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Landesgeschichte Die Geschichte des Südwestens ist so abwechslungsreich, wie es für Europa typisch ist. Bedingt

Landesgeschichte

Landesgeschichte Die Geschichte des Südwestens ist so abwechslungsreich, wie es für Europa typisch ist. Bedingt durch

Die Geschichte des Südwestens ist so abwechslungsreich, wie es für Europa typisch ist. Bedingt durch die geographische Lage im Schnittpunkt der Verkehrsströme ist es eine sehr bewegte Geschichte mit vielen Herrschern und Beherrschten, mit Kult und Kulturen.

Ich habe versucht die Geschichte der einzelnen Landesteile zu strukturieren und den Weg zum Bundesland Baden-Württemberg aufzuzeigen. Dass ich als Schwabe dabei mehr über den heute 'württembergischen' Landesteil geschrieben habe, möge man mir im 'badischen' Landesteil nachsehen.

Also, was hat die Menschen im 'heutigen Ländle' geprägt, welche Geschichte hat sich in Ihre Gene eingegraben, welche Geisteshaltungen steuern Ihre Entscheidungen?

August Lämmle hat mal so schön über die Schwaben gesagt "Die seltsame Mischung von verschlossener Zurückhaltung und offenbarer Zutraulichkeit, von rechnerischem Scharfsinn und träumerischem Spintisieren, von inniger Religiosität und gänzlich mangelndem Autoritätsglauben, von verschimmelter Nesthockerei und verbissenem Wandertrieb, von unglaublicher Philisterhaftigkeit und offenem Weltsinn - diese Mischung hat eine Vielseitigkeit von Gestalten und Leistungen hervorgebracht, die als Gemeinsames das Ungewöhnliche haben."

Dass man es im Ländle aber gar nicht so einfach hatte, beklagte Theodor Hess so:

Das enge Land hat den Reichtum seiner Begabungen nicht immer ertragen, hat die großartigsten Naturen, Schiller, List, auch Kepler, gequält; Hegel und Schelling haben sich - draußen - entfaltet, Kurz und Planck blieben einsam; Mörike und Hölderlin hat schließlich Deutschland früher in ihrem ganzen Range erkannt, als es die Heimat getan hat

Es gibt eine ganze Reihe von Büchern, in denen der Interessierte die geschichtlichen Hintergründe vertiefen kann, aber da ich Internet bislang nur eher bruchstückhafte geschichtliche Ansätze gefunden habe, wollte ich das Thema nicht unbehandelt lassen.

Für Anregungen dazu bin ich immer dankbar, da ich weiß, dass manches noch zu verbessern wäre.

Die Geschichte von Baden bis 1853

Der namentliche Ursprung der Markgrafschaft Baden liegt bei einer Burg im Oostal, welche an den warmen Bädern von Baden lag. Diese Burg kam 1091 an die im Breisgau befindliche Seitenlinie der Zähringer, welche Inhaber der Grafschaft Hachberg waren. Durch den Erwerb der Burg wurde der Markgrafentitel (von Verona), welcher den Zähringern 1061 erworben hatten auf den oberrheinischen Besitz übertragen.

Hermann II. (1073-1130) nannte sich als erster 1112 Markgraf von Baden, nach seiner Burg über den warmen Bädern von Baden (römisch Aquae; heute Baden-Baden, von Baden in Baden).

Die Linie der Markgrafen von Baden teilte sich 1190 in die markgräfliche Linien Baden-Baden (mit der Ortenau um Offenburg) und Hachberg. Die Güter der 1190 von der Hauptlinie der Markgrafen von Baden (mit der Ortenau um Offenburg) abgespalteten Linie der Markgrafen von Hachberg (Hochberg im Breisgau) und ihrer 1306 gebildeten Nebenlinie Sausenberg wurden durch Bernhard I. (1372-1431) 1415 durch Kauf zurückerworben, wodurch die beiden Linien wieder zusammengefasst wurden.

Bernhard I. ist der eigentliche Begründer des badischen Terriorialstaates: Er organisierte die innere Verwaltung und bildete eine Ämterverfassung. Wichtig für die Festigung der Markgrafschaft war der Erwerb der Hälfte der Herrschaften Lahr und Mahlberg im Jahre 1442, wodurch eine Bindeglied zwischen dem südlichen breisgauischen Teil und dem nördlichen Gebiet um Baden-Baden gewonnen wurde.

Unter Hermann V. wuchs das badische Gebiet weiter an, Hermann V. erbte 1219 Pforzheim und erwarb Durlach und Ettlingen sowie Pfandschaften über Lauffen, Sinsheim und Eppingen. Mit dem Aussterben der Staufer rückte die Familie im heutigen Mittelbaden in deren Stellung ein, die auf Lehensgut des Klosters Weissenburg im Elsass beruhte.

Weiterer Gebietszuwachs und eine straffe Verwaltung machten Baden im 15. Jahrhundert zu einem bedeutenden Staat am Oberrhein, es war drittgrößte weltliche Macht in Schwaben neben den Habsburgern und den württembergischen Grafen. Christoph (1475-1515; gest. 1527) glückte es die Brücke zwischen den Landesteilen durch die Gewinnung der zweiten Hälfte der Herrschaften Lahr und Mahlberg zu verstärken. Eine weitere Festigung des territorialen Bestandes der Markgrafschaft erfolgt durch den Erwerb der im südlichen Breisgau gelegenen Herrschaften Badenweiler, Rötteln und Sausenberg (1503).

Der Jurist Ulrich Zasius (1461-1535) schuf eine moderne Ordnung der inneren Verhältnisse, die der Markgrafschaft weiteren Auftrieb gab.

1515 erhielt Bernhard III. (1515-1536) von Baden die luxemburgischen und sponheimischen

Güter, Ernst (1515-1552) die breisgauischen Güter (Hochberg, Sausenberg, Rötteln, Badenweiler, sogar das Markgräflerland). Dazu kamen 1535 aus dem Anteil Philipps Stadt und Schloß Baden, das Gebiet südlich des Fluses Alb, die Herrschaft Beinheim und die Vogtei über Herrenalb und Frauenalb für Bernhard III., sowie Pforzheim, Durlach, Altensteig,

Liebenzell und das Gebiet nördlich der Alb für Ernst, so daß sich eine obere Markgrafschaft Baden-Baden und eine untere Markgrafschaft Baden-Durlach (Residenz in Pforzheim, ab

1565

Baden-Durlach, seit 1724 in Karlsruhe) gegenüberstanden.

1535

spalteten die Zähringer sich in die ab 1571 rekatholisierte Linie Baden-Baden unter

Bernhard III. (1515-1536) und die lutherische Linie Baden-Durlach unter Ernst (1515-1552) mit der Hauptstadt Pforzheim (ab 1565 Baden-Durlach, seit 1724 in Karlsruhe).

Baden-Durlach wurde 1556 evangelisch, Baden-Baden, nach 1555, wurde später aber rekatholisiert. Die Rekatholisierung Badens 1571 durch Philipp II. (1569-1588) veranlasste einen dauerhaften Konflikt mit seinen Vettern in Durlach.

Ernst Friedrich (1577-1604) und Georg Friedrich (1577-1622) von Baden-Durlach besetzten Baden-Baden in Jahre 1594, unter Bestreitung der Ebenbürtigkeit der katholischen Badener, und behielten der Land unter Beistand der badischen Landstände. Der katholische Markgraf Wilhelm (1622-1677) erhielt zwar sein Land zwar 1622 wieder, als Tilly Georg Friedrich (1577-1622) bei Wimpfen schlug, und rekatholisierte es; verlor es aber 1632 erneut an Horn und erhielt es erst durch den Prager Frieden (30. Mai 1635) und dann den Westfälischen Frieden (Friedenstraktat von Münster vom 24. Oktober 1648) 1648 zurück.

Als die Baden-Badische Linie, zu der der Türkensieger Markgraf Ludwig Wilhelm (1677-1707) gehörte, 1771 ausstarb, fiel ihr Besitz an den Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach (1738-1811). Die Hauptstadt Badens war seitdem Karlsruhe. Karl Friedrich vereinigte die Markgrafschaft wieder und führte zahlreiche Reformen im Sinne des aufgeklärten Absolutismus durch. Um 1785 umfaßte Baden - das um 1780 mit Argenschwang und einem Teil Weilers auch Mitglied des Kantons Niederrheinstrom des Ritterkreises Rhein war - 3500 Quadratkilometer mit etwa 190.000 Einwohnern.

1796 verlor es seine linksrheinischen Gebiete an Frankreich: Amt Rhodt bei Landau (Baden-

Durlach), Herrschaft Beinheim im Unterelsaß, Amt Gräfenstein bei Pirmasens, Herrschaften Hesperingen und Rodemachern in Luxemburg und Teile der Grafschaft Sponheim im Hunsrück). Um 1800 umfaßte Baden ein Gebiet von 27 Quadratmeilen.

Am 15.12.1803 wurde Baden durch Paragraph 5 des Reichsdeputationshauptschlusses zum Kurfürstentum erhoben und durch die rechtsrheinischen Teile der Pfalz (Heidelberg, Mannheim, Ladenburg, Bretten) und die Hochstifte Konstanz, Basel (teilweise), Straßburg (teilweise), Speyer (teilweise), die Hanau-lichtenbergischen bzw. Hessen-darmstädtischen Ämter Lichtenau und Willstädt, die Nassau-usingische Herrschaft Herrschaft Lahr, die Reichsabteien Petershausen, Gengenbach, Odenheim und Salem (ohne Ostrach), die Reichsstädte Offenburg, Pfullendorf, Gengenbach, Biberach (1806 an Württemberg), Zell am Harmersbach, Ueberlingen, Wimpfen (später an Hessen), das Reichstal Harmersbach und die Klöster Schwarzach, Frauenalb, Allerheiligen, Lichtental, Ettenheimmünster, Öhringen und Reichenau sowie kleinere Güter entschädigt, wodurch sich sein Umfang auf 7200 Quadratkilometer mit 445.000 Einwohnern vermehrte.

1804 wurde die Rheinstromkonvention zwischen Frankreich und dem Reich abgeschlossen,

dadurch wurde erstmals die Rheinschiffahrt geregelt, die dann bis 1831 gültig war.

1805 erwarb Baden vom Herzog von Modena/Österreich den größten Teil des Breisgaues, die

Ortenau, die Baar mit Villingen, die Stadt Konstanz und die Insel Mainau des Deutschen Ordens mit insgesamt 2530 Quadratkilometern und 160.000 Einwohnern.

Durch den Beitritt zum Rheinbund 1806 wurde es Großherzogtum und erhielt die

Fürstentümer Fürstenberg, Leiningen, Salm- Krautheim, die Landgrafschaft Klettgau, die Reichsgrafschaft Bonndorf, das Johanniterpriorat Heitersheim, die südlich des Mains gelegenen Teile der Fürstentümer Wertheim und die eingeschlossenen Güter der Reichsritterschaft. 1806 wurden einige Gebietsänderungen mit Württemberg vereinbart.

1810 erhielt Baden die seit 1805 württembergische Landgrafschaft Nellenburg und die obere

Grafschaft Hohenberg gegen Randgebiete im Schwarzwald (an Württemberg) und Amorbach (an Hessen-Darmstadt). Damit umfasste es etwa 15.000 Quadratkilometer mit etwa einer Million Einwohner.

1808 wurde von Siegismund Karl Johann Freiherr von Reitzenstein ein Organisationsbild

entworfen, das die Grundlage des modernen, straff gegliederten badischen Teritorrialstaates bildet.

1810 übernahm Baden den Code Napoleon in der Form des Badischen Landrechts. 1811 wird

Karl Ludwig Friedrich Großherzog von Baden, da der vorhergehende Großherzog Karl Friedrich gestorben ist.

Am 26.07.1815 tritt Badens dem Deutschen Bund bei und 1817 bestimmt ein Haus- und Familienstatut die Unveränderlichkeit und Unteilbarkeit des Großherzogtums Baden und die Regierungsfolge der Grafen von Hochberg als Markgrafen und Prinzen von Baden.

1818 erhält Baden eine Verfassung (konstitutionelle Monarchie), die von Nebenius verfasst

wurde. Zugleich musste es an Bayern das Amt Steinfeld und Teile Leiningens abtreten, erhielt aber von Österreich das Fürstentum von der Leyen.

Im Dezember 1818 stirbt Großherzog Karl, sein Neffe Ludwig Wilhelm August wird als Ludwig I. Großherzog von Baden.

1819 Staatsrat August von Kotzebue wird durch den Studenten Karl Ludwig Sand aus

politischen Gründen ermordet. Im April dieses Jahres wird der erste badische Landtag im Schloss zu Karlsruhe eröffnet.

Das Bistum Konstanz wird 1821 durch den Papst Pius VII. aufgehoben, das neue Landesbistum wird das Erzbistum in Freiburg. Im Oktober des Jahres tritt die Union der lutherischen und der reformierten Kirche zur Evangelisch-Protestantischen Landeskirche Badens in Kraft.

1825 wird

Polytechnische Schule errichtet.

in

Karlsruhe

die

heute

älteste

technische

Hochschule

Deutschlands,

die

Mit Großherzog Leopold (1830-1852) gelangten die Markgrafen von Hochberg, die Nachkommen Karl Friedrichs aus seiner zweiten Ehe mit der nicht ebenbürtigen Luise Geyer von Geyersberg (seit 1796 Reichsgräfin von Hochberg) an die Regierung.

Im Jahre 1831 erfolgt die Errichtung der Rheinschiffahrtsakte in Mainz durch die Rheinuferstaaten; der Rhein wird von Basel bis zur Mündung frei befahrbare Wasserstraße und Mannheim Freihafen.

Das Gesetz über Ablösung der Zehnten schafft 1833 die mittelalterlich anmutende Steuer der Bauern ab und 1834 wird die Errichtung von höheren Bürger- und Gewerbeschulen verordnet.

1835

Baden tritt dem preußisch-deutschen Zollverein bei.

1838

wird der Bau einer Eisenbahnstrecke von Mannheim- Heidelberg- Karlsruhe- Rastatt-

Offenburg- Dinglingen- Freiburg nach Basel auf Staatskosten beschlossen und diese 1840 feierlich eröffnet.

1847 Die Versammlung der Entschiedenen Freunde der Verfassung in Offenburg verkündet

mit den Forderungen des Volkes in Baden das erste, geschlossene republikanisch- sozialistische Programm.

Auf die Nachricht von der Pariser Revolution vom 24. Februar 1848 ergreift die Bürgerversammlung von Mannheim die Initiative zur Durchsetzung der demokratischen Forderungen in Baden. Im März wurde landesweit ein Sturm auf die II. Kammer der Landstände in Karlsruhe organisiert. Die Offenburger Volksversammlung mit 20 000 Teilnehmern aus ganz Baden verlangt die Verwirklichung der radikalen Forderungen über die liberale Reformgesetzgebung hinaus.

Struve und Hecker, die Führer der badischen Radikalen, unterliegen in den Abstimmungen des Frankfurter Vorparlaments mit ihrem Aktionsprogramm. Sie beschließen, den außerparlamentarischen Weg der direkten Aktion zur Verwirklichung ihrer Forderungen zu beschreiten. Hecker zog von Konstanz durch Baar und Südschwarzwald bis Kadern zur Errichtung einer deutschen Republik. Badische, hessische und nassauische Regierungstruppen erstürmen das von Republikanern verteidigte Freiburg.

Im April dieses Jahres wird die aus dem Elsass eingedrungene deutsch-französische Emigrantenlegion unter Georg Herwegh bei Niederdossenbach niedergerungen.

Am 21.09.1848 drangen deutsche Freischärler unter Struve aus der Schweiz ein und riefen die deutsche Republik in Lörrach aus! Drei Tage später unterliegt Struve gegen badische Regierungstruppen im Gefecht von Staufen.

Das Jahr 1848 war nicht nur für Baden ein sehr stürmisches Jahr, es war das Revolutionsjahr überhaupt. Besonders die Zeit vor dem Aufstand, der sog. Vormärz wird in den Geschichtsbüchern sehr Stiefmütterlich behandelt. Dies liegt mitunter auch daran, das hier deutsche Patrioten gegen den Staat mit seiner Unterdrückung aufbegehrten.

1849 übernimmt die badische Regierung die vom Paulskirchenparlament verabschiedete Reichsverfassung. Am gleichen Tag beschließt der republikanische Landesausschuss in Mannheim die Einberufung einer Landes-Volksversammlung nach Offenburg auf den 12./ 13. Mai zur Einleitung von revolutionären Aktionen. Dieser Landeskongress der Volksvereine und die Landes-Volksversammlung in Offenburg geben das Zeichen zur Revolution.

Zur gleichen Zeit findet eine Militärmeuterei in der Bundesfestung Rastatt statt. 2 Tage später flieht der Großherzog Leopold aus Karlsruhe, Baden ist nun in der Hand des Volksaufstandes. Im Juni 1849 beginnt ein Abwehrkampf der badischen Volksarmeen an der Neckarlinie gegen die angreifenden Truppen des Deutschen Bundes.

Im Gefecht von Waghäusel besiegt Prinz Wilhelm von Preußen die Revolutionsarmee und zwingt sie zurück auf die Murglinie. 8 Tage später wird die Revolutionsarmee an der Murglinie besiegt, es werden 5500 Revolutionäre in der Festung Rastatt eingesperrt. Die restliche Revolutionsarmee zieht sich in die Schweiz zurück. Baden wird durch preußische Truppen besetzt. Am 27.07. kapitulieren die letzten Republikaner in Rastatt. Einen Monat später kehrt der Großherzog Leopold nach Karlsruhe zurück.

Es beginnt die Reaktionszeit.

Die Bestellung eines Staatskommissars im Jahre 1853 zur Überwachung bischöflicher Anordnungen, beantwortet die Freiburger Kurie am 15.11. mit dem großen Kirchenbann über den Kommissar und alle kirchlichen Amtsträger, die sich der staatlichen Anordnung fügten; damit offener Ausbruch des Jahrzehnte währenden Kulturkampfes.

Baden bis 1945

Die Geschichte von Baden 1860-1945

Nach der Reaktionszeit brachte die "neue Ära" 1860-66 den Versuch eines liberalen parlamentarischen Regimes (Minister Lamey, Roggenbach). Großherzog Friedrich I. (1852- 1907) lenkte 1860 wieder in die liberale Richtung ein und verfolgte zugleich in der deutschen Frage eine eifrige nationale und preußenfreundliche Politik.

Auch wenn er im Krieg von 1866 nach der Mobilmachung des Badischen Armeekorps zur Teilnahme am Deutschen Krieg auf österreichischer Seite gegen Preußen kämpfte. Heidelberg wird anschließend durch die siegreichen Preußen besetzt.

1867 tritt Badens dem deutschen Zollparlament bei und 1868 wird der preußische Generalleutnant von Beyer badischer Kriegsminister. Dadurch wird die Armee nach preußischem Muster umgestaltet.

Am 15. 11. 1870 vollzieht Baden seine Eingliederung in das Deutsche Reich.

1873 wird die Schwarzwaldbahn vollendet, die schon 1846 genehmigt wurde. Erbaut wurde

sie durch den Baudirektor Robert Gerwig, der später Mitarbeiter an der Gotthardbahn war.

1881 erscheint zum ersten Mal der Volksfreund in Offenburg, die älteste Zeitung der

badischen Sozialdemokratischen Partei.Der Mannheimer Industrielle Carl Benz erhält 1886 ein Patent auf einen von ihm konstruierten Kraftwagen, was den Anstoß zur Begründung der deutschen Automobilindustrie gibt.

1898 Baubeginn des Rheinhafens in Karlsruhe, eröffnet im Mai 1901, sowie des Kraftwerkes

Alt-Rheinfelden. Im Jahre 1900 werden erstmalig Frauen zum Hochschulstudium in Deutschland durch die badische Regierung zugelassen

1905 finden erstmals Wahlen zum badischen Landtag aufgrund des am 24.08.1904

eingeführten allgemeinen direkten Wahlrechts sowie der geänderten Wahlkreiseinteilung statt.

1907

stirbt Großherzog Friedrich I., sein Nachfolger wird Friedrich II.

1918

erfolgt die Berufung des badischen Thronfolgers Prinz Max von Baden zum letzten

kaiserlichen Reichskanzler. Er übergibt am 09.11.1918 Friedrich Ebert die Geschäfte des Reichskanzlers. Einen Tag später bricht die Revolution in Baden aus, es wird einen provisorische Regierung gebildet.

Am 14.11.1918 wird die Republik in Baden ausgerufen. Am am 22.11.1918 dankt der Großherzog Friedrich II. auf Schloss Langenstein ab.

Die Verfassung von 1919 stellte einen vom Landtag jährlich zu wählenden Staatspräsidenten an die Spitze der Regierung, die bis 1929 vom Zentrum (stärkste Partei), SPD und DDP gebildet wurde.

Im August 1925 wird ein Grenzfestsetzungsvertrag zwischen Deutschland und Frankreich geschlossen. Die Achse des Rhein-Talwegs wird wiederum Reichsgrenze, linksrheinisch gelegenes Gebiet badischer Gemeinden wird enteignet.

1929 erlangt die NSDAP erstmals eine Vertretung im badischen Landtag. 1930 wird mit Kehl

wird die letzte badische Stadt von den französischen Truppen geräumt.

