sie dies heute - zumindest in der
Bundesrepublik - nicht mehr sind, ist das Ergebnis ihrer Selbst-
demontage, der dramatischen Widerlegung terroristischer Ideolo-
gien durch die Strategien des Terrors. Die Ereignisse in Mogadi-
schu mögen hier den entscheidenden Wendepunkt gebildet
haben; sicherlich haben dabei auch die autobiographischen'
Äußerungen ausgestiegener Terroristen eine beträchtliche Rolle
gespielt. Ihnen ist nicht zuletzt darum eine so große Bedeutung
zugekommen, weil in ihnen der Mythos der Illegalität von seinen
eigenen Trägern demontiert worden ist.
Daß dieser Mythos gleichwohl nach wie vor eine gewisse Wir-
kung zeitigt, belegt ein anonymer Brief, der nach der öffentlichen
Erklärung Hans-Joachim Kleins, die »Revolutionären Zellen«
verlassen zu haben, in Frankfurt zirkulierte. Noch einmal wurde
in ihm all das vorgebracht, was den Mythos des Untergrunds,
auch wenn bestritten wird, daß es ein Mythos sei, ausgemacht hat
und ausmacht:
»Diejenigen, für die der bewaffnete Kampf kein Mythos ist, die kämpfen,
um - auch - sich selbst zu befreien, für die der praktische militante Wi-
derstand Äußerung ihres Lebenswillens und Kampf gegen das eigene Un-
tertanenbewußtsein ist, brauchen keine >wohlfeilen Argumentationen<,
um von der Notwendigkeit des bewaffneten revolutionären Kampfes
überzeugt zu werden, sie wissen, was und weshalb sie es tun, denn der
bewaffnete Kampf ist IHRE UREIGENE SACHE, die sich über Jahre
hinweg bewußtseinsmäßig und praktisch entwickelt hat und kein Sprung
ins kalte (Gränlandgletscher-)wasser.«9
Hier wird die Selbstbezüglichkeit terroristischer G,ewalt ganz of-
fen eingestanden: Ausschließlich die Selbstbefreiung der Grup-
penangehörigen, wenngleich durch ein verschämtes »auch« ka-
schiert, wird hier als Begründung des Kampfes angegeben. Doch
wo das anthropologische Argument mit solcher Ausschließlich-
keit vorgetragen wird, ist der Kampf längst zum: Selbstzweck ge-
worden. Mit Recht hat darum Albrecht Wellmer von der» Ver-
selbständigung des Terrorismus zu einer Lebensform« gespro-
chen, »die zum Selbstzweck geworden ist, weil sie dem Guerillero
die einzige Moglichkeit bietet, seine auf eine Haßbeziehung zum
System geschrumpfte Gruppenidentität zu wahren und auszu-
agieren«.lo
Dieser Entwicklungsprozeß soll hier anhand von Selbstzeugnis-
sen der Terroristen kritisch nachgezeichnet werden. Dabei sollen
neben den politisch-propagandistischen Erklärungen der
»RAF«l1 vor allem die Schriften und Interviews der »ausgestiege-
nen« Terroristen Michael »Bommi« Baumann (»Bewegung 2.
Juni«), Hans-Joachim Klein (»Revolutionäre Zellen«), Volker
Speitel und Peter Jürgen Boock (RAF)12 als Grundlage dienen. Es
wird von der These ausgegangen, daß weder individualpsycholo-
gische noch gesellschaftliche, weder ideologische noch taktisch-
strategische Faktoren für sich allein genommen eine hinreichende
Erklärung des Terrorismus bieten können
13
; erst die - in den je-
weiligen Fällen sicherlich unterschiedlich gewichtete - wechselsei-
tige Beeinflussung dieser Faktoren, ergänzt durch das Moment
biographischer Zufälle, kann nachvollziehbar machen, warum je-
mand in den Untergrund ging, sich einer terroristischen Gruppe
anschloß und sich schließlich - in einigen Fällen - von ihr wieder
lossagte. Um es auf eine griffige Formel zu bringen: Der »Ein-
stieg« in den Terrorismus, aber auch die Abwendungdavon soll
hier nicht »erklärt«, sondern es soll ermöglicht werden, dies zu
»verstehen« .
Die alltägliche Perspektivlosigkeit
Nachdem er die dritte oder vierte legale linke Gruppe nach deren
Auseinanderbrechen hinter sich gelassen und »jedesmal den glei-
chen Katzenjammer danach« in sich verspürt habe, mache man-
cher sich immer stärker mit dem Gedanken vertraut, es jetzt ein-
66
mal mit Gewalt zu versuchen und in den Untergrund zu gehen.
Möglicherweise hat Hans-Joachim Klein
14
bei dieser Beschrei-
bung des Einstiegs in den Terrorismus seine eigene Biographie vor
Augen gehabt, die ihn von der Frankfurter »Roten Hilfe« über die
»Revolutionären Zellen« schließlich bis zum Überfall auf die
OPEC-Konferenz in Wien geführt hat. Zur Frustration und Re-
signation, so Klein, komme »die ungeheure Angst der Perspektiv-
losigkeit hinzu«, die
»Angst, wieder in den alten bürgerlichen Sumpf zurückzufallen oder gar
keine politische Meinung mehr zu haben oder haben zu wollen. Die
Angst, in all dies zurückzukehren, aus dem man verdammt mühevoll in
'ner Masse von Jahren hervorgekommen ist.«
Fast gleichlautend beschreibt auch Volker SpeitePS, wie seine po-
litische Orientierungslosigkeit durch das Engagement in der
Stuttgarter »Roten Hilfe« überwunden wurde: »Sie [die Gruppe]
entwickelte ein Ziel und eine Perspektive, in der ich meinen Indi-
vidualtrip endlich als eine Sache erkennen konnte: Macht kaputt,
was euch kaputt macht.« Auch Horst Mahler hat in der Retro-
spektive den Terrorismus als »die Antwort auf eine erdrückende
Umwelt, die uns feindlich ist, die wir nicht mehr beherrschen, die
wir nicht kontrollieren und die die Menschen zugrunde richtet«,
bezeichnet.!6
Folgt man diesen Selbstzeugnissen, so erweist sich die These, der
Einstieg in den Terrorismus sei eine späte Folge der Verbreitung
bestimmter politischer und philosophischer Theorien oder gar der
Versuch zu deren konsequenter Verwirklichung!7, als zumindest
fragwürdig. Im Gegenteil hat es den Anschein, daß - verbunden
mit den Sinndefiziten des alltäglichen Lebens und der beschriebe-
nen Perspektivlosigkeit - eher ein Mangel an ausgeformten poli-
tischen Vorstellungen den Einstieg in den Terrorismus gefördert,
zumindest aber begünstigt hat.
Dagegen ließe sich einwenden, daß sowohl Klein als auch Speitel
zur» 3. Generation« der Terroristen gehörten, eher den Status von
»Experten« als den von politisch-ideologischen Köpfen der
Gruppe hatten und daß zur Zeit ihres Einstiegs in den Terroris-
mus dessen Ideologie bereits weitgehend ausgebildet war. Doch
selbst für Horst Mahler und Ulrike Meinhof, den theoretisch pro-
duktivsten Köpfen der »RAF«, läßt sich zeigen, daß der Beginn
terroristischer Gewaltaktionen nicht das Ergebnis und die Folge
aus geformter politisch-philosophischer Theorien gewesen ist,
sondern vielmehr der fast verzweifelte Versuch, angesichts des
Zerfalls und der zunehmenden Fraktionierung der »Außerparla-
mentarischen Opposition« deren Ende der sechziger Jahre er-
reichte politische Bedeutung durch eine »Steigerung des Militanz-
Niveaus« zu retten und möglicherweise auszubauen.
18
Die Gefahr
des »Abschlaffens« sollte durch eine erhöhte Dosis Gewalt ge-
bannt werden.
19
Nachdem dieses »Militanz-Niveau« durch die
Befreiung Andreas Baaders aus der Haft erst einmal demonstriert
war, kam eine Eigendynamik terroristischer Gewalt in Gang, der
gegenüber die Ideologie der Gruppe eher die Funktion nachträg-
licher Rechtfertigung als die einer vorausgegangenen Motivierung
und Handlungsanleitung hatte. Das Identitätsgefühl der »RAF«
hat sich stärker durch die kollektive Verfolgung der Gruppe als
durch gemeinsame politisch-theoretische Grundüberzeugungen
der ihr Angehörenden ausgebildet.
20
Nicht erst in der »3. Generation«, sondern bereits bei den Initia-
toren der »RAF« waren politische Perspektivlosigkeit und Ohn-
machtserfahrung ausschlaggebende Momente bei der Entschei-
dung, in den Untergrund zu gehen. Daß man diese Perspektivlo-
sigkeit und Ohnmacht glaubte mit erhöhtem Einsatz von Gewalt
überwinden zu können, verweist eher auf ein gesellschaftlich weit
verbreitetes Reaktionsmuster als auf ein hohes Maß an politisch-
strategischer Reflexion.
Dies gilt in gesteigertem Maß für die Mahler und Meinhof nach-
folgenden »Generationen« der Terroristen: So gibt Volker Speitel
an, vor seinem Einstieg in den Terrorismus zusammen mit seiner
Frau Angelika und Willy Peter Stoll (wie Speitel schlossen sich
beide der »RAF« an) in einer »absolut unpolitischen« Wohnge-
meinschaft gelebt zu haben
2
1, und auch Peter Jürgen Boock
spricht davon, sich früher mit »wichtigen inhaltlichen politischen
Fragen zu wenig auseinandergesetzt, Widersprüche gar nicht aus-
getragen« zu haben.
22
Dies macht verständlich, warum, wie ein
ehemaliger »RAF«-Angehöriger berichter
3
, die Theorie der
»RAF« bei ihm »Ehrfurcht« ausgelöst habe und ihm »über-
menschlich« erschienen sei; bei ihrer Lektüre habe er ein »Welt-
gefühl« bekommen, eine Gänsehaut bei dem Gedanken, daß sich
die »wirklichen Dinge der Welt bei der RAF abspielen«. Die Ver-
bote, die seitens der Bundesanwaltschaft gegen die Verbreitung
von »RAF«-Schriften erlassen wurden, haben schließlich das Ih-
68
rige dazu beigetragen, daß sich bei potentiellen Einsteigern in den
Terrorismus der Eindruck verfestigen konnte, hier sei endlich der
»Stein der revolutionären Weisen« gefunden worden, den der
Staatsapparat auf jeden Fall unter Verschluß halten müsse.
An dieser Stelle wird der Stellenwert sichtbar, den die - nicht als
vorbereitende Reflexion, sondern als nachträgliche Rechtferti-
gung der Aktionen entworfene - Ideologie der »RAF« für die
Rekrutierung neuer Angehöriger und den inneren Zusammenhalt
der Gruppe gehabt hat: Sie hat dazu gedient, Perspektivlosigkeit
und Ohnmachtserfahrungen zu strukturieren, mit griffigen Inter-
pretationen zu versehen und die Perspektive ihrer vollständigen
Überwindung bereitzustellen. So erklärte beispielsweise Horst
Mahler, nachdem er alle Widersprüche im nationalen und inter-
nationalen Rahmen auf den »Grundwiderspruch zwischen Lohn-
arbeit und Kapital« zurückgeführt hatte, daß die »revolutionäre
Aufhebung« dieses Grundwiderspruchs identisch sei mit der
Überwindung »aller Widersprüche innerhalb der werktätigen
Massen«.24 Auch in der -'- wahrscheinlich von Ulrike Meinhof ver-
faßten - sog. I. RAF-Schrift Das Konzept Stadtguerilla wird die
Parole »Macht kaputt, was euch kaputt macht« als die Einsicht
bezeichnet,
»daß es im Kapitalismus nichts, aber auch nichts gibt, das einen bedrückt,
quält, hindert, belastet, was seinen Ursprung nicht in den kapitalistischen
Produktionsverhältnissen hätte, daß jeder Unterdrucker, in welcher Ge-
stalt auch immer er auftritt, ein Vertreter des Klasseninteresses des Kapi-
tals ist, das heißt: Klassenfeind«.25
Gegen die totale Repression, als die das bestehende politische und
gesellschaftliche System bezeichnet und wohl auch erfahren
wurde, stellte die »RAF« die totale Befreiung und Entfaltung des
Menschen. In diesem Anspruch kündigte sich, noch unter der
Ummantelung des ethisch-politischen Einwands gegen die Ver-
hältnisse, bereits das anthropologische Argument an, demzufolge
die bestehende gesellschaftliche und politische Ordnung nichts als
Unterdrückung sei und in ihrer Bekämpfung zukünftige Freiheit
antizipiert werden könne.
Die Faszination, die von den RAF-Schriften ausging, bestand in
ihrem umfassenden Erklärungs- und Wahrheitsanspruch> der da-
durch noch gefestigt wurde, daß seine Träger bereit waren, dafür
mit dem Leben einzustehen, und so den Anschein erweckten, alle
»Halbheiten«, in der Theorie wie in der Praxis, hinter sich gelas-
sen zu haben. Sie bestand in der moralisch-politischen Totaldeu-
tung der Welt, die »Freund« und »Feind« klar identifizierbar
machte, indem sie, gleichsam als ein neuer gnostisch-manichä-
ischer Mythos, die Welt als einen Kampf zwischen dem Bösen
und dem Guten darstellte, der durch den kompromißlosen revo-
lutionären Einsatz eines jeden in absehbarer Zukunft zugunsten
des Guten entschieden werden konnte. Gegen die totale Perspek-
tivlosigkeit wurde die totale Perspektive gestellt. Vor allem da-
durch besaß die terroristische Ideologie eine unvergleichlich hö-
here Attraktivität als alle politischen Theorien, die den Kompro-
miß als wesentliches Element des Politischen behaupten, also jede
politische Perspektive mit einem unverzichtbaren Maß an Fru-
strationsbereitschaft verbinden. Indem die Ideologie des Terroris-
mus dabei politische und moralische· Argumente ineinander ver-
schlang, immunisierte sie sich gegen jeden möglichen Einwand:
Wo sie politisch gefordert wurde, antwortete sie moralisch, und
wo sie moralisch gefordert wurde, antwortete sie politisch. Ge-
rade dieses »konsequente Ausweichen vor konsequenter Refle-
xion«26 hat ihr ein ums andere Mal ermöglicht, nach außen mit
dem Gestus äußerster und unerbittlichster Konsequenz aufzutre-
ten.
Zugleich bot die terroristische Ideologie nicht nur - wie andere
Theorien - eine Erklärung politischer Zusammenhänge und, so-
fern man diese akzeptierte, Perspektiven für politisches Handeln,
sondern eröffnete die Möglichkeit unmittelbarer, an  
keit und Entschlossenheit uniiberbietbarer lebenspraktischer
Konsequenzen. Während politische Theorien ihre Erklärungen
und Interpretationen möglichen Einwänden offenhalten und po-
litisches Handeln im Rahmen der Demokratie und ihrer Normen
immer eine spätere Distanzierung zuläßt, verschließt die terrori-
stische Ideologie sich beidem: Jeder mögliche Einwand ist »Bul-
lenmentalität«, und jede mögliche Rückkehr aus dem Untergrund
ist mit Sanktionen gespickt - durch die Bundesanwaltschaft
ebenso wie durch die terroristischen Gruppen. So gesehen war
und ist die terroristische Ideologie ein totales lebenspraktisches
Sinnangebot, das schließlich zur Aufgabe aller Irrtumsvorbehalte
führte: Faszination und Verhängnis damit in eins.
Als drittes kam bei potentiellen Einsteigern in den Terrorismus
hinzu, daß sie bereits vor ihrer endgültigen Entscheidung, in den
Untergrund zu gehen, immer stärker in ein homogenisiertes Um-
feld gerieten, in dem kein pluralistischer Diskussionskontext
mehr bestand, der einen gewissen Zwang zur Rechtfertigung ihrer
bevorstehenden Entscheidung und damit zur Selbstreflexion auf
sie ausgeübt hätte.
27
Dies erklärt die Naivität, mit der mancher der
nachmaligen Terroristen diese biographische Zäsur vorgenom-
men hat. Der einzige Rechtfertigungszwang, der in diesem Um-
feld tatsächlich noch bestand, betraf die Tatsache, daß der Betref-
fende nicht schon längst in den Untergrund gegangen war. Be-
rücksichtigt man die in der terroristischen Ideologie ausgeprägte
Antithese von Entschlossenheit und Zaudern, Mut und Feigheit,
so wird man ermessen können, wie stark der hier ausgeübte
Druck gewesen sein muß.
So soll, dem Bericht Hans-Joachim Kleins zufolge, die »Bewe-
gung 2. Juni« gegenüber den »Revolutionären Zellen« erklärt ha-
ben:
»Ihr geht deshalb nicht in den Untergrund, weil ihr zu feige seid, diese
Todesschwelle zu überschreiten. Denn im Untergrund könnt ihr nicht
mehr so lavieren wie bisher, da müßt ihr kämpfen, auch ums Überleben,
ohne Wenn und Aber und ohne die rettende Tür eurer Legalität.«28
Alle Brücken hinter sich abzubrechen, sich gezielt und bewußt in
eine ausweglose Situation zu begeben, in der der einmal einge-
schlagene Weg bis zum Ende (»Sieg oder Tod«) gegangen werden
muß, wird hier - von den terroristischen Gruppen selbst - als das
herausragende Signum ihres Denkens und Handelns bezeichnet.
Nimmt man dies alles zusammen, so ist bei den meisten der
späteren Terroristen die Entscheidung, in den Untergrund zu ge-
hen, weniger die Konsequenz politischer Strategien und Theorien
oder doch deren bewußte Reflexion gewesen, sondern eher eine
existentielle Entscheidung
29
, durch die die nachmaligen Terrori-
sten der Sinn- und Perspektivlosigkeit ihres bisherigen Lebens zu
entkommen suchten. Wie sehr der Einstieg in den Terrorismus
eine existentielle Entscheidung gewesen ist, drückt sich auch aus
in der biographischen Zäsur, die der Übertritt von der Legalität in
die Illegalität darstellt. In dieser Zäsur ist noch einmal alles zu-
sammengefaßt, was hier aus der Perspektive der Betroffenen zur
Entscheidung stand: auf der einen Seite eine perspektiv- und
orientierungslose Existenz, ohne Sinn und Bedeutung, und auf
der anderen Seite ein wohl gefährliches, immerzu bedrohtes, aber
doch, so schien es, sinnvolles und bedeutsames Leben. Der Vo-
luntarismus, der die Ideologie und Strategie des Terrorismus
durchgängig kennzeichnet - also die Vorstellung, die politischen
Entwicklungen allein aus dem eigenen Willen heraus entschei-
dend beeinflussen zu können -, war bereits kristallisiert in dem,
was hier als Alternative begriffen wurde. Vor die Entscheidung
zwischen bedeutungsloser Normalität und biographisch wie ge-
schichdich folgenreichem Ausnahmezustand gestellt, haben sich
die nachmaligen Terroristen für das Letztere entschieden - eben
weil ihnen die Normalität bedeutungslos erschien, Sinnhaftigkeit
für sie nicht zu entdecken war.
Das Sinnangebot des Untergrunds
Volker Speitel hat von der »Attraktivität einer funktionierenden
und arbeitenden Gruppe« gesprochen, »die durch einen total
neuen Lebenszusammenhang den Frust des alltäglichen Lebens
aufhebt«.30 Einer Gruppe anzugehören, die ein »Ort und Hort
von Sein«31, die einzige und letzte Moglichkeit wahren und erfüll-
ten Lebens ist, entschädigt für vieles, was die Vorbereitung und
Durchführung terroristischer Aktionen an Bewegungsfreiheit
und Handlungsspielraum kosteten und an ständiger innerer Diszi-
plinierung abverlangten.
32
Auf diesem Hintergrund hat der Mythos
von den »liebevollen und solidarischen Beziehungen im Unter-
grund« seine Wirkung entfalten können. Dieser Mythos hat, wie
Schmidtchen   mit einer für die Beteiligten zunächst weit-
reichenden Plausibilität sinnhafte Zwischenmenschlichkeit gegen
entmenschlichte Verhältnisse, persönliche Beziehungen gegen
dinghafte Strukturen gestellt:
»Die gute, die richtige Welt erscheint als das kostbare Reservat einer per-
sonalen Wirklichkeit. Ihr entgegengesetzt ist etwas Entpersönlichtes, Ab-
straktes, gleichsam die Strukturen des Bösen, die den personalen Auf-
bruch in dieHumanität eigentlich vereiteln müssen. Die Terroristen haben
also eine Struktur zum Gegner und haben Personen als Freunde. ( ... ) Der
ganze humanitäre Wert der Menschheit ist konzentriert in der
personal empfundenen Gruppe, die den Strukturen des Bösen wider-
steht.«
Der gnostisch-manichäische Mythos vom Kampf des Guten ge-
gen das Böse, von der terroristischen Ideologie in vielfältigen Va-
7
2
natiOnen vorgetragen, hat in dem Gegensatz von Gruppe und
Strukturen seine konkrete, sinnlich erfahrbare Ausprägung erhal-
ten.
Nun bestand die liebevolle Solidarität dieser Gruppe jedoch
nicht in einem pazifistischen Rückzug aus den Händeln der poli-
tischen Weh, sondern in der bewaffneten Opposition gegen diese
Welt. Neben der Intensität der Beziehungen, die so oder ähnlich
wohl auch in anderen Gruppen zu finden sein dürfte, war es vor
allem die Bewaffnung der Gruppe, die ihre Faszination ausge-
macht hat. Für >Bommi< Baumann hat sich das so dargestellt:
»Wir haben gesagt, der süchtige Fixer kann die Gun mit der Gun tauschen.
Das war der politische Aspekt, daß wir gesagt haben, wenn du die Spritze
weglegst, nimm dafür die Knarre in die Hand. Kaputt haben sie dich eh
schon gemacht. Später hat dann das SPK in Heidelberg [»Sozialistisches
Patientenkollektiv«, begründet von Dr. Huber, aus dem zahlreiche Ange-
hörige für die »RAF« rekrutiert wurden] wieder das aufgenommen.
Dr. Huber, der so seine Patienten angeturnt hat.«34
In der Waffe kristallisierten sich das Sinnangebot des Untergrunds:
Sie wurde zum sinnfälligen Ausdruck der neuen Orientierung und
der neuen Perspektive. Nur wer sich bewaffnete, war vom System
nicht integrierbar, leistete wirklich Widerstand. .
»Die Brüder«, so Baumann, »haben nach ihrer Rückkehr [aus den palästi-
nensischen Ausbildungslagern in Jordanien] gesagt, der neue Mensch, es
ging ja dabei immer um die Veränderung des Menschen, entsteht im
Kampf, mit der Waffe in der Hand. Das ist der Fanon-Satz, >als sie ihre
Menschlichkeit entdeckten, holten sie ihre Waffen hervor<. Das wurde für
sie völlig realistisch, und mit dieser Message und dem totalen Willen zu
kämpfen sind die Leute dann aus Palästina zuruckgekommen.«35
Auch in dem Fragment Studentenbewegung, von einem »RAF«-
Angehörigen, wahrscheinlich Ulrike Meinhof, in der Haft ver-
faßt, wird bei der Rechtfertigung der Gewalt auf Fanon Bezug
genommen:
»Was Frantz Fanon Anfang der 60er Jahre aus der Erfahrung der Insur-
rektion der Völker der Dritten Welt feststellte: daß man mit nur Wut,
Haß, spontaner Bewegung >nicht in einem nationalen Krieg siegen, die
furchtbare Kriegsmaschine des Feindes in die Flucht schlagen kann<, das
fand seine Entsprechung in den Metropolen in der wesentlichen Erfah-
rung der Studentenbewegung: daß Spontaneität, Revolte integrierbar ist,
wenn sie sich nicht bewaffnet.«36
73
Tatsächlich hat Fanon die Auffassung vertreten, daß in der mani-
chäischen Welt des Kolonialismus, in der'- aufgrund der jeweili-
gen Hautfarbe der Weiße das Gute und der Schwarze das Böse
verkörpere
37
, der Schwarze sich nur durch Bewaffnung und
Kampf von seinen tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplexen ge-
genüber dem Weißen, von seiner inneren Kolonisierung, befreien
könne.
38
In gewisser Hinsicht bedient sich also auch Fanon des
anthropologischen Arguments, jedoch auf dem Hintergrund des
kolonialen Manichäismus eingebunden in den ethisch-politischen
Einwand gegen die gesellschaftlich-politische Ordnung. Gerade
aus dieser EiIibindung ist die Fanonsche Theorie in der Rezeption
durch die terroristische Ideologie gelöst worden. Was bei Fanon
auf die Welt des Kolonialismus bezogen war, wurde nun mit der
These von der inneren Kolonisierung der Menschen auch in den
Metropolen universalisiert; alle ethisch-politischen Schranken,
mit denen Fanon seine Gewaltrechtfertigung umgeben hatte,
wurden niedergerissen. Gewaltanwendung avancierte zur Selbst-
befreiung schlechthin.
Die Wertschätzung Fanons in der Ideologie des westdeutschen
Terrorismus hat einen weiteren Grund: Für die Intellektuellen der
Gruppe bedurfte die Gewaltanwendung einer ausführlichen
Rechtfertigung; für sie mußte die Gewalt erst moralisiert werden,
um akzeptabel zu sein, wobei dann der anschließende Griff zur
Waffe als das schlechthin Konkrete erschien.
39
Demgegenüber
hatten die den unteren Schichten entstammenden Gruppenange-
hörigen zur Gewalt eher ein Verhältnis der Selbstverständlichkeit:
»Gewalt ist für mich«, erklärt Baumann, »ein ganz adäquates Mit-
tel gewesen, ich habe da nie Hemmungen gehabt.«
4
°Wer »mit der
Gewalt von Kindesbeinen an gelebt« habe, habe »dazu ein gesün-
deres Verhältnis« als die Intellektuellen, die den Einsatz von Ge-
walt erst durch abstrakte Theorien rechtfertigen müßten.
41
Fanons
Theorie von der Selbstbefreiung durch Gewalt bzw. das, was die
terroristische Ideologie daraus gemacht hatte, bot sich als ein idea-
les Binde"lied zwischen beiden Gruppen an: Den einen versi-
cherte sie, Gewaltanwendung sei Selbstbefreiung,und die anderen
überzeugte sie davon, Selbstbefreiung sei nur mit Gewalt mög-
lich.
Bei aller Bedeutung, die diesem unterschiedlichen Verhältnis zur
Gewalt sicherlich zukommt, blieb doch eines gemeinsam: Erst
mit der Übergabe der Waffe wurde der einzeln.e zu einem voll-
74
wertigen Gruppenmitglied, verwandelte er sich aus einem »Pro-
blem« in eine »Lösung«. Wie auch immer dieser Vorgang im ein-
zelnen stattgefunden haben mag: Von nun an hatte er das Recht
zu töten, war er Herr über Leben und Tod. Mit der Übernahme
der Waffe sei er, schreibt Hans-Joachim Klein, ein anderer Men-
sch geworden:
»Die Waffen, das war ein Stück Macht. Von ihnen ging eine Faszination
aus, die sich nur schwer beschreiben läßt, die uns aber alle in ihren Bann
zog. Hat man so ein Ding erst mal, treten neue Verhaltensweisen bei
einem ein; man verändert sich. Ich glaube heute, daß ein wichtiger Punkt,
zur Guerilla zu gehen und dort mitzumachen, der ist, daß man der Fas-
zination der Waffen erliegt.«42
Wenn auch wohl eher unbeabsichtigt, so geben doch die stilisier-
ten Waffen in den Emblemen der »RAF« und der »Bewegung 2.
Juni« zu erkennen, daß mit dem Eintritt in die Illegalität die Waffe
zum Mittelpunkt des Denkens und Handelns wurde. Alles drehte
sich nur noch um sie, und die politische Programmatik, wie rudi-
mentär sie auch ausgebildet gewesen sein mochte, regredierte auf
die Propagierung der Bewaffnung. Dies schlug bis auf das Verhal-
ten des einzelnen durch:
»Ein Mann«, so Baumann, >,der mit der Knarre rumläuft, der verlagert
seinen Mittelpunkt zur Waffe hin, da, wo du sie trägst, da ist dein Mittel-
punkt, und so bewegst du dich, daß du immer aus der Bewegung raus
ziehen kannst.« 43
Indem sich der Gruppenangehörige zunehmend an der Waffe
orientierte, wurde diese eine Teil von ihm, unlöslich mit ihm ver-
bunden. Klein hat diese Entwicklung so beschrieben:
»Ich habe es immer und immer wieder bei den Leuten - und auch bei mir-
erlebt, daß die Waffen nicht nur als Angriffs- und Verteidigungsinstru-
mente gehalten, getragen und gehortet werden, sondern sie sind auch Er-
satz, um die eigenen Schwächen - die politischen wie die persönlichen - zu
verstecken und zu verschleiern.«44 Und Baumann erklärt: »Ist natürlich
fürchterlich, ein Pistolchen, hat ne Eigendynamik, so eine Waffe. Du
fühlst dich schon irrsinnig sicher, weil du so ein Ding in der Hand hast.
Auf der anderen Seite fühlst du dich auch sicher, weil du den Über-
raschungseffekt auf deiner Seite hast; soweit du es überblicken kannst,
kannst du es überblicken.<,45
Die Verbindung mit der Waffe war so eng, daß sowohl Baumann
als auch Klein und Boock ihren Ausstieg aus dem Terrorismus
75
nicht deutlicher markieren zu können glaubten, als daß sie die
Waffe niederlegten und dies öffentlich verbreiteten. Die Waffe hat
im Untergrund das Denken und Handeln derart besetzt, daß, was
zuvor nur ein Instrument war, allmählich zur Hauptsache wurde,
der gegenüber alles andere instrumentalisiert wurde. Gewaltan-
wendung war für die Gruppe »Bindemittel und Identitätsstütze
nach innen und wesentliches Medium der Selbstdarstellung nach
außen« geworden.
46
Damit aber war auch »die einmal erreichte
Selbstreflexivität« wieder »auf das Niveau des nach außen hin
bekämpften Alltagsbewußtseins und seiner undurchschauten
ideologischen Fixierungen und Verdinglichungen« regrediert.
47
Die Mechanismen der Gesellschaft hatten spätestens jetzt ihre
vorgeblich konsequentesten Gegner eingeholt. Der »neue
Mensch«, der im Untergrund entstehen sollte, entpuppte sich bald
als jener Waffenfetischist, wie ihn Baumann und Klein beschrie-
ben haben. Was als Selbstbefreiung intendiert war, erwies sich
nun als Selbstverstümmelung. Die angetreten waren, die, wie sie
erklärten, »innere Militarisierung« des westdeutschen Staates zu
bekämpfen, haben nicht nur durch den Mechanismus der Eskala-
tion diese Militarisierung tatsächlich vorangetrieben, sie haben
sich schließlich in einem kaum zu übersehenden Ausmaß selbst
militarisiert. So beispielsweise, wenn sie ein bestimmtes Verhalten
als »Feigheit vor dem Feind« bezeichneten
48
und keine andere
Perspektive mehr hatten als die des Gefechts. Die Festnahme von
Günter Sonnenberg und Verena Becker wurde dementsprechend,
wie Speitel berichtet, mit der Bemerkung quittiert: »Der Fehler
war, daß der Sonnenberg und die Becker die Bullen nicht gleich in
der Polizeiwache umgenietet haben, aber sonst waren sie stark,
mindestens drei Magazine verblasen ... «49
Der politische Kampf, den auszufechten die »RAF« beabsichtigt
hatte, war damit zu einem Duell zwischen Terroristen und Staats-
apparat geworden, das von der » R A F   ~ selbst in den Begriffen der
TV-Western und -krimis kommentiert worden ist. Nachdem die
Waffe zum Inbegriff revolutionären Bewußtseins geworden war,
wurde schließlich die Skrupellosigkeit, mit der sie gehandhabt
wurde, zum Ausdruck revolutionärer Entschlossenheit. Doch in
der Inversion von Waffe und Bewußtsein, Feuerstoß und politi-
schem Handeln verschwand immer mehr die Dimension des zu-
nächst politisch Intendierten und wurde aufgezehrt von der des
rein Militärischen. War die Reklamation des Kriegszustandes, in
dem sich die »RAP« ihrer eigenen Auffassung nach mit dem west-
deutschen Staat befand, zunächst ein prozeßtaktisches Kalkül und
vielleicht auch der Versuch, anerzogene Skrupel bei der Anwen-
dung von Gewalt zu suspendieren
50
, so bestimmte sehr bald nur
noch die Kriegsformel die Überlegungen.
Bis in die Lektüre der inhaftierten Gruppenangehörigen hinein
hat diese Entwicklung ihren Niederschlag gefunden: War anfangs
noch vorgeschlagen worden, bestimmte politikwissenschaftliche,
philosophische und psychologische Bücher zu lesen, um sie als
Grundlage einer eingehenden Rechtfertigung des Terrorismus in
der Bundesrepublik zu nutzen, so wurden nun Militärschriftstel-
ler, insbesondere Antiguerillaautoren
51
, zur bevorzugten Lektüre
der Inhaftierten. Doch selbst diese kriegswissenschaftliche Litera-
tur scheint ausgesprochen selektiv rezipiert und die Kriegsformel
nie zu Ende durchdacht worden zu sein. Ansonsten wäre man auf
Clausewitz' berühmte Pormulierung gestoßen,
»daß der Krieg nicht bloß ein politischer Akt, sondern ein wahres politi-
sches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, eine
Durchführung desselben mit anderen Mitteln. ( ... ) denn die politische
Absicht ist der Zweck, der Krieg ist das Mittel, und niemals kann das
Mittel ohne Zweck gedacht werden.,,52
»Daß der politische Gesichtspunkt" mit dem Kriege gänzlich aufhören
sollte, würde nur denkbar sein, wenn die Kriege aus bloßer Feindschaft
Kämpfe auf Leben und Tod wären ( ... ).,,53
Was für Clausewitz nur im Irrealis formulierbar war, ist im west-
deutschen Terrorismus Realität geworden: die Regression der
Zwecke auf die Mittel, wie sie - nach dem weitgehenden Verlust
der ethisch-politischen Legitimation - in der Rechtfertigung des
Kampfes durch das anthropologische Argument ihren Nieder-
schlag gefunden hat. Indem der Kampf als solcher zur Selbstbe-
freiung avancierte, kam es zu einer Inversion von Zweck und
Mittel, bei der jede Kontrolle des Mittels durch den Zweck entfiel.
Damit wird verständlich, warum die »RAP« ihren Kampf fort-
setzte, wiewohl die ursprünglich damit verbundenen politischen
Erwartungen längst hinfällig geworden waren.
Noch in den Begründungen, die Baumann und Klein, Speitel
und Boock für ihren Ausstieg aus dem Terrorismus gegeben ha-
ben; wird deutlich, daß für sie nicht die Widerlegung des ur-
sprünglichen ethisch-politischen, sondern die des anthropologi-
schen Arguments den Ausschlag gegeben hat: Was kein Hinweis
77
auf die strategische Hinfälligkeit der politischen Zwecke und die
ethische Fragwürdigkeit der Mittel vermocht hatte, bewirkte
schließlich die Einsicht, daß dieses Mittel kein Zweck und die
vorgebliche' Selbstbefreiung durch den Kampf eben doch keine
Selbstbefreiung ist.
Die Demontage des Faszinosums durch die Strategie
Durch die Militarisierung des Denkens und Handelns wurden die
»liebevollen und solidarischen Beziehungen« im Untergrund zu-
nehmend in Frage gestellt. Unter dem nach der Befreiung Andreas
Baaders aus der Haft einsetzenden Verfolgungs druck bildeten
sich in der »RAF« - nicht so deutlich in der »Bewegung 2. Juni«
und den »Revolutionären Zellen« - immer stärker hierarchische
Strukturen aus. Mit der Differenzierung von Gruppenfunktionen,
der Einführung von Arbeitsteiligkeit, verwandelte sich die
Gruppe in ein mehr oder minder getreues ,Abbild der von ihr
bekämpften Gesellschaft. Indem »Experten«, »Kommandeure«
und »Ideologen« ihre klar ausgewiesenen Positionen einnahmen,
die Gruppen sich also in »Köpfe« und »Hände« teilten, trat an die
Stelle der Liebe die Aufgabenerfüllung und an die der Solidarität
das Verhältnis von Befehl und Gehorsam. >Bommi< Baumann hat
diese Entwicklung kritisch beschrieben:
»Die ganzen Zärtlichkeitssachen, die innerhalb der Kommunen erlebt
worden waren und rausgekommen sind, eine neue Sensibilität, die ist in-
nerhalb der Bombenlegertruppe nicht mehr durchgekommen.«54 Und:
»Wir haben es nie geschafft, die Sensibilität innerhalb der Gruppe zu
halten, weil der Druck von außen dann doch so groß ist, daß er dich
einholt. Darin liegt das ganze Scheitern der Guerilla in den Metropolen,
weil man die neue Qualität nicht bewahren kann, als Gegner genauso wird
wie der Apparat selber. Du holst dich an irgendeiner Stelle wieder
ein.«55
Was zuvor als die Faszination des Untergrunds angesehen worden
war, wurde nunmehr als seine repressive Seite erfahrbar. Die »to-
tale Gruppe«, als die sich die »RAF« - aus eigenem Antrieb
ebenso wie unter dem Druck der Fahndung - konstituiert hatte,
wurde für die ihr Angehörenden »eine exklusive Einrichtung für
Tag und Nacht«.56 Immer weniger erwies sie sich als eine lebens-
praktische Alternative zur Normalität des Alltags, immer stärker
kam eine trübe, perspektivlose neue Normalität zum Vorschein,
jene Normalität des Untergrunds, die sich von der des Alltags
nicht durch mehr, sondern durch weniger Freiheit unterscheidet.
Was als äußerste Freiheit propagiert worden war, entpuppte sich
jetzt als äußerste Repression. Friedhelm Neidhardt hat dies an den
Beispielen der eingeschränkten Beziehungsmöglichkeiten und
dem Zwang zur Selbstkritik beschrieben:
,.Liebesbeziehungen mit Außenstehenden gefährden nicht nur die Sicher-
heit, weil sie zusätzliche Spuren legen; sie implizieren die Entwicklung
konkurrierender Loyalitäten. Eine im Untergrund operierende Gruppe
muß darauf eifersüchtig sein und, wenn Liebe nun mal nicht zu vermeiden
ist, auf Homogamie drängen - also auch in dieser Hinsicht individuelle
Bedürfnisse der Mitglieder auf sich selber lenken.
Soziale Isolation ist eine der Ausdrucksformen von Absorption, die psy-
chische Besetzung der Gruppenmitglieder eine andere, der ersten komple-
mentär. In dieser Hinsicht bestand ein Kontrollmittel der Baader-Mein-
hof-Gruppe in der Verpflichtung auf Selbstkritik. Selbstkritik, wenn
nachgefragt und nicht lockergelassen wird, ist die Offenlegung eigener
Schwächen und Fehler, das Bekenntnis der eigenen Ängste, das Geständ-
nis von Zweifeln und Hemmungen, die Beichte aller Ambivalenzen auch
gegenüber den Genossen. Indem sich die Gruppe auf diese Weise auch der
innersten Reserven annahm, die sich gegen sie selber richteten, integrierte
sie diese ihrem eigenen System. Wieviel Selbstzerstörung für einzelne da-
mit verbunden war, wird auf erschütternde Weise aus den Zellenzirkula-
ren erkennbar, die in der Haft ausgetauscht wurden.«57
Daß sich im Verlaufe dieser Entwicklung feste hierarchische
Strukturen innerhalb der Gruppe herausbildeten, ist sowohl von
Boock
58
als auch von Speitel
59
bestätigt worden: Befehl und Ge-
horsam wurden nun zu Schlüsselbegriffen der gruppeninternen
Kommunikation. Längst konnte keine Rede mehr sein von einer
,.Spaßgerilja«, wie sie Fritz Teufel einmal propagiert hatte. Von
Interesse waren nur noch die Fragen der Logistik, der Taktik und
der Strategie. Ihnen wurde alles andere untergeorndet. >Bommi<
Baumann hat diese Entwicklung so erfahren:
,.Da wurde dann dem Vorwurf der RAF Rechnung getragen. Die sagten,
ihr rennt durch zich Wohnungen, fickt lauter Bräute und raucht Ha-
schisch, das macht euch wohl Spaß, diese Sache. Diese Sache darf keinen
Spaß machen, das ist ein harter Job.«60
Folgt man dem Bericht Kleins, so scheinen die ,.RZ« schließlich
nicht davor       zu sein, einer (linken) Lehrerin mit
79
der Denunziation ihrer lesbischen Beziehung beim Schulamt zu
drohen, falls sie nicht bestimmte Aufgaben für die Gruppe über-
nehmeY Die Verkürzung des Lebens auf seine instrumentellen
Dimensionen und der Sensibilitätsverlust der Menschen, wie er
zuvor an der bürgerlichen Normalität beklagt worden war, konn-
ten im Untergrund nicht überwunden werden, sondern haben
sich dort reproduziert und potenziert .. Die Strategie des Terrors
hatte das Faszinosum des Untergrunds demontiert.
Dies zeigt auch und gerade die Strategie der Hungerstreiks: Im-
mer mehr diente sie dazu, potentielle Zweifler und Aussteiger in
die Linie der Gruppe zurückzuzwingen bzw. deren Solidarität
neu zu aktivieren.
62
Dabei wurde der Tod von Gruppenangehöri-
gen bedenkenlos in Kauf genommen. Andreas Baader hat dies auf
die zynische Formel gebracht: »Ich denke, wir werden den Hun-
gerstreik diesmal nicht abbrechen. Das heißt, es werden Typen
dabei kaputt gehen.«63 Mit der Militarisierung der Gruppe sind
Liebe und Solidarität durch Generalstabsmentalität verdrängt
worden. Der vorgeblich neue Mensch erwies sich einmal mehr
völlig als der alte.
Schließlich ging es nur noch darum, das von BKA-Präsident
Herold vorgegebene theoretische und praktische Niveau auf ir-
gendeine Weise selbst zu erreichen. So berichtet Volker Speitei:
"Ganz besonders versessen waren die Stammheimer [die in Stuttgart-
Stammheim einsitzenden Gruppenangehörigen Baader, Ensslin, Meinhof
und Raspe] auf Herold. Seine Aufsätze und Reden, die wir aus den Poli-
zeizeitungen hatten, waren Pflichtlektüre. An seinen Thesen und Analy-
sen maß sich besonders Baader sehr gern, wie man in einigen Texten der
Gefangenen nachlesen kann.«64
Spätestens hier wurde sichtbar, was Werner Hahlweg als die »dia-
lektische Einheit« bezeichnet hat, die von der »Exekutive auf der
einen, Guerilla- und Terrorgruppen auf der anderen Seite« gebil-
det wird.
65
Schließlich erkannte auch Klein: »Staatsschutz und
Guerilla bekämpfen sich, sind sich aber nicht mehr fremd, der
eine braucht den andern.«66
>Bommi< Baumann hat die Auffassung vertreten, daß diese Ent-
wicklung sowohl in bezug auf die Selbstinstrumentalisierung der
Gruppen als auch hinsichtlich ihrer allmählichen Angleichung an
den staatlichen Verfolgungs apparat durch eine größere »Boden-
ständigkeit« hätte vermieden werden können: .
80
»Die RAF hat gesagt, die Revolution wird nicht über die politische Arbeit
aufgebaut, sondern durch Schlagzeilen, durch ihr Auftreten in der Presse,
die immer wieder meldet, hier kämpfen Guerilleros in Deutschland. Diese
Überbewertung der Presse, da bricht sie eben verhängnisvoll durch. Nicht
nur, daß sie auf der einen Seite total den Apparat imitieren und.darauf
einsteigen, es politisch eigentlich nur noch mit der Polizei zu tun zu haben
- auf der anderen Seite rechtfertigen sie sich nur noch über die Medien, sie
vermitteln sich nur noch auf diese Weise.
Da schwimmt es nur noch, da ist keine Verwurzelung mehr, zu nichts
mehr, nicht mal zu den Leuten, zu denen sie noch Kontakt hatten, das sind
ja eigentlich die verhängnisvollen Brakes in der Geschichte, abgesehen von
dem schlechten Klima untereinander.«67
Demgegenüber habe die »Bewegung 2. Juni« die Auffassung ver-
·treten, man solle das mögliche Operations gebiet der Gruppe ge-
zielt und bewußt beschränken; darum auch sei die Gruppe im
Gegensatz zur "RAF« nicht nach Westdeutschland übergesiedelt,
sondern in Berlin geblieben - »weil wir uns hier am besten aus-
kennen und rasen nicht irgendwo durch Westdeutschland im
BMW«.68 Als die gewissermaßen letzten Überbleibsel der ur-
sprünglichen Faszination des Untergrunds setzt Baumann Boden-
ständigkeit und Instinktsicherheit gegen die technische Stadtgue-
rillakonzeption, wie sie insbesondere von der »RAF« propagiert
worden ist:
,>Die Erfahrungen bei einem Bankraub sind genau diese Instinktsachen,
daß du die mal voll in der Praxis erlebst. Später bei diesen ganzen Groß-
fahndungen hat dir das dann irrsinnig geholfen, daß du dann ganz auto-
matisch instinktiv sicher bist, wenn du dich draußen bewegst, auch im
größten Getümmel. Auch wenn du in so einer Wohnung bist, weißt du
ganz genau, du wirst nicht beobachtet, du verläßt dich eben nicht wie die
BM [die Baader-Meinhof-Gruppe] immer auf Technik, mit tausend Kodes
verschlüsseln, Abtarnen, auf tausend solche Sachen, genau darauf gehst du
nicht ein. Da hast gelernt auf der Straße zu leben, weil du irgendwie immer
illegal warst über die kleinkriminellen Sachen, du bist der Blues, das ist ja
genau die Geschichte, du hast es gelernt, daß du diesen Apparat nicht
brauchst, du steigst auf die ganzen Sachen nicht ein.«69
Wenngleich er sich dessen wohl kaum bewußt war, hat sich Bau-
mann damit - bei geringfügigen Modifikationen - earl Schmitts
»Theorie des Partisanen« angeschlossen, in der Irregularität, ge-
steigerte Mobilität im Kampf, intensives politisches Engagement
und Erdverbundenheit (»tellurischer Charakter«) zunächst glei-
81
chermaßen als die Wesensmerkmale des Partisanen bezeichnet
werden
70
, im weiteren Verlauf dann jedoch die Erdverbundenheit,
die Bodenständigkeit, zum eigentlichen Signum des Partisanen
wird. Gerade darin aber ist der Partisan bedroht; seiner Tellurität
enteignet und ideologisch subsumiert, wird er zum Spielball einer
übernationalen Zentralsteuerung:
»Der Partisan hört dann auf, wesentlich defensiv zu sein. Er wird zu einem
manipulierten Werkzeug weltrevolutionärer Aggressivität. Er wird ein-
fach verheizt und um alles das betrogen, wofür er den Kampf aufnahm
und worin der tellurische Charakter, die Legitimität seiner partisanischen
Irregularität, verwurzelt war.«7!
Wird das Tellurische - und damit die Existenz des Partisanen als
Partisan - bei Schmitt durch die ideologische Vereinnahmung be-
droht, so bei Baumann. durch die technische Aufrüstung des
Stadtguerilleros, seinen .Einstieg in die Eskalation, in die Logik
der Apparate, durch die er sich seinem Widerpart so sehr an-
gleicht, daß die Faszination des Untergrunds schließlich gänzlich
aufgezehrt wird. Nur die Selbstbeschränkung in der Wahl der
Mittel und die Begrenzung des Operationsgebiets könne diese
Faszination gewährleisten. Damit aber ist die Rechtfertigung der
Gewalt von dem - angeblich nur durch Gewalt zu erreichenden -
politischen Ziel auf die Sicherung der Existenz im Ausnahmezu-
stand verschoben worden. In gewisser Hinsicht ist das anthropo-
logische Argument damit zu Ende gedacht: Während die Orien-
tierung an der politischen Veränderung - jedenfalls in der Ge-
schichte des westdeutschen Terrorismus - nahegelegt haben mag,
bei ausbleibendem Erfolg den Gewalteinsatz zu steigern, verlangt
eine Perspektive, der es vor allem um die Existenz im Untergrund
geht, die »Hegung« (Schmitt) der Gewaltanwendung, möglicher-
weise sogar die »Hegung« des Untergrunds.
Ansätze hierzu sind in der Strategie der »RZ« zu ,erkennen: so-
wohl in dem Versuch, ein bestimmtes »Militanz-Niveau« nicht zu
überschreiten (offiziell mit der Begründung, dadurch die Wieder-
holbarkeit der Anschläge durch »jedermann« zu gewährleisten,
offensichtlich aber auch mit dem Ziel, eine der »RAF« vergleich-
bare Militarisierung der Gruppe zu vermeiden), als auch in der
Beibehaltung der »legalen Existenz« der Gruppenangehörigen
(offiziell mit der Begründung, so den logistischen Aufwand - un!i
damit mögliche Spuren - gering halten zu können, offensichtlich
82
aber auch mit dem Hintergedanken, damit die Faszination des
Untergrunds nicht jener Abnutzung auszusetzen, wie sie ein voll-
ständiges Untertauchen zur Folge hat). Hierzu paßt, daß in der
Ideologie der »RZ« das anthropologische Argument von Anfang
an eine dominierende Rolle gespielt hat.
Gleichwohl gibt es aber Anzeichen dafür, daß der Prozeß von
Eskalation und Militarisierung, dem schließlich die »RAF« zum
Opfer gefallen ist, inzwischen auch die »RZ« erreicht hat. Dafür
sprechen sowohl Veränderungen in der Dimensionierung der An-
schläge als auch die ansatzweise Instrumentalisierung der Grup-
pen durch ihre Verbindungen zum internationalen Terrorismus.
Zugleich ist fraglich, ob bei der zu erwartenden Verschärfung des
Fahndungsdrucks gegen die »RZ« diese Gruppen ihr strategisches
Konzept werden durchhalten können. Vieles spricht dafür, daß
ebenso wie bei der >,RAF« und der »Bewegung 2. Juni« auch bei
den »RZ« die Faszination des Untergrunds durch die Strategie des
Terrors demontiert werden wird.
Anmerkungen
1 Volker SpeiteI, »Wir wollten alles und gleichzeitig nichts«, II!. Teil,
in: Der Spiegel Nr. 33, Ir. 8. 1980, S. 36.
2 Der letzte Brief von Holger Meins (3I. IO. I974), in: Texte der RAF,
Malmö 1977, S. 14.
V gl. Herfried Münkler, Revolutionäres Subjekt und strategischer An-
satz, in: Iring FetscherlGünter Rohrrnoser, Ideologien und Strate-
gien. Analysen zum Terrorismus I, Opladen 1981, S. 91 ff.; 174 H.
4 So erklärte Ulrike Meinhof: »Die meisten intellektuellen Linken ha-
ben ihren Marx und Mao inzwischen auf den Kopf gestellt. Um ihr
bißchen privilegiertes Sein nicht in Frage stellen zu müssen, ihren
Trödelkram und bunt bemalte Küchenmöbel, greifen sie - wie die
Springerpresse - nach psychoanalytischen Interpretationsmustern re-
volutionärer Entschlossenheit« (Meinhof, Den bewaffneten Wider-
stand organisieren. Die Klassenkämpfe entfalten. Die Rote Armee
aufbauen, S. 2). Tatsächlich bediente jedoch vor allem sie selbst sich
dieser psychologischen Deutungsmuster, indem sie die Aktionen der
»RAF« als Ausdruck von Mut und Entschlossenheit bezeichnete, jede
Kritik daran hingegen der Feigheit bezichtigte (vgl. Münkler [s. Anm.
3], S. 53 H.).
5 Der letzte Brief von Holger Meins (s. Anm. 2), S. 14.
6 Michael >Bommi< Baumann, Wie alles anfing, Frankfurt 1977,
S.106.
7 Teile zu der Erklärung der Gefangenen aus der RAF, in: Texte der
RAF (s. Anm. 2), S. 48.
8 Ulrike Meinhof hat, freilich nicht auf sich selbst, sondern auf die
»Verräter« bezogen, von der »falschen Faszination, die Illegalität
hat«, gesprochen (Meinhof, Stadtguerilla und Klassenkampf, in:
Texte der RAF [so Anm. 2], S. 405). Sie hat dabei jedoch übersehen,
daß solche Faszination nicht nur bei denen festzustellen ist, die sie
irgendwann »überwunden« haben.
9 »Widerstand unterm Pf/asterstrand«, in: Pflasterstrand Nr. II,
1977·
10 Albrecht Wellmer, Terrorismus und Gesellschaftskritik, in: Stich-
worte zur >Geistigen Situation der Zeit<, hg. von Jürgen Habermas,
Frankfurt 1979,Bd. I, S. 273.
II Veröffentlicht in den beiden Sammelbänden Bewaffneter Kampf -
Texte der RAF. Auseinandersetzung und Kritik, Utrecht 1973 und
Texte der RAF (s. Anm. 2).
12 Baumann (s. Anm. 6); Hans-Joachim Klein, Rückkehr in die Mensch-
lichkeit. Appell eines ausgestiegenen Terroristen, Reinbek bei Ham-
burg 1979; Speite!, »Wir wollten alles und gleichzeitig nichts«, in: Der
SpiegelNr. 3 1,28. 7. 1980 (TeilI); Nr. 32,4. 8. 1980 (Teil II); Nr. 33,
1 I. 8. 1980 (Teil III); »Im Schützengraben für die falsche Sache«.
Spiegel-Gespräch mit dem Ex-Terrorist Peter jürgen Boock über seine
Erfahrungen in der RAF, in: Der Spiegel Nr. 9, 23.2. 1981.
13 Eine Zusammenfassung der verschiedenen Erklärungsansätze zum
Terrorismus bieten Hans-Dieter Schwind, Bisher veröffentlichte
Meinungen zu den ,Ursachen< des Terrorismus, in: Ursachen des Ter-
rorismus, hg. von Hans Dieter Schwind, Berlin/New York 1978,
S. 45 ff. sowie Hermann Glaser, Die Diskussion über den Terroris-
mus. Ein Dossier, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wo-
chenzeitung ,Das Parlament<, B 25/78; 24.6.1978.
Die theoretische Reichweite psychologischer Ansätze, psychoanaly-
tischer ebenso wie sozialpsychologischer, wächst in dem Maße, in
dem auch außerpsychische Faktoren in die Überlegungen einbezogen
werden und auf monokausale Erklärungen verzichtet wird. Insge-
samt wenig überzeugend sind dagegen die Arbeiten von Ronald
Grossarth-Maticek (insbes. Anfänge anarchistischer Gewaltbereit-
schaft in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn - Bad Godesberg
1975), der Terrorismus als Folge individueller Pathologien begriffen
hat, und Peter Hofstätter (Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen
kann, in: Heiner Geißler [Hg.], Der Weg in die Gewalt. Geistige und
gesellschaftliche Ursachen des Terrorismus und seine Folgen, Mün-
ehen/Wien 1978, S. 163 H.), für den es sich bei Terroristen um »im
klinischen Sinn bestimmt keine Schizophrenen«, aber doch um »wohl
zumindest ausgesprochene Neurotiker« handelt (S. 168). Aus psy-
chologischer Sicht werden die hier vorgetragenen Überlegungen er-
gänzt durch die Aufsätze von Elisabeth Müller-Luckmann (Terroris-
mus: Psychologische Deskription, Motivation, Prophylaxe aus psycho-
logischer Sicht, in: Ursachen des Terrorismus, S. 60 ff.) und Klaus
Wasmund, Zur politischen Sozialisation in terroristischen Gruppen,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung >Das
Parlament<, B 33/34/80, 16.8. 1980.
Mit der Attraktivität terroristischer Gruppen für Frauen beschäftigen
sich aus psychologischer Perspektive: Margarete Mitscherlich-Niel-
sen, Hexen oder Märtyrer?, in: Susanne v. Paczensky (Hg.), Frauen
und Terror. Versuche, die Beteiligung von Frauen an Gewalttaten zu
erklären, Reinbek bei Hamburgl978, S. 13 H., Edelgart Quensel,
Auf der Suche nach Identität, ebd., S. 69 ff. sowie Ilse Korte-Puck-
litsch, Warum werden Frauen zu Terroristen?, in: Vorgänge, Nr. 40-
41, 1979, S. 121 H.
14 Klein (s. Anm. 12), S. 28.
15 Speitel (s. Anm. 12), I, S. 37.
16 Hans-Jürgen Bäcker/Horst Mahler, Die Linke und der Terrorismus.
Gespräche mit Stefan Aust, in: Die Linke im Rechtsstaat, Berlin 1979,
Bd. 2, S. 175.
17 V gl. die Beiträge von Peter Graf Kielmannsegg (Politikwissenschaft
und Gewaltproblematik), Ernst Topitsch (Die Masken des Bösen)
und Hermann Lübbe (Endstation Terror. Rückblick auf lange Mär-
sche) in: Heiner Geißler (Hg.), Der Weg in die Gewalt. Geistige und
gesellschaftliche Ursachen des Terrorismus und seine Folgen, Mün-
chen und Wien 1978; ebenso Martin Rock, Anarchismus und Terror.
Ursprünge und Strategien, Trier 1977 und Günter Rohrmoser, Ideo-
logische Ursachen des Terrorismus, in: FetscheriRohrmoser (s.
Anm. 3), S. 274 ff.
18 Vgl. Münkler (s. Anm. 3), S. 100 ff.
19 Es ist fraglich, ob man den westdeutschen Terrorismus begriffen hat,
wenn man ihn - wie Michael Horn (Sozialpsychologie des Terroris-
mus, Frankfurt 1982, S. 92) - als »eine von kollektiven Handlungs-
trägern bewußt vollzogene Praxis fundamentaloppositionellen, d. h.
den gesellschaftlich etablierten >Basiskonsens< grundsätzlich in Frage
stellenden politischen Verhaltens« bezeichnet. Sicherlich haben die
Stadtguerilleros sich selbst so gesehen, doch ebenso, wie sie in man-
cher Hinsicht dt;n gesellschaftlichen >Basiskonsens< aufgekündigt ha-
ben, sind sie in anderer Hinsicht gesellschaftlich weit verbreiteten
Grundideen verhaftet geblieben; beispielsweise der, daß man, wenn
sonst nichts helfe> es einmal mit Gewalt versuchen solle.
20 Friedhelm Neidhardt, Soziale Bedingungen terroristischen Handeins.
Das Bf!ispiel der »Baader-Meinhof-Gruppe« (RAF), in: Wanda von
Baeyer-Katte/Dieter ClaessensIHubert Feger/Friedhelm Neidhardt,
Gruppenprozesse. Analysen zum Terrorismus 3, Opladen 1982,
S. 326f. .
21 Speitel (s. Anm. 12), I, S. 36.
22 »Im Schützengraben für die falsche Sache« (5. Anm. 12), S. 114.
23 Zit. nach Herbert Jäger/Lorenz Böllinger, Studien zur Sozialisation
von Terroristen, in: Herbert Jäger/Gerhard Schmidtchen/Lieselotte
Süllwold, Lebenslaufanalysen. Analysen zum Terrorismus 2, Opladen
1981, S. 149. Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang auch die
folgende Passage aus dem Brief Klaus Hesslers an seinen in den Un-
tergrund gegangenen Schulfreund: ,.Politik, politisches Handeln,
überhaupt politisches Denken sind Dir völlig wesensfremd, wieviel
mehr noch ein politischer >Kampf< gegen diesen Staat und dessen
Politik. Du hast keine politischen Motive, nicht einmal Kenntnisse;
eine politische Ideologie fehlt Dir völlig, erst recht hast Du keine
politischen Ziele, wüßtest nichts an die Stelle des Staates zu setzen,
wenn Du ihn denn zu Fall bringen könntest.« Klaus Hessler, Brief an
einen Freund - den mutmaßlichen Terroristen D., Hamburg 1978,
S.
10

24 Horst Mahler, Erstens existieren Widersprüche . .. Masch.-schriftl.
Aufzeichnung, S. 9.
25 Texte der RAF (5. Anm. 2), S. 361.
26 Münkler, Grundelemente terroristischer Ideologie, in: Auseinander-
setzung mit dem· Terrorismus, Bonn 1981, S. 124.
27 Vgl. Gerhard Schmidtchen, Terroristische Karrieren, in: Jägerl
Schmidtchen/Sülhvold (s. Anm. 2 3   , ~ . 45; ebenso Jäger/Böllinger
(s. Anm. 23), S. 150.
28 Klein (s. Anm. 12), S. 173.
29 Ti! Schulz, »Der Kampf als inneres Erlebnis«. Abenteuer des falschen
Bewußtseins,in: Kursbuch Bd. 35, 1974, S. 135·
30 Speitel (s. Anm. 12), S. 39.
31 Dieter Claessens/Karen de Ahna, Das Milieu der Westberliner ,scene<
und die »Bewegung 2. Juni«, in: v. Baeyer-Katte/Claessens/Fe-
geriNeidhardt (s. Anm. 20), S. 49.
32 Ebenda, S. 135.
33 Schmidtchen (5. Anm. 27), S. 55.
34 Baumann (s. Anm. 6), S. 58.
35 Ebenda, S. 63.
36 Texte der RAF (s. Anm. 2), S. 193; auch Klein nimmt einmal auf
Fanon Bezug (Klein[s. Anm. 12], S. 152)' .
37 Frantz Fanon, Schwarze Haut, weiße Masken, Frankfurt 1980, S. 33,
90 u. 115.
86
38 Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Reinbek bei Hamburg 1969,
S. 65 f.; vgl. Münkler, Perspektiven der Befreiung. Die Philosophie
der Gewalt in der Revolutionstheorie Frantz Fanons, in: Kölner Zeit-
schrift für Soziologie und Sozialpsychologie 3h981, S. 441 H.
39 Vgl. Iring Fetscher, Terrorismus und Reaktion in der Bundesrepublik
Deutschland und Italien, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 27.
40 Baumann (s. Anm. 6), S. 20.
41 Ebenda, S. 92; vgl. auch Klein (s. Anm. 12), S. 31 H.
42 Klein (s. Anm. 12), S. 190.
43 Baumann (s. Anm. 6), S. 127; dazu auch Klein (s. Anm. 12), S. 82.
44 Klein (s. Anm. 12), S. 190; vgl. auch S. 148.
45 Baumann (s. Anm. 6), S. 103 f.
46 Horn (s. Anm. 19), S. 102.
47 Ebenda, S. 133·
48 Speitel (s. Anm. 12), I, S. 39.
48 Ebenda, III, S. 34.
50 Neidhardt (s. Anm. 20), S. 378.
51 Neben den Periodika Die Polizei, Kriminalistik, Deutsches Waffen-
journal, Informationsdienst für den BGS und dem Taschenbuch für
Wehr fragen sind insbesondere zu nennen: Hans-Jürgen Müller-Bor-
chert, Guerilla, im Industriestaat. Ansatzpunkte und Erfolgsaussich-
ten, Hamburg 1973 sowie Frank Kitson, Im Vorfeld des Krieges.
Abwehr von Subversion und Aufruhr, Stuttgart 1974.
52 Carl v. Clausewitz, Vom Kriege, hg. von Werner Hahlweg, Bonn
1980, S. 210.
53 Ebenda, S. 993·
54 Baumann (s. Anm. 6), S. 88.
55 Ebenda, S. 127.
56 Neidhardt (s. Anm. 20), S. 361.
57 Ebenda, S. 370.
58 »Im Schützengraben für die falsche Sache« (s. Anm. 12), S. 120.
59 Speitel (s. Anm. 12), II, S. 33 u. 37.
60 Baumann (s. Anm. 6), S. 122.
61 Klein (s. Anm. 12), S. 72.
62 ;Vgl. Horn (s. Anm. 19), S. 69.
63 Zit. nach Vif G. Stuberger (Hg.), »In der Strafsache gegen Andreas
Baader, Ulrike Meinhof, fan-earl Raspe, Gudrun Ensslin wegen
Mordes u. a.«. Dokumente aus dem Prozeß, Frankfurt 1977,
S. II 1.
64 Speitel (s. Anm. 12), II, S. 34.
65 Werner Hahlweg, Moderner Guerillakrieg und Terrorismus.
Probleme und Aspekte ihrer theoretischen Grundlagen als Widerspie-
gelung der Praxis; in: Manfred Funke (Hg.), Terrorismus, Bonn 1977,
S.130 .
66 Klein (s. Anm. 12), 5. 201-
67 Baumann (s. Anm. 6), S. 129 (Hervorhebung von mir, H. M.).
68 Ebenda, S. 99.
69 Ebenda, S. 105.
70 earl Schmitt, Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Be-
griff des Politischen, Berlin 1963, S. 26.
71 Ebenda, S. 77; vgl. H. Münkler, Partisanen der Tradition, in: Der
Monat 111982, S. 111 H.
Eike Hennig
»Wert habe ich nur als Kämpfer«
Rechtsextremistische Militanz und
neonazistischer Terror
1
»Wert habe ich nur als Kämpfer«; Diese Interviewaussage eines
ehemaligen Mitgliedes der Hamburger »Aktionsfront Nationaler
Sozialisten« (ANS) liefert ein Stichwort, das auf die grundlegende
Bedeutung von Gewalt und Kampf in rechtsextremistischen Or-
ganisationen und für die Motivation der Angehörigen hinweist.
Dieser Aspekt soll hier (ohne Anspruch auf eine erschöpfende
Darstellung und Interpretation) verfolgt werden; d. h., Gewaltak-
zeptanz, die Zustimmung zu oder Hinnahme von Gewalt als Mit-
tel der politischen Auseinandersetzung, soll im Bezugsrahmen
rechtsextremistisch-politischer »Karrieren«2 und Organisationen
als zentraler Bestandteil eines umfassenderen »Deutungsmu-
sters«3 diskutiert werden. Dies geschieht vor dem Hintergrund
empirischer Materialien, die im Rahmen eines Forschungspro-
jekts »Neonazistische Militanz und Gewalt unter Jugendlichen«
vornehmlich durch Tiefeninterviews mit manifesten jugendlichen
Rechtsextremisten und Neonazis erhoben worden sind.
4
Disku-
tiert werden soll also, inwiefern Gewalt in den »kollektiven Sinn-
interpretationen« rechts extremer Gruppen für einzelne ihrer Mit-
glieder eine Rolle spielt - sei es bezüglich ihrer Konzepte unkon-
ventioneller Formen von Politik, sei es als »regulierende Funk-
tion« (d. h. als Lieferant politisch-sozialer Orientierungen und
»Lebenshilfe« in einer schwer überschaubaren Umwelt sowie als
»Problemlösungspotential« für Konflikte und Interessenabwä-
gungen).
Um die Faszination von und durch Gewalt in rechtsextremen
Gruppen und für Mitglieder rechtsextremer, insbesondere neona-
zistischer Organisationen behandeln zu können, sind einige Hin-
weise auf die historischen Vorbilder NSDAP und SA notwendig.
In diesem Sinn werden einige kursorische Bemerkungen zur po-
litischen Biographie der »alten Kämpfer« im Nationalsozialismus
eingeflochten, weil die Bilder des »politischen Soldaten der Par-
tei« bzw. einer »kämpferischen Elite« für den »dritten Weg -
Kampf gegen Kapitalismus und Kommunismus« (Kühnen)5 auf
diese Vorgeschichte und Vorbilder zurückgreifen. Ausdrücklich
sei aber darauf hingewiesen, daß sich der Leser gerade in diesem
Fall mit einer umrißhaften Skizze begnügen muß.
Gewalt als Deutungsmuster
Gewalt spielt im Selbstverständnis des historischen Nationalso-
zialismus
6
und bundesrepublikanischer Neonazis eine zentrale
Rolle; sie ist der Dreh- und Angelpunkt, um den herum sowohl
abstrakt (sozialdarwinistisch und rassistisch) als auch konkret
(hinsichtlich Politikform, Strategie, Taktik und Feindbild) ge-
dacht wird. Ihr kommt ~ i   Funktion einer »Philosophie« und
»message« zu, wobei sich - was noch näher zu erläutern ist -
Konservatismus und Rechtsextremismus weniger bezüglich ihrer
Normen als vielmehr in der Wahl. der Aktionsformen grundle-
gend unterscheiden. Gewalt als ordnendes Prinzip und Kampf als
praktische Politikform liefern insofern wichtige Hinweise, um
Rechtsextremismus (Faschismus und insbesondere Neonazismus)
von Konservatismus, aber auch von »Reaktion«, zu unterschei-
den. Buch und Muskete zusammengenommen machen erst den
vorbildhaften »alten Kämpfer« aus (»Libro e moschetto - fascista
perfetto«) und grenzen diesen vom bürgerlichen Konservativen
und sozialdemokratischen Reformisten ab. Am Beispiel von Mi-
chael Kühnens Buchmanuskript »Die zweite Revolution. Glaube
und Kampf</ soll zunächst die Funktion von Gewalt als Leitprin-
zip neonazistischer Weltsicht verdeutlicht werden, um dann auf
die orientierende Vorbildrolle der »alten Garde« eingehen zu
können.
Kühnen (geb. 1955) - vormaliger Vorsitzender der 1977 gegrün-
deten ANS, 1978 im »Bückeburg-Prozeß« vom Oberlandesge-
richt eelle zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren verurteilt -liefert
ein rechtslastiges Gemälde der gegenwärtigen Legitimations- und
Sinngebungskrise. Er glaubt, sie nur durch Kampf überwinden zu
können, wobei Kampf und Gewalt als Lebensprinzip erscheinen
und weder zeitlich begrenzt noch rein taktisch bewertet werden.
Das Bild der von Feinden umzingelten Avantgarde (>>Viel Feind,
viel Ehr'«), der »Siegfried-Komplex«8 und der Versuch, den
Wahrheitsbeweis für die eigenen politischen Thesen durch Ein-
nahme einer radikalen Außenseiterrolle anzutreten, sind kenn-
zeichnend und weisen Gewalt und Kampf eine prinzipielle Be-
deutung zu:
»Die nationalsozialistische Bewegung kämpft gegen eine Welt von Fein-
den: gegen Liberalkapitalismus, Marxismus und Reaktion, gegen Materia-
lismus, Zionismus und die Gefahren des Rassenkrieges.«9 - »Der Kampf
ist unser Lebensinhalt. Es ist gesund und natürlich, Freude am Kampf und
an der männlichen Bewährung zu finden. Nur wenn wir im Kampf stehen,
uns selbst bestätigen, dem Feind entgegentreten - dann finden wir unser
Glück und dienen wirklich der Bewegung. Reden halten viele, bei uns
mußt du kämpfen, dich einsetzen, Verfolgungen und Opfer auf dich neh-
men. In dieser Welt hat sich stets nur etwas durch die Tat geändert, nie
durch prahlerische Redensarten! Nichts ist wirklich, solange es sich nicht
im Kampf bewährt hat, dort geadelt und bestätigt wurde. Der Kampf, das
Ringen der Gewalten - das ist die Auslese der Besten, der Würdigen. Hier
finden sich die Menschen, die Geschichte machen, hier fallen die Entschei-
dungen ... «10
Kühnen betont den überzeitlichen Wert des Kampfes, der anthro-
pologisch dem Menschen und biologistisch Natur und Geschichte
zugeordnet wird. Kampf wird als ein Prinzip angesehen, das die
Geschichte und alle natürlichen wie sozialen Konfliktkonstella-
tionen grundlegend bestimmt; eine biologisch zutreffend defi-
nierte Politik muß daher Gewalt um ihrer selbst willen (nicht aber
als Taktik oder etwa als psychologisches Ventil) akzeptieren. In
diesem Sinn ist Gewalt einfach »da«. Sie entzieht sich einer Be-
wertung, weil sie natürlicherweise zu Mensch, Geschichte und
Natur dazugehört und von all denen akzeptiert und praktiziert
wird, die dieser »natürlichen« Sichtweise und Auffassung noch
teilhaftig sind. Hieraus ergibt sich die missionarische und aggres-
siv-endzeitorientierte Position der neonazis tischen Avantgarde,
die in der »Welt von Feinden« nahezu als einzige noch um das
ordnende (Gewalt-)Prinzip weiß; dagegen steht der Untergang.
»Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr auf die ideelle Zustimmung ihrer
Bürger stützen kann, sondern überIebt dank eines immerwährenden Ap-
pells an den Materialismus, also an die niedrigsten Instinkte des Menschen
- Neid, Gier, Eitelkeit und Bequemlichkeit - muß untergehen!«l1
In dieser Welt spielen soziale Strukturen und Interessen, Klassen-
standpunkte und Sozialschichtung keine Rolle. Die Demokratie,
»die nur auf den Trümmern des nationalsozialistischen Volksstaa-
9
2
tes denkbar war«12, wird zwar gehaßt, »bewaffneter Widerstand«
(solange er sich nicht gegen »Unschuldige« richtet) erscheint als
»moralisch gerechtfertigt«!3, aber primär ist es die »Entartung«
der zentralen Prinzipien, nämlich der Bejahung von Kampf und
Gewalt, die mit der Demokratie identifiziert und bekämpft wird,
Dies betrifft u, a, die parlamentarische Demokratie, die von
Rechtsextremisten immer noch (quasi frühbürgerlich) als diskur-
sive Institution aufgefaßt wird,
Ausder abstrakten Ansprache von Gewalt jenseits von Struktu-
ren und Institutionen, aber implizit in allen Normen und Prozes-
sen (wenn nur deren rechtsstaatliche, liberale oder sozialdemo-
kratische Verschleierungen durchstoßen bzw, durchschaut wer-
den) ergibt sich die Interpretationskraft des Rechtsextremismus,
Seine prinzipiell nicht-elaborierten Sprachkodes und seine Ge-
waltformeln sprechen die Erfahrungen und Wunschbilder solcher
Schichten und Individuen an, die von ihrer sozialen Realität her
wissen, wie gewaltförmig und -bestimmt Gesellschaft ist, wie
ungleich und geprägt von Benachteiligungen sich der politisch-
sozioökonomische Prozeßablauf präsentiert, Gewalt korrespon-
diert so mit Eindrücken sozialer Ungerechtigkeit und Ungleich-
heit; und ein dumpfer Sozialprotest kann durchaus seine Leitmo-
tive und Politikformen aus dem rechts extremen Gewaltplädoyer
und seinen Enthüllungen gewinnen,
Eine solche Gewalt-»Philosophie« entspricht den Erfahrungen
von Unterprivilegierten insofern, als sie in der Attitüde auftritt,
alle juristischen und formalen Schleier, alle »Machenschaften«
und geheimen »Verschwörungen« aufzudecken, Dies geschieht
wegen der prinzipiellen Form der Argumentation, so daß kein
Begriff der strukturellen Gewalt und damit der sozialstrukturel-
len wie institutionellen Bestimmung des Zentrums sozialer Ge-
walt gefunden wird; vielmehr liegt das Prinzip in der von Inter-
essen unbeeinflußten Natur selbst, In einer ungleichen (kapitali-
stischen) Gesellschaft mit politisch-soziologisch ausweis baren
Benachteiligungen und Verzerrungen in der Verteilung von Gü-
tern, von Macht und Zukunftschancen bedeutet das Ansprechen
dieses Gewaltprinzips einen Glaubwürdigkeitszuwachs und be-
gründet die Attraktivität der entdifferenzierten Erklärungsversu-
che und Handlungsanleitungen, 14
Diese Ansprache der direkten Gewalt als des wichtigsten Natur-
prinzips kann auf lebensgeschichtliche Erfahrungen zurückver-
93
weisen. Daß die Formen der Gewalt schichtenspezifisch verschie-
den sind, wird implizit von dieser Gewaltbotschaft berücksichtigt
und vermehrt im Kreis sozialer »underdogs« ihre Glaubwürdig-
keit und handlungs orientierende Deutungskraft. So gibt ein Ju-
gendlicher dem Interviewer zu bedenken, daß in seiner Lebens-
welt eine »Maulschelle« wenig bedeutet. Bezogen auf das Publi-
kum eines Rummelplatzes (»alles so'ne Typen, ja, die gehen auch
nach der Stärke, ja, die sagen, denen imponiert Stärke, und die
sagen, wer stark ist, zu dem fühlen wir uns hingezogen«) macht
ein neonazistischer Jugendlicher (F. Sch., geboren 1957) klar, daß
eine Ohrfeige in diesem Milieu unzureichend erscheinen muß:
»Das ist aber nicht hart genug für die. Das ist vielleicht für Sie hart, aber
nicht hart für sie.« - »Ja, das sind, das ist viel härter und rauher. Die sind
viel härter: Ja. Wenn man denen eine Backpfeife gibt oder so, ja, denn,
denn fühlen sie sich höchstens mal beleidigt, ( ... ) aber doch nicht irgend-
wie, daß sie da zurückzucken oder so.«
In dieser Lebenswelt erscheint prinzipielle Gewaltakzeptanz als
glaubwürdig; sie entspricht dem Eindruck des »Kampfes ums Da-
sein« und verzahnt private mit politisch-öffentlichen Lebensbe-
reichen und Erfahrungswelten. Gerade wegen dieser Verankerung
im Primärbereich des Individuums bei gleichzeitiger Verallgemei-
nerung und Übertragung auf Geschichte, Politik und Natur avan-
cieren Gewalt und Kampf zum »Deutungsmuster« (das - aller-
dings ohne expliziten Interessenhintergrund und ohne analyti-
schen Bezug - die Marxsche Sichtweise von Geschichte als einer
Geschichte von Klassenkämpfen verdrängt
15
). Von der Gewalt-
perspektive aus kann das Muster einer rechtsextremen Darstel-
lung individueller Sinnkrisen und der umfassend das soziale, öko-
nomische und politische System betreffenden Legitimationskrise
gefunden werden; es ist das eine Aufmerksamkeitsrichtung, die
geeignet ist, private, politisch-öffentliche, historische und biologi-
sche Sichtweisen, Erfahrungen und Kenntnissplitter handlungs-
pragmatisch zu ordnen. Dieses Deutungsmuster verspricht sogar
eine befriedete Zukunft - für den Fall, daß das Gewaltprinzip von
allen anerkannt wird. und als »Neue Ordnung«, d. h. als national-
sozialistische Volksgemeinschaft (also als Überfamilie über Sip-
pen, Familien und Individuen), durchgesetzt worden ist:
» Die große geistige Krise unserer Zeit, die seelische Zerrissenheit unseres
Volkes, die innere Richtungslosigkeit, die Sinnlosigkeit des modernen Le-
94
bens, die Gefahren der Zukunft - dies alles verlangt gebieterisch nach
einer Neuen Ordnung, wenn sich die Menschheit picht in wenigen J ahr-
zehnten selbst vernichten soll. Diese Neue Ordnung muß - wie einst die
des Mittelalters - allen Volksgenossen inneren Halt und Geborgenheit
geben; sie muß, um wirksam und prägend zu werden, verbindlich sein,
aber darf sich nicht auf Zwang und Terror gründen.«16
Da die konkrete Herkunft aus der privaten Lebenswelt deutlicher
hervortritt, formuliert F. Sch. (zur Zeit des Interviews am
15. 9. 1980 wegen »privat-politischer« Streitereien aus seiner
Gruppe, der »Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands -
Partei der Arbeit«, VSBD/PdA, ausgeschlossen) dieses Deutungs-
muster plastischer als Kühnen in der »Zweiten Revolution«, weil
dieser nämlich biographisch-lebens geschichtliche Verankerungen
und Veranschaulichungen um der abstrakt-literarischen Pro-
gramm- und   willen vernachlässigt.
F. Sch. kann von seinem, Standpunkt aus die Partizipation an
Gewalt decouvrieren, deren sich Normalbürger schuldig machen.
Hingenommene Gewalt und Gewinne aus derartiger Gewaltak-
zeptanz werden bloßgestellt, wenn und weil Gewalt als grund-
sätzliches Ordnungsprinzip angesprochen wird. Dies verdeutlicht
eine Interview-Passage, die gleichzeitig die tendenziell entideolo-
gisierende Funk,tion und Attraktivität des rechtsextremistischen
Gewaltplädoyers veranschaulichen mag. Auf die Frage nach Ge-
walt und den Hinweis auf Angst vor Gewalt macht F. Sch. klar,
daß es sich um die Angst vor körperlicher Gewalt handelt - eine
Angst, die aber strukturelle Gewalt toleriert. Das Gewaltplädoyer
von F. Sch. mündet so in eine Kritik des legalistischen, pazifisti-
schen' und humanitären Gewaltverzichts, insofern dieser mittel-
bar von der Gewaltförmigkeit der Weit profitiert. earl 'Schmitts
Formeln: Feind ist »nicht der private Gegner«; Neutralität und
Gewaltächtung formulieren den »Vorbehalt eigener staatlicher
Existenz und Selbstverteidigung«, schaffen aber die grundsätzlich
gewaltträchtige »Freund-Feind-Unterscheidung« nicht ab, son-
dern formulieren lediglich eine neue Hülle um diese »extremste
Möglichkeit« des Politischen!? - solche Formeln einer kampfbe-
tonten politischen Anthropologie und unkritischen Verabsolutie-
rung nationalstaatlich-kapitalistischer oder machtorientierter
Realitätsverzerrungen tauchen in der Argumentation von F. Sch.
auf und erlauben ihm eine Kritik am praxisfernen Humanismus
des Interview-Standpunkts (L).
95
F. Sch. deutet politische Aktivität aus seiner prinzipiellen Sicht
so, daß jeder, der tatsächlich und problemadäquat handelt (der
also nicht nur räsonniert und, vor allem, Macht nicht nur parla-
mentarisch-repräsentativ delegiert), Gewalt ausüben muß - sei es
Gewalt, um zu stabilisieren, sei es Gewalt, um zu ändern. Variabel
sind lediglich die im Hintergrund als Organisations- und Ord-
nungsprinzip immer durchscheinenden Gewaltformen, Legitima-
tionen und Uminterpretationen von Gewalt (zu denen vor allem
die Nutznießer bestehender Gewalt und Ungleichheit greifen, um
diejenigen, die ihre Positiorten angreifen, auszugrenzen und zu
stigmatisieren).18
,.1.: Ich gebe auch offen zu, also ich kann mich auch nicht in so 'nen
Rummel .. : reindenken. Also ich hab' da eigentlich seit eh und je Angst.
Das gebe ich ganz offen zu. Und zwar, weil ich die Leute nicht keIme ...
Ich spreche nicht ihre Sprache ... Also Gewalt ist mir ziemlich ,unbe-
kannt, habe ich kein Umgehen mit ... <c
F. Sch.: ... Das ist auch so 'nen Punkt, ja. Sie sagen, Sie sagen, Sie haben
mit Gewalt nichts zu tun. Ja, wir
19
haben sehr wohl was mit Gewalt zu
tun, ja. Nämlich alles. Jede, jede machtpolitische Veränderung auf der
Welt, ja, ob es ein Krieg in Afghanistan ist, ja, oder ein Krieg sonstwo, ja,
die hat unheimlich was mit ihm zu tun, ja, weil nämlich, wenn z. B. die
USA, ja, einen Krieg in Vietnam macht,. ... dann hat das alles mit der
Gesellschaft und so zu tun ...
1.: Aber nicht in der direkten Form, das ist doch der Punkt ...
F. Sch.: Ja sicher ... , das läuft dann auf 'ner höheren Ebene, das ist eben
das Schlimme, daß dann dabei der direkten Gewalt, ja, da fühlen sich die
Leute angesprochen, und bei der indirekten Gewalt, ja, wo so einfach ...
ein Staat gegen den anderen Staat Krieg führt, ja, und der eine Staat hat
gewonnen, ja, und den Leuten, die dann in dem Gewinnetstaat leben,
denen geht's dann besser, ja. Dann sagt der einzelne, ja, ich bin gegen
Gewalt und so; jetzt mal ganz allgemein, jetzt mal ganz einfach gesehen.
Ja, dann sagt der einzelne, ja, ich bin gegen Gewalt und so, ja, aber lebt
trotzdem besser als der Verlierer-Staat. Und warum lebt er besser? Weil
nämlich, die - die Kameraden, die ... mit der persönlichen, also mit der
direkten Gewalt in Berührung gekommen sind, dafür gestorben sind ...
Also ich sag' nur, jeder - ich sage: jeder -, der in einer menschlichen
Gemeinschaft lebt, der ... muß erstens zur Gewalt Stellung nehmen, und
zweitens muß er die Gewalt akzeptieren. Sonst muß er sich, ... um ...
seiner eigenen Moral nicht zuwider zu laufen, da muß er sich aus der
menschlichen Gesellschaft entfernen, ja. Sagen wir, auf 'ne Insel ziehen
oder so. Ja. Nämlich dann kann er sagen, er hat wirklich, er will wirklich
nichts mit Gewalt zu tun haben, ja, weil er dann nämlich wirklich voll-
kommen gewaltlos lebt. Aber sobald einer in einer menschlichen Gesell-
schaft lebt, hat er unweigerlich etwas mit Gewalt zu tun, ob er es nun
selber direkt oder indirekt- ob er es nun bejahioder verneint. Jeder, jeder,
jeder, der in einer menschlichen Gesellschaft lebt und sagt, er lehnt Gewalt
ab, ist für mich ein Heuchler, weil er nämlich Gewalt in Kauf nimmt. Ja,
weil nämlich der Staat, die Gesellschaft, in der er lebt, übt nämlich Gewalt
aus, auf andere Gesellschaften ... Damit lebt er ... davon lebt er nämlich
auch, ja ... So ist es. Haben Sie das (verstanden)? Sie gucken so ...
1.: ... Ich überlege mir das ja.
F. Sch.: Das ist nämlich logisch, ja ... Gucken Sie mal! Sie sind gegen
Gewalt. Sie sind gegen direkte Gewalt. Sie sind bestimmt überhaupt gegen
Gewalt. .
1.: Nee ... das würde ich nicht sagen.
F. Sch.: Auf alle Fälle sind Sie gegen Gewalt gegen sogenannte Un-
schuldige und so. Nicht? Da sind Sie auf alle Fälle dagegen.
1.: Ja. Aber ...
F. Sch. (interveniert schnell): Aber trotzdem. Trotzdem leben Sie in die-
ser Gesellschaft, beziehen ein Gehalt in dieser Gesellschaft, beziehen ein
Gehalt von diesem Staat und wissen ganz genau, daß dieser Staat Rüstung,
also Rüstung herstellt, ja, und diese Rüstung verwendet wird, in unzähli-
gen Kriegen hier auf der Welt. Aber Sie leben davon.«
Diese Gewalt-»Philosophie« gibt sich mit Kompromissen nicht
ab. Sie sieht überall Gewalt und sichert daher der Notwendigkeit,
Gewalt auszuüben und anzuerkennen, ein Primat über alle Stra-
tegie- und Taktik-Diskussionen zu. Hier liegt das Spezifikum.
Die für Wertorientierungen und Normen zutreffende Charakteri-
sierung von Nationalsozialisten als Gemäßigten (»moderates«20)
gilt nicht der politischen Praxis, der aggressiven Entschiedenheit,
mit der die normativen Ziele eines traditionellen Tugendkanons
etabliert werden sollen.
21
Nicht in diesen Zielen scheiden sich
rechtsextremes und konservatives Denken, wohl aber hinsichtlich
der für angemessen gehaltenen Politikformen.
Anknüpfung an das historische Vorbild der SA: »Der
politische Soldat«
Bezüglich der historischen Vorbilder verweist diese grundlegende
Differenz politischer Praxis auf die »alte Garde« bzw. die »alten
Kämpfer«, auf das Orientierungsmuster des »politischen Solda-
ten«: »SA -Kämpfer sind politische Soldaten: politisch, weil ihr
97
Kampf ausschließlich der Zukunft unseres Volkes dient; Soldaten,
weil sie eingebunden sind in Gehorsam, Disziplin und in die Not-
wendigkeiten und Gefahren des Kampfes.«22
Dieses Vorbild des »politischen Soldaten« stellt sicher, daß Ge-
walt selbstlos politisch - d. h. hier bezogen auf Staat und Volks-
gemeinschaft - angewendet wird. Das idealistische Muster ist nur
durch Egoismus oder Sadismus, also durch Schwächen einzelner
Kämpfer, gefährdet; als Ganzes wird es von »politischen Solda-
ten« als solchen getragen und ist für eine empirische Überprüfung
oder einen pragmatischen Prozeß von »trial and error« in der
Praxis nicht offen. Das gewaltorientierte Vorbild der »alten
Kämpfer« und »politischen Soldaten« verbindet die Bewegungs-
momente der historischen NSDAP mit rechtsextremistischen
Kleingruppen in der Bundesrepublik. Nach deren Selbstverständ-
nis können sie so das Stigma mangelnder Verankerung in den
Massen bewältigen, indem sie auf ein nationalsozialistisch ver-
kürztes Legalitätsprinzip setzen und an die Wiederholung de's
NS-Aufstiegs glauben. Die Interpretation der »politischen Solda-
ten« von Kühnen verweist direkt auf Ernst Röhms Verknüpfung
militärischer und politischer Aufgabenstellungen sowie auf seine
Überzeugtheit von der altruistischen Motivation der politischen
Kämpfer, die »dem Untergang (des) Vaterlandes tatenlos« nicht
zusehen wollen:
»Nicht für sich will er kämpfen, wir alle wollen für uns gar nichts, keine
Pfründen, keine gutbezahlten Pöstchen; wir sind aber der Überzeugung,
daß der großen Not nur durch Kampf abgeholfen werden kann. Wir müs-
sen bereit und willens sein, für die Freiheit und Rettung unseres Vaterlan-
des zu den Waffen zu greifen, unsere ganze Person und unser Leben für
das Vaterland einzusetzen.«23
Als vorbildlich werden aus dieser historischen Kontinuitätsper-
spektive auch solche Maximen der SA akzeptiert wie: »Dem Ter-
ror von links kann man nur mit noch schärferem Terror begeg-
nen«, oder: »Der Furcht so fern - dem Tod so nah - Heil dir-
SA!« Auch das Motto für zahlreiche politische Biographien »alter
Kämpfer«: »Kampf gegen bürgerliche Feigheit und marxistischen
Terror«24 gewinnt erneut die Bedeutung einer orientierenden Ma-
xime. Im »Lied der alten Garde« - das im rechten Lager als Post-
karte Verwendung findet - verdichten sich die Verbindungslinien
von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Verweisen auf SA,
SS und den »Marsch der Hitler-Jugend« (»Unsere Fahne flattert
uns voran«):25
»Lied der alten Garde
Einst rief uns zum Kampfe das Vaterland.
Da gab es kein Zaudern und kein Zagen,
wir nahmen sofort das Gewehr in die Hand,
um Freiheit und Ehre zu wagen.
Wir tragen die stolzeste Fahne der Weit,
um die sich Millionen geschlagen -
die Fahne wird stehen -
wenn der Träger auch fällt -
der nächste wird weiter sie tragen.
Refrain
Wir sind die Garde, die ihre Heimat liebt,
Großdeutschlands alte Garde,
die da kämpft und sich nicht ergibt!«
Angesichts derartiger Verweisstrukiuren ist es nicht verwunder-
lich, daß die seinerzeit schon von Goebbels bevorzugten SA-He-
roenbilder Mjölnirs (vom Typ: markanter Unterkiefer, starrer
Blick, steile Stirn, Gewaltpose) in Flugblättern insbesondere von
VSBD/PdA und NSDAP/Auslands- bzw. Aufbauorganisation
(NSDAP/AO) wieder auftauchen. Diese Identität zu realisieren
ist der Wunschtraum gegenwärtiger Neo-Nazis, die sich in das
Massenfluidum von 17 Millionen Wählern, einer Million Mitglie-
der und 600000 SA-Männern hineinträumen (Anfang 1933) und
zugleich überzeugt sind (»wie der Führer«), »einen gangbaren
legalen Weg an die Macht« zu finden.
26
Die Feinde sind der Kom-
munismus - Träger der Gegenprinzipien
27
- und die parlamenta-
rische Parteiendemokratie
28
; Gegner ist jedoch auch der »Durch-
schnittsbürger«.29
Das Deutungsmuster erhält eine globale Dimension:
»Und dies ist die Ausgangslage (der Entscheidungsschlacht zwischen der
weißen und der farbigen Welt): Die Arier beherrschen mit den Kontinen-
ten Europa, Amerika und Australien sowie dem südlichen Mrika die
reichsten Nationen dieser Weit; hier fühlt man den Pulsschlag der
Menschheit ( ... ) Die farbigen Völker Asiens Und Afrikas haben zu einem
Zweckbündnis gefunden ( ... ) Noch ist dieses Bündnis brüchig ( ... )
Doch die Farbigen haben begriffen, wie gewaltig ihre gemeinsame Macht
sein kann ( ... ) Der Appell an das ewig schlechte Gewissen des weißen
Mannes führte dazu, daß er die Herrschaft über Asien und Mrika fast
99
kampflos aufgabe ... ) Und immer wieder dasselbe Bild: Zunächst wird
das Heranströmen fremdrassiger Elemente stillschweigend gebilligt; wenn
es dann genügend davon gibt, entdeckt man >Minderheitenprobleme<,
sorgt sich um die Benachteiligung und Diskriminierung dieser Menschen
und fordert gleiches Bürgerrecht und Rassenvermischung. Überall kön-
nen wir das beobachten: zunächst in Südafrika und Amerika, später in
Nordamerika, heute schon in England und Frankreich und morgen wahr-
scheinlich in der Bundesrepublik. Hier scheint ein wahnwitziger Plan am
Werk zu sein, der die arische Rasse von der Welt verschwinden lassen will.
Die Umrisse dieses Plans sind deutlich, die Urheber glauben wir Zu ken-
nen
30
, die Abwehr ist eine gemeinsame Aufgabe aller Weißen. Was ist zu
tun? Wir stehen an einem Scheideweg: Entweder wir wählen den beque-
men Weg in die Kapitulation und damit in den allmählichen Untergang
oder den gefahrvollen Weg in den Kampf. Wir Nationalsozialisten haben
den Kampf gewählt!«3!
In dieser g l o b   l e ~ Konstellation angesichts einer» W elt von Fein-
den«; einer kleinen Zahl idealistischer Kämpfer und der großen
Zahl unentschlossener Materialisten, aber in der nährenden Situa-
tion einer grundlegenden sozialen Krise, die den Glauben an
Wohlstand, soziale Marktwirtschaft und soziale Absicherung ten-
denziell erschüttert, ist Gewalt faszinierend, weil sie als dasjenige
Medium erscheint, das den Widersprüchen zwischen Realität und
normativen- Ansprüchen eines Systems kurzfristig, direkt und
tiefgreifend entspricht. Hinter der Komplexität politischer und
sozialer Prozesse wird Gewalt als Strukturprinzip erkannt, so daß
auch eine Änderung nur durch Gewalt, entschiedene Kompro-
mißlosigkeit und eine Adaption der einzig realitäts gerechten
Rolle, nämlich derjenigen des· »politischen Soldaten«32, möglich
ist.
Die Verschweißung ideologischer Elemente wie volkstümliche
Parlamentarismus-Kritik, plebejische Dichotomie von »oben«
und »unten«, populistische Sozialkritik und NS-»Folklore« von
Ruhe und Ordnung sowie Vollbeschäftigung in einem System für
den »kleinen Mann«33 kann gerade durch die Vermengung von
Gewaltakzeptanz und entdifferenzierender Problemreduktion er-
reicht werden. Eine einfache, programmatisch (nicht-analytisch)
gehaltene Sprache hat dabei große Bedeutung. Wirksam sind in
dieser Beziehung auch die Anklänge gerade an die »nationalsozia-
listische Linke« um Ernst Röhm, Gregor Strasser und die »alten
Kämpfer«, »Rabauken« und »Rebellen«. vornehmlich in der SA.
100
Gewalt und die Unfähigkeit zum Diskurs
Gewaltakzeptanz und eine auf Politikformen und Zirkulations-
sphäre zentrierte Sozialkritik stehen im Kern des Deutungsmu-
sters und begründen dessen Faszination für den Kreis derjenigen
»Unterdrückten«, die »gegen Ausbeutung«34 im Sinn der Beseiti-
gung von Überfremdung (statt Entfremdung), sichtbarer Klassen-
schranken und persönlicher Bereicherung ohne Berechtigung
durch entsprechende Arbeitsleistungen sind. Es ist ein desorien-
tiertes »Unter-« bis »Mittelschichten«-Spektrum ohne ein huma-
nistisches »Prinzip Hoffnung«, dessen sozialer Protest und poli-
tische Kritik ebenso wie sein Wunsch nach Änderung sich mit den
NS-Neo-Nazi-Gewaltplädoyers und holzschnittartigen Entlar-
vungen verbindet. Die Einfachheit der Diagnosen, ihr Entdiffe-
renzierungsgrad und die aggressive Direktheit/Umsetzbarkeit
entsprechen den lebensweltlichen Primärerfahrungen und dem,
formal betrachtet, niedrigen Bildungsniveau ihrer Adressaten. Die
gewaltgeladenen Politikbilder ermöglichen als Deutungsmuster
die Strukturierung des privaten wie politisch-öffentlichen Lebens;
sie lösen den individuellen Protest aus seiner privaten Verkümme-
rung (als bloße Motzerei oder »Biertisch-Kritik«) und verweisen
auf politische Organisation. Die soziale Binnendifferenzierung
solcher Organisation als »Kameradschaft« wirkt zusätzlich pri-
vatistisch-sinnzerstörerischen Entstrukturierungen der Lebens-
führung entgegen. Gewaltakzeptanz spielt in diesem Zirkel von
öffentlicher Gewalt und privater Sinngebung eine zentrale Rolle
als erfahrungsgesättigtes Quasi-Kriterium für Wahrhaftigkeit und
Radikalität der politischen Kritiken und Entwürfe. Gewalt beja-
hen heißt, »ohne emotionale Rührseligkeit« (Kühnen) mit dem
»Gerede« zu brechen, zur Tat zu schreiten, Änderungen anzu-
bahnen.
Michael Kühnen führt in einem Interview vom 3. 10. 1980 in der
Justizvollzugsanstalt Celle aus, daß die tatsächlich zu 60 bis 70%
von Jugendlichen und jungen Erwachsenen (bis zum Alter von
etwa 25 Jahren) gebildeten neonazistischen Gruppen seit 1975
»zunächst auch rein gefühlsmäßig« entstehen:
»Es ist eben geschehen bei den Menschen, die eben gefühlsmäßig stark
gegen dieses System eingestellt waren. Und es geschieht nun allmählich
auch, möchte ich sagen, geistig. Es liegt in der zwangsläufigen EntWick-
lung, daß, nachdem die emotionale Grundentscheidung gefallen ist, nach-
101
dem man sich einmal zum Nationalsozialismus bekannt hat, daß man sich
dann auch allmählich Gedanken darüber macht, welche Konsequenzen
das hat. Und dann eben auch versucht, das geistig zu durchdringen.«
Dabei ist Kühnen (Abitur, Einzelkämpferausbildung, Leutnants-
patent, begonnenes Pädagogik-Studium) mit seiner Klientel ins-
geheim nicht ganz zufrieden, da offensichtlich die Faszination der
Gewalt die Diskursfähigkeit und das Diskursinteresse z. B. am
dritten Weg: »Zerschlagt den Kommunismus! Zerschmettert die
  Oder: »Kampf den Judenparteien KPD,
SPD, CDU, CSU, FDP« zu sehr überlagert. Auf die kritische
Frage des Interviewers, inwiefern denn aus den rechts extremen
Gruppen Anstöße zur nationalen Identitätsgewinnung kämen,
weist Kühnen darauf hin, er müsse »vorsichtig« sein »mit Kri-
tik ( ... ) an den eigenen Gruppen«:
»Sehen Sie, wir erwarten uns eine Entwicklung in der Richtung, die wir
anstreben, im Grunde hauptsächlich von der Jugend. Und wir sprechen
innerhalb dieser Jugend verständlicherweise die an, die besonders wenig
zu verlieren haben und die ein besonders hohes Maß an Unzufriedenheit
mit den gegenwärtigen Lebensumständen haben. üb es sich nun um so-
ziale Benachteiligung oder soziale Probleme bei ihnen handelt, oder ob es
sich um persönliche Probleme handelt - etwa die Frage der Geborgenheit
und ... der Wunsch ... , in einer Gemeinschaft zu leben ... -, das hat
natürlich auch Konsequenzen in der Frage, die Sie mir gestellt haben. Es
kommt als zweites noch hinzu, daß wir hauptsächlich, sagen wir, die
Arbeiterjugend ansprechen; hauptsächlich also junge Menschen anspre-
chen, die nicht so in der Lage sind, sich zu artikulieren und sich so klar zu
machen, was sie eigentlich wollen, als wie z. B. die linken Gruppen, die
mehr die Intellektuellen ansprechen. Bei uns beruht eben sehr viel mehr
auf dem gefühlsmäßigen Lernen als auf dem rationalen Lernen ... «35
Kühnen selbst aber beschreibt in demselben Interview treffend die
Rolle der Gewalt, deren Faszination als Deutungsmuster erst gar
keinen Diskurs aufkommen läßt. Diskursfähig und vor allem ent-
sprechend interessiert sind die wenigen Führer oder vielleicht
noch die an langfristigen Erziehungskonzepten arbeitenden
Gruppen (wie der »Bund Heimattreuer Jugend«, BHj36), die zu-
gleich die Medien Kampf und (Selbst-)Reflexion beherrschen
bzw. eine konzeptionelle Metaebene anvisieren. Normalerweise
dominiert aber für sich genommen die faszinierend direkte und
einfache Gewalt. Kühnen sieht dies, und, zum Interviewer ge-
wandt, führt er aus:
102
»Ich weiß, diese Gewalt. Sie stören sich an der Gewalt. Sie haben Ernst
Jünger erwähnt. Ich hab' über Ernst Jünger - war mein Abiturthema - ich
hab' mich. also sehr intensiv damit beschäftigt; und der hat mich sehr
fasziniert. Das nebenbei gesagt. Auch dieses Kämpferische hat eine einge-
hende Faszination. Es hat zumindest eine ungeheuere Faszination auf die-
jenigen, die sich eben diesen Gruppen anschließen. Vielleicht ist das ein
Kriterium. Das möchte ich schon sagen, daß das mit entscheidend dafür
ist,· daß man sich Gruppen der Rechten und nicht der Linken anschließt.
Nicht weil die Linken weniger Gewalttätigkeit anwenden, aber weil die
Gewaltanwendung der Linken nicht so romantisch ist, um es mal so zu
sagen. Das mag schon 'ne Rolle spielen.«
Meinung und Verhalten:
das Potential des Rechtsextremismus
Die Gewaltakzeptanz bzw. aggressive Distanz gegenüber Verfas-
sungsnormen und politischen Institutionen der Bundesrepublik
umfaßt ein Spektrum von bloßen »Meinungen« bis zu aktiven
»politischen Soldaten« und »rechten Terroristen«. Der Umschlag
von Akzeptanz in Gewaltpraxis ist dabei forschungsmäßig - wie
so ziemlich das ganze Feld - wenig erschlossen.
Die sieben Sprengstoff- und Brandstoffanschläge der »Deut-
schen Aktionsgruppe« um Roeder - insbesondere derjenige vom
22.8. I980 auf ein Hamburger Ausländerwohnheim, wobei zwei
Vietnamesen tödliche Brandverletzungen erlitten - weisen nach-
drücklich auf aas Problem hin, wie schnell Personen aus einem
»konservativ-autoritären« und »nationalistischen« Vorfeld (nach
direkten persönlichen Kontakten) zu rechten terroristischen Tä-
tern werden können. Dieses Beispiel mag genügen, um die Dring-
lichkeit von Analysen zum Umschlag von »Meinungen« in »Ver-
halten« bezüglich rechtsextremistischer Gruppen und Einzeltäter
vor Augen zu führen. (Gerade die Geschwindigkeit dieses Um-
schlags verweist auf Unterschiede zu den eher langandauernden
politischen Sozialisationsprozessen des Linksterrorismus.
37
)
Rechtsextremistische Einstellungen bilden eine Voraussetzung
für entsprechende Aktivitäten, wobei die Zahl der Aktivisten we-
sentlichkleiner ist als die des Meinungspotentials. Entsprechende
Meinungen (z. B. der Nationalsozialismus als Ordnungsmodell
für »kleine Leute«) sind in der Bundesrepublik mit einem Mei-
nungspotential von knapp I 5 % verbreitet und lassen sich als
I03
»konsequentere Variante« konservativer Orientierungsmuster
verstehen. Bereits 1951 wird der Nationalsozialismus als »Kor-
rektiv zur Massenarbeitslosigkeit« wahrgenommen; die auch
heute noch feststellbare Ausgrenzung nationalsozialistischer Ziele
(wie: Zerschlagung der Arbeiterbewegung, Aufhebung rechts-
staatlicher und parlamentarischer Gewalteingrenzungen, Juden-
vernichtung/Rassenpolitik, Vergrößerung des »Lebensraums« bei
Inkaufnahme kriegerischer Konflikte) führt zur Bejahung des   ­
tionalsozialistischen Staates alS Wohlfahrtsstaat; Terror und Auf-
rüstung werden dabei verdrängt.38
Neuere Studien stellen einen· relevanten rechtsextremistischen
Meinungsanteil in der bundesrepublikanischen Bevölkerung bzw.
in Teilen davon fest (etwa: Jaide, Gessenharter, Mannheimer So-
zialforschungsgruppe, Silvermann, Panahi; siehe auch die kom-
mentierten Literaturhinweise im vorliegenden Band S. 156 ff.).
Die jüngste repräsentative Studie über »rechtsextreme politische
Einstellungen in der Bundesrepublik Deutschland« (Sinus-Studie)
kommt - bezogen auf Meinungen, also nicht auf Verhaltenswei-
sen und schon gar nicht auf Täter - zu dem Ergebnis :39
- 1 3 % der Wahlbevölkerung (= 5>5 Millionen) haben ein ideolo-
gisch geschlossenes rechts extremes Weltbild,
- 6% akzeptieren politisch rechtsmotivierte Gewaltkriminalität,
- die »Brücken nach rechts« gehen von autoritären Tendenzen
unter nichtrechtsextremistischen Gruppen aus: dies ist ein Ein-
stellungspotential von fast 37% der Wahlbevölkerung.
