Wolff Rump

E-Zigarette
Kurzgeschichten-Anthologie

Impressum: Copyright © 2014 by Wolff Rump Media, Bonn

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Die Handlung der Geschichte sowie alle handelnden Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen wären zufällig und völlig unbeabsichtigt. Unternehmen und Produkte sowie Örtlichkeiten sind entweder fiktional oder werden in einem ausschließlich fiktionalen Zusammenhang verwendet.

Cover-Design: Wolff Rump

Über den Autor: Wolff Rump ist Verfasser von Romanen und Kurzgeschichten unterschiedlicher Genres, u. a. nominiert für den Agatha-Christie-Krimipreis des Fischer Taschenbuch Verlags, weitere Nominierungen und Literaturpreise.

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Inhaltsbeschreibung:

Zehn Kurzgeschichten mit der richtigen Mischung aus den Genres Humor und Drama. Ideal für die (Zigaretten-) Pause zwischendurch oder den Weg zur Arbeit.

Inhaltsverzeichnis:

Der Sarg der unbegrenzten Möglichkeiten (Drama) Koma (Humorvoller Krimi) Die Zukunft ist rund (Humor) Zungenkuss (Humor) Go West! (Humor) Vom Schein und Sein (Humor) Der Mondscheinschwimmer (Humor) Was ich Dir schon immer sagen wollte (Drama) Die Winkerkrabbe – ein GPS-Abenteuer (Humor) Mia und die Wolke (Kindergeschichte)

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Der Sarg der unbegrenzten Möglichkeiten (Drama)

Samstagabend, 20. Oktober, Santa Monica Bay

Vor mir liegt ein umgekippter Weihnachtsbaum in vollem Ornat. Achtlos abgelegt auf einer riesigen Müllkippe am Meer. Er duftet nicht nach Tannengrün. Er ist verqualmt wie eine russische Bahnhofskneipe. Der Baum trägt Scheinwerfer als Kerzen, das Lametta windet sich zehnspurig um seinen ausufernden Leib und auf seinen Ästen hocken Legale und Illegale. Sie schmücken sich mit

Christbaumschmuck wie Jacketkronen und Gummititten, schnippeln und spritzen, schlucken und kotzen. Und warten. Worauf? GODOT.

Denke ich an Los Angeles in der Nacht, dann – reihere ich über die Reling. Ideale Voraussetzungen für einen Reiseschriftsteller, der an einem Band über die amerikanische Westküste arbeitet. Dabei hatte ich es fast geschafft. Mein Kurzbesuch in San Diego lag mir noch im Magen und meine Sim-Card auf dem Grund des Pazifiks, als das Fax losratterte. Mein Verleger, Ron. Letztes Jahr hatte ich versucht, dem Sklaventreiber einen Spanienführer ohne Mallorca

unterzuschieben. Seither ist er misstrauisch. Und hat an Bord einen GPS-Tracker nebst Satellitenkommunikation installieren lassen. Sonst wäre ich schon in Mexiko. Wohin ich bereits unterwegs war. Was ihm nicht entgangen ist. Eine Böe reißt mir Rons Fax aus der Hand. Lässt das Blatt auf den Ölschlieren tanzen. Aber den Text kenne ich auswendig. Leider. ‚Wenn Papier eines Tages knapp werden sollte, wird man sich Deiner vielleicht erinnern und Deine Lyrikbände als Kaminanzünder verkaufen. Außer mir gibt es keinen Verleger, der großmütig genug ist, Dein literarisches Rizinus an unter geistiger Verstopfung leidende frühpensionierte Lehrerrinnen zu vertreiben. Als Gegenleistung erwarte ich das fertige Manuskript für das Reisebuch INKLUSIVE LOS ANGELES spätestens in einem Monat. Ich will Stars, Sex, Leidenschaft und Verrat!’
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Ich werfe einen letzten Blick auf den Tannenbaum. Das illuminierte HollywoodSign, der einhundertsiebenunddreißig Meter lange Sheriffstern der

postliterarischen Kultur, bleibt mir aus dieser Entfernung erspart. Dafür blasen mir die Santa Ana Winde ihren beißenden Rauch entgegen. Das Pfefferspray einer Gigantin gegen einen Reiseschriftsteller mit Vorurteilen. Zu gerne würde ich mich vertreiben lassen. Da ich zu abgebrannt bin, um die Liegegebühren in einem der exklusiven Yachthäfen von LA bezahlen zu können, nehme ich Kurs auf Malibu, das Potsdam von Los Angeles. Ich segle parallel zum Pacific Coast Highway nach Westen. Die Küstenlinie ist durch die Scheinwerferschlange der Autos leicht auszumachen. Auf dem winzigen Strandstreifen zwischen dem Highway und dem Pazifik stehen hunderte Beachhäuser wie Klaviertasten dicht aneinandergereiht. Die Villa des Musikproduzenten David Geffen sticht heraus. Er muss unter einer schweren Sandphobie leiden. Er hat sein im Stil eines Fußballstadions ausgeleuchtetes Strandhaus großflächig mit Rollrasen umgeben. Ein frisches grünes Utopia in der Wüste. Ich passiere die Touristen-Honigfalle Malibu Pier weiträumig, um nicht auf Grund zu laufen. Wenig später weist ein penetranter Fäulnisgestank darauf hin, dass das schwarze Loch im Pacific Coast Highway an Steuerbord die Malibu Lagoon sein muss. Gleich hinter dem müffelnden Feuchtbiotop schließt sich die teuerste Kleingartensiedlung der Welt an, die Malibu Colony. Mein Jagdrevier. Big Shots wie Sting, John McEnroe oder Tom Hanks haben ihre Strandhäuser in dieser bewachten Enclave. Eine größere Stardichte als hier findet sich im gesamten LA County nicht. Vielleicht mit Ausnahme der Entzugskliniken. Und wenn ich diesen Job nicht schnellstens hinter mich bringe, werde ich unweigerlich auch dort landen. Ich wende den Bug in den Wind, lasse den Anker fallen und dann mich auf meinen Liegestuhl in der Plicht. Die Santa Ana Winde pfeifen in den Wanten und lassen die alte MahagoniKetsch im Seegang rollen. Die Luft ist heiß und trocken. Ich fühle mich wie eine Dörrpflaume. Ich sehe zu den Santa Monica Mountains auf, die unmittelbar hinter
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dem Pacific Coast Highway aufsteigen. Während der Himmel zum Meer hin schwarz und sternenlos ist, zeichnen sich die Konturen der Bergspitzen landeinwärts wie ein Scherenschnitt gegen den leuchtend orangen Himmel ab. Orange? Nachts? Nicht weit von hier stand in den Sechzigern Amerikas erste LSDFabrik. Die Pillen wurden unter dem Markennamen ‚Orange Sunshine’ vertrieben. Malibu ist kontaminiert. Ich leide unter den Spätfolgen. Das erklärt einiges. Ich nicke ein und träume von Mexiko.

Malibu Colony

Zelda Morales steht am Rande des hell erleuchteten Pools und sieht nach Osten in den Abendhimmel. Das Abendrot leuchtet schon seit Tagen aus der falschen Himmelsrichtung. Zunächst war es nur eine Idee von Rosa. Nun glimmen die Bergspitzen wie dicke Holzscheite in einem Kamin. Daheim in Mexiko müsste man jetzt mit allem rechnen. Würde die Habseligkeiten auf das Auto schnallen, wenn man eines hat. Oder abwarten und beten. Aber dies ist Amerika und Kalifornien hat den Terminator als Schutzengel. Zelda schmunzelt. Ein abgegriffenes Filmplakat des Actionhelden ist der größte Schatz ihres Sohnes. Der Pool ist nicht Zeldas Pool und auch nicht das schneeweiße Haus, durch dessen Terrassentüren sie jetzt sieht. Sie schirmt ihre Augen gegen das grelle Licht des Poolbereiches ab. Das Hausinnere ist dunkel, aber das wenige, was sie erkennen kann, lässt sie jeden Abend lange hier verweilen. Es ist ein Blick in eine Vergangenheit, die einmal ihre Zukunft sein sollte. Das Husten hinter ihr holt Zelda in die Gegenwart zurück. Durch die rauchige Luft der letzten Tage haben sich die Asthmaanfälle von Jorge, ihrem fünfjährigen Sohn, drastisch verschlimmert. Die Frage war nicht, ob es passiert, sondern nur wann. Eine Krankheit ist der Albtraum in einem Albtraum für einen Illegalen. Der Arzt könnte nach der Aufenthaltserlaubnis fragen und Asthma-Medikamente sind ohnehin unbezahlbar. Deshalb hat sie es heute gewagt, ihren Sohn zur Arbeit
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mitzunehmen. Ein Wunder, dass er die letzten drei Monate relativ unbeschadet überstanden hat, seit sie im doppelten Boden eines Viehcontainers von Schleusern über die Tortilla-Grenze gebracht wurden. Dort unten in der Scheiße der Schweine, waren sie sicher vor den Nasen der Spürhunde. Kein Grenzer hatte seinen Kopf in die Jauchegrube gesteckt. Unter den Schweinen, die ihre letzte Reise antraten, reisten sie ins gelobte Land. Zusammen mit fünfzehn weiteren Menschen. Und einer Toten. Eine Schwangere hatte die Strapazen nicht überlebt. Niemand hatte protestiert. Alle waren froh, nicht selbst als Kojotenfutter zwischen den Kakteen zu liegen. Zelda versucht, die Erinnerung abzuschütteln. Es geht nur um Jorge, sagt sie sich, nur um Jorge. Dabei kann sie ihn kaum ansehen. Es ist neun Uhr abends und Zelda hat den letzten ihrer drei Jobs erledigt. Sie arbeitet jeweils drei Stunden als Klofrau im Supermarkt und als Putzfrau in einem Café am Malibu Colony Plaza. Abends pflegt sie den Außenbereich und den Pool der großen Strandvilla in der Malibu Colony. Dafür hat sie einen Passierschein für die Wachen und den Code für den Hintereingang zum Poolbereich erhalten. Die Wachen übergeben ihr jede Woche einen Umschlag mit dem fälligen Lohn. Eine angenehme und saubere Arbeit. Die beste, die sie jemals hatte. Eine Arbeit, die man nicht aufs Spiel setzt. Eine dichte Rauchwolke wirbelt über den Pool. Rußflocken, groß wie Weintrauben, segeln über das Wasser. Selbst Zelda fällt das Atmen jetzt schwer. Jorge verbirgt sein Gesicht im T-Shirt. Eine weitere Nacht im zugigen Container hinter dem Supermarkt? Zelda sieht zur Villa. Sie hat noch niemals einen Menschen hier gesehen. Das Haus scheint im Herbst unbewohnt zu sein. Sie ist hin und her gerissen.

Beverly Park, Los Angeles

Greg Hansons Zukunft steht auf tönernen Füßen. Sein ganzer Besitz besteht aus
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Ton. Vielleicht zwei bis drei Badewannen voll. Greg schiebt den Schlüssel zu seinem Bentley über den Tresen. Sechs Meter babyblauer Stahl degradieren die anderen Fahrzeuge auf dem Parkplatz zu Pilotfischen. „Ich möchte mich vergrößern.“ Joe Freckles, der Filialdirektor von ‚Cars of the Stars’ in Beverly Hills, reißt seinen Mund auf. „Ha! Das hören wir gern, Dr. Hanson!“ Er lässt seine Finger über die Tastatur fliegen. „Ah, Ihr Leasingvertrag läuft aus und Sie können es nicht mehr erwarten! Lassen Sie mich raten? Der neue Maybach?!“ Sein Kollege hat gepfuscht. Ein Gesicht wie ein Spannbettbezug auf dem Hals einer Schildkröte. Und die Augenlieder? Wo sind die...? Greg lehnt sich über den Tresen. Oh Gott, daher das Goldfischglotzen! Greg zuckt zurück. Es geht ihn nichts mehr an. Ein anderes Leben. Greg deutet auf den weißen Ford Lieferwagen neben dem Eingang. „Ich nehme den da. Der ist groß genug.“ „Hihi, Sie sind mir einer!“ Joe scheint Kunden mit Humor zu schätzen. „Es ist der Rolls. Der Phantom. Hätte ich mir denken können, Dr. Hanson. Vollkommen richtig. Understatement pur. Sozialneid gar nicht erst aufkommen lassen in diesen Zeiten!“ Greg deutet ungerührt auf den Lieferwagen. Joes Unterlippe verliert ihre Kontur und sackt nach unten. Da hat jemand das Botox vergessen, denkt Greg. Dann fährt Joe die Bugklappe wieder hoch, auf der Suche nach Worten für ein Grauen, dass keine Worte kennt. „Das ist ein F ...“ „ord“, springt Greg hilfreich ein. „Unser Mechaniker fährt diesen F ...“ „Ihre Wagen brauchen keinen Mechaniker. Ich nehme den Ford.“

Greg wirft einen Blick zurück in die Hollywood Hills, wo seine zweitausend
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Quadratmeter große Villa im Faux Chateau Stil ihrer Zwangsversteigerung harrt. Sie ist beliehen bis unter die Regenrinnen. Während der Fahrt geht er die Dokumente in seiner kleinen Reisetasche durch. Pass, Kaufvertrag und das Wichtigste, der Freifahrtschein in sein neues Leben. Auch die Vorladung des Gerichts hat sich in die Tasche geschmuggelt, zusammen mit dem Memo von Dave, seinem Freund und Anwalt. ‚Was hast du dir dabei gedacht ... Finanzamt ... Haftbefehl unvermeidlich’. Greg zerreißt die Unterlagen und wirft sie aus dem Fenster, während er über den Sunset Boulevard nach Westen fährt. Man muss die Grenzer ja nicht mit der Nase darauf stoßen. Auf der Küstenstraße wird der Verkehr schnell zäher. Greg beobachtet die Hubschrauber und Flugzeuge, die in den dichten Rauch über den Bergen eintauchen, um im Hinterland ihre nasse Fracht abzuwerfen. Er dreht das Radio auf. Alles dreht sich um die Katastrophe, die sich zwischen Santa Barbara und Los Angeles abspielt. „ ...Warnung. Die Santa Ana Winde sind wider Erwarten aufgefrischt und haben gedreht ...“ Greg muss mit voller Kraft auf die Bremsen steigen. Unmittelbar vor ihm hat sich ein Stau gebildet. Die Polizei hat eine Straßensperre errichtet und leitet den Verkehr zurück in Richtung LA. Malibu ist von der Außenwelt abgeschnitten. „Nein! Verdammt!“ Als Greg die Sperre erreicht, muss er improvisieren. „Ich transportiere Feuerlöscher für die Colony.“ Greg betet, dass der Cop nicht auf die Idee kommt, seinen Namen durch den Computer laufen zu lassen. Der Haftbefehl könnte schon draußen sein. „Beeilen Sie sich, Mann!“, schnauzt ihn der Polizist an und winkt ihn durch. Greg tritt auf das Gaspedal. Minuten später passiert er das Wachhäuschen der Colony. Das Beachhaus ist das exakte Gegenteil des Chateau in LA. Minimalistischer Stil und abbezahlt. Zwanzig Millionen Dollar, die das Scheidungsgericht seiner Frau zugesprochen hat. Aber auch ein Haus mit einer
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netten Füllung, etwa im gleichen Wert. Greg tritt ein und sieht sich um. Berührt jedes einzelne Stück. Seine Babys. Schwarzgeld-Babys. Er will die Nacht nutzen, um alles für den Transport vorzubereiten. Decken und mit Schaumstoff ausgekleidete Kisten hat Greg bereits vor Wochen im Poolhaus versteckt. Er geht um den Pool herum, öffnet die Tür und tastet nach dem den Lichtschalter. Die Neonröhre flackert ihm ein Gesicht entgegen. Eine Sekunde lang denkt er, Caro, seine Ex, eine rachsüchtige Italienerin, habe ihm aufgelauert. Doch die Frau, die vor ihm in der Ecke kauert, ist zwanzig Jahre jünger und sieht kein bisschen nach Gucci aus. Ganz im Gegenteil. „Einbrecher! Einbrecher!“ Greg wirft sich herum und spurtet zum Haus. Wenige Meter vor der Terrassentür mit dem versteckten Alarmknopf für den Wachdienst wird er eingeholt. Jemand greift nach seinem Ärmel. In Panik schlägt er um sich und erwischt seinen Gegner im Gesicht. Die Frau schreit auf. Ebenso wie der kleine Junge hinter ihr. Greg erstarrt im Schlag. Keine Einbrecher. Streuner. „Wir haben nichts gestohlen“, schluchzt die Frau und drückt das Kind an sich. Blut tropft ihr von der Lippe. „Ich arbeite ... Wir wollten ...“ Das Husten des Kleinen unterbricht sie. Eine weitere Rauchwolke legt ihre Aschedecke über das Grundstück. Greg kneift die Augen zusammen. Wut verdrängt die Angst. „Was um alles in der Welt macht Ihr in meinem Poolhaus? Egal! Raus hier! Raus!“ Einen Moment lang erwägt Greg, die Eindringlinge dem privaten Wachdienst der Colony zu übergeben. Andererseits? Das Aufsehen. Er schubst die beiden Störenfriede durch den Hintereingang auf die Straße. Dann blickt er sich kurz um. Die Nachbarhäuser sind dunkel. Die Bewohner hocken in ihren Villen in Beverly Hills und sehen sich das Schauspiel im Fernsehen an. Reality TV. In Reality leuchten die Wolken im Osten kotzgelb mit flächigen Einsprengseln aus Rauch. Gott scheint ein Faible für Wischtechnik zu haben, denkt Greg. Zwei Hubschrauber folgen einem schwerfälligen Tankflugzeug in den Vulkan. Darunter quält sich eine lange Raupenprozession aus Range Rover und BMW den Weg von den Villen an
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den Berghängen hinunter zum Meer. Dicht an dicht wie auf den Fließbändern einer Autofabrik. Das Fußvolk hält die Stellung und die Gartenschläuche. Greg knallt das Tor hinter sich zu und trottet zurück zum Poolhaus. Er hat keine Zeit zu verlieren.