Am 30.01.1933 wird Adolf Hitler Reichskanzler. Im gleichen Jahre findet auch die Reichstagswahl statt, wo die NSDAP in Baden 45,4 % erreicht. Robert Wagner, Gauleiter der NSDAP wird zum Reichskommissar für Baden ernannt. Im April des Jahres 1933 wird ein zweites Gesetz zur Gleichschaltung der Länder beschlossen (zweites Gleichschaltungsgesetz und zugleich erstes Reichsstatthaltergesetz); Reichskommissar und Gauleiter Wagner wird Reichsstatthalter von Baden.

1934 entsteht das Gesetz über den Neuaufbau des Reiches; dadurch wird der nun 115 Jahre

bestehende badische Landtag aufgehoben.

1939/40 Stellungskrieg an der Oberrheingrenze. Evakuierung der Zivilbevölkerung an den Grenzorten. Deutsch Truppen unter General Fr. Dollmann setzen bei Breisach über den Rhein und erobern das Elsass. Der badische Reichsstatthalter Wagner wird Chef der Zivilverwaltung, die Gauleitung wird dadurch von Karlsruhe nach Straßburg verlegt.

Französische Panzertruppen unter General Leclerc besetzen 1944 Straßburg. Am 27.11.1944 erfolgt der erste Luftangriff der Alliierten auf Freiburg, dem bedeutende Teile der Altstadt und rund 3000 Menschen zum Opfer fallen.

25.02.1945 findet der erste Luftangriff auf die Stadt Pforzheim statt, dem 82% der Stadt und 8729 Menschen zum Opfer fallen, die höchste Verlustquote aller badischen Städte. Am 01.03.1945 wird Bruchsal bombardiert, die Städte Karlsruhe und Pforzheim durch die Franzosen, Heidelberg von den Amerikanern besetzt.

Am 4.Mai 1945 kapitulierte die 24. deutsche Armee in Überlingen. Durch die Besatzungsmächte erfolgten zahlreiche Maßnahmen, die den Länderbestand erheblich veränderten. Der Zuschnitt der Besatzungszonen folgte rein militärischen Gesichtspunkten. Die Alliierten Besatzungsmächte zerschnitten das Gebiete der Länder Baden und Württemberg entlang der Autobahn Karlsruhe - München.

Baden ab 1945

Die Geschichte von Baden ab 1945

Alle Kreise, die von der Autobahn Karlsruhe - München durchschnitten wurden fielen der amerikanischen Besatzungszone zu. Die südlichen Landesteile waren französischer Besatzungsgewalt unterstellt worden, die nördlichen Teile amerikanischer Besatzungsgewalt.

Die Franzosen bildeten im südlichen Teil Südwestdeutschlands zwei neue Länder: Baden mit der Hauptstadt Freiburg und Württemberg-Hohenzollern mit der Hauptstadt Tübingen. Für Baden begann nun eine harte Franzosenzeit. Die Franzosen bauten ganze Fabriken und andere Industrieanlagen ab, die nicht im Krieg zerstört worden waren. So half deutsche Technik der französischen Industrie wieder auf die Beine.

Außerdem ließen die Franzosen einen großen Teil der landwirtschaftlichen Produktion abliefern mit der Begründung, erst mal müsse die französische Bevölkerung ernährt werden, danach die der Verlierer.

Die Amerikaner schlossen bereits im September 1945 Nordwürttemberg und Nordbaden zu einem Land Württemberg-Baden mit der Hauptstadt Stuttgart zusammen und zwangen Heinrich Köhler, den Präsidenten der (nord)badischen Bezirksverwaltung, als stellvertretender Ministerpräsident in die Stuttgarter Regierung unter Reinhold Maier einzutreten

Die Verfassunggebende Landesversammlung Württemberg- Baden nimmt die neue Landes- Verfassung am 24.10.1946 an.

Aus den Landtagswahlen in Baden vom 18.Mai 1947 geht die BCSV (CDU) mit der absoluten Mehrheit von 55,9% als Sieger hervor. Die SPB erreicht 22,4%, die DP 14,3% und sonstige Parteien 7,4%.

Die Regierungsbildung erwies sich aber als sehr schwierig: Die französische Militärregierung hielt viele gesetzgebende und Exekutivrechte auf wichtigen Gebieten für sich zurück. Leo Wohleb (CDU), jetzt Minister- und Staatspräsident, bemühte sich um die Bildung einer Allparteienregierung. Sie scheiterte aber, da BCSV und DP die Kommunisten ablehnen, die SPD ihrerseits die Kommunisten in die Regierungsverantwortung einbinden wollen. Als Notlösung wurde daher eine schwarz-rote Koalition geschlossen. Zwei wichtige Gesetzesvorhaben lagen vor der Regierung, das Agrarreformgesetz und das Betriebsrätegesetz. Schon am ersten scheiterte die Regierungskoalition Ende 1947.

1948 zerbrach die Viermächteverantwortung für Deutschland. Gleichzeitig mit dem Verfassungsauftrag erhielten die Ministerpräsidenten der Länder den Auftrag, die Ländergrenzen zu überprüfen und Änderungsvorschläge zu entwickeln.

Im Südwesten bestand Einigkeit unter allen Politikern, die 1945 geschaffenen Ländergrenzen zu beseitigen. Strittig war nur, ob die alten Länder Baden und Württemberg wiederhergestellt werden sollten, wie vor allem Südbaden unter Staatspräsident Leo Wohleb und Teile der CDU forderten, oder ob ein neuer Südweststaat geschaffen werden sollte. Die Angst vor einer Eingliederung in die französische Zone führte in Nordbaden von 1948 an zu einer Hinwendung zum Südweststaat.

Zahlreiche Verhandlungsrunden zwischen den drei Regierungen scheiterten. Schließlich mussten der Bundestag und auch das neu geschaffene Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entscheiden, bis es am 9. Dezember 1951 zur Volksabstimmung kam. In Nord- und Südwürttemberg sowie in Nordbaden sprach sich die Mehrheit der Bevölkerung für den Südweststaat aus. In Südbaden dagegen stimmten die Wähler für die Wiederherstellung Badens.

Da sich in Nord- und Südbaden zusammen eine knappe Mehrheit gegen den Südweststaat ausgesprochen hatte, blieb vor allem für die Unterlegenen ein schaler Nachgeschmack zurück. (Erst im Juni 1970 stimmten in einer zweiten Abstimmung, die durch ein Verfassungsgerichtsurteil von 1956 ermöglicht worden war, schließlich über 80 Prozent der badischen Wähler für den Erhalt Baden-Württembergs, siehe unten.)

Am 9. März 1952 fanden die ersten gemeinsamen Wahlen statt. Dabei erhielt die CDU 50 Sitze, die SPD 38 Sitze, die FDP/DVP 23 Sitze, die Vertriebenen (BHE) 6 Sitze und die Kommunisten 4 Sitze. Vor allem unter den CDU-Abgeordneten befanden sich zahlreiche Altbadener, die den neuen Staat ablehnten.

Zur Überraschung vieler Beobachter bildete Reinhold Maier eine Regierung aus SPD, FDP/DVP und BHE. Am 25. April 1952 um 12.30 Uhr erklärte er nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten das neue Bundesland für gegründet. Die überrumpelte CDU war empört, und die nachfolgenden Verfassungsberatungen waren von scharfen Gegensätzen zwischen Regierung und Opposition bestimmt.

Allerdings zwang die unerwartete Oppositionsrolle die altbadischen CDU-Abgeordneten zur innerparteilichen Geschlossenheit, so dass es nicht zu einer Spaltung der CDU in Südweststaatsbefürworter und Südweststaatsgegner kam. Dies trug ganz wesentlich zur Stabilisierung des neuen Landes bei.

Zunächst aber überwogen die Gegensätze. Die Auseinandersetzungen im Verfassungsausschuss vor allem in kulturpolitischen Fragen erinnerten Beobachter gelegentlich an "Catcher-ähnliche Praktiken". Der Sommer 1953 brachte die Wende. Zunächst schossen russische Panzer den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni nieder, was die demokratischen Parteien im Westen näher zusammenrücken ließ. Dann weigerte sich die SPD, die Verfassung gegen die CDU zu verabschieden, und schließlich brachte die zweite Bundestagswahl 1953 der CDU im Südwesten die absolute Mehrheit.

Nachdem Alex Möller von der SPD und Gebhard Müller von der CDU schon vor der Wahl eine landespolitische Zusammenarbeit vereinbart hatten, trat Reinhold Maier nach der Bundestagswahl zurück. Die neue Koalition aller Parteien, mit Ausnahme der KPD, unter Führung von Gebhard Müller einigte sich innerhalb weniger Tage über die kulturpolitischen Streitfragen. So blieb es in drei von vier Regierungsbezirken bei der christlichen Gemeinschaftsschule, nur der Regierungsbezirk Tübingen behielt die Konfessionsschule, das heißt, die Kinder gingen in konfessionell getrennte Volksschulen. Auch auf den neuen Landesnamen Baden-Württemberg konnte man sich schließlich verständigen.

Die Landesverfassung von Baden-Württemberg war, wenn man von der des Saarlandes absieht, bis zum Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 die jüngste unter den Landesverfassungen der Bundesrepublik. Sie wurde erst am 11. November 1953, im vierten Jahr der Bundesrepublik, mit 102 Stimmen gegen fünf Nein- Stimmen und sieben Enthaltungen angenommen. Am 19. November 1953, Punkt 9 Uhr, trat sie in Kraft. Aus diesem Anlass fand im Großen Haus des Württembergischen Staatstheaters ein feierlicher Staatsakt statt.

Doch die sogenannte Baden-Frage war damit nicht vom Tisch. Die politischen und juristischen Scharmützel gingen weiter. Enttäuschte Badener schlossen sich zum Heimatbund Badenerland zusammen und kämpften weiter für einen unabhängigen Staat. Nach einer neuerlichen Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gestand ihnen dieses 1956 eine neue Abstimmung zu, da der Wille der badischen Bevölkerung übergangen worden sei.

Doch diese Volksbefragung wurde bis ins Jahr 1970 verschleppt. Zu diesem Zeitpunkt schienen sich viele Badener bereits an den politisch und wirtschaftlich erfolgreichen Verbund gewöhnt zu haben: Über 80 Prozent entschieden sich in der Abstimmung für das Verbleiben in Baden-Württemberg.

Württemberg bis 1500

Die Geschichte von Württemberg bis 1500

Der älteste Menschenfund Europas stammt aus Württemberg. Ein Unterkieferknochen, 1907 in der Nähe von Heidelberg gefunden, datiert diesen frühen Landsmann in die Zeit um das Jahr 500.000 v.Chr.

In der Jungsteinzeit, etwa ab dem zweiten/dritten vorchristlichen Jahrtausend, werden in rascher Folge eine Vielzahl verschiedener Kulturen im Land ansässig: Schnurkeramiker, Urnenfelderkultur, Glockenbecherkultur, Hallstattkultur, etc.

Griechische Schriftsteller bezeichnen die im fünften Jahrhundert v.Chr. in Südwestdeutschland lebende Bevölkerung als Kelten. Verschiedene germanische Stämme ziehen ins Land. So die Kimbern, Teutonen und Sueben (daher: Schwaben). Für die zur Zeit von Jesus Christus und Kaiser Augustus im Land lebende Bevölkerung taucht schließlich der Name Alamannen (Alemannen) auf. Erstmals verbürgt ist der Begriff aber für den Feldzug des römischen Kaisers Caracalla gegen eben diesen Germanenstamm im Jahre 213.

Noch heute wird weltweit (vor allem in der spanisch und portugiesisch sprechenden Welt) der Begriff Alemania mit Deutschland gleichgesetzt oder assoziiert. Man wagt es kaum zu sagen, aber Schweizer, Badener und Schwaben, die heutzutage ihre Animositäten pflegen, stammen von ein und demselben Volk ab, den Alemannen. (Auf diesen Passus bekomme ich immer vergnügliche eMails aus Baden, vielen Dank!)

Ursprünglich waren der Rhein und die Donau die Grenzen des Römischen Reiches. Deshalb lagen die großen Legionslager fast alle außerhalb des jetzigen Baden-Württemberg: Straßburg (Argentorate), Windisch (Vindonissa), Augsburg (Augusta Vindelicorum) und Regensburg (Castra Regina). Im Interesse einer besseren Verbindung zwischen dem Rhein- und Donaugebiet rückten die Römer im 1. und 2. Jahrhundert weiter vor und errichteten neue Befestigungen.

Um das Jahr 50 n.Chr. wurden Kastelle entlang der Donau (Donaulimes) gebaut. Um das Jahr 80 entstand eine weitere Befestigungslinie am Nordrand der Schwäbischen Alb von Ebingen über Heidenheim bis Oberdorf am Ipf (Alblimes). Etwa gleichzeitig wurden entlang dem Neckar und bis in den Odenwald hinein ebenfalls Kastelle errichtet (Neckar-Odenwald- Limes).

Ab 150 n.Chr. wurde die Neckar-Odenwald-Grenze 20-30 km nach Osten vorgeschoben. Von Miltenberg am Main bis Lorch und dann, nach Nordosten abbiegend, bis an die Donau bei Regensburg erstreckte sich die Grenzbefestigung, die als "der Limes" bekannt ist. 180 von 500 Kilometern liegen in Baden-Württemberg.

Bei Lorch (hier finden Sie heute den Nachbau eines römischen Wachturmes) lag die Grenze zwischen der Provinz Obergermanien und der Provinz Rätien. Der obergermanische Limes bestand aus einem Palisadenzaun mit vielen Wachttürmen, der rätische Limes wurde anfangs des 3. Jahrhunderts durch eine Steinmauer verstärkt.

Jeweils hinter den Grenzbefestigungen konnten sich Zivilsiedlungen entwickeln, die auch von Einheimischen bewohnt wurden, von Kelten und Germanen, die in römischen Diensten standen. Es waren Städte wie Ladenburg. Baden-Baden (Aquae = Wässer), Rottweil (Arae Flaviae = Flavische Altäre) und Rottenburg (Sumelocenna).

Unter den Kaisern Augustus, Claudius, Vespasian und Domitian dringen die Römer immer wieder tief in germanisch-alemannisches Siedlungsgebiet vor und hinterlassen ihre Spuren. Als die Alemannen im Jahr 259/260 n.Chr. den Limes überrennen und bis nach Oberitalien vordringen geht die Zeit römischer Herrschaft zwischen Rhein, Neckar und Bodensee ihrem Ende entgegen.

Zurückgebliebene Siedler römischer Herkunft, die die Kriegsereignisse überlebten, gelangten in die Abhängigkeit der Eroberer. In der Mitte des 5. Jahrhunderts legten die Alamannen mehr und mehr in der Nähe ihrer Siedlungen Friedhöfe an. Sie benutzten sie über mehrere Generationen; daraus lässt sich die Beständigkeit ihrer Siedlungen ablesen. Da sie die Toten in Reihen bestatteten, heißen die Anlagen auch Reihengräberfriedhöfe.

Das Siedlungsgebiet der Alamannen reichte um 450 n.Chr. vom Oberrhein bis zur Iller im Osten und vom Hochrhein bis zum Main im Norden. Im Norden kamen sie mit den Franken, einem weiteren germanischen Stammesverband, in Berührung. Die Franken hatten am Mittel- und Niederrhein die Oberherrschaft erlangt und auch im Westen das Erbe römischer Macht angetreten.

In einer wichtigen Schlacht 496/497 n.Chr. bei Zülpich, unweit von Bonn, wurden alamannische Truppen von fränkischen unter König Chlodwig besiegt. Fränkische Familien wanderten danach ins bislang alamannische Siedlungsgebiet ein. Mit Ausnahme einiger Beutezüge überschritten Alamannen den Hochrhein erst um 530 n. Chr. In der Folge erwies sich die heutige Nordschweiz als jenes Siedlungsgebiet für die Alamannen, in dem sie sich ungehindert ausbreiten konnten.

Die Siedlungstätigkeit der Alamannen in Südwestdeutschland kann auch anhand von Ortsnamen abgelesen werden:

Zwei oder drei Gehöfte standen anfänglich beieinander. Ihrer Siedlung gaben sie gern den Namen eines wichtigen Sippenmitglieds. Sie sagten dann: "Wir wohnen bei den Leuten des ", wobei sie den Namen einsetzten. Daraus entstanden die sogenannten "-ingen-Orte". Älteste alamannische Siedlungen mit der Endung "-ingen" finden sich vor allem im Markgräferland, im Breisgau, im Hegau, auf den Gäuplätzen von Klettgau im Süden bis zum Südrand des Kraichgau, im Norden um Pforzheim, im Albvorland von der Baar bis zum Ries, zum Teil auf der Alb selbst, ferner entlang der Donau, der Iller und dem Lech. Neben den Ortsnamen mit

der Endung "-ingen" hängten Alamannen wie die Franken auch die Nachsilbe "-heim" an einen Personennamen.

Das Herzogtum Schwaben ist weithin mit dem Siedlungsgebiet der Alamannen gleichzusetzen. Zu dem im 3. Jahrhundert neugebildeten Stamm der Alamannen gehörten auch die Sueben. Von ihnen kann also der Name "Schwaben" abgeleitet werden. An die Stelle der Gebietsbezeichnung "Alamannien" trat vom 9. Jahrhundert an der Name "Schwaben".

Württemberg entstand als politische Größe aus den Besitzungen der (1081 erstmals genannten) Herren (seit 1135 Grafen) von Wirdeberch im mittleren Neckar- und Remstal.

Drei Familien unter dem Hochadel des Südwestens erlangten eine besondere Bedeutung:

Am erfolgreichsten erscheinen aus damaliger Sicht die Staufer, die als Herzöge von Schwaben seit 1079 und als deutsche Könige und Kaiser von 1138 bis 1268 in Schwaben den größten Einfluss erreichten. Ihr Untergang im 13. Jahrhundert war ein tiefer Einschnitt in der deutschen Geschichte. aber auch in der Geschichte des Herzogtums Schwaben.

Sie stammen im übrigen nicht von der Burg Hohenstaufen. Erst um 1070 kamen sie in diese Gegend als Grafen aus dem Riesgau, vielleicht sogar aus Österreich. Alten Familienbesitz hatten sie außerdem im Elsass. Trotzdem wurde das obere Remstal für sie ein Mittelpunkt, weil sie dort das Kloster Lorch als Familiengrablege gründeten. Ihre Besitzungen zogen sich neckarabwärts (Wimpfen) bis zum Rhein hin.

Die Welfen stammten ursprünglich aus der Gegend von Metz. Sie hatten im Kloster Weingarten bei Ravensburg ihre Grablege. Die Verlegung des Benediktinerklosters von Altomünster nach Weingarten zeigt, dass die Welfen in mehreren Landschaften ansässig waren. Die Welfen mussten in Oberschwaben 1191 den Staufern weichen, doch lag ihr Schwerpunkt mehr in Bayern und fortdauernd in Norddeutschland. Im Kampf um die Königskrone waren sie gegenüber den Staufern nur kurze Zeit erfolgreich (Kaiser Otto IV., 1208-1218). Die Welfen gehören zu den Ahnen des heutigen englischen Königshauses.

Auch die Zähringer waren mächtige Konkurrenten der Staufer im Kampf um das Herzogtum Schwaben. Ihr Anspruch gründete sich auf großen Besitz und auf die Verwandtschaft mit früheren Herzögen.

Nach ihrem Aussterben 1218 fiel ihr Besitz um Offenburg an die Staufer, der größte Teil jedoch vererbte sich über die Töchter des letzten Zähringers weiter. Den Besitz links des Rheins erhielten die Grafen von Kyburg, den rechts des Rheins die Grafen von Freiburg und die Grafen von Fürstenberg, die als Fürsten von Fürstenberg heute in Donaueschingen leben. Abgezweigt von den Zähringern hatten sich die Markgrafen von Baden.

Eine weitere Seitenlinie der Zähringer waren die Herzöge von Teck, die 1381 ihren Besitz an die Grafen von Württemberg verkauften. Der Titel Herzog von Teck war dann 1495 die Grundlage für die Erhebung der Grafschaft Württemberg zum Herzogtum. Über eine württembergische Nebenlinie gelangte der Titel Herzog von Teck später in das englische Königshaus.

Die drei herausragenden Adelsfamilien standen in heftigem Wettstreit untereinander, obwohl sie durch Verwandtschaft miteinander verknüpft waren. Die Mutter des Stauferkönigs Friedrich Barbarossa war die Welfin Judith. Sowohl die Staufer wie auch die Zähringer leiteten ihre Herrschaftsansprüche aus Verbindungen mit der Familie der deutschen Könige aus dem Haus der Salier ab.

1092 ist zum ersten mal ein Konrad von Wirtemberg urkundlich erwähnt. Er nennt sich nach seiner Burg auf dem Rotenberg bei Cannstatt. Hier stand die Stammburg der Wirtemberger wohl seit 1080. Die neue Burg Wirtemberg (Burgkapelle 1083 erwähnt) wurde Mittelpunkt

einer Herrschaft, die sich vom Neckar- und Remstal aus im Laufe der Jahrhunderte nach allen Richtungen ausbreitete.

Bald beerben sie die Herren von Beutelsbach und führen um 1136 den Grafentitel. Großen Besitz und große Bedeutung hatte der Graf von Wirtemberg zunächst nicht. Eine Urkunde von 1297 gibt einen Hinweis auf die Verflechtung zwischen den Württembergern und den Badenern:

Graf Eberhard von Wirtemberg (1279-1325) und seine Gemahlin Irmengard, Tochter des Markgrafen Rudolf von Baden, erklären, dass durch die Abtretung der Burg Reichenberg ihre Ansprüche an das Haus Baden befriedigt sind. Die Burg Reichenberg liegt 6 km nordöstlich von Backnang, und die Stadt Backnang war ein Teil der Herrschaft Reichenberg. Der Inhalt der Urkunde besagt, dass Graf Eberhard von Wirtemberg die Herrschaft Reichenberg als Heiratsgut seiner Gemahlin aus dem Hause Baden erworben hatte.

