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Holm Roch

Gammablitz und Altersrente


Anmerkungen zum Zeitgeschehen
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Vorwort

Wenn im Frühsommer in Deutschland die Gräserpollen fliegen, flüchte ich in ein


pollenfreies Land. Erst fand ich in Kroatien Zuflucht, später dann in der Türkei. Zu
diesem Pollenurlaub gehört es, dass ich ein paar Dinge, die mir schon eine Weile
durch den Kopf gehen oder die ich gerade erlebt habe, zu Papier bringe. Hinterher
wird dann eine kleine Broschüre wie diese daraus. Dahinter steckt eine alte Leiden-
schaft: Ich bin schon der Schule damit aufgefallen, dass ich zu allem "meinen Senf
dazu gebe". Heute sind das kurze kritische, manchmal auch bissige und sarkastische
Anmerkungen zu Alltagsthemen vom Gammablitz bis zur Altersrente.

Ein paar Jahre lang habe ich so etwas auch im Radio gemacht, wo ich in die Rolle
eines gewissen Otto Grübel, genannt “Grübelotto“, schlüpfte - ein knotteriger Alter,
der nörgelnd und maulend lokale Ereignisse und Gegebenheiten kommentiert. Nach
50 Sendungen nahm Grübelotto leider ein überraschendes Ende, weil die Magazin-
sendung, in welcher er immer am Mittwochabend auftauchte, eingestellt wurde.

Seitdem hoffe ich, dass mir eine Zeitung oder Zeitschrift eine regelmäßige Kolumne
anbietet. Vielleicht nicht gleich die Zeit oder die Süddeutsche, aber doch ein über-
regionales Blatt. Bis dahin mache ich schon mal ein paar Vorübungen wie die fol-
genden.

Viel Vergnügen und ein wenig Nachdenklichkeit beim Lesen


wünscht
Holm Roch

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1 Gammablitze

Ingo, das Patenkind meiner Frau, hat einige Jahre seines Lebens einem seltsamen
Phänomen gewidmet: dem Gammablitz. Soweit ich das verstanden habe, blitzt es im
Weltraum ständig, allerdings nicht im Bereich des sichtbaren Lichtes - sonst würde
uns dieses ständige Geblitze ja ziemlich auf die Nerven gehen - sondern in einem
anderen, für uns glücklicherweise nicht sichtbaren Strahlungsbereich.

Ingo hat sich inzwischen mit seinen Forschungen einen Doktorhut verdient und geht
jetzt anderen Interessen nach. Die Sache mit dem Gammablitz lässt mir aber weiter
keine Ruhe. Ist doch interessant, mit was für seltsamen Fragestellungen sich die Wis-
senschaft beschäftigt. Wen – außer den Wissenschaftlern – interessiert eigentlich ein
unsichtbarer Blitz? Wäre es nicht besser, das Geld der Steuerzahler für Forschungen
auszugeben, die im sichtbaren Bereich den Alltag erleichtern?

Vor vielen Jahren hat die satirische Zeitschrift "Pardon", Vorläuferin der "Titanic",
die Frage aufgeworfen, warum nicht mal jemand eine Methode herausfindet, wie sich
feste Körper durchdringen können ohne sich zu zerstören. Dann könnten wir mit un-
seren Autos kreuz und quer in der Gegend herumfahren ohne auch nur den geringsten
Kratzer davon zu tragen. Allein schon die Einsparungen durch den Wegfall der Ver-
kehrsampeln würde in die Millionen gehen! Aber was macht die Wissenschaft? Sie
forscht lieber am Gammablitz herum.

2 Serviervorschläge

An der türkischen Südküste zwischen Side und Antalya blitzt es unaufhörlich, vor
allem abends so um den Sonnenuntergang herum. Verursacher sind Dutzende von
Fotografen, die Touristen ablichten. Am nächsten Tag kann man sich die Ergebnisse
ihrer Bemühungen im Hotel anschauen und bei Gefallen auch käuflich erwerben. Auf
jedem zweiten Bild ist ein Sonnenuntergang als Hintergrund knutschender Paare zu
sehen.

Zwei Motive sind immer wieder dabei. Einmal die klassische Kombination "Starker
Mann mit hilfsbedürftiger Frau". SIE ist immer einen Kopf kleiner als ihr Beschützer.
Notfalls wird ER einfach etwas höher gestellt oder SIE muss zu seinen Füßen in einer
Art Anbetungshaltung sitzen oder knien. Die umgekehrte Position - kleiner Mann
sucht Schutz bei großer, starker Frau - ist nie zu sehen.

Neben dieser klassischen Anordnung aus der Zeit vor der Emanzipation der Frauen,
ist das Motiv "Frau als Lustobjekt“ häufig vertreten. Einladend räkelt SIE sich auf
einer Liege oder schmiegt sich an den Stamm einer Palme. Ihre Lippen sind leicht
geöffnet und scheinen ein "Komm schnell, Liebster!" zu formulieren. Meist ist das
Weib auch noch von Tüchern, Ketten und anderen Accessoires umrankt und es fehlt
eigentlich nur noch der Hinweis "Serviervorschlag".

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Mit Hilfe von Bildbearbeitungsprogrammen werden die Fotos weiter aufgemotzt.
Seifenblasen, in denen sich Herzen spiegeln, steigen zum Himmel empor. Mehrere
Bilder überlagern sich und erzeugen ein nebulöses Durcheinander. Das gleiche Ge-
sicht erscheint gleich mehrfach auf dem Bild, als handele es sich um geklonte Ge-
spenster. Nichts ist unmöglich!

