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Friedensreich Hundertwasser und die Permakultur

von Christian Skiba

Friedensreich Hundertwasser und die Permakultur von Christian Skiba Wer kennt es nicht - das Hundertwasserhaus in

Wer kennt es nicht - das Hundertwasserhaus in Wien? Über meinem Schreibtisch hängt sein einigen Jahren, seit einem Besuch desselben, ein Foto dieses Hauses in der Löwengasse. Ein Kuriosum für die Einen, ein Sauerstofflieferant für die Anderen und ein Ärgernis für Menschen, die bei Bäumen nur an das fallende Herbstlaub denken. Ebenso vielschichtig wie Hundertwasser und seine Werke wird sicher auch die Permakultur-Bewegung beurteilt - hier haben wir schon eine erste Gemeinsamkeit. In diesem Artikel soll der Frage nachgegangen werden, welche Bedeutung die Architektur des Künstlers Friedensreich Hundertwasser für die städtische Permakultur haben kann.

Neben seinen Gemälden ist Friedensreich Hundertwasser vor allem durch seine farbenfrohen, verspielt wirkenden, mit Kuppeln und Türmen versehenen Bauwerke bekannt, die häufig asymmetrisch gestaltet sind und ungewöhnliche Formen aufweisen. Auch Pflanzen, Bäume und Sträucher, sind ein wesentlicher Bestandteil seiner architektonischen Planungen. Zwar sind begrünte Fassaden und Dachgärten nichts Neues im Stadtbild - wenn auch nicht unbedingt weit verbreitet -, doch er integriert sie zahlreich und voluminös, wodurch sie nicht mehr nur schmückendes Beiwerk sind, sondern beinahe das Gebäude optisch dominieren. Es scheint fast, als holten sie ein Stück Wald in die Stadt.

Doch was bedeuten diese Gebäude für die Permakultur? Ein wesentlicher Gedanke der Permakultur war ursprünglich die Selbstversorgung mit Lebensmitteln. Und auch heute noch ist dies ein wesentlicher Bestandteil fast aller permakulturellen Freiflächenplanungen. Der Grund dafür ist einfach: Nahrung ist lebensnotwendig und eine ganzheitliche Planung, die dauerhafte Lebensräume für Mensch und Tier schaffen will, muss sich auch

mit deren Bedürfnissen befassen. Darüber hinaus sensibilisiert der Anbau eigener Nahrungspflanzen für die Abhängigkeit von der Bodenfruchtbarkeit und von der Funktionsfähigkeit natürlicher Vorgänge und lässt Menschen auch die Jahreszeiten bewusster wahrnehmen.

Wer aber jemals für eine städtische Freifläche, sei es ein Balkon oder ein Dachgarten ein Permakultur- Design erstellt hat, weiß, wie oft man an die Grenzen des Möglichen stößt. Auch durch "zeitliches und räumliches Stapeln", d.h. durch Kombination verschiedener Wachstumsphasen und -höhen sowie durch intensive und optimierte Mischkulturen - die Fläche eines durchschnittlichen Balkons, bleibt meist weit hinter den Wünschen seiner Nutzer zurück.

Und hier beginnt meines Erachtens Hundertwassers Vorbildfunktion für eine permakulturelle Stadtgestaltung. Zwar geht es ihm bei der Auswahl seiner Begrünung nicht in erster Linie um essbare Pflanzen, aber dadurch, dass die Vegetation ein wichtiger Bestandteil seiner Bauwerke ist, werden deren Ansprüche in einer Weise berücksichtigt, die die konventionelle Stadtplanung ebenso wie die ökologische weit in den Schatten stellt.

Seine Gebäude zeigen, dass man sich nicht damit begnügen muss herkömmliche Häuser nachträglich zu verbessern, sondern dass es möglich ist, Häuser zu bauen, die alle Grenzen und vermeintlichen Zwänge konventioneller "Baukunst" sprengen.

Hundertwassers unkonventionelle Planung, die ihm als Künstler sicher leicht gefallen ist, schafft Gebäude, die weitgehend an die ökologischen und emotionalen Bedürfnisse ihrer Bewohner angepasst sind, im Gegensatz z. B. zu den Plattenbauten, denen sich der Mensch unterordnen musste. Hundertwassers Devise war: "Die Architektur muss den Menschen erhöhen und nicht erniedrigen". Übertragen auf die Permakultur bedeutet dass, z. B. einen Balkon zu bauen, bei dem man nicht aus Gründen der Statik Styropor unter die Erde mischen muss, um das Gewicht der Pflanzkästen zu verringern, sondern ein Balkon, der auch Bäumen einen Lebensraum bietet. Stellen wir uns eine Balkonbrüstung vor, die als 50 cm breites und stellenweise 80 cm tiefes Beet gestaltet ist. Bei einer Länge von 8 m ergeben sich so 4 m² Anbaufläche, auf der etliche Salate, Tomaten, Gurken, Stangenbohnen, Erdbeeren und vieles andere geerntet werden können. Sogar kleine Obstbäume finden hier ihren Platz. Oder Flachdächer, deren Statik eine 40 cm mächtige Erdschicht erlaubt. Hier haben wir dann eine Anbaufläche, die der Größe mehrerer Schrebergärten entspricht.

