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Interkulturalität ist mehr ...

UNIQUE Jena 49

Juli ’09
9. Jahrgang | ISSN: 11612-2267 | weiterlesen: www.unique-online.de | selberschreiben: unique-magazin@live.de

++ Rügen ++ Völkerschau ++ Maoisten ++ Obama ++ Demenz ++ Norwegen ++ Containern ++ +


Massentourismus
Anzeige
Liebe Leserinnen und Leser!
Die Semesterferien rücken in greifbare Nähe, die Koffer sind gepackt, der intellektuelle Reiseprovi-
ant liegt frisch gedruckt in Euren Händen. Was kann da noch schiefgehen auf dem Weg zum lang
ersehnten Urlaubsparadies? Eine ganze Menge, wie wir feststellen mussten, als wir in die azurblauen
Tiefen der touristischen Thematik eintauchten. Längst sind die romantischen, einsamen Domizile der
Südsee nicht mehr das, was Hagenbecks Völkerschau einstmals dort vorgefunden hätte. Fast über-
all werfen Reiselustige nicht nur ihre Handtücher auf begehrte Plastikliegen - um sich dann unter
mehrmaligem Wenden bis zur gewünschten Intensität zu bräunen - sondern auch Sand ins Getriebe
von Mutter Erde. Der Massentourismus beeinflusst schließlich nicht nur die Fernreisenden und nei-
dischen Daheimgebliebenen, sondern auch die Ziele ihrer allsommerlichen Invasionen. Quo vadis,
deutscher Touri? Wer es weniger massig und dennoch touristisch mag, findet hoffentlich ein schat-
tiges Plätzchen mit unserem sonnigen Blättchen.

Doch keine Angst: Auch diejenigen unter euch, deren touristischer Horizont oder studentischer
Geldbeutel nicht ganz so weit reicht, wollen wir nicht allein mit Hochglanzpostkarten auf Balkonien
versauern lassen. So findet sich hoffentlich für jeden Dauercamper, Katastrophentouristen oder Viel-
flieger ein passendes Ziel oder zumindest eine brauchbare Alternative zur Fernweh-Epidemie.

EINE GUTE REISE WUENSCHT DIE UNIQUE-REDAKTION!

E i nte r n
UNIQU
Frank ist seit Lutz G. schreibt seit Herbst
Juni 2007 Teil 2007 für die UNIQUE,
der Redaktion, bevorzugt Filmrezensionen
Lutz G.

am liebsten und Glossen. Wofür man


führt er Inter- ihn liebt? Dafür, dass er
views mit den regelmäßig das Phrasen-
verschiedensten schwein füttert und sein
Menschen. Wofür Wortschatz uns tief in
man ihn liebt? bisher ungekannte Vorstel-
Dafür, dass die lungswelten eindringen
von ihm verfass- lässt. Warum man ihn
ten Protokolle hasst? Genau dafür. Sein
im Steno-Stil „geistiger Schließmuskel“
gerade noch versagt regelmäßig.
lesbar sind. Wofür
man ihn hasst?
Dafür, dass er ein
systemkonformer
Sozi ist, der sich
hinter seiner
pseudointellek-
tuellen Lesebrille

Frank
versteckt.

tre 3
Massentourismus

Weltweit

Zuhause
Kultur
Seite 6/7 Seite 14 Buch Seite 18 Schnappschuss Seite 26 Schnappschuss
Massen- und Rassen- Abgefahren. In 16 Green River Jena auf Rügen
tourismus Jahren um die Welt Vom Raketentestgelände zur Me- Was vom Betriebsferienheim der
Wie Neckermann, TUI und Co. lonenplantage. FSU Jena übrig blieb.
Über zwei Menschen, 16 Jahre
uns zu Rassisten machen. und fünf Kontinente.
Seite 18 Literarisches Rendezvous Seite 26 Einblick
Seite 8 Umfrage Seite 14 Das verschimmelte Das tanzende
Wo warst Du u. willst Gimme The Car Brot Deutschland
nie wieder hin? Vier benzinschwangere Songs,
die Autofahrten retten.
Der Geist meines Großvater holte
ihn aus dem Balkankrieg zurück
In Deutschland klappt das Tan-
zen erst nach dem Vorglühen.
Studenten berichten von ihren nach Hause.
schlimmsten Reiseerlebnissen.
Seite 27 Erfahrungsbericht I
Seite 15 Film
Seite 9/10
Hotel Very Welcome Seite 19 Der vergessene Konflikt Container Love
Tote Dörfer Fünf Backpacker sind unterwegs Zwischen d. Fronten Essen gibts beileibe nicht nur im
Über die soziokulturellen Folgen Supermarkt.
und kommen doch nicht an. Über die Verfolgung maoistischer
des Massentourismus. Untergrundkämpfer in Indien.
Seite 27 Aufgeschnappt
Seite 15 Kolumne Seite 20/21 Länderbericht Neulich in der
Seite 10 CampusRadioCharts Nordnorwegen Drogerie
… denn das Gute Die Favoriten von 103.4 Mhz. Im Gegensatz zur nördlichsten Anti-Aging-Strategien und ihre
Region Europas herrschen bei uns
liegt so nah! paradiesische Zustände.
Folgen.
Drei ausgewählte Reiseziele in
der Nähe von Jena. Seite 16 Kreatique Seite 28/29 Erfahrungsbericht II
Seite 22 Nachricht aus der Ferne
Spuren im Schnee Was vom Leben
Seite 11 Liebesgrüße aus
Apokalyptische Visionen vom bleibt
Jährlich grüßt der Jenseits des Lichtkegels. Hermannstadt Inmitten von Kot, Vergesslichkeit
Thomas schreibt aus Rumänien.
Campingplatz und Todessehnsucht spüren
Demenzkranke immer noch
Zwischen Xenophobie und Tradi- unsere Liebe.
tionsbewusstsein: Urlaub in der Und Sonst? Seite 22 ACOTO-Kolumne
Heimat. Seite 17 Die andere Meinung 20 Jahre offene
Patriotismus Grenze Seite 30 Erfahrungsbericht III
Warum Vaterlandsliebe unsinnig 2009 jährt sich der Wendeherbst Obama in Buchen-
Seite 12/ 13 ist. zum 20. Mal, in Deutschland wie
auch in Polen.
wald
In 26 Buchstaben Amerikanischer Präsident trifft
Seite 17 Warum hört man Provinzpolitiker.
um die Welt eigentlich … Seite 23 Mein(e) … der Welt
Das massentourismuskritische
ABC … nichts Schlechtes … schönstes Dach Seite 31 Sozial Aktiv
über d. Rütli-Schule? Ein Dach am Rand von Damaskus
erzählt weniger über Syrien, als
Volamos juntos
Die Bildungswende in Neukölln. Wie schnell man als Entwick-
über denjenigen, der auf ihm sitzt.
lungshelfer im Regen steht.

… schlimmste Gren- Seite 32 Potrait


zerfahrung Die erträgliche
Die Insel Rügen war zu DDR-Zeiten
nicht nur Urlaubs-, sondern auch Leichtigkeit d. Seins
Grenzgebiet. Irina Kolyada aus der Ukraine.

Seite 24/25 Nahostserie Teil 4


Und Sonst? „Die Entäuschung
Und Sonst?
Titelbild zu durchbrechen ist
Seite 33 Glosse
Austen & bergi nicht einfach”
Der Projektmanager des Jerusa­ Die Piratenpartei
Seite 5 lemer Büros der FES im Gespräch. Eine politische Alternative?
Rückblique Seite 35 In eigener Sache
Seite 29 Die UNIQUE ist
Impressum tot! Lang lebe die Unique!
Seite 34 Int.Ro Rückseite Seba Seitenzahlen
Veranstaltungen UNIQUE-Reisen Bokmål

 fire
Und Sonst?
„Alles in allem also ein ärgerlicher Haufen von Leuten, die
besser als jeder Bildungsstreik und jeder Schulschwänzer
eine Bankrotterklärung an das deutsche Bildungssystem
darstellen.”
Ein anonym verfasster Flyer zum Zustand der UNIQUE-Redaktion.

Zu „Jena mag Kinder“ mutig. Aber liebe Freunde, Zu „Büttenreden, Bier und
in UNIQUE 48 eine Prostituierte zum The- braune Linke“, UNIQUE 47
von Rainer Sokoll ma Sexismus zu interviewen, von Thomas via
„Es gibt mindestens eine Frau, die zeigt, dass man www.unique-online.de
einen Grund, warum auch außerhalb tatsächlicher „Normannia ist keine Bur-
Mütter wenigstens ein Geiselnahmen am Stock- schenschaft, die Typen sind
Jahr zu Hause bleiben holm-Syndrom leiden kann, eine Krankheit! Eine Schande
sollten: Sie können da sie sich anscheinend mit für jeden Burschenschafter!“
– und sollten – stillen, ihren Peinigern solidarisiert
ein halbes Jahr voll und und selbst zur Sexistin ge- von Tommy via
wenigstens ein weiteres genüber ihren ‚Kunden‘ und www.unique-online.de
halbes Jahr teilweise. sogar gegenüber sich selbst „Kenne die Normannen jetzt
Eine bessere Babyer- wird, ist nicht mehr mu- nicht persönlich, aber der Ar-
Zur Glosse „Pornoportale nährung gibt es nicht, und tikel ist absolut arm. Solche
im Internet“ in UNIQUE 48 da sind die Männer nun mal „Stud Geschichten
ieren
schre d
von Martin Greis außen vor. Das bedeutet aber ibt di enprotest U gehören
zum B eJ e: N nter dem
„Nachdem eure Themen in auch: maximal zwei Monate ildun enaer Ant ichts Titel nach Holly-
„Den gsstr ifa au
der Vergangenheit zuneh- Elternzeit für den Mann, je- vo ei f ihre gelernt“ wood (oder
frontp rläufigen k: r Web
mend elitärer und welt- denfalls wenn man es sich olitik Höhe seite B o l l y w o o d ) .
Rekto stellte punkt
fremder zu werden schienen, nicht leisten kann, unbe- rates d ie regre Ein sachlicher
An die im he ssiv
freue ich mich über eure Sex- zahlt zu Hause zu bleiben. ser na Universit utige Bese er Quer- Artikel wäre
einige h ä t
Ausgabe. Eure Prostituierte Dieser rein biologische n Wo men auch tshauptge zung des mal nett. Mei-
daktio ch M bäud
ist ja wohl der Oberhammer, Fakt scheint mir immer n de en noch d enschen e d netwegen auch
– alle r Stu
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teil, die ar.
würde mich wirklich inter- mal wieder ‚vergessen‘ n v o r ie re n s e t z u vo r ein interessant zu
ler – a n von denze ng de
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essieren, wo ihr die herhabt. zu werden.“ Beset derte Chefredak schrift UN Re- lesender Report,
zu n. te IQ
Begeistert war ich aber v.a. 3 kan ng der Rä Auch bei ur Fabian UE aber ‚Heinrich-
Zum Interview mit n u m d er an Köh- Himmler-Frisur‘…?
vom Pro-Porno-Beitrag von Video Köhler fre e in d
er Ca halten
Lutz Gr., der an Oberflächlich- „Ramona Extreme“ wirres i ag de
Stühle ieren und rl-Zeiss-Str n Kommt schon, was
keit, Niveaulosigkeit, Primiti- in UNIQUE 48 stape feiert aße soll so ein Scheiß?“
ln als in ein
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vität und Vulgarität kaum zu von Steffi Meyer in der arrikaden em
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überbieten ist und mir (so- „Werte Redaktion, nun habt zten Z au‘
wie einigen meiner Freunde) ihr es endlich geschafft, dass one.
genau deshalb aus der Seele ich euch auch nicht mehr ver- tig, sondern
spricht. In diesem Sinne hoffe stehe. Bei euren letzten bei- einfach unsinnig. Eine Frau,
ich, dass ihr auch in den kom- den ‚kontroversen‘ Interviews die meint, sie würde Verge- Unsere Themen erscheinen
menden Ausgaben so locker stand ich voll und ganz hin- waltigungen verhindern, in- Dir weltfremd? Unsere Arti-
und unverkrampft mit euren ter euch, fand euren Ansatz dem sie sich Babykleider an- kel strotzen vor Klischees und
Themen umgeht.“ großartig und euer Auftreten zieht, die meint, Perversionen Unwahrheiten? Jede neue
einzudämmen, indem sie Ausgabe der UNIQUE macht
ihre Freier vollscheißt, gehört Dich noch wütender?
r kom-
U Je n a ve rteilten Flye E: nicht in die Reihe jener Exper-
an der FS IQU
Auf einem rbeit der UN teninterviews, in der ihr sonst Oder wir sind für Dich der In-
ei n U n b ek annter die A n vo n Le uten,
mentier t er lic he r H au fe – und das meistens recht in- begriff von interkulturellem
g Schul-
m also ein är k und jeder
„Alles in alle ld un g ss trei e teressant – Jenaer Akademi- Journalismus und unsere Ar-
s jeder Bi deutsch
die besser al nk ro tter kl ärung an das ute ker zu Wort kommen lasst. tikel bereichern Dein Leben?
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Le id er ha b en diese Le Deshalb, provoziert gerne
m darstellen. tionsräume
und
Bildungssyste iff au f ihre Redak ei bver-
weiter, aber macht euch vor- Schicke uns Deine Meinung:
Zu gr Sc hr
noch immer fü r d en Druck ihrer nn : her wieder ein paar mehr Ge- unique-magazin@live.de
öffentliche G
elder
un g nu r lauten ka danken, sonst wird es lächer-
er
lb die Ford Infrastruktur
in
suche, wesha au flö sen und die s en t- lich. Emanzipierte Grüße!“ Oder komme zur Redaktion-
ak ti on sten
UNIQUE-Red he n g eb en , die wenig us sitzung: jeden Donnerstag, 18
n Mensc urnalism
die Hände vo lit ik od er Jo Uhr, im Haus auf der Mauer.
weder von Po etwas verste
hen.“