Zur Ehrenrettung der örtlichen Fotografenzunft muss gesagt werden: Es gibt hin und
wieder recht lebensnahe Bilder ohne steife Posen und technische Raffinessen, Bilder
auf denen Paare einfach ungekünstelt beisammen sind oder ein wenig herumalbern.
Das sind aber Ausnahmen, meist werden die Menschen in Posen abgelichtet, die so
unnatürlich und ungesund sind, dass jedem Orthopäden angesichts möglicher Hal-
tungsschäden die Haare zu Berge stehen müssten.

3 Tassengesichter

Kürzlich war Europawahl. Von den Plakatwänden blickten uns die Gesichter bekann-
ter und weniger bekannter Politiker an. Seltsam: Keines dieser Gesichter zeigte ir-
gendwelche Hautunreinheiten, Runzeln oder Narben. Alle sehen sie aus wie makel-
lose Porzellantassen. Das verdanken wir Computerprogrammen wie dem Photoshop,
mit dem sich jedes Portrait nachträglich schönen lässt. Schwer zu sagen, wo hier die
"Vortäuschung falscher Tatsachen" beginnt. Fraglich auch, ob jemand der die Realität
auf diese Weise ein wenig zurechtbiegt, nach der Wahl weiterhin dazu neigt, die Din-
ge zu seinen Gunsten hin zu verändern. Vielleicht sollte man Politiker per Gesetz
dazu zwingen, sich mit Hilfe kosmetischer Operationen an das Bild, das sie von sich
verbreiten lassen, anzupassen. Berlusconi könnte da ein Vorbild sein.

4 Trinkt mehr Silvana!

Früher wählten wir Politiker nach ihren Wahlversprechen, heute nach ihren Vorna-
men. Von der Plakatwand lächelt mich eine attraktive Dame an. Sie möchte ins Eu-
ropäische Parlament gewählt werden. Was sie dort zu tun gedenkt, bleibt ihr Geheim-
nis. Verraten wird lediglich, dass sie für die FDP kandidiert und dass sie Dr. Silvana
Koch-Merin heisst. Dabei ist sowohl der Doktortitel als auch der Familienname in
kleinen Buchstaben, der Vorname Silvana jedoch ganz groß geschrieben. Wählt Sil-
vana, sie wirds schon richten! Aber vielleicht tue ich Silvana Unrecht und im Vor-
namen ist doch ein politisches Programm enthalten. Könnte ja sein, dass sie sich der
europäischen Weinanbaupolitik verschrieben hat.

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5 Lieber Max als Moritz

Mit dem eigenen Vornamen statt mit einem Programm in den Wahlkampf ziehen -
das ist neu. Da werden wir Wähler in Zukunft wohl umdenken müssen. Ist die neue
Milchpreisverordnung bei einer Ulrike besser aufgehoben als bei Helene? Taugt die
modische Annalena mehr als die einfache Anna? Wird Traugott für bessere Regelun-
gen beim Wassergehalt der Tomaten sorgen als sein Mitbewerber Olaf?

Warum nicht die neue Werbeform gleich noch mit dem klassischen Werbespruch
(neudeutsch: Slogan) verbinden?
Beispielsweise so:

Für Makrele und Dorsch


sorgt am besten der Schorsch!
Europa braucht veränderte Fangquoten! Dafür stehe ich.
(Darunter handgeschrieben “Euer Schorsch”)

Oder: Der Türke kommt bei uns nicht rein, dafür setze ich mich ein!
Traugott Riedlhuber, Ihr bodenständiger Abgeordneter aus dem Allgäu.

Oder noch kürzer und prägnanter:


In Brüssel stinkts,
doch Erwin bringts!

Da eröffnet sich ein weites Feld für Werbeprofis und wir können uns schon jetzt auf
die nächsten Wahlkämpfe mit ihren kreativen Weisheiten freuen.

6 Parteien zur Wahl?

Wer in der Politik etwas erreichen möchte, muss eine bestimmte Partei und damit ein
politische Programm wählen. Die Frage ist, ob eine solche "Parteien-Demokratie"
wirklich die beste Staatsform ist. Die Meinung der Leute, die sich von keiner Partei
vertreten fühlen, fällt dabei einfach unter den Tisch.

Wie wäre es denn, wenn im Parlament neben den Parteien auch andere "gesellschaft-
lich relevante Gruppen" ihren Platz hätten? Solche Modelle gibt es in vielen Ländern.
Auch in der DDR hat man es damit versucht, dabei allerdings die Opposition sorgfäl-
tig ausgegrenzt.

Vor etlichen Jahren hatten wir darüber im Kollegenkreis eine spannende Diskussion
mit dem ehemaligen Verfassungsrichter Helmut Simon. Der war skeptisch, ob das
nicht zurück in einen Ständestaat führt. Und natürlich wäre es nicht verfassungskon-
form. Trotzdem scheint es mir bedenkenswert. In einigen Bereichen haben sich sol-
che Lösungen ja durchaus bewährt. Beispielsweise sind die Rundfunkräte mit Vertre-

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tern gesellschaftlicher Gruppen (Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften, Verbän-
de...) besetzt. Vielleicht hilft ja die zunehmende Parteienmüdigkeit nach neuen
Formen der Beteiligung zu suchen. Dass eine immer kleiner werdende Minderheit
bestimmt, was die Mehrheit tun muss, ist jedenfalls keine demokratische Lösung.
Und der Hinweis, es könnten ja alle wählen gehen, wer es nicht tut, müsse eben die
Folgen tragen, hilft auf Dauer auch nicht weiter.