Noch interessanter ist es, dass unter den neckarschwäbischen Besitzungen der Markgrafen auch Stuttgart zu finden ist und dass Stuttgart als Stadt um 1220 von Markgraf Hermann V. gegründet wurde.

Während die Württemberger aus dem Niedergang der Staufer nach 1246 Gewinn zogen, erhielten die Markgrafen schon 1219 von den Staufern durch Tausch (mit Erbschaften in Norddeutschland) einige wichtige Städte: Durlach, Eppingen, Ettlingen und Pforzheim; nicht auf Dauer Lauffen (1219-1346) und Sinsheim (1219-1345). Schon länger gehörte ihnen Besigheim (1153-1595).

Auf dem gleichen Weg wie Backnang verloren die Markgrafen auch Stuttgart. Denn Graf Ulrich der Stifter heiratete um 1245 Mathilde, die Tochter des Markgrafen von Baden. Sie brachte als Heiratsgut die noch nicht lange zuvor gegründete Stadt Stuttgart in die Ehe.

Stuttgart war nicht sofort die Hauptstadt der Grafschaft Württemberg. Waiblingen war mindestens ebenso wichtig. Erst die Verlegung des Erbbegräbnisses von Beutelsbach nach Stuttgart (1321, oder schon nach 1309) deutet die Entscheidung für Stuttgart als Hauptstadt an, beweist aber zugleich, dass Stuttgart nicht der ursprüngliche Mittelpunkt des Besitzes der Württemberger war.

Der Aufstieg der Wirtemberger erfolgte durch zielstrebige Territorialpolitik. Sie vergrößerten ihr Territorium durch Erbe, Heirat, Kauf, Eroberungen und Schaukelpolitik:

Graf Ulrich I. von Wirtemberg (reg. 1241 - 1265) gilt als Begründer der Macht der Wirtemberger. Er macht sich zum Vorreiter der Staufischen Opposition, verrät 1246 die Staufer, und nützt später, nach dem Ende der Staufer, die königslose Zeit zur Vergrößerung seines Gebiets. Er befestigt die Stadt Stuttgart. Er gründet ab 1249 die Städte Leonberg, Waiblingen, Schorndorf. Er erwirbt von den Grafen von Urach die Herrschaft über Urach, Münsingen, Nürtingen, Pfullingen.

Graf Eberhard I. ("der Erlauchte" reg. 1265 - 1325) kämpft vor allem mit den Habsburgern um das Reichsgut in Schwaben, verliert mehrmals und muss - nach der Zerstörung seiner Stammburg - sein Land unter Esslingens Verwaltung stellen. Nach 1313 gewinnt Eberhard seine Grafschaft wieder und erwirbt neue Gebiete dazu: Backnang, Neuffen und Hohenneuffen, den Hohenasperg, Göppingen und den Hohenstaufen. 1321, nach der Zerstörung des Stifts Beutelsbach, verlegt er die wirtembergische Grablege von Beutelsbach nach Stuttgart und macht Stuttgart zum Regierungssitz. Er beginnt mit dem Bau des Alten Schlosses in Stuttgart und dem Chor der Stiftskirche.

Ulrich III. (reg. 1325 - 1344) gewinnt u.a. Wimpfen, die Herrschaft der Teck, Vaihingen/Enz, Reichenweiher (Riquewihr) im Elsaß. 1324 erwirbt er von den Pfalzgrafen von Tübingen die

Stadt und Herrschaft Tübingen für Wirtemberg. 1336 gelingt es Ulrich III., die Stadt Markgröningen zu kaufen und damit auch das Lehen der Reichssturmfahne.

Graf Eberhard II. ("der Greiner" reg. 1344 - 1392) erwirbt in seiner Regierungszeit weitere Gebiete, u.a. Böblingen, Sindelfingen, Herrenberg, Lorch. 1376 wird der Schwäbische Städtebund gegründet. 1388 wehrt er die Bedrohung durch die Reichsstädte ab und schlägt im Sieg bei Döffingen die Reichsstädte. Dabei fällt allerdings sein Sohn Ulrich. 1389 wird ein allgemeiner Landfriede geschlossen und damit das Ende des Städtekrieges besiegelt.

1392 - 1417 regiert Graf Eberhard III. ("der Milde") in Wirtemberg. 1397 verlobt sich sein

Sohne mit Henriette von Mömpelgard. 1395 siegt er über den Ritterbund der Schlegler bei

Heimsheim und ist 1400 nach der Absetzung von König Wetzel ein Kandidat für den deutschen Thron.

1409 heiratet Eberhard IV. die Gräfin Henriette von Mömpelgard. Dadurch kommt die

Grafschaft Mömpelgard (Montbéliard in Burgund in Frankreich) zu Wirtemberg. Mömpelgard bleibt ein wichtiger Teil Württembergs bis 1793. Das zeigt sich auch im Herzogwappen ab 1495. Dort finden sich neben den Hirschstangen Wirtembergs, den Rauten der Teck, der Reichssturmfahne auch die Fische von Mömpelgard.

Württemberg bis 1800

Die Geschichte von Württemberg von 1500 - 1800

Die territoriale Ausdehnung Wirtembergs ist Anfang des 15. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen. Es ist ein zusammenhängendes Gebiet entstanden, das, nur unterbrochen von Reichsstädten und den Reichsritter- Gebieten, von Möckmühl in Hohenlohe bis Ebingen auf der Alb, von Freudenstadt im Schwarzwald bis Heidenheim an der Brenz reicht.

1442 wird Wirtemberg zum ersten Mal geteilt. Im Nürtinger Vertrag wird die Aufteilung

Wirtembergs vereinbart in einen Uracher Landesteil (dazu gehörte der Süden und Westen Wirtembergs) und einen Stuttgarter Teil (mit dem Remstal und dem mittleren Neckartal).

Urach wird zur zweiten Residenz ausgebaut. Graf Ulrich ("der Vielgeliebte") regiert die Stuttgarter Linie; Eberhard V. ("im Bart" regiert seit 1450) die Uracher Linie.

1477 gründet Eberhard im Bart in seinem Teil Wirtembergs die Universität Tübingen. 1482

erreicht er im Münsinger Vertrag, dass die Wiedervereinigung Wirtembergs und die künftige Unteilbarkeit des Landes vereinbart wird. 1495, auf dem Reichstag von Worms, wird Eberhard von Kaiser Maximilian I. zum Herzog ernannt.

Nach dem frühen Tod von Eberhard im Bart im Jahr 1496 regiert zunächst Herzog Eberhard II., der 1498 für geisteskrank erklärt und abgesetzt wird.

Herzog Ulrich regiert als Herzog von Wirtemberg zunächst von 1503 bis 1519. Die enorme Schulden- und Steuerlast führt 1514 mit zum Bauernaufstand des "Armen Konrad" im Remstal um Beutelsbach.

1514 wird auch zur Abwehr der Bauern mit der Landschaft der "Tübinger Vertrag" geschlossen, das Grundgesetz der Wirtembergischen Verfassung bis 1806: Die Landschaft übernimmt die Schulden, ist mit Ulrich einige im Kampf gegen die Bauern und erhält weitgehende Mitbestimmungsrechte. Auch wird hier die starke Verbürgerlichung in Wirtemberg festgelegt, Adel und Bauern werden von der Landschaft ausgeschlossen. Als

Ulrich seinen Stallmeister Hans von Hutten ermorden lässt und 1519 die Reichsstadt Reutlingen überfällt, wird er vom Schwäbischen Bund vertrieben. Er muss Wirtemberg verlassen.

1520-1534 kommt Wirtemberg unter österreichische Herrschaft. Georg Truchseß von Waldburg wird Statthalter. 1525 breitet sich in dieser Zeit in Südwestdeutschland der Bauernkrieg aus, der gewaltsam beendet wird.

Die Lebensverhältnisse der Bauern im deutschen Südwesten waren zu Beginn des 16. Jahrhunderts sehr bescheiden. Die Vermehrung der Lasten und Missernten führten zu Krisen. Eine Besserung war nicht in Sicht. Unter dem Zeichen des Bundschuhs, das ist der mit Riemen gebundene Schuh der Bauern, kam es am Oberrhein, im Bistum Speyer, im Schwarzwald und im oberen Neckartal schon am Ende des 15. Jahrhunderts zu Aufständen. In Württemberg führte der Aufstand des Armen Konrad 1514 wegen der Misswirtschaft Herzog Ulrichs zu einer vorläufigen Einigung.

Jedoch am 6.10.1524 erhoben sich die Stühlinger und Klettgauer Bauern. Sie waren 3500 Mann, als sie in Richtung Neustadt und Furtwangen im Schwarzwald aufbrachen und durch die Baar zogen. Im April 1525 unternahmen sie einen zweiten Zug, der sie bis vor Freiburg führte.

In Oberschwaben, im Allgäu und Bodenseegebiet begannen die Unruhen im Februar und März 1525. Anfang April 1525 versammelten sich Neckartäler und Odenwälder Bauern. Sie verbündeten sich mit Bauern in Franken und im Taubertal, erstürmten Weinsberg und Heilbronn, wandten sich gegen die Bischöfe von Mainz und Würzburg und den Kurfürsten von der Pfalz. Die Gruppe umfasste schließlich bis zu 12.000 Mann.

Am 16. April schlugen die Württemberger Bauern los. Zunächst waren sie ohne Ziel; 8000 Mann schlossen sich ihnen an. Die Aufständischen wandten sich nach Stuttgart und rückten in die Stadt ein. Im Mai zogen sie in Richtung Böblingen. Kleinere Bauernhaufen bildeten sich im Gebiet der Städte Hall und Gmünd. Sie wandten sich gegen die Klöster Murrhardt und Lorch und ließen die Burg Hohenstaufen in Flammen aufgehen.

Es war aber nur eine Frage der Zeit, bis sich die Herrschenden zum Gegenangriff formierten. Der Schwäbische Bund, der Zusammenschluss einiger süddeutscher Fürsten zur Stärkung der kaiserlichen Macht, stellte ein erstes Heer gegen die Bauern auf. Georg Truchseß von Waldburg erhielt das Kommando. Er konnte bis zu 8000 Landsknechte und 2000 Reiter den Aufständischen gegenüberstellen. Der Truchsess versammelte sein Heer Ende März 1525 in Ulm. Von dort zog er mit seinen Landsknechten donauaufwärts und dann wieder donauabwärts nach Leipheim, wo er zum erstenmal einen aufständischen Bauernhaufen schlug.

Bei Weingarten kam es jedoch zu einer Begegnung (17.-26. April), die nicht zu einer Schlacht, sondern zu einem Vertrag führte. Im "Weingartener Vertrag" erhielten die Bauern Zugeständnisse: ein Schiedsgericht und freien Abzug. Dann zog das Heer des Schwäbischen Bundes über Tuttlingen ins Neckartal.

Bei Balingen, Rottenburg, Herrenberg, Böblingen (12. Mai) und Plieningen (18. Mai) wurden die Bauern geschlagen. Nun wandte sich der Truchsess nach Weinsberg, das von Bauern besetzt war, eroberte es und brannte die Ortschaft nieder. Nach einem Marsch durch Ostfranken (Bamberg und Nürnberg) zog der Truchsess Ende Juni an Nördlingen, Leipheim und Memmingen vorbei ins Allgäu, wo Ende Juli das letzte Gefecht stattfand.

Die Thesen Martin Luthers und seine Schriften ließen nach 1517 niemanden in Deutschland unberührt. Sie ließen sowohl jene aufhorchen, die sich ernsthaft um ein gläubiges Leben mühten, als auch jene, die in den Aussagen des Mönchs Angriffe auf bestehende Ordnungen wie Papsttum und Kaisertum entdeckten.

Schon ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung der Thesen legte Martin Luther diese in Heidelberg öffentlich dar. An dem Gespräch nahmen viele, später führende Reformatoren teil wie Martin Bucer (später Reformator in Straßburg), Johannes Brenz (später Reformator in Schwäbisch Hall und Stuttgart) und Erhard Schnepf (später Reformator im nördlichen Württemberg).

Den gebietsmäßig größten Zuwachs erhielt die evangelische Bewegung durch die Reformation Württembergs. Herzog Ulrich von Württemberg lebte seit 1519 in seiner Grafschaft Mömpelgard. Er war wegen persönlicher Schuld und umstrittener Übergriffe auf nichtwürttembergische Besitzungen aus seinem Herzogtum vertrieben worden.

In Basel kam Herzog Ulrich mit der Reformation in Berührung. 1534 erobert Herzog Ulrich, unterstützt vom Protestanten Philipp von Hessen, nach der Schlacht bei Lauffen Wirtemberg zurück. Zur militärischen Sicherung lässt er Hohenasperg, Hohenneuffen, Hohen- Tübingen u.a. zu mächtigen Festungen ausbauen. Ulrich führt die Reformation in Wirtemberg ein. Zur Gewinnung, Ausbildung und Formierung von Mitarbeitern für Kirche und staatliche Verwaltung beginnt Ulrich mit der Gründung des Tübinger Stifts.

Seit 1519 war Karl V. König und Kaiser im deutschen Reich. Er sah sich als Verteidiger der einen, der katholischen Kirche. In dieser Eigenschaft unternahm er mehrere Versuche, den einheitlichen Glauben im Reich wiederherzustellen:

1529 ließ Karl V. auf dem 2. Reichstag in Speyer die kirchlichen Neuerungen verurteilen.

Dagegen schlossen sich sieben Reichsfürsten und 16 Reichsstädte zu einer Protestaktion zusammen. Die Protestanten wollten die Reformation nicht beendet wissen und schlossen sich zu einem Verteidigungsbündnis zusammen. Sie nannten ihren Bund nach der Ortschaft Schmalkalden am Südabhang des Thüringer Waldes, wo sie sich auf Veranlassung des Landgrafen Philipp von Hessen trafen.

1546 besiegte das kaiserliche Heer im Schmalkaldischen Krieg die evangelischen Fürsten und Städte, die ihm Abbitte leisten mussten. 1548 ließ der Kaiser auf dem Augsburger Reichstag das sogenannte "Interim" erarbeiten, das eine Zwischenlösung in der Glaubensfrage anstrebte. Karl V. verlangte die Durchsetzung der Reichstagsbeschlüsse. Reichsunmittelbare Gebiete, wie die Landvogtei Ortenau, wurden rekatholisiert. Wo katholisch gebliebene Fürsten, wie Friedrich von Fürstenberg, die Nachfolge eines evangelischen antraten, mussten die Untertanen wieder den alten Glauben annehmen. Auch einige Klöster wurden vorübergehend wieder eingerichtet.

Nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 setzte sich die Reformation in breiterem Rahmen durch. Nach früheren Anfängen und einzelnen reformatorischen Ansätzen bekannte sich nun die Markgrafschaft Baden-Durlach mit den Herrschaften Hachberg, Rötteln und Sausenberg 1556 zum evangelischen Bekenntnis und führte die württembergische Kirchenordnung ein.

Als erster Landesvater des reformierten Wirtemberg gilt dann Ulrichs Sohn, der als Herzog Christoph von 1550 bis 1568 regiert. Er hat, mit Hilfe der Reformatoren Blarer, Schnepf und Brenz, die evangelische Kirche konsolidiert, die Große Kirchenordnung eingeführt und Volksschulen errichten lassen. Wirtemberg wird zu einem Kernland der lutherischen Reformation.

1568 - 1593 regiert Ludwig Herzog von Wirtemberg, 1593-1608 regiert Friedrich I. Herzog

von Wirtemberg und bringt Besigheim, Mundelsheim, Liebenzell und Altensteig von Baden zu Württemberg. Im Jahr 1595 ergeht eine erste Herbst- und Kelterverordnung, um der Weinflut Herr zu werden. 1599 gründet Friedrich I. Freudenstadt, das er zur neuen Residenz machen wollte. Der englische König Jakob Stuart verleiht ihm 1603 den Hosenbandorden.

In der lutherischen Kirche Wirtembergs herrscht die Orthodoxie, die die Kirche festigt - und auch zur Erstarrung führen kann:

Johannes Kepler, der große Astronom, ist auch ein Opfer der beginnenden Orthodoxie und der Konfessionsprobleme. Nach dem Studium am Tübinger Stift weigert er sich, die lutherische Konkordienformel (die ihm zu eng war) zu unterschreiben. Damit ist entschieden, dass er in Tübingen bzw. Wirtemberg keine Professur erhalten kann. Später wird er noch exkommuniziert - und auch eine Petition bei seinem Tübinger theologischen Lehrer Matthias Hafenreffer ändert nichts mehr daran. Kepler bewegt sich dann zeitlebens zwischen Graz (wo ihn die Katholiken vertreiben), Prag, Linz, Ulm und Regensburg (wo er 1630 stirbt).

1608 - 1628: Johann Friedrich ist Herzog von Wirtemberg, 1618 beginnt der 30-jährige Krieg

Der längste Krieg der deutschen Geschichte wurde durch das Eingreifen auswärtiger Mächte zu einem europäischen Krieg. Ursache war hauptsächlich der Widerstreit der religiösen Bekenntnisse als Folge der Reformation. So standen auch im Südwesten des Reiches katholische und protestantische Fürsten einander als Feinde gegenüber, die Katholiken (Kaiser, Bayern) in der "Liga" vereint, die Protestanten (Kurpfalz, Baden-Durlach, Württemberg) in der "Union".

Nahezu alle Teile des Südwestens erlebten Durchzüge von Truppen und Kämpfe, unbehelligt blieb nur der Schwarzwald. Am meisten betroffen waren die Pfalz, das Land am Neckar, auf der Alb und an der Donau, aber auch am Oberrhein.

Das Kriegsgeschehen verlagerte sich zuerst nach Norddeutschland. Es sah ganz danach aus, als würden der Kaiser und die katholische Liga endgültig den Sieg davontragen. Das Blatt wendete sich, als der Schwedenkönig Gustav Adolf 1630 auf die Seite der Protestanten trat.

Sein Siegeszug führte ihn tief in den deutschen Süden. Auch Baden-Durlach und Württemberg begrüßten ihn als Befreier. Das Kriegsglück blieb jedoch keiner Seite treu. Zunächst einmal verloren beide Parteien ihre größten Feldherrn: Gustav Adolf fiel in der Schlacht bei Lützen in der Nähe von Leipzig. Wallenstein, der Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen, wurde 1634 in Eger ermordet.

Für die Protestanten brachte das Jahr 1634 eine Wende zum Schlechten. Die Schweden verloren die entscheidende Schlacht bei Nördlingen. Danach überfluteten die Kaiserlichen das Herzogtum Württemberg. Waiblingen, Herrenberg und Calw wurden niedergebrannt, Stuttgart besetzt.

Jetzt griffen die Franzosen in den Krieg ein. Obwohl Frankreich rein katholisch war, verbündete es sich mit den deutschen Protestanten. Der Kaiser sollte den Krieg auf keinen Fall gewinnen. So wurde der Südwesten wieder zum Kriegsschauplatz. Für das Land an Oberrhein und am Neckar begannen die schrecklichsten Jahre. Eine ganze Reihe von Schlachten wurden hier geschlagen: Rheinfelden (1638), Tuttlingen (1643), Freiburg (1644), Herbsthausen bei Mergentheim (1645). Ein entscheidender Sieg gelang keiner der beiden Seiten. Die Bevölkerung aber litt entsetzlich, sie litt unter Freund und Feind. Wie Heuschreckenschwärme fielen die Heere über das Land her, aus dem sie sich ja ernähren mussten.

Die letzte Schlacht des Krieges fand 1648 bei Zusmarshausen westlich von Augsburg statt. Als im Jahre 1648 endlich die Friedensglocken läuteten, waren viele Dörfer und Städte im deutschen Südwesten durch Einquartierung verarmt, zum Teil zerstört, niedergebrannt.

Allein das Herzogtum Württemberg hatte durch Hunger und Seuchen, Mord und Totschlag fast zwei Drittel seiner Bevölkerung verloren. Im Jahre 1618 zählte es 350.000 Einwohner, im Jahre 1648 gerade noch 120.000.

1628-1674 regiert Herzog Eberhard III. von Wirtemberg und gewinnt 1648, im Westfälischen Frieden, für Wirtemberg die frühere Größe zurück. Verantwortlich dafür sind die Schweden und Frankreich, und auch das diplomatische Geschick des Conrad Varnbühler, der später Hemmingen dafür erhält.

Ludwig XIV., der in Frankreich seit 1661 regiert, überzieht im Pfälzischen Erbfolgekrieg ( 1688 - 1697) Süddeutschland mit schlimmen Zerstörungen. Das Heidelberger Schloss, Speyer, Worms, das Kloster Hirsau werden 1689 zerstört. Schließlich werden die Franzosen vor allem durch ein Heer unter Markgraf Ludwig von Baden-Baden zum Halten gebracht. Der Friede von Rijswijk (1697), mit dem der Pfälzische Erbfolgekrieg endet, steht am Beginn einer längeren Friedenszeit im Südwesten.