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Massentourismus

Völkerschau 1908: In Carl Hagenbecks Völkerschau in Hamburg-Stellingen werden


„exotische Menschrace“ (Äthiopier und Somalier) zur Schau gestellt.

Völkerschau mit Neckermann


Millionen Deutsche fahren jedes Jahr ins Ausland in den Urlaub.
Einige Wochen später kehren sie wieder heim – braungebrannt, einige
hundert Euro ärmer und meistens ein ganzes Stück rassistischer.

von fabik Idealbilder, als die Träume, die über und sich bedingungslos dem Diktat der
Hochglanzwerbeanzeigen jeden Tag in erwarteten Glückseligkeitsbringung zu

P
ünktlich um 16 Uhr ging es los: Millionen Haushalte geliefert werden. unterwerfen. „Entfliehen sie dem Zivi-
„Boccia, Boccia, Boccia!“, rief es Es sind entmenschlichte Wunschbilder, lisationsalltag“ lockt ein Anbieter für
am Rand unseres Swimmingpools nicht mehr als Klischees, die zum Haupt- „Kulturreisen in Afrika und Arabien“.
aus dem Mund eines dunkelhäutigen, verkaufsargument einer ganzen Indus- Doch wenn Tourismus eine Flucht aus
durch-trainierten Mannes mit rosa ins trie geworden sind. „Let your dreams der Zivilisation ist, dann kann das Ziel ja
Haar eingeflochtenen Perlen. Manch- become true“ nennt es Neckermann, als nur unzivilisiert sein.
mal war ich auch am strahlend gelben nichts weniger als „Rassismus“ bezeich-
Strand, tauchte ich zwischen neongrü- net es die entwicklungspolitische Orga- Auf der Suche nach der min-
nen Badeanzügen hindurch, während nisation „TourismWatch“.
wir vormittags meistens in einem nach derwertigen Rasse
Polstermöbelhaus riechenden Reisebus Es scheint nur konsequent, dass sich in
Die Flucht ins real existie-
Teppichmanufakturen, Seifenfabriken kaum einem Reiseführer Spuren von
oder den Gewürzhändlerbasar be- rende Paradies Menschen oder Zivilisation finden las-
suchten. Beim Tourismus geht es um Sehnsüch- sen – es sei denn, die Zivilisation ist
Es war Cluburlaub in Tunesien und ich te, Träume und Wunschbilder, um tradi- verfallen, die Menschen sind mit Sand-
nicht älter als zwölf Jahre. Das erste Mal tionelle Gesellschaften, die Rückbesin- dünen und Kaffernbüffelherden Teil
außerhalb Europas, das erste Mal auf nung auf die Natur oder die Erfahrung einer Kulisse ursprünglicher Schönheit
einem richtigen Golfplatz, das erste Mal nie gekannter ursprünglicher Herzlich- oder stehen in einem archaischen, vor-
traf ich auf angsteinflößendes, dunkles keit. Von der „inflationären Vermehrung industriellen Zustand als Fischfänger
Seegras und zum ersten Mal beobach- des real existierenden Paradieses“, wel- und Teppichknüpfer in einer Reihe mit
tete ich meine Mutter, wie sie stand- che mittlerweile scheinbar überall auf UNESCO-Weltkulturerben.
fest gegen diesen Teppichhändler an- der Welt zu finden sei, spricht der Rei- Der einsame südtirolische Bauer, der
feilschte. Das erste Mal war ich in einer seautor Christoph Henning in seinem in romantischer Idylle fernab jeden
richtig fremden Kultur und bis heute er- Buch „Reiselust“. Doch Tourismus als Alltagsstresses das ursprüngliche Le-
greift mich immer wieder dieses Gefühl, Flucht in das eigens konstruierte Para- ben genießt, um sich dann doch gele-
wenn ich „Tunesien“ höre: Boccia, Busse dies ist nicht mehr als positiver Rassis- gentlich mit Nachbarn und Freunden
und Basare. mus, der den Einheimischen abverlangt, bei Wein, Weib und Gesang das Leben
Doch was da in meinem Kopf herum- das bessere Leben vorzuleben, positive schmecken zu lassen. Der tibetanische
schwirrt, sind weit mehr als verklärte Gegenentwürfe anzubieten, für unsere Klosterschüler, der im Prozess der Eins-
Kindheitserinnerungen, als reduzierte Ängste und Schwächen herzuhalten werdung mit dem Kosmos in psyche-

 seks
Völkerschau 2009: In zahlreichen „Erlebnisreisen”-Katalogen

Massentourisums
zeugen „anmutige Massai-Hirten” vom „Traum von Afrika”.

delischen Nebelschwaden versinkt, Durch diese eigens abgestellten Ein- Bei Kaffee und Kuchen erzählte ich
während der hawaiianische Surferboy heimischen lebt der Tourist außerhalb (wahrscheinlich war es doch eher mei-
am eigenen Adoniskörper die Macht des kulturellen Showprogramms in ne Mutter) aber nicht nur vom lustigen
und Anmut der Natur in unberührter der Regel in einer räumlich und zeit- Boccia-Boy sondern auch von diesem
Vollkommenheit und fernab aller ma- lich abgekapselten und eigens für ihn kleinen, schmutzigen Straßenjungen,
terialistischen Sorgen spürt. Was einst geschaffenen Parallelkultur. Dabei ist der – kaum älter ich – im Café mit sei-
der naturverbundene edle Wilde war, es egal, ob sich diese Parallelkultur hin- ner Oud-Kurzhalslaute so zauberhaft
ist heute der sexuell enthemmte Süd- ter den Mauern der frisch renovierten spielend von Tisch zu Tisch ging und um
seeinsulaner. Die Lebenswirklichkeit Bettenburgen an der Algarve oder ein paar Dinar bat.
der Betroffenen wird dabei kategorisch den Rauchschwaden der hippiesken
ausgeblendet, die Kultur auf ein reines Backpackerhotels von Thailand ver- Völkerschau am Kaffeetisch
Showprogramm reduziert, um die vo- steckt: der Einheimische ist selten ein
yeuristischen Bedürfnisse in der Regel gleichwertiges Gegenüber. Stattdessen „So naturverbunden und mit einer un-
europäischer Exotensammler zu befrie- wird er zum Instrument, welches es er- glaublichen Herzlichkeit sind die Men-
digen. möglicht, den eigenen Rassismus nicht schen dort gesegnet.“ Man habe zwar
nur zu bestätigen, sondern durch die auch Armut gesehen, doch seien die
Die Wahl zwischen faszinie- Bereitstellung des vermeintlich objek- Menschen dort auch mit Wenig glück-
tivierenden Gegenstücks sogar noch lich, heißt dann dann an Kaffeetischen
renden und armen Negern zu festigen. Im Gedanken, man habe ja weltweit. „Zwischen Tradition und Mo-
Im sog. „Kultururlaub“, so die Mitarbei- schließlich beide Seiten gesehen, bleibt derne” – Jemen, Namibia, Neuseeland,
terin der tourismuskritischen Organisa- so für den Einheimischen nur die Wahl, Armenien, Kanada oder Peru – „Ein
tion „Equations“ aus dem indischen Ban- Opfer des einen (der faszinierende Ne- Land der Gegensätze“, heißt es bei Ne-
galore, suchen Touristen „eine wahrhaft ger) oder des anderen Rassismus’ (der ckermann. „Interessant sind auch die
minderwertige Rasse oder eine niedere arme Neger) zu werden. vier Buschmänner (...) seltsame, den Af-
Kultur, die sich der höhergestellten, in fen ähnelnde Menschenrace (...) Doch
aller Regel weißen Rasse darbietet.“ Der Der Rückkehrer wird zum scheinen sie sehr guthmütig zu sein,
Einheimische wird dabei nicht nur zum wie sie denn auch jede halbe Stunde
Anschauungsobjekt einer eskapisti- Klischee-Experten vor den Zuschauern bereitwillig ihre
schen Safarifahrt degradiert, sondern Und nach der Rückkehr? Da begannen Sprünge und Tänze wiederholen“, hieß
wird gleichzeitig noch zu deren Erfül- auch bei mir die Fotoalbenschauen, die das im Jahre 1854 in Hagenbecks „Völ-
lungsgehilfen. Der gemeine Mexikaner, Versammlungen von Verwandten und kerschau“.
Chinese oder Ägypter ist selten mehr als Bekannten, und ich freute mich, end-
Kellner, Putzfrau, Busfahrer, Schuhput- lich den Experten geben zu können.
zer, Massagedame oder Internetcafébe- Kaum drei Wochen war ich damals in
treiber, die in der Regel v.a. eines sind: Tunesien, doch unhinterfragt und unwi-
immer freundlich und aus einfachen dersprochen wurde mir und wird allen
Verhältnissen stammend, bemüht, sich anderen Rückkehrern die Autorität zu-
auf lustige Weise in der deutschen (oder gesprochen, die neu erworbenen Kli-
zumindest englischen) Sprache ver- schees weiterzuverbreiten. Schließlich
ständlich zu machen. war man ja „dort“ und müsse es wissen.

sju 
Was war Dein schlimmstes
Massentourismus

Silvio (22) studiert Urlaubserlebnis?