7 Wirklichkeiten

Neulich sah ich im Fernsehen in einer dieser Krankenhausserien einen bekannten


Schauspieler schwerkrank im Bett liegen. "Armer Kerl", dachte ich, "wahrscheinlich
wird er nie wieder auf einer Bühne stehen oder in einem Film mitwirken können".

8 Kleine Paradiese

In einem völlig überfüllten Zug entdecke ich zwischen aufgetürmten Koffern und
Reisetaschen, zerknüllten Zeitungen und leeren Flaschen einen jungen Mann, bäuch-
lings auf dem Boden liegend, vor sich einen aufgeklappten Laptop mit dem er im
Internet surft. Ja, es gibt sie noch, die kleinen Paradiese inmitten des allgemeinen
Durcheinanders.

9 Die Strafe

Sich während einer Bahnfahrt die Zeit mit Kinofilmen zu vertreiben, scheint Mode zu
werden. Immer häufiger sieht man Reisende auf einen Laptop starren, auf dem ein
Film läuft. Leider drehen manche dieser Zeitgenossen - um ein möglichst realisti-
sches Kino-Erlebnis zu haben - den Ton voll auf. Ihren Kopfhörer haben sie natürlich
zu Hause vergessen. Das irritiert die Mitreisenden, weil sie das Bild zum Ton nicht
sehen können. Aber warte nur ab, du Lärmterrorist! Auch du musst einmal zur Toi-
lette und was machst du dann mit deinem teuren Laptop? Mitnehmen ist die einzig
sichere Lösung, aber in der Bahntoilette gibt es keine Ablage. Ihn einfach auf den
Boden legen, geht auch nicht, weil da die gewohnte Überschwemmung herrscht. Bei
rücksichtvollen Kinoguckern passen wir natürlich gern auf das wertvolle Stück auf,
während der Besitzer seinen natürlichen Bedürfnissen nachgeht.

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10 Tatorte

Die Grundstruktur eines Krimis ist an sich recht einfach. Am Anfang gibt es eine
Leiche. Am Ende wird der Mörder verhaftet. Dazwischen liegt die Ermittlungsarbeit
des Kommissars. Bei einem Fernsehkrimi ergibt sich nun ein spezielles Problem: Es
stehen immer genau 90 Minuten zur Verfügung. Der Krimi darf also weder kürzer
noch länger ausfallen, weil sonst das Programmschema durcheinander käme. Wenn
nun der Fall in weniger als 90 Minuten zu lösen ist, muss die restliche Zeit irgendwie
gefüllt werden. Dazu verwendet der Autor beliebiges Füllmaterial, das mit dem Fall
so gut wie nichts zu tun hat. Beliebt sind Beziehungsthemen. Plötzlich steht die halb-
flügge Tochter des Kommissars vor der Tür. Sie hat das Abitur geschmissen und sich
ein halbes Jahr lang mit einem ständig bekifften Musiker in Indien herumgetrieben.
Nun soll Papa das Leben wieder richten, denn ihr Abi möchte sie nun doch noch
machen. Schwanger ist sie auch. Kein Wunder, dass der gestresste Vater seinen Fall
fast aus den Augen verliert. Erst wenn sich die 90 Minuten dem Ende zuneigen,
kommt er wieder darauf zurück.

Füllmaterial lässt sich auch aus den Beziehungskrisen des Kommissars gewinnen. Da
hat er sich doch tatsächlich in die neue bildhübsche Assistentin verguckt, die aber lei-
der noch durch eine unglückliche Liebe an einen stadtbekannten Dealer gebunden ist.
Der sitzt zwar seit zwei Jahren ein (ausgerechnet unser Hauptkommissar hat ihn da-
mals zur Strecke gebracht!), kommt aber bald wieder frei und die hübsche Assistentin
brennt schon darauf, ihn vor erneutem Abgleiten in die Kriminalität bewahren zu dür-
fen. Eine Lebensaufgabe, die keinen Raum für die neue kollegiale Liebe lässt. So
geht es weiter und immer weiter bis die 90-Minutengrenze fast erreicht ist. Jetzt erin-
nert sich der Drehbuchautor daran, dass ja eigentlich ein Kriminalfall zu lösen ist. Die
nette Assistentin endet auf tragische Weise beim Abstauben einer Landmine, der
Kommissar findet den Mörder und wir dürfen gespannt sein, was dem Autor in der
nächsten Folge einfällt, um wieder 90 Minuten unserer kostbaren Lebenszeit irgend-
wie herumzubringen.

11 Und immer wieder Volksmusik

Samstagabend gibt es im Fernsehen Volksmusik. Ein gewaltiger Etikettenschwindel!


Volksmusik meint ja eigentlich: Musik wie sie vom Volk gemacht wird, im Unter-
schied zu höfischer oder bürgerlicher Musik. Meine Mutter, 1903 geboren und auf
dem Land aufgewachsen, hat mir erzählt, wie sich die Frauen ihres Dorfes an den
langen Winterabenden zum gemeinsamen Singen trafen. Wenn da noch Instrumente
hinzukamen war das Volksmusik.