Mitglieder des organisierten Rechtsextremismus
40
Mitglieder: NPD DVU neo-
alle Organisationen (freiheitL Rat) nazist.
(Mehrfachmitglied- Gruppen
schaft abgezogen)
19
68
37
000 27 000
197
0
297
00
21000
1975 20
3
00
10000 knapp 5000
4
00
1977 17
800
9
000
5
000
9
00
1979 173
00
S 000 6000
1400
1980 19 800
7
200
10000 1200
1981 20
3
00
6600
10
4
00 12
5
0
1°4
Neben diesem Meinungspotential verblassen die vom Verfas-
sungsschutz festgestellten Mitgliedszahlen. Gegenwärtig entfallen
auf einen organisierten Rechtsextremisten gut 250 Personen aus
dem rechtsextremen Meinungspotential, so daß Organisations-
und Erfassungsgrad noch minimal sind.
Zentrales Problem bei der Diskussion der Bezüge von rechtsex-
tremistischen Meinungspositionen und tatsächlichen Verhaltens-
weisen ist die Frage des Austritts aus dem »konservativen Lager«.
Karrieren neonazistischer Jugendlicher z. B. von der » Jungen
Union« über die »Jungen Nationaldemokraten« hin zu immer
»härteren« Organisationen der Neonazi-Szene oder auch die von
»konservativer« Seite aus an der Sinus-Studie vorgetragene (Me-
thoden-) Kritik
41
verweisen auf die Frage, ob sich rechts extreme
Orientierungs- und Deutungsmuster (nicht aber eben solche Ver-
haltensweisen) trennscharf von konservativen Werten usw. unter-
scheiden.
42
Gründe für den Übergang vom Meinen
zur Gewalttätigkeit
Die Differenz zwischen rechtsextremen und konservativen
Orientierungen ergibt sich aus der zentralen Funktion von Ge-
walt. Die Faszination der Gewalt wirkt auf den Übergang von
Meinung zu Verhalten ein, der sich gerade bei jugendlichen
Rechtsextremisten vielfach als gewaltsames Strafdelikt auswirkt.
Die Statistik der Straftäter aus rechtsextremistischem Beweggrund
zeigt eine ständige Zunahme jugendlicher und junger Heranwach-
sender. Schon in dem Zeitraum zwischen 1960 und 1966 entfallen
43% der Täter auf die Altersgruppe 15 bis 30 Jahre (geboren im
ältesten Fall 1930); 1968 sind 49% der Täter zwischen 15 und 20
Jahre alt (geboren also zwischen 1948 und 1953); 1980 schließlich
stellen die 14- bis 30jährigen 69% aller rechtsextremistischen
Straftäter, die somit zwischen 1950 und 1960, in der Bundesrepu-
blik, geboren und herangewachsen sindY
Besonderes Gewicht kommt ferner den mit der Gewalt-»Philo-
sophie« rechts extremer Gruppen und Deutungen eng verflochte-
nen ideologischen und organisatorischen Angeboten in der Le-
bensumwelt von Jugendlichen zu. Aus der Umwelt der betreffen-
den Jugendlichen ist auf die große Bedeutung der volkstümlichen
10
5
NS-Legende, die durch Angehörige der Großvätergeneration ver-
mittelt wird, aber auch auf das Ansprechen durch »Altnazis«
(z. B. beim Kauf von Militaria auf Flohmärkten und bei der Suche
nach Lektüre) hinzuweisen. Für latent bereits überzeugte Jugend-
liehe hat die Publizität bestehender _ Organisationen eine überra-
gende Auslösefunktion. Zu Recht weist ein Jugendlicher Funk-
tionsträger der VSBD bei einem Interview (vom 14. 3. 1981) hier-
auf hin: ... .
» ... zwischendurchmal hatte ich dann noch Kontakt mit Kühnen, ... da
ich gehört hatte von Kühnen ... damals wie das in der Bild-Zeitung
stand ... der große Bericht >Im Rasthof Tannenhof ging das Dritte Reich
schnell zugrunde< ... da dachte ich, mein Gott, das sind wahrscheinlich
brauchbare Kerle ... und dann haben wir uns mal in Kontakt gesetzt.«
Derselbe Gesprächspartner erwähnt auch, wie latente Mitglieder,
also Gesinnungsgenossen, durch Aktionen und Öffentlichkeit
zum Übertritt in die Organisation bewegt werden. Als fiktive
Erzählung schildert er dies, indem er auf ein Flugblatt »Deutsche
Jugend, komm zu uns!« verweist. Auf die Frage des Interviewers
nach dem Erfolg solcher Flugblattaktionen antwortet er:
»Naja. Es ist immer 'ne Sache. Ja. Meistens, die Erfahrung habe ich jetzt
schon gemacht, wenn wir also auf die Straße gehen, ja, und wir hätten jetzt
also Bewährung. . . noch bekommen [das Interview ist während eines
Strafprozesses - Anklage wegen Landfriedensbruch - durchgeführt wor-
den], dann würden die uns garantiert die Linke auf den Hals hetzen, ja,
damit wir uns wehren müss'en, ja, und dann würden wir als die Angreifer
hingestellt und sofort würde unsere Bewährung entfallen. Und somit gehe
ich lieber dazu über, in Briefkästen reinzustecken. Dann weiß ich natür-
lich nicht, inwieweit immer die Eltern dann sagen, ach, das sind ja die, die
ganz Schlimmen und so 'was, ja, schnell weg [mit dem Flugblatt], bevor
unser Junge kommt .... "
Klar wird ausgesprochen, daß der größere propagandistische Er-
folg bei der »Propaganda der Tat«, beim »Kampf um die Straße«
liegen würde, wenn also die Gruppe ihren Gewaltappell entfalten
könnte. Aus pragmatischen Gründen wird auf die öffentliche Ge-
waltdemonstration verzichtet und zur Flugblattpropaganda ge-
griffen. Im weiteren Gesprächsverlauf gibt der Jugendliche zu,
daß der tatsächliche Zulauf zur VSBD (Hessen) nicht mit den
Flugblattaktionen zu erklären ist:
»Sie vergessen jetzt eins, ja, daß die Leute, die zu uns kommen, ja wollen
106
'mal sagen, schon irgendwie 'ne Einstellung haben, ja, und nur noch einen
Anstoß suchen, ja. Das ist im Moment, ja, sind das ja alles Leute, die nur
vereinzelt überall rumhängen und so. Die Einstellung ist ja bei denen
schon da, und die stoßen dann erst zu uns, ja ... Ich hab' ein Flugblatt von
der Anti-Kominternjugend bekommen, ja, und bin dann zur Anti-Kom-
internjugend. Die Einstellung war aber schon da.« - »Ja, die [die zur
V5BD kommen] haben sich wahrscheinlich 'mal irgendwo gesehen oder
voneinander gehört und so 'was. Bei 'ner Flugblattaktion oder so, da sind
die vielleicht zufällig vorbeigekommen und so 'was. Und dann haben sich
die 'mal verabredet und so. üb das nun speziell ... ganz Unbedarfte jetzt
zu uns [führt], ja, das habe ich also noch nicht erlebt.«
Auf die Zusatzfrage, was denn nun eigentlich »ausschlaggebend«
sei, erfolgt die Antwort:
» Was bei einfachen Mitgliedern ausschlaggebend ist, ja, das ist einfach die
Begeisterung, ja, und die Massen, die man eben damals im Nationalsozia-
lismus begeistern konnte. Ja. So 'was zieht heute immer noch ... Wenn
man es 'mal so ausdrücken kann, das ist eben einfach die Bewegung an
sich. Das ist eigentlich der Trieb, der die dann hinführt. Ja. Ich meine, die
Überlegung, was ist nun der Nationalsozialismus, kommt vielleicht bei
dem einen oder anderen später, ja, aber die werden dann einfach mitge-
rissen von dem ganzen Gefühl« -
von dem Gefühl, einzutauchen in die geordneten Massen, die
z. B. der Parteitagsfilm »Triumph des Willens« zeigt, von dem
Gefühl also, akklamativ, ohne verbalen Erklärungszwang an
Herrschaft und gebändigter männlicher Machtentfaltung und Ge-
waltdemonstration zu partizipieren.
Neonazistische Militanz und Zukunftsbilder
Rechtsextremistischen Einstellungen und Verhaltensweisen un-
terliegt gleichermaßen eine aggressive Distanz gegenüber den po-
litischen Repräsentanten der Parteien und Gewerkschaften wie
insbesondere gegenüber dem Parlament. Der sich diskursiv legi-
timierende, länger dauernde Entscheidungsprozeß der parlamen-
tarischen Parteiendemokratie wird ursächlich für die wahrge-
nommenen Verfehlungen im politischen Leben verantwortlich
gemacht, wobei sexuelle Phantasien und Projektionen eine be-
achtliche Rolle bei den jungen Männern spielen: »Unsere Politi-
ker sind nicht vertrauenswürdig, weil jeder seine eigene Sekretärin
1°7
auf dem Schoß hat. Sie vertreten nur ihren Eigennutz und ihre
Hurerei«, so urteilt ein NPD-Anhänger.
44
Institutionen und Strukturen der sozialen und politischen Ver-
fassung werden aber - im Unterschied zum Linksextremismus-
lediglich »affirmativ kritisiert«: Die vehemente Kritik zielt darauf,
Institutionen (z. B. Familie, Staat, Bundeswehr) wieder aufzu-
werten, gegenwärtige »Entartungen« (nicht aber z. B. den Staat
selbst) zu zerschlagen.
Im Gegensatz zu linken Gruppen (denen im Unterschied zum
»rechten Lager« zahlreiche Mädchen und junge Frauen sowie for-
mal gebildetere Mitglieder angehören) halten Rechtsextremisten
an traditionellen »kleinbürgerlichen« Wertvorstellungen fest.
Dies gilt insbesondere für Sexualmoral, Ehe, Familie, Autorität,
ebenso wie für die Arbeitsmoral mit Tugenden wie Leistung,
Ordnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit (siehe oben). Es wird
darauf verwiesen, daß diese Normen zwar viele Reden bestim-
men, daß sie aber in der bundesrepublikanischen Realität bedroht
seien. Radikale politische Aktivitäten und die Bejahung von Ge-
walt werden als notwendig hingestellt, um diesem normativen
Gemeingut wieder eine gesellschaftlich prägende Wirkung zu ver-
leihen. Erfahrungen der relativen Deprivation (der Kluft zwi-
schen Werterwartung und Wertverwirklichung) verknüpfen sich
insbesondere mit diesem Traditionalismus und bestärken die Be-
reitschaft, Gewalt auszuüben. Sozialordnung und Politik werden:
nämlich als so dekadent empfunden, daß schon die angesproche-
nen einfachen und grundlegenden Institutionen und Normen nur
mehr mit Gewalt wieder etabliert werden können (wenn über-
haupt).
»Die Krise« ist überall und verschärft sich dieser Interpretation
zufolge permanent. Militanz ist notwendig, um diese Situation
gestalten zu können; das apokalyptische Bild von Chaos oder
Neu-Erwecken verlangt nach dem Fanal und der Ausschaltung
der Feinde (insbesondere des »Todfeindes« Kommunismus und
der als handlungsunfähig hingestellten Repräsentanten gegenwär-
tiger Zustände). Allein diese Krise ermöglicht den Umschlag zur
»neuen Ordnung«, von der Michael Kuhnens »Zweite Revolu-
tion« handelt. Der bereits zitierte VSBD-Funktionär weist beson-
ders prägnant auf Parallelen zur Weltwirtschaftskrise und zum
Aufstieg der NSDAP hin:
»Ich sehe die Sache !mnähernd so, wie sich das alles vor 33 entwickelt hat.
108
Die Zeichen, die heute in der Gesellschaft gesetzt sind, die deuten bereits
alle wieder auf 'ne zweite Weimarer Republik hin. Der moralische Zerfall,
der kulturelle Zerfall, die Dekadenz, nur noch verschwenderisch leben
und sowas, ja, bis, bis zur Weltwirtschaftskrise, ja, und dann, ja, wenn ...
wieder so ein Millionenheer von Arbeitslosen ist, ja, dann ist eben unsere
Zeit gekommen ... «
»Militanz«45 ist Ausdruck eines Wahrnehmungsmusters, demzu-
folge eine kleine Avantgarde, die im Besitz der Gewalt-»Philoso-
phie« und ihrer »Wahrheiten« ist, einer großen Masse dumpfer
konsumsüchtiger, manipulierter Mitmenschen gegenübersteht.
Aggressive Partizipation ist die Aktionsform der »politischen Sol-
daten«, die auf die mobilisierende Funktion spektakulärer (»me-
diengerechter«) Auftritte setzen. Im Gesellschafts- und Politik-
modell dieser Avantgarde wirken solche Anreize deshalb, weil der
»Durchschnittsmensch« politisch-sozial die ökonomisch und kul-
turell umfassende Krisenlage der Jetztzeit und der Zukunft immer
schärfer erfährt. Die »breite Masse« gerät also in Bewegung: Das
Faszinosum der Gewalt (vermischt mit »Männerphantasien«)
fungiert gleichzeitig als Zeichen, Motivation und als ordnendes
Prinzip.
Wenn die Hoffnung auf diese Bewegung der »Durchschnitts-
menschen« versiegt, ist die Möglichkeit einer weiteren Radikali-
sierung derartiger Militanz gegeben. »Terrorismus« läßt sich als
Abwägen des Grenznutzens von Aktivitäten bestimmen, von dem
ab die politische Beeinflussung von Öffentlichkeit und Entschei-
dungsträgern als »unsinnig« erscheint. Neonazistische Militanz
(im Sinne der offen gewaltsamen Auseinandersetzung mit An-
dersdenkenden bei Versammlungen, beim »Kampf um die Straße«
oder bei individuellen >,y ergeltungsmaßnahmen«) markiert so
verstanden den Endpunkt aggressiver Partizipation - einer Parti-
zipation, die zwar nicht mehr darauf setzt, immanente Verbesse-
rungen herbeiführen zu können, die sich aber deshalb noch am
System politischer Öffentlichkeit beteiligt, weil Bewegungsmög-
lichkeiten in der Jugend und in einzelnen reaktivierten Teilen der
älteren Generation gesehen werden.
Die nicht-terroristische, gleichwohl aber bewußt gewaltgeprägte
Entwicklungsperspektive vertritt Michael Kühnen. In einem In-
terview am 26. I. 1982 vertritt er in der Justizvollzugsanstalt eelle
die Ansicht, daß »Alte Garde« und jugendlich-neonazistische
»politische Soldaten« zusammenfinden, um Bewegung und Sy-
1°9
stern, Protest und Autorität, Dynamik und Traditionalismus
ebenso wie die entsprechenden politisch-sozialen Trägergenera-
tionen und Gruppen auszusöhnen. Kühnen orientiert sich am
Aufstiegsprozeß der NSDAP und beschreibt als militante Zu-
kunftsvision einen Eskalationsprozeß im Dreieck von Krise und
Unruhe, jugendlichem Protest und gewaltsamer Rebellion sowie
der Hoffnung auf Ruhe und Ordnung, auf eine radikale Beseiti-
gung_des Chaos. Der zuletzt genannte Motivkomplex wird kon-
servativ-autoritären Meinungsgruppen zugesprochen, die aber,
um ihren Zielwert angesichts der Krise einlösen zu können, auf
Kooperation mit jugendlichen Gewaltaktivisten angewiesen sind.
Kühnen zeigt die Vision einer neuen rechten Sammlungsbewe-
gung, für die jedoch der »Generationensprung«, d. h. »das Phä-
nomen junger Nationalsozialisten«, am Anfang steht. Auf die
Frage, ob diese Entwicklung durch eine auf Adenauer zurückgrei-
fende autoritäre Politikpräsentation vermeidbar gewesen wäre,
antwortet Kühnen:
»Nein. Das sehe ich nicht so. Die Möglichkeit, diese Entwicklung zu
verhindern, wäre eine faire Aufarbeitung der nationalsozialistischen Ver-
gangenheit gewesen. Das heißt also, daß man nicht einen totalen Bruch
mit der Vergangenheit gemacht, sondern festgestellt hätte, das und das ist
gut gewesen: die Volksgemeinschaft, Massenbegeisterung, Jugend, Schul-
wesen - vieles, was gemacht worden ist. Das anzuerkennen und gleichzei-
tig zu sagen, gut, und mit diesen und jenen Aspekten sind wir nicht ein-
verstanden. Wenn man dies konsequent nach dem Ende der Entnazifizie-
rung ... gemacht hätte, nehme ich an, daß sich eben zwar eine nationale
Gruppe gebildet hätte, daß es aber nicht zu einem dezidierten: und ganz
provokativen Wiederanknüpfen an die nationalsozialistische Vergangen-
heit gekommen wäre, das hätte sich gleichsam harmonischer über die Ge-
nerationen hinweg vollzogen. Das ist nicht geschehen. Man hat also tat-
sächlich nur Umerziehungswellen in Gang gebracht. Wenn irgendwo 'ne
Hakenkreuzschmiererei war ... , hat man die Verjährung immer wieder
aufgehoben. Und damit diese Sache wachgehalten. Und heute ist es so,
daß man sich über diese nachträglichen Dinge nicht mehr den Kopf zer-
brechen muß. Es ist so, und es wird ... auch so bleiben. Und heute kann
man auch durch eine verbesserte Konjunktur oder so was ... nichts ...
Entscheidendes ändern. Wir haben ja 'n doppeltes Potential. Wir haben
auf der einen Seite 'n böses revolutionäres Potential, das wir mit vielen
anderen Gruppen teilen - z. B. auch mit denen, die jetzt da in Frankfurter
Flugbahn u. ä. Dingen machen. Da ist eine gewisse elementare Unzufrie-
denheit gerade in der Jugend, die im Kern Sinnsuche ist, aber sich an
konkreten Mißständen entzündet. Selbst wenn die konkreten Mißstände
IIO
etwas abgebaut werden könnten - was sehr fraglich ist in der heutigen
Zeit-, würde die Sinnsuche bei der Jugend bleiben und damit auch 'n
gewisses revolutionäres Potential. Das ... versuchen wir genauso anzu-
sprechen wie linke Alternativen und sonstige Gruppen. Wir haben auf der
anderen Seite zusätzlich ein autoritäres Potential in der Bevölkerung -
siehe Sinus-Studie ... Das sind zwei Gruppen, die an sich kaum mitein-
ander vereinbar sind, die sich aber praktisch in unserer Bewegung ir-
gendwo treffen. Wir sprechen die Jugendlichen an, ihre Suche nach Sinn,
und in demselben Maße, in dem diese revolutionäre Stimmung in der
Jugend aufkommt, kommen auch die autoritären Gegenreaktionenauf.
Wir können von beidem in gewissem Umfang profitieren. Darum sehe ich
also die gesamten Rahmenbedingungen so, daß wir langfristig unsere
Chance haben werden.«
Rechtsterrorismus
Die Möglichkeit des Übergangs von neonazistischer Militanz
zum Terrorismus ist insbesondere in dem für rechtsextreme Mei-
nungen charakteristischen »moralischen Rigorismus« begründet-
mit seiner Tendenz zur Menschenverachtung (nach außen) und
zur asketischen Selbstverleugnung (nach innen). Auslöser für·ter-
roristische Aktivitäten können Konflikte sein, die aus der fort-
schreitenden Radikalisierung und Isolierung in oder mit neonazi-
stischen Gruppen herrühren.
Rechtsterrorismus unterscheidet sich deutlich vom Linksterro-
rismus. Rechtsextremistische Einstellungen führen zu eher ziello-
sen terroristischen Aktivitäten: Sie sind weniger formbestimmt,
weil die ihnen zugrundeliegende Sichtweise nicht so sehr vom
Bild individueller Repräsentanten von Staat und Gesellschaft aus-
geht·- die dann für Strukturen und Machtapparate stellvertretend
»ausgeschaltet« werden - als vielmehr vom Gegensatz zwischen
aufgeklärter, aktiver Elite unq passiv-dumpfer Masse.
Die Ausbildung des »moralischen Rigorismus« kann am Beispiel
von F. Sch. illustriert werden, der am 24. 12. 1980 bei einem töd-
lichen Schußwechsel mit Schweizer Zoll- und Polizeibeamten
Selbstmord verübt hat.
46
F. Sch. schildert das rigorose Verhältnis
zur eigenen Körperlichkeit und zur Außenwelt folgenderma-
ß ~   -
,.Daß Sie das [die rigorose Ablehnung vonlnstitutionen als Begründung
für die eigene Militanz] vielleicht schwer verstehen, ist mir vollkommen
III
klar, weil das nämlich die Meinung der meisten Leute ist, die schon ver-
weichlicht sind durch dieses parlamentarische System ... Dieses Parla-
ment ist ja praktisch der Ausdruck für die ganze Verweichlichung, die
praktisch 'n Zurückzieher macht, kaum daß da Schwierigkeiten sind,
macht sie 'nen Zurückzieher um des lieben Friedens willen ... Wir müs-
sen, wir müssen, wenn wir eine Idee haben, wenn wir eine Ideologie
'haben, dann müssen wir die vertreten, auch wenn wir persönlich dabei
Schläge bekommen ... Dann müssen wir die Ideologie vertreten, während
hier die Bonner Machthaber zur Zeit, die haben überhaupt keine Ideolo-
gie, die lavieren da hin und her und so. Und für was sollen die, kämp-
fen?«
Bei Berücksichtigung des rigorosen Umgangs mit sich selbst kann
das Engagement für die kämpferischen Auseinandersetzungen
verstanden werden. Ein besonderes Problem ist dabei die Über-
windung von Angst. Hierzu meint F. Sch.:
,.Angst ist menschlich. Man muß die Angst überwinden. Je größer die
Angst ist, desto größer muß der Mut sein, die Angst zu überwinden. Wer
was erreichen will, der muß diese Angst eben überwinden. Da gibt's also
gute Mittel dagegen, z. B. aus der ostasiatischen Kampf(lehre) ... Wenn
man z. B. etwas Unbekanntem gegenübersteht, iiruner den einen ruhigen
Punkt suchen, die eigene Mitte, den, eigenen ruhigen Punkt suchen und
praktisch die Umgebung an sich a\lreflektieren lassen. Wenn'man die ei-
gene Mitte gefunden hat, dann hat man vor Unbekanntem nicht mehr so
Angst, weil das Unbekannte kann nicht in einen eindringen. Wenn man
sich selber voll im Griff hat, indem man in sich praktisch die eigene Ruhe
gefunden hat, die eigene Mitte gefunden hat, dann können praktisch von
außen unbekannte Sachen nicht in einen eindringen und nicht das eigene
Innere zerstören.
I.: Und diese Mitte, dieser Ruhepunkt ist die politische Gesinnung, po-
litische Orientierung ...
F. Sch.: Ja, sozusagen kann man vergleichen.«
Dieser doppelte Rigorismus verbindet sich mit dem Muster der
Trennung von Masse und Elite, ein Muster, das F. Sch. sehr deut-
lich ausdrückt:
,. Wir sehen die heutige Zeit in der   einer kämpferischen
Elite, die dann im entscheidenden Moment bereit ist und auch fähig ist, die
Masse zu führen. Wir sehen im Moment unser Hauptanliegen nicht darin,
jetzt die Masse für uns zu gewinnen, da wir in der Hinsicht ... keine
Chance haben, solange die Deutschen in ihrem Wirtschaftstraum sind ...
werden sie eh nicht wach werden.«
112
Das Deutungsmuster von aktiver Elite und dumpfer Masse in
Verbindung mit der Ausprägung des doppelt gerichteten Rigoris-
mus eskaliert dann, als F. Sch. in Konflikt mit seiner Gruppe, der
»Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands - Partei der Ar-
beit«, gerät. Der Abschlußpunkt dieser Eskalation ist in dem er-
wähnten Schußwechsel am 24. 12. 1980 und im vorangehenden
Bankraub zu sehen. Die Verschärfung des Rigorismus und der
daraus resultierenden Ablehnung gegenüber den Massen kommt
in einem Interview zum Ausdruck, das mit einem anderen Mit-
glied der VSBD geführt worden ist und in dem sich dieses Mit-
glied über F. Sch. äußert:
»F. - das war an und für sich so'n stiller Typ und so was. Der hat nicht die
großen Reden geschwungen. F., der war vielleicht eher so'n Typ, der dann
statt riesige Reden schwingen und so was eher zur Tat geschritten ist.«-
»Ich meine, der F., der hat nie das gefunden, irgendwie, was er gesucht
hat, der ist immer rumgeirrt. Der F., der hatte ganz andere Ansichten. Wie
soll ich Ihnen das erklären? Der F., der hatte mal zu mir gesagt, ja, wenn's
nach ihm ginge, ja, dann sollte mit 'n paar Tausend, die sollten überleben,
und der Rest der könnte alles zugrunde gehen und so. Und dann sollte
man lieber wie unsere Vorfahren Ackerbau und Viehzucht betreiben und
so was. So waren F. seine Gedankengänge, und da ist er hier einfach nicht
mehr so richtig klargekommen.«
Thesen zur »Prävention«
1. Kurzfristig: Der Übergang von Militanz zu Terrorismus bzw.
politisch motivierter und bewußt eingesetzter Gewaltkriminalität
muß als Gegenstand weiterer Forschungen gewürdigt werden.
Unbürokratisch-schnell müssen zureichend ausgestattete For-
schungsprojekte eingeleitet werden - Projekte, die sich auch mit
Fragen der Formbestimmung und der Adressaten »rechten« Ter-
rors befassen.
2. Mittelfristig: Die Verfestigung rechtsextremistischer Rollen
als eine Auswirkung des Handeins von Institutionen ist durch
Differenzierung gegenüber den einzelnen rechtsextremistisch ein-
gestellten Personen zu vermeiden. Die Aktivitäten staatlicher In-
stitutionen, die mit Rechtsextremisten zu tun haben, sind entspre-
chend den Ergebnissen der Forschung zu kontrollieren. Im ent-
scheidenden Anfangsstadium rechtsextremistischer Karrieren gilt
dies für Lehrer und Sozialarbeiter noch mehr als für Polizei,
Staatsanwaltschaft und a ugendc.. )Richter.
3. Längerfristig: Die »Glaubhaftigkeit« (d. h. die analytische
und moralische Präsentation politischer wie sozialer Entschei-
dungen und Willensbildungsprozesse) muß als zentrales Problem
für den Bestand der Bundesrepublik erkannt werden (»Legitima-
tionskrise«). Angesichts der Tiefe der Adoleszenzkrise, in die
viele Jugendliche geraten, zeigt die ansteigende Zahl von Jugend-
lichen in rechtsextremistischen Gruppen (aber auch im »linken
Lager«, in Jugendreligionen, in der Drogenszene usw.) die abneh-
mende Attraktivität parlamentarisch-demokratischer und partei-
politisch gefaßter Verkehrsformen und Problemlösungskonzepte
an. Die aggressive politische Partizipation bzw. der Terrorismus
als Extrempunkt der Feindschaft gegen das »System« signalisieren
gestörte Interaktionsformen und Austauschprozesse zwischen
den Generationen, zwischen »topdogs« und Minderheiten, zwi-
schen den Akteuren in den Zentren und den Außenseitern; dabei
kann die Quelle dieser Störung nicht einer der beiden jeweiligen
Seiten zugeschrieben werden - sie schaukeln sich we.chselseitig
auf. Diesem Problem kann radikal weder mit pädagogischen noch
mit polizeilichen Maßnahmen begegnet we.rden. Da es auf der
Ebene der politischen Sinndeutung und Orientierung entsteht,
muß ihm auch dort begegnet werden, wenn dem rechtsextremisti-
schen Protest der Boden radikal entzogen werden soll.
Wer in der Bundesrepublik politischer Träger derartiger Präven-
tivmaßnahmen sein könnte, ist wenig ersichtlich. Gerade für die
rechtsextremistischen Protestvarianten gelten die u n   e q u e m ~
selbstkritischen Antworten, die der damalige Bundesinnenmini-
ster im Gespräch mit Horst Mahler gegeben hat: »Unbequeme
Antworten, ja; denn die Terroristen sind in unserer Gesellschaft
,aufgewachsen. Deshalb geht es immer auch um unsere Versäum-
nisse und unsere Fehler ... all diese Ausstiegsformen haben ...
mit tins selbst zu tun.«47 Aus der heutigen Sicht eines umfassen-
den Jugendprotests, der Spielarten von »rechts« bis »links«, von
Politik bis zu Religion und »alternativem Leben«, aufweist, sind
die I 96 I vorgetragenen Gedanken W alter J aides nachgerade pro-
phetisch:
48
Jugendliche bedürfen der Hilfe von Älteren, »die selber auf der
Höhe dieser Zeit leben«. Die große Zahl jugendlicher Verweige-
rungs- oder Anti-Karrieren: zeigt auf, daß diese Hilfe zu wenig
II4
gegeben worden ist. Es gibt zu wenig Erwachsene und zu wenige
Institutionen, die auf der Höhe der Zeit und der Zeitprobleme
agieren und überzeugend argumentieren. Dies gilt insbesondere
für politische Stellungnahmen zur Gewalt- und auch zur natio-
nalen Frage. Kaum ein Politiker der etablierten großen und klei-
nen Parteien veranschaulicht den nationalen Beitrag der Bundes-
republik zur Minderung des internationalen und innerstaatlichen
Gewaltpotentials. Alle Akteure verschweigen die strukturellen
Gewaltkomponenten, denen sie ihre Macht verdanken. Hieraus
erwächst die Argumentationskraft derjenigen Gruppen, die offen
von Gewalt reden und die tatsächlicher Gewalt in ihren politi-
schen Konzepten einen zentralen Stellenwert einräumen. Diese
Argumentationskraft dürfte anwachsen, je klarer die Kluft zwi-
schen Sonntagsreden (und seien es auch folgenlose »Blut und Trä-
nen«-Tiraden) und realer Lage erfahrbar wird.
Anmerkungen
I Die Ausführungen gehen auf einen Vortrag anläßlich der Arbeitsta-
gung Terrorismus vom 27. bis 30. April 198 I in der Polizeiführungs-
akademie, Münster, zurück. Eine erste Fassung ist veröffentlicht in:
Referat »Öffentlichkeitsarbeit gegen Terrorismus« im Bundesmini-
sterium des Innern (Hg.), Gewalt von rechts, Bonn 1982, S. I lI-I3!.
Hierzu Doris Fisch, Soll man jetzt lernen, mit dem Neonazismus zu
leben?, in: Die Tat, 7. 5. 1982, die - charakteristisch für »linke« Be-
rührungsängste - vom Vortrags ort her schlußfolgert, die Ausführun-
gen über Neonazistische Militanz und Terrorismus in Gewalt von
rechts seien vereinnahmt >,in ein Konzept, das im Endeffekt besagt:
Mit dem Neonazismus kann man leben.« Vgl. in diesem Zusammen-
hang die Diskussion Antifaschismus heute, in: Die Tat, 17.9. 1982,
S. 4 f., 15.10.1982, S. 5. Daß indessen etwas anderes gemeint war,
wird der vorliegende Aufsatz zeigen.
Für wichtige Hinweise zur Erweiterung und Überarbeitung des ur-
sprünglichen Thesenpapiers möchte ich mich bei Reiner Steinweg
und Hans-Gerd J aschke bedanken.
Bezüglich der Terminologie rechtsextrem (als Oberbegriff) und neo-
nazistisch (als Bezeichnung einer besonderen Untergruppe im rechts-
extremen Gesamtfeld) folge ich hier heuristisch der verfassungsrecht-
lich definierten Begrifflichkeit und Zuordnung des Bundesinnenmi-
nisteriums. V gl. dazu - kritisch weiterführend - Eike Hennig, Rechts-
extremismus und populistische Protestbewegung in der Bundesrepu-
blik, erscheint 1983 in: Soziologische Revue. - Zu einer ersten begriff-
lichen Klärung vgl. Wolfgang Gessenharter, Rechtsextremismus, in:
Martin Greiffenhagen u. a. (Hg.), Handwörterbuch zur politischen
Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1981, S. 398-401.
2 Zum Begriff "Karriere« vgl. in diesem Zusammenhang Eike Hennig,
Rechtsextremistische Karrieren von Jugendlichen in der Bundesrepu-
blik, in: Referat ,>Öffentlichkeitsarbeit gegen Terrorismus« im Bune
desministerium des Innern (Hg.), Auseinandersetzung mit dem Ter-
rorismus, Bnnn 1981, S. 75-198.
3 Zum Begriff »Deutungsmuster« vgl. Tilman Allert, Legitimation und
gesellschaftliche Deutungsmuster, in: ders., Bürgerlicher Staat und
politische Legitimation, FrankfUrt 1976, S. 217-244, hier besonders
S.237·
4 Das Forschungsprojekt »Neonazistische Militanz und Rechtsextre-
mismus« ist von September 1979 bis April 1981 kostendeckend vom
Bundesminister des Innern unterstützt worden. Im Rahmen der
Feldphase dieses Projektes fanden 22 offene Interviews mit insgesamt
32 Angehörigen unterschiedlicher rechtsextremistischer und neona-
zistischer Gruppen statt. Die Interviews dauerten zwischen, einer
Viertelstunde und vier Stunden; die Gesamtinterviewzeit beläuft sich
(gerundet) auf 45 Stunden. Ein Interviewpartner (F. Sch.) ist Weih-
nachten 1980 als rechtsterroristischer Gewalttäter hervorgetreten
(vgl. S. 1II f.). Ein weiterer Interviewpartner ist am 21. 10. 1981 in
München von der Polizei erschossen worden.
1I6
Insofern auf dieses Projekt zurückgegriffen wird, finden auch Gedan-
ken und Interviews weiterer Projektmitarbeiter Berücksichtigung (al-
lerdings in einer Form, für die nur der Autor die Verantwortung
trägt). An der Feldforschungsphase und Interviewinterpretation wa-
ren - neben dem Autor - Dipl.-Soz. Lena Inowlocki, Dipl.-Soz.
Beate Jacobi, Dipl.-Soz. Christoph Schmidt und Dipl.-Päd. Rainer
Steen beteiligt.
Zur Information über das Projekt vgl. Eike Hennig, Neonazistische
Militanz und Rechtsextremismus unter Jugendlichen, in: Aus Politik
und Zeitgeschichte, B 32/82 vom 12. 6. 1982, S. 23-37; Neonazistische
Militanz und Rechtsextremismus unter Jugendlichen = Schriftenreihe
des Bundesministeriums des Innern, Bd.15, Stuttgart/Ber-
lin/Köln/Mainz 1982. - Der vollständige Forschungsbericht er-
scheint im Westdeutschen Verlag (Opladen) unter dem Titel Rechts-
extremismus und Jugend in der Bundesrepublik Deutschland.
Zitate aus dem Buch von Kühnen (s. unten Anm. 7). Da hier nur
Anmerkungen und verknappte Interpretationen ausgebreitet werden
können, unterbleiben insbesondere Auseinandersetzungen mit »der
Literatur«. Zur Vertiefung der historischen und der konzeptionellen
Perspektive sei verwiesen auf: Eike Hennig, Hitlers Enkel - oder
Kinder dieser Republik?, in: Journal für Geschichte; Jan. 1983, S. 17-
23, 59; ders., Jugendprotest und Rechtsextremismus: Gestern und
heute, in: SozialwissenschaJtliche Informationen für Unterricht und
Studium, 9 (1980), S. 2II-124; ders., Regionale Unterschiede bei der
Entstehung des deutschen Faschismus, in: Politische Vierteljahres-
schrift, 21 (1980), S. 152-173; ders., Die politische Soziologie faschisti-
scher Bewegungen und die hermeneutische Analyse nationalsozialisti-
scher Selbstdarstellungen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und
Sozialpsychologie, 23 (1982), S. 549-563.
6 Vgl. nur für die Ebenen der Orientierung und der Aktivitäten die
Hinweise von Eberhard Jäckel, Hitlers Weltanschauung, Stuttgart
1981; Z. A. B. Zeman, Nazi Propaganda, London/Oxford/New
York 1973; James M. Rhodes, The Hitler Movement, Stanford, Ca-
lif., 1980, S. 171 ff., und Richard Bessel, The Role of political terror in
the Nazi seizure of power, in: Acta Universitatis Wratislaviensis,
No. 484, Wroclaw 1980, S. 199-216. Aus lebensgeschichtlicher Sicht-
weise vgl. Peter H. Merk!, Political Violence under the Swastika,
Princeton 1975.
7 Michael Kühnen, Die Zweite Revolution. Glaube und Kampf, unver-
öffentlichtes Manuskript, abgeschlossen in der Untersuchungshaft
am 20.4. 1979. Die Arbeit ist Ernst Röhm gewidmet, »ohne den es
keine nationalsozialistische Revolution gegeben hätte, und der sein
Leben gab für die Vollendung dieser Revolution! Vorwärts zur Zwei-
ten Revolution! Deutschland erwache!« Das Manuskript ist aus der
Haftanstalt hinausgeschmuggelt worden. Auf Grundlage der §§ 52,
86, 92b, 131 StGB und wegen der »insgesamt kämpferischen und
aggressiven Gesamttendenz des Werkes und dessen Stoßrichtung ge-
gen die freiheitlich-demokratische Grundordnung unseres Staates«
verurteilte das Landgericht Flensburg Kühnen am 30. 4. 1982 wegen
Herstellens von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisa-
tionen in Tateinheit mit Aufstachelung zum Rassenhaß zu einer Frei-
heitsstrafe von 9 Monaten.
Kühnen, Die Zweite Revolution, wird hier nach dem Urteil des
Landgerichts Flensburg zitiert, die Zitate finden sich im Urteil auf
S. 235,283,3°7. Ohne weitere Kennzeichnung beziehen sich alle wei-
teren Zitate auf die Seitennumerierung des Urteils.
Dazu: 5 Millionen Deutsche: »Wir sollten wieder einen Führer ha-
ben . .. «, Die SINUS-Studie über rechtsextremistische Einstellungen
bei den Deutschen, Reinbek b. Hamburg 1981, S. 67, 69.
9 Kühnen (s. Anm. 7), S. 185.
10 Ebenda, S. 196.
II Ebenda, S. 13I.
12 Ebenda, S. 1II.
II7
13 Ebenda, S. 121.
14 Hierzu immer noch sehr lesenswert Ursula Jaerisch, 'Sind Arbeiter
autoritär? Frankfurt/Köln 1975. An historischen Arbeiten vgl. Merkl
und Rhodes (s. Anm. 6) sowie Christoph Schmidt, Zu den Motiven
»alter Kämpfer« in der NSDAP, in: Detlev Peukert, Jürgen Reulecke
(Hg.), Die Reihen fast geschlossen, Wuppertal 1981, S. 21-43.
15 Kühnen (s. Anm.7, S.71) konstatiert denn auch mit Freude, daß
nach 1969 die soziale Attraktivität der Linken nachläßt, wodurch die
Organisations chancen< rechter Protestgruppen ansteigen: »Junge
Menschen, Revolutionäre, entdeckten, daß man ( ... ) nicht links ste-
hen braucht, um gegen ein verfaulendes System kämpfen zu kön-
nen.«
16 Ebenda, S. 317.
17 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Text von I932 mit einem
Vorwort und drei Corollarien, Berlin 1963, hier besonders S. 29, 35 f.,
49 f., 51 f.
18 Vgl. besonders an dieser Stelle einige Hinweise zur Interviewsitua-
tion: Eike Hennig, Beziehungsfallen und Berührungsängste, in: Me-
dien Magazin, Okt. 1982, S.58-62.
19 Charakteristischerweise bleibt offen, ob sich dieses »wir« auf die
VSBD, die Menschheit insgesamt oder auf die Personenkonstellation
des Interviews bezieht. Auf jeden Fall wird der Interviewer im wei-
teren Gesprächsverlauf in dieses »wir« mit einbezogen, während die-
ser zuvor versucht hat, sich von den rechtsextremen Interviewpart-
nern abzugrenzen.
20 So Stanislav Andreski, in: Stein Ugelvik Larsen u. a. (Hg.), Who were
the Fascists? Bergen/Oslo/Tromsf2J 1980, S.52-55. Vgl. Rhodes
(s. Anm. 6), S. 134 ff., 143 ff.
21 Es wäre zu analysieren, ob nicht die von weiten Teilen der bürgerli-
chen Gesellschaft praktizierte Toleranz gegenüber faschistischer Ge-
walt (an der man direkt nicht partizipiert) einen Ursprung in der
Verbreitung (»Normalität« und »Mäßigung«) der NS-Ideologie hat.
Wegen dieses »centrism of the extrerilists« (Andreski) kommt es zwi-
schen NSDAP und weiten Teilen der Bevölkerung nicht zum grund-
sätzlich antagonistischen Konflikt über die Ziele, sondern nur zu
pragmatischen Widersprüchen bezüglich der Mittel und des Grads an
Radikalität. - Für die Bundesrepublik vgL Eike Hennig, Neonazi-
stische Militanz und Rechtsextremismus unter Jugendlichen,
(s. Anm. 4), bes. die Ausführungen zu »Kampf als Prinzip«, über
»Feindbilder« und »traditionelle Wertmaßstäbe«.
II8
Weiterführend vgl. ders., Konservatismus und Rechtsextremismus in
der Bundesrepublik: Fragen der Berührung und Abgrenzung, in:
ders. und Richard Saage (Hg.), Konservatismus - eine Gefahr für die
Freiheit?, erscheint München/Zürich 1983, S. 299-317.
22 Kühnen (s. Anm. 7), S. 307.
23 Ernst Röhm, Die Geschichte eines Hochverräters, München 1934
(5. Aufl.), S.IIO und 233.
24 Dazu Merk! (s. Anm. 6); Schmidt (s. Anm. 14). Vgl. auch Eike Hen-
nig, »Offenbach war das röteste Nest der Frankfurter Umgebung«,
in: Bernd Klemm (Hg.), J> ••• durch polizeiliches Einschreiten wurde
dem Unfug ein Ende gemacht.« Geheime Berichte der politischen
Polizei Hessen über Linke und Rechte in Offenbach I923-I930,
Frankfurt/New YorklOHenbach 1982, hier besonders S. 394 H.
25 Der Refrain des HJ-Liedes lautet: ,.Unsere Fahne flattert uns. voran I
In die Zukunft zieh'n wir Mann für Mann. / Wir marschieren für
Hitler durch Nacht und Not. / Mit der Fahne der Jugend für Freiheit
und Brot. I Unsere Fahne flattert uns voran. / Unsere Fahne ist die
neue Zeit, / Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit. I.Ja, die Fahne
ist mehr als der Tod! Tod!« - Zitat nach Thomas Arnold u. a., Hit-
lerjunge Quex; München 1980 (= IHSA-Arbeitspapier Nr.4),
S.253·
26 Kühnen (s. Anm. 7), S. 123. Kühnen rät den ,.nationale(n) Aktivisten
in Wehrsportgruppen«: ,.Laßt Euch nicht durch den Terror verbit-
tern, das System wartet nur auf einen solchen Fehler von uns, um
einen Hebel zu finden für die völlige Zerschlagung der Bewe-
gung.«
27 Ebenda, S. 120: Demokraten wollen ,.dem Volk gar nicht die
Wahl ( ... ) lassen zwischen den drei   Prinzipien
unserer Zeit, zwischen Kommunismus, Liberalismus und National-
sozialismus. Damit erweist sich der Liberalkapitalismus als System
der organisierten Heuchelei, und das meinte ich, wenn ich davon
sprach, daß die Demokraten die widerlichsten Kreaturen sind, die je
ein Volk beherrschten! Darum haben wir Respekt vor den Bolsche-
. wisten, die Kämpfer sind, die wissen, was sie wollen - auch wenn wir
sie erbittert bekämpfen. Für die Demokraten aber empfinden wir mit
dem gesunden Moralinstinkt der Jugend nur eines - Verachtung! Sto-
ßen wir auf die Kommunisten, so trifft Stahl auf Stahl; stellen sich uns
die Anhänger des liberalkapitalistischen Systems entgegen, so bemer-
ken wir nur ekelerregenden Schleim.«
.28 Siehe Anm. 27. Vgl. ferner ebenda, S. 123: ,.Neben der Heuchelei
sehen wir im schrankenlosen, ungezügelten Materialismus die zweite
Lebensgrundlage des liberalkapitalistischen Systems. Dies zeigt sich
am aufWendigen Lebensstil und an der unbegrenzten Korrumpier-
barkeit demokratischer Politiker, die Parasiten gleich, nicht für son-
dern von ihrem Volk leben. Wie Schweine am Futtertrog lassen sie es
sich gut gehen, senken die Renten, erhöhen die Steuern und verdop-
peln ihre Diäten, ohne dabei zu vergessen, sich von 4er großen Indu-
strie, den überstaatlichen Mächten oder den Einheitsgewerkschaften
durch >Aufwands entschädigungen< und >Beraterverträge< die richtige
Stimmabgabe bezahlen zu lassen ... «
29 Vgl. ebenda, S. I7 f.: Der »Durchschnittsbürger ( ... ) glaubt, wir
seien frei, weil er niemals einen abweichenden Gedanken hatte und
deshalb die Reaktion darauf nicht kennt. Er kann sich nicht vorstel-
len, wie man sich fühlt, wenn monatlich mindestens einmal die Poli-
zei zu einer Hausdurchsuchung kommt - zumeist noch ohne Durch-
suchungsbefehl, um nach Hakenkreuzplakaten zu suchen. Er glaubt,
in einer Demokratie zu leben, weil er so viele politische Gruppen auf
der Straße sieht und nicht erkennt, daß die wichtigste fehlt, jene, die
einmal I2 Jahre lang die Verkörperung des deutschen Wesens war
und jetzt begraben liegt unter einem Berg von Lügen ... All das sieht
er nicht, der bundesdeutsche Michel, und es interessiert ihn auch
nicht. Trotzdem: Auch er begreift allmählich, daß sich vieles ändern
muß. Man sieht es an der wachsenden Parteienverdrossenheit, an dem
Anschwellen der Bürgerinitiativen und Protestbewegungen, an der
sinkenden Wahlbeteiligung.«
30 Dazu ebenda, S. I56-184: »Kampf der zionistischen Weltpest«. -Auf
S. I63 ist die Rede vom »großen Plan«, auf S. I57 wird der Kern der
Verschwörerthese formuliert: »Hinter der bekannten Geschichte -
Staatsmänner, Völker, Feldherren, Kriege und Schlachten, Wahler-
gebnisse und Konferenzen - gibt es noch eine unsichtbare Ge-
schichte. Es ist die Geschichte von grauen Eminenzen, anonymen
Ratgebern, verborgenen Interessengruppen und nicht zuletzt von
Geheimgesellschaften verschiedenster Richtung.« Vgl. auch
S. I85 ff.: »Eine Welt von Feinden«.
3I Ebenda, S. 6I-63'
32 Dazu eine Illustration aus der vom »Nationalsozialistischen Deut-
schen Frontkämpferbund« (NSDFB) hg. Schrift: Der NSDFB (Stahl-
helm), Berlin I935, S. 27: »Das deutsche Volk hatte einst den b/fsten
Soldaten der Welt. Und dieser beste Soldat war der beste Arbeiter-
der beste Beamte - der beste Ingenieur - der beste Arzt - weil er eben
Soldat gewesen war und Soldat blieb zeitlebens. Unser Traum war, ist
und bleibt die deutsche Nation. Wer glaubte, die Nation, die deut-
sche Nation, sei zu erringen durch Gewalt, durch Siege über den
äußeren Feind, der irrte. Die Nation kann nur werden durch den Sieg
über uns selbst, durch Überwindung der inneren Gegensätze, Hem-
mungen und Vorurteile.
120
Die Nation kann nur erwachsen aus dem Fronterieben, das uns alle
gewandelt hat bis ins Mark, und das Blut der zwei Millionen Kame-
raden wäre umsonst geflossen, wenn es nicht gelingt, die im Grunde
sozialistischen Grundbegriffe des Fronterlebens hinüberzutragen in
die deutsche Jugend und in die deutsche Zukunft. Mit dem Gedächt-
nis an die Toten des Weltkrieges und an die Freiheitskämpfer der
Folgezeit ist es allein nicht getan - Kränze und Schleifen, Sprechchöre
und Lieder sind Äußerlichkeiten, welche leicht zur Verflachung füh-
ren. Das Herunterleiern eines Rosenkranzes ist noch kein Gebet.
Tausend Saalschlachten können nicht verglichen werden mit einem
Tag Trommelfeuer an der Somme - der Frontsoldat Rudolf Heß hat
recht!
Deutscher Sozialist sein, heißt Soldat sein!
Soldat sein, heißt Sozialist der Tat sein!
Stelle dich hinein junger deutscher Mann in die schlichte graue Front
des Soldaten - der Herrgott gebe dir das Glück, daß du es bald in
Wirklichkeit tun kannst - bis dahin tue es im Geiste!
,Still gestanden< - befehle dir selbst! Stillgestanden, heißt schweigen,
gerade wenn man reden möchte! Stillgestanden, heißt den Blick ge-
radeaus richten in die klare Ferne, in die Zukunft! Heißt einmal über
das hinwegsehen, was einem vor den Stiefeln liegt und nebensächlich
ist. Stillgestanden, heißt sich bewußt werden, daß auf Tuchfühlung
rechts und links ein Kamerad steht, daß hinter dir ein zweites und
drittes Glied steht, daß du in einer Kompagnie, in einem Regiment, in
einer Division stehst, und daß es etwas Herrliches ist, in dieser Divi-
sion Soldat und Kamerad zu sein! Sei du auch ein guter Kamerad! Sei
auch ein braver, schlichter Soldat, tue deine Pflicht, wo man dich
hinstellt - dann wirst du auch ein guter Nationalsozialist werden.«
(Hervorhebung im Original)
33 Vgl. Stichwort Nationalsozialismus, in: Handwörterbuch zur politi-
schen Kultur (s. Anm. I), hier S. 259 f.
34 So in Anlehnung an das von Goebbels hg. Deutsche Abendblatt in
Berlin: Der Angriff Für die Unterdrückten. Gegen die Ausbeuter. -
Die Zeitung des NSDAP-Gaues Ruhr Die Neue Front hatte den Un-
tertitel: Wochenblatt der Werktätigen (1928-1930), seit Oktober 1930
erschien die Westfalenwacht. Für Freiheit und Brot.
35 Interpretierend vgl. Eike Hennig, Neofaschismus in der Bundesrepu-
blik, in: Peter Dudek (Hg. ), Hakenkreuz und Judenwitz, Bensheim
1980, hier S. 142-15°.
36 Vgl. etwa Gernot Mörig (Hg.), Deutschlands junge Zukunft.Jugend-
liehe Antworten auf Fragen der Zeit, Kiel 1981. Auch die Zeitschrift
Mut wäre hier zu nennen.
37 Zum Vergleich sei verwiesen auf Herbert Jäger u. a., Lebenslaufana-
lysen = Analysen zum Terrorismus 2, Opladen 1981. Wanda v. Bae-
yer-Katte u. a., Gruppenprozesse = Analysen zum Terrorismus 3,
Opladen 1982.
38 Siehe Anm.33. Erwin K. Scheuch in: Richard Löwenthai, Hans-
Peter Schwarz (Hg.), Die Zweite Republik, Stuttgart 1974, bes.
S. 441; Gessenharter (s. Anm. I).
39 Die Studie ist durchaus umstritten. Vgl. Friedhelm Neidhardt in:
121
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 33 (I98I),
S. 794-796; Uwe Backes, Der neue Rechtsextremismus in der Bundes-
republik Deutschland, in: Neue Politische Literatur, 27 (I982), hier
S. I67 H.; siehe Anm. 2I (Konservatismus und Rechtsextremismus).
40 Zusammengestellt aus verseh. Verfassungsschutzberichten des Bun-
. des und der Länder Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und
Hessen. Vgl. Greß/Jaschke (s. Anm. 43), dort finden sich auch pro-
blematisierende Hinweise zum Erfassungsmodus und zur BegriH-
lichkeit der Verfassungsschutz ämter .
DVU = »Deutsche Volks-Union«; neben anderen Organisationen ist
die DVU im »freiheitlichen Rat« von Dr. Frey (National-Zeitung)
zusammengeschlossen.
4I V gl. besonders Kurt Reumann, Studie über Rechtsextremismus - Fal-
len statt Fragen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr.92,
2I. 4. I98I, S. IO, abgedruckt in: Gewalt von rechts (s. Anm. I),
S. 22I H.
42 Die in einer Vierwochenfrist ablaufende Integration von S. V. (27
Jahre) in die »Deutsche Aktionsgruppe« kulminierte in der Beteili-
gung am Hamburger Brandanschlag vom 2. 8. I980. S. V. war vorher
in der »rechten Szene« unbekannt und politisch nicht hervorgetreten.
- Auch die Sprengstoffanschläge der Kasseler Gruppe »Aktion wehr-
hafte Demokraten« um W. P. bzw., deutlicher noch, die Entste-
hungsgeschichte dieser Gruppe von drei »unpolitischen« Jugendli-
chen (22123 Jahre) um das ehemalige NPD-Mitglied W. P. (3I Jahre),
einen arbeitslosen Neonazi, mögen auf das Problem des Übergangs
von der autoritären, ausländerfeindlichen und antikommunistischen
»Sprücheklopperei« zu Sprengstoff-Anschlägen (hier: gegen Autos
von Arbeiteremigranten und - geplant - gegen ein SPD-Büro) hin-
deuten. Aus der wenig trennscharfen Abgrenzung von »volkstüm-
lich-konservativen« Meinungsäußerungen zur neonazistischen Tat-
bereitschaft und schließlich Mittäterschaft ergeben sich die Probleme
der präventiven Vorfeldbeobachtung und auch der empirischen So-
zialforschung (s. Anm. 2I).
43 Franz Greß I Hans GerdJaschke, Rechtsextremismus in der Bundes-
republik nach I960 = PDI-Sonderheft I8, München I982, S. 45 ff.
44 Sinus-Studie (s. Anm. 8), S. 52.
45 Weiterführend vgl. die Projektberichterstattung (s. Anm. 4).
46 Zu weiterführenden Angaben vgl. Hessische Polizei-Rundschau
31r98I, S. I7-I9; Der Spiegel I4/r98I, S. 75 ff.
47 Der Minister und der Terrorist. Gespräche zwischen Gerhard Baum
und Horst Mahler, Reinbek bei Hamburg I980, S. 3I.
48 Walter Jaide, Eine neue Generation?, München I96I, S. I33.
122
Hans-Gerd J aschke/Martin Loiperdinger
Gewalt und NSDAP vor 1933
Ästhetische Okkupation
und physischer T  
Wenn von »Nationalsozialismus« und »Gewalt« die Rede ist>
dann zumeist assoziativ: Terroristische Zerschlagung der Arbei-
terbewegung, Verfolgung oppositioneller Minderheiten, Konzen-
trationslager, Aufrüstung, Krieg sind nur Stichworte auf dem
Weg zum »SS-Staat« (Kogon). Über die Rolle und die Formen
von Gewalt in der NS-Bewegung vor 1933, insbesondere in der
Phase ihrer Entwicklung zu einer Bewegung von Massen (ab
1929/3°), ist weit weniger bekannt. Fragen z. B. nach dem Ver-
hältnis von NS-Parteiführung zu Gewalttätigkeiten der NS-»Ba-
sis«, nach den Reaktionen staatlicher Behörden auf Ausschreitun-
gen, schließlich: nach der Rezeption von NS-Gewalt durch die
Arbeiterbewegung und die übrige Bevölkerung werden zwar von
einem historisch interessierten und spezialisierten Fachpublikum
diskutiert!, sind aber bislang noch nicht von einer erklärenden
Faschismustheorie aufgegriffen worden. Die Bedeutung derarti-
ger Fragestellungen liegt auf der Hand: Die Umsetzungsprozesse
des massenhaften Bewußtseins ökonomisch-sozialer Verelendung
insbesondere bei kleinbürgerlichen Schichten zur Zeit der
wirtschaftskrise (1929-1932) in pronazistisches (Wahl-)Verhalten
bedürfen einer nicht-ökonomistischen Erklärung, d. h.: Zwischen
objektiver sozialer Deklassierung und Stimmabgabe für die
NSDAP wirken politische Prozesse, die diesen Transfer ermög-
licht haben.
Dieser recht allgemeine und verkürzt formulierte Problemaufriß
mag für die folgenden Anmerkungen genügen. Vor dem skizzier-
ten Hintergrund werden Präsentationsformen der NSDAP in der
Endphase der Weimarer Republik unter dem spezifischen Aspekt
der »Gewalt« dargestellt.Wir wollen an drei Beispielen (NS-Pro-
paganda auf dem Land, Reichsparteitag der NSDAP 1929,SA-
Treffen in Braunschweig 1931) die NS-spezifische Gewalt exem-
plarisch darstellen. Dabei darf das allgemeine Klima dieser Zeit,
die generelle »Brutalisierung des öffentlichen Lebens« (Laqueur)
nicht vernachlässigt werden. Sie wird eingangs nachgezeichnet. Es
12
3
12
4
geht uns bei diesem Vorgehen weniger um die immanente Logik
der NS-Gewalt; wir wollen vielmehr einen Eindruck von der
Komplexität und den vielfältigen Formen dieser Art von Gewalt
vermitteln. Es geht uns aber auch darum, Vorurteile und stereo-
type Deutungen bzw. die Differenz- zwischen Alltagswissen über
die NSDAP und historischer Wirklichkeit sichtbar zu machen.
Dafür ein kleines Beispiel: Der »Terror gegen die Arbeiterbewe-
gung« gehört (zu Recht) zu den verbürgten und tradierten Ein-
sichten über die Funktion der NSDAP; es ist aber völlig überse-
hen worden, daß es in bezug auf Gewalttätigkeit auch merkwür-
dige Bündnisse gegeben hat: Beim Berliner Verkehrsarbeiterstreik
Anfang November I932 organisierten KPD und NSDAP einen
»wilden Streik« gegen den Willen der sozialdemokratisch gelenk-
ten Gewerkschaftsführung; Sabotage in Form der Zerstörung von
Geleisen ist von Trupps der KPD und der SA gemeinsam durch-
geführt worden.
Im zunehmend unübersichtlichen Kontext der Beschäftigung
mit Faschismus und Nationalsozialismus stehen die Ausführun-
gen in einem dreifachen Bezugsrahmen:
- Die   Diskussion um lokalgeschichtli-
chen Unterricht über den Nationalsozialismus (»Faschismus aus
der Nähe betrachtet«) versucht, Konzepte einer kognitiv-intellek-
tuell gerichteten Wissensvermittlung zu ergänzen durch -die Er-
forschung der jeweiligen lokalgeschichtlichen Ausprägungen des
Nationalsozialismus am Ort, um so Momente von Betroffenheit-
die erst zu politischem Engagement führen können - herzustellen
bzw. zu ermöglichen.
2
In diesem Zusammenhang ist auf die histo-
rische Komplexität der Präsentation der NS-Bewegung »am Ort«
hinzuweisen: Am Beispiel der Gewalt kann gezeigt werden, daß
sich die »Bewegung« stets »ambivalent« präsentierte, daß Gewalt
von der Parteileitung geduldet und auch sanktioniert wurde. Die-
ser Doppelfunktion von NS-Gewalt im Rahmen der »Legalitäts-
taktik« müßte zukünftig in lokalgeschichtlichen Unterrichtsmo-
dellen inhaltlich ebenso Rechnung getragen werden wie dem
Aspekt der Verallgemeinerungsfähigkeit jeweils örtlicher Beson-
derheiten.
- Die aktuell-politische Diskussion von Rechtsextremismus in
der Bundesrepublik kreist um das in den letzten Jahren zuneh-
mend beobachtete Phänomen des Engagements Jugendlicher in
rechtsextremen Gruppierungen.
3
Dieses Engagement ist gekenn-
I25
zeichnet von verstärkter Bereitschaft, demokratische Verfahrens-
regeln zugunsten offener Militanz zu negieren. Ausgehend von
diesem Tatbestand bietet sich die Möglichkeit eines Vergleichs der
NS-Gewalt vor 1933 mit konkreten Ausprägungen  
rechtsextremer Militanz in der Gegenwart (vgl. dazu die Ausfüh-
rungen von Eike Hennig in diesem Band).
- Die Sozialwissenschaft ist bemüht, den Begriff »faschistische
Öffentlichkeit« zu entwickeln. Er soll nicht nur die Konstitution
einer faschistischen Massenbewegung erklären, sondern auch die
empirische Erforschung ihrer Entstehung ermöglichen.
4
Ausge-
hend von der objektiven sozialen und ökonomischen Deklassie-
rung in der Endphase der Weimarer Republik einerseits und der
kurzfristigen Mobilisierung pronazistischer Wähler (1928 =
0,8 Millionen Stimmen, 1930 = 6,4 Millionen, 1932 = 13,8 Mil-
lionen) andererseits, geht es in derartigen Forschungszusammen-
hängen auch weiterhin darum, die Transfermechanismen ausfin-
dig zu machen, die die Hinwendung zur NSDAP ermöglicht ha-
ben.
Historische Voraussetzungen
Die in der Weimarer Republik auftretende Gewaltförmigkeit po-
litischer Auseinandersetzungen steht in der militaristischen Tradi-
tion des deutschen Obrigkeitsstaates. Nach dem Ersten Welt-
krieg, in dem diese Tradition noch einmal besonders kraß zum
Ausdruck kam, lebt sie in den »Privatarmeen« der Weimarer Re-
publik fort: bewaffnete oder uniformierte Gruppierungen inner-
halb der Parteien, aber auch selbständige Verbände wie z. B. die
Freikorps oder Wehrverbände wie z. B. der »Stahlhelm«. Wäh-
rend innerhalb der NS-Bewegung die SA bis 1934 die Traditionen
des Militarismus am stärksten zum Ausdruck bringt, steht der
»Rotfrontkämpferbund«, 1924 gegründet, der KPD nahe, der
ebenfalls 1924 gegründete »Reichsbanner-Bund« republikani-
scher Frontsoldaten ebenso wie die »Eiserne Front« von 193 I der
SPD.
Die bei konkreten Anlässen, etwa dem Potempa-Mord 1932,
den Fememorden, den ständigen Ausschreitungen zwischen
Kommunisten und Faschisten bei Arbeitsämtern bzw. Stempel-
stellen zutage tretende physische Gewalt wird überlagert durch
126
militaristische Verhaltensformen, die in der Weimarer Zeit "Poli-
tik« im politischen Alltag präsentieren: »Massenhafter« Versamm-
lungsstil, Marsch und Marschgesang, Uniformen, politische Sym-
bolik durch Fahne und Gruß, paramilitärische ästhetische
Formen sind Stichworte einer spezifisch » Weimarer politischen
Kultur«5, die den konkreten Anlässen als normähnliche Verhaltens-
gebote vorgeschaltet sind. Bei den Reichstreffen des »Rotfront-
kämpferbundes« finden Fahnenweihen statt; die SPD-nahen
»Arbeiterturnvereine« bedienen sich ebenfalls dieser »wilhelmini-
schen Formen« (Eichberg) ; das öffentliche Auftreten der» Eisernen
Front« ist gekennzeichnet durch »Gefühl statt Argument, Auf-
märsche zur Machtdemonstration, Symbolaktivitäten mit den
Drei Pfeilen, >Uniform- und Symbolbummel< in den Städten,
>Freiheitsgruß<, >revolutionäre Gymnastik<, Aufpeitschdialoge
zwischen Sprecher und Masse«.6 Obwohl diese Formen bekannt
sind, fehlen vergleichende Untersuchungen zur paramilitärischen
Ritualisierung von Politik in der Weimarer Republik.
Der Gewaltfetischismus der SA »auf der Straße« und die rituali-
sierte Verklärung militärischer Potenz auf den Reichsparteitagen
der NSDAP stehen in direkter Beziehung zum völkischen Radi-
kalismus in den Anfangsjahren der Republik, insbesondere - was
die öffentliche Selbstdarstellung im politischen Alltag betrifft -
zum »Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bund«, dessen
»Deutsche Tage« in den Jahren 1920-1922 u. a. Großkundgebun-
gen, völkische Reden, Fahnenweihe, »feierliche Entschließungen
und Schwüre« beinhalten. Lohalm kommt zu dem Ergebnis, daß
»der fundamentale Unterschied zwischen Deutschvölkischem
Schutz- und Trutz-Bund und NSDAP nicht in den Formen der
Organisation und Struktur sowie der Methode [lag], sondern in
der Energie. Dies wird deutlich in Hitlers Kritik der Kraft- und
Tatenlosigkeit in der völkischen Bewegung, der Hitler seine Ent-
schlossenheit, >sich, wenn notwendig, mit brutalster Rücksichts-
losigkeit durchzusetzen<, entgegenhielt.</
Zu den historischen Voraussetzungen für die NS-Agitation mit-
telständisch-kleinbürgerlicher (Wähler-) Gruppierungen zählt die
von der NSDAP »vorgefundene« Existenz einer Vielzahl lokaler
und regionaler Protestbewegungen insbesondere im norddeut-
schen Raum. Indikatoren eines bäuerlich-handwerklichen Pro-
testpotentials sind z. B. Wahlergebnisse für radikal-mittelständi-
sche Splitterparteien: Zusammengerechnet entfallen auf sie 3,5%
12
7
(1920),5>4% bzw. 5,8% (1924), 11,3% (1928) und 13,1% (1930)
bei den Reichstagswahlen, bevor ihr Stimmenanteil bei den Wah-
len 1932 - bedingt durch die Funktion der NSDAP als »Auffang-
becken« deklassierter Gruppierungen des Mittelstands - auf 2,5
bzw. 2,8% zurückfällt.
8
1928129 entlädt sich die »Panik im Mittelstand« (Geiger) auf
zwei Ebenen: in spontanen Massendemonstrationen und -aktio-
nen einerseits, in Versuchen (partei-)politischer Formierung und
Kanalisierung der aufbrechenden Interessengegensätze anderer-
seits. Im Frühjahr 1928 finden, unterstützt vom schleswig-hol-
steinischen »Landbund«, Massenversammlungen von Bauern und
Handwerkern statt. Nach Stoltenberg, der die Teilnehmerzahl der
Demonstrationen am 28. 1. 1928 in schleswig-holsteinischen
Kleinstädten auf 140000 beziffert, verweisen die Massenaktio-
nen auf· eine Zerschlagung des bisherigen Gefüges der berufs-
ständischen Organisationen und damit der überkommenen
Führungsgruppen im Bauerntum«.9 Aus den Bauernprotesten
in Schleswig-Holstein entwickelt sich bis 1930 »mit einer Serie
von Bombenanschlägen auf Finanzämter und Verwaltungs ge-
bäude, mit heftigsten Ausfällen eigener Presseorgane und mit
Käuferstreiks der Landbevölkerung ( ... ) aus der politischen
Konfrontation eine revoltierende Empörung«.lo
Gegenüber den 1928129 verstärkt einsetzenden Bemühungen
vor allem der Wirtschaftspartei und der NSDAP, sich an die
Spitze der Bewegung zu setzen, hat diese ein relativ autonomes
Moment bewahrt: Noch Ende 193 I finden in Schleswig-Holstein
mehr als 1000 Versammlungen zur Bildung von Selbsthilfe ge-
meinschaften statt. 11
Die Gewalt-Eskalation der schleswig-holsteinischen Bauernbe-
wegung im Jahr 1928 ist nicht von der NSDAP mitinszeniert
worden. Die NS-Strategie der Agitation in ländlichen und klein-
städtischen Regionen wird in einer Situation erfolgloser Politik in
den Großstädten entwickelt: Hitlers Anordnung vom Sommer
1928, den Schwerpunkt der Propaganda von den Städten aufs fla-
che Land zu verlegen
12
, war eine Folge des gescheiterten »urban
plan« (Dietrich Orlow) aus den Jahren 1926-1928. Dieser Plan
beruhte auf dem Vorschlag von Goebbels, sich nach dem Vorbild
der italienischen Faschisten auf 24 größere Städte propagandi-
stisch zu konzentrieren, war aber wegen der Gegenpropaganda der
SPD bzw. der KPD nicht durchführbarY Vor diesem Hinter-
128
grund entwickelt die NSDAP nach 1928 eigene Organisationsfor-
men und Programme, um das mittelständisch-bäuerliche Protest-
potential in profaschistisches Handeln zu transformieren.
14
Sie
praktiziert auf personeller Ebene die »Taktik der Eroberung von
innen« (Heberle), versucht, insbesondere den »Landbund« zu ge-
winnen: »Diese neuen Mitglieder benutzen die Landbundver-
sammlungen, um reine Propagandareden für die Nazis zu halten.
Das >Heil Hitler< schließt die Ausführungen von Landbundvor-
standsmitgliedern in Landbundversammlungen ab!«15 Hitler
selbst fordert die nationalsozialistischen Bauern zum Eintritt in
den »Landbund« auf.
16
Sowohl der ideologische Gewalt-Kult der NSDAP als auch die
physische Gewalt der SA »auf der Straße« bedürfen hinsichtlich
der Frage ihrer Wirkung dieser historischen Voraussetzung: daß
Teile des späteren Massenanhangs der NSDAP Gewalt als Mittel
politischer Demonstration ausgeübt und toleriert haben, bevor es
der Partei gelingt, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen.
Das bedeutet, daß es bereits vor den durch die NSDAP bzw. die
SA propagierten Formen politischer Gewalt im Alltag der bäuer-
lich-mittelständischen Schicht Erfahrung von politischer Gewalt
gegeben hat, die schließlich in die Massenbewegung der NSDAP
integriert worden ist bzw. in ihr weitergelebt hat.
Die angesprochene Erfahrungsdimension politischer Gewalt be-
darf noch einer Erweiterung durch zwei Gesichtspunkte. Zu-
nächst ist darauf hinzuweisen, daß politische Gewalt in Form von
Attentaten die republikanische Staatsform der Weimarer Repu-
blik von Anfang an gefährdet hat. Rosa Luxemburg und Karl
Liebknecht sind im Januar 1919 von reaktionären Offizieren er-
mordet worden. Der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner ist
im Februar desselben Jahres durch ein Attentat ums Leben ge-
kommen. Opfer von Attentaten wurden 1921 der Zentrumsführer
Matthias Erzberger, 1922 der Reichsaußenminister Rathenau. In
allen diesen Fällen handelt es sich um Gewalt von »rechts«, ge-
richtet gegen die republikanische Demokratie und gegen die orga-
nisierte Arbeiterbewegung. Politische Gewalt in Form von Atten-
taten auf führende Politiker stellt neben den gewaltförmigen Mas-
senaktionen des schleswig-holsteinischen Landvolks eine weitere
Folie für die Militanz der SA Anfang der dreißiger Jahre dar.
Der zweite Gesichtspunkt betrifft das sozialistische »Gegen-
stück« zur SA, die »Eiserne Front«, die die Anwendung von Ge-
12
9
walt ablehnte. ~ 9 3   gegründet durch Zusammenschluß freier Ge-
werkschafter, der SPD-Wehrorganisation »Reichsbanner« und
des »Arbeiter-Turn- und Sportbundes«, war es ihr Hauptanlie-
gen, die durch die Wahlerfolge der NSDAP bedrohte Republik
auch durch Demonstrationen militärischer Geschlossenheit zu
verteidigen. »Die >Eiserne Front< marschierte bei politischen
Kundgebungen in wuchtiger Stärke auf und füllte Riesensäle in
Breslau, Hamburg, Magdeburg und Köln. An dem Anblick dieser
Massen begeisterten sich die Redner, riefen das deutsche Volk
gegen faschistische Gewaltstreiche zum äußersten Widerstand auf
und sprachen die Verse gegen Tyrannenmacht aus Schillers >Wil-
helm Tell«<, berichtet der damalige sozialdemokratische bayeri-
sche Landtagsabgeordnete Wilhelm HoegnerY Folgt man seinen
Erinnerungen, dann ist der Hinweis von großer Bedeutung, daß
die Bereitschaft, nach dem >>Vorbild« der SA in den »Kampf um
die Straße« einzutreten, zwar innerhalb der »Eisernen Front«
ständig diskutiert, die Anwendung von Gewalt aber als legitimes
Mittel des politischen Kampfes entschieden verworfen wurde.
Beispiel' I: Präsentationsformen auf dem Land
Am Beispiel einer NS-spezifischen Selbstdarstellungsform wollen
wir zunächst die Praxis der »ästhetischen Okkupation« beschrei-
ben.
Der spätere Reichsführer-SS, Himmler, hatte im Dezember 1928
ein Papier zu Propagandafragen vorgelegt, in dem als wichtigster
Punkt »Konzentration von 70 bis 200 Versammlungen in einem
Gau im Zeitraum von 7- 10 Tagen« vorgesehen war .18 Diesem Mu-
ster folgen die von J eremy N oakes so genannten »shock troops«,
die idealtypisch folgendermaßen vorgehen: Eine Gruppe rheto-
risch geschulter Parteimitglieder überzieht ein kleines Gebiet
(z. B. einen Landkreis oder eine Gemeinde), in dem die NSDAP
nur geringe Resonanz findet, mit Versammlungen und agitiert
zwei Wochen ununterbrochen, prägt also unmittelbar den Le-
bensalltag det Bewohner, soweit er sich in der lokalen Öffentlich-
keit abspielt. Beachtenswert ist, daß die »shock troops« vor allem
deshalb Wirkung erzielen können, weil sie im Rahmen der lokal
eingegrenzten Öffentlichkeiten auf dem Land auf weniger Kon-
kurrenz stoßen als in den von vielen politischen Gruppierungen
13
0
besetzten und umkämpften städtischen Öffentlichkeiten. Eine
Referentendenkschrift des preußischen Innenministeriums be-
schreibt das Vorgehen der » Werbetrupps« :
»Oft setzen sich solche Werbetrupps tagelang an einem bestimmten Orte
fest und suchen durch die verschiedenartigsten Veranstaltungen, zu denen
auch Platzkonzerte, Sportfeste, Zapfenstreich, an geeigneten Orten auch
geschlossene Kirchgänge gehören, die ansässige Bevölkerung für die Be-
wegung zu begeistern. An anderen Orten wieder wird ein auswärtiger
Propagandaredner eine gewisse Zeit stationiert; mit einem ihm zur Verfü-
gung gestellten Kraftwagen bereist er dann von seinem Standquartier plan-
mäßig die Umgegend. Auch nationalsozialistische Theatertruppen, die
von Ort zu Ort wandern, dienen den gleichen Zielen.«19
Bestimmend für die Auswahl der Regionen und Ortschaften sind
anstehende Wahlen in den betreffenden Gebieten und unter-
durchschnittliche Wahlergebnisse (gemessen am Reichsergebnis ).
Zur Strategie der »shock troops« gehört das kostenlose Verteilen
von NS-Zeitungen, die Teilnahme an örtlichen (öffentlichen) Ver-
anstaltungen und das gezielte Ansprechen bestimmter, regional
dominanter Berufsgruppen (Bauern bzw. Handwerker), so daß
die jeweilige örtliche Sozialstruktur angemessen berücksichtigt
wird.
Über die unmittelbaren Reaktionen der Bewohner auf das Auf-
treten der »shock troops« ist wenig bekannt. Zumindest teilweise
erzielte die NSDAP positive Reaktionen, wie z. B. der Oberprä-
sident der Rheinprovinz im Mai 1930 dem preußischen Innenmi-
nister mitteilt:
»Von Ostersamstag bis Ostermontag quartierten sich die gesamten SA-
Formationen in Hamminkeln, einer kleinen Ortschaft bei Wesel, ein. Die
rein bäuerliche Bevölkerung dieses Ortes neigt politisch den Rechtspar-
teien zu, stand der NSDAP aber bisher überwiegend fern. Sie wurde nun
zwei volle Tage lang durch die nationalsozialistische Propaganda bearbei-
tet. Zapfenstreich, Umzüge, geschlossener Kirchgang für Protestanten
und Katholiken an den beiden Ostertagen. Stand- und Abendkonzerte der
SA-Kapelle, ein >Sportfest<, das aber ebenfalls lediglich der Werbung für
die Partei diente, da die gezeigten sportlichen Leistungen minimal waren,
zogen das Interesse der Bevölkerung auf den Werbetrupp.Außerdem
wurden noch Umzüge in dem benachbarten Friedrichsfeld und am ersten
Ostertag in Wesei, verbunden mit Standkonzert und einer öffentlichen
Versammlung, veranstaltet. Die Bemühungen hatten erheblichen Erfolg.
Nicht nur war die Weseier Versammlung, ebenso wie die oben erwähnte
kurz vorher veranstaltete Weseier Münchmeyer-Versammlung, zu der
man besonders eifrig und erfolgreich auch in der ländlichen Umgebung
der Stadt .geworben hatte, über Erwarten stark besucht, so daß die SA in
dem etwa 800 Personen fassenden Saal keinen Platz mehr fand und in
einem Nebensaal untergebracht werden mußte. Besonders auffallend ist,
daß weite Kreise der Bevölkerung in allen erwähnten Orten den Propa-
gandatruppen ihre Sympathie unverhohlen zum Ausdruck brachten.
Nach dem Bericht des Polizeipräsidenten in Essen hatten in Wese! und in
Hamminkeln zahlreiche Häuser schwarz-weiß-rot beflaggt, die Bevölke-
rung umstand bei den Umzügen zahlreich die Straßen, ,jubelte den Um-
zugsteilnehmern zu und warf ihnen Blumen zu<. Diese Beobachtungen
sind besonders bemerkenswert, wenn man die Besonnenheit und das ru-
hige Temperament der niederrheinischen Bevölkerung in Betracht
zieht. «20
Die Wirkung der »shock troops« auf die ortsansässige Bevölke-
rung verdankt sich einem wesentlichen Umstand, der die Propa-
ganda der NSDAP von der der übrigen Parteien unterscheidet:
der Taktik des »permanenten Kampfes« auch nach Wahlkämpfen.
So hebt z. B. Görgen hervor, daß die Nationalsozialisten nach den
Septemberwahlen 1930 in Düsseldorf ihre Propaganda »nur ge-
ringfügig« minderten
21
; nach Hambrecht registrierte die mittel-
fränkische Regierung »erstaunt«, »daß die NSDAP im Gegensatz
zu den anderen Parteien ihre Versammlungstätigkeit auch nach
den Wahlen fortsetzte«.22
Die erwähnte agitatorische Flexibilität der »shock troops« zeigt
sich z. B. an der antisemitischen Propaganda ·auf dem Land, die
den örtlichen Gegebenheiten Rechnung trägt. So berichtet Ham-
brecht über das Auftreten der »shock troops« in Mittel- und
Oberfranken: »Stellten sie irgendwo einen erhöhten Zuzug von
jüdischen Familien oder einen betrügerischen Bankrott einer jüdi-
schen Firma fest, nahmen sie dies zum willkommenen Anlaß, den
ganzen Landstrich mit ihrer Werbung zu überziehen.«23
Flexibilität zeigt sich auch darin, daß die NSDAP es verstanden
hat, neben der »Besetzung« eines Ortes eine größere Region ge-
zielt und schwerpunktartig in Angriff zu nehmen. Im Raum
Günzburg/Donau zum Beispiel »fanden an einem einzigen Wo-
chenende im März 1930 anläßlich der >nationalsozialistischen Ak-
tion< 28 Veranstaltungen ( ... ) mit dem Thema >Kampf dem orga-
nisierten Volks betrug«< statt.
24
Unter dem Aspekt eines Wechselspiels von Ȋsthetischer Okku-
pation« und physischem Terror in der NS-Agitation gehören die
»shock troops« zu der - auf den ersten Blick nicht gewalttätigen,
13
2
gar friedlichen - Sparte »ästhetische Okkupation«. Der in den
Referentendenkschriften der Länderinnenministerien zu jener
Zeit geläufige Begriff » Werbetrupp« drückt trotz der durchaus
erkannten Gewalttendenz der »Bewegung« auch ein Moment von
Harmlosigkeit und Friedfertigkeit aus.
Nun hat W. F. Haug das Besondere des Faschismus darin gese-
hen, »durch ästhetische Faszination politisch zu überwältigen«.25
Haugs Formulierung ist gut geeignet, den eigentlichen Charakter
der »shock troops« aufzudecken und das in ihnen verborgene
Gewaltmoment hervorzuheben: Es steckt in dem Anspruch, durch
konzentrierte paramilitärische Präsenz in einem kleinen, geogra-
phisch überschaubaren Raum zu »überwältigen« mit dem Ziel der
heimlichen oder offenen Identifikation mit dem »Aggressor«. Es
ging deshalb den »shock troops« nicht darum, offene Gewalt zu
provozieren - dies hätte die Identifikationsbereitschaft der
ortsansässigen Bewohner gemindert; zudem hatte die NSDAP in
den Jahren zwischen 1926 und 1928 in den großen Städten
schlechte Erfahrungen in gewalttätigen Auseinandersetzungen
mit Kommunisten gemacht. Keine andere Partei in der Weimarer
Republik hat aber mit derartiger Intensität das Modell »ästhe-
tischer Okkupation« in kleinen Öffentlichkeiten auf dem Land
praktiziert wie die NSDAP.
In größeren Formen der politischen Öffentlichkeit gibt es je-
doch - in unterschiedlichen Graden - ein Wechselspiel von
»ästhetischer Okkupation« und physischem Terror. Dies Wech-
selspiel ist Gegenstand der beiden folgenden Beispiele.
Beispiel 2: Reichsparteitag der NSDAP 1929
Ermutigt durch Wahlerfolge
26
, steigende Mitgliederzahlen
27
und
die aussichtsreiche Erschließung neuer Wählerkreise auf dem fla-
chen Land sehen die Nationalsozialisten ihrem IV. Parteitag, der
vom I. (Donnerstag) bis zum 4. August (Sonntag) 1929 in Nürn-
berg stattfindet, mit großem Optimismus entgegen. Tatsächlich
markiert dieser Parteitag »in Aufwand und Ausmaßen einen ab-
soluten Höhepunkt in der bisherigen Parteientwicklung«.28
Das demonstrative Zusammenziehen möglichst vieler Parteige-
nossen und SA-Männer an einem Ort dient 1929 nicht mehr nur
der moralischen Aufrüstung. Bisher war das »große Erleben« der
133
,
!
Parteigemeinschaft und das persönliche VLa-vis mit dem »Füh-
rer« Adolf Hitler vorrangig für die   Nationalsoziali-
sten selbst arrangiert worden. Jetzt soll Zurschaustellung der
eigenen Parteiöffentlichkeit auch Propagahdaeffekte nach außen
erzielen. Deshalb schärft die Parteileitung den Teilnehmern im-
mer wieder straffe Disziplin ein
29
, was jedoch wenig Wirkung
zeitigt: Von Anfang an wird der Parteitag begleitet von tätlichen
Auseinandersetzungen, die in der Regel von Nationalsozialisten
angezettelt werden.
3D
Die Gewalttätigkeiten reichen vom Anpö-
beln von Passanten bis zum paramilitärischen Angriff auf "Stütz-
punkte« des politischen Gegners:
- Auf offener Straße werden Passanten durch Drohungen und
Mißhandlungen genötigt, ihre politischen Abzeichen - meist das
des sozialdemokratischen »Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold«-
abzunehmen. Dabei wird oft von einer großen Anzahl National-
sozialisten auf einzelne Personen eingeschlagen, so auf einen jun-
gen Mann, der das Abzeichen des Radfahrbundes »Solidarität«
trägt.
- Für die diversen Wirtshausschlägereien finden sich vergleich-
bare Anlässe. Bezeichnenderweise kommt es wiederholt vor der
von Kommunisten besuchten Wirtschaft »Kreuzer Emden« zu
Schlägereien.
- Einen organisierten Vorstoß in das Lager des Gegners unter-
nehmen etwa 20 SA-Männer am Samstagvormittag: Sie dringen in
das Lokal des Gewerkschaftshauses ein und verlangen vom Wirt,
die auf dem Gebäude gehißte schwarz-rot-goldene Fahne einzu-
ziehen. Auf seine Weigerung hin wird er zusammengeschlagen
und die Einrichtung des Lokals demoliert.
- Höhepunkt der Auseinandersetzungen ist der Versuch von
mehreren Hundert SA-Männern, das Cafe Merk am Hauptmarkt
(Büro des »Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands«
und der »Roten Hilfe«) zu stürmen, aus dem angeblich geschos-
sen wurde. Starke Polizeikräfte kommen zum Einsatz, die auch
die unmittelbar im Anschluß sich bildenden Menschenansamm-
lungen in der Innenstadt zerstreuen - u. a. wird ein ganzer Stra-
ßenzug von der Polizei abgeriegelt.
Aus den angeführten Beispielen geht hervor, daß die Provoka-
tion bzw. Bedrohung in den Augen der SA-Männer jeweils von
der Gegenseite ausgeht und der eigene Angriff nur eine Reaktion
der Gegenwehr ist: »Der Gegner erzwingt Gewalt.«3!
134
Die Provokationen kommen vorrangig durch eine Interpretation
der SA-Männer zustande, die sich dem Selbstbewußtsein ver-
dankt, daß während des Parteitags Nürnberg ihnen »gehört«. Da
er dieses Selbstbewußtsein relativiert, wird der Hinweis auf die
Zugehörigkeit zu konkurrierenden und gegnerischen Organisa-
tionen als Angriff gewertet.
Dadurch bekommt das Abzeichen des Radfahrbundes »Solidari-
tät« am Revers eines Passanten provozierenden Symbolgehalt, es
stellt das Parteitagserlebnis der SA-Männer nachdrücklich in
Frage: Mit einer etwa doppelt so hohen Mitgliederzahl wie die
gesamte NSDAP ist dieser Radfahrbund dem sozialdemokratisch
orientierten »Arbeiter-Turn- und Sportbund« angeschlossen, der
14 Tage vor dem NSDAP-Parteitag in Nürnberg sein zweites
Bundesfest abgehalten hat.
32
Wirtshausschlägereien sind in jedem Fall damit zu rechtfertigen,
daß einer der Männer im »Ehrenkleid der SA« belästigt wird. Wie
ein Bericht der SA belegt, wird in solchen Fällen nicht lange ge-
fackelt:
»Da dringt Lärm aus einer kleinen Wirtschaft am Marktplatz. Im Sturm-
schritt sind 50, 100 Manri dort. Stuhlbeine und Gläser empfangen uns.
Undurchsichtig ist das Gewirr der Kämpfenden. Nur wenige haben Platz
in der dumpfen, verräucherten Bude. Nach Minuten ist das Spiel aus. 20
Kommunisten werden herausgeprügelt. Sie haben einen SA-Mann bdä-
stigt.«33
Angesichts der massiven Präsenz von etwa 2 5 000 SA-Männern in
  bedarf es durchschlagender Feindbüdkonstruktio-
nen, um sich durch politische Gegner bedroht zu fühlen. Da Zwi-
schenfälle umstandslos auf das Konto von Arbeiterorganisationen
gebucht werden, erscheint dieses Gefühl jedoch gerechtfertigt, so
daß jederzeit und überall zum »abwehrenden Angriff« überge-
gangen werden kann.
In der Nacht von Freitag auf Samstag kommt die Frau des NS-
Ortsgruppenleiters . Grünewald aus Lamprechtsheim durch eine
verirrte Pistolenkugel ums Leben - für die SA »Rotmord« von
seiten des »Reichsbanners«.35 Als sich am Sonntagabend das Ge-
rücht verbreitet, ein SA-Mann sei erstochen worden, droht offe-
ner Aufruhr. Das Gerücht, Max Hölz
36
sei in der Stadt, läuft um
und bestärkt jeden SA-Mann in seiner Haltung, rundum zur Vor-
wärtsverteidigung übergehen zu müssen:
135
»Da ertönt gellend ein Pfiff. Jemand ruft laut: ,Max Hölz ist da!< Schon
stürmen die ersten zur Türe, und planlos folgen alle einem Zivilisten im
Sturmschritt. Die ersten haben die Straßenkreuzung erreicht und biegen
stadteinwärts. Und im Lärm des Angriffs gehen die Rufe eines Polizisten,
der den Straßendienst versieht, unter. Die hinteren drängen nach. Der
Polizist beginnt nervös zu werden. Keiner von uns achtet auf ihn. Da zieht
dieser die Pistole und schießt blindlings in die stürmende Schar. Ein Bo-
chumer Kamerad sinkt, schwer getroffen, zu Boden. Entsetzen packt uns.
Max Hölz ist vergessen. In Schmerz und Wut stürzen die ersten auf den
unglücklichen Schützen und schlagen ihm die Waffe aus der Hand. Vier
Kameraden tragen den Verwundeten zurück.
Max Hölz? Er. war nie da. Niemand hatte ihn gesehen.«37
Die SA greift zur Personalisierung der gegnerischen Gewalt und
phantasiert den »Mordbrenner Max Hölz« (Hitler), um sich selbst
die Verkehrung ihrer Gewaltaktionen ins Defensive zu bestätigen.
Dies geht so weit, daß Hitler bei seinem Versuch, die erregte SA
zu besänftigen, durch den Zwischenruf: »Es muß etwas gesche-
hen, es steht auf Spitz und Knopf für uns!« unterbrochen
wird.
38
Die Verwandlung geringfügigster Anlässe in Provokationen und
die Erfindung einer physischen Bedrohung durch den politischen
Gegner sind keine nachträglichen Tricks zur Legitimation von
Gewalthandlungen. Das Auftreten der SA in Nürnberg sowie Er-
lebnisschilderungen von an Gewalttaten beteiligten SA-Männern
lassen vermuten, daß die Wahrnehmung der SA-Männer be-
stimmt wird durch eine eigentümliche Verkehrung von Angriff
und Abwehr.
Durch die persönlichen Opfer an Zeit, Geld und durch die kör-
perlichen Strapazen weisen sich die Teilnehmer des Parteitags als
überzeugte Nationalsozialisten aus. Sie sehen bei Auseinanderset-
zungen von vornherein das Recht auf ihrer Seite, weil sie - zu
großen Opfern bereit - das höchste für sie vorstellbare Ideal prak-
tizieren - »Deutschland mehr zu lieben als sich selbst«.39 Die
Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber rechtfertigt den bruta-
len Umgang mit dem politischen Gegner. Im »Novemberstaat«
betrachten sich die Nationalsozialisten als die einzigen, die noch
wirklich »deutsch« empfinden und handeln. Der Glaube an das
nationale Ideal eines »freien Deutschland« verwandelt jeden An-
griff auf Leib und Leben politisch Andersdenkender in eine Ver-
teidigung - die Verteidigung des Vaterlandes gegen die Angreifer:
»Novemberverbrecher« und das »Schanddiktat von Versailles«.4o
Die SA-Männer betrachten ihre Gewalttaten also als völlig recht-
mäßig. Dagegen nehmen die Presseorgane der Arbeiterparteien
die Vorfälle des Parteitages einmal mehr zum Anlaß, um die »Ha-
kenkreuzler« als politische Verbrecher zu brandmarken.
41
Ihr
Antifaschismus, der politische Agitation durch Kriminalisierung
des Gegners betreibt, muß also völlig am Selbstbewußtsein der
SA-Männer vorbeigehen.
Zu der Haltung, daß alles recht sei, was für Deutschland ge-
schehe, kommt hinzu, daß der Parteitag 1929 als punktuelle und
vorübergehende Machtergreifung in einer Stadt erlebt wird:
»Nürnberg 1929, du unvergeßliches Erlebnis, das ich nie missen möchte.
Zum ersten Mal kamen 100000 Parteigenossen in einer Stadt zusammen,
zum ersten Mal sah ich die Kraft der Bewegung real vor meinen Augen.
Zum ersten Mal durfte ich den Führer sehen, und seitdem trug ich die feste
Gewißheit im Herzen, wir werden Deutschland erobern. Wir waren alle
berauscht von dem gewaltigen Erleben, 100000 Menschen und alle ge-
schart um einen Mann, 100000 Deutsche und alle hatten ein Ziel und
einen Willen, dieses Deutschland zu erobern, damit der Führer ein neues
Reich b   u ~ n kann, ein Reich, welches ... noch Jahrtausende nach uns
bestehen soll. Und wir, wir waren die Kämpfer für dieses Reich, war es
uns doch in diesen Tagen, als hätten wir das Reich schon erobert und es
fehlten uns nur noch die Wafferi, um nach Berlin zu eilen und den grausen
Spuk, der dort noch sein Wesen trieb, hinwegzublasen, als wäre er nie
gewesen.«42
Die in der »deutschen Reichsstadt« Nürnberg präsentierte An-
schauung der »Bewegung« wurde nach dem Muster militärischer
Okkupation und Eroberung verarbeitet, die die Machtergreifung
im Reich vorübergehend in greifbare Nähe rücken ließ.
Durch das Hochgefühl der eigenen Stärke radikalisierten sich die
Teilnehmer des Parteitags in einer Weise, die der Parteiräson ganz
offen widersprach. Charakteristisch für die Gewaltaktionen wäh-
rend der vier Tage in Nürnberg ist, daß sie spontan begangen
wurden und gegen die Befehle der Parteileitung verstießen. Be-
zeichnenderweise erreichen die Gewalttätigkeiten ihren Höhe-
punkt gegen Ende des Parteitags, als die 25 000 SA-Männer nicht
mehr im organisatorischen Griff der Parteileitung sind: Nach dem
Abschluß des »Festmarsches« durch die Nürnberger Innenstadt
darf die SA den späten Sonntagnachmittag zu einem Stadturlaub
nutzen, bevor sie dann sukzessive im Laufe der Nacht mit Son-
137
derzügen abtransportiert wird. Während dieser organisatorischen
Blindstelle des Parteitagsprogramms findet der Sturm auf das Cafe
Merk statt, ebenso die Mehrzahl der Schlägereien in Straßen und
Lokalen. Die Innenstadt ist regelrecht von SA-Truppsokkupiert:
Sie unterliegen in diesen Stunden keiner zentralen Kontrolle
durch SA-Führung oder Parteileitung -ihre spontan sich erge-
benden Aktionen haben den Charakter der Ziellosigkeit. Die in
der Presse monierten »Zeichen einer allgemeinen Anarchie«43
,werden von der nachträglichen Darstellung der SA -Führung be-
stätigt:
I
» ••• Spitzel (!) riefen die Volksmenge zur Rache auf, zum Sturm auf
Polizeiwachen und Polizeibeamte, zur Zerstörung jüdischer Warenhäu-
ser, Zeitungs- und Gewerkschaftsgebäude, zur Nichtachtung d,er >schlap-
pen< Parteileitung, zur Rache für das Blut.,,44
Hitler unterbricht wegen der zugespitzten Lage seine Abschluß-
rede nach dem Festmarsch und sieht sich »veranlaßt, nach einer
stark erregten Zwiesprache mit dem Hauptmann a. D. und Ober-
sten SA-Führer von Pfeffer, die SA-Leute, sonderlich die Führer,
zur Ruhe und Zurückhaltung zu ermahnen und vor Konflikten
mit der Polizei zu warnen«.45
. Die SA-Führung gehorcht schließlich Hitlers Aufforderung und
läßt die Nürnberger Innenstadt räumen - die SA-Männer kehren
in ihre Quartiere zurück. »Um 'I, 9 Uhr abends war die Ruhe in
der Stadt wiederhergestellt.«46
Hitlers Einschreiten gegen die SA dürfte weniger auf »die Furcht
vor einem neuerlichen Verbot der NSDAP«47 zurückgehen. Der
Lagebericht der Polizei4irektion Nürnberg-Fürth weist auf die
besondere Aufmerksamkeit hin, die im Hinblick auf das äußere
Auftreten der Nationalsozialisten beim Publikum zu erwarten
war, und betont, »daß sich die politische Leitung der NSDAP der
weittragenden Bedeutung des Aufmarsches, besonders für die
kommenden Gemeindewahlen und die Stellung in den,Parlamen-
ten, bewußt war«.48
Die, Wirkung des Parteitages auf das bürgerliche Publikum faßt
der Lagebericht zusammen, indem er auf den Gegensatz zwischen
der Demonstration von.Disziplin und Geschlossenheit und ihrer
Auflösung in Gewalttätigkeit am Ende des Parteitages hinweist.
49
Die honorigen, national gesinnten Bürger Nürnbergs fühlten sich
dem Bericht zufolge bedroht und zogen offenbar den Schluß, daß
13
8
ihr Bedürfnis nach Sicherheit und ungestörter Ausübung ihrer
wirtschaftlichen Tätigkeit bei der NSDAP schlecht aufgehoben
seI.
Diese Ablehnung nationalsozialistischer Gewaltausübung »von
unten« durch bürgerliche Zielgruppen der NSDAP war wohl in
erster Linie der Grund für Hitlers Einschreiten. Die SA mußte
gezähmt werden, was mit gutem Zureden und der Androhung
von Sanktionen betrieben wurde. Ein bereits vor dem Parteitag
verteiltes Flugblatt
50
wollte die Teilnehmer zum Gewaltverzicht
bewegen mit der Vertröstung auf den »großen Tag der Abrech-
nung«.51 Ähnlich versuchte Hitler die SA mit dem Hinweis auf
rationellere Methoden zur Vernichtung der Arbeiterbewegung zu
besänftigen:
»Seien Sie alle Träger der Vernunft, Träger der kühlen Überlegung, und
fühlen Sie sich als Träger des Erfolgs unserer Bewegung ( ... ), dann sorgen
Sie am besten dafür, daß einmal diese Elemente mit Stumpf und Stiel
ausgerottet werden.«52
Durch die Verheißung zukünftiger Vergeltung konnte die SA je-
doch nur mit Mühe gebändigt werden. Um bei dem 1930 in Nürn-
berg geplanten Parteitag eine Schädigung des Ansehens der
NSDAP durch ähnliche Vorfälle von vornherein zu unterbinden,
offerierte Hitler der Polizei einen respektablen Katalog von gegen
die SA gerichteten »Sicherungsmaßnahmen« : vorherige einge-
hende Belehrung der Parteitagsteilnehmer durch »Ordnungsoffi-
ziere«, »Überwachungsdienst« in sämtlichen Massenquartieren,
Parteiausschluß bei Widersetzlichkeit gegen die Polizei, Ausgabe
besonderer Erkennungsmarken, »schärfste Kontrolle auf absolute
Waffenlosigkeit sämtlicher Teilnehmer, so daß ein Waffenbesitz
selbst im Einzelfalle <!) so gut wie ausgeschlossen erscheint«, so-
wie das Versprechen, »auf diesem Parteitag für sämtliche SA - und
SS-Verbände das Alkoholverbot bis zur letzten Stunde durchzu-
führen«.53
Bemerkenswert ist die geplante Zusammensetzung des Ord-
nungsdienstes, faßt sie doch bereits die Koalition von Reichswehr
und SS ins Auge, die ·sich dann am 30. Juni 1934 gegen die SA
durchsetzt:
»Die Partei richtet einen eigenen Ordnungsdienst ein, der von 3200 SS-
Männern ausgeübt werden wird. Die außerordentliche Verstärkung unse-
rer SS findet statt, weil diese als vorbildlich disziplinierte Truppe am be-
139
sten geeignet erscheint, sicherheitspolitische Wünsche und Anordnungen
schnellstens zur Durchführung zu bringen.«
Zur Durchführung sämtlicher Sicherungsmaßnahmen wird »eine beson-
dere Organisation ins Leben gerufen als >Ordnerkorps<, das, unter der
Leitung eines bewährten Generals des Weltkriegs stehend, sich nur aus
Offizieren zusammensetzt.«54
Zusammenfassend: Dem Ideal »einer stahlharten Organisation
der bedingungslosen Treue, der eisernen Disziplin, des blinden
Gehorsams, der unerschütterlichen Autorität und der fanatischen
Hingabe«55 entspricht die SA auf dem Parteitag nur bedingt. Zwar
verleiht sie den öffentlichen Veranstaltungen Totengedenkfeier,
Fahnenweihe, Fackelzug und Festmarsch wunschgemäß das bür-
gerliche' Gepräge einer »national-vaterländischen Kundge-
bung«56, sie zerstört diesen Eindruck aber durch den sich an-
schließenden »Disziplinverfalk Die SA sollte für die NSDAP in
positiver Weise »untrügliches Unterscheidungsmerkmal von den
landläufigen Parlaments-Parteien«57 sein. Und wodurch? Durch
»das geschlossene Auftreten« als »die einzige Form, in der sich die
SA an die Öffentlichkeit wendet«.58 Die SA-Männer sollten den
Inhalt der nationalsozialistischen »Idee« zum Ausdruck bringen
durch die Verbindung von ästhetischer Okkupation mit dem ge-
zielten Einsatz ihrer Gewalt: »Wo ganze Scharen planmäßig C ••• )
Leib, Leben, Existenz für eine Sache einsetzen« - wohlgemerkt
»nicht in der Aufwallung plötzlicher Massensuggestion«, wie
beim Parteitag 1929 geschehen -, »da muß die Sache groß und'
wahr sein!«59 Hierzu ungeeignet waren »wilde Prügeleien«. Das
bedeutet keineswegs den Verzicht auf körperliche Gewalt, son-
dern umgekehrt deren Effektivierung:
»Der Kampf ( ... ) ist nur zu gewinnen durch zielbewußten Einsatz. Von
keinem Nationalsozialisten wird verlangt, daß er sich irgendetwas gefallen
läßt. Darüber hinaus aber soll er nur da kämpfen, wo er von seinen Füh-
rern eingesetzt wird. Die Führer wiederum sind dafür verantwortlich, daß
solcher Einsatz nur da erfolgt, wo es Sinn und Zweck hat.«60
Beispiel 3: Braunschweiger »Blutsonntag« 1931
Als Ersatz für den weder 1930 noch 1931 abgehaltenen Parteitag
61
organisierte die NSDAP ein »mitteldeutsches SA-Treffen« für
den 17. und 18. Oktober 1931 in Braunschweig. Das Programm
der öffentlichen Veranstaltungen setzt die Tradition des Parteitags
1929 in Nürnberg fort: Auf den nächtlichen Fackelzug folgt am
Sonntagmorgen der SA-Appell, dessen liturgischen Höhepunkt
die Standartenweihe bildet, und ab Mittag der» Vorbeimarsch der
SA und SS vor dem Führer«.62 Für die nationalsozialistische Presse
war es »der grandioseste Marsch und Zug, den Deutschland je
erlebt und gesehen«, und »die größte Demonstration von Willen,
Disziplin, Opfern und Macht«.63
Die ästhetische Präsentation der nationalsozialistischen Parteiar-
mee verläuft programmgemäß ohne nennenswerte Zwischenfälle.
Zur gleichen Zeit finden aber abseits von Appell und Vorbei-
marsch gewalttätige Auseinandersetzungen statt.
Beim Parteitag in Nürnberg zwei Jahre zuvor handelte es sich
um spontane, der Parteiführung unerwünschte Gewaltaktionen
der SA ohne eindeutige Zielrichtung. In Braunschweig ist die
Lage anders:
»Denn es waren in einer Stadt von 150000 Einwohnern 100 000 Mann
nationalsozialistischer Bürgerkriegstruppen, die die Stadt in ein Heerlager
verwandelt haben, sie besetzt haben, als ob es eine feindliche Stadt im
Kriege gewesen wäre, die de facto die Polizeigewalt an sich genommen
haben. ,,64
Daß SA-Männer Polizeigewalt ausüben, heißt nicht nur, daß sie
Passanten, die wie Arbeiter aussehen, anhalten und nach Waffen
durchsuchen. Oder daß sie einen Radfahrer, der sich durch die
Reichsbannerkokarde an seiner Mütze als politischer Gegner aus-
weist, brutal zusammenschlagen. Ausübung der Polizeigewalt
heißt vor allem, daß die SA gründlich in der Altstadt »aufräumt«:
Wie in vielen anderen Städten ist die Altstadt Braunschweigs Ar-
beiterviertel. Hier wohnt auch der politische Gegner: Angehörige
des »Reichsbanners« und Kommunisten.
SA-Stürme durchziehen unter Absingen ihrer Kampflieder die
Straßen der Altstadt, so z. B. der Berliner »Mordsturm« 33 am
Samstag die Lange Straße, sie bedrohen die proletarisch«:n Bewoh-
ner. Die Fensterscheiben der niedrig gelegenen Wohnungen wer-
den eingeschlagen, Türfüllungen werden eingedrückt, Fensterlä-
den heruntergerissen. Geschäfte zerstört, und es wird versucht,
einzelne Häuser zu stürmen. Pflastersteine werden herausgerissen
und in die Wohnungen geschleudert. Die Häuser werden von der
SA beschossen. SA-Leute fordern die Bewohner der Weberstraße
auf, die Fenster zu schließen, andernfalls würde geschossen. Am
Sonntagmorgen fahren vier mit SA besetzte Lastwagen durch die
Lange Straße. Von den Wagen aus schießen die SA-Männer in die
Wohnungen hinein. Die schmalen Gassen und die alten Häuser
mit ihren tief gelegenen Parterrefenstern und ihren einfachen Tü-
ren, die oft unmittelbar in die Wohnungen führen, begünstigen
die Wirkung des SA-Terrors. Die Bewohner fürchten aus gutem
Grund um ihr Leben: Das Ergebnis der zweitägigen SA-Herr-
schaft über Braunschweig sind zwei tote Arbeiter und 62 Schwer-
verletzte.
