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Hausmitteilung

Hausmitteilung

INDRANIL KISHOR/DRIK / AGENTUR FOCUS?

1. Juli 2013

Betr.: Türkei, Bangladesch, Windkraft

B oyun Egme – Beugt euch nicht“, lautete die Zeile des zweisprachig erschienenen SPIEGEL-Titels der vergangenen Woche. Er hat in Leserbriefen, Mails, Tweets

und in türkischen Medien heftige Reaktionen ausgelöst – sie reichten von Abscheu bis zu Begeisterung. Glückwünsche zum gelungenen Integrationsprojekt waren eben- so zu lesen wie der Vorwurf, die Zweisprachigkeit fördere das Bestehen einer türki- schen Parallelwelt in Deutschland. In der Türkei registrierte SPIEGEL-Redakteur Maximilian Popp, der die Reaktionen gemeinsam mit seiner Kollegin Özlem Gezer auswertete, viel Empörung bei Erdogan-Anhängern – und ein Aufblühen von Ver- schwörungstheorien. Schon am vorvergangenen Samstag, als nur das Titelbild, nicht aber der Text verbreitet war, kursierten krude Thesen: Der SPIEGEL habe den Auftrag

der Bundesregierung, die Türkei zu spalten, zu schwächen und von der EU fernzuhalten. Außerdem wolle er ver- hindern, dass die Türkei den Konflikt mit den Kurden löse. Das tatsächliche Motiv des SPIEGEL wurde anderer- seits von vielen verstanden: ein Zeichen zu setzen, dass die Ereignisse in Istanbul alle Menschen etwas angehen, in Deutschland, in der Türkei, in Europa (Seite 6).

in Deutschland, in der Türkei, in Europa (Seite 6). SPIEGEL-Titel 26/2013 A Sitz der Vereinigung der

SPIEGEL-Titel 26/2013

A Sitz der Vereinigung der Textilfabrikanten und -exporteure, der wohl mäch- tigsten Institution des Landes, empfing Vizepräsident Shahidullah Azim die

SPIEGEL-Redakteure Hauke Goos und Ralf Hoppe, um ihnen seine Sicht auf die

Textilproduktion in Bangladesch zu erklären. Azim, selbst Besitzer zweier Textil- fabriken, beharrte darauf, dass die Tragödie von Rana Plaza nur ein Einzelfall gewesen sei – jener Einsturz eines Fabrikgebäudes im April dieses Jahres, bei dem mehr als tausend Menschen in den Trümmern star- ben. Goos und Hoppe trafen außerdem Opfer und Überlebende der Katastrophe, sie sprachen mit Ermittlern, hatten Zugang zu internen Berichten. Ein Einzelfall, fanden sie heraus, war Rana Plaza mitnichten. „Es ist eher Teil des Systems Bangladesch, als Teil der globalen Produktionskette“, sagt

m

als Teil der globalen Produktionskette“, sagt m Hoppe in Dhaka Goos (Seite 48). V or 18

Hoppe in Dhaka

Goos (Seite 48).

V or

18 Jahren durfte SPIEGEL-Redakteur Matthias Schulz die Versuchswind-

anlage „Aeolus II“ besteigen – bis auf 93 Meter Höhe, damals die größte

Anlage der Welt. Heute sind die Anlagen fast 200 Meter hoch, und sie wachsen weiter. Rund 60000 neue Windräder sollen in Deutschland gebaut werden, die Kosten explodieren, die Bürger laufen Sturm. Schulz sprach mit Bauern und auf- gebrachten Hausfrauen und traf auf „enorme Spannungen“ im Land. Einen neuen Boom-Beruf entdeckten seine Kollegen Michael Fröhlingsdorf und Simone Kaiser:

den des Vogelzählers. Ornithologen sind sehr gefragt, seit die Protestierer den Charme von Auerhühnern und Rotmilanen entdeckt haben. Geschützte Vögel können den Bau von Rotoren verhindern, falls man sie am richtigen Ort finden kann. Die beiden sprachen mit professionellen Vogelexperten und mit Amateuren, die sich Bestimmungsbücher kaufen und Ornithologie-Kurse belegen, um den Milan nicht zu verpassen – wenn er denn wirklich kreist (Seiten 100, 104).

Im Internet: www.spiegel.de

DER

SPIEGEL

27/2013

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In diesem Heft

WOLFGANG KUMM / DPA

Titel

Der Computer-Nerd Edward Snowden narrt die Supermacht USA Wie der US-Geheimdienst NSA deutsche und europäische Institutionen abhört Der NSA-Aussteiger William Binney über das Schleppnetz der Datensammler und Snowdens Flucht

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Deutschland

Panorama: FDP ist empört über Abweichler in der Union bei der Homo-Ehe / Rechnungshof

warnt Verteidigungsministerium vor Hubschrauber-Deal / Länder machen mobil gegen Philipp Röslers Glücksspielgesetz Bundesregierung: Wie Ministerin Schröder die Bilanz ihrer Familienpolitik schönredet Männer: SPIEGEL-Gespräch mit SPD- Generalsekretärin Andrea Nahles über Väter, Politiker und Machos SPD: Bei den Sozialdemokraten wächst der Widerstand gegen eine Große Koalition Debatte: Jürgen Trittin hält bewusstes Nicht- wählen für undemokratische Arroganz Spionage: Erneut sind zwei russische Agenten in Deutschland aufgeflogen EU: Die Partner klagen über Merkels Anti-Europa-Kurs Afghanistan: Millionenverschwendung beim Abzug der Bundeswehr Hessen: Ministerpräsident Volker Bouffier übt sich als Wahlkämpfer Senioren: Eine Altenpflegerin erklärt, warum sie eine Heimbewohnerin drangsalierte Kriminalität: Wie die Ermittler den Mann erwischten, der 762-mal auf Lastwagen geschossen haben soll Justiz: Warum Gustl Mollath in die Psychiatrie eingewiesen wurde

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Gesellschaft

Szene: Behinderung verbindet Mensch und Tier / Wie verhält man sich als deutscher Whistleblower? Eine Meldung und ihre Geschichte – ein Rentner fuhr mit dem Traktor von Norddeutschland nach Mallorca Billigwaren: Der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch – die Geschichte einer absehbaren Katastrophe Homestory: Warum eine 16-Jährige in der Schule keine Antworten auf die Fragen unserer Zeit bekommt

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Wirtschaft

Trends: OECD will Steueroasen trockenlegen / Teure Niederlage für Gazprom / Telekom-Branche beschwert sich bei Rösler Währungsunion: Südeuropa kommt nicht aus der Krise Globalisierung: Droht in China ein zweiter Fall Lehman? Rohstoffe: Die Staatsbank KfW investiert in umstrittene Kohleprojekte in Serbien Sozialstaat: Niedrige Zinsen zehren an den Reserven der Rentenkasse Genussmittel: Verbraucherschützer warnen vor hochkonzentrierten „Energy-Shots“

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Ausland

Panorama: Burger-Krieg im Westjordanland / Geheimdienstaffäre holt Luxemburgs Premier Juncker ein Minderheiten: Wie sich die Homo-Ehe im Westen durchsetzt

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Geschönte Bilanz

Seite 18

Kritische Studien zur Familienpolitik – das passt der Regierung im Wahl- kampf nicht. Ministerin Kristina Schröder setzt die Wissenschaftler unter Druck und verfälscht Resultate. Doch die Betroffenen wehren sich.

 

„Das große Spiel der Geschlechter“

Seite 22

Was ist ein moderner Mann? Im SPIEGEL-Gespräch plädiert SPD-General- sekretärin Nahles dafür, dass sich Väter mehr Zeit für die Familie nehmen, und erklärt, warum Frauen trotzdem Machos wie Gerhard Schröder mögen.

Euro-Retter in der Sackgasse

Seite 58

Die Krisenländer in Südeuropa stöhnen unter den harten Sparmaßnahmen, doch ein Erfolg der Reformen lässt auf sich warten. Der Ruf nach einem Strategiewechsel wird lauter – und nach mehr Geld von den Geberländern.

W-Lan ohne Grenzen Seite 128

W-Lan ohne Grenzen

Seite 128

ALLOVER IMAGES / BAB.CH

In vielen Ländern kann man an jeder Straßenecke frei im Internet surfen – in Deutsch- land nicht: Offene W-Lan- Netze sind hierzulande Man- gelware. Das liegt an der unsicheren Rechtslage: Der Betreiber haftet für alles, was andere in seinem Funk- netz treiben. Doch jetzt wird die Abschaffung dieser soge- nannten Störerhaftung zum Wahlkampfthema.

DER

SPIEGEL

27/2013

KIN CHEUNG / AP / DPA Großbildschirm in Hongkong Blamage für Obamas Schnüffler Seiten 72,

KIN CHEUNG / AP / DPA

Großbildschirm in Hongkong

Blamage für Obamas Schnüffler

Seiten 72, 76, 78

Von Hongkong bis Berlin gilt Edward Snowden als Held, der den Über- wachungsstaat USA bloßgestellt hat. Aus seinen Unterlagen geht auch hervor, wie sehr Deutschland ins Visier des Geheimdienstes NSA geraten ist.

 

Putins Rache

Seite 88

Knast oder Kapitulation – vor diese Alternative stellt der Kreml die jungen Wilden unter Russlands Oppositionellen. In einem Prozess drohen Moskaus einflussreichstem Blogger Alexej Nawalny bis zu zehn Jahre Straflager.

 

Naturschützer gegen Windmühlen

Seiten 100, 104

Bis zu 6000o neue Windkraftanlagen sollen in Deutschland errichtet werden – in Wäldern, auf Wiesen und Berggipfeln. Naturschützer kämpfen gegen die Verspargelung der Landschaft und die Bedrohung der Tierwelt.

 

Bauen für den König

Seite 112

Der Dortmunder Architekt Eckhard Gerber hat für das Königreich Saudi-Arabien die Nationalbibliothek gebaut, er entwirft auch Bildungs- zentren und eine U-Bahn- Station. Er hofft, damit den gesellschaftlichen Wandel beschleunigen zu können. Aber sollten deutsche Bau- meister wie Gerber Repräsen- tationsbauten für absolutisti- sche Herrscher entwerfen?

Nationalbibliothek in Riad
Nationalbibliothek in Riad

CHRISTIAN RICHTERS

DER

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Ägypten: Präsident Mursis düstere Bilanz Syrien: Deutsche Helfer im Norden entführt Russland: Putins Attacke gegen die Opposition Global Village: Hoffnung für Indiens Henker

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Sport

Szene: Trainer Ewald Lienen über die künftige Kommunikation bei Bayern München / Ein nostalgischer Kinofilm über Eishockey wird in Russland zum Kassenschlager Fans: Anhänger von Beşiktaş Istanbul führen die Proteste gegen Premier Erdogan an Formel 1: Wie moderne Hybridmotoren die Rennserie verändern

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Wissenschaft · Technik

Prisma: Entspannte Fruchtfliegen leben länger / Doppelmoral promisker Frauen Energie: Der Aufstand gegen den Ausbau der Windkraft Rotmilane und Fledermäuse – die Waffen der Windkraftgegner Geschichte: Wie ein Wiener Ingenieur im KZ Buchenwald den ersten Taschenrechner der Welt erfand Medizin: Warum die Kinderkrankheit Masern immer häufiger bei Erwachsenen ausbricht

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Kultur

Szene: Ein TV-Film über Oberst Klein und seine fatale Entscheidung in Kunduz / Die japanische Mädchenband Perfume kommt nach Deutschland Städtebau: Der Dortmunder Eckhard Gerber entwirft Großbauten für Saudi-Arabien – macht er sich damit zum Handlanger eines absolutistischen Regimes? Filmindustrie: Der Schwabe Carl Laemmle ist fast vergessen – dabei hat er Hollywood erfunden Bestseller Autoren: Der Schauspieler Hannes Jaenicke will mit Bestsellern die Welt retten Philosophie: SPIEGEL-Gespräch mit Markus Gabriel über die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und die Frage nach dem Sinn Literaturkritik: Eugen Ruges hinreißende Novelle „Cabo de Gata“

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Medien

Trends: NSA-Enthüllungen stärken Google-Konkurrenz / ZDF castet Nachfolger für die Sendung „Neues aus der Anstalt“ Internet: Offene W-Lan-Netze sind in Deutschland Mangelware Unterhaltung: Videospieler präsentieren sich im Livestream

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Briefe Impressum, Leserservice Register Personalien Hohlspiegel / Rückspiegel

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Titelbild: Fotos REUTERS / Glenn Greenwald / Laura Poitras / Courtesy of The Guardian / Handout via Reuters; Henning Schacht; APP PHOTO / Karen Bleier

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Briefe

SPIEGEL-Titel 26/2013 „Ich habe heute wie jeden Montag den SPIEGEL gekauft. Auf dem Heimweg treffe

SPIEGEL-Titel 26/2013

„Ich habe heute wie jeden Montag den SPIEGEL gekauft. Auf dem Heimweg treffe ich meinen Nachbarn, er ist Türke, und er hat den SPIEGEL in der Hand. Glückwunsch für Ihre Integrationsbemühungen.“

ANTON H. KRAH AUS BRÜSSEL

Nr. 26/2013, Beugt euch nicht – Türkei: Der Aufstand gegen Erdogan – 10 Sonderseiten auf Türkisch

Ein Stück Deutschland

Was ist nur in Sie gefahren? Ich habe den SPIEGEL abonniert, um mich in meiner Muttersprache zu informieren. Sollte ich Türkisch lernen wollen, wende ich mich an die Firma Langenscheidt. Sie hätten auch in französischer oder englischer Sprache drucken lassen können, meine Reaktion wäre dieselbe.

STEPHAN HAMACHER, DÜSSELDORF

Glückwunsch zu dieser großartigen Idee. Ich habe immer wieder mal in die rechte Spalte geschaut, um einige türkische Worte aufzuschnappen. Erdogan wird die Geister, die er rief, nun nicht mehr los. Die Lösung kann keine weiße oder

schwarze Türkei sein, sondern nur der Versuch eines pluralistischen Miteinander.

DR. LUTZ ZWIOREK, LAHNTAL

Wenn ich eine türkische Ausgabe möchte, dann werde ich mir eine türkische Aus- gabe kaufen. Das betrifft alle Sprachen. Falls der SPIEGEL jetzt mehrsprachig er- scheint, werde ich mein Abo kündigen.

HORST-MICHEL RUDNIK, HERNE (NRW)

Soll der SPIEGEL in Zukunft multilingual herausgegeben werden? Demnächst Rus- sisch für die Demokratiebewegung, Por- tugiesisch für die Brasilianer, Arabisch für den dortigen Frühling, Chinesisch für die Menschenrechte, Koreanisch für die darbende nordkoreanische Bevölkerung und wer weiß in welcher Sprache noch? Solche unsinnigen Gesten gehören nicht in ein deutsches Wochenmagazin.

MANFRED BURGHARDT, GILCHING (BAYERN)

Was für eine Solidaritätsbekundung soll das denn werden? Journalismus soll in- formieren – und dann bilde ich mir selbst meine Meinung! Und ich halte die Türkei für immer weniger europakompatibel.

ULRIKE VON SPARR, KARLSRUHE

Wenn der SPIEGEL nüchtern Politik bi- lanziert und Demokratie erklärt und dazu Artikel in einer anderen Sprache inte- griert, ist es genau das – gelebte Integra- tion. Danke für dieses starke Statement.

BESIM KARADENIZ, PFORZHEIM

Hier übertrifft der SPIEGEL die ganze deutsche Presselandschaft. Ich bin begeis- tert, auch wenn ich befürchte, dass Sie den Journalismus im engeren Sinne verlassen und gar selbst Politik machen wollen. Mit den besten völkerverbindenden Absichten. Es kann uns nicht egal sein, was in der Tür- kei passiert, auch weil ein Stück Türkei durch die 3 Millionen hier lebenden Men- schen mit türkischem Migrationshinter- grund ein Stück Deutschland ist.

AXEL GERHOLD, KÖLN

Zehn Seiten auf Türkisch? Meine Frau ist Migrantin der zweiten Generation, rechtes Gedankengut weise ich ebenso von mir wie Vorurteile. Aber es würde allen Be- teiligten mehr helfen, die Betroffenen zur Integration zu bewegen, anstatt die eh schon vorhandene Parallelisierung der Ge- sellschaft weiter zu fördern. Es gibt hier Türken, die fast kein Wort Deutsch spre- chen. Es geht hier nicht um Solidarität, sondern um die Identitätsfrage an sich.

DR. UWE-C. SCHILLING, BERLIN

Reaktionen in der türkischen Presse

Serdar Turgut, Kolumnist der regierungs- nahen Tageszeitung „Haberturk“:

„Dass ebendieses Magazin eine Frau zeigt, cool und modern, mit einem Plakat in der Hand, auf dem ,Beugt euch nicht‘ steht, hat mich als Türken sehr stolz ge- macht … Ich möchte in einem Land leben, in dem unsere Mädchen, wenn es sein muss, auf die Straße gehen können mit einem ,Beugt euch nicht‘-Plakat … Wir sind dem SPIEGEL zu Dank verpflichtet. Mit der jungen Frau, die das ,Beugt euch nicht‘-Plakat trägt, hat er der Welt auch das andere Gesicht der Türkei gezeigt.“

Die regierungsnahe Zeitung „Sabah“:

„Dem SPIEGEL waren die acht türki- schen Opfer des NSU, die Brandanschlä- ge von Solingen und Mölln keine türki- sche Schlagzeile wert. Wohl aber die Vorfälle im Gezi-Park.“

Das liberale Nachrichtenportal Avrupa Postasi:

„Die parteiischen Medien und die AKP- Unterstützer erregten sich über den SPIEGEL und kritisierten ihn, bevor Details des Titels überhaupt bekannt waren. Das zeigt nur, dass es sie wahn- sinnig geärgert haben muss.“

Der Journalist Reha Muhtar in einem Interview mit dem regierungsnahen Fernsehsender Haberturk:

„Der SPIEGEL agiert gemeinsam mit einem kriminellen politischen Netzwerk und will verhindern, dass die Türkei das Kurden-Problem löst. Über den SPIE- GEL wollen die deutsche Bundeskanz- lerin und die Europäische Union uns sa- gen, dass wir nie EU-Mitglied werden. Sie wollen uns zeigen, dass sie uns aus- grenzen und isolieren können.“

Die Boulevard-Zeitung „Star“ titelt „Der SPIEGEL mag keine Muslime“:

„Der SPIEGEL, der den Demonstranten vom Gezi-Park das Signal gibt ,macht weiter‘ …, hat in der Vergangenheit mit seinen Titelthemen der Türkei und der islamischen Welt immer wieder gezeigt, wo er steht. Auch mit dem aktuellen Titel hat er den in Deutschland lebenden Tür- ken und Muslimen wieder seine islamo- phobe Sichtweise präsentiert.“

Das konservative Nachrichtenportal Rota Haber:

„Bei den Berichten über die Proteste im Gezi-Park hatten die deutschen Medien zunächst die Vorreiterrolle als Pro- vokateur an den US-Sender CNN ver- loren. Nun versucht der SPIEGEL, die Lücke zu schließen, indem er erstmalig mit einem türkischen Titel erscheint.“

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SPIEGEL

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Briefe

OZAN KOSE / AFP

MARIUS BECKER / DPA

Ich bin kein Erdoganist, aber habe einen gewissen Respekt gegenüber dem Amt, in das er von 50 Prozent der Wähler ge- wählt wurde. So zu tun, als ob es nur in der Türkei so was gäbe und dass die Mehrheit dort gegen Erdogan ist, finde ich respekt- und verantwortungslos.

IBRAHIM TIRYAKI, MESCHEDE (NRW)

Sie heben hervor, dass die Ereignisse am Gezi-Park uns alle, das heißt „Deutsche, Türken und Europäer“, angehen. Die Dar- stellung legt den Fokus jedoch ausschließ- lich auf die AKP-Regierung. Die Versäum- nisse und die Hinhaltetaktik der EU ge- genüber der Türkei als Beitrittskandidaten werden dabei ausgeklammert. Warum?

DR. TEOMAN OGUZHAN, BONN

werden dabei ausgeklammert. Warum? DR. TEOMAN OGUZHAN, BONN Protest am Istanbuler Taksim-Platz am 15. Juni Sie

Protest am Istanbuler Taksim-Platz am 15. Juni

Sie berichten von dem „Islamistenviertel Fatih“. Fatih ist der Stadtbezirk, der schon Konstantinopel oder Byzanz hieß und heute 450000 Einwohner hat. Hier wohnen ganz unterschiedliche Volksgrup- pen, darunter auch fromme Muslime. Sie zählen allerdings nicht unbedingt zu den Anhängern von Erdogans islamisch-kon- servativer Partei (AKP). Bei Wahlen hat die regierende AKP in Fatih oft um zwei Prozentpunkte schlechter abgeschnitten als in den übrigen Stadtvierteln Istanbuls.

INGEBORG TOTH, PARTNERSCHAFTSVEREIN WIESBADEN-ISTANBUL/FATIH E. V.

