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Anleitung

zum

Bewußten Hellsehen

Inhalt:

Einführung 7

Die verschiedenen Arten des Hellsehens

Hellsehen in Tieftrance 9 Hellsehen im Schlaf 11 Hellsehen in Halbtrance 11 Hellsehen im Zustand der Ekstase 14 Mechanisch-automatisches Hellsehen 18 Pendel-Praxis bezw. -Magie 18 Spiegelmagie 19 Kartendeutung 19 Skriptoskop 20 Hellsehen auf Grund von Erfahrung Chiromantie, Phrenologie, Graphologie 22 Hellsehen als Naturgabe (Zweites Gesicht) 23

Erziehung zum bewußten Hellsehen

Bedingungen zur Fähigkeit des bewußten Hellsehens 25 Entspannung des Körpers 26 Scharfes Gedächtnis 27 Regulierung des Atems 30 Beseitigung jeder Möglichkeit von Ablenkung oder Störung 32 Gespannte Aufmerksamkeit gegenüber den eigenen Gedanken und Vorstellungsbildern 34

Ausschaltung des Intellekts bezw. des Gehirndenkens 35 Möglichkeit intuitiver Umdeutung von symbolisch erschauten inneren Vorstellungen

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Festhalten eines Vorstellungsbildes und Unterscheidungskraft 39 Schnelle plastische Schilderung eines Gedankenbildes 41 Meditation, d. h. festhaltende Betrachtungsweise einer Vorstellung 42

Praxis des Hellsehens

Charakterbeurteilung hellseherischer Art 44 Hellsehende Charakterologie nach Handschrift 44 Hellsehende Charakterbeurteilung durch Ansehen 45 Hellsehende Charakterbeurteilung durch Handschlag 46 Hellsehende Charakterbeurteilung nach Photographie 47 Hellsehende Charakterisierung durch Fühlungnahme mit einer Person 48

Bewußtes Hellsehen auf Grund unsichtbar gemachter Dinge 49 Hellsehen nach verschlossener Schrift 50 Hellsehen nach verschlossener Photographie 51 Hellsehen eines verschlossenen Bildes 51 Hellsehen nach einem verborgen getragenen Gegenstand 52 Hellsehen durch Hören von Schritten 53 Hellsehen von Geldstücken 54

Rechnen im nicht überlegenden Zustand 56 Hellsehendes Zeichnen 56 Hellsehendes Schreiben 57 Hellsehendes bezw. hellhörendes Sprechen fremder Sprachen 57 Hellsehende Kopfuhr zu jeder Tageszeit 58 Hellsehendes Lesen von Büchern 58 Hellseh-Diagnose bei Kranken 59 Hellsehende Wetterprognose 60 Hellsehen von Erdbeben 61 Hellsehende Beobachtung von bekannten Personen 64 Schau in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Person 65 Hellsehende Beobachtung fremder Personen 66 Das Erschauen von Wesenheiten Verstorbener bei mediumistischen Sitzungen 68

Schlußwort 68

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Einführung

Wer möchte nicht die Fähigkeit des Hellsehens besitzen? Wer wünscht nicht, den Schleier der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zu lüften, um Rätsel des Daseins, die uns auf Schritt und Tritt im täglichen Leben begegnen, zu lösen, um gefeit gegen Gefahren des Schicksals zu sein, um sich selbst und den Mitmenschen Bera- tung, Leitung und Hilfe zu bringen?

Das Wort Hellsehen bezeichnet die Fähigkeit nicht genau. Der Franzose braucht für diesen Begriff das Wort »Clairvoyance«. Das bedeutet, genau übersetzt, »Klarsehen«. Die Fähigkeit ist mit diesem Wort schärfer umgrenzt. Im gewöhnlichen Leben gehen wir mit unseren fünf verstandesmäßig trainierten Sinnen umher ohne irgendwelche Klarsicht. Ja, wir wissen nicht einmal, was uns die nächste Sekunde bringen kann, wir sind nicht einmal imstande, ein Gedankenbild, das uns vor fünf Sekunden flüchtig beschäftigt oder auch unbewußt gestreift hat, zu reproduzieren, geschweige denn zu schildern. Das verstandesmäßige Denken, das in der Schule in uns hochgezüchtet worden ist, beherrscht unser ganzes Dasein derart, daß jedes klare Sehen in das Innere des eigenen Ichs verhindert bzw. verdunkelt wird. Es ist, als ob wir vor einem mit dich- tem Vorhang verhängten Fenster stünden. Wir möchten zu gerne hinaussehen durch die klaren Scheiben in das goldene Licht des Tages. Weil wir aber nicht gelernt haben,

die Schnur zu ziehen, die den Vorhang öffnet, so stehen wir im Dunkel und behaupten,

daß es kein Hellsehen gebe, oder wir ergehen uns in philosophischen Abhandlungen über das Unnütze und Unangebrachte der Versuche, hell zu sehen. Denjenigen aber, die mit einem spöttischen oder ungläubigen Lächeln über dieses Thema zur Tages- ordnung übergehen, sei gesagt, daß der Mensch außer seinem Verstand auch noch

Vernunft und Gemüt hat. Wer seine göttliche Vernunft vermittels des in ihm wirken- den Gemüts auf den Verstand, d. h. auf sein körperliches Gehirndenken einwirken läßt, der erhält von selbst die Fähigkeit des Hellsehens. Je stärker das Gemüt und die Vernunft im Menschen zur Herrschaft gelangen, desto heller wird die Sicht in eine sonnendurchglühte Welt, die außerhalb unseres reinen Verstands sich befindet, desto mehr lüftet sich der Vorhang, und die klare Sicht unseres Innenmenschen läßt uns Dinge schauen von nie geahnter Wirklichkeit und bis dahin nicht gesehener Plastik.

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Ist es nun möglich, durch Übung die Fähigkeit des Hellsehens zu erlangen? Die Be-

antwortung dieser Frage dürfte von grundlegender Bedeutung für die geistige Ent- wicklung und Entwicklungsrichtung der europäischen Menschheit sein. Um diese Frage restlos zu beantworten, ist es erst einmal notwendig, die Arten des Hellsehens einer Betrachtung zu unterziehen, die uns bis heute bekannt sind, die sich aber von der Fähigkeit des erübten, bewußten Hellsehens grundlegend unterscheiden. Die uns bekannten Fähigkeiten des Hellsehens stehen durchweg im Zusammenhang mit der

Herbeiführung besonderer Bewußtseinszustände,

die eine Offenbarung des im Menschen wirkenden Unterbewußtseins bezwecken. Wir können diese Bewußtseinszustände nach dem Grad ihrer Äußerungen bzw. Äuße- rungsmöglichkeiten einteilen. Es entsteht dann folgende Tabelle:

1. Hellsehen in mediumistischer Tieftrance

2. Hellsehen im Schlaf

a) im Traum,

b) in Halbtrance (einfacher hypnotischer Schlaf).

3. Ekstatisches Hellsehen

a) im Rausch,

b) in seherischer Ekstase,

c) religiösen Ursprungs.

4. Mechanisch-automatisches Hellsehen

a) Pendelmagie,

b) Spiegelmagie,

c) Kartendeutung,

d) Skriptoskop.

5. Hellsehen auf Grund von Erfahrung

a) Chiromantie,

b) Phrenologie,

c) Graphologie.

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6. Hellsehen als Naturgabe (Zweites Gesicht).

7. Klares, bewußtes, konzentriertes Hellsehen.

Dieses Hellsehen ist es, das jeder durch Erziehung und Übung als Fähigkeit erreichen kann.

Hellsehen in Tieftrance

Diese Art des Hellsehens vermögen nur solche Personen auszuüben, die von Natur aus stark medial sind und deren Medialität so weit reicht, daß sie vermittels Fremd- oder Selbsthypnose in einen kataleptischen Zustand geraten. Dieser Zustand läßt sich be- zeichnen als ein Tiefschlaf, der dicht an der Grenze der Agonie, d. h. an der Schwelle des leiblichen Todes vorüber führt. Nur sehr wenige der Medien vermögen sich so des eigenen Kontroll-Ichs zu entäußern, daß sie in diesen fast todesähnlichen Schlaf fal- len. Der Zustand der Tieftrance hat aber bezüglich der Fähigkeit des Hellsehens den Vorteil, daß er das verstandesmäßige und seelische Kontroll-Ich völlig ausschaltet und dem Unterbewußtsein die völlige Herrschaft über Körper und Hirn des Betreffenden

einräumt. Es gilt bezüglich des mediumistischen Hellsehens der eine Grundsatz, daß vergangene, gegenwärtige und zukünftige Dinge um so klarer gesehen, erkannt und geschildert werden, je mehr das verstandesmäßige Gehirndenken, d. h. das Denken,

das auf logischer Schlußfolgerung und Beweis beruht, ausgeschaltet wird. Der zweite Grundsatz bezüglich der Fähigkeit des Hellsehens ist, daß in bezug auf das Erdenge- schehen überhaupt

das Unterbewußtsein des Menschen allwissend

ist. Dieser Grundsatz wird durch experimentelle Erfahrungen bewiesen und gilt für

alle Arten des Hellsehens allgemein.

Um dem Leser ein Bild von der Fähigkeit des Hellsehens in Tieftrance zu geben, möchte ich einige Beispiele anführen, die sich aus der Hellsehtätigkeit des verstorbe- nen Savary ergeben haben. Voraus bemerken möchte ich hierzu, daß es Savary nicht immer gelang, durch Selbsthypnose in Tieftrance zu fallen. Wenn also zuweilen seine Experimente nicht einwandfrei gerieten, so geschah das immer nur, wenn der Zustand der Katalepsie nicht vollkommen war, so daß das logische Gehirndenken ihm ins Handwerk pfuschte. Fiel Savary jedoch für jeden sichtbar in Katalepsie (erkennbar durch den Krampf des Körpers, Verlangsamung des Pulses, Kälterwerden der Hände, Schaum- und Blutgemisch in der Mundhöhle), so wurde die Fähigkeit des Hellsehens bis zur Freiheit vom Irrtum gesteigert.

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Savary experimentierte vor ungefähr 500 Zuhörern. Er befand sich in Tieftrance. Sein Helfer bat einen der Anwesenden um ein Schreiben. Dieses wurde in einen Umschlag gesteckt und verschlossen wieder in die Brieftasche des Besitzers getan. Es erfolgte die Aufforderung an Savary, den Brief zu lesen. Sofort fing er an, die Adresse langsam zu lesen, dann kam er allmählich in ein schnelleres Tempo und las den Inhalt des Schrei- bens (das sich verschlossen in der Brieftasche des Zuhörers befand!) vom Podium aus fließend vor. Ein anderes Beispiel von der Fähigkeit Savarys gab folgendes Experiment: Das in Tief- trance befindliche Medium befand sich auf dem Podium. Der Helfer forderte das Publikum auf, durch Zuruf Fragen an Savary zu stellen. Einige solcher Fragen und deren Beantwortung seien an dieser Stelle wiedergegeben.

Frage: Was berührt der Mittelfinger meiner rechten Hand? Antwort: Den vierten Knopf Ihrer Weste, von oben herab gezählt. Frage: Wieviel Geld habe ich in meiner Brieftasche? Antwort: Fünf Milliarden sechzig Millionen Mark. (Es war zur Inflationszeit.) Frage: Was halte ich in meiner linken Hand? Antwort: Nichts. Aber in der rechten Hand halten Sie Ihren Schlüsselbund, an dem sich acht Schlüssel befinden, davon drei große und fünf kleine. Frage: Wo ist mein Bruder Paul gefallen? Antwort: Bei Soissons. Frage: Wo befindet sich meine Schwester Berta? Antwort: Hier im Saal. Frage: Wo ist mein Vater? Antwort: Er ist tot, gefallen. Frage: Wo? Antwort: Bei Bapaume. Frage: Welche Verwundungen habe ich im Kriege erhalten? Antwort: Keine. Aber Sie wurden gefangengenommen. Frage: Wie viel Briefe erhalte ich morgen mit der ersten Post? Antwort: Sechs, davon zwei Postkarten und ein unangenehmer. (Es stellte sich später heraus, daß es eine Ladung vom Amtsgericht war.)

Alle Beantwortungen stellten sich als völlig den Tatsachen entsprechend heraus. Es ergibt sich hieraus, daß das Hellsehen eines in Tieftrance befindlichen Mediums an Klarheit des Schauens nichts zu wünschen übrig läßt. Ich

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möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, daß dieses »zum Ausdruck bringen« einer Sache oder Angelegenheit stets unbewußt durch das Medium vor sich geht. Das eigentliche Bewußtsein wird gespalten in Unter-und Normalbewußtsein. Das letzte wird durch den intensiven Tiefschlaf gelähmt bzw. ausgeschaltet, und das Un- terbewußtsein waltet frei. Ob dieser Zustand als »ideal« bezeichnet werden kann, muß zum mindesten bezweifelt werden. Das Medium selbst besitzt nach dem Erwachen keinerlei Erinnerung mehr an das, was es aussagte.

Doch es ist nicht Aufgabe dieser Schrift, wissenschaftliche Thesen über die inneren Vorgänge und Funktionen der Spaltungserscheinungen des menschlichen Bewußt- seins zu erörtern, wir müssen aber zum Zwecke der späteren Ausführungen über das »bewußte Hellsehen« alle diese Probleme kurz berühren.

Hellsehen im Schlaf.

Jeder Mensch übt die Tätigkeit des Hellsehens im Schlaf aus. Neben den wirren und

unerklärbaren Bildern unserer Träume erleben wir in ihnen von Zeit zu Zeit Gescheh- nisse, die auf eine vorausdeutende und prophetische Tätigkeit unseres Bewusstseins während des Schlafzustandes schließen lassen. Wer sich darüber genau unterrichten möchte, lese die »Traumexerzitien« von Heinrich Jürgens. Aus den Ausführungen dieser Schrift geht unzweifelhaft hervor, daß tatsächlich jeder Mensch imstande ist, die Fähigkeit einer klaren Schau während des Schlafes auszubilden zum seelischen und physischen Vorteil für sich und andere.

Aber noch ein anderes Hellsehen im Schlafzustande gibt es, das zwar auch traumhaft, aber lebhaft nach außen dokumentierend sich äußert. Während das Hellsehen im Traume des gewöhnlichen Schlafs wort- und – nach außen hin – tatenlos, d. h. schilde- rungslos vor sich geht, ist das

Hellsehen in Halbtrance

voll von Schilderungen und Erlebnissen für die Umwelt. Man könnte den Zustand der Halbtrance als einen für alle sieht-, hör- und fühlbaren Offenbarungstraum bezeich- nen. Es gibt eine ganze Anzahl Medien, die sich im Zustande der Halbtrance zu äußern vermögen. Auch die Halbtrance wird durch Fremd- oder Selbsthypnose hervorgerufen. Sie unterscheidet sich von Tieftrance dadurch, daß sie vor dem Zustande der Kata- lepsie halt macht. Medien, die in Halbtrance fallen, vermögen nicht immer ihr Gehirn- denken, das auf Schlußfolgerung beruht, auszuschalten. Es ist deshalb nicht immer

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eine klare Hellsicht im Zustand dieser Art der Trance zu erzeugen. Doch gibt es auch unter diesen Medien hervorragende Könner, die es zeitweise vermögen, das Kontroll- Ich des Verstandesdenkens ganz zum Schweigen zu bringen und nur die Funktionen ihres Unterbewußtseins in Schwung zu erhalten. Ein solches hervorragendes Medium hat die Öffentlichkeit in den Jahren 1928/29 stark beschäftigt. Es handelt sich um die

sogenannte »Insterburger Hellseherin«.

Dieser, Frau Günther-Geffers, gelang es im Zustand der Halbtrance, Verbrechen auf- zudecken und die Verbrecher zum Teil zu nennen. Ihr Schauen war so klar, daß sie sogar die Einzelheiten genau zu schildern vermochte. Es war für die zum Teil materia- listisch eingestellten Staatsanwälte und Richter ein harter Schlag, während des Prozes- ses gegen diese Hellseherin zugeben zu müssen, daß es so etwas wie Hellsehen über- haupt gebe. Der rein materialistischen Weltanschauung ist durch die Enthüllungen, die der Prozeß brachte, eine böse Scharte zugefügt worden, die auszuwetzen ihr un- möglich sein dürfte.

Man kann es im allgemeinen zwar nicht als ideal bezeichnen, durch die Fähigkeit der bewußt gespaltenen Klarschau Verbrechen aufzudecken. Denn für die Medien liegt immer die Gefahr vor, daß durch die ausschließliche Beschäftigung mit diesen dunk- len Dingen das Unterbewußtsein psychisch derart beschmutzt wird, daß es schwer ;fällt, sich innerlich davon zu reinigen. Die Folgen könnten schwere seelische Depres- sionen, furchtbare Träume und starke Störungen auch des Normalbewußtseins beim Medium sein. Es ist also für Medien, die die Fähigkeit des Hellsehens in Halbtrance besitzen, besser, sich nicht mit der Aufdeckung von Verbrechen zu befassen oder sich dafür gebrauchen zu lassen.

Um dem Leser das Hellsehen in Halbtrance etwas zu veranschaulichen, gebe ich einige kleine Erlebnisse aus eigener Erfahrung wieder.

Mit dem inzwischen im Konzentrationslager umgekommenen Halbtrance-Medium, Frau J. L. aus C., experimentierte ich des öfteren. Vor zwanzig Jahren beabsichtigte ich, eine größere Vortragsreise zu machen. Etwa eine Woche vor Beginn dieser Reise expe- rimentierte ich mit Frau L. Als sie in Trance geraten war, sagte sie neben anderen Din- gen folgendes: »Deine Reise wird gut verlaufen, in F. wird dein Erfolg gering, in K. wird er groß sein. Es droht dir Gefahr im Zug. Ich werde dann bei dir sein und dich be- schützen.« Als ich fragte, ob die Gefahr auf der Reise im allgemeinen drohe, sagte sie:

»Nein, im Zug! Aber frage mich nicht weiter, ich kann dir jetzt nichts mehr sagen.« – Tatsache war, daß ich in F. sehr geringen und in K.

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sehr großen Erfolg mit meinen Vorträgen hatte. Das Interessante aber war, daß ich auf der Rückreise über B. nach Hause fuhr. Auf der Strecke, direkt hinter einer scharfen Kurve, an der der Zug infolge Abwärtsfahren in das Tal eine Geschwindigkeit von hundert Stundenkilometern erreicht hatte, sprang der vor meinem Abteil befindliche Wagen aus dem Gleis. Steine rasselten wie Maschinengewehrfeuer gegen den Boden meines Abteils, Eisenstücke flogen umher, und nur der Geistesgegenwart des in mei- nem Wagen befindlichen Schaffners, der die Notbremse zog, verdankten die Reisen- den des Zuges, daß sie von einer verheerenden Katastrophe verschont blieben. Als der Lokomotivführer und der Zugführer sich den Schaden besahen, konnte ich aus ihren totblassen Gesichtern lesen, welcher Gefahr wir entgangen waren. Da fiel mir der Spruch von Frau L. ein, den sie in Trance getan. Nachher hatte ich Zeit darüber nach- zudenken, ob es vielleicht doch dem unterbewußten Wirken von Frau L. mitzudanken sei, daß der aus den Gleisen gehobene Wagen noch ungefähr dreihundert Meter in rasender Fahrt mitgeschleift worden war, ohne daß dessen Bremsvorrichtung zerstört wurde. Ich selbst hob nach diesem Erlebnis dankend die Hände zu dem, der unser aller Vater ist.

Ein anderes Beispiel, das Hellhören und Hellsehen – beides miteinander sehr eng verwandte Fähigkeiten – zum Gegenstand hatte. – Ich muß hier zum besseren Ver- ständnis im voraus bemerken, daß Frau L., mit der ich das Experiment ausführte, die Fähigkeit besaß, im Zustand der Trance ein perfektes und sehr geläufiges Rumänisch zu sprechen; im normalen Zustande war ihr diese Sprache durchaus fremd. Es waren aber stets die gleichen Redewendungen und Aussprüche, die immer wiederholt wur- den. Wurde sie während dieses Sprechens ungarisch oder italienisch angeredet, so gab sie treffende und passende Antworten in rumänischer Sprache. Eines Tages, als Frau L. gerade wieder rumänisch im Trancezustand sprach, kam ich auf die Idee, sie in spani- scher Sprache anzureden. Wie groß aber war meine Überraschung, als sie in spani- scher Sprache antwortete; allerdings jedesmal erst, nachdem sie einige Sekunden wie schweigend einer anderen Stimme zugehört hatte. Ich stellte nun folgende Fragen in spanischer Sprache:

Frage: Wann habe ich Spanien zum letzten Male gesehen? Antwort: Oktober 1922. Frage: In welchem Ort Spaniens war ich zuletzt? Antwort: In San Sebastian. Frage: Wer lehrte dich spanisch sprechen?