65
Zu ihrer Verteidigung sind die Bewohner der Braunschweiger
Altstadt auf sich selbst, d. h. auf die Häuserschutzs.taffeln von
»Reichs banner« und Kommunisten, angewiesen. Die dünnen Po-
stenketten der Polizei, welche die Altstadt absperren sollen, wer-
den von der SA überrannt; die Reichswehr greift nicht ein. Die
Staatsgewalt ist also faktisch für die Dauer von zwei Tagen außer
Kraft gesetzt. An ihre Stelle ist die Gewalt der SA getreten -
Braunschweig und Umgebung befinden sich vorübergehend im
Zustand der militärischen Besetzung durch die nationalsozialisti-
sche Parteiarmee. Zur ästhetischen Okkupation der Stadt gesellt
sich der zielstrebige Terror gegen die Arbeiterschaft. »Die Natio-
nalsozialisten hatten alle Freiheit, über Leben und Gesundheit
jedes Menschen in Braunschweig zu verfügen, der nicht ihr Zei-
chen trug.«66
Die SA nützt diese Lage weidlich aus, um ihre Vorstellung von
einer ordentlich funktionierenden Staatsgewalt handgreiflich vor-
zuführen. Die Vorstöße in die Altstadtstraßen haben den Charak-
ter geplanter Unternehmen. Die Angriffe der mit Hilfe von Tril-
lerpfeifen immer wieder neu gesammelten SA-Verbände
67
richten
sich ausschließlich gegen das »rote« Arbeiterviertel. »Die >Strafex-
peditionen in die Lange Straße, in den Klint<, in die Ritterstraße
usw. waren vorbereitet.«68
Neben ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit
69
kommt den SA-
Männern zugute, daß sie »unter einem gewissen Protektorat des
Staatsorgans</o stehen: Der Innenminister und Polizei-Befehlsha-
ber des Landes Braunschweig, Klagges, ist selbst Parteigenosse,
ein Umstand, der bei der Auswahl von Braunschweig als Ort des
»mitteldeutschen SA-Treffens« bewußt kalkuliert worden ist:
»Braunschweig als Aufmarschgebiet des braunen Heeres wurde
gewählt, weil wir wissen, daß wir hier von der Regierung nicht in
letzter Minute Verbote und andere Maßnahmen zu befürchten
haben, denn in Braunschweig weht der Geist der Ordnung und
Gerechtigkeit. </1 In diesem Geiste hat Klagges öffentlich ver-
kündet, daß »der marxistische Mob in die Schlupfwinkel zu-
rückgedrängt werden müsse«,72, um nach dem Braunschweiger
»Blutsonntag« (Vorwärts) offiziell zu erklären, daß die Gewalt-
tätigkeiten »durch politisch linksgerichtete Elemente verursacht
wurden«.73
Im Gegensatz zum Parteitag 1929 in Nürnberg schreitet die
NSDAP-Führung in Braunschweig nicht gegen die Gewaltaktio-
nen der SA ein. Im Gegenteil. Die Parteitruppen werden zum
Angriff auf die Altstadt ermuntert und hinterher mit der obligaten
Notwehrlüge entschuldigt.
74
Die Parteiführung hat offenbar
nichts dagegen einzuwenden, daß die ästhetische Disziplin des
SA-Aufmarsches mit dem offenen Terror derselben SA-Truppen
gegen das Braunschweiger Arbeiterviertel einhergeht.
Die in Braunschweig öffentlich demonstrierten Attribute der na-
tionalsozialistischen Massenbewegung heißen: soldatische Zucht
und gewaltsames Auftreten gegen die Arbeiterbewegung. Beide
Attribute sind in Rechnung zu stellen, wenn sich die NSDAP zu
»Braunschweig« äußert.
Die Kommentare der nationalsozialistischen Presse betonen
durchweg den Einsatz der »Bewegung« als das entscheidende
Faustpfand zur Eroberung der Macht im Staate, in dem parlamen-
tarische Mittel versagen - ohne jedoch deshalb mit dem Legali-
tätsprinzip zu brechen. Sie stellen klar, daß die NSDAP um die
Mehrheit im Parlament auf der Straße kämpft. Das Treffen der
»Nationalen Opposition« in Bad Harzburg eine Woche zuvor
75
wird durch die Inszenierung der Braunschweiger Ereignisse
ebenso relativiert wie die   des von der »Harzburger
Front« eingebrachten, aber erfolglosen Mißtrauensantrags gegen
die Regierung im Reichstag: »In Harzburg stand die Front in
Opposition. In Braunschweig marschierte die Armee des politi-
schen Angriffs«, schreibt Goebbels' Zeitung Der Angriff.76
»Braunschweig« ist Hitlers »neue Visitenkarte«.77
Auf Brüning bezogen stellt der Völkische Beobachter offen den
Vergleich her zwischen Parlamentarierstimmen und SA -Stiefeln:
»Fünfundzwanzig schwankende Gestalten des deutschen Reichs-
tags sind jedenfalls keine vertrauenerweckende Garantie seiner
Herrschaft. Aber hunderttausend SA-Männer in Braunschweig
143
sind die sicheren Garanten seines Sturzes. (In ebenso legalen For-
men, versteht sich!)</8
Damit ist klargestellt: Die NSDAP unterstreicht mit dem Auf-
marsch ihrer Parteiarmee in Braunschweig, daß ihre politische
Bedeutung über die bereits gewonnenen Sitze in den Parlamenten
weit hinausgeht. Das Entscheidende ist, dem Selbstverständnis
der NSDAP nach, daß sie einen »Geist« in die Waagschale zu
werfen hat:
»In Braunschweig wird am Sonntag nicht die nationalsozialistische Bewe-
gung aufmarschieren; ihre unaufhaltsam wachsende Stärke macht eine
zahlenmäßige Beschränkung der Veranstaltung auf bloße Abordnungen
der SA notwendig. Aber in Braunschweig wird am Sonntag der Geist der
nationalsozialistischen. Bewegung aufmarschieren. Die Macht des Willens
als das letzte Geheimnis dieser Bewegung wird in den braunen Bataillonen
lebendige Gestalt annehmen und Zeugnis ablegen für die ungeheure, zu
staatlicher Formung drängende Kraft der nationalsozialistischen Idee.
Dieser Geist und der vorwärts stürmende elementare Wille ( ... ) ist die
stärkste politische Realität, die die deutsche Nation heute überhaupt be-
sitzt.«79
Die Rede vom »Geist« ist ernst zu nehmen.
80
Die Demonstration
von Willen und Entschlossenheit der Nationalsozialisten zur Er-
oberung der Staatsrnacht dient der Einflußnahme auf die Mei-
nungsbildung in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik.
81
Ge-
stalt nimmt der »SA-Geist« nicht nur in den Szenarien politischer
Ästhetik wie Fahnenweihe und Aufmarsch an. Das Zurschaustel-
Ien des nationalsozialistischen Willens wird ergänzt durch dessen
Praktizierung: den Sturm auf das Braunschweiger Arbeiterviertel.
In diesem Sinne liest sich die Schilderung des Völkischen Beob-
achters - »Es ist erst Freitag nachts, und schon atmet die Stadt,
jedes Haus und jede Straße bereits nationalsozialistischen Geist«82
- auf den »Blutsonntag« bezogen wie eine Ankündigung: Die
Häuser und Straßen der Altstadt, die diesen Geist bekannterma-
ßen nicht atmeten, bekamen ihn an diesem Wochenende zu spü-
ren.
Mit der zielsicher und organisiert eingesetzten Gewalt der SA-
Truppen gegen das Braunschweiger Proletariat will sich die
NSDAP den Weg zur Macht ebnen. Daß hier durch die der SA
eigentümliche Ausübung der Polizeigewalt ein Exempel statuiert
wurde, das die Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung
nach dem 30. Januar 1933 ankündigt, kommt im visionären Ge-
144
stus der nationalsozialistischen Bilanz von Harzburg und Braun-
schweig zum Ausdruck: »Wir brachen den roten Terror und
pflanzten das Banner des Hakenkreuzes auf. Die Straße ward frei
für den Marschtritt brauner Bataillone, und damit frei für die
Nation.«83
Ob der Braunschweiger »Blutsonntag« die NSDAP der Macht
näher gebracht hat, soll hier nicht erörtert werden. Einige Hin-
weise erscheinen jedoch in diesem Zusammenhang bedenkens-
wert: Der SA-Terror gegen das Braunschweiger Arbeiterviertel
entfacht einen Streit um die Gewährleistung von Sicherheit und
Ordnung durch die Staatsgewalt.
84
Umgekehrt versucht die
NSDAP als der Verursacher dieses Streits daraus Nutzen zu zie-
hen, indem sie sich als das geeignete Subjekt einer funktionieren-
den Staatsgewalt anbietet. Selbstbewußt erklärt Hitler nach dem
disziplinierten SA-Aufmarsch und nach den systematischen SA-
Angriffen auf die Altstadt noch am Sonntagabend in der Braun-
schweiger Stadthalle:
»Aber die Herren [die Regierung H.-G.J.!M.L.] mögen sich merken, daß
sie nicht mit mehr Recht Anwalt der öffentlichen Ruhe und Ordnung sind
als wir. Wenn sie Ruhe und Ordnung aus wirklicher Überzeugung wollen,
dann können sie doch eines tun, denen den Platz freimachen, die willens
und in der Lage sind, Ruhe und Ordnung zu schaffen. Die zwei Instru-
mente, mit denen die Regierung nur noch in der Lage ist, die Ruhe und
Ordnung aufrechtzuerhalten, Reichswehr und Schupo, ständen uns ge-
nauso zur Verfügung. Aber uns stände noch etwas mehr zur Verfügung,
was die anderen nicht haben, nämlich die Kraft unserer Bewegung. Die
Reichswehr würden wir ihrer eigentlichen Bestimmung zuführen können,
die Heimat nach außen zu schützen. Den Feind zwischen uns, den zwin-
gen wir selber zu Boden.«85
Die Reaktion zumindest des Reichswehr- und Reichsinnenmini-
sters Groener auf die Braunschweiger Ereignisse stellt die
NSDAP vollauf zufrieden. Groener erklärt, daß er »gegen die
Vernichtung unseres Staatswesens und unserer Kultur im Bol-
schewismus« notfalls »drakonische Ausnahmebestimmungen
vom Herrn Reichspräsidenten zu erbitten« gedenkt. Zugleich be-
trachtet er es als seine »vornehmste Aufgabe als Reichsminister«,
»alle Bemühungen und Versuche, die gemacht werden, um die
Jugend von der Straße wegzubringen, sie zur Zucht und Ordnung
zu erziehen, sie körperlich zu ertüchtigen und in ihrer geistigen
Haltung wehrhaft zu machen, soweit wie möglich zu unterstüt-
145
zen«.86 Dazu der Völkische Beobachter: »Die Ausführungen
Groeners über die Erziehung der Jugend zur Wehrhaftigkeit und
Disziplin sind bemerkenswert. Wir setzen dabei voraus, daß ihm
bekannt ist, daß die NSDAP sich dieses Ziel in ihrer SA zu einer
ihrer vornehmsten Aufgaben gemacht hat.«87
  Politische Ästhetik und körperliche.
Gewalt im faschistischen »Kampf um die Straße«
Laut einer Weisung Hitlers sollen die Parteitage (als Ersatz-Par-
teitag zählt hierzu auch das Braunschweiger SA-Treffen) »den
Charakter einer großen in Ruhe und Ordnung stattfindenden po-
litischen Kundgebung«88 haben, zugleich aber auch' den »eines
Ausdrucks jugendlicher vorwärtsstürmender Kraft«. 89 Diese Vor-
schrift spiegelt die doppelbödige Vorgehensweise der NSDAP im
Rahmen der bei Neugründung der Partei verkündeten sog. Lega-
litätstaktik wider: »Daß die Errichtung des Dritten Reiches auf
verfassungsmäßigem Wege erstrebt werde«90, d. h. durch parla-
mentarische Mehrheiten, schließt vom antiparlamentarischen In-
halt der nationalsozialistischen Zielsetzung her Gewaltanwen-
dung gerade ein. .
Die von der SA während des Aufstiegs der NSDAP zur Massen-
bewegung öffentlich praktizierte Gewalt hat Doppelcharakter:
- Demonstration des Willens zur Gewalt durch ästhetische Ok-
kupation' und
- Praktizierung dieses Willens im direkten physischen Terror ge-
gen die Arbeiterbewegung.
In der Zurschaustellung von Geschlossenheit und Stärke bei öf-
fentlichen Aufmärschen demonstrieren die »politischen Soldaten
im Braunhemd« körperhaft den »SA-Geist«: ihren »unbändigen
Willen« zur kompromißlosen Eroberung der Staatsrnacht. Die
Entschlossenheit der Nationalsozialisten wird durch die ästhe-
tische Geschlossenheit der Marschsäulen zum Ausdruck ge-
bracht. Den Beweis ihrer politischen Durchschlagskraft führt sie
im physischen Terror, der die Werbernärschebegleitet: Die in der
ästhetischen Okkupation der Paraden und Umzüge enthaltene
Gewalt wird praktisch unter Beweis gestellt und bedroht den po-
litischen Gegner nicht nur symbolisch. Erst die Verbindung bei-
146
der Gewaltformen macht die SA zum entscheidenden nationalso-
zialistischen Propagandainstrument für die legale Eroberung der
Staatsmacht. Die SA läßt sich deshalb weder auf randalierende
Schlägertrupps noch auf einen vaterländischen Traditionsverein
reduzieren. In der Synthese beider Gewaltformen präsentiert sie
sich öffentlichkeitswirksam als politisches Novum: Die zur Schau
gestellte und praktizierte Gewalt ihrer Parteiarmee ist für die
NSDAP das Mittel, um die freiwillige Zustimmung der Wähler
für die Abschaffung der Demokratie zu gewinnen. In der doppel-
ten Frontstellung gegen »bürgerliche Feigheit und marxistischen
Terror«91 macht die SA der Arbeiterbewegung das »Recht auf die
Straße« streitig, um die Anhänger der bürgerlichen Parteien für
die NSDAP zu gewinnen: »Die Straße ist aber nun einmal das
Charakteristikum der modernen Politik. Wer die Straße erobern
kann, der kann auch die Massen erobern; und wer die Massen
erobert, der erobert damit den Staat.«92
Bitler schätzt das »gesprochene Wort« als vorrangiges Propa-
gandamedium. Der Verbalradikalismus seiner Wahlkampfreden
wäre jedoch lächerlich ohne die faktische Gewalt, die die Sturm-
abteilungen im »Kampf um die Straße« ausüben. Erst die »Tat«
verleiht dem »Wort« den gehörigen Nachdruck. Erst der aus-
sichtsreiche Kampf gegen den »marxistischen Terror« treibt die
»bürgerliche Feigheit« aus und bringt der NSDAP massenhaft
Zulauf, Kreuze auf den Wahlzetteln und die Sympathien der kon-
servativen Machteliten. Gegen sich selbst rücksichtslos in der Dis-
ziplin und den Strapazen der Werbemärsche präsentieren die SA-
Männer ihre ästhetische Gewalt, rücksichtslos gegen den Gegner
demonstrieren sie ihre Brachialgewalt. Sie leben die Botschaft tät-
lich vor, die ihr »Führer« im Wahlkampf wörtlich verkündet:
"Wir sind intolerant! Ich habe mir ein Ziel gestellt: nämlich, die dreißig
Parteien aus Deutschland hinauszufegen! ( ... ) W-ir haben uns ein Ziel
gewählt und verfechten es fanatisch, rücksichtslos bis ins Grab hinein!
( ... ) Vor diesen dreißig Parteien gab es ein deutsches Volk, und die Par-
teien werden vergehen und nach ihnen wird bleiben wieder unser Volk.
Und wir wollen nicht sein eine Vertretung unseres Berufes, einer Klasse,
eines Standes, einer Konfession oder eines Landes, sondern wir wollen
den Deutschen soweit erziehen, daß vor allem alle begreifen müssen, daß
es kein Leben gibt ohne Recht und daß es kein Recht gibt ohne Macht und
keine Macht ohne Kraft und daß jede Kraft im eigenen Volk sitzen
muß.«93
147
Das Plädoyer für den zu diesem Volk gehörigen starken Staat
verlangt den Willen, Gewalt gegen sich selbst wie gegen andere
einzusetzen:
- Moralisch fordert die nationale Volksgemeinschaft den Ver-
zicht auf partikulare Interessen zugunsten des Allgemeinwohls -
Disziplin und Opfer fürs Vaterland demonstriert die SA ästhe-
tisch bei ihren Aufmärschen.
- Wer sich dieser Moral nicht beugen will, dem wird nach dem
Leben getrachtet - Mord und Totschlag sind die Begleiterschei-
nung des ästhetischen Auftretens von Hitlers »politischen Solda-
ten«. Denn die Durchsetzung der Volksgemeinschaft gelingt nur
über die Zerschlagung der Klassenbewegung der Arbeiter, gegen
die sie erzwungen werden muß.
Anmerkungen
* Die vorliegende Arbeit ist im Arbeitszusammenhang der For-
schungsgruppe »Faschistische Öffentlichkeit« an der Universität
Frankfurt/Main entstanden. Der Text ist von den Autoren gemein-
sam konzipiert und, diskutiert worden. Hans-Gerd Jaschke hat die
Einleitung und Teil I verfaßt, Martin Loiperdinger Teil II und III
sowie die Zusammenfassung.
I Derartige Fragestellungen werden vor allem in sogenannten »Regio-
nalanalysen« des deutschen Faschismus behandelt, vgl. zusammen-
fassend Wolfgang Horn, Regionale Entwicklung des Nationalsozia-
lismus. Ein Plädoyer für »mikroanalytische Studien« zur Erforschung
der NSDAP, in: Politische Vierteljahresschrift, Heft 2/r980, S. 152-
173·
2 - Vgl. die Beiträge Faschismus aus der Nähe betrachtet: lokalgeschicht-
licher Unterricht, in: Johannes Beck, Heiner Boehncke, (Hg.) Jahr-
buch für Lehrer 4, Reinbek 1979, S. 169-226; vgl. auch Benno Hafe-
negger, Gerhard Paul, Bernhard Schoßig (Hg.), Dem Faschismus das
Wasser abgraben. Zur Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalis-
mus, München 1981. .
3 Vgl. die Literaturhinweise von Jaschke/Hennig in diesem Band.
4 Vgl. zuletzt Institut für historisch-sozialwissenschaftliche Analysen
(IHSA), Arbeitspapiere Nr. I und 2, Frankfurt 1979, hg. von der
Redaktion betrifft: erziehung, Weinheim 1980; Eike Hennig, Faschi-
stische Ästhetik und faschistische Öffentlichkeit, in: B. Hinz u. a.
(Hg.), Die Dekoration der Gewalt. Kunst und Medien im Faschismus,
Gießen 1979,S. 9-15;   Jaschke, Soziale Basis und soziale
Funktion des Nationalsozialismus. Studien zur Bonapartismustheorie,
Opladen 1982.
5 Vgl. zum Folgenden Henning Eichberg u. a., Massenspiet, Arbeiter-
weihespiel und olympisches Zeremoniell, Stuttgart-Bad Cannstatt
1977, S. 103-142.
6 Eichberg (s. Anm. 5), S. 106.
7 Uwe Lohalm, Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutsch-
völkischen Schutz- und Trutzbundes 1919-1923, Hamburg 1970,
S. 128 und 134.
8 Vgl. die Tabelle bei Martin Schumacher, Zersplitterung und Polarisie-
rung. Kleine Parteien im Weimarer Mehrparteiensystem,'in: Aus Po-
litik und Zeitgeschichte B 3111977, S. 43; mitgerechnet sind: »Bayeri-
scher Bauernbund/Deutsche Bauernpartei«, »DeutschcHannover-
sche Partei«, »Wirtschaftspartei«, »Christlich-Nationale Bauern- und
Landvolkpartei«, »Volksrechtpartei«, »Christlich-sozialer Volks-
dienst«, »Konservative Volkspartei«, »Landbundlisten«. vgL auch
den Literaturbericht von Jürgen W.Falter, Wer verhalf der NSDAP
zum Sieg? Neue Forschungsergebnisse zum parteipolitischen und so-
zialen Hintergrund der NSDAP-Wähler 1924-1933, in: Aus Politik
und Zeitgeschichte 28129, 1979, S. 3-21.
9 Gerhard Stoltenberg, Politische Strömungen im schleswig-holsteini-
schen Landvolk, Düsseldorf 1962, S. IIl.
10 Gerhard Schulz, Aufstieg des Nationalsozialismus, FrankfurtiBer-
linlWien 1975, S. 468; vgl. zu den Bauernprotesten auch den Bericht
eines »alten Kämpfers« in: Johannes Beck (Hg.), Terror und Hoff-
nung in Deutschland 1933-1945, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 43-
50; ferner als literarisches Zeugnis Hans Falladas Roman Bauern,
Bomben und Bonzen, Reinbek bei Hamburg 1964; vgl. auch zusam-
menfassend das Kapitel »Landbewegung« in: Jean Pierre Faye, Tota-
litäre Sprachen. Kritik der narrativen Vernunft, Kritik der narrativen
Ökonomie Band 1, FrankfurtiBerlin 1977, S. 399-442.
I I Peter Wulf, Die politische Haltung des schleswig-holsteinischen
Handwerks 1928-1932, Köln/Opladen 1969, S. 122.
12 Dazu Karl-Dietrich Bracher, Die deutsche Diktatur, FrankfurtlBer-
linlWien 1979, S. 195.
13 Dazu Dietrich Orlow, The History of the Nazi Party, Newton Abbot
1971, S. 76 ff.
14 Organisatorisch zählen dazu die Gründung des »Nationalsozialisti-
schen Deutschen Wirtschaftsbundes« (1929), die »Wirtschaftspoliti-
sche Abteilung« (1930), die »Kampfgemeinschaft gegen Warenhaus
und Konsumverein der NSDAP" und vor allem die "Parteiamtliche
Kundgebung über die Stellung der NSDAP zum Landvolk und zur
149
Landwirtschaft« (abgedruckt in: Die Nazis auf dem Lande. Material
über die zwiespältige Tätigkeit der Nationalsozialisten auf dem
Lande; hg. vom Vorstand des Deutschen Landarbeiter-Verbandes,
Berlin 1932, S. 76-80); vgl. auch Horst R. Gies, Walther Darre und
die nationalsozialistische Bauernpolitik I930 bis I933, Frankfurt
1966.
15 Bericht des Geschäftsführers der DNVP, RoloH, an die Reichsleitung
der DNVP im Juli 1932, vgl. E. A. RoloH, Braunschweig und der
Staat von Weimar, Braunschweig 1964, S. 185.
16 Vgl. Landarbeiterverband (s. Anm. 14), S. 68.
I7 Vgl. Wilhelm Hoegner, Flucht vor Hitler. Erinnerungen an die Ka-
pitulation der ersten deutschen Republik I933, Frankfurt 1979,
S. 22 f.
18 Der Angriff, I. 10. 1928, zit. nach Albrecht Tyrell, Führer befiehl . .. ,
Düsseldorf 1969, S. 290; es handelt sich um einen Artikel anläßlich
. der Auflösung der Ortsgruppe Bremen durch den zuständigen Gau-
leiter, da »einige undisziplinierte Leute sich bemüßigt gefühlt (ha-
ben), ohne äußeren Anlaß jüdisch aussehende Leute auf der Straße zu
verprügeln«, ebenda, S. 256.
19 Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Referentendenk-
schrift aus dem preuß. Ministerium des Innern Mai I930 über den
Stand der nationalsozialistischen Bewegung, LA Schleswig 301/558,
S. 43 f.
20 Franz-Josef Heyen, Nationalsozialismus im Alltag, Boppard 1967,
S·34·
21 Hans-Peter Görgen, Düsseldorf und der Nationalsozialismus, Düs-
seldorf 1969, S. 21.
22 Rainer Hambrecht, Der Aufstieg der NSDAP in Mittel- und Ober-
franken (I925-I933), Nürnberg 1976, S. 201.
23 Ebenda, S. 251.
24 Zdenek Zofka, Die Ausbreitung des Nationalsozialismus auf dem
Lande. Eine regionale Fallstudie zur politischen Einstellung der
Landbevölkerung in der Zeit des Aufstiegs und der Machtergreifung
der NSDAP I928-I936, München 1979, S. 76.
25 Wolfgang Fritz Haug, Kritik der Warenästhetik, Frankfurt 1976,
S. 171.
26 Die NSDAP verbucht zwar 1929 bei keiner der Landtagswahlen in
Lippe, Sachsen und Mecklenburg-Schwerin mehr als 5% der Stim-
men, verbessert sich aber erheblich und erringt an den Universitäten
durchschnittlich 25% der Stimmen bei den Wahlen zu den Studen-
tenvertretungen.
27 Mitgliedermäßig überrundet die NSDAP 1929 beispielsweise die
KPD - im August hat sie etwa 130000 Mitglieder.
28 Albrecht Tyrell, Publikation zu: IV. Reichsparteitag der NSDAP,
15°
Nürnberg 1929. Filmedition G 140 des Instituts für den wissenschaft-
lichen Film, Göttingen 1978, S. 9; dieses wissenschaftliche Begleitheft
zur Edition des von der Reichsleitung der NSDAP hergestellten Par-
teitagsfilms ist die ausführlichste Abhandlung über den Parteitag von
1929; daneben sei verwiesen auf Rainer Hambrecht (s. Anm.22),
S. 1 7   ~ 1 7 6 ; zur Rekonstruktion und Bewertung der gewalttätigen
Vorfälle auf dem Parteitag wurden außerdem folgende Quellen her-
angezogen: der Lagebericht Nr.158/II/29 der Polizeidirektion
Nürnberg-Fürth (Bayerisches Hauptstaatsarchiv MA 101 23912), eine
von Adolf Hitler verfaßte Denkschrift zum geplanten »Reichspartei-
tag 1930« (Bundesarchiv Koblenz NS 26/392), die Berichterstattung
des sozialdemokratischen Vorwärts über den Parteitag (darin aus-
führliche Wiedergabe von amtlichen Polizeiberichten, 'auch des zu-
sammenfassenden Presseberichts der Polizei, Staatsarchiv München,
Pol. Dir. München 6728) sowie die Schilderungen in Goebbels' Ber-
liner Wochenzeitung Der Angriff.
Di:e Parteitage der »Kampfzeit« (1926 in Weimar, 1927 und 1929 in
Nürnberg) werden von den Teilnehmern als »Kraftbad« erlebt, das
ihnen für die weitere Parteiarbeit in der Diaspora den nötigen Idea-
lismus vermittelt. Vgl. hierzu die retrospektiven Erlebnisschilderun-
gen sog. Alter Kämpfer der SA aus Hessen-Nassau, vorgestellt und
analysiert in: Christoph Schmidt, Analyse lebensgeschichtlicher Be-
richte früher NSDAP-Mitglieder über die ,Kampfzeit< - Pretest (so-
ziologische Diplomarbeit), Frankfurt 1979, S. 119-130; jetzt vom
Autor zusammengefaßt: Zu den Motiven »alter Kämpfer« in der
NSDAP, in: Detlev Peukert, Jürgen Reulecke (Hg.), Die Reihen fast
geschlossen. Beiträge zur Geschichte des Alltags unterm Nationalso-
zialismus, Wuppertal 1981, S. 21-44.
29 Vgl. das im Lagebericht der Polizeidirektion Nürnberg-Fürth (s.
Anm. 28) zitierte Flugblatt. .
30 Feststellung des Nürnberger Stadtrats (vgl. Hambrecht, s. Anm. 22,
S. 173); die NSDAP-freundliche Polizeidirektion Nürnberg-Fürth
(vgl. Utho Grieser, Himmlers Mann in Nürnberg. Der Fall, Benno
Martin, Schriftenreihen des Stadtarchivs Nürnberg Bd. 13, Nürnberg
1974, S. 1-6) verteilt die Schuld an den Gewalttaten gleichmäßig auf
Nationalsozialisten und Kommunisten (vgl. Vorwärts, 17.8. 1929:
»Die Hitlerschlacht von Nürnberg. Ein amtlicher Kriegsbericht«).
3 I Vgl. das gleichnamige Kapitel in: Christoph Schmidt (s. Anm. 28),
, S. 112-118; vgl. auch Hitlers Interpretation: »Hitler fordert Diszi-
plin«, in: Der Angriff, 12.8. 1929, Beilage »Der unbekannte SA-
Mann«.
32 Von der Zahl der Teilnehmer und dem Eindruck der Veranstaltungen
her konnte sich der ATSB durchaus mit der NSDAP messen: 10000
Personen führen das Festspiel »Mach' dich frei« auf mit Bewegungs-
und Sprechchören, musikalischer Untermalung sowie Licht- und
Farbeffekten. Wie die NSDAP veranstalten auch die Arbeiter-Turner
einen »Festzug« durch Nürnberg und halten dann im Stadion eine
Abschlußkundgebung mit 70000 Teilnehmern ab (vgl. Wei11Jarer
Republik, hg. vom Kunstamt Kreuzberg und dem Institut für Thea-
terwissenschaften der Universität Köln, Berlin 1977, S. 6zz). Der so-
zialdemokratische »Arbeiter-Radfahrerbund« ist Init über zzo 000
Mitgliedern zweitstärkster Verband der »Zentralkommission für Ar-
beitersport- und -körp'erpflege« (vgl. OsterrothJSchuster, Chronik
der deutschen Sozialdemokratie Bd. 3, BerlinIBonn-Bad Godesberg
1975, S. 191).
33 »Der Marsch der 9°,000 in Nürnberg«, abgedruckt in: Im Kampf um
das Reich (= Kampfschriften der Obersten SA-Führung, Bd. 9), Mün-
chen 1938, S. 8z H.
34 Lagebericht der Polizeidirektion Nürnberg-Fürth (s. Anm. z8), S. I;
die Zahlenangaben in NS-Quellen sind weit übertrieben.
35 Ein wegen fahrlässiger Tötung angeklagtes Mitglied des Reichsban-
ners Schwarz-Rot-Gold wurde freigesprochen (vgl. Akte im Staats-
archiv München, Pol. Dir. München 67Z7).
36 Max Hölz war maßgeblich an der sog. Märzaktion der KPD 19Z1 in
Mitteldeutschland beteiligt, wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe
verurteilt und 19Z9 aufgrund einer Amnestie entlassen (vgl. Max
Hölz, Vom Weißen Kreuz zur Roten Fahne, Frankfurt 1969, zuerst
Berlin 19Z9).
37 »Der Marsch der 90 000 in Nürnberg« (s. Anm. 33).
38 Zit. nach »Hitler fordert Disziplin« (s. Anm. 31).
39 Hitler in seiner Grabrede für den auf dem Parteitag ums Leben ge-
kommenen Pg. Johst, abgedruckt in: Der Angriff, 19. 8. 1929.
40 Die Verkehrung von Angriff in Verteidigung ist eine wichtige Funk-
tion der Historisierung der nationalsozialistischen »Mission«. So
wurde z. B. der Beginn des Parteitags bewußt auf den I. August ge-
legt, um die Traditionslinie zur »nationalen Erhebung« der August-
tage 1914 hervorzuheben und die ,.Braune Armee« der SA als Erben
und würdigen Nachfolger der »Grauen Armee des Großen Krieges«
zu feiern.
41 Vgl. die Überschriften im Vorwärts, 6. 8. 1929: »Parade des politi-
schen Verbrechens«, »Vom Parteitag der KriIninellen in Nürnberg« -
und in der Roten Fahne vom gleichen Tag: »Faschistische Mörder-
banden wüten«.
42 »Kampfbericht« eines sog. Alten Kämpfers aus dem Gau Hessen-
Nassau, zit. nach Christoph Schmidt (s. Anm. 28), S. 123.
43 Fränkisches Volksblatt, 6.8.1929, zit. nach Rairier Hambrecht (s.
Anm. 22), S. 173.
44 SA-Befehl (SABE) vom 20. 8. 1929, zit. nach Rainer Hambrecht (s.
Anm. 22), S. 483.
45 Lagebericht der Polizeidirektion Nürnberg-Fürth (s. Anm; 28),
S. 15; vgl. auch »Hitler fordert Disziplin« (s. Anm. 31), wo selbstre-
dend von der Uneinigkeit zwischen Hitler und der SA-Führung nicht
die Rede ist. .
46 Vorwärts, 5.8.1929, Abendausgabe.
47 Rainer Hambrecht (s. Anm.22), S. 174. Sanktionen von staatlicher
Seite gegen die NSDAP erfolgen in Nürnberg nicht: "Kein Hitleran-
hänger wurde festgenommen.« (ebenda)
48 Lagebericht der Polizeidirektion Nürnberg-Fürth (S. Anm.28),
S. I.
49 Ebenda, S. 3 f.
50 Ebenda, S. 2.
51 SABE vom 20. 8. 1929, zitiert nach Rainer Hambrecht (s. Anm. 22),
S.175·
52 »Hitler fordert Disziplin« (s. Anm. 31).
53 Adolf Hitler, Denkschrift »Parteitag I930«, Bundesarchiv NS
26/392.
54 Adolf Hitler (s. Anm. 53).
55 Reichstage des deutschen Volkes, (= Kampfschriften der Obersten
SA-Führung Bd. I2), München 1938, S. 37.
56 Lagebericht der Polizeidirektion Nürnberg-Fürth (s. Anm.28),
S.16.
57 Osaf von Pfeffer an die Gauleiter, I. 10. 1926, zit. nach Albrecht
Tyrell, Führer befi.ehl ... (s. Anm. 18), S. 233.
58 SA-Befehl3 vom 3. 1 I. 1926: "SA und Öffentlichkeit (Propaganda)«,
zit. nach Albrecht Tyrell (s. Anm. 18), S. 235.
·59 Ebenda.
60 Der Angriff, I. 10. 1928, zit. nach Albrecht Tyrell (s. Anm. 18),
S.290.
61 Vgl. Dietrich Orlow (s. Anm. 13), S. 133 f.
62 Vgl. das Programm »Das mitteldeutsche SA-Treffen zn Braun-
schweige, in: Völkischer Beobachter, 17. 10. 1931.
63 Völkischer Beobachter, 20. 10. 193 I.
64 Vorwärts, 23. 10. 1931, Abendausgabe.
65 Angaben nach dem Bericht des Bundesvorstands des "Reichsbanners
Schwarz-Rot-Gold«, abgedruckt im Vorwärts, 20. 10. 1931, Abend-
ausgabe.
66 Vossische Zeitung, zit. nach Rote Fahne, 21. 10. 1931.
67 Bericht der Nationalliberalen Correspondenz (Pressedienst der
"Deutschen Volkspartei«), abgedruckt im Vorwärts, 21. 10. 1931,
Abendausgabe, und in der Roten Fahne, 22. 10.1931.
68 Sächsische Zeitung (Organ der Zentrumspartei in Mitteldeutschland),
zit. nach Vorwärts, 22. 10. 1931, Abendausgabe.
.153
69 Die Zahlenangaben über die in Braunschweig zusammengezogenen
SA-Aitgehörigen schwanken zwischen 30000 (Vorwärts,
20.10.1931) und 104000 (Der Angriff, 21. 10. 1931) in jedem Fall
war die numerische Überlegenheit gegenüber Polizei und männlicher
Bevölkerung der Altstadt gewährleistet.
70 Sächsische Zeitung (s. Anm. 68).
71 Völkischer Beobachter, 20. 10. 1931.
72 Diese im Vorwärts VOlll 19. 10. 1931 abgedruckte Äußerung demen-
tiert Klagges, indem er »zurückgedrängt« durch »zurückgehalten«
ersetzt (vgl. Vorwärts, 22. 10. 1931).
73 Völkischer Beobachter, 21. 10. 1931.
74 In der bewährten Manier der bereits am Beispiel Nürnberg 1929 be-
sprochenen Verkehrung von Angriff in Verteidigung ereifert sich
z. B. der Völkische Beobachter am 22. 10. 1931: »Wenn aber das vie-
hische rote Banditentum, das zu Revolver und Messer griff, unsere
SA-Männer niederschlug, dann in gerechter und sittlich erlaubter
Notwehr von zu Hilfe kommenden SA"Männern in ihre (sic!) Löcher
und Schlupfwinkel zurückgetrieben wurde, so kann nur das Ge-
schmeiß der marxistischen und hebräischen Pressepiratendas sattsam
bekannte >Haltet den Dieb< in die Welt hinausschreien.«
75 Der Angriff, 21. 10. 1931.
76 Der Angriff, 21. 10. 1931.
77 Völkischer Beobachter, 21. 10. 1931.
78 Völkischer Beobachter, 21. 10. 1931, Klammerzusatz im Original.
79 Völkischer Beobachter, 17· 10. 1931·
80 V gl. hierzu auch die Bemerkungen zur nationalsozialistischen Verfil-
mung des Horst Wessel-Mytho&: Martin Loiperdinger, »Hans West-
mar«: Faschistische und kommunistische Öffentlichkeit kämpfen um
den Besitz der Straße, in: Eike Hennig (Hg.), Kino-Faschismus, Berlin
1982.
81 Zustimmend zitiert der Völkische Beobachter vom 22. 10. 1931 die
Londoner Times: »Die Hitlerbewegung ... repräsentiert unzweifel-
haft das mächtigste Element der öffentlichen Meinung, das der
Reichskanzler in Rechnung zu stellen hat.«
82 Völkischer Beobachter, 18.iI9. 10. 1931.
83 Völkischer Beobachter, 22. 10. 1931, Beilage »Der SA-Mann«.
84 So sieht z. B. die SPD im Braunschweigischen NSDAP-Innenmini-
ster Klagges »eine dauernde Gefährdung der öffentlichen Sicherheit
und Ordnung« (Vorwärts, 22. 10. 1931); Klagges wiederum verbietet
das Braunschweiger SPD-Blatt Volksfreund, weil dessen Meldungen
»den tatsächlichen Ereignissen in keiner Weise gerecht werden« (zit.
nach Vorwärts, 22.10. 1931); Klagges' Darstellung wird durch das
überparteiliche Urteil des Reichswehrobersten Geyer bestätigt, auf
das sich wiederum die programmatischen Ausführungen des Reichs-
wehr- und Innenministers Groener (siehe unten) stützen.
85 Zit. nach Völkischer Beobachter, 20. 10. 1931.
86 Zit. nach Völkischer Beobachter, 21. 10. 1931.
87 Ebenda.
88 Adolf Hitler (s. Anm. 53).
89 Adolf Hitler, Richtlinien zum Reichsparteitag I926, unverändert aus-
gegeben auch zu den Parteitagen 1927 und 1929, zit. nach Albrecht
Tyrell (s. Anm. 18), S. 153.
90 Zusammenfassung von Hitlers »Legalitätseid« beim DImer Reichs-
wehrprozeß am 25.9.1930 durch den Gerichtsvorsitzenden, zit.
nach Albrecht Tyrell (s. Anm. 18), S. 300.
91 Ein sog. Alter Kämpfer aus Hessen, zit. nach Eike Hennig, Bürger-
liche Gesellschaft und Faschismus in Deutschland. Ein Forschungsbe-
richt, Frankfurt 1977, S. 291.
92 Joseph Goebbels, Kampf um Berlin. I. Der Anfang (I926-I927),
München 1932, S. 86.
93 Adolf Hitler, zit. nach Fritz Terveen, Begleitveröffentlichung zur
Filmedition G 29 des Instituts für den Wissenschaftlichen Film: »Aus
einer Wahlrede Hitlers in Eberswalde. 27.Juli I932«, Göttingen
1971, S. 15.
Hans-Gerd J aschke/Eike Hennig
Die neue Diskussion über den
Rechtsextremismus. Ausgewählte und
kommentierte Literaturhinweise
Mit der »neuen« Diskussion über den Rechtsextremismus in der
Bundesrepublik ist nicht nur der zeitliche Aspekt gemeint, son-
dern vor allem die Verschiebung von Aufmerksamkeitsrichtun-
gen: Die ältere Diskussion beschäftigte sich überwiegend mit Ein-
stellungsforschungen, die um autoritäre Charakterstrukturen
zentriert waren, mit den Dimensionen autoritärer und rechtsge-
richteter Staatlichkeit sowie mit dem frühen, parteigebundenen
Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik (»Sozialistische
Reichspartei«, SRP) und dann vor allem mit Aufstieg und Nieder-
gang der NPD. Darüber und über sozialwissenschaftliche Erklä-
rungsansätze unterrichtet am besten:
Erwin K. Scheuch, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik, in:
Richard Löwenthal/Hans-Peter Schwarz (Hg.), Die zweite Republik,
Stuttgart 1974, S. 433-469.
Die Ende der siebziger Jahre einsetzende Diskussion trägt dage-
gen aktuellen Entwicklungen Rechnung: Jugendlichkeit, Mili-
tanz, Terrorismus und programmatische Veränderungen ließen
und lassen einen neuen Typ rechts extremer Aktivität sichtbar
werden, .die zugleich von einer neuen Generation getragen wird.
Den eigentlichen Anstoß zu einer verstärkten Auseinanderset-
zung mit dem aktuellen Rechtsextremismus gab ein 1979 erschie-
nener Sammelband, der Vorträge und Materialien einer Tagung
des Bundesjugendrings 1978 versammelt:
Gerhard Paul/Bernhard Schoßig (Hg.), Jugend und Neofaschismus. Pro-
vokation oder Identifikation?, Frankfurt, 2. Aufl., 1980.
Dieser nach wie vor sehr lesenswerte Band enthält u. a. das Lage-
bild eines Verfassungsschützers über rechts extreme Tendenzen in
der Bundesrepublik, Ergebnisse journalistischer Recherchen, po-
litikwissenschaftliche und sozialpsychologische Interpretationen
und Hinweise auf politische Gegenstrategien aus der Sicht der
15
6
außerschulischen Jugendbildung (zum letzteren siehe auch un-
ten). Die für die Diskussion insgesamt stimulierende Wirkung
gerade dieses Bandes rührt nicht zuletzt von der dokumentierten
Vielfalt gesellschaftlicher Teilbereiche her, die vom Problem des
Rechtsextremismus betroffen sind. Diese Vielfalt spiegelt sich
auch in folgendem Sammelband:
Referat »Öffentlichkeitsarbeit gegen Terrorismus« im Bundesministerium
des Innern (Hg.), Gewalt von rechts. Beiträge aus Wissenschaft und Pu-
blizistik, Bonn 1982.
Neben (einigen wenigen) historisch-sozialwissenschaftlichen
Analysen steht derzeit eine Fülle pädagogischer Ansätze und eine
ebensolche Fülle wissenschaftsjournalistischer Arbeiten. Hier zu
nennen sind vor allem die sehr informativen Gespräche von
Karl-Klaus Rabe (Hg.), Rechtsextreme Jugendliche. Gespräche mit Ver-
führern und Verführten, Bornheim-Merten 1980,
dessen Pionierleistung in der Dokumentation des »subjektiven
Faktors« der neuen Rechtsextremismus-Diskussion besteht. Rabe
interviewte 25 rechtsextreme Jugendliche und konnte zeigen, daß
die geläufige Vorstellung vom brutalen, dogmatisch-entschlosse-
nen, kaum ernstzunehmenden Faschisten heute nicht den Tatsa-
chen entspricht: Diese Jugendlichen bearbeiten auf ihre Weise die
gleichen Probleme wie ihre Altersgenossen, es handelt sich in den
wenigsten Fällen um überzeugte, demokratisch nicht mehr an-
sprechbare, fanatische Rechtsextremisten.
Einen Schritt weiter gehen zwei soziologische Analysen, die das
Gewaltproblem in rechtsextremen Biographien untersuchen:
Eike Hennig, Neonazistische Militanz und Rechtsextremismus unter Ju-
gendlichen. Schriftenreihe des Bundesministeriums des Innern 15, Stutt-
gart-Berlin-Köln-Mainz 1982 (gekürzt in: Aus Politik und Zeitgeschichte.
Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament« B 23/82 S, 23-37);
Friedhelm Neidhardt, Erscheinungsformen und Handlungspotentiale
des Terrorismus. Empirische Ansätze zu einem Vergleich linker und rech-
ter terroristischer Gruppierungen. Berichte aus dem Forschungsinstitut für
Soziologie der Universität zu Köln, Oktober 19&1 (hektographiert, teil-
weise wiederabgedruckt in: Gewalt von rechts, s. oben).
Während Hennig mit den Mitteln soziologischer Lebenslauf-
Analysen die politischen Biographien von 22 rechtsextremen Ju-
gendlichen rekonstruiert und interpretiert, weist N eidhardt auf
157
die Gesellschaftlichkeit des linken und rechten Terrorismus hin:
»Der Erfolg des Terrorismus hängt ab von den politischen Wir-
kungen, die er veranlaßt, und diese Wirkungen werden primär
bestimmt durch die gesellschaftlichen Institutionen, gegen die er
sich wendet. Dabei kann es sehr wohl sein, daß die Schwäche des
Rechtsterrorismus überkompensiert wird durch Ausmaß und Art
der Reaktionen, die ihn beantworten« (S. 79).
Betrachtet man das Problem aus dieser gesamtgesellschaftlichen
Sicht, so liegt es nahe, es als eines der politischen Kultur der Bun-
desrepublik zu definieren. Ansätze dazu finden sich in:
Peter Dudek, Hans-Gerd Jaschke, Revolte von rechts. Anatomie einer
neuenjugendpresse, Frankfurt/New York I98I;
dies., jugend rechtsaußen. Analysen, Essays, Kritik, Bensheim I982;
Hans-Gerd Jaschke, Gewalt von rechts vor und nach Hitler, in: Aus Po-
litik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament«, B
23/r982, S. 3-2I;
Peter Dudek, Aufarbeitung der Vergangenheit als Erziehungsprogramm.
Über die Schwierigkeit, antifaschistische jugendarbeit zu begründen, in:
Neue Praxis 4/r982.
In diesen Arbeiten geht es um den historisch-soziologischen
Nachweis, daß Rechtsextremismus seit 1945 immer das Zusam-
menwirken verschiedener gesellschaftlicher Teilbereiche bedeutet
hat (Aktivisten rechts außen, politisches/kulturelles System, Be-
völkerung) und von daher als historisch gewordenes gesellschaft-
liches Interaktionssystem zu begreifen ist, das »von außen« kaum
als solches aufgebrochen werden kann.
Den soziologischen Hintergrund des Rechtsextremismus-
Problems zeigen neuere Einstellungsuntersuchungen, die in der
Tradition der Vorurteils-Forschung stehen, wie sie vom Frank-
furter Institut für Sozialforschung entwickelt worden sind. Sie
belegen einen nach wie vor hohen Prozentsatz autoritär Dispo-
nierter und leuchten damit das gesellschaftliche potentielle Reso-
nanzfeld des Rechtsextremismus aus:
Klaus Sochatzy, Neofaschismus im Schülerurteil, Frankfurt I98I;
Alphons Silbermann, Sind wir Antisemiten? Ausmaß und Wirkung eines
sozialen Vorurteils in der Bundesrepublik Deutschland, Köln I982;
SINUS, 5 Millionen Deutsche: »Wir sollten wieder einen Führer ha-
ben . .. «. Die SINUS-Studie über rechtsextremistische Einstellungen bei
den Deutschen, Reinbek bei Hamburg I981.
Allerdings bleibt die Zuordnung des Begriffs Rechtsextremismus
in der SINUS-Studie zu einzelnen Aussagen der zugrundegeleg-
ten Skalen unklar, so daß die normative Setzung eines geschlosse-
nen rechtsextremen Weltbildes zur Etikettierung ambivalenter
Aussagen führt. Die Prozentwerte der SINUS-Studie müssen also
kritisiert werden, da sich ihre Klarheit aus ungeklärten Zuordnun-
gen ergibt.
Einen Überblick über die Geschichte rechtsextremistischer Or-
ganisationen seit 1945 vermitteln
Richard Stöss, Väter und Enkel: Alter und neuer Nationalismus in der
Bundesrepublik, in: Ästhetik und Kommunikation, Heft p1r978, S. 35-
m
Lutz Niethammer, Nach dem Dritten Reich ein neuer Faschismus? Zum
Wandel der rechtsextremen Szene in der Geschichte der Bundesrepublik,
in: Paul Lersch (Hg.), Die verkannte Gefahr, Hamburg 1981, S. 105-
12
7.
Über das volkstümliche NS-Bild bzw. die »NS-Legende« in der
Bundesrepublik berichtet das Stichwort
»Nationalsozialismus«, in: Martin Greiffenhagen u. a. (Hg.), Handwör-
terbuch zur politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Opladen
1981, S. 257-260.
Im Spätsommer/Herbst erscheinen jährlich (jeweils für das zu-
rückliegende Jahr) die Verfassungsschutzberichte der Länder und
des Bundes. Trotz verschiedener Mängel sind sie eine wesentliche
Quelle für die Einsicht in die Entwicklung des Rechtsextremis-
mus. Auf der Grundlage dieser Berichte ist eine empirische Be-
standsaufnahme erstellt worden:
Franz Greß/Hans-Gerd Jaschke, Rechtsextremismus in der Bundesrepu-
blik nach I960. Dokumentation und Analyse von Verfassungsschutzbe-
richten, München 1982 (= PDI Sonderheft 18; zum PDI siehe unten).
Die Autoren setzen sich auch mit Zielsetzung und kategorialen
Mängeln der Verfassungsschutzberichte auseinander und ermög-
lichen so eine kritische Auswertung dieser Quelle.
Die Frage antifaschistischer Strategien wird heute nicht mehr im
emphatischen Pathos der Studentenbewegung diskutiert, sondern
eher auf die Pragmatik des »vor Ort Machbaren«, d. h.in der
schulischen und außerschulischen Jugendbildung, bezogen. Le-
senswert sind hier vor allem:
159
Peter Dudek (Hg.), Hakenkreuz undjudenwitz. Antifaschistische jugend-
arbeit in der Schule, Bensheim 1980;
GEW Berlin (Hg.), Wider das Vergessen. Antifaschistische Erziehung in
der Schule. Erfahrungen und Projekte, Frankfurt 1981;
Benno Hafeneger/Gerhard Paul/Bernhard Schoßig (Hg.), Dem Faschis-
mus das Wasser abgraben. Zur Auseinandersetzung mit dem Rechtsradi-
kalismus, München 1981.
In diesen Arbeiten zeichnet sich der Trend ab, Antifaschismus aus
der Betroffenheit und Erfahrbarkeit von Geschichte zu entwik-
keln, aus historischem Lernen also. Konkrete und übersehbare
Projekte stehen dabei im Vordergrund - antifaschistische Stadt-
rundfahrten, Lokalgeschichte, Augenzeugenbefragung usw.
Wer sich über die bisher genannten Arbeiten hinaus informieren
und einen weiteren Einblick in die wissenschaftliche Diskussion
zum Rechtsextremismus gewinnen will, sei aUf zwei ausführliche
Literaturberichte verwiesen, in denen diese Diskussion kritisch
zusammengefaßt ist:
Uwe Backes, Der neue Rechtsextremismus in der Bundesrepublik
Deutschland, in: Neue Politische Literatur 2h982, S. 147-201;
Peter Dudek, Hitlers Urenkel? Ein Literaturbericht zur aktuellen Diskus-
sion um jugendlichen Rechtsextremismus, in: Peter Dudek/Hans-Gerd
Jaschke, jugend rechts außen. Analysen, Essays, Kritik, Bensheim 1982,
S. 11-42.
Abschließend sei noch auf den Fachverlag »Pressedienst Demo-
kratische Initiative (PD I)«, Münzstraße 3, 8000 München 2, ver-
wiesen, dessen überwiegend journalistische Recherchen und Pu-
blikationen sich insbesondere an ein gewerkschaftliches Publikum
richten, aber auch für Lehrer, Sozialarbeiter, Journalisten und
Wissenschaftler erste wichtige Informationen und Einschätzun-
gen über aktuelle Entwicklungen des Rechtsextremismus bie-
ten.
Reiner Steinweg/Wolfgang Heidefuß/
Peter Petsch
Alltag, Gewalt, Sinnlichkeit
Theaterspielen als Instrument der
außerschulischen Friedenserziehung
Gewaltträchtige gesellschaftliche Verhältnisse können angesichts
der Komplexität moderner Gesellschaften mit Aussicht auf dau-
erhaften Erfolg nur gewaltfrei, ohne physische oder psychische
Verletzung oder Bedrohung von Personen verändert werden -
wenn nicht das Ergebnis der Veränderung nur in neuen Formen
von Gewaltverhältnissen bestehen soll. Es ergibt sich ein Zirkel:
Gewaltverhältnisse bestimmen die subjektiven Strukturen
1
, lassen
Menschen im politischen Kampf zur Gewalt greifen; aber nur
wenn sie Gewalt vermeiden, können solche Verhältnisse langfri-
stig wirksam verändert werden. Durch gleichzeitige, wenn auch
oft »arbeitsteilige« Anstrengung auf zwei Ebenen kann dieser Zir-
kel allmählich aufgelöst werden: durch Veränderung der politi-
schen Rahmenbedingungen und durch pädagogische Impulse, die'
die Ausbildung der Fähigkeit zu gewaltfreiem politischem Han-
deln begünstigen. Dabei ist das Ziel nicht der aggressionsfreie
Mensch, den keine spontane Neigung zu gewaltsamen Reaktio-
nen mehr anficht. Vielmehr geht es darum, mit solchen Reaktio-
nen gedanklich und gefühlsmäßig umgehen zu können; es geht
um den Erwerb der Erfahrung und der inneren Festigkeit, die
nötig sind, um den auf langfristigen Erfolg gerichteten Überle-
gungen gegen verständliche, momentane Aggressionen Geltung
verschaffen zu können.
Nun geht die stärkste Motivation für Jugendliche, auch unter
widrigen gesellschaftlichen und politischen Umständen gewalt-
lose Handlungsstrategien zu entwickeln, sicher heute immer noch
von Lehrern aus, die das Prinzip der Gewaltlosigkeit kontinuier-
lich . über Jahre vertreten und zugleich in ihrem Verhalten selbst
glaubwürdig machen.
2
Aber diese »Fälle« sind selten; es bedarf
gezielter, organisierter Anregung zur Auseinandersetzung mit der
Gewalt außerhalb oder am Rande der Institution Schule.
161
Eine Möglichkeit, die wir in den letzten Jahren mit Jugendlichen
im Alter zwischen 14 und 20 Jahren erprobt haben, bietet das
Theaterspielen als Form der außerschulischen politischen Bil-
dung.
3
Wenn es um die Entwicklung der Fähigkeit zu gewalt-
freiem Handeln gehen soll, um die Entwicklung eines subjektiven
Vermögens, kann sich politische Bildung nicht auf die Vermitt-
lung kognitiven Wissens über Gewalt und ihre gesellschaftlichen
Hintergründe beschränken. Mit Reden allein ist ein solches Ziel
heute weniger zu erreichen denn je.
4
Szenisches Spielen bewirkt
demgegenüber Vergegenständlichung und Intensivierung: Das,
worüber gesprochen wird, bleibt nicht abstrakte Rede, sondern
wird im wörtlichen Sinne sichtbar. Die bloße Vorstellung von
etwas, das Mögliche, Vage, wird vorübergehend wirklich - jeden-
falls in dem Sinne, daß man sich ihm mit seiner ganzen Person,
handelnd, stellen muß. Dabei geschieht erheblich mehr und ande-
res als eine bloße   des Gedankens: Man erlebt, man
fühlt sich und andere - und zwar im Widerspruch zwischen Han-
deln und Denken; der Körper erweist sich nicht als das gefügige
Ausdrucksinstrument, das man von der Bühne und vom Film
gewöhnt ist, sondern spricht seine eigene Sprache. Oder anders
gesagt: In unseren körperlichen Handlungsformen, den Gesten,
Haltungen und Tonfällen, ist vieles aufbewahrt, was unserem be-
wußten Denken und Fühlen längst entglitten ist; im spielerischen
Probehandeln eignen wir es uns wieder an und prüfen so die
Wahrheit unserer Gedanken, unterscheiden leichter Wunsch,
Interesse, Wirklichkeit. Was im steten Fluß des alltäglichen Ge-
schehens in der Regel kaum möglich ist bzw. aus naheliegenden
pragmatischen Gründen beiseite geschoben wird, das kann im
vorübergehenden Freiraum des Theaterkurses zum Gegenstand
werden. Zugleich bringt das szenische Handeln Einfälle und
Phantasien hervor, auf die man beim Reden oder Nachdenken
kaum gekommen wäre, und eröffnet so neue Horizonte.
Szenisches Spielen als pädagogische Methode ist allerdings alles
andere als neu;5 Insbesondere Rollenspiele erfreuen sich in allen
möglichen pädagogischen Zusammenhängen seit Jahren zuneh-
mender Beliebtheit. Auch wir verwenden sie gelegentlich, haben
aber die Erfahrung gemacht, daß sie eine solche Erweiterung der
Phantasie und des Horizonts nur begrenzt leisten und eher zur
Reproduktion des schon Bekannten tendieren, jedenfalls, was die
gesellschaftliche Dimension des Handeins betrifft. Wir arbeiten
deshalb mit kurzen Texten, spezifischen Spielvorlagen, die aber
wiederum nur Ausgangs- und Orientierungspunkt für vielfältige
Aktivitäten sind: Spielen und Denken, Handeln und Reflektieren
des Handelns.
Wir können das hochgradig komplexe Geschehen bei solchen
Theaterkursen an dieser Stelle nur punktuell, in Konzentratiori
auf den Gewaltaspekt, darstellen. Der Aufsatz liefert daher keine
"Anleitung« für Pädagogen, wie ein solcher Kurs anzulegen wäre,
beschreibt keine Vorgehensweise. Das geschieht an anderer
Stelle.
6
Wenn wir im folgenden zunächst das von uns gewählte
theaterpädagogische »Setting« skizzieren, so nur, um wenigstens
eine umrißhafte Vorstellung davon zu vermitteln, in welcher Si-
tuation die diskutierten Beispiele entstanden sind und wie wir auf
die im weiteren aufgeworfenen Fragen pädagogisch reagieren.
Um die Auswahl der Beispiele und ihre Bedeutung verstehen zu
können, müssen wir uns darüber hinaus den theoretischen Rah-
men vergegenwärtigen, in den sie eingelassen sind. Die Phantasie
und die Reflexionen, die der körperhafte Umgang mit Texten
erzeugt, wären nur von geringem Wert, wenn sie nicht an die
alltägliche Lebenswirklichkeit und an das alltägliche Bewußtsein
anknüpfen würden. Der alltägliche Umgang mit Gewalt und Ge-
waltakzeptanz kann nur verändert werden, wenn das Alltagsbe-
wußtsein, in das er eingebettet ist, verändert wird. Da die Mecha-
nismen dieses Alltagsbewußtseins in den vergangenen Jahren
mehrfach untersucht worden sind, stellen wir daher zunächst in
komprimierter Form das vorläufige Ergebnis dieser Untersu-
chungen dar (S. 171-177); vorläufig, weil diese Debatte u. E.
noch nicht beendet ist. Im weiteren Verlauf unseres Aufsatzes
schlagen wir denn auch - neben Beispielen, die der Theorie des
Alltagsbewußtsein entsprechen (»Gegen die Routine«, S. 177-
179; »Problembearbeitung und Thematisierung«, S. 186 ff.; 197)-
einige Modifikationen dieser Theorie vor, die aus der Perspektive
der Pädagogik geboten erscheinen. Diese Modifikationen, oder
auch Ergänzungen, betreffen zum einen die theoretische Naht-
stelle zwischen relativerfahrungsblindem »Alltagsbewußtsein«
und realitätsoffenem, differenzierungsfähigem Bewußtsein, die
Möglichkeit des Übergangs vom einen zum anderen (,,vorbe-
wußte Experimente«, S. 180-186). Sie betreffen zum anderen die
Dimension der Körperlichkeit und des sinnlich-konkreten, emo-
tional dichten Erlebens (S. 191-194); die Berücksichtigung dieser
Dimension scheint uns für die Öffnung von Alltagsbewußtsein
ebenso unerläßlich zu sein wie für eine Eindämmung des aus-
ufernden Gewaltpotentials, das die modernen Industriegesell-
schaften zu überfluten droht. Am Schluß des Aufsatzes folgen
dann Beispiele dafür, wie im Rahmen einer Theaterpädagogik, die
diesen Einsichten und Forderungen Rechnung zu tragen versucht,
für Gewalt sensibilisiert und das Vermögen für Alternativen dazu
entwickelt werden kann.
Eine einschränkende Vorbemerkung ist noch angebracht: Wir
haben in unseren Kursen bisher nicht mit Gruppen gearbeitet,
von denen in den übrigen Beiträgen des vorliegenden Bandes vor-
wiegend die Rede ist, Gruppen, die schon mehr oder weniger
bewußt Gewaltstrategien vertreten (also z. B. Rechtsextremisten
oder sogenannte Autonome, die bei Demonstrationen im ökolo-
gischen Bereich nicht nur Porzellan zerschlagen). Unsere Teilneh-
mer sind »ganz normale« Jugendliche - Schüler, Lehrlinge, Ar-
beitslose. Aber wenn die »normalen« Jugendlichen nicht Tenden-
zen hätten, bei passender Gelegenheit ebenfalls zur Gewalt zu
greifen, und wenn nicht die Hinnahme von Gewalt oder Gewalt-
androhung noch immer ein vorherrschender Zug unserer Gesell-
schaft wäre, so hätten jene ausdrücklich Gewalt einsetzenden
Gruppen kaum Bedeutung. Es geht also im folgenden nicht um
plakative Fälle und Situationen, sondern um die eher unscheinba-
ren, aber um so wirksameren Ursachen der Gewalt.
Das theaterpädagogische »Setting«
Zeit und Zahl
Wir haben vier Seminartypen erprobt: Langzeitkurse mit wö-
chentlichen Treffen über ein Jahr; Langzeitkurse mit Spielwochen
etwa alle zwei Monate; schulbegleitende Kurse, in denen die Teil-
nehmer etwa zwei Wochen lang die gesamte T ages- und Nachtzeit
nach der Schule mit uns in einer schulnahen Bildungsstätte ver-
bringen, und schließlich die üblichen Ferien-Wochenseminare in
auch entfernteren Bildungsstätten. In der Regel sind 10-20 Perso-
nen an diesen Seminaren beteiligt, wobei verschiedentlich noch
einmal Untergruppen gebildet werden.
16
4
Text
Die Texte, mit denen wir arbeiten, bestehen meist aus kurzen
Szenen von ein bis zwei Seiten. Da es um das Erinnern und Sich-
vergegenwärtigen aus dem Spielen heraus sowie um ein daran an-
schließendes Experimentieren mit Verhaltens möglichkeiten geht,
nicht um eine Vorführung vor Publikum
7
, ist es nicht nötig, den
Text auswendig zu lernen - eher bedenklich
8
• Auch kann auf den
Regisseur verzichtet werden: Wir sind als Pädagogen und For-
scher in diesen Seminaren nicht Regisseure, sondern Mitspieler.
Allenfalls übernehmen die Teilnehmer abwechselnd und vorüber-
gehend diese Funktion. Es versteht sich, daß die Texte, die wir
ausgewählt haben, in der einen oder anderen Form ein Gewalt-
verhältnis zwischen Menschen in zugespitzter Form sichtbar ma-
chen. Ein Beispiel:
Szene (I a): Ein» Flieger« ist abgestürzt und liegt hilfsbedürftig am Boden.
Ein »Chor«, ein »Chorführer« und eine »Menge« sind zugegen. Statt un-
mittelbar zur Tat zu schreiten und dem Flieger zu helfen, fragt der Chor-
führer ihn zunächst, wer er sei. Der Flieger antwortet, daß er über dem
»Kämpfen um Geschwindigkeit« seinen »Namen und sein Gesicht« ver-
gessen habe, ebenso wie das eigentliche Ziel, und bittet um Hilfe. »Denn
ich will nicht -sterben.« Der Chor fragt die Menge, ob er dem Flieger
helfen solle; aber die Menge antwortet: »Warum sollen wir ihm helfen? Er
hat uns auch nicht geholfen.« Und die Szene endet mit der Aufforderung,
ȟber den Erkaltenden hinweg zu untersuchen, ob der Mensch dem Men-
schen hilft«. (Das Badener Lehrstück vom Einverständnis, Szene 2).9
Ein gewiß befremdlicher Text, von offensichtlicher Unwirklich-
keit, und doch: Kennen wir nicht diese Situation, wenn auch ver-
mittelt über viele Zwischenstufen? Menschen und ganze Grup-
pen, die »hoch hinaus« wollen, »Überflieger«, die dabei den Sinn
ihres Tuns, das ursprünglich gesetzte langfristige Ziel- z. B. eine
Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens - aus dem Auge
verlieren zugunsten sich verselbständigender kurzfristiger Inter-
essen? Einzelne oder Gruppen, die dabei (oder_auch aus anderen
Gründen) scheitern und dann von ihrer Umwelt fallengelassen
werden? - erste Assoziationen recht allgemeiner Art beim Lesen.
Wenn man solche Texte jedoch spielt, werden die Assoziationen
konkret. Über die körperliche, aber im Unterschied zum Sport
auf soziale Zusammenhänge gerichtete Betätigung, über das Sich-
hineinfühlen und über das Agieren mit anderen steigen Erinne-
rungen auf und »beleben« die Szene, wie wir zeigen werden.
Aber nicht jeder Spieltext, jedes Theaterstück ist gleich gut für
diese Zwecke geeignet: Die Texte sollten nicht zu sehr ins Detail
gehen, um Platz für die Phantasie der Spieler zu lassen. Ein ge-
wisser Abstraktionsgrad wie der der Szene (ra) ist deshalb von
Vorteil. Auch wegen der meist knappen Zeit sollten die Texte
prägnant und provozierend sein: Eine Woche ist eher zu kurz, um
einen solchen Text von eineinhalb Seiten im Spiel wirklich auszu-
loten. Provozieren soll die Spielvorlage die Auseinandersetzung
mit alltäglichen Vorgängen und alltäglichem Verhalten, indem sie
mögliche Konsequenzen daraus, nämlich in der Regel Gewalt,
zugespitzt sichtbar macht. Sie darf einerseits nicht mehr als eine
Experimentiervorlage sein, die es erlauben muß, daß eigene Erleb-
nisse, Kommentare oder andere Texte hineinmontiert werden.
Die Struktur des Textes muß so beschaffen sein, daß kleine Aus-
schnitte, sogar einzelne Sätze herausgenommen und mit verschie-
denartigen sozialen Situationen konfrontiert werden können. Der
Text muß auch dazu reizen, unterschiedliche Schlüsse und alter-
native Verhaltensweisen bei gleicher Konfliktausgangslage zu
probieren. Andererseits muß der Text als ganzer, in seiner vorge-
gebenen Struktur, immer wieder Anlaß zur Ausein,mdersetzung
werden, als Reibungsfläche fungieren, Widerstand bieten.
Dabei ist es nicht in jedem Fall sinnvoll, mit dem Textspiel zu
beginnen: Man kann auch, wie wir in Szene (6) sehen werden,
zunächst mit Hilfe von Rollenspielen bzw. improvisierten Szenen
ein Spielmuster entwickeln, das in überschaubarer, deutlicher
Form ein für alle Beteiligten wesentliches Problem darstellt; die-
sem Muster wird später ein geeigneter Text, der das Problem auf-
greift, gewissermaßen unterlegt, d. h., die entwickelte Szene wird
jetzt mit dem fremden, fixierten Wortlaut gespielt - wobei die
unvermeidlichen Brüche und Nicht-Übereinstimmungen zwi-
schen Text und Spielmuster die Reflexion über das schon Be-
kannte hinaustreiben können.
Wir arbeiten in unseren Seminaren ausschließlich mit Texten, die
- wie Szene (ra) - von Bertolt Brecht eigens für diese oder jeden-
falls sehr ähnliche Zwecke geschrieben worden sind und die ge-
nannten Merkmale aufweisen, die sogenannten Lehrstücke.
lo
Doch kommen natürlich auch andere Spielvorlagen mit ähnlicher
Struktur in Betracht. Der Experimentierfreude sind keine Gren-
zen gesetzt.
r66
Spielweise
Ebenso wichtig wie die Spielvorlage ist jedoch eine, auch unab-
hängig vom Text einsetzbare »verfremdende«, distanzierende
Spielweise, die Haltungen l.md gewöhnliche Vorgänge auffällig
macht, aber eine begrenzte »Einfühlung« in bzw. Identifikation
mit Figuren in bestimmten Situationen nicht ausschließt. 11 Wir
versuchen, solche »Verfremdungseffekte« u. a. zu erzielen durch
Standbilder
12
, Zeitlupenspiel, Rollenverdoppelung (nicht eine,
sondern zwei Personen stellen die Rolle dar - gleichzeitig, und
zwar aus verschiedenen Blickwinkeln) oder Parallelisierung (der
Text wird strukturgleich, aber in anderem »Milieu« - oft die ei-
gene Lebenswelt der Spieler -, mit anderen Personen und Kon-
flikten gespielt). In einem unserer Seminare kam es z. B. zu fol-
gender Spielsequenz:
Szene (I b ): Nachdem die Teilnehmer - Hauptschüler und Lehrlinge - den
Text der Szene (Ja) aus dem Badener Lehrstück vom Einverständnis -
Zettel in der Hand - gesprochen, mehrfach dargestellt und schließlich
auch in ihre eigene Sprache übersetzt haben, fragen wir nach Situationen,
in denen ähnliche Probleme und Konfliktkonstellationen vorkommen.
Aus einer Reihe schnell geäußerter Vorschläge wählen die Teilnehmer das
Spannungsverhältnis zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten aus: Ein
ehemaliger Hauptschüler hat mit viel Anstrengung den Absprung in die
Gymnasialstufe geschafft .(er ist ein »Flieger«), ist aber auf Dauer den
Anforderungen dort nicht gewachsen und »stürzt ab«. Er kommt in die
Hauptschule zurück. Die Klasse muß nun entscheiden, ob sie ihn wieder
auf- und annehmen (ihm »helfen«) will oder nicht. Zunächst wird die
Szene noch einmal mit dem Brecht-Text gespielt, dann mehrmals in den
gleichen Stellungen, mit leichten Ergänzungen (der Direktor bringt den
Jungen in die Klasse) die Parallelszene. Dabei zeigen sich unterschiedliche
Verhaltensmöglichkeiten für den Gestürzten. Anschließend setzt sich je-
der Teilnehmer einmal stumm der Situation des gestürzten Schülers/Flie-
gers aus, zwei Minuten zwischen Menge und Chor sitzend, einmal in
hochnäsig-arroganter Haltung (»ich komm zwar zurück, bin aber allemal
besser als ihr«), einmal »geknickt« und gedemütigt. Ein Trommelschlag
markiert den Spielerwechsel. .
Die Teilnehmer sind erstaunt über ihre zum Teil recht heftigen Reaktio-
nen auf diese zwei Haltungstypen, die zudem individuell von jedem an-
ders realisiert werden und     wirken. Ausführliche Debatten
und Experimente in verschiedenen Formen schließen sich an, ob dem
»Gestürzten« zu helfen ist und welchen Einfluß er selbst auf die weitere
Entwicklung nimmt. Prinzipielle Gründe für und gegen »Hilfe« in dieser
- bald auf das gesellschaftliche Verhältnis von »oben« und »unten« aus-
gedehnten - Situation werden gesucht und ausgetauscht. Wieviel in den
wenigen, aber hüchkünzentriertenMinuten während der »Standbilder« in
den Köpfen der Jugendlichen vür sich gegangen ist> erfahren wir jedüch
zum Teil erst am Ende der W.oche im Abschlußgespräch. Nüch nach
Wüchen, schreibt eine Teilnehmerin, sei ihr im Alltag in allen möglichen,
ähnlich strukturierten Situatiünen die Frage durch den Küpf gegangen,
wer denn nun im Sinn unseres Spiels welche Rolle einnehme. Das habe sie
manchmal S.o intensiv beschäftigt, daß sie vergessen habe,. aus der Straßen-
bahn auszusteigen.
Eine ähnlich verfremdende, gedankenbewegende Wirkung, die
vom StiHstellen eines normalerweise »im Fluß« erlebten Vorgangs
ausgeht, kann auch auf andere Weise erzielt werden, z. B. durch
Konfrontation einzelner, aus einem improvisierten Spiel heraus-
destillierter Sätze mit verschiedenartigen sozialen Situationen.
Auch Masken oder Musik können für Verfremdungen eingesetzt
werden.
Szene (2a): In einer anderen Gruppe (Sek-z-Schüler einer Großstadt) bin-
den sich die   der »Menge« in der gleichen Szene (ra) weiße
DIN-A4-Blätter vors Gesicht, in die sie Löcher für Augen, Mund und
Nase gerissen haben. Hinter den s.o entstehenden, typisierend gleichen
und düch individuell sehr unterschiedlichen, in ihrer U ngeformtheit asso-
ziationsgeladenen Masken laufen sie um den »Gestürzten« herum,. der auf
dem Büden liegt, beugen sich über ihn, entfernen sich. Die Darstellerin
des Fliegers. reagiel't mit llllgespieltem Schrecken. Sie kann die Situatiün
nicht aushalten und versteckt ihr Gesicht. Als einzelne zwischen »Mas-
fühlt sie sich verlüren. Die Situatiün ist in all ihrer Unwirklichkeit
.offensichtlich in einem höheren Sinne wirklich: Der sü .oft maskierte (ge-
deckte,. takti-'lche, stereotype) Umgang vün Menschen miteinander, ihre
Gleichgültigkeit füreinander wird als für den einzelnen bedrühlich und
gewaltsam sinnfällig. Gleichzeitig wird durch Hinzufügung vün Musik
der Chür schärfer charakterisiert> wübei es zu. einer Auseinandersetzung
zwischen den Teilnehmern kümmt: Die einen wüllen ihm ein weiches
Instrument. und eine wühllautende Melodie zuürdnen; sie sehen im Chor
eine höhere Instanz, die es gut meint. Die anderen fürdern eine rauhe und
eher quälende Musik: Der Chür stehe für jene Intellektuellen, Pfarrer
usw.,. die. zwar die Gesellschaft durchschauen und das Wissen haben, aber
selbst keine Verantwürtung übernehmen.
Reflexion
Das dritte Element unserer Theat\'!rseminare neben Text und
Spielweise ist die immer wieder eingeschobene, die Spielvorgänge
r68
unterbrechende Reflexion. Hier haben wir teilweise auf bekannte
Verfahren zurückgegriffen wie das Rundgespräch (der Reihe nach
berichtet jeder von seinen Wahrnehmungen oder Assoziationen),
die im »pädagogischen Rollenspiel« entwickelte Technik von
Fremd- und Selbstwahrnehmung
13
, das Interview (zwei Spielpart-
ner, vielleicht auch aus unterschiedlichen Spielgruppen, befragen
sich gegenseitig über die persönliche Relevanz des Spielprozesses)
oder die »Phantasiereise« (nach einigen Entspannungsübungen
lassen alle schweigend bei ruhiger Musik ihren Assoziationen
über einen zentralen, abgesprochenen Satz des Textes freien Lauf
und berichten nachher darüber).
Szene (2b): Am Ende des Abends vor der Maskenszene (2a) hatten wir
nach verschiedenen Versuchen, die Szene zu spielen, eine solche Phanta-
siereise vorgeschlagen: Schweigend auf dem Boden liegend, versuchte je-
der sich eine selbst erlebte, bedeutsame Situation zu vergegenwärtigen, in
der einem Hilfe zuteil oder verweigert wurde bzw. in der man selbst half
oder Hilfe unterließ. Es war eine zentrale Stelle des Seminars, als M. von
einem kurz zurückliegenden Ereignis berichtete: Ein Hausbesitzer hatte
ihr nach längerer Verhandlung im Hinblick auf ihr Alter, trotz Zustim-
mung und finanzieller Garantie seitens der Eltern, eine Wohnung verwei-
gert, die sie mit ihrem Freund beziehen wollte. Sie hatte diese Weigerung
als Zerstörung ihres Lebensplans und ihrer Chance auf Selbstverwirkli-
chung und Glück erlebt und sah keine Möglichkeit mehr, auf andere
Weise ihr Ziel doch noch zu erreichen. Die Phantasiereise hatte dies Er-
eignis, ihre Verzweiflung, noch einmal ganz gegenwärtig werden lassen.
Aber obwohl alle Seminarteilnehmer sahen, worum es ging, und obwohl
sie durch jahrelange frühere Klassengemeinschaft gut miteinander bekannt
waren, wollten oder konnten sie nicht helfen, fanden nicht einmal trö-
stende Worte. Das bedrückte insbesondere die Darstellerin des »Fliegers«
vom nächsten Tag, wie sich später, nach Seminar-Ende, zeigte. Das Mas-
kenspiel (Szene 2a) stellte zugleich eine Wiederholung, Verschärfung und
Verallgemeinerung dieser Situation dar.
Szene (3): Mit einer weiteren Gruppe, Schülern einer ländlich-kleinstäd-
tischen Gesamtschule, spielen wir denJasager
14
:.Ein »Knabe« bittet seine
kranke Mutter, an der Expedition seines Lehrers mit drei Studenten über
die Berge teilnehmen zu dürfen, die Medizin für die erkrankten Menschen
der Stadt holen will. In den Bergen erweist er sich als zu schwach und wird
von den Studenten, damit er nicht langsam verenden muß, mit seinem
Einverständnis in den Abgrund gestürzt.
Nachdem auch hier der Text mehrfach in der Originalfassung gespielt
und die Textsituation intensiv erlebt worden ist, stellen sich die verschie-
denartigsten Assoziationen und Erinnerungen an die eigene Lebenswelt
ein. Einige davon werden in Parallelszenen realisiert. Zwei politisch aktive
Teilnehmer inszenieren dabei eine später so bezeichnete Genossenfassung:
Unter weitgehender Beibehaltung des Originaltextes wird aus dem »Kna-
ben« das Mitglied einer politisch arbeitenden Gruppe, das dem ständigen
Streß dieser Arbeit, die einen nicht zu sich selber kommen läßt, nicht mehr
gewachsen ist und »auch das Ziel verloren« hat; da nun hinderlich für die
Verfolgung dieses Ziels (»Wir holen die Weisheit fürs Volk«), wird das
Gruppenmitglied »fallengelassen«. Probleme und Zweifel des einzelnen,
seine Subjektivität, sind nachrangig, haben keinen Platz. Die überspitzte
und lustvolle Darstellung macht es den beiden Teilnehmern möglich, ähn-
liche Erlebnisse in der Reflexionsphase nach dem Spiel aufzuarbeiten: Sie
berichten von ihrer Arbeit in verschiedenen politischen Schülergruppen
mit unterschiedlichen Zielsetzungen und politischen Fraktionen. Das Pa-
radox einer gegen Kapitalismus, Gewalt oder Lebens- und Naturzerstö-
rung gerichteten Aktivität, der die Subjektivität der Beteiligten gleichgül-
tig ist, wird formuliert, die Notwendigkeit eines alternativen Vorgehens
erkannt.
Übungen und Spiele
Als viertes Element unserer Seminare sind der Vollständigkeit hal-
ber Spiele und Übungen zu erwähnen, die wir zur Auflockerung
jeweils zu Beginn oder auch zwischendurch verwenden. Zum Bei-
spiel war der Schul-Szene (Ib) ein Rollenspiel vorangegangen, für
das wir als Thema zwei Sätze aus dem (noch unbekannten) Text
vorgegeben hatten: »Sage uns, wer du bist! ... Geh weg von
uns!«
Gespielt wurde unter diesem Thema u. a. eine Szene, in der ein
Türkenkind in der Schule ausgefragt und dann aus der Gemein-
schaft ausgestoßen wird. Aber auch einige der in den letzten ein-
einhalb Jahrzehnten in Fülle entwickelten Spiele der sogenannten
Interaktionspädagogik sowie Schauspielübungen verwenden
wir
15
; ebenso gymnastische Übungen, die auf das körperlich-sze-
nische Agieren vorbereiten, die Schwelle vom Reden zum Spielen
herabsetzen.
16
Wir werden auf diesen Bestandteil unserer Semi-
nare im folgenden nur eingehen, wenn ein unmittelbarer inhaltli-
cher Zusammenhang mit den danach gespielten Szenen erkennbar
ist.
Theorie des Alltagsbewußtseins
Den drei bisher angeführten Beispielen ist gemeinsam, daß alltäg-
liche Verhältnisse der Teilnehmer - die Schule, der Umgang mit-
einander in der Gruppe und in einer anonymen Menge - ihr Ge-
genstand waren, wobei das Alltäglich-Banale durch die vom Spiel-
text übernommene Zuspitzung eine andere Beleuchtung erfuhr:
Aus der Hauptschul-Szene (Ib) schälte sich z. B. die für einige
Teilnehmer wesentliche und im Hinblick auf ihre Berufspläne ak-
tuelle Frage heraus, ob ein sozialer Aufstieg die alten Bindungen
und Verkehrsformen unvermeidbar zerstört bzw. wie dem vorzu-
beugen ist; in der Maskenszene (2a) mit vorangehender Phanta-
siereise (2b) verdeutlichte sich der auf vielen Ebenen anzutref-
fende Widerspruch zwischen allgemein akzeptierten Moralvor-
stellungen (den Schwachen muß man helfen) und dem tatsächli-
chen Verhalten; ähnlich in der »Genossenszene« (3) - nur, daß an
die Stelle der gängigen Moralvorstellungen politische Ziele getre-
ten sind. Wir bewegen uns in diesen Theaterseminaren also in
einem Dreischritt:
- Konfrontation mit einer vergleichsweise abstrakten oder jeden-
falls fernen Situation;
- A,nnäherung an das selbst gelebte Alltägliche,
- Zuspitzung des Alltäglichen auf die dahinter verborgenen, oft
schwerwiegenden subjektiven Probleme mit Hilfe des »abstrak-
ten« Textmusters.
Was wir uns von diesem Dreischritt versprechen, läßt sich nur
vor dem Hintergrund der Theorie(n) des Alltagsbewußtseins
deutlich machen. Diese Theorien unternehmen den Versuch .zu
erklären, warum die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung
sich politisch passiv oder jedenfalls seit dem Zweiten Weltkrieg
zunehmend anders verhält, als es nach polit-ökonomischen Ana-
lysen in Anlehnung an. a ~ l Marx eigentlich zu erwarten wäre.
Zentral ist die These, daß mit der erheblichen Verbesserung der
äußeren Lebensbedingungen eine deutliche Zunahme der psychi-
schen und geistigen Belastungen einhergegangen ist, so daß heute
viele Aktivitäten und gesellschaftskritische Einsichten verstellt er-
scheinen, die vor fünfzig Jahren noch als selbstverständlich oder
jedenfalls ohne weiteres möglich galten.
Obwohl wir uns, wie schon eingangs angedeutet, nur auf ein-
zelne Aspekte dieses Erklärungsversuchs beziehen, ist es doch
erforderlich, seine wesentlichen Merkmale im Zusammenhang zu
referieren. Wir beschränken uns dabei der Einfachheit halber auf
die am weitesten entwickelte V;u-iante, den Entwurf zu einer Em-
pirie des Alltagsbewußtseins von Thomas Leithäuser und Birgit
Volmerg
17
und fügen lediglich, zur Verdeutlichung, einige Bei-
spiele ein. (Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich in diesem
Abschnitt, d. h. bis S. 177, auf LeithäuserNolmerg). Der Ent-
wurf zu einer Empirie des Alltagsbewußtseins zeichnet sich da-
durch aus, daß er die ältere Diskussion zum Thema verarbeitet
und zugleich die eher phänomenologisch orientierte, frühere All-
tagsforschung mit den Ergebnissen einer gesellschaftswissen-
schaftlich erweiterten Psychoanalyse verbindet, die aus ihrer »fa-
milialistischen« Enge und ihrem naturwissenschaftlichen Selbst-
Mißverständnis befreit ist.
Alltagsbewußtsein ist bezogen auf und entsteht in regelmäßig
sich wiederholenden sozialen Situationen; Der Horizont dieser
Situationen ist zugleich der Horizont des Alltagsbewußtseins.
Was die Situationen verbindet, ihren Zusammenhang, kann das
Alltagsbewußtsein ebensowenig erfassen wie die Mechanismen,
nach denen es »funktioniert«. Insofern - und das ist eine für un-
seren Zusammenhang wesentliche Feststellung - kann auch die
Alltagssituation als solche »im Rahmen des Alltagsbewußtseins
nicht systematisch reflektiert werden« (S.21).
Zu diesen Mechanismen gehört, daß das Alltagsbewußtsein eine
schrittweise Anreicherung durch neue Erfahrungen (im Gegen-
satz zum noch vorherrschenden Bewußtsein in den zwanziger
Jahren) nicht mehr zuläßt (S. 47). Statt dessen wird ~ u e s   Frem-
des. schon vorhandenen Schemata unterworfen; Verkürzung, Ver-
zerrung und eine »Reduktion auf's Bekannte« sind die Folge
(S. 19). Den »reibungslosen Ablauf« gewohnter sozialer Situatio-
nen versucht das Alltagsbewußtsein auch durch andere Fortnen
sicherzustellen: Eine über es hinausführende systematische
Durcharbeitung von Themen und Konflikten (» Thematisierung«)
wird abgewehrt durch Harmonisierung oder Nivellierung sicht-
bar werdender Widersprüche bzw. durch »Exterritorialisierung«,
. d. h. durch die Verschiebung auf einen Sündenbock oder die
Entwicklung eines Feindbilds (S. 54 f. und 63). Das schließt zwar
die Thematisierungbestimmter Aspekte sozialer Situationen,
kommunikative Sinndeutungen und Interpretationen nicht aus
(S. 52 f.); den Abwehrmechanismen gelingt es aber in der Regel,
die Thematisierungsansätze für die Wiederherstellung der ur-
sprünglichen Sicht der Dinge zU benutzen - mit allenfalls gering-
fügigen Veränderungen (S. 55). Eine grundsätzliche Thematisie-
rung wird also paradoxerweise gerade durch eine Teilthematisie-
rung, ein nur oberflächliches Berühren und »Abhaken« der
Probleme verhindert.
Aber selbst den Teil- und Scheinthematisierungen sind nicht alle
Bereiche einer sozialen Situation intersubjektiv zugänglich. Es
gibt einen »Routinebereich« des Alltagsbewußtseins, standardi-
sierte und quasi automatisierte Routinetätigkeiten mit einem sol-
chen Grad von Vertrautheit, daß sie »ihre thematische Relevanz
verloren haben« und gar nicht (mehr) bemerkt werden (S. 48 f.,
nach Alfred Schütz). Auch gegenüber offen widersprechenden In-
formationen setzt sich die, routinisierte Wahrnehmung häufig
durch. Über das routinisierte Handeln wird nicht kommuniziert.
Es ist »so plausibel, daß es nicht zur Sprache gebracht werden
muß, vielmehr der Kommunikation vorausgesetzt ist als etwas,
das jeder schon akzeptiert hat« und von dem jeder annimmt, daß
auch jeder andere es für selbstverständlich hält (S. 50 f.). Natür-
lich gibt es Handlungsebenen, in denen Routine unvermeidbar, ja
sogar lebensnotwendig ist- beim Autofahren z. B.; um diese eher
technischen Vorgänge geht es hier nicht. Um so mehr Aufmerk-
samkeit verdient dagegen unter dem Gesichtspunkt der Entste-
hung von Gewaltneigungen die Routine im Umgang miteinander.
Hier, so können wir hinzufügen, ist der vorsprachliche oder
sprachbegleitende Bereich der Gesten und Körperhaltungen von
großer Bedeutung. Gesten mid Haltungen unterliegen, gerade
weil darüber so gut wie nie gesprochen wird, der Routinisierung
in besonderem Maße. Die Signale der Gesten bestimmen häufig
den Sinn einer Handlung, die Bedeutung eines Satzes, ohne daß
der Handelnde oder Sprechende sich dessen bewußt ist. Ein Bei-
spiel:
Szene (4a): Eine Gruppe aus dem gleichen ländlich-kleinstädtischen Zu-
sammenhang wie die der Szene (3) spielt ebenfalls den Jasager; es handelt
sich um einen der ersten Spieldurchgänge. Uns fällt in dieser Gruppe auf,
daß die Teilnehmer einerseits mit großer Spannung und Aufmerksamkeit
spielen - man hätte eine Stecknadel fallen hören können -, sich anderer-
seits aber zu dem erkrankten »Knaben« wie abwesend verhalten: Die
Blicke sind zu Boden oder in die Feme gerichtet, »Studenten« und »Leh-
rer« sprechen mit leiser, teilweise brüchiger Stimme, stockend, lassen die
I73
Schultern hängen und wenden sich zeitweise von dem Knaben ganz ab
oder lachen zwischendurch unmotiviert.
Die Reaktionen auf die Zumutung des Textes sind ambivalent: Sie
zeigen einerseits, daß die Teilnehmer von der Situation - jemand
braucht Hilfe, die man ihm verweigert - betroffen sind; in dieser
Hinsicht wäre es verfehlt, von »Routine« zu sprechen. Aber die
von uns beobachteten körperlichen Handlungen selbst sind ande-
rerseits gelernte, eingewöhnte Muster zur Bewältigung einer als
schwierig empfundenen sozialen Grundsituation, die im Spiel
nicht bewußt sind. (Zum Versuch, solche körperlichen Routine-
handlungen dem Bewußtsein zugänglich zu machen, s. unten
Szene 4b.)
Während dieser zum Teil ins Gestische geronnene Routineanteil
des Alltagsbewußtseins weitgehend sprachlos bleibt, konstituiert .
sich der thematisierungsfähige Teil im wesentlichen durch den
Vorgang der Übertragung, 'durchaus im Medium der Sprache:
Alltagspraktische Regeln wie »Es wird überall gewalzt« oder
»Eine schlechte Entscheidung ist besser als gar keine« werden von
gewohnten sozialen Situationen, in denen man sie als zutreffend
erlebt hat, auch auf solche übertragen, die ganz anderen Gesetz-
mäßigkeiten folgen, andere Dimensionen und Strukturen aufwei-
sen. Diese Regeln sind nicht etwa mit Sprichwörtern zu verwech-
seln, die (scheinbar) allgemeines Gebrauchsgut sind, sondern
werden gruppenspezifisch bzw. in Reaktion auf die besondere
Lebenspraxis und das soziale Umfeld des einzelnen ausgeprägt.
So wird die Regel »Eine schlechte Entscheidung ist besser als gar
keine« nicht überall handlungsleitend oder durch Übertragung
Grundlage der Weltbeurteilung, sondern dort, wo viel und schnell
entschieden werden muß, beispielsweise in Managerkreisen.
18
Ute
Volmerg hat in ihrem Friedensanalysen-Aufsatz »Waffen faszinie-
ren doch jeden« eindrucksvolle Beispiele solcher alltagsprakti-
schen, unbewußten Übertragungen und Verallgemeinerungen
vorgeführt:
19
Mit Feststellungen wie »Es wird überall gewalzt«
oder »Waffen faszinieren doch jeden« werden spezifische Erleb-
nisse einzelner Personen - z. B. das Spielen mit Kriegsspielzeug
oder das Lesen von Landserheften - im Verlauf einer Gruppen-
diskussion in den Rang allgemeingültiger Lebensgesetze erhoben,
die auch auf gesellschaftliche und internationale Probleme ange-
wandt werden. Ute Volmerg zeigt, daß es nicht rationale Überle-
gungen sind, sondern solche zu Regeln verallgemeinerten Alltags-
174
erlebnisse, die z. B. die Existenz der Bundeswehr oder die Dro-
hung mit Atombomben rechtfertigen. Diese Übertragung schützt
die Gruppe zugleich vor der Ohnmacht, die mit dem Wissen um
die Wirkung von Atombomben verbunden ist: Wer »mitwalzt«,
sich mit der Gewalt identifiziert, ist wenigstens in der Phantasie
aktiv und nicht ohnmächtig-passives Opfer der Gewalt. Solche
Übertragungen sind also nicht einfach »fehlerhaft« und leicht ver-
meidbar, sondern »psycho-ökonomisch« gesehen durchaus
»sinnvoll«: Die Übertragung hat den - natürlich vom einzelnen
nicht bewußt verfolgten - Zweck, eingetretene Verunsicherungen
oder Irritationen des Alltagsbewußtseins zugunsten des vorheri-
gen Zustands wieder auszubügeln, in dem (scheinbar) alles so
klar, vertraut, sicher und plausibel war.
Eine Verunsicherung oder Relativierung der althergebrachten
Sicht der Dinge, die Wahrnehmung grundlegender Widersprüche
oder Ungereimtheiten, die sich daraus ergebende Ohnmacht oder
Zumutung eines veränderten Verhaltens, allgemein das Fremde,
Ungewohnte, Unvertraute erzeugen zunächst einmal Angst.
Angstabwehr bzw. das Prinzip der Angstvermeidung (Leithäu-
ser/Volmerg S. 86), oft gekoppelt mit dem Wunsch nach regressi-
ver, mehr oder weniger versteckt frühkindlicher Art der Befriedi-
gung frustrierter Bedürfnisse (S. 87), ist sozusagen die psychische
Triebfeder der genannten Mechanismen. Die psychoanalytisch-
sozialpsychologische Ebene ist »gewissermaßen der subjektive
Unterbau der, Übertragungsprozesse alltagspraktischer Regeln«
(S. 120). Angstabwehr findet durch die (Wieder-)Herstellung von
Übereinstimmung in der jeweiligen Gruppe (Familie, Clique,
Schulklasse usw.) statt. Das Alltagsbewußtsein sucht sich »dek-
kungsgleich« mit der sozialen Situation zu halten, in der das Sub-
jekt sich befindet (S. 58), und das heißt mit den jeweils in einer
Gruppe vorherrschenden Ansichten und Alltagsregeln. »Die >un-
bewußte Solidarität< einer Gruppe ist jedoch nicht total und au-
genblicklich; sie läßt vielmehr individuelle Variationen zu, und ihr
geht eine Verhandlungsphase voraus.« (S. 89) Gruppenspezifische
Abwehrformen (verflochten mit den je individuellen, in der frü-
hen Kindheit ausgeprägten, S. 87) sind u. a. die Gleichsetzung al-
ler Gruppenmitglieder und damit ihre Gleichschaltung (»symme-
trische Abwehr«, S. 90 und 97) oder der Versuch, Sicherheit in der
Abhängigkeit von einem Anführer zu gewinnen (»komplemen-
täre Abwehr« durch »identifikatorische Teilhabe«, S. 90 f.).
175
Die gesellschaftlichen Entwicklungen, die nach Ansicht der Autoren die"
sen Veränderungen zugrunde liegen, spielen in unseren Seminaren kaum
eine Rolle. Sie sollen aber der Vollständigkeit halber ebenfalls referiert
werden, obwohl der Begründungszusammenhang u. E. noch weiter ent-
faltet und empirisch belegt werden müßte. Die heutige westliche Indu-
striegesellschaft ist demzufolge durch eine zunehmende »Vergesellschaf-
tung der Sozialisation« (5. 87) charakterisiert. Die subjektiven Strukturen
werden tendenziell gesellschaftlichen Planungs- und Verwertungsstrate-
gien unterworfen, wobei die Massenmedien eine zentrale Rolle spielen
(5. 171). Dadurch wird die Bildung eigener Erfahrungen zugunsten von
Vorformuliertem eingeschränkt: Eine Unzahl von Informationen, Mei-
nungen, ideologischen Versatzstücken usw. wird durch die Massenmedien
täglich an den einzelnen herangetragen und in der Regel ohne Kommuni-
kation mit anderen aufgenommen, und das heißt in aller Regel auch ohne
den Versuch, das neu Wahrgenommene durch Reflexion mit der eigenen
Erfahrung zu verbinden oder gar auf seine weitere Entwicklung Einfluß
zu nehmen. Die Situation der kommunikationslosen Vereinzelung vor
den Massenmedien - nicht unvermeidbar, aber fast die RegeFO - ist eine
für das gegenwärtige Alltagsleben »exemplarische« Situation (5. 140).
Exemplarisch nicht nur, weil es eine regelmäßig sich wiederholende All-
tagssituation darstellt, sondern, so meinen wir, weil ähnliche Strukturen
auch in anderen regelmäßig sich wiederholenden Situationen zunehmen,
z. B. im Arbeitsablauf in vielen Berufszweigen und sogar in der Schule:
Auch hier gibt es Vereinzelung, Isolierung, Kommunikationslosigkeit
oder einseitige Kommunikation und Zerstückelung der Erfahrungskonti-
nuität.
21
Die verschiedenartigen,' kommunikationslos aufgenommenen
Eindrücke werden in solchen Situationen der Isolierung teils abgewehrt
und vergessen, teils als fragmentarische, unverbundene im Bewußtsein
abgelagert - unabhängig davon, ob ihre Produzenten manipulative Ab-
sichten hatten oder nicht. Es ist also weniger der Inhalt als die Rezeptions-
form der weitgehend einseitigen (und damit scheinbaren) Kommunika-
tion, die das Bewulßtsein zu einer forcierten, krankhaften Unterwerfung
unter die beschriebenen Reduktions- und Abwehrmechanismen drängt
(bzw. zu ihrer Entwicklung), um so etwas wie Kontinuität und Sicherheit
zu gewinnen.
Alltagsbewußtsein in diesem Verständnis ist also ein historisches Phäno-
men. Als »vergesellschaftetes pathologisches Bewußtsein«, als ein Be-
wußtsein also, das nicht mehr über einen durchgehenden Zusammenhang
seiner selbst verfügt (5. 18, nach Klaus Horn), löst es das alte »ideologi-
sche Bewußtsein« (Ideologie als »falsches«, aber zusammenhängendes und
insofern noch »gesundes« Bewußtsein von der Realität) zunehmend ab,
das Gegenstand der Kritik von Kar! Marx war. »Während das ideologische
Bewußtsein einem Alltagsleben von unverbrauchter Fülle entspricht und
einen einheitlichen Erfahrungszusammenhang voraussetzt, reproduziert
17
6
sich im Alltagsbewußtsein blind die gesellschaftliche Zerfaserung als seine
eigene Gebrochenheit und Sprunghaftigkeit.« (S. 19)
Aufgrund dieser Überlegungen zur Bedeutung der Massenmedien
gehen Leithäuser und Volmerg bei der Erforschung des Alltags-
bewußtseins von einer fernseh-ähnlichen· Situation aus.
22
Zwar
entwickeln in unseren Seminaren, begünstigt durch das Vorhan-
densein einer Videokamera
23
, die Teilnehmer immer wieder auch
Fernseh-Szenen; doch scheinen uns andere Alltagssituationen im
Hinblick auf die Gewaltproblematik nicht minder wichtig. Die
Gewohnheit, Gewalt für natürlich, unvermeidbar oder in be-
stimmten Situationen für notwendig zu halten, schleift sich nicht
nur vor dem Fernseher ein. Entscheidend für die Qualität solcher
Seminare ist, daß überhaupt offen oder latent gewaltträchtige All-
tagssituationen zur Wahrnehmung und dann zur Sprache ge-
bracht, thematisiert werden. Dabei ist zwischen dem Bereich des
Routinebewußtseins und dem thematisierungsfähigen Anteil des
Alltagsbewußtseins zu unterscheiden. Wir wenden uns zunächst
dem ersteren zu.
Gegen die Routine
Wenn es richtig ist, daß die Routine des täglichen Umgangs mit-
einander, und besonders die stumme, vorbewußte Sprache der
Gesten einen erheblichen Anteil an der aktiven oder passiven Zu-
stimmung zur Gewalt haben, so müssen Wege gefunden werden,
auch diesen Bereich dem Bewußtsein zugänglich zu machen.
In der Jasager-Szene (4a) ging es zwar scheinbar nicht um Ge-
walt, sondern »nur« um Gesten der Verlegenheit und der (Schein-)
Bewältigung einer Situation, in der mehr als der normale Alltags-
. umgang, nämlich Hilfe bzw. ein wirkliches Sich-Einlassen auf
einen anderen, erforderlich ist. Aber gerade das Automatische
dieser körperlichen Reaktionen - Abwendung, Wegsehen, La-
chen usw. - ist es, das Hilfsbedürftigen die Erfahrung vermittelt,
auf Hilfe nicht rechnen zu können. In der Wirklichkeit ist zwar
das Töten nicht das regelmäßig sichtbare Ende einer solchen Si-
tuation; aber das Spiel mit diesem Ende weckt eine Ahnung da-
von, in welcher Dimension sich bewegt, wer Hilfe unbeabsich-
tigt-automatisch auf diese Weise »verweigert«.
177
Szene (4b): Das Spiel der Szene 4a hat Spannung erzeugt; die Teilnehmer
finden es anschließend sehr »anstrengend«; aber sie können nicht sagen,
warum. In dieser Situation entschließt sich die Gruppe, mit der gespielten
Situation zu experimentieren, indem der Brecht-Text vorübergehend ganz
verlassen wird. Jemand beobachtet, wie ein anderer (nicht notwendig ein
Freund oder Bekannter) im Telefonhäuschen eine bestürzende Nachricht
erhält und versucht, ihm zu helfen. Dies wird mit wechselnder Besetzung
mehrere Stunden geprobt. Kumpelhaftes Überdecken des Problems wird
ebenso gezeigt wie ein Versuch, durch hartnäckiges Fragen die Hinter-
gründe der Traurigkeit zu erfahren. Eine Spielerin probiert es mit körper-
lichem Kontakt; eine andere versucht, durch einen betont offenen Blick
auf ihre Aufmerksamkeit hinzuweisen; ein weiterer Spieler schaut zwar
den Hilfsbedürftigen an, läßt seinen Körper aber zum Weitergehen abge-
wendet. Keinem, der zu helfen versucht, wird es vom Hilfsbedürftigen
leichtgemacht; er verbirgt seine Traurigkeit hinter aggressiver Ablehnung.
(Möglicherweise wurde vorher die Zustimmung des »Knaben« in der
Brecht-Szene zu seiner Tötung als aggressiv aufgefaßt.) Die unterschied-
lichen Strategien verdeutlichen wir uns in dieser Phase durch aus dem
Spielfluß gewonnene Standbilder. Am Schluß dieser Versuchsreihe wer-
den dann noch einmal diejenigen Körperhaltungen nachgestellt, die aus
der Sicht der Experimentierenden eine erfolgreiche Hilfestellung typisie-
ren, im wesentlichen das offene Anschauen und die körperliche Berüh-
rung. Gradmesser für den Erfolg ist die Reaktion, die der Traurige jeweils
an sich selbst beobachten konnte.
Ähnlich wie in der Szene (rb) erlaubt es dieser Kunstgriff, das
Einfrieren eines spontanen Bewegungsablaufs, die Aufmerksam-
keit auf die routinierten körperlichen Reaktionsformen zu lenken,
sie rückwirkend als solche zu erkennen und zu problematisieren.
Von daher entwickelt sich im weiteren Verlauf des Kurses das
Bedürfnis, die Entstehung von Routineverhalten zu untersu-
chen.
Szene (5): Die (gleiche) Gruppe greift nun sinngemäß wieder auf das Text-
muster des Jasagers zurück. Aus der» Expedition« des Brecht-Textes wird
dabei eine Demonstration und aus dem zurückgelassenen Knaben ein von
der Polizei willkürlich verhafteter Demonstrant. Die Teilnehni.er erfinden
dann, den Brecht-Text weiter zuspitzend, eine fiktive Szene, in der ein
»Machthaber« (hier ein Schuldirektor, es hätte aber genausogut ein Vor-
gesetzter oder Familienvater sein können) mit fornielhaften Drohungen,
autoritärem, argumentations armem Gebaren und einer überlegenen Kör-
perhaltung Unterwerfung erzwingt: Beugung des Gewissens, Bruch mit
dem eigenen Moral- und Verfassungsverständnis (Meinungs- und De-
monstrationsfreiheit ), Verleugnung der Solidarität mit dem schuldlos Ver-
17
8
hafteten. »Wenn Sie das nicht einsehen, sehe ich mich gezwungen, weitere
Schritte einzuleiten.« Nicht die überspitzte, heute kaum mehr realitätsge-
mäße Darstellung des »Direktors« ist für die Teilnehmer von Interesse
(die Überspitzung ist ihnen bewußt und wird kritisiert), sondern das Ver-
halten der Schwachen, ihr Rückgriff auf verbreitete Verhaltensmuster:
z. B. Mitleiderregen; Handeln und »innere« Bewertung voneinander tren-
nen; Verstummen usw. Besondere Beachtung findet dabei folgende Geste:
Der zum Verhör Zitierte setzt zum Sprechen, zum Protestieren an; der
Körper strafft sich, er hebt die Hand - und läßt sie angesichts der starren
Haltung des Machthabenden wieder fallen, sinkt in sich zusammen - es
hat ja doch keinen Sinn.
An dieser Szene wird den Teilnehmern bewußt - gewissermaßen
durch den Körper hindurch -, wie Resignation mit ihren gesell-
schaftlichen und politischen Folgen eingeschliffen wird, wie eine
»Haltung« in der doppelten (von Brecht absichtlich so verwand-
ten) Bedeutung des Wortes
24
biographisch entwickelt wird.
In der Abfolge der Szenen (4) und (5) haben sie zugleich ein
Verfahren kennengelernt, wie sie auch in ihrem Alltag, wenn auch
teilweise auf die Phantasie beschränkt, an solchen Punkten wei-
terarbeiten können: das bewußte Experimentieren mit unter-
schiedlichen Verhaltensweisen und Verhaltensmöglichkeiten.
Eine Teilnehmerin stellt z. B. einige Zeit nach einem ähnlichen
Seminar fest:
»Die Standbilder haben die Aufmerksamkeit auf Körpersprache und auf
den Tonfall gelenkt. Ich gehe bewußter mit dem Körper um. Es ist eine
Sensibilisierung für Bewegungen in Gang gekommen. Das Seminar geht
fließend in den Alltag über: Schule, Straßenbahn, Gruppe. Mir wird kla-
rer, warum Leute in Gruppen gehen, es wird transparenter. Ich probiere
bei Problemen verschiedene Rollen durch, experimentiere mit Einfüh-
lungsvermögen.«25
In diesem Fall haben sich die "Standbilder« offenbar besonders
eingeprägt; es ist aber die mit ihnen verbundene, auch auf andere
Weise erzielbare Verfremdung von Haltungen und Verhaltens-
weisen, die zum eigenen Weiter-Experimentieren anregt.
179
Verfestigung des Alltagsbewußtseins und vorbewußte
Experimente
Das Sich-Hineinfühlen in unterschiedliche »Rollen« bis in die
körperlichen Ausdrucksformen der Gesten und Haltungen hin-
ein, dieses »Experimentieren« wäre u. E. als bewußtes kaum er-
folgreich möglich (weder im Theatf;rseminar selbst noch danach),
wenn es nicht im Rahmen des vorbewußten Alltagsverhaltens
schon ähnliche Experimentierformen gäbe, an die sich anknüpfen
ließe. Als »vorbewußt« wollen wir alle diejenigen Verhaltenswei-
sen und Phantasien bezeichnen, die ohne Überwindung gravie-
render psychischer Widerstände bewußt werden können. Das
trifft nicht zu für frühkindliche Leidenserlebnisse, die aus dem
Bewußtsein und der Sprache ganz ausgeschlossen sind; dieses
»dynamisch Unbewußte« im Sinne der Psychoanalyse können
wir als Pädagogen nicht bearbeiten. Aber jenseits dieser Schwelle,
jenseits der von Alfred Lorenzer so genannten Sprachzerstö-
runi
6
, gibt es zahlreiche Ereignisse und Vorgänge im Leben des
Heranwachsenden wie des Erwachsenen, die dem Bewußtsein all-
mählich entglitten sind, vielleicht auch noch niemals so deutlich
bewußt waren (im Sinne des Verfügens über ein Wissen), die aber
ohne aufwendige therapeutische Bemühungen erkannt und zur
Sprache gebracht werden können.