Seit Jahren findet in der Türkei ein schlei- chender Prozess der Islamisierung statt. Der Personalaustausch in der Regierung und die Verhaftung ranghoher Militärs ebneten Erdogan den Weg, das Erbe Ata- türks zu zerstören. Nun hat die Türkei eine Diktatur, die auf demokratischem Wege zustande kam. Durch Wahlen. Ein Türki- scher Frühling würde mehr Tote mit sich bringen als der Konflikt mit den Kurden.

BUELENT KALMAN, DÜSSELDORF

Religiöser Fanatismus dient nie dem Glau- ben, sondern Machtinteressen, und schafft eine Atmosphäre, in der letztlich auch Ehrenmorde gedeihen können. Wohlstand allein macht noch keine Demokratie – eine nach dem Geschmack eines Erdogan gelenkte ist keine im Westen akzeptable Staatsform, sondern eine Demokratur.

DR. CARL-ROLAND RABL, BIELEFELD

Nr. 25/2013, Deutsche Kleinstaaterei verhindert effektiven Hochwasserschutz

Zum Halali gegen die Biber

Die Schutzmaßnahmen für die Flussland- schaften müssen bereits in den Gebieten der Zuflüsse beginnen, kurz nach deren Quellen. Dort müssen Sperren an den Bachläufen vorgesehen werden, damit bei Bedarf die Wiesen geflutet werden kön- nen. Ein Großteil der geteerten Feldwege muss renaturiert werden, Uferbefestigun- gen und -begradigungen müssten zurück- genommen werden, um die Fließge- schwindigkeit zu reduzieren.

GEORG TANDLER, SIMMOZHEIM (BAD.-WÜRTT.)

Für einen effektiven Hochwasserschutz der Elbanrainer, der – nach fünf „Jahr- hunderthochwassern“ in elf Jahren allein in meinem Heimatort – immer dringen- der wird, müssen sofort ausreichende Pol- derflächen geschaffen werden, deren Kos- ten durch alle betroffenen Bundesländer finanziert werden. Ein Rückschnitt oder gar die Abholzung der Elbtalaue stellt keine verantwortungsvolle Schutzmaß- nahme dar, sie ist vielmehr ein vorsätz- licher Angriff auf die Sicherheit der nach- folgenden Anwohner. Unter dem Deck- mantel des Hochwasserschutzes sollen hier Partikularinteressen auf Kosten aller durchgesetzt werden. Dieselben Leute blasen jetzt auch zum Halali gegen die Biber, die im Biosphärenreservat Elbe zum Abschuss freigegeben wurden.

KLAUS KARNATZ, STIEPELSE (NIEDERS.)

freigegeben wurden. KLAUS KARNATZ, STIEPELSE (NIEDERS.) Hochwasser an der Elbe Die Aussage, dass jeder

Hochwasser an der Elbe

Die Aussage, dass jeder Bürgermeister und Gemeinderat nach Gutdünken be- schließen kann, Baugebiete auszuweisen, ist nicht korrekt. Vor dem Bauplanungs- recht der Gemeinden stehen immer noch die Landesplanung mit Entwicklungsplä- nen und die regionalen Raumordnungs- pläne mit hohem Bindungscharakter.

DIPL.-ING. THOMAS BREIER, BAD DÜRKHEIM

Unsere Bürgerinitiative nannte sich etwas sperrig „für den Wiederaufbau der Pöp- pelmannbrücke und einen wirksamen Hochwasserschutz für Grimma“. Beides nicht trennen zu können, meinten wir. Wir sehen uns nicht als Betonbauer, wohl aber als Leute mit kritischem Sachverstand.

RUDOLF PRIEMER, GRIMMA (SACHSEN)

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DER

SPIEGEL

27/2013

Briefe

CHRIS CLOSE / GALLERY STOCK / LAIF

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

CINEMA FOR PEACE / PICTURE ALLIANCE / DPA

Nr. 25/2013, Wortmächtige Populisten kämpfen in Deutschland gegen den Euro

Zwei mal drei sind doch sechs

Was Stefan Willeke den Euro-Kritikern vorwirft: „Stimmungsmache“, prägt sei- nen Artikel, durchtränkt ihn förmlich. Wie dürftig müssen seine Argumente als Befürworter des Euro sein, wenn er es nötig hat, die Euro-Kritiker so herabzu- würdigen.

ALFRED NAHRMANN, BREMEN

Was aber, wenn all diese „Taschenrech- ner“ und „Professoren“ doch recht ha- ben und zwei mal drei immer noch sechs ist und nicht vier, wie Pippi Langstrumpf behauptet? In Paris, Madrid und Athen wird nämlich sehr wohl gerechnet und längst nicht so leidenschaftlich die hüb- sche Idee vom gemeinsamen Europa als Villa Kunterbunt heraufbeschworen, wie das Berlin gern tut. Und auch wenn der Gedanke, dass der Norden den „armen“ Süden dauerhaft unterstützen könnte und sollte, sicher sozialen Charme be- sitzt, ist er zugleich unfair jenen Nord- europäern gegenüber, die sich von Monat zu Monat hangeln und die Yachten je- ner Griechen, deren Vermögen unantast- bar bleibt, nicht mal vor Ort bewundern können.

MARY LANGE, BERLIN

nicht mal vor Ort bewundern können. MARY LANGE, BERLIN Da Ihrem euromanti- schen Redakteur die öko-

Da Ihrem euromanti- schen Redakteur die öko- nomischen und politi- schen Argumente für ein Festhalten am Einheits- euro offensichtlich ab- handengekommen sind, meint er, die Euro-Kriti-

ker verhöhnen zu müs- sen. Nicht nur unterschlägt er dabei eine Beschreibung der vorgeschlagenen Alter- nativen, er wirft den Euro-Kritikern auch noch das Schüren von Ängsten vor. Mit seinen Hinweisen auf „Sarajewo“ und Ähnlichem malt er für den Fall des Aus- stiegs aus dem Einheitseuro die Gefahr eines dritten Weltkrieges an die Wand. Wie muss es um dieses „europäische Frie- densprojekt“ bestellt sein, wenn es nur noch mit solchen Methoden verteidigt werden kann?

HANS-OLAF HENKEL, BERLIN

Trostlosigkeit umgibt diese Euro-Debatte, da sie sich ausschließlich auf das Mone- täre beschränkt. Angesichts der Tatsache, dass die Bundesrepublik nach schwieri- gen Anfangsjahren neben der ameri- kanischen auch europäische Solidarität erfahren hat, ist das Verhalten dieser Populisten, die die Unsicherheit der Menschen aus selbstsüchtigen Motiven ausnutzen, beschämend.

GÜNTER PESLER, BAESWEILER (NRW)

ausnutzen, beschämend. GÜNTER PESLER, BAESWEILER (NRW) Eisberge vor Grönland Nr. 25/2013, SPIEGEL-Gespräch mit

Eisberge vor Grönland

Nr. 25/2013, SPIEGEL-Gespräch mit dem Meteorologen Hans von Storch

Versemmelte Milliarden

Endlich gibt einer aus der Klimazunft zu, dass in der Klimawissenschaft der „In- stinkt“ die Erderwärmung vorgibt. In den Klimamodellen führen „Annahmen, die höchst subjektiv sind“, zu den gewünsch- ten Ergebnissen. Mein Instinkt sagt, dass wegen einer geringfügigen Verbreiterung der Absorptionsbande die Erderwärmung bei Verdopplung des Kohlendioxidgehalts vielleicht 0,5 Celsius betragen könnte.

PROF. EM. DR. WALTER JANSEN, FLENSBURG

Allmählich wird der wohl größte Wissen- schaftsschwindel der letzten drei Jahr- zehnte entlarvt – die Klimaerwärmung. Selten hat man so penetrant und oberleh- rerhaft versucht, ein ganzes Volk zu ver- dummen. Ganz abgesehen von den schon versemmelten Milliarden falsch gesetzter Anreize durch fehlgelenkte Subventionen.

DR. JÜRGEN PTUCHA, GOTHA

Storch hat recht: Wissenschaft ist auch ein sozialer Prozess. Der Mainstream sagt, wo’s langgeht, und wirkt auf die wissen- schaftliche Produktion und Resultate.

FREDY SIDLER, BIEL (SCHWEIZ)

Storchs Rätsel, warum sich die Erde partout nicht nach den Modellen richten mag, die stur eine Erwärmung postulie- ren, wäre schon gelöst, wenn er sich mal die Studien ansehen würde, nach denen der Hauptantrieb für Klimaänderungen die schwankende Sonnenaktivität ist. Sein Bauchgefühl, das noch das CO ² auf der Rechnung hat, kann er getrost in den Mülleimer werfen! Trotzdem danke da- für, dass er die PIK-Scharlatane dorthin platziert, wo sie hingehören, ganz sicher nicht in kanzlerberatende Funktionen!

DIPL. METEOROL. MARTIN PAESLER, AUGSBURG

Korrektur

zu Heft 26/2013 S. 36, „Vom Donner gerührt“: Walter Ulbricht war nicht Regierungschef der DDR, sondern Staats- und Parteichef.

Nr. 27/2013, Der Schauspieler Jan Josef Liefers verteidigt seinen Hilfsbesuch in Aleppo

Auf die andere Seite

Täglich müssen wir ohnmächtig ansehen, wie das syrische Volk von einem Diktator sinnfrei gemordet wird. Die Politik des Westens wartet ab. Russland liefert Waf- fen. Dass Liefers seine Popularität hier- zulande einbringt, um uns aufzurütteln, ist ehrenwert. Liefers sagt nein zu dem, was keine Gesellschaft zulassen darf. Wi- der Gleichgültigkeit und Tatenlosigkeit. Er versucht ein kleines Zeichen zu setzen – und das ist auch gut so. Bravo!

GUIDO RADIG, BERGKIRCHEN (BAYERN)

Diese Reise wird zwar Kritik hervorrufen, aber eher an den westlichen Regierungen, die einfach wegschauen. Liefers hat mit dieser Aktion ein Zeichen gesetzt, so dass sich nun der Westen hoffentlich mehr mit dem Krieg auseinandersetzen wird.

LOTTA SCHÄFER, KARLSRUHE

Bei allem Respekt Herr Liefers, jetzt fahren Sie noch einmal nach Syrien, und zwar auf die andere Seite! Schauen in die Augen derjenigen, deren Liebste von den islamistischen Schlächtern grausam mas- sakriert wurden.

FRANK MEIER, BERLIN

Nach der verlogen-selbstdarstellerischen Betroffenheitstour von Jan Josef Liefers könnte der SPIEGEL jetzt noch Atze Schröder in Begleitung von Cindy aus Marzahn durch Aleppo treiben. Der bei Ihnen immer heftiger in Erscheinung tre- tenden Kriegshetze gegen Assad täte das bestimmt keinen Abbruch.

KARL SCHMALLENBACH, JÜLICH (NRW)

bestimmt keinen Abbruch. KARL SCHMALLENBACH, JÜLICH (NRW) Schauspieler Liefers in Aleppo Für mich ist Liefers einer

Schauspieler Liefers in Aleppo

Für mich ist Liefers einer mehr, der naive Lösungen anbietet. „Wir“ sind nämlich gar nicht teilnahmslos, nur weniger naiv als er. Und ganz sicher hätten „wir“ dieses Massenmorden dort längst beendet, wenn „wir“ eine Erfolgschance sähen.

GERHARD RATH, STARNBERG (BAYERN)

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:

leserbriefe@spiegel.de

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DER

SPIEGEL

27/2013

Panorama

Deutschland

PASCAL ROSSIGNOL / REUTERS

ALESSANDRA SCHELLNEGGER / SÜDDEUTSCHER VERLAG

KOALITION

Empörung über Abweichler

Die zahlreichen Nein-Stimmen der Union bei der Abstimmung über die steuerliche Gleichstel- lung von Homo-Ehen sorgen für Ärger in der schwarz-gelben Koalition. FDP-Generalsekretär Patrick Döring kritisierte die Unionskollegen scharf: „Das war stillos.“ Am Donnerstag hatten rund 20 Abgeordnete von CDU und CSU gegen ein Gesetz gestimmt, das das Ehegattensplitting auf eingetragene Lebenspartnerschaften auswei- tet. Auf die Neuregelung drängen die Liberalen schon seit Jahren, zuletzt hatte sie aber auch das Bundesverfassungsgericht verlangt. Döring sagte, seine Partei habe immer Respekt gezeigt vor der abwartenden Haltung der Union in Sachen Homo-Ehe. „Diesen Respekt haben die 20 Kol- legen der Union Donnerstagnacht leider vermis- sen lassen. Nicht nur uns als liberalem Partner gegenüber, sondern auch der eigenen Führung und dem Bundesverfassungsgericht gegenüber.“

Bei einer Probeabstimmung vor gut drei Wochen hatten nur drei Abgeordnete gegen das neue Ge- setz gestimmt. Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte, es gehe nicht an, dass seine Abgeordneten einen Spruch des höchsten deutschen Gerichts ignorierten. „In einem Rechts- staat müssen Urteile des Verfassungsgerichts umgesetzt wer- den, sonst kriegen wir ein Problem.“ Ähnlich äußerte sich auch der CDU-Abgeordnete Jens Spahn. Natürlich sei jeder Abgeordnete in seiner Entscheidung frei. „Aber im Bundes- tag gegen die Eins-zu-eins-Umsetzung eines Urteils des Bun-

Homo-Paar auf dem Standesamt

desverfassungsgerichts zu stimmen macht mich schon sprach- los. Treue zum Rechtsstaat gilt auch dann, wenn es einem persönlich einmal nicht passt.“ Unter den Abweichlern waren unter anderen die Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach und die konservativen Wirtschaftspolitiker Joachim Pfeiffer und Thomas Bareiß. „In der Fraktion gibt es eine spürbare Stimmung, die das Verfassungsgerichtsurteil nicht für richtig hält“, rechtfertigte Bareiß sein Votum.

für richtig hält“, rechtfertigte Bareiß sein Votum. Hubschrauber vom Typ „Tiger“ HUBSCHRAUBER Vergebliche

Hubschrauber vom Typ „Tiger“

HUBSCHRAUBER

Vergebliche Warnung

Der vergangene Woche vom Haushalts- ausschuss genehmigte Hubschrauber- Deal von Verteidigungsminister Tho- mas de Maizière (CDU) birgt erheblich mehr vergaberechtliche Risiken als bis- her bekannt. In einem Bericht („Ver- schlusssache – amtlich geheim gehal- ten“) hatte der Bundesrechnungshof kurz vor der Entscheidung gewarnt:

Das Ministerium vergebe im Rahmen der Helikopter-Bestellung faktisch ei- nen Großauftrag mit einem Volumen von 915 Millionen Euro „ohne Wett- bewerb“ an den Hersteller Eurocopter. Damit riskiere man Klagen von Kon- kurrenzanbietern. De Maizière hatte mit der Industrie vereinbart, eine be- stehende Bestellung von 202 Helikop- tern der Typen „NH90“ und „Tiger“ zu verkleinern. Nun soll das Heer nur noch 139 Fluggeräte erhalten. Im glei-

chen Zug einigte man sich per „Memo- randum of Understanding“, dass der Hersteller Eurocopter der Marine 18 modifizierte „NH90“-Helis für den Seebetrieb liefert. Damit sollte der Konzern für die Reduzierung des Auf- trags entschädigt werden. Der Rech- nungshof warnte, dass dieses Vorgehen „verhindert, dass andere Unternehmen die Möglichkeit zur Teilnahme an ei- nem Vergabeverfahren“ für den Mari- ne-Auftrag hätten. Die Prüfer nennen diesen eine „ursprünglich nicht vorge- sehene Leistung“. „Zweifelhaft“ sei, ob das Gebot der Chancengleichheit „hinreichend beachtet wird“, mahnte der Bericht und forderte, die Vereinba- rung mit der Industrie „neu zu verhan- deln“, da es für einen möglichen Mari- ne-Hubschrauber auch „andere Anbie- ter“ gebe. Obwohl der Bericht dem Haushaltsausschuss vorlag, billigte die schwarz-gelbe Mehrheit eine entspre- chende Vorlage über de Maizières Deal mit einem Gesamtbudget von knapp 8,1 Milliarden Euro.

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Panorama

BUNDESRAT

Länder wollen Rösler bremsen

Die von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler geplante Novelle der Spielverordnung wird vermutlich an einem Streit zwischen Bund und Län- dern scheitern. Der FDP-Politiker hatte im Frühjahr einen Entwurf vor- gelegt, mit dem die Spielsucht in Spielhallen und Gaststätten stärker be- kämpft und der Spieler- und Jugend- schutz verbessert werden sollte. Sucht- experten bezeichneten das Vorhaben aber als Placebo. Auch nach Meinung vieler Länderregierungen ist das Rös- ler-Ministerium der Automatenindu-

könnten. Die Länder fordern auch eine weiterreichende steuerliche „Aufzeichnungs- pflicht“ der Geräte, um künf- tig Geldwäsche und Steuerbe- trug verhindern zu können. Der Bundesrat will in dieser Woche einen sogenannten Maßgabebeschluss fassen, der Rösler verpflichten würde, die Ände- rungen in seine Novelle aufzunehmen. In einem Brief an die Wirtschaftsminis- ter der Länder wies Röslers Staatsse- kretär Bernhard Heitzer die Länder aber nun darauf hin, dass ihre „erheb- lichen Verschärfungen“ teilweise „ver- fassungsrechtlich sehr bedenklich“ sei- en. Selbst die geforderten Regelungen, um die Automaten vor Manipulatio- nen zu schützen, hält Heitzer für ent- behrlich.

MARIJAN MURAT / PICTURE ALLIANCE / DPA

strie zu weit entgegengekommen, zu- mal die FDP bis vor kurzem geschäftli- che Beziehungen zum Daddelkönig Paul Gauselmann unterhielt. Mehrere Bundesratsausschüsse forderten deutli- che Verschärfungen des Entwurfs. Un- ter anderem solle die zulässige Zahl von Automaten in allen Gaststätten von drei auf einen gesenkt werden. Zudem müsse das Punktespiel verbo- ten werden, mit dem Gewinn- und Verlustgrenzen umgangen werden

Merkel baut ihren Vorsprung aus

Das Drohnen-Desaster hat Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) offenkundig geschadet. Bundeskanzlerin Angela Merkel kann indes ihren Abstand zur SPD-Politikerin Hannelore Kraft ausbauen. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin liegt allerdings im Ansehen der Wähler immer noch weit vor ihren männlichen Parteifreunden.

Joachim

Gauck

weit vor ihren männlichen Parteifreunden. Joachim Gauck Angela Merkel 77 Hannelore Kraft Ursula von der Leyen

Angela

Merkel

77
77

Hannelore

Kraft

Ursula

von der

Leyen

Angela Merkel 77 Hannelore Kraft Ursula von der Leyen Wolfgang Schäuble Frank- Walter Steinmeier Peer
Wolfgang Schäuble
Wolfgang
Schäuble

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Walter

Steinmeier

der Leyen Wolfgang Schäuble Frank- Walter Steinmeier Peer Steinbrück Horst Seehofer Renate Künast Claudia

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Steinbrück

Schäuble Frank- Walter Steinmeier Peer Steinbrück Horst Seehofer Renate Künast Claudia Roth Jürgen Trittin

Horst

Seehofer

Walter Steinmeier Peer Steinbrück Horst Seehofer Renate Künast Claudia Roth Jürgen Trittin Sigmar Gabriel

Renate

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Roth

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72 61 59 57 52 49 43 43 42 42 40 – 7 – 6
72
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42
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– 7
– 6
+5
16
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4
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7

Veränderungen von bis zu drei Prozentpunkten liegen im Zufallsbereich, sie werden deshalb nicht ausgewiesen.

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BILDWERK / IMAGO

Deutschland

Fahnder gegen mehr als 200 konven- tionelle und ökologische Legehennen- betriebe. Sie sollen in ihren Ställen systematisch mehr Tiere gehalten ha- ben als erlaubt (SPIEGEL 9/2013). Bei den Untersuchungen habe sich erge- ben, dass die IMO-Kontrolleure offen- bar Betriebe zertifiziert hätten, ob- wohl ihnen die Überbelegung bekannt gewesen sei. Gegen 28 Agrarunterneh-

mer hat die Staatsanwaltschaft in dem Verfahren inzwischen Straf-

EIER-SKANDAL

Verdacht gegen Öko-Kontrolleure

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ver- dächtigt Kontrolleure des Instituts für Marktökologie (IMO) der Beihilfe zum Betrug mit falsch deklarierten Bio-Eiern. Ermittler haben

die Zentrale des Marktfüh- rers unter den Geflügelkon- trolleuren in Konstanz so- wie Büros und Wohnhäuser von Prüfern in vier Bundes- ländern durchsucht und Un- terlagen beschlagnahmt. Seit zwei Jahren schon er- mitteln niedersächsische

Seit zwei Jahren schon er- mitteln niedersächsische befehle wegen gewerbsmä- ßigen Betrugs beantragt. Sie

befehle wegen gewerbsmä- ßigen Betrugs beantragt. Sie sollen, so die Ermittler, mit Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu ei- nem Jahr zur Rechenschaft gezogen werden. Etliche Verfahren sind noch nicht abgeschlossen.