Die absolutistischen Fürsten im Südwesten beginnen seit der Jahrhundertwende neue Schlösser zu bauen. Vorbild ist dabei Versailles. Abgesetzt von den engen und zum Teil zerstörten Residenzen baut man neue Residenzen in weiträumigen Ebenen. Von Baden- Baden zieht man in das neue Schloss nach Rastatt, von Heidelberg nach Mannheim, von Durlach nach Karlsruhe.

1693 - 1733 regiert in Wirtemberg Herzog Eberhard Ludwig. 1704 baut er Schloss (und Stadt)

Ludwigsburg, damit eines der größten Barockschlösser Deutschlands. 1724-1733 wird Ludwigsburg (das 1718 Stadtrechte erhalten hatte) statt Stuttgart zur Residenz.

Barockes Bauen und barocke Prachtentfaltung gibt es außer in Ludwigsburg in Altwürttemberg in dieser Zeit nicht, der barocke Kirchbau entfaltet sich vor allem in den Gebieten außerhalb Wirtembergs, besonders in Oberschwaben. Im evangelischen Wirtemberg herrscht derweil, neben dem Hofstaat in "Lumpenburg" und Stuttgart, der etwas strengere Pietismus.

1733-1737 regiert Herzog Karl Alexander. Er verlegt 1734 den Hof wieder zurück nach Stuttgart. Seinen großen Geldbedarf sollte vor allem sein "Finanzminister" Süß-Oppenheimer befriedigen. Noch am Tag, als Karl Alexander stirbt, wird Süß-Oppenheimer verhaftet und später in einem dubiosen Prozess zu grausamem Tod verurteilt.

1737-1793 regiert Herzog Karl Eugen in Wirtemberg. Er ist katholisch, erzogen am Hofe Friedrichs II. in Potsdam. Er legt 1746 den Grundstein zum Stuttgarter neuen Schloss. Von 1756-1763 tobt der 7-jährige Krieg, in den Württemberg 1757 auf österreichischer Seite eintritt.

Bis etwa 1770 ist er ein überwiegend tyrannischer absolutistischer Herrscher (Opponenten werden ins Gefängnis verbracht, wie J.J. Moser auf den Hohentwiel und Schubart auf den Hohenasperg). Er ist auch ein großer Bauherr (Schloß Solitude, Neues Schloss in Stuttgart, Schloss Hohenheim, Schloß Monrepos bei Ludwigsburg).

Nach 1770, vermutlich auch unter dem Einfluss der heute noch verehrten Franziska von Hohenheim, ist Karl Eugen auch ein fürsorglicher Landesvater. Eines seiner Lieblingsprojekte ist die Gründung der Hohen Karlsschule zur Bildung von militärischem u.a. Nachwuchs. Friedrich Schiller ist einer ihrer prominentesten Schüler.

Nach Karl Eugen regieren jeweils nur 2 Jahre Herzog Ludwig Eugen und Herzog Friedrich Eugen. In dieser Zeit werden die ersten Folgen der Französichen Revolution in Wirtemberg spürbar: 1793 annektiert Frankreich die linksrheinischen Gebiete Wirtembergs, vor allem Mömpelgard.

Die stärksten territorialen Veränderungen folgen dann durch Napoleon unter Herzog Friedrich II., der 1805 König von Württemberg wird.

1806 profitieren Baden und Württemberg von napoleonischen Neuordnungen.

Württemberg bis 1930

Die Geschichte von Württemberg von 1800 - 1930

1806 wird Friedrich von Napoleons Gnaden 1. König von Württemberg. Friedrich war von 1797-1803 als Friedrich II. Herzog von Wirtemberg. In den Koalitionskriegen kämpfte er zunächst gegen Frankreich und verlor einen Großteil des Herzogtums. 1803 trat er auf die Seite Napoleons über. Unter der Protektion Napoleons erreicht er eine enorme Vergrößerung des Territoriums Wirtembergs und die Erhebung zum Königreich, das er Württemberg nannte.

Ab 1810 wird das Landes zum Königreich Württemberg. Alt-Württemberg umfaßte 1789 nur etwa 1/4 des Gebietes des späteren Württemberg. Die Vergrößerung erfolgte in 4 Phasen:

Im Reichsdeputationshauptschluß (1803) wurden die Klöster säkularisiert und die Besitztümer der Klöster Wirtemberg zugeschlagen. Dadurch kamen z.B. Ellwangen und Weingarten mit ihren großen Besitzungen zu Wirtemberg. Außerdem kamen die bisherigen Freien Reichsstädte mit ihren z.T. großen Landgebieten, an Wirtemberg.

Welche Auswirkungen die Säkulariesierung auf eine Freie Reichsstadt hatte, zeigt das Beispiel meiner Heimatstadt Schwäbisch Gmünd:

Auch die alte, von den Staufern im 12. Jahrhundert gegründete Stadt Schwäbisch Gmünd,blieb von dem Umbruch nicht verschont. Mediatisierung und Säkularisation griffen tief in das Leben der Stadt ein. Beide Maßnahmen sollten - nach längerer Vorbereitung - im Februar und April 1803 genehmigt und bestätigt und dann durchgeführt werden.

Dem Herzog von Württemberg waren neben Gmünd die Reichsstädte Aalen, Esslingen, Giengen, Hall, Heilbronn, Reutlingen, Rottweil und Weil der Stadt zugedacht. Der neue Herr wollte aber nicht so lange auf seine Beute warten. Schon am 6. September 1802 erschien ein württembergischer Beamter und kündigte die vorläufige militärische Besetzung an. Es wäre nicht nötig gewesen, am 9. September eine Truppe von 260 Mann zu schicken. Widerstand gab es nicht. Die Stadtsoldaten wurden einfach entlassen.

Die eigentliche Besitzergreifung fand am 27. November statt. "Wir, Friderich der Zweite, von

, Magistrat, den geistlichen und weltlichen Beamten und Dienern sowie den sämtlichen Bürgern, Einwohnern und Untertanen der Reichsstadt Gmünd und des dazu gehörigen

so beginnt das

entbieten den Bürgermeistern und

Gottes Gnaden Herzog von Württemberg und Teck

Gebiets Unsere herzogliche Gnade und alles Gute

",

"Besitzergreifungspatent". Herzog Friedrich fordert Gehorsam und verspricht, "das Wohl und

die Glückseligkeit UNSERER neuen Untertanen nach allem Vermögen landesväterlich zu befördern und zu vermehren".

Nach kurzem Zögern leisten die Mitglieder des Rats und die städtischen Beamten Gehorsam. An Gehorsam hatte es schon vorher nicht gefehlt. Am 6. November "wurde hier das hohe Geburtsfest Seiner Herzoglichen Durchlaucht auf eine feierliche Art begangen". (Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd, herausgegeben Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, S. 297 und

308)

Als äußeres Zeichen der Besitznahme wurden an den öffentlichen Gebäuden die Hoheitszeichen der Reichsstadt Gmünd - Reichsadler und Einhorn - weggerissen und durch das württembergische Wappen ersetzt. "Nicht einmal in den Kirchen duldete man das alte Wappen".

Die Stadt durfte sich statt Schwäbisch Gmünd nur noch Gmünd nennen, denn sie war nicht mehr gleichberechtigtes Glied des schwäbischen Kreises, sondern eine württembergische Landstadt unter vielen anderen. Immerhin wurde Gmünd bald Sitz eines der 64 Oberämter.

Schwäbisch Gmünd war eine angesehene Handels- und Handwerkerstadt gewesen. Kurfürst Friedrich konnte "reiche Beute" erwarten. Bald stellte es sich jedoch heraus, dass die bisherigen Stadtherren ihre Pflichten nicht mehr sehr ernst genommen hatten. Die Überprüfung der Finanzen ergab, dass die Stadt mit über einer Million Gulden verschuldet war und dass die Kassen seit Jahren nicht mehr geprüft worden waren.

Die sechs Klöster in Gmünd waren nicht zu vergleichen mit den großen Abteien in Oberschwaben und im Schwarzwald. Sie verfügten nicht über nennenswerte eigene Herrschaftsgebiete. Sie waren auch nicht so selbständig, sondern standen unter dem Schutz der Reichsstadt. Sie waren eng mit dem Leben der Stadt verbunden.

Innerhalb der Stadtmauern lebten die Augustiner-Eremiten, die Dominikaner, die Franziskaner, die Kapuziner und die Franziskanerinnen. Vor der Stadt lag das Dominikanerinnenkloster Gotteszell. Gleich bei der Besitzergreifung der Stadt wurde die Schließung und Enteignung der Klöster angekündigt.

Was bedeutete die Säkularisation im Einzelnen?

Vier Klöster mussten bis spätestens Februar 1803 geräumt werden. Überall hörte das klösterliche Leben in der bisherigen Form auf. Nur die Franziskaner und Kapuziner durften wenigstens in ihren Häusern bleiben. Alle Nonnen und Mönche erhielten bescheidene Pensionen. Wenn sie nicht weiter als Priester oder Lehrer und Lehrerinnen tätig sein oder in einer Gemeinschaft leben wollten, konnten sie sich auch persönlich säkularisieren lassen, fortan also als gewöhnliche Bürger leben.

Am meisten hatten es die neuen Machthaber auf Wertgegenstände abgesehen. Bücher und alte Handschriften kamen in die herzogliche Bibliothek nach Stuttgart. Kirchengeräte aus Edelmetall waren abzuliefern, wurden nach Ludwigsburg gebracht und dort eingeschmolzen. Die Empörung über diese Barbarei wirkte lange nach.

Auch die Gebäude wurden einer "zweckmäßigen" Verwendung zugeführt. Im Franziskanerkloster war bis 1965 eine Schule untergebracht, das Dominikanerkloster wurde zur Kaserne und im Dominikanerinnenkloster Gotteszell ist seit 1808 ein Landesgefängnis untergebracht.

Württembergische Beamte und Soldaten waren die ersten Protestanten in der vorher rein katholischen Stadt. Für den Gottesdienst stellte man ihnen die Kirche des Augustinerklosters zur Verfügung. Im Jahr 1900 zählte man schon 5.889 Evangelische neben 12.712 Katholiken. Die neue Herrschaft wollte keineswegs den katholischen Glauben bekämpfen.

In den Koalitionskriegen steht Württemberg 1805 auf Seiten Napoleons und erhält die Reichsrittergüter und die Deutschordensgebiete.

Mit der Erhebung zum Königreich 1806 werden die Gebiete Vorderösterreichs und die bisher selbständigen Fürstentümer Württemberg zugeschlagen, z. B. Hohenlohe, Fürstenberg, Waldburg. Als letztes erfolgen 1810 (durch einen Staatsvertrag zwischen Württemberg und Bayern) Grenzausgleiche mit Bayern (wobei z.B. Crailsheim, Ulm, Tettnang, Wangen zu Württemberg kommen). Dadurch entstehen die bis 1945 gültigen Grenzen Württembergs. Aus vielen Hunderten von Territorien wird ein Flächenstaat mittlerer Größe.

Im Russlandfeldzugs Napoleons (1812-1813) nehmen 15.800 Mann aus Württemberg teil, von denen nur 300 (!) zurückkehren. 1813, nach der Völkerschlacht von Leipzig, tritt Württemberg im Vertag von Fulda den Aliierten bei.

König Friedrich von Württemberg regierte in absolutistischer Manier. Die neuen Gebiete ("Neu-Württemberg") wurden z.T. brutal in Württemberg eingegliedert. Die alte Verfassung, das "Alte Recht" (für das u.a. Uhland leidenschaftlich kämpfte) wurde außer Kraft gesetzt. Eine neue Verfassung wurde erst vom Nachfolger, König Wilhelm I., im Jahr 1819 verabschiedet. Er lässt ein neues Staatswappen mit der Devise "Furchtlos und treu" und den Farben Schwarz-Rot anfertigen.

König Wilhelm I. von Württemberg (reg. 1816-1864), der zweite König Württembergs, regiert fast 50 Jahre. In seiner Zeit wird eine konstitutionelle Verfassung verabschiedet (1819); auf dem Rotenberg die Grabkapelle für Wilhelms 1. Frau Katharina gebaut (ab 1819); Schloss Rosenstein und Wilhelma mit Englischem Garten errichtet (ab 1825).

Großes Engagement zeigt Wilhelm I. zur wirtschaftlichen Entwicklung seines armen Landes. Er stiftet das Landwirtschaftliche Hauptfest in Cannstatt und die Landwirtschaftliche Hochschule in Hohenheim (1818); unter ihm hat die Industrie- und Wirtschaftsförderung begonnen (Beitritt zum Deutschen Zollverein 1833, Bau der Staatseisenbahnen ab 1843, Gründung der Zentralstelle für Gewerbe und Handel 1848).

König Karl von Württemberg, (reg.

Nachfolger als Ministerpräsident wurde Hermann Mittnacht. 1870 im Deutsch- Französischen Krieg wechselte unter König Karl und Minister Mittnacht Württemberg vollends zu Preußen und den anderen deutschen Staaten über.

Mit der Reichsgründung 1871 wurde das Königreich Württemberg ein Bundesstaat des Deutschen Reiches.

Der volkstümliche König Wilhelm II. (reg.

Im 1. Weltkriegs von 1914 - 1918 erleiden die Württemberger innerhalb des deutschen Heeres die relativ höchsten Verluste: etwa 85000 Kriegstote und 200000 Verwundete.

1918

wird auch in Stuttgart die Republik ausgerufen. König Wilhelm II. wird am 9.November

1918

in Stuttgart zur Abdankung gezwungen. Er hat Stuttgart seitdem nicht mehr betreten

und stirbt 1921 in Bebenhausen bei Tübingen.

Das Ende der Monarchie hatte sich auch in Württemberg in den Jahren des 1. Weltkrieges schon länger angebahnt: C. Haußmann z.B. hatte die Republik schon länger gefordert. Mit dem Zusammenbruch an der Kriegsfront propagieren die Radikalen eine Räterepublik, die Bürgerlichen und Mehrheitssozialisten einen Volksstaat Württemberg. Wilhelm Blos, Sozialdemokrat, leitet ab 10.11.1918 die provisorische Regierung Württembergs.

1919 wird eine neue Verfassung für den Volksstaat Württemberg im Ludwigsburger Schloss

verabschiedet. Bei den ersten Wahlen für den Volksstaat Württemberg werden das Zentrum,

die liberalen Demokraten (DDP), die Deutsch-Nationalen (DNVP) und die Sozialdemokraten die stärksten Parteien. Von 1919 bis 1933 regieren Koalitionen aus Zentrum und konservativen Parteien.

Die Sozialdemokraten sind seit 1919 meist in der Opposition, obwohl sie zeitweise stärkste Partei sind; nur ab 1920 beteiligen sie sich für kurze Zeit an der Regierung: Wilhelm Keil tritt als Minister für Ernährung, Arbeit und Wirtschaft ins Kabinett ein. Ab 1924 ist Kurt Schumacher Oppositionsführer der SPD im Landtag Württembergs.

Wichtige Themen dieser Jahre sind Wirtschaftsfragen: der Wiederaufbau nach dem verlorenen Krieg; die Bewältigung der Folgen des Versailler Vertrags (die für Württemberg nicht ganz so schlimm wie für Baden waren); die Inflation 1923.

Kulturpolitisch erfolgt in diesem Jahrzehnt die Trennung von Kirche und Staat (damit auch Ende der geistlichen Schulaufsicht und eine selbständige Landeskirchenverfassung) mit dem Kirchengesetz von 1924. Zum Kirchenpräsidenten der evangelischen Kirche wird 1929 Theophil Wurm gewählt, der 1933 die Amtsbezeichnung Landesbischof annimmt.

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 verändert die wirtschaftliche Situation und die Arbeitssituation auch in Württemberg, allerdings nicht ganz so katastrophal wie in anderen Ländern: 1932 sind in Württemberg 4,3 % der Erwerbstätigen arbeitslos gemeldet (der Prozentsatz der Arbeitslosen im Deutschen Reich ist doppelt so groß, er liegt bei 8,6 %).

Württemberg bis 1945

Die Geschichte von Württemberg von 1930 - 1945

Profiteure der wirtschaftlichen Not sind die braunen Massen des Ex-Gefreiten Adolf Hitler. Auch im Südwesten ziehen dunkle Wolken herauf, wie die steigenden Wahlergebnisse der Reichstagswahlen zeigen:

Reichstagswahlen

1928

1930

1932/1

1932/2

1933

Gesamtes Reich

2,63%

18,33%

37,36%

33,09%

43,91%

Württemberg

1,84%

9,38%

30,53%

26,46%

41,99%

Ob Hitler wegen der zuerst sehr schwachen Wahlergebnisse den deutschen Südwesten nicht mochte ist unklar, jedenfalls besuchte er in seiner Regierungszeit Stuttgart nur ein einziges Mal. Und dabei wurde ihm, eine legendäre Episode, bei seiner Rundfunkansprache auch noch das Sendekabel durchschnitten.

"Sieg der nationalen Regierung" lautet die Schlagzeile einen Tag nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 in der Süddeutschen Zeitung in Stuttgart. Mit verbündeten Parteien zusammen besaßen die Nazis die Mehrheit im Reichstag.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) im Jahr 1933 blieben die Ländergrenzen zunächst unverändert. Das Land Baden, das Land Württemberg und die Hohenzollerischen Lande (der Regierungsbezirk Sigmaringen) bestanden weiter, allerdings mit viel weniger Selbständigkeit dem Reich gegenüber.

Die NSDAP schuf zwei Gaue: den Gau Baden und den Gau Württemberg-Hohenzollern. Dies war im Grunde genommen schon ein kleiner Schritt zur Vereinheitlichung des deutschen Südwestens. Die Gauleiter Wagner in Baden und Murr in Württemberg waren zugleich Reichsstatthalter, also Bevollmächtigte der Reichsregierung, sie konnten den Landesregierungen Weisungen erteilen:

Der Reichstatthalter und Gauleiter in Württemberg-Hohenzollern, Wilhelm Murr, legt die klassische Karriere des NS-Funktionärs hin: Teilnahme am ersten Weltkrieg, danach früher Parteieintritt (1922). Bald wird Murr Propagandaleiter und Ortsgruppenleiter in Esslingen. Am 15. März 1933 württembergischer Staatspräsident und im Mai 1933 Reichsstatthalter. Ab Januar 1942 SS-Obergruppenführer.Nach der Flucht im April 1945 aus Stuttgart begeht Murr am 14. Mai in Vorarlberg Selbstmord.

Der Reichsstatthalter in Baden und Chef der Zivilverwaltung im Elsass war Robert Wagner. Der sogenannte Führer vom Oberrhein nimmt persönlich am Hitlerputsch 1923 in München teil. Er wird schon 1925 zum Gauleiter Badens ernannt und am 5. Mai 1933 Reichsstatthalter. Zeichnet sich durch besonderen Eifer im Vollzug von Führerbefehlen und Ausmerzen von "Volksfeinden" aus. 1946 wird Wagner von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und am 14. August gehängt.

Den meisten Menschen ging es nach 1933 wirtschaftlich besser als in den vier Jahren davor. Viele bekamen wieder Arbeit, und ihre Arbeitsplätze schienen sicher zu sein.

Einer zahlenmäßig kleinen Gruppe ging es jedoch immer schlechter: den jüdischen Mitbürgern (1933 waren es 30.941). 1933 wurden die Juden als "Volksschädlinge" bekämpft, 1935 unter minderes Recht gestellt und nicht mehr als deutsche Staatsbürger anerkannt.

Alle jüdischen Einwohner wurden in einer Turnhalle zusammengetrieben und mussten dann zu der abgebrannten Synagoge marschieren. Die Frau des Rabbiners berichtet aus der Erinnerung: "Als wir uns der Synagoge näherten, sahen wir eine Unmenge SA-Leute. Eine Todesahnung ging durch den Zug. Man sah die SA Zündschnüre hin- und hertragen, hörte

das Wort Dynamit, ob in Phantasie oder Wirklichkeit, weiß ich

man uns in die Synagoge führen und dann alles mit allem in die Luft sprengen wird. Unmittelbar vor der Synagoge hieß man uns stillstehen, und in dem Augenblick erfolgte eine kolossale Detonation. Die nach dem Garten gerichtete Wand unserer lieben, alten Synagoge stürzte ein, einen Teil der Vorderfront mitreißend und das Innere der Synagoge vollkommen zerstörend. Wir alle zitterten wie Espenlaub. Die Kinder waren kaum zu beruhigen."

Mir war es klar, dass

Der Rabbiner starb Ende 1938 im KZ Dachau, seine Frau konnte 1939 mit sieben unmündigen Kindern noch nach Israel auswandern. Die Juden, die nicht auswanderten, wurden 1940 von der SS abtransportiert und in Konzentrationslagern ermordet. (Eckhardt Friedrich und Dagmar Schmieder-Friedrich, Die Gailinger Juden, Arbeitskreis für Regionalgeschichte e.V., Konstanz 1981, S. 103f.)

In mehreren Schüben verschwanden 1935-1940 die Juden aus Deutschland, zunächst als "Auswanderer" nach Frankreich, USA und nach Israel. Von 1941 an begannen die Machthaber, die Juden in den Vernichtungslagern im Osten zu ermorden.

Der Aufschwung der Wirtschaft war zugleich Vorbereitung für den Krieg. Für alle sichtbar entstanden viele neue Kasernen und etwa 40 Militärflugplätze. Am Rhein entlang wurde 1938/39 der Westwall gebaut (630 km von Aachen bis zur Schweizer Grenze). Ohne den deutschen Südwesten wäre es Hitler schwer gefallen, seine Eroberungspläne in die Tat umzusetzen. Autoindustrie, Maschinenbau und andere wichtige Industriebereiche spielten eine entscheidende Rolle in den Plänen des Führers.