Die folgende Szene zeigt zwar zunächst, daß auch Theatersemi-
nare mit Lehrstücken nicht automatisch zum Erfolg, zur ~   n u n g
des Alltagsbewußtseins, führen; gerade aus dem Scheitern aber
lassen sich vorbewußte Experimentierformen herausschälen, die-
wenn sie erkannt sind - pädagogisch nutzbar gemacht werden und
helfen können, ein Dilemma der Theorie des Alltagsbewußtseins
zu verringern (dazu unten S. 185).
Szene (6a): Mit einer Gruppe von Lehrlingen aus verschiedenen Berufs-
zweigen haben wir zunächst ein Spielmuster unter dem gemeinsam fest-
gelegten Untersuchungsthema »Angst vor unbekannten Situationen« ent-
wickelt. In einem Amt, einer Paßstelle, wird der Antragsteller von den
Beamten hin- und hergeschickt und erhält schließlich seinen Paß nicht
rechtzeitig. Wir probieren diese Szene in verschiedenen Variationen, dar-
unter auch solche mit »gutem« Ende. Das Interesse verschiebt sich dabei
von der Angst des Antragstellers vor·der unbekannten Situation auf das
Verhalten der Beamten.
180
Nach einer Weile regen wir an, diese Szene gewissermaßen um-
zukehren und dazu die (den Teilnehmern schon flüchtig be-
kannte) Szene »Das Examen« aus dem Badener Lehrstück vom
Einverständnis zu verwenden. Wir erwarten von der Realisierung
dieses Vorschlags nicht etwa, daß die. Teilnehmer »den Aufstand
proben«, sondern daß es ihnen durch solche utopische Verkeh-
rung der gewohnten Verhältnisse möglich sein würde, ein Denken
zu überwinden, das Gewalt nur personalisiert begreift. Die Um-
kehrung sollte dazu führen, möglichst konkret die Bedingungen
für das in den vorangegangenen Szenen dargestellte Gewaltver-
hältnis herauszuarbeiten. Unsere Erwartung wurde nicht er-
füllt.
Szene 6b): In der Examens-Szene des Badener Lehrstücks »prüft« der
Chor den gestürzten Flieger »im Angesicht der Menge«. Er stellt dem
Flieger fünf Fragen, die jeweils drei- bis viermal wiederholt werden: »Wie
hoch bist du geflogen?«, »Wurdest du gerühmt?«, »Wer bist du?«, »Wer
wartet auf dich?«, »Wer also stirbt, wenn du stirbst?« Der Flieger gibt bei
jeder Wiederholung eine andere Antwort, in der seine eigene Bedeutung
zunehmend geringer eingestuft wird. Jeweils die letzte Anrwort wird von
der Menge wiederholt, z. B. »Ich habe mich wenig über den Boden erho-
ben.« Diese Szene steht in der ersten Fassung des Badener Lehrstücks, mit
der wir gearbeitet haben, am Schluß der Szenenreihe.
Wir schlugen vor, probeweise anzunehmen, .daß die ;>Beamten«
aus der Paß stelle nach einer »Revolution« von. der Menge nach
ihrem Selbstverständnis hinsichtlich ihrer bisherigen Art des Um-
gangs mit dem Publikum befragt werden. Die Teilnehmer legen
ihrem spontanen, weiter nicht abgesprochenen Spiel die Struktur
der Brecht-Szene zugrunde, verwenden auch einzelne Original-
sätze, montieren aber im wesentlichen frei erfundene, auf die vor-
her gespielte Paßverweigerung bezogene Sätze hinein:
Szene 6c): c., die eine Lehre als Großhandelskaufmann absolviert, über-
nimmt ohne weitere Rückfragen zusammen mit einer Pädagogin die Partei
der »mächtig« gewordenen Fragesteller, des ehemaligen Amtspublikums.
Den ersten Satz des Textes: »Wie hoch bist du geflogen?« übersetzt sie
sofort mit: »Wieviel Leute hattest du unter dir?« - eine bemerkenswerte
Verschiebung der Textperspektive. Als einer der »Beamten« dreißig Un-
tergebene nennt, fragt sie weiter, ob er das für »zuviel« halte. Aus dem
Tonfall wird deutlich, daß C. mit diesen beiden Sätzen am Anfang der
Szene eine offene und freundliche Haltung g e g e ~ ü   e r den Verhörten ein-
nimmt (= I. Experiment). Der Versuch scheitert im Spiel jedoch bereits an
181
dieser Stelle - die »Beamten« gehen auf ihr Angebot einer fairen Unter-
suchung der Vergangenheit nicht ein, sondern brüskieren sie durch zur
Schau getragene Arroganz und völlig unkritisches Selbstbewußtsein. .
C. ändert daraufhin ihr Verhalten. Nachdem sie zunächst einige eher
bissige Bemerkungen eingeflochten hat, fragt sie an der Stelle, wo es im
Text heißt: »Wer bist du?« überraschend mit herablassendem Ton: »Wel-
che Wertvorstellungen habt ihr denn?« (= 2. Experiment). Auch dieser
Versuch, in der Spielsituation etwas herauszufinden, was für ihren Alltag
Bedeutung haben könnte, scheitert jedoch kurz darauf, weil die »Beam-
ten« die Situation nicht aushalten und das Spiel abbrechen.
Am Zustandekommen und am gesamten Ablauf der Szene (6) läßt
sich ablesen, daß· beide »Experimente« in jeder Hinsicht »vorbe-
stattfanden. c., die sich an der Vorbesprechung verbal
nicht beteiligt hat, steht als erste auf und nimmt die Rolle des
Bdragers ein, sie hat offensichtlich eine Spielidee, genauer gesagt:
ein Vorgefühl von einem möglichen Verhalten in der von uns
vorgeschlagenen Situation. Ihr »1. Experiment«, das man als
»Einmontieren« einer von der Anlage der Szene her nicht zu er-
wartenden Haltung bezeichnen könnte, hat die Frage zum Gegen-
stand, ob eine mit Macht ausgestattete Person sich nicht auch ganz
anders verhalten könnte - fair, ohne Ausnutzung ihrer Macht,
freundlich. Warum C. diese Frage interessiert, läßt sich aus fol-
gender Bemerkung schließen (wir geben sie im Wortlaut wieder,
weil die Pausen und die Unvollständigkeit der Alltagssätze ja ihre
Bedeutung haben):
»In dem Moment, in dem du noch die Macht   da bist du noch der
Stärkere, danach bist du heruntergesetzt. Das ist schon einmal- wenn du
das dann noch zugeben mußt, dann ist das eine Erniedrigung. Die Leute
können zum Schluß mit dir machen, was sie wollen, sie können dich
erdrücken. Sie können sagen: Jetzt hast du das und das gemacht, jetzt
mußt du das auch wiedergutmachen.«
Dieser Kommentar ist deshalb für uns interessant, weil C. ihn
unmittelbar nach dem Spiel formuliert, also vermutlich noch in
dem gleichen Gdühlszustand, in dem sie· sich während des Spiels
befand, mit den gleichen Motiven und Gedanken im Kopf. Es ist
deutlich, daß sie sich mit diesen Sätzen nicht auf ihre eigene Dar-
stellung oder das Verhalten der »Beamten« im Spiel bezieht, son-
dern auf Erlebnisse außerhalb des Theaterseminars; denn weder
hat sie im Spiel selbst die »Erniedrigung« erfahren (sie war in der
Position des Mächtigen), noch haben Jie »Beamten« im Spiel er-
182
kennen lassen, daß sie sich »erniedrigt« fühlten (eher im Gegen-
teil). Daß C. nach Abschluß des Spiels ausschließlich aus der Per-
spektive von Erniedrigten argumentiert, läßt den Schluß zu, daß
sie sich selbst im Alltag häufig in dieser Lage befindet und das
Gefühl hat, davon »erdrückt« zu werden. Die »Erniedrigung« ist
eine doppelte: Sie geht zunächst vom realen Wechsel aus einer
Position des Stärker-Seins in die der Ohnmacht aus (»das ist
schon einmal-«); aber noch bedrohlicher wirkt, »daß du das dann
noch zugeben mußt« - vielleicht, weil sich erst daraus seitens des
Mächtigen Ansprüche auf »Wiedergutmachung« ableiten lassen.
Folgt man dem Wortlaut dieses Kommentars, so wäre anzuneh-
men, daß C. öfter diesen Wechsel von der Position des Stärkeren
in die des Schwächeren erfährt - und sich möglicherweise in der
Position des Stärkeren ähnlich verhält, wie sie es in ihrem »2.
Experiment« darstellt. Aufgrund einiger Andeutungen am Rande
des Kurses vermuten wir aber, daß C. sich zumindest in der Be-
ziehung zu ihrer (alleinstehenden) Mutter ständig in einem Ver-
hältnis befindet, in dem sie den Umgangsformen passiv ausgesetzt
ist, die sie in ihrem »2. Experiment« aktiv probiert.
Ohnmachtsgefühle werden in diesem »2. Experiment« durch
rhetorisch-spöttische Fragen nach »Wertvorstellungen« und Mo-
ral erzeugt. Mit solchen Fragen wird unterstellt, daß der Befragte
keine Wertvorstellungen und keine Moral hat. Der - scheinbar -
Mächtige (in Wirklichkeit ist die Mutter wahrscheinlich eine be-
sonders ich-schwache Person und hat deshalb solche Umgangs-
formen nötig) weckt mit diesem (Herrschafts-)Trick dumpfe
Schuldgefühle, die die Entfaltung des eigenen Willens behindern.
Durch die damit entstehende Ohnmacht binden sie zugleich an
die Person des »Mächtigen« (die Mutter), auf die C. angewiesen
ist.
Mit dem »I. Experiment« untersucht C. die Möglichkeit einer
Rollenvariation, einer Alternative. Wenn herauskäme, daß ein
solches entgegengesetztes Verhalten möglich ist, so ließen sich die
unklaren, abhängig machenden Schuldgefühle vielleicht überwin-
den. Die Schuldzuschreibung ließe sich berechtigt umkehren. Mit
dem »2. Experiment« probiert C. eine Art Doppelstrategie: Sie
will mit ihrer auf den ersten Blick nur polemisch wirkenden Frage
a) herausfinden, ob die »Beamten« (d. h. die ehemals bzw. nor-
malerweise Mächtigen) nicht doch »Wertvorstellungen«, also eine
begründbare Moral haben - mit ihnen könnte sie sich dann aus-
einandersetzen, vielleicht identifizieren und auf diese Weise selbst
an Identität gewinnen. Im Spiel verfolgt sie mit dieser Frage b)
zugleich (vorbewußt) das Ziel, falls eine »positive« Moral nicht
deutlich wird, nachzuweisen, daß die »Beamten« - aus der Per-
spektive der Unterdrückten, zu denen C. sich zählt - unmoralisch
gehandelt haben; gelänge ihr dieser Nachweis, so wäre damit si-
cher ebenfalls eine Steigerung ihres Selbstwertgefühls verbunden,
also ein Stückchen Ohnmacht beseitigt.
Da jedoch beide Experimente erfolglos bleiben
27
, nimmt C. nach
Spiel-Ende eine Verallgemeinerung vor, die ihr Selbstverständnis,
daß »man« gegen diesen Trick nichts machen kann, bestätigt. Die
von ihr aufgrund solcher Alltagserlebnisse formulierte Alltagsre-
gel »Die Leute können mit dir machen, was sie wollen« (wenn du
in eine Situation der Ohnmacht kommst bzw. an Macht verlierst),
wird in der Übertragung auf die Spielsituation bestätigt. Wir hat-
ten nicht die Gelegenheit, C. nach diesem Spiel in Alltagssituatio-
nen zu erleben bzw. in Situationen, in denen es um die Beurtei-
lung oder gar Entscheidung politischer Fragen geht. In Kenntnis
der Mechanismen des Alltagsbewußtseins liegt jedoch die Vermu-
tung nahe, daß C. ihre (nicht ausdrücklich formulierte) Schlußfol-
gerung: »Verhindere unter allen Umständen, daß du in eine Situa-
tion der Ohnmacht kommst!« auf solche Situationen - etwa im
Bereich   e r ~ internationalen Beziehungen - ungeprüft und viel-
leicht unberechtigt übertragen wird.
In diesem Fall ist es also nicht gelungen, Alltagsbewußtsein für
neue Erfahrungen zu öffnen, im Gegenteil: Eine Verfestigung ist
das Ergebnis gewesen. Die Analyse
28
des Spielverlaufs zeigt aber
zugleich, daß die Möglichkeit zu einer solchen Öffnung bei viel-
leicht nur geringfügig anderem Verhalten der Pädagogen durch-
aus gegeben war - z. B. wenn der vorzeitige Abbruch der Szene
durch die »Beamten« (die sich in die Enge getrieben fühlten) ver-
hindert worden wäre. C. hat mit ihren vorbewußten Experimen-
ten der Rollenvariation und des Perspektivenwechsels selbst die
ersten erforderlichen Schritte in diese Richtung getan.
Da es sich um vo.rbewußte Schritte handelt, nehmen wir an, daß
solche Experimente nicht nur im Rahmen der künstlichen Situa-
tion »Theaterseminar«, sondern auch im Alltag stattfinden. Auf-
, gabe der Friedenspädagogik ist es, an Experimente dieser Art an-
zuknüpfen und durch entsprechendes Arrangement dafür zu sor-
gen, daß sie wirklich zu Ende gebracht werden können. Das setzt
18
4
allerdings voraus, daß man als Pädagoge diese vorbewußten Ex-
perimentierformen kennt und im Vollzug rasch genug erkennt.
29
Das war hier noch nicht der Fall.
Solche vorbewußten Experimente lassen sich als (erste) »Spuren
von Friedenslernen« identifizieren, die zu suchen Horst Rumpf
der Friedenspädagogik aufgegeben hat
30
- winzige Spuren gewiß,
und winzige, aber notwendige Schritte der Friedenspädagogik.
Wenn unsere Schlußfolgerung richtig ist, so ergibt sich daraus
eine Modifizierung der Theorie des Alltagsbewußtseins in der
Formulierung von LeithäuseriVolmerg: Es ist dann (noch?) nicht
so hermetisch verriegelt, wie die Theorie nahelegt (» ... keine
schrittweise Anreicherung« durch Erfahrungen, s. oben S. 172).
Das Alltagsbewußtsein ist nicht nur das falsche, aufzulösende,
sondern enthält selbst schon zumindest die »Keime« für seine
Überwindung. Auch im Alltag findet noch immer »Lernen« statt
trotz der (5. 176) - richtig? - beschriebenen historischen Tenden-
zen. Nicht nur das Bewußtsein der Alltagsregeln und Übertra-
gungen - der Weg, den Leithäuser/Volmerg gehen
3
! - ist für eine
am Alltagshewußtsein ansetzende Pädagogik sinnvoll, sondern
auch das Verstärken und das Entfalten jener Ansätze, die sich im
Alltagsbewußtsein selbst entwickeln. Voraussetzung ist aller-
dings, daß die Möglichkeit einer Unterwerfung dieser Ansätze
unter die geschilderten Mechanismen bei pädagogischen Aktio-
nen stets mitgedacht und in Rechnung gestellt wird.
Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob »Alltagsbewußtsein« in der Form,
wie es bei Leithäuser/Volmerg konstruiert wird, nicht ein zu rigides Kon-
zept darstellt, ob es seine theoretische Geschlossenheit nicht durch defi-
nitorische Ausgrenzung erhält. Scheinbar allmältliche und gleitende, aber
auf u. U. winzigen Experimenten und Lernschritten beruhende subjektive
Problematisierungen gesellschaftlicher Phänomene, also ein Lernen im
Alltag, werden per Definition dem Bereich der »thematischen Orientie-
rung« zugeordnet, die nicht mehr Bestandteil des Alltagsbewußtseins sein
soll. Dem scheinen einzelne Formulierungen bei LeithäuserNolmerg zu
widersprechen, z. B.: »Die thematische Orientierung ist nicht abstrakt zu
bestimmen. Auch sie ist gleichermaßen Resultat von Sozialisationsprozes-
sen, steht im Wechselverhältnis von >alltagspraktisch gebildeten Struktu-
ren< . und >vorgegebenen, übernommenen, depositären Strukturen«<32.
Doch bleibt unklar, wie denn nun genau Alltagsbewußtsein und themati-
sche Orientierung miteinander verzahnt sind oder ineinander übergehen.
Vielleicht können die von uns beobachteten vorbewußten Experimente
diese »Verzahnung« in einem ersten Annälterungsschritt etwas beleuch-
ten. Eine solche genauere Untersuchung der Verzahnungsstelle scheint
uns notwendig, weil andernfalls leicht ein »Entweder-Oder« entsteht, das
- von den Autoren sicher nicht beabsichtigt - zu der Annahme verführt,
man könne Alltagsbewußtsein durch entsprechende Reflexion der All-
tagsregeln »ein für allemal« hinter sich lassen. Dies dürfte aber selbst Wis-
senschaftlern, die sich professionell mit diesem Gegenstand befassen,
nicht möglich sein; auch wir bedürfen in jedem neuen Handlungszusam-
menhang immer neuer, jeweils situations bezogener Anstrengung.
Von der latenten Problembearbeitung zur Thematisierung
Es sind indessen nicht nur die Formen vorbewußten Experimen-
tierens und Suchens, an die pädagogisch anzuknüpfen ist, sondern
auch die Inhalte. Dabei handelt es sich nicht um das Routinehan-
deln, sondern um den thematisierungsfähigen, der Sinndeutung
zugänglichen Anteil des Alltagsbewußtseins. Im Unterschied zu
LeithäuseriVolmerg sehen wir aber in diesem Anteil ebenso wie
in jenen Experimentierformen eine im Alltagsbewußtsein selbst
angelegte Bewegung zu seiner (teilweisen) Aufhebung.
Wir haben in den Szenen (2), (3) und (6) Beispiele dafür kennen-
gelernt, wie Teilnehmer im Spiel der Theaterszene eine be-
stimmte, für sie aktuell bedeutsame subjektive Lebensproblema-
tik wiederfinden. Dabei sind unterschiedliche Stufen der »La-
tenz« des Problems sichtbar geworden, d. h. der Art, wie das
Problem die Teilnehmer »untergründig«, ihnen selbst nur dunkel
bewußt, beschäftigt. Die einen sind ihm schon so weit auf der
Spur, daß sie es »inszenieren« und dann in der Erklärung und
Begründung der Inszenierung auch verbal entfalten können (die
Erfinder der »Genossenfassung«, Szene 3); die anderen finden
entweder gar nicht zu einer kommunikativen Reflexion über das
Thema (C. in der »umgekehrten« Beamtenszene) oder erst im
Anschluß an das Seminar (die Darstellerin des Fliegers im Spiel
mit Masken, Szene 2a).
Gerade der letzte Fall lehrt aber auch, wie behutsam man in der
Bewertung gruppenöffentlicher Äußerungen sein muß: Erst bei
der nachträglichen Analyse der Tonband- und Videomitschnitte
wurde deutlich, wie oft die Darstellerin in den Reflexionsphasen
dieses Seminars in allgemeiner, scheinbar abstrakter Form von
dem Problem der Gleichgültigkeit gesprochen hat. Daß es sich um
186
ein für sie »hautnahes« Problem handelte, haben wir im Seminar
selbst nur nicht gemerkt. Nun rauft man sich als Theaterpädagoge
zwar manchmal ob der eigenen Blindheit nachher die Haare; aber
das ist nicht unbedingt der Sinn dieser Seminare. Ihr »setting« ist
mit voller Absicht so gewählt, daß auch solche verdeckten Pro-
blembearbeitungen möglich sind.
33
Während in rein verbalen Ver-
ständigungsprozessen (Gruppendiskussionen
34
usw.) der Kon-
sensdruck der Gruppe, die Einpassung in den »Horizont« der
sozialen Situation mit dem »Unterbau« der Angstabwehr, eine
Thematisierung individuell bedeutsamer Probleme oft verhindert,
gibt das Theaterspielen mehr Freiheit: Zwar stellt sich auch hier
auf der verbalen Ebene nach einer »Verhandlungsphase« oft ein
gewisses Einverständnis her. (Auch die Bestimmung eines ge-
meinsamen Untersuchungsinteresses wie »Angst vor unbekann-
ten Situationen« hat damit zu tun, Szene 6a.) Aber unter dem
schützenden Schirm dieses (Schein-)Konsenses können in der
Form des Spiels auch und gerade solche Probleme behandelt wer-
den, die in der Gruppensituation (noch) nicht zur Sprache ge-
bracht und differenziert durchgearbeitet werden können. Das
liegt weniger an dem Charakter des Spiels als »Nicht-Ernst«35,
sondern hat u. a. mit den ungleich breiteren Deutungsmöglichkei-
ten für Gesten, Körperhaltungen und Tonfälle zu tun.
Die damit verstärkte Möglichkeit, im Rahmen der Spielgruppe
das jeweils eigene, subjektive Thema zu verfolgen
36
, veranlaßt
uns, in den Beispielen des vorliegenden Aufsatzes in erster Linie
aus der Perspektive einzelner Seminarteilnehmer zu berichten und
nicht Gruppenprozesse zu beschreiben:
37
Lernen muß letztlich
der' einzelne, selbst und für sich. Und wirkliches Lernen muß
deshalb auch für den einzelnen, nicht nur für die Gruppe nachge-
wiesen werden. Damit soll jedoch nicht etwa gesagt sein, daß der
einzelne als einzelner lerne; im Gegenteil, er braucht die Gruppe,
und als Theaterpädagogen haben wir es mit Gruppen zu tun. Aber
nur dann, wenn der einzelne innerhalb der Gruppe in der jeweils
für ihn, für sein individuelles Bewußtsein angemessenen Weise an
für ihn lebensgeschichtlich relevanten Problemen arbeiten und
daran über gesellschaftliche Zusammenhänge lernen kann, darf
angenommen werden, daß es sich um mehr handelt als eine bloße
Anpassung an eine veränderte soziale Situation, die bei nächster
Gelegenheit durch eine andere Anpassung mit entgegengesetztem
Inhalt ersetzt werden kann. Ein theaterpädagogisches Seminar ist
eine Gratwanderung: Auf der einen Seite droht, bei zu starkem
Bestehen auf Verbalisierung, der Absturz in den Konsensdruck
und alle damit verbundenen Folgen für die (Re-)Konstitution von
Alltagsbewußtsein; auf der anderen Seite besteht die Gefahr, daß
durch fehlende Reflexion und Versprachlichung die subjektive
Suche und Problembearbeitung latent bleibt und damit, wie in
Szene (6), u. U. ebenfalls zur Verfestigung des Alltagsbewußtseins
führt.
Die folgende Szene ist ein weiteres Beispiel für eine zunächst
weder von der Teilnehmergruppe noch von uns verstandene indi-
viduelle Problembearbeitung, die diesmal jedoch am Ende des
Seminars auf eine pädagogische Intervention hin auch zur Sprache
gebracht wird.
Szene (7a): Auch in einer anderen Gruppe - Schülerinnen aus Haupt-,
Realschule und Gymnasium - geht es um das Helfen. Wir spielen eine
Szene aus einem Stück, das Brecht als »Konkretisierung des >Jasagers<<<
bezeichnete: Die Maßnahme
38
: Chinesische Kulis ziehen einen Kahn mit
Reis den Fluß hinauf. Sie werden von einem Aufseher mit der Peitsche
angetrieben, vor allem, wenn sie im Uferschlamm ausrutschen. Ein »jun-
ger Genosse« (wir nannten ihn im Seminar »jüngster Aufklärer«, um eine
Ablenkung vom Wesentlichen durch Assoziationen an Parteisprache zu
vermeiden) will die Kulis dazu bewegen, als ersten Schritt zur Verände-
rung ihrer Situation rutschfeste Schuhe zu fordern. Da er ihr Leiden nicht
ertragen kann, versucht er, ihnen direkt zu helfen, indem er den Ausge-
rutschten jeweils einen Stein vor die Füße legt. Als er keine Kraft mehr
dazu hat, wird er von den Kulis verlacht und kann vom Aufseher verjagt
werden.
Die Szene ist den meisten Schülerinnen zunächst sehr fremd, sehr
fern. Wir spielen sie mehrfach durch, aber außer Kritik an der
Darstellungsweise (»zu laseh«), die von den Kritisierten als verlet-
zend empfunden wird, kommt in den Reflexionsphasen nur we-
nig. Um so interessierter sind die Teilnehmerinnen an den ver-
schiedenen Spielen und Übungen, die wir einschieben. Am dritten
Tag schlagen wir folgende kleine Haltungsübung vor:
Szene (7b): A., eine Sek-II-Schülerin, wird von uns aufgefordert, sich auf
eine für sie typische Weise auf einen Stuhl zu setzen; drei andere Teilneh-
merinnen versuchen, sie nachzuahmen. Dabei bringt A. - mit übereinan-
dergeschlagenen Beinen, die linke Hand ganz leicht an den Kopf gelehnt,
den Blick in eine unbestimmte Ferne gerichtet - eine so unglaubliche
Teilnahmslosigkeit und mit so erstaunlicher Ausdauer zum Ausdruck,
188
daß es beklemmend mitanzusehen ist. Auch nach dieser Übung verharrt
sie zunächst während der Vorbesprechung für die Parallelszene (7C) über
eine Stunde in diesem Zustand trauriger Apathie, von der Züge schon seit
Beginn des Kurses zu spüren waren.
Nach der Haltungsübung teilen wir uns in zwei Kleingruppen
auf. Wir regen - unter Rückgriff auf Ansätze, die vorher schon
gelegentlich von einzelnen Schülerinnen gemacht worden waren-
an, die Brecht-Szene (7a) in die eigene Lebenswelt zu überset-
zen:
Szene (7e): Eine Klassensprecherin (»jüngster Aufklärer«) versucht, die
Klasse (»Kulis«) dazu zu bewegen, sich gegen den despotischen und geist-
tötenden Unterricht eines Lehrers (»Aufseher«) zur Wehr zu setzen, unter
dem alle zugegebenermaßen leiden. (Daß sie vielleicht selbst Anteil an
dieser Situation haben, bleibt ausgeklammert.) A. zeigt während der Ent-
wicklung dieser Szene in der Vorbesprechung plötzlich Interesse, die
Klassensprecherin darzustellen, die sie als »Revoluzzer« bezeichnet. Sie
führt dann im Spiel zwar eine Abstimmung darüber durch, ob die Klasse
will, daß man dem Lehrer gegenüber die Sache zur Sprache bringt, aber
dann läßt sie sich, statt mit der Klasse gemeinsam etwas zu tun, allein
vorschicken und wird dabei, als sie nicht »ankommt«, aggressiv und aus-
fällig gegen den Lehrer. Dieser kann sie daraufhin ohne Protest der Mit-
schüler, die sich anschließend regelrecht anbiedern, aus der Klasse verwei-
sen.
Am auffälligsten bei diesem mehrfach in Variationen wiederhol-
ten Spiel war das Verhalten von A., und zwar deshalb, weil es in
krassem Gegensatz zu dem stand, was sie in der Haltungsübung
zuvor gezeigt hatte. Auf die Apathie, die sie noch in der Vorbe-
sprechung beherrscht hatte, folgte mit einemmal eine aktive und
geradezu leidenschaftliche Haltung.
Zwei Tage später, in der gemeinsamen Schlußbesprechung,
konnte A., von uns auf diesen Gegensatz angesprochen, selbst
diesen Vorgang erklären: Sie war tatsächlich lange Klassenspre-
cherin gewesen, hatte immer wieder versucht, durch engagiertes
Eintreten für die Klasse deren Situation zu verbessern - mit dem
Ergebnis, daß die Klasse erst recht inaktiv geworden war. Dieses
noch unverstandene Scheitern belastete sie, war zu einem Lebens-
problem geworden, das sie ins Seminar mitbrachte, hatte sich in
Mutlosigkeit, Resignation und (noch schmerzhafte) Apathie um-
gesetzt. Durch die Realisierung des Brecht-Textes in wechselnden
Rollen, die intensiv erlebte, sozusagen in Zeitlupe vorgestellte
Körperhaltung in der Übung und die ebenso sinnliche Vergegen-
wärtigung der leidenschaftlichen Aktivität von früher konnte sie
begreifen und - dicht an ihrem eigenen Erlebnis bleibend, aber
doch abstrahierend - formulieren, worauf es ankommt: Gegen
Gewalt von »Aufsehern« hilft nicht Stellvertreter-Politik, son-
dern nur Hilfe zur Solidarität, zum gemeinsamen Handeln. (Die
war in weiteren Spielversuchen mit der Schulszene auch erfolg-
reich geprobt )Vorden - das Textmuster der Brecht-Szene wurde
dabei mit alternativen Schlüssen versehen.) Ein generelles Inter-
esse für soziale Vorgänge und Kämpfe dieser Art war geweckt.
Drei Monate später wählte A. in der Schule einen entsprechenden
Leistungskurs im Fall Sozialkunde. Die Apathie war gebrochen. -
Es ließe sich zeigen, daß andere Teilnehmer des gleichen Kurses
an ganz anderen Problemen gearbeitet haben, z. B. (unter Ver-
wendung einer anderen Parallelszene) an der Problematik von
Cliquen-Strukturen, der Fixierung auf einen »Anführer« und der
Schwierigkeit, solche Strukturen aufzubrechen.
Der Lernprozeß der Schülerin A. ist für uns indessen noch aus
einem anderen Grunde interessant. Er zeigt, wie Erfahrungsbil-
dung vor sich gehen kann. Der Prozeß hatte drei Stufen: I. die
latente Problematisierung einer traditionellen Vorstellung (hier:
den Schwächeren muß in jedem Fall sofort geholfen werden)
durch eine Reihe von Alltagserlebnissen; 2. die Zuspitzung dieser
Problematisierung durch den sinnlich, mit dem ganzen Leib er-
lebten Gegensatz zwischen den Haltungen vor und nach jenen
Erlebnissen und die damit verbundene starke Emotionalität; 3. die
gedankliche Durchdringung des Vorgangs, die in der Regel auch
mit einer Verbalisierung, einem kommunikativen Akt verbunden
ist. - Die Thematisierung konnte stattfinden, weil das Problem
durch die scharfe, unmittelbare Konfrontation der beiden Kör-
perhaltungen zugleich sinnlich-sinnfällig verdichtet, emotional
aufgeladen und in der Veräußerung der gemeinsamen Spielaktion
vor der Folie des Brechtschen Textmusters verfremdet und distan-
ziert werden konnte - wozu sicher auch die nicht alltägliche, ent-
konventionalisierte Situation eines Theaterseminars in einer unbe-
kannten Bildungsstätte mit vielen unbekannten Menschen beige-
tragen hat. .
Die erste Stufe stellt sich im Alltagsleben ein oder nicht; wenn
solche latenten Problematisierungen ausblieben, wäre auch päd-
agogisch nichts zu machen. Wir haben aber aufgrund unserer Se-
minarerfahrung keinen Grund anzunehmen, daß die Mechanis-
men des Alltagsbewußtseins bereits eine solche Beunruhigung,
eine solche Latenz verhindern. Die Entwicklung der zweiten und
dritten Stufe dagegen kann durch pädagogische Maßnahmen be-
günstigt und befördert werden. Beide Stufen scheinen uns gleich
wichtig zu sein. So sicher ein Erlebnis nicht zur Erfahrung gewor-
den ist, solange es nicht in seinem Bedingungsgefüge durchdacht
ist
39
, So wichtig scheint uns für tiefergreifende Veränderungen
subjektiver Orientierungen jene sinnliche Dichte der zweiten
Stufe zu sein, die durch Distanz zum Alltäglichen bei gleichzeiti-
ger starker emotionaler Vergegenwärtigung, durch Verfremdung
des Gewohnten und Zuspitzung des Problems den Reflexions-
prozeß vorbereitet. Ohne die Lustgefühle, die mit der Verleben-
digung der »früheren« leidenschaftlichen Haltung in Szene (7)
verbunden wurden, wäre jene Thematisierung kaum möglich ge-
wesen.·
Damit gewinnt der Erfahrungsbegriff wieder etwas von seiner
umgangssprachlichen Bedeutung zurück, ohne die wissenschaft-
lich-philosophische zu verlieren: Umgangssprachlich werden ja
Erfahrung und Erlebnis kaum auseinandergehalten, und wenn
von Erfahrungen die Rede ist, so klingt dabei immer (selbst wenn
es negative sind) ein Oberton von Unmittelbarkeit und der Lust
der Gewißheit, von der Freude am Selbst-Erlebten mit. Man hat
sich mit seiner Sinnlichkeit, mit der ganzen, nicht nur der denken-
den Person einer Situation ausgesetzt; man war selbst, körperlich,
»dabei«. Sogar für das Denken des Gelehrten, der begeistert von
seinen »geistigen« Erfahrungen berichtet, hat das Licht seiner Stu-
dierstube, ihre besondere Ordnung und Ruhe, eine bestimmte
körperliche Verfassung, die Bequemlichkeit oder Unbequemlich-
keit seines Sitzes eine (selten eingestandene) Bedeutung.
Im Hinblick auf die zweite Stufe des beschriebenen Lernprozes-
ses ist demnach die Theorie des Alltagsbewußtseins in der Formu-
lierung von LeithäuserNolmerg zu ergänzen. Es fällt auf, daß in
ihr Emotionalität nur in der Form von Angst oder Empörung
bzw. als Einsicht verstellendes, regressives Bedürfnis vorkommt.
Altertümliche Wörter wie Freude, Lust, Spaß, Spannung, Begei-
sterung finden keine Verwendung in diesem Begriffsgebäude.
Eine Öffnung des Alltagsbewußtseins ist aber ohne solche Quali-
täten u.E. nicht möglich, die im Alltag, zumindest als Wunsch, ja
oft eine zentrale Rolle spielen. Auch in bezug auf die dritte Stufe
scheint uns, ausgehend von Szene (7), eine Korrektur, vielleicht
auch nur eine Präzisierung angebracht: Die gedankliche Durch-
dringung, die Thematisierung, schließt u. E. immer auch eine Ver-
allgemeinerung ein, eine Verbreiterung und Übertragung des Er-
lebnisses auf einen größeren Zusammenhang. »Übertragung« ist
nicht nur ein zentraler Mechanismus des bornierten Alltagsbe-
wußtseins; es gibt auch notwendige und richtige Verallgemeine-
rungen und Übertragungen, ohne die eine Erkenntnis größerer
gesellschaftlicher Zusammenhänge gar nicht möglich wäre. Ent-
scheidend ist, ob die Bedingungen der Übertragbarkeit reflektiert
werden und ob die Übertragung sich »unbewußt« durchsetzt oder
bewußt, reflektiert vorgenommen wird.
Erfahrung, Sinnlichkeit und Gewalt
Was haben diese Feststellungen nun mit der Gewaltproblematik
zu tun?
Wir gehen davon aus, daß nicht nur die schon am Beispiel der
Direktor-Szene (5) diskutierte inhaltliche Verklammerung von
Hilfe und Gewalt
40
dazu berechtigt, die Klassensprecher-Szene
(7) in diesem Zusammenhang anzuführen, sondern die Tatsache
der Erfahrungsbildung selber, also unabhängig von diesem Inhalt.
Die Zerstückelung des Erfahrungszusammenhangs und die Ver-
ringerung der Erfahrungsmöglichkeiten führen selbst zur Gewalt-
anwendung. Menschen greifen in sie belastenden, Angst oder Wut
erregenden Situationen um so leichter und schneller zur Gewalt,
je weniger sie über Erfahrungen, reflektierte und verarbeitete Er-
lebnisse verfügen.
Erst ein gewisser Reichtum an Erfahrungen der Art, wie sie in
Szene (7) beschrieben wurden, und damit einhergehend eine dif-
ferenziertere Gesellschaftswahrnehmung verleihen die Stärke und
innere Festigkeit, die nötig sind, um dem Schein der Unmittelbar-
keit bzw. unmittelbarer Lösungen (»Wir verhindern die Rodung
des Frankfurter Stadtwalds jetzt!«) nicht aufzusitzen und Hand-
lungen an ihren langfristigen Wirkungen zu messen. Nicht nur die
Zerstörung des Erfahrungszusammenhangs nach seiner reflexiven
Seite hin disponiert zur Gewalt, sondern auch das Faktum, daß
Unmittelbarkeit, direkte, körpergegenwärtige Teilhabe an rele-
vanten Entscheidungsprozessen und generell sinnliche Qualitäten
schrumpfen.
Horst Rumpf hat kürzlich - gestützt auf Arbeiten v. a. von Elias,
Rittner, Buytendijk, Spitz, Straus und Langer - eindringlich das
Schicksal der menschlichen Smnlichkeit im Prozeß der Zivilisa-
tion nachgezeichnet, v. a. soweit er von der Schule getragen
wurde und wird.41 Er hat nach den Kosten der Abdrängung von
Sinnlichkeit ins Private, der zunehmenden Abschottung gegen
»das chaotische, das verwirrende, das physiognomische und das
Identifikation stiftende Element« gefragt. Die Welt verliert, so
stellt er fest, der Tendenz nach physiognomische, sprich gestalt-
hafte Züge. Instanzen werden aufgebaut, nicht zuletzt durch die
Schule, die »gegen die übermächtige Bedeutung der hier und jetzt
spürbaren sinnlichen Begebnisse« feien.
42
Mit zahlreichen Beob-
achtungen an Kindern von heute, aber auch an Beispielen frühe-
ren Verhaltens am eigenen Leib (sehr eindrucksvoll bei Hölderlin)
zeigt Rumpf, daß die Sinnlichkeit nicht nur bloße »Vorausset-
zung« der Erfahrung ist, die leicht durch anderes zu ersetzen
wäre, sondern ihre Form und ihr Medium.
43
»Lebend in meiner
als natürlich angetroffenen Welt erfahre ich aber meinen eigenen
Leib als das, woraus Empfindungen, Wahrnehmungen, Stimmun-
gen, Gefühle, Neigungen aufwallen - und durch das bewußtes
persönliches Denken und Wollen möglich sind.« (Buytendijk)44
Empfindungen und körperliche Bewegungen etwa hängen aufs
engste zusammen, und die Empfindungen haben ein Eigenge-
wicht, sind nicht bloß »Bausteine der Erkenntnis«.45 Die »Einstu-
dierung des Körpers«, seine. Abrichtung als Instrument, findet
jedoch nicht nur in der Schule statt. Wenn Rumpf feststellt, daß
man heute »13 oder 18 Jahre als SchUler, als Student in unseren
Bildungseinrichtungen hauptberuflich beschult, instruiert, ausge-
bildet werden (kann), ohne jemals mit eigenen Händen, aus eige-
ner Kraft, aufgrund der Erfahrungen der eigenen Sinne und der
daran geknüpften Gedanken etwas Handgreifliches getan, gestal-
tet, hergestellt, begriffen zu haben«46, so ist dieser Zustand auch
eine Folge der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung, die
wir oben (S. 176) schon angedeutet haben: die Zerstückelung der
Arbeitsprozesse sowie ihre »Entmaterialisierung« und »Vernerv-
lichung«, die Verschiebung von eigenen zu Sekundärerfahrungen
über die Medien, die Uniformierung und Industrialisierung der
menschlichen Verkehrsformen bis hin zum vergleichsweise ein-
193
förmigen Einkauf im Supermarkt, kurz, die fortschreitende »Ra-
tionalisierung« der Lebenswelt auf Kosten der »expressiven und
kommunikativen Bedürfnisse«.47
Die gewaltsame Revolte gegen diese Verkümmerung der
menschlichen Sinnlichkeit und damit a,uch Erfahrungsfähigkeit
liegt nur zu nahe. Je stärker die Tendenz zur Entsinnlichung,
desto stärker das »Bedürfnis nach Unmittelbarkeit« und Entdiffe-
renzierung, das in Gewalt umschlägt. Kommen andere Faktoren
wie verstärkte Arbeitslosigkeit hinzu, so kann dieser Umschlag
enorme politische Bedeutung gewinnen. Klaus Horn führt den
Zulauf zu den Nazis Ende der zwanziger Jahre auch auf dieses
gesellschaftlich produzierte, mit »Blut, Schweiß und Tränen« im
Straßenkampf scheinbar zu befriedigende überstarke Bedürfnis
zurück.
48
Am Beispiel der deutschen Freikorps, die nach Unter-
zeichnung des Versailler Friedensvertrags im Baltikum »erschlu-
gen, was uns in die Hände fiel«, und »verbrannten, was brennbar
war«, verdeutlicht Norbert Elias den Zusammenhang zwischen
einem Verlust an Sinnhaftigkeit, der Suche nach einem freien und
ungebundenen, die Sinne ansprechenden Leben und der Gewalt,
die dann später von der NSDAP im großen Maßstab organisiert
wurde.
49
Waren es damals vorwiegend die mangelnden politi-
schen Teilhabe-Möglichkeiten bzw. für die ehemaligen Frontsol-
daten des Ersten Weltkriegs der plötzliche Status-Verlust nach der
Niederlage und die aus ihrer Sicht unübersehbar komplex gewor-
denen politischen Verhältnisse, die dieses Bedürfnis nach Unmit-
telbarkeitproduziert haben, so ist die menschliche Sinnlichkeit
heute von fast allen Seiten bedroht. Von daher mögen die Kon-
struktion von Hüttendörfern auf besetzten Bauplätzen und viel-
fache andere Formen, einer »ursprünglicheren« Sinnlichkeit wie-
der habhaft zu werden, in einem anderen Licht erscheinen.
Die Pädagogik kann der Tendenz zur Gewalt, die aus der Ver-
kümmerung und Einengung der Sinnlichkeit entspringt, nicht al-
lein entgegenwirken oder sie· gar kompensieren. Aber sie kann
einen (bescheidenen) Beitrag zu solcher Gegensteuerung leisten,
indem sie subjektive Sinnfindung und Differenzierung der Erfah-
rung bewußt mit sinnlich-sinnfälligen Vorgängen und Erlebnissen
verknüpft, in denen die »Aufwallungen des Körpers« ihr volles
Recht haben. Die geschilderten Szenen, insbesondere die siebte,
sind Versuche in dieser Richtung. Dabei ist uns wichtig, daß die
drei »Stufen« des beschriebenen Lernprozesses nicht so verstan-
194
den werden, als ob die zweite, die der sinnlichen Vergegenwärti-
gung, in der dritten, reflexiven, aufgehoben und ausgelöscht
werde. Im Gegenteil, die auf der dritten Stufe gewonnene Erfah-
rung wird rückwirkend sogleich wieder in das »präsentative Sym-
bol« (Langer)50 der ausgestellten und erlebten Körperhaltungen
übersetzt und in dieser Form im Gedächtnis aufbewahrt. Das re-
flexive Element der Erfahrung, die Thematisierung, bleibt mit
dem sinnlich-affektiven eng verknüpft.
Sensibilisierung für Gewalt, Alternativen
Erfahrungsbildung ist zwar eine notwendige, aber sicher keine
hinreichende Bedingung dafür, daß gewaltsame Lösungen in po-
litischen Auseinandersetzungen überwunden werden. Andern-
falls müßten vergangene Zeiten, in denen die Erfahrungsbildung
und vor allem die Herstellung eines Erfahrungs-Zusammenhangs
noch leichter möglich waren, ein niedrigeres Gewaltniveau auf-
weisen. (Dies ist zwar für die strukturelle Gewalt etwa im Nord-
Süd-Verhältnis und für die gigantische Anhäufung von Zerstö-
rungsmitteln, also potentielle Gewalt, plausibel, nicht jedoch für
die personale Gewalt; man denke nur an die Mordintrigen an den
Höfen des späten Mittelalters und der Renaissance.) Die direkte
Thematisierung von Gewalt muß also zur Erfahrungsbildung hin-
zukommen, und zwar auch und gerade derjenigen Gewalt, die in
uns selbst eingezogen ist. Und erst die entwickelte Industriege-
sellschaft ist es, die paradoxerweise eine solche umfassende, über
Minderheiten hinausgehende Problematisierung der Gewalt er-
laubt; denn durch die ungeahnten Eskalationsmöglichkeiten und
die extreme Verletzlichkeit komplexer Industrie-Systeme und
zentraler Versorgungsanlagen bedroht Gewalt heute auch in klei-
nerer Dosierung nicht mehr nur Teile, sondern das Ganze.
Ziel einer solchen Thematisierung ist es, die eigene Sensibilität
für Gewalt zu schärfen - erlittene wie selbst ausgeübte. Nur bei
hoher Sensibilität für das, was als Gewalt z. B. von einem politi-
schen Gegner wahrgenommen werden kann - und das sind kei-
neswegs nur Steine, Waffen, Bomben -, ist eine gewaltfreie poli-
tische Strategie überhaupt erfolgreich praktizierbar.
Szene (Ba): Nachdem die Gruppe, in der die »Genossenfassung« entstand,
auf der Textfolie des Jasagers etwa eine Woche lang Szenen improvisiert
195
hat, in der geheuchelte, verkarstete zwischenmenschliche Beziehungen
und ihre gewaltsamen Folgen im Mittelpunkt stehen, bieten wir ein ande-
res Textmuster an: die Groschenszene aus Der böse Baal, der Asoziale, die
in anderer Form auch als Keuner-Geschichte vom »hilflosen Knaben« be-
kannt ist:
51
Ein Junge hat zwei Groschen; einen davon nimmt ihm ein
anderer weg. Als er dies, sich beklagend, zwei nicht näher charakterisier-
ten Herren erzählt - »Baal« und »Lupo« -, nehmen die ihm auch den
zweiten Groschen, nachdem Baal sich vorher scheinbar vorsorglich-
freundlich erkundigt hat, ob der Knabe nicht lauter schreien könne. Der
Raub auch des letzten Groschens entspreche dem »gewöhnlichen Aus-
gang aller Appelle der Schwachen«. Diese Szene wird mehrfach in ver-
schiedenen Variationen gespielt, in denen jeweils der Knabe verdattert und
hilflos am Ende zurückbleibt.
In einer anschließenden Erzählphase erinnern sich die Teilnehmer
an »ähnliche« Begebenheiten und Situationen, in denen sie entwe-
der in der Rolle des schwachen Knaben waren oder aber auch
selbst sich »baalisch« gegenüber Mitschülern oder Freunden ver-
halten hatten. Dabei wird teilweise offen Partei für Baal ergriffen.
Die Teilnehmer formulieren den Merksatz (die »Alltagsregel«):
»Es lohnt sich nicht, seine Gefühle zu zeigen, da Schwäche von
anderen ausgebeutet wird.« Brecht habe recht, dies sei der »ge-
wöhnliche Ausgang« solcher Appelle an das Mitleid, und einfühl-
same Hilfe ohne Heuchelei sei eine Ausnahme. Nach der Formu-
lierung dieses Merksatzes erfinden die Teilnehmer folgende All-
tagsszene:
Szene (8b): Einem Mädchen ist gerade der Freund davongelaufen. Ihre
Situation eingestandener Schwäche wird durch einen Bekannten ausge-
nutzt. Anschließend an dieses Rollenspiel suchen die Teilnehmer gemein-
sam nach veränderten Verhaltensmöglichkeiten für den »Knaben« in der
Baal-Szene (8a). Dabei fallen ihnen auf dem Hintergrund dieses »Bekennt-
nisses« zur Gewalt nur gewaltsame Lösungen ein: Z. B. wird der Brecht-
Szene eine vierte Figur hinzugefügt, die dann von dem Knaben bestohlen
wird. Er hat die »Lektion« Baals gelernt ... Dieser Lösungsvorschlag
wird zwar kontrovers diskutiert, aber doch mehrheitlich als durchaus nor-
mal und realistisch akzeptiert.
Der Vorgang ist ambivalent. Er enthält einerseits die Bestätigung
einer Alltagsregel, derzufolge Gewalt unvermeidbar ist, hinge-
nommen und selbst angewandt werden muß, wenn man überle-
ben will. Zum anderen aber ist mit diesem, die eigene Person
einbeziehenden Eingeständnis auch eine Sensibilisierung gegen-
über eigenen Gewaltneigungen verbunden, die durchaus ein neues
Moment für die Teilnehmer darstellt und ihr an herkömmlichen
Moralvorstellungen orientiertes Selbstbild erschüttert:
K. in der abschließenden Reflexionsphase zu dieser Szenenfolge : »Ich fand
das irgendwie ganz interessant ... was da aus einem selber so rauskam.
Das ist manchmal so animalisch, was einem da so einfällt, und ich glaube,
daß man zwei ganz verschiedene Leute in sich selbst hat, die ganz anders
reagieren können. Ich rede hier an sich auch immer gegen Gewalt, aber ich
weiß nicht genau, wie ich reagieren würde, wenn es auf mich zukommt ...
Ich kann immer noch nicht sagen, daß mir der Baal unsympathisch
ist.«
Diese Erschütterung, das ehrliche »Sich-selbst-auf-den-Grund-
Kommen«, war eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß im
folgenden die Alltagsregel in Frage gestellt, der Gruppenkonsens
aufgebrochen werden konnte. Das gelang in diesem Fall nicht auf
der Ebene des Spiels, sondern erstens durch verbale Intervention
der Pädagogen: Wir berichteten von den Ergebnissen und Vorge-
hensweisen einer anderen Gruppe, mit der wir thematisch ähnli-
che Szenen gespielt hatten. Diese Gruppe hatte sich zwar gele-
gentlich auch auf das Probieren und Agieren aggressiv-gewaltför-
miger Lösungen eingelassen, hatte aber ganz andere Handlungs-
konsequenzen gezogen, eine »Anerkennung« der gewaltförmigen
Realität strikt verweigert und war stets zur Erprobung »echter«
Hilfe, zur Suche nach menschlichen und gewaltlosen Lösungen
zurückgekehrt. Mit diesem ausführlichen Bericht war die »Natür-
lichkeit« der Realitätsdefinition durch die Baal-Gruppe erschüt-
tert, und in den folgenden Spielversuchen und Reflexionsphasen
artikulierte sich ein lebhaftes Interesse an den gesellschaftlichen
Ursachen, die zu so unterschiedlichen Orientierungen führen
können. Auch größere gesellschaftliche Zusammenhänge gerieten
dabei in den Blick; die Differenz von personaler und struktureller
Gewalt z. B. konnte thematisiert werden.
Verstärkt wurde die Relativierung des im Spiel zum Ausdruck
gebrachten Alltagsbewußtseins der Gruppe zweitens am Ende des
Kurses, als die Teilnehmer intensiv die Lern- und Lebensformen
im Theaterseminar mit denen in der Schule verglichen. Das lag
nahe, weil sie in diesem schulbegleitenden Seminar jeden Tag bei-
des erlebt hatten. In der gemeinsamen Reflexion darüber wurde
ihnen deutlich, daß sie während des Seminars ja selbst eine alter-
197
native Form des Umgangs miteinander erlebt hatten, in der nicht
geheuchelt und nicht mit Gewalt reagiert zu werden brauchte,
weil die gewohnten Rituale und Zwänge entfallen waren und un-
mittelbare, spontane und zwanglose Artikulation von Wahrneh-
mungen und Assoziationen, auch das Aussprechen »unmorali-
scher« Empfindungen (Baal), möglich war.
Die konkrete Erfahrung von Alternativen oder auch das be-
wußte Probieren und Experimentieren mit ihnen wie in der Tele-
fonzellen-Szene (4b), so winzig und scheinbar unbedeutend die
Alternativen auch zunächst seiri mögen, ist u. E. ein wichtiger
Faktor bei der notwendigen Sensibilisierung für Gewalt, und
zwar aus zwei Gründen.
Zum einen ist die erlebnismäßige Vergewisserung anderer Mög-
lichkeiten die Voraussetzung dafür, daß man sich der weiteren
Erforschung eines Gewaltzusammenhangs überhaupt stellen, den
damit verbundenen Schrecken aushalten, den eigenen Anteil
daran ohne Harmonisierung oder Sündenbock-Projektion thema-
tisieren kann. Die genauere Untersuchung der Entstehung von
gewaltträchtiger Routine in der Direktor-Szene (5) wäre nicht
möglich gewesen, wenn die Teilnehmer dieses Seminars sich
durch die Experimente mit alternativen Verhaltensweisen in der
Telefonzellen-Szene C4b) nicht gewissermaßen das psychische
Vermögen dazu erworben hätten. Und es ist diese Alternative,
nach der C. in der Beamten-Szene (6) gesucht hat.
Zum anderen scheint uns das Experimentieren mit Alternativen
auch aus einem theoretischen Grund erforderlich. Wenn »Sensi-
bilisierung für Gewalt« nicht mit der erst recht ohnmächtig ma-
chenden Feststellung enden soll, daß »alles« Gewalt ist - oder,
genauso problematisch, nur, was beim einzelnen zu einer bewuß-
ten Leidwahrnehmung führt -, so muß es irgendein subjektiv
praktikables Kriterium dafür geben, was Gewalt ist. Johan Gal-
tung hat versucht, ein objektives Kriterium zu entwickeln: »Ge-
walt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß
ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist
als ihre potentielle Verwirklichung.«52 Der oft erhobene Vorwurf,
dies Kriterium sei so allgemein, daß praktisch jedes gesellschaftli-
che Verhältnis darunter falle, ist zwar unzutreffend; das Gegenteil
ist der Fall: Nur dann, wenn die Differenz zwischen dem real
Möglichen, der »potentiellen Verwirklichung«, und dem Wirkli-
chen konkret wissenschaftlich nachgewiesen ist, wäre man nacli
Galtungs Kriterium berechtigt, von »struktureller Gewalt« zu re-
den. Aber das ist ein außerordentlich schwieriges Unterfangen.
Der komplexe Forschungsentwurf von Wolf-Dieter Narr, der
I973 versucht hat, Galtungs Ansatz historisch-politisch und öko-
nomisch auf die Bundesrepublik hin zu konkretisieren, ist unseres
Wissens bisher kaum eingelöst worden.
53
Nur in bezug auf die
Lebenserwartung im globalen Nord-Süd-Verhältnis ist struktu-
relle Gewalt bisher überhaupt tatsächlich gemessen worden, und
diese mit hohem methodischem und mathematischem Aufwand
durchgeführten Untersuchungen haben lediglich schon Bekanntes
bestätigt (nämlich, daß die Lebenszeit für die Menschen der Drit-
ten Welt aufgrund der äußeren Umstände kürzer ist als die der
Ersten).54 Der praktische Nutzen der Definition von Galtung, als
objektives Kriterium genommen, ist also bisher gering. Als sub-
jektives Kriterium gewendet, ist er dagegen - für die Friedenspä-
dagogik - groß. Man könnte eine Art »kategorischen Imperativ
für pädagogische Situationen« daraus gewinnen: »Rede so lange
nicht von Gewalt, bis du dich einer real möglichen Alternative
subjektiv vergewissert hast.« Dabei ist das Suchen nach Alterna-
tiven manchmal ebenso aufschlußreich wie das Finden. Auch das
Scheitern einer scheinbar alternativen Lösung kann einen Er-
kenntnisfortschritt bedeuten:
Szene (9): Im Badener Lehrstück vom Einverständnis folgt auf die oben
beschriebene Szene (ra) die »Untersuchung, ob der Mensch dem Men-
schen hilft«. In dieser Szene entscheidet sich der »Chor«, nachdem er von
der »Menge« lautstark dazu aufgefordert wurde, dem gestürzten Flieger
die Hilfe zu verweigern. Er wird im Text verantwortlich dafür gemacht,
daß der imponierende technische Fortschritt seit Erfindung der Dampf-
maschine nicht mit der Herstellung menschlicher sozialer Verhältnisse
einhergegangen ist, sondern diese eher noch verschlimmert hat: »Während
du flogst, kroch ein dir ähnliches am Boden nicht wie ein Mensch.«
Nach verschiedenen Experimenten mit diesem Text beschließt die Semi-
nargruppe, sich in eine Menge »einzufühlen« und zu beobachten, was
geschieht. Zwei Versuche werden mit einem einzelnen Flieger gemacht,
der auf einem Tisch liegt bzw. mit hilfeheischender Gebärde darauf kau-
ert. Die Menge diskutiert über die Einführung arbeitsplatzvernichtender
Technologien, über Arbeitslosigkeit, verplante Schulen und die Men-
schenfeindlichkeit der neuen Maschinen. Zu Reaktionen der Menge
kommt es jedoch erst, als der einzelne Flieger im dritten Versuch durch
eine Gruppe von Fliegern ersetzt wird, mit der Vorgabe, daß sie »im
Recht« sein sollen. Jetzt wird die Menge plätzlieh aggressiv, es kommt zu
I99
einer »Revolution«: Die "Flieger«, die ihr "Recht« entsprechend gestisch
dargestellt haben, werden vom Tisch gezerrt und die "Menge« etabliert
sich dort selbst. Aber nach diesem gewaltsamen, befreienden Akt kommt
schnell die Ernüchterung: Die Spieler der "Menge« wissen nicht, was sie
nun eigentlich auf dem Tisch tun sollen - sind sich uneinig und bemerken,
daß sich außer einem Rollentausch eigentlich gar nichts geändert hat. Das
Verhältnis zwischen den beiden Gruppen ist lediglich umgekehrt wor-
den.
Der »kategorische Imperativ für pädagogische Situationen«, in
denen es um Gewalt und Frieden geht, kann einsichtig werden
durch emotional dichte, sinnliche und sinnhafte Erlebnisse, wie
sie von der hier vorgestellten theaterpädagogischen Praxis vermit-
telt werden.
Anmerkungen
I Auf welche Weise Gewaltverhältnisse die subjektiven Strukturen der
in ihnen aufwachsenden und lebenden Menschen bestimmen, ist von
Klaus Horn theoretisch und von Birgit und Ute Volmerg empirisch
dargelegt worden: Klaus Horn, Gesellschaftliche Produktion von Ge-
walt. Vorschläge zu ihrerpolitpsychologischen Untersuchung, in: Ott-
heim Rammstedt (Hg.), Gewaltverhältnisse und die Ohnmacht der
Kritik, Frankfurt 1974, S. 59-106; Ute Volmerg, Gewalt im Produk-
tionsprozeß, in: Friedensanalysen 6, S. 15-43, und dies., Identität und
Arbeitserfahrung, Frankfurt 1978; Birgit Volmerg, Zur Sozialisation
struktureller Feindseligkeit, in: Friedensanalysen 6, S. 44-77. Aus den
Arbeiten von Ute und Birgit Volmerg wird deutlich, wie Gewaltv'er-
hältnisse am Arbeitsplatz zusammen mit der Entwicklung der Me-
dien über die Eltern auf die frühkindliche Entwicklung einwirken;
dadurch verringert sich die Widerstandskraft gegen solche Gewalt-
verhältnisse, was wiederum Auswirkungen auf die Primärsozialisa-
tion der nächsten Generation hat. Am Ende dieser zirkulären Ent-
wicklung steht eine psychische Grundstruktur, die im Extremfall zur
Ausbildung eines auf beliebige Objekte gerichteten oder lenkbaren
Zerstörungsbedürfnisses führt, die sog. narzistische Wut. Gewalt-
akte, die dieser Wut entspringen, verfolgen kein Ziel; es handelt sich
um Zerstörung und Vernichtung um ihrer selbst willen. Ihre Kehr-
seite ist eine ebenso weitgehende, totale Apathie.
2 An etwas versteckter Stelle finden sich Andeutungen über ein solches,
200
für viele Schülergenerationen einflußreiches Pädagogenleben: Heinz
Schultz, Dostojewski und die Kinder, in: Kindheit. Zeitschrift zur
Erforschung der psychischen Entwicklung, 4. J g., Heft 3/ 1982, S. 253-
270. Einer der drei Verfasser des vorliegenden Aufsatzes verdankt
dem Lehrer Heinz Schultz den Impuls zur praktischen und wissen-
schaftlichen Suche nach Gewaltlosigkeit und Frieden (Reiner Stein-
weg).
Die Erprobung findet im Rahmen eines Forschungsprojekts statt, das
von der Berghof Stiftung für Konfliktforschung gefördert (vgl. dazu
im vorliegenden Band S. 351), verwaltungsmäßig vom Internatio-
nalen Freundschaftsheim Bückeburg betreut und in Hannover abge-
wickelt wird. Vgl. dazu Wolfgang Heidefuß/Peter Petsch/Reiner
Steinweg, Theaterpädagogisches Projekt »Jugend und Gewalt«. Eine
Untersuchung zur politischen Bildung als Friedenserziehung. Projekt-
entwurf, masch. 150 S., Hannover und Kronberg/Ts. 1979, zugäng-
lich in der Bibliothek der HSFK, der Deutschen Bibliothek Frank-
furt/M., über die Fernleihe der Frankfurt und
im Lehrstück-Archiv des Seminars für deutsche Literatur und Spra-
che an der Universität Hannover.
4 Vgl. dazu Kapitel I, 4 unseres Projektentwurfs (s. Anm. 3): »Kon-
zepte politischer Bildung in der außerschulischen Jugendarbeit und
ihre Problematik« (S. 24-33); ferner: Reiner Steinweg, Violence and
Sensuousness. How to Use Theater Playing as a Means of Education,
in: EgbertJahnIYoshikazu Sakamoto (Hg.), Elements ofWorld In-
stability: Armaments, Communication, Food, International Division
of Labor, Proceedings of the 8th General Conference of the Interna-
tional Peace Research Associa:tion, Frankfurt/New York 1981,
S. 355-364. Der Aufsatz leitet aus vier Dilemmata der gegenwärtigen
politischen Bildung eine Reihe von Merkmalen für neu zu entwik-
kelnde Lernsituationen ab.
Vgl. dazu Reiner SteinweglWolfgang Heidefuß/Peter Petsch, Thea-
terpädagogik. (Geschichte .und gegenwarttge Praxis), in:
Otto/Thiersch/EyHert, Handbuch zur Sozialarbeit/Sozialpädagogik,
i. E., Neuwied 1983.
6 Idealtypische Abläufe charakterisieren: Petsch/Heidefuß/Steinweg,
Aus der Praxis mit den Lehrstücken Brechts. Politische Bildung und
Theaterarbeit, in: Neue Praxis, 1lr983, S. 80 H. (eine Kurzfassung
dieses Aufsatzes erschien in: Materialien zur politischen Bildung,
Bonn 3lr981, S. 96-99, unter dem Titel: Über Brecht zum eigenen
Ausdruck. Die Lehrstücke als Möglichkeit der politischen Bildung);
ferner: Reiner Steinweg, Wahrnehmen, Verfremden, Verändern. Eine
Spieleinführung, in: Gerd Koch/Reiner Steinweg/Florian Vaßen
(Hg.), Assoziales Theater. Spielvermerke und Variationen zu Lehr-
stücken, Köln 1983; dieser Band enthält darüber hinaus Beschreibun-
201
gen auch anderer Spielansätze und Vorgehensweisen u. a. von Ingo
Scheller und Ralph SchnellJFlorian Vaßen.
7 Das Ziel einer Aufführung vor Publikum kann sehr motivierend sein,
drängt jedoch die theaterpädagogischen Gesichtspunkte, die im vor-
liegenden Aufsatz beschrieben werden, leicht in den Hintergrund.
Die Frage ist dann für die Teilnehmer nicht mehr: Was widerfährt
mir beim Spiel?, sondern: Wie kann ich das, was ich (zu wissen)
meine, anderen deutlich machen? Dagegen ist die nicht ausdrücklich
geplante Vorführung des Schlußpunktes der Versuchsreihe als Dis-
kussionsanreiz kein Problem.
8 Mit auswendig gelerntem Text gerät man leicht ins Schauspielern,
und der persönliche Realitätsbezug kann verlorengehen. Dadurch,
daß man immer wieder gezwungen ist, aufs Textblatt zu sehen,
. kommt die eigene Person stärker ins Spiel.
9 Bertolt Brecht, Gesammelte Werke, Band 2, S. 590-592. Wir haben
allerdings in unseren Seminaren den Text der ersten, erheblich kür-
zeren Fassung des Stücks zugrunde gelegt, die 1929 uraufgeführt
wurde: Lehrstück. Text Bert Brecht, Musik Paul Hindemith, Parti-
tur, Edition, Schott Nr. 1500, Mainz 1929. In dieser Fassung gibt es
nur einen Flieger, in der 1930 von Brecht im Rahmen der Versuche
veröffentlichten, stark veränderten Fassung vier.
10 Brecht konzipierte diese Stücke ausdrücklich nur für den Gebrauch
der Spielenden selber, für ihre Selbstverständigung, nicht für Auffüh-
rungszwecke; vgl. dazu ausführfich: Reiner Steinweg, Das Lehrstück.
Brechts Theorie einer politisch-ästhetischen Erziehung, Stuttgart
. 1972, 2. verbesserte Auf!. 1976; die Literatur zur weiteren Lehrstück-
Diskussion siehe in den beiden Sammelbänden: R. Steinweg (Hg.),
Brechts Modell der Lehrstücke. Zeugnisse, Diskussion, Erfahrungen,
Frankfurt 1969 (dieser Band enthält auch eine kritische Edition aller
Äußerungen von Brecht und seinen Mitarbeitern zum Lehrstück);
ders. (Hg.), Auf Anregung Bertolt Brechts. Lehrstücke mit Schülern,
Arbeitern, Theaterleuten, Frankfurt 1978; ferner den in Anm. 6 ge-
nannten Sammelband, der auch eine Bibliographie zur Literatur über
Lehrstückspiel seit 1968 (u. a. mit zahlreichen unveröffentlichten Ar-
beiten und Erfahrungsberichten) enthalten wird. Vgl. auch Abschnitt
H, I unseres Projektentwurfs (s. Anm. 3): »Die politisch-pädagogi-
sche Relevanz des Brechtschen Lehrstückmodells«, S. 34-49.
11 Brecht schreibt, daß er das Lehrstück im Gegensatz zu den Bühnen-
stücken des epischen Theaters »für die Einfühlung gebaut« habe
(Über Fortschritte), in: Steinweg (Hg.) 1976 (s. Anmerkung 10),
S. 172; dennoch sei auch für die Lehrstjicke die verfremdende Spiel-
weise unabdingbar (ebenda, S. 164). Die im vorliegenden Aufsatz be-
schriebenen Versuche mit einer verfremdenden Spielweise schöpfen
deren Potential im übrigen keineswegs aus. Vgl. zur Verfremdung:
202
Steinweg 1972/76 (s. Anm. 10), S. 159-166; sehr gut jetzt auch: Burk-
hardt Lindner, Bertolt Brecht. »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo
Ui«, München 1982, S. 14 ff.
12 Die Arbeit mit Standbildern ist durch Auguste Boal populär gewor-
den (»Statuentheater«); vgl. Boal, Theater der Unterdrückten, Frank-
furt 1979, S. 71 H. Im Gegensatz zu Boal versuchen wir jedoch,
Standbilder aus dem Fluß des Alltagshandelns zu gewinnen, durch
Einfrieren spontaner Spiellrandlungen, statt sie aus dem Kopf zu kon-
struieren, was leicht zu symbolischen Darstellungen - mit sicher star-
kem emotionalem Anteil- führt, die lediglich bestätigen, was man eh
schon wußte.
13 Jan Tilmann, Einige grundsätzliche Überlegungen zum pädagogi-
schen Rollenspiel, in: Arbeitskreis pädagogisches Rollenspiel (Hg.),
Materialien zur Praxis des Rollenspiels, 2lr977, S. 25-33.
14 Bertolt Brecht, Der Jasager und Der Neinsager, hg. von Peter Szondi,
Frankfurt, 16. Auf!. 1980. Wir spielten die von Brecht später in der
Exposition geänderte erste Fassung des Stücks.
15 Zur Literatur über die Interaktionspädagogik siehe Steinweg/Heide-
fuß/Petsch 1983 (s. Anm. 5).
16 Solche gymnastischen Übungen haben im Gegensatz zu den Interak-
tionsspielen nur Sinn, wenn sie während des Seminars täglich in glei-
cher Weise wiederholt werden, weil nur dann eine Veränderung des
Körpergefühls und der Muskelspannungen bemerkbar wird. Wir be-
vorzugen Übungen mit entspannenden, gelegentlich auch kornischen
Wirkungen, nicht Kraftübungen, wie sie etwa zur Vorbereitung auf
Clownspiel erforderlich sind.
17 Thomas LeithäuseriBirgit Volmerg, Die Entwicklung einer empiri-
, schen Forschungsperspektive aus der Theorie des Alltagsbewußtseins,
in: Thomas LeithäuseriBirgit Volmerg/Gunther Salje/Ute Vol-
merg/Bernhard Wutka, Entwurf zu einer Empirie des Alltagsbewußt-
seins, Frankfurt 1977, S. rr-183.
18 Vgl. Ute Volmerg, Qualitative Methoden zur empirischen Untersu-
chung von Sicherheitsbedürfnissen, HSFK-Studie 4lr979, S. rr 1 f.
19 Ute Volmerg, »Waffen faszinieren doch jeden«. Sozialpsychologische
Widerstände gegen Abrüstung, in: R. Steinweg (Red.), Das kontrol-
lierte Chaos. Die Krise der Abrüstung (= Friedensanalysen 13),
Frankfurt 1980, S. 73-101.
20 Über diesen Sachverhalt informiert eindrucksvoll Jochen T oussaint,
Bericht über ein Forschungsprojekt (im Auftrag des ZDF): Gewalt im
Fernsehen, unveröH. Manuskript, Frankfurt 1978, zugänglich über
die Redaktion der Friedensanalysen, Adresse siehe S. 4.
21 Über entsprechende Erfalrrungen von Schülern mit der Schule be-
richten wir in: Heidefuß/Petsch/Steinweg, »Schule in uns entdek-
ken«: Theaterspiel als Lernform der Jugendarbeit, in: Deutsche Ju-
gend I2!I981, S. 541-549.
22 Zur genaueren Begründung und Anlage des empirischen Projekts
»Sicherheitsbedürfnis und Konfliktverarbeitung. Eine soziologisch-
sozialpsychologische Studie zum Ost-West-Konflikt«, für das der
»Entwurf zu einer Empirie des Alltagsbewußtseins« die theoretische
Vorarbeit darstellte, vgl. Volmerg 1979 (s. Anm. 18), vor allem
S.16.
23 Die Videokamera war· erforderlich zur Sicherung des empirischen
Materials für unser Forschungsprojekt; sie wurde aber großenteils
von den Teilnehmern selbst geführt.
24 Vgl. Steinweg 1972/76 (s. Anm. 10), vor allem S. 136 H. (s. auch das
Stichwort »Haltung« im Sachregister dieses Bandes, S. 280 f.); ferner
Ingo Scheller, Über die Arbeit an asozialen Haltungen. Überlegun-
gen zur Lehrstückpraxis auf grund von Erfahrungen mit Spielversu-
ehen, in: Koch/Steinweg/Vaßen (s. Anm. 6); ders., Was sind und wie
entstehen Haltungen?, in: Westermanns· Pädagogische Beiträge, 34.
Jahrgang, Heft 10, Oktober 1982, S. 423. (Dieses Heft der WPB hat
das Schwerp\lnktthema Lehrerhaltungen. Heimlicher Lehrplan: Leh-
rerpersönlichkeit II; es beschreibt erste systematische Versuche, Hal-
tungen in der vorbewußt-körperlichen Bedeutungde; Wortes bei
Lehrern zu erfassen und in die pädagogische Diskussion einzubrin-
gen. Eine ausführlichere Wiedergabe der dort, vor allem auch im
Bildmaterial, stark verkürzten Darstellung findet sich in: Ingo Schel-
ler, u. a., Lehrerhaltungen und wie man damit imgehen kann, Zen-
trum für pädagogische Berufspraxis,   Oldenburg i. E.
25 Die Mitteilung findet sich in einer Dokumentation, die von Teilnehc
mern an einem unserer Seminare erstellt worden ist: Es gilt, den Men-
schen als ganzen zu entdecken! Das Badener Lehrstück vom Einver-
ständnis. Dokumentation eines Spielversuchs, Evangelischer Stadtju-
genddienst Hannover, S. 69.
26 Alfred Lorenzer, Sprachzerstorung und Rekonstruktion, Frankfurt
1973. Vgl. auch das Kapitel zum Verhältnis von therapeutischen und
pädagogischen Prozessen in unserem Projektentwurf (s. Anm.3),
S·77-99·
27 »Die Erfolgschance entscheidet darüber, ob Abwehr mobilisiert wird
oder Thematisierung sich durchsetzen kann. Das ist das Kriterium für
die grundsätzliche Alternative von Abwehr und Thematisierung.«
LeithäuserlVolmerg 1977 (s. Anm. 17), S. 55.
28 Die Analyse der Spielsequenz »Beamtenszene«, von der wir hier eine
Zusammenfassung gegeben haben, umfaßt incl. Kontextbeschreibung
im Entwurf für den Endbericht zu unserem Anm. 3 erwähnten Pro-
jekt 90 Schreibmaschinenseiten.
29 Die Schwierigkeit besteht darin, daß man es in der Spielsituation
gleichzeitig mit ganz verschiedenartigen subjektiven Problematisie-
2°4
rungen und möglicherweise Experimentierformen der einzelnen Teil-
nehmer zu tun hat, so daß es einer sehr geschärften Aufmerksamkeit
und erhöhten Sensibilität bedarf, um auf die tastende Suche der ein-
zelnen im richtigen Moment mit richtigen Spielvorschlägen zu reagie-
ren. Für dieses Problem haben wir bisher noch keine operationali-
sierte Lösung.
30 »Friedenslernen fällt ja nicht vom Himmel. Es muß es schon, in wel-
chen Spurenelementen auch immer, geben - wer weiß wo?«, Horst
Rumpf, Worauf zu achten wäre - Aufmerksamkeitsrichtungen für die
Friedenserziehung, in: Friedensanalysen 10, Schwerpunkt: Bildungs-
arbeit, Frankfurt 1979, S. 164. Zum Verhältnis unseres Projekts zu
den Forderungen von Horst Rumpf vgl. den Abschnitt IV unseres
Projektentwurfs (s. Anm. 3), »Zur Relevanz des Projekts für Frie-
denserziehung«, S. 129-138.
3 I In dem Projekt »Sicherheitsbedürfnisse und Konfliktbearbeitung im
Ost-West-Konflikt« geht es den Autoren zwar in erster Linie um die
Erforschung des Alltagsbewußtseins; sie versuchen also - anders als
wir - nicht, eine zunächst von' ihnen provozierte »Störung« des All-
tagsbewußtseins aufrechtzuerhalten, sondern beobachten, wie es mit
Hilfe der beschriebenen Mechanismen diese Störung wieder beseitigt.
Aber am Ende ihrer Seminare können die Teilnehmer wirksam ge-
wordene Alltagsregeln selbst erkennen. Vgl. Ute Volmerg 1979
(s. Anm. 18), S. 68 H.; ferner Birgit Volmerg/Ute Volmerg/Thomas
Leithäuser, Kriegsängste und Sicherheitsbedürfnis. Zur Sozialpsycho-
logie des Ost-West-Konflikts im Alltag, Frankfurt 1983. Wir halten
diesen systematischen Ansatz, Alltagsregeln bewußt zu machen, für
außerordentlich wichtig; unsere eigene, stärker auf andere Aspekte
gerichtete Vorgehensweise verhält sich zu diesem Ansatz nicht kon-
kurrent, sondern komplementär.
32 LeithäuserlVolmerg (s. Anm. 17), S. ur.
33 Vgl. unseren Projektentwurf (s. Anm. 3), S. 94.
34 Vgl. Ute Volmerg, Kritik und Perspektiven des Gruppendiskussions-
verfahrens in der . Forschungspraxis, in: LeithäuserlVolmerg/Salje/
Wutka 1977 (s. Anm. 17), S. 184-217.
35 Erving Goffman hat diese Differenz stark hervorgehoben. In seinem
Aufsatz Spaß am Spiel (in: Goffman, Interaktion: Spaß am Spiel/Rol-
lendistanz, München 1973, S. 17-92) beschäftigt er sich indessen aus-
schließlich mit den gängigen Gesellschaftsspielen (Karten-, Brett-
spiele usw.). Eine Übertragung seiner Beobachtungen auf den von
uns angestrebten Typ von Theaterspiel ist nur sehr begrenzt zulässig,
weil wir durch die eingeschobenen Reflexionsphasen ja die Bezie-
hung zur Realität ausdrücklich immer wieder herstellen, also die
»Membran« zwischen Spiel und Ernst ständig mit Absicht »verlet-
zen«.
36 In Gruppendiskussionen verfolgen die einzelnen Teilnehmer zweifel-
los auch eigene, nicht gruppenöffentliche Themen; sie haben aber im
Rahmen von Theaterseminaren einen größeren Freiheitsraum, dies zu
tun. Diese erweiterten Möglichkeiten des einzelnen geben auch dem
Forscher die Möglichkeit"':' anders als in dem nach Regeln der sog.
Themenzentrierten Interaktion (TZI) modifizierten Gruppendiskus-
sionsverfahren (siehe Anm. 33) -, die Perspektiven des einzelnen zu
verfolgen. Zwar ist der Forscher bei der Interpretation nach wie vor
auch auf die in der Gruppensituation geäußerten Kommentare zum
Spielgeschehen angewiesen - dieses erkenntnistheoretische Dilemma
läßt sich nicht restlos auflösen; aber die individuelle Spielgestaltung
und vor allem die Brüche zwischen Spiel und Kommentierung bieten
Möglichkeiten, die Decke des Gruppenkonsenses zu lüften.
37 Im Rahmen des Projekts »Sicherheitsbedürfnisse und Konfliktbear-
beitung ... « (s. Anm. 3I) werden im Gegensatz dazu die Perspekti-
ven des einzelnen nicht verfolgt; in den Gruppendiskussions-Proto-
kollen werden aus methodischen Gründen die einzelnen Sprecher
nicht einmal kenntlich gemacht. Vg!. z. B. »Waffen faszinieren doch
jeden« (s. Anm. I9), S. 77-80.
38 Vg!. R. Steinweg (Hg.), Bertolt Brecht, Die Maßnahme, Frankfurt, 2.
Aufl. I976, S. 202. Diese Ausgabe enthält fünf Fassungen des Stücks,
das außer der hier beschriebenen Szene In, Der Stein, noch sieben
weitere umfaßt, die - wie im Jasager - mit der Tötung des Knaben
bzw. Jungen Genossen enden. Die Gesammelten Werke Band 2,
S.633-663, bieten die fünfte, mit Rücksicht auf die Exilsituation
erstellte Fassung, die u. E. für die hier beschriebenen Zwecke eine
Verschlechterung darstellt. Wir haben mit der dritten gearbeitet.
39 Wir orientieren uns vorläufig an Hegels Definition der Erfahrung:
»Diese dialektische Bewegung, welche das Bewußtsein an ihm selbst,
sowohl an seinem Wissen als an seinem Gegenstande ausübt, insofern
ihm der neue wahre Gegenstand daraus entspringt, ist -eigentlich das-
jenige, was Erfahrung genannt wird.« (Herv. im Original) Phänome-
nologie des Geistes, hg. von Johannes Hoffmeister, Hamburg, 6.
Auf!., I952. S. 73. Hegel weist im Kontext dieser Definition darauf
hin, daß sich mit einer Veränderung des Wissens vom Gegenstand
auch der Gegenstand selbst ändert, weil er so, wie er wahrgenommen
wurde, nur für dieses Bewußtsein existierte (»für es«). Der in der
Erfahrung neu gewonnene Gegenstand ist nicht voraussetzungslos.
Er enthält die »Nichtigkeit« des ersten Gegenstandes, der durch die
neue Erfahrung verändert wurde. Der »neue Gegenstand« ist die über
den alten gemachte Erfahrung, und nur, wenn ein Bewußtsein von
dieser Bedingung erhalten bleibt, kann man von einer »Erfahrung«
sprechen.
40 In der zweiten Fassung des Badener Lehrstücks vom Einverständnis
206
stellt Brecht fest: »Um Hilfe zu verweigern, ist Gewalt nötig/ Um
Hilfe zu erlangen, ist auch Gewalt nötig.! Solange Gewalt herrscht,
kann Hilfe verweigert werden/ Wenn keine Gewalt mehr herrscht, ist
keine Hilfe mehr nötig.! Also sollt ihr nicht Hilfe verlangen, sondern
die Gewalt abschaffen.! Hilfe und Gewalt geben ein Ganzes/ Und das
Ganze muß verändert werden.« Gesammelte Werke, Band 2, S. 599.
Wie sehr dies auch im internationalen Maßstab gilt, haben die Ver-
fasser der epd-Dokumentation 23-24/81 deutlich gemacht, indem sie
über ihre Arbeit Investitionen im Land des Apartheidsystems. Das
Dilemma mit dem Kodex (III) - Neue Studie über das Verhalten der
deutschen Firmen in Südafrika genau diese Zeilen als Motto gesetzt
haben.
41 Horst Rumpf, Die übergangene Sinnlichkeit. Drei Kapitel über die
Schule, München 1981; Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisa-
tion. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bände,
Frankfurt, 6. Aufl., 1979; D. KamperiV. Rittner (Hg.), Zur Ge-
schichte des Körpers, München 1976; F. J. J. Buytendijk, Prolego-
mima einer anthropologischen Physiologie, Salz burg 1967; Rene Spitz,
Vom Säugling zum Kleinkind, Stuttgart 1967; E. Straus, Vom Sinn
der Sinne, Berlin 1956; S. Langer, Philosophie auf neuem Wege, Mit-
tenwald, 2. Aufl., 1979.
42 Rumpf 1981 (s. Anm. 41), S. 15.
43 Ebenda S. 31 (Hölderlin), S. 32 (Buytendyk).
44 Zitiert nach Rumpf, ebenda S. 44. Wir haben im vorliegenden Auf-
satz unsere eigenen Erlebnisse und Einsichten während der Spielpro-
zesse ausgespart, weil das Thema Pädagogik und nicht Selbsterfah-
rung ist. Diese findet indessen statt - wenn auch in der gemeinsamen
Reflexion mit den Jugendlichen eher zurückhaltend thematisiert; daß
die Pädagogen sich nicht völlig »neutral« verhalten, ist eine Bedin-
gung dafür, daß dIe Jugendlichen sich überhaupt auf den Prozeß ein-
lassen können. Selbsterfahrung mit Lehrstückspiel dokumentiert in
bezug auf die »Aufwallungen des Körpers« R. Steinweg, Lehrstücke
über Gewalt. Neues vom alten Brecht, oder: Friedensarbeit und Sinn-
lichkeit, in: Antimilitarismus Information 7h979, S. 9°-96 (zusam-
mengefaßt bei Rumpf [so Anm. 41J, S. 209 f.)
45 Nach Rumpf, (s. Anm. 41), S. 54.
46 Ebenda S. 173.
47 Horn 1974 (s. Anm. I), S. 70.
48 Klaus Horn, mündlich während einer Tagung des Arbeitskreises Po-
litische Psychologie im Frühjahr 1979.
49 Norbert Elias, Zivilisation und Gewalt. Über das Staatsmonopol der
körperlichen Gewalt und seine Durchbrechungen, in: Joachim Mat-
thes (Hg. im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie),
Lebenswelt und soziale Probleme. Verhandlungen des 20. Deutschen
2°7
Soziologen tags zu Bremen Ig80, Frankfurt/New York 1981.
50 S. Langer, nach Rumpf 1982 (s. Anm. 41, S. 209); vgl. auch S. 191
(»>Erfahrungen in Symbole< übersetzen«). Entscheidend scheint uns
bei diesem Vorgang zu sein, daß solche Symbole nicht - und sei es im
Spiel - konstruiert werden, sondern aus spontanen Interaktionsab-
läufen, wie sie auch im Alltag vorkommen, gewonnen werden. Die
oben S. 190 formulierte Erkenntnis der Schülerin A. über die kon-
traproduktive Wirkung von Stellvertreter-Politik wäre »an sich« ba- .
nal, in jedem zweiten Buch nachzulesen. Nur als Erkenntnis »für es«,
d. h. für das jeweils· subjektive Bewußtsein, ist sie alles andere als
banal; »für es« existiert sie aber in der Form dieses »präsentativen
Symbols« der beschriebenen unterschiedlichen Körperhaltungen.
51 Bertolt Brecht, Baal. Der böse Baal, der Asoziale, kritisch ediert von
Dieter Schmidt, Frankfurt 1968, S. 88. Der böse Baal, der Asoziale
stellt einen Versuch dar, das Bühnenstück Baal in ein Lehrstück zu
überführen; der Versuch ist Fragment geblieben und in den Gesam-
melten Werken nicht'enthalten. Die Keuner-Geschichte Der hilflose
Knabe findet sich in den Gesammelten Werken Band 12, S. 381.
52 Johan Galtung, Gewalt, Frieden und Friedensforschung, in: Dieter
Senghaas (Hg.), Kritische Friedensforschung, Frankfurt 1971, S. 57.
53 Wolf-Dieter Narr, Gewalt und Legitimität, in: Leviathan I, 1973,
S·7-42 •
54 V gl. Tord Hoivik, The Democracy of Structural Violence, in: ] oumal
of Peace Research, Nr. I, Heft 14, 1977, S. 59-73; dort auch die Li-
teratur zu früheren Meßversuchen.
208
Hans-J oachim Rödiger
Unterrichtseinheit: Gewalt um uns-
Gewalt in uns
Ein Vorschlag zur Behandlung
des Themas Gewalt in Oberstufen-Kursen
Die Darstellung der Unterrichtseinheit ist so gehalten, daß dem
Leser verschiedene Einstiege möglich sind: Wer sich über rele-
vante Fragestellungen für die Behandlung im Unterricht infor-
mieren will, dem werden in Teil I Überlegungen allgemeiner Art
angeboten. In Teil II wird in Form einer Synopse eine mögliche
Einteilung des Unterrichts in Phasen und darauf bezogenes Text-
material vorgestellt, damit der Leser entscheiden kann, ob der hier
abgedruckte Vorschlag im ganzen bzw. in Teilen seinen Intentio-
nen entspricht. In Teil III werden die in der Synopse angeführten
Texte kurz charakterisiert; die Texte selbst können über die auf
Seite 216 angeführten Stellen angefordert werden. In Teil IV wird
ein Vorschlag unterbreitet, wie mit einer Auswahl der vorgeschla-
genen Texte gearbeitet werden kann. Dieser Teil beschreibt auch
die in der Synopse angeführten Interaktionsspiele.
1. Überlegungen zum Thema Gewalt im Unterricht
I. Der Gegenstand
Die Behandlung des Themas »Gewalt« im Unterricht hat drei
Ebenen zu berücksichtigen:
A: historische Formen und Ursachen von Gewalt,
B: lebensgeschichtlich erfahrene Gewaltverhältnisse der Teilneh-
mer (der Lernenden und des Lehrers) und deren Ursachen,
C: die in der aktuellen Situation erfahrbaren Gewaltverhältnisse
und deren Ursachenfindung.
Die analytische Aufschlüsselung des Gegenstands ist Ergebnis der
Frage: Wo läßt sich Gewalt identifizieren?
Zu A: Historische Formen und Ursachen von <l;ewalt
!
Diese Ebene umfaßt alle durch geschichts-, p o l ~ t   k und sozial-
wissenschaftliche Analyse aufzudeckenden Geiwaltverhältnisse.
Im Vordergrund steht hier die von J ohan Galtung vorgenommene
Differenzierung in personale und strukturelle Gewalt; sie ist viel-
fach kritisiert worden (vgl. dazu im vorliegenden Band S. 198 f.),
bietet aber u. a. den Vorteil für die Pädagogik, ein Fortschreiten
vom Einfachen zum Komplizierten zuzulassen. »Gewalt liegt
dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle
somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre po-
tentielle Verwirklichung.«!
Personale oder direkte Gewalt ist schwerpunktmäßig in Gesell-
schaften zu identifizieren, die auf einem unmittelbaren Gewalt-
verhältnis, der Herr-Knecht-Beziehung, aufgebaut sind. Es bietet
sich im, Beispiele hierzu zu Beginn der Unterrichtseinheit zu be-
arbeiten. Personale Gewalt stellt sich in der Regel für den Beob-
achter als eine »one-to-one«-Beziehung dar. Es gibt Opfer und
Täter. An diesem Beispiel lassen sich grundlegende Bedingungen
von Gewalt (Macht und Herrschaft und die davon abhängigen
Interessen und Gewaltformen) diskutieren. Diese Gewaltverhält-
nisse möchte ich als »einfache« bezeichnen, da sie sich dem Zu-
griff des Beobachters unverstellt darbieten.
»Kompliziert« ist das Problem der strukturellen Gewalt. Es.
reicht hier nicht aus, unmittelbare Erfahrungen aufzugreifen oder
neue zu konstituieren. Das Erfassen dieser Gewaltverhältnisse
setzt. eine analytische und theoriebezogene Herangehensweise
voraus. Strukturelle Gewalt manifestiert sich mittelbar, d. h., die
Gewalt ergibt sich aus einem komplexen gesellschaftlichen Zu-
sammenhang, der Wirkungen bei einzelnen· Individuen oder
Gruppen zeitigt. Eine weitere Schwierigkeit ergibt. sich aus der
Tatsache, daß die Erforschung struktureller Gewalt, Galtung zu-
folge, auf verschiedenen Abstraktionsstufen basiert:
2
a) Armut
Zu identifizieren ist eine Struktur, die Menschen lebenswichtige
Güter entzieht und somit gewalttätig ist (zum Beispiel Entzug
von Nahrungsmitteln).
b) Repressive Intoleranz
Hier strukturiert sich Gewalt über den Entzug von Kommunika-
tionsmöglichkeiten. Sie zu identifizieren bedeutet, daß ein Ver-
210
ständnis von Kommunikation als lebenswichtigem Gut vorhan-
den ist. (Auf der Erscheinungsebene wird dies im Gegensatz zum
Gut »Nahrungsmittel« nicht notwendigerweise deutlich.)
c) Repressive Toleranz
Gewalt drückt sich auf dieser Ebene weder in einem Mangel an
physisch notwendigen Gütern noch in einem Mangel an Kommu-
nikationsmöglichkeiten aus; gewalttätig ist hier die mangelnde
Qualität der Interaktionen, die hinter dem »Möglichen« zurück-
bleibt. Sie ist nicht einer juristischen Analyse der Freiheitsrechte
zu entnehmen, sondern in einer kritischen Untersuchung der
herrschenden Verhältnisse festzustellen. Diese aber ist nur mög-
lich, wenn der Realität eine konkrete Utopie entgegengehalten
wird.
Zu B: Die lebensgeschichtlich erfahrenen Gewaltverhältnisse
Diese Ebene umfaßt die in Psychologie, Psychoanalyse und So-
zialpsychologie gewonnenen Erkenntnisse über Gewalt. Die not-
wendige Differenzierung auf dieser Ebene bezieht sich auf die
Erlebnisgeschichte und die Ereignisgeschichte der Individuen. Er-
eignisgeschichte meint die äußere und insofern leicht wiederzuge-
bende, beschreibbare Form wesentlicher Vorkommnisse einer
Biographie: Der Vater fing unerwartet an zu schlagen; die Mutter
war vier Monate im Krankenhaus, o. ä. Welche Bedeutungen aber
der einzelne mit solchen Ereignissen verbindet, läßt sich aus der
Beschreibung ihres Verlaufs nicht entnehmen. Verschiedene Men-
schen können mit ähnlichen oder sogar gleichen Ereignissen ganz
unterschiedliche Bedeutungen verbinden. Diese subjektiven Be-
deutungen sind Gegenstand der Erlebnisgeschichte. Die Summe
und die Qualität der erlebten Interaktionen bewirken das, was
man »Subjektivität« nennt. Da lebensgeschichtliche Brüche sich
als Sprachzerstörung auswirken, wie Alfred Lorenzer gezeigt
hat
3
, und da diese einen bedingten Ausschluß aus der   o m m u n i ~
kation bedeutet\ ist die Erlebnisgeschichte oft nur mit Anstren-
gung zu rekonstruieren. Über die Ereignisgeschichte kann da-
gegen auf einer überindividuellen Ebene Gewalt analysiert und
beschrieben werden, und dabei lassen sich typische Faktoren ge-
genwärtiger Sozialisation mit solchen der Erziehung im Feudalis-
mus oder im frühen entwickelten Kapitalismus konfrontieren,
wobei das beobachtbare Verhalten der Menschen im Vordergrund
steht.
2II
Aber nicht nur die Erlebnis-, sondern auch die Ereignisge-
schichte berührt zentral den psychischen Haushalt aller am Un-
terricht Beteiligten: Es ist nicht zu erwarten, daß sie ohne weiteres
berichtet werden kann. Darum wäre das Verfahren der Verwen-
dung »narrativer Darstellungen« angemessen.
5
Es bietet die Mög-
lichkeit, so viel Distanz wie notwendig und so viel Nähe wie
möglich zuzulassen. (Der vorliegende Unterrichtsvorschlag be-
dient sich dieses Verfahrens im Falle der Geschichte des Sexual-
mörders Haarmann, Text 1.) Über solche Erzählungen kann dann
auch die Ereignisgeschichte der Teilnehmer zur Sprache kom-
men.
Zu C: Aktuelle Lernsituation und Gewalt
Ausgangspunkt der Überlegungen ist die These, daß das Lernen
selbst von Gewaltverhältnissen nicht unberührt ist. Sowohl die
historischen Gewaltverhältnisse (Stichpunkte: Gesellschaft, Insti-
tutionen, Verkehrsformen) als auch die Sprachzerstörung (Stich-
punkt: Klischee- und Zeichenbildung im Sinne von Lorenzer,
Neurosen usw.) konstituieren die Situationen, in denen gelernt
wird. Es ist also wahrscheinlich, daß sich in der Lernsituation
sowohl über objektive Faktoren (z. B. die Organisation von Un-
terricht) als auch über die Interaktionsstrategien der Teilnehmer
ein Gewaltverhältnis reproduziert - in jeweils spezifischer Form.
Da das Monopol zur »Situationsdefinition« im Unterricht beim
Pädagogen liegt, kommt ihm die Aufgabe zu, diesen Sachverhalt
der Reflexion zugänglich zu machen (vgl. hierzu im folgenden
Abschnitt 2, Zum Lernprozeß). Wie das geschehen kann, dazu
gibt - bei aller berechtigten Kritik an ihrer Verabsolutierung
6
- die
Theorie der Gruppendynamik, die ja an der Aufdeckung des Hier
und Jetzt interessiert ist, wichtige Hinweise. Im Vordergrund des
Interesses stehen dabei die Beziehungen Schüler-Schüler, Schü-
ler-Thema, Thema-Pädagoge, Schüler-Pädagoge.
Auf dieser Ebene werden natürlich auch die lebensgeschichtli-
chen Sprachzerstörungen relevant. Um einem Mißverständnis
vorzubeugen: Unterricht ist nicht Therapie und kann sie auch
nicht ersetzen. Unterricht hat aber dennoch mit dem Faktum
Sprachzerstörung zu tun. Während in der Psychoanalyse von
Sprachrekonstruktion
7
gesprochen wird - also der umfassenden
Wiederherstellung der Fähigkeit, Erlebnisse, Sachverhalte und
212
Beziehungsstrukturen zu benennen (zu »symbolisieren«), die in
früher Kindheit aufgrund zu großer, damit verbundener Leidens-
erfahrung aus dem Bewußtsein verdrängt wurden -, kann im Be-
reich der Pädagogik allenfalls von Ansätzen zu einer »Bearbei-
tung« der Sprachzerstörung die Rede sein: Aus der Theorie der
Gruppendynamik
8
ist bekannt, daß Strukturen von Gruppen sich
auch aufgrund von »Übertragungen« früherer Beziehungen und
Verhältnisse (zum Beispiel- aber nicht ausschließlich - zum Vater
oder zur Mutter) auf den Leiter sowie auf die Teilnehmer realisie-
ren. In der Interaktion in der Gruppe werden diese früheren
Strukturen wiedererlebt. Der Pädagoge kann diesen Prozeß im
Rahmen der Schulsituation nicht zielbewußt herbeiführen und
begleiten. »Bearbeitung« der Sprachzerstörung kann also nur hei-
ßen, daß die Teilnehmer gewissermaßen nebenbei durch das er-
neute Durchleben von Grundstrukturen ihrer Persönlichkeit auf
eventuelle Brüche aufmerksam werden und Leidensursachen
bzw. die im Unbewußten verborgenen Leidensquellen erkennen-
ohne dies jedoch im Regelfall thematisieren zu können oder gar
zu müssen.
Gegenstand des Unterrichts sind dann die Gewaltanteile in den
real ablaufenden Interaktionen. Auch hier gilt wiederum, daß die
Entdeckung von Gewaltspuren wichtig ist und nicht etwa eine
theoretische Analyse von Interaktion.
Das Material für diese Reflexion ergibt sich aus der Unterrichts-
situation selbst. Das Vorgehen beruht auf einer pädagogisch mo-
difizierten Form der Gruppendynamik.
9
Die Beziehungsanalyse
ist also nicht Selbstzweck, sondern an den Lerngegenstand gebun-
den.
Unsere Überlegungen lassen sich dahingehend zusammenfassen:
Drei analytische Ebenen, auf denen sich Gewalt lokalisieren und
identifizieren läßt, strukturieren den Lerngegenstand Gewalt: die
Untersuchung objektiver, d. h. historisch-politischer Ursachen
von Gewalt, lebensgeschichtliche Erfahrungen der Teilnehmer
mit Gewalt und Gewaltanteile in der aktuellen Unterrichtssitua-
tion. Diese drei Ebenen stellen sich den Teilnehmern als komplexe
Alltagserfahrung dar.
Im pädagogischen Prozeß ist nun ein Weg zu finden, der einer-
seits das analytische Instrumentarium vermittelt, andererseits aber
auch den alltäglichen Gesamtzusammenhang aufgreift. Dieser er-
schließt sich im Lernprozeß nicht nur über die kategoriale Ana-
21
3
lyse, sondern auch über die Reflexion der ablaufenden Interaktio-
nen.
2. Der Lernprozeß und das Thema Gewalt
Um den pädagogischen Weg näher zu bestimmen, ist es nützlich,
die Dimensionen der Situation, in der gelernt wird, graphisch dar-
zustellen. Das pädagogische Feld ist mindestens dreidimensio-
nal:
Vertikale Ebene /:
Tradition und Gesell-
schaft: Kultur, Wis-
senschaft, Ökonomie,
Geschichte usw.
(Objektivität)
Horizontale Ebene:
die real ablaufenden
Interaktionen: das
Thema, die Beziehun-
gen der Teilnehmer
usw.
Vertikale Ebene 2:
Biographie der Indi-
viduen (durchschaute
und undurchschaute),
Erlebnisse (verarbei-
tete und verdrängte)
(Subjektivität)
Ausgangspunkt jeden Lernens ist die Situation, also die horizon-
tale Ebene. In ihr werden die Lernprozesse organisiert und das
heißt auch, daß entschieden wird, ob es sich um Lernen im Sinne
bloßer Anpassung handelt oder ob dem Individuum relevante
Lernprozesse ermöglicht werden.
Für uns bedeutet dies, daß die horizontale Ebene so gestaltet
werden muß, daß elementare Bedingungen echter Lernprozesse
verwirklicht sind: Möglichkeit der Teilnahme an, Offenheit in,
Mitbestimmung von Kommunikation. Eine Kritik der Kommuni-
kation im Sinne der Reflexion von Gewaltstrukturen ist dagegen
am Anfang nicht zu erwarten und wohl auch nicht möglich.
Somit wird sich der inhaltliche Einstieg in das Thema Gewalt auf
der vertikalen Ebene I abspielen. Hier können zunächst aus rela-
tiver Distanz zu den Persönlichkeiten Erfahrungen mit Gewalt -
über Literatur, Film usw. - vermittelt und erste Kriterien an die
Hand gegeben werden.
21
4
Nach dieser Anfangsphase ist es möglich, in der inhaltlichen
Vorgehensweise auf die vertikale Ebene 2 zu wechseln. An Bei-
spielen von Fallstudien oder kann die Erfahrung von
Gewalt auch in eigenen Sozialisationsprozessen nachvollzogen
werden. Dabei ist zu bedenken, daß diese Vorgehensweise die
psychischen Strukturen der Teilnehmer berührt, so daß ausgelotet
werden muß; wie weit man dabei gehen kann.
Idealtypisch wäre nach diesen beiden Schritten der Weg frei, um
auch auf der horizontalen Ebene bestehende Gewaltverhältnisse
zu diskutieren.
Zu dieser Abfolge einige Bemerkungen: Die bisherigen Überle-
gungen verführen dazu anzunehmen, daß die Gegenstandsana-
lyse, die das Kriterium vom »Einfachen zum Komplexen« be-
rücksichtigte, auch im Sinne einer Lernabfolge gemeint ist. Dieser
Logik entspricht aber nicht zwingend die Vorgehensweise im
Lernprozeß. War zuerst die »Schwierigkeit« des Stoffs zu berück-
sichtigen, so tritt nun der Aneignungsprozeß in den Vordergrund.
Der Weg des Lernens ist nach diesen Überlegungen folgenderma-
ßen zu beschreiben: Die Konzentration liegt nicht in der linearen
Verfolgung der drei Dimensionen. Sie werden in Wechselschrit-
ten herangezogen für die inhaltliche Ausgestaltung des Themas.
Bestimmend dafür ist die Tatsache, wie die Schüler das Thema
akzeptieren und selber füllen, also bereit sind, Material aus der
Biographie und der Interaktion überhaupt zu bearbeiten. Im un-
günstigsten Falle ist ausschließlich die Bearbeitung der vertikalen
Ebene I möglich. Die Entscheidung für den jeweils· nächsten
Lernschritt kann demnach nur kurzfristig getroffen werden. Dies
schränkt die Planung des Unterrichts ein, macht sie allerdings
nicht unmöglich.
Lernprozesse mit der hier aufgezeigten Intention erfordern drin-
gend, die Rolle des Lehrers zu reflektieren. Ausgangspunkt der
Überlegungen ist die schon erwähnte Tatsache, daß der Lehrer
das Monopol zur Situationsdefinition besitzt. Dies bedeutet aber
nicht, daß er Lernprozesse der hier geschilderten Art qua Amt
einleiten kann. (Das wäre die gleiche Paradoxie wie: Sei spontan!)
Gelingen kann dies nur über eine Darstellung der Lehrerrolle, in
der die eigene Persönlichkeit nicht Maske bleibt oder wird. Die
Schwierigkeit, allerdings auch die Lernmöglichkeit, wird darin
liegen festzustellen, inwieweit es im Szenarium der Schule mög-
lich und notwendig ist, die eigene Person einzubringen. Als
21
5
Faustregel kann gelten, daß der Pädagoge keine Prozesse einleiten
bzw. fördern soll, die er als Schüler selbst nicht ertragen könnte.
Deswegen sollte er sich an den Interaktionen nicht nur als Päd-
agoge beteiligen, sondern auch als von der Thematik in ihren ver-
schiedenen Dimensionen selbst Betroffener.
Schließlich ist zu empfehlen, daß der Lehrer das abgelaufene
Geschehen jeweils nach einem Abschnitt reflektiert. Dies' kann im
Sinne einer Prozeßanalyse geschehen, durch Notizen in Tage-
buchform oder auch in einer Art Kontrollgruppe, in der   s   n t ~
liche Erfahrungen des Unterrichts diskutiert werden.
IIL Texte und Quellenhinweise
Die Texte werden hier nicht im Wortlaut wiedergegeben - im
vorliegenden Band würde der Textteil ca. 35 Seiten ausmachen.
Wir haben daher die Texte im DIN-A-4-Format setzen lassen; sie
können gegen eine Unkostenpauschale von 4,50 DM pro Exem-
plar bei der Redaktion der »Friedensanalysen« (Adresse siehe
S. 374) oder beim Autor (Bödekerstr. 62, 3000 Hannover I) an-
gefordert werden. Da die meisten Texte gängigen Büchern ent-
nommen sind, dürfte es darüber hinaus in einigermaßen gutbe-
stückten Lehrerbüchereien möglich sein, sie selbst zusammenzu-
stellen. Um jedoch eine Vorstellung von der Tragweite der Texte
zu vermitteln, werden sie im folgenden kurz zusammengefaßt.
Text I: Der Fall »Haarmann« (Textcollage)
Quelle: Theodor Lessing, Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs,
München 1973 (Auszüge)
Die Textcollage nennt zunächst die 24 Opfer, die der Sexualmör-
der Fritz Haarmann in den zwanziger Jahren nachweislich getötet
hat, informiert dann über dessen soziales Umfeld und die jüngere
Geschichte seiner Heimatstadt, über seine Familiensituation und
Lebensgeschichte, seine Tätigkeit als Polizeispitzel, die die Morde
erst möglich machte, stellt schließlich anhand von Selbstaussagen
den stereotypen Verlauf der Taten dar und bietet erste Erklä-
rungsversuche.
Text2: Gewalt in der Familie. Lebensgeschichte und Kindesrnißhand-
lung - Bericht einer Mutter
216
Quelle: Arbeitsgruppe Kinderschutz, Gewalt gegen Kinder, Reinbek bei
Hamburg 1975, S. 99 ff. (Auszüge)
Eine Frau (aus der »Unterschicht«) erzählt, auf knappe Fragen
von Karlheinz Knuth antwortend, sehr anschaulich in Berliner
Mundart ihr Leben: Heimkind, von der Mutter Prügel ohne
Grund, später selbst Mutter mehrerer Kinder, die ins Heim müs-
sen, weil sie wegen Zahlungsunfähigkeit ins Gefängnis kommt; als
sie wieder zusammen sind, ist die Beziehung der Kinder zur Mut-
ter gestört; nun schlägt sie selbst und muß erneut ein Kind abge-
ben, setzt unter großen Anstrengungen nach einigen Jahren
durch, daß sie es wiederbekommt; nach einem weiteren Jahr wie-
der Schläge aus Verzweiflung und endgültige Trennung.