TNS Forschung nannte die Namen von Politikern.

TNS Forschung nannte die Namen von Politikern. BELIEBTHEIT Anteil der Befragten, die angaben, dass der

BELIEBTHEIT Anteil der Befragten, die angaben, dass der jeweilige Politiker künftig „eine wichtige Rolle“ spielen solle

Veränderungen zur letzten Umfrage im März 2013, in ProzentpunktenPolitiker künftig „eine wichtige Rolle“ spielen solle Im März nicht auf der Liste „Dieser Politiker ist

zur letzten Umfrage im März 2013, in Prozentpunkten Im März nicht auf der Liste „Dieser Politiker

Im März nicht auf der Liste

„Dieser Politiker ist mir unbekannt.“

Angaben in Prozent

Thomas

de Maizière Peter Sabine Altmaier Leutheusser- Guido Gregor Schnarren- Westerwelle Gysi berger Kristina
de Maizière
Peter
Sabine
Altmaier
Leutheusser- Guido
Gregor
Schnarren-
Westerwelle
Gysi
berger
Kristina
Schröder
Rainer
Philipp
Brüderle
Rösler
39
36
35 35
33
31
28 28
– 7
11
18
11
6
16
10
5

TNS Forschung für den SPIEGEL am 25. und 26. Juni; 1000 Befragte ab 18 Jahren

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Deutschland

Panorama

FRANZISKA KRAUFMANN / DPA

WAZ FOTOPOOL / ACTION PRESS

MICHAEL REICHEL / DPA

MICHAEL REICHEL / DPA Umzug von Verbindungsstudenten in Eisenach RASSISMUS Persilschein für rechte Burschen Die

Umzug von Verbindungsstudenten in Eisenach

RASSISMUS

Persilschein für rechte Burschen

Die Bundesregierung hält den weit nach rechts gerückten Dachverband der Deut- schen Burschenschaft (DB) nach wie vor nicht für verfassungsfeindlich. Forderun- gen von Studentenverbindungen, eine Art „Ariernachweis“ einzuführen und alle Parteien – also auch die NPD – gleich zu behandeln, seien zwar Indi- zien für verfassungsfeindliche Bestre- bungen. „Zum jetzigen Zeitpunkt“ lä- gen jedoch „keine hinreichenden An- haltspunkte“ für eine antidemokratische Gesinnung des Dachverbands vor, heißt es in einem Schreiben des Innenminis- teriums an die Linksfraktion im Bundes-

tag. Die Deutsche Burschenschaft, die nach eigenen Angaben 10000 Mitglieder vertritt, driftet seit Jahren nach rechts außen. Wegen unverhohlen völkischer und rassistischer Tendenzen haben seit dem außerordentlichen Burschentag 2012 etliche Verbindungen den Dachver- band verlassen. Die linke Innenpolitike- rin Ulla Jelpke wirft der Koalition Igno- ranz vor: „Muss die Deutsche Burschen- schaft neben ihren bunten Mützen und Schärpen erst noch Braunhemden ein- führen, damit auch die Bundesregierung erkennt, welcher braune Ungeist dahin- tersteckt?“

KERNKRAFT

Durch die Hintertür

Mit einem juristischen Trick ist es der Bundesregierung gelungen, den Ex- port von Atommüll aus dem For- schungszentrum Jülich in die USA zu ermöglichen. In letzter Minute wurde eine entsprechende Passage in den Ent- wurf zum Endlagersuchgesetz aufge- nommen. Darin wird die Ausfuhr von radioaktivem Abfall zwar verboten. Doch zugleich wurde mit Verweis auf

Abfall zwar verboten. Doch zugleich wurde mit Verweis auf Atommüll in Jülich TERROR Operation „Quax“ Der

Atommüll in Jülich

TERROR

Operation „Quax“

Der Hinweis eines amerikanischen Ge- heimdienstes hat das Bundeskriminal- amt (BKA) auf die Spur der Islamisten geführt, die in Deutschland einen Sprengstoffanschlag mittels Modell- flugzeugen geplant haben sollen. Das geht aus einem BKA-Vermerk zu den in der vergangenen Woche durchge- führten Razzien in Baden-Württem- berg, Bayern, Sachsen und Belgien hervor. In dem geheimen Bericht warnten die US-Sicherheitsexperten bereits im Februar 2012 vor zwei Tune- siern und einem Deutschen. Das Lan- deskriminalamt in Stuttgart leitete dar- aufhin Ermittlungen im Fallkomplex „Quax“ ein – benannt nach dem NS- Film aus dem Jahr 1941 „Quax, der Bruchpilot“. Zwei Monate später über- nahm die Bundesanwaltschaft die Er- mittlungen. Die Durchsuchungen rich-

die Er- mittlungen. Die Durchsuchungen rich- Verdächtiger in Fellbach teten sich gegen die mutmaßlichen

Verdächtiger in Fellbach

teten sich gegen die mutmaßlichen Modellflugzeugbauer sowie eine Grup- pe von Islamisten, die mit ihnen in Verbindung stand und verdächtigt wird, Terroristen finanziell unterstützt zu haben. Insgesamt stellten die Beam- ten rund 16000 Euro bei der Razzia si- cher. Sprengstoff oder Belege für ei- nen unmittelbar bevorstehenden An- schlag entdeckten die Beamten nicht.

eine EU-Richtlinie Atommüll aus For- schungseinrichtungen davon ausge- nommen. Das Forschungsministerium als Haupteigentümer des ehemaligen Komplexes in Jülich verhandelt derzeit mit US-Behörden über den Export von abgebrannten Elementen. Passiert das Gesetz in der neuen Fassung am Frei- tag den Bundesrat, würde ein Tabu ge- brochen. Vor zweieinhalb Jahren hatte der damalige Umweltminister Norbert Röttgen verhindert, dass Nuklearmüll aus dem stillgelegten Forschungsreak- tor im sächsischen Rossendorf nach Russland transportiert wurde.

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Deutschland

BUNDESREGIERUNG

Die Fälscher

Die Koalition will im Wahlkampf in der Familienpolitik punkten – mit geschönten Gutachten. Ministerin Schröder setzte kritische Wissenschaftler unter Druck. Doch die Experten wehren sich.

A ls Professor Holger Bonin, 44, am Montag vergangener Wo- che die Treppen im Bun-

desfamilienministerium hinaufstieg, trug er einen Schatz in seinem Ruck- sack: die Antwort auf eine 200- Milliarden-Euro-Frage. Bonin hatte fünf Jahre lang geforscht und vier- einhalb Stunden im Zug gesessen. Er hatte 25 Folien vorbereitet und noch auf der Fahrt nach Berlin letzte Än- derungen an seiner Präsentation vor- genommen. Jedes Komma sollte stim- men. Bonin, Ökonom am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, gehört zu den Hauptautoren der bislang wohl auf- wendigsten Untersuchung zur deut- schen Familienpolitik. Wie wirkt das Elterngeld, wie das Kindergeld? Ha- ben öffentlich geförderte Kitas einen Einfluss auf die Geburtenrate? Welche der insgesamt 156 familienpolitischen Leistungen sind sinnvoll, welche sinn- los und welche sogar kontrapro- duktiv? Es sind Fragen, die in einem von Geburtenrückgang und Überalterung bedrohten Land über die Zukunft der Gesellschaft entscheiden. Die For- schungsergebnisse, die Bonin und sei- ne Kollegen gewonnen haben, sind alarmierend. Sie zeigen, dass aus- gerechnet die teuren Leistungen nur einen kleinen Nutzen stiften und deshalb grundlegende Reformen nötig wären, damit die Familienförderung auch wirklich den Familien hilft. Als Bonin den Konferenzsaal im ersten Stockwerk des Ministeriums betrat, warteten dort Abteilungsleiter und Fachleute aus dem Finanz- und dem Familienressort sowie Exper- ten anderer Forschungsinstitute, es gab belegte Brötchen mit Käse und Schinken. Wer fehlte, war seine Auf- traggeberin, Bundesfamilienministe- rin. Kristina Schröders blieb der Run- de fern. Die Christdemokratin hatte ihre Meinungsbildung zur Familienpolitik bereits abgeschlossen. Vier Tage zuvor

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Familienpolitik bereits abgeschlossen. Vier Tage zuvor 1 8 Minister Schäuble, Schröder: Die Ergebnisse der Gutachter

Minister Schäuble, Schröder: Die Ergebnisse der Gutachter werden dreist ins Gegenteil verkehrt

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GONÇALO SILVA / DEMOTIX

hatte Schröder auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Finanzminister Wolf- gang Schäuble die Ergebnisse der Wissen- schaftler vorgestellt, nur mit einer ande- ren Botschaft als die Professoren. Die Fa- milienpolitik der Regierung zeichne sich durch Effektivität und Zielorientierung aus. Die schwarz-gelbe Koalition sei „auf dem richtigen Weg“ und „ausgesprochen erfolgreich“. Deutschlands Mächtige waren selten zimperlich, wenn es galt, die Ergebnisse unliebsamer Regierungsstudien zu neu- tralisieren. Mal wurden unerwünschte

zu neu- tralisieren. Mal wurden unerwünschte Expertisen in die Schublade gesteckt, mal wurde ein neuer

Expertisen in die Schublade gesteckt, mal wurde ein neuer Forschungsauftrag erteilt. Das Verfahren aber, das die schwarz-gelbe Koalition gewählt hat, ist besonders dreist: Die Regierung verkehrt die wissenschaftlichen Ergebnisse teils ins glatte Gegenteil. Die Tatsache, dass die Forscher gerade milliardenschweren Geldleistungen wie dem Kindergeld und dem Ehegattensplit- ting schlechte Noten geben, passt nicht zum Wahlkampf der Union, die genau diese Leistungen erhöhen will. Und so griff die zuständige Ministerin wortgewal- tig in die Präsentation und Darstellung der Forschungsergebnisse ein. Störende Aussagen der Wissen- schaftler drehte sie kurzerhand um. Die beteiligten Institute mussten ihre Presseerklärungen zur Genehmigung vorlegen, missliebige Sätze wurden ge- strichen. Ganze Texte verschwanden im Papierkorb, und am Ende erfanden Schröders Beamte einfach ein neues Kriterium, mit dem sich jede noch so unsinnige Geldleistung rechtfertigen lässt. Sie erhöhe die „Wahlfreiheit“. Die Regierung wollte ein unlieb- sames Gutachten aus dem Verkehr zie- hen, doch nun ist das Thema lebendi- ger denn je. Beteiligte Wissenschaftler kündigen an, sich gegen die Verfäl- schungen wehren zu wollen. In der Koalition bekommen die Kritiker von Schröders Familienpolitik Auftrieb, und Merkels Regierungsbilanz erhält einen neuen hässlichen Fleck: Ausge- rechnet im bürgerlichen Kabinett, in dem bereits mehrere Minister wegen unkorrekter Doktorarbeiten zurück- treten mussten, werden wissenschaft- liche Ergebnisse umgedeutet und die beteiligten Forscher lächerlich ge- macht. „Man lädt doch nicht die Schüler zu den Zeugniskonferenzen ein“, heißt es im Familienministerium verächtlich. Die Professoren dürften gern ihre Zahlen abliefern. Aber die Bewertung sollten sie gefälligst der Regierung überlassen. Dabei hatte die zunächst versucht, die Veröffentlichung der Familienstu- die nach erprobter Methode in die nächste Wahlperiode zu verschieben. Doch weil ein wesentlicher Teil der Untersuchungsergebnisse bereits seit Monaten vorliegt und schließlich sogar die Kanzlerin der Verschleierungs- taktik beschuldigt wurde, änderte Schröder ihre Strategie: Sie ging in die Offensive. Finanzminister Schäuble ließ sich breitschlagen, der Kollegin vom Fami- lienressort zu assistieren, um der Prä- sentation zusätzliches Gewicht zu ver- leihen. Er ging allerdings nicht so weit, das Logo des Finanzministeriums für eine gemeinsame Erklärung zur Ver-

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fügung zu stellen. Seine Leute hatten Schäuble vor allzu viel Nähe zur Famili- enministerin gewarnt. Das Ressort, das sonst in ganz Europa auf saubere Zahlen drängt, wollte nicht in Verdacht geraten, in wissenschaftliche Studien einzugreifen. Die Beamten von Ministerin Schröder hatten da erkennbar weniger Skrupel. Sie veröffentlichten nicht nur Erklärungen, in denen die Studienergebnisse in weiten Teilen in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Sie zensierten auch die einzelnen Veröf- fentlichungen der Forschungseinrichtun- gen, wie im Fall des Münchner Ifo-Insti- tuts. Die Denkfabrik unter der Leitung des liberalen Ökonomen Hans-Werner Sinn wollte darauf hinweisen, dass reine Geld- leistungen in der Familienpolitik oft das Gegenteil dessen bewirken, was beab- sichtigt ist. „Die neue familienpolitische Maßnahme des Betreuungsgeldes lässt dabei vergleichbare Effekte erwarten“, hieß es in der Ursprungsversion. Doch Kritik an einer der umstrittensten Maßnahmen der Koalition war im Hause Schröder nicht erwünscht. Das Familien- ministerium bestand darauf, den Satz zu streichen.

Der DIW-Chef spricht von Propaganda: „So sollte die Regierung nicht mit Expertisen umgehen.“

Bei den beteiligten Wissenschaftlern schwankt die Stimmung nun zwischen Frust und Empörung. „Wir erstellen keine Gefälligkeitsgutachten“, sagt ZEW-Öko- nom Bonin. Und auch die Chefs der gro- ßen Forschungsinstitute melden sich in- zwischen mit offenem Protest zu Wort. „Die wissenschaftliche Expertise wurde ignoriert und vom Ministerium politi- siert“, sagt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsfor- schung (DIW): „Bei der bisherigen Prä- sentation handelt sich um politische Pro- paganda – so sollte die Bundesregierung nicht mit wissenschaftlicher Expertise umgehen.“ Clemens Fuest, Präsident des ZEW, sagt: „Bislang fehlt eine angemessene Auseinandersetzung mit den Ergebnis- sen.“ Und der frühere Chef des Sachver- ständigenrats, Bert Rürup, der ebenfalls zur Regierungsstudie beigetragen hat, fin- det es „irritierend, dass die Bundesregie- rung bereits die Deutungshoheit über die zahlreichen, keineswegs eindeutigen Er- gebnisse beansprucht“. Bei dem Streit geht es nicht nur um Zensur und die Gängelung von Wissen- schaftlern, es geht auch ums Geld. Würde die Regierung den Empfehlungen der For- scher folgen, müsste sie vor allem in den

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Deutschland

Wenig Geld für Infrastruktur

74,8 Mrd. €

Ehebezogene Leistungen

Familien- und ehebezogene Leistungen 2010

125,5 Mrd. €

Familienbezogene Leistungen

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M
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13,3
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Sonstiges
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n
38,8
Kindergeld
4
5
38,1
,
Witwen- und
Witwerrente
6
6,8
Sonstiges
insgesamt
11,6
Geldleistungen
200,3
Beiträge für Kinder-
erziehungszeiten an
3,2
Mrd. €
Rentenversicherung
4,6
19,8
2
7
,
4
Elterngeld
Ehegatten-
splitting
8,9
g
Sonstiges
n
0,5
21,7
u
Sonst.
4,9
5,6
Kranken-
r
Sonst.
versicherung
6,3
e
16,2
Pflege-, Unfall-,
Arbeitslosen-
Erziehungs- Tages-
h
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und Renten-
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hilfe
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versicherung
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Quelle: BMFSFJ
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Ausbau von Krippenplätzen investieren. Doch dafür hat die Koalition zuletzt ge- rade mal zusätzlich 580 Millionen Euro eingeplant. Stattdessen will die Union den steuerlichen Kinderfreibetrag und das Kin- dergeld erhöhen, was den Staat laut Be- rechnung des Finanzministers zusätzlich etwa 7,5 Milliarden Euro pro Jahr kosten würde. Nur kommt ausgerechnet das Kinder- geld bei der Analyse der Wissenschaftler nicht gut weg. Das Urteil der Experten ist eindeutig: Das Kindergeld ist zwar enorm teuer, jedes Jahr belastet es den Bundeshaushalt mit etwa 39 Milliarden Euro. Doch der Nutzen des Geldes ist be- scheiden. Es trägt kaum dazu bei, dass Eltern in Deutschland Kinder und Beruf besser unter einen Hut bringen können. Und zu allem Überfluss ist es auch noch unge- recht. Denn während Topverdiener durch den steuerlichen Freibetrag überpropor- tional profitieren, gehen Hartz-IV-Emp- fänger leer aus. Dabei ist es nur konsequent, dass das Urteil der Experten wenig schmeichelhaft

ausfällt. Wenn es darum geht, die wirt- schaftliche Lage der Familien zu verbes- sern, sei der Effekt einer Kindergeld- erhöhung „nicht messbar“, schreibt das Ifo-Institut. Kanzlerin Merkel allerdings mag solche Botschaften im Wahlkampf nicht hören. Denn sie will mit dem Ver- sprechen locken, dass der Staat den Fa- milien künftig mehr Geld aufs Konto überweist. Also musste sich Familienministerin Schröder daranmachen, Aussagen der Ex- perten umzudeuten, und zwar in das Ge- genteil. Glaubt man ihren Worten, ist das Kindergeld „besonders wirksam“, wenn es darum geht, die ökonomische Lage von Familien zu verbessern. Ähnlich frech ging das Ministerium beim Thema Ehegattensplitting vor, das den Staat jedes Jahr etwa 20 Milliarden Euro kostet. Auch hier ist das Votum der Experten negativ. Sie fanden heraus, dass das Instrument Frauen dazu ermuntert, zu Hause zu bleiben, statt sich einen Job zu suchen. Die Folgen liegen auf der Hand: Frauen machen sich abhängig vom Geldbeutel

des Mannes, im Alter droht Armut. „Im Hinblick auf das Ziel der besseren Ver- einbarkeit von Familie und Beruf finden sich bei einigen Leistungen sogar kontra- produktive Effekte“, heißt es in einem Papier des ZEW über das Ehegatten- splitting. Bei Schröder hört sich das ganz anders

an. Sie weiß, dass es Ärger mit der CSU

verursachen würde, wenn das Ehegatten-

splitting auf den Prüfstand gestellt würde.

Also spricht sie davon, das Ehegatten-

splitting fördere die „Wahlfreiheit“ der

Eltern. Die Regierung verkündet, gängige Vor- urteile über familienpolitische Instrumen- te würden durch die Evaluation wider- legt. Woher die Koalition dieses Wissen

nimmt, bleibt ihr Geheimnis. In den Studien der Wissenschaftler liest es sich anders. Tatsächlich lautete der ursprüngliche Auftrag an die Forscher, die Familien- politik an konkreten Zielen zu messen.

Wie können Mütter und Väter Karriere

und Kinder vereinbaren? Was verhindert

Armut? Gibt es Anreize, damit die Deut-

schen mehr Kinder bekommen? Wie

kann der Staat dafür sorgen, dass Kinder

die bestmögliche Förderung erhalten?

Klare Vorgaben waren die Basis für die Studie, denn das Drama der deutschen Familienpolitik liegt ja gerade darin be- gründet, dass sie nicht weiß, was sie will. 200 Milliarden Euro gibt Deutschland je-

des Jahr für die Förderung von Ehe und

Familie aus, aber die Ergebnisse sind

mehr als bescheiden. Es herrscht ein

Wirrwarr aus Kindergeld und Elterngeld, aus Geschwisterbonus und Waisengeld, aus Kinderzuschlag, Kindererziehungs- zuschlag und Kindererziehungsergän- zungszuschlag. Selbst Experten blickten hier längst nicht mehr durch. Doch nun erklärt die Familienministe- rin gerade das Chaos zum Leitgedanken ihrer Politik: „Das wichtigste Ziel, das die Bundesregierung der Gesamtevalua- tion vorangestellt hat, war Wahlfreiheit, und daran müssen sich alle Expertisen messen lassen.“ Als die Wissenschaftler vor fünf Jahren begannen, die deutsche Familienpolitik unter die Lupe zu nehmen, war von dem Kriterium der „Wahlfreiheit“ allerdings keine Rede. Es wurde erst eingefügt, nachdem Schröder im November 2009 Ministerin wurde. „Mit der Wahlfreiheit kann man alles und jedes rechtfertigen“, sagt ZEW-Forscher Bonin. Genau das aber liegt im Interesse von Merkel und Schröder. Als die CDU An- fang Mai zu einem Diskussionsabend zur Familienpolitik in die Berliner Parteizen- trale geladen hatte, erklärte die Ministe- rin, dass die Wissenschaft in ihrem Haus bestenfalls eine dienende Funktion habe. „Aufgabe der Politik ist es, Ziele und Werturteile vorzugeben“, sagte Schröder.