Sonntagmorgen, 21. Oktober, Malibu

Gegen zwei Uhr morgens wache ich in meinem Liegestuhl auf. Mein erster Gedanke ist Pompeji. Glutwolken wälzen sich die Canyons hinab wie apokalyptische Reiter. Die Sirenen der Feuerwehr intonieren dazu den Walkürenritt. Ich klettere ein Stück den Mast empor und sehe, dass auch im Ort schon einige Häuser brennen. Millionenpaläste mit goldenen Wasserhähnen, aber hölzernen Wänden. Mein zweiter Gedanke – und ich bin augenblicklich beschämt – ist, dass ein Augenzeuge des Untergangs der römischen Stadt heute ohne Zweifel in einem Atemzug mit Homer genannt werden würde. Pflichtlektüre bis zum Erduntergang.

Millionenauflage. Ein Haus in Malibu. Ich greife mir mein abgegriffenes Moleskine-Notizbuch und die Leica, lasse das Schlauchboot hinab und rudere durch den Ascheschlick an Land. Der Reiseschreiber mutiert zum Kriegsreporter. Einem laienhaften ohne Schuhe, wie ich bei meinem ersten Schritt an Land schmerzhaft feststelle. Eine Böe hüllt mich in einen Funkenregen. Ich ducke mich und spurte über den Strand. Tagsüber würde ich jetzt bereits von Schnäuzer tragenden Uniformierten abgeführt, denn der gemeine Tourist darf den Strand hier nur seewärtig unterhalb der Hochwasserlinie betreten. Bei Hochwasser muss er schwimmen. Zum Schutz der Stars vor Paparazzi, den Fans und mir. Ich zwänge mich durch einen engen Durchlass in der Wagenburg aus Millionärsvillen, um auf die Malibu Road zu gelangen, wo ich hoffentlich einen besseren Überblick habe. Ich hoffe auf ein Foto von Tom Hanks, der einen halbnackten Pornostar tröstend im Arm hält. Aber ich sehe nur Feuerwehrleute und Cops, und die sehen mich und schütteln den Kopf. Boxershorts, löchriges T10

Shirt und barfuss. Der letzte Überlebende einer Hippiekommune. Als Althippie weiß ich, wo ich suchen muss. Kein Strand in Amiland ohne Strandschlappen im Mülleimer. Fußpilz oder Brandblasen? Das Erstere habe ich schon. Auf das Zweite kann ich verzichten. Auf der anderen Straßenseite fängt das Dach der First Bank an zu brennen. Alle verfügbaren Kräfte stürmen vor. Nur ich nicht. Ich habe eingesehen, dass ich hier nichts verloren habe. Mit rosa Blümchendekor an den Füßen mache ich mich auf den Rückweg. Einige wenige Anwohner stehen Komparsen gleich mit

Wassereimern neben ihren einstürzenden Neubauten. Der Palast direkt neben meinem Schlauchboot hat Feuer gefangen. Das an der Straße liegende Poolhaus steht in bereits in Flammen. Zeit, den Profis das Feld zu überlassen. Ich sehe zum Wasser hinunter. Auf dem Strand liegt ein übergroßes Stück Schmelzkäse. Die Krönung einer Riesen-Pizza. Mein Schlauchboot ist geschmolzen, und ich sitze im Fegefeuer fest. Aus der Opferperspektive betrachtet, hat Pompeji deutlich an Attraktivität verloren. LA rächt sich. Ich sehe zu meinem Segelboot. Es liegt verdammt weit draußen und der Wellengang ist surftauglich. „Glotzen Sie nicht aufs Meer. Helfen Sie!“ Eine junge Frau funkelt mich an. Sekunden später habe ich einen Eimer in der Hand und versuche, das Haus eines feisten Mittfünfzigers und seiner halb so alten Gespielin zu retten. Wir schöpfen Wasser aus dem Pool und versuchen die Terrasse und die Seitenwände des Hauses feucht zu halten. Was das sieben Meter über uns thronende Flachdach nicht davon abhält, trotzdem in Flammen aufzugehen. „Die Artefakte! Wir müssen die Artefakte retten!“, befielt die junge Frau, während der Dicke nickt und heult, und ich versuche, mich zu verdrücken. „Los!“ Ich ohrfeige mich mental, während wir über die strandseitige Terrasse ins Hausinnere schlüpfen. Der Strom ist abgestellt, aber das Haus flackert im Licht des Infernos. Die Villa quillt über mit Tonfiguren und Masken. Ein Museumsarchiv in der Hölle. Vieles ist bereits verpackt, aber das, was ich sehe, nimmt sogar mich Museumsphobiker gefangen. Steinerne Masken mit bunten Einlegearbeiten aus
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Türkis und tönerne Figuren. Die Kunstwerke verströmen Würde und Zeitlosigkeit, als würden sie weit über weltlichen Belanglosigkeiten wie Feuersbrünsten und Vulkanausbrüchen stehen. Ich kann mich ihnen nicht entziehen. „Glotz nicht! Trag!“ Ich werde durch einen kräftigen Schubs des kleinen schwarzhaarigen Energiebündels in die Gegenwart zurückgeholt. Die Kleine rennt ins Stockwerk über uns, während der Dicke mit Kisten beladen um das Haus herum zur Straße stapft. Eine Gliederpuppe aus Ton schreit mich an. Ich ergreife sie in dem Moment, als im oberen Stockwerk die Scheiben in der Hitze zerplatzen. Glas bröselt Popkorn gleich die Treppe hinunter. „Nichts passiert!“, ruft die Kleine. Ich bin weniger mutig und schneller draußen, als meine Schlappen. Wenn Malibu eines Tages von Historikern ausgegraben wird, wird die Wissenschaft vor einem Rätsel stehen. Mayas mit Gummilatschen? Der kleine Derwisch überholt mich. Keuchend erreichen wir den Dicken, der weinend inmitten seiner Kisten hockt und auf seinen abgefackelten Transporter starrt. Eine umgestürzte Palme ziert das Dach wie ein Hutschmuck. „Der Container!“ schreit die Kleine und zeigt in Richtung Plaza. Wir folgen der ihr zu einem roten Stahlcontainer, der an einer geschützten Stelle hinter dem Supermarkt steht. Gleich neben den Abfällen. Die Aufschrift ‚Frische Shrimps – eisgekühlt’ irritiert mich nur kurz. Im pedantisch ordentlichen Inneren sitzt ein kleiner Junge und hält sich als Rauchschutz ein nasses Handtuch vor das Gesicht. Die junge Frau räumt einen kleinen Esstisch und ein paar Plastikstühle beiseite. Dann schleppen wir unsere Kisten in die Behausung und stapeln sie an der Stahlwand. Ich ziehe mir einen der Stühle heran und lasse mich nieder. Meine Füße sind voller Brandblasen. „Scheiße, tut das weh!“ jammere ich. „Haben Sie einen Verband?“ Der Begriff Pflaster erscheint mir angesichts meines heroischen Rettungseinsatzes unter Lebensgefahr unpassend.
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„Das ist gar nichts! Wir haben noch nicht alle Kisten aus dem Haus geholt. Mitkommen!“ Zehn Minuten später verlasse ich mit der letzten Kiste die Villa. Hinter mir stürzt das Dach ein.

Im Container, Malibu

Wir sitzen im Container und lassen eine Wasserflasche kreisen. Ein schweigsamer Junge, der uns als Jorge vorgestellt wird, der Derwisch Zelda, Greg und ein verirrter Reisender. Die Tür ist gegen den Rauch und den ständigen Funkenflug geschlossen. Eine einzelne Grabkerze taucht unseren Stahlsarkophag in ein fahles Licht. Die Metallwände vibrieren bei jedem Hubschrauber, der uns überfliegt und bei jedem Tanklaster, der den Pacific Coast Highway passiert. Die Sirenen der Feuerwehr konkurrieren mit dem Fauchen des Feuerfraßes um unsere Aufmerksamkeit. Etwas Schweres knallt auf unser Dach. Ein Paukenschlag, der den Raum in Schwingung versetzt und wir sitzen im Orchestergraben. Uns gegenüber sitzen die Masken und Totems. Wie viele Sit-ins haben sie im Laufe der Jahrhunderte gesehen? Der Blick des Dicken klebt auf seinen angesengten Mokassins von Tod’s. „Es tut mir leid wegen vorhin, Zelda. Ich hätte Sie und ihren Jungen nicht so behandeln dürfen. Und jetzt helfen Sie mir.“ Also weder Geliebte noch Ehefrau. Aber sie ist unser ruhender Pol und eine geborene Führungskraft. Was aber offenbar niemand zu schätzen weiß, denn sie und der Kleine scheinen in diesem Container zu leben. Zelda lächelt nachsichtig. „Wenn Sie uns nicht aus dem Poolhaus geworfen hätten, wären wir darin vielleicht verbrannt, und Sie müssten mit ihrem Museum jetzt auf der Straße stehen.“ „Was wollen Sie denn nun mit ihrer Sammlung anfangen?“, frage ich, während ich meinen Blasen ein paar Tropfen Wasser gönne.
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Der Dicke setzt sich mit einem Ruck auf. Er gestikuliert leidenschaftlich. „Ich werde ein Museum für Maya-Artefakte gründen. In Chetumal, da wo die Figuren ursprünglich herkommen. Das Gebäude ist bereits gekauft.“ Greg grinst verlegen: „Die Stücke sind, nun ja, auf verschlungenen Wegen zu mir gekommen. Über einen Anwalt habe ich mit der mexikanischen Regierung verhandelt. Ich erhalte Amnestie, wenn ich das Museum finanziere und meine Sammlung einbringe. Auch die legal erworbenen Stücke, die für Mexiko sonst für immer verloren wären.“ Zelda nimmt eine Gliederpuppe aus einer der Kisten und betrachtet sie im Licht. „Wunderschön, oder? Und legal erworben!“ Greg lächelt beseelt. Zelda legt die Puppe zurück. „Sehr schön und mit Sicherheit legal. Weil es eine Kopie ist, wenn auch eine sehr gute. Das Original können Sie in den Kellern des Maya-Museums in Mexico City besichtigen, wenn Sie als Illegaler so weit kommen.“ Zelda kostet den Begriff einen Moment lang aus. Ich kann mir denken warum. „Das Original ist noch nie ausgestellt worden, Greg. Es harrt seit zwanzig Jahren seiner Restaurierung. Der Fälscher hat vom Museumspersonal sicher einen Tipp bekommen.“ Greg ist entsetzt. Dann wird er wütend. „Wie können Sie da so sicher sein?!“ Er betrachtet die alten Matratzen und den dreibeinigen Campingtisch. „Sie sehen mir nicht aus wie...“ Er stockt. Und sieht beschämt weg, als ihn die Erinnerung einfängt. „Sorry, ich sollte meine Klappe halten. Ohne Sie wäre das alles hier nichts außer einem Haufen Scherben.“ Zelda hat sicher mehr als einen Gringo mit Vorurteilen getroffen, seit sie sich in God’s own Country durchschlägt. Sie scheint manches mit den Maya-Figuren gemeinsam zu haben. Sie steht über den Dingen, lässt sich nicht beleidigen. Aber sie hat wohl auch gelernt, zu schweigen, weil ohnehin niemand zuhört. Es kostet sie sichtlich Überwindung, das Wort zu erheben. „Ich habe dort als Studentin gearbeitet. Kunstgeschichte.“ Sofort lenkt sie von sich ab. „Die anderen scheinen aber echt zu sein.“ Greg staunt, ich staune und auch Zelda staunt. Darüber, dass sie über ihren
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eigenen Schatten gesprungen ist. Sich aufgeschwungen hat auf eine Ebene mit den Gringos. Die das mit Sicherheit nicht zu schätzen wissen. Sie legt schützend den Arm um den Jungen, der gemeinsam mit seiner Mutter zu schrumpfen scheint. Aber Zelda täuscht sich. Greg mag in seinem gewöhnlichen Leben ein arrogantes Arschloch sein, der im günstigsten Fall schallend gelacht hätte. Aber hier im Container gelten heute andere Maßstäbe. Im Sarg der unbegrenzten Möglichkeiten. Amerika macht sein Versprechen wahr. Schließlich lächelt Greg. Nur seine schneeweißen Jacketkronen sind im Halbdunkel zu sehen, als er spricht. Sein Gebiss scheint ein Eigenleben zu führen. „Hätten Sie nicht Lust, mit mir zusammen das Museum aufzubauen, Zelda? Ich bin nur ein Laie mit einer Leidenschaft für Maya-Kunst. Aber ich brauche dringend eine Expertin an meiner Seite.“ An meiner Seite hätte in jeder anderen Situation einen zweideutigen Beigeschmack. Ein alter Gringo und eine schöne Wüstenblume. Aber nicht hier. Nicht heute. Zelda gibt keine Antwort. Sie sieht Greg an. Ungläubig. Aber auch sie scheint das Besondere des Moments zu spüren. Zwei Menschen mit einer grenzenlosen Leidenschaft, nicht füreinander, sondern für etwas Bedeutenderes, dem sich alles, auch die Vorurteile, unterordnen. Ich fühle mich so fehl am Platz wie ein Stalinist bei der Osterandacht. Aber die beiden haben mich ohnehin vergessen, während sie über die Bedeutung der Grabinventarien in der Xolalpan-Phase diskutieren. Ich nicke ein und höre nur mit halbem Ohr mit. Greg lamentiert: „Ich muss die Dinger schnellstens über die Grenze bekommen. Aber wie ohne Lieferwagen?“ „Warum so eilig?“, fragt Zelda. „Schwarzgeld. Meine Kunden bezahlen gerne bar.“ „Und wo ist das Problem?“ „Ich habe das Geld nicht beim Finanzamt angegeben und stattdessen in meine Sammlung investiert. Ich habe Steuerschulden in Millionenhöhe, die ich nicht bezahlen kann. Die Steuerfahndung sitzt mir im Nacken. Dass ich einen
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Zweitwohnsitz in Malibu habe, ist kein Geheimnis. Die würden mir die Stücke wegpfänden und feststellen, dass nicht alle auf legalem Weg ihre Reise von Mexiko in die Staaten angetreten haben. Ich darf mich weder hier noch an der Grenze erwischen lassen.“ „So wie wir“, sagt Zelda trocken. Die Managerin hat wieder die Führung übernommen. „Wir müssen die Sachen also illegal nach Mexiko schaffen. Was denken Sie?“ Zelda nickt mir auffordernd zu. Mein Gehirn war auf Stand-by. Ich versuche mich auf den aktuellen Stand zu bringen: „Illegal in die USA geschaffte Artefakte werden illegal wieder in ihr Heimatland gebracht. Was auch illegal ist, weil sie eigentlich dem Finanzamt gehören. Langsam verliere ich den Überblick.“ Ich lache. Leider habe ich Jeanne d’Arc damit auf einen Gedanken gebracht. „Ich hätte da eine Idee!“ Zelda sieht mich an. Dann folgt Greg ihrem Blick. Beide lächeln verführerisch. Warum habe ich nicht die Klappe gehalten? Ich schüttele meinen Kopf schneller, als meinem dehydrierten Gehirn gut tut. „Nein. Also nein, ganz unmöglich! Ich muss hier eine Reisereportage machen. Promis interviewen. Das ist eine ernsthafte Angelegenheit, die große Konzentration und Hingabe erfordert!“ „Das hat sich wohl erledigt“, konstatiert Zelda nüchtern. „Sie müssten schon nach Beverly Hills, um noch ein paar Promis zu finden. Hollywood - wollen Sie sich das antun?“ Schon bei dem Wort bekomme ich mentales Seitenstechen.