Text3: Kriegsverbrechen: Mylai
Quelle: Reimer Gronemeyer (Hg.), Frieden (Signal-Verlag), Baden-Baden
1978, Dokument 1.4
Der Text zitiert verschiedene Augenzeugenberichte, auch von
einzelnen Tätern, über ein Massaker, das die US-Armee im März
1968 in einem vietnamesischen Dorf anrichtete. Am Schluß dieses
Spiegel-Berichts steht die Feststellung einiger amerikanischer Mit-
bürger der Täter, daß »das halt so sei im Krieg« - nur dürfe dar-
über nicht auch noch öffentlich geredet werden ...
Text 4: Rudolf Höß: Gehorsam
Quelle: Rudolf Höß, Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Auf-
zeichnungen, hg. von Martin Broszat, Stuttgart 1958, S. 25 f., auch in:
Gronemeyer (5. Text 3), Dokument 1.2
Höß berichtet von seiner Kindheit: Seine Eltern hätten von ihm
absoluten Gehorsam gegenüber allen Erwachsenen und peinlich
genaue Erfüllung auch der kleinsten Aufgaben erzwungen; die
Eltern hätten ein »gütiges, liebevolles« Verhältnis zueinander ge-
habt, aber Zärtlichkeit oder auch Aggressivität habe er zwischen
ihnen nie beobachten können. Er habe seine Eltern geachtet und
verehrt, aber sie nicht lieben können; auch seine Schwestern seien
ihm fremd geblieben.
Text 5: Viel Brot - viel Hunger
Quelle: Ökologie und Macht, in: Kursbuch 33!I973, 5.99 ff.; auch in:
Gronemeyer (5. Text 3), Dokument 111.20
21
7
!:: 11. Synopse zum Unterrichtsvorschlag: Die Einteilung des Kurses in Phasen
00
Phase r: Ich, wir und das Thema. Phasenlernziel: Äußerung und Wahrnehmung von subjektiven Eindrücken
zum Thema. Kommunikative Erarbeitung der Erfahrungsgrundlagen.
Inhalt
1.0.
1.1.
Vorlauf: Ken-
nenlernen
der Teilnehmer/
Erwartungen an
den Kurs
»Meine Erfah-
rungen mit Ge-
walt«
Ziele
Die Teilnehmer sollen
- miteinander ins Gespräch kom-
men
- erste ErWartungen der Mitschü-
ler und des Lehrers kennenler-
nen
- ihre subjektiven Bedeutungen
mitteilen
- subjektive Äußerungen kennen-
lernen
- Kommunikationshemmungen
abbauen
- die Bedeutungsvielfalt des Be-
griffs Gewalt erfassen
Methode
Interviewspiel; Aussprache
im Plenum
Hervorhebung von teilneh-
merrelevanten Gemeinsam-
keiten durch den Lehrer
Collage zum Thema;
Alternativ: Erzählung
schreiben zum Thema oder
. Assoziationsverfahren:
brain-storming
Materialien
Filzstifte und Zeichenpa-
pier
to>
"" \0
Phase 2: Gewalt um uns. Untersuchung des Tatbestands Gewalt. Phasenlernziel: Kennenlernen von Fällen zur
Erarbeitung einer Typologie von Gewalt. Hypothesenbildung zur Frage der Ursachen von Gewalt.
Inhalt Ziele Methode Materialien
2.1. Personale Ge-
walt
2.1.1. Verbrechen
2.1.2. »alltägliche« Ge-
walt: Kindes-
mißhandlung
2.1.3. Personale Ge-
walt - staatlich
gebilligt
- personale Gewalt als eine Ge-
waltform identifizieren können
- Hypothesen zur Ursache von
Gewalt bilden
- Entwicklung eines Menschen Fallanalyse
kennenlernen, der personale Ge-
walt ausübt
- Hypothese für Ursachen bilden
- personale Gewalt und Unter-
drückung von »Schwächeren«
kennenlernen
- eine Form staatlich sanktionier-
ter personaler Gewalt kennen-
lernen
Fallanalyse
Textbesprechung
Text r:
. Massenmörder
Haarmann (Textcollage)
Text 2: Lebensgeschichte
und Kindesmißhandlung -
Bericht einer Mutter
Text 3: Kriegsverbrechen
Mylai
Alternativ: Rudolf Höß
(Text 4, plus Information
über den 55-Staat)
N
N
Inhalt Ziele Methode Materialien
0
2.2. Strukturelle Ge- - strukturelle Gewalt als Gewalt-
walt form ohne »Akteur« kennenler-
nen
2.2.1. Armut - strukturelle Gewalt als Aus- Textbesprechung Text 5: Viel Brot - viel
gangspunkt für Armut in Ent- Hunger
wicklungsländern kennenlernen
2.2.2. repressive Into- - strukturelle Gewalt als ein We- Textbesprechung mit Vor- Text 6: Karl Marx
leranz sensmoment der Industrialisie- gabe durch den Lehrer Ursprüngliche Akkumula-
rung kennenlernen tion
2.2·3· repressive Tole- - strukturelle Gewalt als Anlaß Textbesprechung Text 7: Elektroschocks
ranz für »potentielle  
lung« erkennen
- strukturelle Gewalt als Faktor Textbesprechung Text 8: Schönheit
unserer Wertbildung
2·3·
Typologien der - exakte Differenzierung der Ge- Textarbeit mit Systemati- Text 9: J. Galtung
Gewalt walttypologie kennenlernen sierung Gewalttypologien
9
N
N
""
Phase 3: Gewalt in uns. Phasenlernziel: Eigenes Verhalten zur Gewalt in Handlungssituationen erfahren und
diskutieren
Inhalt Ziele Methode Materialien
3·I.
Handlungssitua- - Konkurrenzverhalten erleben Gruppendynamisches Set- Interaktionsspiel: Diado-
tion: Konkur- und reflektieren ting und Aussprache chenkampf
renz
3. 2 • Handlungssitua- - eigene Vorurteile aussprechen Gruppendynamisches Set- Interaktionsspiel: Ich weiß
tion: und reflektieren ting und Aussprache ja, daß es nicht stimmt,
Vorurteil aber alle ...
3·3·
Handlungssitua- - subjektives Handeln in einer Gruppendynamisches Set- Interaktionsspiel: Ret-
tion: Konflikt Konfliktsituation erfahren und ting: Akteure und Beob- tungsbootspiel
reflektieren achter! Aussprache
304-
Überleitung: - Bedeutung der Gewaltanteile in Plenumsdiskussion Film: Abraham - ein Ver-
Das Milgram- uns erkennen und mögliche Fol- such
Experiment gen ermitteln
tw
tw
tw
Phase 4: Ursachen von Gewalt. Phasenlernziel: Erklärungsversuche der Psychologie zu Gewaltverhalten ken-
nenlernen und auf ihre Relevanz überprüfen
Inhalt Ziele Methode Materialien
,po Das Triebmodell
4. I. I. Konrad Lorenz - Lorenz' Theorie kennenlernen, Textarbeit: Schülervortrag Text 10 (I. Teil)
diskutieren und werten" und Aussprache
4.1.:Z. Freuds Modell - Freuds Überlegungen kennen- Textarbeit: Lehrervortrag
lernen und mögliche Konse- und Aussprache
quenzen diskutieren
4·:Z·
Frustrations- - Hypothese kennenlernen, disku- Textarbeit Text 10 (:z.Teil)
Aggressions- tieren und werten
hypothese
  · ~ ·
Lerntheorie - Theorie kennenlernen, diskutie-
ren und werten
Textarbeit Text 10 (3. Teil)
404-
Synopse der - wesentliche Unterschiede der Diskussion und Fixierung
Theorien Theorien erarbeiten auf Projektor
Ein amerikanischer Autor macht an Beispielen deutlich, daß die
Ursache für die katastrophale Ernährungslage in vielen Entwick-
lungsländern (dies gilt sogar für 30 Millionen Menschen in den
USA) nicht in der angeblichen Überbevölkerung bzw. einem
Mangel an Nahrungsmitteln besteht, sondern in der Landvertei-
lung und der Art der Landnutzung durch die Großgrundbesit-
zer.
Text 6: Wie unsere Gesellschaftsordnung entstand
Quelle: Karl Marx, Das Kapital (Auszüge aus dem Kapitel "Die soge-
nannte ursprüngliche Akkumulation«, Marx-Engels-Werke Bd.23,
S·741-7
66
.
Das berühmte 24. Kapitel aus dem Hauptwerk von Karl Marx -
hier auf die wesentlichsten Passagen reduziert und um ohne histo-
rische Kenntnisse schwer verständliche Anspielungen gekürzt -
beschreibt eindringlich das Alismaß der Gewaltanwendung,
durch die die englischen Bauern und Handwerker im 16. und
I7. Jahrhundert aus ihren ursprünglichen Bindungen und Ge-
wohnheiten herausgerissen und zu frei verfügbaren Lohnarbei-
tern gemacht wurden - so lange, bis unmittelbare Gewalt nur
noch ausnahmsweise angewendet werden mußte. Das übrige be-
sorgt seitdem der »stumme Zwang der ökonomischen Verhält-
nisse«. Dem Textauszug ist eine Wort- und Namenserklärung
vorangestellt, so daß die Schüler den Text in Eigenarbeit, ohne
lange   des Lehrers; lesen können.
Text 7: Elektroschockbehandlung
Quelle: C. G. Liungmann, Sozialprodukt Geisteskrankheit, Reinbek bei
S. 741-766.)
Der Text beschreibt genau die sehr starke körperliche Reaktion
auf die psychiatrische Elektroschockbehandlung, die bis zu Kno-
chenbrüchen führen kann. Heute werden diese Wirkungen durch
Medikamente gedämpft, die allerdings die Schädigungen des Ner-
vensystems nicht beseitigen können. Die besten Ergebnisse, so
stellt der Autor bissig fest, bringt die Behandlung, wenn sie in der
schädlichsten Weise angewandt wird. Ein Vergleich von nahezu
500 Untersuchungen dieser Behandlungsmethode, der am Ende
des Textes zitiert wird, ergibt außerordentlich widersprüchliche
Befunde, die den Verdacht nahelegen, daß die tieferen Motive
dieser »Methode« nicht medizinischer Art sind.
223
Dieser Text, in der Synopse dem Begriff der »repressiven Tole-
ranz« zugeordnet, scheint auf den ersten Blick besser den Begriff
der »repressiven Intoleranz« zu illustrieren, da hier mit physi-
scher Gewalt auf den menschlichen Geist eingewirkt wird. In der
Tat bezeichnet er eine Grenzsituation: Dort, wo die für unsere
Gesellschaft eher typischen Formen repressiver Toleranz nicht
mehr ausreichen, wo abweichendes Verhalten (und dazu zählen
auch die verschiedenen Formen der Geisteskrankheit) mit den
Mitteln repressiver Toleranz nicht mehr beherrscht werden kann,
wird häufig auf die Mittel der repressiven Intoleranz zurückge-
griffen. Und das - wie in diesem Beispiel- ohne Not und wider
besseres Wissen. Gegenüber Fremdartigem und Abweichendem
reagiert unsere Gesellschaft noch immer mit Methoden, die fak-
tisch gegen demokratische Prinzipien (hier: die Würde des Men- '
schen) verstoßen. Die Psychiatrie, jedenfalls soweit sie mit Elek-
troschocks arbeitet, und vor allem das Tolerieren dieser Heilrne-
thode ist Folge einer »strukturell bedingten Entfremdung«; sie
steht in direktem Gegensatz zur EinIösung des »Bedürfnisses
nach Aktivität« bzw. danach, »Subjekt zu sein und nicht Objekt,
Klient« (vgl. Galtung, Text 9).
Text 8: Schönheit
Quelle: H. Wyss, Das rosarote Mädchenbuch, Frankfurt 1977, S. u4 f.
Männliche Vorstellungen von Frauenschönheit als Zwang gegen
Frauen, sich zu maskieren und zu entstellen: Der Text beschreibt
kurz die kuriosen Gegensätze und Sprünge, die das (äußere)
»Idealbild der Frau« im 20. Jahrhundert erfahren hat, und fragt,
warum Männer Prozeduren der Anpassung an solche Idealtypen
nicht unterworfen sind. Sind sie etwa alle .»von Natur aus« schön?
Warum finden sie Vergnügen an der Maskierung von Frauen?
Text 9: Systematisierung des Gewaltbegriffs
Quelle: J. Galtung, Der besondere Beitrag der Friedensforschung, in: Kurt
Röttgers/Hans Saner, Gewalt. Grundlagenprobleme in der Diskussion der
Gewaltphänomene, Basel-Stuttgart 1978, S. 9 H.
Der» Vater« der neueren Friedensforschung führt in einer Tabelle
die Bereiche und Bedürfnisse an, in denen Menschen durch Ge-
walt verletzt oder behindert werden, und teilt' sie in vier Katego-
rien: »klassische« Gewalt (physische Verletzung von einzelnen
224
oder Kollektiven), Entzug des Lebensnotwendigen (Nahrung,
Kleidung, Wohnung), Entzug der Menschenrechte (z. B. auf Bil-
dung oder Teilhabe an politischen Entscheidungen) und Entzug
»höherer Erfordernisse« wie Wohlbefinden, Glück, Kommunika-
tion (Entfremdung). In einem kurzen Begleittext erklärt der Au-
tor, wie er zu diesen Kategorien kommt.
Text IO: »Aggression« oder Warum wir uns über menschliche Aggres-
sion klar werden müssen
Quelle: H. Nicklas/Ä. Ostermann, Zur Friedensfähigkeit erziehen, Mün-
chen 1976, S. 68-78 (Auszüge)
Der Text stellt kritisch drei wissenschaftliche Modelle zur Er-
klärung der menschlichen Aggression vor: das Trieb-Modell
(Konrad Lorenz und Sigmund Freud), die Frustrations-Aggres-
sionshypothese (Dollard, in allgemeiner Form auch Erich Fromm:
Aggression als Folge »ungelebten Lebens«) und die Lerntheorie
(Erfolgs- und Vorbildlernen). Der Text eignet sich gut als Dis-
kussionseinstieg für die Schüler. Für die Hand des Lehrers, der
auch für weitergehende Fragen gewappnet sein will, sei verwiesen
auf den Aufsatz von Ute Volmerg, Gesellschaftliche Verhältnisse
und individuelles Verhalten in der Aggressionsforschung. Eine kri-
tische Bestandsaufnahme, in: Friedensanalysen 5, Frankfurt 1977"
S.17-
8

IV. Didaktische und methodische Überlegungen
zu den Phasen
I. Vorschlag für eine mögliche Vorgehensweise
Die Vielzahl der angeführten Materialien wird in der Regel eine
Auswahl notwendig inachen. Sie muß von jedem Lehrer entspre-
chend dem Stand seiner Lerngruppe vorgenommen werden. Um
Überlegungen dazu zu erleichtern, wird hier ein Vorschlag für
eine solche Auswahl vorgestellt, so daß sich aus Kritik oder Zu-
stimmung die jedem Lehrer eigene Vorgehensweise leichterent-
wickeln läßt. Der Vorschlag umfaßt eine Zeiteinheit von ca. 30
Stunden.
225
.2. Der spezi{tsche Zusammenhang der Phasen
Die Phasierungdes Kurses ist so gewählt, daß erstens eine be-
stimmte Lemabfolge gesichert erscheint und zweitens die Integra-
tion der Schülerinteressen möglich ist.
Zur Lemabfolge:
Die Phase I (»Ich, wir und das Thema«) soll sowohl Motivation
als auch· Sondierung ermöglichen. Motivation erfolgt dadurch,
daß am Anfang die subjektiven Erfahrungen zum Gegenstand ge-
macht werden und die Schüler merken können, daß es hier. ganz
besonders auf die eigenen Erfahrungen ankommt. Gleichzeitig
erhält man in dieser Phase Aussagen, die für die weitere Durch-
führung der Unterrichtseinheit wichtig sind. Den geäußerten
Schüler-Erfahrungen ist. zu entnehmen, welche Vorstellungen mit
dem Thema verknüpft sind, welches Problembewußtsein vorhan-
den und welcher Grad an Sensibilität für das Thema zu erwarten
ist.
  der Basis der in Phase I gewonnenen Kenntnisse kann das
Material zu Phase 2 ausgewählt werden (»Gewalt um uns«). Das
Gerüst dieser Phase, die Erarbeitung des Galtungschen Gewaltbe-
griffs, läßt sich durch verschiedene Materialien füllen. Wesentlich
für die Auswahl sind das ermittelte Problembewußtsein un4 die
Sensibilität der Schüler.
Phase 3 (»Gewalt in uns«) knüpft an Phase I an, allerdings kann
nun angenommen werden, daß die zuvor »diffusen« Erfahrungs-
Mitteilungen durch die stark kognitiv geprägte Arbeit mit
fen in Phase 2 jetzt besser kommunizierbar sind. Die Betrachtung
der aktuellen Handlungssituationen baut also sowohl auf der Mo-
tivationsphase aJs auch auf der Phase 2 auf. Betrachtungsschwer-
punkt ist die subjektive Befindlichkeit der Teilnehmer. Dies erfor-
dert eine neuerliche Lernleistung, nämlich eigenes Handeln zu
thematisieren und u. U. eigene Werte und Normen kritisch zu
. betrach!en, .
In Phase 4 (»Ursachen von Gewalt«) wird die in der Phase 2
(»Gewalt um uns«) vorgenommene Hypothesenbildungwieder
aufgegriffen. Dies geschieht, indem die Ergebnisse der Phase 3
einbezogen werden, und es wird angenommen, daß die hier ge-
plante Theoriediskussion weniger kompliziert ist, da im Erkennt-
nisgang auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen werden kann.
226
Anschließend können dann die logischen Konsequenzen der bis
dahin angestellten Überlegungen erarbeitet werden. Im Vorder-
grund hätten dann neben den psychologischen Aspekten die ge-
sellschaftlichen zu stehen. Die Dialektik von Individuum und Ge-
sellschaft wird nun zum Thema, Konsequenzen für das Handeln
werden diskutiert. Eine solche Phase würde zusätzliche Zeit er-
fordern und wäre am sinnvollsten als neuer Kurs bzw. Fortset-
zung anzubieten. Dazu sei hier nur auf die wichtigste neuere Li-
teratur zur Gewaltfreiheit und nicht-militärischen Verteidigung
verwiesen.
lo
Phase I: Einstieg: Ich, wir und das Thema (ca. 4 Stunden)
Der in der Synopse angegebene Abschnitt 1.0 ist gedacht für
Kursgruppen, die neu zusammengesetzt sind.
Beim Interviewspiel befragt jeweils ein Schüler einen anderen.
Er hat 5 Minuten Zeit dafür. Vom Lehrer können Fragenbereiche
vorformuliert werden. Anschließend wird der Interviewte zum
Interviewer. Nach ca. 10 Minuten stellt jeweils der Interviewer
seinen Partner der Lerngruppe vor.
Abschnitt 1. 1 bietet sich sowohl zum Einstieg in das Thema als
auch zum ersten Abbau von Kommunikationshemmungen an.
Die Methode eröffnet die Chance, alle Schüler einzubeziehen. In
der Besprechung ist besonders die Vielfalt hervorzuheben, mit der
das Thema ausgestaltet werden soll. Die erstellten Filzstiftzeich-
nungen können später noch einmal angesprochen werden, wenn
es in der Phase 3 um die eigenen Gewalterfahrungen geht.
Phase 2: Gewalt um uns (ca. 12 Stunden)
Diese Phase könnte in vier Abschnitte gegliedert werden:
a) Drei Texte zur Gewalt (Text I, 8, 3): 6 Stunden
b) Versuch einer Definition von Gewalt: 2 Stunden
c) Gewalt historisch (Text 6): 2 Stunden
d) Typologie der Gewalt (Text 9): 2 Stunden
Zu Phase 2a: Drei Texte zur Gewalt
Text I: Der Fall Haarmann
Die beabsichtigte Fallanalyse hat eine Textcollage zum Ausgangs-
punkt: »Fragmente« der Biographie Haarmanns sind, mit Über-
schriften versehen, aneinandergereiht. Die Textsorte gewährlei-
stet, daß ein tiefgehender Eindruck der Bedingungen, unter denen
227
Haarmann "lebte und mordete«, vermittelt wird und daß gleich-
zeitig offene Stellen angeboten werden, die nach einer Erklärung
verlangen. So liefert gerade dieser Text die Grundlage für die Ent-
wicklung von Fragen zu den möglichen Ursachen von Gewalt-
handlungen, zum Beispiel:
(r) Erwächst Gewalt aus den historischen Umständen? (Industri-
alisierung, Erster Weltkrieg, Inflationszeit);
(2) Wird Gewalt durch die Sozialisation eingeübt? Oder ist sie
angeboren? Welche Rolle spielt die Erziehung durch die Mutter?
Welche Rolle spielt der Vater? Welche Bedeutung haben erste
sexuelle Kontakte?
(3) Ist Homosexualität eine Ursache von Gewalt?
(4) Sind Ursachen in Haarmanns konkreter Umwelt zu sehen?
(Schule, Irrenanstalten, Militär, Justiz, Polizei)
Mit diesen Fragen werden auch schon »Einstellungen« der Re-
zipienten angesprochen; welches Gewicht den unterschiedlichen
Faktoren zugebilligt wird, ist auch von seinen eigenen Erfahrun-
gen her bestimmt. So soll dieser Text nicht dazu führen, daß eine
Entscheidung für »angeboren oder anerzogen« gefällt, sondern
daß der Problembereich abgesteckt wird.
Abgesehen von einigen heute nicht mehr gebräuchlichen Begrif-
fen enthält der Text für den Leser geringe Schwierigkeiten. So-
wohl die Tat selbst, die Unverständnis und Neugier zugleich er-
zeugt, als auch der Aufbau des Textes legen unterschiedliche Er-
klärungsversuche nahe. Sie sollen als Motivation für eine erste
Diskussion über mögliche Ursachen von Gewalt genutzt werden.
Unter Umständen kann für die Schüler unbefriedigend bleiben,
daß keine »eindimensionalen« Erklärungen gefunden werden
können. Aber eben dies ist ein Gewinn, denn gerade in den So-
zialwissenschaften kann es nicht darum gehen, Ursache-
Wirkungs-Verhältnisse herzustellen, die als Bewertungsschablone
angelegt werden. Die Galtungsche Gewalttypologie (Text 9) wird
in der Diskussion dieses Falles noch nicht aktuell. Erst später
kann, im Rückgriff, der Gewalttyp bestimmt werden, der den
»Fall Haarmann« charakterisiert.
Text 8: Schönheit
Der Text ist aufgebaut nach dem Schema These/Argument/Bei-
spiel. Er bietet einen Problemaufriß zum Thema gesellschaftlicher
Normen und Gewalt. Die leitende These ist klar, denn Schön-
228
heitsnormen werden eindeutig als gewaltsam bezeichnet.
Hier bietet es sich an, vorab die Argumentation des Textes genau
zu betrachten. Da angenommen werden kann, daß nicht alle
Schüler die vertretene Ansicht teilen, ist eine kontroverse Diskus-
sion zu erwarten. Die Argumente der Gegenposition können
durch die Schüler selber formuliert werden. Die Arbeit am Text
soll sich um folgende Bereiche zentrieren:
(r) Welche These wird vertreten und wie wird sie begründet?
(2) Bewertung der These. Abgrenzung: Welchen Zwängen unter-
liegen Männer?
(3) Liegt hier Gewalt vor?
Gerade an diesem Beispiel kann nach meiner Erfahrung die
Frage nach der Gewalt besonders gut diskutiert werden. Es ist
anzunehmen; daß je nach Position eine unterschiedliche Bewer-
tung stattfinden wird. Dennoch kann der Begriff »strukturelle
Gewalt« eingeführt werden in dem Sinne; daß die hier (ggf.) fest-
stellbare Gewalt nicht von einzelnen Personen ausgeübt wird.
Text 3: Kriegsverbrechen My/ai
Seine Brisanz gewinnt der Text aus der Gegenüberstellung der
präzisen Schilderung von Planung und Durchführung (Gefechts-
meldung) sowie aus der mit »Naivität« vorgetragenen Argumen-
"tation der Täter. Zwei Fragen sollte nachgegangen werden:
(I) Was veranlaßt Menschen, so zu handeln?
(2) Welche Verantwortungsbereiche lassen sich ausmachen?
Es soll keine moralische Entrüstung über die Täter provoziert
werden. Dies wäre zu billig, und Mylai könnte zu leicht als Ein-
zelfall abgetan werden, an dem einige »verwirrte« Menschen die
Schuld tragen. Eventuell sind deshalb Querverbindungen zu zie-
hen zu gleichen oder ähnlichen Fällen (z. B. Kriegsverbrechen im
Dritten Reich oder während des Algerienkrieges).
Zu Phase 2b: Versuch einer Definition von Gewalt
Mit den Texten 1.8 und 3 ist die Grundlage "gelegt für die Erar-
beitung einer Definition von Gewalt. So verschieden die Fälle
auch sind, wenn sie in einer Matrix unter Vorgabe von Begriffen
untersucht werden, lassen sich »abstrakte« Gemeinsamkeiten
feststellen, die für die Definition fruchtbar gemacht werden kön-
nen.
Es bietet sich an, zuerst die Frage nachdem »Täter« zu stellen.
229
Dies ist ebenso wie der Begriff »Opfer« ein Arbeitsbegriff. Der
dritte Begriff ist »Art der Einwirkung«. Es soll untersucht wer-
den, ob bzw. in welcher Form die Betroffenen geschädigt worden
sind. Die vierte Kategorie ist die »Täter-Opfer-Beziehung«. Über
beschreibende Aussagen hierzu kann auf die entscheidenden Be-
griffe »personale und strukturelle Gewalt« hingearbeitet wer- .
den.
Die Matrix könnte folgendermaßen ausgefüllt werden:
Texte
Kategorien
Täter
Opfer
Art der
Einwirkung
Täter-
Opfer-
Beziehung
»Haarmann«
Haarmann, ein-
zelner Mensch
(handelndes
Subjekt)
Jugendliche
(bestimmte,
ausgesuchte
Menschen)
Mord
(physisch)
unmittelbar
(personale/
direkte Gewalt)
»Schönheit« »Mylai«
Vorschriften, Soldaten,
Normen, Werte Gruppe
(Strukturen) (handelnde
Subjekte)
Frauen als Dorfbevölke-
Gruppe rung
(keine bestimm- (bestimmte
ten Frauen) Menschen auf-
grund Gruppen-
zugehörigkeit)
Zwang, Ängste, Mord, Tot-
Gewissen schlag
(psychisch) (physisch)
keine mittelbar, da
( strukturelle/ anonym durch
indirekte Ge- Technik und
walt) Befehl
( direkte/perso-
nale Gewalt
verursacht
durch struktu-
relle Gewalt
Neben der Beschreibung muß sodann diskutiert werden, mit wel-
chen Begriffen das »Gleiche und das Unterschiedliche« der Fälle
benannt werden kann. Hier sind Vorgaben erforderlich, da ein
Abstraktionsschritt vorgenommen wird, der von den Schülern
nicht ohne weiteres geleistet werden kann. (Vor allem auch, da es
sich nicht um die Umsetzung von Kenntnissen handelt, sondern
23°
um ein Beispiel für Kategorisierungen auf einer Abstraktions-
ebene.) Die möglichen Begriffe sind in der Matrix in Klammem
verzeichnet.
Wenn dies geschehen ist, kann eine Definition erstellt werden.
Prämisse ist, daß alle Möglichkeiten der Matrix von ihr erfaßt
werden. Die Definition könnte lauten: »Gewalt liegt vor, wenn
Subjekte oder StrUkturen.bestimmte oder unbestimmte Objekte
schädigen, wobei die Art der Einwirkung physischer oder psychi-
scher Natur und die Täter-Opfer-Beziehung direkt/personal oder
indirekt/strukturell geartet sein kann.«
Nach diesem Unterrichtsschritt soll die erarbeitete Definition
mit der von Galtung (siehe S. 210) verglichen werden. Zu unter-
suchen ist, welche Bereiche die beiden Definitionen jeweils ab-
decken bzw. nicht abdecken und welche Definition aussagekräf-
tiger in bezug auf die bekannten Texte ist. Damit wird der Ab-
schnitt (b) abgeschlossen. .
Zu Phase 2C: Gewalt historisch (Text 6)
Marx' Kapitel Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation stellt
besondere Anforderungen an den Schüler. Es repräsentiert eine
Textsorte, die historische Ereignisse mit Hilfe zentraler Katego-
rien analysiert und daraus eine durchgehende These ableitet. Für
diesen Text lautet sie: Die Ablösung der feudalen Produktions-
weise durch die kapitalistische geschah durch Raub, Expropria-
tion und Gewalt; diese stellen somit die historische Grundlage des
kapitalistischen Systems dar;. erst nachdem die neue Produktions-
weise etabliert war, konnten die Methoden der Gewaltanwen-
dung modifiziert werden, da nun die ökonomischen V;erhältnisse
selbst den Zwang ausübten.
Zum Beleg dieser These wird die Entwicklung des englischen
Kapitalismus in entscheidenden Stationen vorgeführt - ein-
schließlich der begleitenden Gesetzgebung.
Wenn man der These von Marx folgt, so erhält man ein klassi-
sches Beispiel für das Zusammenspiel von »direkter und struktu-
reller Gewalt«. War zuerst »direkte Gewalt« unabdingbar, um
bestimmte Verhältnisse zu schaffen, so werden diese später durch
den »stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse« aufrecht-
erhalten. Diese Strukturen sind verankert in einer Produktions-
weise, die einem großen Teil der Menschen zwar die Freiheit
bringt, sie aber gleichzeitig »vogelfrei« auf den Arbeitsmarkt wirft
23
1
und somit neuen Zwangsverhältnissen aussetzt. Gewalt ist in der
Phase der ursprünglichen Akkumulation als direkte identifizier-
bar, zugleich aber (auch im Frühkapitalismus) als strukturelle.
Der Text fordert eine besondere Bearbeitung. Seine Schwierig-
keit resultiert aus der Fülle der angesprochenen historischen Be-
lege sowie aus der Form selbst. Eine weitere Schwierigkeit wird
darin liegen, die durchgängige These zu identifizieren. Erleich-
ternd wirkt, daß im Text selbst am Ende eine Zusammenfassung
enthalten ist. Je nach .Lerngruppe muß entschieden wetden, ob er
eingesetzt werden kann. Denkbar ist auch eine weitere Kürzung
oder eine »Übersetzung« durch den Lehrer.
Zu Phase 2d: Typologie der Gewalt (Text 9)
Zum Abschluß der Unterrichtsphase 2 sollte die Gewalt-Typolo-
gie vQn J ohan Galtung behandelt werden. Alle bislang erarbeite-
ten Beispiele konnten immer nur ausschnittWeise das Problem
»Gewalt um uns« ansprechen. Eine Systematisierung des Gewalt-
begriffs soll letztlich diese Beispiele einordnen und somit den
Transfer auf mögliche andere Gewaltverhältnisse durch die S·chü-
ler ermöglichen. .
Der zu bearbeitende Theorietext und die dazugehörige Aufzäh- .
lung sind geprägt durch eine erkenntnisorientierte Fragestellung.
Diese l a u ~ e t   Welche Typen von Gewalt lassen sich ausmachen,
wenn wir mögliche Schädigungsformen der Opfer betrachten?
Phase 3: Gewalt in uns (ca. 6 Stunden)
Erfahrungsgemäß ist es außerordentlich schwierig, in der Schule
offen über Subjektives zu sprechen. Jeder Vorschlag sollte vom
Lehrer genau geprüft werden: Läßt die Unterrichts situation eine
solChe Thematisierung überhaupt zu? Und ist der Lehrer bereit,
selbst neue Erfahrungen im Unterricht zu sammeln?
Im folgenden werden drei Interaktionsspiele zu den Verhaltens-
mustern Konkurrenz, Vorurteil und Konfliktlösung vorgestelltY
Ein Interaktionsspiel ist immer der Versuch, in pädagogischen
Situationen einen Teil der Realität nachzustellen, um relevante
und übertragbare Aussagen zu gewinnen und zu diskutieren. In
diesem Sinne haben die Spiele niemals ihre ausschließliche Bedeu-
tung im »Hier und Jetzt«, sondern sind Ausgangspunkt für Er-
kenntnisse und Verallgemeinerungen. Dies solf durch verschie-
dene Reflexionsstufen gewährleistet werden.
23
2
Interaktionsspiel I (Diadochenkampf)
Das Verhaltensmuster »Konkurrenz« und deren Anteile an Ge-
walt
Spiel: Welcher Stuhl paßt zu mir?
Ziel: Die Schüler sollen untersuchen, welche Anteile von Konkurrenz in
ihrem Verhalten vorhanden sind und inwieweit es Gewalt enthält.
Setting: Ein Teil des Raumes ist leergeräumt. Nur drei Stühle stehen dort.
Durch einen Zettel wird jeweils ein Stuhl mit einer Eigenschaft belegt.
Diese sind: kommunikativ, gefühlvoll, durchsetzungsfähig.
Spielanleitung: Die Schüler bekommen folgende Anweisung: »Ihre Auf-
gabe ist, drei Minuten schweigend um die Stühle herumzugehen. Dabei
machen Sie sich Gedanken, welche Eigenschaft am besten zu Ihnen paßt.
Wenn nach Ihrem Gefühl die drei Minuten um sind, setzen Sie sich auf
einen der Stühle. Es wird vom Lehrer kein Hinweis auf die abgelaufenen
drei Minuten gegeben. Sollte der Stuhl besetzt sein, so haben Sie die Mög-
lichkeit, den »Besitzer« durch Argumente oder sanfte körperliche An-
stöße von dem Stuhl zu befördern. Es bleibt Ihrem Geschick überlassen,
ob Ihnen das gelingt. Der Lehrer wird das Ende des Spiels ausrufen.«
Beobachtung: Drei Schüler und der Lehrer bekommen einen Beobach-
tungsbogen. Während die Schüler jeweils ihre Wahrnehmungen dessen
notieren, was auf einem Stuhl geschieht, beobachtet der Lehrer den Ge-
samtprozeß. Kriterien für den Beobachtungsbogen:
(r) Wer kämpft um den Stuhl?
(2) Mit welchen Mitteln wird gekämpft? (sprachlich, gestisch, körper-
lich)
(3) Wer hält sich heraus?
(4) Wer behauptet wie seinen Platz?
(5) Welche Reaktionen zeigten der »Siegreiche« und der »Besiegte«?
Den übrigen Teilnehmern ist der Beobachtungsbogen nicht bekannt. Zeit:
voraussichtlich r 5 Minuten
Unterrichtsverlauf"
Neue Sitzordnung: Halbkreis
Allgemeines: Die Besprechung soll im Dienste der Zielbestim-
mung liegen. Am Schluß soll untersucht worden sein, welche An-
teile von Konkurrenz im Spiel waren und was das mit Gewalt zu
tun hat.
1. Fremdeinschätzung: Die Beobachter geben Auskunft über ihre
Sichtweise des Verhaltens. Der Lehrer notiert dies auf der Ta-
fel.
2. Selbsteinschätzung: Hier werden die Eindrücke der Beteiligten
festgehalten. Die Begriffe, die der Lehrer anschreibt, sollen im
233
Bereich des Phänomenologischen verbleiben (z. B. er ging ge-
schickt vor; sie überzeugte ihn; er war charmant usw.)
Zeit: ca. 15 Minuten
Der Begriff Fremd- und Selbsteinschätzung wird vom Lehrer ein-
geführt.
3. Reflexion:
Reflexionsebene I
Diskussion: Welche Eindrücke haben Sie im Spiel gewonnen? Dis-
kussionsführung: Die an der Tafel notierten Phänomene werden
als Grundlage und Bezugspunkte genommen. Dabei kann durch-
aus die Frage nach den »Gefühlen« beim Spielen auftauchen. Der
Lehrer soll die Diskussion auf den Begriff der Konkurrenz orien-
tieren.
Reflexionsebene II
Diskussion: Sind diese Verhaltensweisen im alltäglichen Leben
wiederzufinden? Der Lehrer notiert einige Beispiele. Diskussions-
führung: Der Lehrer sollte darauf achten, daß die Erfahrungen
der alltäglichen Praxis der Konkurrenz auch im Vordergrund ste-
hen.
Reflexionsebene III
Diskussion: Entspringen diese Verhaltensweisen der einzelnen
möglicherweise einer Strategie? Diskussionsführung: Die drei ge-
wählten Eigenschaften werden in der Regel positiv besetzt. Wenn
der Begriff »Strategie« Zustimmung findet, so stellt sich anschlie-
ßend die Frage:
Reflexionsebene IV
Diskussion: Sind die diskutierten Verhaltensweisen auch Konkur-
renzstrategien ?
Reflexionsebene V
Der Lehrer faßt den bisherigen Ablauf zusammen.
(I) Wir haben Verhalten erfahren und beobachtet und in Zusam-
menhang mit Konkurrenz gebracht.
(2) Wir haben das übertragen auf alltägliche Handlungsweisen.
(3) Wir haben überlegt, ob Konkurrenz auch eine Strategie ist,
die'vom einzelnen angewandt wird.
Diskussion: Was haben Konkurrenzstrategien mit Gewalt zu
tun?
234
Diskussionsführung: Zur Verdeutlichung können Extreme heran-
gezogen werden; z. B. a) Wirkt jemand gewalttätig, wenn er aus
Konkurrenzgründen nicht abschreiben läßt? b) Wirkt jemand ge-
walttätig, wenn er aus Konkurrenzgründen jemanden schlecht-
macht, so daß dieser eine schlechtere Zensur bekommt? Besser
wäre es, wenn diese Beispiele aus dem Verhalten im Spiel gewon-
nen werden können.
Das Ergebnis der Reflexion kann nicht in der definitorischen
Festlegung dessen bestehen, was an Konkurrenz gewalttätig ist.
Erkannt werden soll, daß Konkurrenz Gewalt in sich birgt. Wo
der einzelne Teilnehmer diese Grenze setzt, muß offen bleiben.
Interaktionsspiel 2 (»Ich weiß Ja, daß es nicht stimmt,
aber ... «)
Welcher Zusammenhang existiert zwischen Vorurteilen und Ge-
walt?
Setting: Die Schüler sitzen im Halbkreis. Der Lehrer gibt einen Satz an der
Tafel vor. Vorne steht ein Stuhl. Jeder Schüler, der ein Vorurteil ausspre-
chen will, kommt nach vorne und setzt sich auf den Stuhl. Der Lehrer
notiert das Gesagte auf einer Folie.
Verlauf: An der Tafel steht der Satz: Ich weiß ja, daß es nicht stimmt, aber
alle Behinderten sind ... (Als Ausgangspunkt für das Benennen von Vor-
urteilen kann natürlich auch eine andere Gruppe als die der Behinderten
gewählt werden.) Der Lehrer setzt sich als erster auf den » Vorurteils-
stuhl«, um in die Situation einzuführen und den Schülern eine Pause zum
Nachdenken zu geben. Anschließend erhalten die Schüler Gelegenheit,
ihre Vorurteile zu sagen. Zeit: ca. 10-15 Minuten. Anschließend werden
die genannten Vorurteile mit Hilfe der Notizen auf Folie nachgelesen.
Diskussion:
1. Warum wurde dieser Satz gewählt? Bekanntlich werden Vorurteile
nicht gerne preisgegeben. Dieser Satz bietet die Möglichkeit, den eigenen
Zweifel auszudrücken und damit das Unbehagen zu formulieren.
2. Welche Bedeutung haben Vorurteile für die Betroffenen? Anhand der
von den Schülern geäußerten Vorurteile können die Konsequenzen für die
Betroffenen diskutiert werden. Vorurteile wirken sich gewaltförmig aus,
wenn dadurch die Betroffenen in ihrer potentiellen Verwirklichung einge-
schränkt werden (krasses Beispiel: Rassenvorurteile im Dritten Reich).
3. Welche Bedeutungen haben Vorurteile für uns? Stichpunkte, die ange-
sprochen werden können: Aggressionsobjekte, Ablenkung von eigenen
(bzw. innergesellschaftlichen) Problemen, Stärkung des Selbstwertge-
fühls, Stärkung des Gruppendenkens.
235
4. Ergebnissicherung: Formulieren Sie ein Arbeitsergebnis mit folgenden
Sachverhalten: Vorurteile, Gewalt, Opfer, Täter.
Interaktionsspiel 3 (Rettungsboot)
Welche Anteile von Gewalt in uns spielen bei Konfliktläsungen
eine Rolle?
Setting: Sieben Teilnehmer sitzen auf Stühlen in einem Halbkreis. Die
anderen sitzen hinter ihnen in einiger Entfernung. Die Beobachter der
einzelnen Rollen sollen so plaziert sein, daß sie möglichst alle Verhaltens-
weisen der zu Beobachtenden sehen können.
Spielverlauf: Nachdem die sieben Teilnehmer ihren Platz eingenommen
haben, werden die Rollen verteilt. Es ist gleichgültig, wie die Verteilung
vorgenommen wird. Die Rolle der alleinstehenden Frau soll ein Schüler
bekommen, der sprachlich so gewandt ist, daß er nicht gleich aus dem
Boot geschmissen wird. Die Rollen bilden den Hintergrund für die Argu-
mentation der Schüler.
Ihnen wird folgende Anweisung gegeben: »Sie befanden sich alle noch
vor 5 Minuten auf einem Schiff, welches soeben untergegangen ist. Sie
haben Glück gehabt. Allerdings gibt es jetzt ein Problem. Ihr Rettungs-
boot, in dem Sie gerade sitzen, ist nur für 6 Personen gebaut. Sie sollen
nun in einem Entscheidungsprozeß feststellen, wer das Boot zu verlassen
hat. Die Entscheidung muß einstimmig sein, also muß auch derjenige oder
diejenige einverstanden sein, der (die) das Rettungsboot verläßt. Argu-
mentieren Sie auf dem Hintergrund Ihrer Rollen. Im Wasser befinden sich
Haie, so daß ein Anhängen an das Boot ebenfalls Ihren sicheren Tod
bedeuten würde. Sie haben 15 Minuten Zeit für die Entscheidung. Dann
geht das Boot unter, da es überladen ist.« Der Lehrer gibt das Ende be-
kannt. (Während des Spiels sagt der Lehrer alle 5 Minuten die noch ver-
bleibende Zeit an.)
Material:
a) Sieben Zettel mit folgenden Rollen:
Professor, 66 J., steht kurz vor dem Abschluß wichtiger Experimente, die
der Menschheit sehr nützlich sein können.
Seemann, 33 J., ledig
Lehrerin für Deutsch und Musik, 30 J., verheiratet, zwei Kinder (sie reiste
allein)
Mutter von 5 Kindern, 36 J., (reiste allein)
Buchhalterin, 54 J., alleinstehend
Schülerin, 18 J., steht kurz vor dem Abitur
Arbeiter, 30 J., verheiratet, hat bei der Bundeswehr ein Überlebenstrai-
ning mitgemacht.
b) Beobachtungsbogen für sieben Teilnehmer:
»Bitte beobachten Sie die Rolle ....... .
Setzen Sie sich so hin, daß Sie die Person von vorne sehen können.
(I) Ergreift die Person die Führungsrolle?
(2) Vermittelt sie, faßt sie zusammen, ordnet sie?
(3) Strebt sie Koalitionen an und geht sie welche ein?
(4) Drängt sie auf Entscheidungen?
(5) Wie geht sie dabei vor?
(6) Schließt sie Kompromisse?
(7) Welchen Gesamteindruck macht diese Person auf Sie?«
Unterrichtsverlau!,
Nach Beendigung des Spiels setzen sich alle in einen Kreis, der zur
Tafel hin offen ist.
1. Fremd- und Selbsteinschätzung: Die Beobachter der einzelnen
Rollen geben ihren Eindruck wieder. Daraufhin hat der Beobach-
tete Gelegenheit, seine eigenen Empfindungen auszudrücken.
Dies wird als Gegenüberstellung auf Folie notiert.
2. Reflexion
Reflexionsebene I
Diskussion: Welche Empfindungen hatten Sie während des Ent-
scheidungsprozesses? Diskussionsführung: Der Lehrer probiert,
ob der Begriff »Konflikt« als passend empfunden wird. Stich-
punkte an der Tafel. Engerer Impuls: Frage an diejenigen, die
offen und aktiv eine Lösung angestrebt haben: »Was haben Sie
dabei empfunden, als Sie so direkt eine Lösung anstrebten?« Frage
an die anderen: »Aufgrund welcher Empfindungen haben Sie sich
nicht aktiv an dem Entscheidungsprozeß beteiligt?« Hier muß
darauf geachtet werden, daß keine Wertung des Verhaltens vorge-
nommen wird.
Reflexionsebene 11
Diskussion: Beziehen Sie die Grundsituation Konflikt auf alltägli-
che Gegebenheiten. Diskussionsführung: Anhand von Beispielen
(vorstellbar sind Konflikte Eltern-Kinder, Schule-Schüler-Leh-
rer, Freund-Freundin) werden Verhaltensweisen in Konflikten
diskutiert.
Reflexionsebene III
Diskussion: Welche Rolle spielt die »Gewalt in uns« in Situatio-
nen von Konfliktlösungen? Diskussionsführung: Es gibt m. E.
kein eindeutig richtiges Verhalten in Konfliktsituationen. Allein
das konkrete Handeln gibt Auskunft über die Dimensionen von
Gewalt. Allerdings kann ein Leitgedanke formuliert werden. Die
237
Frage, die sich jeder stellen muß, lautet: In welchem Grade ist der
andere mir in als Mensch präsent? Beziehe ich bei
Lösungen auch Befindlichkeit des anderen mit ein? Mögliches
Ergebnis: Konf1\.kdösungen sind besonders dann durch »Gewalt
in uns« geprägt,i wenn der andere aus meinem Blickfeld gerät.
Diese DiskussIon kann nicht auf dem Hintergrund des Spiels
geführt werden,1 da dort die physische Vernichtung der siebten
Person Überleg*ngen bezüglich des »Anderen« überflüssig wer-
den läßt. Zieher\. wir allerdings ein anderes Beispiel heran (von
Reflexionsebene 11), so wird sich diese Überlegung als konsequent
erweisen (Beispiel: Es ist ein Unterschied, wie Jugendliche von
Eltern Verbote vermittelt bekommen).
Phase 4: Ursachen von Gewalt. Aggressionstheorien (ca. 8 Std.)
Ziel dieser Phase ist, Erklärungsversuche der Psychologie zu Ge-
waltverhalten kennenzulernen und deren Relevanz zu überprü-
fen. Als Vorschlag ist ein Sekundärtext angegeben, der die Theorie
in verständlicher Weise vorstellt und erläutert. (Bei Bedarf kann
hier auf. die Primärliteratur zurückgegriffen werden, allerdings
muß dann mehr Zeit veranschlagt werden.)Wesendich ist, daß
nicht die »Konkurrenz« der Theorien in den Vordergrund gestellt
wird, sondern die verschiedenen Leistungen der Erklärungen von
  diskutiert werden.
Fragestellungen für die Arbeit:
(1) Welche Ursachen für Aggressionen werden benannt?
(2) Welches Menschenbild wird zugrunde gelegt?
(3) Wie »plausibel« sind die Erklärungen?
Abschließend sollten in Form einer Synopse die Grundlagen
der Theorien gegenübergestellt und die Relevanz diskutiert
werden.
(4) Läßt sich ein Bezug der Theorie zu den behandelten Texten
finden?
Anmerkungen
1 Johan Galtung, Gewalt, Frieden und Friedensforschung, in: Dieter
Senghaas (Hg.), Kritische Friedensforschung, Frankfurt 1971, S. 55-
104, hier S. 57.
2 Johan Galtung, Der besondere Beitrag der Friedensforschung, in:
Kurt Röttgers/Hans Saner, Gewalt. Grundlagenprobleme in der Dis-
kussion der Gewaltphänomene, Basel-Stuttgart 1978, S. 9 H; vgl.
auch Text 9.
3 AHred Lorenzer, Sprachzerstärung und Rekonstruktion, Frankfurt
1973·
4 . Es ist anzunehmen, daß erlebte Gewalt nicht zu identifizieren ist mit
personaler Gewalt. Die lebens geschichtlich erfahrenen Brüche und
damit Sprachzerstörungen beruhen im Gegenteil wesentlich auf
struktureller Gewalt, die sich in der Sozialisation über die Praxis der
Mutter an das Kind vermitteln. '
Alfred Lorenzer, Die Analyse der subjektiven Strukturen von Le-
bensläufen und das gesellschaftlich Objektive, in: Dieter
BaackelTheodor Schulze (Hg.), Aus Geschichten lernen, München
1979; vgl. auch Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse, Frank-
furt 1975, S. 315 H.
6 Klaus Horn, Gruppendynamik und der subjektive Faktor, Repressive
Entsublimierung oder politisierende Praxis, Frankfurt 1973, ferner:
Claus Henning Bachmann, u, a., Kritik der Gruppendynamik Frank-
furt 1981; vgl. auch Karlheinz A. Geißler (Hg.), Gruppendynamik
für Lehrer, Reinbek bei Hamburg 1979.
7 Lorenzer (s. Anm. 3).
8 Hermann Argelander, Gruppenprozesse, Reinbek bei Hamburg 1972.
S·9·
9 Während die Gruppendynamik in der Regel auf einen »Lernfort-
schritt« im Sinne des kognitiven Wissens verzichten kann, ist dies aus
verschiedenen Gründen für die Pädagogik nicht möglich. Wenn in
der Pädagogik Gruppenprozesse reflektiert werden, existiert auch
immer eine Vermittlung kognitiven Wissens.
10 Theodor Ebert, Gewaltfreier Aufstand. Alternative zum Bürger-
krieg, Waldkirch, 4. Aufl. 1981 (mit einem Nachwort zur Neuauf-
lage); ders., Gewaltfreie Aktion. Erfahrungen und Perspektiven, in:
Manfred Funke (Hg.), Friedensforschung - Entscheidungshilfe gegen
Gewalt, Schriftenreme der Bundeszentrale für Politische Bildung,
Heft 103, Bonn 1975, S.215-238; ders., Soziale Verteidigung, 2
Bände, Waldkirch 1981; Wolfgang Hertle, Graswurzelrevolution in
der Bundesrepublik? Ansätze einer Bewegung für gewaltfreie Gesell-
schaftsveränderung durch Selbstorganisation und Macht von unten,
in: Vorgänge. Zeitschrift für Gesellschaftspolitik Nr. 3 I, 1978; ders.,
Larzac 1971-1981. Der gewaltfreie Widerstand gegen die Erweite-
rung eines Truppenübungsplatzes in Süd frankreich , Kassel 1982;
Martin Humburg (Hg.).' Gewaltfreier Kampf und Selbstverwaltung-
ein politisches Konzept, Herford 1980; Hans Peter Nolting, Lern-
schritte zur Gewaltfreiheit, Reinbek bei Hamburg 1981; Wolfgang
239
Sternstein, Strategie gewalt freier Aktion - Ein Überblick, in: Hans-
Jörg Schultz (Hg.), Politik ohne Gewalt? Frankfurt, 2. Aufl. 1980,
S. 165-179; vgl. auch die in Berlin erscheinende Zeitschrift Gewalt-
freie Aktion sowie die in Kassel erscheinende Graswurzelrevolu-
tion.
11 Vgl. u. a. Herbert Gudjons, Praxis der Interaktionserziehung, Bad
Heilbronn/Obb. 1978; weitere Sammlungen von Interaktionsspielen
werden angeführt in: Reiner SteinweglWolfgang Heidefuß/Peter
Petsch, Theaterpädagogik: Geschichte und gegenwärtige Praxis, in:
Otto/Thiersch/Eyfferth, Handbuch der Sozialarbeit/Sozialpädago-
gik, Darmstadt-Neuwied 1983.
Allgemeiner Teil
Christiane Rajewsky
Krieg oder Frieden?
Jugendbücher 1912-1982:
Historische Einführung, Vorschläge,
Kommentare
Seit einigen Jahren werden in der Bundesrepublik Antikriegsro-
mane aus der wilhelminischen Zeit und der Weimarer Republik
neu aufgelegt!, die deutlich machen, daß es auch in Deutschland
eine Tradition der literarischen Auseinandersetzung mit dem Mi-
litarismus gibt. Viele dieser Bücher waren auch und gerade für
Jugendliche geschrieben. Sie bilden den ersten Teil des hier vor-
gelegten kommentierten Verzeichnisses (S. 269 ff.). Der zweite
Teil führt literarische Werke auf, in denen der Zweite Weltkrieg
im Mittelpunkt steht (S. 282 ff.), ein dritter enthält Bücher, die
sich mit dem Krieg und den Kriegen in der Entwicklung seit 1945
auseinandersetzen (S. 289 ff.). Zum Schluß werden neuere Antho-
logien angeführt (S. 298 f.).
Diese Bücher bilden zusammen ein Kontrastprogramm zur
Kriegspädagogik in derjugendliteratur des wilhelminischen Zeit-
alters und der Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus-
und nach 1945. Man muß von dieser zum Teil erdrückenden
Kriegspädagogik wissen, um den Wert und die Leistung der hier
vorgestellten Friedensliteratlir ermessen zu. können. Der Samm-
lung wird daher eine Beschreibung dieses Hintergrunds vorange-
stellt (Kapitel I). Es folgen einführende Überlegungen dazu, wie
Jugendbücher bei der Erziehung gegen den Krieg helfen können
und was dabei zu beachten ist (Kapitel H, S. 256 ff.).
Die Bücher teilen Erfalirungen darüber mit, wie im Krieg mit
Menschen umgegangen wird, Erfahrungen der beiden Weltkriege,
aber auch der Kriege der jüngsten Vergangenheit und der Gegen-
wart, Bücher, die etwas über die offenen und versteckten Vorbe-
reitungen zum Krieg und über seine unsichtbaren Funktionen
sagen. Bücher, die Gegenaufklärung bieten zu einem falsch akzen-
tuierten Geschichtsunterricht, zu kriegsverherrlichenden und
-verharmlosenden Erzeugnissen der Medien, zu falschem Hel-
243
denturn, zu einer abermaligen Erziehung zur Wehrbereitschaft,
die so leicht umschlagen kann in die Bereitschaft· zu einem Drit-
ten, dem »großen unausdenkbaren   r i e g « ~
1. Kriegspädagogik in der Jugendliteratur
Vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus
Nach der Ausrufung des Deutschen Reiches »auf besetztem Bo-
den und unter dem Schutz preußischer Bajonette« wird am 18. Ja-
nuar 1871 das »Zeitalter der Kasernen« begründet. Die im preu-
ßischen Heer lebenden anti-demokratischen Überzeugungen- so
das Prinzip des unbedingten Gehorsams - setzen sich im zivilen
Bereich der Gesellschaft durch. Allmählich wird, über Eltern-
haus, Schule, Wehrdienst, Arbeitsplatz, Wissenschaft, Kunst und
Kultur - mit Unterstützung der Kirchen - »die gesamte Gesell-
schaft vom militärstaatlichen Denken erfaßt«, militarisiert.
2
In
dieser Epoche ist Krieg ein jugendliterarisch privilegiertes
Thema.
3
Jugendliteratur hatte nicht zuletzt die Aufgabe, Bereit-
schaft zum Heldentum zu wecken.
4
Marieluise Christadler
spricht sogar von literarischer Mobilmachung im Jugendbuch je-
ner Zeit.
5
Die Jugendliteratur ergänzt die Ziele der Schule, die-
neben preußisch-konservativer Grundhaltung und heroischer
Auffassung von der Geschichte mit Kaiser und Reich als prägen-
der Kraft - »vor allem die Verherrlichung des Nationalstaats
pflegte«.6
Den deutschen Oberlehrer der spät-wilhelminischen Zeit schil-
dert Friedrich Wilhelm Foerster, der hier den Eindruck eines
französischen Kollegen wiedergibt:
»Etwas geradezu EiDzigdastehendes in der Welt ( ... ), die Religion der
Brutalität, die in diesem Typus zum Vorschein kommt, sobald man auf die
Frage des Völkerrechtes und der Völkerverständigung zu sprechen
kommt ... '/
Dem Nationalismus hat auch die Kirche nicht entgegengewirkt:
keine bekannte evangelische und katholische Ethik der Zeit von
1870 bis 1918 hat den Krieg als Problem dargestellt.
8
Aus Christadlers Analyse der zwischen 1907 und 1910 in
Deutschland erschienenen Jugendbücher geht hervor, daß sich
244
mehr als ein Zehntel aller Titel mit Kampf und Krieg beschäftig-
ten.
9
Freiheit wird in diesen Werken nicht als verfassungs- und
menschenrechtliches Postulat begriffen, sondern zum kollektiven
Ziel nationalstaatlicher Machtpolitik verkürzt. Leben ist Kampf
und Krieg nur Teil dieses » ••• Kampfes, der Natur wie Ge-
schichte« bestimme.
lo
Immer schon hatte um alles gekämpft wer-
den müssen: um Troja, um Rom, ums Elsaß, um Südwestafrib.
l1
Lebensbewältigung erscheint nur durch Rundumverteidigung
(»nix wie druff!«) möglich, gegen eine feindliche Umwelt.
Die Hochschätzung des Kampfes wie auch der offensiven Tu-
genden Willensstärke, Durchsetzungsvermögen, Angriffsgeist ist
Teil des Leistungssyndroms, »in dem sich feudalistische Kampf-
auffassung, kapitalistische Wettbewerbsgesinnung und biologisti-
sches Denken mischen«.12 Schon lange vor Beginn des Ersten
Weltkriegs war vom Krieg die Rede gewesen. So stellte z. B. Co 1-
mar Freiherr von der Goltz fest:
»Dient Krieg nach wie vor der Politik zur Erreichung ihrer Zwecke« und
muß er »auch um untergeordneter Ziele willen auf vollständige Nieder-
werfung des Gegners ausgehen, was notwendigerweise zum entscheiden-
den Gebrauch aller Mittel, der geistigen wie der materiellen, führt«, dann
ist es allerdings »nur recht und billig, die vorhandenen Kräfte schon im
Frieden vorzubereiten«.n
Der Historiker Heinrich von Treitschke erklärte, daß »gar kein
echter politischer Idealismus ohne den Idealismus des Krieges
möglich sei«!4, und Kaiser Wilhelm 11. schrieb I905 an den Kanz-
ler Fürst Bülow: »Erst die Sozen abschießen, köpfen, unschädlich
machen, wenn nötig, per Blutbad, und dann Krieg nach außen.
Aber nicht vorher, und nicht a tempo.«15 Daher war die politische
Kultur des kaiserlichen Deutschland der Vision einer Welt ohne
Krieg feindlich; der Gedanke des internationalen Konflikts war
lebenswichtig für die Aufrechterhaltung des inneren Status
quO.
16
Die Militarisierung der Kinder- und Jugendliteratur (einschließ-
lich der Lesebücher) seit der Jahrhundertwende ist nicht eine iso-
lierte Erscheinung in der wilhelminischen Kultur: auch Spielzeug
oder Bildpostkarten, Kleidung, der ganze »patriotische Industrie-
schund«!7 der Vorkriegs- und Kriegszeit, gehören hierher. Dem
militärischen Zeremoniell wurden Choräle unterlegt, so dem
Großen Zapfenstreich: »Ich bete an die Macht der Liebe« - heute
noch!!8
245
An der Reichsschulkonferenz von 1890 und 1900 nahmen außer
den Delegierten aus Schulen und Hochschulen Vertreter derjeni-
gen Gruppen in der Gesellschaft teil, die ein unmittelbares Inter-
esse an der Beeinflussung der Ausbildung Jugendlicher hatten:
Bürokraten, Industrie und Militärs.
19
Nach ihrer Vorstellung soll-
I
ten Bücher wie Deutsche Treue, welsche T'ücke
20
oder Aus der
Prima nach Tientsin
21
die im Vorschulalter bb
l
gonnene Erziehung
der Kinder zu militaristischem Denken und! Verhalten
22
fortset-
zen.
»In kalter- Ruhe, wie Männer aus Stahl und Eisen, kommandierten die
deutsche Offiziere, ... ruhig, wie vorzügliche Maschinen schossen die
Matrosen. «23
»Das Schönste aber, noch schöner als die glänzenden neuen Kanonen
und Schiffsleitern, waren die kühnen, freudig erregten, stolzen und zuver-
sichtlichen Mienen sämtlicher Offiziere und Leute.«24
Solche Schriften fehlten in keiner Schulbibliothek. Diese Jugend-
schriftsteller der wilhelminischen Zeit haben keine Scheu, Gewalt
und Mordgier zu schildern: da nennt man - in einem Kolonialro-
man - Eingeborene »Bestien«, »Hunde« und »Teufel«, die man'
am besten irgendwo zusammentreibt und dann »hineinschießt,
bis alles erledigt ist«25 - die Ausrottung des Gegners als sicherstes
Rezept für den ewigen Frieden.
26
Oder ein »Schutztruppler«
schreibt: »Wirfreuten uns, daß die Sache losging ... Schnellfeuer,
immer feste los ... So ist Oorlog. Höchste Zeit, daß mal zuhause
ein großer Krieg kommt. «27
Das sittlich Erhabene des Krieges beschreibt A. F. Schack:
»Der Kadett.
Nicht mir ein Alter, matt und siech,
nicht mir den Tod auf dem Krankenbett!
Nein, sterben möcht ich im fröhlichen Krieg
wie bei Aspern der junge Kadett!«28
Und wenn er doch nach Hause kommt, dann rumreich
»Eichenlaub an den Helmen, die Rosse bestaubt,
die klirrenden Säbel in den Gehängen.«29
Diese militaristische »Kultur« blieb nicht auf den Adel als »Krie-
gerkaste« und das ihm nacheifernde Bürgertum beschränkt.
30
Der
Bildungsausschuß der SPD, der ab 1907 ein Verzeichnis der für
Jugendliche empfehlenswerten Druckwerke herausgab, lehnte
sich inhaltlich stark an die Vorschläge der hauptsächlich von Leh-
246
rern getragenen Prüfungs gremien zur Förderung der »guten« Ju-
gendliteratur an (vor allem des Hamburger Ausschusses), wie sie
z. B. in der Jugendschriftenwarte zwischen I904 und I914 ver-
öffentlicht wurden.
31
Die freiwillige Selbstkontrolle der Sozial-
demokraten ging so weit, daß ihre Liste »auffallend nachsichtig
gegenüber der Darstellung von Kampf und imperialistischer Poli-
tik« war
32
und auffallend »entsagungsvoll hinsichtlich antimilita-
ristischer, antiimperialistischer Literatur«.33 Der pazifistische Ro-
man Bertha von Suttners Die Waffen nieder! (1889), der bis 1914
eine Auflage von 19°000 erreichte und die Friedensbewegung ein
großes Stück voran brachte, war in keiner Empfehlungsliste für
Jugendliteratur zu finden.
Die sozialdemokratischen Jugendliteraturkataloge hatten sich
den bürgerlichen Hamburger Empfehlungslisten und dem Ge-
schmack ihrer 5°000 Abonnenten so weit angenähert
3
4, daß der
Sozialdemokrat Hirsch 1913 im Preußischen Abgeordnetenhaus
dazu seinen Kollegen von den bürgerlichen Parteien stolz mel-
dete, ein Unterschied sei nicht mehr festzustellen. Das »Ein-
schwenken in die nationale Einheit«35 war vollzogen.
Die politische Bedeutung der Bemühungen Karl Liebknechts
um eine antimilitaristische, apatriotische Erziehung der Jugend
wurde von der SPD, deren Mehrheit seine auf Parteitagen regel-
mäßig eingebrachten Anträge ebenso regelmäßig niederstimmte,
fehleingeschätzt. Seine Schrift Militarismus und Antimilitarismus
unter besonderer Berücksichtigung der internationalen] ugendbe-
wegung (Leipzig 1907) trug ihm im übrigen 1907 eineinhalb Jahre
Festungshaft ein. Weder erledigte sich der Militarismus von
selbst, wie der SPD-Parteitag von Bremen 1904 für die Zeit nach
dem Sieg des Sozialismus hoffte, noch verweigerten sich - nach
dieser Übernahme der militärischen Erziehung durch die SPD
nicht verwunderlich - die Arbeitermassen dem allgemeinen
Kriegsaufbruch 1914.
36
Zur Eile der Freiwilligen 1914, an die
Front zu kommen, mögen die militaristischen Jugendbücher der
wilhelminischen Zeit als Teil der Kriegspädagogik jener Epoche
beigetragen haben, indem sie den Krieg als Gelegenheit individu-
eller Verwirklichung, freiheitlicher und abenteuerlicher Lebens-
gestaltung ausmalten (vgl. unten S. 257).
Sven Papcke hat unlängst auf die Begeisterung, die »Sinnes- und
Gefühlsduselei« hingewiesen
37
, die ganz unterschiedliche Bevöl-
kerungsgruppen in allen kriegführenden Völkern zu Beginn des
247
Ersten Weltkriegs erfaßte und erst allmählich einer Ernüchterung
Platz machte. Mehr als zwei Millionen Freiwillige meldeten sich
in Deutschland, nach heutigem Verständnis größtenteils Jugend-
liche. I 1/2 Millionen Kriegsgedichte gingen im August 1914 bei
den Redakteuren der Tageszeitungen und Wochenblätter ein, ein
»poetischer Massenseufzer« zweifelhafter literarischer Qualität.
Hunderte von Hochschullehrern machten zu Hause mobil und
produzierten Schriften, Aufrufe, Unterschriftensammlungen zum
Krieg. Die Mehrheit der Lehrer stimmte in das patriotische Ge-
schrei ein
38
, die Vorkämpfer unter ihnen stellten Kriegsgedichte,
»Kriegsratgeber« oder »Kriegstagebücher« für die Jugend zusam-
men
39
oder verfaßten Unterrichtseinheiten über den Krieg.
40
Die
Schulbücher stellten sich so geschmeidig auf die neue Lage ein,
daß Liebknecht im Preußischen Landtag klagte:
»Betrachten Sie den deutschen Unterricht. Im deutschen Unterricht soll
sich die jugendliche Seele am ersten frei entfalten, ihre Flügel ausspannen,
um zu versuchen, eigene Gedanken, eigene Empfindungen frei zu entwik-
kein und zu gestalten. Und wie wird heute der deutsche Unterricht ge-
trieben, welche Aufsatzthemata werden den Kindern gestellt? Krieg,
Krieg und noch einmal Krieg ist die Losung in der Schule! ( ... ) Gewisse
Phrasen der Kriegsbegeisterung werden ihnen vorgeschrieben.«41
Die Jugendschriftenausschüsse brachten zu Beginn des Krieges
eilig Empfehlungslisten auf den Markt: Gute Bücher über den
Krieg I9I4-I9I5 für Jugend und Volk; ein Kriegs-Struwwelpeter,
. Nesthäkchen und der Weltkrieg, eine Erzählungfür Mädchen von
8-I2 Jahren, Vom Krieg, aus Hänschens Schulmappe, die Jugend-
zeitschrift Der Weltkrieg und die Kriegshefte
42
(beide bei Ensslin
und Laiblin) oder »feldgraue Humoresken«43 sorgten für den An-
schluß der Jugend an das Zeitgeschehen. Der Krieg belebte das
Geschäft.
Nach dem Sturz der Fürsten, nach der Ausrufung der Republik
schien die Chance gekommen, den Militarismus der Kaiserzeit zu
überwinden. »Kein vernünftiger Mensch zweifelt daran, daß
Deutschlands Anschluß an die demokratische Weh nur erfolgen
kann im Zeichen des Pazifismus«, schrieb Ossietzky 1924.44 Die
Regierungsparteien der Republik wollten realisieren, was die Re-
formpädagogik seit Jahrzehnten gefordert hatte: die Abkehr von
der preußischen Militärpädagogik. Aber »unter dem Deckmantel
der Republik, toleriert, ja gefördert von deren Organen, wucherte
die Ideologie des preußischen Militarismus« weiter.
45
Der Schriftsteller Alfred Döblin glossierte die Reichsschulkon-
ferenz von 1920, die für die Neugestaltung der Schule in der Re-
publik wichtig war. In seinem Artikel Zwischen Helm und Zylin-
der beschreibt er, wie die Delegierten »von den Goten und Toten
und dem Gemeinschaftsgefühl« redeten.
46
Später erkannte er in
den Schulbüchern seiner Kinder aus den zwanziger Jahren »den
späteren Ungeist als bereits vorgeformt ( ... ) im unverhüllten
Chauvinismus und in einem Freund-Feind-Denken der Ge-
schichts- und Geographiebücher ( ... ) in der konservativ-monar-
chistischen Perspektive bei der Konzeption gymnasialer Lesebü-
cher.« Er schreibt weiter:
"Dies eine ist sicher: Wer diese Schulbücher passiert hat, weiß und hat und
ist etwas vom gestrigen Deutschland, vom Kaiserreich, Mittelalter und
Arnim. Die junge Republik, die Demokratie, die Arbeiterschaft, die neue
Welt wird er nicht kennen, sondern ablehnen.«47
Tucholsky hatte die sich unverändert fortsetzende Militärerzie-
hung an den deutschen Schulen schon 1919 beobachtet:
»Noch immer werden in den deutschen Schulen Schlachten gelehrt und
Kriegsberichte der Ludendorffe aller .zeiten, und es wird den Kindern
gesagt, daß das: Blutvergießen und Generalsanmaßung, das Leben und die
Geschichte sei.«48
Verhetzte Kinder - ohnmächtige Republik, so überschrieb er
knapp zehn Jahre später die Kritik eines Schulbuchs in einem
Artikel für die Weltbühne.
49
Seit 1920 war ein Wiederaufleben »germanischer Geschichts-
schreibung« zu beobachten, wie sie etwa der Thienemann-Verlag
förderte.
Der Erfolg eines antimilitaristischen Buches wie Im Westen
nichts Neues vom E. M. Remarque (siehe S. 277), Das Feuer von
Barbusse (S. 269) oder Ernst Glaesers Jahrgang I902 (1928)
und die fortlebende Erinnerung daran täuschen darüber hinweg,
daß wenig mehr als zehn Jahre nach dem Ende des Ersten Welt-
krieges das Grauen und die Schuldgefühle zurücktraten und ganz
anderen Bewertungen Platz machten: »Wir wollen das negative,
bedingte, der Verwesung opfernde Teil dieses Krieges aus unse-
rem Gedächtnis auszumerzen versuchen ( ... ) und nur das Leben-
dige, Große, Fortzeugende aufbehalten.«50 Tucholsky hat diese
Entwicklung 1928 beschrieben: »Schmerzen werden vergessen.
249
So hat die Nation die Scheußlichkeit des Krieges verwunden.
Freundliche Lappalien wachsen über diese Regionen der Erinne-
rung, und die Äußerlichkeiten bleiben ... «51
Anhand der Auflagenziffern pro- und antimilitaristischer Bü-
cher hat Wolfram W ette   wie das Vergessen der
Schmerzen, der Schrecken, der Vernichtung und der Schuld par-
allel lief mit dem Aufkommen der Sicht des Krieges als »inneres
Erlebnis« aünger)53, wie schon kaum ein Jahr nach der Unter-
zeichnung des kriegs ächtenden Briand-Kellogg-Pakts von 1928 in
Deutschland die Kriegsbücher der Literatengruppe »Soldatischer
Nationalismus« und überhaupt zunehmend Werke mit militaristi-
scher Tendenz gelesen wurden.
Hatten die Pazifisten den Krieg als organisierten Massenmord
gesehen und damit für abschaffbar gehalten, so erklärten die Na-
tionalisten den Krieg als Naturerscheinung, als Chance, soldati-
sche Tugenden für das »Überindividuelle, das Kollektive, den
Staat« einzusetzen.
Die Verklärung des Krieges als Erzieher, als Bildungserlebnis
(»das ernste, hohe und blutige Spiel«), das »die Männer zu allen
Zeiteri zu Männern macht«54, gehörte zu den konstanten Elemen-
ten konservativer Kriegsphilosophie
55
, wie sie Ernstjünger for-
mulierte: . .
»Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt in glühendem Schoße der
Kampfgräben als ein neues Geschlecht und wir erkennen mit Stolz unsere
Herkunft an.«56
»Nicht wofür wir kämpfen, ist das Wesentliche, sondern wie wir kämp-
fen. Dem Ziel entgegen, bis wir siegen oder bleiben.,,57
Frontsoldatenromane Werner Beumelburgs, Edwin Erich Dwin-
gers, Ernst und Friedrich Georg Jüngers, Franz Schauweckers
oder Ernst von Salomons erlebten hohe und zahlreiche Auflagen,
zugleich stieg auch die Zahl der Bücher, die sich mitWehrfragen
und zukünftigen Kriegen befaßten.
Auch in der Germanistik war eine intensive Beschäftigung mit
dem Thema Krieg und Soldatentum zu beobachten. Wer, wie die
Verfasser der neuen Frontsoldatenromane, der neuen Wehr-Sach-
kunde-Bücher und der sie propagierenden Literaturbesprechun-
gen oder germanistischen Untersuchungen wieder ein Bekenntnis
zum Krieg ablegte, ihn zum ritterlichen Kampf stilisierte oder die
Erfahrungen aus den Materialschlachten ins Ideale verklärte,
lehnte die Staatsform von Weimar ab. Diese Kriegsbücher und
ihre positive Bewertung in der Sekundärliteratur hatten daher eine
hochpolitische Bedeutung.
58
Im gleichen Zeitraum, in dem die Auflagen pazifistischer Bücher
zurückgingen, wurde deutlich, daß es der Nie-Wieder-Krieg-Be-
wegung (1919 als Minimalprogramm aller Pazifisten unterschied-
licher politischer Gruppierung entstanden), die zeitweise Hun-
derttausende auf die Straße gebracht hatte, nicht gelungen war,
Gewerkschaften und SPD mit der Friedensbewegung zusammen-
zuführen; spätestens seit Ende 1925 hatte sie den Charakter einer
tatsächlichen Bewegung verloren.
Mitte der zwanziger Jahre begann eine sich bis zur physischen
Bedrohung steigernde Hetze gegen pazifistische, radikaldemo-
kratische, sozialistische und kommunistische Schriftsteller. 59 Im
August 1932 erschien eine Zusammenstellung von Namen im Völ-
kischen Beobachter mit der Ankündigung, daß die Bücher der
genannten Autoren (wie z. B. Ernst Toller, Leonhard Frank,
Theodor Plivier) im Fall der Regierungsübernahme von den Na-
tionalsozialisten verboten würden.
60
In der Berliner Nachtaus-
gabe vom 26. April 1933 waren »verbrennungswürdige Bücher«
von über 30 Autoren angeführt" die zwischen dem 12. April und
dem 10. Mai 1933 in allen Universitätsstädten in die Flammen
geworfen werden sollten. Der Börsenverein für den deutschen
Buchhandel veröffentlichte eine Liste von 12 Autoren »schädi-
gender Werke« (Remarque, Zweig u. a.), am 16. Mai 1933 eine
»Erste amtliche Schwarze Liste von Büchern, die bei der Säube-
rung von öffentlichen Bibliotheken auszumerzen sind« (131 Au-
toren, 4 Anthologien), es folgten Listen für Politik, Geschichte
usw. Schließlich umfaßte die Liste der verbotenen Bücher 12400
Titel und das Gesamtwerk von 149 Autoren.
Die Vernichtungsaktion in Berlin am 10. Mai 1933, vor fünfzig
Jahren, wurde von Goebbels geleitet, Studenten - »Rufer« - be-
gleiteten die Verbrennung mit feierlichen Sprüchen. Mit den
Worten »gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs,
für Erziehung des Volkes im Geiste der Wahrhaftigkeit!« warf der
siebte Rufer die Bücher E. M. Remarques in die Flammen.
61
An der zwischen 1914 und 1933 erschienenen Kriegsliteratur
wird, wie Momber herausgearbeitet hat, deutlich, daß der Milita-
rismus im Deutschland des Ersten Weltkrieges nicht von einer
grundlegenden friedensbestimmten Alternative abgelöst wurde,
ja, daß die Anfänge der Weimarer Republik eng mit einer Verlän-
ger'llng der Kriegstradition in den politischen Mord verbunden
sind.
62
Dieter Richter weist auf den Zusammenhang zwischen wilhel-
minischer und nationalsozialistischer historischer Jugendliteratur
hin;63 Rudolf Schenda hat belegt, daß einflußreiche Pädagogen
schon im wilhelminischen Staat mit offener Kriegspropaganda für
ein faschistisches Großdeutschland warben; da war die Rede vom
Krieg als »Markstein deutschen Lebens«, der Sehnsucht »nach
dem großen Führer, der, mit der Kraft tiefsten Schauens begabt,
uns auf den rechten Weg zwingt«, der Haß gegen den »gallischen
Pöbel«, dem Drang nach demOsten, denn »der Russe hat noch so
unendlich viel Boden zur Verfügung«64, und earl von Ossietzky
zog am 5. 10. 19J2 das Resümee, als er sich in der Weltbühne
(»Ich muß sitzen!«) vor Antritt einer Gefängnisstrafe wegen eines
Artikels über die illegale Aufrüstung mit den Worten verabschie-
dete:
»Die Republik hat es nicht verstanden, den spontanen Antimilitarismus,
den unsere Heere aus dem Krieg mitbrachten, im eigenen Interesse zu
fundieren. Sie hat ihn, im Gegenteil, unterdrückt, wie sie nur konnte, und
den chauvinistischen Gegenströmungen eine Konzession nach der ande-
ren gemacht. ( ... ) Aus alledem aber wuchs als gefährlichste Frucht: Die
Suprematie des Militärs in .der Politik.«6s
Nach 1933 bedeutete Kriegsverherrlichung, auch in der Literatur,
eine Bestätigung des nationalsozialistischen Staates. In den Arbei-
ten der »furchtbaren« Germanisten; deren militärisches Ein-
schwenken auf das Dritte Reich Wendula Dahle in ihrem Buch
über den »Einsatz einer Wissenschaft« verfolgt, mehren sich die
kriegsbejahenden Aussagen. Krieg ist »Blutopfer«66, »Ursinn«,
»Urstoß«, »Elementar-Gewalt«, »Urzustand "on Heimaterhal-
tung«, die Dichtung über den Ersten Weltkrieg eine »trommelfeu-
ergeschmiedete Erziehung zum Wesenhaften«67, alles Leerfor-
meln mit scheinbar letzten Erklärungen. Im Entwurf zu einem
Erlaß der Landes-Unterrichtsbehörde Hamburg über politische
Erziehung im Deutschen Unterricht fordert Rudolf Ibel 1933:
»zu erziehen ist: zum bedingungslosen Einsatz für die Eigenständigkeit
der Nation (Wehrhaftigkeit) ( ... ) zu begeisterten und machtvollen Kämp-
fern für das neue Deutschland ( ... ) Lebendig soll werden: der nüchterne
Heroismus des Frontsoldaten ( ... )«68
Nachdem die Germanistik auf einer »Kriegseinsatztagung« 1940
ihren Beitrag zum Krieg versprochen hat, erklärt Franz Koch im
Vorwort zu der fünfbändigen Auftragsarbeit Von deutscher Art in
Sprache und Dichtung: »Der totale Krieg, wie wir ihn erleben, ist
nicht nur eine militärische, sondern zugleich auch eine geistig-
kulturelle Auseinandersetzung größten Maßes.«69 Ein Professor
für Geistesgeschichte schrieb:
»Da im Kriege die Wirklichkeit als wirkende, dynamische ihre ausgepräg-
teste, sinnfälligste Form annimmt, so waren die Suchenden und Denken-
den in der bindungslosen, ziellosen Zeit des Weltkrieges dem Kriege
dankbar, in ihm endlich einmal eine wirkliche Wirklichkeit, einen tragen-
den, mitreißenden Lebenssinn gefunden zu haben.«70
In der Reichszeitung der deutschen Erzieher vom November 1937
wird realistischer gesagt, worum es geht, »um eine Frage des po-
litischen Bestandes schlechthin, die wir ohne Kompromiß an ir-
gendeinem Gegner lösen müssen«. Abteilungen des Ministeriums
für »Volksaufklärung und Propaganda«, der Reichsschrifttums-
kammer und der »Dienststelle des Beauftragten des Führers für
die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen
Schulung und Erziehung der NSDAP« sowie die Jugendschriften-
warte des NS-Lehrerbundes und die Reichsschrifttumsstelle in
der Reichsjugendführung kontrollierten die Kinder- und Jugend-
literatur. Im Mittelpunkt stand die Förderung derjenigen Auto-
ren, die Erlebnisse aus dem Ersten und bald auch aus dem Zweiten
Weltkrieg produzierten.
Wesentliches Kriterium für das Jugendbuch im Dritten Reich ist
die innere Einstellung zur nationalen Revolution und deren Be-
deutung für »völkische«, rassische und soziale Einheit. Die Ju-
gendlichen sollen zu Mut, Härte, Zucht, zur Sauberkeit, Opfer-
bereitschaft und zur Anerkennung des Führerprinzips erzogen
werden. Neben historischen Erzählungen aus der germanischen
Zeit, aus dem Leben in den Kolonien und neben Sagen gab es vor
allem die Jungmädel-Geschichten, Mädchen- und Jungmädchen-
bücher, Indianerserien und die von »Frontberichterstattern« der
Propagandakompanien geschriebenen Hefte der »Kriegsbücherei
der deutschen Jugend«. Das nationalsozialistische Jugendbuch
mit der höchsten Auflagenziffer, Hitlerjunge Quex von Karl
A. Schenzinger, war 1932, noch in der Weimarer Republik, er-
schienen. Innerhalb der Hitlerjugend entwickelte sich der neue
Schriftsteller-Typ des dichtenden Funktionärs, wie etwa des
Reichsjugendführers Baldur von Schirach, der die Fahne besang:
»Heil denen, die in deinem Schatten fallen!« Wer nichts über
Kampf und Krieg lesen wollte, konnte doch Krieg spielen: In
keiner Zeit hat es soviel originalgetreues Kriegsspielzeug gegeben
wie im Dritten Reich.
71
Antipazifistische Massenliteratur nach I94X
Nach dem Tod von Millionen, nach den furchtbaren Zerstörun-
gen, die der vom nationalsozialistischen Deutschland begonnene
Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, schien es zunächst, als könne
kriegsverherrlichende Literatur in Deutschland keine Leser mehr
finden. In das 1953 verabschiedete Gesetz über die Verbreitung
jugendgefährdender Schriften wurde auch ein Passus gegen Ver-
herrlichung von Krieg und Gewalt aufgenommen. Im gleichen
Jahr erschienen die ersten Kriegsromanheft-Reihen in der Bun-
desrepublik; das war im J aht des Waffenstillstandes in Korea und
dem Jahr, in dem erstmals eine steigende Zustimmung der Bevöl-
kerung zur Wiederbewaffnung zu verzeichnen war. Gelegentlich
publizierten dieselben Autoren, die während der 12 Jahre des
Dritten Reiches genehm waren, im gleichen Sinne weiter oder
erlebten Neuauflagen ihrer Werke. So wandte sich der ehemalige
Mitherausgeber der Kriegsbücherei der deutschen Jugend, P. Supf,
1952 in einem Inserat an die alten Kameraden, um sie für die
Mitarbeit an den Fliegergeschichten des Moewig-Verlags zu ge-
winnen.
72
Die starke Zunahme der Kriegsromanhefte seit 1957 ist, so der
Verleger Pabel, durch die Aufstellung der Bundeswehr ermöglicht
worden.
73
Die Verfasser dieser Serien haben zum Teil schon an
den Kriegsbücher-Reihen der Nationalsozialisten mitgearbeitet.
Die Kriegsromanhefte beschreiben meist - scheinbar sachlich -
einzelne Schlachten oder Feldzüge vor allem des Zweiten Welt-
kriegs, militärische Handlungen als Ablauf von Ereignissen aus
der Sicht des militärischen Erfolgs. Krieg ist eine Tatsache, deren
Erklärung verweigert wird.l
4
Die Helden der Handlung sind Sol-
daten der Deutschen Wehrmacht, auch solche der Waffen-SS. Wie
Geiger in seiner Untersuchung der Landserhefte zeigt, erscheint
in ihnen das deutsche Militär als »eigentlich« »im Felde unbe-
siegt«.75
Die Verbrechen der Nationalsozialisten, die Leiden der Men-
schen werden verschwiegen. Häufig ist die Sprache die gleiche wie
damals: »Mit Bordwafferi halten wir mitten hinein in den Russen-
haufen.« Der Feind steht meist »im Osten«. »Der Zweite Welt-
krieg wird als Abenteuerstoff verbraucht«, urteilt die Arbeitsge-
meinschaft für Friedenspädagogik?6 .
»Anflug durch Flakfeuer und Scheinwerferbündel- zum Zerreißen ange-
spannte, irritierte Nerven - fliegen zwischen Instinkt und Überreizung.
( ... ) Moritz kann aus seiner Bodenwanne den Einschlag der Bomben
beobachten und meldet jubelnd Volltreffer.«
Dem Einsatz folgt »einer jener wunderbaren Flüge in die Abend-
dämmerung hinein«.77
In anderen Beschreibungen des Zweiten Weltkriegs erscheint
Hitler als ungelöstes Rätsel, Krieg immer noch als zwar unheil-
volles, aber letzten Endes unumgängliches Ereignis, Frieden als
Endprodukt von Kriegen. Geschichte wird immer noch häufig auf
die Taten der »Großen dieser Welt« reduziert.
Neben den,Landserheften gibt es als Sachbücher, etwa als Bei-
träge zur Militärgeschichte aufgemachte Bände, z. B. Peter Co-
nolly, Die römische Armee, Tesloff-Verlag, Hamburg 1976, die
detailliert und ästhetisch befriedigend die technische Vollkom-
menheit von Waffen oder, wie im »Großen Buch der Soldaten«
von Hans v. Gottberg, Männer, Waffen und Strategien (Ensslin-
Laiblin Verlag, Reutlingen 1981) beschreiben. »Der Krieg ist der
Vater aller Dinge«, so belehrt der erste Satz des Verlagstextes. Im
Kapitel über den Zweiten Weltkrieg lobt der Autor vor allem den
technischen Fortschritt, den der Krieg mit sich gebracht habe, und
nimmt die Soldaten der Waffen-SS von allen Verbrechen aus.
78
»U-Boot-Kampfeinsatz - Triumph und Tragik« ist der Untertitel
eines neuen Romans bei Bastei-Lübbe in einer Reihe »Zeitge-
schichte« und weiter: »ein Bild des U-Boot-Krieges von unerhör-
ter Wucht, knallhartem Egoismus und bestürzender Eindringlich-
keit«. In einer anderen Ankündigung desselben Verlags (»mit
zahlreichen Bildern und Karten«) heißt es: »eine mitreißende
Schilderung der sinnlosesten Schlacht des Zweiten Weltkrieges«.
Mit der Behauptung, das von ihm herausgebrachte Buch Verdun
(German Werth) sei die erste Schilderung der berühmtesten
Schlacht des Ersten Weltkrieges aus deutscher Sicht, übergeht der
Verlag Arnold Zweigs seit vielen Jahren vorliegendes Buch (siehe
S. 282).
255
Die Hersteller gehen in der Aufbereitung der für Kinder und
Jugendliche bestimmten Bücher geschickt darauf ein, daß sich die
Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche Literatur konsumie-
ren, durch das Angebot des modernen Medienverbundes von
Groschen- und Science-Fiction-Heften, Comics, Zeichentrick-,
Fernseh- und Kinofilmen, Videokassetten, Spielautomaten und
Aktionsspielzeug gegenüber der Vorkriegszeit verändert hat.
Kinder kennen kaum überzeugende Alternativen für das, was die
Medien im Alltag leisten.
79
Medien werden, wie Dahrendorf sagt,.
mehr und mehr zur primären Wirklichkeit ihrer Benutzer.
8o
Da-
her können aggressive Darstellungstechniken und Aktualisie-
rungsstrategien verwendet werden, um Vergangenheit und Zu-
kunft als grell-bunte Kampfstätte von Über- und Untermenschen,
als Schauplatz von Gewalt und Horror schaurig oder sentimental,
großflächig und absatzfördernd aufzubereiten. Gelegentlich wird
durch die Einbeziehung historischer Daten und Fakten, durch
Montage dokumentarischer Details (Wehrmachtsberichte, "Ge-
fechtstagebücher« u. ä. 81) oder durch Vortäuschung von Reporta-
gen der Eindruck der Echtheit und der Seriosität erweckt: »Adolf
Hitler ... empfing ZEIT-Bild zu einem Gespräch in der Berliner
Reichskanzlei.«82
Die Äußerung Carlo Schmids 1950 im Bundestag: »Man darf
getrost den Satz wagen, der Antimilitarismus sei die eigentliche
Weltanschauung der deutschen Jugend nach dem Krieg gewor-
den«, traf wohl nur auf die Jahrgänge Wolfgang Borcherts zu, und
wenig später heißt es in der Begründung der Jury für den Jugend-
buchpreis 1957: » ... in liebenswerter Rückschau wird hier ein
Stück heile Welt erzählend wieder erschaffen.«83 Auch die seriöse
Kinder- und Jugendliteratur nach 1945 hat sich bis in die sechzi-
ger Jahre nur wenig mit dein Zusammenhang zwischen National-
sozialismus und Krieg auseinandergesetzt.
H. Erziehung gegen den Krieg durch alte
und neue Jugendbücher
Seit kurzer Zeit gibt es einige Empfehlungslisten, die auf friedens-
fördernde Jugendbücher hinweisen. 84 Sie orientieren sich, ganz im
Blick auf das gegenwärtig lebhafte Interesse an Materialien zur
Friedenserziehung und zur friedenspolitischen Bildungsarbeit, an
einer alle Erscheinungen von Gewalt und Unfrieden umfassenden
Bestimmung des Begriffs Frieden. Meist erlaubt es die Fülle der
damit in Betracht kommenden Titel nicht, auf den Inhalt und die
Eigenart der aufgeführten Bücher genauer einzugehen. Die hier
angebotene Auswahl konzentriert sich auf den Krieg und seine
Überwindung.
Die Begründung für diese Beschränkung liegt in einer Überle-
gung, wie sie Hartrnut von Hentig formuliert hat: »Wir werden
eben nicht >zum Frieden< schlechthin erziehen können, sondern
immer nur dazu, wie man tagtäglich >gegen den Krieg< ankämpft-
ich meine auch den großen, unausdenkbaren Atomkrieg.«85
Er zieht daraus den Schluß: »Erziehung zum Frieden heißt leh-
ren, wie der Krieg ist.« Es gilt aber auch, was der sowjetische
Schriftsteller Konstantin Simonow sagt: »Dem Wesen nach ist das
sogenannte Kriegsthema nicht nur das Thema des Krieges, son-
dern das des Friedens, nicht nur das Thema der Vergangenheit,
sondern das der Zukunft der Menschheit.«86
Im 18. Jahrhundert konnte noch ein Regierungschef wie Fried-
rich 11. von Brandenburg-Preußen sagen: »Der Bürger soll es
nicht merken, wenn sein Fürst Krieg führt.«87 Seit dem ersten
totalen Krieg, dem \Veltkrieg 1914-1918, sind Krieg und Frieden
nicht ~   h r präzis voneinander zu trennen, denn »vom Militaris-
mus zu sprechen, wo ganze Gesellschaften militärisch vom Krieg
leben, ist barer Unsinn - der Krieg ist total«.88 »Der totale Krieg,
das ist der ideologisch gerechtfertigte Krieg, dessen Ziel in der
unbedingten Selbstdurchsetzung durch Vernichtung des gegneri-
schen Staates und Volkes« liegt.
89
Er ist das »wesentliche Struk-
turprinzip gegenwärtiger Weltpolitik«.90 Der totale Krieg ist sei-
nem Wesen nach unbegrenzt. Karl Barth sagt es in seiner Dogma-
tik ähnlich: »Nur noch die Oberflächlichkeit kann die Kriegsfrage
trennen von der Friedensfrage.«91
Was können uns Bücher über den Krieg lehren?
Zunächst vermitteln sie uns die Erfahrung derjenigen, die den
Krieg erlebt haben, seine Folgen und Auswirkungen für den ein-
zelnen und die Gesellschaft (vgl. S. 259). Zur Zeitgeschichte, die
Jugendlichen nahegebracht werden müsse, wurden lange Zeit aus-
schließlich Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg gerech-
net. Damit haben wir jedoch die Auseinandersetzung mit dem
257
Ersten Weltkrieg ausgeschlossen, der »Ur-Katastrophe dieses
Jahrhunderts, das Ereignis, in dem ( ... ) Versagen und Nieder-
gang unserer westlichen Zivilisation begründet liegen«.92 So schil-
dern z. B. die Antikriegsromane der Weimarer Republik, über-
wiegend von Teilnehmern - Freiwilligen - des Ersten Weltkrieges
geschrieben, »die Qualen des Soldaten in seinem Kriegshan-
deln«.93 In den unendlichen Leiden der Opfer, aber auch in den
Motiven »und Regungen des kleinen und des großen Widerstan-
des, der Überläufer, Befehlsverweigerer, Deserteure und der re-
volutionären Kämpfer« gegen den Krieg erkannten damals Hun-
derttausende ihre eigenen Erfahrungen wieder, es waren die Er-
fahrungen, die sie zum »Nie wieder Krieg!« geführt haben.
94
Tu-
cholsky: »Wenn Sie wirklich die Wahrheit kennenlernen wollen,
dann halten Sie sich' an die unmittelbaren Quellen, lesen Sie die
Schriften derer, die ausfressen mußten, was andere ihnen einge-
brockt haben.«95
Diese Romane vermittelten und vermitteln, was der Krieg war
und ist für den, der ihn grundsätzlich ablehnt.
96
Sie stehen damit
für die eine der beiden einander entgegengesetzten Betrachtungs-
weisen des Krieges (siehe S. 250). Es könnte für Eltern, Erzieher
und Lehrer eine reizvolle Aufgabe sein, Jugendliche auch mit der
anderen Sicht des Krieges zu konfrontieren, wie sie in den Bü-
chern Ernst Jüngers und vieler ihm verwandter »Wortmacher des
Krieges« (Franz Werfel?7, aber auch in heute erscheinenden
Landserheften (siehe S. 254) und Militärsachbüchern formuliert
ist.
»In der Zwischenzeit, in der wir leben, muß man die Lehre des 1. August
1914 bedenken. Es gab damals Verantwortliche. Es gibt sie auch heute.
Sollte ein neuer Krieg kommen, so wird er gernacht worden sein. Man
kann ihn nicht einfach als SchicKsal hinnehmen. So billig ist das Schicksal
nicht zu haben.«98
Von Schilderungen der Schrecken des Krieges sollten wir jedoch
nicht mehr erhoffen als Information der Leser über Tatbestände,
jener Leser, für die die Grausamkeiten unserer Tage zu einem
»an- und abstellbaren Bildausschnitt im Wohnzimmer geworden
sind«.99
In den hier angezeigten Büchern geht es aber auch um die frühe
Ausrichtung des Lebens der gesamten Gesellschaft auf den Krieg,
um seine Vorbereitung, wie Heinrich Mann dies formuliert:
»Der Krieg mit allen seinen Opfern in endlosen Jahren hat kommen kön-
nen, weil wir ihn kommen ließen. Nie wäre er gekommen, hätten wir ihm
dies erlaubt. Seine Vorbereitung und sein Ausbruch hängen ausschließlich
vom Willen des Menschen ab.«\Oo
Die antimilitaristische Literatur der wilhelminischen Zeit und der
Weimarer Republik, aus der hier einige wiederaufgelegte Werke
vorgestellt werden, kann dazu beitragen, daß Jugendlichen von
heute deutlich wird, wie Erziehung zu Kriegsbereitschaft und
Kriegsbegeisterung einmal angelegt war und wie sie praktiziert
worden ist. Sie kann dadurch den Sinn schärfen für jede Tendenz
zu ähnlichen Entwicklungen.
Die Ancikriegsromane der Weimarer Republik sind auch wichtig
als literarisches Korrektiv zu bundesdeutschen Geschichtsbü-
chern, die die historisch-politische Bedeutung der Weimarer Frie-
densbewegung übergehen.
Die pazifistische Literatur der Weimarer Republik wirkt zu-
gleich der seit einigen Jahren zu beobachtenden Verherrlichung
Preußens entgegen, dieses Staatsgebildes, das vom Militarismus
nicht zu trennen war
lOl
, und sie bietet eine geistig-politische Tra-
dition, an die auch die heutige Friedensbewegung anknüpfen
könnte.
Die ungeheure Resonanz der kriegs bejahenden Literatur in der
wilhelminischen Epoche und in der Zeit der Weimarer Republik
(siehe S. 244) ist uns heute schwer verständlich. Wir erschrecken
über die innere Bereitschaft vieler Menschen für einen neuen
Krieg so kurz nach dem Ende des vorangegangenen; dies und
unser Befremden über das »heimlich ersehnte neue Lebensge-
fühl«, die Gelegenheit, im Krieg »die menschliche Person nach
unerhörten Seiten auszuweiten« (Arnold Zweigi0
2
, könnten der
Ausgangspunkt sein für eine Beschäftigung mit den policisch-
psychologischen Bedingungen des Krieges, mit der Frage: »Was
hat einer nicht lernen können oder dürfen, der schon einen Krieg
mitmachen mußte und nun ( ... ) auf einen zweiten Krieg lossteu-
erte?«103
Vielleicht, so vermutet Momber, hat der Krieg selbst Anteil
daran, daß in der Weimarer Republik eine Alternative gegen Krieg
und Unterdrückung nicht zustande kam, vielleicht hat der Krieg
selbst die Bereitschaft zur Veränderung verschüttet und ver-
nichtet.
259
»Der Krieg blieb den durch ihn Hindurchgejagten im Genick und ließ sich
nicht so leicht abschütteln. >Nie wieder Krieg<, gut, aber da schien doch
schon der Zweifel und eine Ahnung der Vergeblichkeit auf.<,104
Vielleicht ist eine Erklärung in der Richtung zu suchen, die Ar-
nold Zweig 1929, beim vermehrten Erscheinen kriegsbejahender
Literatur, angedeutet hat:
»Die neuen Kriegsbücher verschweigen, wie sehr im Krieg diese fluch-
würdige und niederträchtige Form der modernen Verflechtung, des Fest-
bindens jedes einzelnen die höchstmögliche Steigerung erfuhr. Seit den
antiken Galeerensklaven hat es keinen Typ Menschen gegeben, der so wie
der moderne Krieger bis in den Schlag und Tod hinein untermenschlich
geknechtet wurde, quer durch alle Lande und alle Militarismen. Aber man
muß, um dies aussprechen zu können, zunächst einmal sich die Empfin-
dung für ein richtigeres menschliches Leben bewahrt haben ... «105
- oder, wie Hartrnut von Hentig es ausdrückt: »Der Friede ist ein
Paradies, und eben darum gibt es Menschen, die den Krieg nicht
fürchten.« 106
Geiger hat angemerkt, daß auch im heutigen Landserroman die
Auswahl der dargestellten Personen und die Wertungsperspektive
nicht von einer Feststellung der Interessen dieser »Landser« aus-
geht, daß vielmehr im Vordergrund das Funktionieren der Ar-
meen steht und der militärische Erfolg, und er nennt dies die
Wiederholung eines Betrugs.
»Den deutschen Landsern, welche auf Grund autoritärer Erziehung, all-
gegenwärtiger Propaganda und fehlenden Einblicks in politische Zusam-
menhänge als Werkzeug und Opfer in einem imperialistischen Angriffs-
krieg ausgebeutet wurden, geschieht in der literarischen Fassung des
Zweiten Weltkriegs dasselbe Unrecht wie in der Realität.«107
Die straffe staatliche Erfassung und Otganisierung der Jugend im
Nationalsozialismus, das Verbot der Parteien, die Verfolgung und
Vernichtung der Juden standen mit dem Zweiten Weltkrieg nicht
nur in einem zeitlichen Zusammenhang, sondern in einem Bedin-
gungsverhältnis .108
Von den zahlreichen Jugendbüchern über die Zeit der Herr-
schaft des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg wur-
den solche in den zweiten Teil dieser Sammlung aufgenommen,
die den Zusammenhang zwischen Massenbewußtsein und Mobil-
machung, totalitärem Herrschaftssystem und Zwangsrekrutie-
rung sichtbar machen.
260
Nach Carl von Clausewitz (1780-1831) ist Krieg ein Akt der
Gewalt, der den Gegner zur Erfüllung unserer Wünsche zwingt.
Es genügt aber nicht, daß wir gegenüber dem Kriegsverhältnis,
das - in der Form von Feindseligkeit und Drohung - "in den
Gesellschaften als Dauerzustand steckt«, bei einzelnen ein Gegen-
bewußtsein zu entwickeln versuchen. Es kommt vielmehr darauf
an, Verkehrs/ormen herzustellen, in denen sich das Gegenbe-
wußtsein und die Bereitschaft ausdrücken, den Willen des Geg-
ners anzuerkennen. Es genügt also niemals, »den Krieg nicht zu
wollen«. Der Krieg ist schon, auch wenn er in diesem Augenblick
nicht stattfindet; »man muß ihn positiv aufheben.«109 Negt/Kluge
sprechen in diesem Zusammenhang vom »Kriegsverhältnis der
Nichtanerkennung« des fremden Willens. Es kommt also darauf
an, das Gegenüber, den potentiellen Gegner, wahrzunehmen, an-
zuerkennen und seine Autonomie herzustellen - materielle Ge-
genproduktion zum Kriegsverhältnis der Nichtanerkennung.
Heinrich Böll hat einmal gesagt, er glaube, daß die Literatur eine
entscheidende Rolle gespielt habe bei der Entstehung von Feind-
bildern.11° Allerdings sollten wir umgekehrt von der pädagogi-
schen Erzeugung friedlicher Einstellungen nicht zuviel erwarten,
sondern lieber lehren, wie man »Tatbestände beurteilt und verän-
dert. ( ... ) Nur die Offenheit - wenn man will: Das Gegenteil
einer ,Einstellung< - sollte gesucht werden.« (von Hentig)l11 Aber
vielleicht kann Literatur dazu beitragen, die Gemeinsamkeit des
Opfers der bisherigen Feinde in Erinnerung zu rufen
112
und die
bisherige Loyalität zum Nationalstaat für umfassendere Zusam-
menhänge zu gewinnen
113
, damit nicht »Politik und Feindschaft
zusammenfällt«, wie Clausewitz zur Vorbereitung des Krieges
anmerkt.11
4
Seit der Bombe von Hiroshima und ihren vielköpfigen Nach-
kommen ist die Selbstvernichtung der Menschen denkbar und
wahrscheinlich geworden. Damit ist ein »absoluter und irrever-
sibler Traditionsbruch im Kriegsdenken« erreicht.
l15
Aber noch
werden Kriege geführt, noch immer finden auch die großen Staa-
ten Gelegenheit, durch vielfältige Interventionen in der Dritten
Welt, offen oder verdeckt, ihre Interessen gewaltsam zu verfol-
gen.
Bücher über solche kriegerischen Auseinandersetzungen sind
Bestandteil des dritten Teils der Sammlung, in dem das Themen-
spektrum erweitert wird. Wenn der Krieg »das Ergebnis der Iden-
261
tifizierung des Menschen mit seiner Gesellschaft und seinem Staat
ist, ( ... ) dem Rattenfänger des Todes«116, so ist Friedenserzie-
hung vor allem Erziehung zur Politik (von Hentig). Daher müs-
sen wir auch den Blick auf die Darstellung von Versuchen richten,
gesellschaftliche Konflikte auf anderen Wegen als durch Krieg zu
r e g e l ~   Solche Konzepte sind Voraussetzung und zugleich Resul-
tat der Abrüstung. Oie Lehre der Gewaltlosigkeit, wie sie z. B.
von Ghandi formuliert und gelebt wurde, ist nicht wirklichkeits-
fremder Idealismus, sondern eine konkrete Alternative zum Mili-
tarismus. Die gewaltlose Aktion ist also nicht einfach
117
das »po-
litische Äquivalent des Krieges«Ys Bücher darüber' sind um so
wichtiger, als der Frieden in der Begriffswelt von Kindern mit
ungleich weniger konkreten Ass9ziationen besetzt ist als das
Wort KriegY9 Gewaltfreies, friedenstiftendes Handeln setzt nicht
nur andere Techniken, sondern andere Menschen voraus. Deswe-
gen läßt sich diese Lehre besonders gut an den Biographien der
bedeutenden Pazifisten und Anhänger des gewaltfreien Prinzips
vermitteln. Ihr Leben steht im deutlichen Gegensatz zu dem, was
die Kriegspädagogik der Kaiserzeit und der Weimarer Republik
den jungen Menschen als »Hauch ferner und naher Abenteuer«
(Walter Flex) anpries. Der Abenteurer der heutigen Zeit ist ·der
»Deserteur des Friedens«, dessen Abenteuer -»im Kampf gegen
den Krieg in allen seinen -Gestalten besteht« .120
Hinweise für die Praxis
Zur Problematik der Auswahl von Büchern für Jugendliche:
Was ist ein (gutes) Jugendbuch?
Germanisten und Pädagogen haben dazu Überlegungen ange-
stellt, Definitionen angeboten, Streitgespräche geführt. Sind Kin-
der und Jugendliche »anders«, sind sie »noch nicht«-Erwachsene,
für die Bücher »in der Kniebeuge« (Erich Kästner) geschrieben
werden müssen? Walter Benjamin verneint:
»Das Kind verlangt vom Erwachsenen deutliche urid verständliche, doch
nicht kindliche Darstellung. Am wenigsten aber das, was man dafür zu
halten pflegt.,Pl Und: -
»Pedantisch über Herstellung von Gegenständen - Anschauungsmitteln,
Spielzeug oder Büchern, die sich für Kinder eignen sollen, zu grübeln, ist
töricht. Seit der Aufklärung ist das eine der muffigsten Spekulationen der
Pädagogen ... «122
»Kindheit« ist, so Ivan Illich, »ein Vorhang, den man zwischen
vernünftige Menschen zieht« 123 , sie ist jedenfalls, so der Jugend-
buchtheoretiker Malte Dahrendorf, immer Ergebnis einer Zu-
schreibung.
124
Kinder und Jugendliche haben heute, in einer Zeit,
in der alle Informationen multi-medial aufbereitet werden, im
Prinzip zur gesamten Erwachsenenwelt Zugang. Das hat zur
Folge, daß Erfahrungen im traditionellen Sinn an Bedeutung ver-
loren haben und daß die Kultur der Kinder heute »nicht mehr als
defizitäre verstanden werden« kann. »Es gibt keine festgefügte
Erwachsenenwelt« mehr.