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DER

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HENNING SCHACHT

„Und es ist Aufgabe der Wissenschaft zu definieren, welche Mittel helfen, diese Werte zu erreichen. Und es kann nicht sein, dass an die Wissenschaft delegiert wird, welche Werte wir verfolgen.“ Aus Schröders Sicht war es ein Fehler ihrer Amtsvorgängerin Ursula von der Leyen, die Studie überhaupt in Auftrag gegeben zu haben. Die beiden CDU-Po- litikerinnen haben keine hohe Meinung voneinander. Sie verfolgen unterschied- liche Ziele. Dass von der Leyen einst ver- kündete, eine gute Familienpolitik müsse sich auch an steigenden Geburtenzahlen messen lassen, empfindet Schröder als Zumutung. Sie kenne „keine seriöse Stu- die“, die einen positiven Zusammenhang herstelle zwischen staatlicher Unterstüt- zung und Kinderzahl, sagte Schröder vor zwei Wochen. Doch auch das stimmt so nicht. ZEW- Forscher Bonin hat herausgefunden, dass es durchaus einen Zusammenhang zwi- schen Familienpolitik und Fertilität gibt, etwa beim insgesamt fünf Milliarden Euro teuren Elterngeld. „Gäbe es das Elterngeld nicht, würden die Frauen im Laufe ihres Lebens zehn Prozent weniger Kinder bekommen“, erklärte er am ver- gangenen Montag bei seiner Präsentation im Familienministerium. Effizient sei freilich auch die subventionierte Kin- derbetreuung in Kitas und Krippen. Sie

subventionierte Kin- derbetreuung in Kitas und Krippen. Sie CDU-Politikerin von der Leyen Was verhindert Armut? erhöhe

CDU-Politikerin von der Leyen

Was verhindert Armut?

erhöhe die Zahl der Geburten um der- zeit fünf Prozent – eine sehr interes- sante Information, wie Bonins Zuhörer fanden. Schade, dass die Ministerin nicht da war. Fraglich ist, ob sich Schröders Strategie im Wahlkampf auszahlt. Die eigenen Leute sind nicht überzeugt. „Angesichts begrenzter Haushaltsmittel müssen wir Prioritäten setzen. Ich finde den Ausbau der Ganztagsbetreuung in den Kitas nach der Wahl erst einmal wichtiger als eine Erhöhung des Kindergelds“, sagt der Ge- sundheitspolitiker Jens Spahn.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stefan Müller, fordert die Ministerin zur Nacharbeit auf: „Die Wirkungen von fa- milienpolitischen Leistungen müssen re- gelmäßig überprüft werden.“ Und Nor- bert Barthle, Chefhaushälter der Unions- fraktion, hält weiter am Ziel der Gebur- tensteigerung fest: „Es muss das Ziel er- reicht werden – ein Schub, Kinder in die Welt zu setzen.“ Die in ihrer Ehre gekränkten Wissen- schaftler geben keine Ruhe. DIW-Chef Fratzscher denkt darüber nach, die Er- gebnisse der Studie gemeinsam mit den anderen Forschungsinstituten vorzustel- len. „Es ist uns wichtig, dass die Unter-

suchungsergebnisse offen und zielgerich- tet diskutiert werden“, sagt er. „Dies soll- te auch unter Beteiligung aller Wissen- schaftler, die an der Evaluation beteiligt waren, geschehen.“ Das ZEW will sich ebenfalls nicht ein- fach der politischen Willkür beugen. Eine Pressemitteilung, die das Institut kürzlich dem Familienministerium zur Abstim- mung vorlegte, sollte so stark verändert werden, dass die Experten beschlossen:

Da machen wir nicht mehr mit. Man hätte sich dann, so das ZEW, auf eine andere, „eher inhaltslose“ Mitteilung

geeinigt.

NICOLA ABÉ, PETER MÜLLER,

ALEXANDER NEUBACHER, CHRISTIAN REIERMANN

Deutschland

SPIEGEL-GESPRÄCH

„Klar war der Gerd ein Macho“

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, 43, spricht über die raue Männerwelt der Politik, ihren Plan einer gesetzlichen Teilzeit für Väter und die erotische Wirkung der Macht.

SPIEGEL: Frau Nahles, im Grundsatzpro- gramm Ihrer Partei steht der schöne Satz:

„Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“ Was hat die SPD eigentlich gegen Männer? Nahles: Nichts natürlich, wir wollen männ- lich geprägte Strukturen in Politik, Wirt- schaft und Gesellschaft aufbrechen. Lange Zeit galt es als gottgegeben, dass der Mann der Alleinernährer der Familie ist, dass er Überstunden kloppt und die Frau zu Hau- se auf die Kinder aufpasst. Das spiegelt doch weder die Realität noch die Wünsche der Menschen wider. Das geht auch nicht gegen Männer, wir wollen andere Rollen- bilder zulassen. Bei uns Sozialdemokraten hat das sogar eine gewisse Tradition. Le- sen Sie zum Beispiel das Buch von August Bebel „Die Frau und der Sozialismus“. Das ist 1879 erschienen, aber es liest sich immer noch superaktuell. SPIEGEL: Die SPD war aber auch die Partei der Supermachos. Gerhard Schröder zum Beispiel war in Genderfragen nicht im- mer auf der Höhe der Zeit. Nahles: Klar war Gerd Schröder ein Ma- cho, aber einer, der bei den Frauen un- heimlich gut ankam. Es gibt das große Spiel der Geschlechter, und Frauen finden manchmal auch Männlichkeitsattribute gut, die vom feministischen Standpunkt aus betrachtet eher fragwürdig sind. SPIEGEL: Mit einem Wort: Schröder ist ein Macho, aber ein Macho mit Charme. Nahles: So ist das wohl. Allerdings bin ich persönlich nie in den Genuss seines Charmes gekommen. Dafür lagen wir po- litisch zu oft über Kreuz (lacht). SPIEGEL: Wie würden Sie Ihren Kanzler- kandidaten Peer Steinbrück einsortieren:

Macho ohne Charme? Nahles: Ich finde Peer Steinbrück über- haupt nicht machohaft. Er ist ein sehr charmanter Norddeutscher. SPIEGEL: Kennen Sie die Geschichte, als er in einer Sitzung des Koalitionsaus- schusses in Nordrhein-Westfalen die Grü- ne Barbara Steffens anpflaumte, weil die ihr Baby mitgebracht hatte? Nahles: Davon habe ich gehört, aber das wird öffentlich gern sehr verkürzt dar- gestellt. Ich denke, das würde heute an- ders laufen. SPIEGEL: Ihre Tochter ist inzwischen zwei- einhalb Jahre alt. Hatten Sie Ella mal bei einer Besprechung mit Steinbrück dabei?

Nahles: Ich nehme sie manchmal mit nach Berlin, vorletztes Wochenende zum Beispiel. Da konnte ich nicht nach Hause in die Eifel, weil wir Parteikonvent hatten. Aber was, bitte, soll sie mit mir in Besprechungen? Sie würde sich da nach fünf Minuten langweilen und „Piel- platz“ rufen. Ich will auch nicht offensiv austesten, wie viel Sitzungstauglichkeit ein Kind mit zweieinhalb Jahren hat. Sie lebt glücklicher ohne, da bin ich sicher. SPIEGEL: Ist es eigentlich Aufgabe der Po- litik, die Männer zu ändern? Nahles: Nein, wir wollen den Männern nichts oktroyieren. Aber alle Umfragen zeigen, dass sich die Mehrheit der Väter mehr Zeit für die Familie wünscht. Viele Familien stehen total unter Druck und zerreißen sich zwischen Job und Familie. Wir wollen eine Möglichkeit schaffen, dass Familien wieder durchatmen kön- nen. Bisher ist es ja eher so, dass die Ar-

„Ich komme vom Land und bin – wenn Sie so wollen – als ,klassische Frau‘ erzogen worden.“

beitszeit von Männern sogar ansteigt, so- bald sie Kinder haben. SPIEGEL: Vielleicht finden sie es ganz schön, im Büro ihre Ruhe zu haben, wenn zu Hause die Kinder schreien. Nahles: Das glaube ich nicht. Viele Män- ner wünschen sich, dass sie mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen können. Aber sie arbeiten mehr, weil plötzlich das Ein- kommen der Frau ausfällt und sie das durch Mehrarbeit kompensieren wollen. Deswegen schlägt die SPD ein Teilzeit- modell vor, die sogenannte Familien- arbeitszeit. SPIEGEL: Wie soll das funktionieren? Nahles: Wir wollen, dass Eltern jeweils für bis zu drei Jahre ihre Arbeitszeit auf bis zu 30 Stunden pro Woche reduzieren kön- nen. Den Einkommensverlust, der da- durch entsteht, möchten wir staatlich abfedern. Wer wenig verdient, bekommt die Differenz zu fast hundert Prozent aus- geglichen. Wer mehr verdient, bei dem wird die Kompensation bis zu einem ge-

wissen Höchstverdienst abgeschmolzen – ähnlich wie beim Elterngeld. SPIEGEL: Mit Ihrem Plan werden die Män- ner dazu verpflichtet, Arbeitszeit zu re- duzieren. Ansonsten gibt es kein Geld vom Staat. Warum wollen Sie die Väter aus dem Büro vertreiben? Nahles: Wir verpflichten absolut nieman- den! Es ist doch anders: Im Moment re- duzieren viele Frauen nach der Geburt des ersten Kindes ihre Arbeitszeit dras- tisch, viele steigen länger ganz aus dem Beruf aus. Völlig in Ordnung! Aber es wird fatal, wenn diese Frauen später kaum noch Tritt fassen in ihrem Beruf. Von Karriere ganz zu schweigen. Sie ge- raten in die berühmte Teilzeitfalle. Wir wollen daher den Familien Hilfe bieten, sich besser partnerschaftlich zu orientie- ren. 38 Prozent der deutschen Familien wünschen sich ein partnerschaftliches Mo- dell, aber nur 6 Prozent der Familien ge- lingt das auch. Und 45 Prozent der Fami- lien sagen, es liege am Geld, dass sie ihr Wunschmodell nicht umsetzen können. SPIEGEL: Was soll Teilzeit kosten? Nahles: Das DIW hat unseren Ansatz der Familienarbeitszeit in einer Studie aktuell berechnet: Der Einstieg liegt zwischen 30 und 60 Millionen Euro im Jahr, je nach Modell – unter Annahme eines Höchstver- dienstes von 2700 Euro netto. Aber natür- lich wird es teurer werden, wenn es ein Erfolg wird. Das Elterngeld haben am An- fang auch nur wenige in Anspruch genom- men, inzwischen ist es ein Renner. Betei- ligten sich vor der Einführung nur gut 3 Prozent der Väter, so gehen heute 27 Pro- zent der Väter in Elternzeit. Es kostet aber selbst im Erfolgsfall weniger als das Be- treuungsgeld und ist hundertmal sinnvoller. SPIEGEL: Warum ist es eigentlich Aufgabe der Politik, den Leuten zu erklären, wer sich um die Kinder kümmern soll? Nahles: Das wollen wir nicht! Wir wollen Familien nur die Freiheit bieten, die Ent- scheidung überhaupt selbst treffen zu können. Sie können natürlich der Mei- nung sein, der Staat solle sich raushalten. Aber das tut er schon jetzt nicht. Jedes Jahr geben wir Milliarden Euro für fami- lienpolitische Anreize aus, die an den wirklichen Problemen der Familien vor- beigehen und die für Frauen einen Stol- perstein darstellen, beruflich wieder Tritt zu fassen. Es fehlen Betreuungsplätze,

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und jetzt kommt auch noch das Betreu- ungsgeld hinzu. Wir wollen nicht hinneh- men, dass Anreize nur einseitig in eine Richtung gesetzt werden: Im Moment werden junge Mütter vom Staat eher ent- mutigt, ihren Beruf weiter auszuüben. SPIEGEL: Das ist doch das Drama der deut- schen Familienpolitik: Wenn die Union an der Regierung ist, wird ein Betreuungs- geld eingeführt, das junge Frauen dazu ermuntert, ihre Kinder zu Hause zu er- ziehen. Sollten Sie an die Regierung kom- men, wollen Sie ein Teilzeitgesetz verab- schieden, das Mütter in den Betrieben halten soll. So wird Familienpolitik im- mer teurer und immer widersprüchlicher. Nahles: Wir wollen die Widersprüche doch gerade aufheben, zum Beispiel indem wir das Betreuungsgeld wieder ab- schaffen und auch das Ehegattensplitting neu aufstellen als Partnerschaftstarif – für Paare, die neu heiraten. SPIEGEL: Vor kurzem hat Angela Merkel eine Runde von Frauen in Führungsposi-

tionen ins Kanzleramt geladen, um über Gleichberechtigung zu diskutieren. Ir- gendwann stand eine Frau auf und sagte sinngemäß: Die wichtigste Entscheidung für eine Frau ist, dass sie sich einen Part- ner sucht, der ihre Karriere unterstützt. Sehen Sie das auch so? Nahles: Ich kann da nur von mir selber re- den. Ich habe den richtigen Mann gefun- den, der gut damit klarkommt, eine star- ke Frau an seiner Seite zu haben. SPIEGEL: Wie teilen Ihr Mann und Sie sich die Betreuung Ihrer Tochter? Nahles: Mein Mann macht Elternteilzeit, er kümmert sich unter der Woche zu Hau- se in der Eifel um unsere Tochter, wenn ich unterwegs bin oder in Berlin. SPIEGEL: Vielen Frauen, die Karriere ma- chen, fällt es schwer, die Erziehung ihres Kindes so weitgehend aus der Hand zu ge- ben. Geht Ihnen das manchmal auch so? Nahles: Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde: nein. Ich komme vom Land und bin – wenn Sie so wollen – als „klas-

Politikerin Nahles

sische Frau“ erzogen worden. Da be- kommt man natürlich emotionale Schwie- rigkeiten, wenn ein Mann in deine Do- mäne einbricht (lacht). SPIEGEL: Wird inzwischen von den Män- nern nicht ein bisschen viel verlangt? Sie sollen liebevolle Väter sein, zärtliche Liebhaber, eine tolle Karriere machen und möglichst noch gut aussehen. Nahles: Ich bitte Sie! Das war doch schon immer das Anforderungsprofil an die Frauen. SPIEGEL: Früher hat niemand verlangt, dass Mütter Karriere machen. Nahles: Es macht ja auch nicht jeder Mann Karriere. SPIEGEL: Verändert es die Beziehung, wenn der Mann sich vor allem um die Familie kümmert? Ist er dann noch ge- nauso attraktiv? Nahles: Für mich gibt es da keinen Unter- schied. SPIEGEL: „Erfolg macht sexy.“ Ist an die- sem Spruch nichts dran?

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WERNER SCHUERING

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WERNER SCHUERING CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL Braut Nahles mit Bräutigam Marcus Frings 2010: „Eine starke

Braut Nahles mit Bräutigam Marcus Frings 2010: „Eine starke Frau an seiner Seite“

Nahles: Für mich war das nie ein entschei- dendes Kriterium. Und es ist doch ein sehr eindimensionales Verständnis von Erfolg. SPIEGEL: Vor der Geburt Ihrer Tochter ha- ben Sie von Ihrer Angst gesprochen, aus dem Beruf auszusteigen. Ein Job wie Ih- rer wecke „Begehrlichkeiten“, sagten Sie damals. Wie kamen Sie auf diese Idee? Nahles: Nein, von Angst habe ich nicht gesprochen. Ich war in Sorge, wie sich meine Auszeit auf meine politische Ar- beit und Karriere auswirken wird. Wie viele hunderttausend andere Frauen auch. Am Ende ist alles viel besser gekommen, als ich dachte. SPIEGEL: Ihr Interview hat vor allem in der SPD Empörung ausgelöst. Nahles: Ich habe sehr viele Reaktionen er- halten – sowohl in der Partei als auch von außerhalb. Meine Aussage traf offenbar direkt ins Herz einer aus meiner Sicht nicht ausdiskutierten Frage: Wie halten wir es mit Frauen, die Kind und Karriere vereinbaren wollen? Von manch einem wird immer noch nicht akzeptiert, dass eine Frau, die Mutter wird, überhaupt noch an Karriere denkt. Ich habe mich sehr auf mein Kind gefreut und bin sehr glücklich. Aber ich hatte als Frau auch noch Platz in meinem Kopf für den wahn- sinnigen Gedanken, dass ich 20 Jahre in eine politische Laufbahn investiert habe und mir mein Job großen Spaß macht.

* René Pfister und Christiane Hoffmann in Berlin.

SPIEGEL: Haben Frauen und Männer un- terschiedlich reagiert? Nahles: Eindeutig. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel, aber viele Männer haben negativ reagiert und viele Frauen positiv. SPIEGEL: Sie haben den Männern unter- stellt, dass sie es ausnutzen, wenn ihre Konkurrentinnen im Job in Mutterschutz gehen. War das ein Tabubruch? Nahles: Vielleicht schon. Aber ich habe ihn ganz bewusst begangen. Weil es im- mer noch ständig vorkommt in Deutsch- land. Es gibt keinen Grund, an dieser Front Entwarnung zu geben. SPIEGEL: Bevor Sigmar Gabriel im Früh- jahr 2012 Vater wurde, forderten ihn eini- ge SPD-Frauen in einem Brief auf, Eltern- zeit zu nehmen. Ist es richtig, in dieser Weise öffentlich Druck auf einen Politiker auszuüben?

Weise öffentlich Druck auf einen Politiker auszuüben? Nahles, SPIEGEL-Redakteure* „Da gibt es einen kleinen

Nahles, SPIEGEL-Redakteure*

„Da gibt es einen kleinen Unterschied“

Nahles: Ich fand den Brief im Stil ziemlich daneben. Aber ich würde mich schon freuen, wenn nicht nur ich als General- sekretärin mit der Frage konfrontiert wer- de, wie ich das mit einem kleinen Kind vereinbare, sondern auch die vielen Väter in Führungspositionen. Wenn man diese Frage stellen muss, dann bitte allen. Män- nern und Frauen. Aber es wird von einer Mutter eben immer noch etwas anderes erwartet als vom Vater. SPIEGEL: Gabriel hat in seinen dreieinhalb Monaten Babypause eine Sommertour gemacht, ein Papier zur Bankenregulie- rung verfasst und – wir haben nachge- zählt – mindestens 27 Interviews gegeben. Nahles: Wow. Das habe ich nie nachge- zählt. SPIEGEL: Und getwittert. Haben Sie Re- spekt für sein Multitasking-Talent? Nahles: Seine Tochter war so klein, die schlief die halbe Zeit. Sicherlich ist das die einfache Erklärung. SPIEGEL: Von Ihnen hat man in Ihrer acht- wöchigen Auszeit nichts gehört. Nahles: Da gibt es einen kleinen, feinen Unterschied: Ich hatte gerade erst die Ge- burt hinter mir, habe gestillt und mich ganz mit meiner Tochter beschäftigt. Da sind Sie erst mal fertig. Da haben Sie kei- ne Zeit für anderes. SPIEGEL: Gehört es nicht auch zur Wahr- heit, dass Mütter ein engeres Verhältnis zu ihren Kindern haben, gerade wenn sie noch klein sind? Nahles: Bei uns ist das nicht so. Mein Mann hat ein ausgesprochen enges Ver- hältnis zu meiner Tochter. Er macht sich mindestens so viel Gedanken wie ich. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen:

Das ist nicht in erster Linie eine bio- logische Frage, sondern eine Frage, wie intensiv man Zeit mit dem Kind ver- bringt. SPIEGEL: Könnten Sie sich vorstellen, eine Zeitlang ganz auszusteigen, um sich um Ihre Tochter zu kümmern?

Nahles: Nein.

SPIEGEL: Als Franz Müntefering sein Amt als Vizekanzler aufgab, um seine Frau zu pflegen, bekam er von allen Seiten Applaus. Wenn Familienministerin Kris- tina Schröder mit dem Gedanken spielt, ihr Ministeramt aufzugeben, um sich mehr um die Familie zu kümmern, wer- fen ihr viele Verrat an der Sache der Frau vor. Können Sie Schröders Ärger ver- stehen? Nahles: Ja. Ich weiß, wie hart es ist, ein Spitzenamt in der Politik und eine Fami- lie unter einen Hut zu bringen. Man braucht sehr viel Kraft, und man muss sich dabei wohl fühlen. Wenn jemand sagt, ich will das nicht, ich will jetzt mehr Zeit für meine Familie, dann ist das zwar nicht mein Weg. Aber ich kann es durch- aus nachvollziehen. SPIEGEL: Frau Nahles, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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MARC-STEFFEN UNGER

Deutschland

MARC-STEFFEN UNGER Deutschland SPD Angst vorm Regieren Die Umfragen deuten darauf hin, dass es nach der

SPD

Angst vorm Regieren

Die Umfragen deuten darauf hin, dass es nach der Bundestags- wahl eine Große Koalition geben könnte. Für viele Sozialdemo- kraten wäre das die Höchststrafe.

E s kommt schon vor, dass sich der Parteichef in der Sitzung der SPD- Bundestagsfraktion zu Wort meldet.