Eine Woche später, in mexikanischen Hoheitsgewässern

Ich habe kein Faxgerät mehr und der GPS-Tracker reist auf einem LKW nach Kanada. Schreiben kann jeder. Ich habe beschlossen, mich als Schleuser zu verdingen. Ich schaffe Illegale von den USA nach Mexiko. Eine Marktlücke.

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Koma (Humorvoller Krimi)

„Morgen um diese Zeit spritze ich ihm Kaliumchlorid. Das ist nicht nachweisbar und wirkt sofort. Exitus. Erbfall.“ Wie bitte? Angeblich befinde ich mich im Wachkoma, aber mein Bewusstsein driftet immer mal wieder für ein paar Sekunden nahe der Oberfläche. Wenn ich dann etwas höre, tauche ich manchmal kurz auf. Nur für Sekundenbruchteile und ohne dass ich es steuern kann. Oder will. Ich habe wundervolle Halluzinationen, wie bei einem endlosen LSD-Trip. Ich treibe schwerelos in einem Meer aus Formen und Farben. Mit etwas Glück für den Rest meines Lebens. Bei ‚Exitus’ platzen einige der Farbblasen um mich herum. Schwarze Löcher tun sich auf, die mich unbarmherzig anziehen. Ich strampele dagegen an. „Das mit dem Insulin war ein Reinfall. Konnte ja keiner ahnen, dass mein Mann Sunny von Bülow spielen muss.“ „Eben. Vermutlich wacht er gar nicht mehr auf, meinte doch der Arzt. Warum warten wir nicht einfach ab?“ „Sunny hat ihren Mann achtundzwanzig Jahre lang hingehalten. Willst du so lange warten. Unser Ehevertrag ist wasserdicht. So lange sein Herz schlägt, bekomme ich keinen Cent.“ „Also morgen zwölf Uhr?“ „Morgen zwölf Uhr – pünktlich zum Schichtwechsel der Krankenschwestern.“

Ich beobachte die Zeiger der Uhr an der Wand gegenüber von meinem Bett, ohne ihrer Wanderung ein Gefühl für die vergangene Zeit zuordnen zu können. Noch zwanzig Stunden Stunden, aber wie lange dauert eine Stunde. Alles zwischen sofort und unendlich erscheint möglich. Die Farben meiner psychedelischen

Traumlandschaften verblassen wie ein überbelichtetes Foto. Ich treibe nahe der Oberfläche und will zurück in mein Koma, aber etwas hält mich oben. Die Angst zu sterben? Die Angst vor dem Nichts?
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Plötzlich höre ich ein Geräusch. Die Tür öffnet sich. Ich spüre es am Luftzug. Dann noch einmal. Sind die vierundzwanzig Stunden schon vergangen? Das leere Bett neben mir quietscht. Jemand kichert. „Nicht so laut!“ „Der kann nichts hören.“ „Das weiß ich selbst. Ich meine die anderen Schwestern, Anika.“ Ich erkenne meinen Chefarzt wieder. Als Privatpatient bekommt man

Liveunterhaltung. Ich räuspere mich. Dann schreie ich. Nichts. Es quietscht heftiger. Ich höre meine Schreie. Nein, das bin nicht ich.

Renate Breuer betrachtet ihre Krampfadern, die sich wie Feuerwehrschläuche vor dem flammenden Inferno ihres Sonnenbrandes abzeichnen. Die Wetterkröten haben einen Jahrhundertsommer vorhergesagt. Ein Grund auszuwandern. Einer von vielen. Die verdammte Hitze und überall wo man sitzt und steht ekliger Sand. Renate robbt zur Kühltasche und wirft einen Blick hinein. Nichts als Früchtetees und Säfte. Kein Gin Tonic, kein Dirty Martini – neben Zigarillos ihre bevorzugten Nahrungsmittel. Es ist Renates erster Urlaub seit zwanzig Jahren. Ein Zwangsurlaub wegen eines kleinen Missverständnisses unter Kollegen. Ein Umstand, den ihre Schwester Sara schamlos ausgenutzt hat, um sich einen GratisBespaßer für ihre nutzlosen Blagen zu sichern. Renates Nichten spielen im hüfthohen Wasser mit einem Gummihai und sie spielt Nanny, während ihre Schwester und der Animateur wer weiß was spielen. Renate prüft die Windrichtung. Westwind. Wenn die Kleinen abtreiben, sind sie in ein paar Stunden über die Ostsee in Russland. Renate schließt die Augen und betet. Das Handy röchelt das letzte von Mahlers Kindertotenliedern ‚In diesem Wetter, in diesem Braus’. „Kommissarin Laurin?“ Hauptkommissarin, Oberkommissarin, Kommissarin und bald wieder bei der Trachtengruppe. Renates Karriere verläuft steil und in Richtung Erdanziehung.
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Amtsmissbrauch, Nötigung und immer wieder unverhältnismäßiger Gebrauch der Schusswaffe. Auch gegen Kollegen, aber immer ohne Magazin. Ihr Temperament und Patronen vertragen sich einfach nicht. Renate drückt auf ‚Freisprechen’, damit auch die übrigen Strandbewohner ein wenig Abwechslung beim Sandburgenbauen bekommen. „Hallo Chef, ich dachte Sie wären beim Christopher-Street-Day?“ „Ich ... was erlauben Sie ... Sie vergreifen sich im ...“, schließlich ein weinerliches „Ich mag nicht mehr.“ „Schon gut, Chef. Sie müssen jetzt stark sein. Ich lausche. Wir alle lauschen Ihnen.“ „Alle?“ Renate sieht sich um. Atemlose Stille. Eine junge Mutter hält im Windelnwechseln inne. Weit draußen treibt ein rosa Hai bäuchlings in der Ostsee. Pluralis Majestatis, Chef. Ich stehe für alle Ihre Untergebenen. „Hoffentlich nicht.“ „Und?“ „Es gibt eine Entwicklung im Fall Dennis Carlson. Der Mann, der überraschend ins Koma fiel.“ „Ich lausche, Massa.“ „Sein Arzt sagt, er war extrem unterzuckert und in der Apotheke, in der seine Frau arbeitet, fehlen laut ihrem Arbeitgeber einige Ampullen Insulin.“ Renate versucht sich an die Gespräche mit ihrem Hausarzt zu erinnern. Es ging bei ihr immer um zu viel Zucker und Cholesterin. Wenig heißt gesund – oder nicht?“ „Und Dr. Dolittle?“, fragt Renate möglichst beiläufig. „Eine Überdosis Insulin führt zur Unterzuckerung und im Extremfall zum Tod. Insulin wird zudem sehr rasch abgebaut und ist nach wenigen Stunden im menschlichen Körper schon nicht mehr nachweisbar. Es kann auch zum Koma führen, wenn man es falsch dosiert.“ „Das war aus Wikipedia abgelesen!“, brummt Renate. „Das ist das Grundwissen eines Kriminalbeamten“, schmachtet ihr Chef ins Telefon. Informieren Sie die Kollegen und postieren Sie einen Beamten vor der Tür
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von Herrn Carlson. Dank meiner Umsicht ...“ Renate bricht das Gespräch ab. Die unvermeidliche Selbstbeweihräucherung von Kriminalrat Dr. Steffen Weiss geht ihr an der Zellulitis vorbei. Renate winkt dem mecklenburgischen Baywatch-Imitat auf seinem Ausguck. Sie deutet unbestimmt nach Osten. Dann rollt sie sich auf den Bauch und stemmt sich aus der liegenden Position auf die Knie, bis sie eine Art Gebetshaltung einnimmt. Ihr gewaltiger Hintern weist zum Wasser, wo ein unterernährter Rettungswicht hektisch nach Osten paddelt. Renate wuchtet sich durch eine geschickte Gewichtsverlagerung nach hinten hoch, rudert kurz mit den Armen, bis sie sicher steht und strebt schließlich über den Strand zum Hotel. An der Rezeption hinterlässt sie eine Nachricht für ihre Schwester: ‚Ora et labora’. Das wird die Friseuse erstmal beschäftigen. Renate packt und zwängt sich in ihren jungfräulichen grünen PolizeiTrainingsanzug. Dann gibt sie ihren Schlüssel ab und läuft zum Parkplatz. Die Fahrt zurück nach Berlin wird knapp drei Stunden dauern. Drei Stunden, die Frau Clara Carlson Zeit hat, sich ihrem hilflosen Mann mit der Sorgfalt anzunehmen, die ihr bei ihrem ersten Anschlag abgegangen war. Ein vereitelter Mordversuch würde die Interne erstmal zum Schweigen bringen. Auch eine Mordermittlung wäre nicht zu verachten. Renate beschließt, die Kollegen nicht zu informieren und den Fall in die eigenen Hände zu nehmen.

Carla Carlson wartet um halb zwölf im Eingangsbereich der Charité. Immer mehr Ärzte und Schwestern streben jetzt der Kantine zu. Professor Neurer und Oberarzt Dr. Kimmer, die behandelnden Ärzte ihres Mannes, erscheinen am Treppenabsatz. Carla drückt sich hinter einen Pfeiler. Sie hat die beiden Ärzte in den vier Wochen, die der Komazustand ihres Mannes bereits andauert, gut kennengelernt. Sicher würden sie sich an die besorgte Ehefrau erinnern, falls der Pathologe misstrauisch werden sollte. Falls. Wo bleibt nur Jens? Er ist nicht mehr als eine Affäre, eine von vielen, aber heute braucht sie ihn. Das fehlende Insulin war ihrem Chef bei der Inventur in der Apotheke zwar
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aufgefallen, aber es gab immer mal wieder Schwund. Ein weiteres Mal durfte das jedoch nicht passieren. Als Tierarzt hat Jens Zugriff auf Kaliumchlorid, das zum Einschläfern von Tieren benutzt wird. Es würde bei Dennis einen Herzstillstand auslösen und war kaum nachzuweisen. „Wo bleibt dieser Mistkerl?“, brummt Carla. Vielleicht hat er kalte Füße bekommen, aber andererseits braucht er das Geld, das sie ihm versprochen hat. Jens hat Spielschulden bei den falschen Leuten. Schließlich entdeckt sie ihn. Er trägt einen weißen Kittel und verschmilzt perfekt im Schwarm der Mediziner. Carla geht an Jens vorbei und streift leicht seine Hand. Er folgt ihr zu einem Kaffeeautomaten, der außer Betrieb und deshalb nicht frequentiert ist. „Hast du, was wir brauchen?“ Jens windet sich. Er sieht zu Boden. „Bist du wirklich sicher, dass du das durchziehen willst.“ Aus dem ‚wir’ ist ein ‚du’ geworden. „Ich habe keine Wahl. Wenn er wieder zu sich kommt, wird er garantiert misstrauisch und stellt Nachforschungen an. Ein Anruf bei meinem Chef reicht bereits. Und so lange er im Koma bleibt, fließt kein Geld. Alles ist in einem Trust. Erst wenn er stirbt, erhalte ich eine Abfindung von fünf Millionen. Zwei Millionen für dich.“ „Vielleicht sollte ich nicht dabei sein. Zwei fallen mehr auf, als einer.“ „Aber du musst vor der Tür stehen und die Schwester ablenken, wenn eine kommt.“ Clara versucht sich zusammenzureißen, um ihre Nervosität nicht zu zeigen. Genau so eine Diskussion hatte sie gefürchtet. „Ich kann das nicht. Ich schläfere Hunde ein, keine ...“ Carla sieht auf die Wanduhr in der Empfangshalle. Zehn vor zwölf. Keine Zeit mehr für Diskussionen. Sie muss das Risiko eingehen. Dafür würde Jens eine Million weniger bekommen. Mindestens. Carla streckt die Hand aus. Jens zieht eine kleine Plastiktüte aus der Tasche seines Kittels. „Hier. Viel Glück.“ Er dreht sich um und verschwindet im Schwarm der Kittelträger. Carla steckt die Tüte in ihre Jacke und strebt der Treppe zu. Ihre Beine fühlen sich
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zittrig an. Das Risiko hat sich soeben verdoppelt. Wenn eine Schwester das Zimmer betritt, während sie die Spritze in der Hand hält, ist es aus. Jeder, dem sie auf der Treppe begegnet, scheint sie anzustarren. Als sie eine Stufe verfehlt, stürzt sie um ein Haar. Ein junger Krankenpfleger fängt sie auf. Carla reißt sich los und wendet schnell das Gesicht ab. Sie joggt die restlichen Stufen bis in den zweiten Stock der Neurologie hinauf. Sie öffnet die Tür und späht vorsichtig hinaus. Die Schwestern befinden sich im Schwesternzimmer am anderen Ende des Flures und bereiten die Übergabe beim Schichtwechsel vor. Das Sichtfenster ist unbesetzt. Carla tritt auf den Flur hinaus und geht langsam zu Dennis Zimmer. Sie sieht sich immer wieder um, aber Sie ist allein auf dem Flur. Sie betritt das Krankenzimmer. Es zieht.

Ich treibe in einem Meer aus Blumen. Jede Welle bringt neue Farben und Düfte. Ich bin schwerelos. Plötzlich spüre ich eine Windböe, die die Blüten von mir wegtreibt. Ich tauche auf und durchbreche die Oberfläche. Ich spüre, dass ich nicht allein bin. Ich versuche den Kopf zu drehen, aber ich habe keine Verbindung zu meinem Körper. Selbst meine Augen lassen sich nicht bewegen. Ich erinnere mich an den letzten Satz, den ich gehört habe, vor einem Tag oder einem Jahr, ich weiß es nicht. ‚Morgen um diese Zeit spritze ich ihm Kaliumchlorid. Das ist nicht nachweisbar und wirkt sofort. Exitus. Erbfall.’ Das war um zwölf Uhr. Und die Stimme stammte von meiner Frau. Und ich ahne, warum sie das gesagt hat. Gedankenfetzen verbinden sich zu Satzketten. Ich blicke auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Fünf vor zwölf. Ich möchte gerne wieder abtauchen in mein Blütenmeer, aber ich treibe wie ein Korken auf der kahlen Wasseroberfläche. Ich will nicht sterben. Ich muss in meinen Körper zurückkehren. Aber wie? Ich versuche mich auf meine Arme und Beine zu konzentrieren, die da irgendwo sein müssen, versuche sie zu bewegen. Nichts. Ich versuche, meinen Kopf zu drehen. Nichts. Aber ich spüre meine Augenlider, und ich kann meine Augen ein paar Millimeter bewegen. Ich sehe
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meine Frau und sie bemerkt meinen Blick.

Carla spürt ihren Puls hochjagen, als sie die Bewegung von Dennis Augen bemerkt. Oder hat sie sich geirrt? Vielleicht war es keine gesteuerte Bewegung, sondern irgendeine motorische Reaktion. Doch, da wieder. Die Pupillen wandern in Richtung Uhr, dann zu ihr. Sie versucht, sich zu beruhigen. Der Rest von Dennis Körper bleibt unbewegt. Aber vielleicht hört er wieder. „Höchste Zeit für deine Spritze. Ich habe geahnt, dass du zurückkommst. Du bist ein zäher Brocken. Du müsstest längst tot sein.“ Carla lacht nervös. Sie muss sich beeilen. Sie kramt die Tüte mit dem Aufdruck einer Apotheke aus ihrer Tasche. ‚Für Ihre Gesundheit weil Sie es sich wert sind!’. Dann zieht sie die Spritze auf.