Was uns dagegen im Fernsehen als Volksmusik präsentiert wird, ist Musik, die bei
einem Großteil der Bevölkerung, vor allem bei den sogenannten "bildungsfernen
Schichten", gut ankommt. Ehrlicher wäre es, von populärer Musik oder von Trivial-
musik zu sprechen, aber "Volks"-Musik verkauft sich nun einmal besser, weil sie

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einen Beigeschmack von Heimaterde hat. Und ums Verkaufen geht es letztlich, hat
doch zufällig eine der Gruppen, die wir am Bildschirm bewundern können, gerade
wieder ein neues Album herausgebracht, das wir am nächsten Tag im Laden kaufen
sollen. So gesehen sind die Volksmusikabende im Fernsehen nichts anderes als
Promotion und Unterhaltung fürs Fernsehvolk - aber keine Volksmusik.

12 Medienerziehung

Mittagessen im Hotel. Der große Speisesaal fasst etwa 250 Gäste, jeweils an Vierer-
tischen. Am Nachbartisch sitzt eine Familie, Vater, Mutter und zwei Jungen. Der eine
Sohn ist schätzungsweise ein Jahr alt und sitzt noch in einem Kinderstühlchen, der
andere, ein Zweijähriger, sitzt auf einem normalen Stuhl. Vor den beiden Kindern
stehen ihre Teller, dahinter in der Mitte des Tisches ein Flachbildschirm auf dem ein
Trickfilm läuft. Wie gebannt starren beide Kinder auf den Bildschirm. Derweil wird
das Essen kalt. Nun nähert sich die Mutter von der Seite aus ihrem Jüngsten und ver-
sucht, ihm einen Bissen in den Mund zu schieben. Unwillig wehrt das Kind diese
Störung ab. Die Mutter lässt aber nicht locker und versucht es immer wieder. Man
kann eben mit der Medienerziehung nicht früh genug beginnen.

13 Der Höllenhund

Es gibt Hunde, die einem schon aus großer Entfernung Angst einflößen. Ein solcher
"Höllenhund" wohnt in meiner Nachbarschaft. Es handelt sich um ein mittelgroßes
Exemplar mit schwarzem Fell, gefährlichen Zähnen und verschlagenem Gesichts-
ausdruck. Sobald er mich erblickt, lässt er ein tiefes Grollen hören. Ich trete dann
automatisch einen Schritt zurück, bereit augenblicklich die Flucht zu ergreifen. Zwar
wird dieses Untier von seinem Frauchen an der Leine gehalten, ich bin aber nicht
sicher, ob sie die Leine halten kann, wenn er zum Angriff übergeht. Als wir uns zum
ersten Mal begegneten und der Hund zu knurren anfing, reagierte die Frau mit einem
beruhigenden "Der tut dir nichts!" Das sagte sie zu ihrem Hund - nicht etwa zur mir.

Eine solche Vertauschung von Täter und Opfer gibt es häufiger. Im Fernsehen habe
ich gesehen, wie eine Gruppe von Jugendlichen verhaftet wurde, weil sie schnelle
Autos geknackt hatten und damit durch die Stadt gebraust waren. Auf die Frage,
warum sie mit halsbrecherischem Tempo durch die Innenstadt gerast seien, sagte
einer: “Wir können doch gar nicht anders, wenn uns die Polizei so schnell hinterher
fährt.”

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14 Paariges

Dass es neben Liebes- und Ehepaaren auch noch andere Formen von Paaren geben
könne, ist in den Köpfen vieler Menschen nicht vorstellbar. Beispielsweise das Reise-
paar. Was tun, wenn man/Mann verreisen möchte, die eigene Ehefrau aber keine Lust
hat, mitzufahren? Vor diesem Problem stehe ich jedes Mal wenn in Deutschland die
Gräserpollen fliegen. Dann fliehe ich seit vielen Jahren in ein pollenfreies Land. Und
weil meine Frau Erika nicht mitreisen mag, sehe ich mich im Freundes- und Bekann-
tenkreis nach Mitreisenden um. Es ist einfach unerquicklich, Abend für Abend allein
an der Bar herumzuhängen und auf zufällige Bekanntschaften zu hoffen. Deshalb
freue ich mich, dass diesmal Karin F. mitgefahren ist. Wir kennen uns seit dem Stu-
dium und schätzen beide unseren Status, ich als Verheirateter, sie als Alleinlebende.

Als wir im Hotel ankommen, ist der Kofferträger verblüfft, dass wir unterschiedliche
Zimmer beziehen (auch noch in verschiedenen Etagen!). Und als Karin eine Kette
beim Juwelier reparieren lässt, erklärt er ihr, wie schön es sei, dass er nun auch ein-
mal meine Frau kennenlerne. Warum sie denn in den vergangenen Jahren nicht mit-
gekommen sei. Da muss einiges klargestellt werden, was aber nicht so einfach ist,
weil es für so eine Beziehung kein passendes Wort gibt. "Meine Frau"" ist Karin
nicht, denn das meint "Ehefrau". "Meine Freundin" klingt nach Geliebter. "Meine
Begleiterin" kommt dem Sachverhalt noch am nächsten, ist aber recht neutral und
auch etwas abwertend (ich bin die Hauptperson und habe noch eine Begleitung, etwa
so wie ein Mensch mit einem Hund). Da ist die Sprache - jedenfalls die deutsche -
etwas armselig gegenüber der Fülle der Möglichkeiten. Wenn schon der Eskimo
dreißig oder mehr Worte für "Schnee" hat, sollte es für menschliche Beziehungen
mindestens doppelt so viele Worte geben.