Doch am vergangenen Montag merkten die sozialdemokratischen Abgeordneten schnell, dass Sigmar Gabriel ein beson- deres Anliegen hatte. Die letzte Sitzungswoche vor der Som- merpause war vorerst auch die letzte Ge- legenheit, den Genossen eine Botschaft mit auf den Weg zu geben. Zunächst ent- schuldigte sich Gabriel umständlich, dass er sich mit Peer Steinbrück in aller Öf- fentlichkeit gestritten hatte. Dann wurde er konkret. „Es geht um wesentlich mehr als um Personen oder uns beide“, sagte er. Die SPD-Niederlage bei der Bundestagswahl 2009 habe einen Neuanfang bedeutet. Dieser Prozess sei noch nicht abgeschlossen. Deshalb gelte:

„Wir werden bei dieser Bundestagswahl

nicht für ein paar Regierungsämter die Seele der Partei verkaufen.“ Es war der entscheidende Satz, den er loswerden wollte. Wir wollen kein Bünd-

nis mit der Union – das war die Botschaft. Und dieses Mal assistierte ihm sogar sein Rivale. „Wir haben in der letzten Großen Koalition hart gearbeitet“, rief der Kanz- lerkandidat ins Mikrofon, „und was hat es uns gebracht? Gar nichts!“ Der wohlkalkulierte Auftritt von Par- teichef und Kandidat belegt, wie ernst die SPD-Spitze inzwischen eine Debatte nimmt, die die Partei von ganz unten bis nach ganz oben mit zunehmender Hef- tigkeit umtreibt: Was tun, wenn nach der Wahl nur die Große Koalition als Macht- option übrig bleibt und die SPD als Ju- niorpartner der Kanzlerin zu ihrer dritten Amtszeit verhelfen soll? Mit dieser Frage ist eine zweite verbun- den: Wie soll man eine Partei in den Wahl- kampf führen, wenn der eigene Kandidat weit abgeschlagen zurückliegt? Denn die Chancen, dass mit Steinbrück ein Sozial- demokrat ins Kanzleramt einziehen könn- te, sind inzwischen auf ein Minimum ge- sunken. Zu eindeutig sind die Umfragen. Die Forschungsgruppe Wahlen sah die Uni- on am vergangenen Freitag bei 43 Prozent, Sozialdemokraten und Grüne brachten es gemeinsam gerade mal auf 39 Prozent. Damit liegt eine Neuauflage der schwarz-gelben Koalition im Bereich des Möglichen. Doch bei den Wählern ist eine andere Konstellation beliebter. 44 Pro- zent der Deutschen fänden nach einer ak- tuellen Umfrage von Infratest dimap eine Große Koalition von Union und SPD gut für das Land. Für viele Sozialdemokraten käme ein solches Bündnis einer Art Höchststrafe

* Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück.

Großkoalitionäre 2008*

„Was hat es uns gebracht? – Nichts“

gleich. Sie würden lieber in der Opposition bleiben, als sich noch mal durch eine Ko- alition mit der Union zu kompromittieren. Das Wahldesaster von 2009 hinterließ die Partei schwer traumatisiert. Ihre Mi- nister hatten zwar nach allgemeiner Ein- schätzung ordentliche Arbeit abgeliefert, doch die SPD konnte nicht davon profi- tieren. Mit demütigenden 23 Prozent ver- trieben die Wähler sie aus der Regierung. „Wir waren erfolgreich, wir haben das Regierungsgeschäft im Wesentlichen ge- tragen“, sagt ein damaliger Minister. Aus- gezahlt habe es sich nicht. Daraus könne man den Schluss ziehen: „Nie wieder.“ Deutlicher wird der Kölner Bundestags- abgeordnete Rolf Mützenich: „Ich halte die Große Koalition für ausgeschlossen und unseren Mitgliedern nicht für vermit- telbar.“ Die Angst vor dem Regieren mit Angela Merkel beschäftigt auch den Ab- geordneten und Generalsekretär der Hes- sen-SPD, Michael Roth. „Das würde kei- ner mit Überzeugung machen“, sagt er. „Im Gegenteil, es würde uns politisch in eine hochriskante Situation bringen.“ Mützenich und Roth stehen für viele in der Partei. Es ist diese Stimmung, die Gabriel mit seiner Intervention in der Fraktion zu dämpfen versuchte. „Wir wer- den nicht die Partei opfern, um scheinbar dem Land zu helfen“, sagt er und weist darauf hin, dass die Große Koalition am Ende eher der Linkspartei als der SPD helfen könnte. Aber auch er weiß, dass er sich einer Großen Koalition womöglich kaum ver- weigern könnte. Gabriel hätte dann den schwierigsten Part. Er müsste seine Truppe in die Verhandlungen mit der Union führen und sich das Ergebnis von einem Parteitag absegnen lassen. Es wäre eine Abstim- mung, von der ein Spitzengenosse sagt:

„Wenn ich mir die Delegierten der letzten Parteitage anschaue, sehe ich die Mehrheit für einen Koalitionsvertrag noch nicht.“ Die Parteilinken bringen sich bereits in Stellung. „Merkel hat die SPD schon 2005 hinter die Fichte geführt“, sagt der Sprecher der Parlamentarischen Linken, Ernst Dieter Rossmann. „Diesmal werden die Preise deutlich höher sein.“ Trickse- reien könne es nicht mehr geben – es sei denn um den Preis eines Koalitions- bruchs. Inhaltlich hat Rossmann schon konkrete Vorstellungen: „Zentrale Punk- te wie Mindestlohn, Bürgerversicherung oder Vermögensteuer sind wir unseren Wählern schuldig. Ohne die geht nichts.“ Die wendige Kanzlerin müsste den Ge- nossen weit entgegenkommen. Gabriel ahnt, dass sie diesen Preis wohl zahlen würde. Doch das Misstrauen bliebe. „Es wäre eine Koalition auf Zeit“, prophezeit der Abgeordnete Roth. „Das vorzeitige Ende wäre einkalkuliert.“ HORAND KNAUP

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DEBATTE

Kämpfen oder schmollen

Wer bewusst nicht wählt, verhält sich undemokratisch arrogant – eine Antwort auf Harald Welzer. Von Jürgen Trittin

I m SPIEGEL 22/2013 ruft Harald Welzer dazu auf, nicht wäh-

len zu gehen. Die Parteien seien alle gleich. Keine sei zu ir- gendeinem zukunftsfähigen Gedanken fähig. Werfen wir einen Blick ins Land 90 Tage vor jener Wahl,

die Harald Welzer zu boykottieren gedenkt. Gehen wir in Berlin an der Komischen Oper vorbei, warnt ein turmhohes Plakat vor den Plänen der Grünen, Privatver- mögen zum Abbau der Staatsschulden heranzuziehen. Die

Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer, die sich heute nett als „Familienunternehmer“ vermarktet, hält schon den zweiten Kongress gegen eine drohende Vermögensabgabe ab. Mehrfache Milliardäre kostümieren sich als der deutsche Mittelstand. Ebenfalls Unter den Linden in der Deutschen Bank findet der Stahldialog 2013 statt. Die Stahl- unternehmen kämpfen gegen die Energiewende. Sie zahlen zwar fast alle nichts für den Ausbau erneuer- barer Energien und profitieren von den gesunkenen Börsenpreisen. Sie bekommen vielfach die Kilowatt- stunde für 4 Cent, für die ein Mit- telständler 26 berappen muss. Aber das genügt ihnen nicht, sie wollen nur 3 Cent zahlen, wie in Tennessee, wo der Staat den Strompreis sub- ventioniert. Setzt man sich in den ICE nach Hannover, prangt auf dem ausliegen- den Zugbegleiter eine Anzeige des Freien Verbands Deutscher Zahnärz- te gegen die grüne Bürgerversiche- rung. Dort in Hannover inszeniert die Lobby der Chefärzte den Deut-

schen Ärztetag als Konvent gegen

die Bürgerversicherung – obwohl die Mehrheit der Ärzte für ein Ende der Zwei-Klassen-Medizin ist. Die Klientel, für die Schwarz-Gelb regiert, ist politisiert, orga- nisiert und haut mächtig auf die Pauke. Man kennt seine Interes- sen. Unternehmensverbände, neoliberale Think-Tanks, konser- vative Meinungseliten kämpfen gegen einen rot-grünen Wechsel. Diese rechte Apo ist fest davon überzeugt, dass der Ausgang der Bundestagswahl über ihre Privilegien entscheidet. Sie hat recht. Sie weiß nämlich, dass sie die politische Hegemonie in der Gesellschaft verloren hat. Zwei Drittel bis drei Viertel der Ge- sellschaft sind spätestens nach der Finanzkrise für einen ge- setzlichen Mindestlohn, regulierte Banken, höhere Steuern für Besserverdienende und große Vermögen, mehr Frauen in Füh- rungspositionen, mehr Geld für Kitas, Schulen und Universitä- ten. Schon länger lehnen sie Atomenergie ab und wollen Kli- maschutz und gleiche Rechte für Schwule und Lesben. Die ideologische Hegemonie des Neoliberalismus ist vorbei.

Doch eine klare Mehrheit der linken Mitte in der Gesellschaft führt nicht automatisch zu einer politischen Mehrheit in Bun- destag und Bundesrat. Die rechte Apo tut viel dafür, diese Mehrheit zu verhindern. In dieser Situation eines Widerspruchs zwischen gesellschaft- licher und politischer Mehrheit schlägt Harald Welzer vor, auf den Kampf um die politische Mehrheit zu verzichten. Mit einer Begründung so schlicht wie Stammtisch. Die Parteien seien alle gleich. Es ist schlechte deutsche Tradition, den Gegensatz zwischen „guter Gesellschaft“ und „schlimmer Parteipolitik“ herauszu-

Berliner Regierungszentrale

stellen. Oft steckte hinter der Verachtung für die Politik die Verachtung der Demokratie. Welzer wärmt diese Tradition auf. Positionen, die er für zukunftsweisend hält, stünden schließlich nicht zur Wahl. Er erklärt seine Standpunkte – etwa für ein Wirtschaftssystem ohne Wachstum oder eine andere europäi- sche Wirtschaftspolitik – zu denen „des Souveräns“ und lastet ihre mangelnde Durchsetzung „den Parteien“ an.

A ber die Behauptung, alle Parteien wollten in diesen Fra- gen das Gleiche und das Volk das Gegenteil, ist doppelt abstrus. Die relevanten Konflikte verlaufen mitten

durch die Gesellschaft, zwischen gesellschaftlichen Gruppen, Interessen, Weltanschauungen. Diese Konflikte werden an allen möglichen Orten dieser Republik ausgetragen, unter anderen im Deutschen Bundestag.

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JAN WOITAS / PICTURE-ALLIANCE / DPA

WAHL 2013
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Welzer versteigt sich außerdem zu der Verleumdung, „keine der Parteien“, verschwende „auch nur einen Gedanken“ darauf, wie man die Euro-Krise sozialver- träglich und demokratisch überwinden könne oder wie

die Zivilisierung des Kapitalismus angesichts der Wachs- tumsproblematik gelingen könne. Diese Fragen werden ständig diskutiert, ja dieser Bundestagswahlkampf dreht sich geradezu um sie! Die Grünen etwa haben einen neuen Wohlstandsbe- griff zu einem ihrer neun Wahlkampfschwerpunkte per Mit- gliederentscheid bestimmt. Doch nicht nur sie thematisieren diese Fragen – siehe die von uns mitangestoßene Enquete- kommission. Ein Problem aber bleibt: Die entsprechenden Vorschläge haben bisher keine handlungsfähige Mehrheit. Und so was braucht man, um Gedanken Wirklichkeit werden zu lassen.

seine Reputation als ökologischer Vordenker in den Dienst der Gegner einer ökologischen Transformation und kon- terkariert das Engagement Hunderttausender Menschen in Deutschland für eine andere Politik. Keine Stimme ab-

zugeben ist eine Stimme für den Status quo. Es ist für den Kampf um die soziale und ökologische Zivili- sierung des Kapitalismus zerstörerisch, wenn einflussreiche Stimmen des linkskritischen Lagers dem im Kern rechten Dis- kurs der Politikverdrossenheit aufsitzen und sich die Unter- scheidung zwischen „Bürgern“ auf der einen und „Politikern“ auf der anderen Seite als gesellschaftlichen Leitkonflikt auf- schwatzen lassen. Für manche Linke kommt eine grundlegende Skepsis gegen- über Regierungsmacht hinzu. Parteien streben Regierungsmacht an, doch das ist bei ihnen verpönt und wird als Machtgeilheit gesehen. Es geht aber darum, einen sozialen und ökologischen Wandel, der aus der Gesellschaft kommt, in parlamentarischen Einfluss und gesetzgebende Regierungsmacht umzusetzen und so Gesellschaft zu verändern. Eine gesellschaftliche Linke, die auf diesen entscheidenden Schritt verzichtet, degradiert sich selbst zum Stichwortgeber für die Sonntagsreden einer auf ewig von CDU und Wirtschaftseliten geführten Regierung. Sie zele- briert die eigene Unterlegenheit. Eine billige Ausrede für die linke Selbstentmachtung ist der Verweis, dass es bei Rot-Grün neben dem Ausstieg aus der Atomenergie, der Energie- und der Agrarwende, den schwul- lesbischen Partnerschaften und dem liberalen Staatsbürgerrecht auch Hartz IV und Steuersenkungen ge- geben hat. Denn das unterstellt, aus Fehlern und Niederlagen nicht ler- nen zu können. Schmollen ist keine politische Haltung, länger als zehn Jahre Schmollen ist regressiv. Vor allem wenn dadurch die Parteien am Ruder bleiben, die keinen dieser Fehler korrigieren werden.

Finanzkrise, Spaltung der Gesell- schaft, die europäische Krise und das gigantische Marktversagen beim Kli- mawandel haben viele Menschen überzeugt, dass demokratische Poli- tik sich wieder trauen muss, den Märkten zu sagen, wo es langgehen soll. Wir brauchen nicht Merkels marktkonforme Demokratie sondern demokratisch regulierte Märkte.

Die Abwesenheit des ideologi- schen Furors der letzten Dekaden sollte niemanden über die konkrete Politik dieser Koalition hinwegtäu- schen. In Angela Merkels Perspek- tive sind hohe Löhne, Sozialstaat, Umweltstandards und Steuern Hemmschuhe für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unter- nehmen. Für diese Politik wird sie von den mächtigsten Lobbys unseres Landes unterstützt. Diese Politik zwingt sie Europa auf. Bei der Bundestagswahl hat Deutschland die Möglichkeit, das Zeitalter des Neoliberalismus auch in der Politik der Bun- desregierung zu beenden. Es wird keine langfristig angelegte Zivilisierung des euro- päischen Kapitalismus, keine grüne Transformation unserer Wirtschaft, keine strikte Regulierung des Finanzmarkts und keine Bewahrung des europäischen Wohlfahrtsstaats geben ohne sozial-ökologische Reformregierungen in den wichtigsten europäischen Staaten. Das gilt vor allem für Deutschland, das Schlüsselland Europas. Es zählt also jede Stimme. In der öffentlichen Debatte – und

in der Wahlurne.

D enn ihnen stehen mächtige Einzelinteressen entgegen. Man fragt sich, ob Welzer jemals hingehört hat, wie sich Verbands- und Meinungsmacht in Deutschland gegen

ökologische und soziale Reformen formiert, sei es gegen die Fi- nanztransaktionsteuer, den Emissionshandel, einen gesetzlichen Mindestlohn oder striktere CO ² -Grenzwerte für Autos. Solche Politikziele mögen dem wortradikalen Vertreter der Postwachstumsgesellschaft als Kleinkram gelten, sie sind aller- dings notwendige Schritte einer ökologisch-sozialen Trans- formation. Und sie bergen zumindest die Chance, politische

Mehrheiten zu finden und damit in die Realität umgesetzt zu werden. Welzers Weigerung, den Kampf um die politische Mehrheit aufzunehmen, drückt eine undemokratische Arroganz gegenüber dem andersdenkenden Teil der Gesellschaft aus. Um die Über- zeugung einer Mehrheit von Bürgerinnen und Bürgern kämpfen die Parteien des sozialen und ökologischen Reformlagers. Der Frust darüber, dass sich eine Postwachstumsvision und eine Eu- ropapolitik, die Krisenländer nicht in Sozialabbau, Lohnsenkung und Spar-Rezession schickt, noch nicht durchgesetzt haben, ist verständlich. Aber kein überzeugender Grund, den Kampf um Regierungsmehrheiten für solche Veränderungen aufzugeben und CSU und Grüne bei diesen Fragen für identisch zu erklären. Mit seinem Aufruf zum Schmollen macht sich Welzer zum nützlichen Narren von Merkels Demobilisierungstrick. Er stellt

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BERND WEISSBROD / DPA

Deutschland

BERND WEISSBROD / DPA Deutschland Angeklagte Heidrun (l.) und Andreas (3. v. r.) Anschlag: Post von

Angeklagte Heidrun (l.) und Andreas (3. v. r.) Anschlag: Post von „Pit“ und „Tina“

SPIONAGE

Im Land des Gegners

In Stuttgart steht ein russisches Agentenpaar vor Gericht, das mehr als 20 Jahre lang in Deutschland spioniert hat. Wladimir Putin persönlich führte die Verhandlungen über einen Austausch – doch nun belastet ein neuer Fall die deutsch-russischen Beziehungen.

I n der Asservatenkammer des Bundes- kriminalamts in Wiesbaden liegt ein Schatz, der unter den Geheimdiensten

dieser Welt große Neugier entfacht hat. Er mutet an wie eine gewöhnliche, schwar- ze Laptop-Tasche. Darin ist eine Siemens- Festplatte eingebaut, jedenfalls sieht es so aus. Nur eine Kerbe verrät, dass es sich nicht um ein serienmäßiges Produkt han- delt, sondern um einen Hochfrequenzsen- der für Satellitenfunk, dessen Antenne im Deckel der Laptop-Tasche versteckt ist. Das Gerät stelle moderne Militärtech- nik dar, ein „geheimdienstliches Spitzen- produkt allererster Güte“, schwärmt ein Sachverständiger. Seit vielen Jahren ha- ben deutsche Behörden im Krieg der Spione nichts Wichtigeres in die Hände bekommen, die Bedeutung des Hightech- Apparats reicht an die legendäre Codie- rungsmaschine Enigma aus dem Zweiten Weltkrieg heran. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln wartet man sehnlichst darauf, das Gerät zu untersu- chen. Auch die amerikanischen Geheim- dienste CIA und NSA sowie der israeli- sche Mossad haben darum gebeten, das Wunderteil inspizieren zu dürfen.