Bioinformatik.
Sebastian (26)
studiert Maschinenbau. Mark (22) studiert BWL und
Interkulturelles Managment.

Eine scheußlic
he Schifffahrt
Die offizielle Sc nach Cheju.
hlafmöglichkei
einziger großer t war ein
Raum, mit dünn ute Touris-
pich ausgeleg
t, und lag wah
em Tep- Varadero, auf Kuba. Absol
rscheinlich kom me n, schlafen,
über dem Mot
orraum. Die ga tenhochburg! An
nze Nacht en, abf ahren. Sch recklich.
war es laut un
d hat gewacke trinken, bad Ich hab mal als Animateur in Ägypten
lt.
gearbeitet und in meiner Bude wurde
mir die Fotoausrüstung gestohlen.

Anne-Marja (24) studiert


Mewi, Sprewi und Ger-
manistik.
Martin (26) ist Doktorand
der Biologie in Rostock.

nd
Jan (27) studiert LAG Eng-
da mit einem Freu
Oh klar, Kiew. War
ei Stunden am Ba hn- lisch und Geographie.
und wir haben zw ich vo n
il wir un fre un dl Ich war an der Côte d’Azur und
hof verbracht, we rd en ,
r verwiesen wu trotz intensivster Versuche, mit den
Schalter zu Schalte
ohne Ergebnis. Menschen Französisch zu stammeln,
In Wien. Da wollten sie uns nicht zum hat sich keiner erbarmt und uns
Studententarif in einen Club lassen, Deutsch oder wenigstens Englisch
und meinten, wir könnten froh sein, als angeboten.
Die Umfrage führte rokko rehbein. deutsche Studenten überhaupt rein zu
dürfen.

 åtte
Massentourisums
Am Ende kommen Touristen
Nur selten wird die Frage nach den sozialen und kulturellen Auswirkungen des globa-
len Massentourismus’ gestellt. Was aber verändert er in einem ligurischen Fischerdorf
am gesellschaftlichen Zusammenleben, wenn die Einwohner in einem nonstop geöff-
neten Touristenmuseum leben? Wie reagiert die Bevölkerung der größten Ostseeinsel
auf die alljährliche Invasion erholungssuchender Badeurlauber? Eine kulturpessimisti-
sche Weltreise mit drei Zwischenlandungen.

von Luth verkehrs und die Selbstaufgabe ganzer der Via dell’Amore nach Riomaggiore zu
Landstriche auf Rügen sichtbar: Von den lustwandeln, wird wenig Freude haben.

D
ie vom internationalen Flugver- alten Dorfgemeinschaften nahezu ent- Der gebührenpflichtige „Romantikpfad“
kehr kerosinvernebelten Nordat- kernte Orte wie Putgarten leben fast nur entlang der Steilküste ist so potteben mit
lantikrouten oder die mit klobigen noch vom saisonalen Verkauf hässlichen Spritzbeton planiert, dass die Wanderung
Hotelburgen versiegelten Küstenstriche Töpfernippes’, im Winter bildet die Haupt- den Nervenkitzelfaktor einer „Golden
der spanischen Costa del Sol – für die öko- straße einen verwaisten Korridor verram- Girls“-Episode hat. Statt genießerisch aufs
logischen Folgen des Massentourismus’ melter Ladentüren. Auch die grellbunten, Mittelmeer blicken zu können, rivalisiert
muss man niemanden mehr sensibilisie- menschenleeren Schwedenhäuser auf der man mit anderen Touristen um jeden Me-
ren. Das Problem wird zwar weiter igno- grünen Wiese passen nun noch weniger ter an Vorwärtsbewegung.
riert, wurde als solches aber erkannt, sogar ins Landschaftsbild, ihre Eigentümer sind Einst hatten sich die Einheimischen noch
von den Verursachern selbst. Dass jedoch längst zurück in Köln oder Berlin. Busse erfolgreich gegen den Bau einer Erschlie-
ein Ort, der im Winter 500 Einwohner hat, fahren nicht mehr, das Putbuser Theater ßungsstraße gewehrt, die einen besse-
im Sommer aber von Hunderttausenden hat geschlossen, der insulare Veranstal- ren Zugang zu den abgelegenen Orten
Touristen überrannt wird, hinterher nicht tungskalender verzeichnet als Tageshigh- ermöglicht hätte. Zur Arbeit nach Genua
mehr derselbe sein kann, dafür gibt es light das Garzer Kaninchenzüchtertreffen. pendeln sie heute ironischerweise über
praktisch kein Problembewusstsein. Ein- Bonjour tristesse! dieselben zugeparkten Serpentinen, die
deutig Schuldige sind kaum ausfindig zu Und wenn mal wieder eine Wahl ansteht, den Tagestouristen auf umgekehrtem
machen, schließlich profitieren vom Tou- hängen an den Dorfstraßenlaternen aus- Wege als Einfallschneisen dienen. Und die
rismus beide Seiten. Oder nicht? schließlich NPD-Plakate. Paradoxerweise wenigen Indigenen verkaufen heute Eis
geht der aus dem Inseltourismus erwach- oder regionale Handwerksprodukte, wenn
Insel Rügen: Der Sylter Weg sende Wohlstand nicht einher mit wün- sie nicht gerade „authentische“ Volksfeste
schenswerten Wahlergebnissen. Auch nach dem Geschmack der Touristen orga-
Noch vor 20 Jahren stand zwischen er- bei den Rüganern wächst das Gefühl der nisieren. Selbst bei den regionaltypischen
holungssuchenden DDR-Familien und Perspektivlosigkeit, es grassieren Über- Reliquienprozessionen sind die Ligurer
dem Strandurlaub auf Rügen die harte fremdungsängste. Ist die hochsommer- nicht mehr unter sich, die Andacht erstirbt
Geduldsprobe im Stralsunder Endlosstau liche Gastfreundschaft also doch nur kühl im Blitzlichtgewitter Hunderter Digicams.
vorm Rügendamm. Seit 2007 rollen die kalkulierender Opportunismus?
Blechlawinen nun flüssig über die mons- Monument Valley: Weites
tröse Strelasundquerung auf die Insel Cinque Terre: Massentouristi- Land, arme Rothäute
der Hügelgräber und Kreideküsten. Die scher Erstickungstod
Fahrt geht vorbei an schicken Golfresorts,
Ökobauernhöfen, schwedischen Ferien- Die fünf Fischerdörfer an der italienischen Biegt man in Utah an der Kreuzung von
häusern mit Reetdach-Optik, Tschutschu- Riviera – schon lange kein Geheimtipp Interstate 163 und Monument Valley Road
Bahnen voller Rentner, direkt am Meer mehr, auch wenn diverse Reiseführer hart- nicht nach links zu den weltberühmten Ta-
errichteten Wellnessthermen, Dinosau- näckig das Gegenteil behaupten – sind ein felbergen, sondern nach recht ab, gelangt
rierparks und Piratenfreilichtbühnen. extremes Beispiel für den soziokulturellen man nach Oljeto Mesa, eine Siedlung
In Urlauberghettos wie Göhren oder Sel- Wandel einer ganzen Region. Lebten die der Diné – hierzulande besser bekannt
lin sieht es längst aus wie auf Sylt, keine Einwohner früher vom Fischfang sowie als Navajo-Indianer. An verrosteten Auto­
touristische Dienstleistung, die nicht im von Wein-, Zitrusfrüchten- und Olivenkul- wracks, leeren Gasflaschen, aufgebockten
Angebot wäre. Keine Frage, man kann turen, die sie in den steil zum Meer abfal- Mobile Homes und einem geschlossenen
sich wohl fühlen auf Rügen, und auch die lenden Berghängen anbauten, dreht sich 70er-Jahre-Motel vorbei erreicht man die
allerorts Sanddornhonig oder Heringbröt- in Vernazza oder Corniglia heute alles um einzige Shopping Mall dieses trostlosen
chen verkaufenden Einheimischen verdie- den Massentourismus – wobei der Begriff Fleckens. Vorm Eingang sitzt ein alter
nen nicht schlecht am Tourismus. Längst in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist. Die Mann und trinkt Schnaps. Willkommen
haben sie sich damit abgefunden, dass ih- vernachlässigten Terrassenkulturen sind im Herzen des Navajo-Nation-Reservats,
nen große Teile der Insel höchstens noch – obwohl zwischenzeitlich zum UNESCO- dem größten Indianerreservat der USA.
im verregneten November gehören. In ei- Weltkulturerbe erklärt – in ihrer Existenz Wir hatten uns verfahren: „Wrong way, you
ner ansonsten strukturschwachen Region bedroht, das Abrutschen ganzer Hänge should have turned left!“
bleiben auch kaum andere Perspektiven. droht. Nach fünf Minuten Fahrt in entgegenge-
Erst in der Nebensaison werden die Schat- Wer an einem Junisamstag auf dem setzter Richtung weist uns ein weiterer
tenseiten des boomenden Fremden- Bahnhof von Manarola aussteigt, um auf Diné am Visitor Center des Monument Val-

ni 
Massentourismus

ley den Weg zum Scenic Drive. Die Pano­ Reservat gehört, kommt der touristische vajo arbeiten (müssen), gibt es zu kaum
ramapiste ist im gleichen Maße holprig Geldsegen bei den Diné nicht an. India- verarbeitende Betriebe und keine eige-
wie das Visitor Center armselig aussieht. nische Stammestradition scheint sich in ne Dienstleistungswirtschaft.
Wir sind einigermaßen überrascht: Vom den USA im Betreiben von Spielhöllen in Jeder von uns ist ein Tourist und selbst
staatlichen Nationalparksystem der USA Nevada und in der Verwaltung weniger Teil des Problems. Sich ohne Überheb-
waren wir ein professionelles Marketing Touristenattraktionen zu erschöpfen. lichkeit und Heuchelei über die sozio­
mit Hochglanzbroschüren und eine Tatsächlich ist die Armut im Reservat kulturellen Auswirkungen des Massen-
perfekte Infrastruktur mit asphaltierten bedrückend: Fast die Hälfte der rund tourismus’ zu beschweren, ist daher
Straßen gewöhnt – im Monument Valley 300.000 Diné lebt unterhalb der Armuts- gar nicht möglich – schließlich möchte
dagegen wirken selbst die Flyer impro- grenze, ihr Pro-Kopf-Jahreseinkommen nicht mehr jeder Rüganer von der Land-
visiert. Das Merchandising beschränkt beträgt nur rund ein Drittel des US- wirtschaft und nicht jeder Ligurer vom
sich auf einen einzelnen, klapprigen Durchschnitts, die Arbeitslosenrate ist Fischfang leben. Spontan nach links
Holztisch mit Türkisschmuckimitaten. mit rund 40 Prozent exorbitant. Abgese- und nicht nach rechts abzubiegen, ist
Obwohl das Monument Valley zu ihrem hen vom Uranbergbau, in dem viele Na- manchmal aber schon ein Anfang …

… denn das Gute liegt so nah!