15 Hausbesitzer gesucht

Vor einigen Jahren wurden Urlaubshotels in Kroatien und der Türkei von Theater-
und Ballettgruppen aus der ehemaligen UdSSR geradezu überflutet. Manche der
weiblichen Mitglieder hofften auch darauf, unter den Hotelgästen einen Partner zu
finden, der ihnen per Heirat einen dauerhaften Aufenthalt im "goldenen Westen"
ermöglicht. Alleinreisende Herren waren also umschwärmt. Das Problem war nur die
Sprachbarriere. Wie lässt sich mit jemandem anbandeln, wenn man selbst nur Rus-
sisch und ein paar Brocken Englisch, das Gegenüber jedoch Deutsch und vielleicht
ebenfalls ein wenig Englisch spricht. Wie schwierig das werden kann, habe ich in der
Türkei erlebt. Da setzte sich eine junge Dame zu mir, die zielstrebig danach fragte, ob
ich in Deutschland ein Haus besitze. Ich habe es nicht geschafft, ihr klar zu machen,
dass ich zwar kein Haus, dafür aber eine Eigentumswohnung besitze, die allerdings
zur Hälfte meiner Frau gehört. So ist sie denn bald an den nächsten Tisch weiter
gezogen und dort - hoffentlich - glücklich geworden.

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16 Vertane Zeit

Ich packe meinen Koffer, weil ich mich wieder einmal in der Türkei vor den deut-
schen Gräserpollen in Sicherheit bringen will. Erika möchte lieber zu Hause bleiben.
Am Tag vor meiner Abreise machen wir noch einen kleinen Abschiedsspaziergang.
Wir sprechen darüber was bis zu meiner Rückkehr alles zu erledigen ist und auch
darüber, was in Zukunft mit dem Älterwerden noch auf uns zukommen könnte. Wenn
einer von uns beiden in der Rollstuhl gerät, müssen wir dann die Wohnung umbauen?
Soll mein Zimmer notfalls mit einem Pflegebett ausgestattet werden? Plötzlich sagt
Erika: „Und wenn nun morgen Dein Flugzeug abstürzt?“ Ja, dann würde ich mich
natürlich sehr darüber ärgern, unsere letzten gemeinsamen Stunden mit einem Ge-
spräch über solche Fragen zugebracht zu haben.

17 Ohren zu

Wenn ich morgens in die Stadt fahre, sind meist nur wenige Fahrgäste im Bus. Bei
der Rückfahrt gegen 13 Uhr ist er dann rappelvoll. Das liegt an den Schulen, die um
diese Zeit ihre Schüler in die Freiheit entlassen. Schubsend und johlend drängeln sie
herein bis kaum noch ein Stehplatz frei ist. Viele haben Stöpsel in den Ohren und
einen voll aufgedrehten mp3-Player vor der Brust. Das fiept und jault zum Gotter-
barmen. Einmal habe ich so einen kleinen Musikfan angesprochen: "Bitte etwas lei-
ser, das nervt!" Er hat das aber gar nicht gehört. Statt dessen solidarisierten sich die
Umstehenden mit ihm und riefen: "Mach´s lauter, mach´s lauter!"

Wie kommt es, dass junge Leute sich derart akustisch zumüllen? Vielleicht ist es ein
Versuch, endlich einmal seine Ruhe zu finden (paradoxerweise mit Hilfe von Lärm).
In der Schule will immer jemand etwas von ihnen. Der Lehrer möchte, dass sie sich
am Unterricht beteiligen. Der rechte Nachbar möchte sein geliehenes Geld zurück-
haben. Der linke Nachbar will die Raubkopie eines Computerspiels verkaufen. Die
Mädchen in der Klasse möchten auch irgendetwas, worüber aber nur pubertäre Phan-
tasien bestehen. Die Eltern erwarten, dass die Schulnoten besser werden. Alle wollen
etwas! Da hilft nur, sich völlig abzuschotten, eine Art "Firewall“ aufzubauen, um
endlich Ruhe zu haben. Aber gleich kommt wieder einer und möchte, dass man diese
Schutzwand wieder abbaut. Schrecklich!

18 Der Reißverschluß

Auf dem Dortmunder Flughafen steht vor mir in der Warteschlange ein junge Frau in
engen Jeans. Sie hat nicht nur einen knackigen Po, sondern auch einen auffälligen
Reißverschluss, der nicht vorn sondern hinten angebracht ist. Ein echter Hingucker!

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Das Teil setzt natürlich bei den Umstehenden einige Phantasien über seine Verwen-
dung frei.

Vielleicht könnte man ja solche Reißverschlüsse auch in anderen Körperzonen an-


bringen. Ein gewaltiger Auftrieb für die deutsche Reißverschlussindustrie wäre die
Folge. Besonders in Ländern, wo sich Frauen nur völlig verhüllt in der Öffentlichkeit
zeigen dürfen, könnte daraus ein echter Hype werden.

19 Lebenshilfe überall

Zeitungen und Zeitschriften sind voll mit gut gemeinten Ratschlägen. Sie gehen alle
nach dem WEDITUDA-Muster: "Wenn dies, tu das, gleich wird es besser!”. Gegen
Depressionen hilft Kamillentee, gegen Ehekrisen ein Aufenthalt in einem Kurhotel,
gegen Kummer mit Kindern autogenes Training. In der der nächsten Ausgabe der
gleichen Zeitschrift wird man dann mit einem völlig anderen Rezept gegen das glei-
che Unheil versorgt. Lebenshilfe wohin man blickt!