Die Satellitenanlage diente Andreas und Heidrun Anschlag als Verbindung in die Heimat – jenen beiden russischen Spionen, die wie einst im Kalten Krieg

als Agenten in Deutschland gelebt hatten, mehr als 20 Jahre lang, bis sie im Oktober 2011 festgenommen wurden. Vor dem Oberlandesgericht Stuttgart endet nun der Prozess gegen die beiden, von deren wahrer Identität kaum etwas ans Licht kam: Wahrscheinlich lauten ihre echten Vornamen Alexander und Olga, die Nach- namen sind unbekannt. Am Dienstag die- ser Woche soll das Urteil fallen. Dann wird sich die Frage stellen, ob die russische Regierung doch noch einem Agentenaustausch zustimmt, wie ihn die Bundesregierung vor gut einem Jahr an- bot. Wladimir Putin persönlich empfing damals einen deutschen Emissär im Kreml – und ließ die Deutschen abblitzen. Dahinter steckte wohl das Kalkül, dass man durch den Prozess erfahre, wie viel die Deutschen über russische Spionage- methoden herausgefunden haben. Jetzt, da der Fall rechtsstaatlich ausgefochten ist, muss Putin neu abwägen: Lässt er zu, dass Heidrun und Andreas Anschlag wo- möglich für viereinhalb beziehungsweise siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis gehen, wie die Bundesanwaltschaft fordert? Die Agentenstory aus dem hessischen Michelbach bei Marburg scheint aus der Zeit zu stammen, in der die Mauer noch stand und der Ost-West-Konflikt schwelte. Und sie zeigt, wie die Russen trotz aller

Freundschaftsversprechen Deutschland bis heute betrachten: als „Land des Geg- ners“, wie der KGB-Nachfolger SWR die Bundesrepublik in einem Funkspruch be- zeichnete, der bei den Anschlags gefun- den wurde. Die Öffnung des Eisernen Vorhangs hat viel verändert – doch Mos- kau spioniert ungeniert weiter. Die Bundesregierung hat das erst im vergangenen Winter wieder neu erfahren müssen. Zwei Agenten des russischen Mi- litärgeheimdienstes GRU versuchten um den Jahreswechsel, in Deutschland ein In- frarot-Zielfernrohr zu kaufen. Das Gerät der amerikanischen Firma Raytheon un- terliegt einem Ausfuhrverbot. Bei der Kon- taktaufnahme mit einem Waffenhändler benahmen sich die beiden Russen, die als Diplomaten in Berlin akkreditiert waren, derart tapsig, dass sie auffielen und auf- flogen. Die deutschen Behörden beschwer- ten sich auf russischer Seite – es drohte ein Eklat, der die Karriere der beiden als Kundschafter in der Bundesrepublik mit einem Krachen beendet hätte. Stattdessen wurde Schweigen über die Aktion gelegt; die beiden Agenten mussten gehen. Auf welches Niveau die deutsch-russi- schen Beziehungen abgekühlt sind, wur- de zuletzt beim Empfang zum Jahrestag der Revolution in der Botschaft in Berlin deutlich. Wie Teilnehmer des diplomati-

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Mühselige Mitteilung Wie die russischen Agenten Nachrichten austauschten Ein Kurzwellensender in Empfang mit Kurz-
Mühselige Mitteilung
Wie die russischen Agenten Nachrichten austauschten
Ein Kurzwellensender in
Empfang mit Kurz-
Das Programm „Kelchblatt“
Die bereinigte Tonfolge wird
Russland verschickt identische
Tonfolgen auf festgelegten,
wechselnden Frequenzen.
wellenradio: Per Audio-
vergleicht jeweils drei empfangene
Tonfolgen, um Übertragungsfehler
auszusieben.
in Ziffernkolonnen übersetzt und
kabel werden die Signale
auf einen Laptop überspielt.
anschließend durch „Kelchblatt“
entschlüsselt.
Der Satellit empfängt
Die Daten werden mit einem
Das Pro-
Im Klartext müssen
die Botschaft und leitet sie
an die russische Nachrichten-
zentrale weiter.
Hochfrequenzsender übermittelt,
gramm „Parabola“
Übertragungsfehler
dessen Antenne auf einen rus-
sischen Satelliten ausgerichtet ist.
verschlüsselt die
Antwort der Spione.
manuell korrigiert
werden.

schen Termins beobachteten, würdigte Moskaus Geheimdienstrepräsentant Ser- gej Rachmanin seine deutschen Kollegen keines Blickes. Mütterchen Russland ver- steht keinen Spaß bei seinen Agenten. Erst recht nicht, wenn es um sogenannte illegale Agenten geht, die mit einer auf- wendig konstruierten Legende in ein Land eingeschleust werden, um zu spio- nieren. Es ist die Königsdisziplin der Spio- nage, und kaum ein Geheimdienst ist darin so erfahren wie der KGB-Nachfol- ger SWR. „Wunderkinder“ nennen die Russen ihre Illegalen, deren Tarnung über Jahre aufgebaut wird und fast perfekt ist, wie der Fall des Ehepaars Anschlag zeigt. Andreas Anschlags Weg in den Einsatz führte nach den Ermittlungen der Bun- desanwaltschaft über die Gemeinde Wild- alpen in Österreich: Dort erschien im Oktober 1984 ein Jurist und meldete Anschlag, angeblich 1959 in Argentinien geboren, als neuen Bewohner des 500- Seelen-Dörfchens an. Der Antrag wurde genehmigt, obwohl alle beigefügten Un- terlagen gefälscht waren. Der KGB be- lohnte den zuständigen Gemeindebeam- ten für den Verwaltungsakt mit 3000 Schilling, gut 200 Euro. Anschlags Frau Heidrun ließ eine Geburtsurkunde vor- legen, der zufolge sie 1965 in Lima, Peru, als Tochter einer Österreicherin geboren worden war. Vieles spricht dafür, dass das Agentenpaar bereits verheiratet war, als es sich auf einem Standesamt in Öster- reich – ein zweites Mal – das Jawort gab. Kurz nachdem sie ihre österreichischen Pässe beantragt hatten, zogen die An- schlags nach Aachen. Andreas studierte Maschinenbau, 1991 kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Offiziell kümmerte sich Heidrun nur um Haushalt und Tochter, während der Ehemann einem bürgerli- chen Job nachging. In Wahrheit spionier- ten die beiden längst für Moskau, wie ein Funkspruch aus dem Jahr 1988 belegt.

Mehrmals zog das Paar um, bis es 2010 in Michelbach landete, einem idyllischen Vorort von Marburg. Zum Schein nahm Andreas Anschlag eine Stelle bei einem 350 Kilometer entfernten Automobil- zulieferer an und mietete dort eine Zweit- wohnung – so ließen sich, etwa gegen- über neugierigen Nachbarn, seine langen Abwesenheiten erklären. „Am Montag reist Pit zu seiner Tarntätigkeit“, funkte Heidrun unverblümt an die Zentrale. „Pit“ und „Tina“, so nannten die Füh- rungsoffiziere im Direktorat S des SWR die Anschlags in ihren Depeschen, für de- ren Empfang das Agentenpaar ein Kurz- wellenradio nutzte. Während einer Reise nach St. Petersburg und Moskau beka- men sie die hochmoderne Satellitenanlage ausgehändigt, dazu gab es einen Kursus für den Umgang mit zwei Computerpro-

Nun muss Putin entscheiden, ob er seine Wunderkinder opfert oder sie nach Hause holt.

grammen: „Kelchblatt“ zum Entschlüs- seln, „Parabola“ zum Verschlüsseln. Damit konnten „Pit“ und „Tina“ eine sichere Verbindung nach Moskau aufbau- en. Sie mussten nur auf die Zeiten achten, in denen einer der sechs bis acht Satelli- ten, die russische Geheimdienste für ihre Spionageaktivitäten ins All geschickt ha- ben, in Reichweite kommt. Eine rote Leuchte an ihrer Funkanlage signalisierte den Anschlags das Herannahen des Sa- telliten, eine blaue die Übertragung der verschlüsselten Nachrichten. Zuweilen versagte die Anlage jedoch den Dienst. Die Anschlags stellten darauf- hin die Sendestation unter eines ihrer Dachfenster, in den Garten zwischen die

Obstbäume oder auf eine nahegelegene Anhöhe. Der Hügel unmittelbar hinter dem Haus erwies sich als ungeeignet, weil in der Nähe Windkraftanlagen stehen – sie störten offenbar die Kommunikation mit dem Satelliten. Was die Anschlags über den Äther sen- deten oder in toten Briefkästen deponier- ten, waren laut Anklage überwiegend In- formationen und Dokumente eines nie- derländischen Beamten. Dessen Rang im Außenministerium war nicht allzu hoch, so dass die Russen die niederländische Spionageabwehr kaum fürchten mussten. Raymon Valentino Poeteray konnte aber mit jeder Menge Material der Europäi- schen Union und der Nato dienen. Aus Sicht der Bundesanwaltschaft bot er den Russen „Zugriffe in phantastischer Band- breite“. Poeteray drückte ein Berg Schulden, seine Ehefrau war krank. Von seinem mo- natlichen Gehalt in Höhe von 2500 Euro netto blieben ihm nach Abzug der Fix- kosten 650 Euro zum Leben. Glänzende Voraussetzungen für einen Anwerbever- such durch einen Geheimdienst. So stieg der Beamte ab 2009 zur Spit- zenquelle des Agentenpaars auf. Etwa einmal im Monat fuhr Andreas Anschlag von Michelbach nach Den Haag, immer samstags. Über die Jahre kassierte Poe- teray mindestens 72000 Euro vom rus- sischen Geheimdienst; dafür musste er neben Hunderten Dokumenten selbst- verfasste „schriftliche Hausaufgaben“ ab- liefern, Berichte über Kollegen, Einschät- zungen über Fachthemen. Der SWR war mit dem Agentenpaar aus Hessen offenbar zufrieden. Er lobte die „erfolgreiche und fruchtbare operati- ve Arbeit“ mehrmals, beförderte im De- zember 2010 Andreas Anschlag zum Ab- teilungsleiter und seine Frau Heidrun zur stellvertretenden Abteilungleiterin. Auch wenn es sich nur um eine symbolische

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KONSTANTIN CHALABOV / PICTURE ALLIANCE / DPA

Deutschland

Beförderung handelte – Anschlag leitete ja nichts und niemanden –, war er auf den Titel stolz. Hatte er sich früher, etwa im Gästebuch eines Hotels in Weißensee, als „Diplom-Ingenieur“ eingetragen, so firmierte er fortan als „ABT.-LEITER“. Selbst Agenten, bei denen nicht einmal der Vorname stimmt, können eitel sein, wenn es um Titel und Status geht. Während dem niederländischen Au- ßenministerium die Nebentätigkeit sei- nes Beamten offenbar verborgen blieb, kamen die deutschen Behörden nach ei- nem Hinweis aus Österreich den An- schlags auf die Schliche. Dass die Ent- tarnung drohte, bekamen allerdings auch die Russen mit und ordneten den Rück- zug des Paares an. Zuvor sollte es die Satellitenanlage zerstückeln und in ein tiefes Gewässer werfen. Die Agenten be- gannen mit der Fluchtvorbereitung, doch in der Nacht des 17. Oktober schlugen die Deutschen zu. Sie ergriffen Andreas Anschlag in seiner Zweitwohnung und nahmen ihm den Schlüssel des Hauses in Michelbach ab. Mit ihm öffnete ein Kommando der GSG 9 am frühen Mor- gen die Haustür und schlich die Treppe hinauf. Im Obergeschoss ertappten sie Heidrun Anschlag, als sie mit Moskau funkte. Sie fiel vor Schreck vom Stuhl. Sie sei „nur für das Technische zustän- dig“, entfuhr es ihr. Nach anfänglichem Leugnen schwieg sie wie ihr Mann – bis zum vorigen Diens- tag. Da gestanden beide über ihre Anwäl- te immerhin das Offensichtliche ein: dass sie Spione im Auftrag Moskaus waren. Auch die Russen haben dies unlängst ein- geräumt: Rachmanin, der Geheimdienst- vertreter an der Botschaft, wollte sein Agentenpaar im Gefängnis besuchen. Den Verteidigern geht es nun nicht mehr um die Frage, ob ihre Mandanten schuldig sind, sondern nur noch darum, wie lange diese ins Gefängnis müssen. Andreas Anschlags Anwalt Horst-Dieter Pötschke widersprach vor allem einer Behauptung der Bundesanwaltschaft: Es treffe nicht zu, dass sein Mandant die Übernachtungskosten für ein Treffen mit der Quelle Poeteray in Höhe von 83 Euro sowohl dem SWR als auch seinem offi- ziellen Arbeitgeber in Rechnung gestellt habe. „Das stellt ihn als trickreich und gierig dar, was er nicht ist“, sagte Pötsch- ke. Sein Mandant empfinde eine solche Behauptung als „diskriminierend“. Die deutsche Regierung möchte An- dreas und Heidrun Anschlag nach der Ur- teilsverkündung gegen einen ehemaligen Obersten des russischen Inlandsgeheim- dienstes FSB austauschen; Walerij Michai- low hatte für die CIA spioniert. Nach der Festnahme der Anschlags trug eine US- Delegation im Kanzleramt den Wunsch nach einem Deal vor. Die Bundesregie- rung würde den Amerikanern gern den Gefallen tun, zusätzlich jedoch die Frei-

lassung eines Dolmetschers herausschla- gen, der hier und da dem BND Infor- mationen geliefert hat. Die Bundesan- waltschaft signalisierte, dass sie nach dem Urteil keine Probleme hätte, einem Aus- tausch zuzustimmen. Nun muss Putin entscheiden, ob er seine Wunderkinder opfert sie oder nach Hause holt. Für Moskau ist die Festnahme der bei- den langwierig ausgebildeten Agenten nicht der einzige herbe Verlust in letzter Zeit. Seit im Jahr 2000 der SWR-Agent Sergej Tretjakow alias „Kamerad J“ zu den USA übergelaufen war, gingen den Abwehrbehörden im Westen eine Reihe russischer Agenten und ihre Zuträger ins Netz. Dazu gehört Herman Simm, Chef der Nationalen Sicherheitsbehörde Est- lands, der 2008 aufflog. Ein geheimer Nato-Bericht bezeichnet ihn als den „schädlichsten Spion in der Geschichte der Allianz“. Weltweit für Schlagzeilen sorgte auch die elfköpfige Gruppe um Anna Chapman, die im Juni 2010 enttarnt wurde. Die Fahndungserfolge sind oft auf Überläufer aus den russischen Reihen zu- rückzuführen. Der Mann, der Chapman und Co. verriet, wies die Behörden auch auf die Verwendung lateinamerikanischer Legenden hin – wie im Fall des Ehepaars Anschlag aus Michelbach. Als dessen Ver- teidiger vorige Woche vor Gericht das Bild zweier Familienmenschen zeichnete, die im treuen Dienst für ihr Vaterland in ständiger Furcht vor Enttarnung lebten, rang Heidrun Anschlag mit den Tränen. Immer wieder griff sie zu ihrem Taschen- tuch, putzte sich die Nase. Den Worten

sie zu ihrem Taschen- tuch, putzte sich die Nase. Den Worten Ex-Spionin Chapman auf einer Messe

Ex-Spionin Chapman auf einer Messe 2011

Weltweite Schlagzeilen

ihrer Anwälte wollte sie nichts hinzufü- gen. „Es ist alles gesagt“, hauchte sie. Das allerdings gilt nur für diesen Pro- zess. Die Wahrscheinlichkeit, dass „Pit“ und „Tina“ nicht die letzten von Moskau geführten Agenten in Deutschland sind, ist groß. Die Ermittlungen in Österreich ergaben Hinweise auf Spione, die sich freilich wieder abgesetzt haben könnten. Und der Agentenfunk, ausgerichtet auf Westeuropa, geht weiter. Auch deswegen nehmen die Sicherheitsbehörden an, dass noch eine zweistellige Zahl russischer Spione unerkannt von deutschem Boden

aus agiert.

FIDELIUS SCHMID, HOLGER STARK

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JOHN THYS / AFP

geführt werden. Auch die Eröffnung neu- er Verhandlungskapitel mit dem Beitritts- kandidaten Türkei wurde vergangene Woche auf deutsches Betreiben verscho- ben. „Das ist nichts, was Gegenstand kurzfristiger Launen sein sollte“, kriti- sierte Schwedens Außenminister Carl Bildt. Vertagen, verweigern, verwässern – so nehmen die EU-Partner wenige Monate vor der Bundestagswahl die deutsche Europapolitik wahr. So torpedierte das Kanzleramt in der vergangenen Woche einen mühsam ausgehandelten Kompro- miss zu neuen Schadstoffgrenzwerten für die Automobilindustrie. Weil die von den EU-Botschaftern getroffene Entscheidung besonders Hersteller spritfressender Li- mousinen wie Daimler oder BMW belas- tet, intervenierte die Kanzlerin kurz vor dem Brüsseler Gipfel persönlich bei Enda

doch davon ist mittlerweile nichts mehr zu hören. Selbst Christdemokraten in Merkels Europäischer Volkspartei reagie- ren enttäuscht. „Man darf die Reformen nicht nur dann ansprechen, wenn die Kri- se auf ihrem Höhepunkt ist, sondern man muss sie konsequent in die Tat umset- zen“, sagt der österreichische Vizekanzler Michael Spindelegger. Auch die Alpenrepublik befindet sich im Wahlkampf, der Anteil der EU-Geg- ner unter den Wählern ist deutlich größer als in Deutschland, trotzdem scheut sich der Vorsitzende der christdemokratischen ÖVP nicht, mehr Macht für Brüssel zu fordern. „Die EU-Kommission ist für uns der Motor, daher gehört ihre Kompetenz gestärkt“, sagt Spindelegger. Merkel dagegen hatte es jüngst im SPIEGEL-Gespräch abgelehnt, „noch mehr Rechte an Brüssel abzugeben“ und den Kommissionspräsidenten direkt zu wählen (SPIEGEL 23/2013). Eine Position, für die ihr österreichischer Par- teifreund kein Verständnis hat. Eine Direktwahl würde Europa „ein Gesicht geben und etwas gegen die Entfrem- dung vieler Bürger von der EU tun“, sagt Spindelegger. Der Kanzlerin wird auch vorgeworfen, in der Krise zu viele Entscheidungen auf die Chefebene gezogen zu haben – mit fatalen Folgen. So hatte Merkel mit dem damaligen französischen Präsidenten Ni- colas Sarkozy verabredet, die privaten Gläubiger an der Griechenland-Rettung zu be- teiligen. Die Märkte reagierten nervös, der Kurs des Euro fiel bald darauf. Vor dem jüngsten Gipfel hat- ten Berlin und Paris wieder ein gemeinsames Papier vorgelegt, zum Unwillen ihrer Partner. „Oft haben Deutschland und Frankreich vor Gipfeln ver- sucht, den anderen eine Rich- tung vorzugeben“, sagt Öster- reichs Außenminister Spin- delegger. „Das stößt bei vielen sauer auf.“ Entsprechend ereignisarm verlief der EU-Gipfel am ver- gangenen Donnerstag. Selbst langjährige EU-Diplomaten vermochten nicht zu erklären, warum sich die Staats- und Regierungschefs in Brüssel treffen mussten. „Die häufigen Treffen tragen nicht dazu bei, dass die Zuversicht in das europäische Projekt wächst“, stichelt Spindelegger. Genauso wenig, so ließe sich ergänzen, wie Merkels jüngste Kehrtwende in der

Europapolitik.

CHRISTOPH PAULY,

CHRISTOPH SCHULT

E U

Immer Ärger mit Angela

Die EU-Partner werfen Kanzlerin Merkel vor, auf Kosten Europas Wahlkampf zu betreiben. Selbst Parteifreunde fordern, mehr Macht an Brüssel abzugeben.

D ie Außenminister der EU mussten sich am vergangenen Dienstag sichtlich zusammenreißen, als der

deutsche Kollege das Wort ergriff. Guido

Westerwelle wandte sich dagegen, noch in diesem Jahr Verhandlungen mit Serbien über einen EU- Beitritt aufzunehmen. Etwas anderes sei mit dem Deut- schen Bundestag nicht zu ma- chen, erklärte der FDP-Poli- tiker und plädierte für einen Termin im Januar 2014. Außerdem sollten, anders als üblich, die Staats- und Re- gierungschefs das Thema über- nehmen. Dem Luxemburger Außenminister Jean Assel- born platzte schließlich der Kragen. „Wir sind doch nicht die Afrikanische Union“, schimpfte er, „dann können wir ja gleich schreiben, der Bundestag möge entscheiden.“ Die anderen Außenminister grummelten zustimmend. Der Streit steht symptoma- tisch für das Verhältnis zwi- schen Berlin und den EU-Part- nern. In Brüssel und den an- deren Hauptstädten wächst der Unmut über den neuen Anti-Europa-Kurs, den die Bundesregierung im Wahl- kampf eingeschlagen hat. „Noch nie hat eine nationale Wahl die Europapolitik so do- miniert“, sagt ein hochrangi- ger Kommissionsbeamter. Auch beim Gipfel der Staats- und Regierungschefs

Ende vergangener Woche in

Brüssel wurde Merkel mit dem Vorwurf konfrontiert. „Ich kenne keine einzige Entscheidung in Europa, die durch den Tatbestand, dass wir im September Wahlen haben, verändert oder aufgehalten wurde“, konterte die CDU-Vorsitzende. Das allerdings nimmt ihr kaum ein EU- Partner ab. Die Berliner Blockade der Serbien-Gespräche ist nur eines von vie- len Beispielen, die gegen Merkel ins Feld

nur eines von vie- len Beispielen, die gegen Merkel ins Feld Politikerin Merkel: Entscheidungen mit fatalen

Politikerin Merkel: Entscheidungen mit fatalen Folgen

Kenny, dem Ministerpräsidenten Irlands, das bis vergangene Woche die EU-Rats- präsidentschaft innehatte. Nun wird die Entscheidung noch einmal verschoben, wohl bis nach der Bundestagswahl. Auch Merkels Absage an eine Reform der EU führen viele Partner auf den Bun- destagswahlkampf zurück. Noch im ver- gangenen Jahr hatte die Kanzlerin für „mehr Europa, nicht weniger“ plädiert,

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Verladung einer Panzerhaubitze in Masar-i-Scharif

AFGHANISTAN

Verladung einer Panzerhaubitze in Masar-i-Scharif AFGHANISTAN Ein deutscher Rückzug Beim Abzug aus Kunduz steht die

Ein deutscher Rückzug

Beim Abzug aus Kunduz steht die Bundeswehr vor schwierigen Fragen: Was darf zurückgelassen, was muss gesprengt werden?