125
Gleichwohl wird Kinder- und Jugendliteratur noch heute über-
wiegend vOn darauf spezialisierten Autoren geschrieben, die sich
mehr als Pädagogen denn als Literaten verstehen, sie wird in spe-
ziellen Verlagen herausgebracht, nach speziellen, wieder mehr
pädagogischen als literarischen Kriterien.
126
Während in Zeit-
schriften, Videoszenen für Haus und Spielhalle, Bahnhofsvor-
platz und Frittenbuden, Fernsehsendungen und Comic-Heften
auf Kinder und Jugendliche eindringt, einschlägt, was sich nicht
an ihren, sondern an den Interessen der Medienindustrie orien-
tiert, richten Buchhandlungen und Bibliotheken eigene Abteilun-
gen »für die Jugend« ein, in denen dann steht, was U. Hain bissig
»heruntergekommenen Realismus« nennt
127
, bieten Spezialisten
fürs Kindeswohl mehr als 10000 Elternratgeber für Kinderme-
dien an.
128
Erwachsene, Kinder und Jugendliche stehen den gleichen Kon-
flikten gegenüber. Trennt man deren literarische Darstellung und
Bearbeitung nach Altersgruppen, so verstärken sich Entfrem-
dung, Beziehungslosigkeit und das Schweigen zwischen den Ge-
nerationen, folgert Dahrendorf. Er markiert daher in seinem »Stu-
fenschema zur Leseentwicklung«129 keine Altersgrenzen. Ande-
rerseits wissen wir, daß sich der Erfahrungs- und Lebensraum vOn
Kindern und Jugendlichen immer mehr einengt, daß auch die
Schule nicht »für das Leben« lehrt, vielmehr die außerhalb ihrer
selbst verursachte Entfremdung nicht aufhebt, sondern sogar ver-
stärkt. Zugleich sind die inhaltlichen, sprachlichen und literari-
schen Erfahrungen der Generationen durchaus unterschiedlich.
Erst seit kurzem beginnen Autoren wie Härtling oder vOn der
Grün, die bisher für »Erwachsene« geschrieben haben, Bücher zu
publizieren, die sich besonders an Kinder und Jugendliche wen-
den. Aber, so sagt Härtling, »ich schreibe nicht für Kinder, und
ich schreibe auch nicht für Erwachsene, ich schreibe für Men-
schen.«
Die Antikriegsromane der Weimarer Republik waren zumeist
ausdrücklich auch für Jugendliche geschrieben.
Mit der Bezeichnung Jugendbuch ist daher in diesem Beitrag
jedes literarische Werk gemeint, das Jugendliche interessieren
könnte; das in der vorgelegten Auswahl angegebene Alter soll
lediglich eine grobe Orientierung ermöglichen.
130
Wenn also die
Einteilung der Literatur in Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-
lektüre und die sich daran anschließende Zuweisung des Altersge-
mäßen und Erlaubten fragwürdig ist, wie steht es mit der Beur-
teilung der literarischen Qualität von Büchern und ihres Wertes
für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen?
»Was Literatur ist ( ... ), läßt sich auch bei größtem theoretischen
Aufwand nicht festlegen«, stellt Dahrendorf resigniert fest.
131
Kriterien für die Auswahl von Büchern, die sich besonders für
Jugendliche eignen, sei es für Bibliotheken, Unterricht oder zum
privaten Gebrauch, liegen denn auch kaum vor. Nicht einmal der
Arbeitskreis für Jugendliteratur, der im Auftrag des Bundesmini-
sters für Jugend, Familie und Gesundheit jedes Jahr den Deut-
schenjugendbuchpreis verleiht, hat die Grundlagen, die für seine
Beurteilung maßgebend sind, publiziert.
Zunächst einmal gilt vermutlich auch für die Jugendliteratur,
was bei der Beurteilung eines jeden Textes bedacht werden muß:
ein literarischer Wert kann nicht als immanente Eigenschaft eines
Textes angesehen werden, sondern wird diesem von jemandem
zugeschrieben.
132
Die Bewertung durch einen oder viele Leser
steht im Zusammenhang mit der individuellen und gesellschaftli-
chen Situation dieses Lesers und unterliegt damit dem histori-
schen Wandel. Für die Beurteilung von Jugendbüchern kommt als
Schwierigkeit hinzu, daß der Kritiker nicht nur von sich und für
sich selbst urteilt, sondern für eine andere Zielgruppe.
Ein Blick in die pädagogische Fachliteratur hilft nicht weiter.
Was fangen wir z. B. mit der Aussage an, die sich in einem Auf-
satz über Auswahlkriterien der Jugendlektüre findet:
'> ••• von einer realistischen Geschichte ist zu fordern, daß sie die Umwelt
so schildert, wie sie wirklich ist. ( ... ) daß sie Probleme, die für sein [des
jungen Menschen] Welt- und Lebensorientierung bedeutsam sind, in einer
für ihn nachvollziehbaren Weise thematisiert.«?133
Oder mit der Belehrung: » ... die phantastische Geschichte führt
den Leser über die Realität hinaus« ?134
Wie hier verlieren sich die Gelehrten über der Frage der Krite-
rien häufig im Nebel von Selbstverständlichkeiten, mitgeteilt in
der jeden praktischen Gebrauch verhindernden Fachsprache, ver-
kennend> »daß die Rückübersetzung der Theorie in praktische
Beispiele und Erfahrungen eben nicht ein Akt der Verunreinigung
der Theorie ist ... «135 Der Hinweis auf ein positives Gegenbei-
spiel> das Schema einer Buchkritik, das Dahrendorf entfaltet und
ausführlich erläutert, mag hier zur Weiterarbeit genügen.
136
Zur Begleitung der Lektüre
In dieser Arbeit kann auf eine ausführliche didaktische und me-
thodische Anleitung zum Umgang mit Jugendlektüre verzichtet
werden, weil es hierzu die umfangreiche Fachliteratur der Kinder-
und Jugendbuchspezialisten gibt.
137
Sie bezieht sich allerdings leider· fast ausschließlich auf den
Schulunterricht. Immerhin sehen Forscher wie Dahrendorf, daß
das Interesse von Jugendlichen am Lesen nachlassen kann, wenn
sich eine ungeliebte Schule ihrer Privatlektüre bemächtigt, und
sind sich dessen bewußt, daß die Einflußmöglichkeiten des Leh-
rers beschränkt sind, denn »es ist eine Grundeigenschaft von Tex-
ten, daß ihre Rezeption weder planbar noch voraussehbar ist«.138
Auch über die Wirkung der Lektüre im Jugendalter gibt es nur
punktuell abgesicherte Ergebnisse.
139
Dahrendorfs Hinweise dar-
auf, wie Literatur in der Schule möglichst »entschult« angeboten
werden kann (freie Lesestunden, Autorenlesungen, Projekte mit
Büchern, Bezug zur außerschulischen Praxis und anderes)140, sind
sicher auch für die Verwendung von Antikriegsliteratur oder
kriegspropagandistischen Büchern im Unterricht hilfreich.
Von der Einbeziehung der Jugendliteratur in den Unterricht er-
hoffen sich die Schüler nicht eine Fortsetzung des gewohnten
schulischen Leseablaufs, sondern Anregungen für die Auswahl
von Büchern, die Behandlung inhaltlicher Probleme in Gesprä-
chen, kurz, die Verwirklichung von »alternativen Vorstellungen
über Unterricht und Lernen«141, mit Hilfe des Lehrers, den E.
Meueler das »immer noch wichtigste Lehrmittel« nennt.
142
Geht der Lehrer so vor, daß er den Medienkonsum des Schülers
negativ bewertet und ihm unvermittelt anspruchsvolle literarische
Texte entgegensetzt, so übersieht er, daß der, Unterhaltungs-
konsum der Jugendlichen »nicht zufällig, beliebig und damit
schnell veränderbar.ist«, sondern auf Einstellungen und Verhal-
tensnormen beruht, die sich in langjährigen Sozialisationsprozes-
sen gebildet haben.
143
Er übersieht vielleicht auch, daß die sprachlich-literarische Ent-
wicklung nicht als kontinuierlicher Fortschritt zu denken ist. Sie
kann unterbrochen werden, stagnieren, zurückgehen.
144
Marieluise Christadler kritisiert zu Recht, daß die Friedensfor-
schung es bisher an umfassend.en Untersuchungen dazu hat fehlen
lassen, wie Kinder und Jugendliche über Krieg und Frieden den-
ken, welche Vorstellungen sie damit verbinden.
145
Allerdings las-
sen sich aus einigen neueren Arbeiten Hinweise darauf gewinnen;
so ergibt sich aus einer Untersuchung von Hanne-Margret Birk-
kenbach, daß bei vielen Jugendlichen ein politisches Bewußtsein
über militärische Gewalt kaum vorhanden ist, daß Jugendliche
immer wieder Bereitschaft bekunden,. einen neuerlichen Krieg
hinzunehmen und sich darauf vorzubereiten.
146
Die Umsetzung
solcher Forschungsergebnisse in Ziele, Inhalte und Methoden ei-
ner gegen den Krieg gerichteten, politischen Bildungsarbeit steht
aber noch am Anfang.
Ähnlich wie Christadler selbst die Gegenüberstellung von posi-
tiven und negativen Beispielen der Jugendliteratur empfiehlt,
schlägt Geiger vor, im Unterricht nicht nur Antikriegsliteratur zu
behandeln; im Fall der kriegspropagandistischen Literatur kommt
es ihm darauf an, beides zu leisten, die Kritik an militärischen
Inhalten und an den Medien, die sie vertreten.
147
Hilfreich wäre
auch, im Geschichtsunterricht die Zeit des Nationalsozialismus
und des Zweiten Weltkrieges früher als nach dem chronologi-
schen Aufbau bisher vorgesehen zu behandeln, ehe nämlich die
Landserhefte und Kriegsromane und Kriegsfilme die Grundlage
des Wissens und der Einstellungen schaffen. Einige Fragen, an
denen sich Eltern, Lehrer und Erzieher orientieren könnten,
wenn sie die Kriegslektüre Jugendlicher begleiten wollen, hat M.
Christadler zusammengestellt.
148
So erscheint es ihr wichtig, zu überlegen, ob davon gesprochen
wird, wie der Krieg entstand, ob Feindbilder in Frage gestellt, die
266
soldatischen Tugenden in ihrer politischen Funktion gesehen
werden, das Geschehen aus dem Blickwinkel der Opfer oder der
Verantwortlichen dargestellt, die Realität des Krieges gezeigt
wird, der Widerstand gegen den Krieg in den Blick kommt, wel-
chen Interessen der Krieg dient und welche Bedürfnisse er
stillt.
Die den Krieg verherrlichenden oder verharmlosenden Jugend-
bücher dagegen weisen oft folgende Merkmale auf: die geschilder-
ten Konflikte werden mit Gewalt ausgetragen (Vernichtung des
Gegners), die Bedrohung kommt stets von außen, ein stark idea-
lisierter Held oder Führer löst die Probleme
l49
stellvertretend für
den Leser; auf die ästhetisch-befriedigende, Kritik und Vernunft
weitgehend ausschaltende fesselnde Darstellung von selbstver-
ständlicher Gewalt wird viel Mühe verwendet, geschichtlich-ge-
sellschaftlicher Wandel und die sozialhistorische Rolle der Men-
schen werden ausgelassen, durch die Wahl der Perspektive sub-
jektiven Erlebens wird die Realität verfälscht, es fehlt die kausale
wie auch die moralische Ebene.
15o
Für die Arbeit mit Jugendbüchern zum Thema Krieg in der
Schule sei auf einige Aufsätze und Unterrichts einheiten verwie-
sen.
151
Ulrich Albrecht hat unlängst die Probleme benannt, die mit der
Friedenserziehung als einem Teil des Politik- und Sozialkundeun-
terrichts an Schulen verbunden sind: Die Grundeinstellung der
die Lehrer ausbildenden Politologen und Soziologen, die Richt-
linien der Kultusminister, die inhaltlichen Vorgaben der Didakti-
ker im Lande - sie alle führen dazu, »daß die Schlußfolgerung,
was im Unterricht tun, bei dem nunmehr allein gelassenen Lehrer
bleibt«.152 Eine andere Schwierigkeit kommt hinzu: Wenn die di-
daktische Einheit »Frieden« dem Schüler vorrangig als einer der
Bestandteile des Zensurendrucks erscheint, besteht die Gefahr,
daß die Friedenspädagogik Zubehör jener sozialen Kontrolle
wird, als die viele Schüler die Schule erleben.
153
Nun bietet gerade Literatur die Möglichkeit, zur friedenspoliti-
schen Bildungsarbeit außerhalb der Schule beizutragen, im El-
ternhaus, im Tätigkeitsbereich von Sozialarbeitern und Sozialpäd-
agogen (besonders in der Kinder- und Jugendarbeit, aber auch
vermittelt über Familien- und Weiterbildung), von Bibliotheka-
ren.
154
Für Überlegungen, an welchen Leitgedanken sich außer-
schulische Friedenserziehung orientieren könnte, sei auf die Vor-
schläge von NicklaslOstermann und GugeVFeldhahn verwie-
sen.
ISS
Bei der Frage, wie und wo mit pazifistischer Literatur für
Jugendliche umgegangen werden kann, sind die Erzieher jedoch
noch weitgehend auf sich selbst gestellt. Zwar gibt es Hinweise
von Jugendbuchpädagogen. Aber der »gezielte Einsatz« von Lite-
ratur zu pädagogischen Zwecken, wie ehrenhaft sie auch sein
mögen, führt möglicherweise zu dem gleichen Effekt wie ein
straffer, von Noten und Punkten begleiteter Friedensunterricht in
der Schule: Die Adressaten wenden sich ab. Lesen ist auch, vor
allem, Selbsterziehung. Daher sollten die hier zusammengetrage-
nen Bücher behutsam angeboten werden. Es sollte eine Situation
möglich bleiben, wie sie Walter Benjamin geschildert hat:
»Lesendes Kind. Aus der Schülerbibliothek bekommt man ein Buch. In
den unteren Klassen wird ausgeteilt. Nur hin und wieder wagt man einen
Wunsch. Oft sieht man neidisch ersehnte Bücher in andere Hände gelan-
gen. Endlich bekam man das seine. Für eine Woche war man gründlich
dem Treiben des Textes anheimgegeben, was mild und heimlich, dicht und
unablässig, wie Schneeflocken einen umfing. Dahinein trat man mit gren-
zenlosem Vertrauen. Stille des Buches, die weiter und weiter lockte? Des-
sen Inhalt war gar nicht so wichtig. Denn die Lektüre fiel noch in die Zeit,
da man selber Geschichten im Bett sich ausdachte. Ihren halbverwehten
Wegen spürt das Kind nach. Beim Lesen hält es sich die Ohren zu; sein
Buch liegt auf dem viel zu hohen Tisch, und eine Hand liegt immer auf
dem Blatt. Ihm sind die Abenteuer des Helden noch im Wirbel der Lettern
zu lesen wie Figur und Botschaft im Treiben der Flocken. Sein Atem steht
in der Luft der Geschehnisse, und alle Figuren hauchen es an. Es ist viel
näher unter die Gestalten gemischt als der Erwachsene. Es ist unsäglich
betroffen von dem Geschehen und den gewechselten Worten, und wenn
es aufsteht, ist es über und über beschneit vom Gelesenen.«IS6
Am Ende dieser Überlegungen sei auf eine Lücke hingewiesen:
Uns fehlen die Bücher über bzw. gegen den Krieg der Zukunft,
»der nicht mehr machbar, aber doch allmächtig ist, nicht mehr
sichtbare Drohung, aber doch allgegenwärtige Gefahr«.157 Viel-
leicht wäre hier einzuwenden, daß die pazifistische Literatur über
den Ersten und Zweiten Weltkrieg (mit seiner Ausnahme, S. 275)
auch erst »hinterher« entstanden ist. Zudem geht der Trend im
Jugendbuch derzeit in eine andere Richtung: Der Verlag Überreu-
ther bringt zu acht Folgen von TrotzköpJchen in der ARD vier
Bände heraus: Trotzköpfchen als Wildfang, Braut, liebende Ehe-
frau und Großmama. Aber müssen wir nicht gegen die wohl fol-
genschwerste Entwicklung der Nachkriegszeit, die erneute Zu-
ordnung von Politik und Gewalt
l58
, gegen das Unausdenkbare,
Unvorstellbare, heute, jetzt, anschreiben, so wie es Bensons Buch
vom Frieden (S. 289) versucht? Wäre es zu diesem Zweck sinn-
voll, die Schrecken dieses Dritten Krieges auszumalen, etwa auf
der Grundlage dessen, was wir von Hiroshima wissen? Zu zeigen,
wie das Abschreckungssystem, »ein Gewaltspektrum unver-
gleichlicher Breite und beispielloser Differenzierung« nach der
Vorstellung seiner Schöpfer einen Nuklearkrieg in »rhythmisch
geziehen Schlägen und Gegenschlägen ermöglicht« ?159 Ist es
wichtiger, Absurdes, etwa in kabarettistischer Form zusammen-
zutragen, z. B. Anleitungen für den Umgang mit taktischen
Atomwaffen in einem Handbuch:
»Das Schützenloch ist immer noch der beste schnelle Schutz gegen die
Auswirkungen von Atomwaffen ... «160
»Durch rechtzeitigen Einsatz von Atomsprengköpfen an entscheidender
Stelle kann der Truppenführer auch mit sonst unterlegenen Kräften Über-
legenheit erzielen und seine Handlungsfreiheit erweitern ( ... ) Ihr Einsatz
spart Kräfte und beansprucht oft auch weniger Zeit als der von Truppen
( ... ) Atomare Einsatzmittel und Atomsprengkörper sind ( ... ) sorgfältig
zu tarnen.«161
IH. Kommentiertes Verzeichnis ausgewählter
Jugendbücher gegen den Krieg
Die Bücher sind innerhalb der 4 Abschnitte jeweils alphabetisch
nach Autoren geordnet, um eine Überprüfung des Verzeichnisses
auf (nicht angestrebte) Vollständigkeit und das Wiederfinden ein-
zelner Titel zu erleichtern.
I. Vor und nach dem Ersten Weltkrieg
Henri Barbusse
Das Feuer. Tagebuch einer Korporalschaft
Unionsverlag Zürich 1979 (Deutsche Ersterscheinung Zürich 1918)
(ab 14 J., DM 19,80)
Mit einem Anhang: Zeitgenössische Besprechungen - Zweig,
Rolland, Gorki, Lenin und Toller.
Wiederauflage der Ende 1916 in Paris erschienenen, 1919 mit
dem Prix Goncourt ausgezeichneten und in über 50 Sprachen
übersetzten ersten klassischen Darstellung des Frontkampfes, die
1933 in Deutschland verboten wurde.
Wie so viele wurde Barbusse, der sich 1914 freiwillig zum
Kriegsdienst gemeldet hatte, auf dem Schlachtfeld zum Pazifisten.
Er war auch gegen' den zweiten heraufziehenden Weltkrieg inner-
halb einer internationalen Bewegung " aktiv.
In diesem Buch erzählt er von der französischen Infanterie im
Schützengraben, vom Schlamm, der Kälte, der Hitze, den Sturm-
angriffen, den kleinen Ruhepausen. Er schildert den Alltag des
Krieges, »den Krieg als schwere und schmutzige Arbeit der g e ~
genseitigen Ausrottung völlig unschuldiger Menschen« (Maxim
Gorki 1919). .
Ernst Toller schrieb 1928:
»Ich erinnere mich, als jn den Jahren der großen Schlächterei ein Buch zu
uns kam: >Das Feuer<. Wie es unsere Herzen ergriff, wie es Menschen, die
verwirrt und ohnmächtig nicht den Weg fanden im künstlich erzeugten
Nebel der Sinne ( ... ) die Schleier von den Augen riß ( ... ) Ein Feind war
es, der rief: So sieht der Krieg aus, so und nicht anders! Was ihr von den
Heeresberichten   e ~ Generalstäbe ( ... ) lest, ist Lüge. So und nicht anders
sieht der Krieg aus: Die frierenden, armseligen, getriebenen Millionen
. Opfer, die einander zu Krüppeln schießen, die einander morden, die glau-
ben, für Vaterländer zu kämpfen ( ... ) Opfer, die, wären sie sehend, auf-
ständen und einander brüderlich umarmten oder sich wendeten gegen den
wirklichen Feind ... «
Stefan Zweig fragt in seiner Besprechung, warum gerade dieses
Buch die Menschen so trifft, und er antwortet:
»ich glaube, hier beruht der unvergeßliche Wert des Werkes vor allem auf
seiner einzigartigen Optik, seiner doppelten Perspektive: daß es einerseits
aus dem tiefsten menschlichen Abgrund des Leidens, aus der dumpfen
Erdhöhle des Schützengrabens vom französischen Infanteristen Barbusse
und zugleich aus freiester moralisch-menschlicher Höhe vom allweltli-
chen Dichter Barbusse gesehen ist.«
Gorki nannte dieses Buch deshalb »ein schreckliches und zugleich
. optimistisches Buch«, weil überall in der Düsternis die »Funken
eines neuen Bewußtseins aufleuchten«.
Walter Bauer
Fridtjof Nansen, Humanität als Abenteuer
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1981 (1. Auf!. 1956, Fi Tb
5
0
9
1
)
(ab 12 J. DM II,80)
Bauer beschreibt das abenteuerliche Leben des berühmten norwe-
gischen Polarforschers Nansen, der nach dem Ersten Weltkrieg
als Völkerbundsdelegierter und Hoher Kommissar für Flücht-
lingsfragen viele Hunderttausende in aller Welt vor dem Hunger-
tod als Folge von Kriegen rettete und dafür 1922 den Friedensno-
belpreis erhielt.
Rudolf Frank
. Der Junge, der seinen Geburtstag vergaß
Ein Roman gegen den Krieg. Mit einem Gespräch zwischen Walter Meh-
ring und Hermann Vinke, Besprechungen und Briefen zur Erstausgabe
von 1931/}2 und 1938 und einer Auswahl von Antikriegsromanen der
Zwanziger Jahre, 5 Photos und einer Zeittafel.
Otto Maier Verlag, Ravensburg 1982
(ab 12 J., DM 19,80)
Die Erstausgabe dieses Romans erschien 1931 unter dem Titel Der
Schädel des Negerhäuptlings Makaua, Kriegsroman für die junge
Generation in der »Nie-wieder-Krieg!«-Bewegung der Weimarer
Republik nach dem Ersten Weltkrieg, zugleich mit Erich Maria
Remarques berühmt gewordenem Antikriegsbuch Im Westen
nichts Neues; kurze Zeit war es Schullektüre, bis es Anfang 1933
von den Nationalsozialisten verboten und bald darauf öffentlich
verbrannt wurde.
Der junge Pole Jan Kubitzki vergißt seinen 14. Geburtstag, als
der Krieg in seinem Dorf ausbricht und deutsche Soldaten seine
Heimat besetzen. Sein Vater kämpft auf der Seite der Russen, die
Mutter ist tot. J an ist allein. So freundet er sich mit den deutschen
Soldaten an, erhält Zuwendung; er hilft ihnen und wird so eine
Art Schutzengel der Batterie. Bis er, zum »Helden« erklärt, ver-
steht, was Krieg bedeutet, und sich auf seine Art entzieht.
Der heilige Schädel des großen Königs Makaua (nach einem my-
steriösen Paragraphen des Versailler Vertrags aus dem »deutschen
Schutzgebiet« in Ost-Afrika nach Deutschland gebracht), von
dem die Schwarzen sagen, die Franzosen hätten ihnen seine Rück-
gabe als Lohn für den Kampf mit den Deutschen versprochen,
steht hier für alles, was man den Menschen sagt, um sie in den
Krieg zu führen:
»Man hat nur andere Namen dafür gebraucht. Man hat nicht Makaua
gesagt, man hat gesagt: Freiheit, Vaterland, Gerechtigkeit, einigen sagte
man: Belgrad, anderen: Revanche, wieder anderen: Väterchen Zar. Man
sagte nicht Makaua, man sagte: Kultur, Zivilisation, Menschheit, man
sagte sogar: ehrenvoller Friede. Aber das bedeutet alles das gleiche. Und
wir alle haben draußen auf den Schlachtfeldern nichts von dem gefun-
den, was man uns daheim versprochen hatte: keine Kultur, keine Zivili-
sation und keine Menschlichkeit ... Wir alle, Schwarze und Weiße, sind
in den Krieg gezogen für einen Wahn, jeder für einen anderen ... «
(5. I78h79)
Ernst Friedrich
Krieg dem Kriege! Guerre a la Guerre! War against War! Oorlog
aan den Oorlog!
Verlag 2001 (über Postversand, Frankfurt 61, Postfach)
8. Aufl. 198 I, verkleinerter Reprint
(ab 12 J., DM 2,90)
Diesen 1924 zuerst erschienenen Bildband, der bis zur Verhaftung
des Autors im Jahre 1930 zehn Auflagen erreichte und dann von
den Nationalsozialisten verboten wurde, hat Ernst Friedrich
(1894-1967) aus den Materialien seines 1923 gegründeten berühm-
ten Internationalen Anti-Kriegsmuseums in Berlin zusammenge-
stellt, das 1933 von seiner SA-Horde verwüstet und in ihr
  verwandelt wurde.
162
»Die Fotografien der Schlachtfelder, diese Abdeckereien des Krieges, die
Fotografien der Kriegsverstümmelten gehören zu den fürchterlichsten
Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind.« (Tu-
cholsky)163
Ernst Friedrich geht es auch darum, die heroische Sprache der
Militaristen durch realitätsnahe Ausdrücke zu ersetzen: Soldaten
sind Kanonenfutter, nicht Helden, das Feld der Ehre ist ein Mas-
sengrab USW.
164
Die Einführung und die Erklärung der Abbildungen sind in
deutscher, französischer, englischer und niederländischer Sprache
geschrieben.
Kurt R. Grossmann
Ossietzky. Ein deutscher Patriot
Mit einem Nachwort von Dieter Hildebrandt
Suhrkamp Verlag Frankfurt 1973
(ab 14 J., DM 8,-)
Eine dokumentarisch angelegte Biographie des großen pazifisti-
schen Publizisten der Weimarer Republik, der als Autor und Her-
ausgeber der Weltbühne der bedeutendste deutsche Journalist der
ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war. Ossietzky starb 1938, zwei
Jahre nach der Verleihung des Friedensnobelpreises, an den Fol-
gen von Mißhandlungen, die er im Konzentrationslager erlitten
hatte. Der Verfasser, Freund und Zeitgenosse Ossietzkys, ihm
verbunden »durch den gemeinsamen Kampf gegen die Zerstörer
der Republik, gegen die Schwarze Reichswehr, die Fememörder,
und später: die heimlichen Aufrüster« (Hildebrandt), war bis
1933 Generalsekretär der »Deutschen Liga für Menschen-
rechte«.
Das Buch enthält einen ausführlichen Anhang: Dokumente, Bi-
bliographie, Zeittafel; das Nachwort Dieter Hildebrandts geht auf
die Vernachlässigung der Werke Ossietzkys und auf seine »un-
heimliche Aktualität« im Nachkriegsdeutschland ein.
Edlef Köppen
Heeresbericht
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979 (rororo 4318)
(ab 14 J., DM 6,80)
Edlef Köppen wurde im Ersten Weltkrieg Soldat, verweigerte
aber im September 1918 den Militärdienst. Sein Roman aus dem
Krieg erschien zuerst 1930, wurde 1935 verboten und erst 1976
wiederaufgelegt. Er schildert die Entwicklung, den Lernprozeß
eines Artilleriesoldaten, der freiwillig in den Krieg zieht und
schließlich im Lazarett das Kriegs»ende« kommentiert: »Es ist ja
immer noch Krieg. Leckt mich am Arsch.« Durch Einschieben
offizieller Verlautbarungen, Tagebuch-Zitate und anderer Mate-
rialien in den Text - als ideologische Kontrastebene - entsteht eine
Korrektur der Kriegspropaganda jener vier J ahre.
165
Ernst Toller (siehe S. 278 in diesem Beitrag) in einer zeitgenös-
sischen Besprechung: »Ich kenne kein anderes Kriegsbuch, in
273
dem Worte wie Trommelfeuer, Gasangriff, Unterstand, Schüt-
zengraben aufgelöst und vom Sinnlich-Gegenständlichen her
bildhaft neu gestaltet werden.«
Helmut Kopetzky
In den Tod - Hurra! Deutsche Jugendregimenter im Ersten Welt-
krieg
Ein historischer Tatsachenbericht über Langemarck. Mit 15 Photos und
Abbildungen
Pahl-Rugenstein-Verlag, Köln 1981
(ab 12 J., DM 12,80)
Als der Autor auf einem belgisehen Soldatenfriedhof bei Lange-
marck einen Lorbeerkranz mit der Schleife »NPD-Junge Natio-
naldemokraten« entdeckte, entschloß er sich, dem Mythos Lange-
marck nachzugehen, dem Mythos, der auf eine Meldung im Hee-
resbericht 1914 zurückging: »Weiter südlich drangen unsere
Truppen über den Kanal vor. Westlich Langemarck brachen junge
Regimenter unter dem Gesang >Deutschland, Deutschland über
alles< gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen: vor und
nahmen sie ... «
Wie eS sich wirklich zugetragen hat bei Langemarck, rekonstru-
iert der Autor in diesem Band aus Gesprächen mit Überlebenden,
aus Heeres- und Regimentsberichten, Tagebüchern, Erinnerun-
gen von Militärs und anderen Quellen.
166
Und er zeigt, wie der
Mythos von Langemarck, vom Heldenkampf der jungen Freiwil-
ligen, der Elite des Volkes, aufgegriffen und ausgenutzt wurde
von Nationalsozialisten: » ... denn auf dem Grunde dieses Liedes
marschierte nicht der dürre Dienstbote >Pflicht<, sondern webt der
ewig siegreiche, unsterbliche Geist deutschen Lebens selber, dem
der Tod ein Überschwang der Natur ist ... «
(Der Schriftsteller Josef Magnus Wehner 1932 zur Übernahme
des Gefallenen-Friedhofes durch die deutsche Studentenschaft.)
Auch Lehrer, Geistliche, Komponisten helfen mit, den Mythos
weiter auszuschmücken, denn »der Staat braucht soldatische Vor-
bilder, schon für die Jüngsten«, und »die deutsche Jugend soll
früh das Gruseln lernen - ·ein unbestimmtes, aufregendes ( ... )
wohliges Gruseln, das Appetit macht auf den Heldentod«. Tat-
sächlich wird im Juni 1943 eine Hitler-Jugend-Division aufge-
stellt; die Jungen springen die Panzer an wie Wölfe, schreibt ein
274
britischer Kommandeur: »bis wir sie gegen unseren Willen töten
mußten.« Nach drei Monaten leben von 10000 Jugendlichen
noch 600.
Ein Lehrbuch über die Verführung zum Militarismus, zum
Krieg, einprägsam durch die Zusammenstellung vieler Original-
aussagen aus der Zeit.
Peter Martin Lampel
Verratene Jungen
Mit einer Einleitung von H. Lessing u. a.: »Jugend zwischen Perspektiv-
losigkeit und Faschismus« (35 S.) und einer Kurzbiographie Larilpels
päd. extra buchverlag, Bensheim 1979 (Reihe reprint 4)
(ab 13 ]., DM 24,-)
Dieser Roman des zuerst durch sein Drama Revolte im Erzie-
hungshaus bekanntgewordenen Autors erschien erstmalig 1929.
Er beschreibt anhand eines Freikorpsverbandes zur Zeit des
Kapp-Putsches 1920 das Leben in einer militaristischen Organisa-
tion. Der Leser versteht, welche Bedeutung solche Verbände und
die Gewalt ihrer Apparate für die Entwicklung von Menschen
haben, welches die Gründe für junge Menschen sein mögen, sich
solchen Organisationen anzuschließen, und wie sich eine faschi-
stische politische Orientierung herausbildet. Die Einleitung erör-
tert die aktuelle Seite dieser Darstellung.
Wilhelm Lamszus
Das Menschenschlachthaus. Bilder vom kommenden Krieg
(1912)
Weismann Verlag, München 1980
Sammlung alter Kinderbücher, hg. von J ohannes Merkel und Dieter Rich-
ter, Band 5
(ab 14 J., DM 20,-)
Zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Verband deutscher
Kriegervereine, der Traditionsträger und Förderer der nationalen
Wehrpropaganda, der sich Kyffhäuserbund nannte, 2,8 Millionen
Mitglieder.
167
In dieser Zeit, in der kriegsbegeisterte Bücher als
empfehlenswerte Jugendlektüre massenhaft gedruckt wurden
(siehe S. 246), schreibt ein Hamburger Lehrer, Mitarbeiter im
Hamburger Jugendschriftenausschuß, Schulreferent und Sozial-
275
demokrat
168
, ein Antikriegsbuch für Jugendliche, einen Zukunfts-
roman, in dem er das grauenvolle Bild des nahenden Krieges
zeichnet, den Mobilmachungstag, die erste Schlacht, die Todes-
angst, den Verlust der Identität. Lamszus schildert hier bereits die
Materialschlachten des Ersten Weltkrieges:
»Das Kriegsmaschinenwesen hat sich zu genialer Höhe, zu künstlerischer
Höhe entwickelt. Zweihundertvierzig Kugeln und mehr in der Minute!
Welch ein Wunderwerk der Technik ist solch ein Maschinengewehr! Man
läßt es schnurren, und schon spritzt es Kugeln dichter als der Regen fällt.
( ... ) Es ist, als ob der Tod die Sense auf das alte Eisen geworfen hätte, als
ob er nun ein Maschinist geworden wäre ... «
Zu Beginn fragt sich der Verfasser noch - der Roman ist in der
Ich-Form geschrieben -, wer eigentlich der Feind ist, er fragt, was
ist, wenn auch nur jede fünfte Kugel trifft; er träumt von seiner
Frau, von seinen Kindern. Aber bald sieht er dem Sterben um sich
herum zu wie ein Protokollant, der nur aufnimmt, aber nicht
selbst betroffen ist; erst als er feststellt, daß er als einziger »dem
Schlachthaus entsprungen ist« (S. 1°5), wird er irrsinnig und
bringt sich um. Lamszus »zersetzt die Stereotypen der Aufrü-
stungsrhetorik«.169 Das Leitmotiv des Buches: »Sprung auf!
Marsch! Marsch!« wird zum Todeskommando, das hundertfach
in der Sprache der Patrioten gebrauchte »eisern« (die »eiserne.
Notwendigkeit«, ein »Tag von Blut und Eisen«) arbeitet Lamszus
um zur Aufdeckung des barbarischen Konzepts des wilhelmini-
schen Militarismus: der »Eisenatem« der Kanonen »klemmt« die
Soldaten auf den Erdboden (S. 81), »das Eisen sitzt ihnen im Ge-
nick« (S. 90), der »eiserne Wille« zum Sieg »ist nichts als Mord-
anweisung ( ... ) für Hunderttausende von Soldaten«.17o Lamszus
zerstört die Vorstellung vom heroischen Krieg, er zeichnet den
technischen Krieg, den Krieg der Massen, das Sterben der Mas-
sen.
Die Empörung über das Buch, das in wenigen Monaten 70 Auf-
lagen erreichte, war so groß, daß Lamszus vorübergehend vom
Schuldienst beurlaubt und jahrelang von der Polizei beobachtet
wurde. Der Preußische Kronprinz versuchte, gegen Lamszus vor-
zugehen, allerdings ohne Erfolg, da Lamszus außerhalb Preußens
Dienst tat. In Berlin veranlaßten die Militärbehörden eine War-
nung der Truppe vor dem Buch. Es unterminiere Wehrhaftigkeit
und Kriegsfreudigkeit, hieß es in den Vorwürfen, und: »Ein Leh-
rer darf nicht Pazifist sein.«171
Ein Dreivierteljahr nach Beginn des Krieges wird das Buch, das
Warnung und Appell hatte sein wollen, verboten. 172 Von den Na-
tionalsozialisten wurde Lamszus sofort entlassen.
Im Anhang dieser Ausgabe sind Erinnerungen an den Verfasser,
der inzwischen eine Fortsetzung seines Buches geschrieben hatte
(Das Irrenhaus, 1919), die Beschreibung der damaligen außeror-
dentlichen Reaktion der Öffentlichkeit auf das Buch und der dar-
auffolgenden Maßnahmen zusammengestellt sowie zeitgenössi-
sche Besprechungen, u. a. von Martin Andersen Nexö (»Der
Krieg muß im Frieden bekämpft werden«) und Carl von Os-
sietzky (»Nichts, was zum Krieg geführt hat, ist durch den Krieg
wirklich abgetan«).173
Erich Maria Remarque
Im Westen nichts Neues
Ullstein Verlag, Frankfurt/Wien usw. 1980
(ab I4 J., DM 4,80)
»Im Westen nichts Neues« war der ewig wiederkehrende Satz der
deutschen Heeresberichte im Ersten Weltkrieg. Das erfolgreichste
Antikriegsbuch der Weimarer Republik (Erstdruck 1923 - bis
1930 eine Million Exemplare im Inland, zwei Millionen im Aus-
land) beginnt mit dem Vorspruch: »Dieses Buch soll weder eine
Anklage noch ein Bekenntnis sein.« Manche Verleger hielten sol-
che Bücher für die beste Kriegsreklame, schreibt Magnus Hirsch-
feid in seiner pazifistischen Sittengeschichte des Ersten Weltkrie-
ges und fährt fort: »Wenn es die Aufgabe des Dichters ist, das
Wesentliche des Lebens vom Belanglosen zu scheiden und in
knappe, prägnante Bilder zu fassen, dann ist dies Werk eine große
Dichtung. «174
Carl Zuckmayer, der 1929 (in der Berliner Illustrirten) die erste
Besprechung dieses in viele Sprachen übersetzten und vielfältig
rezensierten Buches schrieb, notierte beim Lesen der Druckfah-
nen: »Wenn Literatur einen Sinn haben soll, so kann es nur der
sein, einen Damm zu errichten gegen diese Flut des Vergessens.«
Hier hatte endlich einer den trüben Nebelschleier des Vergessens
aufgerissen, welcher sich über das Schicksal der Kriegsgeneration
senkte, deren Gedächtnis nur von der falschen Seite wachgehalten
wurde. In seiner Besprechung schrieb er: »Dieses Buch gehört in
die Schulstuben, die Lesehallen, die Universitäten, in alle Zeitun-
gen, in alle Funksender, und das alles ist noch nicht genug.«175
Ernst Toller .
Eine Jugend in Deutschland
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg I982 (rororo
4
I
7
8
)
(ab I3 J., DM 3,80)
Die Erstausgabe erschien I933 in Amsterdam. Der Dichter Ernst
Toller beschreibt seine Jugend und zugleich ein Stück Zeitge-
schichte, vor allem die Jahre I9I8/r9. I933 fragte er:
"WO ist die Jugend Europas? Wartet sie darauf, bis der Krieg die Städte
  die Kinder verwüstet, die Menschen vergiftet, glaubt sie, dann erst
käme ihre Zeit, ihre Tat, ihr Sieg? Sieht sie nicht, daß auf zertrümmertem
Grund die neue Welt anders aussähe als sie heute träumt?«
Toller zog als begeisterter Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg
und kam als Pazifist zurück.
176
Dalton Trumbo
Johnny zieht in den Krieg. Süß und ehrenvoll . .. Roman
Eichhorn-Verlag, Frankfurt I98I
(ab I5 J., DM 22,-)
Die amerikanische ErstausgabeJohnny got his gun erschien I939.
Im Jahre I97I verfilmte der Autor sein Buch mit großem Er-
folg.
Johnny zieht in den Krieg? Er ist schon wieder zurück, als das
Buch·beginnt. Verwundet, schwer verwundet, schwerer, als dies
für ihn vorstellbar ist. ,>Er war so tot wie ein lebendiger Mensch
gerade noch sein kann ohne zu sterben« (S. 77). Geblieben ist
ihm nur noch das Erinnerungsvermögen. Dann versucht er, sich
zu wehren gegen das Ersticken, das Versinken, das Auftauchen,
gegen die Träume. Er denkt an seine Eltern, an seine Kindheit, er
überlegt, wofür und wozu er in den Krieg gezogen ist.
"Sie kämpften immer für irgend etwas die Hunde und wenn irgendeiner
zu sagen wagte zum Teufel mit der Kämpferei es ist alles dasselbe ein
Krieg ist wie der andere und für niemanden gut dann brüllten sie Feigling.
Wenn sie nicht für Freiheit kämpften dann kämpften sie für Unabhängig-
keit oder Demokratie oder Anstand oder Ehre oder Vaterland oder sonst
etwas das nichts bedeutete. Der Krieg sollte die Welt für die Demokratie
sicher machen für die kleinen Länder für jeden. Wenn der Krieg jetzt
vorbei war dann mußte die ganze Welt für die Demokratie sicher sein.
War sie's? Und für welche Art von Demokratie? Und wieviel? Und wes-
~ ~ ~ n ~ .
,.Und all die Kerls die gestorben sind die ganzen fünf Millionen oder
sieben Millionen oder zehn Millionen die ausgezogen und gefallen sind
um die Welt sicher zu machen für Demokratie um die Welt sicher zu
machen für Worte ohne Bedeutung wie war's ihnen als sie fielen? Wie
war's ihnen als sie zusahen wie ihr Blut in den Schlamm.pumpte? Wie
war's ihnen als ihnen das Gas in die Lungen kam und sie aufzufressen
begann? Wie war's ihnen als sie verrückt in Lazaretten lagen und dem Tod
ins Gesicht schauten und sahen wie er kam und sie fortnahm? Wenn das
wofür sie kämpften wichtig genug war dafür zu sterben dann war es ihnen
auch wichtig genug in den letzten Minuten ihres Lebens darüber nachzu-
denken. Das war doch wohl zu vermuten. Das Leben ist schrecklich wich-
tig und wenn du's dahingegeben hast wirst du also in den letzten Minuten
deines Lebens mit aller Kraft an das denken gegen das du's eingehandelt
hast. Also sind all die Jungens gestorben mit dem Gedanken an Demo-
kratie und Freiheit und Ehre und Sicherheit der Heimat und stars and
stripes forever ?
Natürlich nicht verdammt noch mal.
Sie starben weinend wie kleine Kinder. Sie vergaßen das wofür. sie kämpf-
ten das wofür sie starben. Sie dachten an Dinge die ein Mensch begreifen
kann. Sie sehnten sich nach dem Gesicht eines Freundes als sie starben. Sie
winselten nach der Stimme einer Mutter eines Vaters einer Frau eines
Kindes als sie starben; Es verlangte sie nach einem Blick auf die Stätte wo
sie geboren waren als sie starben bitte lieber Gott nur einen einzigen Blick.
Sie stöhnten und seufzten nach Leben als sie starben. Sie wußten was
wichtig war. Sie wußten daß das Leben alles war und sie starben mit
Schreien und Schluchzern. Sie starben mit einem einzigen Gedanken und
der war ich will leben ich will leben ich will leben. (S. 77)
Als die gesunden Menschen um ihn herum seine verzweifelten
Versuche, Kontakt mit ihnen aufzunehmen, abweisen, versteht
er:
»Er war die Zukunft er war ein perfektes Bild der Zukunft und sie hatten
Angst daß irgendeiner sehen ö n n t ~ wie die Zukunft aussah. Schon schau-
ten sie voraus rechneten sich die Zukunft aus und irgendwo in der Zukunft
sahen sie Krieg. Um diesen Krieg führen zu können brauchten sie Männer
und wenn die Männer die Zukunft sahen, würden sie nicht kämpfen. Also
verdeckten sie die Zukunft hielten sie die Zukunft im Dunkeln bewahrten
sie ihr tödliches Geheimnis.« (S. 152 f.)
,. Wir sind Menschen des Friedens und wir sind Menschen die arbeiten
279
und wir wollen keinen Streit. Wenn ihr aber unsern Frieden stört und
wenn ihr uns unsere Arbeit nehmt wenn ihr versucht uns gegeneinander
auszuspielen dann werden wir wissen was wir zu tun haben. Wenn ihr uns
sagt die Welt für die Demokratie sicher zu machen dann werden wir euch
beim Wort nehmen bei Gott und b.ei Christus und wir w.erden es tun.«
(S. 153 f.)
Wer dieses Buch jungen Menschen in die Hand gibt, der sollte mit
ihnen darüber sprechen. Sie werden J ohnny und seine Gedanken
vielleicht besser verstehen als jedes andere Buch, das hier genannt
wird. Aber Johnnys Geschichte ist eine grausame Geschichte.
Jules Verne
Die fünfhundert Millionen der Begum
Diogenes Verlag, Zürich 1977 detebe 64fX
(ab 12 J., DM 6,80)
Der Schr:iftsteller Arno Schmidt sagt zu Vernes Werk:
»Ein vom Stoff her besonders gewichtiges (imd für uns peinliches) Buch
sind die unter dem Eindruck von 70-71 geschriebenen >500 Millionen der
Begum< - und da nun ist niemals so früh das finstere Panorama einer
Hitler-Landschaft, bis in präzise Einzelheiten hinein, gezeichnet worden;
buchstäblich intuitiv; mit der Hellsichtigkeit des Hasses. Alles >Gehabte<
ist erschütternd vorhanden: die wahnwitzige Aufrüstung, mit dein Rlim-
fummeln an und Prahlen mit >Geheimen Waffen<; die   ekel
von sich begeisterten Arbeiterheere, unter halbem KZ-Verschluß ; und die
>SS<-Typen-man kommt sich, als Deutscher, zum Speien blöd vor, wenn
man erwägt, daß dergleichen >zur Warnung< seit 1875 vorhanden gewesen
ist; sogar hunderttausendfach ins Deutsche übersetzt!«
Hermann Vinke
earl von Ossietzky
Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 1978 (3. Aufl.)
(ab 12 J., DM 12,80)
Das Buch schildert das Leben dieses großen Publizisten so, daß
auch für rtichtinformierte Jugendliche deutlich wird, wer sich in
der Weimarer Republik um den Frieden bemüht hat. Zahlreiche
Photos, Illustrationen und eine Zeittafel ergänzen das Bild der
Zeit zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und Drittein
Reich (vgl. auch das Buch von Kurt R. Grossmann, S. 273)' Aus
dem Vorwort von Willy Brandt: »Ich kann es nur begrüßen,
280
wenn die Erinnerung an diesen klugen und mutigen Streiter gegen
Nationalismus und Militarismus neu geweckt wird.«
Leopold von Wiese
Kadettenjahre. Mit einer Einführung von Hartmut von Hentig
Langewiesche-Brandt-Verlag, Ebenhausen bei München 1978
(ab 12 J., DM 12.-)
»Wenn ich diese Aufzeichnungen veröffentliche, geschieht es, weil sie mir
Warnungen zu enthalten scheinen, deren die Gegenwart bedarf. Viele El-
tern und Lehrer sehnen sich heute nach der alten, mehr oder weniger
militärischen Erziehungsweise zurück. Überall in Deutschland mehren
sich die Ansätze einer freiwilligen >Militarisierung< des Erziehungswe-
sens«,
so schreibt der Autor in dem 1924 erstmals erschienenen Buch,
der als Professor für Nationalökonomie die Soziologie als wissen-
schaftliches Fach begründet hat. Von Wiese hatte noch (zusam-
men mit über 80% aller damaligen Professoren) nach dem Aus-
bruch des Krieges 1914 eine »Erklärung der Hochschullehrer des
Deutschen Reiches« unterzeichnet, in der es hieß: »Unser Glaube
ist, daß für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Siege hängt,
den der >deutsche Militarismus< erkämpfen wird, die Mannes-
zucht, die Treue, der Opfermut des einträchtigen freien Deut-
schen Volkes.«!77
Zehn Jahre später rechnet der 1876 geborene Autor mit dem
Alptraum seiner Kindheit ab, den Jahren, die er in einer preußi-
schen Kadettenanstalt verbracht hat. Das Buch ist eine der weni-
gen Darstellungen des Erziehungssystems »der planvollen und
totalen Unterwerfung«, das die Entstehung des Nationalsozialis-
mus begünstigte. Tucholsky in einer Besprechung:
»Die deutschen >Untertanen<, stets viel zu sehr beschäftigt, die Reihen-
folge ihrer kleinen Würden unter sich auszumachen, haben niemals Zeit
gehabt, gegen ihre eigentlichen Bedrücker vo-rzugehen, deren schlimmste
allerdings sie selbst waren ... «
und:
»Schulen, Internate, ein Teil der Volksschullehrer, die Oberlehrer, ein Teil
der Universitäten, selbstverständlich die Studenten, diese phantasielosen
Rivalen der alt,en Offizierskorps: die ganze herrschende Klasse
Deutschlands, soweit sie von Einfluß ist, seufzt nach einem neuen, staat-
lich sanktionierten Militarismus ... «178
Die behutsame Einführung von Hartmut von Hentig kann für die
Verwendung des Buches im Unterricht sinnvoll sein, darüber hin-
aus wird sie jeden Erzieher nachdenklich machen.
Arnold Zweig
Erziehung vor Verdun
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1981 (4. Aufl. Fi Tb 1523)
(ab 14 J., DM 9,80)
Die Erstausgabe erschien 193 5. Die Beschreibung der jahrelangen
Kämpfe um die Festung Verdun illustriert, was Sigmund Freud
ein Jahr nach Beginn des Ersten Weltkrieges über die Zerstörung
der Moral schreibt:
"Der einzelne Volksangehörige kann in diesem Krieg mit Schrecken fest-
stellen, was sich ihm gelegentlich schon in Friedenszeiten aufdrängen
wollte, daß der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechts untersagt
hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren will wie
Salz und Tabak. Der kriegführende Staat gibt sich jedes Unrecht, jede
Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehren würde.«179
Arnold Zweig (1887-1968) gehörte zu jenen Schriftstellern, die
den Krieg erst hassen lernten, als sie ihn selbst als Soldat erlebten.
Erziehung vor Verdun ist der dritte Teil des Romanzyklus Der
Große Krieg der weißen Männer (Der Streit um den Sergeanten
Grischa, Junge Frau vor 1914, Einsetzung eines Königs).18o
2. Der Zweite Weltkrieg
Clara Asscher-Pinkhof
Sternkinder
Cecilie-Dressler-Verlag, Hamburg 1979
(ab I2 J., DM 12,80)
Die holländische Originalausgabe dieses Buches erschien 1946.
Die Verfasserin unterrichtete ab 1941 in Holland jüdische Kinder,
denen nach dem Einmarsch deutscher Truppen in den Niederlan-
den der Besuch öffentlicher Schulen nicht mehr erlaubt war. Sie
begleitete diese Kinder im Mai 1943 in das Konzentrationslager
Bergen-Belsen, dem sie selbst mit einigen wenigen Gefangenen
durch Zufall entkam. Ihr Buch ist eines der ersten erschütternden
Dokumente über das Schicksal jüdischer Kinder unter dem Na-
tionalsozialismus.
Heinrich Böll
Als der Krieg ausbrach. Erzählungen
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1981, dtv-junior 339
(ab 12 J., DM 5,80)
In diesen zwischen 1950 und 1965 entstandenen Erzählungen sind
der Krieg und die Zeit danach die herausragenden Themen. Böll
beschreibt am Schicksal einzelner die brutalen Mechanismen des
Krieges, die äußere und innere Not der Überlebenden und die
leere Betriebsamkeit des beginnenden Wirtschaftswunders.
Heinrich Böll
Haus ohne Hüter. Roman
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1981 (r. Aufl. 1954)
dtv 1631
(ab 12 J., DM 6,80)
Dieser Roman beschreibt das Leben zweier zwölf jähriger
Freunde im Deutschland nach 1945, so wie es die Kriegsgenera-
tion - Jugendliche wie Erwachsene - durchstehen mußte, und
zugleich die Versuche der Menschen, mit der gerade erst hinter
ihnen liegenden Vergangenheit fertig zu werden.
,,>Alles vergessen<, sagte er, >systematisch meine Erinnerungen geschlach-
tet. Man muß den Krieg vergessen.< >Ja<, sagte sie, >und die Witwen und
Waisen und alles, was dreckig war, und eine schöne saubere Zukunft
bauen. Das Vertrauen auf die Vertrauens bank werfen. Den Krieg verges-
sen und die Vornamen der Generäle behalten.«<
Wolfgang Borchert
Draußen vor der Tür. Mit einem Nachwort von Heinrich BÖll
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1981 (7. Auf!. ro-
roro 170)
(ab 12 J., DM 3,80)
Der Band enthält das einzige Drama des mit 26 Jahren gestorbe-
nen Dichters sowie Erzählungen und Prosastücke, geschrieben in
den bei den Jahren, die Borchert nach der Rückkehr aus dem Krieg
blieben. In allen diesen Texten ist von der Zerstörung menschli-.
28
3
cher Beziehungen und psychischer Strukturen durch die Erfah-
rung des Krieges die Rede.
Dieter Borkowski
Wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Erinnerungen an eine Berliner
Jugend
S. Fischer Verlag, Frankfurt 1980
(ab 12 J., DM 7,80)
Der Autor, Jahrgang 1928, beschreibt in seinem rekonstruierten
Tagebuch die Zeit zwischen November 1942 und Mai 1945, die er
als Hitlerjunge und Flakhelfer miterlebt hat. Die innere Wand-
lung des Heranwachsenden von seiner ersten Begeisterung für das
nationalsozialistische Regime über leise Zweifel bis zur Ableh-
nung der Terrorherrschaft wird für den Leser nachvollziehbar.
Der Autor hat sein Buch den Zehntausenden junger Menschen
gewidmet, die allein im letzten Kriegsjahr starben.
Horst Burger
W'ilrum warst du in der Hitlerjugend?
Vier Fragen an meinen Vater
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1978, RoroRotfuchs
Tb 194
(ab 12 J., DM 4,80)
Die vier Fragen lauten: »Wie konntet ihr das mit den Juden zu-
lassen?« »Warum wart ihr in der HJ?« »Weshalb habt ihr euch im
Krieg freiwillig gemeldet?« »Was habt ihr euch nach 1945> als der
Krieg verloren war, gedacht?« Der Vater hat keine schnellen Ant-
worten parat. Seine Rückschau auf die Jahre bis 1945 wird zu
einer kritischen Selbstprüfung.
181
Renate Finckh
Mit uns zieht die neue Zeit. Mit einem Nachwort von Inge Ai-
eher-Scholl
Signal Verlag, Baden-Baden 1979 (2. Auf!.)
(ab 12 J., DM 19,80)
» ... wie Kriege nicht nur von Offizieren geführt werden, sondern von
Soldaten, hat das in der Historie vernachlässigte Volk auch im Dritten
Reich eine große Rolle gespielt.« (lnge Aicher-Scholl)
Die Verfasserin beschreibt in der Hauptperson dieses Buches ihre
eigene Jugend als überzeugte Hitleranhängerin. 1945 hört sie un-
gläubig von der terroristischen Realität der vergangenen Jahre.
Mehr als dreißig Jahre später versucht sie, ihren Kindern Ant-
worten zu geben auf Fragen wie: "Warum wart ihr in der Hitler-
jugend?«, "Was habt ihr von der Judenverfolgung gewußt?«,
"Wie konntet ihr einem Führer in den Krieg folgen?« Renate
Finckh: »Auf der Suche nach Geborgenheit hatte ich mich ein-
sperren lassen in eine einzige große Lüge ... «
Barbara Gehrts
Nie wieder ein Wort davon?
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1980, (3. Aufl. dtv pocket
7
81
3)
(ab I2 J., DM 5,80)
Das Buch ist entstanden aus Betroffenheit über den Satz eines
Studenten zu seinem Professor:· "Was Sie unter Freiheit verstehen,
ist ja nur Abwesenheit von Gewalt.« - Nur? fragt die Autorin,
deren Kindheit in der Zeit der Gewalt, der Diktatur des Natio-
nalsozialismus, endet. Sie hat das, was sie hier aufgeschrieben hat,
1940 als Dreizehnjährige selbst miterlebt: Unterhaltungen über
die Frage, wer schuld ist an diesem Krieg, über den Bombenkrieg
mit der Zerstörung der Stadt und des elterlichen Hauses, den Tod
zuerst des Freundes, dann des Bruders, den Selbstmord der jüdi-
schen Freundin, die Verhaftung und Hinrichtung des Vaters 1943,
der diesen Krieg für verbrecherisch und verloren hält vom ersten
Tag an.
Max von der Grün
Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich
Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied 1979
(ab I2 J., DM 10,80)
Mit einer Dokumentation im Text von Christel Schütz und einem
Nachwort von Malte Dahrendorf, Quellen- und Literaturanga-
ben, Abkürzungsverzeichnis, Personen- und Sachregister, zahl-
reichen Abbildungen.
Die Schilderung des Autors setzt mit seinem Geburtsjahr 1926
ein, lange vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Das Buch ist
28
5
dennoch hier genannt, weil es in seiner Montage vOn Zitaten,
zeitgenössischen Dokumenten, Erläuterungen, eigenen Erinne-
rungen des Autors ausführlich, verständlich und eindrucksvoll
über den Krieg informiert. Max von der Grün kann auf diesem
Wege zeigen, »wie der einzelne Mensch von den geschichtlichen
Ereignissen betroffen ist und welche Wechselbeziehungen zwi-
schen beiden bestehen« (Malte Dahrendorf im Nachwort,
S. 244/45).
J aap ter Haar
Oleg oder die belagerte Stadt
Aus dem Niederländischen von J utta und Theodor Kunnst ,
Georg Bitter Verlag, Recldinghausen 1981 (r. Auf!. 1966)
(ab 12 J., DM 16,90)
Ein Russe hat dem niederländischen Autor seine Erlebnisse wäh-
rend der Belagerung Leningrads im Winter 1942/43 erzählt. Die
Geschichte des Jungen Oleg und seiner Freundin Nadja in diesem
Winter voll unvorstellbaren Elends, ihre Rettung durch eine deut-
sche Patrouille sind schnell in der ganzen Welt bekannt geworden.
Der zwölf jährige Oleg und seine Freundin Nadja müssen mit an-
sehen, wie ihre Eltern, Geschwister und Freunde durch Bomben,
durch die   Kälte und an Hunger sterben. Sie selbst ver-
suchen verzweifelt, sich Nahrung zu beschaffen. Mittelpunkt des
Buches ist die eindrucksvolle Begegnung zwischen den deutschen
und den russischen Soldaten, am Rande von Leningrad (5. 58-
64)·
»>Frag ihn, weshalb er die Kinder zurückgebracht hat<, sagte der (russi-
sche) Leutnant zu dem Dolmetscher. >Er sagte, die Kinder seien erschöpft
und völlig hilflos gewesen<, übersetzte der Dolmetscher ins Russische. >Er
sagt, wenn auch jeder für sein Land kämpfe ... , so hätten die Kinder doch
schließlich den Krieg nicht gemacht ... < Der Leutnant winkte dem Dol-
metscher. >Sag ihnen, sie können gehen, Iwan Petrowitsch!< Er zögerte
einen Augenblick, als suche er nach Worten. >Sag ihnen außerdem, daß wir
ihnen dankbar sind. Es wäre schlimm, wenn in diesem Krieg alle Mensch-
lichkeit verlorenginge.<<<
Wenig später kommt es zur Schlacht um die Stadt.Oleg ist ver-
ändert. Er »fühlte keinen Haß mehr und konnte deshalb an Frie-
den denken«. »Wenn nun alle Russen und alle Deutschen zugleich
die Waffen wegwürfen und Freundschaft schlössen ... Ob das
nicht viel einfacher wäre, als Krieg zu führen?« (5. 136) Der Re-
signation seiner Mutter setzt Oleg seine neuen Erfahrungen ent-
gegen: » ... es war nicht alles unabwendbar. Unabhängig von den
Dingen entstanden die Taten von Menschen und erklangen ihre
Worte.« (S. 137) Und als er nach der Befreiung Leningrads einem
kriegsgefangenen Deutschen etwas zu essen zusteckt, antwortet
eine alte Frau auf die aufkommenden Vorwürfe: »Was haben wir
von unserer Freiheit, wenn wir in Haß leben müssen?« (S. 144)
Roman Hrabar, Zofia Tokarz, Jacek E. Wilczur
Kinder im Krieg - Krieg gegen Kinder
Die Geschichte der polnischen Kinder 1939-1945
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1981, rororo 7422
(ab 12 J., DM 12,80)
Über zwei Millionen polnischer Kinder und Jugendlicher sind
zwischen 1939 und 1945 umgekommen. Sie sind von Soldaten
ermordet worden, man hat sie im Konzentrationslager durch Gas
oder Hunger getötet, sie starben im Ghetto oder auf den Trans-
porten. Polnische Historiker sind dem Schicksal dieser Kinder
nachgegangen. Der Band enthält zahlreiche Photos und Doku-
mente.
Ilse Kleberger
»Eine Gabe ist eine Aufgabe«. Käthe Kollwitz
Erika Klopp Verlag, Berlin 1980, Mit zahlreichen Abbildungen
(ab 12 J., DM 26,-)
Die große Künstlerin, deren Arbeit hier beschrieben wird, setzte
sich stets mit der Zeit auseinander, in der sie lebte, dem Kaiser-
reich, der Not der Inflation, dem Nationalsozialismus und dem
Zweiten Weltkrieg. Der Tod ihres eigenen Sohnes ganz zu Beginn
des Ersten Weltkrieges trug dazu bei, daß sie viele ihrer Werke
gegen den Krieg richtete. Vom Pazifismus sagte sie, daß er »mehr
ist als nur Anti-Krieg. Es ist eine neue Idee, die Idee der Bruder-
schaft der Menschen.«
Hans Peter Richter
Die Zeit der jungen Soldaten.
K. Thienemanns Verlag, Stuttgart 1980
(ab 14 J., DM 16,80)
Richter beschreibt die Zeit des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht
eines (zunächst kriegsbegeisterten) Vierzehnjährigen, von der
Kinderlandverschickung, der freiwilligen Meldung zum Kriegs-
dienst mit I7 Jahren, den Schikanen der Ausbildung bis zum Ein-
satz an der Front, der Verwundung, der Flucht und dem Ende des
Krieges.
Das Buch ist einfach geschrieben, in viele kurze Episoden geglie-
dert, so daß einzelne Abschnitte gut herausgegriffen werden kön-
nen.
182
Fred Uhlman
Versöhnt. Mit einer Einführung von Arthur Koestler
Hermannsen Verlag, Köln 1979
(ab 13 J., DM 12,80)
Zwei Jungen gleichen Alters gehen Anfang der dreißiger Jahre in
Stuttgart zusammen auf ein Gymnasium. Ihre Freundschaft
scheint unter dem politischen Druck des unmenschlichen Re-
gimes nicht zu überleben. Die Geschichte nimmt ein überraschen-
des und sehr beeindruckendes Ende.
Hermann Vinke
Das kurze Leben der Sophie Scholl
Mit einem Interview von Ilse Aichinger
Otto Maier Verlag, Ravensburg 1980
(ab 12 J., DM 18,-)
»Der Krieg geht seinem sicheren Ende entgegen. Mit mathematischer Si-
cherheit führt Hitler das deutsche Volk in den Abgrund. Hitler kann den
Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern! Seine und seiner Helfer
Schuld hat jedes Maß unendlich überschritten. Die gerechte Strafe rückt
näher und näher! Was aber tut das deutsche Volk? Es sieht nicht und es
hört nicht. Blindlings folgt es seinen Verführern ins Verderben. Sieg um
jeden Preis! haben sie auf ihre Fahnen geschrieben. Ich kämpfe bis zum
letzten Mann, sagte Hitler - indes ist der Krieg bereits verloren.«
So heißt es in einem Flugblatt der Geschwister Scholl I943. So-
phie Scholl war 2I Jahre alt, als sie zusammen mit ihrem Bruder
wegen ihrer Tätigkeit für den Widerstands kreis »Die weiße Rose«
hingerichtet wurde. Vinke schildert mit Hilfe von Berichten der
noch lebenden Geschwister von Hans und Inge Scholl, von Pho-
tos, Briefen und anderen Dokumenten das Leben Sophie Scholls,
ihre Entwicklung zur Pazifistin und Widerstandskämpferin.
3. Zeitgeschichte, aktuelle Konflikte
Bernard Benson
Das Buch vom Frieden
(Aus dem Englischen)
Paul Zsolnay Verlag, Wien-Hamburg 1981
(ab 12 J., DM 24,-)
Großformat, mit vielen bunten Strichmännchenzeichnungen
Eines der bemerkenswertesten Bücher der letzten Jahre zu diesem
Thema. Ein Kind bewegt die Regierenden dieser Welt dazu, ab-
zurüsten: In langen, geduldigen Gesprächen diskutiert es mit den
drei maßgebenden Präsidenten alle Einwände, alle Bedenken ge-
gen seinen großen und doch so einfachen Friedensplan, der darauf
aufbaut, daß die Menschen in der Welt im Zeitalter der Kommu-
nikation nicht mehr von der Verständigung miteinander abgehal-
ten werden können, wenn es um das Leben geht.
,»Was ist eine MEGA-Todeswaffe?< fragt er eines Tages. ,Das ist eine
Superwaffe. Sie kann mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder
mit einem Schlag töten. Das ist eine großartige Sache!< >Brauchen wir sie?<
fragte er. >Wenn die anderen sie haben, brauchen wir sie. Und wenn wir sie
haben, brauchen sie die anderen, deshalb brauchen wir sie alle.«<
Alle Präsidenten, die der Junge aufsucht, erzählen ihm von dem
Todesschlüssel, den sie bei sich haben, mit dem sie den großen
nuklearen Schlag auslösen können, und von dem Mann mit dem
kleinen schwarzen Koffer, der ihnen stets folgt.
»>Ich kann es einfach nicht glauben!< sagte der kleine Junge. Er war ganz
blaß. >Ist es ein Geheimschlüssel?< >Nein, alle wissen davon. Es steht schon
seit Jahren in den Zeitungen.< >Aber warum tun alle diese Menschen nicht
etwas dagegen, bevor es zu spät ist?«<
Ein wenig später sagt der Junge zum Präsidenten:
»>Stellen Sie sich vor, die Befehlshaber hätten die Waffenmaschinerie nie-
mals geschaffen ... es gäbe nur ein paar kleine Kanonen, damit die Leute
zufrieden wären ... und ganz plötzlich würde eine Gruppe von Befehls-
habern ... weniger als zweihundert ... aufstehen und vorschlagen
... eine gewaltige, weltumspannende Todesmaschine zu bauen, die im-
stande ist, alle Menschen der Welt in Schrecken zu halten, Hunderte Mil-
lionen Mäimer, Frauen und Kinder zu töten und zu verstümmeln, die
ganze Welt zu verseuchen. Und das alles würde die Menschen 450 Millio-
nen Dollar kosten ... im Jahr. Und würde einen Teil der Welt in Armut
stürzen ... Was, denken Sie, würden die Menschen tun?< >Sie würden sie
alle für irrsinnig halten<, antwortete der Präsident, >und sie lebenslang
einsperren ... Wahrscheinlich auf irgendeiner einsamen Insel ... oder
mitten in der Wüste!< >Warum tun Sie es dann nicht?< fragte der kleine
Junge.« '
Der dritte Präsident ist weniger einsichtig:
",Der einzige Grund, warum wir gegenwärtig Frieden' haben, besteht
darin, daß wir alle für den Krieg gerüstet sind! Der einzige Grund, warum
wir vielleicht Krieg haben werden, besteht darin, daß einige von uns nicht
so gut gerüstet sind wie andere. Deshalb ist es unsere moralische Ver-
pflichtung, rasch noch besser gerüstet zu sein, und deshalb ist es die mo-
ralische Verpflichtung aller friedliebenden Nationen, uns bei der Rüstung
zu helfen! Ist das klar?< ,Sir<, sagte der Junge ,können Sie sich vorstellen,
daß sich die Nationen gegenseitig in die Luft sprengen, wenn sie riesige
Waffenvorräte haben?< ,Ja, das sicher.< ,Können Sie sich vorstellen, daß
sich Nationen gegenseitig in die Luft sprengen, wenn sie überhaupt keine
Waffen haben?< ,Nein, das kann ich nicht!< ,Wieso kömlen Sie dann hier
sitzen und mir erzählen, daß man den Frieden sichert, indem man immer
mehr Waffen erzeugt?«<
Als der Präsident nicht recht weiter weiß, reicht ihm der kleine
Junge einen Zettel:
"Uns vor unseren Nachbarn zu schützen, bedeutet den Weg der Waffen
und führt zum Krieg! Unsere Nachbarn vor uns zu schützen, bedeutet
den Weg der Abrüstung und führt zum Frieden.«
Der Präsident sagt zur atemlos lauschenden Menge: ,»Wir sind
uns nicht länger mehr wirklich feind ( ... ) Der Krieg selbst ist
unser aller einziger Feind. Der Tod hat keine Grenzen mehr.<<<
Noch einmal entsteht eine Krise, als die Wissenschaftler und Mi-
litärexperten sagen, daß es Selbstmord sein könnte, die Abrüstung
zu wagen. Der Junge hat den einzigen Einfall, der hier heraushel-
fen kann - und er funktioniert! Lesen Sie! (auf S. 200 ff.)
Dem Buch ist vorgeworfen worden, daß es einen unrealistischen
Schluß habe und deshalb keinen praktikablen Weg anbiete. J e-
doch: die Lösung kann nicht einfacher sein als die Realität, und
dies trifft nicht den Autor. Hilfsweise sei Max Horkheimer zitiert,
der die »Erziehung zur Realitätsgerechtigkeit« autoritär nennt.
» Wer nur nüchtern die Welt betrachtet, wird einsehen, daß der
einzelne sich fügen und unterordnen muß.«183
Heinrich Böll
Ende einer Dienstfahrt
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1981 (17. Auf!. dtv 566)
(ab 14 J., DM 4,80)
Vater und Sohn Gruhl stehen mit dem Finanzamt wegen Steuer-
forderungen auf dem Kriegsfuß. Gruhl jun., zum Wehrdienst ein-
gezogen, hat mit einem Jeep eine Dienstfahrt zu unternehmen mit
dem einzigen Zweck, den 5000-Kilometerstand für die Inspektion
zu erreichen. Ein unsinniger Befehl, den Gruhl in bizarrer Weise
erfüllt. Die Geschichte endet in einer Gerichtsverhandlung. Böll
beschreibt in ihr die Stellung unserer Gesellschaft zu Militär und
Justiz unheimlich und komisch zugleich.
Nigel Gray
Geh nicht zurück. Die Geschichte einer Flucht.
Aus dem Englischen / Mit einem dokumentarischen Bericht von Wieland
Giebel, Weismann Verlag lind Frauenbuchverlag, München 1980
(ab 12 J., DM 12,80)
Lucy, Christine, Terry und Andy und ihr Hund, die gefleckte
Sally, entdecken Dave. Dave hat sich versteckt. Er ist aus der
Armee desertiert, weil er als Engländer nicht auf die Bevölkerung
in Nordirland schießen will. Die Kinder besuchen Dave. In den
langen Gesprächen zwischen ihnen und ihm geht es um den
Krieg, die Angst, die Zivilcourage. Die Eltern von Andy helfen
ihm, zu fliehen, damit er nicht zurück zur Armee muß. - Im
Anhang erläutert Giebel den historischen Hintergrund der aktu-
ellen Situation in Irland und dokumentiert Mordfälle dieses
furchtbaren Bürgerkrieges.
Frederik Hetmann
Martin Luther King
Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 1979
(ab 12 J., DM 12,80)
» ••• trotz der vorübergehenden Siege bringt die Gewalt nie blei-
benden Frieden. Sie löst keine sozialen Probleme; sie schafft nur
neue und kompliziertere ... Sie zerstört die Gemeinschaft und
macht Brüderlichkeit unmöglich« (Martin Luther King). Die Bio-
graphie Kings führt an das Unrecht der Rassendiskriminierung in
den USA heran und stellt vor allem die Frage nach Gewalt oder
Gewaltlosigkeit zur Lösung gesellschaftlicher Probleme. in den
Mittelpunkt der Darstellung. Mit vielen eindrucksvollen Pho-
tos.
Hans Christian Kirsch
Lorcan zieht in den Krieg
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1981, dtv pocket 7818
(ab. 12 J., DM 7,80)
Wie sein Vater will der zwölf jährige Lorcan mit seinem Freund im
nordirischen Untergrund gegen die Engländer und die Protestan-
ten kämpfen. Aber schon im Hause einer alten Frau findet der
geplante Feldzug ein Ende; sie behauptet nämlich, die gewünsch-
ten Kontakte zur IRA herstellen zu können; während die Alte so
tut, als ob sie die beiden kriegspielendenjungen mit drei Mutpro-
ben zu Soldaten ausbilden würde, beginnt ein doppelbödiges
Spiel, mit dem sie den Wahnsinn des militaristischen Nationalis-
mus entlarvt. - Mit einem Nachwort zur politischen Szene Ir-
lands. Kirsch schreibt auch unter dem Namen Frederik Hetmann
(siehe S. 291).
Reinhold Lehmann
Friedenssignale
Herder Verlag, Freiburg/Br. 1982
(ab 12 J., DM 9,80)
Der Verfasser, Journalist und ehemaliger Generalsekretär des
deutschen Zweigs der internationalen katholischen Friedensorga-
nisation »Pax Christi«, schreibt hier sechzehn kurze Kapitel über
wichtige Teilbereiche des Themas Frieden: Aggression und Vor-
urteil, Verheißung des Friedens, Barmherzigkeit, Leiden und
Kämpfen, Angst, Menschenrechte, Armut, Demokratie und Frei-
heit, Kriegsdienstverweigerung, Dienst des Soldaten, Niemals
mehr Krieg, Erziehung zum Frieden, Lieber rot als tot, Abrü-
stung und Sicherheit, Friedensbewegung, Frieden mit der Natur.
Jeder Abschnitt enthält eine kurze Einführung in Form einer Ge-
schichte o. ä., eine sachliche Information, eine kritische Betrach-
tung, Angaben über geeignete Bücher und Broschüren zum
Thema, Adressen, Gedichte, Zitate oder Graphiken und Photos.
»Man kann den Frieden nicht machen, man muß ihn tun«. Der
Autor meint damit, daß zur Glaubwürdigkeit das persönliche En-
gagement gehört. Das Buch hält Distanz zur Friedensbewegung
und zur Friedensforschung.
Hansjörg Martin
Der Verweigerer
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg I98I (2. Aufl.), rororo 4508
(ab I6 J., DM 4,80)
»Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe ge-
zwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz« (Art. 4 Abs. 3 des
Grundgesetzes).
Der Autor, im Zweiten Weltkrieg Infanteriesoldat, bisher be- .
kannt als Verfasser von Kriminalromanen, beschreibt den Weg
eines jungen Mannes von der Entscheidung, den Kriegsdienst zu
verweigern, bis zur Verhandlung vor dem Prüfungsausschuß für
Kriegsdienstverweigerer. (Er ist selbst Beisitzer in einem solchen
Gremium.) Aus den Diskussionen mit Freunden, Eltern und Leh-
rern ergeben sich für den Leser, der sich bisher mit dieser Frage
nicht beschäftigt hat, auf unterhaltsame Art erste Informationen,
die durch einen kurzen juristischen Überblick ergänzt werden,
auch sind Kontaktadressen beigefügt.
Hans-Georg N oack
Der gewaltlose Aufstand. Das Streben der amerikanischen Neger
nach Gleichberechtigung und Menschenwürde
Arena-Verlag, Würzburg I976 (4. Aufl.), Arena Tb. Zeitgesch. III3
(ab 12 J., DM 4,80)
Ein Prinzip des Friedens ist die nichtmilitärische, die gewaltlose
Austragung von gesellschaftlichen Konflikten. Dieses Buch schil-
dert aus der Perspektive des Negerjungen Banjy den gewaltlosen
Aufstand der schwarzen Bevölkerung Amerikas gegen jahrhun-
dertealte Ungerechtigkeit, es schildert, wie schwer es gerade für
junge Menschen ist, in einer Umgebung von Starrsinn und Unge-
293
rechtigkeit, Gewalt und Unterdrückung an der Gewaltlosigkeit
festzuhalten und zu erkennen, daß
»die Gewaltlosigkeit die Antwort auf die entscheidenden politischen und
moralischen Fragen unserer Zeit ist - die Antwort auf das Bedürfnis des
Menschen, Unterdrückung und Gewalt zu überwinden, ohne Gewalt und
Unterdrückung anzuwenden ... Die Neger der Vereinigten Staaten haben
nach dem Beispiel der Inder bewiesen, daß Gewaltlosigkeit nicht un-
fruchtbare Passivität ist, sondern eine mächtige moralische Kraft, die ge-
sellschaftliche Wandlungen herbeiführt. Ich weigere mich, die Ansicht zu
teilen, der Mensch sei so unausweichlich in der sternenlosen Nacht des
Rassismus und des Krieges gefangen, daß der strahlende Tagesanbruch des
Friedens und der Brüderlichkeit niemals Wirklichkeit werden kann. Ich
weigere mich, die zynische Vorstellung hinzunehmen, daß Volk um Volk
auf der Treppe des Militarismus in die Hölle thermonuklearer Zerstörung
hinabsteigen muß.« (5. 247/48, aus der Rede Martin Luther Kings bei der
Verleihung des Friedensnobelpreises 1964).
J ohn Perkins
Der Gerechtigkeit eine Gasse. Ein amerikanischer Christ erzählt
aus seinem Leben.
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Reichert
Friedrich Bahn Verlag, Konstanz 1980.
(ab 12 J., DM 17,80)
»Was in den Religionskriegen, im Libanon und in Irland geschieht und
was unter dem NS-Regime in Deutschland geschalr, beweist deutlich, daß
es nichts Gefährlicheres gibt als verborgene religiöse Voreingenommen-
heit und Rassismus, die unter dem Deckmantel religiösen Eiferns schwe-
len, um dann in Gewalt, Haß und Mord hervorzubrechen« (Aus der Ein-
leitung).
In der Tradition des gewaltlosen Kampfes von Martin Luther
King um die Bürgerrechte für die Schwarzen in Amerika steht
Perkins, der Gründer der »Voice of Calvary Ministries«, eines
Werkes, das Sozialarbeit leistet, das Evangelium verkündet und
Frieden zwischen Weißen und Schwarzen schaffen will und an
dessen Aufbau deutsche Freiwillige der »Aktion Sühnezei-
chen/Friedensdienste« beteiligt waren. Pastor Perkins beschreibt
seinen langen mühevollen Weg zur aktiven Gewaltlosigkeit von
der Ermordung seines Bruders durch einen weißen Polizeichef im
Süden der Vereinigten Staaten, aus dem er flieht, um dem Unrecht
zu entgehen, bis zu seiner Rückkehr als gläubiger Christ I 960 und
294
der Begründung seines Lebenswerkes. Menschen, die dem aktiven
Christentum nahestehen, mag eIne solche in ihrer Einfachheit be-
eindruckende Lebensgeschichte Orientierung geben.
Picasso
Grafik gegen den Krieg, hg. von Rainer Diederich und Richard
Grübling
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1982
(DM 29,80)
Der Band enthält außer den 29 Abbildungen ein Vorwort der
Herausgeber, einen Aufsatz von Norbert Stratmann: »Der Politi-
sche Künstler Picasso« (mit einem Auszug über das Bild Guernica
aus: Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss
184
) und Erläu-
terungen zu allen schwarzweißen und farbigen Abbildungen.
Das Buch ist gleichzeitig der Katalog der Ausstellung "Pabio
Picasso - Frieden« der Elefanten Press Galerie, Berlin.
Wie kein anderer Maler in diesem Jahrhundert hat Picasso sich,
seit dem Spanischen Bürgerkrieg, seit der Machtübernahme Fran-
cos in seiner Heimat, mit dem Thema Krieg und Frieden ausein-
andergesetzt; wie kein anderer Maler hat er es für alle Menschen
verständlich dargestellt. Er hat mit Guernica, dem Resultat jahr-
zehntelanger intensiver künstlerischer Arbeit, das wohl berühm-
teste Kriegsbild geschaffen und mit seiner Taube das Sinnbild des
Friedens. Als er nach seinem Eintritt in die Kommunistische Par-
tei (1944) für kommunistische Zeitungen zeichnete, erreichte er
Hunderttausende von Lesern, die von ihm entworfenen Plakate
für die Friedensbewegung der fünfziger Jahre, für die internatio-
nalen Abrüstungskongresse, waren millionenfach verbreitet. Pi-
casso selbst sah seine Aufgabe so:
"Ich habe durch die Zeichnung und durch die Farbe, da dies meine Waffen
sind, immer mehr das Bewußtsein der Welt und der Menschen durchdrin-
gen wollen, damit dieses Bewußtsein uns alle jeden Tag mehr befreie, ich
habe zu sagen versucht, auf meine Weise, was ich als wahr, gerecht und gut
  (5. 5)
Mit seinen Bildern begleitete er die Geschichte seiner Zeit, vom
Spanischen Bürgerkrieg über den Zweiten Weltkrieg, die Beset-
zung und Befreiung von Paris, wo er lebte, die Kriege in Korea,
Algerien und Vietnam und die Militär-Diktatur in Griechen-
land.
Die hervorragende technische Qualität der Reproduktionen, die
Schönheit und Vielfältigkeit der Skizzen, Radierungen, Gemälde,
Plastiken und Druckvorlagen und die sorgfältige Erläuterung je-
der Abbildung ermöglichen eine intensive Beschäftigung mit die-
sem Teil des Werkes eines großen Künstlers und zugleich einen
neuen Zugang zum Thema Krieg und Frieden.
Heimo Rau
Mahatma Gandhi in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1970, rororo Bildmonographie
17
2
(ab 12 J., DM 6,80)
»Dieser Mann wollte das Unmögliche: Politik durch Gewaltlosig-
keit. Er hatte den größten Erfolg. Ist also das Unmögliche mög-
lich geworden?« So wird der Philosoph Karl Jaspers in dieser
Biographie zitiert, die mit ihrem reichen dokumentarischen Ma-
terial eine gute erste Einführung in das Leben dieses großen
Kämpfers für die Unabhängigkeit Indiens und gegen Vorurteile
gegenüber Kasten, Rassen und Religionen gibt. Gandhis gewalt-
freies Handeln wurde zu einem Vorbild für die amerikanische
Bürgerrechtsbewegung und für das Konzept der gewaltfreien Ak-
tion in Europa.
Nina Rauprich
Ich heiße Sokhom
Mit einem Bericht über eine Reise in die kambodschanischen Flüchtlings-
lager von Herrmann Vinke, mit Farbphotos und einem Kapitel: Kambod-
scha - Daten und Fakten
Otto Maier Verlag, Ravensburg 1981 (Ravensburger Junge Reihe)
(ab 12 J., DM 15,80)
Die Autorin hat aus Berichten kambodschanischer Flüchtlings-
kinder diese Erzählung über das Mädchen Sokhom in Kambo-
dscha zwischen 1975 und 1979 zusammengestellt. Was Sokhom
erlebt hat, steht stellvertretend für das unvorstellbare Schicksal
des kambodschanischen Volkes. Bis 1970 lebte es in Frieden,
wurde dann in den Vietnamkrieg hineingezogen. »Die Wurzel
eines jeden Krieges ist der Haß«, sagt Sokhoms Großvater zu
seinem Enkel.
»Das kambodschanische Problem ist eigentlich nichts anderes, als daß die
Frage der Vormachtstellung und die Rivalität zwischen beiden Systemen
innerhalb des Kommunismus auf dem Rücken jenes Landes ausgetragen
wird, das sich nicht mehr wehren kann.« (S. 129)
Der Bericht Vinkes über seine Eindrücke aus den Flüchtlingsla-
gern an der kambodschanischen Grenze, die Photos, die - aller-
dings etwas knappen - Worterklärungen und die Zeittafel ergän-
zen die Geschichte Sokhoms zu einem der wenigen J ugendbü-
cher, die Kriege nach 1945 zum Gegenstand haben.
Peter Scheiner
Wie du mir ... Aggressionen und Konflikte im Alltag
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1977 (z. erweiterte und überarbeitete
Aufl.)
Beltz-Informationen für Jugendliche
(DM u,-)
Das Buch gehört zu einer Reihe, mit der der Verlag Jugendlichen
die Beschäftigung mit wichtigen Problemen erleichtern und sie zu
kritischer Stellungnahme herausfordern will.
»Aggressionen - was ist das ?«,»Gewalt - wie funktioniert das?«
»Woher kommt Aggression?«, »Was kann man gegen Gewalt
tun?« sind einige Kapitel dieses Bandes, der mit vielen einprägsa-:
men Beispielen, Zitaten und Photos ein schwieriges und umstrit-
tenes Thema spannend und zugleich sachverständig darbietet.
Harald Steffahn
Albert Schweitzer in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979
rororo bildmonographien z63
(DM 6,80)
»Beim Wettlauf der Supermächte - den Rüstungsvorsprung zu wahren
bzw. aufzuheben - erschien die Kritik aus dem Urwald vielen als üble
Miesmacherei, der Alte selber falsch programmiert:«
Der »Urwalddoktor« und Friedensnobelpreisträger Albert
Schweitzer hat sich in seinen späten Lebensjahren intensiv mit
Kernphysik beschäftigt, um durch das Gewicht seiner Stimme
gegen atomare Rüstung »das öffentliche Gefahrenbewußtsein zu
297
verstärken«. Dieses Buch beschreibt informativ und interessant
Schweitzers Leben mit vielen Photos und Dokumenten.
4. Anthologien
Kurt Fassmann (Hg.)
Gedichte gegen den Krieg
Zweitausendeins Verlag, Frankfurt o. J. (1. Aufl. 1961 beim Kindler-Ver-
lag, München)
(ab 12 J., DM 8,90)
Gedichte aus vielen Teilen der Welt, Gedichte vom Altertum bis Hiro-
shima.
Hans Frevert/Marieluise Christadler
Masken des Krieges - Ein Lesebuch
Signal Verlag, Baden-Baden 1979 (2. neu bearb. u. erw. Aufl.)
(ab 12 J., DM 28,-)
Dieses Lesebuch zeigt eine ungewöhnlich gute Auswahl von Tex-
ten: Gedichte, Prosa, Aufsätze und Aufrufe, Befehle und Briefe
von Soldaten, zu Kriegen von den Kreuzzüg.en bis in unsere Ge-
genwart; es deckt Hintergründe auf, zeigt Ursachen, überzeugt
durch die Anteilnahme an dem Leiden unzähliger Menschen.
Mit einer Einführung von Helmut Gollwitzer, einem Nachwort
von Hans Frevert, Photos, einer Bibliographie und kurzen didak-
tischen Hinweisen für die Verwendung der Texte im Unterricht
(Religion, Geschichte, Sozialkunde, Deutsch in der Sekundarstufe
I und 11).
Rosemarie Wildermuth (Hg.)
Als das Gestern heute war, q89-1949
Erzählungen, Gedichte und Dokumente zu unserer Geschichte
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1981, dtv 7816
DM 8,80
Prosatexte zeitgenössischer Autoren, Briefe, Reden, Gedichte,
Zeichnungen, Photos und Erläuterungen sind zu einem faszinie-
renden Bild der deutschen Geschichte von der Französischen Re-
volution bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland zu-
sammengestellt.
Hildegard Wohlgemuth (Hg.)
Frieden: Mehr als ein Wort. Gedichte und Geschichten.
Mit Zeichnungen von Marie Marcks
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1981 (rororo rot-
fuchs 287)
(ab 12 J., DM 6,80)
Es ist leichter, gegen den Krieg als für den Frieden zu reden.
Deshalb hat die Herausgeberin hier viele Gedichte und Geschich-
ten, meist von jüngeren Autoren, auch Schülern, zusammengetra-
gen, in denen in der Sprache unserer Zeit vom Frieden die Rede
ist, vom Frieden in der Welt, im eigenen Land, zwischen uns und
anderen Menschen. .
Anmerkungen
I Siehe auch Hans Christtan Kirsch, Die Hoffnung liegt bei den kleinen
Verlagen. Notizen zum Thema Zeitgeschichte im Jugendbuch, in:
Das Parlament, 36, 11. 9. 1982.
2 Lothar Wieland, »Diese Lebensauffassung ist undeutsch« - Zur Be-
kämpfung und Verfolgung des Pazifismus in Deutschland von I9I4
bis I933, in: Helmut Donat und Johann P. Tammen (Hg.), Friedens-
zeichen, Lebenszeichen, Pazifismus zwischen Verächtlichmachung
und Rehabilitierung, Bremerhavenl982, S. 241-257, hier S. 242.
Marieluise Christadler, Kriegserziehung im Jugendbuch. Literarische
Mobilmachung in Deutschland und Frankreich vor I9I4, Frankfurt
1979, S. 68.
4 Joseph ScholzlWilhelm Kotzde, Der Kampf um die Jugendschrift,
Mainz 1913, S. 34.
5 Christadler (s. Anm. 3).
6 Dieter Riesenberger, Die Lehrererzählung im Geschichtsunterricht,
in: Hans Süssmuth (Hg.), Historisch-politischer Unterricht in Me-
dien, Stuttgart, 4. Auf!. 1981, S.·41-69, hier S. 46.
7 Friedrich Wilbelm Foerster, Der nationalistische deutsche Oberleh-
rer, aus: Angewandte politische Ethik, Bd. 1, Wiesbaden 1922, Bd. 2
1924, abgedruckt in: F. W. F., Schriften zur politischen Bildung, hg.
von Kurt G. Fischer, Paderborn 1963, S. 81.
8 Kar! Hammer, Deutsche Kriegstheologie I870-I9I8, München 1971,
S. 59. Informativ auch Heinrich Missalla, »Gott mit uns« - Die deut-
sche. katholische Kriegspredigt I9I4-I9I8, München 1968.
299.
9 Christadler (s. Anm. 3), S. 354 (Anm.7). Zur Diskussion über die
Aufgabe der Jugendliteratur nach der Jahrhundertwende siehe Dieter
Richter in der Einführung der von ihm herausgegebenen Sammlung:
Das politische Kinderbuch. Eine aktuelle historische Dokumentation,
Darmstadt und Neuwied 1973.
10 Christadler (s. Anm. 3), S. 71.
11 Ebenda.
12 Ebenda, S. 73.
13 Colmar Freiherr von der Goltz, Das Volk in Waffen, Berlin, 2. Aufl.
1883, S. 7.
14 Heinrich von Treitschke, Historische und politische Aufsätze Bd. 3,
Leipzig 1899, S. 475.
15 Zit. Bernhard v. Bülow, Denkwürdigkeiten, hg. von F. v. Stockham-
mern, Bd. II, Berlin 1930, S. 198.
16 Achim v. Borries, Preußentum, Pazifismus und Politische Kultur im
Kaiserreich (I87I-I9I8), in: Donat/Tammen (s. Anm. 2), S. 287, zit.
R. Chickering, Imperial Germany and a World without War. The
Peace Movement and German Society I892-I9I4, Princeton, N. J.,
1975·
17 Rudolf Schenda, Schundliteratur und Kriegsliteratur, in: ders. Die
Lesestoffe der Kleinen Leute. Studien zur populären Literatur im I9.
und 20. Jahrhundert, München 1976, S. 77-104, hier S. 100. Informa-
tiv auch: Ernst-Friedrich Suhr, Deutschland vor dem I. Weltkrieg-
Bilder aus einer Gesellschaft, im Anhang des Buches von Wilhelm
Lamszus, Das Menschenschlachthaus. Bilder vom kommenden Krieg
(I9I2), neu hg. von Johannes Merkel und Dieter Richter, München
1980, S. 153-174.
18 Dieter Richter, Ein Buch gegen die Bücher für den Krieg. »Das Men-
schenschlachthaus« und die militärische Jugendliteratur der Kaiser-
zeit, abgedruckt im Anhang von Lamszus (s. Anm. 17), S. 121-15°,
hier S. 127.
19 Andrea Kuhn und Johannes Merkel, Sentimentalität und Geschäft.
Zur Sozialisation durch Kinder- undJugendliteratur im I9. Jahrhun-
dert, Berlin 1977, S. 155.
20 Oskar Höcker, 1880, = Bd.4 von: Das Ahnenschloß. Kulturge-
schichtliche Erzählungen für die reifere Jugend, Leipzig, 17. Aufl.
1914; dieser Band endete mit der Zeit der Befreiungskriege.
21 Carl von Tanera, Aus der Prima nach Tientsin, 1909.
22 Kühn/Merkel (s. Anm. 19), S. 163.
23 Tanera (s. Anm: 21), S. 199.
24 Ebenda, S. 186.
25 Burkhart Freiherr von Erffa, Reise- und Kriegsbilder von Deutsch-
Südwestafrika, Halle 1904, S. 45, zit. nach Christadler (s. Anm. 3),
S.I38f.
3
00
26 Ebenda, S. 182.
27 Franz Henkel, Der Kampf um Südwestafrika, Berlin 19°8, S. 84, zit.
nach Christadler (s. Anm. 3), S. 139.
28 Kuhn/Merkel (s. Anm. 19), S. 161.
29 Max Geißler, Der Junge, der eine Schlacht gewann, Leipzig 1912,
S·9·
30 Vgl. dazu den vorzüglichen Text von Norbert Elias, Zivilisation und
Gewalt. Über das Staatsmonopol der körperlichen Gewalt und seine
Durchbrechungen, in: Lebenswelt und soziale Probleme. Verhand-
lungen des 20. Deutschen Soziologentags zu Bremen I980, hg. im
Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie von Joachim Mat-
thes, Frankfurt/New York 198 I, S. 98-122, hier S. 104 ff.
31 Für den sogenannten Tendenzstreit um die Jugendliteratur siehe
stellvertretend für viele Schenda (s. Anm. 17), S. 83 H.
32 Christadler (s. Anm. 3), S. 288.
33 Ebenda, S. 290.
34 Jörg Knobloch/Wolfgang Löffler, Mobilmachung imJugendbuch, in:
betrifft: erziehung, Oktober 1982, S. 40-46, hier S. 42.
35 Friedhelm Boll, Frieden ohne Revolution? DGFK-Papiere für die
Praxis, Bonn 1981, S. 8.
36 Protokoll des SPD-Parteitages in Bremen I904, Bremen 1904; vgl.
Dieter Richter (Hg.) im Vorwort zu: Das politische Kinderbuch
(s. Anm. 9), S. 31.
37 Sven Papcke, Kriegsdienst mit den Waffen des Geistes. Die Sozialwis-
senschaften im Ersten Weltkrieg, in: Vorgänge 56, April 1982,
S.26.
38 Siehe dazu Schenda (s. Anm. 17), S. 98.
39 Angaben bei Schenda, ebenda.
40 Rudolf Schenda weist darauf hin, daß das Deutsche Bücherverzeich-
nis (6. Band, 2. Hälfte, Stichwort » Weltkrieg«, Abt. XVII, 7 f.: Theo-
retisches über Pädagogik und Unterricht im Kriege, etc., S. 1858 f.)
rund 70 entsprechende Buchtitel enthielt, ebenda, S. 177
(Anm.I93)·
41 Rede im Preußischen Landtag am 16.3. 1916, in: Reden und Auf-
sätze, Hamburg 1921, S. 26 f.
42 Angaben bei Dieter Richter (s. Anm. 18), S. 128 f.
43 Vgl. Schenda (s. Anm. 17), S. 101.
44 Das Tage-Buch, 4· 10. 1924, 5. Jg., H. 40.
45 Wieland (s. Anm. 2), S. 249.
46 Linke Poot (= Alfred Döblin), Zwischen Helm und Zylinder (1920),
in: A. Döblin, Schriften zu Politik und Gesellschaft, Olten 1972,
S.I75·
47 Alfred Döblin, Lektüre in alten Schulbüchern, in: ders. (s. Anm. 46),
S. 341.
3°1
48 Kurt Tucholsky, »Noch immer .. , in: Gesammelte Werke, Reinbek bei
Hamburg 1975, Bd. 2, S. 128.
49 Tucholsky (s. Anm. 48), Bd. 6, S. 259-263. .
50 Wilhelm von Schramm, Schöpferische Kritik des Krieges, in: Ernst
Jünger (Hg.), Krieg und Krieger, Berlin 1930. S. 35.
51 Kurt Tucholsky (Ignaz Wrobel), Das Felderlebnis. Weltbühne 18.
J./II/Nr. 33 vom 17. 8. 1922, in: ders. (s. Anm. 48), Bd. 3, S. 261-266,
hier S. 262. .
52 Wolfram Wette, Von Kellog bis Ritler (I928-I933). Die öffentliche
Meinung zwischen Kriegsächtung und Kriegsverherrlichung, in: Rei-
nerSteinweg (Red.), Der gerechte Krieg: Christentum, Islam, Mar-
xismus (= Friedensanalysen 12), Frankfurt 1980, S.233-268, hier
S. 245 ff.; siehe auch Karl Prümme, Die Literatur des Soldatischen
Nationalismus der 20er Jahre (I9IB-I933). Gruppenideologie und
Epochenproblematik, Kronberg 1974. -
53 Ernst Jünger, Der Kampf als inneres Erlebnis, Berlin 1922.
54 v. Schramm (s. Anm. 50), S. 41; zur älteren Geschichte der Vorstel-
lung vom Krieg als Erzieher siehe neben vielen anderen Wilhelm
J ansen, Krieg und Frieden in der Geschichte des europäischen
Denkens, in: Wolfgang Huber/Johannes Schwerdtfeger (Hg.), Kirche·
zwischen Krieg und Frieden. Studien zur Geschichte des deutschen
Protestantismus, Stuttgart 1976, S. 67-129.
55 Wette (s.Anm. 52), S. 247·
56 Ernst Jünger, Vorwort zu: Friedrich Georg Jünger, Aufmarsch des
Nationalismus, hg. von Ernst Jünger, Berlin 1928-, S. XI.
57 Jünger (s. Anm. 53), S. 76.
58 Wendula Dahle, Der Einsatz emer Wissenschaft. Eine sprachliche
Analyse militärischer Terminologie in der Germanistik I933-I945,
Bonn 1969, S. 72.
59 Siehe dazu Hans-Albert Walter, Bedrohung und Verfolgung bis I933.
Deutsche Exilliteratur I933-I950, Bd. I, Darmstadt und Neuwied
1972, S. 36 ff.
60 Walter (s. Anm. 59), S. 54 und 189 ff.
61 Für den Schulunterricht brauchbar zusammengestellt in: Max von
der Grün, Wie war das eigentlich? Kindheit und]ugend im Dritten
Reich (siehe S. 285), S. 54 ff.Zur Fortsetzung der Beschimpfungen
pazifistischer Bücher nach 1945 siehe das faszinierende Buch von
Eckhard Momber, 's ist Krieg! 's ist Krieg/ Versuch zur deutschen
Literatur über den Krieg 1914-1933, Berlin 1981 (Verlag Das Arse-
nal).
62 Momber (s. Anm. 61), S. 1I9.
63 Richter (s. Anm. 18), S. 124; vgL dazu auch die Einführung im Kata-
log zur Ausstellung I870-I945. Erziehung zum Krieg - Krieg als
Erzieher. Mit dem Jugendbuch für Kaiser, Vaterland und Führer im
3
02
Stadtmuseum Oldenburg 1979 von Wolfgang Promies.
64 Schenda (s. Anm. 17), S. 85.
65 Weltbühne, 5. 10. 1932: »Ich muß sitzen!«
66 Dahle (s. Anm. 58), S. 73 f.
67 Walther Linden, Volkhafte Dichtung von Weltkrieg und Nachkriegs-
zeit, in: Zeitschrift für Deutschkunde 1934, S. 20; siehe auch Karl
Dinter, Deutsch bis in den Tod. Die Dichter des Weltkriegs sangen
und starben, Erfurt 1933.
68 In: Zeitschrift für deutsche Bildung 1933, S. 453 f.; vgl. auch R.
Haage. Wehrerziehung im Deutschunterrlcht, in: Erziehung zum
Wehrwillen, Berlin 1937, s. 347 ff.; siehe auch Klaus-JörgSiegfried,
Das deutsche Lesebuch in der Zeit des Nationalsozialismus. Kritische
Anmerkungen zur Analyse faschistischer Schulbücher, in: Diskussion
Deutsch, Heft 47, Juni 1979, S. 288-306.
69 Stuttgart/Berlin 1941; siehe auch Josef Wulf, Literatur und Dichtung
im Dritten Reich. Eine Dokumentation, Reinbek bei Hamburg
1966.
70 Kurt Hildebrandt, Die Idee des Krieges bei Goethe, Hölderlin und
Nietzsehe, in: Das Bild des Krieges im deutschen Denken, hg. von
August Faust, Stuttgart/Berlin 1941, S. 375.
71 Angaben bei Christoph Walther, Der Krieg im Kinder- und jugend-
buch 1933-1945> in: Erziehung zum Krieg (s. Anm. 63), S. 57-67; s.
auch Malte Dahrendorf, Kinder- undjugendliteratur im bürgerlichen
Zeitalter, Königstein 1980, S. 59 f. Zum Kriegsspiel in dieser Zeit:
Bernhard Kroner, Thesen zur politischen Funktion von Kriegsspiel-
zeug in Deutschland, in: Chr. Rajewsky (Hg.), Rüstung und Krieg,
Zur Vermittlung von Friedensforschung, Jahrbuch der Arbeitsge-
meinschaft für Friedens- und Konfliktforschung Bd. VIII, Frankfurt
1983.
72 Bernd Dolle und Regina Weinkauff, Politische Kinder- und jugend-
literatur und Geschichtsbild. Annäherungen an ein kompliziertes Ver-
hältnis, in: Demokratische Erziehung 511981, S. 338-341.
73 Ausführlich Klaus F. Geiger, Kriegsromanhefte in der BRD. Inhalte
und Funktionen, Tübinger Vereinigung für Volkskunde e. V.,
Schloß, 1974, S. 206 ff.
74 Ebenda, S. 40.
75 Ebenda, S. 57·
76 Arbeitsgemeinschaft für Friedenspädagogik München, Zusammen-
stellung G. Gugel u. a., Prädikat: gewalttätig. Kindererziehung in
Deutschland, 2. Aufl. München 1980, S. 63.
77 .P. W. Stahl, Kampfflieger zwischen Eismeer und Sahara, zit. nach
Arbeitsgemeinschaft für Friedenspädagogik München (s. Anm. 76),
S. 63. Vgl. auch Dieter Kühn, Luftkrieg als Abenteuer, Frankfurt
1978.
3°3
78 Vgl. auch KnoblochlLöffler (s. Anm. 34), S. 41-45, und Malte Dah-
rendorf, Krieg - Vater aller Dinge? in: Kinder: Bücher/Medien, Zeit-
schr. des »Roten Elefanten«, 18h9 - 1982, S. 27-29. ..
79 Heinz Hengst, Tendenzen der Liquidierung von Kindheit, in: ders.
u. a., Kindheit als Fiktion, Frankfurt 1981, S. II-72, hier S. 67.
80 Dahrendorf (s. Anm. 71), S. 233.
81 Geiger (s. Anm. 73), S. 12I.
82 Dolle/Weinkauff (s. Anm. 72), S. 341.
83 Marieluise Christadler, Geschichte kein Beweismittelfür Rüstungspo-
iitiker, in: Kinder: Bücher/Medien (s. Anm. 78), S. 20.
84 Christen für die Abrüstung/Christlicher Friedensdienst (Hg.), Den
Kindern die Wege zum Frieden zeigen . .. Kinder- und Jugendbü-
cher, die zum Frieden erziehen. Eine Ausstellung, Rendeler Straße
9-II, 6000 Frankfurt 60; Hans-Jochen Markmann,Jugendbücher-
Bücher über den Nationalsozialismus - Geeignet für Jugendliche, hg.
vom Pädagogischen Zentrum, Abt. V (Oberstufe), Berlin 1979, Reihe
Bibliographische Hilfen; Uhlandstr. 97, 1000 Berlin 31; Arbeitskreis
Frieden LeonberglDitzingen, Jugendbücher, die zum Frieden erzie-
hen, Anschrift: Albrecht Wittmann, Greutter Str. 57 B, 7000 Stutt-
gart 3 I; Gerhard Brunke aus der Buchhandlung »die bücherkiste«,
Burgdorfer Str. 53, 3160 Lehrte (im Auftrag der Dokumentations-
stätte zu Kriegsgeschehen und· übel' Friedensarbeit Sievershausen
e. V.): Bücher, die zum Frieden erziehen für große und kleine Men-
schen, 2. Aufl. 1981 ; Konrad Kallbach (Arbeitsgemeinschaft Jugend-
. literatur und Medien im Landesverband Niedersachsen der GEW),
Liste von Jugendbüchern zum Thema Frieden, Hannover o. H.; In-
sel-Jugendbibliothek MarI (Hg.), Dte Angst vor Streit und Haß und
Krieg . .. Auswahl-Verzeichnis der Insel-Jugendbibliothek Türm-
chen von Maria Poll, MarI 1981; Kinder- und Jugendbücher für den
Frieden, Jacob-Fetzer-Buchladen, Rokenstr. 4, 7410 Reutlihgen;
Stadtbibliothek Duisburg (Hg.), Eine Taube macht noch keinen Frie-
den. Frieden in unserer Zeit, Duisburg 1982; Arbeitskreis für Jugend-
literatur e. V. (Hg.), Niemals Gewalt. Bücher für den Frieden, Mün-
chen 1982 (Elisabethstr. 15,8000 München 40); Rüdiger Schlaga (Zu-
sammenstellung und Einleitung), Christiane Rajewsky, Karl-Heinz
Pröve, Burkhard Steinmetz (Mitarbeit), Bücher über den Frieden.
Eine Ausstellung von· 600 Bänden aus 175 Verlagen der Bundesrepu-
blik Deutschland, organisiert vom Börsenverein. des Deutschen
Buchhandels (Kleiner Hirschgraben 10-12,6000 Frankfurt I), Frank-
furt 1982, mit Einführungen Zu 9 Kapiteln, Kap. 9: Kinder- und Ju-
gendbücher; Verein für   Tübingen e. V., Litera-
tur-Übersicht 7; Kinder- und Jugendbücher zum Thema Frieden, Tü-
bingen 1983 (Bachgasse 22, 74 Tübingen).