Zwischen 1933 und 1939 nahm die Zahl der Beschäftigten in der südwestdeutschen Industrie schon vor Kriegsausbruch durch die Planungen der Kriegwirtschaft drastisch zu (auch die Einwohnerzahl insgesamt stieg an).

Als am 1. September der Krieg ausbricht ist, anders als 1914, von Begeisterung und Euphorie nichts zu spüren. Lebensmittelkarten werden schon kurz vor (!) Kriegsausbruch eingeführt. Im November auch Kleiderkarten. Am 8. November verübt der schwäbische Schreiner Johann Georg Elser ein Bombenattentat auf Hitler.

Am Oberrhein schien mit der Angliederung des Elsass 1940 ein alter Wunsch in Erfüllung zu gehen. Der Gau Baden hieß jetzt Gau Baden-Elsass.

In den ersten Kriegsjahren bleibt der deutsche Südwesten noch relativ verschont.

Brutal und schonungslos ist das Wüten in den Jahren 1944 und 1945. Pforzheim und Heilbronn werden fast vollständig zerstört. Stuttgart, Mannheim, Friedrichshafen, ja sogar kleine Ortschaften auf dem Land werden schwer getroffen. In Stuttgart arbeitet der Luftschutz vorbildlich, so kommen im Winter 1943/44 und im September 1944, trotz schwerer Luftangriffe "nur" knapp 5.000 Menschen ums Leben. Viele durch Luftminen mit Zeitzünder, die erst lange nach den Angriffen, während der Aufräumungs- und Rettungsarbeiten, explodieren. Insgesamt wird Stuttgart 53 mal Ziel alliierter Luftangriffe, dabei werden auf die gesamte Stadtfläche hochgerechnet in der Stadt beinahe 60% der Häuser ganz oder teilweise zerstört.

Von 1944 an war die Niederlage abzusehen. Im November drangen amerikanische Truppen plötzlich bis Straßburg vor und standen auf dem linken Rheinufer. Erst Ende März und Anfang April 1945 überschritten amerikanische und französische Truppen den Rhein in Nordbaden. Zu schweren Kämpfen mit Zerstörungen kam es vor allem zwischen Heilbronn und Crailsheim und bei Freudenstadt.

Bis 30. April waren ganz Baden, Württemberg und Hohenzollern besetzt, am 8. Mai erfolgt die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht durch Großadmiral Dönitz.

Der Südweststaat I

Der Kampf um die Einheit im Südwesten

Am 30. April 1945 war das Gebiet des heutigen Baden-Württemberg vollständig von amerikanischen und französischen Truppen besetzt. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Die Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai setzte den Schlusspunkt. Soweit das Land an der Reichsgrenze lag, galten die Grenzen von 1937: Österreich und das Elsass waren wieder Ausland.

von 1937: Österreich und das Elsass waren wieder Ausland. Während das Nachbarland Bayern die Rheinpfalz verlor,

Während das Nachbarland Bayern die Rheinpfalz verlor, änderte sich am Gebiet der Länder Baden und Württemberg nach außen fast nichts: lediglich Kehl schien eine Vorstadt von Straßburg zu werden. Erst 1953 durften alle deutschen Einwohner in die Stadt zurückkehren.

Gewichtiger als die alten Ländergrenzen im Südwesten waren jetzt die Zonengrenzen. Sie waren von den Alliierten schon vor der Besetzung festgelegt worden. Von wesentlichem Einfluss auf die Grenzziehung war der Verlauf der Reichsautobahn. Die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Besatzungszone verlief mitten durch Baden und Württemberg entlang der Autobahn Karlsruhe, Stuttgart, Ulm. Die Amerikaner wollten diese und andere Verkehrslinien als Verbindung vom Rhein-Main-Gebiet nach Bayern in der Hand behalten. Deshalb wurden alle Landkreise, die von der Autobahn berührt wurden, zur amerikanischen Zone geschlagen.

Die Franzosen wiederum verlangten den bayerischen Kreis Lindau als Landverbindung zu ihrer Besatzungszone in Vorarlberg. Deutsche verantwortliche Verwaltungen gab es nicht, an ihre Stelle traten Militärregierungen. Da die Franzosen unbedingt Stuttgart erobern wollten, um politische Forderungen gegenüber ihren Verbündeten durchzusetzen, erlebten die Bewohner von Stuttgart und Umgebung beide Besatzungsmächte und konnten vergleichen:

Die Franzosen (21.4.-7.7.1945), die den Krieg im eigenen Lande erlebt hatten, verbreiteten in den ersten Tagen und Wochen vor allem mit ihren Kolonialtruppen Furcht und Schrecken:

Vergewaltigungen von Frauen, Wegnahme von Lebensmitteln, Abtransport von Maschinen (Demontage) und Kahlschläge in den Wäldern prägten sich dem Gedächtnis ein.

Die Amerikaner galten, nicht nur in Stuttgart, als 'Befreier', obwohl sie zunächst keineswegs diese Rolle spielen wollten. Auf jeden Fall verhielten sie sich korrekter als die Franzosen, griffen aber stärker in die Verwaltung ein und nahmen nachdrücklicher die Verfolgung ehemaliger Nazis auf. Sie waren bald bereit, durch Lebensmittellieferungen der Bevölkerung zu helfen, denn die Versorgungslage war schlechter als vor 1945, in der französischen Zone am schlechtesten.

Die Besatzungsmächte erlaubten wieder politische Parteien. SPD und KPD setzten die Tradition der Weimarer Zeit fort. Die einstigen demokratischen und liberalen Gruppierungen fanden sich in der Demokratischen Volkspartei (DVP) bzw. der Freien Demokratischen Partei (FDP) zusammen. Die neu gegründete Christlich-Demokratische-Union (CDU) überwand den konfessionellen Gegensatz der früheren christlichen Parteien.

Die Zoneneinteilung verhinderte die Wiederherstellung der alten Länder Baden und Württemberg. In Anlehnung an die Zonengrenzen entstanden bald unter Aufsicht der Militärregierungen drei neue Länder mit sehr unterschiedlicher wirtschaftlicher Kraft:

"Württemberg-Baden" unter amerikanischer Besatzung mit dem Regierungssitz Stuttgart. In Karlsruhe gab es nur eine Landesdirektion. 1950 entstand mit dem Bundesgerichtshof dort die 'Residenz des Rechts'.

"Württemberg-Hohenzollern" unter französischer Besatzung mit dem Regierungssitz Tübingen. Die anfängliche Hoffnung auf die Wiedervereinigung von Süd- und Nord- Württemberg erfüllte sich nicht. Hohenzollern konnte nicht mehr mit Eigenständigkeit rechnen, da sein 'Mutterland' Preußen 1946 aufgelöst wurde.

"Baden" unter französischer Besatzung mit dem Regierungssitz Freiburg. Der Name Baden (nicht Südbaden) brachte den Anspruch auf ganz Baden zum Ausdruck. Heimliche Hauptstädte waren daneben zunächst die Hauptquartiere der Besatzungsmächte: Heidelberg und Baden-Baden. Beide Städte waren absichtlich von Luftangriffen verschont geblieben.

Jede der drei Länderregierungen versuchte mit ihren Mitteln, die Not der Nachkriegszeit zu überwinden und den Wiederaufbau einzuleiten. Größere Erfolge traten erst seit 1948 ein, als nach der Währungsreform die Wirtschaft wieder in Gang kam. Die Reichsmark hatte ihren Wert fast ganz verloren. Am 20. Juni 1948 erhielt jeder Einwohner 40 DM (Deutsche Mark), im August weitere 20 DM.

(Im Jahr 1989 waren es dann schon wenigstens 100 DM, und beim EURO durften wir dann in die Vollen gehen…) Die Reichsmarkguthaben wurden nur zu einem kleinen Teil gutgeschrieben: DM 6,50 für RM 100,-.

Die Rationierung der Lebensmittel wurde 1950 vollends aufgehoben. Nun besserten sich die Voraussetzungen für den Wiederaufbau der zerstörten Städte. Für die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten und die Flüchtlinge aus der Sowjetzone (bis 1951 waren es 1.005.666) wurde das Leben hoffnungsvoller. Von 1945 bis Ende 1950 strömten sie in mehreren Schüben zu uns ins Land, zunächst fast nur in die amerikanische Zone, dann durch Umsiedlung auch in die französische.

Der Wiederaufbau nahm einen weiteren Aufschwung, als sich 1947/48 die bisher selbständigen westlichen Besatzungszonen zusammenschlossen (1947 Bizone:

amerikanische und britische Zone; 1948 Trizone).

1949 entstand dann die Bundesrepublik Deutschland.

Noch heute erinnert man sich neben den französischen und amerikanischen Garnisonen an die Sendegebiete des Südwestfunks in Baden-Baden und des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart. Beide Sender sind inzwischen zu einem Sender, dem Südwestdeutschen Rundfunk SWR verschmolzen

Vor der Gründung des Landes und vor der Namensgebung sprach man vorläufig vom Südweststaat. Der Gedanke, einen Südweststaat zu schaffen, hatte schon nach dem Ersten Weltkrieg manche Befürworter gefunden. Doch Baden, Hohenzollern und Württemberg blieben damals bestehen.

Im November 1946 stimmte die Bevölkerung des amerikanischen Teils mit eindrucksvoller Mehrheit der Verfassung zu. Württemberg-Baden wurde als demokratischer und sozialer Rechtsstaat ein Teil der deutschen Republik. Die französische Militärregierung ordnete in ihren Besatzungszonen einen Volksentscheid an.

Am 18. Mai 1947 stimmten knapp 70 Prozent der Wähler dem württembergisch- hohenzollerischen Staatsgrundgesetz zu.

Der erste 'Signalstoß' für einen gemeinsamen Südweststaat nach 1945 kam also aus Stuttgart. Dort hatte im Herbst 1946 die württemberg-badische Verfassunggebende Landes- versammlung einen großen Schritt in Richtung Südweststaat getan:

Nach Art. 107 sollten Verfassungsänderungen bei einer Vereinigung mit Südwürttemberg und Südbaden mit einfacher Mehrheit beschlossen werden können.

Die Regelung stieß in Freiburg auf heftigen Protest. Der (süd-) badische Präsident Leo Wohleb behauptete, nur die Regierung in Freiburg besitze die Legitimation, im Namen des badischen Landes und Volkes zu sprechen. Der nächste Anstoß zur Lösung des Problems kam von außen:

Am 1. Juli 1948 erteilten die drei Militärgouverneure im westlichen Teil Deutschlands den elf Regierungschefs mit dem Frankfurter Dokument Nr. 2 den Auftrag, Vorschläge für eine Neugliederung der Länder zu erarbeiten. Nach Fläche und Einwohnerzahl sollten dabei möglichst ausgewogene Länder entstehen. Im Südwesten gab es jedoch ein fast unlösbares Problem: Die Regierungen von Württemberg- Baden und Württemberg- Hohenzollern wollten zusammen mit Baden ein Gesamtland bilden. Das aber lehnte Baden kategorisch ab.

Der Dichter Wilhelm Schussen reimte damals ganz treffend:

Das Schwabenland wie Baden Mit Donau und dem Rhein Des Neckars süßen Gnaden Und dem Heilbronner Wein, Hat Berge und Kapellen Der allerschönsten viel, und Bäche mit Forellen, Den Zollern, Hohentwiel Und noch im dicksten Nebel Den Scheffel und den Hauff, Den Uhland und den Hebel, Den Schiller obendrauf.

Die Alemannen, Schwaben Rund um den Bodensee, Wo sie ihr Herzmeer haben Umblüht von Firnenschnee, Sie finden keine Klammer, Obwohl von gleichen Stamm, Es ist so recht von Jammer, Sie stehen rückwärts stramm, Und streiten um den Namen Und streiten schließlich sich Allein noch noch um das Amen Und um den Bindestrich

In dieser Situation lud Ministerpräsident Reinhold Maier am 2. August 1948 die Regierungschefs, Landtagspräsidenten und die Fraktionsvorsitzenden der drei Länder zu einer ersten klärenden Besprechung auf den Hohenneuffen bei Nürtingen ein. Die gegensätzlichen Positionen traten dabei klar in Erscheinung. Zahllose Beratungen folgten, jedoch ohne Ergebnis, nicht einmal wesentliche Fortschritte konnten erzielt werden.

Hauptgegenstand der Gespräche war neben der Südweststaatsbildung der Volksentscheid, der nicht nur von den Alliierten vorgesehen, sondern auch von den Landesverfassungen vorgeschrieben war. Umstritten war die Frage der Abstimmungsbezirke bzw. des Auszählungsmodus sowie die Formulierung der Frage, die der Bevölkerung vorgelegt werden sollte. Während die Freiburger dafür eintraten, dass die Stimmen nach den beiden alten Ländern zu zählen seien, verlangten die Stuttgarter die Zählung der Stimmen gesondert nach den vier Landesteilen Nord- und Südbaden sowie Nord- und Südwürttemberg. Zu einem Kompromiss war keiner bereit.

Jeder glaubte, mit seinem Abstimmungsmodus gewinnen zu können: die Freiburger die Wiederherstellung des alten Badens und die Stuttgarter den Südweststaat.

Der Südweststaat II

Die letzten Schlachten um den Südweststaat

Inzwischen beschäftigte sich nach dem Willen der drei westlichen Besatzungsmächte ein Vorparlament, der Parlamentarische Rat, mit der Ausarbeitung einer Verfassung für den deutschen Staat. Bevor dieser das Verfassungswerk im Mai 1949 vollendete, gelang es Gebhard Müller im Einvernehmen mit Reinhold Maier in letzter Sekunde, zusätzlich zu dem bereits in Art. 29 festgelegten sehr komplizierten Verfahren zur Länderneugliederung eine Sonderregelung für die Neugliederung im deutschen Südwesten als Art. 118 unterzubringen. Darin heißt es:

Die Neugliederung in dem die Länder Baden, Württemberg- Baden und Württemberg- Hohenzollern umfassenden Gebiete kann abweichend von den Vorschriften des Artikels 29 durch Vereinbarung der beteiligten Länder erfolgen. Kommt eine Vereinbarung nicht zustande, so wird die Neugliederung durch Bundesgesetz geregelt, das eine Volksbefragung vorsehen muss.

Allerdings bedurfte nun noch das Grundgesetz der Zustimmung der Alliierten und diese enthielt Vorbehalte. Erst im April 1950 gaben sie eine Erklärung ab, dass der Artikel 118 nun geltendes Recht sei. Damit war der Weg für die Neuregelung der südwestdeutschen Ländergrenzen frei.

Am 22. Oktober 1949 einigten sich die CDU-Vorstände der südwest- deutschen Länder in der Abstimmungsfrage. Die Bevölkerung sollte über die Alternativfrage abstimmen: Vereinigung der bestehenden drei Länder oder Wiederherstellung der alten Länder. Das Ergebnis sollte durch getrennte Auszählung in den alten Ländern ermittelt werden.

Dieser Lösung widersetzte sich die Regierung Württemberg-Badens. Sie bestand auf einer Auszählung in den vier Bezirken Nord- und Südbaden sowie Nord- und Südwürttemberg mit Hohenzollern.

Bei einem Treffen der drei Regierungschefs am 15. April 1950 in Freudenstadt machte Gebhard Müller den überraschenden Vorschlag, das Volk doch zunächst einmal nur in einer Informationsabstimmung zum Südweststaat zu befragen.

einer Informationsabstimmung zum Südweststaat zu befragen. Bildnachweis: www.landesjubilaeum2002.de, Copyright © LpB
einer Informationsabstimmung zum Südweststaat zu befragen. Bildnachweis: www.landesjubilaeum2002.de, Copyright © LpB
einer Informationsabstimmung zum Südweststaat zu befragen. Bildnachweis: www.landesjubilaeum2002.de, Copyright © LpB

Bildnachweis: www.landesjubilaeum2002.de, Copyright © LpB 2001 (Landeszentrale für politische Bildung)

Das südwestdeutsche Stimmvolk hat am 24. September 2 Wünsche frei:

Ich wünsche die Vereinigung der drei Länder, Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zum Südweststaat

oder

Ich wünsche die Wiederherstellung des alten Landes Baden und des alten Landes Württemberg einschließlich Hohenzollern.

Die Volksbefragung am 24. September 1950 war für die Anhänger des Südweststaates eine Enttäuschung:

Zwar ergab sich in den württembergischen Abstimmungsgebieten eine überwältigende Mehrheit für den Südweststaat, in den beiden badischen Bezirken zusammen aber ein Mehr von 16.614 Stimmen (1,14 Prozent) für die Wiederherstellung der alten Länder.

Der Kampf vor und nach der Volksbefragung wird mit harten Bandagen geführt, ab und zu blitzt aber auch Humor durch:

Nach dem Sieg der altbadischen Fahnen im Volksentscheid über den Südweststaat wird ein Gesetz zur Befreiung Altbadens von der schwäbischen Gewaltherrschaft vorbereitet werden, vermuten die in Heidelberg erscheinenden 'Deutschen Kommentare' in einer fiktiven Leserzuschrift.

Das Gesetz solle unmittelbar nach der Wiederherstellung Altbadens in Kraft gesetzt werden. Zur Durchführung werde ein Erhebungsfragebogen mit 133 Fragen bereits jetzt ausgearbeitet.

Bisher seien folgende Fragen vorgesehen.

Frage 3: Haben Sie eine schwäbische Großmutter? Frage 21: a) Besitzen Sie Schillers Werke? b) Wenn ja, haben Sie darin gelesen? Frage 76: Sind Sie nach dem 8. Mai 1945 ins Ausland gereist? a) Nach Württemberg? b) Nach sonstigen außerbadischen Ländern? Frage 83: Sind Sie nach dem 8. Mai 1945 auf der schwäbischen Eisenbahn gefahren? Frage 133: Haben Sie nach dem 8. Mai 1945 vom schwäbischen Gruß Gebrauch gemacht?

Zu Beunruhigungen sieht das Blatt indes noch keinen Anlass, zumal erwogen werden solle, die nur leicht Belasteten, insbesondere solche, die nur gelegentlich den schwäbischen Gruß (Götz von Berlichingen) entboten haben, in die Gruppe der 'Mitlecker' einzustufen.

Wohlebs südwürttembergischer Staatspräsidenten-Antipode Gebhard Müller, Wanderredner für die Vereinigung von Württemberg und Baden, nennt es Wohlebsche Taktik, den Badenern die Württemberger zu verekeln. Dadurch würden auch die Württemberger von einer Vereinigung abgeschreckt. Bei dieser Taktik brauche nichts bewiesen zu werden. Je ärger man es treibe, desto stärker sei der Erfolg.

Im Zuge der Abstimmungspropaganda in Feindesland überschritt Staatspräsident Müller den südbadischen Dreisamfluß. 'Jetzt wird eine andere Sprache zu reden sein, Sie haben den Rubikon überschritten', schleuderte da Südbadens Oberlandes-gerichtspräsident Zürcher dem Aggressor entgegen. Auf Grund einer Polizeiverordnung vom 22. April 1910 'zur Sicherung der öffentlichen Reinlichkeit und Gesundheit der Stadt Freiburg' wurde südwest-staatfreundliche Flugblattwerbung um Dreisamufer untersagt.

Auf der anderen Seite antwortete der Mannheimer Oberbürgermeister Dr. Heimerich durch eine geharnischte Flaggenerklärung. Es war der Versuch unternommen worden, die Bundestrikolore durch badisches Gelb-Rot-Gelb an die Wand zu drücken. Das hatte sich die 'Arbeitsgemeinschaft der Badener' als Demonstration vor den Augen des laut Badische Post 'schwäbischen Politikers der Südweststaatkampagne', Theodor Heuss, ausgedacht, der zur Brückenweihe in Mannheim erwartet wurde. Von 400 angebotenen badischen Fahnen wurden aber nur 29 abgekauft, und diese nur vereinzelt gezeigt.

Schon vor Müllers Rubikon-Übertritt war die versierte Kampfeslyrik des vor 1933 verdienten Alt- Reichskanzlers a. D. Joseph Wirth durch massivere Versle abgelöst worden. Die brüllen von der nordbadischen Kurverwaltung einexerzierte Studenten-Radaukommandos in den südweststaatlichen Versammlungssälen. Mit 'Frisch auf, mein Badener Land' werden stellenweise Südweststaatplakate in Fetzen gerissen.

Im Plakatkrieg spielen kleinbadischerseits vergleichende Abbildungen der Bahnhofsfassaden von Stuttgart und Mannheim eine gewisse Rolle ('Stuttgart vorne, Mannem hinne'): Während des Krieges war die Hauptfassade des Stuttgarter Bahnhofs weniger zerstört worden als die des Mannheimer Bahnhofs. Sie konnte deshalb rascher wiederhergestellt werden. Die Badener wollen nun mit 'Stuttgart vorne' demonstrieren, dass für die schwäbischen Bahnhöfe alles, für die badischen nichts getan worden und deshalb eine staatliche Verschmelzung Baden mit württembergisch Schwaben ein Debakel sei.

Worauf der nordbadische Landesdirektor Kaufmann in Richtung Freiburg sprach: 'Hätten die Stuttgarter die Vorderfassade ihres Bahnhofes vollends zerstören müssen, damit sie den Alt-Badenern kein Ärgernis bieten?'