B loß keine Mauern mehr. Zumindest keine, die Menschen trennen. Jörg Köhn hat bei der Nationalen Volks-

armee der DDR gedient, seitdem ist er mit dem Thema durch. Doch nun hat es ihn erwischt. Köhn soll die Mauer zwi- schen Frankfurt und Hannover bauen, ausgerechnet er. Der Oberstleutnant aus Sachsen steht auf einem Turm und beschreibt den Zick- zackkurs der Demarkationslinie, die mit- ten durch das Lager führen soll. 800 Meter lang und 3 Meter hoch wird die Mauer, die die Wohnblöcke „Frankfurt“ und „Hannover“ trennen wird. „So viele Zie- gel müssen erst mal gebrannt werden“, sagt Köhn. Der Offizier ist bei der Bun- deswehr im nordafghanischen Kunduz für die Bauangelegenheiten zuständig. Die Af- ghanen haben sich die Mauer gewünscht, damit sie die Kaserne nutzen können, wenn die Deutschen bis Ende Oktober ab- gerückt sind. Das Quartier soll getrennt werden in einen Teil für die afghanische Armee und einen zweiten für die Polizei. Fragt sich, warum die Bundeswehr die Mauer bauen soll, denn mit Mauern ken- nen sich die Afghanen aus. Die meisten ihrer Wohnhäuser sind von hohen Mau- ern umgeben, aber warum selbst bauen, wenn es die Deutschen machen? Köhn hat noch andere Aufgaben. Auf Wunsch der Afghanen schließt er mit sei- nen Leuten die Kaserne ans Stromnetz der Stadt an, er baut die moderne Feld- küche aus und errichtet stattdessen lan- destypische Feuerstellen. Dann muss er die Abwassersysteme für die afghanische Armee und Polizei aufwendig trennen. Die neuen Nutzer sollen sich schließlich

wohl fühlen in ihrem eigenen Land. Im

Gegenzug gehen sie dann respektvoll mit dem deutschen Inventar um – hoffentlich. Wenn die Deutschen Kunduz verlassen, solle es danach nicht aussehen „wie in Wallensteins Lager“, sagt ein Offizier. Es ist ein hehres Ziel und allemal die 200000 Euro Baukosten für die neue Mauer wert, findet man bei der Bundeswehr. Dabei ist Köhns Bauwerk noch ver- gleichsweise günstig. Am Nordrand der Kaserne wurde schon eine Million Euro für eine neue Umfriedung verbuddelt, eine weitere Million soll in Wege und Ent- wässerung vergraben werden. Auf den letzten Metern investiert die Bundeswehr in Kunduz gewaltige Summen. Manches ist nötig, etliches übertrieben, einiges der reine Wahnsinn. Das Lazarett zum Beispiel. Oberfeld- arzt Oliver Behr kann sich noch gut an den 28. Mai 2011 erinnern. Da erfuhr der Leiter der Krankenstation in Kunduz, dass in Talokan ein Anschlag auf deut- sche Soldaten verübt worden war. Zwei Männer starben, ständig wurden neue Verletzte nach Kunduz geflogen, am Abend waren es 17, darunter der Kom- mandeur des Regionalkommandos Nord, Generalmajor Markus Kneip. Behr wusste kaum noch, wie er die vie- len Verwundeten versorgen und operie- ren sollte. Nach Talokan fiel die Entschei- dung, das Lazarett auszubauen. „Das war damals bitter nötig“, sagt er. Heute ist Behr wieder in Kunduz auf Posten. Der neue OP-Trakt, den er da- mals gebraucht hätte, ist jetzt fertig. Der Oberfeldarzt bittet die Besucher, die Straßenschuhe in blaue Plastikhüllen zu stecken, der Neubau sei bereits sauber an die Wehrverwaltung übergeben.

BUNDESWEHR

„Wenn wir das machen, machen wir das richtig, und zwar nach deutschen Richt- linien“, sagt Behr. Die Wände sind lind- grün gestrichen, Türen öffnen sich auf Knopfdruck, die Temperatur ist auf frische 18 Grad Celsius gekühlt. Die modernen Leuchten an den Teleskopträgern funk- tionieren tadellos, im Intensivraum und in beiden Operationssälen. Das Ganze hat etwa sechs Millionen Euro gekostet. Zwei Jahre lang wurde in der Bundes- regierung gestritten. Sollte man so viel Geld ausgeben für den Ausbau des Laza- retts, obwohl doch schon feststand, dass man das Feldlager schließen würde? Das Verteidigungsministerium bestand darauf, wegen der Sicherheit der Soldaten. Irgendwann war es dann zu spät, das Projekt zu stoppen, weil Vertragsstrafen gedroht hätten. „Das System wird nicht ans Netz gehen“, sagt Behr resigniert. Al- les ist fertig, alles ist perfekt, aber es ist zu spät. Das Lazarett wird nicht eröffnet wer- den, und ob die Afghanen es brauchen, ist zweifelhaft. Denn in Kunduz wird ge- rade das örtliche Krankenhaus moderni- siert – mit Hilfe des Auswärtigen Amts. Hinter Behr an der Pinnwand hängt ein Foto von DDR-Staatsratschef Walter Ulbricht, darunter steht der Satz: „Nie- mand hat die Absicht, in Kunduz eine Mauer zu errichten“. Die Mauer, der OP- Trakt – manchmal können auch die Sol- daten nicht mehr alles ernst nehmen. In den nächsten Wochen muss die Trup- pe Fahrzeuge, Material und Mobiliar, das sich in über zehn Jahren Afghanistan-Ein- satz angesammelt hat, sortieren, verpa- cken und nach Deutschland verfrachten. Es sind 5000 Kilometer Luftlinie nach Hause, und unterwegs durchläuft jeder

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Deutschland

Gefechtshelm, jeder Radpanzer, jedes Nachtsichtgerät die gleiche Prozedur. In Kunduz wird das Gerät geprüft, ge-
Gefechtshelm, jeder Radpanzer, jedes
Nachtsichtgerät die gleiche Prozedur.
In Kunduz wird das Gerät geprüft, ge-
zählt und verpackt. 13 Konvois sind nach
Masar-i-Scharif gefahren, dem deutschen
Hauptstützpunkt in Afghanistan, dazu et-
liche Lastwagen privater Spediteure.
Von dort wird das meiste mit riesigen
Antonow-Chartermaschinen nach Trab-
zon am Schwarzen Meer geflogen. In der
Türkei hat die Bundeswehr für den Abzug
einen großen Umschlagplatz am Hafen
eingerichtet; von dort geht es per Schiff
nach Deutschland weiter. Militärisch sen-
sible Fracht wie die 50 Tonnen schweren
Panzerhaubitzen werden direkt nach Leip-
zig geflogen. Die Bundeswehr rechnet mit
150 Millionen Euro allein für die Flugkos-
ten bis Trabzon.
Das liegt auch daran, dass die Lager
der Bundeswehr in Afghanistan zum
Bersten voll sind. Jahrelang hat die Trup-
pe in schönster Planwirtschaft gebunkert,
was man nur bunkern konnte.
In Kunduz fanden die Soldaten bei der
Inventur sechs Schlauchboote im Maga-
zin. In Masar-i-Scharif entdeckte man
einen Unimog mit Schneefräse, der of-
terien sollen jetzt nach Hause, wo sie ord-
nungsgemäß entsorgt, zerlegt und recy-
celt werden. „Wir sorgen dafür, dass wir
alles nach deutschen Standards zurück-
lassen“, sagt Brigadegeneral Michael Vet-
ter, der den Rückzug organisiert.
Billiger wäre es, Geräte zurückzulas-
sen, die man nicht mehr braucht, aber
das geht meist nicht. Aus ökologischen
Gründen nicht und wegen der Taliban
schon gar nicht. Kaum auszudenken,
wenn im Fernsehen gezeigt würde, wie
die Islamisten nach einem deutschen
Rückzug auf Geländewagen vom Typ
„Wolf“ in Kunduz eindringen würden.
Also verwenden die Bundeswehr-Lo-
gistiker einige Gründlichkeit darauf, ihr
altes militärisches Gerät zu entsorgen. Au-
tobleche werden in höchstens 80 mal 80
Zentimeter große Einzelteile gesägt, be-
vor sie an lokale Schrotthändler verkauft
werden. Das haben die Sicherheitsexper-
ten vorgegeben.
Besonders schwierig war die Sache mit
dem Tanklaster. Der war zu groß für die
Säge. Die Militärs in Kunduz mussten län-
ger darüber nachdenken, was sie mit dem
olivgrünen Trumm anfangen sollten. Dann
schossen sie das Fahrzeug mit der eigenen
Artillerie in Stücke. So ist in Kunduz wie-
der ein Tanklaster in die Luft gejagt wor-
den. Hauptsache, gründlich und sicher.
len die letzten Einheiten das Feldlager in
Kunduz räumen. Bis dahin rüstet die
Truppe auf das „operative Minimum“ ab,
schrittweise wird in den letzten Wochen
das Lager abgebaut: Küche, Lazarett,
Feldpost, Kneipen. Am Ende gibt es nur
noch Epa, die bei den Soldaten berüch-
tigten Einmannpackungen.
An einem geheim gehaltenen Tag be-
ginnt der „Gefechtsmarsch“ nach Masar.
Ein langer Konvoi aus gepanzerten Fahr-
zeugen, der sich auf die 280 Kilometer
lange Strecke begibt, gesichert von Heli-
koptern aus der Luft. 90 Kilometer führen
durch den Baghlan-Korridor.
Das kann gefährlich werden. Gut mög-
lich, dass die Taliban versuchen werden,
mit gezielten Angriffen einen letzten Pro-
pagandaerfolg zu erzielen: den Eindruck
nämlich, dass die Bundeswehr fluchtartig
das Land verlässt.
Doch die deutschen Offiziere in Afgha-
nistan beschwichtigen. „Wir rechnen nicht
mit gezielten Angriffen“, sagt Brigade-
general Vetter. Einen Abzug unter Feuer,
der nach heilloser Flucht aussähe, werde
es „mit Sicherheit nicht“
geben, meint
fenbar nie benutzt worden war.
Im Mate-
riallager stehen zahlreiche Paletten mit
alten Autobatterien.
Nebenan im Zelt türmen sich blaue Fäs-
ser voller Haushaltsbatterien, alle sauber
Nur wenn es um den Rückmarsch der
gewogen und vermessen: 280
Luftfracht, wohlgemerkt. Denn
Tonnen,
die Bat-
Truppe selbst geht, ist die Bundeswehr
erstaunlich pragmatisch. Im Oktober wol-
Berlin
HAUPTROUTE:
85 % der Bundeswehr-
DEUTSCH-
ausrüstung werden über
Trabzon in der Türkei
abgewickelt; Dauer:
LAND
NEBENROUTE LUFT:
Waffen werden direkt
ca. 3 Wochen
nach Leipzig geflogen;
Dauer: 13 Stunden
auch Oberst Thomas Schmidt, der die Si-
cherungszüge des Lagers kommandiert.
Dabei warnen erfahrene Militärs seit
geraumer Zeit, solche Rückzüge seien so
heikel, dass man eigentlich mehr Solda-
ten brauche. Doch ausgerechnet in die-
sem Punkt hat sich die Bundeswehr für
eine kostengünstige Variante entschieden.
Man sei schließlich nicht allein, beteu-
ern die Deutschen. Im Norden hätten
knapp 50000 Mann der afghanischen
Streitkräfte die Kontrolle übernommen.
„Das ist eine richtige Armee, kein verlot-
terter Haufen“, sagt Vetter, „die halten
den Kopf für uns hin.“
Und alle beten, dass die Truppe nicht
am falschen Platz gespart hat. RALF BESTE

Trabzon

TÜRKEI

NEBENROUTE

NEBENROUTE STRASSE:

STRASSE / SCHIENE :

über Tadschikistan, Kirgisien und Kasachstan; Dauer: ca. 30 Tage

über Usbekistan; Dauer: min. 35 Tage

USBEKISTAN

KIRGISIEN

über Usbekistan; Dauer: min. 35 Tage USBEKISTAN KIRGISIEN Unternehmen Abzug Routen aus Afghanistan, Transportmittel
über Usbekistan; Dauer: min. 35 Tage USBEKISTAN KIRGISIEN Unternehmen Abzug Routen aus Afghanistan, Transportmittel
über Usbekistan; Dauer: min. 35 Tage USBEKISTAN KIRGISIEN Unternehmen Abzug Routen aus Afghanistan, Transportmittel

Unternehmen

Abzug

Routen aus Afghanistan,

Transportmittel

HAUPTROUTE:

bis zu 15 Transportflüge pro Woche

TADSCHIKISTAN

Masar-i- Kunduz

Scharif

insgesamt zu verladen:

4800

1200

Container

Fahrzeuge

Kabul

Isaf-Regional-

kommando

Nord

AFGHANISTAN

PAKISTAN

Schiff

Flugzeug

Lkw / Schiene

NEBENROUTE STRASSE / SCHIFF:

über Pakistan;

Quelle:

Bundeswehr

Dauer: min. 8 Wochen

Lkw / Schiene NEBENROUTE STRASSE / SCHIFF: über Pakistan; Quelle: Bundeswehr Dauer: min. 8 Wochen Karatschi
Lkw / Schiene NEBENROUTE STRASSE / SCHIFF: über Pakistan; Quelle: Bundeswehr Dauer: min. 8 Wochen Karatschi
Lkw / Schiene NEBENROUTE STRASSE / SCHIFF: über Pakistan; Quelle: Bundeswehr Dauer: min. 8 Wochen Karatschi
Lkw / Schiene NEBENROUTE STRASSE / SCHIFF: über Pakistan; Quelle: Bundeswehr Dauer: min. 8 Wochen Karatschi

Karatschi

Deutschland

HESSEN

Der Anti-Koch

Im Alter von 61 Jahren muss Volker Bouffier im September erst- mals eine Wahl als Ministerpräsident gewinnen. Der ewige Kronprinz setzt auf die Attitüde des kumpeligen Landesvaters.

E s ist ein perfekter Wahlkampftag für Volker Bouffier. Die Sonne scheint, das Publikum ist in Feier-

laune und die Altstadt von Weilburg an der Lahn voller Schultern, auf die der Mi- nisterpräsident gleich klopfen darf. Bouffier hat gerade den „Hessischen Familientag“ eröffnet. Er hat die Man- schetten am blau-weiß gestreiften Hemd lässig hochgeschlagen und ein T-Shirt des Veranstalters übergezogen. Kaum von der Bühne heruntergestiegen, nimmt er schon Tuchfühlung auf zum Volk. Einer jungen Familie mit Kinderwagen erzählt Bouffier, dass er ja „auch drei Kinder und zwei Omas“ habe. Einem Mann mit Pickelhaube, der sich als Mit- glied der „Weilburger Bürgergarde“ vor- stellt, gibt Bouffier einen Klaps auf den Oberarm. Und einer Helferin am Stand der türkischen Gemeinde, die ein Kopf- tuch trägt, tätschelt der Politiker gleich mit zwei Händen die Schultern. Die Frau berichtet, dass alle Gemein- demitglieder fleißig mitarbeiteten. „Don- nerwetter“, lobt der Regierungschef, „das kriegen wir in der CDU nicht hin.“ So geht es ohne Pause, fast zweieinhalb Stunden lang, eine Dauerprozession der Kumpelhaftigkeit. Bouffier posiert mit Omas, lässt sich bei Turnübungen foto- grafieren, klopft jeden ab, den seine kräf- tigen Hände erreichen. Es hätte durchaus ein unbeschwerter Tag für den Minister- präsidenten sein können – wenn nur die Lage endlich besser wäre, knapp drei Mo- nate vor der Landtagswahl in Hessen.

Am 22. September muss sich Bouffier zum ersten Mal als Regierungschef einer Wahl stellen. Das Amt übernahm er 2010, nachdem sich sein Vorgänger Ro- land Koch zu einem deutlich besser be- zahlten Job in der Wirtschaft verabschie- det hatte. Koch hinterließ seinem Nach- folger allerdings auch so viele Altlasten und gebrochene Versprechen, dass Bouf- fiers Erfolgsaussichten im Moment ziem- lich mau sind. In sieben Meinungsumfragen, die seit Beginn seiner Amtszeit veröffentlicht wurden, erlangte Bouffiers schwarz-gelbe Koalition noch nie eine Mehrheit. Auch in der aktuellsten Repräsentativ-Befra- gung, die vor wenigen Wochen von der CDU selbst in Auftrag gegeben wurde, liegt Rot-Grün vorn.

Früher, als Bouffier noch Innenminister in der Koch-Regierung war, hatte die Hes- sen-CDU ein einfaches Rezept für solche Lagen. Wenn es eng wurde, bemühte Koch regelmäßig eine Kampfrhetorik, die er selbst um die Wortschöpfung „brutalst- möglich“ bereichert hatte. Er setzte auf harte Schlagzeilen und derbe Kampagnen gegen kriminelle Ausländer oder politi- sche Gegner mit fremdländisch klingen- dem Namen wie Ypsilanti oder Al-Wazir. Das sorgsam gepflegte Image des kon- servativen Hardliners sicherte Koch über viele Jahre die Macht, aber es nutzte sich ab. Zuletzt, bei der Wahl 2009, glänzte Schwarz-Gelb in Hessen nur noch dank eines Ausnahmeergebnisses von 16,2 Pro- zent für den Juniorpartner FDP. Aber da- von sind die hessischen Liberalen heute etwa so weit entfernt wie Roland Koch vom Friedensnobelpreis.

Er liebt die weichen, betulichen Auftritte, bei denen gewinkt und gelächelt wird.

Bouffier versucht es nun anders. Die einprägsamsten Schlagzeilen seiner Re- gierungszeit drehten sich bisher eher um kosmetische als politische Stilfragen. Vor eineinhalb Jahren räumte er beispielswei- se gegenüber „Bild“ ein, seine damals als „Manta-Matte“ bespöttelte Mittelschei- tel-Frisur auf Anraten seiner Frau auf ein jugendliches Blond getrimmt zu haben. Bald darauf wechselte er dann auf ein se- riöseres Grau mit Seitenscheitel. Der Christdemokrat aus Gießen liebt die weichen, betulichen Auftritte, bei de- nen gewinkt und gelächelt wird. Als kürz- lich das niederländische Königspaar zu einem Besuch nach Hessen kam, nahm er sich fast zwei Tage Zeit, um ja keinen öffentlichen Repräsentationstermin an der Seite der Hoheiten zu verpassen. Oder er lässt sich, wie vor einigen Wo- chen, einen ganzen Tag lang zu Familien- einrichtungen und Kindergärten in Hes- sen chauffieren, begleitet von Journalis- ten und Kamerateams. Im Internet gibt es Filme davon, die zeigen, wie Bouffier, umringt von aufgeweckten Mädchen und

Jungen, auf einem winzigen Kindergar- tenstühlchen sitzt. Ein freundlicher älte- rer Herr, der die Lesebrille ganz nach vorn auf die Nasenspitze geschoben hat und aus einem Bilderbuch Sätze wie die- sen vorliest: „Leider hab ich von Natur eine komische Frisur.“ Der Auftritt erfüllte bei aller unfreiwil- ligen Komik seinen Zweck: Bouffier gibt den Anti-Koch. Seine Vorlesestimme habe so einen „warmen, vollen Klang, ohne jede Schärfe“, schwärmte die „Süd- deutsche Zeitung“ nach dem Kindergar- ten-Termin. Der Regierungschef sei ein „Landesvater vom alten Schlag“. Auf diese Rolle hat Bouffier lange ge- wartet. Gut drei Jahrzehnte ist es her, er war Landesvorsitzender der Jungen Uni- on, da stahl ihm plötzlich ein sechs Jahre jüngerer Emporkömmling die Schau. Ro- land Koch kämpfte sich an Bouffier vor- bei bis an die Spitze der Hessen-CDU. Der Ältere ordnete sich unter, wohl nicht klaglos, aber loyal. Bouffier, der als ewiger Kronprinz galt, nannte den Kon- kurrenten später mal „unseren Anfüh- rer“. Koch revanchierte sich, indem er seinen Parteifreund nie fallenließ. Bouf- fier durfte im Amt bleiben, als er 1999, nach seiner Ernennung zum Innenminis- ter, gleich ein Ermittlungsverfahren we- gen Parteiverrats am Hals hatte. Er muss- te damals 8000 Mark Geldauflage zahlen, weil er in seinem früheren Beruf als Rechtsanwalt in einem Scheidungsverfah- ren beide Seiten beraten haben soll. Dass Bouffier die Rolle als Kronprinz akzeptierte, lag auch daran, dass er Kochs politische Fähigkeiten immer ein wenig bewunderte: gnadenlos polarisieren und zuspitzen, bis es pikst, ohne Rücksicht auf Wunden und Verluste. „Ich habe einen anderen Stil“, sagt Bouffier über sich. Seine Ausführungen beginnen oft damit, dass er sich einen Zi- garillo anzündet, mit dem Rauch des ers- ten Zugs ein gemütliches „Aaalso“ aus- stößt und Anekdoten mäandernd anein- anderreiht. Ein Ende ist häufig erst einige Zigarillos später absehbar, wenn der Ge- sprächspartner von Tabakqualm und Re- defluss komplett eingenebelt ist. Gefürchtet sind die „Bürgersprechstun- den“, zu denen der Regierungschef alle paar Wochen einlädt. Bei einer dieser Veranstaltungen im südhessischen Die- burg erkundigte sich ein Mann arglos, ob eine der geplanten großen Stromleitun- gen für die Energiewende auch an seinem Ort vorbeiführen werde. Bouffier antwor- tete nicht mit Ja oder Nein, sondern mit einem weitschweifigen Referat über Ener- giepolitik und den Atomausstieg an sich. Als er nach einer guten halben Stunde Monolog zum Schluss kam, beruhigte sein Regierungssprecher das Publikum mit feiner Ironie. Das sei jetzt nur die Kurzfassung des Vortrags gewesen, sagte er, „ich kenne auch die Langfassung.“