Auch die Kirche ist inzwischen auf diese Modewelle eingeschwenkt. Eine moderne
Predigt bemüht sich ebenso um Lebenshilfe wie der Leitartikel einer kirchlichen Zeit-
schrift. Neulich hat hier die freikirchliche Gemeinde eine halbe Werbewoche mit
Lebenshilfe-Themen bestritten. Bis Du einsam, kriselt es in Deiner Ehe, suchst Du
Erfolg und Anerkennung... nimm Jesus, schon wird alles besser!

Vielleicht sollten die Kolleginnen und Kollegen einmal in die Bibel schauen. Dort
werden kaum solche Themen abgehandelt. Da geht es um das Ende der bisherigen
Welt und um den Anbruch einer neuen, aber nicht darum, wie einzelne Menschen aus
ihrem persönlichen Schlamassel herauskommen. Allenfalls die Geschichte vom rei-
chen Jüngling lässt sich unter Lebenshilfe verrechnen, allerdings von missglückter,
denn dieser junge Mann geht ja gerade nicht auf den Ratschlag, von seinem Reichtum
doch besser zu lassen, ein.

Man kann fragen was an der allgemeinen Ratschlägerei so schlimm sein soll. Schließ-
lich sind diese Rezepte alle gut gemeint. Was mich daran stört, ist der Irrglaube, dass
es für jede Problemlage eine simple Lösung geben könne, die zudem für jeden Men-
schen passt. So einfach liegen die Dinge leider nicht.

20 In memoriam Marco W.

Zwei Jahres ist es her, da wurde einem deutschen Jungen namens Marco in der Türkei
ein großes Leid zugefügt. Unbedacht, wie junge Leute nun einmal sind, hatte sich
dieser Knabe mit einem Mädel eingelassen, das mit seinen Eltern hier Urlaub mach-

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te. Was damals zwischen den beiden genau passiert ist, wird wohl ewig im Dunkel
der Geschichte verbleiben. Folgt man der Bildzeitung ist es jedenfalls nicht zum
Äußersten gekommen, weil Marco einen vorzeitigen Samenerguss hatte. Wie auch
immer: Das Mädchen war erst 13 Jahre alt. Da sind sexuelle Handlungen strafbar und
zwar nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland. Man mag Marco zugute
halten, dass er das nicht wusste (der bekannte deutsche Bildungsnotstand!), vielleicht
hat ihn jenes junge Weib auch über ihr wahres Alter im Unklaren gelassen. Oder es
ist wieder einmal wie üblich abgelaufen: Ab einem gewissen Grad sexueller Erregung
schaltet beim Mann bekanntlich der Denkapparat automatisch ab. Das liegt am Testo-
steron und man/Mann kann dagegen gar nichts machen.

Leider gingen nun aber die Eltern jenes Mädchens nicht mit der gebotenen Lockerheit
an die Sache heran. Im Gegenteil, sie missbilligten Marcos Verhalten (nicht etwa das
ihrer Tochter!), liefen zur Polizei und schon saß Marco in Antalya in Untersuchungs-
haft. So eine Gemeinheit! Am Hotelpool regten sich die Gäste jeden Tag aufs Neue
darüber auf. Und selbst in Berlin reagierten Politiker mitfühlend und fragten, ob man
mit dieser Türkei noch weiter über den EU-Beitritt verhandeln solle. (Bravo! - Unter
Kaiser Wilhelm hätte man umgehend ein Kanonenboot an den Bosporus geschickt).

Fast ein dreiviertel Jahr sitzt Marco in Untersuchungshaft, dann wird er freigelassen,
muss allerdings versprechen, zum Prozess zurückzukommen. Ein Privatjet bringt
Marco nach Deutschland. Es folgt ein Exclusivauftritt bei RTL und bald darauf er-
scheint - ausgerechnet im Hamburger Kinderbuch-Verlag - sein Bestseller: Meine
247 Tage im türkischen Knast.

Es ist schon sonderbar, wie hier die Maßstäbe angelegt werden. Ständig werden fast
überall auf der Welt Unschuldige verhaftet, ohne Gerichtsurteil festgehalten, gefoltert
und umgebracht. Dafür interessiert sich kaum jemand. Wenn aber ein Pubertierender
aus Uelzen von der türkischen Justiz etwas hart angefasst wird, geht eine Welle der
Empörung durch Deutschland. Armer, armer Marco!

21 Geben und Nehmen

Jeder Mensch verfügt über Fähigkeiten, die er zugunsten anderer einsetzen kann. Ge-
hört dieser Mensch zu einer Gemeinschaft, beispielsweise einer kirchlichen, liegt es
nahe, dass er seine Fähigkeiten vorzugsweise dort einbringt.

In der Kirche hat sich in den letzten Jahren ein merkwürdiger "Kult" um dieses doch
ganz menschliche Phänomen entwickelt. Dort spricht man nicht von Fähigkeiten son-
dern lieber von "Gaben". Diese Wortwahl hat Folgen, denn meine Gaben sind - so die
theologische Auffassung - nicht einfach Fähigkeiten, über deren Einsatz ich selbst
entscheiden kann. Gaben sind mir gegeben damit ich sie einsetze - kostenlos versteht
sich. Sich dem zu verweigern, würde Gott, dem „Geber aller Gaben“, beleidigen.
Soweit die gängige kirchliche Theorie. "Gaben entdecken" ist denn auch ein verbrei-

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tetes Thema kirchlicher Fortbildungen. Man kann das auch so übersetzen: Wie lerne
ich andere auszunutzen ohne eine Gegenleistung erbringen zu müssen?