Aber auch weitere Aspekte können bei vorausschauender Planung optimal verwirklicht werden. Wie z. B. die Regenwassersammlung für die Bewässerung der Balkonbeete, Küchenabfall-Kompostierung, kletternde Nutzpflanzen in Fassadenbeeten, die auch hohe Häuser bis zum Dach begrünen usw. All das ist wesentlich leichter zu erreichen, wenn die Gebäude auf diese Nutzungsziele hin gebaut werden.

Hundertwassers Beispiele machen Mut z. B. auch so etwas vermeintlich Ungeheuerliches wie Komposttoiletten im Geschoßwohnungsbau in Erwägung zu ziehen. Diese Form der "Abfallbeseitigung" lässt sich in bestehenden Gebäuden schlecht verwirklichen, ist aber realisierbar, wenn sie bereits beim Bau berücksichtigt wird. Das alles ist nur möglich, wenn man sich von den üblichen Strukturen und ihren Einschränkungen löst und ohne Rücksicht auf Konventionen allein auf das Ziel gerichtet plant.

Ein weiterer Aspekt sind die sozialen Möglichkeiten die diese Gebäude bieten können. Gemäß dem Permakultur-Ziel "care for people" werden hier ansprechende Gemeinschaftsfreiflächen integriert, die nicht nur den gemeinsamen Aufenthalt sondern auch das gemeinsame Arbeiten und Gestalten ermöglichen. Auch der gegenseitige Austausch selbst erzeugter Produkte gehört dazu.

Dadurch, dass Hundertwasser seine Grünflächen meist nicht nur direkt einer einzelnen Wohnung zuordnet, sondern durchgängige "Grüngürtel" vorsieht, werden Verbindungen zwischen mehreren Wohneinheiten und deren Bewohner geschaffen und die durch ihre Größe auch mehr Nutzungsmöglichkeiten bieten. Diese Flächen tragen deshalb nicht nur dazu bei sich kennen zu lernen, sondern auch einander verbunden zu bleiben und nicht nur neben- sondern miteinander zu leben. Eine Eigenschaft, die in den Städten meist schon verloren gegangen ist.

Das Permakultur-Prinzip "Nutzung des Vorhandenen" lässt sich scheinbar durch den Neubau von optimierten Gebäuden nicht verwirklichen. Aber bei der Verwendung von Altmaterialien beim Bau, wie es Hundertwasser propagierte, wird es doch realisiert. Hierdurch werden nicht nur Kosten sondern auch große Energie- und Rohstoffmengen für die Herstellung der Baustoffe eingespart. Außerdem lassen sich durch "Recycling-Höfe", die solches Material sammeln und zur Verfügung stellen, auch wieder regionale Arbeitsplätze schaffen.

Ein Ziel einer permakulturellen Stadtplanung muss es sein Wohnungen und Gebäude als kleine, sich teilweise selbst versorgende Einheiten zu gestalten, die ihren ökologischen Fußabdruck in Bezug auf Ressourcenverbrauch und Abfall verringern, den die Städte und ihre Bewohner im Allgemeinen hinterlassen. Sie müssen so attraktiv konstruiert werden, dass sie imagemäßig auch mit den ökologisch schlechter abschneidenden Einfamilienhäusern am Stadtrand konkurrieren können. Solchermaßen durchgrünte Städte haben auch ein wesentlich besseres Stadtklima, eine verringerte Schadstoff- und Staubbelastung und sauerstoffreichere Luft. Und schöner und lebenswerter sind sie sowieso.