Renate Breuer legt eine Vollbremsung hin. Ihr alter Opel streift einen Rettungswagen, dann prallen die Räder gegen den erhöhten Randstreifen. Mit einem Ruck kommt der Wagen zum Stehen. Renates Kopf prallt gegen das Lenkrad. Einen Moment lang ist sie benommen, dann holt sie ihre Pistole aus dem Handschuhfach und zwängt sich aus dem Fiat 500. „Hier können Sie nicht stehen bleiben!“ Ein junger Rettungssanitäter stürmt auf Renate zu. Renate blickt auf ihre Pistole. Der Blick des Rettungssanitäters folgt dem ihren. Der junge Mann entschließt sich zu einer spontanen Selbstrettung. Er schließt sich in seiner Fahrerkabine ein. Renate läuft in die Eingangshalle und stürmt zur Information. Sie schiebt eine keifende Alte beiseite und legt die Pistole auf den Tresen. „Wo liegt Herr Dennis Carlson, Koma-Patient. Es eilt!“ Sie spielt mit dem Abzug. Die junge Rothaarige hinter dem Tresen tippt mit ihren schwarzlackierten Fingernägeln auf ihr Keyboard ein. Sie traut sich nicht aufzublicken. „Zimmer 223, zweiter Stock, Aufzug B. Bitte tun Sie mir nichts!“ So viel zum Thema Datenschutz. Es kommt immer auf die Argumente an. Renate stapft zu Aufzug B, der sich in diesem Moment öffnet. Sie schiebt den protestierenden Krankenpfleger samt seinem auf einem Rollbett liegenden
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Patienten zurück in den Aufzug und drückt mit dem Lauf auf die ‚2’. Der Pfleger sieht auf den Boden, der Patient fixiert einen interessanten Punkt an der Decke. Als die Aufzugtür sich öffnet, zwängt sich Renate am Krankenbett vorbei nach draußen. Sie entdeckt die ‚223’ auf einer Tür einige Meter rechts von ihr und läuft darauf zu.

Ich beobachte hilflos, wie Carla die Spritze aufzieht. Sie senkt die Nadel auf meine Armbeuge. Die Tür fliegt auf und etwas Grünes stürmt ins Zimmer. Carla versteckt die Spritze in ihrer Handfläche. Nur der Kolben ragt heraus. Ich spüre, wie mein Arm kribbelt. Ich hebe ihn und lasse ihn auf den Kolben fallen. Die Spritze bohrt sich in Carlas Oberschenkel. Sie schreit auf. Ich sinke zurück in mein Blumenmeer.

*

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Die Zukunft ist rund (Humor)

Kopfüber pflüge ich durch den Morast, bis sich die Schwerkraft meiner erbarmt. Schmatzend nimmt mich das durchweichte Erdreich in sich auf. Gefällt auf dem Feld der Ehre. Den Pfiff höre ich nicht. Zu sehr bin ich darauf konzentriert, das nachzustellen, was Podolski & Co jedes Wochenende in der Sportschau vorleben. Ohne mich. Ich hasse Fußball. Warum ich hier liege? Später. Wie lange bleibt man liegen? Muss ich stöhnen, oder soll ich den Schiedsrichter um die Sterbesakramente bitten? Ich überspringe die natürliche Reihenfolge und stelle mich tot. Was mir nach Britta, meiner Verlobten, im Bett perfekt gelingt, sollte hier auf dem Schlachtfeld ein Leichtes sein. Jemand rüttelt an meiner Schulter. Auch das kenne ich von Britta. Nicht mit mir, Freundchen! Als mir der gegnerische Torwart, in dessen Strafraum ich mich gebettet habe, einen aufmunternden Tritt in die Rippen gibt, gefolgt von einem wohlmeinenden: „Entweder Du stehst jetzt auf, oder Du stehst nie wieder auf!“, überkommen mich österliche Gefühle. Ich entscheide mich für die Wiederauferstehung. Franz-Josef, unser rosig-feister Schiedsrichter, sieht besorgt auf seine Uhr und murmelt: „Neunundachtzigste Minute, zwei zu zwei, und jetzt ein Elfer? Was mach ich bloß?“ Er ist sich der historischen Tragweite seiner Entscheidung offenbar bewusst. Das Fußballspiel des FC Blankenburg gegen den TUS (Trink- und Sportverein) Brauweiler bildet den Höhepunkt des jährlichen Stadtfestes. Die Feier erinnert an die Schlacht AD 1210, in der die Grafen von Blankenburg das unterlegene Brauweiler brandschatzten und plünderten. Das Verhältnis zwischen den Einwohnern beider Orte ist seither ähnlich freundschaftlich, wie jenes zwischen den Taliban und den US-Streitkräften. TUS Brauweiler hat noch nie gegen die Großkotze, die damischen gewonnen. Wir wittern die Chance, mit einem einzigen Schuss die Geschichtsbücher neu zu schreiben. Der Blankenburger Torwart wird von mehreren Toilettenpapierrollen unserer Fans getroffen, ein dezenter Hinweis auf das Manko der Grafenknechte.
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Fast ihre komplette A-Mannschaft ist dem Noro-Virus zum Opfer gefallen. Selbst der Torwart hatte zweimal ohne Vorwarnung das Feld in Richtung Toiletten verlassen müssen und in seiner Abwesenheit zwei Treffer kassiert. Dass sich das städtische Wasserwerk auf dem Gelände unseres Dorfes befindet, hatte Anlass für heftige Spekulationen unter den gegnerischen Zuschauern gegeben. Franz-Josef führt die Pfeife zum Mund, hin und her gerissen zwischen Pflichtgefühl und Überlebensinstinkt. Die Ornithologen unter den Blankenburgern schreien aufgebracht „Schwalbe, Schwalbe!“ und schlagen dazu wild mit den Armen. Franz-Josef sieht mich an und schüttelt den Kopf. Das Blatt scheint sich gegen uns zu wenden. Plötzlich dröhnt der Bass von Gottfried Adler, meinem Trainer und zukünftigen Schwiegervater, über das Feld. „Franz-Josef!“ Dazu ein stechender Blick. Mehr ist nicht nötig. Das Stadion hält den Atem an. Klorollenwürfe frieren mitten in der Bewegung ein. Der Schiedsrichter senkt seinen Blick und nestelt an seiner Pfeife. Schließlich lässt er ein zartes Küken-Pfeifen ertönen und weist unauffällig in Richtung Elfmeterpunkt. Entsetzen bei den Schwalben gefolgt von Flügellähme. Brauweiler dagegen tobt. Fäuste werden gereckt. Aus Dörflern werden Kreuzritter, aus FranzJosef ein Betrüger (der seinen Job als Buchhalter der Adler-Brauerei behält) und aus mir wird ein Held. Jedenfalls in meinen Augen. Der Trainer, der Clubpräsident, mein zukünftiger Schwiegervater und der Besitzer der Adler-Brauerei, des einzigen Arbeitgebers im Ort, stürmen auf mich zu. In Personalunion, also muss ich nur eine Hand schütteln. Gottfried, im Ort der Einfachheit halber Gott genannt, schließt seinen arthrosegekrümmten

Schraubstock um meinen Oberarm und sieht mir fest in die Augen. „Jan!“ „Jawohl!“ „Du weißt!“ Keine Frage. Gott stellt keine Fragen. „Natürlich.“ Ich habe keinen blassen Schimmer. „Ich werde sie Dir anvertrauen.“ Ich habe noch gar nicht um ihre Hand
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angehalten. „Wunderbar! Danke!“ Meine Augen sind feucht vor Rührung, aber ich reiße mich zusammen. Gott hasst Softies. „Ich werde Dir eine große Verantwortung übertragen!“ Kein Zweifel, er will mich zum Geschäftsführer der Brauerei machen. „Das ehrt mich. Ich werde dich nicht enttäuschen, Gott ... fried.“ Meine Brillengläser beschlagen vor Aufregung. „Du weißt, ich hatte Vorbehalte gegen Dich, mein Sohn.“ Ich bin adoptiert. Ich fühle mich leicht wie eine Feder. Die Reinkarnation des HB-Männchens. „Ein Atheist, Antialkoholiker und Grüner, da kommt man schon mal ins Grübeln. Aber heute kannst Du alles vergessen machen. Du wirst unsere Ehre wiederherstellen!“ „Hm?“ Gott lässt meinen tauben Arm los, dann schiebt er den Schiedsrichter resolut zur Seite, greift sich den Ball und legt ihn auf den Elfmeterpunkt. Ich sehe mich nach dem Schützen um. Sicher Fred, der Dorfpolizist, unser bester Mann. Aber Fred steht hinter der Mittellinie, genauso wie der Rest der Mannschaft. Pastor Janislaus geht durch die Reihen, spricht den Verzweifelten Trost zu und knetet hektisch seinen Rosenkranz. Zuversicht sieht anders aus. Aber warum? Fred wird das packen. Ich meine, das Tor ist riesig und der Noro-Torwart hat andere Sorgen. Ich habe meinen Sieg genug ausgekostet, jetzt sollte ich zu den anderen gehen und Fred Mut zusprechen. Das erwartet man sicher von einem Helden, Brauereibesitzer und Ehemann. Ich mache mich auf den Weg. Gottes Bass reißt mich zurück. „Falsche Richtung! Du schießt auf das gegnerische Tor.“ Gelächter der Blankenburger. Ich? Das ist ein Missverständnis, ein schreckliches Missverständnis. „Ich denke, Fred sollte ...“ „Keine falsche Bescheidenheit, mein Sohn. Die Mannschaft hat einstimmig entschieden!“ Die Spieler sehen sich überrascht an. Gott hat entschieden, und ich bin verloren.

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Alle Leichtigkeit ist verflogen. Ich sehe zum Tor. Das Ding ist winzig wie eine Sardinenbüchse. Der Keeper grinst mich wölfisch an. Rolf, Brittas Ex-Freund. Das Fußballfeld wird zum Turnierplatz, Britta zum Burgfräulein und ich zum Dorftrottel. Ich blicke auf meine Zukunft. Sie ist rund und liegt auf einem Taubenschiss. Das sind nie und nimmer elf Meter. Zwischen mir und dem Tor liegen Welten. Ich nehme einige Meter vor dem Ball Aufstellung. Mir ist zum Niederknien zumute. Die Sonne steht genau hinter dem Tor. Der Schatten des Keepers reicht bis fast zu mir heran. Riesig. Bedrohlich. Die letzten Spieler verschwinden hinter meinem Rücken, bis nur noch zwei übrig sind. Er und ich. Er oder ich. Die zwei Ecken des Tores machen mir zu schaffen. Ich kann mich nicht entscheiden. Gott tippt mir auf die Schulter und raunt: „Links“. Ich bin erleichtert und dankbar dafür, dass eine höhere Macht mir die Entscheidung abgenommen hat. Und wenn die beiden sich abgesprochen haben? Gott konnte mich nie leiden. Spieltheorie auf dem Bolzplatz. Zwei Ecken. Nur welche? Zumindest die Winkel kann ich mir sparen. Höher als kniehoch bekomme ich den Ball ohnehin nicht. Der Schiri pfeift. Ich setze mich in Bewegung, noch immer unentschieden. Mein Körper ist zentnerschwer. Die fünf Meter bis zum Ball schaffe ich nie. Meine Beine scheinen immer kürzer zu werden, die Stollen saugen sich im Matsch fest. Noch drei Meter. Der Rasen vor mir wellt sich. Maulwürfe? Ich versuche, einen kleinen Bogen zu laufen. Meine Schrittfolge gerät durcheinander. Ich blicke auf, das Tor ist in der gleißenden Sonne verschwunden. Ich kneife die Augen zusammen. Plötzlich taucht der Ball vor mir auf. Ich schieße. Blind.

Als ich die Augen wieder öffne, bin ich von jubelnden Spielern umringt. Dankbare Hände strecken sich mir entgegen. „Wie wussten, dass wir uns auf Dich verlassen können!“
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Rolf legt mir seinen Arm um die Schultern. „Wenn Du Asyl brauchst – Blankenburg steht tief in Deiner Schuld!“

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Zungenkuss (Humor)

Sonntagmorgen, zehn Uhr, in Deutschland. Langsam blinzelt sich mein Verstand durch den Schlafnebel. Mein erster Gedanke: Mercedes. Überrascht klappe ich ein Auge auf. Ich fahre doch einen Volvo. Nein, meine neue Freundin, eine Kolumbianerin. Ich lächle selig. Gestern hat sie mich das erste Mal zu mir nach Hause begleitet. Und? Und ist geblieben! Mit einem Schlag bin ich hellwach. Aber es war nur Kuscheln angesagt. Ich klappe das Auge wieder zu und schließe die grausame Realität aus. Seit einem Monat kuschele ich mich zu Tode. Aber sie ist geblieben. Hoffnung. Ich beschließe, einen neuen Anlauf zu wagen. Sex – Café – Croissants. In dieser Reihenfolge. Klare Prioritäten. In meinem Rücken höre ich ein leises Murmeln. Dann ein entspanntes Gähnen. „Hmmm ...ahhh ...“ Die Matratze bewegt sich. Gleich wird sie mich sanft in den Nacken küssen. Und dann ... Ein schamtzendes Geräusch. Aber ich spüre nichts. Stattdessen ein Kreischen. „Iiiigittt! Bah! Verflucht!“ Zweihundert Dezibel. Metall auf Metall. Funken sprühen in meine Ohren. Erschrocken fahre ich herum. Auch sie wirft sich herum, genau so erschrocken. Aber nicht Mercedes, sondern Mufflon, meine Englische Bulldogge. Geküsst von einer Menschenfrau. Eine knatternde Flatulenz entfährt ihrem fassförmigen Körper. Noch ein Schrei. „Dios mío! Ich ersticke!“ Mercedes springt auf und funkelt mich an. Es hat sich ausgekuschelt. „Dein Köter hat Mundgeruch und sabbert und ... Mir fehlen einfach die Worte!“ Mufflon sieht mich erwartungsvoll an. Was würde ein UN-Blauhelm jetzt machen? Friedentruppen im Betteinsatz. Ich versuche mich an mein letztes Konfliktlösungsseminar zu erinnern. Wie war das noch? Humor? Ich setze meinen Unschuldslammblick auf. Lange vor dem Spiegel geübt, aber offenbar nicht lange genug. „Warum küsst Du auch einen Hund, Schatzi?“, frage ich harmlos.
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Schatzi’s Augen werden zu Laserkanonen. „Ich dachte natürlich ...“ Ich unterbreche sie wohlmeinend. „Das solltest Du nicht, dafür bist Du nicht geschaffen, Maus.“ Mein Blick gleitet über ihr zerzaustes XXL-T-Shirt und die schlanken braunen Beine. Wie die Stengel einer Blüte. Maus ist für etwas ganz anderes geschaffen, denke ich und knüpfe mühelos an meinen Sonntagmorgentraum an. „Was hast Du gesagt?“ Mercedes schwingt ihre kleinen Fäuste wie Keulen. Wenn ich das noch wüsste. Aber es war wohl irgendwie daneben. Ich bin froh, dass Mufflon zwischen uns sitzt. Sie nicht und springt vom Bett. „Der Hund oder ich, Jan! Ich spaße nicht!“ Mercedes knallt mir ihr Kopfkissen ins Gesicht und verschwindet im Bad. Verwünschungen prasseln aus der Dusche. Ich ergehe mich in Selbstmitleid. Wer einen Hund wie Mufflon hat, muss sich um Verhütung keine Gedanken machen, tröste ich mich. Ich wälze mich aus dem Bett und bereite dem Stinker seine üblichen vier Frühstücks-Muffins zu. Kurz bin ich versucht, als Strafe für entgangene Sexabenteuer Mufflons Ration zu kürzen, aber sie kann zählen und zwei Furien am Sonntagmorgen möchte ich nicht riskieren. Ich setze gerade Café auf, um jedenfalls die zweite Stufe meines

Sonntagmorgenplanes umzusetzen, als Mercedes inmitten einer gigantischen Dampfwolke aus dem Bad stürmt. Wie ein unfreundlicher Flaschengeist. Ein vollständig bekleideter, wie ich bemerke. Mercedes muss mir meine Enttäuschung anmerken, denn sie giftet: „Träum weiter!“ Und dann: „Bring das Vieh zum Tierarzt oder besser gleich zum Abdecker! Dann kannst Du mich wieder anrufen.“ Mufflon hat vor Schreck ihren Schlabber-Mampf-Rhythmus unterbrochen und blickt mich strafend an. Während der Mahlzeiten duldet sie keine Störungen und eigentlich auch sonst nicht. Und der Schuldige ist leicht auszumachen. Ihr Futterträger. Wer sonst? Frauenlogik. Ich blicke kleinlaut zu Boden. „Ist das alles, was Du dazu zu sagen hast?“, faucht Mercedes.
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„Hm?“ Mercedes knallt die Tür hinter sich ins Schloss.