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Antwort: Mein Ich (El yo mio). Frage: Wie kannst du das sprechen? Antwort: Erst höre ich und dann spreche ich nach.

Hier haben wir den typischen Fall, daß das Unterbewußtsein die Fähigkeiten des Hell- sehens und des Hellhörens und des damit verbundenen Zwanges zum mechanischen Nachsprechen durch das Medium gleichzeitig ausübt. Die ersten Fragen waren völlig richtig beantwortet, also durchaus hellseherisch, die Sprache, und vor allem die Aus- sprache, war die einer vornehmen Castilianerin.

Ein anderes, ebenfalls interessantes Beispiel war die Namensnennung eines Mäd- chens, das vor langen Jahren einmal den Schwarm meiner reiferen Knabenjahre bil- dete. In diesem Falle war Fräulein Leni H. das Medium, das mir auf meine Frage, wo- her sie den Namen wisse, antwortete, sie lese den Namen von der Wand ab. Besonders bemerkenswert ist hierbei die Tatsache, daß das betreffende Mädchen schon seit ungefähr 26 Jahren tot ist. Auf meine weitere Frage gab dann das Medium eine haar- genaue Beschreibung der Verstorbenen, schilderte ihr Aussehen, Farbe der Haare, des Gesichts, der Haut usw. Also ein ausgezeichnet gelungenes Hellsehexperiment in Halbtrance!

Hellsehen im Zustand der Ekstase

Die halluzinatorischen Zustände, die durch das Einnehmen von Opium und giftigen Chemikalien hervorgerufen werden, lassen sich nicht in die Zustände der Hellseh-

Fähigkeiten einreihen. Wirkliches Hellsehen hat immer tatsächliches Geschehen der Vergangenheit, Gegenwart oder der Zukunft als Grundlage. Dagegen sind die halluzi-

natorischen Gaukelbilder, die durch die genannten Gifte hervorgerufen werden, reine Phantasien, die jeder tatsächlichen Grundlage entbehren und infolgedessen ohne irgendwelchen Wert für die Betreffenden selbst oder für die Mitmenschen sind. Anders verhält es sich allerdings mit der Einnahme von Pflanzensäften wie Peyotl und Haschisch, sowie auch Alkohol, die starke Spaltungszustände im Menschen hervorru- fen und die geeignet sind, in der Psyche Vorstellungsbilder zu erzeugen, die hellsehe- rischer Art sind und oft treffende und klare Schau geheimer Dinge vermitteln. Aus- drücklich aber sei hier darauf hingewiesen, daß die sich aus dem Nehmen genannter Essenzen ergebenden Bewußtseinszustände eine überaus starke Spaltung im Men- schen hervorrufen, die sein bewußtes Normal-Ich derart zu überwuchern imstande ist, daß

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ernste Gefahren für den Körper und die Seele des die Narkotika gebrauchenden Men- schen daraus entstehen können. Es sei daher vor dem Gebrauch dieser Säfte gewarnt.

Im allgemeinen ist uns die Wirkung des Alkohols bekannt. Doch gibt es eine Anzahl Menschen, die im normalen Zustand keinerlei mediale oder hellseherische Fähigkei- ten verraten. Nehmen sie jedoch nur geringe Mengen Alkohol zu sich, so geraten sie in einen Zustand höchster Sensitivität und Ekstase und vermögen in diesem Zustande (der das Normalbewußtsein schweigen heißt, es lähmt und dem Unterbewußten die Rolle des Führers überläßt) ganz erstaunliche hellseherische Fähigkeiten zu ent- wickeln. Ich habe einen Freund, der diese eigentümliche Art der klaren Schau wäh- rend des Zustandes ganz geringer Alkoholisierung besitzt. Vor mehreren Jahren machte ich mit ihm in einem Vorort von Lissabon einen Spaziergang am Tajo entlang. Es war gegen Abend. Er hatte ein Glas Wein getrunken und befand sich in sensitiver Ekstase. Er sprach in hochtönenden Worten von seiner Zukunft, seiner Braut und begann aus dem Stegreif einige Gedichte zu produzieren. Plötzlich hielt er inne. Sein Blick wurde starr, er erbleichte, und sah starr auf den Fluß hinaus, dessen Ufer im Dunkel verschwammen. Dann packte er mich jäh beim Arm, wies mit dem Finger in die Richtung des Meeres und sagte: »Siehst du es denn nicht!« »Was?« war meine Frage. »Da hinten das Schiff!« Jetzt verzog sich sein Gesicht, er schrie laut, sank in die Knie, rang die Hände und rief: »Hilfe, Hilfe!« Ich beugte mich über ihn, fragte ihn leise:

»Was siehst du? Sag es!« Und nun beschrieb er mir, immer von leisem Wimmern unterbrochen, den Untergang eines Schiffes. Jede einzelne Phase, das Niederlassen der Boote, das Ertrinken mehrerer Menschen, das Einsteigen anderer in die Rettungsboote, die Verzweiflung einer Frau, schilderte er genau. Nach Verlauf einer Stunde fragte ich, wieviel Menschen ertrunken, wieviel gerettet seien. Die Antwort lautete: »Zwei sind ertrunken, sechundzwanzig gerettet. Das Schiff selbst ist gesunken.« Er erholte sich langsam und wir gingen schweigend nach Hause. Am anderen Tage, als ich meinen Freund traf und ihm von seinen Reden erzählte, konnte er sich nur schwer an das von ihm Ausgesagte erinnern. Es war, als habe er am Vortage einen Zustand schwerer Bewußtlosigkeit durchgemacht. – Zwei Tage später lasen wir in der Zeitung von dem Untergang des Frachtdampfers »St.« an der portugiesischen Küste. Zwei Mann waren ertrunken, der Kapitän und fünfundzwanzig Mann Besatzung (zusammen also sechs- undzwanzig) waren gerettet. Hellsehen im Rausch!

Die Wirkung des Meskalinrauschs (Meskalin wird der aus dem Peyotl-Kaktus gewon- nene Saft genannt) schildert ein Europäer, der in Mexiko längere Zeit lebte, etwa folgendermaßen:

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Peyotl, die Kaktee, kannten früher nur die Indianer Mexikos, die schon vor vielen Jahr- hunderten erstaunliche medizinische Kenntnisse besaßen. So gebrauchten sie zu einer Zeit, als man in Europa bei Verletzungen die Glieder des Menschen in völlig wachem Zustande absägte, schon immer örtliche Betäubungen, die wir doch erst seit einigen Jahrzehnten kennen, um sehr geschickte und außerordentlich gut gelingende Ampu- tationen vorzunehmen. Bezüglich der Heilpflanzen besaßen sie ebenfalls ganz außer- ordentliche Kenntnisse. Interessant dürfte auch in Verbindung hiermit die Erwähnung sein, daß die Kenntnis der Heilpflanzen und ihrer Verwendung nicht etwa das Vor- recht einer gewissen Zunft von Medizinmännern war, sondern daß fast jeder Indianer die Fähigkeit besaß, Heilpflanzen für sich und andere anzuwenden. Seitdem die weiße Rasse dann Besitz vom Lande genommen, sorgte sie gründlichst für die Ausrottung dieser Volksheilkunst. Was der Indianer als spärlichen Rest dieser Kunst in die heutige Zeit hinübergerettet hat, ist das Wissen um die Verwendungsfähigkeit der Peyotl zum Zwecke des Rausches. Dieser Rausch bewirkt einen Zustand der Besessenheit im Men- schen, der in der durch Gift bewirkten psychischen Spaltung sich äußert und ganz außerordentliche hellseherische Fähigkeiten in ihm entwickelt. Es ist also gewisser- maßen die künstliche Herbeiführung eines medialen Zustandes. Die Indianer gebrau- chen den Saft der Peyotl bei Festlichkeiten. Unter großen Feierlichkeiten und vielen Zeremonien wird der Saft der Peyotl mit Pulque (einem Agavenwein) von den India- nern gemischt. Auch ich trank bei dieser Gelegenheit davon. Schon nach kurzer Zeit fühlte ich jedes Schwergewicht verlieren. Es war eine Art von Levitation. Ich ging nicht mehr auf der Erde, sondern ich schwebte leicht darüber hin. Mein Körper selbst ver- änderte sich scheinbar ebenfalls; meine rechte Seite wurde schwerer als die linke, beide Hände erschienen mir wie Riesentatzen. Während dieser Zeit führten die India- ner pantomimische Tänze auf, die einen durch Tiere verfolgten Hirsch darstellen soll- ten. Ich bin mir allerdings nicht klar, ob diese Tänze in Wirklichkeit . getanzt wurden oder ob es nur Gedankenbilder waren, was ich sah. Denn die die Raubtiere darstellen- den Indios verwandelten sich zu wirklichen Raubtieren; die Verfolgung des Hirsches und seine schließliche Erlegung war für mich sensationell und aufregend, ja, ich emp- fand vor den Raubtieren wahrhafte Angst. – Als ich dann die Augen schloß, erschie- nen mir unglaublich schöne Bilder, voller Farbe und lebendigen Inhalts. Ich sah Men- schen, Landschaften, Tiere, Vorgänge in weit entfernten (vielleicht astralen?) Ländern. Dauernd wechselten die Bilder, die Farben, die Lichtreflexe. Ich vergaß völlig, daß ich auf Erden lebte, hatte auch keine Sehnsucht zur Rückkehr und geriet so in den Zu- stand heller Verzückung. Als ich

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dann nach langer Zeit die Augen öffnete, erschaute ich alles um mich her in verän- derter Form. Alles sah anders aus, die Bedeutung der Dinge war für mich völlig verän- dert; die Ausdehnung der Landschaft und der Sachen war anders geworden, was sonst klein, erschien mir groß, und was groß, wurde klein und unscheinbar, die Dinge hatten eine andere Farbe angenommen. Es war ein Zustand totaler Besessenheit, es war, als sei ich in zwei Wesen geteilt: eines, das zuschaute und interessiert sah; das andere, das all diese Dinge veränderte, von der Akustik angefangen bis zur Optik und dem inneren Vorstellungs-Erlebnis. Auch der Begriff der Zeit schwindet völlig; man wähnt, der Zustand dauerte viele Tage und Wochen; in Wirklichkeit dauert der Rausch nur einige Stunden. Die Erden-Daseins-Gesetze scheinen völlig aufgehoben, ein Glücksgefühl ohnegleichen beherrscht Körper und Seele.

Wir sehen also, daß durch Peyotl-Saft ein Zustand des Hellsehens auch für solche Menschen geschaffen wird, die nicht die Gabe der Medialität besitzen. Ähnlich verhält es sich mit Haschisch (Hanfprodukt), durch das Zustände hervorgerufen werden, die dem des Peyotl-Safts (Meskal) gleichen. Aber es gibt auch eine

seherische Ekstase,

die dem dionysischen Rausch, dem Rausch der Psyche, dem Rausche des Eros ent- springt. Auch dieser Zustand ist auf psychische Spaltung zurückzuführen. Nietzsche hat die betreffenden Bewußtseinszustände in seinem Buch »Der Wille zur Macht« (Abschnitt Dionysos) ausführlich behandelt. In dieser Ekstase schreiben Dichter, Komponisten, entwerfen Maler und Bildhauer ihre zum Teil schönen, von zarter Erotik

durchrauschten Werke. In Wirklichkeit bedeutet dieser Zustand eine unterbewußte Transmutation sexueller Energien in durch Ekstase bewirkte, verfeinerte erotische

Wirkungen. Das Normalbewußtsein selbst ist während dieser Zeit verdunkelt (es bleibt kaum eine Erinnerung davon), das Unterbewußtsein schaltet frei, und so entstehen innere Bilder hellseherischer Art, die sich auf unbewußt mediale Zustände zurückfüh- ren lassen. Die Folge ist zum Beispiel die, daß die betreffenden Künstler sich nachher selbst wundern, daß sie ein solches Werk geschaffen haben. Ich erinnere bei dieser Gelegenheit an die zahlreichen Aussprüche hierüber von Michelangelo, Leonardo da Vinci und Nietzsche.

Aber noch eine andere Art der hellseherischen Ekstase gibt es, die sogar entscheidend in das Dasein der Völker eingegriffen hat und die von eminenter Bedeutung für die geistige Entwicklung ganzer Rassen gewesen ist. Es

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ist die

Ekstase religiösen Ursprungs.

Diese Ekstase ist heiliger Art. Ein Blick in das Alte und Neue Testament der Bibel, eine Forschung in der Geschichte der Heiligen der katholischen Kirche, in der Geschichte der Germanen, der Griechen und anderer Völkerschaften gibt uns Aufschluß über das Wirken und Schaffen dieser medialen, aus religiöser Überzeugung heraus geborenen Ekstatiker. Die Pythia im Orakel der Griechen zu Delphi, die Wahrsagerinnen der alten Germanen am Opferstein, die Propheten des Alten Testaments, sie alle wirkten in der Ekstase, die religiöse Durchdringung der Psyche erzeugen kann. Und wenn der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief 12, Vers 7 bis 11 über die hellseherischen Fähigkeiten seiner Gemeindemitglieder schreibt, so sind diese Fähigkeiten ohne Zweifel zurückzu- führen auf die in Gemeinschaft hervorgerufenen Bewußtseinszustände hellseheri- scher Medialität, die in der Ekstase religiösen Ursprungs ihre Basis besitzen.

Mechanisch-automatisches Hellsehen

Unter diese Art des Hellsehens kann man diejenigen Fähigkeiten einordnen, die sich durch mechanisch-automatische Bewegungen kundgeben und bei deren Gebrauch eine dem Unterbewußtsein entspringende Gabe der Deutung eine erhebliche Rolle spielt. Meistens sind die von Natur aus als Medien begabten Menschen leicht im- stande, diese Andeutung von Zahl oder Richtung einer Bewegung vorzunehmen. Aber auch die Bewegungen selbst entspringen dem Zusammenwirken vom menschlichem Magnetismus und unterbewußten Reaktionen auf Nerven und Muskeln. Eine der bekanntesten Arten dieses Hellsehens ist

die Pendel-Praxis bezw. -Magie

Wer sich des näheren über diese sehr interessante und für jeden anzuwendende Hell- seherpraxis vermittels des Pendels unterrichten will, lese das im gleichen Verlage wie diese Schrift erschienene Werk von Heinrich Jürgens. Der Verfasser zeigt die Wege zur praktischen Anwendung des sideriscb.en Pendels und weist auch auf die Möglichkeit der Deutung hin, die durchaus einfach und ohne kompliziertes Nachdenken sich kundzugeben vermag. Ebenso verhält es sich mit der

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Spiegelmagie

Diese wird von medial veranlagten Personen leicht ausgeführt werden können. Aber auch durch Übung kann jeder Mensch eine gewisse Hellsehfähigkeit vermittels der Spiegelmagie erhalten. Der vorher erwähnte Verfasser hat über diese Materie eine Schrift veröffentlicht, die jedem Interessierten Aufschluß über dieses Problem geben wird. Um dem Leser einen Begriff von der Praxis vor dem Spiegel zu geben, führe ich als Beispiel ein Experiment an, dessen Ausführende Fräulein Leni H. war. Sie saß vor dem Spiegel und schilderte die von ihr im Spiegel gesehenen Vorgänge. Sie wurde von einem der Anwesenden gefragt, ob sie wohl sehen könne, wo sich Herr D. J. zur Zeit befände, was er tue, was er treibe und ob er geschrieben habe. Einen Augenblick schwieg Fräulein H., dann gab sie ohne Stockung folgenden Bericht über Herrn D. J.:

Er befindet sich zur Zeit in A., hat dort ein Zimmer im Hotel genommen, das an der Kurpromenade liegt. Das Zimmer ist mit rotem Teppich und roten Plüschmöbeln ver- sehen. Herr D. J. hat einen braunen Anzug an. Momentan (vier Uhr nachmittags) ist er nur mit Weste und Hose bekleidet. Er steht vor dem Spiegel und rasiert sich. Auf dem Sessel an der Fensterecke sitzt ein Mann, glatt rasiert, hohe Stirn, blond. Mit ihm un- terhält sich Herr D. J. Auf dem Schreibtisch liegt ein fertiger Brief, der die Adresse D. B. in L. trägt. Er ist also an Sie gerichtet. – Es stellte sich auf briefliche Anfrage heraus, daß Fräulein H. alles vollkommen richtig gesehen und geschildert hatte.

Kartendeutung

Das Kartenlegen dürfte einwandfrei nur von stark medial veranlagten Personen aus- geübt werden. Denn bei der Kartendeutung spielt die seherische Gabe eine wichtige, wenn nicht gar die Hauptrolle. Es findet gewissermaßen eine Kombination unterbe- wußter Funktionen mit verstandesmäßigem Hirndenken statt, aus der sich dann die oft ans Erstaunliche grenzende Fähigkeit der Vorausschau ergibt. Ein Mensch, der aus der Kartendeutung Nutzen ziehen will, sollte sich also nur zu einer Person begeben, von der er bestimmt weiß, daß sie mediale Fähigkeiten besitzt. Nur in Gegenwart eines Mediums wird das Mischen der Karten (eine mechanisch-automatische Bewegung) so

bewerkstelligt, daß die richtige Stellung der Karten zueinander und damit eine klare

Deutung gewährleistet ist. Mit dieser klaren Deutung durch die

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kartenlegende Person aber ist die Fähigkeit des Hellsehens gegeben. Einige Beispiele hierfür:

Ich war längere Zeit allabendlicher Gast im Hause der Frau J. L. aus C. Da ich mit Frau L. auf mannigfache Weise medial experimentierte, ergab es sich oft, daß sie mir für die Geschehnisse des kommenden Tages die Karten deutete. So sagte sie mir z. B.: Du be- kommst morgen mit der ersten Post einen Brief von deinem Schwager aus S., ferner drei Briefe mit der Bitte um deinen Rat, außerdem bekommst du einen Brief aus Eng- land und einen aus Spanien. Dann erhältst du noch eine Ansichtskarte aus der Schweiz und schließlich noch eine Geldsendung, die aber nur einen kleinen Betrag ausmacht. Morgen werden 24 Leute deine Beratung in Anspruch nehmen, du wirst am Nachmittage eine unangenehme Auseinandersetzung mit einem Herrn haben. Gegen Abend wird der Brief einer Frau dir eine freudige Überraschung bringen, und um 8.20 Uhr wirst du hier eintreten. – Die Tatsachen belehrten mich jedesmal, daß ihre Kar- tendeutung stimmte. Auch auf weitere Zeiträume dehnte sich ihre Kartendeutung aus. Ich habe immer nur bestätigen können, daß Frau J. L. mit ihrer Deutung das Richtige getroffen hatte.

Eine andere interessante Kartendeutung erlebte ich bei Fräulein F. in K. Auch sie war stark medial veranlagt und besaß u. a. die Gabe des natürlichen Hellsehens. Sie legte mir eines Tages die Karten und sagte mir erschrockenen Gesichts: Sie sind gestern abend einer großen Gefahr entgangen. Sie werden in nächster Zeit ihres Berufes we- gen mit den Behörden Unannehmlichkeiten haben, werden einen Prozeß bekommen und ihn glänzend gewinnen. – Tatsache war, daß ich am Vorabend in Gefahr gewesen, von einem Aussichtspunkt abzustürzen, an dessen Rand ich mich zu nahe herange- wagt hatte. Die weiteren Aussagen stimmten ebenfalls, wie mich die Erfahrung lehrte.

Eine andere Art des mechanisch-automatischen Hellsehens finden wir in der Anwen- dung des

Skriptoskop,

eines Apparates, dessen Zeiger mechanisch bewegt werden können und dessen Spitze an je einem Buchstaben des Alphabetes halt macht. Notiert man diese Buchstaben der Reihe nach, so ergeben sich bei Gebrauch des Apparates durch mediale Personen

Worte und Sätze. Nur sehr tüchtige Medien vermögen das Skriptoskop sinngemäß und zweckentsprechend anzuwenden.