Angesichts knapper Kassen hat sich der Trend zur Gabensuche in letzter Zeit erheb-
lich beschleunigt. Es soll Pfarrer geben, die einen großen Teil ihrer Zeit darauf ver-
wenden, auf diese Weise kostenlose Mitarbeiter zu gewinnen. Nun ist es ja nichts
Schlimmes, einen Gesinnungsgenossen um Hilfe zu bitten, wenn man alleine nicht
mehr weiterkommt, aber ärgerlich ist es schon, wenn nach solcher Hilfeleistung ein
"Danke" gar nicht mehr zu hören ist. Undank ist bekanntlich der Welt nicht aber der
Kirche Lohn. Da scheint sich einiges zu verwischen.

Ich weiß wovon ich rede. Zu meinen "Gaben" gehört es, dass ich gerne zeichne und
für Institutionen und Organisationen Logos entwickele. Vor einiger Zeit hat mich ein
Kollege gebeten, so ein Zeichen für eine Ökumenische Gemeindepartnerschaft zu
entwerfen. Das Ergebnis hat mich ein paar Tage Arbeit gekostet, wurde aber niemals
gedruckt oder in anderer Weise verwendet. Ich hätte mir die Arbeit sparen können.
Hätte ich 300 Euro genommen (für ein gutes Logo ein eher bescheidener Preis!),
wäre die Sache wahrscheinlich nicht einfach im Sande verlaufen.

Was nichts kostet, ist auch nichts wert - es wird nicht wertgeschätzt.Vorsicht also bei
Gefälligkeiten, vor allem wenn sie „Gaben“ genannt werden.

22 Was uns schon immer gefehlt hat

Unter den zahlreichen Drucksachen, die mir den Briefkasten verstopfen, findet sich
regelmäßig der Katalog eines Versandunternehmens, dass es sich zur Aufgabe ge-
macht hat, das Bedürfnis nach edlem Schnickschnack zu befriedigen. Da gibt es
sowohl den Milben-dichten Reiseschlafsack als auch den Nistkasten mit Infrarot-
kamera, mit deren Hilfe man den Vögeln beim Brüten zuschauen kann.

Ein Highlight im Angebot ist eine spezielle Brille, mit der sich Golfbälle im hohen
Gras oder im Unterholz leichter aufspüren lassen. Durch einen speziellen Filter im
Brillenglas wird das Weiß des Balles verstärkt wiedergegeben. Der Ball springt ei-
nem sozusagen direkt ins Auge und man muss ihn nur noch aufheben.

Nun habe ich bisher immer gedacht, Golf sei ein Sport für Leute, die zwischen zwei
Geschäftsterminen,bei denen sie mal eben ein paar Milliönchen verdienen, etwas
Abwechslung brauchen. Denen dürfte ja eigentlich der Verlust von einigen Golfbäl-
len nicht allzu viel ausmachen. Mit dieser Einschätzung liege ich jedoch völlig dane-
ben. Golf ist auf dem besten Wege, ein Volkssport zu werden und schon bald werden
Scharen golfender Hartz IV-Empfänger die Plätze bevölkern. Denen macht es natür-
lich schon etwas aus, wenn ein Golfball verloren geht. Fragt sich nur, woher sie die
49,45 Euro für diese Spezialbrille nehmen sollen. Und es kommen ja auch noch 5,95
für den Versand hinzu.

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23 Lasset euch verwöhnen!

Am Nebentisch sitzt eine junge Mutter mit ihrem Zweieinhalbjährigen. Vor dem
Kind steht ein Teller mit einem Stück Wassermelone. Das Kind mault, weil es die
Melonenkerne nicht mag. Nun pult die Mutter mühsam jeden einzelnen Kern heraus.
Das Kind schaut interessiert zu, macht aber keine Anstalten, es selbst einmal zu pro-
bieren, obwohl es mit dem Besteck schon ganz gut umgehen kann. Wie sagt doch
meine Erika als Fachfrau für Kleinkindpädagogik: Verwöhnen heißt, einem Kind
etwas abnehmen, was es schon selbst tun kann!

24 Seliges Nichtstun

Das Schönste am Urlaub ist: Nichts tun zu müssen. Ich kann bis halb neun schlafen,
oder schon um acht zum Frühstück gehen. Ich kann noch einen zweiten Tee trinken –
oder es auch lassen. Es gibt keine Termine, so gut wie keine Verpflichtungen und erst
recht nichts, was ich ohnehin nicht gerne mache.

Kürzlich habe das Gustav Lübke Museum in Hamm besucht. In der ägyptischen Ab-
teilung haben mich besonders die Uschebtis beindruckt, kleine Figuren, die den Toten
mit ins Grab gegeben wurden und im Totenreich als Stellvertreter tätig wurden. Das
ägyptische Jenseits war nämlich kein Paradies für Faulenzer, sondern eher eine Art
Arbeitslager. Wohl dem, der da einige Uschebtis dabei hatte. Wurde man früh am
Morgen durch einen Aufseher, der eine Nilpferdpeitsche schwang und dabei „Elender
Hund, warum bist du nicht beim Steineklopfen!“ brüllte, unsanft aus dem Schlaf ge-
weckt, sagte man einfach: „Wenden sie sich doch bitte an meinen Uschebti, der erle-
digt das für mich!“ Dann drehte man sich um und schlief einfach weiter.