Ich verbringe den Vormittag mit der Suche nach einem Tierarzt, der am Sonntag Notdienst hat. Die Begründung ‚Sexualnotstand’ erfreut sich unter Veterinären offenbar keiner ausreichenden Anerkennung. Vollkommen zu Unrecht, wie ich meine. Schließlich bin ich auf der letzten Seite des Branchenverzeichnisses angekommen. Auf Dr. Ego Wanzislaus liegen all meine Hoffnungen auf eine zeitnahe (noch in diesem Leben) Fortpflanzung. Ich bekomme einen Veteranen ans Telefon, der schwer hört und Kölsch spricht. Ideale Voraussetzungen für ein Fachgespräch unter Kollegen. „Wat hat et?“ „Orale Müfflitis in Verbindung mit einer ausgeprägten flatulenzitösen Dysfunktion. Ein wirklich außergewöhnlicher Fall!“, versuche ich den Stinker zu meinen Füßen anzupreisen. Dr. Wanzislaus Ego wittert Stoff für seinen vermutlich schon lange überfälligen Nobelpreis. Sicherheitshalber fragt er noch einmal nach. „Wat?“ „Dat.“ „Jo, dann kommense mal rüver. Beeilense sisch, bevor et krepiert!“ „Jut“, tröte ich in den Hörer und zerre ‚et’ aus der Wohnung und in den Fahrstuhl, wo Mufflon meine Diagnose olfaktorisch bestätigt. Noch betäubt, wie ein Demonstrant nach der Begegnung mit einer Tränengasgranate, wanke ich in die Tiefgarage. Ich muss mich einige Sekunden an meinem alten BMW-Motorrad abstützen. Als mein Gehirn wieder genug Sauerstoff getankt hat, wuchte ich die Dicke in den Beiwagen. Bevor sie nach mir schnappen kann, ziehe ich ihr die Hells Angels Lederweste über, ohne die sie das Haus nicht verlässt, dann folgen Lederhut und Motorradbrille. „Du siehst aus wie ein überdimensionaler Goldfisch. Libidokiller, verdammter!“ Das musste einfach raus. Ich fühle mich gleich besser.
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Wir brausen durch das sommerliche Bad Godesberg. Frischverliebte Paare gehen im Stadtpark spazieren. Nur wenige Singles haben sich aus ihren Wohnungen gewagt. Sie sitzen dumpf und verloren auf Parkbänken. So wie ich bald, wenn dem Tierarzt nicht ein Wunder gelingt. In Korea würde ich die Dicke einfach im nächsten Restaurant abgeben und mir am Abend zusammen mit Mercedes ‚Mufflon süß-sauer’ schmecken lassen. Wunschträume.

Die Tierarztpraxis ist in einer alten Villa am Rheinufer untergebracht. Hinter einer hohen Mauer sieht man nur eine Turmspitze mit einer schiefen Wetterfahne. Ich stehe vor dem mit Efeu überwachsenen Tor und suche nach einer Klingel. Erst als ich mich durch die Ranken wühle, entdecke ich den Knopf. Ich drücke. Nach geschlagenen fünf Minuten springt das Schloss auf und wir betreten das Grundstück. Alles riecht nach Verfall. Die Gehwegplatten sind von Wurzelwerk und Gras überwuchert. Die Luft ist modrig. Die ehemals stattliche Villa ist zu einer Ruine verkommen. Graf Drakulas Wochenendhaus. Die Haustür steht offen. Ich schicke Mufflon vor, die jeden Blutsauger mit ihrem Odem in die Flucht schlagen würde. Als ich die Tür hinter mir schließe, habe ich ein ungutes Gefühl. Eine Arztpraxis in einem Geisterhaus? „Fuß!“ Mufflon stupst mich erwartungsvoll an, oder sie macht das, was sie für Anstupsen hält, sie rammt mich. Mufflon hält jeden Befehl für den Markennamen eines Hundefutter-Produzenten. „Hallo?“, rufe ich unsicher. Nichts. „Könntest Du vorgehen, Mufflon? Bitte!“ Nichts. Aus einem schmalen Gang zu unserer Rechten fällt ein fahles, gelbliches Licht. Ich zerre Mufflon hinter mir her, die bereits genug gesehen hat. Sie steht auf Kochsendungen, Horrorfilme sind nicht ihr Ding. „Los Miststück! Du hast uns den ganzen Schlamassel eingebrockt.“ Am Ende des Ganges recken wir unsere Köpfe vorsichtig um die Ecke und
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blicken in ein eiterfarbenes Wartezimmer. Wir sind die einzigen Patienten. Sie ist die einzige Patientin, erinnere ich mich und versuche die Dicke vor mir her durch die Tür zu schieben. Ohne Erfolg. Ich werfe ihr bevorzugtes Nahrungsmittel, einen Kokoskeks, in den Raum. Sie sieht mich an. Wo einer ist, sind auch mehrere. Ich gebe auf und werfe die ganze Packung auf die zerschlissene Sitzreihe uns gegenüber. Mufflon schnaubt befriedigt und trottet ins Wartezimmer. Während sie schmatzend ihre Kalorienvorräte auffüllt, setze ich mich und greife nach einem medizinischen Fachjournal. Ich kneife die Augen zusammen. Sehe ich doppelt? Das muss der Liebesentzug sein. Die Schrift sieht merkwürdig aus. Ich sehe auf den Titel. ‚Ein gesundes Volk ist ein starkes Volk’ von 1936. Ich schätze es, wenn Mediziner sich fortbilden, um immer auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu sein. Ich will Mufflon gerade vorschlagen, den Vormittag doch lieber mit einer Flasche Bier auf einer Parkbank zu verbringen, als ich „Herein“ hinter einer Tür höre. Es ist eher ein heiseres Krächzen, das bei großzügiger Auslegung auch ‚Herein’ bedeuten könnte. Ich öffne die Tür und zerre die Dicke in den Raum. Einige wenige Lichtstrahlen fallen durch das Blattwerk vor dem Fenster. Direkt neben mir krächzt es wieder „Herein“. Ich fahre erschrocken herum. „Wir sind schon da!“, entgegne ich dienstbeflissen. Auf einer von der Decke hängenden Stange hockt ein nahezu federloser Ara und gibt wie eine alte Schellackplatte immer nur „Herein“ von sich. Als ich mich wieder umdrehe, steht vor mir ein gebeugtes Hutzelmännchen. Ich mache einen Satz nach hinten und stolpere über Mufflon. „Se müsse entschuldige. Datt Tier iss ziemlich einsilbich, wie mene Fru selich. Hä, hä. ha ...“ Ein Hustenanfall rettet mich vor Details aus seiner Ehe. Der Gnom winkt uns zum grünlich angelaufenen Behandlungstisch. Dann versucht er, Mufflon hinaufzuheben. Sie bewegt sich keinen Millimeter und betrachtet den Wicht interessiert. „Se iss zo fett! Da müsse ma woll Fett absauge!“
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Ich traue meinen Ohren nicht. Mufflons Körpergewicht ist bei uns zu Hause ein absolutes Tabuthema. Mufflon kämpft um jede Kalorie, das heißt, sie läuft wenig und frisst viel. Sie sieht mich verdattert an. Das hat noch niemand gewagt. Bevor sie dem Alten an die Kehle geht, stemme ich sie auf den Tisch. „Federleicht! Sehen Sie.“ Meine Bandscheiben knacken und ich muss mich am Tisch abstützen, um nicht in die Knie zu gehen. Mufflon und ihr Leibarzt sehen sich an. „Datt Vieh stinkt!“ „Nun, Dr. Wanzislaus, das ist der Grund unseres Kommens. Disfunk ... flatulierende Oral ...“ Ich hätte mir meine Telefonlüge besser aufschreiben sollen, aber der Alte ist ohnehin so gut wie taub. Er setzt sich einen fleckigen Mundschutz auf, der noch aus Beständen der Reichswehr zu stammen scheint und macht reichlich Gebrauch von einem Duftspray, das einen herzhaften Aasgeruch verströmt. „Schon besser, wat Jung“, gurgelt der Gnom. „Wunderbar! Erfrischend.“ Ich bin kurz davor mich zu erbrechen, während Mufflon einen Hustenanfall bekommt und mich wütend anfunkelt. Der Schuldige ist schnell gefunden. Die Dicke kommt nicht dazu, mich anzufallen, denn der Alte rammt ihr ein Holzstäbchen in den Rachen, um sich einen Eindruck von ihrem Beißapparat zu verschaffen. Mufflon zerknackt das Stäbchen und spuckt es aus. ‚Nicht mit mir!’, sagt ihr Blick. Nach dem fünften Versuch wird es ihr zu bunt. Sie beißt zuerst in das Stäbchen und dann beherzt in die Hand des Frevlers. Der Gnom schreit auf, der Ara krächzt aufgebracht „Herein“ und eine alte Frau betritt mit einem milchigen Goldfischglas und seinem offenbar vor längerer Zeit verstorbenen Bewohner den Behandlungsraum. „Können Sie den Rudi wiederbeleben?“, fragt sie mich und hält mir das stinkende Glas hin. Ich schiebe sie mitsamt ihrer Bouillabaisse zum Wunderdoktor. „Wiederbelebungen sind Dr. Wanzislaus Spezialität!“
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Mufflon nutzt die Gunst der Stunde und lässt sich mit einem lauten Klatsch vom Behandlungstisch fallen. Gemeinsam streben wir dem Ausgang zu.

Gegen den Schreck und voller Schuldbewusstsein lade ich Mufflon ins nächstgelegene McDonalds ein. Mit vier Cheeseburgern schmeichele ich mich wieder bei ihr ein. Danach setzen wir uns zu den anderen Singles auf eine Bank in den Stadtpark. Ich nicke ein und träume von einem entspannten Sonntagmorgen im Bett zusammen mit ... „Du bist mir ja eine Süße!“ Erschrocken reiße ich die Augen auf. Halten mich die Frauen jetzt schon für eine Geschlechtsgenossin? Ist es schon soweit? Eine junge Frau kniet vor Mufflon und gibt ihr ein Bussi. Und noch eins. Ich traue meinen Augen nicht. „Also sie riecht sonst besser. Sie liebt Mundwasser. Wir kaufen immer eine Literflasche als Wochenration“, schleime ich vor mich hin. Die junge Frau tätschelt Mufflon den Kopf und grinst mich an. „Ich habe Heuschnupfen. Ich rieche nichts. Gar nichts.“ Ich bin verliebt.

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Go West! (Humor)

„Go West!“, hatte mir Herr Franzen vom Arbeitsamt Bitterfeld entgegengestrahlt. Die Nachwirkungen seines letzten Motivationsseminars waren nicht zu übersehen. „Als Schuster haben Sie im Zeitalter des Turnschuhs ohnehin ganz schlechte Karten. Und hier im Osten? Vergessen Sie’s.“ Herr Franzen warf mir einen rechtschaffen besorgten Blick zu. Dann begeisterte er sich urplötzlich, wie ein Clown bei einem Kindergeburtstag. „Wir bezahlen Ihnen die Umschulung, und mit etwas Glück werden Sie vom ausbildenden Unternehmen übernommen. Wie wär’s mit Köln?“ Er sah mich erwartungsvoll an. Ich zerrte nervös an meinem Kragen. Clowns machen mich misstrauisch, insbesondere Behördenclowns. Als die erwartete Reaktion ausblieb, legte er nach: „Ist das nicht toll? Der Dom, der Karneval. Eine tolle Stadt!“ Ich bin allergisch gegen Karneval, aber das sagte ich nicht. Vielleicht war das ein Fehler. „Ich hätte da etwas ganz Tolles für Sie!“, spuckte Herr Franzen enthusiastisch über den Tisch. Ich wischte mir mit meinem Taschentuch das Schweiß-, Spucke-, Tränengemisch aus dem Gesicht und nickte ergeben.

Meine Ausbildung zum Fachverkäufer für Karnevalsartikel bei Cologne Costumes sollte nur wenige Tage in Anspruch nehmen. Bereits am Aschermittwoch begann mein sechsmonatiges Training für das eigentliche Geschäft des fünfköpfigen Familienclans, von dem Herr Franzen sicher nichts ahnte.

Heute, am Ende der Ausbildung, wird eine praktische Prüfung über meinen Verbleib in der Firma entscheiden. Für Spannung ist also gesorgt. Ich warte auf meinen Einsatz, verlagere nervös mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, wie ein Rennpferd vor dem Start. Ob Rennpferde auch ein Blasenproblem haben?
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Ich bin ein Angstpinkler, aber ich kann nicht schon wieder in dem Café um die Ecke verschwinden. Ich darf nicht auffallen. Auf keinen Fall darf sich jemand an mich erinnern, wenn alles vorbei ist. Schäfers Nas, mein großnasiger Ausbilder und gleichzeitig das Oberhaupt des Familienclans, brüllt aus meinem Ohrhörer. Ich mache vor Schreck einen Satz. „Der Steuerzahler hat Deine Ausbildung finanziert, also erweise Dich ihrer als würdig!“ Ich nicke devot, auch wenn mich der Chef nicht sehen kann. Ich bin mir meiner staatsbürgerlichen Verantwortung bewusst, jeder Schweißtropfen auf meiner Stirn ist eine Referenz an die Großzügigkeit meiner Steuer zahlenden Mitbürger. High Summer, High Noon, nur ich bin down. Prüfungsstress pur. Ich schwimme in einem Kokon aus Angstschweiß. Die Samstags-Shopper ziehen an mir vorbei, wie ein Schwarm Sardinen vor dem Maul eines Hais. Ich bin der Jäger. Das Bild sollte ich mir einprägen, hieß es während meiner Ausbildung. Mit seinem Zinken sieht Schäfers Nas tatsächlich aus wie ein übergewichtiger Hammerhai. Jede einzelne der Sardinen scheint mich anzustarren. Ich bin ein Aussätziger, ein Menetekel in der Masse der Gleichförmigkeit. „Kann ich Ihnen helfen, junger Mann?“ Ich zucke zusammen. Enttarnt! Flucht! Aber etwas klammert sich an meinen Ärmel, lässt sich nicht abschütteln. Mein Blick tropft nach unten, auf ein runzliges Gesicht unter einer bläulichen Perücke. Margot Honecker? Die Alte wischt sich die Tropfen mit ihrer Gichtklaue aus dem Gesicht. Bevor ich mich, ganz der gute Ossi, bei Margots Doppelgängerin entschuldigen kann, krächzt Schäfers Nas wieder aus dem Ohrhörer. „Es geht los!“ Ich schiebe die Alte zurück in den Strom der Passanten, der sie sofort erfasst und wegträgt. Eine Weile sehe ich den blauen Haarschopf noch auf der Oberfläche tanzen, dann wird er verschluckt. „Dein Einsatz, Junge. Zeig, was Du gelernt hast! Mach mich stolz, mein Sohn!“
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Die Nase fährt schwere psychologische Geschütze auf. Mein Blick fällt auf das Schaufenster des Buchladens hinter mir. ‚Strafgesetzbuch. Neueste Auflage.’ Angststarre. Schweiß, Tränen, alles fließt. Ich sehe zu Boden. Von meiner Nase löst sich ein Tropfen und fällt durch das Gitter des Gullis zu meinen Füßen. Meine Gedanken flüchten. Einfach hindurchfließen. Eintauchen in die Parallelwelt der Kölner Abwasserkanäle. Friedvolles Dahinplätschern. Dunkelheit. Kühle. Schäfers Nas scheint meine Gulliträume zu ahnen. „Los! Das ist ein Befehl!“ Er hat den richtigen Knopf gedrückt. Ich wusste, ich hätte damals verweigern sollen. Stattdessen Zeitsoldat. Auf alle Zeit geprägt auf das soldatische Naturgesetz von Befehl und Gehorsam. Ein pawlowscher Mensch. Ohne meinem angstdurchtränkten Gehirn weitere Beachtung zu schenken, setzen sich meine Beine in Bewegung, fremdgesteuert, wie ein Zinnsoldat in der Hand eines Kindes. Neben dem Eingang zur U-Bahn am Neumarkt nehme ich meine Position ein. Die Passanten bewegen sich in Wellen. Sie laufen, dann stauen sie sich kurz vor dem Eingang, bevor sie eingesaugt werden. Die Menschen, die an mir vorbei dem dunklen Schlund der U-Bahn entgegenstreben, haben ihren neugierigen Shoppingblick durch einen konzentrierten Tunnelblick ersetzt. Sie tasten nach ihren Tickets, die Augen tanzen kurz zur Uhr über dem Eingang, die Schritte verkürzen sich, nehmen Maß für die Treppenstufen. Die Dunkelheit vor Augen, konzentriert, um nicht zu stolpern, trotzdem eilig und fokussiert auf die nächste Bahn. Auch mir bleibt keine Zeit. „Mann, blaues Sakko, Glatze. Los!“ Ich versuche, das aufgeregte Hecheln in meinem Ohrhörer zu ignorieren. Meine Augen scannen den Menschenstrom, die nächste Welle. Zwei Teenager stellen sich vor mich, dem Strom entgegen, der sich einen neuen Weg suchen muss. Sie haben ihre Handys am Ohr. „Zwanzig Uhr? Ich weiß nicht, meine Eltern ...“ Ich dränge mich vorbei. „Pass doch auf, alter Sack!“
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Ein junges Paar sieht zu mir auf. Sie grinsen. Ich darf nicht auffallen. Scheiße! Da kommt schon die Glatze. Viel zu schnell. Abbrechen? Nein, ich will es endlich hinter mir haben. Das Warten auf den Einsatz ist das Schlimmste. Ich lasse Erna, die Frau der Nase passieren. Ein kompakter Rammbock von neunzig Kilo. Graue Bluse, graue Haare - graue Maus. Eine harmlose Matrone auf dem Weg zu ihren Enkeln. Dann ist die Glatze schon an mir vorbei. Ich fädele mich ein, dränge mich dicht dahinter, aber nicht zu dicht, denn ich brauche Bewegungsfreiheit. Ich sehe nichts mehr um mich herum, nur den Hintern in der hellblauen Jeans vor mir. Ich weiß, was jetzt kommt. Die Glatze nicht. Erna stoppt abrupt, um sich nach etwas zu bücken, der Mann läuft auf, wie ein Boot auf einen massiven grauen Felsen. Sein Oberkörper klappt nach vorne, sein Sakko rutscht hoch, die Arme sind nach vorne gestreckt, auf der Suche nach Halt. Ich pralle nur leicht auf den Po vor mir, gerade genug, um meine Aktion zu kaschieren. Die schwarze Brieftasche lugt mir entgegen. Ich ziehe sie mit der linken Hand, wie eine Spielkarte aus einem Stapel. Dann lege ich die Jacke mit meiner Rechten über die Beute, mache einen Schritt nach rechts und bin sofort wieder im Abwärtsstrom. Meine Augen suchen nach Rita, Ernas zwölfjähriger Tochter. Ich muss die Brieftasche schnell loswerden. Sie liegt mir heiß und feucht in der Hand, wie eine Handgranate, bei der bereits der Sicherungsstift gezogen wurde. Jetzt sollte mir Rita, unser Muli, mit ihrer pinkfarbenen Umhängetasche entgegenkommen. Brieftasche rein. Aktion beendet. Rita ist noch nicht strafmündig, kein Problem, wenn sie erwischt wird. Ich stiere angestrengt nach unten. „Abbruch! Abbruch!“ Die Nase, schrill, jegliche Souveränität ist verflogen. Erna bulldozert sich ihren Weg nach unten. Menschen stürzen auf der Treppe. Schreie. Flüche. Ich verharre einen Moment. Was soll ich in so einem Fall machen? Mein Gehirn wabert in Aspik, die Gedanken trippeln in Zeitlupe. Plötzlich bekomme ich einen harten Stoß von hinten. Gleichzeitig dreht sich die Frau vor mir um. Ihre blonden Locken schwingen wie die Sitze eines Karussells. Meerblaue Augen fixieren mich. Sie greift nach meinem Handgelenk mit der Brieftasche.
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„Polizei!“ Fallenlassen. Ich hätte die Brieftasche fallenlassen müssen. Die Polizisten nehmen mich in die Mitte und schieben mich die Treppe hoch. Die Passanten starren mich an, der Schwarm teilt sich, während der Hai zahnlos hindurch schwimmt. Ein Hai an der Angel.