Warum in die Ferne schweifen? Auch die unmittelbare
Umgebung von Jena hat einiges zu bieten.

Höhlenburg Buchfart Ostereierbaum Saalfeld Achterbahn Lindenberg


von Luth von rokko rehbein von fabik

I ch war glaube ich 16, als ich im Ge­


tränkemarkt klaute und dabei ausgere-
chnet von meiner Schwester er­wischt
J aja, die letzten Sonnenstrahlen
erhaschen und gleich ist wieder
Dezember! Alles geht so schnell. Wo
M ir kam es vor wie eine Reise ans
andere Ende der Welt: B7-Fahrt
zu Opa- und Oma-Altenburg – das
wurde. Wenig später saß ich vor der sind sie nur hin, die Jahre? Hach! Nicht bedeutete für mich, mich mittels nas-
verschlossenen Wohnungstür, meine nörgeln. Vordenken und schon mal sen Wasch­lappen von meiner Mut-
Mutter hatte mich (verdientermaßen) nächstes Ostern planen. Wegfahren? Nä, ter ins Auto scheuchen zu lassen und
rausgeschmissen. Ich fuhr ins an der viel zu deier. Halt, halt, halt. Das muss mitfiebern wie Tick, Trick und Track
B87 zwischen Mellingen und Bad Berka nicht sein. Die Region bietet ungeahnte gegen die Panzerknacker ankämpfen,
gelegene Dörfchen Buchfart, bekannt Köstlichkeiten. Das pittoreske Saalfeld während die Chris Rea-MC in der End-
für seine überdachte Holzbrücke und z.B. verheißt nicht nur den Gang in losschleife lief. Aber v.a. bedeutete B7
die „Räuberhöhlen“ (wie Einheimische kühle Tropfsteinhöhlen, sondern auch „Achterbahnfahrt“. Meine Achterbahn
sie nennen). In Letzteren wollte ich über- einen imposanten Ostereierbaum. Aus lag direkt hinter Weimar, nicht an der
nachten, und da sie im 14. Jahrhundert einem Kindheitswunsch erwachsen, B7, sondern es war die B7. Am Gewer-
in einen etwa 40 Meter oberhalb der Ilm begann Volker Kraft an Ostern 1965, begebiet Lindenberg ging die Fahrt los:
überhängenden Muschelkalkfelsen ge- seinen Apfelbaum mit selbst bemalten Schnaufend tuckerte unser Trabbi den
schlagen wurden, hieß es klettern. Eiern zu verschönern. Heute trägt der Hügel hoch und mit erhobenen Armen
Die Nacht war trotz Lagerfeuer kalt, Baum 9.200 bemalte, umhäkelte und und einem lang gezogenen Ui! stürzten
brachte am Morgen aber eine Erken- Überraschungseier und ist jedes Jahr wir wieder hinab. Kribbeln im Bauch, die
ntnis: Manchmal lohnt sich das Klauen! die vier Wochen vor und die Woche O-Saftflasche sprang vom Amaturen-
Wer die wunderbare und zudem nach Ostern zu bestaunen – ganztägig brett, links sonnengelbe Rapsfelder, in
vollkommen kostenlose Aussicht eben- und ohne Eintritt! Na also, da kann Sil- der Rückscheibe verschwand die Silhou-
falls genießen und sich als echter Räu- vester entspannt angegangen werden. ette Weimars, tauchte plötzlich wieder
ber fühlen möchte, muss einfach nur Wenn da nicht die Weihnachtsgeschen- auf und schon begann mit einem lauten
die aufgestellten Verbotsschilder ignori- ke für kommendes Jahr wären … Ui! wieder die nächste Abfahrt. Zwar
eren und ein lumpiges Absperrgeländer musste ich mich spätestens bei Süßen-
überwinden. born übergeben, aber noch heute freue
ich mich bei jeder B7-Fahrt auf die Lin-
denberger Achterbahnfahrt.
10 ti
Massentourisums

Und jährlich grüßt der


Campingplatz
Urlaub in Deutschland – das bedeutet nicht selten eintö-
niges Traditionsverhalten und Furcht vor dem Frem-
den. Aber wer sind diese klassischen „Heimaturlauber“
wirklich? Und warum sind sie wie sie sind? Ein (fiktives)
Fallbeispiel.
von Chrime durchaus spannend und farbenfroh, aber
irgendwie auch fremd und unheimlich.

H
elmut geht’s gut. Der 62-jährige „Das is’ nix für mich“, sagt er dann immer.
Schreinermeister steht nicht nur
kurz vor der Rente, sondern auch Xenophobe Gewohnheits-
vor seinem lang ersehnten Urlaub, der balkonier?
ihn wie in den letzten knapp 30 Jahren
an den Campingplatz an der Müritz füh- Das Verhalten von Helmut und seinen
ren wird. Die übliche Entspannung nach Freunden bloß mit Xenophobie („Angst
Wochen und Monaten harter Arbeit eben. vor dem Fremden“) erklären zu wollen, das
Das übliche Einsinken in die Stoffbahn, greift zu kurz. Heimaturlaub-Traditionalis-
die über seinen Liegestuhl gespannt ist. ten tun Vieles in der „schönsten Zeit des
Das übliche In-die-Sonne-Blinzeln unterm Jahres“ aus purer Gewohnheit und nicht
Schlapphut, bis sein Körper krebsrot und zuletzt natürlich auch, um den knappen
ziemlich verbrannt ist. Wenn er sich mal Geldbeutel zu schonen. Zu verurteilen ist
wieder einen Sonnenbrand holt, wird er das sicher nicht, auch wenn man den ein
von seiner Frau Hilde (59, Hausfrau) kurz oder anderen „Balkonier“ gern mal kos-
getadelt, bevor diese selbst versucht, ein mopolitisch an die Hand nehmen würde.
paar Sonnenstrahlen zu erhaschen. Später Möglicherweise ist es sogar so etwas wie
n Lieblingsurlaubsort?
er Deutsche
empfangen die beiden ihre Freunde Heinz „rebellierende Selbstunterwerfung“, die
und Beate zum gemeinsamen Grillen. Man bei im Urlaub zu Hause Bleibenden eine D
kennt sich, und das inzwischen seit 25 Jah- Rolle spielt? Eine Theorie, die in etwa so-
ren. Alles hier im vertrauten und langwei- viel besagt wie die Tatsache, mit Abnei-
ligen Feriendomizil ist ziemlich unkompli- gung auf völlig unbedarfte „Sündenbö-
ziert. Man hat seinen Stammplatz, weiß, cke“ (z.B. fremde Menschen und Kulturen)
wo die kleinen versteckten Ecken sind, die zu reagieren, obwohl eigentlich Groll ge-
die Neulinge noch nicht kennen, und das gen eine ganz andere Person oder Gruppe
Wichtigste: Man spricht Deutsch. – nämlich den Verursacher der eigenen
sozialen Ausgrenzung – gehegt wird. Eine
Exotik aus dem Reisebüro- Erfahrung, die Helmut sicher auch ge-
prospekt macht hat in seinem Leben. Doch das weiß
er leider nicht.
Helmut kann und möchte sich nichts an-
deres für seine spärlich gesäte Urlaubs- 3:0 für Deutschland
zeit im Sommer vorstellen. Und damit ist
er nicht allein. Hunderttausende, wenn Inzwischen haben Helmut H. und seine
nicht Millionen Deutsche verbringen ih- Freunde aufgegessen. Die Bratwürste und
ren Jahresurlaub nicht bei den Pyramiden Steaks waren mal wieder sehr lecker und
von Gizeh, auf den Kanaren oder an nor- das Bier dazu schmeckt sowieso immer.
wegischen Fjorden, sondern schlicht zu Danach gucken die Männer zusammen
Hause. OK, zugegeben, der Campingplatz Fußball. Es spielt Deutschland gegen eine
an der Müritz kostet Helmut immerhin Mannschaft mit lauter Schwarzen, was
eineinhalb Stunden Autofahrt. Für ihn ist Helmut und Heinz immer wieder zu lauten
das ein beinahe gewaltiger Schritt. Raus Schmährufen veranlasst. Aber am Ende
aus seiner kleinen Stadt, raus aus seinem gewinnen die Deutschen mit 3:0 und alles
Landkreis, raus aus seinem Alltag. Er hat ist gut. Die Frauen tratschen derweil ein
natürlich schon gehört von diesen ganzen wenig über die Neue von Boris Becker und
exotischen Ländern mit ihren Palmen den kürzlich eröffneten Öko-Laden in der
und Sandstränden, von den prunkvollen Schillerstraße, in dem „einfach alles viel zu
Tempeln in Asien und den ärmlichen Ver- teuer ist.“ Wie gut, dass es da Urlaub und
hältnissen, in denen afrikanische Kinder Erholung gibt. Und so darf man auch wei-
leben. Auch das ein oder andere Bild hat terhin gelassen bleiben, wenn Helmut und
er sich angeschaut im Prospekt des Reise- Hilde Jahr für Jahr an ihren Campingplatz
büros um die Ecke. Das alles wirkt für ihn an der Müritz fahren.

elleve 11
In 26 Buchstaben um die Welt
Massentourismus

Das massentourismuskritische ABC

von Luth, Chrime, Seba, Frank & rokko semitteilungen des Auswärtigen Amts tsunamigefährdeten Stränden Südosta-
rehbein sollten jedoch berücksichtigt werden, siens oder auf den Schlachtfeldern von
sonst kann durch eine reale Entführung Verdun. Trotz allem immer noch besser

A
nimateur: Gute Laune als Beruf: aus dem Zauber schnell ein Albtraum als Sextouristen.
Für das nötige Kleingeld machen werden.