Der Südweststaat III

Der Bundestag verabschiedete im April 1951 das 'Zweite Neugliederungsgesetz': Der Südweststaat sollte danach dann gebildet werden, wenn in drei von den vier Abstimmungsbezirken eine Mehrheit für den Zusammenschluss der Länder stimmte. Leo Wohleb protestierte heftig und versuchte zunächst über den Bundesrat und dann über das eben erst konstituierte Bundesverfassungsgericht eine Aufhebung des Neugliederungsgesetzes zu erreichen. Er gewann Zeit, scheiterte jedoch letztendlich. Am 23. Oktober 1951 bestätigte das Gericht das Zweite Neugliederungsgesetz in allen wesentlichen Teilen.

In Südwürttemberg wollte man den Südweststaat, weil man darin die Wiedervereinigung mit Nordwürttemberg sah sowie den Zusammenschluss mit den benachbarten hohenzollerischen und badischen Gebieten, mit denen man sich verbunden fühlte. Die Nordwürttemberger wollten die Vereinigung mit dem südlichen Landesteil und waren geneigt, die Verbindung mit Baden aufrechtzuerhalten. Sie begehrten den Südweststaat jedoch nicht als dringendes inneres Anliegen.

In Baden sah es anders aus: Die badische Bevölkerung lehnte zur guten Hälfte den Südweststaat leidenschaftlich ab. Es gab aber auch eine ganze Reihe von Gebieten, die den Anschluss an ihre Nachbarn suchten. Zwischen den Altbadenern und den Südweststaatanhängern entbrannte ein Kampf um jede einzelne Stimme.

Die wichtigsten Argumente für den Südweststaat waren:

Die moderne Wirtschaft brauche große Räume, mit einer Vereinigung des Südwestraums könne die Wirtschaftskraft wesentlich gestärkt werden; Der Südweststaat würde eine wesentliche Verwaltungsvereinfachung bedeuten, weil dann nicht mehr wie bisher drei Landtage, drei Regierungen und ein dreifacher Verwaltungsapparat nötig seien. Reinhold Maier brachte noch ein weiteres Argument in die Diskussion: den mangelnden Einfluss dreier kleiner Länder auf Bundesebene. In einer Wahlkampfrede sagte er: »Im

Verband der deutschen Bundesrepublik haben wir so, wie die Dinge heute geregelt sind, also mit den drei Ländern, nichts zu sagen. Auch mit den wiederhergestellten zwei alten Ländern

Württemberg und Baden hätten wir kaum etwas zu sagen (

Nordrhein-Westfalen und

Bayern haben die Bundesrepublik in der Hand. Alle übrigen Länder teilen sich die Brocken, welche von dieser beiden Herren Tische fallen.

).

Auch die Frage, wie das neue südwestdeutsche Bundesland denn nun heißen solle, beschäftigte die Bevölkerung mehrere Monate. Zahlreiche Vorschläge wurden gemacht, Zeitungen veranstalteten Umfragen, honorige Professoren wurden zu Rate gezogen und Bürger schrieben Leserbriefe.

Neben vielen humorvollen und skurrilen Vorschlägen (Albwalden, Ale-Schwaben,Bawüholand, Christlicher `Volksstaat, Deutsch-Südwest, Freiland, Humanien, Humanitas, Nordbodensee- Land, Rhedonien, Schwabbaden, Stauffenberg, Vierland, Wühoba, Vorderösterreich, Zähriunger-Staufer-Land usw.) wurden die historisch begründeten Namensformen »Baden- Württemberg«, »Schwaben«, »Staufen « »Rheinschwaben« und »Alemannien« am höchsten gehandelt.

Doch gegen jeden dieser Namen gab es Gegenargumente: Staufen war vielen allzu romantisch, Alemannien gefiel schon besser, doch dazu zählten weder Karlsruhe noch Schwetzingen, weder Mannheim noch Heidelberg, nicht Heilbronn und nicht Crailsheim. Rheinschwaben wurde vor allem von den Schwaben in Baden abgelehnt, und Schwaben wiederum widerstrebte den Franken und Pfälzern heftig.

Der Name, den die Verfassunggebende Landesversammlung provisorisch und dann unmittelbar vor der Verabschiedung der Verfassung am 11. November 1953 endgültig angenommen hatte, stieß auf Protest. Baden-Württemberg, das empfanden viele als fantasielos und der geschichtlichen Bedeutung des Ereignisses nicht gerecht.

Andere argumentierten, damit würde verewigt, was eigentlich überwunden werden sollte: die Dissonanzen und Differenzen, die bei der Bildung des Landes aufgetreten waren. Andere Namensgegner sahen den Doppelnamen gar als schlechtes Omen: Österreich-Ungarn sei schließlich auch auseinandergefallen, Schleswig-Holstein erinnere mit seinem Namen die Dänen dauernd an ihre historischen Ansprüche auf Schleswig, bei Rheinland-Pfalz erhebe Bayern immer wieder Ansprüche auf die Pfalz.

Am 25. April 1952 wurde das Land Baden-Württemberg aus der Taufe gehoben. Eines jedoch konnten ihm seine Paten nicht mit auf den Weg geben: einen Namen. Noch 1953 wurde heftig darüber gestritten, wie das neue Kind heißen soll. Erst am 11. November 1953, als die "Verfassung des Landes Baden-Württemberg" in Kraft trat, konnte das Land schließlich seinen Namenstag feiern. Damit hatte der Südweststaat endlich seine offizielle Bezeichnung gefunden: Baden-Württemberg.

Bis es aber so weit war, bot die Namensfrage wochenlang Gesprächsstoff für Parlament und Öffentlichkeit. Zeitungen veranstalteten Umfragen, Hochschullehrer wurden um ihr Votum gebeten, Bürger machten in Leserbriefen Namensvorschläge, die Landesregierung veranstaltete einen Bürgerwettbewerb. Vorgeschlagen wurden beispielsweise "Alemannien", "Musterland" oder "Oberrheinische Republik". "Das war eine hartnäckige Auseinandersetzung, es gab sehr viele Namensvorschläge", erinnert sich die 92-jährige Emmy Diemer-Nicolaus. Die ehemalige FDP-Politikerin ist die einzige noch lebende Zeitzeugin unter den insgesamt 121 Abgeordneten, die den Zusammenschluss der drei Landesteile besiegelten.

Ungeachtet des Namenstreits nahm die erste Landesregierung unter Führung von Ministerpräsident Reinhold Maier (FDP) im Frühjahr 1952 ihre Arbeit auf. In den Ernennungsurkunden der Minister hieß es schlicht: "Südwestdeutsches Bundesland". Offiziell wurde vom "Südweststaat" gesprochen. Die Verfassunggebende Versammlung einigte sich dann - allerdings nur vorläufig - auf den Namen "Baden-Württemberg".

Bei einer Umfrage, die das Allensbacher Institut für Demoskopie im Juni 1953 erstellte, sprachen sich 32 Prozent der 1500 Befragten für Baden-Württemberg aus. Die umgekehrte Reihenfolge, "Württemberg-Baden", favorisierten nur 19 Prozent, für den Namen "Schwaben" stimmten 15 Prozent. 22 Prozent der Befragten machte keine Aussage. Erst unmittelbar vor der Verabschiedung der künftigen Landesverfassung am 11. November 1953 stimmte die Verfassunggebende Versammlung dann endgültig für den Namen "Baden-Württemberg".

Der Zusammenschluss des einstigen Großherzogtums Baden und des Königreichs Württemberg wurde damit auch sprachlich vollzogen: Bei der Reihenfolge der Namensteile Baden und Württemberg erhielten die Badener den Vortritt - vielleicht, um diejenigen versöhnlich zu stimmen, die sich mit der Länderfusion so schwer getan hatten. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil Baden im Alphabet vor Württemberg kommt, wie seinerzeit ein Abgeordneter argumentierte.

Nach einem heftigen Abstimmungskampf, in dem es nicht an kräftigen Worten fehlte, fiel dann endlich am 9. Dezember 1951 die Entscheidung. Nach Festlegung des Abstimmungsmodus konnten die Südweststaat- Freunde praktisch nur noch gewinnen: In den drei Abstimmungsbezirken Nord- und Südwürttemberg sowie Nordbaden stimmte dann auch die Mehrheit für den Südweststaat.

Nur in Südbaden votierte die Mehrheit für die alten Länder. Eine Auszählung nach den alten Ländern, entsprechend dem Antrag Wohlebs, hätte in Nord- und Südbaden zusammen eine

Mehrheit für das alte Baden ergeben. Von Bedeutung war sicherlich auch, dass die Heimatvertriebenen meist für die größere Lösung stimmten.

Franz Gurk, damaliger Vorsitzender der CDU-Fraktion, kündigte in einer mehrfach von Zwischenrufen unterbrochenen Rede dem neuen Ministerpräsidenten und der von diesem 'man dürfe wohl sagen widerrechtlich' gebildeten Regierung schärfste Opposition an.

Reinhold Maiers 'Taschenspielertrick' war jedoch nur von kurzer Dauer. 1953, nach der Bundestagswahl, räumte er seinen Sessel in der Villa Reitzenstein für seinen CDU- Kontrahenten. Gebhard Müller bildete eine Allparteienkoalition zur Schöpfung der Verfassung und zum Aufbau des Landes.

zur Schöpfung der Verfassung und zum Aufbau des Landes. Die Verfassungsurkunde Am Bundeslandes Baden-Württemberg.

Die Verfassungsurkunde

Am

Bundeslandes Baden-Württemberg.

11.

November

1953

verabschiedete

die

Landesversammlung

die

Verfassung

des

Baden-Württemberg : Ein neues Bundesland

die Verfassung des Baden-Württemberg : Ein neues Bundesland Im April 2002 wurde Baden-Württemberg 50 Jahre alt.

Im April 2002 wurde Baden-Württemberg 50 Jahre alt. Es ist bis heute das einzige deutsche Bundesland, dessen Bevölkerung an der Wahlurne (mehrfach!) für eine Neugliederung gestimmt hat.

Die Altbadener, die einen Heimatbund Badenerland gründeten, führten auch nach der Bildung des Landes Baden-Württemberg den Kampf um die Wiederherstellung des früheren Landes Baden fort, bis vor das Bundesverfassungsgericht. Dieses gestand dem Heimatbund 1956 zu, dass die badische Bevölkerung in einer nochmaligen Volksabstimmung über den Verbleib ihrer Heimat im Bundesland Baden- Württemberg entscheiden dürfe, weil ihr Wille durch 'die Besonderheit der politisch- geschichtlichen Entwicklung', also durch die Trennung des Landes Baden nach 1945, überspielt worden sei.

Doch erst am 7. Juni 1970 kam es zu einer erneuten Volksabstimmung. Das Ergebnis war ein klares Bekenntnis der badischen Bevölkerung für Baden-Württemberg: Bei einer Wahlbeteiligung von 62,5 Prozent votierten 81,9 Prozent für den Verbleib beim Land Baden- Württemberg. (Was zusammengehört, wächst zusammen?) Damit war die letzte rechtliche Möglichkeit, den Zusammenschluss rückgängig zu machen, erschöpft.

Die misstrauisch-trotzige Reserve, die die Südbadener zunächst der neuen staatlichen Gemeinsamkeit entgegengebracht hatten, ist längst verschwunden. Gemeinsam haben die Badener und Württemberger einen Spitzenplatz unter den Bundesländern eingenommen.

Heute sehen sie ihr Land nicht nur als Modell deutscher Möglichkeiten (Theodor Heuss) mit landschaftlicher Vielfalt, kultureller Eigenart, sozialer Stabilität und wirtschaftlichem Erfolg, sondern darüber hinaus als Modell europäischer Möglichkeiten (Lothar Späth), in dem Sprache der wichtigsten Innovatoren unserer Zeit gesprochen wird.

Eines findet man allerdings immer noch nicht: Das spontane Bekenntnis eines Bürgers aus dem Bindestrich-Land 'ich bin ein Baden- Württemberger'. Einen Schwaben, einen Badener, einen Pfälzer oder einen Franken trifft man immer, aber eben selten einen, der sich »Baden- Württemberger« nennt. (I benn au so oiner !)

Landeshauptstadt ist Stuttgart. Im Mai 1954 entschied sich der Landtag für ein Wappen: drei schwarze Löwen mit goldenem Schild, einst Wappen der Staufer, die im Mittelalter Kaiser des Römischen Reichs Deutscher Nation und Herzöge von Schwaben waren. Der goldene Hirsch steht für Württemberg, der Greifvogel für Baden.

Die Gliederung des Südwestens erfolgte in vier Regierungsbezirken Nordbaden, Südbaden, Nordwürttemberg und Südwürttemberg-Hohenzollern. Die ehemals hohenzollerischen Kreise Hechingen und Sigmaringen behielten eine gewisse Sonderstellung.

Im neuen Land Baden-Württemberg standen Landtag und Regierung vor der Aufgabe, die verschiedenen Teile des Landes zusammenzuführen, die Regierungsverantwortung trugen hauptsächlich die CDU, später auch teilweise zusammen mit SPD (mal weniger) oder FDP (mal mehr).

Etwa 20 Jahre nach der Entstehung des Landes wagte man sich an eine Gebietsreform. Kaum eine Gemeinde, kaum ein Landkreis und kein Regierungsbezirk blieb davon unberührt. Kleinere Gemeinden schlossen sich größeren an, aber auch große Dörfer und Städte wurden zusammengelegt.

Ich habe das damals in Schwäbisch Gmünd miterlebt, dem der Kreisstadt-Titel zugunsten von Aalen abgesprochen wurde. Die Volksseele kochte hoch, man plante Aktionen bis hin zu Straßensperren. Aber alles verlief im Sande, der Schwabe hat ein gewachsenes Obrigkeitsdenken und findet sich auch in ungeliebten Situationen zurecht.

Im Fall von Villingen-Schwenningen kam es sogar zur Vereinigung von ehemals badischen und württembergischen Städten (!). Von 3350 Gemeinden blieben noch 1110 übrig. Da manche neuen Gemeinden sich künstlich geschaffene Namen zulegten, drohen alte Ortsnamen aus dem Bewusstsein der weiter entfernt Wohnenden zu verschwinden.

Ort wie Weinstadt oder Albstadt künden von der Gebietsreform, verschwanden doch so alte Namen wie Ebingen, Kernen, Rommelshausen und viele andere mehr. Aber, man hat sich daran gewöhnt.

Schon in den 30er Jahren waren die Amtsbezirke (in Baden Bezirksämter, in Württemberg Oberämter) vergrößert und in Kreise umbenannt worden. Im Jahr 1973 wurden sie fast alle nochmals in der Fläche erweitert und in der Zahl vermindert. Aus 63 alten Landkreisen entstanden 35 neue. Daneben blieben 10 Stadtkreise bestehen.

Die Namen der neuen Regierungsbezirke knüpften nicht mehr an die alten Ländernamen an:

Sie hießen jetzt Regierungsbezirk Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg und Tübingen.

Der ehemals badische Kreis Tauberbischofsheim kam zu Stuttgart und erhielt zusammen mit dem ehemaligen Kreis Bad Mergentheim den Namen Main-Tauber-Kreis. Der Landkreis Überlingen fiel an den Regierungsbezirk Tübingen.

Umgekehrt wurden die ehemals "württembergischen" Landkreise Calw, Freudenstadt, Horb, Rottweil und Tuttlingen den "badischen" Regierungsbezirken Karlsruhe und Freiburg zugeschlagen. Von Hohenzollern verschwanden damit die letzten Spuren.

Im Nachgang ist man ja immer schlauer und ich denke, die Gebietsreform war positiv für die Entwicklung des Landes. Trotzdem müssen wir alle im Ländle hart daran arbeiten, unseren Ruf als Musterländle nicht an die Bayern oder die Hessen zu verlieren.

Manchmal weint hier mancher dem Cleverle (im großen) und dem Wüschdafüxle (im kleinen) nach, die beide, nach meiner Meinung, die schwäbische Polarität aus knitz und Witz sehr gut verkörperten.

Trotzdem, das Leben im Südwesten ist nach wie vor gut, was auch viele Fischköpfe zugeben, wenn auch erst nach einigen Viertele Wein.

'Württemberg' - Entstehung

Viele gelehrte Untersuchungen sind über die Herkunft des Namens Württemberg angestellt worden, auch Sagen und Legenden versuchen, die Herkunft des Namens zu erklären. Ich habe mal, wie so oft auf meinen Seiten, einfach zusammen getragen, was ich so gefunden habe:

1.

Version

Ein Mann aus dem Bürgerstand und die junge Tochter des Kaisers liebten einander. Da die beiden jungen Leute keine Möglichkeit sahen, je vereinigt zu werden, flohen sie, kauften sich in Schwaben ein kleines Grundstück und legten hier eine Wirtschaft an, von deren Einnahmen sie lebten. Das Haus lag an einem Berg. Man nannte den Besitzer daher „den Wirt am Berg“. Da geschah es nach mehreren Jahren, dass der Kaiser auf einer Reise nach Frankfurt des Weges kam und bei seiner Tochter einkehrte, ohne sie zu erkennen. Die Tochter aber erkannte ihren Vater gleich, überredete ihren Mann, sich dem Kaiser zu erkennen zu geben und diesen um Gnade anzuflehen. Sie hatten ein junges Söhnchen, da er ein schöner Junge war, nahmen sie ihn in die Mitte und stellten sich so dem Kaiser vor. Der war außer sich vor Freude, seine Tochter wieder zu haben, verzieh ihr gerne und machte ihren Mann zum Grafen. Er sollte aber zum Andenken seinen Namen „Wirt am Berg“ beibehalten.

2.

Version

In Wirklichkeit ist aber wohl die Herkunft des Namens anders abzuleiten. Württemberg, in mittelalterlichen Urkunden Wirtineberg genannt, kommt wohl von dem Wort Virodunum – Berg her. Virodunum ist keltischen Ursprungs und bedeutet Viroburg, also die Burg eines keltischen Fürsten mit Namen Viro. Vielleicht gehen auf dessen Fürsten die Fundstücke zurück, die man in der Nähe des Württembergs gemacht hat.

3. Version

Der liebe Gott ist seit 6 Tagen nicht mehr gesehen worden. Am 7.Tag findet der heilige Petrus Gott und fragt: "Wo warst Du denn in der letzten Woche?" Gott zeigt nach unten durch die Wolken und sagte stolz: "Schau mal was ich gemacht habe!" Petrus guckt und fragt: "Was ist das?"

Gott antwortet: "Es ist ein Planet und ich habe Leben darauf gesetzt. Ich werde es Erde nennen und es wird eine Stelle unheimlichen Gleichgewichts sein." "Gleichgewicht?" fragt Petrus. Gott erklärt, während er auf unterschiedliche Stellen der Erde zeigte, "Zum Beispiel Nordamerika wird sehr wohlhabend aber Südamerika sehr arm sein. Dort habe ich einen Kontinent mit weißen Leuten, hier mit Schwarzen. Manche Länder werden sehr warm und trocken sein, andere werden mit dickem Eis bedeckt sein." Petrus ist von Gottes Arbeit sehr beeindruckt. Er guckt sich die Erde genauer an und fragt: "Und was ist das hier?"

"Das", sagt Gott, "ist Württemberg! Die schönste und beste Stelle auf der ganzen Erde. Da werden nette Leute, traumhafte Seen und Wälder, idyllische Berglandschaften und gemütliche Biergärten sein und es wird ein Zentrum für Kultur und Geselligkeit werden. Die Leute aus Württemberg werden nicht nur schöner, sie werden intelligenter, humorvoller und geschickter sein. Sie werden sehr gesellig, fleißig und leistungsfähig sein." Petrus ist zutiefst beeindruckt, fragt Gott jedoch: "Aber mein Herr, was ist mit dem Gleichgewicht? Du hast doch gesagt, überall wird Gleichgewicht sein!" "Mach Dir mal keine Sorgen", sagte Gott, "nebenan ist Österreich, Hessen und Bayern".

Pietismus

Der Hang zum Pietismus steckt latent in der schwäbischen Seele, die neben Geld eigentlich nur noch den Himmel gelten lässt, vielleicht gerade noch einen guten Trollinger

Am besten gefällt mir in diesem Zusammenhang das Herbert Wehner zugeschriebene Wort vom 'Pietkong', mit dem er den damaligen Minister Erhard Eppler charakterisierte. Beide waren innerhalb der SPD ein Beispiel an Redlichkeit und Pflichtgefühl, aber Eppler besaß dazu diese rührende schwäbische Unfähigkeit, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Unfähigkeit, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Schon als Kind faszinierte mich der übermächtige

Schon als Kind faszinierte mich der übermächtige schwäbische Trieb, sich zwar allem weltlichem Einfluss entgegenzustemmen, aber dafür der Kirche einen übergroßen Raum im Alltag zu überlassen.

Dies hat sich in den letzten Jahren ziemlich verändert, aber ich kenne sie noch, diese Leute, die Sebastian Blau so trefflich beschrieb:

Schwaaz dr Huat ond schwarz es Fräckle ond s`Gehabe gsalbet fromm, ond a gottergeabes Gschmäckle om de´ganze Ranza rom.

Glaubsch mers, dass vor sotte Denger s Kreuz sogar dr Teufel schleecht und ob deane Stondegänger schier katholisch weara möcht ?

Am besten gefiel mir schon immer die Antwort "Sia hennd hald a Harmonium" oder "Dia gangad zom Lacha en dr Kellr", wenn die Sprache auf bestimmte frömmelnde Mitbürger kam.