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Vom Schein und Sein (Humor)

Ich spüre ein Beben. Das Bett wackelt. „6,5 auf der Richterskala“, murmele ich im Halbschlaf. Sekunden später versucht jemand, mich mit einem Badeschwamm zu ersticken. Ich würge, greife im Todeskampf nach dem Schwamm und werde von ihm in die Hand gebissen. „Otto, runter!“ Otto, meine vollschlanke Englische Bulldogge leidet unter Jetlag. Genauso wie ich, nur sind wir gestern aus unterschiedlichen Zeitzonen nach Los Angeles angereist. Meine Frau kam mit dem wandelnden Badeschwamm aus Bonn, während ich aus Singapore eingeflogen bin. LA ist unsere Heimat, unser Lebensmittelpunkt für eine Woche im Monat, danach folgen wir wieder unseren beruflichen Projekten, wie Seeschwalben einem Fischschwarm. Ich weiß, wann ich verloren habe und wälze mich aus dem Bett. Drei Uhr morgens. Carpe diem. Voller Tatendrang trotte ich auf die Terrasse, um meinem Frühsport nachzugehen. An guten Tagen, das heißt, mit dem Wind im Rücken, kann ich meinem verhassten Nachbarn von hier oben in den Pool pinkeln. Der Pool ist Geschichte. Unter mir gurgelt es wie in einem Wildbach. Unser Haus klebt auf hohen Stahlpfeilern an einer Steilwand im Topanga Canyon. Ein Wolkenbruch hat Schlammlawinen ausgelöst, die knapp an uns vorbei ins Tal donnern. LA kennt nur zwei Aggregatszustände: heiß wie in einer riesigen Bratpfanne, garniert mit Buschfeuern und eitrig gelbem Smog oder an den wenigen Regentagen wie Österreich bei der Schneeschmelze. Allerdings bei dreißig Grad Lufttemperatur. Otto gibt ein durchdringendes Heulbojengeräusch von sich, das selbst den ehrgeizigsten Kojoten vor Neid erblassen lässt. Das war das letzte Notsignal. Ich werfe mir eine dunkle Regenjacke über und bedauere den Mangel an Seenotrettungsraketen in unserem Haushalt, während ich den Hang, der einmal unser Garten war, zur Straße hinunterrutsche. Nach wenigen Minuten habe ich Otto verloren. Der Schein meiner Taschenlampe reicht nur ein paar Meter durch
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den dampfenden Regen. Ich habe Otto in Verdacht, seine Blasenschwäche nur vorgetäuscht zu haben, um der läufigen Hündin unseres Nachbarn seine Aufwartung zu machen. Ein rosa Pudel namens Pinky, der in einer malvenfarbenen Hollywood-Protzburg lebt, die mich entfernt an einen Blaubeermuffin erinnert. Ich bin wild entschlossen, notfalls einen Coitus interruptus herbeizuführen, auch wenn es mich wichtige Körperteile kostet. Als ich im Laufschritt um die Ecke biege, werde ich von gleißendem Scheinwerferlicht empfangen. Die Straße ist mit gelbem Absperrband dekoriert. Zwei Polizeiwagen und ein Transporter des Beverly Hills Police Departments blockieren mit eingeschaltetem Blaulicht den Verkehr. Nur Touristen lassen sich davon abschrecken, die Eingeborenen von Tinseltown, wie der Flecken Erde nicht ohne Grund genannt wird, vermuten grundsätzlich ein Filmset. Otto auch. Die größeren Sets verfügen alle über ein eigenes Catering, ein Umstand, der schon häufig zu wütenden Cut-Rufen überforderter Regisseure geführt hat, weil Otto seinen beim Liebesspiel erlittenen Kalorienverlust bei jeder sich bietenden Gelegenheit auszugleichen trachtet. Souverän hebe ich das Absperrband mit der Aufschrift ‚Crime Scene’ hoch und betrete die Szene. Ein Mann in einem weißen Ganzkörper-Wegwerfanzug tritt auf mich zu. Ein Alien in der Stadt der Engel. „Wo finde ich das Catering?“, frage ich unumwunden. „Sehr witzig, Euer Pathologenhumor. Ich bin Fred. Sie müssen der Ersatz für Dr. Gulag sein. Mann bin ich froh, dass Sie hier sind. Die Presse ist sicher schon im Anmarsch und wird gleich wie eine Büffelherde unseren Tatort plattwalzen. Wo waren Sie so lange?“ „Spazieren.“ Ich ernte einen seltsamen Blick, aber seltsam ist in dieser Stadt der Normalzustand. Normal wäre verdächtig. „Wie auch immer“, grunzt Fred und drückt mir einen Wegwerfanzug und ein paar Gummihandschuhe in die Hand. Ich weiß, was jede Minute Drehzeit kostet und will kein Spielverderber sein. Ich meine, am Rande des Sets einen dicken Schatten zu sehen, der auf einem kleinen
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Schatten aufreitet und deute entsetzt in die Richtung. „Genau, dort liegt das Mordopfer. Walten Sie Ihres Amtes, Doc.“ Fred schiebt mich auf einen am Boden liegenden Körper zu. Der Ärmste sieht wirklich fies aus. Aufgedunsen. Kalkweiße Haut. Das Gebiss liegt ihm schief im Mund, offenbar hat die Haftcrème versagt. Schlamm bedeckt den lila Jogginganzug mit dem markanten goldfarbenen Schriftzug ‚Greatest Lover’. Ich bin erleichtert. Es ist mein Nachbar, Theodore Eisenstein. So bleibt mir die Vergewaltigungsklage gegen Otto erspart. Da mir keine Idee für einen ehrenhaften Rückzug einfällt, versuche ich mich an mein mehrere hundert Folgen CSI umfassendes Fachwissen zu erinnern. Ich beuge mich vor. Innenaugenscheinnahme ist immer ein guter Anfang. „Brauchen Sie keine Instrumente, Doc?“ „Technik wird allgemein überbewertet und kann jahrzehntelange Erfahrung nicht ersetzen“, entgegne ich souverän. Ich klappe die schlabberigen Tränensäcke meines Nachbarn herunter. „Leberschaden.“ Dann betaste ich vorsichtig die Kopfhaut. In der letzten Folge ist bei CSI jemand mit einer Giftspritze unter das Haar ermordet worden. „Ohne Befund“, brumme ich. „Schreiben Sie bitte mit, Fred. Ich wiederhole mich nur ungern.“ Ich kann mich sonst unmöglich an den Blödsinn erinnern, den ich mir gerade einfallen lasse, aber das behalte ich für mich. Fred deutet auf das winzige Diktaphon in seiner Hand. Ich schüttele missbilligend den Kopf. Um dem vorlauten Greenhorn das Maul zu stopfen, angele ich Theodores Gebiss heraus und drücke es Fred in die Hand. Er zuckt zurück. „Also der Gaumen sieht ...“ Mist, mir fällt einfach kein Fachbegriff ein. Eklig erscheint mir unangemessen. Also ablenken. „Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass er ermordet wurde?“ Fred beäugt mich misstrauisch. „Na ja, drei Einstichstellen im Bauch legen den
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Schluss nahe. Seppuku ist in Beverly Hills recht selten.“ Ich spüre ein Autoritätsproblem und fahre den jungen Beamten ungehalten an: „Und abgesehen vom Offensichtlichen, Officer?“ Scheinkompetenz und Wortgewalt gehen Hand in Hand. Fragen Sie George W.. „Ja, was denn noch?“ Fred ist verunsichert. Gut so. Ich erhebe mich. „Ich habe genug gesehen.“ „Wollen Sie ihn denn nicht umdrehen?“ Fred hält den Kopf schief wie ein Schäferhund, der auf sein Stöckchen wartet. „Nicht nötig.“ Ich greife nach dem Diktaphon. Nach einer Kunstpause, in der sich mein Genius sammelt, gebe ich meine fachliche Einschätzung: „Theodore Eisenstein, Witwer, sechsundsechzig Jahre, Pudelbesitzer und Alkoholiker.“ Den Alkoholiker habe ich erfunden, aber sich einen Pudel anzuschaffen, ohne besoffen zu sein, halte ich für unmöglich. „Pudel ...?“ Ich bringe Fred resolut zum Schweigen. „Unter der Bulldogge, das ist doch nicht zu übersehen, oder haben Sie schon mal einen Hund mit acht Beinen gesehen?“ Fred nickt betreten. Otto grunzt leidenschaftlich. Von einem Quickie scheint er nichts zu halten. Wenn das Miststück nicht bald kommt, fliegen wir auf. „Theodore ... Herr Eisenstein hat seit einem Jahr eine Affäre mit der Frau seines Gärtners.“ Das hat mir der Postbote erzählt. „Überprüfen Sie den Gartenschuppen. Ich tippe auf eine Gartenschere als Tatwaffe.“ So mache ich dem mittäglichen Rasenmähen ein Ende. Den Gärtner habe ich schon lange auf dem Kieker. Fred ist zu Recht beeindruckt. „Ich habe noch nie einen Rechtsmediziner erlebt, der so kompetent und schnell die Arbeit der Mordkommission unterstützt hat.“ „Ach, alles eine Frage der Erfahrung. Mit ein bisschen gesundem

Menschenverstand, einer Prise Intuition und ...“ Bevor ich mich für die Verdienstmedaille des Beverly Hills Police Departments
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vorschlagen kann, kommt Otto angeschlurft. Ein Bild totaler Erschöpfung. Er schnüffelt am Toten, dann bricht er neben mir zusammen. Er hat seine Gesundheit der Arterhaltung geopfert. Während ich Otto anleine, rutscht ein rundlicher Mann mit einem schweren Instrumentenkoffer den Abhang herunter und landet vor unseren Füßen. „Wo ist der Tote?“, bellt er, nachdem er sich aufgerappelt hat. Otto bellt zurück, er duldet keine Konkurrenz in seinem Revier. Ich verschwinde mit dem Dicken in der Dunkelheit. Man sollte sein Glück nicht überstrapazieren. Das fehlende Catering am Tatort hätte mich misstrauisch machen müssen

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Der Mondscheinschwimmer (Humor)

Ich gebe Helen mit den Augen ein Zeichen, mir in die Küche zu folgen. Nicke in die Richtung. Räuspere mich, bis ich einen asthmatischen Anfall bekomme. Ich spule mein ganzes Repertoire nonverbaler Party-Kommunikation ab. Nichts. Ich will hier raus. Nein, er soll raus. Schließlich wohne ich hier. Wenn ich gewusst hätte, dass Helen ihren Ex-Freund und seine Neue zu unserer ‚Rheinparty’ einlädt, hätte ich das Haus nicht renoviert. ‚Es war ein Jahrhunderthochwasser. So was kommt nur einmal im Leben vor. Aber dafür ist es billig’, waren die Worte des Maklers vor zehn Jahren. Seither feiern wir einmal im Jahr unsere Renovierungsparty, wenn das Frühjahrshochwasser in Richtung Nordsee abgereist ist und uns eine zentimeterdicke Schlammschicht zur Erinnerung hinterlässt. Unsere Feier ist zu einer festen Institution im gesellschaftlichen Leben von Rolandseck nahe Bonn geworden. Würstchen satt Dank globaler Erwärmung.

„Eine so weite Strecke im Rhein zu schwimmen, das war wirklich mutig. Ich könnte das nicht“, sagt Helen bewundernd. „3,8 Kilometer. Halb so wild. Aber die Strömung war eine Herausforderung. Zugegeben.“ Kai winkt lässig ab und greift nach seinem Weinglas. Ein Held, der sich selbst beim Tiefstapeln noch aufpumpt. Ein Ritter an der Tafelrunde. Triathlon-Teilnahme statt Kreuzzug. Die beiden Frauen lächeln Kai an, wie unser Jack Russell einen saftigen Markknochen. Wenn das so weitergeht, muss ich kotzen. „Wahrscheinlich hat er sich einfach treiben lassen. Menschliches Treibgut. Das würde ich auch noch hinbekommen“, murmele ich wider besseres Wissen. Helen rollt mit den Augen, dann nimmt sie einen tiefen Schluck Bordeaux und schenkt sich gleich noch einmal großzügig nach. Unser Hund markiert sein Territorium subtiler. Ich weiß und kann doch nicht anders. Kai lässt sich mein Angebot zum Seppuko nicht entgehen: „Du würdest noch nicht mal von hier aus über den Rhein kommen, mein Freund.“
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Von Freundschaft kann wirklich keine Rede sein. Das war ein Fehdehandschuh. Ich werfe einen unauffälligen Blick von unserer erhöhten Terrasse auf die gemächlich unter uns mäandernde silberne Schlange. Im Gegenlicht des Mondes ahne ich gerade noch die Insel Nonnenwerth. Vielleicht hundert Meter? Ein halber Golfabschlag, nicht mehr. Dahinter macht der Rhein eine Biegung und man kann man seinen Hauptarm im Dunkeln nur erahnen. Leichter Nebel zieht knapp über der Wasseroberfläche auf. Anfang Juni. Das Frühjahr war kühl. Gefühlter Spätherbst. Ich sehe zu Helen. Sie starrt zurück, versucht mich zu hypnotisieren, durch Gedankenkraft den Schalter auf ‚Off’ zu stellen. Aber mein

Testosteronhaushalt ist bereits auf Autopilot. Mein steinzeitliches Stammhirn hat die Kontrolle übernommen. Ich sauge die kühle Nachtluft ein und spüre, wie sie mir Zuversicht einhaucht. „Ich war heute nicht joggen, ein bisschen Bewegung wird mir gut tun.“ Das war Clint Eastwood - Niveau, nur dass aus dem ‚Pale Rider’ gleich ein ‚Pale Swimmer’ wird. Und niemand wird ‚Klappe’ rufen. Kai grinst diabolisch, während die beiden Frauen sich synchron die Hände vor das Gesicht schlagen. „Danke für Euer Vertrauen!“, maule ich und erhebe mich mühsam. Ein Rückzieher wäre Gesichtsverlust. Meine Knie fühlen sich gummiartig an. Das muss die Flasche Bordeaux sein, die ich mir genehmigt habe. Wer konnte auch ahnen ...? Andererseits sollte ich bei mir auf alles gefasst sein, trotz oder gerade wegen meiner vierzig Jahre.