L
sich Studenten oder andere Jung- onely Planet: Die australische

F
gebliebene für lahme Urlaubsgäste in olklorismus: Besonders üble Fol- Bibel der Rucksacktouristen hält
Ferienresort oder auf Kreuzfahrtschiffen geerscheinung massentouristi- die Holsten- und die Erdinger-
zum Affen. Dabei wird vor keiner musi- scher Erwartungshaltungen, die Brauerei für wichtige deutsche
kalischen oder theatralischen Peinlich- bevorzugt auf indigene Stammeskul- Sehenswürdigkeiten. Ansonsten
keit zurückgeschreckt, um quengelige turen projiziert werden. Vermeintlich wird der Reiseführer v.a. dafür
Kinder oder bierbäuchige Rentner zu authentische Initiationsrituale stolzer kritisiert, durch den Aufruf
„bespaßen“ – ob sie wollen oder nicht. Massai-Krieger oder indianische Regen- zu Reisen in „Schurken-
tänze geben dabei die traurige Kulisse staaten“ deren Militär-

B
utterfahrt: „Ei, dos is’ ower schön! eines rassistischen Unterhaltungspro- diktatur mitzufinan-
Und gar ne’ so deier!“ Gutgläu- gramms für Urlauber ab – die sich beim zieren.
bige Pensionäre, ein Tässchen Mittanzen aber immer­hin auch selbst

M
Kaffee, ein Happen Donauwelle – und zum Brot machen.
ab geht’s zum Verkaufsgespräch. Das

G
Ziel von B.: Den lieben Gedienten das eheimtipp: Heimkehrende Ne-
letzte Pigment aus dem ergrauenden pal-Urlauber haben ein Leuch- odesünde:
Haar pressen, verpackte Minderartikel ten in den Augen, wenn sie das Mit Sandalen und Socken, Ha­waii­hemd
wie Rheumadecken oder patentierte Wort im Munde führen und Reiseführer aus den 80ern, Anglerhut, Digicam und
Rückenkrauler mit integrierter Sonnen- benutzen es fast inflationär. Das Aufsu- einem Sonnenbrand so rot wie ein ge-
milch-Einspritzfunktion zu maximalen chen sogenannter G. gehört zur obers- kochter Hummer begibt sich diese – zur
Preisen verhökern, oft auch mit Kauf- ten Urlauberpflicht. Dumm nur, dass es Mittagsstunde und bei mindest. 40 Grad
zwang und psychologischer Kriegsfüh- G. in Zeiten globaler Informationsflüs- im Schatten – als fleischgewordener
rung. se nicht mehr gibt und der „geheime Bierbauchteutone auf Stadtrundgang
Traumstrand“ dann meist doch schon in Rom.

C
ook, Thomas: „The Godfather of total überlaufen ist.

N
Mass Tourism & All Inclusive“: C. acktbaden: Was in der DDR zur

H
war der erste, der eine Pauschal- eimweh: Ihm geht man am bes- Staatsräson gehörte, im prüden
reise für englische Arbeiter nach Paris ten aus dem Weg, indem man zu Wessten längst in die Schmud-
organisierte (1861), in der die Ausgaben Hause bleibt oder sich eine Ur- delecke verbannt wurde, provoziert in
für Unterkunft und Verpflegung inklu- laubsbekanntschaft zulegt. Mittelmeerländern sofortige Polizei-
sive waren. Die Folgen dieser bahnbre- präsenz Trotz aller ästhetischen Zumu-

I
chenden Idee sind noch heute jeden nterRail: Umweltfreundliche, inzwi- tungen ist N. ein überaus egalitäres Ur-
Sommer auf Mallorca zu besichtigen. schen aber recht teure Möglichkeit, laubsvergnügen.
zum Pauschalpreis durch bis zu 32

D O
rogentouristen: So ambitioniert europäische Länder zu reisen. Die Auf- ffene Grenzen: Ob Pauschalur-
die Urlaubspläne mehrheitlich teilung von Europa in sieben kosten- lauber oder Rucksacktouri: Von
jugendlicher Amsterdam-Besu- günstigere Zonen wurde im April 2007 Skandinavien bis zum Mittel-
cher oft sind, so vorhersehbar ist in der leider abgeschafft. meer und von Portugal bis ins Baltikum
Regel ihr Ergebnis. Statt Rembrandt im reisen ohne Personenkontrollen – der

J
Rijksmuseum gibt’s private Weiterbil- etlag: Vor 30 Jahren noch die ty- seit 1985 ständig wachsende Schen-
dung im Hash Museum, statt betrof- pische Berufskrankheit von Bänkern gen-Raum macht’s möglich. Ob man
fenen Mienen im Anne-Frank-Haus und Außenpolitikern, hat heute fast Mitglied einer terroristischen Organisa-
bekifftes Rumgefeixe vor der Hitler- jeder schon einmal das J. am eigenen tion ist, wird man seitdem nur noch von
Wachsfigur in Madame Tussauds. Ech- Leib gespürt, wenn er nach dem USA- grimmigen US-Immigration Officers ge-
ten Nervenkitzel bereitet D. aber stets Trip auf der Heimfahrt mit dem Zug erst fragt. Aber Vorsicht: (Britische) Ausnah-
die Heimfahrt auf der A 40 über Venlo. in Zwickau wieder erwachte, eigentlich men bestätigen die Regel!
aber schon in Jena aussteigen wollte.

E P
ntführungen: Sich vom exo- ostkarten: Die meist schrill bun-

K
tischen Zauber des Jemen entfüh- atastrophentourist: Fühlt sich ten P. mit kopulierenden Kamelen
ren lassen oder einen Hippie-Trail wohl am Ground Zero, in hoch- oder Kakteen in Penisform sind
in Bangladesh abwandern, das können wasserzerstörten Dörfern des Elb- der sichtbare Beweis, ein taktloser Tritt
unvergessliche Erlebnisse sein. Die Rei- sandsteingebirges, in Tschernobyl, an in die Fresse, dass man diesen Sommer
12 tolv
Massentourismus
W
eiße Flecken: Was um 1500
noch einzelnen Entdeckern
vorbehalten war, erledigt
heute der moderne Massentourismus.
Um den Bedürfnissen von immer mehr
Menschen mit immer grö-
ßerem Freizeit- und
Finanzbudget
nachkommen
zu können, er-
schließt die Touristikbranche längst
dell um die Ecke. Kaum dem auch die letzten W. F. auf der touristi-
Bumsbomber auf dem Bang- schen Landkarte.
koker Flughafen entstiegen, leben

X
S. dann zwei Wochen das aus, was sie erxes: Den achämenidischen
sich zu Hause nie wagen würden. Großkönig könnte man als ers-
ten Tourismusunternehmer der

T
wieder der einzige Loser war, der nur rampen: Wird überhaupt erst Weltgeschichte bezeichnen. Seine
auf Balkonien Urlaub machen konnte. möglich durch Berufspendler, die Kreuzfahrtschiffe mitsamt der 100.000
Meist freut man sich trotzdem über ihr Auto mit vier freien Sitzplät- Mann starken, persischen Kriegerrei-
die herrlich subjektiven Panoramaan- zen durch die Gegend steuern. Kosten- segruppe wurden allerdings kurz vor
sichten des elterlichen Urlaubspara- lose, kommunikative, abenteuerliche Ankunft an den griechischen Ägäis-
dieses und das klein bissl Beachtung, und halbwegs ökologische Fortbe- Traumstränden im Jahre 480 v. Chr.
das einem zuteil wurde. wegungsmöglichkeit, allerdings nicht vom verfeindeten Großreeder Themis-
überall erlaubt (z.B. Baskenland, Aus- tokles zu Salamis verarbeitet.

Q
uo vadis?: Fragte Petrus einst tralien, kanadische Freeways).

Y
seinen Herren Jesus und wurde eti: Begaben sich früher nur spin-

U
wenig später in Rom gekreu- rlaubsbekanntschaft: Som- nerte Eigenbrötler wie Reinhold
zigt. Heute führen Pilgerreisen eher mer, Sonne … na, was fehlt Messner auf die Suche nach dem
gediegen, dafür aber mit tausend an- zur perfekten Urlaubsallitera- sagenumwobenen Y. und verfassten
deren Hape-Kerkeling-Jüngern, nach tion? Richtig: Sex! Vornamen austau- dazu sogar Bücher („Yeti: Legende und
Santiago de Compostela – ohne Kreu- schen, ein letzter kurzer Gedanke an Wirklichkeit“), verwandeln heute Tau-
zigung. die Freundin im kalten Zuhause, und sende zahlungskräftige Alpinisten den
dann im bierseligen Gedanken an die tibetischen Götterberg Chomolungma

R
eisehinweise: Die zuverlässige Freiheit den Urlaub mit untergehender in die höchstgelegene Müllkippe der
Reisebibel bei eher abenteuero- Sonne und dem guten Gewissen, dass Erde.
rientierten Ausflügen in weniger deine „strandsandy“ dich nie wiederse-

Z
bekannte Länder. Beispiel Nordkorea: hen wird, ausklingen lassen. Hieß bei uhausebleiben
„Ausländische Medien sind nicht er- unseren Großeltern noch euphemisti- Schützt besonders zuverlässig
hältlich; Zugang zu ihnen ist Einhei- scher „Kurschatten“. vor >> Heimweh, >> Entfüh-
mischen untersagt. Einheimischen ist rungen, >> Modesünden und >> Jet-

V
der Kontakt mit Ausländern untersagt. ielflieger: Wer die „Star Alliance lag, fremde Kulturen vor allzu viel >>
Internetverbindungen stehen in der Gold Card“ im Portemonnaie ste- Folklorismus. Wirkt vorbeugend ge-
Regel nicht zur Verfügung. Eine Re- cken hat, hat es geschafft: Vom gen aufdringliche >> Animateure und
spektierung des herrschenden Perso- komfortablen Liegeplatz in der First schont das Portemonnaie und die Um-
nenkults wird erwartet.“ Dann kann’s ja Class kann man nun ganz entspannt welt.
losgehen! hinaus auf die ausgedünnte Ozon-
schicht blicken, bis die eintägige Shop-

S
extouristen: Dank Billig-Airlines pingtour in London beginnen kann.
ist der sorglose Fick in Thailand Dank prall gefülltem Bonusmeilenkon-
heute fast so günstig wie früher to geht‘s noch am selben Abend kos-
der heimliche Gang zum Stammbor- tenlos zurück.
tretten 13
Kultur

Buch
Songs, die Autofahrten
retten …
Abgefahren. U.N.K.L.E. – Ho
ld my Hand
In 16 Jahren um die Welt von Luth

Autor: Claudia Metz & Klaus Schubert, Verlag: Kiepen-


heuer und Witsch, 317 Seiten
A utos wurden
te Arm männl
von U.N.K.L.E.s
nicht zum lang
icher Aggressi
sam Fahren er
on. Und so fr
funden, sie si
nd der verläng
„Hold My Han isst der treibe er-
von rokko rehbein markierung so d“ die unterm nd-hypnotisch
rasant auf, dass Bo de nblech durchfl e Beat
zur endlosen sie wie jeder ve utende Fahrba
weißen Nulllini rnünftige Ged hn-