Auffallend ist der latente schwäbische Purismus, der die Erde für eine Art Jammertal, den Mensch als Sündenpfuhl, den Wein als Höllentrank und die Liebe als Teufelswerk betrachtet. Wer kennt sie nicht, die schmallippigen Traktätles-Verteiler, die alle Mitbürger, die nicht in die 'Schdond', also die gemeinsame Andachtsstunde, kommen, als gottlos und dem Verderben geweiht betrachten.

Obwohl ich selbst weder mit der Kirche (aber sehr viel mit Gott !), noch mit dem Pietismus viel am Hut habe, (man kann ja auch Autofahren ohne im ADAC zu sein), ertappe ich mich immer wieder mit schlechtem Gewissen nach einer Hingabe an die schönen Dinge des Lebens.

Damit will ich eigentlich nur zeigen, dass in den menschlichen Genen mehr steckt, als man vermutet, denn so manchen eigenen Wesenszug erkenne ich schon wieder in meiner nun erwachsenen Tochter.

Man er zählt sich von einem Pietisten, der auf dem Sterbebett zum Katholizismus übertreten wollte. Als man ihn entsetzt fragte, warum, flüsterte der Sterbende: 'Besser es schdirbt oiner von dene, als von ons!'

Das Wort 'Pietismus' ist eine lateinisch-französisch-griechische Wortschöpfung. Zum französischen Wort piété, das seinerseits aus dem Akkusativ pietatem des lateinischen Wortes pietas („Pflichtgefühl“) gebildet ist, tritt die Latinisierung der griechischen Endung - ismós für intensivierte Denkhaltungen oder übersteigerte Ideologien. Ursprünglich diente das Wort als spöttische Bezeichnung für Frömmelei.

Der Pietismus war eine Reaktion auf die Aufklärung. In dieser Zeit wurde das traditionelle Weltbild durch neue Erkenntnisse der Naturwissenschaft erschüttert und die offizielle Theologie von der aufklärerischen Philosophie angegriffen. Die Theologie reagierte darauf mit einer wachsenden Verwissenschaftlichung, wurde aber für die normalen Gemeindeglieder immer unverständlicher. Außerdem verlangte der absolutistische Staat ein Bekenntnis zum offiziellen Dogma und hielt persönliche Frömmigkeit für störend.

Der Pietismus kritisierte beide Entwicklungen, die er für rein äußerlich hielt, und stellte ihnen sein Ideal einer persönlichen, gefühlsbetonten Frömmigkeit entgegen, unter anderem basierend auf dem Matthäus-Zitat:

Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.

Also nicht mit dem Evangelium allein ist da Himmelreich gesichert, sondert man muss auch mit einer methodischen und strengen Lebensführung nachhelfen. Es gibt keine Situation, über die sich Pietist keine Gedanken macht, und sei sie noch so nichtig. Im Zweifelsfall betrachtet er alles als Sünde und verboten und auferlegt sich Mühsal und Entsagung.

Der Pietismus ist eine Bibel-, Laien- und Heiligungsbewegung. Er betont die subjektive Seite des Glaubens, entwickelte aber auch einen starken missionarischen und sozialen Grundzug. In der pietistischen Praxis haben Hauskreise mit gemeinsamem Bibelstudium und Gebet oft größere Bedeutung als Gottesdienste.

Ohne das Bild des schmalen und des breiten Weges war und ist diese Anschauung schwer zu vermitteln, aber so ist ein richtiger Pietist eben dankbar für jede Prüfung, die ihm auferlegt wird, da sie ihn ein Stück weiter auf dem schmalen Weg bringt. Und obwohl der Sex ein Hindernis zum Erreichen des Himmelreiches darstellt, zeugt er viele Nachkommen, ohne allerdings jemals mehr als Nachthemd seiner Ehefrau gesehen zu haben.

Die richtige Religionszugehörigkeit ist und war ein gewichtiger Grund für Einstellungsentscheidungen. Ein Posaunist soll am königlichen Hof mit der Empfehlung 'schwach im Blasen, aber stark im Glauben' mühelos eine Anstellung gefunden haben. Und heute heißt es dann 'Domm isch er ja scho, aber er isch hald oiner vo ons'.

Der Pietismus hat seine Wurzeln vor dem 30-jährigen Krieg, als der Kirchenreformer Johann Valentin Andreae die christliche Idealstadt Christianopolis entwarf: eine Stadt mit innerem Frieden, Gleichheit der Bürger und einer Verachtung für Reichtum. Der frühe Pietismus war ein Sammelbecken der von den Zuständen am despotischen Fürstenhof enttäuschten Christen.

Der Pietismus bekennt sich zur Irrtumslosigkeit der Bibel (Bibeltreue) und lehrt hieraus resultierend eine konservative Theologie. Außerdem betont er das Priestertum aller Gläubigen und hat deshalb neben Theologen auch Laien ohne akademische Bildung – vorrangig Männer – zum Predigtamt geführt: als Redner, redende Brüder, in den Hauskreisen.

Sie trafen sich in der Schdond, eine außerkirchliche Bet- und Erbauungsveranstaltung, in der die Heilige Schrift ausgelegt und als Bildungseinrichtung des Volkes große Bedeutung gewann. Ziel war die Trennung von Staat und Kirche und die Rückbesinnung auf die urchristliche Gemeinde, Feindbild die angepassten, dem Adel nach dem Mund redenden selbstgerechten Kirchen-Pharisäer. (Solche gibt es heute natürlich nicht mehr, oder doch ?)

Wenn man schon ein Leben in Demut, Selbstverleugnung und Gewissenstreue führen musste, dann wollte man nicht strengen weltlichen Dogmen, sondern dem Herrn Jesus Christus persönlich verpflichtet sein. Heute würde man dazu 'Kirche von unten' sagen

Die Pietisten waren neben der reinen Frömmigkeit und Nächstenliebe auch tatkräftige Unternehmer, die sich als Erfinder, soziale Neuerer, Industriegründer und Weinbauern betätigten und so das Leben aller bereicherten und erleichterten, gerade in den elenden ländlichen Gegenden.

Als besonders pietistisch geprägt gilt neben Westfalen das Gebiet des einstigen Herzogtums Württemberg. Auch dort wurden pietistische Bestrebungen von der lutherischen Orthodoxie unterdrückt, und wenn etwa Studenten des Tübinger Stifts (das Internat der württembergischen Theologiestudenten) eine pietistische „Stunde“ besuchten, führte das jedes mal zu einer Untersuchung. Trotzdem gab es auf beiden Seiten immer auch Personen, die für das Anliegen der jeweils anderen Verständnis hatten.

Vor den Toren Leonberg gelegen, bildet die Gemeinde Korntal noch immer das Zentrum des schwäbischen Pietismus. Die Gründe, die zur Gründung der Ev. Brüdergemeinde führten, war die Hoffnung auf die baldige Wiederkunft Jesu Christi. Mit Korntal sollte ein Zufluchtsort für die Gläubigen des Landes in der Endzeit geschaffen werden.

An Kritik an pietistischen Lehrinhalten und pietistischer Frömmigkeitspraxis hat es zu keiner Zeit seit seiner Entstehung gemangelt. Hauptkritikpunkt war dabei, dass sich die

Pietisten auf die Widerspruchsfreiheit der Bibel beriefen, während Vertreter der dialektischen Theologie dies nicht glaubten.

So hat der Berliner Theologe Dietrich Bonhoeffer den Pietismus als letzten Versuch bezeichnet, den christlichen Glauben als Religion zu erhalten (Widerstand und Ergebung). Bei seiner negativen Beurteilung der Religion – er wurde gleichsam als Gegenbegriff zur Offenbarung Gottes angesehen – wiegt diese Kritik schwer. Ebenso verwarf Bonhoeffer gerade als biblisch-reformatorischer Theologe das Grundanliegen des Pietismus, beim Menschen eine „erwünschte Frömmigkeit“ erwirken zu wollen.

Außenstehende Christen wie auch Nichtchristen kritisieren an Pietisten, dass diese sich zu sehr auf die eigene geistliche Entwicklung konzentrierten (die Kritiker sehen die Gefahr eines „Heilsegoismus“), weswegen sie der Verantwortung des Menschen in der Gesellschaft nicht gerecht werden könnten. Gegen diese Kritik spricht jedoch das oben angeführte soziale Engagement des Pietismus, welches oftmals ebenfalls ein missionarisches (= sozial- missionarisches) war.

Schon in der Aufklärung, aber auch heute wird von Außenstehenden den Pietisten Intoleranz vorgeworfen, da diese nicht von ihrem Ausleben des Christentums gemäß ihrer spezifischen Bibelauslegung abrücken wollen und auch andere von dieser Lebensform überzeugen wollen.

Waldenser

Wer in der Gegend zwischen Leonberg, Pforzheim und Bretten unterwegs ist, wundert sich sicherlich über die vielen merkwürdigen Ortsnamen wie Pinache, Serres oder Perouse.

Erhellendes

und

persönliches

zu

diesem

Thema

hat

mir

per

Mail

Volker

Rehmann

zugeschickt:

habe diese Woche herausgefunden, dass meine Vorfahren, die zuletzt in "Dürrn, Kieselbronn, Sengach, Serres, Pinache und Groß Villar" angesiedelt waren, im Jahr 1699 als Waldenser mit ihrem Pfarrer und Führer "Henri Arnaud" (1641 - 1721) aus dem Piemont "Ortschaften: Pinasca, Villar Perosa, Torre Pellice." nach Dürrmenz (bei Maulbronn) geflüchtet sind.

Zu dieser Zeit war das Ländle im wahrsten Sinne des Wortes nach der französischen Besatzung "ausgebrannt" und geplündert, die Bevölkerung war durch die Pest (1635/36) auf wenige Prozent dezimiert - und das alles nur kurze Zeit nach dem 30-jährigen Krieg (1618 -

1648).

Insgesamt waren im September 1699 - 3000 Menschen aus den Tälern der "Cottischen Alpen" über die Schweiz ins Württembergische unterwegs, nachdem Papst Innozenz III die Waldenser ab 1230 massiv wegen Ketzerei (wie auch die Katharer und Albigenser im Rahmen der Inquisition) verfolgen ließ.

Die Waldenserbewegung (Bewegung von Wanderpredigern) wurde um 1177 von dem reichen Lyoner Kaufmann namens "Petrus Waldes" gegründet.

Das Ziel: Nur in wahrhaftem (rein durch Armut und Verzicht auf weltliche Dinge) Glauben an Gott "in Armut" dienen. Zu dieser Zeit war die Katholische Kirche beim einfachen Volk alles andere als respektiert - "Ein Leben in Saus und Braus - große Reichtümer und Geilheit nach Macht des Klerus" führten zu deren Miss- und Verachtung.

Vor

der Verfolgung forderte Papst Innozenz der III von den Waldensern und von Franziskus

von

Assisi (beschloss ebenfalls ein Leben in Armut um 1207) deren Demutsbekundung und

Unterwerfung. Für die Waldenser war das Predigen durch Laienprediger gewissermaßen ein Grundrecht. Da die Waldenser auch die Meinung vertraten, "man muss Gott mehr gehorchen als der Kirche" und dass es eine "unmittelbare" Beziehung zwischen Gott und Menschen gibt (ohne die Vermittlerrolle der Geistlichkeit) wurden die Waldenser 1184 mit einem Kirchenbann belegt und exkommuniziert.

Ab 1215 war dieser endgültig - die Waldenser wurden offiziell als Ketzer verfolgt. Massive Verfolgung ab 1230. Sie lebten daraufhin möglichst unauffällig - einige zogen aus dem französichen Dauphiné ins italienische Piemont. Dort lebten sie in ihren entlegenen Tälern sozusagen ca. 2 Jahrhunderte im Untergrund. Später siedelten wegen der Inquisition auch französiche Reformierte ins Piemont.

Franziskus von Assisi machte vor Innozenz einen tiefen "Bückling". Papst Innozenz III bestätigte 1209 die Ordensregel von Franziskus - nachdem sich Franziskus gegenüber der Kirche (Innozenz III) zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet hatte.

1487 befahl Papst Innozenz III den Kreuzzug gegen die Waldenser. Die Söldner der Inquisitoren durchsuchten auch die kleinsten Winkel des Landes - niemand war sicher. Allein im Frühjahr 1655 brachte eine Abteilung Soldaten der Kreuzzügler 8.000 Menschen auf bestialische Weise um.

In Frankreich wurden die Waldenser "Vaudois" genannt. Die Waldenser waren sozusagen

auch Huggenotten, da sie sich 1532 offiziell der Reformbewegung anschlossen und zu diesem Zeitpunkt auch die Waldenserkirche gründeten. 1598 wurde den Reformierten durch

das Toleranzedikt von Nantes (Heinrich IV) Religionsfreiheit zugesichert. Ludwig XIV - hob

dieses allerdings 1685 wieder auf. 1686 erließ der Herzog von Savoyen auf Betreiben Ludwig

XIV ein Edikt, wonach alle französisch geborenen Waldenser innerhalb von 2 Monaten das

Land verlassen mussten. Die Waldenserbewegung erstreckte sich damals von Spanien bis ins Baltikum (v.a. Böhmen).

Die Sprache der Waldenser war das "Welsch" - die okzitanische Sprache, die in Südfrankreich,

Teilen Spaniens und im Piement gesprochen wurde. Welsch war in Würrtemberg noch bis ins 19. Jahrhundert bei den Waldensern aktive Sprache. Heute gibt es in Italien, Frankreich und Spanien noch ca. 13 Mio Menschen, die Welsch sprechen. In Deutschland und in Italien leben heute jeweils ca. 30.000 Waldenser, weitere ca. 15.000 sind noch in Argentinien und Uruguay zu finden.

Kulinarischer Aspekt: Einige Waldenser, die 1699 in Dürrmenz ankamen, gründeten die Siedlung "Lucerne" bei Wurmberg. Beide Orte wurden 1808 vereinigt. Zu den Gründern von Lucerne gehörte auch der Kaufmann Antoine Seignoret, der die Kartoffel in Würrtemberg einführte!

Für diesen Beitrag, der einen wichtigen Teil der Geschichte unseres Ländles abdeckt, bedanke ich mich sehr.

Stadt Stuttgart

Kaum eine andere deutsche Stadt wird so von ihrer topographischen Lage bestimmt, wie Stuttgart, die Großstadt im Loch. Geschichte, Städtebau, Verkehr, alles wird vom Tal des Nesenbachs dominiert, in dem Stuttgart liegt.

Der annähernd kreisrunde, zum Neckar hin geöffnete Talkessel, dessen Form nur im Westen durch die Karlshöhe unterbrochen wird, bildet eine Art natürliche Stadtmauer. Dadurch hat Stuttgart seine zentrale Urbanität in größerem Ausmaß erhalten können als andere Großstädte, die sich ungehindert ins Umland ausgebreitet und dadurch Form und Begrenzung verloren haben.

ausgebreitet und dadurch Form und Begrenzung verloren haben. Wie Venedig durch seine Insellage, definiert sich Stuttgart

Wie Venedig durch seine Insellage, definiert sich Stuttgart durch seine Kessellage.

Der tiefste Punkt liegt 200 Meter über dem Meeresspiegel, der höchste 600 Meter.

200 Meter über dem Meeresspiegel, der höchste 600 Meter. Stuttgart bietet viele faszinierender Aussichtspunkte von

Stuttgart bietet viele faszinierender Aussichtspunkte von den Hängen des Talkessels über die Stadt. Manche sind offiziell eingerichtet, mit Schildern, auf denen das Panorama erklärt wird, und Fernrohren, deren Benutzung selbstverständlich Geld kostet. Die meisten findet man jedoch völlig unvermittelt: Hinter einer Straßenbiegung oder beim Blick aus einem Fenster liegt plötzlich das Häusermeer ausgebreitet.

Für viel Geld wurde bei der Stadtbahnstrecke hoch nach Degerloch extra ein Guckloch von 100 Metern eingebaut, damit sich der Fahrgast am Blick über die Stadt ergötzen kann, ich lasse mich dort jedes Mal faszinieren.

Es ist unmöglich, bei einem Besuch die ganze Vielfalt der Aussichtspunkte zu erleben. Denn der Kesselrand erhebt sich zwischen 160 und 270 Meter über den Schlossplatz und alle zehn Höhenmeter öffnet sich eine neue Perspektive. Dazu kommen die verschiedenen Jahres- und Tageszeiten und unterschiedliche Witterungsverhältnisse.

Tageszeiten und unterschiedliche Witterungsverhältnisse. Der Fernsehturm - von Ferne und von unten Zudem bietet nicht
Tageszeiten und unterschiedliche Witterungsverhältnisse. Der Fernsehturm - von Ferne und von unten Zudem bietet nicht

Der Fernsehturm - von Ferne und von unten

Zudem bietet nicht nur der Talkessel überwältigende Panoramen, sondern auch das Neckartal und, last but not least, der (frisch renovierte) Fernsehturm als Aussichtspunkt mit seiner Plattform rund 400 Meter über dem Kesselgrund.

der (frisch renovierte) Fernsehturm als Aussichtspunkt mit seiner Plattform rund 400 Meter über dem Kesselgrund. 39

Ich mit meiner Höheangst habe jedesmal 'granadamässig Schiss, dass er omfälld', war aber doch schon zehn mal oben.

Der Spitzname der Stuttgarter im schwäbischen Volksmund lautet Schdäffelsruddschr (=Treppenrutscher). Er weist auf die unvermeidliche städtebauliche Folge der Kessellage hin:

Treppen, im schwäbischen Diminutiv "Stäffele", im offiziellen Hoch-Schwäbisch als "Staffeln" bezeichnet. Mindestens 300 öffentlich zugängliche Treppenanlagen gibt es in Stuttgart - U- Bahn-Haltestellen und Unterführungen nicht mitgerechnet.

Die meisten Staffeln in der Innenstadt haben ganz offizielle Namen, die auch im Stadtplan eingetragen sind. So wurde der bekannte schwäbische Schauspieler Willy Reichert durch seine Heimatstadt geehrt, indem ein Teil der Römerstaffel zur Karlshöhe hinauf nach ihm benannt wurde. Prachtvolle und aufwendige Treppenanlagen sind aber selten, die Staffeln diesen einfach der besseren Erreichbarkeit.

Die meisten Staffeln sind einfache und praktische Abkürzungen zwischen zwei Straßen am Hang, die ansonsten nur durch lange Serpentinen verbunden wären. Ob sie nun aus Marmor oder aus Waschbeton sind, die Staffeln sorgen immer für malerische Winkel in der Stadt und keuchende Lungen.

Zwei vierspurige Bundesstraßen und etliche S-Bahn-Linien drängen sich im Kessel-Zentrum auf engstem Raum und machen den Berufsverkehr zu einem fast unlösbaren Problem. Tunnel und verwegene Straßenbauten versuchen vergeblich Abhilfe zu schaffen. Als Ausgleich winden sich an den Hängen wundervolle Panoramastrecken ins Tal, deren Schönheit sich am besten vom Sattel eines Fahrrads erschließt.

Stuttgart muss dieselben Pendler-Schübe wie überall ertragen: morgens aus dem Haus, abends zurück, 300.000 Berufstätige, 300.000 Autos, 100.000 Schüler, 100.000 Ausländer, 600.000 Einwohner. Das ganze knubbelt sich auf 200 km 2 , davon sind 50 qm 2 Wohnflächen, 20 km 2 Verkehrsflächen und die restlichen 120 qm 2 sind Wälder, Parks, Gärten , Wiesen, Felder und Weinberge.

Allein ca. 450.000 Arbeitsplätze bietet Stuttgart selbst, 1,3 Mio. gar die ganze Region (einschließlich der Nachbarkreise). Ein Eldorado für Arbeitssuchende, was auch dazu geführt hat, das die Anzahl der ausländischen Mitbürger in Stuttgart mit 22% nicht zu übersehen ist. Sie sind es auch, die viel dazu beigetragen haben, aus der ehemals biederen und bäuerlichen Metropole (auch heute noch sind mehr als 25% des Stadtgebiets landwirtschaftliche Nutzfläche) eine Stadt zu entwickeln die auch kulturell mittlerweile vielseitig und weltoffen ist.

Der öffentliche Nahverkehr, bestehend aus 6 S-Bahnlinien, 12 Stadtbahnlinien sowie zahlreichen Busverbindungen, fällt zumindest im Stadtzentrum kaum ins Auge, da der Schienenverkehr im Stadtzentrum komplett unterirdisch verläuft.

Leider hat man es schon vor Jahren versäumt, einen Strassen- und Schienenring um Stuttgart zu ziehen: Wer zum Beispiel von Böblingen nach Leonberg mit der S-Bahn fahren will, muss zuerst in den Stuttgarter Talkessel einfahren, dort umsteigen, und dann wieder Richtung Leonberg aus dem Kessel. Dasselbe gilt für alle Städte am Rande von Stuttgart, wie Esslingen, Schorndorf, Ludwigsburg.

Wer von München auf der Autobahn Richtung Heilbronn oder Frankfurt ankommt, wird zwangsweise im Süden der Stadt durchgepresst, weil bis heute keine Ostumfahrung in Sicht ist. In dieses ganze Schlamassel hat man dann noch im Laufe der Jahre die Daimler-Chrysler- Hauptverwaltung, die Musical-Hall, das riesige Industriegebiet Vaihingen eingepfercht und plant nun auch noch die neue Messe auf den Fildern. Na, das kann ja heiter werden

Zwei skurrile Nahverkehrsmittel, die moderne Zahnradbahn (die Zacke) und die historische Standseilbahn zum Waldfriedhof, überwinden den Kesselhang direkt auf steilen Schienenwegen.