Wenig später stapfe ich über den taufeuchten Rasen vor dem Haus in Richtung Fähranleger. Jeder Schritt schmatzt auf dem weichen Untergrund. Schon das Baucheinziehen in meinen viel zu knappen roten Badeshorts geht über meine Kräfte, und ich bin noch nicht einmal im Wasser. „Seht nur, ein schwimmender Pavian!“, ruft Kai und scheint sich prächtig zu amüsieren. Helen schweigt, und das macht mir bedeutend mehr Sorgen. Das Mantra, das ich
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bei meinem Gang zum Schafott gebetsmühlenartig vor mich hinstammele „Idiot! Idiot! Idiot!“ hat keine Wirkung auf meine schwindende Zuversicht. Mein letzter Schwimmwettkampf liegt dreißig Jahre zurück. Die Bonner

Jugendstadtmeisterschaften. Damals habe ich nach dem Absprung vom Startblock meine Badehose verloren. Ich versuche den Gedanken zu verdrängen. Konzentrier Dich auf die Aufgabe vor Dir! Ich fühle die Blicke der Burgfräuleins in meinem Rücken und drücke ihn durch. Was ich schnell wieder lasse, weil der Bauch dann vorspringt wie eine Aussichtsplattform. Mein Turnierplatz kommt schneller auf mich zu, als mir lieb ist. Jedes Gewässer verströmt seinen ganz eigenen unverwechselbaren Geruch. Wie ein Mensch. Als ich an den Rand des Fähranlegers vortrete, kann ich den schwach modrigen Geruch der Algen auf den nassen Steinen riechen. Darüber etwas Schweres, Ätherisches. Dieselöl. Vielleicht von der Fähre, die jetzt auf der anderen Rheinseite festgezurrt liegt. Es gibt kein Zurück mehr. Ich beuge die Knie und stoße mich ab. Und lande auf meinen Händen und Knien. Canossa für Arme. Ich befinde mich auf der Auflagefläche für die Rampe der Fähre. Das Wasser ist hier nur dreißig Zentimeter tief. Meine Handgelenke und Kniescheiben schmerzen. Ich rappele mich auf. Stolpere vor und lande mit einem Bein im Nichts. Der Rest fällt hinterher. Das war so nicht geplant. Ich biete Trash-TV-Enthusiasten eine ungewollte Slapstickeinlage. ‚Pleiten Pech und Pannen’ wird auf meinem Grabstein stehen. Kai hustet ein Lachen: „Willst Du auf die andere Seite robben?“ Den Satz bekomme ich leider noch mit, dann bin ich weg. Um mich nur Schwärze. Ich schlucke Wasser, das hier im Altarm nach Moder riecht und nach Tod schmeckt. Wie viele Wasserleichen mögen hier seit der Römerzeit im Schlick versunken sein? Ich komme wieder nach oben und mache zwei, drei unbeholfene Züge. Die Kälte scheint meinen Körper schrumpfen zu lassen. Alle Gliedmaßen ziehen sich wie verärgerte Wattwürmer in den Körper zurück. Mit dem Rest platsche und kegele ich mich unkoordiniert vorwärts. Arme und Beine führen ein Eigenleben. Die spiegelglatte Wasseroberfläche hat mich getäuscht. Ich spüre die Strömung.
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Und fühle mich betrogen. Das Wasser hat eine Persönlichkeit angenommen. Ich fluche auf meinen Gegner und schlucke wieder Wasser. Nach geschätzten hundert Metern nehme ich den Kopf in den Nacken und blicke unauffällig hoch, um mich zu orientieren. Die Rampe liegt fünfzehn Meter hinter mir, und die Strömung hat mich doppelt so weit stromabwärts versetzt. Wenn ich so weiter schwimme, werde ich mit der Insel Nonnenwerth kollidieren. Was werden die Klosterdamen zu einem halbnackten Besoffenen sagen? Ich versuche, gegen die Strömung anzukämpfen. Die Muskeln brennen, als würde ich durch einen Schwarm Feuerquallen schwimmen, und ich habe immer noch nicht meinen Rhythmus gefunden. Jedes Mal, wenn ich aufblicke, treibe ich wieder ein Stück zurück. Nur noch wenige Meter bis zur Inselspitze, die den Strom wie ein gewaltiger Schiffsbug teilt. Ich wühle mich verzweifelt durch das Wasser. Die Insel scheint sich ebenfalls gegen den Strom zu bewegen. Die Bäume am Ufer werden zu Masten. Ich befinde mich im Wettschwimmen mit einer Insel. Mit einem letzten Spurt schramme ich haarscharf an den aufgeschütteten Basaltbrocken der Inselspitze vorbei. Meterhoch über mir ragt eine Bake in den Himmel. Auf der Spitze erkenne ich im Mondlicht einen Kormoran, der mich entsetzt anstarrt. Sofort erfasst mich die Strömung des Hauptarms. Wellen schlagen mir ins Gesicht. Das Wasser ist eiskalt und der Modergeruch wie weggeblasen. Die Insel zieht im Eiltempo an meiner Linken vorbei. Ich befinde mich auf einer Autobahn aus Wasser. „Die Fließgeschwindigkeit beträgt fünf bis sieben Stundenkilometer - schneller als ein Wanderer im Eilgang, weit schneller als ein Weltklasseschwimmer“, hat mir vorhin Kai zugeflüstert. In einem anderen Leben. Konzentrier Dich! Ich schwimme jetzt quer zum Strom in Richtung Siebengebirge. Die Wellen schlagen mir bei jedem Atemholen ins Gesicht. Ich befinde mich im toten Punkt, den jeder Ausdauersportler kennt. Ich bestehe nur noch aus Müdigkeit, spüre weder Arme noch Beine. Habe keine Kraft mehr, mir Gedanken zu machen, Angst zu empfinden, Schmerz zu spüren oder den nächsten Schritt zu planen. Ich bin vollkommen leer. Etwas in mir schaltet
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nacheinander die komplexeren Körperfunktionen, den Intellekt, ab. Im bin im geistigen Nirwana. Stattdessen übernimmt etwas tief in mir drin die Kontrolle. Die Koordination von Atmung, Armen und Beinen stellt sich wie von selbst ein. Ein immer gleicher Rhythmus. Sogar die Wellen scheinen sich diesem Rhythmus, diesem Naturgesetz anzupassen. Ich werde zur Maschine, zum

Schaufelraddampfer. Im Steuerhaus sitzt jemand anderes. Jeder Fluss riecht anders, schmeckt anders und hört sich auch anders an. Abhängig von der Strömung, der Tiefe, der Form des Flussbettes und der Beschaffenheit des Ufers, an dem das Wasser vorbeischabt, stellt sich ein individuelles Lebensgeräusch ein. So wie ein Mensch mit seinem Gang, seinem Atem und sogar mit seinem Herzschlag Geräusche erzeugt, die einzigartig sind. Ich bin ein Teil des Herzschlags des Rheins geworden. Dazu gesellt sich jetzt ein weiteres Geräusch. Auch rhythmisch, nicht unangenehm, wie ein neues Instrument, das sich vorsichtig in die laufende Probe des Orchesters hineinspielt. Ich nehme es anfangs kaum wahr. Doch es wird immer tiefer, grollender, bis es vollends die Kontrolle über das gespielte Stück übernimmt. Der stählerne Bug des Frachters verfehlt mich nur knapp. Ich werde an seinem riesigen schwarzen Rumpf entlang gesaugt, werde unter Wasser gezogen, bis meine Lungen fast bersten. Ich kann die Schrauben nicht sehen, aber ich brauche keine Ohren, um sie zu hören. Mein ganzer Körper vibriert im Takt der Propeller, die sich wie riesige Fleischwölfe durch das Wasser fräsen. Sie zerren mich in ihren Strudel, halten mich, wie eine Spinne ihre Beute und spucken mich schließlich wieder aus. Ich keuche, huste, versuche zu rufen, aber das Schiff verschwindet in der Dunkelheit. Unbeirrt durch meine Gegenwart. Als ich wieder zu Atem komme, sehe ich mich um. Die Südspitze der Insel Grafenwerth zieht gerade an mir vorbei. In der Ferne erkenne ich die erleuchtete Burgruine auf dem Drachenfels. Ich bin mindestens einen Kilometer weit abgetrieben. Ich muss mit der Strömung geschwommen sein, daher der angenehme ‚Rückenwind’. Ich spiele ‚Toter Mann’ und lasse mich treiben, um zu verschnaufen. Der Rhein macht flussabwärts eine Biegung nach links, soviel weiß ich von
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meinen Radtouren am Ufer entlang. Die Strömung müsste mir helfen, auf die andere Seite zu kommen. Ich versuche schräg zur Fließrichtung rheinabwärts zu schwimmen. Gegen die Strömung anzukämpfen, wäre sinnlos. Mehrere

Frachtschiffe ziehen rheinabwärts an mir vorbei. Ich rufe und winke. Sinnlos. Wie Güterzüge auf festen Schienen donnern sie nach Norden.

Die Strömung spuckt mich schließlich am Ende der Flussbiegung, in Ufernähe, wie einen lästigen Kirschkern aus. Ich schwimme mit letzter Anstrengung auf eine Buhne zu, die weit in den Fluss hineinreicht, und hinter der sich ein Flachwassergebiet mit einer kleinen Kiesinsel anschließt. Die Wellen werden kleiner und das Wasser spürbar wärmer. Die reißende Strömung hat sich urplötzlich in einen kleinen See verwandelt. Kleine Strudel, die sich hinter der Buhne bilden, laufen gegen die Strömungsrichtung des Hauptarms. Alles kommt mir überlangsam vor, wie nach einer schnellen Fahrt auf der Autobahn. Schließlich bekomme ich Boden unter die Füße, erst größere Steine, dann Kies und krieche auf allen Vieren ans Ufer der flachen Insel. Ich lasse mich fallen. Als Robbe in Helgoland würde ich nicht weiter auffallen. Mir fehlt aber der isolierende Speck, und ich zittere unkontrolliert. Ich weiß nicht, wie lange ich eingenickt war. Über mir auf der Buhne höre ich zwei Angler: „Scheiße Rolf, `ne Wasserleiche!“ Meine Zähne klappern ein wildes Stakkato zu meiner Antwort: „Habt Ihr ein Handy? Ruft bitte den Leichenwagen für mich!“

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Was ich Dir schon immer sagen wollte (Drama)

Der Brief wiegt schwer, obwohl er nur ein einziges Blatt enthält. Er kommt aus meiner Vergangenheit und trifft mich dort, wo ich am verwundbarsten bin. In meiner Vergangenheit. ‚Es ist soweit. Beeil Dich.’ Unterzeichnet „M.“. M für Mutter.

Ich habe ihr versprochen, rechtzeitig da zu sein. Mich zu verabschieden. Versöhnlich. Abzuschließen, auch für mich. Das war es, womit sie mich gekriegt hat. Keine Zukunft, ohne dass einem die Rechnung für die Vergangenheit präsentiert wird. Die ich wie ein altes Gepäckstück mit mir herumschleppe. Trotzdem rebelliert es in mir. Schweiß steht mir auf der Stirn, während ich die Zeilen vor mir betrachte. Der Fluchtinstinkt regt sich. Dem ich immer gefolgt bin, bis hierher, wo alles neu ist. Wo ständige Erneuerung der einzige Lebenszweck ist. Alt werden, um neu zu sein. Los Angeles. Die Bewohner dieser Stadt erinnern mich an Insekten. Raupe - Metamorphose – Schmetterling, Raupe - Metamorphose – Schmetterling. Ich bin über die Metamorphose nie hinausgekommen. Ich zerre meinen kleinsten Koffer hervor. Für mehr als Handgepäck reicht meine Kraft nicht. Schon ein einziger Tag ist wie ein Berg, der seinen kalten Schatten bis nach LA wirft, wo die spargeldünnen Palmen in meinem Garten wie Strichmännchen im Smog stehen.

Im Taxi fühle ich die sorgsam verdrängten Gefühle hochkochen. Die kaputte Klimaanlage, der Song, der blechern aus dem Autoradio dringt, ‚Father & Son’ von Cat Stephens oder Yusuf Islam, wie er sich jetzt nennt. Yusuf auf der Flucht vor Cat. Auch so ein Metamorphose-Junkie. Der Taxifahrer zeigt auf die Fotoparade auf dem Armaturenbrett, die uns wie der Kölner Rosenmontagszug

entgegenstrahlt. Er brabbelt glücklich in den Rückspiegel. Endlich. LA International. Ich springe aus meiner metallenen Zwangsjacke und lasse zwanzig Dollar Wechselgeld zurück. Das Flughafengebäude hüllt seine
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klimakalte Luft um mich, wie ein Rettungssanitäter, der einem Brandopfer Erste Hilfe leistet. Flughäfen haben eine tröstlich-sedative Wirkung auf mich. Ich fühle mich heimisch, weil es kein zu Hause gibt. Nur Wege sind im Angebot. Der Flug ist zu lang, um mich von mir abzulenken. Als wir den amerikanischen Kontinent hinter uns lassen, schalte ich den Videobildschirm vor mir aus und das Kopfkino an. ‚Wie soll man ein Gespräch wieder aufnehmen, das vor acht Jahren geendet hat, ohne jemals wirklich begonnen zu haben?’, frage ich mich. Das Was ist nicht der Grund für die Sprachlosigkeit. Ich trage einen ganzen Sumpf Unausgesprochenes in mir. Das Wie, die Sprache selbst fehlt.

Als ich in Köln/Bonn aus dem Flughafen-Terminal trete und mein Handy wieder einschalte, erhalte ich eine SMS, die kurz nach meinem Einschecken in LA abgeschickt wurde. ‚Komm ins Krankenhaus! Uni-Klinik.’ Gezeichnet ‚S.’ Meine Schwester. Selbst Namen bleiben bei uns unausgesprochen. Unsere Familie besteht aus Platzhaltern. Als Behörde würden wir nicht weiter auffallen. Im Taxi läuft das Lied der ‚Fantastischen Vier’: „MfG – mit freundlichen Grüßen. Die Welt liegt uns zu Füßen, denn wir stehen drauf. Wir gehen drauf für ein Leben voller Schall und Rauch.“ Als ich den Flur der Notaufnahme betrete, kommen mir M. und S. entgegen. Meine Schwester schüttelt den Kopf, dann holt sie einen Briefumschlag aus ihrer Jackentasche und hält ihn mir hin. Ich zögere, alleine die Entschiedenheit ihrer Geste zwingt mich zuzugreifen. Die Schrift ist krakelig, wie der Ausdruck eines Seismografen während eines Erdbebens. ‚Was ich Dir schon immer sagen wollte, mein Sohn.’ Gezeichnet „V.“

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Die Winkerkrabbe – ein GPS-Abenteuer (Humor)

N 54°27'16" E 12°32'51". Sonntag. High Noon. Setz bitte das magentafarbene Hütchen auf und wink mit dem Handschuh. Sonst finden wir uns nicht, und das wäre doch schade. Kiss Medea.