85 Hartmut von Hentig, Frieden - Vorlesungen auf dem 13. Evangeli-
schen Kirchentag in Hannover 1967, unter dem Titel Erziehung zum
Frieden in: ders., Spielraum und Ernstfall. Gesammelte Aufsätze zu
einer Pädagogik der Selbstbestimmung, Frankfurt u. a. 1981 (erw.
Aufl. von 1969), S. 153 f.
86 Alfred Andersch/Konstantin Simonow, Es gibt kein fremdes Leid.
Briefe und Essays zu Krieg und Frieden, hg. von Friedrich Hitzer,
Schwifting 1981, S. 117.
87 Zit. nach Das Parlament vom 28·4· 1979.
88 Eike Hennig, Die Rüstungsgesellschaft und ihre Kosten, in: Ekkehart
Krippendorff (Hg.), Friedensforschung, Köln 1974 (4. Aufl.), S. 275-
319, hier S. 278.
89 Jansen (s. Anm. 54), S. 120. Anregend, mit einer Fülle weiterführen-
der Hinweise, Sven Papcke, Progressive Gewalt. Studien zum so-
zialen Widerstandsrecht, Frankfurt 1973, Kapitel »Revolutionierung
des Krieges«, S. 411-49°.
90 Hennig (s. Anm. 88), S. 279.
91 Zit. nach Hans Jürgen Schultz (Hg.), Der Friede und die Unruhestif-
ter. Herausforderungen deutschsprachiger Schriftsteller im 20. Jahr-
hundert, Frankfurt 1973, S'336. Vgl. auch Hans-Ulrich Wehler,
»Absoluter« und »totaler« Krieg, in: Politische Vierteljahresschrift
(PVS) 213, 1969, S. 220-248.
92 George F. Kennan, Russia leaves the War, London: Faber & Faber
1956, S. 34.
93 Gustav Heinemann über Remarque, in: ders., Was kann man schrei-
bend für den Frieden tun? Ein Gespräch mit Siegfried Lenz, in:
Schultz (s. Anm. 91), S. 345.
94 Momber (s. Anm. 61), S. 78.
95 Kurt Tucholsky (Ignaz Wrobel) in der Vorrede zu einem Kriegsbuch
»Wie war es? - So war es!«, 1928, abgedruckt in: ders. (s. Anm. 48),
Bd. 6, S. 288.
96 Von Kommunisten der Weimarer Republik sind die pazifistischen
Romane damals ebenso angegriffen worden wie dies heute gelegent-
lich in der Literaturrezension der DDR geschieht. K. A. Wittfogel
z. B. hatte Remarque den Lieblingsdichter der imperialistischen
Bourgeoisie und ihrer kleinbürgerlichen Mitläufer genannt; ein Au-
torenkollektiv in der DDR kritisiert, daß Remarque bei der sponta-
nen Wiedergabe der Erlebnis- und Gefühlssubstanz des einfachen
Soldaten stehenblieb, und bemerkt nicht, daß es eben damit die Er-
fahrungen von Millionen abwertet (alle Angaben bei Momber, s.
Anm. 61, S. 80 ff.); ein Ostberliner Kinderbuchverlag teilte auf die
Anfrage nach Jugendbüchern zur Friedenserziehung mit: »Bitte be-
denken Sie, daß das Thema Krieg und Frieden von uns nicht in einem
pazifistischen Sinne verstanden wird. Entsprechend liegt unser Lite-
raturangebot.« (Brief liegt der Verf. vor) Auch in der Bundesrepublik
finden wir Kritik von links an pazifistischen Romanen. Michael Goll-
bach vermißt bei Remarque »sowohl konkrete wie gesellschaftliche
Zukunftsentwürfe und auch die zumindest skizzierte Zukunft der
Generation«, in: ders., Die Wiederkehr des Weltkrieges in der Lite-
ratur. Zu den Frontromanen der späten zwanziger Jahre, Kronberg
1978, S. 313 f.
97 Das Buch von Momber (s. Anm. 61) gibt S. 266 ff. zahlreiche Titel
an, siehe auch ebenda, S. 92 H.
98 Alfred Andersch in: Andersch/Simonov (5. Anm. 86), S. 56.
99 von Hentig (5. Anm. 85), S. 155.
100 Zit. nach Heinrich Böll/Lew Kopelew, Warum haben wir aufeinan-
der geschossen?, Bornheim-Merten 1981, S. 90.
101 Helmut Donat, Preußenlegende, Pazifismus, Sozialdemokratie und
neue Friedensbewegung, in: ders./Tammen (s. Anm. 2), S. 275.
102 Momber (s. Anm. 61), S. 106 und 214.
103 Ebenda, S. 15.
104 Ebenda, S. 79.
105 Arnold Zweig, Kriegsromane, in: Weltbühne, Heft 16, 16.4. 1929.
106 von Hentig (5. Anm. 85), S. 155.
107 Geiger (5. Anm. 73), S. 124.
108 Typische Leerstellen in der Auseinandersetzung und personalisieren-
des Modell des Faschismus in der Kinder- und Jugendliteratur, in:
Roter Elefant, Arbeitskreis Kinder - Bücher - Medien e. V., Ta-
gungsbericht 1981, hg. von Manfred Geiss, Mörfelden-Waldorf o. J.,
S.22.
109 Oskar Negt/Alexander Kluge, Geschichte und Eigensinn, Frankfurt
1981, S. 836.
110 Böll/Kopelew (s. Anm. 100), S. 86.
111 von Hentig (s. Anm. 85), S. 143.
112 Böll/Kopelew (s. Anm. 100), S. 90.
I 13 Dieter Senghaas im Kapitel »Erziehung zum Frieden in einer friedlo-
sen Welt« seines Buches Abschreckung und Frieden. Studien zur Kri-
tik organisierter Friedlosigkeit> Frankfurt 1969, S. 249.
114 Carl von Clausewitz, Vom Kriege, LI, hg. von Werner Hahlweg, 16.
Aufl. Bonn 1952, S. 1082 (Brief).
115 Jansen (s. Anm. 54), S. 12L
II6 Stanley Hoffmann, Die Grenzen der sozialwissenschaJtlichen Be-
trachtungsweise von Krieg und Frieden, in: Uwe Nerlich (Hg.), Krieg
und Frieden im industriellen Zeitalter, Gütersloh 1966, S. 463 f.
117 Titel des Aufsatzes von Gene Sharp in: Krippendorff (s. Anm. 88),
in: S. 477 ff.
118 Egbert Jahn, Gewaltfreier Widerstand in parlamentarischen Demo-
kratien - Die Erfahrung Marthin Luther. Kings in der amerikanischen
Bürgerrechtsbewegung, in: psycho-sozial 2/82, S. 135.
3
06
II9 Peter Cooper, Die Entwicklung von Vorstellungen über den Krieg,
in: Krippendorff (s. Anm. 88) S. 162.
120 Götz Eisenberg, Über die Lust am Krieg und die Sehnsucht nach
Frieden. Zur unterirdischen Geschichte der Feindseligkeit, in: Mari-
anne Gronemeyer und Reimer Gronemeyer (Hg.), Frieden vor Ort,
Frankfurt 1982, S. 92-136, hier S. 132.
121 Walter Benjamin, Alte Kinderbücher, in: ders., Über Kinder,Jugend
und Erziehung, Frankfurt 1969, S. 42.
122 Ders., Baustelle, in: Einbahnstraße (1928), ebenda, S. 73 f.
123 Ivan Illich, Entschulung der Gesellschaft, Reinbek bei Hamburg
1974, S. 41.
124 Dahrendorf (s. Anm. 71), S. 12.
125 Michael Köhler, Unterhaltung als Botschaft und Kauf als Erfahrung:
Die Equipierung der Kindheit, in: Hengst u. a. (s. Anm. 79), S. 68.
126 Siehe Malte Dahrendorf, Stichwort Kinderliteratur, in: Kar! W.
Bauer/Heinz Hengst (Hg.), Kritische Stichwörter zur Kinderkultur,
München 1978, S. 178 f.
127 U. Hain, Die Übung der Distanz zum Text an »ungeeigneter« Ju-
gendliteratur, in: U. Hain/J. Schilling, Zur Theorie und Praxis des
Literaturunterrichts in der Sekundarstufe I, Essen 1974.
128 Rudolf Wenzel, Elternratgeber, in: Bauer/Hengst (s. Anm. 126),
S·49-53·
129 Dahrendorf (s. Anm. 71), S. 140 H.
130 Siehe dazu Alexander Beinlich, »Lesealter«? Die literarische Entwick-
lung der Kinder und Jugendlichen, in: Karl Ernst Maier, Kind und
Jugendlicher als Leser. Beiträge zur Jungleserforschung, Bad Heil-
brunn 1980, S. 13-85.
131 Dahrendorf (s. Anm. 71), S. 245.
132 Ebenda, S. 165.
133 Heinz Tischer, Zur Beurteilung von Kinder- und Jugendbüchern, in:
Materialien Jugendliteratur und Medien, Schriftenreihe der Arbeits-
gemeinschaft Jugendliteratur und Medien (VJ A) in der GEW, Heft 3 :
Grundwissen Didaktik der Kinder- undjugendliteratur, Überlingen
1981, S. 39.
134 Ebenda.
135 Dieter Richter, Kinderbuch und politische Erziehung. Zum Verständ-
nis der neuen linken Kinderliteratur, in: ders. und Jochen Vogt (Hg.),
Die heimlichen Erzieher - Kinderbücher und politisches Lernen,
Reinbek bei Hamburg 1974, S. 49.
136 Dahrendorf (s. Anm. 71), S. 248 H.; siehe auch den Kriterienkatalog
bei Bernhard Hübner, Gesellschaftliche Erziehung und Bildung
durch Kinderliteratur, Archiv für angewandte Sozialpädagogik, Heft
3/4, 10. Jg. 1979, S. 195-238, hier S. 210 ff.
137 Mit weiterführenden Angaben: Dahrendorf (s. Anm. 71), besonders
S. 247 und 267 H.; Liste »Literatur zur Lese-Erziehung 198I«, erhält-
lich beim Deutschen Jugendschriftenwerk e. V., Lauterenstr. 37,
6500 Mainz I; Anna Krüger, Kinder- und Jugendbücher als Klassen-
lektüre. Analyse und Schulversuche, Berlin 1963, 2. veränderte Auf!.
Weinheim 1970, 3. Auf!. 1973·
138 Dahrendorf (s. Anm. 71), S. 247.
139 Göte Klingberg, Kinder- undJugendliteraturforschung. Eine Einfüh-
rung, Wien u. a. 1973, S. 26; Dahrendorf (s. Anm. 71), S. 222; Chri-
stoph Gahl, Neue Wege im Umgang mit Jugendlichen aus der Sicht
eines Jugendbuchautors, in: Jutta Grützmacher (Hg.), Didaktik der
Jugendliteratur. Analysen und Modelle für einen leserorientierten
Deutschunterricht, Stuttgart 1979.
140 Dahrendorf (s. Anm. 71), S. 282 H.
141 Dirk Gerlach u. a., Lesen und soziale Herkunft. Eine empirische Un-
tersuchung zum Leseverhalten Jugendlicher, Weinheim und Basel
1976, S. 173 f.
142 Gesellschaftliche Problemfelder als Herausforderung an die Hoch-
schuldidaktik der Lehrerausbildung, in: Erhard Meueler/K. Friedrich
Schade, Dritte Welt in den Medien der Schule, Stuttgart u. a. 1977,
S.82.
143 Wolfgang Gast, Aufklärung durch Familienserien? Zur Arbeit mit
Unterhaltungsserien des Fernsehens im Deutschunterricht der Sekun-
darstufe I, in: Karl W. Bauer/Jochen Volgt (Hg.), Kinder- Bücher-
Massenmedien, Opladen 1975, S. 85-1I0, hier S. 89. Siehe dazu auch
Peter Scheiner, Lesemotivationen als Deutungen von Lebenssituatio-
nen. Zu einer Theorie der Lesemotivation, in: Maier (s. Anm. 130),
S. 1I-I28, sowie Gerlach u. a. (s. Anm. 141).
144 Beinlich (s. Anm. 130), S. 13-85, hier S. 35.
145 Marieluise Christadler, Der Krieg im Jugendbuch, in: Titel, Jg. I,
Heft 2, Oktober/November 1982, S. 38-43, hier S. 38.
146 Hanne-Margret Birckenbach, » ... Besser vorbereitet auf den Krieg«.
Schüler - Frieden - Bundeswehr, Frankfurt 1982; Christian Büttner,
Kriegsangst bei Kindern, München 1982; Cooper (s. Anm. 1I9),
S. 157-180; Geiger (s. Anm. 73), darin Befragungen usw.; Howard
Tolley, Children and War. Political Socialization to International
Conflict, N. Y. (Teachers College Press) 1973 (nicht eingesehen);
Birgit Volmerg/Ute Volmerg/Thomas Leithäuser, Ängste und
Kriegsängste. Eine sozialpsychologische Untersuchung zum Ost-
West-Konflikt im Alltag, Hessische Stiftung Friedens- und Konf!ikt-
forschung, i. E.; Ute Volmerg, Waffen faszinieren doch jeden. Sozial-
psychologische Widerstände gegen Abrüstung, in: Reiner Steinweg
(Red.), Das kontrollierte Chaos: Die Krise der Abrüstung (= Frie-
densanalysen 13), Frankfurt 1980, S. 73-101.
147 Geiger (s. Anm. 73), S. 203·
148 Christadler (s. Anm. 145), S. 40.
149 Manfred Geiss, Vorbemerkung zum Roten Elefanten (s. Anm. 108)
S·4·
150 Geiger (s. Anmn. 73), S. 41.
151 Bodo von Borries, Könige, Ketzer und Sklaven. Historischer Roman
und politische Sozialisation, in: Politische Didaktik Heft 311978,
S. 16-41; Gerd BrennerlHans Jürgen Kolvenbach, Praxishandbuch
Kinder- undjugendliteratur, Königstein 1982, Kapitel: Kriegsgefah-
ren - den Frieden sichern, S. 167-176; Hans Frevert/Marieluise
Christadler, Masken des Krieges, 2. Auf!. Baden-Baden 1979, Didak-
tische Hinweise von Carla Kramer S. 2 I 5-220; Erhard J öst, Agitation
durch Kriegslyrik. Ein Unterrichtsmodell für den Deutschunterricht,
Akademischer Verlag Stuttgart 1978 (über Kriegsgedichte von den
Befreiungskriegen bis zur Gegenwart), Sekundarstufe II, I 17 S.; Kon-
traste, Heft 111977: Menschen im Krieg. Modell-Lektionen für die
Primar-, Orientierungs- und Sekundarstufe I, 39 S.; Heinrich Kreuz-
wieser/Hartmut Ring (Red.), Frieden und Abrüstung. Materialien für
einen fachübergreifenden Unterricht in der Primarstufe, Sekundar-
stufe I und Sekundarstufe II, Universität Oldenburg, 2. Auf!. 1982,
Bezug: VWB Oldenburg, Postfach 35°5,.29°0 Oldenburg, darin: a)
Joachim Albrecht und Detlef E. Siebert, Über den Krieg. Die Unter-
richtsplanung mit einer didaktischen Analyse nach Klafki, Textblät-
tern usw., Nachdruck aus Basis, Sondernummer, Kassel, Januar 1971
(S. 446-475); b) Ortrud und Detlef E. Siebert, »Menschen kämpfen
gegeneinander«. Eine Unterrichtseinheit aus 8 Lektionen des 4. Schul-
jahrs mit Textmaterialien für die Schule usw., ebenfalls Nachdruck
aus Basis, Sondernummer, Kassel, Mai 1971 (S. 476-5°5); c) Horst
Bethge, Friedenserziehung im Literaturunterricht der Hauptschule
(S. 507-532); Jochen Beck u. a., Krieg. Unterrichtseinheit an der Ge-
samtschule Ober-Ramstadt, Deutsch, 9. Jg.-Stufe, in: Materialien
. zum Unterricht. Konkretisierung der Rahmenrichtlinien an Gesamt-
schulen, Projekt des Hessischen Kultusministeriums am Deutschen
Institut für Internationale pädagogische Forschung, 1977, Bezug:
KORAG, Kaufunger Str. 24/111, 6000 Frankfurt 90; die Unterrichts-
einheit arbeitet mit der Gegenüberstellung von pazifistischer und
kriegspropagandistischer Literatur. Nutz/StumpfIWeinzierl, Frie-
densfähigkeit und politisches Lernen, Werner Raith Verlag, Starnberg
1973 (u. a. Sprachkompetenz und Friedensfähigkeit, Dokumentation
und Analyse kritischer Unterrichtseinheiten zum Thema Krieg im
Fach Deutsch, Krieg in der Literatur, Verherrlichung des Krieges,
Dämonie des Schicksals, Pazifismus); F. Peitzcker, »Krieg und Frie-
den«. Modelle für den politischen Unterricht, Diesterweg-Verlag,
Frankfurt 1976 (Arbeitsheft und Lehrerheft); Dieter Schmidt-Sinns,
Der Krieg im Geschichtsbuch und die Erziehung zum Frieden, in:
Gesellschaft-Staat- Erziehung 311971, S. 164-171; Gerhard Schnei-
der, Mehr Affektivität im Geschichtsunterricht? Die Darstellung des
Zweiten Weltkriegs in der trivialen und populärwissenschaftlichen Li-
teratur und ihre Verwendung im Unterricht, Beilage zur Wochenzei-
tung Das Parlament, B 45/80,8.11. 1980. Hilfreich für die Primar-
stufe auch Georg Pape (Hg.), Den Frieden erklären. Mit Kindern den
Frieden lernen und erfahren, Gelnhausen u. a. 1981.
152 Ulrich Albrecht, Friedenserziehung und politische Bildung, in: Chri-
stiane Rajewsky (Hg.),jahrbuch für Friedens- und Konfliktforschung
Bd. VIII: Rüstung und Krieg. Zur Vermittlung von Friedensfor-
schung, Frankfurt 1983.
153 Jörg Bopp, Der Krieg hat viele Gesichter, Publik-Forum Nr. 6, 26. 3.
1982.
154 Z. Be durch Lesungen, Wettbewerbe, Ausstellungen, szenische Auf-
führungen innerhalb der Bibliothek, durch Zusammenarbeit mit
Partnern, Begleitung der Arbeit anderer: Auswahl von Büchern für
Jugendamt, Museum, Schulen (Antikriegstage, Projektwochen,
Hausarbeiten, Beratung bei Ankäufen), Volkshochschulen, Gemein-
den (Feste, Friedenswochen, Diskussionsabende), Friedensinitiati-
ven, Jugendclubs, Gewerkschaften, durch Begleitung von Fernseh-
sendungen, Theateraufführungen, Friedenswochen mit entsprechen-
den Buchangeboten.
155 Hans Nicklas/ Änne Ostermann, Zur Friedensfähigkeit erziehen,
München 1976; Änne. Ostermann/Hans Nicklas, Vorurteile und
Feindbilder, München 1982 (2. Aufl.); Günther Gugel/R. A. Roth
(Hg.), Herausforderung Frieden. Modelle zur Friedenspädagogik für
die außerschulische Jugendarbeit, Waldkirch 1976; Günther Gu-
gel/Klaus 'Lange-Feldhahn, Friedenserziehung in der Jugendarbeit.
Eine Bestandsaufnahme, Dokumente 3 des Vereins für Friedenspäd-
agogik Tübingen e. V. (Bachgasse 22, 7400 Tübingen) 1982, beson-
ders die Einleitung.
156 Walter Benjamin, Lesendes Kind, in: Einbahnstraße, Schriften IV, I,
Frankfurt/M. 1972, S. 113.
157 Reimer Gronemeyer, Friedensstarre. Es ist nicht möglich zu desertie-
ren, in: GronemeyeriGronemeyer (s. Anm. 120), S. 75.
158 Dieter Senghaas, Zur Pathologie organisierter Friedlosigkeit, in: Krip-
pendorff (s. Anm. 88), S. 220.
159 Ebenda, S. 221.
160 Aus: Arthur S. Collins, Generalleutnant a. D., TacticalNuclear War-
fare and NATO: Viable Strategy of Dead End, in: NATO's Fifteen
Nations, Jg. 21, Heft 3, Juni/Juli 1976, zit. nach Militär Politik Do-
kumentation 111977, S. 53.
161 Aus: Heeres-Dienstvorschrift 1001101 vom 25. 7.1973, zit. nach Mi-
litär Politik Dokumentation (s. Anm. 160), S. 20.
3
10
I62 Vgl. dazu Ernst Friedrich, Vom Friedensmuseum bis zur Hitlerkaser-
neo Ein Tatsachenbericht über das Wirken von Ernst Friedrich und
Adolf Hitler, Genf, Internationales Komitee für die Wiedererrich-
tung des ersten Internationalen Anti-Kriegs-Museums, Genf, St. Gal-
'len I935 (mit einem Beitrag über Ernst Friedrich von Walther G.
Oschilewski), Neuauflage im Libertad-Verlag, Berlin I978. Siehe
dazu auch Richard Müller-Schmitt, Ernst Friedrich und das Berliner
Antikriegsmuseum, in: Rajewsky (s. Anm. I52); über Friedrich aus-
führlich Ulrich Linse, Die anarchistische und anarcho-syndikalisti-
sche Jugendbewegung I9I8-I933, Frankfurt I976 (dort auch Fried-
richs weitere Arbeiten, S. 307 f.); die Biographie Friedrichs, zusam-
mengestellt von Ulrich Linse, in: Ernst Friedrich zum IO. Todestag,
in: Andreas W. Mytze (Hg.), Europäische Ideen, Berlin I977.
I63 Kurt Tucholsky (Ignaz Wrobel), Waffe gegen den Krieg, Weltbühne
8 vom 23.2. I926, S. 3I2, in: ders. (s. Anm. 48), Bd. 4, S. 359.
I64 Marieluise Christadler (Hg.), Deutschland - Frankreich. Alte Kli-
schees - Neue Bilder, Duisburg, 2. Aufl. I98I, S. 4.
I65 Siehe dazu auch Momber (s. Anm. 6I), S. 2I5.
I66 Siehe dazu auch die Erinnerung von Ludwig Renn, Deutschland,
Deutschland über alles, in: Der Krieg. Das erste Volksbuch vom gro-
ßen Krieg, hg. und zusammengestellt von Kurt Kläber, Berlin-Zürich
I929, unveränderter Nachdruck im Literatur-Verlag von B. Brönge,
Berlin I980, S. 34-36.
I67 Siehe hierzu Achim von Borries (s. Anm. I6), S. 285.
I68 Zusammen mit Adolf Jensen hatte er I9IO die Schrift herausgegeben:
Unser Schulaufsatz - ein verkappter Schundliterat, siehe Karl-Heinz
Günther (Red.) U. a., Geschichte der Erziehung, Ostberlin I976,
S. 433. In der Novemberrevolution von I9I8 wurde er zusammen mit
anderen Schulreformern in den verdienstvollen Hamburger Lehremit
gewählt, siehe ebenda, S. 526.
I69 Hierzu und zum Folgenden siehe die ausführliche Besprechung von
Christadler (s. Anm. 3), S. 306-3 I 5.
I70 Ebenda, S. 3II. .
I7I Zit. nach Richter (s. Anm.9), S.93/94' Zum Buch von Lamszus
selbst siehe ebenda, S. 32-35.
I72 Angelika Rohrwasser-Knecht, Pazifismus als »psychiatrisches Syn-
drom«, in: päd. extra Io/r98I, S. 51.
I73 Angaben über weitere Besprechungen der Erstausgabe siehe Karl
Holl, Die deutsche Friedensbewegung im wilhelminischen Reich.
Wirkung und Wirkungslosigkeit, in: HuberiSchwerdtfeger (s.
Anm. 54), S. 32I-372, hier S. 332, Anm. 40.
I74 Erschienen zuerst I929, S. 584 und 593.
I75 Carl Zuckmayer, Aufruf zum Leben, Frankfurt I982, S. 68 H.
I76 Seine wichtigsten Werke sind zusammengefaßt in: Ernst Toller, Prosa
- Briefe - Dramen - Gedichte, Reinbek bei Hamburg 1979; der Band
enthält ein leidenschaftliches Vorwort des Pazifisten Kurt Hiller und
eine Auswahlbibliographie.
177 Siehe Papcke (s. Anm. 37), S. 26.
178 Kurt Tucholsky (Ignaz Wrobel), Eine deutsche Kindheit, in: Welt-
bühne 46/34, 11. 11. 1924.
179 Sigmund Freud, Zeitgemäßes über Krieg und Tod (1915), in: Gesam-
melte Werke, hg. von Anna Freud, London 1946 H., Bd.lo,
S. 329 f.
180 Siehe dazu Momber (s. Anm. 61), S. 50 H.
181 Zu diesem Buch gibt es ein Lehrerheft: Silvia Braun/Dietrich Bäuerle,
Didaktische Papiere zu H. Burger: Warum warst du in der Hitlerju-
gend?, 20 S., kostenlos beim Verlag gegen Voreinsendung von Porto
und Umschlag (Unterrichtseinheit für eine 9. Hauptschulklasse und
für die Sekundarstufe II).
182 Hinweise zur Verwendung im Unterricht oder in der Jugendarbeit in:
BrenneriKolvenbach (s. Anm. 151), S. 168-174.
183 Autorität und Familie, in: Kritische Theorie, Bd. I, Frankfurt 1968,
S·33
If
.
184 Bd. I, Frankfurt 1975, S. 332 H.
Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen eines von der Deutschen
Gesellschaft für   und Konfliktforschung geförderten Projekts.
Klaus Ehring/Hans-H. Hücking
Die neue Friedensbewegung in Ungarn
»Ohne Zweifel ist eine unabhängige Friedensbewegung
auch in Ungarn im Anwachsen begriffen ( ... ) Allerdings
ist sie als Massenbewegung auch hier in nächster Zeit
schwer vorstellbar, denn alle Hindernisse einer öffentli-
chen unabhängigen Bewegung, die in den anderen kom-
munistischen Ländern existieren, gelten auch in Un-
garn.«
Mikl6s Haraszti
l
Als vor über zwei Jahren die »Russell-Peace-Foundation« zu ei-
ner blockübergreifenden Kampagne aufrief, um das »gesamte
Territorium Europas, von Polen bis Portugal, von atomaren Waf-
fen ( ... ) freizumachen«2, da waren sich die Kenner der Situation
in Osteuropa nahezu einig, daß diese Perspektive eher einem
frommen Wunsch als den tatsächlichen Verhältnissen in den Staa-
ten des Warschauer Vertrages entsprang. Das politische System
im sowjetischen Machtbereich würde alle Versuche, eine eigen-
ständige politische Bewegung ins Leben zu rufen, im Keim erstik-
ken; zudem schien gerade das Friedensthema bei der Bevölkerung
völlig diskreditiert, weü es wie kaum ein anderes einer übertrie-
benen und unglaubwürdigen Propaganda dienstbar gemacht wird,
mit der sich die Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren suchen.
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, daß diese Einschätzung
nicht oder nicht mehr zutrifft. Obwohl es falsch wäre, wie der
oppositionelle Schriftsteller Mikl6s Haraszti unterstreicht, eine
Massenbewegung für den Frieden vergleichbar der westlichen zu
erwarten, übt die Friedensfrage auch in .osteuropa eine wach-
sende Anziehungskraft auf Teile der Gesellschaft aus und wird
zum Gegenstand einer »Bewegung«, die eigentlich noch gar keine
ist.
3
Allein die Tatsache, daß solche Initiativen in einer ansonsten
streng geschlossenen Gesellschaft vorhanden sind, gibt ihnen eine
(innen-)politische Bedeutung, die über das Friedensthema weit
hinausreicht.
Diese Entwicklung steht erst am Anfang, und es ist nicht abzu-
sehen, welche Länder des Warschauer Vertrages sie zu erfassen
vermag. Da, wo Spielräume für jede unabhängige politische Ini-
313
tiative im Innern fehlen und wo es zugleich an begünstigenden
nationalen Traditionen mangelt, ist aufein kritisches Friedensen-
gagement nur begrenzt zu hoffen. Trotzdem scheint es ange-
bracht, aus den bisherigen Erfahningen erste Schlußfolgerungen
zu ziehen und Faktoren zu benennen, die die Entstehung eines
kritischen Friedensengagements ~ Osteuropa begünstigen.
Erstens: Die staatliche Friedenspropaganda hat nicht mir eine
abstumpfende Wirkung, sondern kann unter bestimmten Bedin-
gungen zugleich ein innenpolitisches Vakuum erzeugen: Der
Machtapparat hat die Gesellschaft in der Friedensfrage mit gro-
ßem Aufwand zwangs-»politisiert« und ist nun an seine eigene
ideologie gefesselt, wenn Teile der Gesellschaft und besonders
häufig Jugendliche teilweise taktisch, teilweise naiv die Einlösung
des Anspruchs fordern, Sozialismus und Frieden seien »wesens-
eins«
4
• Werden solche Initiativen ausgegrenzt oder verfolgt, _ ver-
liert die Ideologie weiter an Glaubwürdigkeit und damit an Bin-
dekraft für die realsozialistische Gesellschaft und-die mit ihr ver-
bündeten Bewegungenaußerhalb.
Zweitens: Das Phänomen jener plötzlich erstarkten Friedensbe-
wegung im Westen, das, von westlichen Medien und östlicher
- Propaganda vermittelt, bis in die W arschauer-Vertrags-Staaten
hineinwirkt, weckt ln Osteuropa nicht nur Ablehnung, sondern-
wenn diese Bewegung nicht -mehr als _ »ideologisches Eigentum«
der eigenen Führung akzeptiert wird - bei vielen das Bedürfnis,
Gleiches zu tun und sich dieser demokratischen und moralisch
integren Bewegung anzuschließen. Eine neue Sensibilität für die
Gefahren der herrschenden Rüstungspolitik entsteht, und man
forscht nach dem spezifischen Beitrag, den mim in Osteuropa zur
Lösung dieser Frage beitragen kann. Daß die Waffenpotentiale
der eigenen Seite dabei nicht ungefährlicher als die der anderen
erscheinen, versteht sich beinahe von selbst.
Drittens: Die Auseinandersetzung mit dem Thema Frieden fin-
det in Osteuropa eine zusätzliche Wurzel in der innergesellschaft-
lichen Militarisierung, die, in unterschiedlicher Ausprägung, die
Gesellschaften kampfbereit machen und innenpolitisch stabilisie-
ren solP Damit erfährt der Friedensbegriff eine Ausweitung auf
innergesellschaftliche Dimensionen, die sich in Osteuropa auch
dadurch fast zwangsläufig ergibt, daß· man das Friedensengage-
ment als eine legitime Meinungsäußerung gegenüber den   n g r i f ~
fen der monopolisierten politischen Gewalt verteidigen muß.
314
Viertens: Unter solchen Voraussetzungen gewinnen auch die ei-
genen Traditionen des Anti-Militarismus und des Pazifismus, vor
allem im christlichen Milieu, neues Gewicht. Für die Lebensfähig-
keit unabhängiger Friedensinitiativen in Osteuropa ist die Kirche
als äußerer und eine genuin religiöse Einstellung als innerer
Schutz oftmals von entscheidender Bedeutung; deren jeweilige
natfonale Prägung bestimmt zumeist auch die politischen Wir-
kungsmöglichkeiten eines kritischen Friedensengagements.
6
Diese prinzipiellen Aspekte können lediglich die Richtung an-
deuten, die eine umfassende Untersuchung des Phänomens »Frie-
densbewegung in Osteuropa« nehmen müßte; doch sie helfen
vielleicht, eine Orientierung zu gewinnen im Umgang mit einer
kaum ausgereiften Bewegung wie der in Ungarn.
Religiöser Pazifismus und Kirche
I. Grundzüge der ungarischen Kirchenpolitik
1. I Die staatliche Kontrolle der Kirchen
Wenn im Westen oft das politisch-gesellschaftliche Leben in Un-
garn als »liberal« im Vergleich zu anderen realsozialistischen Län-
dern gerühmt wird, so mag das für eine Reihe von Sektoren tat-
sächlich zutreffen. Es gilt j e   o ~ h nicht für die Kirchen und Reli-
gionsgemeinschaften, die vom Staat - in sehr subtiler Weise -
vollständig kontrolliert werden. Von der Genehmigung oder still-
schweigenden Kenntnisnahme durch das Staatliche Kirchenamt
(AEH) hängt jede Besetzung einer kirchlichen Stelle ab. Ohne das
AEH, dessen Vorsitzender zugleich Staatssekretär und Mitglied
des Zentralkomitees der » Ungarischen Sozialistischen Arbeiter-
partei« ist, kann kein Stempel einer Pfarrei angefertigt oder geän-
dert, kein kirchliches Amtsformular, Pfarrblatt usw. gedruckt
werden. Ordinariatskanzler und Bischofssekretäre werden je nach
Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit dem AEH verpflichtet. Bi-
schöfe, Pfarrer und auch als religiös-aktiv bekannte Laien werden
direkt und regelmäßig von Beamten des Innenministeriums aufge-
sucht und überwacht. Praktisch kann kein Bischof etwas in seiner
Diözese anordnen, keine Korrespondenz führen oder Besucher
empfangen, ohne daß das Kirchenamt davon in Kenntnis gesetzt
wird.
Religionsfreiheit in Ungarn beschränkt sich also faktisch darauf,
daß kirchliches Leben in dem vom Staatlichen Kirchenamt vorge-
schriebenen und kontrollierten engen Rahmen verläuft. Für le-
gale, religiös orientierte Vereinigungen außerhalb der staatlich an-
erkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften gibt es daher
keinen Platz. Dasselbe gilt aber auch für rein innerkirchliche
Gruppenbildungen: Selbst Rosenkranzgruppen oder Ministran-
tenausflüge konnten, wenn sie nicht genehmigt waren, bis in die
jüngste Zeit als »antistaatliche Verschwörungen« bezeichnet und
entsprechend bestraft werden. Die katholischen Bischöfe wurden
bis in die Mitte der siebziger Jahre immer wieder ermahnt, keine
unkontrollierten, also im privaten und informellen Rahmen statt-
findenden Versammlungen von Gläubigen zu dulden. Nur so ist
zu verstehen, daß die Kirche als Institution von vielen Christen als
der verlängerte Arm des Staates angesehen wird.
1.2 Die staatstreue Tradition der katholischen Kirche
Bis 1945 galt Ungarn als ein »katholisches« bzw. »christliches«
Land. Der Katholizismus war, vor allem nach dem Sieg über die
Räterepublik (1919), ein stabilisierender Faktor, eine »politische
Religion«, mit der das Horthy-Regime die Aufrechterhaltung des
autoritär-feudalen Systems legitimierte. Im Kampf gegen »sub-
versive Kräfte«, gleich welcher Richtung, kqnnte das Regime mit
der Unterstützung der Kirche rechnen. Der hohe Klerus, der zum
Großteil aus Mitgliedern aristokratischer Familien bestand, ge-
währte Horthy seine Hilfe in der Hoffnung, eines Tages die
Habsburger Monarchie restauriert zu sehen. Die Kirche war
durch ihre Institutionen (Schulen, Krankenhäuser usw.), durch
ihre Besitztümer (ca. 500000 ha Land in der Zeit zwischen den
Weltkriegen) und durch die Positionen, die sie im Staat besetzen
konnte (die Bischöfe waren von Amts wegen Mitglieder der Ge-
setzgebenden Versammlung), fest im politischen, ökonomischen
und sozialen Herrschaftssystem Ungarns verankert.
7
Die staatskirchliche Tradition des ungarisc,hen Katholizismus
bestimmte auch sein Verhältnis zur »Volksdemokratie«. Die Kir-
che schwankte zwischen einem seit Jahrhunderen gewohnten
Treuebekenntnis zum Staat und der Ablehnung dieses Staates, der
»im Interesse der Gewissensfreiheit« die Kirche vom Staat trennte
(Verfassung von 1949).
3
16
In den ersten Nachkriegsjahrenwurden der katholischen Kirche
von den Kommunisten - nicht immer zu Unrecht - die »Auf-
rechterhaltung der Klassengegensätze« und Widerstand gegen die
»demokratischen« Zielsetzungen der Republik unterstellt. Die
Kirche in Ungarn hielt - anders als in Polen - an ihren mittelal-
terlichen Privilegien fest: Der hohe Klerus fühlte sich nach wie
vor mit den ehemals privilegierten Klassen, denen er kraft Geburt
oder Karriere angehörte, solidarisch; er soll sich damals auch ge-
gen eine bürgerliche Demokratie gestellt haben wohl aus Furcht,
das Monopol über die mehr als dreitausend kirchlichen Schulen
zu verlieren. So protestierte »Fürstprimas« Kardinal Mindszenty,
das damalige Oberhaupt der ungarischen Kirche, gegen die Aus-
rufung der Republik (I945), da diese »im Gegensatz zu der tau-
sendjährigen ungarischen Verfassung« stehe.
8
Nach der Verhaftung und Verurteilung von Mindszenty in ei-
nem großen Schauprozeß (I949) sowie der Auflösung aller katho-
lischen Vereinigungen und Ordensgemeinschaften (I950) sah sich
die Kirche gezwungen, mit der Regierung ein Arrangement zu
treffen: Am 30. August 1950 wurde ein Ȇbereinkommen zwi-
schen der Regierung der Ungarischen Volksrepublik und dem
katholischen Episkopat« unterzeichnet, wonach der Bischofskon-
ferenz die Aufgabe zufiel, »gegen kirchliche Personen, die der
gesetzmäßigen Ordnung der VR Ungarn sowie der Aufbauarbeit
der Regierung zuwiderhandeln, gemäß der kirchlichen Jurisdik-
tion vorzugehen«. Ferner mußte der Episkopat die Gläubigen
dazu aufrufen, »mit allen ihren Kräften an der grandiosen Arbeit,
die das ganze ungarische Volk unter Führung der Regierung lei-
stet, mitzuwirken«.9
Um das Potential der Katholiken gesellschaftlich zu integrieren,
wurde   nach tschechoslowakischem Muster - 1950 die »Frie-
densbewegung katholischer Priester« gegründet, die vor allem die
Unterstützung der »sozialistischen Friedenspolitik« zur Aufgabe
hatte. Diese »Bewegung« sollte den ungarischen Katholiken unter
Beibehaltung ihres christlichen Glaubens »helfen«, ihren »inneren
Frieden mit der sozialistischen Macht« zu finden.
lc
Bis heute wird
diese Gruppierung von weiten Teilen des Klerus und der katho-
lischen Laien alskirchenspalterisch bzw. als Kollaborateur der
politischen Macht abgelehnt und ihr jede Glaubwürdigkeit abge-
sprochen.
Die im »Übereinkommen« von 1950 den Bischöfen zugesicherte
»Betätigungsfreiheit« hat sich in den darauffolgenden] ahrzehnten
primär auf öffentliche Stellungnahmen und Erklärungen redu-
ziert, die sich nahezu ausschließlich im Rahmen staatlich er-
wünschter Auffassungen von Frieden, Sicherheit, Abrüstung,
Verständigung sowie N ormalisierung zwischen Staat und Kirche
bewegen. Noch eine Spur staatstreuer lesen sich entsprechende
Verlautbarungen der sog. »Friedenspriester«. Es ist nur folgerich-
tig, daß dieses Verhältnis zwischen Kirche und Staat auch von
innerkirchlichen Konflikten begleitet wird: theologisch aufge-
schlossene, vor allem jüngere Priester haben mit Repressionen
und administrativen Maßnahmen zu rechnen, falls sie neue Me-
thoden in ihrer Gemeindearbeit erproben wollen; kritische Bei-
träge katholischer Publizisten scheitern oft an der kirchlichen
(oder staatlichen) Zensur, so daß ein Theologe des Budapester
Zentralseminars, Professor Tamas Nyiri, resümieren konnte:
»Die augenblicklichen Strukturen unserer Kirche bestätigen noch immer
die marxistische Religionskritik. Es ist unsinnig, von Meinungsfreiheit,
Menschlichkeit, Dialog, Pluralismus, Gewissensfreiheit zu sprechen, so-
lange innerhalb der Kirche der Frieden nicht verwirklicht wird, solange
wir die Konflikte - wenn schon nicht im Geist der Bergpredigt, so doch
wenigstens der Gerechtigkeit - nicht gelöst haben.«l1
1.3 Exkurs: Die nicht-katholischen Kirchen
Neben den römisch-katholischen Christen (ca. 6 Millionen) leben
in Ungarn Reformierte (ca. 2 Millionen) und Lutheraner (ca.
500000). Die Freikirchen (Adventisten, Baptisten, Methodisten
u. a.) dürften insgesamt 40000 Mitglieder zählen. Während alle
nicht-katholischen Kirchen und Religionsgemeinschaften im
»Ungarischen Ökumenischen Rat« einander »brüderlich« ver-
bunden sind, ist das Verhältnis zwischen ihnen und der katholi-
schen Kirche vor allem aufgrund der rigiden Regelung für konfes-
sionell gemischte Ehen belastet und nicht störungsfrei.
Die im Zuge der Gegenreformation stark reduzierten, durch Ur-
banisierung und Säkularisierung der Gesellschaft geprägten evan-
gelischen Diasporakirchen verstehen sich als »dienende Kir-
che(n)«; ihre innerkirchlichen Kritiker innerhalb und außerhalb
Ungarns bezeichnen sie jedoch als eine dem Staat dienstbare Kir-
che. Auch wenn sich die Kirchenleitungen immer wieder gegen
diese Unterstellung verwahren, kann doch die Frage, ob gewisse
Erleichterungen und Möglichkeiten des religiösen Lebens im real
existierenden Sozialismus um den Preis neuer Unfreiheiten er-
kauft worden sind, nicht einfach als (westliche) Propaganda abge-
tan werden.
Jedenfalls haben die protestantischen Kirchen in Ungarn eine
andere Interpretation von »Kirche im Sozialismus« gewählt als
der »Bund der Evangelischen Kirchen« in der Deutschen Demo-
kratischen Republik. Die »Theologie des Dienstes« ist zwar als
bewußte Reaktion auf die Zeit des »christlichen Ungarn« vor 1945
und die Verflochtenheit der Kirchen mit den politischen Fehlern
der Vergangenheit zu verstehen: Sie will in »tätiger Buße« das
Gegenbild zu einer auf ihre Privilegien pochenden »herrschen-
den« Kirche sein. Das geschieht aber auf der Basis der vollständi-
gen Anerkennung der offiziellen Position der Kommunistischen
Partei, daß es auf ideologischem Gebiet keine Koexistenz geben
könne, während in der Praxis möglichst eng zusammengearbeitet
wird.
Faktisch bedeutet eine solche Kooperation die Unterstützung
der staatlichen Politik, institutionell sichtbar durch die Parla-
mentszugehörigkeit eines lutherischen wie eines reformierten Bi-
schofs. Von staatlicher Seite wird nicht nur die christliche Tradi-
tion als Teil des nationalen Kulturerbes, sondern auch die christ-
liche (Individual-)Ethik positiv gewürdigt, da sie geeignet ist, dis-
ziplinierte, arbeitsame Staatsbürger hervorzubringen. Von kirch-
licher Seite werden die politisch-ökonomische Analyse und der
politische Führungsanspruch der Partei sowie die Errungenschaf-
ten sozialer Sicherung und Gerechtigkeit anerkannt. Partei und
Kirche sehen sich im gemeinsamen Kampf gegen den sogenannten
»negativen Atheismus«, d. h. den praktischen Atheismus der nur
privat konsumorientierten und nicht gesellschaftlich engagierten
Bürger. In diesem Sinne hat die Partei öffentlich erklärt, die
Hauptfront im Klassenkampf verlaufe nicht zwischen religiösen
Menschen und Atheisten, sondern zwischen Anhängern und
Feinden des Sozialismus.
Man könnte hier von einer stillschweigenden Allianz zwischen
den im Grunde konservativen Kräften, die in Staat und Kirche die
Macht haben, sprechen. Ein Dialog über die fundamentalen Un-
terschiede zwischen einem sich als »Religion der Befreiung« ver-
stehenden christlichen Glauben und der marxistisch-leninisti-
schen Weltanschauung wird auf beiden Seiten nicht gewünscht -
alle Versuche, einen spezifisch christlichen Beitrag für die soziali-
stische Gesellschaft zu formulieren, werden als Vermengung von
Glauben und Ideologie zurückgewiesen.
Diesem schiedlich-friedlichen Verhältnis von Staat und Kir-
che(n) entsprechen auch die Erklärungen der evangelischen Bi-
schöfe und Synoden. So verurteilte die Synode der reformierten
Kirche 1981 mit beschwörenden Worten zwar »solche dämoni-
schen Mittel wie die Neutronenbombe und andere nuklearen
Waffen«, aber die Forderung nach Abrüstung in West und Ost
wurde nicht erhoben. Positive Erwartungen wurden gegenüber
den Abrüstungskonferenzen der UNO ausgesprochen; geradezu
enthusiastisch wurde die von Manipulationen im Vorfeld (und
während der Tagung) nicht freie, offiziell vom russisch-orthodo-
xen Patriarchen Pimen initiierte Konferenz der Weltreligionen für
den Frieden (Frühjahr 1982) begrüßtP Diese wie auch frühere
Erklärungen der Kirchen formulieren also immer exakt - wenn
auch eingerahmt durch entsprechende Bibel-Zitate bzw. theologi-
sche Standardbegriffe -, was die politische Macht von den Kir-
chen in ihrer Funktion als »außenpolitische Verstärker« in be-
stimmten Situationen jeweils erwartet.
2. Katholische Basisgruppen
In Reaktion auf den desolaten Zustand der staatlich kontrollierten
und in ihren inneren Strukturen immobilen katholischen Kirche
haben sich seit den fünfziger Jahren religiöse Basis- oder Klein-
gruppen gebildet: Es sind Gemeinschaften von Laien unter Betei-
ligung von Priestern, denen zumeist die staatliche Erlaubnis zur
Ausübung des kirchlichen Amtes entzogen war bzw. noch immer
ist. Dabei gehen die Gruppen aus von der »Basis« der Kirche,
deren Zukunft sie allein in der Verwirklichung der »authentischen
Werte des Evangeliums« sehen, und zwar notfalls auch unabhän-
gig von der offiziellen Kirche in Ungarn, ohne sich jedoch vom
Vatikan bzw. der katholischen Gemeinschaft insgesamt loslösen
zu wollen. In Privatwohnungen lesen sie die Bibel, feiern Gottes-
dienste, besprechen religiös-existentielle Probleme und diskutie-
ren - wenn auch nicht in allen Gruppen - über die Möglichkeiten
eines sozialen Engagements der Christen in Ungarn.
13
Von den unterschiedlichen Richtungen der katholischen Basis-
gruppen haben insbesondere die - von den Bischöfen eher ab-
3
20
schätzig so gen:u1nten- »Bulanyisten« das prägn:u1teste geistige
Profil. In deren Konzeption muß die Kirche, um glaubwürdig zu
wirken, eine arme, machtlose und friedensstiftende Kirche im
Sinne der Nachfolge Jesu sein: arm, d. h. tätig im Dienste der
Armen und Unterdrückten; machtlos in dem Sinne, daß sie sich
nicht der politischen Macht unterwerfen darf, und friedensstif-
tend, indem sie sich für Gewaltfreiheit bei der Lösung menschli-
cher und (zwischen-)staatlicher Konflikte einsetzt.
Die »Bulanyisten« gehen von einem nahezu wortgetreuen Ver-
ständnis des Neuen Testamentes aus. Der biblische Fundamenta-
lismus, den diese Basisgruppen von ihrem geistlichen Inspirator,
dem Piaristenpater György Bulanyi
l
4, übernommen haben, muß
unter den spezifischen Bedingungen Ungarns als Ausdruck einer
Suche nach Autonomie und Authentizität verst:u1den werden.
Bulanyi schreibt:
»Jesus von Nazareth ( ... ) begann das Reich Gottes auf Erden zu verkün-
den; er erfüllte die Herzen seiner Jünger mit der Hoffnung, daß das Reich
Gottes nahe sei, d. h., daß die Jünger mit der Hilfe Gottes in seiner Kirche
schon auf Erden ein irdisches Abbild des ewigen Reiches verwirklichen
können ( ... ) So dürfen sie keine materiellen Reichtümer besitzen, son-
dern sollen nach Armut streben. Unter gar keinen Umständen dürfen sie
ilire Mitmenschen, die ja Gott ·nach seinem Ebenbild geschaffen hat und
die somit Christus in sich tragen, umbringen; vielmehr müssen sie bemüht
sein, sanft und wie die Schafe unter Wölfen zu sein. Um der Liebe Gottes
willen Liebe zu jedem unserer Mitmenschen, welche wir durch Niedrig-
keit, Armut und Absage an die Gewalt praktizieren ( ... ) Wer wüßte
nicht, daß die Hälfte der Menschheit hungert? Wer wüßte nicht, daß die
Reichen aus ilirem Reichtum die militärische Aufrüstung stärken, und
zwar zu dem Zweck, daß ihr Reichtum - auf Kosten des gewaltsamen
Todes sehr vieler Menschen - geschützt wird? Wer wüßte nicht, daß ( ... )
die Menschheit von einer endgültigen Katastrophe bedroht wird? Aber
durch die Menschwerdung (Gottes) ist uns die Befreiung nahe. Die Jünger
des Welterlösers haben also die Pflicht, auf ihren einzigen Herrn und
Meister zu hören. Sie haben die Pflicht, dem Beispiel, das er uns gegeben
hat, zu folgen.«15
3. Allianz von Staat und Kirche gegen die Basisgruppen
3. I Die Reaktion des Staates
Die ungarischen Sicherheitsorg:u1e unterstellen, wie bereits ein-
gangs erwähnt, jeder religiösen - wie übrigens auch nichtreligiö-
sen - informellen Gruppenbildung tendenziell politisch-subversi-
3
21
ven Charakter, wenn und weil sie den Behörden nicht transparent
genug erscheint, sie also nicht unmittelbar kontrolliert werden
kann. Hinter jeder staatlich unabhängigen kollektiven Lebens-
form vermuten Partei- und Staatsorgane Absichten, die sie tradi-
tionell als »staatsfeindlich« oder gar als »konterrevolutionär«
etikettieren. Bis zum Frühjahr 1976 wurden immer wieder Mit-
glieder der katholischen Basisgruppen polizeilich verfolgt, der
illegalen Organisierung, der Verschwörung bzw. deren Vorberei-
tung zum Sturz der staatlichen Ordnung bezichtigt und zu hohen
Gefängnisstrafen verurteilt.
Wenige Monate nach der Konferenz in He1sinki (KSZE) traten
in Ungarn zwei UN-Menschenrechtspakte über politische sowie
über wirtschaftliche und soziale Rechte in Kraft, an deren Ausar-
beitung sich die osteuropäischen Staaten intensiv beteiligt und die
sie mit als erste ratifiziert hatten.
16
Zusammen mit der KSZE-
Schlußakte, die in den Warschauer Vertragsstaaten zu einem der
meistgelesenen internationalen Dokumente wurde, weckten sie in
der Bevölkerung Osteuropas neue Hoffnungen auf mehr Rechts-
staatlichkeit und individuelle Freiheit, auf Lockerungen in den
verschiedensten Bereichen. Damit mag zusammenhängen, daß der
ungarische Staat 1976 eine Art »Toleranzedikt« gegenüber den
katholischen Basisgruppen erließ und die Aufsicht über sie nun-
mehr den Bischöfen übertrug. Das Staatliche Kirchenamt vertrat
den Standpunkt, der Aktionsradius der Kirche habe durch die
Anerkennung des kirchlichen Charakters der Basisgruppen eine
Erweiterung erfahren, gleichzeitig aber müsse die Kirche für diese
dann auch die Verantwortung tragen gemäß dem »Übereinkom-
men« aus dem Jahre 1950.
Die Grenze der staatlichen »Toleranz« gegenüber den Basis-
gruppen wurde jedoch in dem Augenblick wieder sichtbar, als
sich in Teilen der Gruppen pazifistische Tendenzen verbreiteten.
Die Behörden warfen den Bischöfen vor, nicht in der Lage zu
sein, die »subversiven Elemente«, die unter Berufung auf die
Lehre der Kirche sowie auf ihr Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit
den Militärdienst verweigerten, auf den »richtigen Weg« zu füh-
ren und in der Kirche Ruhe und Ordnung zU schaffen. In einem
Interview mit dem   Nepszabadsag wandte sich
der Leiter des Staatlichen Kirchenamtes, Imre Mikl6s, gegen Ak-
tivitäten katholischer Christen, die sich der Kontrolle der Kirche
wie der staatlichen Behörden zu entziehen versuchten. Diese Ak-
32
2
tivitäten, so Mikl6s, nähmen sogar »regierungsfeindlichen Cha-
rakter« an: »Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn Streit um
die kirchliche Lehre als Vorwand dient, um politische Bestrebun-
gen zu bemänteln, und wenn dabei gegen Gesetze des Staates
verstoßen wird.«!7
3.2 Administrative Maßnahmen der Kirche
Solange der   t ~ a t die vermeintlich »subversiven« und insofern au-
ßerkirchlichen Basisgruppen als potentielle Opposition verfolgte,
konnten sich die Bischöfe von ihnen problemlos distanzieren.
Nachdem sie aber vom Staat als kirchliche Gruppen deklariert
und in den Zuständigkeitsbereich des Episkopats verwiesen wur-
den, sahen sich die Bischöfe gezwungen, sich mit ihnen primär im
innerkirchlichen Rahmen auseinanderzusetzen. Sie begründeten
ihre Einwände gegen die Basisgruppen nicht mit der ihnen vom
Staat zugedachten Aufsichtspflicht, sondern beriefen sich auf ihr
»apostolisches Amt«. Abgesehen von ihrem Interesse, jeden Kon-
flikt ~ i t den staatlichen Behörden zu vermeiden (erst recht, wenn
es sich um Gruppen handelt, die in den Augen des Staates weiter-
hin als potentiell subversiv erscheinen), warfen sie den Basisgrup-
pen vor, den Führungsanspruch des Episkopats in Frage zu stel-
len.
Obgleich der Episkopat seit 1976 in mehreren Verlautbarungen
die theologischen Aussagen der Basisgruppen sowie angebliche
Verstöße gegen die kirchliche Disziplin verurteilte, spitzte sich
der Konflikt dramatisch zu, als ein Mitglied der Basisgruppen, das
unter Berufung auf sein Gewissen den Militärdienst verweigerte,
im September 1979 zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt
wurde.!8 Als zudem noch Mitglieder von Basisgruppen in einer
Eingabe die Bischofskonferenz darum baten, sich bei den Behör-
den für die Einführung eines waffenlosen sozialen Wehrersatz-
dienstes einzusetzen, wurden die Basisgruppen - genauer gesagt
die »Bulanyisten« - von seiten der Kirchenleitung der »Aufwie-
gelei« bezichtigt.
In diesem Zusammenhang stehen auch die Suspendierung und
Zwangsversetzung der beiden Priester Laszl6 Kovacs und Andras
Gromon im Herbst 1981 sowie die kirchliche Verurteilung von
Pater Bulanyi durch die ungarische Bischofskonferenz im Früh-
jahr 1982.
323
Die engen Kontakte von Liszl6 Kovacs - bis zu seiner Suspen-
dierungJugendseelsorger in Budapest - zu den »Bulanyisten« wa-
ren sowohl Kardinal Lekai, seit 1976 Primas der ungarischen Kir-
che, als auch dem Staatlichen Kirchenamt schon lange bekannt.
Mitte August (1981) teilte ihm der Kardinal mit, daß seine Ver-
setzung aus Budapest notwendig geworden sei. Wenige Tage spä-
ter wollte Kovacs in Haj6s anläßlich eines Treffens von Basis-
gruppen sprechen. Dort erfuhr er, daß ihm Redeverbot erteilt
worden war. Vor mehr als siebenhundert Jugendlichen äußerte er
seine Überzeugung, daß die kirchlichen Behörden eine entspre-
chende Weisung des Staates erhalten und sie auch prompt ausge-
führt hätten. Die Jugendlichen stimmten mehrheitlich dafür, daß
Kovacs trotzdem seine Ansprache halten sollte. Mit Berufung auf
die Bergpredigt plädierte er - wie schon früher - für einen grund-
sätzlichen Gewaltverzicht sowie für die Absage der Christen an
jegliches »militärisches Gehabe«. Im September wurde Kovacs
von einem kirchlichen Gericht wegen »disziplinärer Verstöße«
und seiner Einstellung gegenüber dem Wehrdienst für sechs Mo-
nate suspendiert, in das Dorf Marianosztra verbannt und mit Auf-
enthaltsverbot für das zur Erzdiözese Esztergom gehörende T er-
ritorium von Budapest belegt.
In einem Interview versuchte Kardinal Lekai, die Suspendierung
von Kovacs in erster Linie auf dessen »theologische Abweichun-
gen« zurückzuführen. Schließlich aber gab er auch zu, daß in der
Frage der Wehrdienstverweigerung bestimmte Basisgruppen Auf-
fassungen verträten, die von der Kirche, die bekanntlich den
Wehrdienst bejahe, nicht akzeptiert werden könnten. Wenn sich
die Kirche die Meinung dieser Basisgruppen zu eigen machen und
eine große Anzahl ungarischer Bürger tatsächlich den Wehrdienst
verweigern würde, wäre Ungarn »ohne militärischen Schutz«,
was nicht zu verantworten sei. Da die »Gefahr« bestehe, daß Ko-
vacs seine theologischen Irrtümer und Auffassungen über den
Wehrdienst noch weiter unter der Jugend verbreite, sei er vorläu-
fig suspendiert und isoliert worden.
19
Mitte Oktober wurde eine zweite Suspendierung ausgespro-
chen: Andras Gromon, Kaplan in Pomaz, hatte am Ir. Oktober
in einer   r ~ d i g t vorsichtige Kritik an einer (in uj ember, der ein-
zigen katholischen Wochenzeitung Ungarns, veröffentlichten)
Rede von Kardinal Lekai
20
geübt. Lekai hatte dort die Position
des Episkopats gegenüber den pazifistischen Tendenzen vertei-
digt und Mitglieder von Basisgruppen »Kirchenzerstörer« ge-
nannt, die die »Irreführung der Jugend« bewirkten.
"In meiner Eigenschaft als Primas des Landes muß ich mit tiefer Sorge
feststellen, daß auch Priester und Gläubige, die zur Übertreibung neigen,
unsere wehrpflichtigen Jugendlichen zur Ablehnung des Wehrdienstes er-
mutigen. Und sie tun dies, indem sie sich auf die Heilige Schrift und die
Lehre der Kirche berufen, so daß unsere Jugendlichen ausgerechnet auf-
grund des katholischen Glaubensbekenntnisses den Wehrdienst entschie-
den verweigern. Wir nehmen mit Erschütterung zur Kenntnis, daß es auch
welche gibt, die diese Auffassung akzeptieren. Und wir sind auch darüber
erschüttert, daß Irreführer und Irregeführte aus der ungarischen Ge-
schichte keine Konsequenzen ziehen wollen.«21
Gromon widersprach in seiner Predigt nicht nur diesen Ausfüh-
rungen U!kais, sondern protestierte auch gegen die Äußerungen-
»jedes Wort eine Lüge!« - führender Repräsentanten der »Frie-
denspriester«, wie sie uj ember am I!. Oktober zitiert hatte. Der
für Gromon zuständige Bischof sah in dessen Kritik vor allem an
Kardinal Lekai eine ,>Gefährdung der kirchlichen Ordnung und
der unentbehrlichen Einheit« der katholischen Glaubensgemein-
schaft. Wegen seiner »fehlenden Haltung« und »um weiteren
Skandalen vorzubeugen«, wurde Gromon ebenfalls für ein halbes
Jahr suspendiert und ihm verboten, das Territorium seiner Ge-
meinde zu betreten.
Die um die Basisgruppen entfachte Auseinandersetzung er-
reichte im Frühjahr 1982 einen weiteren Höhepunkt, als die Bi-
schofskonferenz öffentlich György Bulanyi verurteilte. In einer
vom 10. März datierten öffentlichen Erklärung machte sie ihn
pauschal für »irrige Glaubenslehren« seiner »umstürzlerischen
Bewegung« verantwortlich. Überdies publizierte uj ember am
4. April das Ergebnis einer von Kardinal U!kai eingesetzten theo-
logischen Kommission, die Bulanyi in sechs Fällen der »Irrlehre«
überführte
22
- die Stellungnahme von Bulanyi in eigener Sache
wurde jedoch nicht gedruckt. In diesem Zusammenhang verwie-
sen die Bischöfe auf eine anonyme Publikation mit dem Titel uj
forras (Neue Quelle), deren Verfasser - angeblich - Pater Bulanyi
sei und die dessen theologische Irrtümer beweisen soll. Mit Si-
cherheit aber handelt es sich dabei um eine Fälschung, die in der
Absicht verfaßt wurde, die Verurteilung Bulanyis zu erwirken.
Die Suspendierung der Priester Kovacs und Gromon, die Ver-
urteilung Bulanyis sowie die umstrittenen Äußerungen Kardinal
325
Lekais und führender Vertreter der »Friedenspriester« führten zu
einer in Ungarn bisher beispiellosen innerkirchlichen Diskussion.
Nicht nur Priester, sondern auch zahlreiche katholische Laien
protestierten schriftlich wie mündlich bei ihrer Kirchenleitung.
Ein katholisches Ehepaar schrieb beispielsweise:
» ... Auf seinen Pilgerfahrten kann der Papst nach Hiroshima und Naga-
saki reisen, während in Ungarn der Primas des Landes Reden hält, die zum
Wehrdienst aufrufen ( ... ) Es wird schwer sein, aus Schwertern Pflugscha-
ren zu schmieden, wenn denjenigen, die daran arbeiten, die kirchliche
Disziplin entgegengehalten wird ( ... ) Warum mußte die Arbeit unseres
Priesters Kovacs unterbrochen werden? Vielleicht deshalb, weil- wenn er
noch lange seine Überzeugung verbreitet hätte - ( ... ) es dann weniger
ungarische Soldaten geben würde? .. «
Und eine Frau formulierte in ihrem Protestbrief an den Kardinal:
» ••• In Ihrer Esztergomer Rede haben Sie nicht nur die christliche Lehre
der Feindesliebe verleugnet, sondern auch in der Frage> in welcher Weise
man das Vaterland lieben müsse, solch anachronistische Ansichten von
sich gegeben, die jeden friedliebenden Menschen zutiefst erschüttern müs-
sen. Wegen der Beschränktheit unserer Herzen haben wir früher die Ar-
beiter verloren. Wenn wir aus dieser schmerzlichen Erkenntnis klug wer-
den wollen, sollten wir wenigstens jetzt unser kirchliches Leben erneuern,
damit wir nicht auch noch alle friedliebenden Menschen verlieren ...
Die Kirchenführung sollte von der Erschütterung wissen> die Sie mit Ihrer
Esztergomer Rede bewirkt haben - und davon, was Sie mit Ihrer unge-
rechten Verurteilung von Laszl6 Kovacs angerichtet haben. Es kann nicht
zugelassen werden, daß unsere besten Priester auf dem Altar der Macht
geopfert werden.«23
4. Wehrdienstverweigerung und die Forderung nach einem
zivilen Ersatzdienst
Die Forderung, daß die Kirche dafür eintreten soll, auch in Un-
garn einen waffenlosen Friedensdienst zu schaffen, leiten die ka-
tholischen Basisgruppen nicht nur aus dem Evangelium bzw. aus
Dokumenten der Weltkirche ab, sondern auch aus der Auseinan-
dersetzimg mit gewaltfreien Soziallehren wie denen von Mahatma
Gandhi oder Martin Luther King. Mit großem Interesse verfolgen
sie das christliche Friedensengagement in der DDR. Ihre Auffas-
sungen verbreiten sie in einer nicht-offiziellen »zweiten kirchli-
chen Öffentlichkeit« mit einem eigenen Samisdat: pazifistische
Texte, Eingaben oder Briefe von Wehrdienstverweigerern werden
abgeschrieben, sauber gebunden und an besonderen Festtagen
dann weiterverschenkt - der Beschenkte übernimmt damit die
Verpflichtung, ebenfalls ein solches Exemplar herzustellen und an
andere weiterzugeben.
24
In einer solchen Textsammlung ist auch der Antrag des Wehr-
dienstverweigerers Gibor Csizmadia (geb. 1959) enthalten, den er
während seines Prozesses nicht verlesen durfte. Was in der unga-
rischen Militärjustiz ungehört verhallte, sollte wenigstens auf
diese Weise eine begrenzte Öffentlichkeit erreichen.
»Ich wende mich an das verehrte Militärkommando mit der Bitte, mir den
waffenlosen zivilen Friedensdienst zu gestatten. Aufgrund meiner religiö-
sen Überzeugung gestattet mir mein Gewissen nicht, den Militärdienst
abzuleisten. Ich bin römisch-katholisch; die unbedingte und eindeutige
Lehre meiner Kirche besagt, daß ich in keiner Situation gegen mein Ge-
wissen handeln darf. Wenn ich anders handeln würde, beginge ich eine
Sünde. Die Verfassung unseres Landes achte ich als oberste Instanz unse-
rer gesetzlichen Ordnung. § 70 der Verfassung schreibt die Wehrpflicht
vor. Gleichzeitig sichert § 63 jedem Staatsbürger seine Gewissensfreiheit
und das Recht freier Ausübung seines Glaubens zu. § 70 und § 63 sind
gleichwertig. Somit kann man mich nicht zum Wehrdienst verpflichten,
ohne § 63 zu verletzen; und ich könnte meinem Gewissen nicht folgen,
ohne § 70 zu verletzen! Diese Situation ist unlösbar, und ich glaube nicht,
daß die Lösung die Einschränkung meiner Gewissensfreiheit wäre. Ande-
rerseits will ich mich auch nicht meinen staatsbürgerlichen Pflichten ent-
ziehen. Gern würde ich einen waffenlosen zivilen Friedensdienst leisten,
wie dies in mehreren Ländern straflos möglich ist. Meine Kirche, die tra-
ditionell in einem guten Verhältnis zu unserem Staat steht, hat sich mit
folgender Bitte an den Staat gewandt: > ... Es scheint angebracht, daß
Gesetze in humaner Weise Vorsorge treffen für die, die aus Gewissens-
gründen den Wehrdienst verweigern, vorausgesetzt, daß sie zu einer an-
deren Form des Dienstes an der menschlichen Gemeinschaft bereit sind<
(aus >Gaudium et spes<, Nr. 79 - Dokument des II. Vatikanischen Kon-
zils). Diese Bitte haben auch viele Staaten erfüllt ... «25
Am 2. April I982 verurteilte das Oberste Militärgericht in Buda-
pest G:ibor Csizmadia zu zwei Jahren und acht Monaten Haft.
Gegenwärtig sind mehr als hundert Jugendliche zu langjährigen
Haftstrafen verurteilt, weil sie sich auf ihr verfassungsmäßiges
Recht auf Gewissensfreiheit beriefen und den Dienst mit der
Waffe verweigerten. Jeden Monat, so schätzen Beobachter, findet
derzeit in ungarischen Gerichtssälen ein Prozeß gegen Wehr-
dienstverweigerer statt - die Betroffenen erwartet eine Haftstrafe,
die zumeist doppelt so lang ist wie der reguläre, achtzehn Monate
dauernde Dienst in der Armee.
Wenn auch der Staat die Disziplinierung unbequemer kirchli-
cher Gruppen dem Episkopat überläßt, so geraten diese spätestens
dann unter direkten Beschuß der Behörden, wenn sie politisch
brisante Positionen wie prinzipielle Gewaltfreiheit und Wehr-
dienstverweigerung vertreten. Doch die ungarischen Wehrdienst-
verweigerer' wenn sie Mitglieder der katholischen Basisgruppen
sind, verstehen sich nicht als »politische Bewegung«, sondern als
»Zeugen für den gewaltlosen Jesus«. Gegenüber dem Vorwurf des
Episkopats, sie seien »umstürzlerisch« und »irregeleitet«, verwei-
sen sie auf Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils und andere
Dokumente der katholischen Weltkirche, die ihr Friedensengage-
ment rechtfertigen können. Während die Basisgruppen einen Ge-
wissenskonflikt thematisieren, verteidigt der Episkopat das Recht
der VR Ungarn, über eine eigep.e Armee zu verfügen, was die
Basisgruppen im übrigen nicht bestreiten. Diese fordern vielmehr
von der Kirche, daß sie - in der »Nachfolge Jesu« - sich weder
autoritär nach innen noch kollaborierend nach außen verhalten,
sondern die Religionsfreiheit wie die gesamten Menschenrechte
einschließlich des Rechts auf W ehr- und Kriegsdienstverweige-
rung verteidigen soll.
Der Schriftsteller und Bürgerrechtler Mik16s Haraszti ist zwar
skeptisch, ob die Basisgruppen in ihrem Kampf für einen gesetz-
lich erlaubten sozialen Friedensdienst Erfolg haben werden, doch
hatten sie seiner Ansicht nach
»mit ihrem menschlich überzeugenden Beispiel und mit ihrer Bürger-
rechtsbewegung in jedem Fall eine aufrüttelnde Wirkung auf das Gewis-
sen kirchlich wie auch atheistisch geprägter Menschen. Weder die wirklich
Gläubigen noch die demokratisch denkenden Atheisten kommen dabei
umhin, sie zu unterstützen und auch von ihnen zu lernen. Denn mit ihrer
Bewegung können sie vielleicht schon morgen nicht nur die Ehre, sondern
auch das Leben in diesem osteuropäischen Territorium retten.«26
»Weltliche« Friedensinitiativen
Da Pazifismus und Wehrdienstverweigerung in Ungarn in erster
Linie Ausdruck religiöser Überzeugungen sind, ist die Kluft zwi-
schen diesen und politisch motivierten Friedensbestrebungen im
nicht-christlichen Raum groß. Die Basisgruppen arbeiten zurück-
gezogen und haben von sich aus bislang auch keinen Versuch
unternommen, dies zugunsten eines Zusammengehens mit ande-
ren Gruppen aufzugeben. Anders als in der DDR stehen sich
damit religiöse und säkulare Vorstellungen unvermittelt gegen-
über.
Weniger noch als der christliche Pazifismus kann die kritische
Friedensdiskussion im außerkirchlichen Milieu auf eigene Tradi-
tionen zurückgreifen; bis vor kurzem war sie schlichtweg bedeu-
tungslos.
»Der Hauptgrund dafür ist, daß der Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit
auf ökonomische und soziale Probleme gerichtet war und nicht auf die
Fragen: Abrüstung, Denuklearisierung, Friedensbewegung, die die euro-
päische Aufmerksamkeit in den letzten Jahren bestimmt haben. In dieser
Rangordnung nimmt der Frieden nicht den ersten Platz ein.«27
I. Der Beginn der kritischen Friedensdiskussion
Unter dem Eindruck der wachsenden Bedeutung der Friedensbe-
wegung in Westeuropa veröffentlichten kritische ungarische In-
tellektuelle im September 1981 ein Papier, in dem erklärt wurde,
auch Ungarn brauche seine unabhängige Friedensbewegung. Ge-
rade die kleineren Staaten besäßen die Möglichkeit zu durchaus
einseitigen Abrüstungsmaßnahmen, die nur mit politischem
Druck »von unten« durchgesetzt werden könnten. Eine solche
Bewegung sei auch für die Opposition, der sich die Unterzeichner
zurechneten, von großer Bedeutung, weil sie eine Möglichkeit
böte, das unabhängige politische Engagement in Ungarn zu ver-
breitern.
28
Darüber hinaus engagierte sich auch ein anderer führender Op-
positioneller, der ehemalige ungarische Ministerpräsident Andras
Hegedüs, der an verschiedenen internationalen Konferenzen der
»Russell-Peace-Foundation« teilnahm und diese Anstöße in Un-
garn weitervermittelte. Sein Zugang zur Friedensproblematik war
vor allem das Interesse an einer Fortsetzung der Entspannungs-
politik, die er durch die Verschlechterung der sowjetisch-ameri-
kanischen Beziehungen seit dem Jahreswechsel 1979/80 gefährdet
sah. Die Politik einer Verständigung zwischen den Blöcken sei die
unverzichtbare Voraussetzung für einen inneren Wandel in
Osteuropa und bestimme auch die Spielräume der Opposition;
329
somit müsse sie auch ihre traditionelle Zurückhaltung in dieser
Frage aufgeben.
29
Unter den kritischen Intellektuellen entbrannte daraufhin eine
heftige Diskussion über den Sinn eines eigenständigen Friedens-
engagements in Osteuropa, das·von der Mehrheit der Oppositio-
nellen nach wie vor mit großer Skepsis betrachtet wird. Lediglich
ein kleiner Teil begann sich zu engagieren, doch vor allem unter
Schülern und Studenten
30
gewann das Thema wachsende Popula-
rität.
2. Die Praxis der Friedensinitiativen
,.Die Friedensbewegung in Ungarn muß man sich in Form kleiner Grup-
pen an verschiedenen Universitäten und weiterführenden Schulen vorstel-
len, die, wenn überhaupt, nur sehr lose organisiert sind. Ob diese kleinen
Gruppen in eine Bewegung überführt werden können, wird vor allem von
unserer Initiative abhängen.«3!
Mit diesen Sätzen beginnt das Papier eines ungarischen Studenten,
in dem er auf neun Schreibmaschinenseiten einen Überblick über
Ansätze uriabhängiger Friedensinitiativen in seinem Land und
ihre Perspektiven gibt. Er ist Mitglied einer Friedensgruppe n der
Universität Budapest, die sich im Zuge der Diskussion innerhalb
der ungarischen Opposition im Herbst 1981 gebildet hat und der
vor allem Studenteri der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultä-
ten (Soziologie, Philosophie) sowie aus dem Kunstbereich ange-
hören. Die Gruppe besteht aus etwa zwanzig Personen; die Mehr-
heit der Studenten an der Universität verhält sich bislang noch
passiv. Unter den Mitgliedern befinden sich sowohl jene, die in
staatsoffiziellen Organisationen wie dem kommunistischen Ju-
gendverband »KISZ« politisiert worden sind und nun nach einem
glaubwürdigeren Engagement suchen, als auch solche, die sich
bewußt der oppositionellen »Szene« zurechnen; manche von ih-
nen waren beispielsweise 1981 an einer Initiative beteiligt, ähnlich
wie in Polen eirie unabhängige Interessenvertretung der Studenten
zu gründen, was jedoch vom Jugeildverband »KISZ» verhindert
wurde.
Aus dem Friedenskreis der Universität Budapest kam im   k t o ~
ber 198 I der Vorschlag, eine Demonstration gegen die Statioilie-
rung amerikanischer und sowjetischer Mittelstreckenraketert in
33°
der ungarischen Hauptstadt zu veranstalten; derselbe Kreis initi-
ierte darüber im Studentenparlament der Universität eine öffent-
liche Diskussion. Eine zehnköpfige Vorbereitungsgruppe wurde
beauftragt, mit dem »Ungarischen Nationalen Friedensrat« in
Verhandlungen zu treten, der zunächst sehr positiv reagierte und
alle geforderten Zusagen gab. Doch wenige Tage später änderte
der »Friedensrat« seine Haltung, weil sich die J ugendorganisatiori
»KISZ« eingeschaltet und entschieden gegen das Vorhaben pro-
testiert hatte. Die Zusagen wurden rückgängig gemacht, und die
Jugendfunktionäre organisierten eine Woche vor dem geplanten
Friedensmarsch (17. Dezember 1981) eine offizielle Veranstal-
tung, an der sich die Studenten beteiligen sollten. Die Studenten
lehnten ab, nahmen aber, nachdem ihnen mit rechtlichen Konse-
quenzen gedroht wurde, auch von ihren eigenen Plänen Ab-
stand.
Etwa zeitgleich mit der Friedensinitiative an der Universität Bu-
dapest hat sich auch an den weiterführenden Schulen eine Gruppe
gebildet, die sich den Namen »Anti-Nuclear-Campaign Hun-
gary« (ANC) gegeben hat. Diese von (zum Teil ehemaligen)
Oberschülern gegründete Initiative hatte im Juli 1982 bereits zwi-
schen 100 und 150 eingetragene Mitglieder und wird in dem oben
zitierten Papier als »die Speerspitze der Friedensbewegung«32 be-
zeichnet, weil sie wirklich spontan und unabhängig arbeite und
ihre Popularität unter der Jugend ständig steige. Die meisten der
Mitglieder sind nicht älter als zwanzig Jahre; ihre Vorstellungen
verbreiten sie durch Plakate, Transparente und Abzeichen, die
sich die Jugendlichen an Schultaschen und Jacken heften. An Ver-
kehrs knotenpunkten werden Altersgenossen angesprochen, um
über die Ziele der »ANC» zu informieren und neue Mitglieder zu
gewinnen. In den Straßen von Budapest verteilte die »ANC«
Flugblätter gegen Atomwaffen, die sie zusammen mit Blumen
überreichte. Und in einem der innerstädtischen Grünbezirke der
Hauptstadt »besetzten« ihre Mitglieder einen Park, den sie in
»ANC-Park» umbenannten, um dort anschließend ihre Ver-
sammlungen und Treffen abzuhalten.
Die »ANC« ist die einzige Friedensgruppe, der ein nationales
Kommunikationsnetz nachgesagt wird; zugleich versucht sie
auch, Partnerschaften mit Studenten und Schülern höherer Schu-
len im Westen aufzubauen. »Es sind begeisterte Jugendliche«, ur-
teilte ein studentischer Friedensaktivist, »die immer irgendwo ir-
gend etwas veranstalten; ein solcher Enthusiasmus ist in Ungarn
selten.«33 .
Im Frühjahr 1982 faßte auch die »ANC«-Initiative den Plan,
einen unabhängigen Friedensmarsch durch Budapest zu veran-
stalten, doch als die Demonstration bei der Polizei angemeldet
war, übernahm sehr schnell der Jugendverband »KISZ« die ei-
gentliche Führung bei der Aktion. Er drängte sich den jugendli-
chen Mitgliedern der »ANC«, die zum Teil selber Mitglied des
»KISZ« waren, als Organisator des Ganzen auf, während die Be-
hörden zugleich verboten, daß Studenten der Universität als Red-
ner zu dem Friedensmarsch eingeladen wurden. Der Jugendver-
band bestellte Lautsprecherwagen, Transparente, Würstchen-
stände sowie kostenloses Bier zum verabredeten Treffpunkt und
mobilisierte die eigenen Mitglieder sowie diejenigen der paramili-
tärischen »Jungen Garde«.
Von den staatlichen Medien wurde die Veranstaltung später als
großartige Kundgebung für den Frieden ausgewertet, alle Spuren
von Unabhängigkeit waren verwischt worden. Lediglich einer
kleinen »Sabotage« aus den eigenen Reihen der Partei. war es zu
verdanken, daß die Forderung der »ANC« - »Laßt uns alle Waf-
fen einschmelzen!« -, die ihre Mitglieder mit Pinsel und Farbe auf
mehrere Bettücher gebracht hatten, doch noch eine begrenzte Öf-
fentlichkeit erreichte: Am Ir. Mai 1982, zwei Tage nach dem
Friedensspektakel, erschien in der Parteizeitung Nepszabadsag
ein Bericht, der mit dem Foto einer Gruppe von Jugendlichen
illustriert wurde, die eben jene pazifistische Parole und das Kürzel
»ANC« durch Budapest trugen.
Die »ANC« ist nicht die einzige Initiative von Schülern, doch
die anderen Gruppen haben sich in der Vergangenheit zumeist
nach kurzer Zeit wieder aufgelöst.
»Ein zentrales Problem ist, daß der spontane Enthusiasmus schnell insti-
tutionalisiert wird, was auch ein Großteil des mangelnden Interesses an
den Universitäten erklärt. Die Antwort auf die offizielle Gleichgültigkeit
ist eine deutliche Tendenz zur Radikalisierung.«34
Darüber hinaus arbeitet seit dem Frühjahr 1982 noch eine kleinere
Friedensgruppe von Bildhauern und Künstlern namens »Indigo«,
die Verbindungen sowohl zum staatlichen Friedensrat als auch zu
den unabhängigen Initiativen unterhält. Den Mitgliedern geht es
vor allem um künstlerische Arbeiten zum Thema Frieden, so z. B.
332
um die Umwandlung von militärischen Gegenständen in nützli-
che Gebrauchsgegenstände, die sie auf Ausstellungen in Ungarn
und im Ausland vorführen. Zugleich bot die Gruppe den Frie-
densinitiativen an, Poster, Ansteckplaketten und ähnliches anzu-
fertigen.
Von den Universitäten des Landes ist derzeit nur noch eine Frie-
densgruppe im südlichen Szeged bekannt, die im Frühjahr 1982
ebenfalls eine Demonstration durchführen wollte. Doch die lo-
kale Parteiführung, die als hart und stalinistisch verrufen ist, ließ
die Mitglieder der Gruppe verhören und setzte sie so sehr unter
Druck, daß sie den Marsch wieder absagten.
Die verschiedenen Initiativen und interessierte Einzelpersonen
haben im Sommer 1982 Kontakt untereinander aufgenommen
und einen Gesprächskreis gebildet, der sich »Friedens gruppen für
den Dialog« nennt. Am 12. Juni fand eine erste Aktionskonferenz
statt, die dazu diente, sich gegenseitig vorzustellen, Adressen aus-
zutauschen und von der eigenen Arbeit zu berichten. Bei dieser
Gelegenheit wurde auch der Plan gefaßt, mit einer Abordnung
Anfang August am Wiener Friedensfestival teilzunehmen, doch
einige Wochen später erfuhren die Friedensaktivisten endgültig,
daß die Behörden ihnen die Ausreise nicht gestatten wollten. Statt
dessen wurde eine Delegation des offiziellen Jugendverbandes
nach Wien geschickt, die sich dort als Vertreter der ungarischen
Friedensbewegung präsentierte; Ferenc Köszegi, Mitglied der
Friedensgruppe an der Universität Budapest, protestierte gegen
dieses Verhalten in einem Brief, den er an den Sekretär des Unga-
rischen Nationalen Friedensrates richtete.
Die Ablehnung der geplanten Reise nach Wien, der die Friedens-
initiativen große Bedeutung zugemessen hatten, wurde auch auf
der zweiten Konferenz der »Dialog«-Gruppe diskutiert, die am
27. Juli 1982 in sichtbar größerem Kreis stattfand. Solche Festi-
vals, so hieß es während der Sitzung, seien sehr wichtig für den
Aufbau eines vereinten unabhängigen Europas, doch die Teil-
nahme von Osteuropäern scheine genauso wie dieses politische
Fernziel »utopisch« zu sein. An dem Treffen, das in einer Buda-
pester Privatwohnung stattfand, nahmen über vierzig Personen
teil, darunter auch Personen, denen die Organisatoren große Be-
deutung zumaßen: Von offizieller Seite waren ein Vertreter des
staatlichen Friedensrates und die leitende Professorin der marxi-
stischen Fakultät der Budapester Universität, Eva Ancsel, erschie-
333
nen, aus der Opposition nahmen der ehemalige Ministerpräsident
Andris Hegedüs und der Philosoph Sand6r Radn6ti teil, zudem
waren auch zwei Vertreter aus der DDR zugegen, die über die
Friedensarbeit der evangelischen Christen dort Auskunft gaben.
Das Treffen sollte nicht nur der Selbstverständigung dienen, son-
dern zugleich die Ziele und Probleme der neuen ungarischen Frie-
densbewegung einer breiteren Öffentlichkeit erklären und jedem
Verdacht, daß hier eine Geheimorganisation am Werk sei, den
Boden entziehen. Im Mittelpunkt der Diskussion stand der Vor-
schlag, eine Plattform aller Initiativen zu formulieren und die ge-
meinsamen Ziele stärker hervorzuheben, was vor allem vor dem
Hintergrund eines für Oktober 1982 geplanten Friedenskongres-
ses Bedeutung bekam, an dessen Ende eine Deklaration verab-
schiedet werden sollte. Einige Teilnehmer des Treffens forderten
auch eine Art Führungsgremium, in dem die Hauptlinien konkre-
ter Aktionen beschlossen und andere anstehende Probleme im
Namen der Initiativen verbindlich diskutiert würden. Dieser Vor-
schlag konnte sich jedoch nicht durchsetzen, und auch die Ent-
wicklung einer Plattform wurde zunächst zurückgestellt, weil
man sich nicht auf einen wenig aussagekräftigen »Minimalkon-
sens« beschränken wollte. Was die einen als Schwäche bezeichne-
ten, wurde von der Mehrheit ausdrücklich befürwortet: die der-
zeitigen beweglichen Entwürfe seien besser als eine endgültige
Plattform, die den Anfang einer politischen Einseitigkeit bedeu-
ten könnte.
Was die praktische Arbeit anbelangt, einigten sich die »Dialog«-
Gruppen auf zwei Projekte: Zum einen sollte ein »Friedens zen-
trum« in Budapest entstehen, in dem ein Klub, eine Bücherei und
das Zentrum der Friedensgruppen untergebracht werden, zum
zweiten soll ein »Friedensjournal« erscheinen, das den Initiativen
als Forum für eigene Aktivitäten und für theoretische Diskussio-
nen dient. Über beide Projekte sollten Verhandlungen mit dem
Ungarischen Friedensrat aufgenommen werden, umstritten blie-
ben jedoch die Bedingungen einer Zusammenarbeit mit dieser In-
stitution.
Am Ende der Debatte äußerte sich auch der Vertreter des staat-
lichen Friedensrates und nahm vorweg, was die Friedensinitiati-
ven in den dann folgenden Wochen zäher Verhandlungen - u. a.
mit dem Politbüro-Mitglied György Aczel zu spüren bekamen:
»Es ist schwer, mit euch zu verhandeln, weil nicht alle sich auf
334
einer gleichen Ebene befinden und es anscheinend keine Hoff-
nung gibt, solch breite Übereinstimmung zu erreichen.«35 Damit
meinte der staatliche Vertreter, daß nur einige der Friedensaktivi-
sten als Verhandlungspartner ernst genommen werden könnten
und entsprechend unterschiedlich und widersprüchlich verhielt
man sich gegenüber den Vertretern der »Dialog«-Gruppe.
Im Oktober 1982 wurden die Verhandlungen schließlich völlig
ausgesetzt, weil es Differenzen über einen Besuch des englischen
Historikers und Initiators der »END»-Kampagne, Edward
P. Thompson, gegeben hatte. Als dieser im September 1982 die
urigarische Hauptstadt besuchte, wurde ihm das Angebot unter-
breitet, einen Vortrag an der Universität zu halten, der sogar im
Fernsehen übertragen würde. Einzige Bedingung: Thompson
spllte keinerlei Kontakt zu den unabhängigen Friedensgruppen
suchen, sondern nur vor geladenen Gästen sprechen. Edward
P. Thompson lehnte diese Forderung ab und konnte daraufhin
lediglich vor einem kleinen Kreis in einer Privatwohnung spre-
chen. Die Verärgerung auf bei den Seiten reichte aber aus, daß an
eine praktische Zusammenarbeit zwischen dem staatlichen Frie-
densrat und der »Dialog«-Gruppe zumindest derzeit nicht ge-
dacht wird.
Aus dem gleichen Grund besteht zur Zeit auch keine Hoffnung,
daß die geplante Friedenszeitschrift in Anlehnung an den staatli-
chen Friedensrat erscheinen könnte. Die Initiatoren sind auf eine
Publikation im Untergrund verwiesen, deren Druck und Verbrei-
tung große organisatorische Anstrengungen erforderlich macht.
Als am 13. Oktober 1982 die »Friedensgruppen für den Dialog«
ein weiteres Mal zusammenkamen, standen diese Probleme im
Vordergrund, und es war nicht abzusehen, wann die erste Num-
mer der Zeitschrift erscheinen würde. Schwierigkeiten bereitete
zudem, daß die Initiativen durch erste Publikationen im Westen
über ihre Arbeit aufgeschreckt worden sind und man eine Gefähr-
dung der weiteren Zusammenarbeit befürchtete, wenn einzelne
Mitglieder Meinungen- äußerten, die von anderen nicht mitgetra-
gen werden könnten. Möglicherweise will man nun einen Spre-
cher bestimmen, der die Friedensgruppen in Zukunft nach außen
hin vertritt. Weil sich die Friedensgruppen nicht ausreichend vor-
bereitet fühlten, beschlossen sie auch, den Plan, einen Friedens-
kongreß in Budapest durchzuführen, zunächst zurückzustellen.
Neben den organisatorischen Aufgaben wollen sich vor allem
335
Vertreter der studentischen Initiative stärker mit eigenen und
theoretisch vertieften Vorschlägen zur Friedensdiskussion be-
schäftigen, insbesondere mit der Frage, wie der Weg zu einem
atomwaffenfreien Europa aussehen könnte.
3. Programmatische Vorstellungen
Die Friedensbewegung in Ungarn hat kein gemeinsames   r o ~
gramm; ihre politischen Ansichten lassen sich nur aus den bruch-
stückhaften Äußerungen herausdestillieren, die dem gerade be-
ginnenden Diskussionsprozeß entstammen.
Anders als in den religiösen Basisgruppen geht es den säkularen
Friedenskreisen bisher nicht um die Verweigerung des Wehrdien-
stes durch den einzelnen; globalstrategische Fragen stehen im
Vordergrund. Daß die innergesellschafdiche Militarisierung, die
für die Aktivitäten der Friedensinitiativen in der DDR von ent-
scheidender Bedeutung ist, in Ungarn kaum diskutiert wird, füh-
ren die Friedensengagierten darauf zurück, daß das Land in den
vergangenen Jahren weitestgehend »verbürgerlicht« sei; militari-
stische Parolen oder Plakate treten öffendich kaum mehr in Er-
scheinung, und auch die unmittelbare (para-)militärische Ausbil-
dung in Schule und Armee wird nicht für besonders problema-
tisch gehalten: Der vormilitärische Unterricht beschränkt sich auf
wenige Schulstunden und einen »Tag der Wehrbereitschaft« pro
Jahr, was beides nicht sonderlich ernst genommen wird; auch den
obligatorischen Wehrdienst empfinden - jedenfalls die Studen-
ten
36
- als eher harmlos.
Häufiger auf Kritik stoßen dagegen die öffendichen Aussagen
von Regierungs- und Parteifunktionären, wenn sie, wie der unga-
rische Außenminister, fordern, »die Effektivität und die Stärke
der bewaffneten Verteidigung des Friedens zu verstärken«.37 In
dem oben zitierten Friedenspapier heißt es dazu:
»Man kann eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen den State-
ments der Politiker beider Blöcke feststellen. Sie sprechen dieselbe Spra-
che. Ihr gemeinsames Argument ist zweideutig: Vorgeblich wünschen sie
ein vernünftiges Maß an Abrüstung, a,ber in der Zwischenzeit zeigen sie
mit dem Finger auf die anderen. Engstirnige politische Erwägungen wer-
den über die praktischen und vordringlichen Aufgaben der Friedensbewe-
gung gestellt. ,,38
Die globalpolitischen Vorstellungen der ungarischen Friedensini-
tiativen sind, das ist in Rechnung zu stellen, auf einem recht un-
terschiedlichen Niveau formuliert, je nachdem, ob die Träger
Schüler, Studenten oder kritische Intellektuelle aus der Opposi-
tion sind. Die Jüngeren argumentieren zumeist aus dem Gefühl
einer Bedrohung durch die Nuklearwaffen und sind den Kritikern
aus der intellektuellen Opposition oftmals nicht gewachsen.
So weiß man von der »ANC« lediglich, daß ihr Nahziel, wie
eines ihrer Gründungsmitglieder auf der Aktionskonferenz im
Juni sagte, die Abschaffung aller Atomwaffen sei, langfristig aber
sämtliche Waffen dieser Welt verschwinden müßten.
»Es handelt sich um die ur-naive, frische Überzeugung von Leuten, die
nicht, wie die früheren Generationen, durch diese starke Ideologisierung
des Lebens hindurchgegangen sind. Sie nehmen einfach Stellung zu ihrem
Leben. Ermutigt sind sie vielleicht auch durch die staatliche Friedenspro-
paganda, die sie teilweise naiv, teilweise ironisch benutzen, um ihre eige-
nen Vorstellungen auszudrücken.«39
Unter den Studenten nimmt einTeil in erster Linie auf den Dis-
kussionsprozeß innerhalb der Opposition Bezug, d. h., Fragen
des politischen Systems - und der Rolle einer unabhängigen Frie-
dens bewegung in ihm - stehen im Vordergrund. Ein anderer, ver-
mutlich größerer Teil sucht bewußt ein
»eigenständiges politisches Profil, das von der offiziellen Linie genauso
unabhängig ist wie von derjenigen der Opposition. Die neue Bewegung
muß ihren eigenen Standpunkt einnehmen zu den miteinander verbunde-
nen Fragen der Abrüstung, des Wettrüstens und einer neuen Weltwirt-
schaftsordnung, die die Interessen der Dritten Welt respektiert.« 40
Diese Studenten orientieren sich zu einem guten Teil an den pro-
grammatischen Aussagen der englischen Friedensbewegung, de-
ren Konzeption einer blockübergreifenden unabhängigen Bewe-
gung für den Frieden sie aufnehmen und daraus den Anspruch
ableiten, sich aus den »klassischen« innenpolitischen Fronten
(zwischen Staat und Opposition) herauszuhalten. Ihre Kritik zielt
vor allem auf die Supermächte, die ihr eigenes Land, Europa und
einen wachsenden Teil der Dritten Welt in die Blockkonfronta-
tion mit hineinzögen. Die Politik der nuklearen Abschreckung
.mache den Frieden nicht sicher, sondern unsicherer; neue militä-
rische Anstrengungen, so wird der Regierungspropaganda entge-
gengehalten, erhöhten nur die Gefahr eines Krieges. Im Mittel-
337
punkt der aktuellen Kritik steht die von heiden Seiten vorgenom-
mene oder geplante Stationierung von atomaren Mittelstreckenra-
keten - erste weitergehende Vorschläge sollen, in Verbindung mit
gleichgerichteten Forderungen der westlichenFriedensbewegung,
. schließlich eine echte Abrüstung herbeiführen:
»I. Ein atomwaffenfreies Osteuropa als erster Schritt in Richtung auf eine
atomwaffenfreie Welt. .
2. Die Abrüstungsgespräche zwischen den Blöcken sind erfolglos geblie-
ben. Es wäre nützlich, eine freiwillige individuelle Abrüstung zu initi-
ieren. Das heißt, daß einzelne in den Blöcken sich selbst entwaffnen, so
daß zum Beispiel ein ungarischer Soldat die Armee verließe, wenn ein
belgischer Soldat dasselbe tut: eine Art »Soldatenaustauschprogramm«.
Das würde die Verantwortung des einzelnen unterstreichen und könnte
durch eine internationale Sondereinheit, die für diesen Zweck gebildet
würde, kontrolliert werden.
3. Vielleicht wird die Sache des Friedens die erste Gelegenheit, die Euro-
päer ergreifen, um sich in einer engen Partnerschaft zu vereinigen.«41
In eine ähnliche Richtung geht auch ein anderer Vorschlag, der
von dem Schriftsteller György Konrad gemacht und in Ungarn
relativ populär wurde: Das Land solle einen Nicht-Angriffs-Pakt
mit allen seinen Nachbarstaaten schließen, also auch mit Jugosla-
wien und Österreich, was die. behauptete Bedrohung von außer-·
halb erheblich reduzieren würde.
Neben solchen Vorschlägen, die die Blockkonfrontation ver-
mindern helfen sollen, geht es vor allem darum, die eigene Bevöl-
kerung aus ihrer »seligen Ignoranz«42 gegenüber der Realität eines
Nuklearkrieges aufzurütteln. .
»In Ungarn ist das besonders akut. Das kann auf die· Tatsache zurückge-
führt werden, daß die Ungarn, ebenso wie andere Völker, nicht daran
glauben, daß sie etwas ändern können. Und darüber hinaus gibt es eine
Art Endzeit-Stimmung. In der Vergangenheit haben sich die Ungarn
daran gewöhnt, daß ihr Schicksal außerhalb des Landes entschieden wird.
Es ist deshalb wichtig hervorzuheben, welche Rolle Friedensinitiativen
kleiner Länder spielen können. Gegen den Zynismus und die Skepsis muß
die Friedensbewegung ihre eigenen Gedankengänge stellen.«43
. Obwohl die Diskussion erst am Anfang steht, haben einzelne Stu-
denten andere Vorschläge eingebracht, die über diese gewisserma-
ßen systemneutralen Ziele hinausgehen. Auf dem ursprünglich
für Oktober 1982 geplanten Friedenskongreß wollten sie auch die
eigene Regierung mit Forderungen konfrontieren, die auf kon-
krete Veränderungen zielen; in diesem Zusammenhang wurden
besonders die Schaffung einer zivilen Alternative zum Militär-
dienst sowie die Senkung der Rüsturtgsausgaben in Ungarn ge-
nannt. Bislang überwogen jedoch die »gemäßigteren« Mitglieder
der Friedensgruppen mit dem Argument, daß man die eigene Ar-
beit zu diesem Zeitpunkt mit solchen heiklen Fragen nicht aufs
Spiel setzen sollte.
Charakteristisch für jene Friedensengagierten, die sich der intel-
lektuellen Opposition zurechnen, ist zudem, daß ihnen die Frie-
densproblematik allein als programmatische Grundlage nicht aus-
reicht; gemessen an den bisherigen gesellschaftspolitischen Dis-
kussionen erscheint ihnen die Friedensfrage zwar »volkstümlich«
und weniger gefährlich, doch manche halten sie nur für »eine
Vorschule für das spätere politische Engagement«.44 Zumindest
müsse man überlegen, ob man die Friedensbewegung mit anderen
Fragen wie der Ökologieproblematik oder der Frage der Men-
schenrechte, also dem innergesellschaftlichen Frieden, verbinden
könne.
Die Grenzen eines politischen Ansatzes, 4er sich gegen beide
Blöcke gleichermaßen richtet, zeigen sich vor allem dann, wenn es
um das Verhältnis zur »eigenen« Großmacht, also der Sowjet-
union, geht, deren Hegemonialpolitik man für mindestens ebenso
gefährlich hält wie jene der Vereinigten Staaten unter Präsident
Reagan. Einerseits braucht man die »Neutralität«, die beiden Su-
permächten die gleiche Schuld an der Bedrohung des Friedens
gibt, weil man nur so die Blocklogik überwinden zu können
glaubt, andererseits ist es eben die Sowjetunion, mit deren Politik
man unmittelbar konfrontiert ist und die man zwangsläufig mehr
zu fürchten hat. Vor allem seit der Verhängung des Kriegsrechts
in Polen sind die Hoffnungen auf eine Möglichkeit, die Macht-
strukturen in Osteuropa aufzuweichen, in der kritischen »Szene«
Ungarns weitgehend zerstört; die Frage nach der Bedeutung des
sowjetischen Militärs stellt sich für viele seit diesem Zeitpunkt
noch einmal völlig neu.
Am ausführlichsten hat sich dazu bislang der Philosoph (und
frühere Lukacs-Schüler) Mihaly Vajda in einem längeren Auf-
satz
45
im ungarischen Samisdat geäußert, der auf den Thesen von
Cornelius Castoriadis
46
beruht. Die häufig formulierte Einsicht,
das sowjetische System befinde sich in einer permanenten Krise,
sei - so Vajda - falsch, weil es darauf ankomme, welchen Bereich
339
man jeweils untersuche, und ob der vorgefundene Zustand im
Sinne des Systems effektiv sei oder nicht. Die sowjetische Gesell-
schaft teile sich sozial, politisch und ökonomisch .in zwei völlig
voneinander getrennte Bereiche, von denen der eine, der militäri-
sche, gemessen am internationalen Stand der Technik überaus
modern, wohingegen der zivile Sektor auf einem Niveau eingefro-
ren sei, der eine Änderung sozialer Strukturen durch neu empor-
kommende gesellschaftliche Kräfte ausschließe. Die Bedingung
für die Stabilität des Systems sei gerade diese Zweiteilung, die es
dem militärischen Sektor möglich macht, alle positiven intellektu-
ellen Kräfte der Gesellschaft zu absorbieren, weil sich für diese im
zivilen Bereich keinerlei Alternativen böten. In den  
ropäischen Staaten sei dies anders, weil die Gesellschaften dort
vor 1945 bereits weitestgehend verbürgerlicht waren; doch zu-
mindest für Polen bliebe die Aussage noch zu überprüfen: Wie
sonst sei zu erklären, daß der militärische Körper trotz der Revo-
lutionierung des größten Teils der Gesellschaft derart intakt ge-
blieben sei, daß er die politische Umwälzung seit August 1980
gewissermaßen über Nacht (vorerst) beenden konnte.
4. Das Verhältnis zum Staat
Kennzeichnend für die innenpolitische Situation Ungarns in den
letzten Jahren ist, daß die Staatsmacht und die kritische Intelli-
genz sich nicht völlig getrennt voneinander gegenüberstehen, son-
dern die Regierung einen stillen Kompromiß eingegangen ist, so-
lange bestimmte tabuisierte Themen nicht angegriffen werden.
Nur so ist zu erklären, daß auch die Friedensinitiativen nicht von
vornherein ein existentielles Konfliktverhältnis gegenüber der
Staatsmacht annehmen, sondern teilweise von der Möglichkeit ei-
ner offiziellen Duldung oder gar einer begrenzten Kooperation
überzeugt sind. Zwar ist man sich bewußt, daß die unabhängigen
Friedensinitiativen jederzeit zu illegalisieren sind, doch appelliert
man sozusagen an das staatliche Eigeninteresse, daß ein solcher
Entschluß »gleichzeitig ein großer Schlag gegen die westliche
Friedensbewegung [wäre], die den militaristischen Kräften dort
eine machtvolle Propagandawaffe liefert, um die öffentliche Mei-
nung zu beeinflussen«.47
Mit dem offiziellen »Nationalen Friedensrat«, der eine weniger
dogmatische Position einnimmt als ähnliche Institutionen in an-
deren osteuropäischen Staaten, hält man sogar eine Zusammenar-
beit für möglich, weil es viele gemeinsame Ziele gebe. Die Unter-
scheidung sei eher eine des Vorgehens, denn der »Friedensrat« sei
»ein bißchen schwerfällig und bürokratisch, und das schreckt die
Jugend ab«.48
Solche Hoffnungen werden vor allem von jenen gehegt, die sel-
ber aus staatlichen Organisationen wie dem Jugendverband
»KISZ« kommen und einen Konflikt mit dem Staat scheuen. Daß
auf seiten der Behörden allerdings wenig Bereitschaft zu einer
Kooperation besteht, die die Eigenständigkeit der ungarischen
Friedensinitiativen toleriert, konnten diese nicht nur während der
Verhandlungen um Versammlungsräume und öffentliche Aktio-
nen feststellen, sondern auch in dem Statement der marxistischen
Philosophin Eva Ancsel auf der »Dialog«-Sitzung am 27. Juli.
Diese drückte dort ihr Mißtrauen gegenüber dem spontanen Cha-
rakter der Initiativen aus und verlangte, daß jede Friedensbewe-
gung sich die Frage stellen müßte, welcher Seite sie sich zuordnet:
dem Sozialismus oder dem Kapitalismus. Für sie sei die Erhaltung
des gegenwärtigen Status quo vorrangig, was auch die Drohung
mit Atomwaffen einschließe. J alta sei kein Gegenstand der De-
batte, und wenn das Auftreten der Friedensbewegung die euro-
päische Ordnung destabilisieren sollte, würde diese damit genau
das Gegenteil dessen bewirken, was sie möchte: Anstelle eines
langanhaltenden Friedens würde ein Krieg wahrscheinlicher.
Hoffnungen auf eine Kooperation in der Freidensfrage mit offi-
ziellen Vertretern werden darum auch von einem Teil der Frie-
densengagierten für völlig illusorisch gehalten. Der einzig realisti-
sche Weg sei die Verbreiterung der Friedensdiskussion über die
unabhängige Samisdat-Öffentlichkeit. Eine wirklich unabhängige
Zeitschrift könne nur in diesem Rahmen erscheinen, denn die
staatliche Seite sei nicht bereit, dieser Bewegung zum Durchbruch
zu verhelfen:
»Das Maximum ist eine Tolerierung durch die Polizei, aber Restriktionen
durch die Schulen oder Firmen, wo diese Leute arbeiten, sind zu erwarten.
Das ist das normale Niveau der Repression im heutigen Ungarn. Es ist
zwar auf sein liberales Image in der westlichen Welt angewiesen, aber das
ist kein Grund, Freundschaft zu schließen zwischen diesen Bestrebungen
und der staatlichen Friedenspropaganda, die nur zur Unterstützung der
sowjetischen Friedensvorstellungen ins Leben gerufen wurde, also eine
Art Propagandaabteilung der Roten Armee ist.«49
34
1
In der Tat sind bislang alle Kooperationsversuche mit offiziellen
Institutionen gescheitert oder zum Schaden der unabhängigen
Friedensinitiativen ausgegangen. Zwar wurde unter dem Ein-
druck der unerwarteten Basisaktivitäten zu Beginn des Jahres
1982 die Führung des »Nationalen Friedensrates« mit einer
Gruppe junger Funktionäre neu besetzt, doch Zweck dieser Ver-
änderung scheint eher zu sein, effektiver im Sinne des Integra-
tionskonzepts des »1\adarismus«5o reagieren zu können.
5. Das Verhältnis zur Opposition
Die neue Friedensbewegung läßt sich vom oppositionellen Um-
feld nicht trennen, in dem sie - zum Teil wider eigenen Willen-
agiert. Von Bedeutung sind nicht nur personelle Überschneidun-
gen oder das politische Selbstverständnis einiger Friedensaktivi-
sten, sondern auch der intellektuelle Einfluß, der von der rasch
expandierenden »zweiten Öffentlichkeit« und von einzelnen Op-
positionellen wie Andras Hegedüs, den Schriftstellern Mikl6s
Haraszti und György Konrad sowie einigen anderen Intellektuel-
len ausgeht. In der im Untergrund erscheinenden Zeitschrift Bes-
zelö, deren Mitherausgeber Haraszti ist, wurden wiederholt Bei-
träge und Dokumente zur Friedensdiskussion veröffentlicht
51
,
wobei besonderes Augenmerk auf die bis dahin kaum bekannten
Auseinandersetzungen mit dem Pazifismus innerhalb der katholi-
schen Kirche gerichtet wurde. Die Hauptdokumente der europäi-
schen Friedensbewegung wurden ebenfalls übersetzt und verbrei-
tet, der Aufruf der »Russell-Peace-Foundation« ebenso wie der
»Berliner Appell«.