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Ein Beispiel möge die Handhabung des Skriptoskops dem Leser am besten erklären.

Fräulein M., 19 Jahre alt, und Herr N., 20 Jahre alt, beide aus K., sitzen vor dem Skrip- toskop. Fräulein M. hält die linke, Herr N. die rechte Hand auf dem Zeiger. Ich habe auf fünf Zettel fünf Einzelfragen geschrieben, habe sie mit Nummer 1, 2, 3, 4, 5 bezeichnet.

Die beiden Medien kennen den Inhalt der Fragen nicht. Ich nehme Zettel Nr. 1 und

bitte die beiden um Beantwortung meiner ersten Frage. Sofort bewegt sich der Zeiger sehr schnell, so daß die Umstehenden alle Aufmerksamkeit anwenden müssen, um die Buchstaben rechtzeitig zu erfassen. Die Antwort lautet treffend und richtig. Es ergibt sich nacheinander folgendes Frage- und Antwortspiel:

1. Frage: Wann bin ich geboren?

Antwort: Am 23. November 1880, vormittags l Uhr.

2. Frage: Wo bin ich geboren?

Antwort: In Düsseldorf.

3. Frage: Wieviel Schlüssel habe ich in der Tasche?

Antwort: In der Hosentasche zwei, in der Weste einen.

4. Frage: Wo ist mein Freund Albert?

Antwort: In Lima.

5. Frage: Wo steht der Kilimandscharo?

Antwort: Im Tanganjika-Territorium, früher Deutsch-Ostafrika.

Die Beantwortung der Fragen geschah schnell und mit erstaunlicher Sicherheit. Als ich bei der dritten Frage absichtlich zur Frage Nr. 4 griff, erhielt ich einen groben Anschnauzer. Das Skriptoskop schrieb: Schwindler, du hältst die verkehrte Nummer in der Hand.

Hellsehen auf Grund von Erfahrung

Diese Art des Hellsehens beruht auf alten Erfahrungen, die von den Formen der Handlinien, des Schädels und der Schriftzüge gemacht wurden. Hinzu treten aber noch Kombinationen von unterbewußten Funktionen der Psyche und logischer, ver-

standesmäßiger Deduktion. Diese letztere Kombination tritt besonders in Kraft, wenn

es sich nicht nur um die Ausübung einer Charakterologie handelt, sondern wenn es

gilt, Vergangenheit, Gegen-

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wart und Zukunft zu werten oder zu schildern. Auch hier ist im allgemeinen die Spal-

tung der Ich-Psyche unerläßlich, es sei denn, daß es dem Ausübenden gelingt, das bewußte, konzentrierte Verfahren des Hellsehens anzuwenden.

Die älteste Erfahrung der Erfahrungs-Klarschau wird zweifellos durch

Chiromantie

ausgeübt. Die Formen der Hand und ihrer Linien geben Aufschluß über Charakter- Veranlagung. Wer jedoch nach den Linien der Hand das Geschehen im Leben des einzelnen angeben will, muß über ganz bedeutende mediale Fähigkeiten und gleich- zeitig über scharfes Verstandesdenken, das logische Deduktionen in sich birgt, verfü- gen. Die Lehre von der

Phrenologie

ist durch den Altmeister Huter volkstümlich und bekannt geworden, sie hat außeror- dentlich zur Erweiterung der Menschenkenntnis beigetragen und gibt ziemlich genaue Aufschlüsse über Charakter und Veranlagung einer Persönlichkeit. Das gleiche läßt sich über

Graphologie

sagen. Für beide Wissenschaften aber gilt, daß sie nur zur Charakterbeurteilung dien- lich sind. Will jemand dieses Wissen des Verhältnisses von Form und Wesen des Menschen auch hellseherisch auf das Geschehen verwenden, so benötigt er entweder eine starke mediale Fähigkeit, die die Spaltung des Ichs als Bedingung hat, oder er

weiß durch Konzentration seines geschlossenen Bewußtseins-Ich auf die Gesamtform des Schädels oder der Schriftzüge die Transformation vom Wesen zum Geschehen zu

vollziehen. Einer, der auf Grund der Kenntnis der Graphologie, verbunden mit tiefge- hender Medialität, vor mehreren Jahren hervorragendes geleistet hat und von dessen Wirken alle Tageszeitungen voll waren, ist Raffael Scheermann. Er vermochte durch konzentriertes Anschauen eines Gesichts die Handschrift der betreffenden Person in ihren wesentlichen Zügen zu schreiben.

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Hellsehen als Naturgabe (Zweites Gesicht)

Das zweite Gesicht besitzen viele Frauen des nördlichen Deutschlands und der nordi- schen Länder. Es ist eine Naturgabe, die ihren Grund in einer ausgeprägten medialen, hellseherischen Fähigkeit der betreffenden Personen hat. Das »zweite Gesicht« kann

als Traum in völlig wachem Zustande bezeichnet werden, denn die Bilder, die mit den

leibhaftigen Augen der völlig wachen Medien geschaut werden, kommen trotz allem traumhaft. Die Erinnerung an diese Gesichte ist bei den damit Behafteten außeror- dentlich lebhaft, so daß sie alle erschauten Geschehnisse bis ins einzelne wieder- zugeben vermögen. Einige Beispiele hierfür!

Fräulein Leni H. kam nachts gegen 11 Uhr aus einer Gesellschaft. Sie befand sich in Begleitung ihrer Mutter, mit der sie sich lebhaft und an nichts Mystisches denkend, unterhielt. Kurz bevor sie durch das Gartentor zu ihrem Hause schritt, wurde ihre Aufmerksamkeit durch ein eigenartiges Leuchten auf der anderen Straßenseite abge- lenkt. Wie groß aber war ihr Schrecken, als sie dort, vor einem Hause stehend, ein riesengroßes, menschliches Gerippe sah, dessen Schulter weit über die erste Etage des Hauses ragte. Erschreckt wollte sie forteilen. Da sah sie, wie das Gerippe die Knochen- hand hob und auf ein Fenster der ersten Etage wies. – Gleich am anderen Tage erhielt ich die Nachricht über dieses Gesicht. Nach einer Woche starb in dem Zimmer, zu dem das betreffende Fenster gehörte, eine junge Frau.

Einem meiner jungen Freunde widerfuhr folgendes Erlebnis: Er geht auf der Straße spazieren. Plötzlich sieht er auf der anderen Straßenseite ein paar Krankenträger mit einer Bahre, auf der blutüberströmt, mit zerschmettertem Schädel sein Jugendfreund liegt. Er erschrickt, will zu ihm eilen. Auf einmal sind Krankenträger, Bahre und Freund verschwunden. Er hält es für eine haltlose Halluzination, erzählt mir allerdings am anderen Tage von diesem eigenartigen Erlebnis. Dem Freund könne ja nichts passiert sein, er befinde sich in Heidelberg, sei wohlauf. Nach drei Wochen geht er zu gleicher Stunde wieder über die Straße. (Es war am Abend um 7 Uhr.) Plötzlich sieht er auf der anderen Straßenseite wieder die Krankenträger, die Bahre und den Freund mit blut- überströmtem Kopf. Und diesmal ist es Wirklichkeit. Der Freund war von Heidelberg mit einem Motorrad gefahren und kurz vor Erreichung der Heimat mit einem Last- kraftwagen zusammengeprallt.

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Bisher habe ich dem Leser diejenigen Arten des Hellsehens geschildert, die mehr oder weniger mit einer Begabung zur Medialität zusammenhängen. Dabei habe ich ab- sichtlich vermieden, die inneren – feinstofflich-psychischen und magnetischen – Vor- gänge einer Erörterung zu unterziehen. Denn die Kenntnis dieser Vorgänge nützt dem Leser in keiner Weise für die Praxis des Hellsehens und ist auch bedeutungslos für die

Erziehung zum bewußten Hellsehen,

der diese Schrift gilt. Wichtig ist nur die Feststellung, daß alle bisher geschilderten Hellsehfähigkeiten auf einer Spaltung des Bewußtseins beruhen, daß immer das Normalbewußtsein in irgendeiner Form gelähmt und dadurch das Unterbewußtsein

freigelegt wird. Die Fähigkeit, dies in sich zu bewerkstelligen, haben nur wenige, von der Natur hierzu besonders veranlagte Menschen.

Gibt es nun eine Möglichkeit, unter Beibehaltung des vollkommenen Normalbewußt- seins hellseherische Fähigkeiten in sich zu entwickeln und zur Auswirkung zu brin- gen?

Ist die Möglichkeit des bewußten Hellsehens gegeben?

Die Antwort lautet:

Das bewußte Hellsehen wird für denjenigen möglich, der mit Energie und Vertrauen auf sich selbst, der mit sittlichem Verantwortungsbewußtsein an die Lösung dieses Problems herantritt!

Wir haben bisher immer nur von normalem Bewußtsein (Gehirndenken) und Unter- bewußtsein (psychischem Denken) gesprochen. Wir wollen uns aber vergegenwärti- gen, daß wir neben diesen beiden Bewußtseinszuständen auch noch ein Überbewußt- sein unser eigen nennen. Es ist im alltäglichen Zustand latent schlummernd in uns vorhanden und kann durch besondere Anstrengungen geweckt werden. Genau so, wie der Mensch in seiner Vollkommenheit Körper, Seele und Geist besitzt, genau so äußern sich diese drei in unserem Bewußtsein als Normal-, Unter- und Überbewußt- sein. Der ideale Mensch wird seinen Körper, seine Seele und seinen Geist zu einem

harmonischen, wachen, wirkenden Ganzen vereinigen können, kraft der in uns wir-

kenden drei Bewußtseinszustände. Der alltägliche Mensch hält nur das sogenannte normale Bewußtsein in sich wach, das Unterbewußtsein

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wirkt nur unerkannt und als ein dunkles unbekanntes Etwas, das Überbewußte aber schlummert vollends in ihm. Erst wo sich die drei Zustände zu einem harmonisch

zusammenwirkenden, dauernden, wachen, ganzen Bewußtsein des Vollmenschen vereinigen, erst wenn im Menschen die Einheit des Bewußtseins vollzogen ist, erst da und dann kann er von klarer Bewußtheit seines Selbstes, seines Ichs sprechen. Dann aber hat er von selbst die Fähigkeit des bewußten Hellsehens in sich erweckt und erzeugt. Und so wird er in ein Land der Wunder und der Klarheit schauen.

Den Weg zu diesem Ziel zu weisen, das ist der Zweck dieser Schrift.

Es entsteht die Frage:

Welchen Bedingungen unterliegt die Fähigkeit des bewußten Hellsehens?

Um bewußt, d. h. bei vollem, wachem Bewußtsein hellsehen zu können, müssen gleichzeitig folgende Fähigkeiten entwickelt und eingesetzt werden können:

1. Vollständige Entspannung des Körpers.

2. Scharfes Gedächtnis.

3. Geregelter Atem.

4. Beseitigung jeder Möglichkeit von Ablenkung oder Störung.

5. Gespannte Aufmerksamkeit gegenüber den eigenen Gedanken und Vorstellungs-

bildern.

6. Ausschaltung des Intellekts bzw. des Gehirndenkens.

7. Die Möglichkeit intuitiver Umdeutung von symbolisch erschauten, inneren Vor-

stellungen.

8. Festhalten eines Vorstellungsbildes und Unterscheidungskraft.

9. Schnelle plastische Schilderung eines Gedankenbildes.

10. Meditation, d. h. festhaltende Betrachtungsweise einer Vorstellung.

Der Leser, der sich über diese Bedingungen klar wird, könnte sich die Frage stellen:

Wie soll ich dazu kommen, alle diese Fähigkeiten zu erwerben? Ich antworte ihm darauf, daß alles nicht so schwer ist, wie es aussieht. Wenn du dir die Suggestion (siehe Coué) gibst, daß du alles spielend bewältigen wirst, so ist damit schon die halbe Arbeit getan. Für die andere Hälfte aber gilt das Sprichwort: Übung macht den Meister.

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Man kann nun nicht alle Fähigkeiten gleichzeitig üben. Im Yoga-Katechismus des Patanjali heißt es, daß man nie mehrere Gottheiten zu gleicher Zeit anrufen soll. Es gilt auch hier – wie überall im Leben –, alles hübsch geordnet nacheinander vorzunehmen und langsam und in großer Geduld mit sich die Fähigkeiten zu erwerben. Ein Klipp- schüler kann keine Wahrscheinlichkeitsrechnungen ausführen, sondern er lernt erst einmal das Addieren, Subtrahieren und das Einmaleins. Und ein Sextaner schreibt noch keine Zeitungsartikel, sondern ist froh, wenn er ein kleines Diktat fehlerfrei zu Papier bringt. Ich werde daher die einzelnen, vorher angeführten Fähigkeiten einzeln besprechen und einer Betrachtung unterziehen. Zugleich gebe ich für diejenigen, die die Fähigkeit des bewußten Hellsehens erwerben wollen, Übungen an, durch die es den Betreffenden leichter gemacht wird, den erforderlichen Zustand zu erreichen.

Die vollständige Entspannung des Körpers

ist die Grundbedingung zu jeder Art des Zustandes, der über den sogenannten Nor- mal-Zustand hinausgeht. Im Katechismus des Patanjali heißt es an einer Stelle: »Eine vom Yogi angenommene Körperstellung muß beständig und angenehm sein.« Das heißt mit anderen Worten, daß der Körper in eine Lage gebracht wird, die jede Mus- kelanstrengung ausschließt und die gesamten Zellen des Menschen frei macht zum Durchfluß feiner seelischer Substanzen, sowie magnetischer Kräfte. Alle elektrischen und magnetischen Kräfte sollen auf diese Weise frei werden zum Gebrauch für einen anderen Zweck. In diesem Fall für den Zweck der Klarschau. Es ist ja klar, daß sich anstrengende Muskeln sehr viel magnetische Kraft verbrauchen. Mache ich diese Kraft frei, um sie in Gedankenbilder umzusetzen, so erhöhe ich damit die Kraft des

inneren Schauens. Ich führe damit dem Geist in mir Substanzen zu, mit denen er

schalten kann. Der Grund, daß so viele bei der Autosuggestion keine oder nur geringe Erfolge aufzuweisen haben, liegt in der Vernachlässigung des ersten Gebots für die Suggestion überhaupt: Entspanne dich! Wer die Kunst der völligen Entspannung beherrscht, hat viel erreicht. Mit dieser Grundlage werden alle noch folgenden zu er- werbenden Fähigkeiten für den Hellseh-Schüler sehr erleichtert. Diese Grundlage aber

ist auch das A und das O für den weiteren Fortschritt in allen anderen Fähigkeiten.

Man möge daher nicht eher an ihre Übung herangehen, bis die Möglichkeit vollstän- diger Körper-Entspannung vorhanden ist.

Übung 1: Lege dich auf ein Ruhesofa oder aufs Bett und übe völlige Entspannung. Kontrolliere jeden Muskel deines Körpers auf Erschlaffung.

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Vor allem richte dein Augenmerk auf die Erschlaffung der Bauch- und Rückenmus- keln; ebenso achte darauf, daß auch der Hals, die Wangen, die Nasenflügel und Ohren schlaff hängen. Man hält nämlich im gewöhnlichen Leben wirklich die Ohren steif und strengt die Muskeln der Wangen an. Daher kommt es auch, daß die meisten Menschen einen angestrengten Gesichtsausdruck und erzwungene Züge haben. Du mußt liegen wie ein Sack, schlaff, hängend und nur der Glanz deiner Augen darf ver- raten, daß du dich einer Sache hingibst.

Übung 2: Setze dich in einen Sessel, aber so, daß du den Rücken in Kissen einbettest und den Kopf auf den Rand des Sessels legen kannst. Die Hände lege in bequemer loser Haltung auf die Knie, strecke die Beine lang, laß sie so lose liegen, daß die Fuß- spitzen nach außen hängen. Kontrolliere jede Stelle deines Körpers auf ihre Entspan- nung.

Übung 3: Setze dich auf einen gewöhnlichen Stuhl, lege in den Rücken ein Kissen, laß die Beine rechtwinklig zu Boden kommen, lege die Hände auf die Knie und entspanne dich. Vor allem achte auf volle Entspannung deiner Rücken-, Bauch-, Gesichts- und Halsmuskeln. Kontrolliere zuweilen dein entspanntes (maskenloses) Gesicht in einem Spiegel, vor dem du Platz nimmst.

Für alle drei Übungen schreibe dir eine autosuggestive Formel auf ein Stück Papier und hänge dieses so an die Wand, daß du den Satz während der Entspannungsübun- gen lesen kannst. Die aufzuschreibende Formel könnte folgenden Wortlaut haben:

»Ich entspanne mich, die Muskeln meiner Beine, meines Leibes, meines Rückens wer- den ganz schlaff, meine Arme hängen schlaff, ich bin völlig entspannt – entspannt und schlaff, ich fühle mich schwer und schlaff, ganz entspannt.« – Es ist nicht notwendig, diese Autosuggestion laut zu sprechen, sondern es genügt das Lesen. Die Hauptarbeit während dieser Übung ist die Kontrolle über deinen Körper, ob die völlige Entspan-

nung zur Tatsache geworden ist. Es hat keinen Zweck, zu einer anderen Übung über- zugehen, wenn nicht die ersten drei Übungen, die Entspannung des Körpers betref- fend, in jeder Beziehung erfüllt sind.

Ein

scharfes Gedächtnis

im allgemeinen ist Grundbedingung für die Hellsehfähigkeit. Denn wie soll ich etwas klar und einwandfrei schildern können, wenn ich leicht Situationen, Begriffe und innere Vorstellungsbilder vergesse? Im besonderen aber

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muß das scharfe Gedächtnis in bezug auf die Reihenfolge der Vorstellungen, die doch blitzschnell einander abzulösen vermögen, geübt werden. Was das Gedächtnis betrifft,

so sind wir Tagesmenschen ja eigentlich alle mehr oder weniger »hell« sehend. Denn die Hervorhebung von Gedankenbildern, Begriffen und Erinnerungen aus unserem Innern ist tatsächlich eine niedere Art von Hellsehtätigkeit. Wenn wir einen Gedanken oder einen Begriff aus unserer Vorratskammer hervorholen, so spielt das Gehirnden- ken dabei eine nur untergeordnete Rolle. Der Gedanke steigt aus unserem Bewußtsein als ein neues Rewußtwerden wie ein »Tischlein deck dich« hoch und präsentiert sich dem Gehirn zum gefälligen Gebrauch. Daß zuweilen etwas Verkehrtes herauskommt, liegt an den geringen Gedächtnisübungen, die der Betreffende vorgenommen bzw. nicht vorgenommen hat. Die Gedanken des Gedächtnisses werden lediglich im Gehirn photographiert und von dort aus mechanisch zu Worten und Schilderungen geformt. Patanjali sagt in seinem Yoga-Katechismus über das Gedächtnis: »Gedächtnis ist das Nichtloslassen eines Gegenstandes, den man wahrgenommen hat.« Je intensiver wir uns für einen Gegenstand interessieren, desto stärker haftet er im Gedächtnis. Mit diesem »Gegenstand« sind natürlich nicht nur die figürlichen Dinge unserer Sinnen- welt gemeint, sondern es werden auch »Gegenstände« subtiler Natur, wie Begriffe und abstrakte Wahrheiten und Äußerungen des Willens damit umfaßt. Folgende Übun- gen mögen dem Hellseh-Schüler zur Schärfung derjenigen Art von Gedächtnis dienen, die die Fähigkeit des Hellsehens fördert und imstande ist, unterscheidende Erkennt- nisse zu vermitteln.

Übung 1: Nimm ein Gedichtbuch zur Hand und lies fünfmal hintereinander ein vier- zeiliges Gedicht. Du darfst dabei flüsternd die Worte sprechen. Dann klappe das Buch zu und sage den Vierzeiler dir auswendig vor. Gerat es das erstemal nicht, schlage das Buch wieder auf, nimm ein anderes vierzeiliges Gedicht vor und wiederhole die Übung.

Achte auf entspannten Körper während der Übung. Wiederhole die Übung mit stets

einem anderen vierzeiligen Gedicht so lange, bis es dir gelingt, nach fünfmaligem Le- sen die vier Verse herzusagen.