Ich sehe in den Umschlag und finde ein Fan-Cappy der Telekom Baskets und einen dieser aufblasbaren Handschuhe, mit denen die Fans des Bonner Teams ihre Mannschaft anfeuern. Dann checke ich auf Google, wohin mich die Reise führt. Prerow, ein Strandbad an der Ostsee. Knapp vier Stunden mit dem Wagen von meiner Berliner Wohnung aus. Machbar. Ich sehe mich bereits zusammen mit Medea in den Dünen liegen. Sie hat einen superknappen roten Bikini an und scheint sich mit Cameron Diaz den Genpool zu teilen. Und ich? Ich brauche dringend neue Badeshorts. Männlich lässig und dennoch figurbetont. Ich sehe an mir herunter. Vielleicht doch nicht zu figurbetont. Ich beschließe, auf dem Weg in die Stadt im Fitnessstudio Halt zu machen. „Andrea, ich muss morgen früh schon zum Kunden fahren. Wir haben mittags bereits einen Workshop. Sorry, Schatz!“ Dass ich einen Workshop mit meinem Blind Date habe, vergesse ich zu erwähnen. Meine Freundin liegt auf dem Balkon in der Sonne und reagiert entspannt: „Kein Problem, Bärchen. Ich mach mir einen schönen Tag mit meinen Freundinnen!“ Bärchen ... Wenn die wüsste. Dann runzle ich die Stirn. Das ging merkwürdig einfach. Zu einfach? Andrea wird zur Furie, wenn sie eifersüchtig ist, aber ich bin als Unternehmensberater der geborene Lügner. Ich klopfe mir auf die Schultern. Gut gemacht! Sonntagfrüh um sieben Uhr sitze ich im Cabrio. Ich stecke mein iPhone in die Halterung, rufe die Navigation-App von Navigon auf und gebe die GPSKoordinaten ein. Die zarte Frauenstimme säuselt mich sicher durch Berlin und wenig später bin ich auf der Autobahn in Richtung Rostock unterwegs. Ich säusele zurück: „Medea, ich komme!“
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Als ich gegen elf Uhr Prerow erreiche, brennt die Sonne bereits mit 28 Grad. Ich parke den Wagen und mache mich an zahllosen Touristenläden vorbei auf den Weg zum Strand. Eine Hundertkilo-Frau in mintfarbenen Stretchhosen rempelt mich an, und mein iPhone gleitet mir aus der Hand. Es landet knapp neben einem Hundehaufen. Wenn das Phone kaputt ist, bin ich geliefert. Panik! Ich bücke mich und sehe auf den Screen. Nein, alles ist gut gegangen. Die Dicke tritt mir zum Abschied noch mal auf den Fuß und verschwindet in der Menge. Wenn das Medea war, begehe ich Seppuko. Der Strand ist brechend voll. Ich blicke konzentriert auf das Phone und versuche mich gleichzeitig zwischen Hunderten von Luftmatratzen und Kleinkindern hindurchzuschlängeln. Noch etwa hundert Meter. Vor mir wird der Strand plötzlich leerer, und ich sehe auch wieso. Ein kleines Schild markiert die Grenze: FKK. Nackte Leiber liegen in kleinen Grüppchen, wie Robben auf der Sandbank. Ich sehe nochmals auf den Screen. Ich täusche mich nicht. Nach dem ersten Unwillen stelle ich mir Medea ohne Bikini vor und meine Bedenken verflüchtigen sich wie Wassertropfen in der Wüste. Ich stapfe mutig weiter und finde schließlich die angegebene Stelle. Ich bin von älteren Damen mit integrierten Rettungsreifen umringt, die mich freundlich auf die Bedeutung des Begriffs FKK hinweisen. Ich füge mich und mache es mir auf meinem Badetuch bequem. Immer wieder sehe ich mich um, aber die Medea meiner Träume ist nicht zu sehen. Gegen Mittag setze ich mir das magentafarbene Pepitahütchen auf und blase die Winkhand auf. Schließlich nehme ich allen Mut zusammen, stehe auf und wedele mit der Riesenhand wie eine Winkerkrabbe auf Brautschau. Ich ernte merkwürdige Blicke und kann nur hoffen, dass Prerow über keine psychiatrische Anstalt verfügt. Mit Zwangsjacke würde ich hier gegen die Kleiderordnung verstoßen. Ich winke fast eine Stunde lang und bleibe weitere drei Stunden im Leibermeer sitzen. Ohne Erfolg. Medea ist sicher etwas dazwischengekommen. Oder sie hat die GPS-Daten nicht richtig eingegeben. Frauen und Technik ... Enttäuscht mache ich mich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, finde ich
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einen Zettel auf dem Küchentisch. Mit einer Linkadresse. Ich nehme mein iPhone, gebe den Link ein und lande auf Youtube. Auf dem Video ist ein bis auf sein Hütchen nackter und verschwitzter Mann zu sehen, der wie ein Idiot mit einer aufblasbaren Hand winkt. Eine menschliche Winkerkrabbe. Ich blicke nochmals auf den Zettel: Die Wohnungsschlüssel kannst Du in den Briefkasten werfen. Medea.

*

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Ihr Kind quengelt, weil Sie in mein E-Book vertieft sind? Um mein schlechtes Gewissen zu entlasten, gibt es als kleine Zugabe eine Kurzgeschichte, die ich vor ein paar Jahren in einem Kinderbuch veröffentlicht habe.

Sie haben keine Kinder? Dann sehen Sie auf meiner Website nach. Dort finden Sie weitere Texte von mir und Bezugsquellen für meine Veröffentlichungen.

Mia und die Wolke (Kindergeschichte)

Mia blinzelte verschlafen. Nichts. Alles war wie immer in ihrem Kinderzimmer im Dachgeschoss des Elternhauses. Und doch war ihr, als hätte sich etwas bewegt. Aber da auch ihre Lieblingsstofftiere Teddy und Leo auf ihren angestammten Plätzen auf beiden Seiten ihres Kopfkissens lagen, beruhigte sich Mia. Sie musste sich geirrt haben. Vielleicht hatte sie auch einfach etwas Komisches geträumt. Mia schloss die Augen und war fast wieder eingeschlafen, als etwas an ihrem Bett ruckelte. Nein, nicht etwas, sondern alles ruckte. Kein Zweifel, das ganze Haus bewegte sich. Wenn auch nur leicht, etwa so wie ein Spielzeugboot, wenn man an der Leine zieht. Zuerst wollte Mia nach ihrer Mutter rufen, aber die hätte ihr sowieso nicht geglaubt. Ein Haus, das ruckt. Wo gibt’s denn so was? Außerdem war Mia neugierig, also stand sie auf und ging vorsichtig zum Fenster ihres Zimmers. Dabei stieß sie im Dunkeln gegen das hölzerne Puppenhaus, das sie vergessen hatte aufzuräumen. „Aua!“ Mia spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Doch für Tränen war jetzt keine Zeit. Mia humpelte weiter zum Fenster und schob den roten geblümten Vorhang zur Seite. Draußen war alles weiß, schneeweiß. Mia musste die Augen zusammenkneifen, so sehr blendete der Schnee. Aber Schnee? Es war mitten im Sommer. Gestern war sie mit ihrer Mutter im Freibad gewesen. Mia rückte einen Stuhl vor das Fenster und öffnete es. Sie musste sich mit beiden Händen an den Fenstergriff hängen, so schwer ließ sich das Fenster öffnen. Außerdem durfte
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sie es eigentlich nicht, schließlich konnte sie hinausfallen. Mit einem „Rums“ schwang das Fenster auf. Wieder wackelte das Haus und Mia hätte um ein Haar den Halt verloren, dann spürte sie, wie ihr das weiße Etwas entgegenschwappte. Mia streckte vorsichtig die Hand aus, jederzeit bereit, zurück ins Zimmer zu springen und das Fenster zuzuschlagen. Etwas ganz Weiches, ähnlich wie Watte, umschloss ihre Hand. Es biss nicht, wie der Nachbarshund, und es war auch nicht heiß oder kalt. Das Gefühl war sogar angenehm. Die weiße Masse wogte und wabberte gegen das Haus und schien irgendwo festzuhängen. Mia wurde langsam mutiger. Alles war so flauschig weich, was sollte denn da passieren? Mia kletterte über das Fensterbrett und schob erst das eine und dann das andere Knie vor. Sie sank leicht ein, aber das weiße Ding schien sie zu tragen. Es war wunderschön. Mia krabbelte immer schneller an dem Ding empor, bis sie schließlich die Spitze erreichte. Mia hatte es schon geahnt, aber jetzt war sie sich sicher. Ja, es war eine Wolke. Ganz weich und wellig und etwa so lang wie das Haus. Toll. Viel schöner als jeder Spielplatz. Mia jauchzte und hopste ausgelassen auf der Wolke herum. Manchmal sank sie bis zum Bauch ein, aber sie konnte leicht wieder nach oben krabbeln. Die Wolke duftete auch ganz frisch, so wie eine Blumenwiese. Mia ließ sich auf den Rücken fallen und blickte in den Nachthimmel hinauf. Überall blinkten Sterne, und die Sichel des Mondes war zu sehen. Und auch einzelne Wolken zogen über sie hinweg, aber sie waren viel höher. Mia’s Wolke schien zu tief geraten zu sein und war an ihrem Haus hängengeblieben. „Klasse!“, entfuhr es Mia. „Ein toller Spielplatz!“ Ihre Freunde würden staunen, wenn Mia ihnen die Wolke morgen vorführen würde. Sie könnte bestimmt auch mehrere Kinder tragen. Plötzlich rauschte die große Pappel im Garten und schon hatte eine Windböe die Wolke erfasst. Sie senkte sich, dann hob sie sich plötzlich, so dass Mia hin und her purzelte. Mia klammerte sich an der Wolke fest, so gut es ging und wartete darauf, dass sie sich wieder absenken würde, aber nein, sie stieg und stieg. Mia kroch auf allen Vieren an den Rand der Wolke, um hinab sehen zu können. Direkt unter sich sah sie den Giebel ihres Elternhauses vorbeiziehen. Mias Fenster lag schon mehrere Meter unter ihnen – unerreichbar. Der Dachgiebel wäre
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im Sprung vielleicht noch zu erreichen gewesen, aber wie sollte Mia Anlauf nehmen, bei dem Geschaukele und Gewackele. Normalerweise hätte sie jetzt nach ihrer Mutter gerufen und geweint. Kurzum, sie hätte sich so verhalten, wie man es von einem kleinen Mädchen erwarten würde. Aber Mia fühlte sich sicher auf der Wolke. Sie konnte es sich auch nicht erklären, und im Moment war sie auch viel zu aufgeregt, um über irgendetwas nachdenken zu können. Aber ihre Wolke gab ihr ein Gefühl der Sicherheit, auch ohne ihre Eltern. Sie war eher neugierig als ängstlich. Schon schwebten sie über den Gartenzaun und über das Grundstück der Nachbarn hinweg. Oskar, der rote Kater der Nachbarn saß auf deren Dach und sah Mia und der Wolke neugierig nach. Von hier oben sah alles ganz anders aus, als von unten. Für ein Kind wirkt am Boden alles groß und bedrohlich, Autos, Tiere, eigentlich fast alles. Doch von hier oben betrachtet, sah das ganze Dorf friedlich und sanft aus. Der Mond tauchte die Felder und Hügel in ein mildes Licht, wie Kerzenschein. Mia drehte sich um, um zu sehen, wohin die Wolke schwebte. Sie erschrak fürchterlich, denn sie trieben über den Dorfplatz und direkt auf die Kirchturmspitze zu. Wie ein spitzer Speer ragte sie hoch in die Luft und drohte die Wolke aufzuspießen. „Höher, höher!“, schrie Mia, als könnte die Wolke sie hören. Mia fragte sich gerade, was mit einer aufgespießten Wolke wohl geschehen würde, als eine Windbö sie von hinten ergriff und mit einem plötzlichen Ruck vor sich her trieb. Der Kirchturm kam immer näher, aber der Wind hatte die Wolke nicht nur schneller gemacht, sie hatte auch an Höhe gewonnen. Knapp, ganz knapp schrappten sie über die Turmspitze hinweg. Mia atmete erleichtert auf. Mia wusste nicht, wohin die Reise ging, aber ihr würde bestimmt nicht langweilig werden, soviel schien sicher. Die Aufregungen hatten Mia müde gemacht, und ehe sie sich versah, schlief sie ein, auf ihrer Wolke, die nun schnell in Richtung Süden über die Landschaft hinwegflog.

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Als Mia mitten in der Nacht aufwachte, trieben sie inmitten anderer Wolken, die alle vor einem Gebirge lagen und auf etwas zu warten schienen. Auch auf einigen der anderen Wolken sah Mia Kinder, aber nicht auf allen. Die meisten Wolken waren weit voraus. Alle versuchten neugierig über das Gebirge zu sehen, auch Mia, aber es war noch zu hoch. Langsam stieg Mias Wolke höher, bis sie den höchsten Berg erreichten. Dort blieben sie hängen. Auf dem Gipfel des Berges saß eine Eule, die Mia begrüßte. Mia wunderte sich, dass sie die Eule verstehen konnte. Den Papagei ihrer Oma konnte sie nicht verstehen, so viel war sicher. Sie fragte die Eule „Warum sitzt Du auf dem Berg?“ Die Eule antwortete: „Ich passe auf, dass kein Erwachsener versucht, über die Berge zu kommen. Die Welt hinter den Bergen ist nur für Kinder. Aber die meisten Erwachsenen wären ohnehin zu schwer für die Wolken.“ Mia fragte „Und was ist hinter den Bergen?“ Die Eule deutete mit einem Flügel hinter sich: „Das Traumland. Aber ich kann Euch leider nicht über die Berge lassen.“ Mia zeigt auf sich und die Wolke: „Aber warum? Ich bin kein Erwachsener und schwer bin ich auch nicht. Die Wolke kann mich leicht tragen. Schließlich sind wir den ganzen weiten Weg hierher geflogen. Wir wollen auch ins Traumland!“ Mia überlegte, ob sie weinen sollte. Bei ihrem Vater half das meist, wenn sie etwas wollte, was sie eigentlich nicht bekommen sollte. Aber die Eule sah nicht so aus, als wenn sie sich von ein paar Tränen beeindrucken lassen würde. Die Eule blickte sorgenvoll auf Mia und ihre Wolke und sagte: „Ihr seid zu spät dran. Die anderen Kinder waren viel früher hier.“ „Ich habe eine neue Puppe bekommen und habe lange mit ihr gespielt. Deshalb wollte ich nicht einschlafen“, meinte Mia. Die Eule sah nach Osten, wo es langsam hell wurde. „Nun gut, weil Ihr schon mal hier seid. Ich lasse Euch kurz rüber auf die andere Seite, aber dann müsst Ihr schnell nach Hause.“ „Aber warum denn?“, fragte Mia. „Wenn die Sonne auf die Wolke scheint, löst sie sich langsam auf“, sagte die
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Eule. „Die Sonne geht bald auf, deshalb könnt Ihr nicht lange bleiben.“ Die Eule gab Mia’s Wolke einen kleinen Schubs, so dass sie sich von der Bergspitze lösen konnte. Dann trieben sie auch schon über das hinter den Bergen liegende Tal. Im Mondschein konnte Mia Riesenräder sehen, ein großes buntes Karussell und Berge von Spielsachen. Dazwischen tobten und lachten hunderte Kinder. Mia sah einige ihrer Freunde winken, als sie Mia auf ihrer Wolke entdeckten, aber es waren auch viele fremde Kinder da, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Manche schienen aus fernen Ländern gekommen zu sein, denn sie sahen anders aus und waren auch ganz anders gekleidet. Aber alle spielten miteinander und schienen auch die Sprache der anderen zu verstehen. Die Wolken der Kinder lagen am Rande des Tals auf einer Wiese.

Mia wollte gerne hinunter zu den anderen, aber die ersten Sonnenstrahlen kamen bereits über die Berge. Auch die anderen Kinder liefen jetzt zu ihren Wolken, um die Heimreise anzutreten. Wenig später spürte Mia einen starken Wind aufkommen, der die Wolken erfasste und über die Berge zurücktrieb. Die Eule hatte ihre Aufgabe als Wächter des Traumlandes für heute Nacht erfüllt und erhob sich mit einem mächtigen Flügelschlag in die Luft. Sie flog noch eine Weile neben Mia’s Wolke her und rief ihr zu: „Du kannst jede Nacht mit einer Wolke zum Spielen herkommen. Je früher Du einschläfst, desto länger kannst Du hierbleiben und spielen.“

Der Wind trieb Mia mit Ihrer Wolke nun in umgekehrter Richtung zurück nach Hause. Als sie an ihrem Haus ankam, kletterte sie über das Fenster wieder in ihr Zimmer. Dann stieg die Wolke immer höher, und Mia konnte sehen, wie sie sich in der Sonne langsam auflöste. Morgen Nacht würde wieder eine Wolke kommen. Mia freute sich schon, und sie beschloss früher schlafen zu gehen, damit sie diesmal auch genug Zeit zum Spielen hätte.

* * *

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Weitere Texte von mir: siehe Amazon.de

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Killer Blues (Kurzgeschichten-Anthologie) Sammlung mit sechs meiner Krimi-Kurzgeschichten, die z. T. Literaturpreise gewonnen haben oder für Preise nominiert wurden.

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