Im August 1982 stellten sich Mikl6s Haraszti, der von den Be-
hörden bereits 1966 wegen nichtoffizieller Aktionen gegen den
amerikanischen Krieg in Vietnam belangt wurde, und der Sohn
des 1949 in einem stalinistischen Schauprozeß hingerichteten un-
garischen Außenministers, Laszl6 Rajk, mit Flugblättern in der
Budapester Einkaufsstraße Vaci-utca auf, um sie an Passanten und
an die Teilnehmer eines internationalen Friedensmarsches zu ver-
teilen, denen die ungarische Regierung einen offiziellen Empfang
bereitete. Mehrere Polizisten versuchten, die Aktion zu unterbin-
den, und nahmen die Personalien der beiden auf, wagten jedoch
nicht, sie festzunehmen. In dem »an die Teilnehmer des Friedens-
marsches '82« gerichteten Flugblatt hatten Haraszti und Rajk ge-
schrieben:
»Sie wurden eingeladen, um den friedliebenden Charakter der Politik der
ungarischen Regierung zu bezeugen. Sie müssen hingegen wissen, daß
viele Ungarn die Friedensbemühungen ihres Landes bemängeln, zugleich
aber nicht das Recht haben, ihre Unzufriedenheit darüber auszudrük-
ken.
Unsere Regierung hat 1968 an der militärischen Okkupation der Tsche-
choslowakei teilgenommen, heute unterstützt sie die polnische Militärdik-
tatur. ( ... ) Die Presse darf die Armee keiner Kritik unterziehen. In Un-
garn sind Hunderttausende ausländischer Soldaten stationiert, und unsere
Regierung versucht nicht einmal, als Partner an den Wiener Verhandlun-
gen zur Reduzierung der Waffensysteme in Mitteleuropa teilzunehmen.
Unsere Nachbarn sind befreundete Staaten, dennoch werden in diesem
Land sowjetische Offensivraketen installiert. ( ... )
Wir bitten Sie, werden Sie nicht zum Werkzeug eines Mißbrauchs im
Namen des Friedens. Vergessen Sie nicht: es gibt keinen Frieden ohne
Freiheit! «52
Trotz dieser bemerkenswerten Aktivitäten ist es innerhalb der
Friedensinitiativen mehrfach zu Diskussionen über ihr Verhältnis
zu den oppositionellen Intellektuellen des Landes gekommen.
Die Mehrheit der Friedensengagierten ist der Meinung, daß eine
allzu große Nähe zu diesen Kräften schädlich sei, und ist überein-
gekommen, sich auch öffentlich von ihnen abzugrenzen:
>,Die Versuche der Oppositionellen, prominente Plätze innerhalb der ent-
stehenden Friedensbewegung zu gewinnen, könnte für die Bewegung sel-
ber von großer Gefahr sein. Wenn die Bewegung damit identifiziert wird,
in erster Linie oder selbst in zweiter Linie eine Bewegung der politischen
Opposition zu sein, würde dies mit Sicherheit einen Rückgang der Unter-
stützung durch breite Bevölkerungskreise bedeuten. ( ... ) Kurz gesagt:
Die neue Friedensbewegung muß allen Kräften aus dem Weg gehen, die
nicht selber den Charakter von Massenunterstützung haben.«53
Diese Abgrenzung fällt insofern nicht sonderlich schwer, als die
überwiegende Mehrheit der Oppositionellen der neuen Friedens-
bewegung skeptisch oder sogar ablehnend gegenübersteht und
sich an einer Zusammenarbeit nicht interessiert zeigt. Seit die
Friedensdiskussion begonnen hat, äußerten viele lntellektuelle
wiederholt die Auffassung, daß derartige Aktivitäten nur der so-
wjetischen Seite zugute kämen - gleichgültig, in welchem Lande
343
sie geführt würden. Ein realpolitischer Einfluß auf den östlichen
Machtblock sei ausgeschlossen; deshalb könnten solche Initiati-
ven, wenn überhaupt, in Europa nur die westliche Position
schwächen, was kaum im Interesse der ohnehin politisch ohn-
mächtigen Opposition in Osteuropa liege. Zudem äußerten sie
ihre Kritik an jener Art von Entspannungspolitik, wie sie in West-
europa vor allem von der Sozialdemokratie praktiziert würde,
deren Zurückhaltung besonders nach Verhängung des Kriegs-
rechtes in Polen in weiten Kreisen Empörung hervorrief. Insge-
samt gesehen kristallisiert sich die Diskussion innerhalb der Op-
position an gänzlich anderen Punkten als an der Friedens-
frage.
54
Die Zurückhaltung der ungarischen Dissidenten rührt vor allem
auch aus der Kritik an der westlichen Friedensbewegung, was von
Sand6r Radn6ti auf der »Dialog«-Konferenz am 27. Juli 1982
nochmals unterstrichen wurde. Nach seiner Auffassung ist diese
starke Bewegung lediglich Ausdruck der Angst vor dem Atom-
krieg seitens des westlichen Kleinbürgertums. Unter Hinweis auf
das Desinteresse an Menschenrechtsverletzungen in Polen oder
der CSSR, an denen sich letztendlich entscheide, wie bedeutungs-
und hoffnungsvoll die Abrüstungsbewegung für die Menschen in
Osteuropa sei, warf er der westlichen Friedensbewegung vor, sich
von der Außenwelt zu isolieren. Für eine östliche Friedensbewe-
gung sei es höchst wichtig, eine Kritik der gegenwärtigen westli-
chen vorzunehmen, eine wirkliche schöpferische Bewegung für
den Frieden könne in erster Linie ·wohl nur in Osteuropa wach-
sen.
Grundsätzlich umstritten - sowohl innerhalb der neuen Frie-
densbewegung als auch zwischen ihr und der Opposition - ist
auch die Frage, was denn nun eigentlich Vorrang habe: die Ab-
wehr eines wahrscheinlicher gewordenen Nuklearkriegs oder die
emanzipatorischen Ziele der Menschenrechtsbewegung. Ein Teil
der Aktiven vertritt die Auffassung, daß die menschliche Existenz
überhaupt auf dem Spiel stünde und darum die Friedensfrage vor
allen anderen Forderungen Priorität habe.
»Der Slogan >Frieden und .Freiheit< ist stichhaltig, jedoch nicht im Sinne
der Opposition. Was in diesem Kontext mit Freiheit gemeint ist, ist die
Freiheit, unser Schicksal im Hinblick auf die nukleare Katastrophe in die
Hand zu nehmen. Das Band, das die Friedensbewegung vereint, ist der
Wunsch nach einem dauerhaften Frieden.«55
344
Allerdings kommt man von diesem Ausgangspunkt wiederum zu
solchen Schlüssen, die jenen der Opposition nahe verwandt
sind:
»Der blockübergreifende Dialog wird dazu beitragen, die ideologische
Rigidität des Ostens zu durchkreuzen. Überall in Europa besteht eine
große Nachfrage nach größerer Offenheit des Austausches, sowohl der
Menschen als auch der Ideen. Langfristig reicht es nicht aus, nur auf Ab-
rüstung zu zielen ( ... ) Der Rüstungswettlauf ist nur ein Glied in der
Kette, und wir müssen ebenso gegen militaristische und faschistische Ten-
denzen ankämpfen.,,56
Damit ist man, ohne es zu wissen, der Einschätzung von Oppo-
sitionellen wie Mikl6s Haraszti durchaus nahegekommen, der
jene Distanz zwischen Opposition und Friedensbewegung nicht
für unabänderlich hält.
»Wie in allen osteuropäischen Ländern ist die Friedensbewegung in Un-
garn immer auch eine Menschenrechtsbewegung, schon deshalb, weil in
unserem politischen System eine unabhängige Meinungsäußerung einfach
nicht legal ist ( ... ) Sie ist damit auch eine Bewegung gegen die herrschen-
den Kontrollmechanismen der Meinungsäußerung, also, wenn Sie so wol-
len, eine Bewegung für Meinungsfreiheit.,P .
Fazit
Das Phänomen des unabhängigen Friedensengagements in Un-
garn ist neu und lange nicht so ausgereift wie in der DDR. Aus-
sagen über die Perspektiven sind schwer. Zu dem Mangel an in-
nerer Klarheit und Abgeschlossenheit mag auch beitragen, daß
hinter den ungarischen Initiativen nicht allein die Sorge um den
Frieden steht, sondern sie wesentlich auch Ausdruck der innen-
politischen (bzw. innerkirchlichen) Verhältnisse sind. Die poli-
tisch ohnmächtige Gesellschaft sucht nach Artikulationsmöglich-
keiten gegenüber dem politischen Monopol des Staates und findet
sie gerade beim Friedensthema, das wie kein anderes in einen
ideologischen und internationalen Kontext eingeschlossen ist, der
die staatliche Gegenwehr beträchtlich erschwert. In dieser Hin-
sicht ähnelt die Situation derjenigen in der DDR, doch die jewei-
ligen nationalen Bedingungen führen zu anderen Ausformun-
gen.
345
Anders als in der DDR kristallisiert sich die Bewegung nicht
vorwiegend im kirchlichen Schutzraum, sondern ist gewisserma-
ßen in einen säkularen und einen religiösen Teil gespalten, dessen
Verschmelzung der Bewegung in der DDR ja gerade ihre beson-
dere Kraft gibt. Zudem fehlt jede (staatlich anerkannte) vermit-
telnde Instanz, die, wie die evangelischen Kirchenleitungen in der
DDR, das Friedensengagement in Schutz nimmt und einzelne
Forderungen daraus sogar zum Verhandlungsgegenstand in   e ~
sprächen mit dem Staat macht. Schließlich kann die Friedensbe-
wegung auch nicht auf jene Tradition des hartnäckigen Wider-
standes gegen die (Re-)Militarisierung des Landes zurückgreifen,
wie sie für die DDR kennzeichnend ist, sondern ist sozusagen
über Nacht und teilweise aufgrund eines äußeren Anstoßes und
eines innenpolitischen Vakuums entstanden. Möglicherweise ent-
scheidend für die weitere Entwicklung wird sein, ob religiöse und
säkulare Gruppen Formen der Zusammenarbeit finden und damit
jenes produktive Wechselverhältnis zwischen christlicher Ethik
und politischer Vernunft entsteht wie in der innerkirchlichen
Friedensdiskussion der DDR.
Auf der anderen Seite formiert sich diese Bewegung in einer
Situation relativer innenpolitischer Freizügigkeit, was dazu führt,
daß sie selbstverständlicher und selbstbewußter (in ihren säkula-
. ren Teilen) mit dem Anspruch auftritt, eine politische Bewegung
zu sein. Im Vergleich zur DDR ist der Druck, die eigenen Vor-
stellungen so weit an die herrschenden Normen anzupassen, daß
sie einfach nicht mehr ausgegrenzt werden können, weniger stark
und wird zusätzlich relativiert durch die kleine, aber funktionie-
rende zweite politische Öffentlichkeit der Opposition. Zugleich
bleibt ein direktes Eingreifen der staatlichen Macht bislang un-
wahrscheinlich, weil der »Kadarismus« integrativere Methoden
vorzieht. Für die Friedensbewegung könnte dies bedeuten, daß
ihr Spielraum derzeit immerhin so groß ist, daß sie an jener inne-
ren Verfestigung und Verbreiterung bauen kann, die ihr bislang
noch fehlt.
Anmerkungen
I Diese Feststellung machte Mikl6s Haraszti   1982 in einem
Interview mit Klaus Ehring. Der vollständige Wortlaut ist veröffent-
lich in: die tageszeitung, 25. 8. 1982, S. 9.
2 »Für ein atomwaffenfreies Europa« - Aufruf der Bertrand-Russell-
Peace-Foundation, in: Alfred Mechtersheimer (Hg.), Nachrüsten?
Dokumente und Positionen zum NATO-Doppelbeschluß, Reinbek
bei Hamburg 1981, S. 257.
3 Auf den Begriff »die neue Friedensbewegung« einigt sieb ein Papier
aus dem Friedenskreis an der Universität Budapest, weil er eine Ab-
grenzung gegenÜber den staatlichen Aktivitäten enthalte und zu-
gleich am »wertneutralsten" sei: Ferenc Köszegi, The Making of the
New Peace Movement in Hungary, BudapestJuli 1982 (unveröffent-
licht), S. 2. .
4 Vgl. dazu Klaus EhringlMartin Dallwitz, Schwerter zu Pflugscharen.
Friedensbewegung in der DDR, Reinbek bei Hamburg 1982, S. 31
und S. 56 ff.
5 Ebenda, S. 14 ff.
6 Ebenda, S. 57 f.
7 Vgl. dazu Maria Raksay, DiejIndifferenziertheit von Kirche und
Staat in Ungarn vor dem Zweiten Weltkrieg, in: Concilium, Heft
4h982, S. 221-224.
8 Francois Fejtö, Die Geschichte der Volksdemokratien, Bd. I Die Ära
StaUn 1945-1953, Graz-Wien-Köln 1972, S. 397 ff.
9 Der Text des »Übereinkommens« wird zitiert in: Andras Emme-
rich/Julius Morel, Bilanz des ungarischen Katholizismus, München
1969, S. 83 ff.
10 Die nach 1956 in »Ka1;holisches Komitee des Landesfriedensrates«
(OBKB) umbenannte »Friedensbewegung katholischer Priester« ist
in die »Patriotische Volksfront« integriert und soll als Transmissions-
riemen des Staatlichen Kirchenamtes unter den Katholiken Ungarns
für die Kirchen- und Friedenspolitik der sozialistischen Volksrepu-
blik aktiv eintreten. Drei Mitglieder des OBKB sind Abgeordnete im
Landesparlament. Das OBKB unterstützt die Zielsetzungen des von
der UdSSR gelenkten »Weltfriedensrates« und arbeitet eng mit ähn-
lichen Gruppierungen. von Priestern und Laien vor allem in der
DDR, der CSSR und In Polen zusammen.
11 Tamas Nyiri, Wie leben die ungarischen Priester?, in: Teol6gia (Bu-
dapest), 3h972, S. 182-189.
12 Zitiert in: Deutsches Pfarrerblatt, 82. Jg., Heft 2 (Februar) 1982,
S.66f.
13 Allgemein zu den ungariseben Basisgruppen vgl. Hans-Hermann
Hücking, Katholische Basisgruppen in Ungarn, in: Hubert Franke-
347
mölle (Hg.), Kirche von unten. Alternative Gemeinden, Mainz-Mün-
chen 1981, S. 189-2II; Mik16s Tomka, Die Tradierung des Glaubens,
in: Concilium, Heft 4h982, S. 280-283; Konflikte in der ungarischen
Kirche um zwei unterschiedliche Pastoralkonzepte, in: Pressedienst
des Ungarischen Kirchensoziologischen Instituts - UKI (Wien),
Nr. 22 Oanuar 1982).
14 Pater György Bulanyi wurde bereits in den fünfziger Jahren die - bis
heute nicht aufgehobene - staatliche Erlaubnis zur Ausübung seiner
Berufstätigkeit entzogen; wegen »illegaler Betätigung« saß er zehn
Jahre im Gefängnis.
15 Zitiert nach Pressedienst - UKI (s. Anm. 13), S. 5.
16 In Ungarn als Gesetzesverordnung Nr. 8h976 in Kraft getreten.
17 Nepszabadsag, 20. 2. 1982.
18 § 347 SGB besagt: Wer den Militärdienst verweigert, begeht ein Ver-
brechen und wird mit Freiheitsverlust von ein bis fünf Jahren, in
Kriegszeiten von zehn Jahren bis lebenslänglich oder mit dem Tode
bestraft.« in: Ungarisches Amtsblatt, 31. 12. 1978. Allerdings wird
seit einigen Jahren den Mitgliedern der Religionsgemeinschaft der
»Nazarener« die Möglichkeit eingeräumt, einen waffenlosen Dienst
innerhalb der Armee zu leisten. Vgl. dazu Hans-Hermann Hücking,
Christliche Motive anerkannt, jI: Publik-Forum, Nr. 9h978, S. 14.
19 Katholische Presse Agentur (Wien), 24.9.1981 (Nr. 184), S. 5 f.
20 Die Rede, um die es hier geht, hielt Kardinal Lekai am 6. 9. 1981 in
Esztergom anläßlich der 125-Jahrfeier der Einweihung der dortigen
Basilika, der katholischen Hauptkirche, Ungarns" und wurde am
20.9. 1981 in uj ember abgedruckt.
21 uj ember (Budapest), 11. 10. 1981.
22 Mit dem »Bericht« der theologischen Kommission setzt sich kritisch
auseinander: Jenö Romai, Mußten die Bischöfe handeln?, in: Vater-
land (Luzern), 24. 4. 1982.
23 Abgedruckt in dem Samisdat-Organ der ungarischen Opposition
Beszelö, Nr. 2/r982.
24 Mikl6s Haraszti (s. Anm. I).
25 Beszelö, Nr. 3/r982.
26 Beszelö, Nr. 2/r982.
27 Ferenc Köszegi, New Realism or Nuke-Realism, Budapest Juli 1982
(unveröffentlicht), S.4 (hier wie auch die folgenden Zitate: eigene
Übersetzung).
28 Interview mit Istvan Bernat, Mitglied des Friedenskreises an der Uni-
versität Budapest, von Klaus Ehring, in: atomwaffenfreies Europa,
Nr. 3, Oktober 1982, S. 31 f:
29 Entspannungspolitik und innerer Wandel in Osteuropa. Interview mit
Andras Hegedüs, in: links Nr. 137 (September 1981), S. II f.
30 Das Interesse für die Friedensproblematik überwiegt in den relativ
gebildeten Schichten, vgl. Interview mit Mikl6s Haraszti
(s. Anm. I).
31 Ferenc Köszegi, The Making of the New Peace Movement in Hun-
gary (s. Anm. 3), S. 1.
32 Ebenda, S. 3.
33 Interview mit Istvan Bernat (s. Anm. 28), S. 2.
34 Ferenc Köszegi, The Making ofthe New Peace Movement in Hun-
gary (s. Anm. 3), S. 3.
35 Vgl. den anonymen Bericht eines ungarischen Friedensaktivisten in:
atomwaffenfreies Europa, Nr. 3, Oktober 1982, S. 32 ff.
36 Studenten sind in Ungarn nur zu einem elfmonatigen Wehrdienst
verpflichtet, auf den nach dem Studium noch weitere sechs Monate
folgen.
37 Az Enyhälesert, Budapest 1981, S. 13.
38 Ferenc Köszegi, New Realism or Nuke-Realism (s. Anm. 27), S. 5.
39 Interview mit Mik16s Haraszti (s. Anm. I).
40 Ferenc Köszegi, The Making of the New Peace Movement in Hun-
gary (s. Anm. 3), S. 7.
41 Ebenda, S. 9.
42 Ebenda, S. 8.
43 Ebenda, S. 8.
44 Interview mit Istvan Bernat (s. Anm. 28).
45 Mih:ily Vajda, La stratocratie - aux yeux d'un Centre-est Europeen,
Budapest 1982 (als Samisdat veröffentlicht).
46 Cornelius   La guerre, Paris 1981.
47 Ferenc Köszegi, The Making of the New Peace Movement in Hun-
gary (s. Anm. 3), S. 6.
48 Ebenda, S. 5.
49 Interview mit Mikl6s Haraszti (s. Anm. I).
50 Ferenc Feher, »Kadarismus«. Analyse des tolerantesten Blocklandes
Osteuropas, in: Ferenc Feher/Agnes Heller, Diktatur über die Be-
dürfnisse, Hamburg 1979, S. II9-157.
5 I Dort erschien auch eine ungarische Übersetzung des Aufsatzes von
Hans-Hermann Hücking über die Friedensbewegung in der DDR,
die in Ungarn mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wird (Hans-Her-
mann Hücking, Christen in der DDR auf der Suche nach Frieden, in:
wiener tagebuch (Wien), Heft ro1r981, S. 12 f.
52 Der vollständige Wortlaut des Flugblattes findet sich in: gegenstim-
men, Nr. 9, Oktober 1982, S. 29·
53 Ferenc Köszegi (s. Anm. 3), S. 5 und S. 7.
54 So bezeichnete. der Mitherausgeber der Samisdat-Zeitschrift Besze/ö,
Janos Kis, in Nr. 3 (Juli 1982) als wichtigste Ziele der nächsten Zeit:
I. Schaffung einer neuen und klareren Ideologie der Opposition,
2. Vertiefung und stärkere Verbreitung der oppositionellen Tätigkeit
349
(Samisdat), 3. ausführliche Analyse der polnischen Ereignisse.
55 Ferenc Köszegi (s. Anm. 3), S. 5 f.
56 Ebenda, S. 8.
57 Interview mit Milcl6s Haraszti (s. Anm. I).
Information
I. Berghof Stiftung für Konfliktforschung
Aufruf zur Unterstützung der Friedensforschung in der
Bundesrepublik
Die offiziell geförderte Friedensforschung der Bundesrepublik ist nach
kaum mehr als 10jähriger Förderung in eine politische und institutionelle
Krise geraten (vgl. im einzelnen und zu den Hintergründen Friedensana-
lysen 16, S. 158 und S. 161 ff.) Vielleicht kann diese bedauerliche Tendenz
noch angehalten werden, wenn alle diejenigen, die den Wert der Friedens-
forschung für Friedensbewegung und Friedenspolitik erkannt haben, ihre
Stimme erheben. Dennoch muß die Friedensbewegung sich heute realisti-
scherweise darauf einstellen, daß ihre wissenschaftlichen Quellen in den
nächsten Jahren durch Beschneidung der zur Verfügung stehenden Mittel
zu einem großen Teil versiegen werden - wenn sie nicht selbst die Exi-
stenzgrundlage dieser Forschung sichern hilft.
Die Berghof Stiftung für Konfliktforschung, 1970 von Georg Zundel
gegründet, hat in den vergangenen zehn Jahren eine Vielzahl von Projek-
ten gefördert - gerade und vor allem dann, wenn sie praktische Bedeutung
für die Friedensbewegung und die Verbreitung des Friedensgedankens
gewinnen konnten. Zu diesen Projekten gehörte - neben der kontinuier-
lichen Unterstützung der Friedensanalysen - die Entwicklung der beiden
Ausstellungen »Es ist so schön, Soldat zu sein« und »Sie nennen es Frie-
den«, die inzwischen mehrere hunderttausend Besucher gefunden haben,
die sonstigen vielfältigen praktischen Tätigkeiten der Münchner Arbeits-
gemeinschaft für Friedenspädagogik (AGFP) und des Tübinger Vereins
für Friedenspädagogik sowie eine große Anzahl von Forschungsprojekten
zur Friedenserziehung, zur Rüstungs- und Militärpolitik, zum Nord-Süd-
Konflikt und zur innergesellschaftlichen Gewalt bzw. Gewaltlosigkeit-
einschließlich der Entwicklungen innerhalb des Polizeiapparats, aber auch
im Ökologiebereich (z. B. die Erprobung einer Pilotanlage zur Erfor-
schung optimaler Bedingungen zur Biogaserzeugung in der Landwirt-
schaft.) Denn nach der Satzung ist es Aufgabe der (gemeinnützigen) Stif-
tung, Maßnahmen zu fördern, »die zur Sicherung der biologischen Exi-
stenz des Menschen und seiner natürlichen Umwelt sowie zu seinen
gesellschaftlichen und individuellen Entfaltung beitragen«. Bei der Grün-
dung wurden darüber hinaus drei Betätigungsfelder festgelegt: 1. die För-
derung praxisrelevanter theoretischer und empirischer Projekte der Frie-
dens- und Konfliktforschung, 2. die Entwicklung von Handlungsmodel-
len und ihre Überprüfung in der Praxis und 3. die Förderung von politi-
351
scher und pädagogischer Arbeit, die Konsequenzen aus diesen For-
schungsergebnissen zieht und belegbare Informationen verbreitet. Die
entsprechende Förderungstätigkeit ist dokumentiert in der Darstellung
Konfliktforschung Konkret. Ein Bericht über die Projektforschung der'
BerghofStiftungfür Konfliktforschung GmbH (I97I-I979), erarbeitet von
Eva Senghaas-Knobloch, Waldkirch (Waldkircher Verlags gesellschaft)
1980.
Die Mittel der Berghof Stiftung sind, im Vergleich zur staatlichen För-
derung der Friedensforschung, derzeit zu gering, um den Verlust wettma-
chen zu können, der durch eine potentielle Streichung der öffentlichen
Mittel entstehen könnte. Die Stiftung verfügt aber über intakte und gut
eingespielte Einrichtungen:
I. Der Stiftungsrat, bestehend aus
Prof. Dr. Ulrich Albrecht und Prof. Dr. Theodor Ebert, FU Berlin;
Dr. Jürgen Heinrichs, Starnberger Institut zur Erforschung globaler
Strukturen, Entwicklungen und Krisen e. V.; Prof. Dr. Dietrich v. Holst,
Universität Bayreuth; Prof. Dr. Klaus Horn, Sigmund-Freud-Institut,
Frankfurt/M.; Prof. Dr. Horst Rumpf, Universität Frankfurt/M.;
Prof. Dr. Dieter Senghaas (Vorsitzender des Stiftungsrates), Universität
Bremen; Prof. Dr. Ernst v. Weizsäcker, Universität Kassel, derzeit USA;
Prof. Dr. Georg Zundel, Universität München; Dr. Reiner Steinweg
(Schriftführer), Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung,
Frankfurt/M.
repräsentiert vielfältige wissenschaftliche Kompetenzen: N aturwissen-
schaften, Politologie' und Ökonomie, Psychologie und Soziologie, Päd-
agogik. Er entscheidet anhand schriftlicher Förderungsanträge und ist be-
reit, auch unkonventionelle Projekte zu unterstützen.
2. Ein arbeitsfähiges Sekretariat existiert im Rahmen des »Berliner Pro-
jektverbunds der Berghof Stiftung«, einer Forschungsstelle an der Freien
Universität.
Angesichts der Situation der Friedensforschung möchten wir alle dieje-
nigen, die etwas zur Unterstützung der Friedensforschung in der Bundes-
republik tun wollen, auffordern, sich an der Vergrößerung der finanziellen
Mittel der. Berghof Stiftung zu beteiligen. Die Stiftung stellt die beschrie-
benen Einrichtungen für größere (auch zweckgebundene) Spenden zur
Verfügung, so daß für die Spender kein eigerier Verwaltungs aufwand ent-
steht. Bitte setzen Sie sich ggf. mit dem Vorsitzenden oder auch ,mit einem
der übrigen Mitglieder des Stiftungsrates in Verbindung."
Prof. Dr. Dieter Senghaas
Vorsitzender des Stiftungsrates
der Berghof Stiftung,
Universität Bremen
Prof. Dr. Georg Zundel,
Gesellschafter der Berghof Stiftung,
Universität München
':. Adresse: Berliner Projektverbund der Berghof Stiftung, Wink-
352
2. Vorstellung neuer Friedensforschungs-Studien
Christian Büttner/Hans NicklaslMarga Orban-PlasalÄnne
OstermannlUte Volmerg
Gewalt in der Familie
Die Forschungsgruppe »Politische Psychologie/Friedenserziehung« der
Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) beteiligte
sich an einer Ausschreibung des nordrhein-westfälischen Ministeriums für
Arbeit, Gesundheit und Soziales zu einem Forschungsvorhaben unter
dem Thema »Gewalt in der Familie«. Mit der vorliegenden Studie legt die
Forschungsgruppe Ergebnisse eines mittelbaren empirischen Zugangs -
Falnilienrollenspiele von Kindern und Erwachsenen - vor und stellt die
Konflikte aus der Sicht der am härtesten Betroffenen, der Kinder, in den
Mittelpunkt.
Der Forschungansatz der HSFK geht davon aus, daß sich Gewalt und
Gewalterfahrungen in nahezu jeder Alltagsszene widerspiegeln müssen,
also auch in den täglichen Rollenspielen der Kinder (wie der Erwachse-
nen). Es kommt allerdings darauf an, wie und vor allem wie genau man
sich auf diese Alltagsprozesse einläßt. Der Ansatz geht weiter davon aus,
daß Gewalt erst am Ende eines Prozesses in Erscheinung tritt. Von daher
lag es nahe, Gewalt in der Familie als »Geschichte der Gewalt« zu begrei-
fen und zu untersuchen.
Der Bericht beginnt mit einem Problemaufriß, der grundlegende Fragen
sozialwissenschaftlicher und politischer Art sowie einige Ergebnisse bis-
heriger Forschung zur familialen Gewalt vorstellt. Dieser Aufriß knüpft
am vorherrschenden Verständnis von Opfern und Tätern in der Familie an
und begründet die besondere Aufmerksamkeitsrichtung der Untersu-
chung, die den Prozeßcharakter familiärer Gewalthandlungen hervorhebt.
Im zweiten Teil der Studie werden die Ergebnisse der Untersuchung dar-
gestellt und diskutiert sowie Anhaltspunkte für sozialpolitische Konse-
quenzen gegeben: Der Kreislauf der Gewalt resultiert aus der» Verschlep-
pung« unerledigter Konflikte von einer Situation zur nächsten, einer Le-
bensphase zur nächsten, schließlich von einer Generation zur anderen.
Aus ihrer jeweiligen Perspektive sind alle Familienmitglieder an den Pro-
lerstr.4a, 1000 Berlin 33, Tel. 030/8 928 009. Über diese Adresse
kann in Einzelfällen auch der oben angeführte Bericht über die bis-
herige Förderungstätigkeit von Eva Senghaas-Knoblöch angefordert
werden.
Bankverbindung: Berghof Stiftung für Konfliktforschung GmbH,
Baden-Württembergische Bank Heilbronn, BLZ 62030050, Konto
Nr. 700 II7 5400
353
zessen beteiligt, die schließlich zur Gewalt führen, auch ihre augenschein-
lichen Opfer. Um Gewalt in der Familie zu vermindern, genügt es nicht,
nach den »Schuldigen« zu suchen, seien es die Männer, die Mütter oder die
gesellschaftlichen Verhältnisse; vielmehr kommt es darauf an, die meist im
verborgenen ablaufenden Prozesse ans Tageslicht zu bringen und damit
im Spannungsfeld zwischen der Kraft des einzelnen Familienmitglieds
und seiner Kränkbarkeit zu einer wechselseitigen Verständigung der Be-
teiligten zu kommen. Der dritte Teil der Studie gibt das empirische Ma-
terial - also den Verlauf der Rollenspiele von Eltern und Kindern zu
typischen Familienkonflikten - wieder, das jeweils einer detaillierten In-
terpretation unterzogen wird.
Die Studie wird im Herbst 1983 im Kösel-Verlag, München erschei-
nen.
Wolfgang Lienemann
Gewalt und Gewaltverzicht.
Studien zur abendländischen Vorgeschichte der gegenwärtigen
Wahrnehmung von Gewalt
Die hier angezeigte Arbeit geht auf Vorarbeiten im Rahmen eines von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts über
»Die gewaltsame Transformation sozialer Systeme als Problem der Frie-
densforschung« zurück, aus dem u. a. auch die Studie von Vladimir
Horsky, Prag I968, Systemveränderung und Systemverteidigung (Stutt-
gart/Müchen: Klett-Kösel) hervorgegangen ist. Alle diese Studien verste-
hen sich als Beitrag zur Klärung historischer und vor allem systematischer
Voraussetzungen der heutigen theologisch-ethischen Urteilsbildung in
der Frage: Wie stehen Christen und Kirchen zu Gewalt und Gewaltver-
zicht? Das heutige Verhältnis der Kirchen zur legitimen Gewalt des Staa-
tes, ihre Stellung zu revolutionären Entwicklungen in der Dritten Welt
und die Auseinandersetzungen um die Beteiligung von Christen an Krieg
und militärischer Friedenssicherung (vgl. dazu den Beitrag des Verfassers
in Friedensanalysen 12 zum »gerechten Krieg«) sind nicht verständlich
ohne die Klärung einiger Grundentscheidungen in der Christentumsge-
schichte, die bis in die Gegenwart normative Kraft entfalten. Unter diesem
Gesichtspunkt sind die exemplarischen Positionen ausgewählt, die der
Verfasser interpretiert. Die neutestamentlichen Traditionen des in J esu
Worten und Leben grundgelegten Gewaltverzichts, die gleichzeitige be-
grenzte Anerkennung der Ordnungen dieser Welt, die freilich ihrem Ge-
richt entgegengehen, bilden dabei den Ausgangspunkt. Hinsichtlich der
mittelalterlichen Gewalterfahrungen wird nicht zuletzt das Gegenüber
von geistlicher und weltlicher Gewalt herausgearbeitet, um eine Dimen-
sion der traditionellen Begrifflichkeit in Erinnerung zu rufen, die der Ge-
genwart..., zu ihrem Schaden - kaum noch bewußt ist. Unumgänglich sind
354
natürlich die Auseinandersetzungen mit dem Gewaltverständnis der Re-
formatoren (besonders Luthers) und, im Blick auf die Grundlegung jeder
Rechtsstaatstheorie, mit dem Entwurf Kants, dessen Gewaltbegriff als
Klammer zwischen der Philosophie der Natur und der Philosophie der
Freiheit alle späteren EntWürfe aufs nachhaltigste geprägt hat; Walter Ben-
jamins Kritik der Gewalt steht ganz in dieser Tradition.
Die Studie fragt nach beispielhaften Gewalterfahrungen und -begriffen;
sie strebt keine Vollständigkeit an in der Erörterung einzelner Positionen.
Dabei liegt der Akzent vor allem auf durchgehenden Problemstellungen
wie z. B. der Tradition der - verschiedenen - Lehren vom »gerechten
Krieg« oder der Wirkungsgeschichte der jesuanischen Weisung der Fein-
desliebe. Beide Traditionslinien finden immer wieder in neuen Konstella-
tionen zusammen, und zugleich läßt sich zeigen, wie jeweils den über-
kommenen Vorstellungen und Begriffen von Gewalt und Gewaltverzicht
neue Bedeutungsschichten zuwachsen können (z. B. Gewalt aufgrund
ökonomischer Abhängigkeitsbeziehungen, die im Marxschen Gewaltbe-
griff zentrale Bedeutung gewinnen).
Grundlegend für die Untersuchung ist freilich die Orientierung an der
spezifischen Gewaltwahrnehmung und -beurteilung durch Christen und
Kirchen, deren Gott für sich und alle, die ihm nachfolgen, den Weg der
Ohnmacht und der Wehrlosigkeit gewählt hat. Die Untersuchungen ge-
langen in diesem Horizont nicht zu einer prinzipiellen und abstrakten
Forderung nach einem den Christen gebotenen Gewaltverzicht, aber sie
versuchen die Frage dringlich zu machen, ob es gute, d. h. christusgemäße
Gründe sein können, die es erlauben, Gewaltanwendung zu rechtferti-
gen.
Das Buch, dem die Heidelberger theologische Dissertation des Verfas-
sers zugrunde liegt, ist 1982 im Christian Kaiser-Verlag, München, er-
schienen (Forschungen und Berichte der Evangelischen Studiengemein-
schaft, Band 36).
Wolf gang Hertle
Larzac I97I-I98I. Der gewalt freie Widerstand gegen die
Erweiterung eines Truppenübungsplatzes in Süd-Frankreich
Die Arbeit skizziert zunächst Lage und Geschichte von Larzac, u. a. die
konservativ bäuerlicher Kultur, welche eher Bedingungen für Anpassung
zu schaffen scheint als dafür, sich zu wehren oder gar gegen die Staatsge-
walt Widerstand zu leisten. Es zeigt sich jedoch, daß gerade dieses kon-
servativ-katholisch-bäuerliche Milieu unter besonderen Bedingungen
auch in eigenartiger Weise widerstandsfähig macht. Zu den ökonomi-
schen, politischen und auch ethnographischen Faktoren, welche die Situa-
tion auf dem Larzac bestimmen, zählt indessen auch ein seltsames Ge-
misch von Altbauern und neuen »Pionierbauern«, die in der ersten Phase
355
des Widerstands gegen die Erweiterung des Truppenübungsplatzes eine
initiierende Rolle spielen und bis zum Ende wichtige Repräsentanten blei-
ben.
Auf eine Beschreibung der militärischen Gründe für die geplante Aus-
weitung des Truppenübungsplatzes folgt eine minutiöse Nachzeichnung
der mehr als zehnjährigen, an Krisen und dramatischen Umschwüngen
reichen Geschichte dieses mit dem Regierungswechsel in Paris letztlich
erfolgreichen Widerstandes. Akteure, Ereignisse und Mittel werden in
ihrer wechselseitigen Verflechtung dargestellt. Als Akteure werden nicht
nur die Bauern vorgeführt, die sich zu einer Schwurgemeinschaft der
Hundertunddrei zusammengetan haben, sondern auch die Regierungsver-
treter, die politischen Repräsentanten der Region, die Vertreter der katho-
lischen Kirche und nicht zuletzt die nahen und fernen Sympathisanten -
von der gewaltfreien Gemeinschaft »Die Arche« (seit längerem am Rande
des Larzac angesiedelt) bis hin zu den Maoisten, die allemal in Gefahr
waren, die Bauern nur zum Anlaß ihrer Stellvertreterpolitik zu machen.
Die Ereignisgeschichte zeigt eine Eskalation der Konfrontationen ebenso
wie den Lernprozeß, der im Bewußtsein und insbesondere in der Artiku-
lationsfähigkeit der Beteiligten erkennbar ist. Auch wird deutlich, wie der
weit über die Region ausstrahlende Konflikt seinerseits von dieser Strahl-
kraft lebte und Kontinuität erfuhr. Aber nur weil die lokale Fundierung
des Widerstands nie in Frage stand, konnte diese überregionale Legitimität
errungen werden. Sie wurde zugleich entscheidend dadurch gewonnen,
daß die Bauern rasch den politischen Zusammenhang von Zielen und Mit-
teln erkannt haben ebenso wie die Notwendigkeit, eine Isolierung des
»Falls Larzac« zu vermeiden: Die Bedeutung des französischen Waffen-
exports (dessen Verbreiterung ein Ziel beim Ausbau des Truppenübungs-
platzes war) für die weitere Unterentwicklung der Dritten Welt wurde
z. B. in zahlreichen phantasievollen und groß angelegten symbolischen
Handlungen und Aktionen stets betont. Im Zentrum des Buches stehen
diese Mittel des strikt gewaltfreien Widerstands, der hier einmal nicht
intellektuell-theoretisch vorgetragen, sondern über zehn Jahre lang gelebt
wurde. Zugleich werden dieser Widerstand und seine konkreten Motive in
die Traditionen der gewaltfreien KonfIiktaustragung eingeordnet.
Der Band zeigt exemplarisch, wie zwei Politkrealitäten aufeinanderpral-
len, die spontane Politik »von unten«, d. h. die dezentral, lokal gebundene
Politik aller Interessenten auf der einen Seite, und die Stellvertreterpolitik
großer Einheiten, vom fernen Paris gesteuert, auf der anderen Seite: das
wechselseitige Unverständnis und die diesen politischen Realitäten zu-
grundeliegenden Bewußtseins- und Verhaltensformen. Gerade bei der
Vielzahl und Verschiedenartigkeit der Unterstütz er zeigt sich, wie not-
wendig es für die Überlebenskraft des Widerstands auf dem Larzac gewe-
sen ist, daß hier zum einen scheuklappenlose Offenheit herrschte, zum
anderen aber Stellvertreterversuche keinen Boden fanden.
Das Buch ist 1982 in Kassel erschienen (Weber, Zucht & Co., Versand-
buchhandlung und Verlag GmbH).
Detlev Claussen
List der Gewalt. Soziale Revolutionen und ihre Theorien
Die umfangreiche Srudie entstammt nicht der Friedensforschung, teilt
aber mit ihr das theoretische Interesse an einer Klärung der im Alltagsbe-
wußtsein zumeist verschwommenen Grenzen zwischen Gewalt, Macht,
Unterdrückung, sozialrevolutionärer Gewalt, Rebellion und Terror. An-
spruch dieser Arbeit ist mithin, jenem Zustand abzuhelfen, den der
englische Sozialhistoriker Eric J. Hobsbawm einmal in dem Satz formu-
liert hat: »Jeder redet über Gewalt, aber keiner denkt wirklich darüber
nach.« Der Begriff der »strukturellen Gewalt« reicht dem Autor zufolge
bei weitem nicht aus. Statt dessen geht er in einer systematischen und
historischen Untersuchung der erscheinenden Gewalt in den revolutionä-
ren Prozessen seit 1789 und der sie reflektierenden Theorien den Proble-
men und Widersprüchen des historischen Sachverhalts nach und gelangt
zu dem Resultat, daß Emanzipation von gesellschaftlichen Gewaltverhält-
nissen selbst noch mittels Gewalt erfolgt - ohne sich dabei mit dem gän-
gigen Gemeinplatz zufriedenzugeben, Gewalt erzeuge wieder Gewalt.
Das besondere Augenmerk des Autors gilt den spezifischen Inhalten und
Formen dessen, was er sozialrevolutionäre Gewalt nennt und aufspürt als
produktive soziale Bewegungsform, in der sich mit der Veränderung der
Verhälmisse zugleich Lebensweise und Bewußtsein breiter Massen selbst
emanzipativ verändern.
Daß das scheinbar gewaltfreie Funktionieren der bürgerlichen Gesell-
schaft sich selbst nichts weniger als dem Sturm auf die Bastille verdankt,
reflektierte schon die idealistische deutsche Philosophie darin, daß sie Ge-
walt und Freiheit nicht einfach als einfache Gegensätze bestimmen
mochte. Kant und Hegelbegrüßten die gewaltige Französische Revolu-
tion begeistert und lehnten doch ihre Gewalt in Gestalt des jakobinischen
Terrors ab. Während Kants berühmte Schrift Zum ewigen Frieden jede
Gewalt als unvereinbar mit der Freiheit denunziert, die erst im noch her-
zustellenden und allerdings selbst auf Zwang beruhenden Zustand des
allgemeinen Rechts verwirklicht ist, formuliert Hegels Herr-Knecht-Dia-
lektik - der Claussens Arbeit zentrale Kategorien verdankt - den Kampf
auf Leben und Tod als konstitutiv für die Freiheit und Emanzipation aus
Gewaltverhältnissen.
Daran knüpft die Marxsche Theorie an. Die Kritik der politischen Öko-
nomie begreift die bürgerliche Gesellschaft als vermittelte Herrschaftsver-
hältnisse und entschlüsselt die Freiheit und Gleichheit der sich in Tausch
und Recht wechselseitig Anerkennenden als Realität und Schein zugleich.
Aus der kritischen Analyse unmittelbarer und vermittelter Herrschafts-
357
verhältnisse läßt sich jedoch, wie Claussen in Abgrenzung von jedem
Weltanschauungsmarxismus herausarbeitet, keine umfassende U1ld allge-
meine Revolutionstheorie ableiten. Wie an der Geschichte der sozialen
Emanzipationsversuche des 19. Jahrhunderts eingehend erörten wird,
stellen sich Erfahrungen gesellschaftsverändernder Praxis - anders als die
politische Revolution von 1789, die ihren sozialen Grund und ihr »Ele-
ment des Bleibens« (Hegel) im gestillten Hunger der Bauern nach Grund-
eigentum hatte - als Kette von Niederlagen dar, was sich 'auch in der
Theorie von Marx und Engels niederschlagen mußte. Erst in der Okto-
berrevoiution kamen agrarische Gewalt und revolutionäre städtische
Emanzipationsinteressen zusammen. Allerdings in widersprüchlicher
Weise, machte sich doch die List der Gewalt alsbald im roten Terror, der
zentralistischen Roten Armee und der Tscheka geltend. Nach kürzeren
Ausführungen zu den Besonderheiten der sozialen Revolution in China
und Vietnam folgt abschließend eine ausführliche Darstellung der Theorie
sozialrevolutionärer Gewalt in der antikolonialistischen Revolution, wie
sie Frantz Fanon, an Hegels     anknüpfend, in Al-
gerien entwickelt hat. ,
Auch wer die Auffassung des Autors über den emanzipativen Charakter
sozialrevolutionärer Gewalt nicht teilt, wird aus seiner theoretischen An-
strengung, Gewalt als historisch-gesellschaftliches Phänomen zu begrei-
fen, sie also weder willkürlich zu verherrlichen noch sie bloß abstrakt zu
verdammen, für die Entwicklung Und Schärfung seiner eigenen Position
viel gewinnen können.
Die Arbeit ist erschienen im Campus-Verlag, Frankfurt a. M. und New
York 1982.
Burkhard Luber
Bedrohungsatlas Bundesrepublik Deutschland
mit einem Geleitwort von Robert jungk
Seit es eine öffentliche Sicherheitsdebatte in der Bundesrepublik gibt, fra-
gen immer mehr Bewohner dieses Landes, wo und wie sie denn unmittel7
bar betroffen sind oder im Kriegsfalle betroffen wären. Zahlreiche Bürger-
initiativen haben sich gebildet, um. diesen Fragen im Detail und auflokaler
Ebene nachzugehen. Der »Bedrohungs atlas« reagien auf diese Initiativen,
indem er ihre Ergebnisse publiziert, und zugleich regt er durch systema-
tische Fragen und Hinweise zu weiteren Nachforschungen an. Er gibt
Auskunft über Standone ausländischer Landstreitkräfte in der Bundesre-
publik und in der D1?R ebenso wie über die Standorte der einzelnen
Einheiten der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee, desgleichen
über Luftwaffeneinheiten und Militärflugplätze und über die Stationie-
rung von Atomwaffen in beiden Teilstaaten. Auch über Rüstungsbetriebe,
Bundeswehr-Lieferanten, Rüstnngsumsätze und Verflechtungen in der
Rüstungsindustrie informiert das Buch auf knappe und anschauliche
Weise: Der weitaus größte Teil besteht aus Karten mit entsprechenden
Erläuterungen (94 Abbildungen). Der Atlas will dazu beitragen, daß Bür-
gerinitiativen, Gruppen der Friedensbewegung, Militärjournalisten und
nicht zuletzt auch die Soldaten der Bundeswehr selbst die kontroverse
Debatte über den Ist-Zustand von Militär und Rüstung in der Bundesre-
publik sowie über mögliche Alternativen auf dem qualifizierten Informa-
tions-Niveau austragen können, das in Holland und in Skandinavien, zum
Teil auch in den USA längst erreicht ist.
Das Buch ist 1982 im Jugenddienst-Verlag, Wuppertal, erschienen.
Christian Büttner
Kriegsangst bei Kindern
Kann ein Kind verstehen, was Krieg bedeutet? Ist es nicht viel zu jung, um
sich mit Themen wie Tod und Zerstörung auseinanderzusetzen? Und wie
kann ich ihm beibringen, daß es sich nicht für Krieg, Panzer und Schie-
ßereien begeistern soll, statt dessen für das friedliche   von Kon-
flikten?
Auf all diese Fragen gibt es viele Antworten, bisher aber keine pädago-
gische Äußerung, die sich an den Vorstellungen der Kinder selber orien-
tiert. Die Studie will den Leser mit einer analytischen Betrachtungsweise
bekannt machen und anhand von Kinderzeichnungen und Schüleräuße-
rungen Verstehenshilfen bieten. Dazu hat der Autor mehrere Lehrer ver-
'schiedener Schulstufen gebeten, mit ihren Schülern zu den Themen »Äng-
ste« und »Krieg« zu arbeiten, und die dabei entstandenen Schülermateria-
lien ausgewertet.
Die Ergebnisse der Auswertung zeigen, daß Kriegsängste und Phanta-
sien von Kindern weniger mit dem Angebot der Erwachsenen an Kriegs-
vorbildern zu tun haben als mit dem, was Kinder in ihrer »friedlichen«
Umgebung unmittelbar erfahren: Angst vor schlechten Noten, vor Hän-
seleien der Klassenkameraden, vor Schlägen der Eltern oder anderen Stra-
fen, vor allem Trennungsangst. Eltern und Erzieher tauchen in diesen
Phantasien kaum auf. Wenn, dann gelten sie als tot oder verletzt, keines-
wegs aber als Beschützer ihrer Kinder! .
Während die Mädchen vor allem passive Kriegsphantasien haben, daß
Menschen z. B. Arme und Beine abgehen, daß Soldaten mit ihren Geweh-
ren in Häuser eindringen, bewältigen viele Jungen ihre Kriegsangst aktiv:
Sie schießen mit oder stellen sich vor, zum »Bund« zu gehen, zu den
Soldaten. In dem differenzierten Material ist jedoch weit mehr enthalten
als die aktuelle Verarbeitung von Kriegsangst. Die Materialien spiegeln die
innere Not der Kinder im Frieden, die Beschäftigung mit den Personen
ihrer unmittelbaren Umgebung - dies allerdings in einer verschlüsselten
Form. Damit liefert die Studie wichtige Anhaltspunkte, um Notsignale
359
von Kindern erkennen zu können, Signale, die verst.ehen lassen, in wel-
chem inneren »Kriegszustand« die Kinder sich befinden. .
In der Auseinandersetzung zwischen Kindern und Erwachsenen zum
Thema Krieg plädiert der Autor dafür, sich zu »entwaffnen«, d. h. auf
Ideologien, dogmatische Theorien und Feindbilder zu verzichten, die im-
mer andere zu Feinden machen, selbst im eigenen   nur die Er-
wachsenen nicht: ,.Und entwaffnen heißt in erster Linie, dem Kind die
Möglichkeit des .Im-Frieden-Aufwachsens, des Im-Frieden-stark-
Werdens zu geben. Kinder, die ihre Eltern lieben können, weil sie sich von
ihnen beschützt fühlen, und die ihre Eltern hassen dürfen, wenn sie sich
von ihnen verletzt oder gekränkt fühlen, werden stark genug, denen Si-
cherheit zu geben, die jetzt noch Waffen nötig haben.«
Das Buch ist 1982 im Kösel-Verlag, München, erschienen.
Eva Quistorp (Hg.)
Frauen für den Frieden
Analysen, Dokumente und Aktionen aus der
Frauenfriedensbewegung - ein Lesebuch
Obwohl keine »Studie aus der FriedensforscP.ung«, wie schon der Titel
ausweist, soll dieses Buch hier (ausnahmsweise) vorgestellt werden -
kleine Abbitte der Redaktion der Friedensanalysen an die Frauen, deren
erheblichen Anteil an Entstehung, Qualität und Breite der »neuen Frie-
densbewegung« wir im letzten Band der Friedensanalysen (Bd. 16) über
eben diese »neue« Bewegung aus verschiedenen Gründen nicht würdigen
konnten. (Auch eine andere Form, Versäumtes nachzu)lOlen, wäre denk-
bar: Wir sind gern bereit, im »Allgemeinen Teil« der Friedensanalysen
eine Darstellung über den spezifischen Beitrag der Frauenbewegung zu
bringen - vielleicht findet sich jemand, der Lust hat, ihn zu schreiben?)
Das Buch ist eine Sammlung von Essays, Gedichten, Dokumenten und
dokumentarischen Schilderungen, die Autoren sind ausschließlich Frauen.
Es ist thematisch in sieben Teile gegliedert, die Länge der einzelnen Bei-
träge liegt zwischen einer halben und achtzehn Seiten. .
Der Titel des I. Teiles lautet: »Anstiftung der Frauen zUm Frieden«.
Neben Schilderungen Betroffener aus der Zeit des letzten Weltkriegs wer-
den hier Aktionen (wie Aufrufe, Flugblätter, Unterschriftensammlungen)
von Frauen gegen Krieg, Aufrüstung und atomare Waffen dokumentiert,
zumeist im Zusammenhang mit den Frauenfriedensmärschen 1981 und
1982. Ein Essay von Michaela v. Freyhold beschäftigt sich mit der Erage
»Frauen gegen Krieg aber wie?«. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß die
Befreiung vom Krieg und die Befreiung der Frau eng miteinander ver-
knüpft sind: Frauen können der entscheidende Träger einer sozialen Be-
wegung sem - die sehr breit und sehr radikal sein muß, um die drohende
Selbstausrottung der Menschheit (zumindest der europäischen) zu verhin-
. dem. Ziel und einzige Perspektive/ist die Schaffung einer neuen Zivilisa-
tion. Der Kampf darum müsse im Alltag zunächst ein psychologischer
sein - gegen die der Männerphantasie entsprungenen Mythen und Ideo-
logien, die zur Ausrottung hinführen. Als Moment der Gefahr werden die
Großmächte von der Autorin prinzipiell gleichgesetzt, der Zusammen-
hangjedoch, aus dem der jeweilige Vernichtungsapparat entstand, diffe-
renziert.
In Teil II: »Moderne Waffenbrüderschaften, kriegerische Naturwissen-
schaften - Alternative Bündnisse« geht es um die Allianz zwischen Mili-
tär, Technologie und Naturwissenschaften - am Beispiel der Atomindu-
strie - sowie \lm den Kampf gegen den NATO-Doppelbeschluß und die
Forderung nach einem atomwaffenfreien Europa. Teil III: »Gleiches
Recht zum Unrecht? Kriegsdienstverweigerung statt Kriegsdienst« richtet
sich gegen die - ja auch von Teilen der Frauenbewegung geforderte -
Rekrutierung von Frauen für den Militärdienst (egal ob freiwillig oder
durch Wehrpflicht). Teil IV: »Solidarität - Gegen Männergewalt und
Krieg« thematisiert die Beziehung zwischen der Unterdrückung der Frau,
sozialer Ungerechtigkeit und staatlicher Gewalt, und damit die patriarcha-
lische Form und Organisation von Macht, Herrschaft und Gewalt. Im .
Kampf gegen den Krieg sehen die Autorinnen zugleich einen Kampf gegen
Männerherrschaft.
Teil V: »Friedenserziehung im Unfrieden?« fordert eine Friedenserzie-
hung, die eine Erziehung zur Veränderung der Gesellschaft ist und nicht
tnit dieser ,mren Frieden macht<: Friedenserziehung, so heißt es, müsse
gegen institutionelle Strukturen (wie den »heimlichen Lehrplan«) gerich-
tet sein, müsse versuchen, diese und die allgemeinen Macht- und Herr-
schaftsstrukturen transparent zu machen. Sie habe sich stets auf die Seite
der Kinder bzw. Jugendlichen zu stellen, gegen eine Psychologisierung
der Unfriedensursache in die Menschen hinein. Es folgt eine Liste von
Aktionsvorschlägen, die von der fränkischen Bezirksregierung an alle
staatlichen Schulämter mit der Aufforderung versandt wurde, Meldung zu
erstatten, wenn darin aufgeführte Aktionen bekannt werden.
In Teil VI: »Frauen zwischen Kriegen« geht es um Lage und Position
von Frauen in der Dritten Welt, um mre Rolle und ihre Aktivitäten in den
Bewegungen gegen Unterdrückung und Terrorherrschaft (an den Beispie-
len Argentinien, EI Salvador, Kolumbien und Süd-Korea). Berichte von
Betroffenen werden ergänzt durch einen Aufsatz von Ilse Lenz; der sich
historisch-theoretisch tnit der Rolle der Frau in den Befreiungsbewegun-
gen der Dritten Welt auseinandersetzt und versucht, eine Beziehung zur
Frauenfriedensbewegung in den Industrieländern herzustellen. Der letzte
Teil schließlich, »Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv. Zivilcourage in
der Frauenfriedensbewegung« berichtet von der Entwicklung der Frauen-
friedensbewegung seit 1945 und diskutiert mre Perspektiven.
Das Buch ist 1982 als   im päd. extra Verlag, Frankfurt, er-
schienen.
Reinhold Lütgemeier-Davin
Pazifismus zwischen Kooperation und Konfrontation. Das
Deutsche Friedenskartell in der Weimarer Republik
Die deutsche Friedensbewegung stand lange Zeit aus politischen Gründen
außerhalb des historisch-wissenschaftlichen Interesses. überdies zählte sie
zu jenen oppositionellen Strömungen im Kaiserreich und in der Weimarer
Republik, denen der direkte Einfluß auf die Gestaltung der sozioökono-
mischen Verhältnisse versagt blieb. Die alternativen Handlungskonzepte
sowie der antizipatorische Charakter der pazifistischen Forderungen
rechtfertigen indes gerade in einer Zeit des drohenden atomaren Holo-
caust die Analyse dieser vermeintlich politisch »gescheiterten« Außensei-
tergruppe, können doch Ideen und Aktionen ins Bewußtsein gehoben
werden, die auf eine stetige Veränderung 'und Humanisierung des mensch-
lichen Zusammenlebens abzielten und uns damit Denkanstöße für politi-
sches Handeln in Gegenwart und Zukunft geben. .
Die Kasseler Dissertation geht von der allgemeinen Fragestellung aus,
inwieweit die Friedensbewegung alternative Entscheidungsmöglichkeiten
eröffnet hat und weshalb ihre Entwürfe nicht in ausreichendem Maße von
den politisch relevanten Kräften aufgenommen wurden.. Gestützt auf die
Auswertung einer Fülle archivalischer Quellen gewährt die Arbeit einen
überblick über die Organisationsstruktur und die programmatische Aus-
richtung der vielen kleinen, gelegentlich auch miteinander konkurrieren-
den pazifistischen Verbände der Weimarer Zeit, klärt ihre Kontakte zu
benachbarten, ebenfalls auf Verständigung abzielenden Organisationen,
ihr Verhältnis zu Regierung, Parteien, freien Gewerkschaften, Reichsban-
ner und Kirchen und beleuchtet ihre Handlungs-Strategien ..
Die Frage der wirkungsvollsten Methoden, einen dauernden Frieden zu
erreichen, beherrschte lange die Auseinandersetzungen innerhalb der
Friedensbewegung. überlagert wurde sie jedoch von dem leidenschaftlich
geführten Disput über das brennendste Problem der Weimarer Republik,
die deutsche Kriegsschuld.
Die organisatorische Zersplitterung war eine der Ursachen für die ge-
ringe Außenwirkung der Friedensbewegung. Um diese Zersplitterung zu
kompensieren, wurde 1921 das »Deutsche Friedenskartell« (DFK) als
Dachorganisation aller pazifistischen und einiger kulturpolitischer Ver-
eine ins Leben gerufen. Im Kartell stützten sich die schwächeren Verbände
gegenseitig. Der Notwendigkeit, die pazifistischen Bestrebungen zu ver-
einheitlichen, stand das Beharren der Verbände auf Eigenständigkeit ent-
gegen. Sie grenzten sich nach wie vor programmatisch voneinander ab und
willigten nur in einen losen Verbund ein, in dem die einzelnen Glieder
rechtlich weitgehend selbständig blieben. Die personellen und program-
matischen Verbindungen zwischen den Einzel-Verbänden begünstigten
zwar den Zusammenhalt der Friedensbewegung, hinderten sie aber zu-
gleich an einer erfolgreichen Außenwirkung, weil die Aktionsfähigkeit der
kleineren Gruppen durch Personalunion oft eingeschränkt war. Die hete-
rogene Zusammensetzung des DFK hatte zwar den Vorteil, daß es als
Sammlungsbewegung potentiell nach vielen Seiten hin offen war; nachtei-
lig wirkte sich indes aus, daß es zwischen den Polen der Bewegung zu
starken Spannungen kam. Die sich befehdenden Flügel überdeckten zwar
durch Formelkompromisse die ernstesten Streitfragen, dennoch brachten
diese keine dauernde Beruhigung. Außerdem war die programmatische
Plattform den meisten republikanischen Gruppen zu schmal, um sich dau-
erhaft im Rahmen des DFK zu engagieren. Den Einfluß auf die Gesinnung
hielt man gemeinhin für wichtiger als die Veränderung gesellschaftlicher
Strukturen. Ganz augenfällig wurde z. B. beim »Bund der Kriegsdienst-
gegner« die Diskrepanz zwischen aktivistischem Anspruch und prakti-
scher Wirksamkeit. Eine gewichtige Ausnahme bildete der Westdeutsche
Landesverband der »Deutschen Friedensgesellschaft« unter Leitung so
streitbarer Männer wie Fritz Küster, Friedrich Kayser, Hein Herbers,
Heinz Kraschutzki und August Bangei, die die Massenagitation als Hebel
der pazifistischen Veränderung von Innen- und Außenpolitik einsetzten.
Der Versuch des DFK, Massen anzusprechen, wird an verschiedenen Bei-
spielen illustriert: dem Ruhrkampf, der Kampagne für die entschädi-
gungslose Enteignung der Fürstenhäuser, der Unterschriftensammlung
für die Kriegsdienstverweigerung (Ponsonbyaktion), der Agitation gegen
die Flottenrüstung und den Warnungen vor den verheerenden Wirkungen
eines modernen Krieges.
Der Pazifismus war als Basis für eine Parteibildung zu schmal. Zugleich
verbot seine Heterogenität die einseitige Anbindung an eine einzige poli-
tische Strömung. Die republikanischen Körperschaften lehnten es zudem
ab, die Kriegsdienstverweigerung und die Abschaffung der Reichswehr zu
propagieren. Die seit Mitte der zwanziger Jahre einsetzende Radikalisie-
rung> der intensivierte Kampf gegen »Hakenkreuz und Stahlhelm« ver-
mochten zwar, die Friedensbewegung zunehmend ins politische Rampen-
licht zu rücken; die dem Rechtsdruck nachgebenden republikanischen
Parteien gingen indes an den pazifistischen Konzepten zur Friedenssiche-
rung vorbei. Die Folgen sind bekannt.
Die Arbeit erschien I982 im Pahl-Rugenstein Verlag, Köln.
Mathias fopp
Militär und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland:
Das Beispiel der Bildungsreform in der Bundeswehr
Die 1971 initiierte Bildungsreform in der Bundeswehr kann als eines der
spektakulärsten Reformprojekte der deutschen Militärgeschichte betrach-
tet werden und auch als ein Musterbeispiel sozialdemokratischer Bil-
dungspolitik. Die Studie analysiert Entstehungshintergründe, Program-
matik und Ergebnisse dieser Reform. Dabei wird deutlich, daß ihr Schick-
sal weit mehr als das der zivilen Bildungsreform eine Reduktion emanzi-
patorischer Bildungsideale ist. Technokratische Reformbedürfnisse wer-
den größtenteils befriedigt, aber das bildungspolitische Konzept einer De-
mokratisierung des Militärs wird sukzessive ausgehöhlt. Eine technokra-
tisch verkürzte Bildungsreform im Militär, zumal mehr und mehr unter
militärische Imperative gestellt, bleibt jedoch nicht folgenlos für das Ver-
hältnis von Militär und Gesellschaft, vor allem auch für die Sicherheits-
und Friedenspolitik der Bundesrepublik.
Die schon in Band 14 der Friedensanalysen (Unsere Bundeswehr? Zum
25jährigen Bestehen einer umstrittenen Institution) ausführlicher vorge-
stellte Studie (S. 309 f) ist mit eineinhalbjähriger Verspätung Ende 1982 im
Campus Verlag erschienen.
Bernd W. Kubbig
Kernenergie und Kernwaffen: Strategien zur Eindämmung
nuklearer Proliferation. Analyse und Dokumentation.
Der Adressat dieses Bandes ist die Friedens- und Ökologiebewegung, sind
ferner politische Entscheidungsträger. Während der Dokumententeil
weitgehend unveröffentlichte, als »vertraulich« eingestufte Materialien
enthält, werden im analytischen Teil zwei unterschiedliche Nichtverbrei-
tungsstrategien dargestellt und erörtert: ein restriktives Konzept, wie es
anfangs von der Carter-Administration verfochten wurde, und ein freizü-
giges Konzept, das die Bundesregierung in Bonn vertritt.
Eine politische Strategie, die der weltweiten Ausbreitung von Atomtech-
nologien und damit von Atomwaffen wirksam begegnen will, muß einer-
seits den politischen Interessen, die die nuklearen Schwellenmächte an
jenen Waffen haben, entgegensteuern; sie muß andererseits auch das legi-
time Interesse an einer ausreichenden Energieversorgung berücksichtigen.
Dies - so die These des Buches - ist möglich, wenn insbesondere die
Industriestaaten stärker nicht-nukleare Energieträger auch für die Dritte
Welt entwickeln; wenn die Nuklearmächte ihrerseits ihre eigenen Atom-
arsenale reduzieren und (was kein Widerspruch hierzu ist) weiterhin ihre
sicherheitspolitischen Garantien aufrechterhalten. Der Bundesregierung
werden im Sinne einer Minimalstrategie folgende Optionen empfohlen:
der Verzicht auf die Entwicklung sensitiver Anlagen (Urananreicherungs-
und Wiederaufbereitungstechnologien) und der   Aus-
bau nicht-atomarer Energieträger. Im Exportbereich sollte sie, wenn sie
nicht grundsätzlich auf die Ausfuhr atomarer Technologien verzichtet,
prinzipiell keine sensitiven Anlagen anbieten und verstärkt darauf beste-
hen, daß sowohl die Bundesrepublik als auch die anderen Lieferstaaten
nur dann atomare Produktionsteile exportieren, wenn sich die Empfän-
gerländer bereit erklären, alle ihre Nuklearanlagen der Kontrolle durch die
Internationale Atomenergie-Organisation zu unterstellen.
Der Band, der auf einem. in der HSFK erarbeiteten Report beruht, ist
1981 im Verlag Haag+ Herehen, Frankfurt/M. erschienen.
Bernd W. Kubbig
Nuklearenergie und nukleare Proliferation
Die inneramerikanischen Auseinandersetzungen um die
Grundsätze der US-Nonproliferationspolitik I974-I980
Die Studie analysiert die amerikanische Politik der Nichtweiterverbrei-
tung von Atomanlagen unter den Präsidenten Ford und Carter. Sie
wickelt zunächst Kriterien für eine Strategie gegen die Ausbreitung von
Kernwaffen und analysiert auf dieser Grundlage die verschiedenen Kon-
zepte der Regierungen Ford und Carter, des Kongresses und der für die-
sen Bereich wichtigen gesellschaftlichen Gruppen (z. B. Gewerkschaften,
Umweltschutz-Gruppen, Nuklearindustrie und Elektrizitätsversorgungs-
unternehmen). Die, Entscheidungsprozesse werden an zwei Fallbeispielen
analysiert: den Auseinandersetzungen um den Bau des Schnellen Brüters
und dem Export angereicherten Urans nach Indien. Dabei geht es um die
Frage: Welche Entscheidungsträger haben sich durchgesetzt und warum?
Ergebnis dieser Untersuchung ist u. a. die Feststellung, daß man nicht
allgemein von einem Primat der Außenpolitik oder der Innenpolitik spre-
chen kann; die einzelnen Politikbereiche und Entscheidungsfelder sind in
dieser Hinsicht recht verschieden. Unterschiedlich ist auch das Ausmaß,
in dem sich die amerikanischen Akteure in den verschiedenen Politik-
bereichen durchgesetzt haben. So mußte die Regierung angesichts der
starken innergesellschaftlichen und internationalen Allianz für die Wei-
terentwicklung der Wiederaufbereitung und des Schnellen Brüters
Kompromisse eingehen. Das Ziel, die Entwicklung sowohl der Wie-
deraufbereitungstechnologien . als auch des Schnellen Brüters in den
westeuropäischen Ländern und in Japan beträchtlich zu verlangsamen,
wurde nicht erreicht. Auch im innergesellschaftlichen Bereich nahm die
Carter-Administration eine immer flexiblere Position zur Nuklearfrage
ein. Die Befürworter der Schnellbrüter-Demonstrationsanlage in den Ver-
einigten Staaten konnten dank der Unterstützung durch die US-Alliierten
das Non-Proliferationsargument aus der gesamten Brüterdiskussion aus-
klammern; hier ist also ein gewisser Einfluß nicht-amerikanischer Akteure
auf amerikanische Nuklearfragen festzustellen. Dennoch bestimmten pri-
mär inneramerikanische Faktoren (wirtschaftliche Interessen und die
Frage der Energieversorgung) die Position der Brüterbefürworter in den
USA. Das Gegenteil gilt für die außenpolitischen Aspekte der amerikani-
schen Wiederaufbereitungs- und Brüter-Politik: Für den Exportbereich
haben sich die Forderungen der Konkurrenten und der Empfängerländer
stärker durchgesetzt.
Die Studie zeigt, daß das weitgehende Scheitern der Nichtverbreitungs-
Bemühungen unter Cart.er hauptsächlich auf die Struktur multinationaler
und bilateraler Beziehungen zurückzuführen ist. Die wirtschaftliche und
politische Stellung der USA erlaubt es nicht mehr, ihren westeuropäischen
Alliierten, Japan, aber auch den meisten Ländern in der Dritten Welt im
nukleartechnologischen Bereich Bedingungen zu diktieren, ja nicht ein-
mal, Kompromisse zu schließen, die die Forderungen beider Seiten gleich-
gewichtig berücksichtigen. Die militärische Überlegenheit der USA ließ
sich für derartige Ziele nicht instrumentalisieren. Dies gilt auch für die
bilateralen Beziehungen der USA zu Indien, Israel und Südafrika, die der
US-Forderung nach umfassender Kontrolle sämtlicher Nuklearanlagen
nicht nachgekommen sind.
Die Studie untersucht auch, inwieweit wirtschaftliche Interessen die
Nonproliferationspolitik und insbesondere die Nuklearexportpolitik be-
einflußt haben. Die Gestaltung der Nonproliferationskonzepte wird an- .
hand der Auseinandersetzungen um die umfassende Nuklearexportge-
setzgebung analysiert. Für die einzelnen Exporte sind die wirtschaftlichen
Interessen wichtig, aber nicht primär bestimmend. Politisch-ideologische
Faktoren, die Durchsetzung amerikanischer Ordnungsvorstellungen und
schließlich andere militärstrategische Interessen dominierten die amerika-
nische Nonproliferations- und Atomausfuhrpolitik.
Der Band ist 1981 bei Haag & Herchen in Frankfurt/M. erschienen.
3. »Friedens läden« und »Friedensbüros« in der
Bundesrepublik
Die Namen sind bunt und einfallsreich: Da gibt es »Friedenswerkstätten«,
»Friedensläden«, »Friedenszentren« oder »Friedenskotten« (zum Zei-
chen, daß man sich mit den unteren Sozialschichten, den früher in Kotten
hausenden Tagelöhnern, mehr identifiziert als mit den Wohlhabenden).
Bei vielen Unterschieden im Detail handelt es sich in allen Fällen um den
Versuch, für die Friedensbewegung oder ihre Ausbreitung gewisse Ser-
vice-Leistungen zu erbringen, z. B. Beratung für Kriegsdienstverweigerer,
Einrichtung und Betreuung friedensrelevanter Arbeitskreise (etwa zu al-
ternativen Sicherheitsmodellen oder zur sozialen Verteidigung bzw. Ge-
waltlosigkeit), Diskussionsveranstaltungen, Hilfe bei der Organisation
von Friedenswochen, Aufklärung über lokale oder regionale Raketenstel-
lungen und Vorbereitung gewaltfreier Aktionen gegen sie (so die Frie-
denswerkstatt Niederrhein). »Begegnung« wird dabei groß geschrieben:
Es sollen Räume und Möglichkeiten bereitgestellt werden, um die Ver-
netzung der verschiedenen (und thematisch wie auch politisch unter-
schiedlichen) Initiativen einer Region zu fördern. Die Verbesserung ihrer
Kommunikation untereinander über ideologische Grenzen hinweg, aber
auch Medien- und Literaturangebote für spezielle Zielgruppen, z. B. Leh-
rer, sind Ziele, die immer wieder genannt werden. Während einzelne die-
ser Zentren auch regelrechte Trainings für gewaltfreie Aktionen anbieten,
beschränken sich andere eher auf traditionelle Bildungsveranstaltungen.
Sie bieten dafür aber so aufregende Möglichkeiten wie die einer über meh-
rere Jahre unter Begleitung eines gebürtigen Inders sorgfältig vorbereitete
Indienreise und Teilnahme an »normalem« (nicht-touristischem) Leben
und Arbeiten dort (Friedens büro Kalletal- Zentrum entwicklungsbezo-
gener Bildungsarbeit). Die Verknüpfung von Friedens- und Dritte-Welt-
Problematik sowie die Einbeziehung ökologischer Fragestellungen ist für
viele »Friedensbüros« charakteristisch. Manche betreiben gleichzeitig ei-
nen eigenen Dritte-W elt-Laden. Verschiedentlich beteiligen die Zentren
sich zugleich intensiv an der Verbesserung des kulturellen Angebots ihrer
näheren Umgebung, etwa mit Theaterworkshops und -aufführungen,
Volkstanz, Bastelwochenenden, Liederabenden (z. B. Friedenskotten Hil-
terlHankenberge).
Die Unterschiede in Zielsetzung und Programmgestaltung sind sicher
auch durch unterschiedliche Finanzierungsformen be4ingt: Die meisten
Zentren sind vereinsrechtlich organisiert und werden durch Spenden ihrer
Mitglieder getragen. Einige wenige versuchen, vorhandene Möglichkeiten
zu nutzen, Bildungsveranstaltungen aus Landesmitteln zu finanzieren.
Viele beschäftigen einen (meist knapp bezahlten) 'hauptamtlichen Mitar-
beiter, andere stützen sich auf Wohngemeinschaften.
Die folgende Liste ist mit Sicherheit unvollständig; in den letzten Mo-
naten erreichten - mehr oder weniger zufällig - immer neue Informatio-
nen über Gründungen oder Gründungsabsichten die Redaktion der Frie-
densanalysen. Friedenszentreri und -büros, die hier nicht erwähnt sind,
werden gebeten, die Redaktion zu informieren (Adresse siehe S. 4). Wir
bringen dann im nächsten Band der Friedensanalysen einen Nachtrag.
Friedensladen & Regionalbüro der Friedensinitiativen Nordhessens, Süd-
niedersachsens und Ostwestfalens
Bodelschwinghstraße 13, 3500 Kassel, Tel.: 0561/72121
Gründung im Frühjahr 1982 durch eine »Regionalkonferenz der Frie-
densinitiativen« als »Anlaufstelle« für Interessierte (Materialien, Bücher,
Gruppenadressen);
Schwerpunkte: Bildungs- und Trainingsseminare für Aktivisten; Verlei-
hung von Medien (Video, Ton- und Dia-Ausstellungen); Beratung von
Lehrern bei der Unterrichtsplanung; Beratung von Kriegsdienstverweige-
rern. Ein Regionalrundbrief informiert über Friedensinitiativen.
Liberacion. Werkstatt für Entwicklung und Frieden e. V. (südlich Hanno-
ver) Manskestraße 55> 3160 Lehrte, Tel.: 05132/3945 oder 0517512645
Folgende Gruppen haben gemeinsam einen Laden gemietet: AG Soziale
Verteidigung, Dokumentationsstätte Sievershausen (s. u.), eine Kriegs-
dienstverweigerer-Gruppe, Associacion de Estudiantes Latino Americano
en Hannover, Ökumenischer Arbeitskreis Lehrte, Untergruppe Lehrte
des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland' (BUND), Ar-
beitsgemeinschaft Friedenserziehung. Der Laden - Treffpunkt und Infor-
mationsstelle - bietet auch Waren aus Entwicklungsprojekten zum Kauf
an; er enthält ferner eine Bibliothek und ein Archiv (im Aufbau).
Antikriegswerkstatt Sievershausen. Dokumentationsstätte zu Kriegsge-
schehen und über Friedensarbeit e. V. (südlich Hannover)
Kirchweg 4, 3160 Lehrte, Tel.: °5173/3939
Gründung 1979; Schwerpunkt: Dokumentation sowie Material-, Medien-
und Ausstell1-lngsverleih; im Testlauf: Seminarprogramm zu Friedenser-
ziehung in der Familie, Friedensarbeit mit Jugendlichen, Widerstand ge-
gen die Stationierung von Mittelstreckenraketen, Training in gewaltfreier
Aktion.
Friedensbüro Hannover. Regionale Kontaktstelle für Friedensarbeit
Maschstraße 24, 3000 Hannover I
Gründung im Frühjahr 1982 u. a. durch die Aktion Sühnezeichen/Frie-
denswoche, evangelische und katholische Gruppen, DFG-VK, DFU, Die
Grünen, Landesjugendring. Schwerpunkt: Weitergabe von Informationen
über Termine, Materialien, Referenten, Künstler usw., Koordination ver-
schiedener Gruppen (z. B. bei den Friedenswochen), Workshops, Bera-
tung vor allem für Gruppen, die neu in der Friedensarbeit aktiv werden
wollen; im Frühjalu 1982 Widerstand gegen die Waffenmesse IDEE; Be-
teiligung am Evangelischen Kirchentag 1983.
Friedenskotten Hiddenhausen (bei Herford)
4901 Hiddenhausen-Lippinghausen, Milchstr. 81/83, clo Eric Bachmann,
Tel.: 05221/65485
Gründung Herbst 1982; Schwerpunkt: Erprobung veränderter Lebens-
und kollektiver Handlungsformen unter Vermeidung jeglicher Gewalt,
Förderung praktischer Friedensarbeit, Ausbildung und Unterstützung für
Friedensarbeiter, Training in gewaltfreier Aktion.
Friedensbüro e. V. - Gesellschaft zur Förderung sozialen Lernens und
HandeIns (Ostwestfalen-Lippe)
Rentorf 9,4925 Kalletal, Tel.: 05733/3558 und 05261/3204
Arbeitsbeginn: 1981. Angeschlossen sind ein "Centrum entwicklungsbe-
zogener Bildungsarbeit« (CEBA) und ein Projekt »Dialog international«.
Schwerpunkte: Solidarisches Leben, Entwicklungsprojekte freier Träger,
Unterentwicklung und Menschenrechte, Reisen in die Dritte Welt und
Lernen von der Dritten Welt, Lokalgeschichte des Widerstands gegen
Faschismus, Unterentwicklung und Menschenrechte, Ausländerfeindlich-
keit, ökonomische Grundlagen der Ökologie, Rüstungsentwicklung, Stra-
tegien der Friedenssicherung.
Friedenskotten HilteriHankenberge e. V. (südlicher Landkreis Osna-
brück)
Auf der Sandkuhle 15,4517 Hilter/Hankenberge, Tel.: 05409lr622
Gründung 1976; Schwerpunkte: Gewaltloses Handeln, Widerstand gegen
die A 33, Beratung von Kriegsdienstverweigerern, EI Salvador, Senioren-
treffen, Jugendarbeit, Volkstanz, Theater; Vermietung auch an Gastgrup-
pen (20 Leute im Haus, Zeltlager 40).
Friedenswerkstatt Niederrhein
St. Ludwigsstraße 35> 5144 Wegberg-Dalheim; telefonischer Kontakt
über Peter Schorre, 02281212086.
Der Trägerverein für dieses »Antiraketenhaus« bzw. die »Friedenswerk-
statt« (bestehend aus Bürgerinitiativen sowie christlichen und anderen
Friedensorganisationen.aus der Umgebung von Köln und der Region Nie-
derrhein, u. a. der Christliche Friedensdienst und die Deutsche Friedens-
gesellschaftlVereinigte Kriegsdienstgegner ) befindet sich in Gründung.
Schwerpunkte: Aufklärung über und Widerstand gegen militärische Anla-
gen, und vor allem gegen die Mittelstreckenraketen. Das Haus soll »Infor-
mations-« und »Bildungszentrum« sein und Trainings in und Organisa-
tion von gewaltfreien Aktionen, Friedenscamps, Antikriegsfilme, Fo-
rumsdiskussionen (pro und contra) bieten.
Friedenszentrum Trier (Arbeitsgemeinschaft Frieden e. V.)
Palaststraße 3,5500 Trier, Telefon: 0651/40141
Im Friedenszentrum sind vereinigt: Dritte-Welt-Laden, Bildungszen-
trum, Kulturwerkstatt, Begegnungsstätte, Informationsstelle für Friedens-
arbeit. Schwerpunkte: Koordination von Friedenswochen; Widerstand
gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen; Alternative Sicher-
heitskonzepte; Unterstützung gewaltfreier Gruppen in Lateinamerika
(SERVICIO PAZ Y JUSTICIA); Friedenspädagogoik; Rechtsradikalis-
mus; Friedensausstellungen; Filmreihen zu Rüstung, Dritte Welt, Rand-
gruppen; Ökologie.
4. Zur Arbeit der Studiengesellschaft für
  e. V. München
Aufgrund einer Fehlinformation hatten wir in Friedensanalysen I6 (Die
neue Friedensbewegung) berichtet, daß die älteste Friedensforschungs- und
Friedenserziehungs-Organisation der Bundesrepublik, die Münchener
»Studiengesellschaft für Friedensforschung«; ihre Arbeit eingestellt habe.
Dies ist, wie die folgende Selbstdarstellung zeigt, nicht der Fall. (Die Re-
daktion)
Als die Studiengesellschaft 1958 gegründet wurde, sah sie ihre vordring-
lichste Aufgabe darin, die beginnende Friedensforschung in der Bundes-
republik zu stärken und die Themen Krieg und Frieden als legitime wis-
senschaftliche Anliegen bewußt zu machen. Sie konzentrierte in den fol-
genden Jahren ihren eigenen Beitrag auf die Friedenspädagogik, relevante
sozialpsychologische Fragestellungen, theoretische und praktische
Grundlagen der Friedenserziehung;die Erarbeitung didaktischer Modelle
und die Umsetzung vorliegender Forschungsergebnisse in die pädagogi-
sche und publizistische Praxis. Sie veröffentlichte 16 Arbeiten zu diesem
Themenkreis und entwickelte eine umfangreiche Beratungs- und Aufklä-
rungsarbeit im Bereich der schulischen und außerschulischen Bildungsar-
beit.
Heute versucht sie, den Schwerpunkt ihrer Arbeit vor allem auf einige
aktuelle Probleme im Bereich der Bewußtseinsbildung zu legen, die für
d.en inneren wie den äußeren Frieden besondere Gefahren bergen und die
in die öffentliche Diskussion erst unzureichend eingegangen sind. In Ar-
beitsausschüssen diskutiert sie z. Zt. Fragen einer alternativen Sicherheits-
politik, die moralische Dimension der ABC-Rüstung und die sozialpsy-
chologischen Aspekte und Hintergründe sicherheitspolitischen Denkens.
Dabei erscheint ihr die Förderung des Dialogs zwischen den Generationen
und zwischen Anhängern und Gegnern der Friedensbewegung besonders
wichtig. In Veröffentlichungen, Podiumsdiskussionen, Unterschriften-
sammlungen und der Zeitschrift »Überleben« ihres Arbeitsausschusses
»Neue Sicherheitspolitik« versucht sie, durch sachliche Information kriti-
sches Denken, eigene Urteilsbildung und die Fähigkeit zu verantwortli-
cher Entscheidung zu entwickeln.
Aus den Veröffentlichungen der letzten Jahre (Gesamtverzeichnis auf
Anforderung) :
Friedenserziehung - eine Einführung, München 1979
Arbeitsausschuß Neue Sicherheitspolitik: Protokolle von zwei Podiums-
diskussionen über militärische und alternative Verteidigungskonzepte
(1980 und 1982)
Atomwaffen und Gewissen (1983)
Bezug über: Studiengesellschaft für Friedensforschung e. V., clo Christel
Küpper, Bernhard-Borst-Str. 3,8000 München 19, Tel 0891r53731
37°
5. Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion
Im Landkreis Lüchow-Dannenberg wurde im Herbst 1981 eine »Bil-
dungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion« eröffnet. Zum Pro-
gramm gehören außer Einführungen in gewaltfreie Aktion und regelrech-
ten »Trainings« auch Seminare Zur konstruktiven Aggressionsbewälti-
gung, Öffentlichkeitsarbeit für Basisgruppen, über Soziale Verteidigung
(Argumentationshilfen und »Rednerschulung«), gewaltlosen Widerstand
in Südafrika und Lateinamerika, Friedenserziehung, Aktionsmöglichkei-
ten der Ökologiebewegung und aktuelle Themen wie z. B. der Widerstand
gegen die »Nachrüstung«. Ein besonderer Akzent liegt auf der Begegnung
und dem Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen ebenso wie
zwischen den unterschiedlichen Gruppen und Strömungen der Friedens-
und Ökologiebewegung. Um diese Zielsetzung nicht durch äußere
Zwänge zu gefährden (»Kapazitätsauslastung«), ist die Bildungsstätte (mit
ca. 15 Übernachtungsmöglichkeiten plus Gelegenheit zum Zelten) »be-
wußt klein dimensioniert«. Die beiden aus der christlichen Bildungsarbeit
kommenden hauptamtlichen Mitarbeiter, Margrit Albers und Dr. Wolf-
gang Hertle, sowie eine Reihe nebenamtlicher und »freier« Mitarbeiter,
wie Eric Bachmann, Herford (s. oben S. 368), führen Seminare und Trai-
nings im Auftrag der Bildungsstätte auf Anfrage auch an anderen Orten
der Bundesrepublik durch. Zu ihren Aufgaben gehört auch die regelmä-
ßige Analyse des gewaltlosen Widerstands in der Bundesrepublik, insbe-
sondere im Landkreis Lüchow-Dannenberg (Gorleben). Mitglieder des
Trägervereins erhalten in unregelmäßigen Abständen einen Informations-
rundbrief.
Die überregionale Bildungsstätte, zu deren Gründung zahlreiche Perso-
nen aus einem breiten Spektrum von Friedensbewegung und Friedensfor-
schung aufgerufen haben, finanziert sich überwiegend aus privaten Spen-
den. Programm und ausführlicher Spendenaufruf mit der Liste der Erst-
Unterzeichner sind zu beziehen über:
Bildungs- und Begegnungsstätte für gewalt freie Aktion, Kirchstraße 14,
3131 Wustrow (Tel. °5843/5°7).
6. Ausbildung zum Friedensarbeiter
Das Internationale Freundschaftsheim Bückeburg bietet eine zusammen-
hängende, aber dennoch »nebenher« leistbare zweijährige Ausbildung,
deren Ziel die Kenntnis von und zugleich die Erfahrung mit Methoden der
Friedensarbeit in ihren verschiedenen Aspekten ist, wie z. B. Gewaltlosig-
keit, Abrüstungs- und Ökologieproblematik, regionale Friedensarbeit
und internationale Zusammenarbeit. Das Programm ist insbesondere,
37
1
aber nicht ausschließlich, für Mitarbeiter der kirchlichen Jugend- und Er-
wachsenenbildung sowie für Sozialarbeiter gedacht. Es enthält sowohl
praktische als auch eher theoretische Lernblöcke. Die Ausbildung umfaßt
im ersten Jahr eine Einführungswoche, ein Wochenende und einen Som-
mer-Workshop, im zweiten Jahr ein Wochenende, ein Work-Camp in
Sizilien und eine abschließende Ausbildungswoche in Bückeburg.
Nähere Informationen bei: Burkhard Luber, Postfach 4029, 4952 Porta
Westfalica.
7. Literaturübersicht zu Friedensforschung
und Friedensarbeit
Die Tübinger Verbreitungsstelle für Friedensmaterialien erarbeitet im
Auftrag der Berghof Stiftung für Konfliktforschung (vgl. S. 351) kom-
mentierte Literaturübersichten zu einzelnen Aspekten der Friedensfor-
schung und Friedensarbeit. Bisher liegen vor:
Heft I: Friedensbewegung und Dritte Welt (21 Seiten, vergriffen)
Heft 2: Friedenserziehung: Theorie und Kritik der Friedenspädagogik,
Materialien und Arbeitshilfen für die außerschulische Friedenserziehung,
Unterrichtsmodelle, Aktionsbeispiele, Dokumentationen, Tonbildserien,
Informationen, Adressen usw. zu 25 Stichworten. 3. überarbeitete und
erweiterte Auflage, 1981,80 S. A4, DM 6.-
Heft 3: KriegsdienstverWeigerung - Zivildienst, Arbeitsmaterialien und
Literatur - Bücher, Filme, Zeitschriften, Adressen - zu einer problembe'-
wußten Entscheidungsfindung und zur angemessenen Vorbereitung auf
die Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer. 2. erweiterte Auflage,
1982,52 5., 5.- DM
Heft 4: Medienkatalog Friedensarbeit. Ein Handbuch: Film:-Video-Ton-
diareihen, 3. vollständig überarbeitete Auflage, 1983, ca. 350 S. DIN
A5·
Heft 5: Sicherheit durch Rüstung? Sicherheitspolitik,Rüstungswettiauf,
»Nach«-rüstung, Rüstungskontrolle, Rüstungswirtschaft, Rüstungsex-
port, Abrüstung, Alternative Verteidigl,lngskonzepte, Soziale Verteidi-
gung, 80 Seiten. DM 7.-, 1982
Heft 6: Gewaltfreiheit, 1983, II2 S. A5, DM 8.-
Heft 7: Krieg und Gewalt - Phantasie und Frieden. Kinder- und Jugend-
bücher zum Frieden: Die Jugendbücher zu Krieg und Frieden werden
kürzer kommentiert als im Beitrag von Christiane Rajewsky zum vorlie-
genden Band (der als Manuskript berücksichtigt wurde), umfassen aber
ein thematisch breiteres Spektrum. 1983, ca. 120 S. A5, DM 8.-
Die Hefte sind an den Bedürfnissen der praktischen Friedensarbeit orien-
tiert, übersichtlich gegliedert und mit Bildern und Karikaturen an-
37
2
sprechend aufgemacht. Jedes Heft und jeder Unterabschnitt werden ver-
ständlich eingeleitet, die spezifischen Leistungen der einzelnen Titel her-
ausgestellt.Die Hefte sind anzUfordern bei: Tübinger Verbreitungsstelle
für FriedensmaterialienlVerein für Friedenspädagogik, Bachgasse 22, 7400
Tübingen 1.
8. Illustrierte Broschüren und Tonbildserien
zum Thema »Gewalt«
Die Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik e.V. (AGFP), bekannt ge-
worden u. a. durch die beiden großen Ausstellungen ,.Es ist so, schön,
Soldat zu sein ... " und "Sie nennen es Frieden«, gibt Materialien zur
Friedenserziehung heraus, zum Beispiel:
- Alltägliche Gewalt. Ein Informations- und Arbeitsheft zum Thema
strukturelle Gewalt. Dazu gibt es auch eine Tonbildserie mit dem Titel
»Einmal Alltag und zurück«.
- Das Bild vom Feind. Die Broschüre zeigt am Beispiel vieler Feinddar-
stellungen aus Vergangenheit und Gegenwart verschiedene Typen von
Feindbildern, ihre Entstehung und ihre Funktion. Dazu gibt es eine
Diareihe mit demselben Titel.
- Eine Broschüre zum Thema» Kind und Gewalt« (Prädikat gewalttätig-
Kindererziehung in Deutschland) wird derzeit überarbeitet und er-
scheint in den' nächsten Monaten. Auch zu diesem Thema gibt es eine
Tonbild- und Diareihe.
Nähere Information: Arbeitsgemeinschaft Friederispädagogik e.V., Bava-
riastr. 28, 8000 München 2
Bezug: Einzelexemplare der Broschüren (bis zu 10 Stück) sind zu bestel-
len bei: Versandbuchhandlung Weber, Zucht & Co, Steinbruchweg 14,
35 Kassel-Bettenhausen, Großbestellungen können direkt an die AGFP
gerichtet werden. Der Verleih und Verkauf der Tonbildserien und Diarei-
hen geht ebenfalls über die AGFP.
9. Gesamtverzeichnis der HSFK-Publikationen
Das Verzeichnis der von den Mitarbeitern der HSFK von 1971 bis 1979
verfaßten Publikationen umfaßt über 100 Monographien und Sammel-
bände sowie rd. 350 Aufsätze und Arbeitspapiere. Das nach Autoren ge-
ordnete Verzeichnis erschließt sich durch ein ausführliches Titelregister
mit rd. 250 Haupt- und 650 Unterstichworten. Es wird auf Anfrage zu-
geschickt, desgleichen eine Liste mit laufenden Ergänzungen. Zur Adresse
der HSFK siehe S. 4.
Zu den Autoren dieses Bandes
Briefe an die Autoren werden durch die Redaktion weitergeleitet:
Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK),
Leimenrode 29, 6000 Frankfurt I, Tel.: (06Il) 55°191
Klaus Ehring, geb. 1953, Studium der Germanistik und Geschichte, freier
Journalist
Eike Hennig, geb. 1943, Dr. phi!., Professor der Theorie und Methodo-
logie der Politikwissenschaft an der Gesamthochschule Kassel
Wolfgang Heidcfuß, geb. 1950, Dip!. Päd., Mitarbeiter im Theaterpäda-
gogischen Projekt »Jugend und Gewalt«, derzeit im Vorbereitungsdienst
für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen
Hans-Hermann Hücking, geb. 1942, Studium der Philosophie und
Theologie, Dip!. Theo!., seit 1971 Dozent für Philosophie am Westfalen-
Kolleg Dortmund, Mitglied der »Kommission für Kontakte mit Osteu-
ropa« der deutschen Sektion von Pax Christi
Hans-GerdJaschke, geb. 1952, Dr. phi!., wiss. Mitarbeiter am Fachbe-
reich Gesellschaftswissenschaften der Universität Frankfurt und Mitglied
der Projektgruppe »Faschistische Öffentlichkeit«
Martin Loiperdinger, geb. 1952, wiss. Mitarbeiter am Fachbereich Ge-
sellschaftswissenschaft der Gesamthochschule Kassel, Mitglied der Pro-
jektgruppe »Faschistische Öffentlichkeit«
Herfried Münkler, geb. 1951, Dr. phi!., Studium der Germanistik, Phi-
losophie und Politikwissenschaft, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Frankfurt
Wolf-Dieter Narr, geb. 1937, Dr. phi!., 'Professor der Politologie am
Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Freien Universität Berlin
Peter Petsch, geb. 1952, Mitarbeiter des Theaterpädagogischen Projekts
»Jugend und Gewalt«, derzeit als Referendar im Höheren Schuldienst
Christiane Rajewsky, geb. 1934, Studium   ~ r Politologie und der Islam-
wissenschaft, Professorin der Politologie an der Fachhochschule Düssel-
dorf
Hans-Joachim Rödiger, geb. 1948, Studium der Germanistik, Politik-
wissenschaft und Pädagogik, Lehrer an einem Gymnasium in Hannover
Reiner Steinweg, geb. 1939, Dr. phi!., Studium der Germanistik, Ge-
schichte und Sozialwissenschaften, Mitarbeiter der HSFK'seit 1974
Ute Volmerg, geb. 1949, Dr. phi!., Studium der Politikwissenschaft und
Germanistik, Mitarbeiterin der HSFK seit 1972
Summaries in English
Ute Volmerg
Violence in Every-day Life or the Ghettoization of Evil, pp.
16-2 9
Drawing on examples such as medieval sacral architecture and symbolic
representations of evil in antiquity, this paper describes a process of the
increasing suppression of human violence from consciousness: Today,
human violence is hidden behind beautiful fao;ades and »aestheticizing«
creations, it is no longer symbolized openly. This is accompanied by a
process which increasingly transfers violence away from concrete human
beings toward bureaucratic structures and technical dimensions, and
thereby makes it anonymous and seemingly accidental. Taking the fairy-
tale of the genie in the bottle as example, the author illustrates how this
sort of desymbolizing evil, of turning away from one's own share in it
results in the fact that evil will force its way through in other forms, the
identification of which is, at first sight, mostly much more difficult (exam-
pIe: the destruction of our ecologicallife support systems), hence produc-
ing at last the more deadly and violent effects.
Wolf-Dieter Narr
Demonstrators, Politicians (Police), and journalists
Twelf Theses on Violen ce pp. 30-59
Demonstrations are a primary democratic act and should not be restricted
in a petty way. There are two main factors which influence the peaceful or
violent course of a demonstration: the amount of »structural violence«
within a political and social system and the actual behavior of repressen-
tatives, especially of governmental institutions. But also the media have
more than a mere mediatory role: it is through their style and their em-
phasis on these instead of those facts, that they contribute to or even create
violence. Finally we may not dismiss from responsibility the participants
in demonstrations: If their political aims are democratic, they should
avoid means that run counter to their aims, even if they feel provoked to
do so. In other words, anybody who participates direcdy or indirecdy in
the development of a demonstration, is asked not to restrict the field of
demonstrations by violence. This holds true also for politicians and jour-
nalists, but above all for the actual participants in demonstrations, because
they or their groups do change: they get violent themselves and the politi-
cal message then perishes behind the means of violence. The demonstra-
tion, thus, loses its sense.
375
Herfried Münkler
Longing for the State of Emergency. The Fascination of the
Underground and its Dismantling by the Strategy of Terror, pp.
60-88
Based on self-testimonies of »drop-out« terrorists, the present article
characterizes and analyzes the experience of terrorists before joining a ter-
roristic group and during the following time in the underground. In this
connection the author develops the thesis that the decision of an individual
»to become a terrorist« defies all monocausal explanations of scholarly
disciplines and can only be »understood« by reconstructing the possible
experience. Part of this experience is the impression of a deep lack of
perspectives and orientation in every-day life> of the complete meaning-
lessness of »normal« life> and a longing for the state of emergency resulting
from this impression. This Ion ging is fed by the fascination of the under-
ground which seemed to promise a !p.eaningfullife, self-realization, and
clear decisions that cannot be morally obscurred. The crystallization of
. this fascination of the underground was the weapon. But it was precisely
the weapon that led very soon to a militarization of the group as weIl as oE
the intellectual psychological state of the group members> thus negating
any initial promises of the underground. This dismantling of the under-
ground's fasCination by the strategy of terror is the reason why aseries of
terrorists have dropped out of the terrorist scene.
Eike Hennig
»/ am Worthy only as a Combatant«
Right-wing Extremist Militance and Neo-Nazi Terror, pp.
89-I22
This paper discusses - on the basis of an interpretation of interviews with
juvenile members of neo-Nazi organizations - the orientation model of
the »political soldier« and violence as a socio-political interpretation pat-
tern. Special emphasis in given to the fact that right-wing extremism does
not advocate an isolated concept of political violen ce, but conceives of
violence as a determinative element in human and natural totality and
history. As to the problem of the difference between ideas and actions or
opinions and behaviour of right-wing extremists, the author describes
violence as the decisive criterion through which organized right-wing ex-
tremism may be differentiated from the larger part of that opinion poten-
tial.
Hans-Gerd Jaschke/ Martin Loiperdinger
Violence and Nazis Prior to 1933
»Aesthetic occupation« and physical terror, pp. 123-155
This paper analyses the violent political presentation of the NSDAP (Na-
tional Socialist German Labour Party) in three steps. First and as an in-
troduction, the authors give an outline of the violence bearing »climate« in
the public of the Weimar Republic; then the violent practice of the Nazis'
paramilitary »assault detachments« (SA) is examined in the light of their
agitation forms in the provincial regions as wen as on the basis of two mass
meetings: the NSDAP party-rally of 1929 in Nürnberg and the SA meet-
ing of 1931 in Braunschweig.
The authors come to the conclusion that the violent self-presentation of
the SA in the Weimar Republic points to their dual character: (I) Aesthetic
occupation in the form of militant marches is accompanied by physical
terror. The SA men's violent actions are sanctioned by the party leader-
ship if - anarchically performed - they debase the discipline and unity of
the aesthetic occupation (Nürnberg 1929). (2) Violent actions of the SA
are tolerated and sponsored by .the leadership if - directed against the
labour movement - they underline the impression of political effectiveness
(Braunschweig 1931).
Hans-Joachim Rödiger
Instruction Unit: Violence around us - Violence in uso
A Recommendation for Handling the Subject of Violence in
Senior Class Courses, pp. 209-240
The premises of this instruction unit are general considerations on how to
handle the problem range of violence in school. The author refers to J ohan
Galtung and Alfred Lorenzer, and on this basis he discriminates three
levels of the pedagogical field to be taken into account by those working
on this subject: the historical, the life-historical, and the actuallevel of the
respective instruction situation. A synopsis gives hints at how to use these
texts associated with the three levels mentioned and at what stages, as wen
as hints at the learning goals that may be reached. Then, one among several
possible courses of instruction in school is presented, which is restricted to
a selection of the presented texts and to three interaction games. This
recommendation for concretization is commented upon in the sense of
methods and didactics, and it is also discussed with respect to planning,
performance, and time requirements. As to the texts themselves - they
comprise an in an about 20 000 words - there is only a summary of them in
the volume. Y ou mayorder them at PRIF:
377
Christiane Rajewsky
War or Peace? Books for Young People I9I2-I982, pp. 243-3 I2
The subject of the here selected and in detail commented upon 50 books is
the madness of violence between nation-states. But for reasonS which the
author discusses in detail in the introduction this list includes not only
such books that were wtitten specifical1y for juveniles. When reading, for
instance, the anti-war novels of Weimar times written for adults, it is
possible for juveniles to experience the senselessness of war and to over-
come the fascination originating from weapons' aesthetics and violence.
The introduction also sheds light on the background against which these
books were made and read, namely the war pedagogics and war glorifying
literature as we have known them up to the present; furthermore, there are
didactic references for explanatory notes accompanying the reading. The
footnotes contain numerous hints at pedagogical and other secondary
literature on the subjects and problems discussed as weil as on particular
books.
Klaus Ehring/Hans-H. Hücking
The New Peace Movementin Hungary, pp. 3I3-350
Autonomous peace initiatives exist not oruy in the GDR: in Hungary,
too, there are social minorities which, outside the official institutions, are
striving for a credible engagement for peace and disarmament. Catholic
basis-oriented groups advocate pacifism and conscientious objection and
this has put them at odds with the Catholic hierarchy, which had already
reached its arrangement with the socialist authorities at the beginning of
the fifties. Christian conscientious objectors are sentenced to several years'
custody; their demand for the admission of a civilian peace service has up
to now been in vain.
Outside the chim::h, it is aboveall juveniles, students, and individual
representatives of the democratic opposition who condemn the armament
efforts of the superpowers and at the same time demand of the Hungarian
govemment real and concrete steps towards peace.
Reiner Steinweg, Wo/fgang Heidefuß, Peter Petsch
Every-day Life, Violence and Sensuousness
Theater Pedagogics as an Instrument of Peace Education
Outside Schools, pp. I6I-208
This contribution repoits on a research project which - through the im-
provised presentation of short, specific theatre scenes by Bertold Brecht
(learning plays) - intends to make people more sensitive to the problem of
violence, and to reinforce the potential for non-violent strategies of politi-
cal action. This form of theatre is not geared to performance for an au-
dience but to controlled self-experience situations within a group. Based
on the theory of »routinized consciousness of every-day life« (routinisier-
tes Alltagsbewußtsein) this article, by drawing on concrete examples,
shows how unconscious routine behavior relating to violence can be ex-
posed by this kind of theatre and how general consciousness can thereby
be opened up for di(ferentiated, reality-related reflection. The authors
argue that in view of the poverty of experience in the highly industrialized
societies in which we live, one can counteract the tendency to employ
violence only through sensual, physical forms of experience, which take
up the latent, subjective problems of the individual and in turn make them
accessible to direct, common reflection.
Zu den >Friedens analysen<
Die Zeitschrift dient der Vermittlung von Friedensforschung und
Friedenspolitik bzw. -erziehung: Die Ergebnisse und Probleme
der Friedensforschung sollen in einer verständlichen, nicht nur für
Fachleute lesbaren Sprache einem breiteren Publikum nahege-
bracht werden; die besonderen Bedürfnisse und Probleme der
Friedenspolitik und -pädagogik sollen ihrerseits nicht nur in der
Form erwünschter Kritik auf die Auswahl und die Form der in
der Zeitschrift dargestellten Gegenstände und damit auf die Frie-
densforschung selbst zurückwirken (s. Einführung zu Band I:
Wozu und für wen Friedensanalysen?). Das Spektrum der Zeit-
schrift umfaßt alle Probleme, die mit der Grundfrage zusammen-
hängen: Wie kann Gewalt in den Lebensverhältnissen der Men-
schen überwunden werden? Zu diesen Problemen gehören:
- Militarismus und Rüstungsdynamik, Rüstungskontrolle, Ab-
rüstung
- Sozialstrukturelle Grundlagen von Außenpolitik und interna-
tionaler Diplomatie
- Weltgesellschaftliche Gewaltverhältnisse, insbesondere Impe-
rialismus, internationale Abhängigkeitsstrukturen
- Konfliktstrukturen zwischen Staaten gleicher und unterschied-
licher Gesellschaftsordnung, insbesondere kapitalistisch-soziali-
stische Systemkonkurrenz
- Gesellschaftliche Konflikte uf\d Formen ihrer Austragung
- Gesellschaftliche Friedensbewegungen und Friedensstrategien
- Sozialpsychologie von Aggression und Gewalt
- Friedenserziehung
- Allgemeine wissenschaftspolitische und methodologische Pro-
bleme der Friedensforschung.·
Autoren, die der Redaktion Manuskripte zur Publikation anbie-
ten wollen, werden gebeten, die Notwendigkeit einfacher und
übersichtlicher Darstellung der Kernargumente bei der Abfassung
ihrer Arbeiten von Anfang an zu berücksichtigen. Sie werden fer-
ner gebeten, ihre Manuskripte in fünf Exemplaren einzusenden,
sich in der Zitierweise und bei Anmerkungen genau nach dem
vorliegenden Band zu richten und jeweils ein Summary (vgl. S.
375 ff.) sowie Angaben zur Person (vgL S. 374) beizufügen.
3
80
Auf Anforderung wird eine ausfürliche Information für Autoren
der Friedensanalysen zugesandt.
Zu den Herausgebern und Förderern der Zeitschrift: Die Hessi-
sche Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) ist eine
1970 durch das Land Hessen gegründete außeruniversitäre For-
schungseinrichtung. In der 1968 gegründeten »Arbeitsgemein-
schaft für Friedens- und Konfliktforschung« (AFK) haben sich
die meisten Friedensforscher der Bundesrepublik und West-Ber-
lin zusammengeschlossen. Die Berghof-Stiftung für Konfliktfor-
schung (gegründet 1971) hat sich zum Ziel gesetzt, »praxisrele-
vante theoretische und e