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MAURIZIO GAMBARINI / DPA

Regierungschef Bouffier*: „Donnerwetter, das kriegen wir in der CDU nicht hin“

Mehr noch als unter mangelnder Sprit- zigkeit leidet Bouffiers Wahlkampf unter den vielen Altlasten, die ihm sein Vorgän- ger hinterlassen hat. Die Privatisierung ei- ner Uni-Klinik in Gießen und Marburg zum Beispiel mündete in einem Dauer- streit zwischen Land, Personal und Kli- nikbetreiber. Der Bau eines Provinzflug- hafens in Kassel-Calden wurde mit 271 Millionen Euro Steuergeld nicht nur um ein Mehrfaches teurer als geplant, sondern mangels Nachfrage auch zur Lachnummer. Auch an Kochs kühnen Einfall, das Bundesland bis 2015 zum „staufreien Hessen“ zu machen, wollen Bouffiers Leute am liebsten nicht erinnert werden. Zu viele Regierungsmitglieder hängen selbst fast täglich im Dauerstau rund ums Frankfurter Kreuz fest. Am stärksten aber wirkt der Wort- bruch nach, mit dem Koch den Ausbau des Frankfurter Flughafens durchdrückte. Das fest versprochene Nachtflugverbot musste schließlich von den Gerichten ge- gen die hessische Landesregierung durch- gesetzt werden. Die Folgen sind drama- tisch für Bouffier: In Frankfurt haben fluglärmgeplagte Anwohner aus bürger- lichen Vierteln demonstrativ einen SPD- Oberbürgermeister gewählt. Von den

* Auf einem roten Hessen-Löwen beim Hessenfest im Juni in Berlin.

zwölf Oberbürgermeistern in Hessen stellt die Union nur noch zwei. Hessens beliebtester Landespolitiker ist laut Umfragen nicht der Ministerprä- sident, sondern der Grünen-Fraktions- chef Tarek Al-Wazir. Selbst der SPD-Vor- sitzende Thorsten Schäfer-Gümbel, der nach dem Scheitern seiner Vorgängerin Andrea Ypsilanti 2009 mit einer zugrunde gerichteten Landespartei starten musste, rückt Bouffier nahe. Mit einer Charmeoffensive allein, das hat Bouffier erkannt, ist es da nicht getan. Manche Hinterlassenschaft aus der Koch- Ära räumte er deshalb ab. Den Streit um die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf acht Jahre etwa befriedete er pragmatisch: Bouffier stellte den Gym- nasien frei, ob sie zum neunjährigen Sys- tem zurückkehren wollen. Überhaupt präsentiert sich der Mann aus Mittelhessen inzwischen viel liberaler, als die konservativ geprägte Mitgliedschaft der Landes-CDU es von ihren Vorleuten gewohnt ist. Früher musste Koch den „här- testen Strafvollzug Deutschlands“ ankün- digen, um die Rechtsausleger in der Partei zufriedenzustellen. Dazu zählen etwa Landtagsfraktionschef Christean Wagner, der in Sorge um das Parteiprofil den „Ber- liner Kreis“ in der CDU mitbegründete, und der Landtagsabgeordnete Hans-Jür- gen Irmer aus Wetzlar. Der meldet sich

immer wieder mal zu Wort, um vor der Weltherrschaft des Islam zu warnen, Ho- mosexuellen eine „Therapie“ nahezulegen oder einem deutschen EU-Kommissar, der für den EU-Beitritt der Türkei eintritt, „Hochverrat“ vorzuwerfen. Heute, in der Post-Koch-Zeit, will Bouffier als verständnisvoller Patron wahrgenommen werden. Kürzlich durfte Bouffiers Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) sogar eine hessische Gesetzes- initiative vorstellen, die ein Adoptions- recht für gleichgeschlechtliche Lebens- partnerschaften ermöglichen soll. Der CDU-Chef habe nicht interveniert, be- teuert Hahn: „Er hat nur gesagt, das ist deine Auffassung, Jörg-Uwe.“ Noch hält der starke konservative Flü- gel der Hessen-Union weitgehend still. Nur vereinzelt murren Abgeordnete in vertraulichen Gesprächen, dass Bouffier es nicht zu weit treiben dürfe mit seiner Landesvater-Attitüde. Bei Roland Koch sind sie noch keifend gegen „Windkraft- monster“ in den Wahlkampf gezogen. Und jetzt sollen sie es gutheißen, wenn Bouffier die verhasste Fraktion der Linken zu einem „Energiegipfel“ einlädt, um den Ausbau der Öko-Energie abzusprechen? Nicht mal über Angela Merkel dürfen die Konservativen noch offen lästern. Da- bei gehörte die gepflegte Spitze gegen die angeblich prinzipienfrei regierende Kanzlerin zu Kochs Zeiten zum beliebten Selbstvergewisserungsritual der Partei- rechten. Bouffier aber hat sich jetzt an den Erfolg der CDU-Chefin gebunden – indem er den Landtagswahltermin auf den 22. September legte, an dem auch der Bundestag gewählt wird. „Bouffier kriecht unter Muttis Rettungsschirm“, läs- terte der hessische SPD-Generalsekretär

Michael Roth. Einige Unionsleute trösten sich damit, dass dieser Landtagswahlkampf nicht nur der erste unter Bouffiers Führung ist, son- dern wohl auch der letzte. Selbst wenn Bouffier gewinne, sei ein Ende abzuse- hen: Er müsse dann zügig einen frische- ren, jüngeren Nachfolger aufbauen. Beim SPD-Mann Kurt Beck im Nachbarland Rheinland-Pfalz habe man ja gesehen, wie schnell potentielle Nachfolger Druck machen könnten, um einen flotten Füh- rungswechsel zu erzwingen. Bouffier will davon nichts wissen. Beim Familienfest in Weilburg beißt er am Mit- tag, etwas ermattet vom Schulterklopfen, in eine mit Blutwurst belegte Weißbrot- schnitte: „Ich gehe selbstverständlich da- von aus, dass ich mein Amt über die kom- plette Legislaturperiode ausüben werde“, sagt er – und schiebt einen kleinen Nach- satz hinterher. „Vorausgesetzt natürlich, die Gesundheit macht mit.“ Es sind fast die gleichen Sätze, die auch Kurt Beck gebetsmühlenartig aufsagte – bis kurz vor seiner Rücktrittsankündigung im vorigen

Herbst.

MATTHIAS BARTSCH

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Deutschland Pflegerin R., Bewohnerin Westphal (Szenen aus heimlich gedrehtem Video): „Ich dachte, das bist nicht du
Deutschland Pflegerin R., Bewohnerin Westphal (Szenen aus heimlich gedrehtem Video): „Ich dachte, das bist nicht du

Pflegerin R., Bewohnerin Westphal (Szenen aus heimlich gedrehtem Video): „Ich dachte, das bist nicht du selber, das muss jemand anderes

SENIOREN

„Nimm mal die Flossen weg“

Eine Altenpflegerin, die eine Heimbewohnerin misshandelt und beleidigt haben soll, kommt jetzt vor Gericht. Die Söhne des Opfers hatten die Übergriffe heimlich gefilmt. Die Pflegerin beteuert: „Ich will Menschen helfen.“ Von Bruno Schrep

I ch liebe meinen Beruf“, sagt die Alten- pflegerin Doreen R., „ich möchte nichts anderes tun.“

Die 42-jährige Frau, groß, kräftig, kur- ze Haare, sitzt im T-Shirt auf einem Sessel in ihrem Wohnzimmer und streichelt den Kater auf ihrem Schoß, neben ihr liegt ein brauner Stoffbär. Die Orchideen, die auf den ersten Blick echt aussehen, sind aus Plastik. Ein Sofakissen trägt die Auf- schrift: „Wenn Du bei mir bist, fühle ich mich himmlisch“. Doreen R. erzählt von ihrer Art, mit alten Menschen umzugehen. Sie sei zwar manchmal etwas forsch und laut, aber im- mer herzlich, nie böse. Ihre Meinung sage sie stets offen und geradeaus, das fänden die Senioren prima. „So bin ich nun mal.“ Das ist das Bild, das Doreen R. von sich selbst zeichnet. Doch es gibt andere Bilder von ihr, heimlich aufgenommen mit einer Videokamera. Zu sehen und zu hören ist, dass die Pflegerin eine hilflose Heimbewohnerin behandelt wie einen Feind: sie roh anpackt, sie duzt und be- leidigt. Ein Gruselfilm.

Dass sich solche Exzesse hinter ver- schlossenen Heimtüren abspielen, wird oft vermutet. Aber es ist fast nie zu be- weisen, die Dunkelziffer ist hoch. Nur wenn Kollegen das Gewissen drückt und sie sich zur Zeugenaussage entschließen, werden die Vorfälle offenbar. Mit Bildern

dokumentiert wurden solche Horrorsze- nen nie. Wie konnte es zu den Übergriffen kom- men? Im Bremer Seniorenzentrum Forum Ellener Hof, idyllisch gelegen im grünen Stadtteil Osterholz, ist die Heimleitung heilfroh, als sich im Sommer 2011 eine gestandene Altenpflegerin mit Examen bewirbt. Zwar fehlen ein paar Zeugnisse, auch der Lebenslauf weist Lücken auf, aber die Not ist groß. Fachkräfte sind rar, und die Frau macht einen guten Eindruck. Doreen R. wird engagiert, zunächst be- fristet für ein Jahr. In Zimmer 212 lebt seit Anfang 2010 die pflegebedürftige Meta Westphal. Die inzwischen 85-Jährige, Mutter zweier Söh- ne und zweier Töchter, ist nach einem Le- ben mit vielen Hindernissen und Entbeh- rungen hinfällig und schwach. Nach dem Krieg musste sie aus dem Osten fliehen, zunächst in die DDR, später in den Wes- ten, ins Münsterland. Sie zog die vier Kin- der auf, ging trotz einer Knochenkrank- heit nebenbei putzen, stellte eigene Wün- sche immer zurück. „Sie lebte nur für die Familie“, erinnert sich Sohn Detlef. Als ihr Mann stirbt, die Ehe dauerte 58 Jahre, ist auch sie mit ihren Kräften am Ende. Sie kann kaum noch laufen, das Gedächtnis funktioniert nicht mehr richtig. Die Söhne finden den Handbesen

im Kühlschrank, der Küchenherd bleibt schon mal die ganze Nacht eingeschaltet, und die früher stets blitzsaubere Woh- nung verschmutzt nach und nach. Der Umzug ins Heim wird unausweichlich. Im Ellener Hof, versichert die Heimleitung den Angehörigen, sei die Mutter bestens aufgehoben. Anfangs gibt es auch nichts zu rekla- mieren. Meta Westphal findet Freundin- nen, traut sich mit dem Rollator aus dem Zimmer, Pflegerinnen führen sie in den Speisesaal. Auch als sie nicht mehr auf- stehen mag, stattdessen auch tagsüber im Bett bleibt, lobt die Seniorin die Betreu- ung. „Die Schwestern sind so lieb.“ Das ändert sich Ende 2011. Gegenüber den Söhnen, die sie abwechselnd fast je- den Tag besuchen, klagt die Mutter über Misshandlungen. „Die haut mich immer“, beschwert sie sich oft, „auch gegen den Kopf.“ – „Wer denn, Mutter, wer?“ – „Schwester Doreen.“ Die Söhne sind skeptisch. Sie wissen, dass die Mutter Menschen häufig nicht wiedererkennt, Namen und Ereignisse verwechselt, mehr und mehr in der Ver- gangenheit lebt. Quälen sie womöglich Erinnerungen an ihre Kindheit, geprägt vom prügelnden Vater und dem Über- lebenskampf mit acht Geschwistern? Kommen traumatische Erlebnisse aus der Kriegszeit hoch?

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CARMEN JASPERSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA

CARMEN JASPERSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA gewesen sein“ Die Pflegerin, von den Söhnen zur Rede

gewesen sein“

CARMEN JASPERSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA gewesen sein“ Die Pflegerin, von den Söhnen zur Rede

Die Pflegerin, von den Söhnen zur Rede gestellt, findet beruhigende Worte. „Ihre Mutter schläft die meiste Zeit“, erklärt sie, „dabei träumt sie oft ganz schlecht.“ Niemand im Heim weiß, dass Doreen R. schon früher mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert wurde. Die Neue aus dem sächsischen Hoyerswerda redet wenig über ihre Vergangenheit. Dabei gäbe es viel zu berichten. Wie bei so vielen Ostdeutschen hat die Wende ihr Leben mit einem Schlag ver- ändert. Die Ausbildung zur Maschinistin im Gaskombinat Schwarze Pumpe ist nach 1989 nichts mehr wert. Das Werk, längst marode und unrentabel, wird still- gelegt, später neu gebaut. Doreen R., die im Leitstand die Instrumente kontrollierte, sieben Tage Nachtdienst, drei Tage frei, wird arbeitslos, lebt fortan von Sozialhilfe. Die junge Frau bekommt kurz hinter- einander ein Mädchen und einen Jungen, die Väter lassen sie im Stich. Als der Nachwuchs in Kindergärten unterkommt, muss sich die gelernte Maschinistin einen neuen Job suchen. Aber was? Die Idee, alte Menschen zu versorgen, sei ihr nach dem Siechtum ihrer Oma gekommen, erzählt Doreen R. „Diesen Entschluss habe ich nie bereut.“ Nach einem sozialen Jahr finanziert ihr das Arbeitsamt um die Jahrtausendwende die Umschulung. In der Praxis kommt sie spielend zurecht, sie ist kräftig, kann richtig zupacken, Patienten problemlos hochwuchten und versorgen. Die münd- liche Prüfung, in der viele Fragen zum psychologischen Umgang gestellt werden, schafft sie gerade noch mit der Note „aus- reichend“. Einige Jahre jobbt sie in Hoyerswerda und Umgebung, springt häufig als Vertre- tung ein, schwärmt bis heute von den dankbaren Alten dort. „Es ist eine einfa- che Region mit einfachen Leuten“, erklärt sie, „die Menschen sind sehr genügsam.“

Das sei im Westen, wohin sie 2007 wegen einer Internetbekanntschaft umzog, ganz anders. Hier herrsche oft ein übersteiger- tes Anspruchsdenken nach dem Motto:

„Ich bezahle Sie ja dafür.“ Sie dagegen habe gelernt, die Men- schen nicht in Watte zu packen. Ihr Prin- zip sei Hilfe zur Selbsthilfe. „Wenn sich jemand noch selbst waschen kann, unter- stütze ich ihn dabei. Wenn sich jemand noch selbst die Schnürsenkel zubinden kann, ermuntere ich ihn, sich nicht auf meine Hilfe zu verlassen.“ Mit dieser Hal- tung ecke sie oft an. In vielen Heimen gehe es schon aus Zeitmangel nur um die berühmten „drei s“: sauber, satt, still. Doreen R. hält es im Westen nirgends lange aus, wechselt häufig den Arbeits- platz. Jobbt mal in Linz am Rhein, mal in Diez an der Lahn, wechselt nach Limburg, pflegt in Katzenelnbogen. Überall fällt auf, dass es ihr nach kurzer, meist ge- glückter Anfangsphase schnell an Geduld, an Einfühlungsvermögen und manchmal auch an Mitleid mangelt. „Ich wollte alles richtig machen“, be- schreibt sie diese Phase im Rückblick. Doch der ständige Stress, ausgelöst durch Personalmangel, zu viele Sonderschich- ten und viel zu wenig Freizeit, habe sie zermürbt und überfordert. „Das Leben bestand nur noch aus Arbeiten, Essen und Schlafen.“

bestand nur noch aus Arbeiten, Essen und Schlafen.“ Heim Forum Ellener Hof in Bremen „Nur noch

Heim Forum Ellener Hof in Bremen

„Nur noch arbeiten, essen und schlafen“

Manchmal überkommt sie Wut: auf die schlechten Arbeitsbedingungen, auf ihre zerbrochenen Beziehungen, auf den Är- ger mit den pubertierenden Kindern. Und nicht immer gelingt es ihr, diese Wut zu unterdrücken. Es kommt zu Abmahnungen und vor- zeitigen Entlassungen. Beanstandet wird meist das Gleiche: lautes, oft respektloses Auftreten, heftige Beschimpfung von Be- wohnern, vereinzelt auch Verdacht auf Gewalt. Eine Vorgesetzte beschreibt Do- reen R. als „schwierige und uneinsichtige Person“, die sich von der Welt benach- teiligt fühle und Verfehlungen stets zu rechtfertigen versuche. Eine Heimleiterin urteilt kurz und bündig: „Für die Pflege nicht geeignet.“ Auch in Bremen häufen sich bald nach Dienstantritt der Neuen die Beschwerden. Mehrere Bewohner im Ellener Hof fühlen sich eingeschüchtert vom ruppigen Um- gangston der Pflegerin, die Demente grundsätzlich duzt, manche auf der Sta- tion haben sogar Angst. Die Tochter einer Russlanddeutschen beschuldigt Doreen R., ihre Mutter geschlagen und gekniffen zu haben, sie erstattet Strafanzeige. Die Pflegerin bestreitet die Vorwürfe, das Verfahren wird eingestellt. Immerhin: Die Verwandten der Frau erreichen, dass Doreen R. den betreffenden Raum nicht mehr allein betreten darf. Die Angehörigen von Meta Westphal erfahren davon kein Wort, die Heimlei- tung sorgt dafür, dass nichts nach außen dringt. „Wir waren blind, niemand gab uns einen Tipp“, empört sich Andreas Westphal heute. Weil sich die Mutter wei- ter über Prügel beschwert, sogar weinend um Hilfe fleht, entschließen sich die Söh- ne nach langem Zögern zu einem unge- wöhnlichen Schritt. An einem Juniabend, kurz bevor ihre Mutter bettfertig gemacht wird, instal- lieren sie in Zimmer 212 eine versteckte Kamera. Als sie sich am nächsten Tag die

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Aufnahmen ansehen, packt sie der Zorn. Die Kamera hat ein schwer erträgliches Geschehen festgehalten. Pflegerin R. betritt grußlos und mit grimmigem Gesicht den Raum. Dann zieht sie Meta Westphal mit groben Be- wegungen den Pullover über den Kopf, streift ihr später ebenso grob das Nacht- hemd über, zieht sie an der Unterhose unsanft übers Bett. Weil ihr die Patientin mit den Händen in die Quere kommt, herrscht R. sie an: „Nimm doch mal die Flossen weg.“ Als die gebrechliche Frau, die noch 45 Kilogramm wiegt, kraftlos nach hinten sinkt, wird sie von der Pflegerin an den Haaren gepackt und mit einem heftigen Ruck nach vorn gerissen. Und als sie sich beschwert („Sie hauen mich jedes Mal“), hagelt es Verwünschungen. „Ich hab Ihnen doch gar nichts getan“, jammert die Bewohnerin leise. Antwort:

„Du sollst doch mal die Klappe halten. Ist ja ganz schlimm heute.“ Zum Schluss fasst die Schwester ihrer Patientin mit der flachen Hand an die Stirn und beför-

„Wir kämpfen darum, dass diese Frau nie mehr alte Menschen betreuen darf.“

dert sie mit einem Stoß in die Rücken- lage. Der Film löst vielfältige Reaktionen aus. Eine Tochter von Meta Westphal bricht zusammen, nachdem sie sich das Video angesehen hat, sie kommt mit einem Schock ins Krankenhaus. Die Söhne zeigen Doreen R. an, engagieren einen Anwalt für die Nebenklage. Der Heimleiter, dem die Familie die Auf- nahmen vorspielt, feuert seine Angestell- te fristlos. Doreen R., die das Video bei der Poli- zei sieht, reagiert entsetzt. „Ich dachte, das bist nicht du selber“, erinnert sie sich, „das muss jemand anderes sein.“ Entschuldigen könne sie ihr Verhalten nicht, nur erklären. Am fraglichen Tag sei privat und dienstlich alles schiefgelau- fen: Ihr Sohn habe seine Ausbildung ge- schmissen, Kolleginnen hätten sich mit ihr gestritten, der Rüffel einer Vorgesetz- ten sei völlig ungerecht gewesen. Und nach zehn Nachtschichten hintereinander habe sie über keinerlei Reserven mehr verfügt, zudem auch noch gebangt, ob ihr Arbeitsvertrag verlängert werde. „Ich hätte nie in dieses Zimmer gehen dürfen“, sagt sie inzwischen, „ich habe mich überschätzt, meine Grenzen nicht erkannt. Heute würde ich mich in so ei- nem Zustand krankschreiben lassen.“ Kurz nach dem Vorfall sei sie noch voller Zorn auf die Söhne Westphal mit ihrer

Kamera gewesen, mittlerweile habe sie sogar Verständnis: „Die hatten ja recht.“ Die Staatsanwaltschaft klagte Doreen R. wegen Misshandlung von Schutzbefoh- lenen an, doch das Bremer Amtsgericht eröffnete das Verfahren lediglich wegen einfacher Körperverletzung. Der Grund:

Die schärfere Strafvorschrift setzt eine „gefühllose, fremdes Leiden missachtende Gesinnung“ voraus – und eine solche Ge- sinnung mochte das Gericht der Beschul- digten nicht unterstellen, auch wegen der