Übung 2: Nimm die Bibel zur Hand, schlage Jesajas 40 auf. Entspanne dich. Dann lies den ersten Vers des genannten Kapitels schweigend dreimal durch. Schließe die Bibel und sprich den Vers auswendig. Gelingt es dir nicht, übe weiter mit dem zweiten Vers in gleicher Weise. Nimm so oft jedesmal einen neuen Vers vor, bis es dir gelingt, einen Vers nach dreimaligem schweigendem Durchlesen fehlerfrei aus dem Gedächtnis herzusagen.

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Übung 3: Entspanne dich! Nimm den Katechismus des Patanjali zur Hand. Lies zwei- mal schweigend Buch 1, Vers 13. Dann schlage das Buch zu und sprich den Vers auswendig. Gelingt es dir nicht, wiederhole die gleiche Übung mit Vers 19. Eventuell weiterüben mit Buch 1, Vers 21 – Vers 26, Buch 2, Vers 1 – Vers 2 – Vers 3 – Vers 4 – Vers 5 – Vers 11 – Vers 14 – Vers 16 – Vers 20 – Vers 26 – Vers 30 – Vers 32 – Vers 33 – Vers 36 – Vers 37 – Vers 38 – Vers 39 – Vers 52 usf.

Übung 4: Schneide aus einem Stück Papier acht rechteckige Stücke, färbe sie weiß, schwarz, rot, blau, violett, braun, grün, gelb. Lege sie vor dich auf den Tisch, betrachte .eine Minute lang ihre Reihenfolge. Tue es in entspannter Körperhaltung. Sieh bei allem auf die Uhr, damit du die bunten Schnitzel nicht länger als eine Minute be- trachtest. Dann drehe dem Tisch den Rücken zu und schreibe die Reihenfolge der Farben auf. Gelingt es dir nicht, so lege die Farbenschnitzel in anderer Reihenfolge hin, betrachte sie wieder eine Minute lang und wiederhole die Übung. Auf jeden Fall ist diese Übung so lange zu wiederholen, bis es dir gelingt, mindestens zehnmal hinter- einander die Reihenfolge der Farben aus dem Gedächtnis niederzuschreiben.

Übung 5: Nimm ein Buch, einen Federhalter, ein Lineal, ein Tintenfaß, einen Bleistift, ein Blatt Papier, ein Trinkglas, eine Tasse, ein Stück Seife, ein Handtuch und ein Ta- schentuch; lege alle diese Dinge nebeneinander auf den Tisch, entspanne dich und betrachte die Reihenfolge der Sachen eine Minute lang. Dann wende dich um und schreibe die erblickte Reihenfolge nieder. Falls du einem Irrtum unterlegen sein soll- test, ändere die Reihenfolge, betrachte sie wieder eine Minute lang und wiederhole das Experiment. Die Übung ist erfüllt, wenn es dir gelingt, die stets veränderte Reihenfolge der Sachen fehlerfrei mindestens zehnmal hintereinander aufzuschreiben.

Übung 6: Schreibe auf ein Stück Papier folgendes auf: Katze, Hund, Pferd, Maus, Mann, Frau, Kind, Haus, Baum, Blume, Buch, Gras, Straße, Wagen, Stuhl, Lampe, Glas. Lies die Worte langsam dreimal durch (mit entspanntem Körper) und merke dir die Reihenfolge. Dann lege den Zettel aufs Gesicht und schreibe die Worte in der gleichen Reihenfolge auf ein Stück Papier. Gelingt dir die Übung nicht, schreibe die Worte neu auf, doch in anderer Reihenfolge. Die Übung ist erfüllt, wenn es dir zehnmal hinterein- ander gelingt, die Worte in der von dir vorher aufgeschriebenen Reihenfolge zu Papier zu bringen.

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Übung 7: Schreibe folgende Worte auf: Licht, Dunkel, Freiheit, Seele, Geist, Gott, Luft, Gas, Gesundheit, Schauen, Güte, Gnade, Kraft, Schwäche, Dasein, Leben, Tod. Im übrigen wie Übung 6.

Die Regulierung des Atems

ist für denjenigen, der die Kunst des bewußten Hellsehens ausüben will, unerläßlich. Denn durch eine reguläre, bewußt vorgenommene Einteilung der Tiefatmungsrhyth- men wird jede Konzentration und ebenfalls die vollständige Entspannung leichter gewährleistet. Einige Sätze aus dem Yoga-Katechismus des Patanjali seien hier als Leitsätze für die Wichtigkeit des geregelten Atems angeführt. Es heißt: »Ferner sollte – – – – eine Regulierung des Atems in Ausatmung, Einatmung und Atemanhalten erfol- gen. – Diese Regulierung des Atems, die in Ausatmung, Einatmung und Atemanhalten besteht, wird noch weiter begrenzt durch Bedingungen von Zeit, Ort und Zahl, von denen jede lang oder kurz sein kann. – Es besteht eine besondere Art der Atemregulie- rung, die sich sowohl auf das in den beiden angeführten Leitsätzen Gesagte, als auch auf die innere Sphäre des Atems bezieht. – Mittels dieser Regulierung des Atems wird

die Verdunkelung des Bewußtseins, die dem Einfluß des Körpers entstammt, entfernt.«

Wir sehen also, welch weittragenden Einfluß die Regulierung des Atems auf die Fä- higkeit des Hellsehens besitzt. Aus den Leitsätzen des Patanjali geht hervor, daß eine gewisse Einteilung bezüglich Perioden, Stärkegrade und Anzahl der wechselnden Wiederholungen der drei Einteilungen des Atems angebracht ist. Ferner ist es wichtig, daß wir auch die innere Sphäre des Atems beherrschen, d. h. wir müssen fähig werden, unsere Atemzüge nach gewissen Nervenzentren (z. B. Solarplexus) zu leiten, um da- durch eine Herrschaft gerade über diese Zentren auszuüben zwecks Verhinderungen unter- oder normalbewußter Störungen von dort aus. Das Wichtigste aber ist, daß wir

durch ein geregeltes Atmen die Entfernung der Verdunkelung unseres Bewußtseins

(die im sogenannten Normalbewußtsein ein Dauerzustand bedeutet) erreichen, mit

anderen Worten, wir erreichen eine gewisse geistige Klarheit unseres Gesamtbewußt-

seins, die dem Zustand bewußten Hellsehens sehr nahe kommt.

Übung 1: Lege dich hin, entspanne dich, schließe die Augen. Atme tief und langsam ein! Atme nicht mit dem Brustkorb allein, sondern mit dem Bauch. Pumpe die Lungen ganz voll, stoße zum Schluß den Leib etwas vor. Dann halte eine Sekunde den Atem an. Atme langsam, sehr langsam aus,

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indem du mit leicht geöffneten Lippen die Luft ausbläst. Pause darauf eine halbe Mi- nute und beginne von neuem. In der ersten Zeit führe die Übung nicht länger als ins- gesamt 10 Minuten aus. Später erweitere die Dauer auf eine halbe Stunde.

Damit die zu machenden Atemübungen erleichtert werden, bezeichne ich die einzel- nen Atemzüge mit verschieden kenntlichen Strichen. Man lasse nie außer acht, daß

die Pause zwischen den Atemzügen immer mindestens 5 bis 10 Sekunden betragen

soll, es sei denn, daß Atemanhalten statt der Pause angezeigt ist. Ich bemerke noch, daß ich keine Übung zur Leitung des Atems nach gewissen Nervenzentren angebe. Hierauf wird der Hellsehschüler von selbst kommen, wenn er meine Atemübungen gewissenhaft durchführt.

Die Striche für Atemübungen sehen folgendermaßen aus:

Langes Einatmen // Langes Ausatmen \\ Kurzes Einatmen / Kurzes Ausatmen \ Atemanhalten zwischen Ein- und Ausatmung Atemanhalten zwischen Aus- und Einatmung Pause mit gewöhnlichen Atemzügen ca. 10 Sekunden lang _

Übung 2: Entspannung.

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Das Ganze siebenmal wiederholen!

Übung 3:

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/\ /\

/\

/\ /\

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Das Ganze siebenmal wiederholen!

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Übung 4:

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/\_/\_/\_/\_/\_/\

// \\ // \\ // \\

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Das Ganze siebenmal wiederholen!

Übung 5:

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/\ /\ /\ /\

Das Ganze siebenmal wiederholen!

Übung 6:

/\_/\_/\ /\ /\_/\

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\\_/\_/\_// \\_// \\

// \\ // \\

// \\ // \\ /\_/\_/\_/\

// \\ // \\ / \ / \ /\_/\_/\_/\_

Das Ganze siebenmal wiederholen!

Beseitigung jeder Möglichkeit von Ablenkung oder Störung

Es gibt eine Unzahl von Dingen, die den Hellseher in seiner Tätigkeit stören oder ab- lenken können. Doch wird er manches schon zu überwinden vermögen, wenn er die drei bisher erörterten Fähigkeiten erworben und durch fleißige tägliche Übungen sich zu eigen gemacht hat. Vor allem sind es von außen her an ihn dringende Geräusche, Unterhaltungen, Musik; es können ihn auch Gegenstände, die glänzen oder besondere Formen besitzen, ablenken, es können ihn stören nur durch Bewegungen: seine Ange- hörigen, sein Hund, seine Katze, seine Uhr und ähnliches. Es können ihn stören: Ge- danken der Furcht, der Erwartung, der Freude. Alle diese bisher genannten Störungs- möglichkeiten können durch Anwendung gedanklich entgegengesetzter Autosug- gestion beseitigt oder zum Schweigen gebracht werden.

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Eine der wichtigsten Fähigkeiten für den angebenden Hellseher aber ist die Beseiti- gung des begierdenhaften Wunsches und des Leidenschaftsausbruchs. Dieser beiden

Triebeigenschaften, die nur menschlich, allzu menschlich sind, muß der angehende Hellseher Herr werden, wenn er das bewußte Hellsehen in sich zur Entfaltung und zur vollen Auswirkung bringen will. Daran sind sehr viele Yogis und Hellseher gescheitert. Wie soll ich zum Beispiel mein eigenes Karma erkennen können, wenn mein Inneres, mein denkendes Gemüt, sich dauernd verändert, wenn es hin- und hergeschüttelt wird von Erregungen und Wünschen triebhafter Art? Denn das Endziel des bewußten

Hellsehens ist doch vollständige Klarheit, die auf der Unveränderlichkeit des denken- den Gemüts, auf dem ruhigen, konzentrierten Bewußtwerden aller inneren Vorstel-

lungsbilder beruht. Patanjali sagt hierzu: »Das Verhindern der Veränderungen des denkenden Gemüts muß durch Übung und Leidenschaftslosigkeit bewirkt werden.« Es ist doch für jeden einleuchtend, daß das Gemüt desjenigen am unbewegtesten sein wird, dessen Bewußtsein, dessen Seele frei von Leidenschaften ist, daß derjenige am besten eine klare Schau seiner inneren Bilder erlangt, dessen einheitliches, geistig geleitetes Vollbewußtsein nicht verdunkelt wird von den Begierden der eigenen Psy- che, des eigenen Gedanken-Elements. Nur ganz frei wird der Hellseher dem Gesche- hen des eigenen Ichs und des Mitmenschen mit der zum Hellsehen notwendigen Neutralität entgegen treten können.

Wie Leidenschaftslosigkeit, Begierdenfreiheit erreicht werden können, will ich für den Leser in einigen Übungen anführen.

Übung 1: Nimm eine Schale Reis – es kann auch eine Schüssel voll sein –, stelle dich in die Mitte des Zimmers und streue den Reis nach allen Seiten ins Zimmer. Dann setze dich auf einen Stuhl, mache einige rhythmische Atemübungen und gib dir die Auto- suggestion: »Ich werde in Geduld, Ruhe, Schweigen und ohne Leidenschaft den Reis Körnchen für Körnchen auf den Teller legen.« Dann stehe gemächlich auf, nimm den Teller zur Hand und lege Körnchen für Körnchen ruhig und sachlich auf den Teller. Dabei betrachte in Ruhe die verschiedenen Körner. Die Übung ist erfüllt, wenn du alle

Körner einzeln auf den Teller gelegt hast, ohne die geringste Ungeduld in dir verspürt

zu haben. Fühlst du dagegen während der Übung Leidenschaft, die sich in der Sucht zeigen kann, den Reis handvollweise auf den Teller zu bringen, unterbrich die Übung und gib

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dir die Suggestion: »Ich werde volle Ruhe, Geduld und Leidenschaftslosigkeit.« «Wenn du fühlst, daß du ruhig geworden bist, setze die Übung fort. Du mußt sie so oft wieder- holen, bis sie in Wirklichkeit und gemäß deinem Wahrheitsempfinden dir selbst ge- genüber ganz erfüllt ist.

Übung 2: Nimm eine Schüssel Reis, verstreue ihn in der vorher beschriebenen Art im Zimmer. Dann stelle die leere Schüssel in die Mitte des Zimmers und trage jedes Reis- körnchen, das du aufsammelst, einzeln in die Schüssel. Im übrigen gilt für diese Übung das in Übung 1 Gesagte.

Gespannte Aufmerksamkeit gegenüber den eigenen Gedanken und Vorstellungsbildern

Um diese Fähigkeit zu entwickeln und hoch zu steigern – eine unbedingte Notwendig- keit für den bewußten Hellseher – bedarf es der vollkommenen Einsetzung der bisher erörterten Fähigkeiten: Entspannung, scharfes Gedächtnis, regulierter Atem und Be- seitigung von Störung oder Ablenkung. Vor allern ist es der rhythmische Atem, der den Menschen in den Zustand der gespanntesten Aufmerksamkeit versetzt. Man muß

aufpassen wie ein Schießhund auf jedes innere Gedankenbild, das das Gehirn passiert.

Das geschieht aber nicht etwa dadurch, daß man den Atem anhält oder die Fäuste ballt oder gar die Muskeln der Waden, Arme und des Gesichts verkrampft und ver- dreht (wie ich das einmal bei einem »hellsehenden« Magnetopathen sah, der auf diese Weise Diagnosen stellen wollte), sondern der Zustand der vollkommenen Aufmerk-

samkeit wird einzig und allein durch völlige körperliche Entspannung, völlige innere Ruhe und Ausgeglichenheit und geregelten Atem erzeugt.

Übung 1: Laß dir von einem Freunde oder Anverwandten zwanzig landschaftliche Ansichtspostkarten kaufen. Sieh sie dir unter keinen Umständen vorher an, sondern verpacke sie gut so lange in Papier, bis du diese Übung vornimmst. – Lege das Päck- chen Karten auf den Tisch, jedoch so, daß du nur den weißen Rücken der Karten siehst. Numeriere die Karten auf der weißen Seite von l bis 20. – Nimm Karte 1, drehe sie um, besieh dir das landschaftliche Bild eine Sekunde lang. Dann lege die Karte mit dem Bild nach unten beiseite und schreibe auf ein Stück Papier, was du gesehen

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hast. So z. B.: Rechts ein großer Baum, anschließend nach links zwei Häuser, davor ein Teich mit Schwänen, noch weiter links eine weiße Bank, ein Park zur Seite, vorn auf dem Weg geht eine Frau mit blauem Kleid. Im Hintergrund Berge. – Hast du die Be- schreibung des Geschauten fertig, nimm die Karte zur Hand und prüfe das Geschrie- bene auf seine Richtigkeit. Hast du nicht richtig gesehen oder wichtige, hervor- stechende Punkte des Bildes nicht bemerkt, vollführe dieselbe Übung mit Karte Nr. 2 und so fort. Die Übung ist erfüllt, wenn dir die Beschreibung der Bilder wenigstens fünfmal hintereinander einwandfrei gelungen ist.

Übung 2: Mische zwanzig neu gekaufte numerierte Karten, natürlich mit dem »Ge- sicht« nach unten. Wenn das geschehen, nimm die fünf oberen Karten zur Hand, die anderen lege beiseite. Du siehst zum Beispiel bei der Durchsicht der Nummern fol- gende Reihenfolge: 8, 2, 17, 19, 4. Nimm zuerst Karte 8, besieh dir die Landschaft eine Sekunde lang, dann lege sie mit dem Bild nach unten auf den Tisch; dann nimm Karte 2, besieh sie dir und lege sie neben 8 auf den Tisch. Das gleiche tue mit Nr. 17, 19, 4. Sodann nimm Papier und beschreibe zuerst die Landschaft Nr. 8, dann in der gleichen Reihenfolge Nr. 2, 17, 19, 4. Die Übung mit stets neu gemischten Karten ist so oft zu wiederholen, bis es dir gelungen ist, das Experiment fünfmal nacheinander einwand- frei durchzuführen.

Übung 3: Wenn du unterwegs bist, bleibe vor dem Schaufenster eines Ladens dreißig Sekunden lang stehen. Besieh dir schnell, scharf und genau die Auslage. Dann geh nach Hause, schreibe das Geschaute auf. Wenn du am Nachmittage oder am anderen Tage am Laden vorüberkommst, vergleiche die Richtigkeit des von dir Geschriebenen. Wiederhole die Übung – jedesmal mit einem anderen Laden – so lange, bis es dir ei- nige Male gelungen ist, die Auslage eines Schaufensters richtig zu beschreiben.

Mit der Möglichkeit der vorübergehenden

Ausschaltung des Intellekts bezw. des Gehirndenkens

kommen wir zu einer der wichtigsten Fähigkeiten, die zu den grundlegenden Notwen- digkeiten des bewußten Hellsehens gehören. Der Ausdruck »Ausschaltung des Intel- lekts« soll nicht besagen, daß der Intellekt oder das

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Verstandes- bzw. Gehirndenken lahmgelegt oder gar zum Schweigen gebracht werden soll. Im Gegenteil, der Intellekt muß bei der Tätigkeit des Hellsehens wach gehalten

werden, er muß ein integrierender Bestandteil des Gesamt-Bewußtseins bleiben. Aber

er soll eben nur wach und überwachend gehalten werden; es muß dagegen die Mög- lichkeit im eigenen Bewußtsein geschaffen werden, den Intellekt so weit auszuschal-

ten, daß ein Nichtgebräuch des reinen Verstandesdenkens, das ja schlußfolgernder (argumentativer) Natur ist, eintritt. Das rein Geistige im Menschen wird durch die vorher geschilderten Fähigkeiten und Übungen so weit erweckt, daß es die völlige Herrschaft über das Gesamt-Bewußtsein antritt. Und wo das rein Geistige im Bewußt- sein dominiert, bedarf es nur eines »Zur-Verfügung-Stehens« des Intellekts, damit dieser, der durch dauernd materielles Training im täglichen Leben, in Schule und Universität, ganz einseitig eingestellt ist, lediglich zur Wiedergabe des geistdurchflute- ten und plastisch-geformten Vorstellungsbildes benutzt wird. In Wirklichkeit wird also

durch das Nicht-Gebrauchen des wachen und wachenden Intellekts ein

nicht überlegender Zustand des Bewußtseins

geschaffen. Und hier sind wir am Kernpunkt der Erörterung angelangt. Die Psyche, das

Unterbewußtsein, ist bezüglich des Erdengeschehens, der Geist aber bezüglich des Geschehens im Raum bis zur Unendlichkeit allwissend.