Stuttgart kann saumäßig schön sein. Auch wenn im Kessel das Auto regiert, der Kesselrand ist noch fast ringsum bewaldet.

Die Stadt bietet eine überraschende Vielfalt von Möglichkeiten, (eigentlich unschwäbische) Romantik zu erleben: Im Stadtwald spazieren gehen, oder langsam eine halb zugewachsene Staffel hinaufsteigen, einfach nur die Aussicht genießen, einen Weinberg durchstreifen oder in einer der großen und kleinen Parkanlagen lustwandeln. Was hätte aus dieser Stadt werden können, wenn die pietistischen Schwaben nicht so lustfeindlich eingestellt gewesen wären ?!

Stuttgart ist kein Luftkurort. Der Talkessel verhindert oft eine genügende Luftzirkulation und im Sommer kann der Smog manchmal mit Athen und Los Angeles konkurrieren . Die Autoabgase sammeln sich im Kessel und führen zu erheblichen Problemen.

Immer wieder musste sich die Bürgerschaft jedoch dagegen wehren, dass die Frischluftzufuhr zugebaut wird, oft vergeblich. Wenigstens der Bau von Hochhäusern im Kessel konnte bisher weitgehend verhindert werden (Trump-Tower !).

Ein paar Zahlen über Stuttgart :

Stadt Stuttgart: ca. 600.000

Region Stuttgart: ca. 3 Millionen

Regierungsbezirk Stuttgart: ca. 4 Millionen

Umkreis von 70km um Stuttgart: ca. 6 Millionen

Umkreis von 200km um die Region Stuttgart: ca. 22 Millionen

Mit einer Einwohnerdichte von 712 Einwohnern pro Quadratkilometer weist die Region Stuttgart einen deutlich höheren Wert auf als beispielsweise die Region München mit 438 oder die Region Frankfurt mit 552 EW/km². Im europäischen Vergleich haben nur die Regionen Zuid Holland mit Den Haag und Ile-de-France mit Paris eine höhere Bevölkerungsdichte. Die Region Stuttgart kommt in Europa also auf Platz 4 !

Von den Großstädten in Deutschland hat Stuttgart den größten Höhenunterschied innerhalb des Stadtgebietes in Deutschland. Tiefster Punkt: ca. 200 m ü.M., höchster Punkt: ca. 550 m ü. M.

Ein wesentliches Merkmal des Stuttgarter Klimas ist seine Windarmut, die nicht allein auf die Lage der Stadt in einem Talkessel zurückzuführen ist. Die gesamte Region des Neckarbeckens ist generell für niedrige Windgeschwindigkeiten bei großer Häufigkeit von Windstillen bekannt. Dies ergibt sich durch die großräumige Luftdruckverteilung in Süddeutschland und die Abschattung durch den Schwarzwald, die Schwäbische Alb, den Schurwald und den Schwäbisch- Fränkischen Wald. Der Luftaustausch ist somit stark eingeschränkt.

Temperatur im Jahresdurchschnitt: 10,0 Grad Celsius Niederschlag im Jahresmittel (l/m²): 680 Sonnenscheindauer in Stunden pro Jahr: ca. 1800

Partnerstädte der Stadt Stuttgart:

- Cardiff, Großbritannien (seit 1955)

- St. Helens, Großbritannien (seit 1948)

- Straßburg (Frankreich) seit 1962

- St. Louis (USA) (seit 1960)

- Menzel-Bourguiba, Tunesien (seit 1971)

- Bombay Indien (seit 1968)

- Lodz, Polen (seit 1988)

- Kairo Ägypten (seit 1979)

- Samara, Rußland (seit 1992)

- Brünn, Slowakei (seit 1989)

Stuttgart - Menschen

Jeder Schwabe hat das Recht aus seinen Eigensinn. Und so kommt ein echter Stuttgarter auch nie aus Stuttgart, sondern aus Cannstatt, aus Sillenbuch, Degerloch, Heslach, Vaihingen, Mühlhausen oder einem der vielen anderen Teilorte.

Bedächtigen, Langsamen, Verhocktem und Verdrucktem angesehen.

Selbst wenn das noch so wäre, es stört hier keinen. Denn man ist damit gut gefahren, ja man könnte es fast als Erfolgsrezept verkaufen.

In den letzten einhundertachtzig Jahren hat die Stadt ganze elf Oberbürgermeister gehabt, nicht aus Sparsamkeit, sondern weil es immer die richtigen waren.

Der jetzige muss das allerdings noch beweisen !

Am geistigen Horizont der Stuttgarter merkt man, dass sie im Kessel leben - sagen die Cannstatter.

Unser geistiger Horizont ist so weit, wie der Blick vom Fernsehturm - antworten die Stuttgarter.

Für beides gibt es genug Bedächtigen, Langsamen, Verhocktem und Verdrucktem angesehen.

Selbst wenn das noch so wäre, es stört hier keinen. Denn man ist damit gut gefahren, ja man könnte es fast als Erfolgsrezept verkaufen.

In den letzten einhundertachtzig Jahren hat die Stadt ganze elf Oberbürgermeister gehabt, nicht aus Sparsamkeit, sondern weil es immer die richtigen waren.

Der jetzige muss das allerdings noch beweisen !

Am geistigen Horizont der Stuttgarter merkt man, dass sie im Kessel leben - sagen die Cannstatter.

Unser geistiger Horizont ist so weit, wie der Blick vom Fernsehturm - antworten die Stuttgarter.

Für beides gibt es genug Beispiele.

Einige Berühmte Stuttgarter

Einige Berühmte Stuttgarter Robert Bosch erfand 1902 die Magnet-zündung Gottlieb Daimler erfand 1883 den ersten Benzin

Robert Bosch erfand 1902 die Magnet-zündung

Stuttgarter Robert Bosch erfand 1902 die Magnet-zündung Gottlieb Daimler erfand 1883 den ersten Benzin Motor in

Gottlieb Daimler erfand 1883 den ersten Benzin Motor in Bad Cannstatt

erfand 1883 den ersten Benzin Motor in Bad Cannstatt Friedrich Wilhelm Hegel Philosoph, geboren 1770 in

Friedrich Wilhelm Hegel Philosoph, geboren 1770 in Stuttgart

Wilhelm Hegel Philosoph, geboren 1770 in Stuttgart Friedrich Schiller studierte an der ehemaligen Hohen

Friedrich Schiller studierte an der ehemaligen Hohen Carlsschule

Erstaunlich ist dennoch, wie eng hier weltoffene Visionäre und gehemmte Spießer zusammenleben. Hegel, Cranko, Daimler-Chrysler und Tausende ausländische Mitbürger haben die Beharrlichkeit der "Entenklemmer" nicht erschüttern können.

Und für jeden Späth und Rommel scheint es den passenden Teufel und Schuster zu geben, dessen Weltläufigkeit in einem coolen "Let's putz" gipfelt.

Schiller hat hier gelebt, Hegel ist hier geboren, Uhland war Landtags- abgeordneter. Einsteins Mutter stammte aus Cannstatt, Goethe holte sich bei Cotta seine Honorare ab.

Thaddäus Troll kam zu dem Schluss, dass alle Schwaben sich zwischen dem Weltläufig- Philosophischen und dem Bäuerlich-Engen hin und her bewegen, ohne sich für eines entscheiden zu können.

Welcher bekennende Schwabe könnte dabei nicht zustimmen ?

Man führt ein Rössle im Wappen, weil Stuttgart aus einem Stutengarten hervorging. Man führt einen Siebener vor der Postleitzahl, passend zu den Sieben Schwaben. Man verkauft HighTech bis nach China und bietet Kunst, Sport, Tradition und Poesie und beherbergt den größten Autokonzern der Welt.

Man heißt Aberle, Beierle, Häberle, Schmückle oder Zweigle, aber auch wer Schmückle heißt kann saumässig grob werden. Mit dieser Grobheit schützt der Stuttgart seinen gutmütigen Charakter vor sich selbst und vor anderen.

In Stuttgart ist manches anders:

So wurde zum Beispiel das städtische Blindenheim in bester und unverbaubarer Aussichtslage gebaut, vielleicht um das Mitgefühl mit diesen Menschen in typisch schwäbisch-verquerer Weise auszudrücken.

Als das beste Stuttgarter Kaufhaus am Platze, die Firma Breuninger einen Erweiterung plante, stieß man unverhofft auf eine heiße Mineralwasser- quelle und baute kurzentschlossen ein Schwimmbad mit Blick über die Stadt, um so den unverhofften Reichtum zu nutzen. Inzwischen ist aber die diese Quelle versiegt und das Bad zugunsten von mehr Kommerz geschlossen.

Als der ehemalige Bürgermeister Klett beim der Besuch der englischen Königin Elisabeth ein Geschenk der Stadt Stuttgart überreichte, versäumte er nicht darauf hinzuweisen, dass dieses sehr teuer und kostbar sei. Die Nachforschungen der örtlichen Presse förderten die Wahrheit zutage: das das Geschenk knapp sechzig Mark gekostet hatte !

zutage: das das Geschenk knapp sechzig Mark gekostet hatte ! Altes Stuttgart: Königsbau und Schloss Solitude

Altes Stuttgart:

Königsbau

und

Schloss Solitude

Und Stuttgart ist meines Wissens die einzige Großstadt in Deutschland (der Welt ?), die ein eigenes Weingut hat, dessen Weine sogar über das Internet zu beziehen sind

Der Weinbau hat in Stuttgart eine jahrhundertelange Tradition. Wein machte den Reichtum der Stadt aus. Nachgewiesen ist er erstmals für das Jahr 1108: Damals schenkte Mönch Ulrich dem Kloster Blaubeuren einige Weinberge, seit 1236 sind Menge und Güte der jährlichen Lesen überliefert.

Namen wie "Cannstatter Zuckerle", "Stuttgarter Mönchhalde", "Uhlbacher Götzenberg", "Untertürkheimer Mönchberg" oder "Stuttgarter Kriegsberg", gereift in Deutschlands zweitgrößtem Weinbaugebiet, sind weit über die Landeshauptstadt ein Begriff.

sind weit über die Landeshauptstadt ein Begriff. Weinberge direkt im Stadtgebiet. Der Stuttgarter schätzt

Weinberge direkt im Stadtgebiet.

Der Stuttgarter schätzt seinen Freiraum, überall, so wie auch in einer alten Anekdote beschrieben:

In einer kleinen Wirtschaft sieht die Bedienung aus dem Fenster und sieht, dass sich eine Wandergruppe dem Lokal nähert: 'Oh Wirt, was deem mr au, dô kommat sechs Stuagarter ond mir henn blos femf Disch?"

Während also traditionell die Schwaben gerne alleine bleiben und dementsprechend ein Lokal mit 8 Gästen und 7 Tischen eigentlich überfüllt ist, muss bei einem Besenwirt mit zwei Tischen erst etwa ab dem 20. Gast der zweite Tisch überhaupt eröffnet werden!

Geselligkeit schätzt der Stuttgart aber auf seinen vielen Hocketsen, das sind Feste unter freiem Himmel, die von Mai bis Oktober in allen Teilorten von Vereinen organisiert werden. Dazu kommen das 'Stuttgarter Weindorf', das Frühlingsfest, das 'Cannstatter Volksfest' auf dem 'Wasen' und natürlich der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt, jeweils mit Millionen von Besuchern.

Hier pflegt der Stuttgarter behäbige Gemütlichkeit, bei der auch Fremde willkommen sind, zumindest wenn sie Geld liegen lassen und nicht an schwäbischen Grundsätzen herumkritisieren. Hoffen wir es wenigstens !

Stuttgart – Meinungen

Es lässt sich nicht verheimlichen, dass der badische Landesteil von Baden-Württemberg der weniger lustfeindliche und puritanische ist. Und es lässt sich auch nicht verheimlichen, dass die Badener nicht Stuttgart, sondern Karlsruhe als ihre Hauptstadt betrachten. Argwöhnisch betrachten Sie jeden EURO, den die Stadt Stuttgart vom Land erhält und fordern ihren Anteil,

Ein inzwischen fast vergessener Wettbewerb für einen Imagespruch der Landeshauptstadt von ganz Baden Württemberg schien alle badischen Vorurteile zu bestätigen:

Den ersten Platz belegte damals der Slogan: Stuttgart, Großstadt zwischen Wald und Reben. Der zweite Platz war da schon ein ganz anderes Kaliber: Stuttgart, Großstadt zwischen Karwoche und Kehrwoche.

Viele Vorteile kursieren innerhalb des Ländles über Schwaben und Badener, ich persönlich mag das gar nicht ! (In unzähligen E-Mails erreicht mich mich immer wieder der Vorwurf, dass meine Seiten nicht genug Badenfeindlich sind, und das nach 50 Jahren in einem gemeinsamen Bundesland !)

Umso mehr ist man erstaunt (und erfreut), in einer Badischen Zeitung einen recht wohlwollenden Bericht über Stuttgart zulesen. Ob das ein kurzes Strohfeuer im Rahmen der 50-Jahre-Feier von BW ist oder doch der Beginn eines Waffenstillstandes, entscheiden Sie selbst:

Original gefunden unter:

www.badische-zeitung.de/nachrichten/mantel/magazin/2001/12/mag.5007198.htm

Entdeckungstour durch die Landeshauptstadt - Von Petra Kistler

Manchmal taugen die schönsten Vorurteile nicht: Äußerst arbeitsam sollen die Schwaben sein, kreuzbrav und ein wenig spießig. Aber was tut sich da am hellen Mittag mitten in Stuttgarts schönster Konsummeile? Da stehen drei Damen im besten Alter, rechts und links umlagert von Einkaufstüten, und regenerieren sich bei einem Glas Sekt. Sekt? Ach was, Champagner! Und das unter der Woche und ohne den Hauch eines schlechten Gewissens. Die Stuttgarterin, und um solche handelt es sich dem erlauschten Honoratiorenschwäbisch nach, hat das Genießen gelernt.

Derlei ästimiert, wie der Schwabe die Weckung von Lustgefühlen jeglicher Art nennt. Zum Beispiel auf einer Entdeckungstour in Stuttgart, fernab der Vorurteile.

Preisaufgabe für die örtlichen Tourismusmanager: Was könnte einen Badener, eine Badenerin, verleiten, einen Kurzurlaub in Stuttgart zu verbringen? Sie haben richtig gelesen, in Stuttgart. München wäre kein Problem. Hamburg einsichtig. Berlin logisch. Und warum nicht mal nach Köln oder Düsseldorf. Aber Stuttgart!

Diese für Badener so ferne, so fremde, hie und da gar so feindliche Stadt. Ausgerechnet Stuttgart. Vielleicht fährt der Badener ja mal nach Echterdingen, zum Flughafen. Oder ins Daimlerstadion, am liebsten, um den VfB verlieren zu sehen. Aber sonst steht Stuttgart beileibe nicht auf der touristischen Hitliste. Der Badener schränkt seine Kontakte mit der Landeshauptstadt auf das Allernotwendigste ein. Über Nacht bleibt er gleich zweimal nicht. Erstens hält sich das Klischee von den hochgeklappten Gehsteigen hartnäckig, und, zweitens, fährt der letzte Zug nach Freiburg kurz nach 22 Uhr. Warum also Kurzurlaub in Stuttgart?

'Der Kultur wegen', antwortet Roswitha Wenzl von Stuttgart Marketing und hört mit dem Schwärmen gar nicht mehr auf. Dreimal, 1998, 1999 und 2000, wurde die Staatsoper Stuttgart zum Opernhaus des Jahres gewählt, das Ballett tanzt seit John Crankos Zeiten an der Weltspitze, das Schauspiel unter Intendant Friedl Schirmer gehört zu den interessantesten deutschen Theaterbühnen. Das Große Haus hat ohnehin seinen ganz besonderen Reiz: Max Reinhardt bezeichnete es als das schönste Theater der Welt.

Einige hundert Meter weiter, von der vierspurigen Bundesstraße schnöde vom Herz Stuttgarts abgetrennt, warten 600 Jahre Kunstgeschichte. Der postmoderne Bau der Neuen

Staatsgalerie, entworfen vom Engländer James Stirling, gehört seit der Eröffnung im Jahr

1984 zu den bestbesuchten deutschen Museen: Die Architektur erregte Aufsehen, der Inhalt

ist vom Feinsten: So beherbergt die Neue Staatsgalerie unter anderem die größte Picasso- Sammlung Deutschlands. Stuttgarts Kunstmäzene hatten es nicht immer so leicht: Henry Moores Liegende musste jahrelang hinterm Kunstverein im Gebüsch versteckt werden. Sie war den Stuttgartern zu liegend. Erst als sich herumgesprochen hatte, dass Moores Werk auch vor dem Kanzleramt in Bonn zu sehen ist, freundeten sich die Stuttgarter mit der Dame an. Heute ziert die Liegende selbstverständlich den Aufgang zur Neuen Staatsgalerie.

So ähnlich ging es auch dem württembergischen König Wilhelm. Als der im Jahr 1827 für

150 000 Gulden eine unschätzbare Sammlung mit Meisterwerken deutscher und

niederländischer Kunst kaufen wollte, wurde in Stuttgart kühn gekontert: 'Mir brauchet koi Kunscht. Mir brauchet Grombiere'. Auf Deutsch: Wir brauchen keine Kunst, wir brauchen Kartoffeln. Die Sammlung mit all den Dürers, Lochners und Cranachs ging nach München.

Der Stuttgarter muss offenbar langsam an Kunst gewöhnt werden. Dann ist er sogar zur Selbstironie fähig. 'Mir brauchet koi Kunscht. Mir brauchet Grombiere.' Der Spruch steht heute gleich in vier Sprachen (Schwäbisch, Hochdeutsch, Englisch und Französisch) vor der Alten Staatsgalerie. Rechts und links vom Reiterstandbild des stolzen Wilhelm wurde, eingefasst von goldenen Krönchen, ein Kartoffelbeet angelegt.

Selbst mit dem hochverehrten Friedrich Schiller erlebten die Stuttgarter einen künstlerischen Reinfall: Ein Denkmal hatte der Sängerbund in Rom bei Bertel Thorvaldsen, dem begehrten Meister des Spätklassizismus, bestellt. 54 000 Gulden kostete das Werk samt Sockel. Aber als es am 8. Mai 1839, genau 34 Jahre nach dem Tod des Dichters, unter Glockengeläut und Festgesängen enthüllt wurde, waren die Sponsoren tief enttäuscht: Einen erhebenden, machtbeflügelten Dichter hatten sie sich gewünscht, doch das wertvolle Stück zeigte den jungen Schiller ganz in sich versunken. Ein zweiter Schiller musste her. Die Auftragsarbeit steht heute bei der Oper; Thorwaldsens Werk auf dem Schillerplatz ist und bleibt die Nummer eins.

An die Weißenhof-Siedlung mussten sich die Stuttgarter ebenfalls erst gewöhnen: Le Corbusier, Mies van der Rohe, Gropius und all die anderen Pioniere hatten Ende der zwanziger Jahre die Möglichkeit, ihre Vorstellungen vom modernen Bauen am Killesberg zu realisieren. Araberdorf schimpften die Einheimischen über die Flachdächer. Heute gelten die

Entwürfe als revolutionär. Elf Häuser der Mustersiedlung sind heute noch erhalten und bewohnt.

Im kommenden Jahr soll das 75jährige Bestehen der Weißenhof-Siedlung unter anderem mit einem Internationalen Architekturforum gefeiert werden. Vielleicht wird dann auch das seit langem geplante Architekturmuseum endlich angegangen. Mit dem Bewahren gab es hie und da in Stuttgart Schwierigkeiten: Ordnungsliebenden Schwaben (Kehrwoche!) war lange Zeit die Markthalle, die Calwer Straße und das Bohnenviertel ein Dorn im Auge.

Das alte Glump muss weg, befanden die Stadtplaner. Doch sie hatten den Widerstand der Alteingesessenen unterschätzt: Mit Mistkarren fuhren sie ins Rathaus. Das zeigte Wirkung. Das Bohnenviertel gilt heute bundesweit als Modell für quartiertypische Bebauung, in der Jugendstil-Markthalle genießt und kauft Stuttgarts Schöner-Wohnen-Fraktion, die Calwer Straße gilt als erste Adresse für Kauflustige mit belastungsfähiger Kreditkarte. Die Jungen entdecken das Boschareal: Rund um das eben eröffnete Literaturhaus keimt Stuttgarts interessanteste Abendszene. Provinziell? Behäbig? Stuttgarts Image-Probleme, die von einer Meinungsumfrage bestätigt wurden, scheinen ganz weit weg zu sein.

Dass die Region ganz vorne liegt, wenn es um die Lebensqualität geht, beweist ein Blick ins legendäre Leuze: Dort tauchen Morgen für Morgen hochbetagte Damen aus dem Stuttgarter Westen unter. 22 Millionen Liter Mineralwasser sprudeln täglich aus den 19 Brunnen und Quellen Stuttgarts. Das Leuze-Mineralbad gilt als einer der schönsten Badeorte. Die Damen baden übrigens am liebsten kalt: Unter der heißen Dusche wird der Körper aufgeheizt bis die Haut krebsrot ist, dann geht es zum Schwimmen in das nur 19 Grad warme prickelnde Mineralwasser und dies im stetigen Wechsel.

Die Wirkung soll wie Champagner sein. Nur gesünder. Und billiger!