Leider lässt sich so ein strukturloses „in den Tag hinein leben“ auch nicht lange
durchhalten. Nach ein paar Tagen trinke ich dann doch wieder regelmäßig um acht
einen Tee, gehe anschließend zum Schwimmen, dann zum zweiten Frühstück und
sitze danach bis zum Mittagessen auf der Hotelterrasse und schreibe Texte wie die-
sen. Und kein Uschebti hilft mir dabei.

25 Raucherverfolgung

Hier im Hotel hat nun auch die Raucherverfolgung eingesetzt. Im Speisesaal werden
sie nicht mehr geduldet. In der Lobby auch nicht. Ersatzweise stehen draußen im
Freien zwei Tische mit ein paar Stühlen. Dort wird jedoch nicht bedient und die
Nikotinsüchtigen müssen sich ihre Getränke selbst holen. Außerdem werden sie da
draußen erbarmungslos von der Sonne gebraten, sodass zum Lungenkrebsrisiko auch
noch das Hautkrebsrisiko hinzukommt.

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Wie so oft gibt es auch hier eine Ausnahme. Ein prominenter Raucher wird im Hotel
weiterhin geduldet: Der Staatsgründer und Vater aller Türken Kemal Atatürk. Von
der Wand der Eingangshalle blickt er in staatsmännischer Pose auf sein Volk und auf
das Gewusele der Touristen herab, in der Hand die obligatorische Zigarette.

Atatürk ist 1938 gestorben, deswegen kann es von ihm kein Farbfoto geben. Trotz-
dem existieren eine Reihe bunter Bilder, wie das in der Hotelhalle. Sie sind offenbar
nachträglich koloriert worden. Bei dieser Gelegenheit hat man gleich noch eine Reihe
weiterer Verbesserungen vorgenommen. Man sieht den Mann mit weißem, rotem
oder gar keinem Einstecktuch. Der Hintergrund ist einfarbig oder mit einer Flagge
gefüllt - alles Abwandlungen des gleichen historischen Fotos. Da sollte es nicht
schwer fallen, auch noch die unpassende Zigarette zu ersetzen, beispielsweise durch
einen Füllfederhalter, mit dem gerade ein Staatsvertrag unterschrieben wurde. Wir
werden sehen.

26 Schneller als jede Brieftaube

Gegenüber früher ist heute manches leichter. Nehmen wir nur mal die Kommunika-
tion. Dafür benutzte man früher Brieftauben. Die mussten vom Ausgangsort mühsam
in eine weit entfernte Startposition gebracht werden, bekamen dann ein Zettelchen
mit einer Botschaft ans Bein gebunden und wurden auf die Heimreise geschickt.
Dabei konnte vieles schief gehen. So manche Taube wurde von einem Raubvogel
zum Frühstück verspeist und der Empfänger wartet noch immer auf seine Nachricht.
Andere wurden vom Blitz getroffen. Wieder andere verliebten sich bei einer Flug-
pause in einen ortsansässigen Täuberich, gründeten eine Familie und vergaßen das
Weiterfliegen. Alle diese Probleme gibt es heute nicht mehr. Botschaften sausen per
Internet in Bruchteilen von Sekunden um den Erdball und kommen unbeschädigt
beim Empfänger an. Gerade habe ich eine E-mail an mich selbst geschickt. Sekunden
später lag sie schon in meinem elektronischen Briefkasten. Da kann eine Brieftaube
einfach nicht mithalten.

Brieftaubenzüchter werden das natürlich anders sehen. Ein paar sture Fortschrittsver-
weigerer gibt es bekanntlich immer.

27 Die Rentner sind uns sicher - die Renten nicht

Demnächst muss jeder junge Mensch zwei oder gar drei Rentner ernähren! Solche
Sätze hört man immer wieder, auch hier im Hotel. Mit solchen Sprüchen lässt sich
gut Zwietracht zwischen Jungen und Alten säen. (Sollen die Alten doch endlich
abkratzen, anstatt den Jungen weiter zur Last zu fallen!).

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Aber schauen wir doch mal genauer hin! Es stimmt, dass der Anteil der Alten an der
Gesamtbevölkerung zunimmt. Es stimmt auch, dass jemand, der sich nicht selbst ver-
sorgen kann, von anderen versorgt werden muss. Es stimmt allerdings nicht, dass aus-
schließlich die Jungen die Alten ernähren müssen. Klar: Um Renten auszahlen zu
können, muss genug Geld im Rententopf sein. Es ist aber völlig offen, wie dieser
Topf gefüllt wird. Er kann mit Beiträgen der Rentenversicherten gefüllt werden, dann
zahlen tatsächlich die Jüngeren für die Alten. Er kann mit Einnahmen aus der Mehr-
wertsteuer gefüllt werden, dann zahlen alle, die konsumieren. Er kann aus allgemei-
nen Steuereinnahmen gefüllt werden, wie das schon jetzt größtenteils der Fall ist,
dann zahlen alle Steuerzahler und zwar progressiv nach Höhe ihres Einkommens.

Wie das Geld in die Kasse kommt, ist eine politische Entscheidung und es gibt dabei
eine Menge Handlungsspielraum, aber - wie immer - natürlich keine Lösung, die nie-
mandem wehtut. Säßen wir, wie die Saudis, auf einer riesigen Menge Erdöl, könnten
wir damit die Renten bezahlen. Da haben wir leider Pech gehabt.

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