Halt, Stop, höre ich da, das ist doch Utopie, man kann doch die bestehenden Städte nicht abreißen und neue bauen. Doch kann man! Und das wird auch ständig getan, wenn auch immer nur in kleinen Stücken und über einen längeren Zeitraum (wobei leider die nachfolgenden Gebäude in der Regel immer etwas hässlicher und im Sinne der Permakultur oft untauglicher sind), aber nach und nach wird die Bausubstanz aller Städte erneuert. In den USA, wo immer schon in größeren Maßstäben gedacht und gehandelt wird (nicht unbedingt immer im positiven Sinne), werden auch schon mal ganze Stadtviertel dem Erdboden gleich gemacht und neu erbaut (1). Auch in der Natur gibt es dieses Phänomen des immerwährenden Kreislaufes, sogar in Lebensräumen, die als Endstufen der pflanzlichen Entwicklung gelten, wie z. B. die Buchenwälder. Hier beschreibt das so genannte Mosaikzykluskonzept, wie sich auch solche Biotope sukzessiv runderneuern:

In einem geschlossenen und dichten Buchenwald fällt eines Tages ein altes Exemplar um und reißt im Fallen noch einige mit sich. Durch die so entstandene Lücke werden weitere Buchen unvermittelt der Sonne ausgesetzt. Das wird von Buchen nicht gut vertragen. Sie bekommen "Sonnenbrand", die Rinde wird geschädigt, holzabbauende Organismen bekommen ihre Chance und der Baum stirbt. Das kann noch einige weitere Baumreihen betreffen, bis der Vorgang durch wieder waldtypischere Lichtverhältnisse gestoppt wird. Auf der entstandenen Lichtung wiederholt sich nun die Entwicklung. Gräser und Kräuter, dankbar für die guten Lebensverhältnisse, besiedeln die Fläche für einige Jahre, bis sie verdrängt werden von den ersten Pioniersträuchern und -bäumen, den Ebereschen, Birken, Traubenkirschen und anderen. Bis sich schließlich an der Stelle wieder ein Buchenwald etabliert. Das heißt, langfristig erneuert sich dieses Biotop immer wieder. Warum sollen unsere Städte das nicht auch können? Nötig ist dazu nur, entstandene Baulücken mit den neuartigen, permakulturell optimierten Häusern oder Freiflächen zu schließen.

Ein weiteres Gegenargument sind die Kosten. Wahrscheinlich wird ein Hundertwasser-Permakultur- Gebäude in der Erstellung teurer als ein herkömmliches Bauwerk. Die stabilere Bauweise, die zahlreichen funktionellen Neuerungen und die Individualität der Gebäude fordern ihren Tribut, wobei durch Recyclingmaterialien auch Kosten eingespart werden können (Fußnote: interessanterweise lässt Hundertwasser die höheren Kosten nicht uneingeschränkt gelten. Er weist auf verminderte Kosten hin,

die dadurch entstehen, dass jeder Bauarbeiter "bewusst oder unbewusst passive Resistenz gegen das

Fließbandarbeiten" entwickelt

...

Dagegen komplizierte Hausbauten, wo den Arbeitern viel Kreativität

und Detailentscheidungen abverlangt werden, rascher vorangehen. Ganz einfach, weil das

Menschtum, die Kreativität des Arbeiters gefordert wird und er sich mit dem Bau

identifiziert. ...

Dieses

positive Arbeitsklima schlägt sich natürlich auf den Bau nieder: optisch, qualitätsmäßig, gefühlsmäßig, zeitlich, finanziell, und man wundert sich, wieso der Bau so eine gute Ausstrahlung hat." (2) Aber man darf wie bei allen ökologischen Bewertungen nicht nur die direkten Kosten sehen, sondern muss auch nach dem Nutzen und den verringerten Folgekosten fragen. So können optimierte Gebäude Hochwasserkosten verringern, Wasser, Abwasser und Heizkosten sparen und auch Lebensqualität steigern und damit Krankheitskosten und Kriminalitätsraten senken. Vielleicht können diese Gebäude auch finanzielle Förderungen als Muster- oder Forschungsobjekte erhalten und außerdem: kann man in solche Baulichkeiten nicht sinnvoll Gelder aus den diversen Konjunkturpakten fließen lassen? Und nützlicher als die Abwrackprämie für Autos sind sie allemal. In diesem Zusammenhang: wie wäre es mit Abwrackprämien für schlecht geplante Häuser?

Im Hinblick auf unsere permakulturelle Zukunft bleibt noch die Frage: Lässt sich eine Stadt aus lauter Hundertwasserhäusern überhaupt ertragen? Doch auch hier greift ein ökologisches Prinzip: Die "Unregelmäßigkeit in der Regelmäßigkeit", wie der Biokybernetiker Frederic Vester es nannte (3). Ein Wald besteht aus vielen Grünbelaubten Bäumen, aber die Vielzahl der Grüntöne, die Andersartigkeit des Wuchses, die Form des Stammes und der Blätter lassen beim Betrachter keine Langeweile oder Überdruss aufkommen. Wichtig ist das biologische Design, die organische Formenvielfalt aufzugreifen und nicht nur mit dem Lineal nach altem Muster zu planen. Natürlich muss nicht jedes Haus einen Turm mit goldener Kuppel haben oder bunt gestrichen sein. Und auch für den Bewuchs gibt es zahlreiche Varianten, die die Vorlieben und Ziele der Bewohner und die Anforderungen des Standortes widerspiegeln. Außerdem würde der Stadt-Umbau über einen längeren Zeitraum erfolgen, sodass ein Gewöhnungseffekt zu erwarten ist.