M
loving? Are yo e verschwimm anke in meine
an starrt auf die riesige Leinwand und glaubt u happy being t. „Are you real m Kopf
le gebetsmüh or do you sear ly living or do
der Fülle der Dias nicht. Untermalt von plas- lenartig, unte ch for meaning you seek
pichen. Ich ka rlegt von entr ?”, repetiert Ja
tischen Anekdoten zieht jedes Bild einen nn und möcht ückten „Ohouh mes Lavel-
Mit einem mep e seine Fragen uhuuh“-Backg
Vorhang auf, hinter dem sich eine Welt verbirgt, ein histophelisch nicht beantw roundtep-
das flüchtige Al en Lächeln ve orten, nur wei
Abenteuer, eine Geschichte von zwei Menschen, die lmachtsgefüh rs enke ich das terfahren.
derschöne Inte l, bis am Horiz Gaspedal und
16 Jahre lang alle Kontinente bereist haben und nun rmezzo tötet. ont die morge genieße
ndliche Sonne
gelegentlich Diavorträge darüber halten; aufgeräumt dies wun-
und mit dem grundlegenden Humor, den solch eine
Reise voraussetzt und produziert. Souverän schmun-
zeln beide über die unplanbare Schönheit jedes ein-
zelnen ihrer 257.000 Kilometer, die sie zurückgelegt
haben – und von denen ihr Buch handelt.
Neben ihren Diavorträgen nutzen sie dieses Buch,
Wolfmother – Joker & The Thief
um ihre Geschichte zu erzählen. „Abgefahren. In 16 von Chrime

H
Jahren um die Welt“ rekapituliert die Geschichte von orrorszenario: Man rollt betäubt über die Autobahn. Der Oberkörper kippt
Klaus Schubert, der zusammen mit seiner Freun- schlaff nach vorn, die Augen verengen sich, bilden den Tunnelblick. Die Um-
din Claudia Metz die Idee hat, nur auf Motorrädern gebung fliegt vorbei, Müdigkeit setzt ein. Jetzt macht es sich gut, eine Mischung
zu seiner Schwester in Japan zu reisen. Beide sind aus pochenden Riffs und treibenden Rhythmen an Bord zu haben, die die aufrechte
Anfang 20, ihr Heimatort ist Köln, man schreibt das Sitzposition wiederherstellen. So wie „Joker & The Thief“: Der Song der australischen
Jahr 1981 und vor ihnen liegen nicht nur unendlich Stoner Rock-Band Wolfmother stand bereits Pate für die TV-Werbung einer franzö-
viele Kilometer, sondern auch ein Kontinent mitten sischen Automarke und taucht in diversen Filmen auf. Keine schlechten Referenzen
im Kalten Krieg. Was als zehnmonatige Reise über für eine aufgeweckte Autofahrt.
den Landweg – die Stationen lauten Jugoslawien,
Griechenland, Türkei, Iran, Pakistan und Indien – ge-
dacht ist, mündet schließlich in einen Lebensentwurf,
der das Reisen zur Normalität und das Nomadentum
zur Freiheit erklärt. Dabei entdecken die beiden nicht
Kyuss – Catamaran
nur die Gastfreundschaft der Menschen, sondern er- von Heike

W
fahren auch, wie brüchig das Leben sein kann: Klaus erte Generation! Hier kommt eine vergolde
wird fast von einer Kokosnuss erschlagen, beide über- te Hookline aus der Vergangen-
heit, aus dem Herzstück unserer nostalgis
leben einen Taifun, weil ihre Hütte als einzige stehen chen Verklärung: den 90er-Jahren.
In diesem süßen Zeitalter ersten Heavy
bleibt. Sie geraten in China in Gefangenschaft, weil
Pettings und Vollrauschs war Stoner Rock
angesagt. „Catamaran“ ist der letzte geni
man sie als Spione der Bundesrepublik erachtet, und
eßbare Tropfen dieser Epoche. Der Song
ist die musikalische Essenz des freiheitlic
mehrmals landen sie mit ihren Motorrädern im Stra-
h-lässigen Gefühls, das bestimmt jeder
von uns einmal hatte, eingequetscht zwis
ßengraben. chen zwei betrunkenen Körpern auf
der Rückbank, die segensreich-kühle Fens
Doch genau das ist das Faszinierende an ihrer Ge- terscheibe an der Wange, draußen die
Schwärze der Nacht, darin trunkene Licht
schichte: die Kombination aus Mut, Glück und dem er … und noch 10 Kilometer Heimweg
voll jugendlicher Verbrüderung und laute
unumstößlichen Glauben an sich selbst und die Men-
r Musik.
schen. So bluffen sie, um China verlassen zu können,
bauen ihre Motorräder für eine Amazonasüberque-
rung zu Amphibienfahrzeugen um und durchfahren
Krisengebiete – weil sie selbst erfahren wollen, wie
die Menschen dort leben. 16 Jahre passen in kein
Buch, daher erwartet den Leser kein zusammen-
hängender und durchweg spannend geschriebener
Blur – Song 2
Reisebericht. Aber das muss er auch nicht sein, denn lsierenden
von LuGr gibt es mit diesem pu
g un d nerviges Quengeln ölen und
B
der bloße Fakt der Authentizität macht „Abgefahren“ ed rüc kte Sti mm un fdreh en , mi tgr
nd en Fah rt noch nicht. Au
lesenswert. Wovon viele träumen, ist also doch nicht Song auch na ch zeh n Stu nvollen So titel der
ng
ge n sic h alle Fragen nach einem sin ne im
unrealistisch, sondern nur eine Prise Mut und Glau- Spaß haben. Da erü bri rchlauf noch starke Lau
ben entfernt … wie das unplanbare Glück, nicht n Ro ckb an d. Ma ch t auch beim zehnten Du ne : „W uu uh -hu h …!“
britische d im Sch atten! In diesem Sin
draufzugehen, wenn es am schönsten ist. u be i 30 Gra
kilometerlangen Sta

14 fjorten
Film

Kultur
Hotel Very
Welcome
Regie: Sonja Heiss, Deutschland 2007, Kinowelt Film-

Charts
verleih, 94 Minuten

von Luth

D
ie Menschen, die man heute allgemein als
Backpacker bezeichnet, haben das Unter- von Anni Steinhagen
wegssein zum Lebensinhalt erklärt. Ihre un- Dinosaur Jr. - Over You
sie schon verdammt lange
verbindliche Heimatlosigkeit gilt weithin als hipp Das, was sie machen, machen
und schick. Schon immer waren Reisen aber auch und verdammt gut.
eine Flucht vor und eine Suche nach sich selbst. Ja, Panik – Alles hin, hin, hin
jetzt in Berlin leben: ver-
Die fünf Weltreisenden in Sonja Heiss’ Regiedebüt Fünf Jungs aus Österreich, die
meist kritisch, sensibel, pro-
„Hotel Very Welcome“ sind keine modernen Tou-
trackt, lyrisch, psychedelisch,
ristikhelden, sondern zerrissene, entscheidungs- trotzdem rockig.
vozierend, melancholisch und
unfähige Beziehungsnomaden. In vier Episoden On The Go
The Picturebooks –
schildert der halbdokumentarische Film ihre sondern treten sie gleich
Sie klopfen nicht an die Tür,
schwierige Sinnsuche quer durch Asien. ön, dass deutsche Musiker
„Begegnet dem anderen wirklich.“ – Die Deutsche mit Flammenwerfern ein. Sch
noch Eier haben können !
Marion (Eva Loebau) sucht nach ihrer Rolle als Frau
und Freundin, die Beziehung mit Thomas ist ge-
von Linda Hege
scheitert, „so ’ne Art Trennung auf Zeit.“ In einem von Andreas Hänisch wald
The Airborne
beklemmend sterilen indischen Ashram glaubt Patrick Wolf Toxic Event –
Midnight Sometime Aro
die neben sich Stehende, endlich Gleichgesinnte Auf dem neuen Album und
gefunden zu haben. Wie die anderen Heilsjünger Geballter Indie-
trifft Lord Of The Dance Rock und groß
im „Happy Home“ derwischt sie zunächst in pur- - die Musik de e Stimmbandbr
auf Alec Empires Elek- r Jungs aus Ka ei­te
purnen Einheitsgewändern zu Billigtechno über Radiohead, Mod lifornien erinne
tro-Punk. Irgendwo est Mouse oder rt an
die Tanzfläche und exhaliert ihre extreme Unzufrie- Spielen aber in Franz Ferdinan
zwischen irischer Folk- ihrer eigenen Li d.
denheit, bis sie den sektiererischen Inzest erkennt Angelika Expr ga.
lore und kaltem Elektro ess - Dich gibt
und flieht. Wer träumt de s nicht
schillert Patrick Wolf in nn nicht schon
„Ich laufe nicht weg, ehrlich!“ – Auch der Ire Liam idealen Traum mal von dem su
Neonfarben. partner? Ange per-
(Chris O’Dowd), ein dauerverpeilter Hangaround, richtig: Dich gi lika Express sa
Art Brut – DC Comics bts nicht! gen es
ist auf der Flucht und hadert mit sich selbst. Ein Phoenix- Lisz
„ziemlich besoffener“ One-Night-Stand mit einer And Chocolate Milk- tomania
Nicht ohne Gr
„wirklich hässlichen“ Frau blieb nicht folgenlos. shake und wochenlan
Campuscharts. g Platz 1 bei
In Indien sucht der werdende Vater nun den ulti- Es zählen auch mit 28 Man muss Ph den
hören. oenix einfach
mativen Drogenrausch, verdrängt beim selbstver- noch Dinge, die wir gern
sunken-andächtigen Streicheln heiliger Kühe und schon als kleine Kinder
Kiffen von Mäusescheiße aber nur seine Zukunfts­ toll fanden – darüber
ängste. Angekommen in der Wüste, dem „per- sprechsingt Eddie Argos
fekten Ort zum Nachdenken“, lässt er sich weiter ungemein sympathisch. von Melanie Gollin
es
Jamie T. - Sticks‘n‘Ston dak-
treiben und plant doch allmählich das Danach. The Thermals – When – de r Lieblingsbrite der Re
„Das ist jetzt meine Kreditpolitik!“ – Wie sein bester I Died Er ist wieder da do ch nu r sch wa ch
n ma n
Kumpel Adam (Gareth Llewelyn) ist der neurotische Neues Label, neuer tion. Bei dem Akzent kan
Kontrollfreak Josh (Ricky Champ) „very british“. Als Drummer (mal wieder), werden.
der sensible Adam mitten im Thailand-Urlaub fest- Hockey – Too Fake gs,
dafür weniger Lo-Fi und er weiter. Drei süße Jun
stellt, dass er vollkommen pleite ist, gibt es Geld etwas mehr Pop. Trotz- Fängt super an, geht sup Ne wr ave -Ze ug um
en Ind ie-
und Verständnis von Josh nur noch nach langen
dem klingen sie (fast) die Oregon, die mit ihr
Diskussionen. Nicht nur daran zerbricht letztlich die Eck en fet zen .
wie immer – und das
die fragile Freundschaft der beiden, die auf dem Esser - Headlock davon:
freut uns natürlich! Frisur an! Abgesehen
Liverpooler FC, Biertrinken, pubertärem Paarungs- Man gucke sich diese ren.
l und will es wiede hör
verhalten, Kicken am Strand und nächtelangen Man hört das Lied einma op – tan zen !
von ieder. Elektrop
Fullmoonraves gründet. S
Toy teffen Klü Und wieder. Wiederw
„Suchen? Wonach?“ – So steht die letzte Episode Figh ver
Schö t
mit der Deutschen Svenja (Svenja Steinfelder), die n ve – Trucm
in einem Bangkoker Hotelzimmer gestrandet ist, Song rträu uche
m
sinnbildlich für den ganzen Film. Verpasste An- The s von Be te Son (The Pu
Ette lle & gs d nchl
So e s S ie i
schlussflüge oder finanzielle Engpässe sind nicht ingä – Crown ebastian sehr an ne)
das Problem, das wahre Dilemma besteht in der nich ngig O e d
t f A r i n nern ie gute
inneren Einsamkeit der Protagonisten und ihrem Eels so ausg wie The ge . n
– Be eluts T ing
Verlorensein in der Fremde. Heiss bietet aber keine Ung ginn cht. Ti n
e e gs, a
Lösung an, ihr geht es um die Entmystifizierung des nisse wöhnlic r‘s Luck ber
, trot h tan noch
überholten Abenteurerimages von Backpackern. zdem zbar
irgen er Son
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noch ür Eels-V
ihr S erhä
til. lt-
femten 15
Kreatique