Im Katechismus des Patanjali heißt es bezüglich dieses Zustandes: »Der Lernende, dessen Gemüt auf diese Weise gefestigt wird, erlangt eine Meisterschaft, die sich vom Atom bis zum Unendlichen ausdehnt. – Wenn aber Name und Bedeutung des für die Meditation ausgewählten Gegenstandes von der Ebene der Betrachtung verschwinden,

wenn das abstrakte Ding selbst, frei von Unterscheidung, sich dem Gemüt lediglich als

eine Einheit darbieten, so ist dies das, was der nicht argumentative Zustand genannt

wird. – Wenn durch das Erwerben des nichtüberlegenden Bewußtseinszustandes

Weisheit erreicht worden ist, dann besteht geistige Klarheit. – Aus der Beherrschung des Denkprinzips ergibt sich die Beruhigung des eigentlichen Selbstes. – In diesem Fall besteht dann jene Erkenntnis, die absolut von Irrtum frei ist. – Diese Art der Erkenntnis

unterscheidet sich von dem Wissen, das auf Beweis und Schlußfolgerung beruht, dadurch, daß im Verfolge der auf die letzteren gegründeten Erkenntnis das intellektu- elle Bewußt-

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sein viele Einzelheiten zu betrachten hat und sich mit dem allgemeinen Felde der Er- kenntnis selbst nicht befaßt.«

Für diese Sprüche bedarf es bezüglich des bewußten Hellsehens einiger kurzer Erklä- rungen. Wenn sich das Ding, das sich dem Gemüt (der geistigen Schau in diesem Falle) lediglich als eine Einheit darbietet, ohne die verstandesmäßige, intellektuell begriffene Bedeutung dieses Dings zu spezialisieren oder zu spezifizieren, so schaltet damit das intellektuelle Denken insofern aus, als es zwar wach ist, aber nicht gebraucht wird. Mit anderen Worten: Das intellektuelle Denken unterwirft sich der geistigen Schau zwecks Herbeiführung des nichtargumentativen Bewußtseinszustandes. Ist dieser Zustand durch Übung vollkommen geworden, so erwirbt der Lernende diejenige Weisheit, die

geistige Klarheit und Irrtumsfreiheit im Gefolge hat. Das heißt: er sieht klar, er wird

zum Hellseher, der alles erschaut, so plastisch und wirklich, wie selbst im Leben die alltäglichen Dinge nicht gesehen werden. Der Unterschied zwischen diesem nicht- überlegenden Schauen und Erfassen einer Vorstellung und dem intellektuellen, ver- standesmäßigen Betrachten eines Gegenstandes besteht darin, daß das letztere alle

Einzelheiten gesondert betrachtet, um dann durch logische Schlußfolgerung die Be- deutung dieses Gegenstandes zu ermessen, während beim nicht überlegenden Schauen Einzelheiten völlig fortfallen und nur das allgemeine Feld der Erkenntnis ein

Bild der Substanz des Dings an sich ergibt. Ein drastisches Beispiel besteht im Hellse- hen durch Graphologie. Der nicht hellsehende Graphologe schildert den Charakter eines Menschen, indem er die Einzelheiten der Schriftzüge einer genauen, detaillierten

Prüfung unterzieht, um dann auf Grund wissenschaftlicher Erfahrung in Verbindung mit Argumenten und logischen Schlußfolgerungen ein Charakterbild des Schreibers

zu entwerfen. – Dagegen läßt der Hellseher nur das Gesamtbild der Schrift auf sein geistig beherrschtes Bewußtsein wirken, ohne irgendwie auf Einzelheiten einzugehen und ohne irgendwelche intellektuelle Schlußfolgerungen zu ziehen. Er wird aber

schnell fließend eine verblüffende Charakterschilderung geben, ohne seine Aussagen auch nur einen Augenblick zu überlegen.

Die wichtigsten Bedingungen zur Herbeiführung dieses nicht überlegenden Bewußt- seinszustandes bestehen in der strengen Erfüllung und Übung der bisher erläuterten

Fähigkeiten. Ich gebe dem Leser nachstehend einige Übungen an, die zwar nicht ganz die Ausschaltung des Intellekts bzw. die

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Herbeiführung des nicht überlegenden Bewußtseinszustandes bewerkstelligen, die jedoch geeignet sind, bei restlosem Gelingen der Übungen, den Weg zu dem ge- wünschten Zustand zu ebnen. Es sei noch hinzugefügt, daß die größte Störung für den bewußten Hellseher das sich stets meldende intellektuelle Denken ist, das das geistig Geschaute in den Bereich verstandesmäßiger Logik einbeziehen will. Es gilt also unbe-

dingt, das schlußfolgernde, verstandesmäßig trainierte Denken unter die Herrschaft der nicht überlegenden geistigen Schau zu bringen. Geschieht dies nicht oder auch nur halb, so wird das sogenannte bewußte Hellsehen (in diesem Fall nur) einen hellen Unsinn ergeben.

Übung 1: Stelle eine elektrische Stehlampe auf den Tisch, entzünde sie. Nimm ein Blatt Papier zur Hand und einen Bleistift. Entspanne dich vollkommen, atme eine Weile rhythmisch. Dann schreibe auf das Blatt Papier die Frage: »Was sagt mir das Licht?« Entspanne dich nochmals gründlich. Dann betrachte das Licht. Den ersten Gedanken, der dir »hoch« kommt, schreibe hin! Schreibe ihn hin, auch wenn er dir vorerst unsin- nig erscheint!!! Kümmere dich auch nicht mehr um ihn, sondern schreibe sofort den zweiten Gedanken auf, der dich als Vorstellungsbild beschäftigt! Verfahre damit, wie mit dem ersten Gedanken! Dann schreibe den dritten, vierten, fünften Gedanken auf, ganz gleich, wie sein Sinn dir auszufallen scheint. Kommt dir der Gedanke: Schluß, so mache einen Strich! Dann erst lies die Sätze! Ergibt das Ganze einen klaren Sinn, ist die Übung erfüllt. Sonst ist sie so lange zu wiederholen, bis die Gedanken über das Licht, was es dir sagt usw., klar und rein ausgedrückt sind.

Immer aber entspannen, nicht überlegen, atmen!

Übung 2: Stelle eine Topfpflanze vor dich auf den Tisch! Nimm Papier und Bleistift, entspanne dich, atme rhythmisch! Dann halte die Hände mit der Handfläche in 10 cm Entfernung vor die Blume. Die Frage lautet: »Was sagt mir diese Blume?« Verfahre in gleicher Weise wie in Übung 1.

Weitere Übungen: Stelle dir von allen Gegenständen, Tieren, Pflanzen, Steinen, Flüs- sigkeiten usw., die du erblickst, die Frage, was sie dir zu sagen haben. Verfahre stets so, wie vorher angegeben! Übe, übe, übe!!! Übe dauernd, auch dann noch, wenn du längst die Fähigkeiten des bewußten Hellsehens erlangt hast. Denn nichts ist wichtiger, als diese Übungen für die Fähigkeit

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intuitiver Umdeutung von symbolisch erschauten inneren Vorstellungen.

Erblickst du dann einmal bei der Tätigkeit des Hellsehens Gegenstände, Tiere, Pflan- zen usw., so hast du die Möglichkeit sofortiger Umdeutung, kraft der von dir bei frühe- ren Übungen erworbenen Fähigkeit des scharfen Gedächtnisses. Du wirst dich sofort dessen erinnern, was du bei den Übungen über die Dinge gesagt hast. Sollte dich aber dein Gedächtnis verlassen haben, so kannst du auch so verfahren, daß du nach dem Erscheinen des Symbols dich kurze Zeit dem Schweigen hingibst, indem du autosug-

gestiv denkst: »Mein Geist wird mein Bewußtsein erleuchten, damit ich die Umdeu- tung des symbolisch Geschauten erkenne! Ich erkenne es!« Der Heilseher wird immer erfahren, daß sein göttlicher Geist dem in der Autosuggestion überzeugt ausgespro- chenen festen Glauben Erfüllung gibt.

Patanjali sagt daher in seinem Katechismus: »Bei der Meditationsübung derer, die fähig sind oder fähig sein mögen, bis zum reinen Geist zu unterscheiden, geht voraus:

Glaube, Energie, gespannte Aufmerksamkeit und Urteilsfähigkeit oder durchgreifende Unterscheidung dessen, was erkannt werden soll.«

Damit kommen wir auf eine andere Fähigkeit, die der angehende Hellseher erwerben muß:

Festhalten eines Vorstellungsbildes und Unterscheidungskraft

Die Möglichkeit dieses Festhaltens eines Bildes im Bewußtsein des Hellsehers bedeutet den Anfang und das Ende des gesamten bewußten Hellsehens. Es beruht auf der Er- zeugung der

Konzentration oder Gedankenstarre

im eigenen Bewußtsein. Diese Konzentration wird geübt, geübt und immer wieder

geübt, mit zäher Ausdauer, mit Energie, mit Geduld und nie erlahmendem Mut. Die

Gedanken jagen sich in unserem Bewußtsein wie hochquirlende Kohlensäureblasen im Glas Selterswasser. Erklärung über die

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Tätigkeit dieses Gedankenelements, des Denkprinzips im Menschen, findet der Leser im »Geheimnis Coués«. Doch die Erklärung nützt dem angehenden Hellseher wenig; für ihn gilt es, die unruhige, hin- und hergeworfene Gedankenmasse erst einmal in gleichbleibenden Fluß zu bringen. Das geschieht durch Erzeugung von Körperent-

spannung, geregeltem Atem, gespannte Aufmerksamkeit, Leidenschaftslosigkeit, Be- gierdenfreiheit, Beseitigung von Störungen, alles Fähigkeiten, die geübt und, unter

Voraussetzung sittlichen Ernstes, erworben werden können und deren Erwerbung ich

bisher geschildert und gelehrt habe. Die Herbeiführung der Gedankenstarre aber muß geübt werden.

Und nur Übung macht den Meister.

Ist erst einmal die Fähigkeit der Konzentration vorhanden, so ist die Kraft der Unter- scheidung ein leichtes. Es handelt sich für den Hellseher nämlich nur darum, während der Hellsehtätigkeit zwischen denjenigen Gedankenbildern zu unterscheiden, die dem Intellekt oder der geistigen Schau entstammen. Das aber ist an einem bestimmten Merkmal zu erkennen, das untrüglich die Möglichkeit der Unterscheidung gibt und das während der Konzentrationsübungen schon dem Schüler erkenntlich wird. Wenn ich nämlich eine Sache rein gehirntätig erfasse bzw. begreife, so sehe ich sie, wenn ich die Augen schließe, mit meinen Augen, bzw. mit der Stelle des Gehirns, der die Sehner- ven entspringen. Erschaue ich dagegen innerlich ein Vorstellungsbild unter Hervorru- fung des geistigen Bewußtseinszustandes, d. h. halte ich die konzentrierte geistige Schau in meinem Gemüt aufrecht, so sehe ich eine Sache oder Person in der Gegend

der Schilddrüse, d. h. etwa einen Meter senkrecht vor derjenigen Stelle des Körpers, an der unterhalb des Halses das Schlüsselbein beginnt. Ich sehe bzw. schaue mit dem

Herzen, dem Gemüt, mit dem innersten Gefühl. Der Hellsehschüler wird also bei fleißiger Konzentrationsübung bald erkennen können, welches Vorstellungsbild dem

Intellekt und welcher Gedanke dem Geist, d. h. dem höheren Selbst, dem göttlichen Ich

entstammt. Hat nun der Schüler die Fähigkeit zur vollendeten Konzentration erwor- ben, so erwirbt er damit auch gleichzeitig die Fähigkeit der schnellen plastischen

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Schilderung eines Gedankenbildes.

Die Möglichkeit dieser Schilderung ist für denjenigen Lernenden vonnöten, der die Fähigkeit des bewußten Hellsehens im Interesse seiner Mitmenschen verwenden will. Er muß also imstande sein, alles Geschaute schnell in Worte zu kleiden und das sym- bolisch Gesehene in sinngemäße Sätze zu formen, so daß der Mitmensch auch Nutzen davon hat. Ich weise diesbezüglich auf die Übungen betr. »Aufmerksamkeit« hin.

Für diejenigen, die Konzentrationsübungen zur Erzeugung der Gedankenstarre vor- nehmen wollen, seien folgende Übungen angegeben:

Übung 1: Schneide aus einem Blatt Papier ein ungleichseitiges Dreieck und lege es vor dich auf den Tisch. Entspanne dich, atme! Schau dir das Dreieck und seine Form eine Minute lang genau an. Schließe sodann die Augen, und versuche die Form des Drei- ecks zu schauen; ich meine innerlich erfühlend zu schauen. Die Übung ist erfüllt, wenn es dir gelingt, die Form des Dreiecks richtig in deinem Denken zwanzig Sekun-

den lang derart festzuhalten, daß dich außer dem Dreieck zwischendurch keine an-

dere Vorstellung beschäftigt hat. Um dies zu erreichen, heißt es üben und nochmals

üben. Ohne Fleiß kein Preis!

Übung 2: Nimm die Photographie einer Person. Sieh sie dir längere Zeit an. Dann schließe die Augen und halte sie so in deiner Vorstellung fest, daß du. eine Minute lang nichts anderes siehst als die Person. Du darfst sie dir allerdings während dieser Zeit genau betrachten, darfst feststellen, welches Kleid bzw. welchen Anzug sie trägt, kannst auch sehen, ob sie Ringe am Finger hat, welche Augenfarbe, welche Haarfarbe sie besitzt, ob sie jung, alt oder in den mittleren Jahren ist, usw. usw. Doch darf dich während dieser Übung kein Gedanke unterbrechen, der nichts mit der Person zu tun hat.

Übung 3: Kaufe dir eine Ansichtspostkarte, die das »Abendmahl« von Leonardo da Vinci darstellt. Lege diese Karte vor dich auf den Tisch, betrachte das Gesamtbild eine Minute lang. Dann schließe die Augen und reproduziere es konzentriert in deinem Innern. Hast du das Gesamtbild eine Minute lang in deinem Gemüt festgehalten, so gehe an die Einzelbetrachtung des festgehaltenen Bildes. Besieh dir Jesus, besieh dir jeden Jünger, so wie du ihn innerlich erschaust, genau. Sieh dir die Kleider,

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Schuhe, Augen, Haare, Gesicht scharf an. Dieses genaue Betrachten aller Einzelheiten während des konzentrierten Festhaltens des Bildes muß exakt und ausführlich ge-

schehen, obwohl du bei dem vorherigen Ansehen des Bildes mit deinen Augen kei- nerlei Einzelbetrachlungen vorgenommen hast. Die Übung ist erfüllt, wenn du das Bild

des Abendmals fünf Minuten lang konzentriert ohne Unterbrechung in deinem Bewußtsein festgehalten hast, und wenn die von dir erschauten Einzelheiten mit den Einzelheiten des Bildes übereinstimmen.

Weitere Übungen kann der Schüler selbst bilden. Nur einmal nachdenken, dann wird dir schon der richtige Übungsstoff einfallen!

Sind diese letzten zwei Übungen restlos gelungen, so hat der Hellsehschüler angefan- gen, sich mit der

Meditation,

d. h. dem betrachtungsweisen Festhalten einer inneren Vorstellung zu befassen. Er wird mit zunehmendem Fleiß eine ebenso zunehmende Fähigkeit zum Hellsehen erhalten. Damit kommen wir zur Erläuterung der eigentlichen

Praxis des Hellsehens.

Für diese Praxis des bewußten Hellsehens gibt es, genau wie bei Erwerbung der ein- zelnen Fähigkeiten, nur eins: Üben! Wir auf der Erde lebenden Menschen sind in unserer innersten Wirklichkeit Teile des All-Einen, wir tragen in uns den göttlichen Lichtfunken, der das höhere Selbst aus- macht, der aus Ewigkeiten kommt und in Ewigkeiten weiter lebt. Wir tragen daher die Erinnerung aus Ewigkeiten in uns, wir erschauen das Zukünftige in uns. Wenn unser Bewußtsein eins wird mit dem Ewigen, Einen, so werden wir fähig, das Ewige in uns zu spiegeln, wir werden fähig, Vergangenes und Zukünftiges zu schauen, in uns zum Bewußtwerden zu bringen.

So sind wir lebendige Spiegel der Ewigkeit. In uns spiegelt sich die gesamte Welt und ihr Geschehen. Das gilt sowohl im einzelnen als auch für das Ganze. Das gilt sowohl für die Vergangenheit als auch für die Zu-

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kunft. Das gilt vor allem für die Gegenwart. Die gesamte Menschheit bildet eine lebende Seele. Das bezieht sich auf Verstorbene wie auf Lebende. So erlebt die gesamte Menschheit jedes Geschehnis auf Erden und im Weltall gemeinsam. Daß dies nicht in unser waches Bewußtsein dringt, liegt an dem Umstand, daß wir die Einheit in uns verloren haben, daß wir durch falsches intellektuelles Denken zur getrennten und gespaltenen Vielheit geworden sind. Alles Geschehen spiegelt sich in der gemeinsa- men Menschheitsseele. Der einheitliche, vom vollen, wachen, geeinten Bewußtsein beherrschte Mensch ist fähig, dieses Geschehen zu lesen, es in sich bewußt werden zu lassen. Alle, die uns innerlich nahe stehen, spiegeln sich in unserer Seele, in allen spie- geln wir uns wider. So sind wir alle lebendige magische Spiegel.

Aber wir sind, modern technisch ausgedrückt, auch alle wandelnde Radio-Apparate. In uns befindet sich der Sender, in uns befindet sich der Empfänger. So empfangen wir dauernd, uns unbewußt, Gedankenbilder, die unsere Mitmenschen erzeugten, so sen- den wir stets Gedanken aus, die wir selber – ewig als Assoziationen neu gebärend – erzeugten und die in anderen Menschen empfangen, verarbeitet werden und als ei- gene Gedanken dort hochsteigen. Es braucht uns der innere feintechnische Vorgang dieser Tatsache nicht zu beschäftigen. Die telepathischen Experimentatoren beweisen uns alltäglich die Wahrheit dieses Vorganges.

Wichtig ist für den angehenden Hellseher die Frage:

Zu was kann ich die erübte Fähigkeit des bewußten Hellsehens verwenden?

Der Beantwortung dieser Frage sind die nachstehenden Erläuterungen, die ich mit Beispielen und Übungen aus eigener Praxis dem Leser vor Augen führe, gewidmet. Da die Absicht besteht, eine Sonderabhandlung über die protokollierten bewußt-hell- seherischen Experimente herauszugeben, die ich in Gegenwart und unter Aufsicht von ernsten Wissenschaftlern vornahm, so führe ich nur Beispiele von Experimenten an, die ich in Gegenwart anderer Personen ausführte.

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Charakterbeurteilung hellseherischer Art.

Die Charakterologie nach Handschriften, Kopfform, Handlinien und anderen Erfah- rungswissenschaften ist außerordentlich weit verbreitet. Sie unterscheidet sich aber scharf durch die Merkmale ihrer Handhabung von der Charakterologie, die auf Grund hellseherischer Fähigkeiten zur Ausübung gelangt. Während die wissenschaftliche Charakterologie zum Beispiel Einzelheiten der Schrift, der Kopfform genau beachtet, während bei Ausübung der Phrenologie sogar Messungen des Schädels vorgenom- men werden, genügt beim bewußten Hellsehen oft nur das Besehen des Objekts für den Bruchteil einer Sekunde, um durch konzentriertes Betrachten innerlicher Art das Charakterbild des Betreffenden lückenlos zu entwerfen und zu schildern. Bei dem sehr kurzen Besehen einer Schrift oder einer Person oder Sache nimmt der Seher nur das Gesamtbild in sich auf, ohne Einzelheiten wissenschaftlicher Art zu erfassen. Er hat lediglich die Aufgabe, bei diesem ganzen Vorgang das Gesamtbild durch Herstellung

des konzentrierten Bewußtseinzustandes zur Verfügung seines geistigen Schauens zu halten. Ist das geschehen, dann lösen sich in seinem Innern von selbst die Worte, die ins Gehirn steigen und von dort aus ohne Überlegung durch den Hellseher ausgespro- chen werden. Dabei ist zu beachten: Entspannung bewahren! Intellekt ausschalten! Ihn nicht ins Handwerk pfuschen lassen! Aufpassen auf jedes Gedankenbild, das hochkommt, und es bedenkenlos aussprechen!

Hellsehende Charakterologie nach Handschrift.

Ein Beispiel gebe ich hierfür, das den Vorgang am besten kennzeichnet und aus dem der Lernende am besten ersieht, wie er vorgehen kann. – Mein Freund A. gibt mir eine mit der Hand geschriebene Postkarte und bittet mich um hellsehende Beurteilung. Ich entspanne mich in meinem Sessel sofort, atme einigemal, nehme die Karte zur Hand; – ich lese nichts von dem was geschrieben ist, sondern lasse das Bild der Handschrift auf mich wirken. Drei Sekunden lang betrachte ich das Gesamtbild, dann schließe ich die Augen und schon sehe ich deutlich die geschriebene Karte in meinem Innern, bzw. vor mir in der Gegend des Kehlkopfes. Ich lasse das Bild nicht los, sondern halte es scharf im Auge. Vorläufig schweige ich,

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ich warte auf ein Gedankenbild oder auf das Hören von Worten. Plötzlich kommt der erste Gedanke. Ich spreche ihn laut und sofort unbedenklich aus. Und dann jagt ein Wort das andere, ein Gedanke folgt schnell dem andern. Ich sage: Der Schreiber ist ein Mann, hochgewachsen, schlank, glatt rasiert. Er ist 26 Jahre alt. Er ist Schreiber am Amtsgericht; er gibt sich anders, als er in Wirklichkeit ist. Es ist viel Verlegenheit in ihm. Er hält sein Gesicht in den Falten ehrbaren Aussehens. Aber er ist falsch und hinterlistig von Natur. Er hintergeht seine Braut mit schlechter Gesellschaft. Manch- mal ist er sentimental, ohne Einsicht über sich. Er ist ein scharfer Rechner, vergeudet aber sein Geld, kann es nicht zusammenhalten. Eigensinnige Natur, manchmal brutal; rücksichtslos gegen die Schwachen, schleichend und kriechend vor Vorgesetzten. Er ist krank an der Lunge. Hat auch Blutkrankheit. Wird nicht alt. Leidenschaftlich, aber ohne Halt sittlicher Natur. Vorsicht beim Umgang mit ihm!