Hundertwassers Bauwerke sind damit ein Aspekt, mit dem Städte zu permakulturellen Lebensräumen umgestaltet werden können. Weitere Mosaiksteine auf dem Weg zu einer "PermaCity", auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, sind z. B. das "shared space"-Konzept für eine neue Verkehrsphilosophie (4), das ZERI-Konzept für die "Abfallbeseitigung" (5), und die Schaffung kleiner im regionalen und lokalen Maßstab arbeitende Betriebe, in der die Mitarbeiter wichtiger sind als die Aktionäre (6).

Wie können die Ideen Hundertwassers fruchtbringend umgesetzt werden? Welche realistischen Möglichkeiten bestehen hier? Für Bauträger und Architekten gilt es, seine Häuser nicht nur als Kunstwerke zu sehen, sondern als nachahmenswerte, ökologisch und stadtplanerisch wertvolle Vorbilder zu betrachten, die eine große Verbreitung verdienen. Auch sind diese aufgerufen ihre Scheuklappen abzulegen und sich in Bezug auf Materialien, Formen und Funktionen auf die Vorbilder in der Natur einzulassen. Die Bauten Hundertwasser beweisen aber auch, dass man nicht unbedingt Architekt oder Stadtplaner sein muss, um wichtige Anregungen für den Städtebau zu liefern. Für alle Permakultur-Designer und -Praktiker können Hundertwasser Gebäude ein Anreiz sein, auch utopisch scheinende Lösungen nicht gleich zu verwerfen, sondern sich immer die Vision einer Welt vor

Augen zu halten, in der Permakultur die Grundlage menschlichen Handelns ist und mit zu helfen, diese Vision zu mit Leben zu füllen.

Hundertwassers „Friedensvertrag mit der Natur“ und Ihre Gegenstücke in der Permakultur

Hundertwasser

Permakultur

Wir müssen die Sprache der Natur lernen, um uns mit ihr verständigen zu können

Muster erkennen, Mustersprache

Wir müssen der Natur Territorien zurückgeben, die uns widerrechtlich angeeignet und verwüstet haben

Zone 5

Toleranz der Spontanvegetation

Nutzung des Vorhandenen, Zone 5, das Problem ist die Lösung

Die Schöpfung des Menschen und die Schöpfung der Natur müssen wiedervereinigt werden. Die Entzweiung dieser Schöpfungen hatte katastrophale Folgen für die Natur und den Menschen

care for the earth

Leben in Harmonie mit den Gesetzen der Natur

„Landwirtschaft in Harmonie mit der Natur“

Wir sind nur Gast der Natur und müssen uns dementsprechend verhalten. Der Mensch ist das gefährlichste Ungeziefer, das je die Erde verwüstet hat. Der Mensch muss sich selbst in seine ökologischen Schranken zurückverweisen, damit die Erde sich regenerieren kann

care for the earth

Die menschliche Gesellschaft muss wieder eine abfalllose Gesellschaft werden. Der nur der, der seinen eigenen Abfall ehrt und wiederverwertet in einer abfalllosen Gesellschaft, wandelt Tod in Leben um und hat das Recht, auf dieser Erde fortzubestehen. Dadurch, dass er den Kreislauf respektiert und die Wiedergeburt des Leben geschehen lässt."

sich selbst erhaltende Systeme und Kreisläufe schaffen

Fußnoten (1) Brake, Klaus: Phönix in der Asche - New York verändert seine Stadtstruktur Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg, 1988. Download:

http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/bisverlag/brapho88/brapho88.html

(2) Hundertwasser, Friedensreich: Für ein natur- und menschengerechteres Bauen - Hundertwasser- Architektur, Köln: Benedikt Taschen Verlag, 1996 (3) Vester, Frederic: Ballungsgebiete in der Krise. München: dtv, 1992 (4) s. z. B. http://www.mobilitaet21.de/stadt-und-ballungsraum/fuss-und-radverkehr.html

http://www.arge-erneuerbare-energien.de/12.html

(5) Pauli, Gunter: Upcycling, 1999 Riemann Verlag (6) Seymour, John: Friedliches Land - Grünes Leben. Ravensburg: Otto Maier, 1980

Weiterführende Links und Literatur http://www.hundertwasserhaus.info/ http://www.hundertwasser.at/ http://www.frederic-vester.de/ http://www.zeri-germany.de/