Spuren im Schnee
Kultur

von gonzo

D
er alte Mann lässt eine Zigarette zwischen seinen Schorfige Sperrholzplatten schützen die provisorische La-
grindigen Fingern wandern, mühelos zwischen den gerstätte vor dem kalten Gewölbe der Halle. Knarren und
Knöcheln hindurch, das war mal seine Spezialität. Plagen – tief in den Eingeweiden des Gemäuers. Diaman-
Er wurde früher darauf angesprochen, sogar von Frauen. tene Eiszapfen ergießen sich über jeden Vorsprung, jeden
Manche haben ihn gemocht, den undurchschaubaren Ein- Spalt wie ein Schlüsselbein. Der grundlose, brackige Tümpel
siedler. des einstigen Frischwasserpolders liegt wie ein gähnendes
Die Kippe bekommt einen schneidigen Stoß vom Mittel- Maul in einer unscheinbaren Kellermulde. Ein schwarzes,
finger und landet souverän in einem der improvisierten eisiges Grab für viele unvorsichtige Grabräuber. Feuchter,
Aschenbecher. Und in rostigen Konservendosen mit Boh- körperloser Dunst steigt daraus auf, kristallisiert sich bestän-
nen und Birnen und Trauben und Mais und Paprika mit dig wie Trugbilder in quecksilbernen Fraktalen heraus.
Chili und Tomaten auf Chefsalaten, nach Etikett schon Der alte Lumpensammler sitzt am Feuer und trinkt versetz-
lange geleert und unter dem Bett begraben. Der Alte kau- ten Spiritus aus einer der windschiefen Dosen. Albinoweiße
ert im Lehnstuhl und hat spinngliedrige Krampfadern auf Nachtfalter knistern stoisch über der Glut. Werfen hypno-
der Nase. tische Schatten auf den Schnee. Und er tut es auch: Mond-
Manchmal fühlt er sich wie eine Anatomie-Collage, die er süchtiger, ekstatischer Fandango. Die blecherne Mund-
im Biologie-Unterricht der 5. Klasse anfertigen musste. Hier harmonika zwischen den mahagonifarbenen Zähnen:
befindet sich eine Niere und hier ist noch eine. Lunge, Herz Indianertanz, wild und kannibalisch. Benzin, das im Feuer
und Hirn: dreifaltiges Gestirn. Das rechte Bein bekleidet gedeiht. Tabakblätter, die wie im Zeitraffer in der Feuchtig-
eine Arterie, bei deren Verletzung man unweigerlich ver- keit verfaulen. Segelschiffe, die ranzigen Fisch im Wind
bluten musste. aufhängen und Menschen wie madigen Speck. Vertraute
Dieses Haus war mal eine Schlachterei, damals, bevor alles Gerüche wehen längst vergessene Erinnerungen vom Pier
den Bach runterging. Nur Alpträume erinnern noch daran. des trüben Hafens herüber.
Alpträume von amputierten und stöhnend herumkrie­ Überreifer Sud aus Kirschen und Stachelbeeren – woraus
chenden Schweinehälften und Rindern und greinenden Großvater sirupsüßen Wein machte – und Angeln am Fluss
Kälbern und viel Blut verlieren – viel Blut verlieren. Wie in Kindertagen, als wir Forellen fingen und die Forellen
nach einem sehr schweren Verkehrsunfall. springen nun über klaffende Gräben aus Eis und aus Teer
Die zugige Halle bietet fraglichen Lebensraum, uner- in ein Meer, an dessen Ufer die Gehängten schaukeln, dort,
gründliche Akustiken. Jahrealte, bezugslose Hügel von wo die Stechfliegen fischen, dort, wo die Ratten sich selbst
Ameisenkolonien: Vertrocknete Erdbauten, auf rostfreien verschlingen.
Schlachtbänken errichtet. Blinde, beinerne Spinnenge- Apokalyptische Visionen vom Jenseits des Lichtkegels sein-
schöpfe, die sich in verlassenen Vogelnestern wiegen und er Flamme. Beschwörungen und Flüche im sirenenhaften
grausige Götzen anbeten. Eine speckige Matratze hinter Singsang asketischer Homunkuli. Er schlägt nach Ihnen
den eingeschlagenen Fenstern des alten Vorarbeiter- im Traum, im Schlaf, unfähig ihr eingebildetes Leben zu
büros. Abgenagte, abstrakt verkantete Knochengestelle, beenden. Narrende Windspiele der herabhängenden Flei­
die von namenlosen kultischen Riten zeugen, die dereinst scherhaken: Die Geister der Vergangenheit – sie folgen den
um Beistand und Rettung anriefen. Klamme Flammen aus Spuren im Schnee.
einer ranzigen Feuerstelle, die man mit einem Feuerhaken
schürt.
Wenn der klirrende Winterhauch durch die Ritzen heult,
wird er noch einen Balken auflegen und diesige Zerrbilder
an die beschlagenen Scheiben zeichnen: Mammuts und
Gnus und Gazellen, die von steinzeitlichen Jägern belau-
ert und gejagt werden und gleich verschwinden, wo im-
mer sich sein hagerer Atem auf dem trüben Glas wieder
niederschlägt.

enderson
Foto : Paige H

16 seksten
Und Sonst?
Die andere von Frank

Meinung …
M
an kann die Uhr danach stellen, denn alle zwei Jahre geht es los: Im
wahrsten Sinne des Wortes Flagge zeigen, „unsere“ Mannschaft un-
terstützen, wenn „wir“ gegen England oder Liechtenstein auf dem
at,
er Welt h
Platz stehen (wobei etwa 99,8 Prozent des „Wir“ keinen Fuß auf dem Rasen
c h ts i n d haben). Keine Frage, Solidarität ist ein hohes Gut! Aber in diesem Fall: Mit wem
ni l,
r m l ic h e Tropf, der eift das letzte Mitte eigentlich? Und für wie lange? Bis „wir“ das erste Spiel verlieren? Nun, spätes-
ä gr
"Jeder erb s ei n könnte, er hör t, stolz zu sein
." tens wenn der Alltag die Bundesbürger wieder hat, zeigt sich oft, dass es mit
s t olz nge der Solidarität gegenüber dem eigenen Land so weit dann doch nicht her sein
darauf er , d e r e r gerade a kann. Dabei ist mehr als fraglich, ob man auf so etwas wie ein Land überhaupt
auf die Na
ti o n
u r Sc h o p enhauer) „stolz“ sein kann, ob die Möglichkeit besteht, Stolz für etwas zu empfinden,
(Ar th das man nicht selbst geschaffen hat. Und ungeachtet dessen, welcher Lands-
mann das von sich behauptet: Führt es nicht zwangsläufig zur Überhöhung
der eigenen Lebensart über die der anderen?
Gesetzt den Fall, es wäre möglich: Was ist mit „unseren“ Errungenschaften?
Luther, Goethe, Einstein und so viele andere – ist das nichts, auf das man stolz
sein kann? Hier kommt das ins Spiel, was ich gern „Geschichtsbewusstsein à la

Über den carte“ nennen möchte. Fleißig beruft man sich auf das geistige und kulturelle
Erbe vergangener Generationen, außer, es fällt aus dem goldglänzenden Rah-

(Un-)Sinn des
men der gern erinnerten Geschichte deutscher Großtaten heraus. Dann muss
man „die Vergangenheit“ auch mal „ruhen lassen“. Aber eben nur die negative,
versteht sich. Das ist mindestens inkonsequent, vielleicht sogar trügerisch.

Patriotismus
In jedem Fall macht man es sich damit zu einfach, denn wenn man sich schon
auf „deutsche Traditionen“ beruft, dann doch bitte schön nicht nur auf „Faust“,
sondern auch auf „Mein Kampf“.

Warum hört man von Frank

eigentlich …
I
m Frühjahr 2006 erregte eine Hauptschule im Berliner Stadtteil Neukölln
bundesweite Aufmerksamkeit: „Wir sind ratlos!“ hieß es in einem Brandbrief
der Schulleitung an den Senat der Hauptstadt, angesichts eines Migranten-
anteils von über 80 Prozent, von Sprachbarrieren und Gewalt sei ein normaler
Unterricht unmöglich geworden. Journalistenteams pilgerten zum „Pausen-
hof der Vorhölle“, die Behörden reagierten mit einem Polizeieinsatz und eine
landesweite Debatte um den Zustand unseres Schulsystems begann.
Heute sind die Kameras verschwunden, ebenso wie die damalige Schullei­
terin und einige Lehrer. Der neue Rektor heißt Aleksander Dzembritzk, der
bundesweit einzige Interessent für die Stelle. Seither hat sich eine Menge ge-
tan. Dzembritzki sagt: „Die Stimmung in der Schule ist heute eine ganz andere
als damals.“ Einen Wachschutz an den Eingängen gibt es zwar bis heute, zum
Kollegium gehören mittlerweile aber auch türkische und arabische Lehrer. Es
gibt interkulturelle Moderatoren, die Kontakt zu den (meist türkischen und
arabischen) Eltern vermitteln, Lehrer bei Hausbesuchen begleiten und ggf.
dolmetschen. Außerdem gibt es Schulsozialarbeiter, Boxtrainer, eine Berufs-
und Bewerbungsberatung sowie Ansprechpartner bei, wie es heißt, „Proble-
men mit dem Strafgesetzbuch“. Zu den zahlreichen weiteren Projekten zählen
eine Schulpartnerschaft mit einer indischen Highschool und eine Initiative zur
Reintegration von Schulverweigerern. Im Kunst- und Arbeitslehreunterricht
entwerfen die Schüler T-Shirts mit eigenen Grafiken und vermarkten diese un-
Website des schuleigenen Modelables Rütli Wear
ter dem Label „Rütli Wear“. „Das Signal, das von Rütli ausgeht, ist: Eine Wende
ist möglich!“ sagt Dzembritzki.