Wie es sich später herausstellte, entsprach die gesamte Schilderung den Tatsachen.

Hellsehende Charakterbeurteilung durch Ansehen.

In einem Zimmer befindet sich ein Vorhang. In diesem Vorhang ist ein Loch von der Größe eines Fünfmarkstückes. Hinter dem Vorhang befindet sich eine Person, die ich nicht kenne. Ich sehe von ihr ein Stückchen Stirn, die dicht hinter dem Vorhang an dem Loch liegt. Ich werde um Charakterbeurteilung der Person gebeten, zu der das Stückchen Stirn gehört. Ich entspanne mich, atme, konzentriere mich zwanzig Sekun- den lang auf die Stirn, die ich im Loch des Vorhangs erblicke. Dann schließe ich die Augen und halte das Gesehene im Bewußtsein fest. Die Gedanken und Bilder lassen auch nicht lange auf sich warten. Ich spreche schnell hintereinander folgendes: Frau, schwarzes Haar, dunkle Augen, feine weiße Hand; gepflegt; sehr schönes Gesicht, doch Narbe hinter dem linken Ohr. Ohrringe aus Gold und Smaragden. Am Finger rechter Hand ein Ehering, darüber ein Ring mit Perle. Sehr künstlerische Natur, viel Temperament, aber auch viel unbeherrschte Leidenschaft. Steht in Gefahr, sich manchmal zu verlieren; doch besteht Halt in Religion. Sie ist sehr, sehr gutmütig, läßt sich leicht übers Ohr hauen. Kennt den Wert des Geldes nicht und kann

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auch nicht rechnen. Hat immer zu wenig Geld. Sie pumpt gern, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Sie kann aber vieles gutmachen durch ihre hervorragende Kunst. Besitzt große Kombinationsgabe, spekuliert! Vorsicht! Die Dame ist in ihrer Ehe unglücklich. Sie möchte ein Kind haben. Doch es ist vergeblich. Es wäre besser, sie wäre nicht verheiratet.

Es ergab sich nachher, daß die Beurteilung vortrefflich gewesen war und die Angaben gestimmt hatten.

Hellsehende Charakterbeurteilung durch Handschlag.

Ich werde gebeten, eine Person, die mir für eine Sekunde lang die Hand reicht, hier- nach zu schildern und zu charakterisieren. Ich entspanne mich stehend, mir werden die Augen verbunden. Ich halte die Hand hin, die für eine Sekunde lang von einer fremden Hand gedrückt wird. Während man mir die Binde von den Augen nimmt, halte ich das Gefühl des Händedrucks gedanklich fest, ich leite es bewußt unter star- ken Atemübungen den Arm hinauf bis zum Hals. Jetzt sehe ich eine Hand, davor ent- wickelt sich eine Person; ich sehe einen Jungen im Alter von 14 Jahren. Ich halte das Bild fest und verharre im Schweigen. Dann stellen sich die ersten Bilder ein und ich spreche – erst langsam, stockend – dann schneller und immer schneller – folgendes:

Junge, 14 Jahre alt, blond, blaue Augen, schmales, blasses Gesicht, vorstehende Zähne, schmächtige Figur, hat ein kürzeres Bein, mit dem er hinkt. Hat vor einem Jahr neben einer Lungen- und Rippenfell-Entzündung auch eine Hüftgelenkentzündung gehabt. Ist schüchtern, sogar stark verschüchtert durch zu strenge Erziehung. Daher voller Hemmungen und in der Schule ein schlechter Schüler. Da die Lunge noch angegriffen, redet er leise. Der Junge ißt zu wenig. Muß viel an die frische Luft. Er hat Anlage zum Lügen, kann nur durch liebevolle Behandlung anders werden. Überhaupt braucht der Junge viel Liebe. Er ist sehr musikalisch, hat Anlage zum Musikkünstler. Es fehlt ihm an Energie, sich zu behaupten oder durchzusetzen. Er ist schwach im Rechnen, könnte aber in Sprachen Gutes leisten. Der Junge leidet außerdem stark unter der beginnen- den Pubertät. Seine gesamte Vorstellungswelt ist sehr triebhaft. Ist nur durch viel Liebe und Sorgfalt zu innerer Kraft zu erwecken. Seelisch sehr zart besaitet, daher Vorsicht bei aufklärender Erziehung.

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Mir wurde bestätigt, daß das entworfene Bild der Veranlagung und der Person richtig war.

Hellsehende Charakterbeurteilung nach Photographie.

Zur Beurteilung wird mir eine Photographie überreicht, die das Bildnis eines jungen Mädchens im Alter von zwanzig Jahren darstellte. Nach der üblichen Entspannung und Atmung nehme ich das Bild zur Hand, präge mir das gesamte Dargestellte ein, ohne auf Einzelheiten zu achten. Dann lege ich das Bild zur Seite, schließe die Augen. Sofort tritt die gemütsmäßige Schau ein. Ich halte die Vorstellung fest in meinem Be- wußtsein. Der erste Gedanke kommt, ich spreche bedenkenlos: Das Bild ist vor 17 Jahren gemacht. Die Person, die es darstellt, war damals ein Mädchen von 21 Jahren. Heute also 38. Sie hat sich mit 21 ½1/2½ Jahren verlobt, diese Verlobung wurde gelöst nach zwei Jahren. Mit 27 Jahren hat die Dame geheiratet, mit 31 bekam sie ihr erstes, mit 32 ihr zweites Kind. Mit 35 Jahren wurde sie Witwe. Seitdem lebt sie in be- schränkten Verhältnissen. Sie könnte sich jetzt wieder verheiraten, sie wird es nicht tun. Sie ist gutmütig, jedoch zu kurzsichtig. Das tritt vor allem bei der Erziehung ihrer Kinder zutage, denen sie jeden Willen läßt. Gegenüber dem männlichen Geschlecht ist sie schwach. Sie ist zu leichtgläubig und trotz der immer wieder erlebten Enttäuschun- gen optimistisch. Eine Eitelkeit bezüglich ihrer Kleidung beherrscht sie. Doch fehlt ihr der gute Geschmack, daher wirkt sie manchmal lächerlich. Sie soll auch die unechten Schmuckgegenstände nicht immer anlegen. Sie hat Sinn für Schönliteratur, liest aber alles wahllos. Religiös ist sie stark beherrscht von dem Gedanken der Gnade, auf deren Konto sie sündigen kann. Sie ist im Haushalt fleißig, kann nicht rechnen, ist gutmütig, wahrheitsliebend, offen. Neigt aber zu narkotischen Mitteln. Geistige Einstellung

könnte sie vor vielen Gefahren bewahren.

Ich hatte richtig gesehen.

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Hellsehende Charakterisierung durch Fühlungnahme mit einer Person.

Ein Herr kommt zu mir und bittet um seine Charakterisierung. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, ich setze mich ihm gegenüber, sehe ihn eine Minute schweigend an, dann sage ich: Sie haben sich als Kaufmann H. vorgestellt, Sie sind Kriminalbeamter und sind auf Anweisung Ihrer Behörde hier, um zu erforschen, ob ich nichts Gesetzwidri- ges tue. Sie haben die Absicht, morgen Ihren Kollegen herzuschicken, um dasselbe zu tun, was Sie jetzt hier tun. Sie sind an sich von gutmütiger Natur, jedoch hat die dau- ernde Beschäftigung mit den schlechten Eigenschaften anderer Sie mißtrauisch ge- macht. Sie waren ursprünglich Kaufmann, sind aber durch Ihren Vater, der Polizeibe- amter ist, in diese Ihnen an sich unsympathische Laufbahn gedrängt worden. Sie wer- den noch viel Gütiges in Ihrem Charakter unterdrücken müssen, wenn Sie ein tüchti- ger Kriminalbeamter werden wollen. Sie sind ehrgeizig und möchten schnell hoch- kommen. Sie werden es nie erreichen auf dem Wege der Unterwürfigkeit, den Sie zur Zeit beschreiten. In Ihnen finden zur Zeit starke Gewissenskämpfe statt, die ihren Grund im Zwiespalt Ihrer Psyche bezüglich Ihrer Liebe zu einer Frau haben. Die Frau ist noch verheiratet, will sich aber Ihretwegen scheiden lassen. Sie selbst hegen bezüg- lich Ihrer eigenen Gefühle starke Zweifel. In Wirklichkeit sind Sie einer starken Liebe zu einer Frau nicht fähig, weil das leidenschaftliche Moment in Ihnen jedes reine Gefühl der Liebe überwuchert bis zur Erstickung. Sie werden außerdem in Ihrem Ta- gesdenken stark gestört von Triebgedanken, deren Grundlage auf eine frühe Pubertät zurückzuführen ist. Sie werden im übrigen im Leben Ihren Mann stehen, sind solide, begabt, fleißig, ehrgeizig, sparsam.

Das schweigende Erstaunen im Gesicht des Herrn belehrte mich, daß ich das Richtige gesehen hatte.

Ein anderes Beispiel!

In einer Gesellschaft, die ein mir befreundeter Herr gab, saß ich neben einer Dame, die sich hochinteressant und philosophierend unterhielt. Ich konnte leider dem Gespräch nicht folgen, weil ich immer durch Bilder, die äußerst häßlich waren, gestört wurde. Nach Beendigung der Gesellschaft sprach ich mit Freunden über diese Dame. Ich machte die Bemer-

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kung, daß ich den Glauben hege, die Dame sei in ihrem Triebleben stark pervers ver- anlagt. Mein Freund lachte und sagte: Ich habe dich neben sie gesetzt, um zu erfahren, ob du es merktest.

Bewußtes Hellsehen auf Grund unsichtbar gemachter Dinge usw.

Diese Art des Hellsehens hat für den Hellseher den Vorteil, daß er nicht in Gefahr gerät, sein Gutachten bzw. seine Aussagen so zu geben, daß sie mit logischem Verstan- desdenken durchsetzt sind. Er kann sich einzig und allein auf seine geistige Schau konzentrieren, ohne daß der schlußfolgernde Zustand, der allzu leicht sich zwischen die innere Schau mengt, diese letztere stört oder gar umwirft. Ich muß aber diesen Zustand des Hellsehens von unsichtbar gemachten Dingen einer kurzen Erörterung unterziehen, damit der Lernende weiß, welche inneren Vorgänge der Psyche hierbei in Betracht kommen. Jede Photographie besitzt die gleichgerichtete Ausstrahlung von Feinstoffen wie der Photographierte selbst. Wenn ich schreibe, so leitet der Federhalter

den von meinen Händen ausgestrahlten Feinstoff (Od) in die Tinte und so in die Schrift hinein. Die Schrift behält also die feinstoffliche Ausstrahlung des Schreibers so lange, wie die Schrift ihre Leserlichkeit behält. Ein Gegenstand, der von einer Person in

der Tasche oder auf dem Körper getragen worden ist, wird von den feinstofflichen

Ausstrahlungen des Trägers so durchsetzt und durchströmt, daß er die feinstofflichen

Ausstrahlungen noch lange Zeit behält. Bringe ich diese Gegenstände nun in meine Nähe – gleichviel ob sie verpackt, unsichtbar gemacht worden oder sichtbar sind – so

entsteht zwischen mir und dem Gegenstand eine Art magnetischer Induktion, die bei gleichzeitiger Konzentration auf das Ding bzw. dessen Inhalt eine Transformation zu einer inneren Vorstellung bewirkt und auf diese Weise im nichtüberlegenden Be- wußtseinszustand eine vollendete und plastische geistige Schau gewährt. Diese Art des Hellsehens sollte vor allem geübt werden, weil sie meistens sicherer und klarer ausfällt

als die auf sichtbare Dinge erzeugte. Die folgenden Beispiele aus eigener Erfahrungs- praxis werden das dem Strebenden erläutern.

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Hellsehen nach verschlossener Schrift.

Ich erhalte einen verschlossenen unbeschriebenen Briefumschlag, von dem ich nicht weiß, was er enthält. Ich entspanne mich, lege den Briefumschlag in die Gegend des Plexus solaris, atme und verharre mit geschlossenen Augen schweigend. Ich konzent- riere mich auf den Briefumschlag. Plötzlich sehe ich einen Brief mit genau kenntlicher Handschrift, dann sehe ich eine Person, ihre Bewegungen usw. Ich sage erst langsam, dann schneller werdend, aus: Ein Brief, steile, etwas unregelmäßige Schrift, doch groß geschrieben. Der Schreiber ist von Beruf Professor an einer technischen Hochschule. Architekt, hat einen etwas komisch wirkenden schlürfenden Gang, schleift mit dem einen Bein nach. Er trägt Harmonika-Hosen, breite Stiefel und nennt einen langen wallenden Bart sein eigen. Zuweilen bohrt er bedächtig in der Nase. Das tut er auch bei Vorlesungen. Er trägt Intellektuellen-Brille, hat kleinen Bauch, auf der Weste prangt eine dicke goldene Uhrkette. Aber ein sehr gemütlicher alter Herr. Auch beim Examen. Jovial, gerne einen Witz machend. Verlangt aber Beifall durch Lachen. Hat in der Ju- gend schwere Zeiten durchgemacht. Vater früh verloren. Mit 28 Jahren geheiratet, reiches Mädchen. Die Frau vor acht Jahren gestorben. Sein Sohn, ein Elegant, wohnt in Paris, verbraucht Vaters Geld gründlich. Der alte Professor geht gerne zum Abend- schoppen, trinkt Bier, ich sehe ihn vor einem großen Humpen sitzen. Ist sonst ein tüchtiger Mathematiker und vorzüglicher Architekt, hat jetzt einen großen Staats- bahnhof im Bau. Der Schädel ist breit, besitzt starken Intellekt. Er liebt Musik, beson- ders Wagner, philosophiert gerne. Liest auch Weiße Fahne. Religiöses Streben vor- handen, doch nicht stark ausgeprägt. Ehrlich, offen, wahr, im Sinnenleben beherrscht, das Ganze eine starke Persönlichkeit, suggestiv, freundlich, das Gute im Menschen suchend und voraussetzend. Ein durchaus sympatischer Mensch, Sanguiniker.

Meine Klarsieht hat das Richtige ergeben.

Ein anderes Beispiel!

In einer Gesellschaft von Freunden wurde mir ein neutraler, verschlossener Briefum- schlag übergeben. Nach Konzentration und Atmen sah ich eine blasse Schrift, die der meinen ähnelte (ich schreibe immer mit Bleistift). Dann erschaute ich einen Mann, der mir den Rücken zudrehte. Auf einmal wandte er den Kopf und ich sah mein eigenes Gesicht mir freund-

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lich und ermunternd zuwinken. Dann sah ich, wie mein Mund etwas sprach, ungefähr etwa »Sei doch nicht so dumm!« Ich sagte dann laut: Ich bin es selbst, es ist ein Brief von mir.

Es stimmte.

Hellsehen nach verschlossener Photographie.

Mir wird durch einen Freund ein verschlossener Briefumschlag überreicht. Den Inhalt kenne ich nicht. Nach Entspannung, Atmung, Konzentration, schweige ich längere Zeit, weil es mir nicht gelingt, das Vorstellungsbild einer Person zu erfassen. Jedesmal, wenn ich das eine Bild festzuhalten vermeinte, kommt ein anderes Gesicht dazwi- schen. Schließlich kommt die Erleuchtung und ich spreche: Eine Photographie, zwei Personen darstellend. Zwei Frauen, die blonde mit Bubikopf ungefähr 30 Jahre, die dunkle mit geflochtenem Haar 24 Jahre alt. Die Frauen sind Schwestern. Die Blonde klein und dick, die schwarze schlank. Die Blonde verheiratet, ich sehe Ehering am Finger, die Schwarze ledig, sie zeigt mir einen Siegelring mit rotem Stein. Die Blonde hat einen recht eigensüchtigen Charakter, außerordentlich triebhaft, egoistisch, geizig, eitel, hemmungslos, zudringlich, das Geltungsbedürfnis ist bei ihr stark entwickelt. Sie ist unwahr, falsch. Vor Verkehr mir ihr ist zu warnen. Die Dunkle ist fröhlicher Natur, etwas leichtsinnig, aber gutherzig, zu gutherzig. Sie trinkt gern Wein, raucht viel, ißt wenig. Kleidung sehr elegant, ist eitel, furchtsam, manchmal schnippisch, ohne tieferen Gehalt und ohne Suchen nach Verinnerlichung. Offen, ehrlich, manchmal zu ehrlich, insbesondere im Bekennen ihrer Triebe Männern gegenüber. Das Mädchen hat den Keim einer schweren Lungenkrankheit in sich. Man sollte sie warnen, sonst muß sie in 14 Monaten sterben.

In 14 Monaten starb sie.

Hellsehen eines verschlossenen Bildes.

Es wird mir eine in Papier gewickelte Rolle überreicht. Ich lege sie nach Entspannung und konzentrierter Einstellung auf die Stirn. Ich sage nach kurzer Zeit aus: Der Inhalt der Rolle stellt eine Zeichnung dar. Der Zeich-

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ner selbst ist gestorben vor ungefähr 30 Jahren. Er war ein Mann mit Knebelbart, graumeliert, trug Brille. War klein von Natur und untersetzt. Er hatte etwas knochige und knorplige Hände. Er war berühmter Maler und ebenso berühmter Bildhauer. Ich sehe sehr schöne Marmorbildnisse, aber auch schöne Gemälde, etwas eigenartig aller- dings. Der Mann war jähzornig, sehr ehrgeizig, konnte schroff werden, konnte zu Freunden aber auch sehr gemütlich sein. Außerordentlich offener, wahrheitsliebender Mensch. Er schwieg aber viel. Die Zeichnung, die ich auf dem Kopfe habe, stellt tan- zende Frauen dar. Es sind vier Frauen – oder auch fünf – ja, es sind fünf. Sie machen lachende Gesichter. Von einer kann ich das Gesicht nicht sehen. Er hat die Rückseite der Frau gemalt. Ich sehe den Maler wieder, er legt den Finger auf den Mund, ich soll nichts mehr sagen.

Wie es sich später herausstellte, handelte es sich um eine Zeichnung von Max Klinger.

Hellsehen nach einem verborgen getragenen Gegenstand.

Ich werde gefragt, ob ich versuchen wolle, einen verpackten Gegenstand hellzusehen und den Charakter des Trägers dieses Gegenstandes zu schildern. Als ich bejahte, gehen einige Personen ins Nebenzimmer, um den Gegenstand zu verpacken. Derwei- len entspanne ich mich, schließe die Augen, atme rhythmisch. Plötzlich sehe ich alles und spreche: Was Sie da verpacken, ist ein Amulett in Form eines grünschillernden Käfers mit goldenen Beinen. Es befindet sich eine goldene Kette daran. Das Amulett trägt außerdem auf der Innenseite eine indische Inschrift. Ich kann sie aber nicht lesen, sie ist sehr klein. Es wurde im Jahre 1629 von einem hinduistischen Gold- schmied angefertigt, von einem Kind getragen, das aber mit 12 Jahren starb. Dann lag es lange ungetragen. Im Jahre 1852 kam es nach Frankreich, wurde von einer schönen, jungen Frau getragen, 1870 erbte das Amulett ein Engländer, der es 1882 einer deut- schen Dame zum Geschenk machte. Nachdem diese 1911 gestorben, liegt das Amulett in diesem Hause in B. Die letzte Trägerin war, als sie das Amulett zum Geschenk er- hielt, ein Mädchen von 22 Jahren. Es hat viel Herzeleid durchgemacht, heiratete 1889 einen Pastor, bekam fünf Kinder, von denen vier starben. Die Dame

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wurde sehr krank und starb 1911 an Krebs. Sie war gutmütig, sehr religiös und fromm, immer opferbereit. An ihrem Sohn hatte sie Freude.

Die Angaben stimmten.

Hellsehen durch Hören von Schritten.

Man bittet mich, den Versuch zu machen, durch Hören von Schritten hellzusehen. Zwei Zimmer nebenan befindet sich die zu beurteilende Person, das Hören der Schritte wird durch das halbe öffnen der Zimmertüren bewerkstelligt. Ich bestimme, daß die betreffende Person, die ich nicht kenne, genau eine Minute im Zimmer auf- und abge- hen solle. Es tritt aufmerksames Schweigen ein; ich lege mich auf das Schlafsofa, ent- spanne mich, atme und lausche den Schritten konzentriert. Die Schritte haben aufge- hört, ich behalte den Klang mit scharfem Gedächtnis in den Ohren. Plötzlich sehe ich die Füße einer Dame schreiten, es dauert nicht lange, so entwickelt sich in meiner Vorstellung das Gesamtbild der Frau. Die Gedankenbilder überstürzen sich, so daß ich große Aufmerksamkeit anwenden muß, um alles klar zu schildern. Ich sage aus: Frau, 32 Jahre alt, hochgewachsen, blond, blaue Augen, mit traurigem Ausdruck im Gesicht. Das Antlitz weist edle Züge auf, aber auch Züge des Leids. Sie hat sehr viel durchge- macht, lebt von ihrem Manne geschieden, der sie betrogen und ihr beträchtliches Vermögen durchgebracht hat. Ihre kleinen Kinder sind ihr Trost. Sie trägt zur Zeit ein dunkelblaues Kleid mit Stickereien am Rock. Ihre Sinne sind zur Zeit sehr belastet, da sie blutarm ist und unter dem Druck der Verhältnisse nicht genügend Nahrungsein- nahme stattfindet. Sie ist sehr opferbereit, religiös, offen, ehrlich, schweigsam, weint oft heimlich. Hat Hemmungen, kann ihre Gefühle nicht so zum Ausdruck bringen, wie sie gerne möchte. Sie ist sehr anlehnungs- und liebebedürftig. Sie hat ein Herz voller Liebe und könnte einen Mann sehr glücklich machen. Sie soll den großen, blonden Mann, der ihr die Hand zum neuen Lebensbunde bietet, ruhig heiraten. Sie kann sehr glück- lich mit ihm werden. Sie wird in vier Monaten heiraten. Sie wird ein schönes Heim haben und noch einen Jungen und ein Mädchen bekommen.

Nach dem Experiment kam ein blonder Mann auf mich zu und drückte mir warm die Hand. Sie heiratete ihn nach vier Monaten und der Junge ist inzwischen angekommen.

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Der Backenzahn.

Man gibt mir ein Paket. Ich soll den Inhalt einer Charakterbeurteilung unterziehen. Nach der üblichen Entspannung und Konzentration sage ich aus: In dem Paket ist ein Zahn, ein Backenzahn. Zu ihm gehört ein länglicher Kinnbacken. Der Kinnbacken gehört zu einem Schwein, das in diesem Hause verspeist worden ist.

Das Lachen der Anwesenden bestätigte mir die Richtigkeit meiner Angaben.

Hellsehen von Geldstücken.

Ich werde in ein Zimmer geführt, in dessen Mitte ein mit einer Tischdecke bedeckter Tisch steht. Man bedeutete mir, ich möge hellsehen, was unter der Tischdecke liege. Ich entspanne mich, breitbeinig stehend, und projiziere meine Gedanken auf den Tisch: Für einen Augenblick schließe ich die Augen, dann sehe ich deutlich, was sich unter der Tischdecke befindet. Ich gebe an: Unter der Tischdecke befinden sich ein Einmarkstück, ein Zweimarkstück, ein Dreimarkstück, ein Zehnmarkschein, eine eng- lische Pfundnote, ein Hundertfrankenschein schweizerischer Währung und eine Kupfermünze von 5 Cents spanischen Geldes. Dann sage ich: die Kupfermünze liegt hier, das Einmarkstück dort usw. Jedesmal zeige ich über der Decke die genaue Lage des unter der Tischdecke liegenden Geldstückes.

Da meine Aussage das Richtige getroffen, wurde ich gebeten, noch einmal das Zimmer zu verlassen. Nach meinem Wiedereintritt sagte man mir, ich möge jetzt noch einmal hellsehen, was unter der Tischdecke sei. Ich hielt einen Augenblick lang meine Hände über die Tischdecke, dann sagte ich: Es hat sich nicht viel verändert. Die Münzen sind mit Ausnahme des Dreimarkstückes alle noch da. Und zwar liegt jetzt das Einmark- stück hier, das Zweimarkstück da, die Pfundnote dort usw. Wieder bezeichnete ich mit den Händen die genaue Lage des Geldes. Das Experiment war vollkommen gelungen.

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Wie sieht es jetzt bei mir zu Hause aus?

fragte mich ein Herr, der zufällig bei einem Experiment, das ich in einer mir bekannten Gesellschaft ausführte, etwas spöttisch. Da ich gar keine Ahnung hatte, wer der Herr war und auch nicht wußte, in welcher Stadt und welcher Straße er wohnte, konzent- rierte ich mich nach der üblichen Entspannung und Atmung auf das Unterbewußtsein des Betreffenden. Nachdem ich die Augen geschlossen hatte, sah ich eine schöne Villa in der Nähe einer schönen Stadt. Sie lag tief in einem Garten. Ich sagte aus: Ich sehe eine Villa aus grauem Sandstein. Sie liegt in einem Garten, in dem vor dem Hause ein sehr schönes Blumenbeet gepflanzt ist. Die Blumen haben rote und blaue Farbe. Der Eingang ins Haus liegt an der linken Seite. Die Tür steht offen. Es scheint aber niemand im Haus zu sein, denn es ist sehr still.

Als ich sagte, die Tür stehe offen, sprang der Herr erregt auf, fuchtelte mit den Händen in der Luft und rief, das könne nicht möglich sein. Seine Frau sei verreist, sein Personal sei in den Ferien, und nur der Gärtner passe auf die Wohnung auf. – Ich stellte mich nochmal ein, konzentrierte mich scharf, besah mir vor allem die Haustür. Sie stand weit offen. Ich sagte daher: Die Tür steht offen. Ich sehe es nicht anders. Aber ich werde jetzt in das Haus eintreten und nachsehen, ob was Besonderes vorgefallen ist. Vorn im Vestibül befinden sich zwei Klubsessel aus braunem Leder, ein runder Tisch, ein weißer Korbsessel. Ein Teppich steht aufgerollt in der Ecke vor einer Tür, die eben- falls offen steht. Das Zimmer, in das ich eintrete, ist ein Eßzimmer. Der Teppich ist dort ebenfalls aufgerollt. Er steht neben dem Büfett. Das Büfett ist gebraucht worden, die Schranktüren sind geöffnet. Überhaupt sieht es sehr unordentlich und wüst in dem Zimmer aus. Sämtliche Schubladen des Büfetts und auch des stummen Dieners sind aufgezogen. Alles liegt durcheinander. Tische und Stühle sind verrückt. Im Neben- zimmer sehe ich zwei elegant aussehende Männer stehen, sie packen mit Hilfe eines sehr bösartig aussehenden Mannes (karierte Mütze, rotes Gesicht, struppiges Haar, klein, untersetzt) Silberzeug in einen Korb. Mir scheint, Diebe sind eingedrungen in Ihr Haus, mein Herr.

Weitere Ausführungen wartete der Herr nicht ab. Er stürmte aus dem Zimmer. Am andern Tage erhielt ich die Nachricht, daß Diebe in die Wohnung des betreffenden Herrn gedrungen seien und alles Silberzeug hätten mitgehen heißen.

Meine Aussagen stimmten.

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Rechnen im nicht überlegenden Zustand.

Können Sie hellsehend rechnen? fragte man mich. Ich bejahe. Man bringt mir darauf eine Kolumne von 20 untereinanderstehenden zehnstelligen Zahlen. Ich präge mir das Gesamtbild der untereinanderstehenden Zahlen bzw. der Zahlenreihe ein. Dann schließe ich einen Augenblick lang die Augen, ergreife den Bleistift, ziehe einen Strich unter die Zahlenreihe und schreibe das Ergebnis sofort bedenkenlos hin.

Die Prüfung ergab die Richtigkeit meiner Schau. Es ist hierbei zu beachten, daß man unter keinen Umständen versuchen soll, wirklich zu rechnen. Sondern es gilt das Resultat zu sehen und dann sofort hinzuschreiben. Nur nicht überlegen, ob es auch wohl richtig sei! Denn dann kommt Unsinn heraus.

Mir wird darauf eine Wurzelrechnung vorgelegt. Es ist eine fünfte Wurzel zu ziehen. Man sagt mir, man habe das Resultat deswegen nicht jetzt schon ausgerechnet, damit mein sogenanntes Rechnen nicht ein Lesen im Unterbewußtsein würde. Ich entspanne mich, konzentriere mich, schließe die Augen und lese sofort das Resultat. Ich schreibe es hin. Nach langwierigem Ausrechnen mit der Logarithmentafel wird festgestellt, daß meine »Ausrechnung« stimmt.

Ich möchte hinzufügen, daß ich während meiner Schulzeit in Mathematik immer kaum genügend oder mangelhaft hatte.

Hellsehendes Zeichnen.

Man reicht mir in geschlossenem Briefumschlag eine Zeichnung (ich konnte immer gut zeichnen), mit der Bitte, sie hellsehend nachzuzeichnen. Ich entspanne mich, atme tief und lang, konzentriere mich ganz auf die im Umschlag liegende Zeichnung und sehe nach geraumer Zeit – es dauerte diesmal etwa eine Minute – eine kleine Land- schaft, die aber nicht gezeichnet, sondern gedruckt ist. Ich gebe dieser Schau Aus- druck, man bestätigt mir, daß ich richtig sähe. Ich setze mich hin und zeichne die von mir im Bewußtsein festgehaltene Landschaft auf. Es dauert etwa im ganzen eine Stunde, bis ich fertig bin.

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Ein Vergleich ergibt, daß die Zeichnung mit dem Druckbild in den Hauptlinien über- einstimmt. Kleinere Abweichungen bestehen in der Schattierung und in Bezug auf die Form des Waldes und eines im Hintergrunde befindlichen Höhenzuges. Das Experi- ment ist gelungen.

Hellsehendes Schreiben.

Eine Dame möchte wissen, was der Brief enthalte, den sie diesen Morgen vom Bräuti- gam erhalten habe. Als ich die Bitte ausspreche, sie möge mir den Brief in einem neut- ralen, geschlossenen Umschlag übergeben, fragte sie, ob es nicht möglich sei, die Wie- dergabe dieses Briefes so vorzunehmen. Der Brief sei in ihrer Tasche, die sie hier bei sich trage. Ich sage zu, es zu versuchen. Nach üblicher Entspannung und Konzentra- tion nehme ich ein Blatt Papier und schreibe schnell und leicht den gesamten Inhalt des Briefes hin, dessen Text ich deutlich, in der Handschrift des Mannes, vor mir ge- schrieben sehe. Ich brauche also nur abzuschreiben. Dazwischen taucht zuweilen das Bild des betreffenden Mannes vor mir auf, den ich der Dame während des Schreibens schildere. Aus der Schilderung erkennt sie ihren gewesenen- Bräutigam, denn sein

Brief ist ein Absagebrief.

Hellsehendes bezw. hellhörendes Sprechen fremder Sprachen

Ich spreche sieben Sprachen. Das bedeutet aber nicht, daß ich auch die Muttersprache aller lebenden Sprachen, das Sanskrit, spreche. Denn die ist schwer zu lernen. Wäh- rend einer mediumistischen Sitzung mit Fräulein S. als Medium, fing diese plötzlich an, Sanskrit zu sprechen. Und zwar sehr fließend und zuerst etwas zänkisch. Um sie zu beruhigen – sie war sehr aufgeregt –, konzentriere ich mich auf ihr Unterbewußtsein, und plötzlich höre ich und sehe ich, wie an der Wand geschrieben, zu gleicher Zeit die Antworten, die ich Fräulein S. erteilen kann. Es war gutes, fließendes Sanskrit. Ich versuche es, bewußt zu sprechen. Es klappt. Ich spreche fließend und geläufig Sanskrit, das ich nicht vollständig beherrsche. Das Merkwürdige war, daß ich kraft meines scharfen Gedächtnisses alles behielt, was ich gesprochen, während Fräulein S. nach dem Erwachen aus

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der Halbtrance gar nicht wußte, daß sie eine fremde Sprache gesprochen hatte. Ich habe die damals gesprochenen Sätze oft wiederholt und weiß sie auch heute noch. Ich kann sie also jedem, der es wünscht, wiederholen.

Hellsehende Kopfuhr zu jeder Tageszeit.

Nicht allein nachts, wo es viele können, wenn sie aus dem Schlaf geweckt werden, sage ich die genaue Tageszeit auf die Minute, sondern auch zu jeder Stunde des Tages. Ich konzentriere mich einfach einen Augenblick lang, schaue nach innen und spreche dann ohne irgendwelche Überlegung die Zeitangabe aus. Ich trage seit 25 Jahren keine Uhr, bin noch nie zu spät zum Zug gekommen und weiß auch immer, wieviel die Uhr geschlagen hat. Selbst im Urwald wußte ich stets die genaue Tageszeit. Ich schaute einfach in mich hinein. Dann wußte ich Bescheid. Vieltausendfache Prüfungen, die meine Mitmenschen mit mir in dieser Beziehung vornahmen, haben die Richtigkeit meiner Angaben bestätigt. Heute fragen meine Freunde, die mich genau kennen, mich nach der Tageszeit, wenn sie eilig sind oder zum Zug müssen. Sie wissen, daß ich die Bahnzeit immer genau »im Kopfe« habe.

Hellsehendes Lesen von Büchern.

Man legt ein Buch neben mich. Es ist ein Roman von Krischanowski. Ich habe ihn noch nicht gelesen. Ich werde gebeten, zu versuchen, ob es mir gelinge, einen Teil der Seite 152 zu lesen, ohne das Buch zu öffnen. Wieder entspanne im mich gründlich, mache einige Minuten lang rhythmische Atmungen und konzentriere mich auf die genannte Seite des neben mir liegenden Buches. Langsam erscheint vor meinem inne- ren Auge die Seite des Buchs, die ich konzentriert und mit aller mir zur Verfügung stehenden Aufmerksamkeit festhalte. Langsam und deutlich rückt die gedruckte Seite des Buches ins Licht und ich kann schon einige Buchstaben entziffern. Es dauert ziemlich lange, ehe ich es vermag, das erste Wort der Seite zu entziffern (ich schätze etwa eine Viertelstunde), doch ich lasse das Bild nicht los. Ich fange nun an, langsam zu lesen. Nach dem vierten oder fünften gelesenen Wort

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wird die Schrift in meinem Innern plötzlich klar, und rasch gelingt es mir, die Seite fließend zu lesen.

Das Experiment gelang.

Hellsehendes Lesen von Briefen.

Ein Herr bat mich, einen Brief zu lesen, der auf dem Schreibtisch liege, der im zweiten Zimmer entfernt von dem Zimmer, in dem ich saß, stehe. Er habe vor einer Stunde den Brief geschrieben. Nachdem ich gründliche Atemübungen vorgenommen, mich ent- spannt und ausgiebig konzentriert habe, erscheint vor meinem inneren Auge ein Schreiben. Ich fange an, es laut zu lesen. Es enthält eine geschäftliche Auseinanderset- zung mit einer bekannten Firma. Als ich fertig bin, schüttelt der Herr den Kopf und sagt, daß dies nicht der Brief sei, den er meine. Das Schreiben, das ich vorgelesen, sei vor einer Stunde zur Post gebracht worden. Trotzdem fühlte er sich bemüßigt, mich wegen meiner fabelhaften Tätigkeit des Hellsehens zu belobigen. Denn der von mir vorgelesene Brief entspreche tatsächlich dem Inhalt des Briefes, den er zur Post gege- ben habe. Ich stellte mich nochmals ein, sehe aber kein anderes Schreiben als das Vorgelesene. Ich sage dem Herrn, daß auf seinem Schreibtisch nur das geschäftliche Schreiben liege. Er eilt in das betreffende Zimmer, findet das geschäftliche Schreiben dort und ruft entsetzt aus: »Nun habe ich doch den Brief für meine Frau an die Firma geschickt!«

Hellseh-Diagnose bei Kranken.

Diese Art der Diagnose gebrauche ich seit vielen Jahren in meiner ausgedehnten Pra- xis und habe damit stets großen Erfolg. Kommt ein Kranker zu mir und klagt über Schmerzen usw., so bitte ich ihn, sich auf ein Liegesofa zu strecken. Ich entspanne mich dann gänzlich, atme einigemale und konzentriere mich auf das Unterbewußtsein des Kranken. Ich sehe dann während der inneren Schau genau die kranken Körper- teile, sehe ihre Anschwellungen und Verletzungen etc. Ich sehe sie vor mir, wie ich alles während der klaren Schau erblicke. Im völlig nichtüberlegenden Bewußt-

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seinszustand sage ich dann dem Kranken seine Leiden, ohne daß dieser sich auch nur einen Augenblick bezüglich der Schilderung seines krankhaften Zustandes zu bemü- hen braucht. Ich sehe auch genau, ob er operiert wird, sage ihm den Tag und die Stunde seiner Operation, sage ihm, wann er wieder aufstehen darf u.a.m. Aber auch die sonstigen Möglichkeiten der Heilung sage ich ihm. Unter diesen Arten der Heilung nimmt natürlich die Suggestion und der Magnetismus den ersten Platz ein. Will ich bei besonders schwer Erkrankten mir bezüglich der Krankheit noch ein Bild machen, so gebe ich mir den Gedanken: Ich bin der Kranke. – Ich tue dies im allgemeinen nicht gern deswegen, weil ich während des nun folgenden Bewußtseinszustandes genau die gleichen Schmerzen empfinde wie der Kranke. Ich habe aber auf diese Weise eine vorzügliche Selbstkontrolle meiner hellsehenden Diagnose. Ich kann dann dem Kran- ken genau sagen: Da und dort tut es Ihnen weh. Hier, wo Sie Schmerzen zu empfinden meinen, ist die Sache nur ein Reflex von einem weit entfernt liegenden Organ her. Aber ich habe auch die Möglichkeit zu kontrollieren,, ob der Kranke nicht die Wahrheit sagt, was besonders bei Hypochondern leicht vorkommt. So habe ich vor kurzem ei- nem Manne gesagt, der behauptete, Blinddarmreizung zu haben, daß er die Schmer- zen durch eine vernachlässigte Geschlechtskrankheit bekommen habe. Ich habe ihn dann, laut Gesetz, fortgeschickt zu einem Arzt, von dem ich wußte, daß er den Mann in die richtige naturgemäße Behandlungsweise nehmen würde. – Ich versage es mir, Sonderbeispiele für meine Hellsehdiagnosen hier anzuführen. Das Gesagte dürfte genügen, um dem Leser ein Bild von den Fähigkeiten zu geben, die der Hellsehschüler bewußter Art sich durch Übung erwerben kann.

Hellsehende Wetterprognose.

Meine Freunde wissen, daß ich das Wetter auf Wochen und Monate klar und richtig voraussage. Deshalb fragen sie mich stets, wann sie in die Ferien gehen sollen usw. Hierfür einige Beispiele.

Im Frühjahr 1929 ließ der Lenz lange auf sich warten. Eine meiner Bekannten (Guts- besitzerin) wartete sehr auf schönes Wetter. Erstens ihres Gesundheitszustandes, zweitens ihrer Saat wegen. Es war an einem Apriltage. Regen, Schnee und Hagel wech- selten in lieblicher Reihenfolge einander

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ab. Eiskalter Wind wehte. Ich wurde gefragt, wann es schönes Wetter gebe. Ich schloß die Augen für einen Augenblick, atmete tief und sagte ohne Überlegung: Am Samstag in einer Woche hört es auf zu regnen. Es wird einige Tage neblig sein. Am Dienstag in acht Tagen wird das Wetter glänzend schön sein. Es wird dazu eine angenehme Wär- mezeit eintreten. Dann ist der Frühling da.

Genau wie ich vorausgesagt, traf es ein.

Im Herbst 1926, nach einem sehr schlechten und nassen Sommer, fragte man mich, wann es wohl wieder einen guten Sommer geben würde. Ohne zu überlegen, antwor- tete ich nach kurzer Konzentration: Der Sommer 1927 wird feucht und kalt, erst im Sommer 1928 wird richtiger Sommer eintreten. Im Juli des Jahres 28 wird es vor Hitze kaum auszuhalten sein. Diejenigen, die dieser Aussage beiwohnten, werden sich beim Lesen dieser Zeilen erinnern.

Die Wetterprognosen werden so vorgenommen, daß der Hellseher sich auf Hellsehen und eventuell auch auf Hellhören zu gleicher Zeit einstellt. Er wird bei seiner Konzent- ration sich die Landschaft, in der er sich gerade befindet, mit schönem Wetter vorstel- len. Die Zeitangabe kann durch einfache Gedanken hochkommen. Diese werden dann überlegungslos sofort ausgesprochen. Es kann aber auch sein, daß seine innere Stimme sich meldet und er die Vorauskündigung des Wetters hört. Der Hellseher muß eben ganz konzentriert sein und aufpassen auf jeden Gedanken, jede Vorstellung, jedes Bild, jede Stimme.

Hellsehen von Erdbeben.

Wenn Erdbeben irgendwo auf der Erde stattfinden, erlebe ich sie fast immer mit. Die- ses Erleben geschieht bei mir spontan und ist zurückzuführen auf die durch Übung äußerst membranhaften Nerven. Ein Beispiel hierfür.

Ich sitze abends in einer recht fröhlichen Gesellschaft. Wir unterhalten uns über die verschiedensten Dinge, denken sicher nicht an Erdbeben. Plötzlich fühle ich in mei- nem Solarplexus ein leises Zittern. Ich kann es mir nicht sofort erklären, schließe die Augen, konzentriere mich auf das Geschehen. Sofort sehe ich einstürzende Häuser, fliehende Menschen, Feuer und Blitze

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in der Luft. Die Erde reißt, heißes Wasser schießt hoch. Ich bin sehr erschreckt und sage sofort laut: Es ist augenblicklich in größerer Entfernung von hier ein furchtbares Erdbeben. Es ist eine große Katastrophe. Meine Freunde ringen an zu lachen und meinten, ich habe Halluzinationen. Ich sagte: Bitte sehen Sie auf die Uhr. Es ist jetzt 11.35 Uhr abends. Merken Sie sich bitte die Zeit. – Am anderen Tage, nachmittags 4 Uhr, kam zwischen den Radioberichten folgende Meldung: Gestern abend um 11.35 Uhr registrierte der hiesige Seismograph ein sehr heftiges Erdbeben in einer Entfer- nung von ungefähr 3000 Kilometern.

Am anderen Tage berichteten die Zeitungen über ein heftiges Erdbeben, das in Chile stattgefunden habe. – So geschehen im Dezember 1927.

Vor einiger Zeit saß ich zu Tisch im Hause eines bekannten Gelehrten. Während der Mahlzeit spürte ich plötzlich wieder das zitternde Etwas im Solarplexus. Und weil ich gerade beim Essen war, wurde es mir regelrecht übel. Ich schloß die Augen und sah wieder brennende Häuser, einstürzende Gebäude usw. Nur war die Gegend eine an- dere. Am anderen Morgen wurde über ein Erdbeben berichtet, das in Japan stattge- funden und starke Verheerungen angerichtet hatte.

Auch Sturmfluten, Tornados und Taifune erlebe ich auf gleiche Weise mit.

Hellsehende Entdeckung von verlorenen, versteckten oder gestohlenen Gegenständen.

Mir wurde eine kleine Muschel gezeigt. Es wird mir bedeutet, sie würde versteckt. Ich möchte den betreffenden Ort ausfindig machen. Ich schließe die Augen, atme und konzentriere mich. Sofort tritt ein Bild ein, und noch ehe die Muschel an dem Ort des Versteckes untergebracht worden ist, sage ich: Sie brauchen sich nicht zu bemühen. Sie verstecken die Muschel im dritten Zimmer von hier aus in einer alten Schuh- schachtel, die dort auf dem Nußbaumkleiderschrank steht.

Es war richtig.

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Eine Nadel, blaufarben, sei in diesem Zimmer versteckt, so sagte man mir; ob ich den Ort bestimmen könne. Nach Entspannung, Atmung, Konzentration sehe ich eine dunkle Übergardine. Unten an der linken Seite, in der Nähe des dicht dabeistehenden Schreibtisches sehe ich sie stecken. Ich sage demgemäß aus. Man bestätigt mir, daß ich richtig gesehen.

Einer Dame war während des Spazierganges eine Schildpatthaarspange abhanden gekommen, die sie sehr vermißte. Um ihr zu helfen, konzentrierte ich mich auf diese Spange, die ich schon einmal an ihr gesehen hatte. Nach Ausübung der üblichen Vor- bedingungen gab ich an: Ich sehe die Haarspange eine Viertelstunde von hier entfernt an einer Mauer eines Hauses am Rhein liegen. Bitte gehen Sie von hier aus am Fluß entlang bis zum Hotel X., von dort aus führt ein schmaler Pfad rechts landeinwärts; vor der Mauer des zweiten Hauses, das dort steht, müssen Sie an derjenigen Stelle suchen, an der etwas Efeu über die Mauer hängt. Genau senkrecht darunter liegt die Spange auf der Erde.

Die Dame gelangte wieder in den Besitz ihrer Haarspange.

Einem mir gut bekannten Manne war ein Gartenschlauch gestohlen worden. Er kam zu mir und bat mich, ob ich ihm helfen wolle, den Schlauch wieder zu erhalten. Ich ging mit ihm an die Stelle, wo gewöhnlich der Schlauch aufbewahrt wurde, hielt meine Hände über das Gestell, wo er sonst hing, schloß die Augen und sah kurz darauf ein kleines Holzhaus, mitten im Garten liegend. Ich verfolgte nun den Weg von diesem Haus zurück bis an die Stelle, wo ich stand. Danach wußte ich, in welcher Himmels- richtung ich das Haus zu suchen hatte. Ich machte mich mit meinem Bekannten auf den Weg, es dauerte etwa eine halbe Stunde, als ich an der richtigen Stelle ankam. Alles war so, wie ich es gesehen. Wir gingen ruhig in den Garten, sahen einen Mann arbeiten und nicht weit davon erkannte mein Bekannter seinen Schlauch auf der Erde liegend. Mit den Worten: »Ach, Sie erlauben wohl«, hob mein Bekannter seinen Schlauch auf und trug ihn fort. Der im Garten arbeitende Mann erbleichte, faßte sich aber und ließ es ruhig geschehen. Er sah, daß er entdeckt war. Ich nahm meinem Be- kannten als einzige Belohnung für meine Mühewaltung das Versprechen ab, keine Anzeige zu erstatten.

Auch die Entdeckung von Quellen ist mir auf ähnliche Weise, wie vorher geschildert, also hellsehend, gelungen.

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Hellsehende Beobachtung von bekannten Personen.

Eine mir eng befreundete Dame fragte mich eines Sonntags, als ich sie besuchte: Bitte willst du mir sagen, wo meine Schwester L. zur Zeit ist und was sie tut. Ich entspannte mich gründlich und konzentrierte mich auf Fräulein L., die ich ebenfalls sehr gut kannte. Ich hatte also ihr Bild sehr schnell, doch fehlte mir noch die Umgebung, also der Ort, an dem sie sich befand. Mit dem inneren Festhalten des Bildes von Fräulein L. wurde auch allmählich deren Umgebung klar und deutlich. Ich erkannte bald die Stadt, in der sie sich befand, dann sah ich die Straße und das Haus, dann das Zimmer. Ich sagte dann schnell hintereinander aus: Fräulein L. befindet sich in Essen, zur Zeit D'straße Nr. X. Das Haus ist modern gebaut, hat hübschen Eingang, die Wohnung ist auf der zweiten Etage. Dort befindet sie sich gerade beim Mittagessen. Sie trägt ein braunes Kleid, das ihr gut zu Gesicht steht. Sie haben auf dem Tisch Hähnchen und Kompott stehen. Jetzt spricht sie mit einem Herrn, der an ihrer Seite sitzt. Er ist dunkel- haarig, hat braune Augen und ist der Gatte der Frau, die auf der anderen Seite des Tisches sitzt. Fräulein L. sitzt mit dem Rücken nach dem Fenster. Rechts von ihr steht ein Klavier in der Ecke des Zimmers, aber überquer gestellt. Schräg gegenüber in der anderen Ecke steht eine weiße Wiege, in der ein Kind liegt und schläft. Jetzt nimmt sich Fräulein L. vom Hähnchen etwas, dann Kartoffeln, der Herr neben ihr macht einen Witz, sie lacht. Sie essen, unterhalten sich lebhaft. Jetzt hält sie die Hand vor die Augen und betrachtet ein auf der Wand vor ihr hängendes Bild. Es wird sehr lebhaft um eine Sache diskutiert. Auch die andere Frau nimmt lebhaft an der Unterhaltung teil.

Nach einigen Stunden fragte mich meine Freundin nochmals, was jetzt ihre Schwester mache. Ich stellte nach Herbeiführung der Konzentration fest, daß sich Frl. L. auf der Straße befand, mit Pelzmantel und braunem Hut bekleidet. Neben ihr zur Linken schritt der Herr, zu ihrer Rechten ging die Frau. Es war im dichtesten Menschengewühl vor einem Theater. Ich sah sie ins Theater eintreten und Billets lösen. Alles dies teilte ich meiner Freundin mit.

Am anderen Tag traf sie mit ihrer Schwester zusammen. Es stellte sich heraus, daß meine Schau klar und richtig gewesen war.

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Schau in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Person.

Diese Schau ist das, was die meisten Menschen unter Hellsehen verstehen; sie ist leichter zu bewerkstelligen, als viele andere Dinge des bewußten Hellsehens.

Ein Herr kommt zu mir und bittet mich, ihm Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sagen. Ich sehe ihn einen Augenblick an, schließe die Augen, atme tief, dann sage ich: Ihre Jugend war unruhevoll, Sie haben schon als Kind Not leiden müssen. Ihr Vater war Trinker, er schlug Sie viel, und einmal, als Sie sieben Jahre waren, mißhan- delte er Sie furchtbar. Ihre Mutter haben Sie nicht gekannt, sie starb nach Ihrer Geburt. Mit acht Jahren bekamen Sie eine Stiefmutter, es ging Ihnen besser, sie wurden ruhi- ger, wurden auch besser gepflegt, besuchten das Gymnasium. Mit 12 Jahren blieben Sie in der Quarta sitzen. Es gab Krach, Sie kamen auf eine andere Schule mit Internat. Dort wurden Sie durch schlechte Kameraden zur Onanie verführt. Mit 20 Jahren be- standen Sie Ihr Abiturium, waren aber schon damals hypernervös. Sie besuchten die Universität, studierten Jura, wurden mit 23 Jahren hautkrank, machten eine schwere Kur durch. Vor zwei Jahren wurden Sie Beamter am Justizministerium. Vor 33 Wochen haben Sie einen Selbstmordversuch unternommen. Sie schnitten sich die Pulsadern auf. (Der Herr springt bleich auf und zeigt auf seine Narben an den Armen.) Gegenwärtig sind Sie ruhiger. Ihre Stellung ist gut. Sie werden Sie aber in acht Mona- ten aufgeben, um dem Ruf Ihrer inneren Stimme zu folgen. Sie werden nach Indien fahren und dort Erlösung suchen und finden. Sie kehren nach fünf Jahren zurück, werden sich dann ganz der Sache des Veda in Wort und Schrift widmen und geistig ein sehr hochstehender Mensch werden. Sie werden viele Bücher schreiben und Großes leisten. Sie werden ein Alter von weit über siebzig Jahren erreichen und immer ziemlich gesund bleiben.

So weit sich die Aussage kontrollieren ließ, stimmte alles.

Ich befand mich in einer Gesellschaft. Baronin Y., eine sehr bekannte Dame der Großen Welt, war meine Tischdame. Wir kamen im Laufe des Gesprächs allgemein auf das Thema des Hellsehens. Als Freifrau von J. von meinen Fähigkeiten erzählte, fragte Baronin Y. mich mit einem sar-

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kastischen Lächeln: »Nun, können Sie mir auch meine Vergangenheit und Zukunft sagen?« Ich antwortete: »Wenn Sie es wünschen, Baronin, sofort!«

»Bitte jetzt nicht, vielleicht nachher«, dabei glitt wieder das sarkastische Lächeln über ihr Gesicht.

Nach Tisch erzählte ich der Baronin ihre Vergangenheit bis ins einzelne. Sie lächelte

nicht mehr.

Hellsehende Beobachtung fremder Personen, auch auf weite Entfernung.

Einer meiner Freunde kommt zu mir und macht ein finsteres und nachdenkliches Gesicht. Nachdem ich ihn gefragt habe, was ihm fehlt, bekennt er mir, er mache sich Sorgen wegen seiner Braut. Sie sei in ihre Heimat gereist, habe seit Wochen nicht ge- schrieben. Er wisse nicht, was los sei und er bitte mich, wenn es mir möglich sei, doch einmal hellzusehen, was sie beginne. Ich bemerke hierzu, daß es an einem Sommer- abend war, als mein Freund mich besuchte. Ich sagte ihm zu, es zu versuchen, er dürfe es mir aber nicht übelnehmen, wenn ich alles sagen werde, was ich sehe. Ich stelle mich ein, indem ich mich ganz entspanne, eine Zeitlang rhythmisch atme, und kon- zentriere mich auf das Unterbewußtsein meines Freundes. Es dauert längere Zeit, ehe ich das erste greifbare, d. h. deutlich plastische Bild erblicke. Ich mache folgende Aus- sage: Ich sehe eine Straße, die lauter Einzelhäuser enthält. Diese sind umgeben von Gärten. Es sind sehr viele Heckenzäune da. Jetzt stehe ich vor einem Eckhaus aus roten Ziegeln und herüberhängendem Dach. Es scheint aber eine schöne Villa zu sein. Statt des Heckenzaunes umgibt dieses Haus ein schmiedeiserner Zaun. Vor dem Eingang des Hauses ist ein Blumenbeet. Von der Querstraße her kommt ein Mann geschritten, er hat eine grüne Jägerjoppe an, besitzt schmales, gesundes Gesicht, über der Lippe kleiner, gestutzter, blonder Schnurrbart. Er ist hochgewachsen. Er hält vor dem Eck- haus und pfeift leise. Er steht und wartet. Jetzt geht er hin und her. Die Tür vom Hause öffnet sich, heraus tritt ein Mädchen im Alter von etwa 22 Jahren. Sie hat bleiches, schönes Gesicht, dunkle Augen, dunkles

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Haar, die Flechten liegen seitwärts am Kopf. Sie ist von gutem Wuchs. Sie tritt aus dem Gartentor, begrüßt den Mann. Jetzt gehen die beiden die Straße hinunter. Sie beneh- men sich wie alte Bekannte. Er faßt sie unter. Ich befinde mich hinter ihnen und gehe ihnen nach. Jetzt biegen sie am Ende der Straße um eine Ecke. Sie gehen durch hüb- sche Anlagen, die mit Birken und Tannen bepflanzt sind. Am Ende der Anlagen steht eine Kirche mit einem dicken, vierkantigen Turm, der aber kein Dach hat. Sie gehen um die Kirche herum und befinden sich in einer Heide, auf der viel Erika, Birken, Tan- nen stehen, sie gehen zusammen einen schmalen Pfad, biegen nach links in einen anderen Weg, der zu einem Walde führt. Sie gehen jetzt sehr langsam, er hat den Arm um sie gelegt. Jetzt stehen sie still. Er küßt sie lange. Sie läßt es geschehen. Es dauert sehr lange, dieses Küssen. Sie gehen noch ein Stück weiter. Sie will die Arme, die sie umspannen, lösen. Er hält sie fest. Er küßt sie leidenschaftlich. Sie läßt es willenlos geschehen. Nein, jetzt küßt auch sie und schlingt die Arme um ihn.

Das Stöhnen meines Freundes läßt mich meine Tätigkeit unterbrechen. Ich bedaure schon, alles offen gesagt zu haben. Wir sitzen eine Viertelstunde im Schweigen. Dann fragt er wieder: Wo sind sie jetzt! Ich stelle mich ein. Ich antworte: Sie sitzen beide auf einer Bank in den Anlagen, halten einander die Hände. Ich sehe genau, der Mann ist eine Jugendbekanntschaft Ihrer Braut. Sie erheben sich und gehen langsam, miteinan- der sprechend, dem Hause zu. Sie verabschieden sich kurz, sie geht ins Haus, er winkt noch und geht die Straße hinauf. Sie tritt in den Hausflur, öffnet die zur Linken lie- gende Tür. Es ist ein Wohnzimmer. Tisch in der Mitte, zwei Sessel zur Seite, viel Bilder an den Wänden, Bücherschrank dunkel eichen, ebenfalls die Stühle. Eine ältere Frau sitzt am Tisch, handarbeitend. Sie spricht jetzt mit dem Mädchen. Dieses setzt sich ebenfalls an den Tisch, nimmt ein Buch zur Hand und liest.

Mein Freund hat nach der Rückkehr seiner Braut ihr alles auf den Kopf zugesagt. Sie war völlig konsterniert, sprach von Spionage und derartigen Dingen, gab aber alles zu. Es kam dann aber nach sehr großer seelischer Zerknirschung eine Versöhnung zu- stande. Sie macht aber um den »Hellseher« einen großen Bogen und hat einen heil- losen Respekt vor ihm.

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Ich könnte noch viele Beispiele ähnlicher Hellseh-Experimente anführen, so u. a. die Beobachtung mir völlig fremder Personen in Amerika, Buenos Aires, Rio und anderen

Ländern. Aber es würde zu weit führen. Wichtig bei diesen Experimenten ist die Tatsa- che, daß mir das Unterbewußtsein der bei mir anwesenden Person oder ein verschlos- senes Schreiben der zu beobachtenden Person als radioartiger Empfänger dient.

Das Erschauen von Wesenheiten Verstorbener bei mediumistischen Sitzungen

vermag ich ebenfalls auf die gleiche Art zu vollbringen. Bei dieser Gelegenheit tritt der eigenartige Umstand ein, daß ich diese Wesenheiten nicht nur innerlich, sondern auch mit meinen leibhaftigen Augen sehe. Es vollzieht sich in den Sitzungen wahrscheinlich

eine Projektion vom inneren zum äußeren Bild. Oder aber die feinnervigen, durch lange Übung geschärften Augen sehen die tatsächlich fluidale Wesenheit genau so, wie sie

die magnetischen Strahlen und die Aura des Menschen

erblicken. Ich bin mir selbst über diesen Vorgang noch nicht ganz klar, und es wird wohl noch längerer exakter Selbstbeobachtung bedürfen, ehe darüber Abschließendes gesagt werden kann.

Zum Schlusse dieser Schrift möchte ich aber noch auf eine Art des Hellsehens hinwei- sen, das auf

Hervorrufung höherer Bewußtseinszustände

zurückzuführen ist und das nur durch streng durchgeführte

verwirklicht werden kann.

Yoga-Praxis

Dieses Hellsehen ist heiliger Natur und gewährt ein Schauen in höhere Welten; es ist eine Klarschau überaus glückhaften, von heiligem Brausen des

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Höheren Selbstes durchfluteten Seins. Der Blick in das Jenseits, die hohe Verklärung gotterfüllten Daseins wird in uns zur vollkommenen Wirklichkeit Wir werden in die höchsten Ebenen des Bewußtseins emporgehoben und in der '

schweigenden Versenkung

des Yoga finden wir Den, der in uns wohnt und der der feste Grund unseres ewigen Lebens ist, den

Christus,

der sich in uns klar und rein offenbart. So wie der große, heilige Meister und Herr, Jesus, den Christus in sich vervollkommnete bis zur völligen Einswerdung mit der Gottheit, so können auch wir eins werden mit Ihm, der in uns wirkt und lebt und schafft:

Gott!

Wenn wir diesen Zustand des höchsten Bewußtseins erreichen so wird das Wort Wahrheit:

Eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.

Und das andere:

Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!