… nichts Eigentlich möchte man nur in Ruhe den Schulalltag bestreiten, auch wenn die
Berliner Presse noch oft vorbeischaut. Mit einer Real- und einer Grund­schule
bildet die Rütli-Hauptschule heute eine Gemeinschaftsschule. Mit dem „Cam-

Schlechtes pus Rütli“ ist momentan ein Projekt im Entstehen, das auf 48.000 Quadratme-
tern in den nächsten Jahren ein komplettes Betreuungs- und Bildungsangebot
anbieten will. Geplant sind Kindergärten, Spiel-, Sport- und Freizeitangebote

über die Rütli- – ganztags.


Auch Reisegruppen kommen immer noch in die Rütlistraße, um sich die
berühmt-berüchtigte Schule anzuschauen. Zur 100-Jahr-Feier im Juli werden

Schule? auch wieder Medienvertreter erwartet. Die Bilder und Schlagzeilen werden
vermutlich andere sein. Der Ausländeranteil der Schule ist heute übrigens
durch die Fusion mit der Realschule noch höher als Anfang 2006.

sytten 17
Schnappschuss
Weltweit Green River ist eine kleine 900-Einwohner-Gemeinde im Westen des US-Bundes-
staates Utah, die in den 1960ern v.a. durch eine Raketentestbasis der US-Armee
wirtschaftlich prosperierte. Nach der Schließung des Testgeländes, auf dem
auch die Bundeswehr ihre Pershing-I-Raketen testete, lebt heute jeder fünfte
Minderjährige unterhalb der Armutsgrenze. Heute ist der Ort bekannt für seine
von italienischen Migranten angebauten Wassermelonen.

Literarisch
es Rendez
Vor dem
Hintergrund des Erwachens
vous
europäischer Nationalstaaten an
den Grenzen des Osmanischen
Reichs kämpften in den beiden
Balkankriegen von 1912–1913
die Truppen des Balkanbundes
(Bulgarien, Montenegro, Grie-
chenland und Serbien) gegen
die Truppen des Osmanischen
Reichs. Die beiden Kriege, die
nicht nur mehr als 200.000 Men-
schen das Leben kosteten und
Hunderttausende Muslime zu
Flüchtlingen machten, gelten
Das verschi
auch als Wegbereiter für das
Eintreten der südosteuropä-
ischen Staaten in den Ersten
Weltkrieg.
mmelte Brot
Mein Großvater war sehr tapfer und fast
nichts konnte ihn umstimmen, wenn er sich etwas vorgenommen hatte. Er
hatte einen starken Geist. Dieser Geist holte ihn sogar aus dem Balkankrieg
nach Hause zurück.
von Zweta Schlacht warten musste. „Das hilft, statt Antibiotika, die wir
garantiert nicht bekommen werden“, sagte der Großvater.

W
ährend er auf dem Schlachtfeld der Kriegsausein- Er hatte noch Reste Getreidekaffee und hausgebranntem
andersetzungen unter den einfachen Soldaten war Rakija. Darin löste er einige Brotkrümel und aß davon. Die
und dort den sterbenden jungen Männern in die Soldaten, die davon aßen, haben überlebt. Fast ohne Le­
Augen sehen konnte, verabscheute er den Krieg umso mehr. bensfreude waren diese Männer, das Warten auf den Krieg
Sie waren alle so jung, so unerfahren, fast utopisch und eu- machte sie apathisch. So weckte Großvater mit seinem
phorisch im Kampf. Und das obwohl sie wussten, dass ihnen Schimmelkäse wieder die Lebensgeister der armen, ausge-
gegenüber auch junge Soldaten standen, die ebenfalls nur hungerten Kranken. Seit dieser Zeit isst bei uns zu Hause
unerfahrene Sterbliche waren – Menschen wie wir alle. Sie niemand Schimmelkäse, obwohl er als besonders gesunde
alle hatten mit Tränen in den Augen ihren wartenden Müt- Käsespezialität gilt.
tern gesagt, dass sie zurück nach Hause kommen würden, So kehrte mein Großvater ohne Infektionskrankheit wieder
ob nach Serbien oder Bulgarien oder anderswohin. Der Bal- nach Hause zurück, hatte danach aber immer Probleme mit
kankrieg war grausam, denn er riss viele junge Männer nicht dem Essen, Magen, Darm und den anderen Innereien. Um
in den ehrenvollen Tod im Kampf gegen einen vermeintli- seinen Bauch herum trug er seitdem eine ganz enge Leisten-
chen Feind, sondern in den Tod durch Hunger oder den stütze, wie der Eiserne Heinrich aus Brüder Grimms Märchen –
rastlosen Vormarsch von Krankheiten – ein Sterben ohne nur war die Leistenstütze nicht aus Eisen. Ich habe nie gehört,
großen politischen oder ethischen Grund. wie er sich über etwas beschwerte. Er sagte immer: „Niemand
Das wusste der Großvater und er beschloss daher, den jun- ist größer als das Brot.“ Meinte er vielleicht das Schimmelbrot,
gen Soldaten ein wenig von seiner Lebenserfahrung zu das ihn vorm Verhungern gerettet hatte? Übers Essen machte
übermitteln. Es gab verschimmelten Käse zu Essen. Viele er sich nie lustig. „Man spielt nicht mit dem Essen!“, das habe
warfen ihn weg. Doch der Großvater entfernte vorsichtig die ich später immer von meiner Mutter hören müssen, wenn ich
Sporenschicht grünblauen Schimmels und gab es den er- Brotreste wegwerfen wollte. Einmal schaute sie mich tadelnd
krankten jungen Männern, mit denen zusammen er auf die dabei an, und ich machte es nie wieder.
18 atten
Zwischen den Fronten

Weltweit
In mindestens sieben der 28 indischen Unionsstaaten sind derzeit mao-
istische Untergrundkämpfer aktiv. Besonders im östlichen Bundesstaat
Chhattisgarh führen ihre seit Juni 2005 anhaltenden Kämpfe mit den Sicher-
heitskräften der Regierung zu einem massiven Anstieg von Menschenver-
letzungen. Besonders für die Adivasi, die Ureinwohner der Region, sind die
Folgen verheerend.
von Marlene Schultz das nordindische Bihar, das Hochland
von Jharkhand und Wälder des Deccan-

C
hhattisgarh ist einer der ärmsten Plateaus in Chhattisgarh und Andhra
Bundesstaaten Indiens, er liegt Pradesh.
im Herzen des indischen Stam- Der Süden Chhattisgarhs befindet sich
meslandes. Am 1. November 2000 wur- derzeit nicht mehr unter Kontrolle des
de er durch das indische Bundesparla- indischen Staats, die Dörfer dort gehö-
ment vom Unions­staat Madhya Pradesh ren zur befreiten Zone der Naxaliten. Es
abgespalten. Damit kam man endlich herrscht offener Bürgerkriegszustand,
den Unabhängigkeitsforderungen der Schnellfeuergewehre werden ebenso
Adivasi-Stämme nach, wurden zwi- eingesetzt wie Landminen. Wer nicht
schen 1950 und 1990 doch mehr als 8,5 kooperiert, wird zusammengeschlagen
Millionen Adivasi durch Staudämme, oder erschossen.
Bergwerke und Industrieanlagen sowie
die Einrichtung von Nationalparks aus „Friedensmission“ verschärft
ihrer Heimat vertrieben. Foto: Asian Center for Human Rights
die Situation
Kampf der Kommunisten in Die Maßnahmen des indischen Innen- Es gibt Berichte, dass Dörfer, die sich der Junge Frauen
ministeriums gegen den Naxalismus sa- Räumung widersetzt haben, von Sal- in einem Aus-
Ostindien
hen seit 2005 sowohl die Stärkung der wa-Judum-Einheiten und Sicherheits- bildungslager
Seit einiger Zeit jedoch befindet sich Geheimdienste auf Ebene der Unions­ kräften angegriffen wurden. Denn im der Salwa
der südliche Teil Chhattisgarhs unter staaten, anhaltende bewaffnete Akti- Krieg gegen die Naxaliten machen die­ Judum in
der Kontrolle maoistischer Rebellen, die onen der Sicherheitskräfte sowie eine se kaum einen Unterschied zwischen Chhat­tisgarh.
seit Gründung der Communist Party of beschleunigte wirtschaftliche Entwick- maoistischen Kämpfern und Zivilisten.
India (CPI) im Jahre 1925 aktiv sind. Be- lung der betroffenen Regionen vor. Tat- Wer in einem von den Rebellen kon­
sonders Ende der 1960er-Jahre erlebte sächlich liegt der Fokus viel stärker auf trollierten Dorf wohnt, wird als Naxalit
der revolutionäre militärischer Gewalt als auf friedlicher betrachtet.
Kampf in Westben- Entwicklung. Der Regionalpolitiker Ma- Andersherum sind die Salwa-Judum-
galen eine Neuauf- hendra Karma von der Kongresspartei Lager aber auch immer wieder Ziel mao­
lage. Das Dorf Na- rief 2005 die sogenannte Salwa-Judum- istischer Angriffe. Im Juli 2006 brannten
xalbari, nahe der Kampagne („Friedensmission“ im loka- Naxaliten z.B. ein Camp in Errobore
Grenze zu Nepal, und len Gondi-Dialekt) ins Leben, durch die (Distrikt Dantewada) nieder, wobei 31
der dortige Aufstand sich die Situation dramatisch verschärf- Bewohner getötet und 41 entführt wur-
von Plantagenarbei- te. den. Die katastrophale und komplexe
tern im Jahre 1967 Sie bedeutet eine Entlastung der in- Menschenrechtssituation lässt sich
prägten den Namen dischen Sicherheitskräfte und schafft kaum schnell beenden. Ein Beginn wäre
„Naxaliten“ für ei- durch die Bewaffnung von Zivilisten eine wirtschaftliche und soziale Förde-
nen militanteren Teil, ein militärisches Gegengewicht zu den rung derjenigen Gebiete, in denen der
der sich von der CPI Naxaliten. Doch ist es dadurch fast un- Kampf am heftigsten tobt.
abspaltete. Bis Mit- möglich geworden, zwischen Kämpfern
Marlene Schultz (20) te der 1970er-Jahre und Unbeteiligten zu unterscheiden. Die Unterstützung der Stäm-
studiert Psychologie setzte dieser den Zwischen die Fronten geraten insbe-
an der FSU Jena und ist Kampf als Stadtgue-
me entziehen
sondere Kastenlose und Adivasi. Ganze
Mitglied der Amnesty rilla in Westbengalen Dorfbevölkerungen wurden gezielt in Der ehemalige Ministerpräsident In-
International-Hoch- fort. Infolgedessen Lager, sogenannte Ausbildungscamps, diens, Atal Bihari Vajpayee, meint, der
schulgruppe. Denen wurden viele Naxa- umgesiedelt, wo sie neben ideolo- Konflikt könne nicht mit militärischen
eine Stimme zu ver- liten und ihre ver- gischer Schulung auch eine militärische Mitteln gelöst, die Naxaliten in abseh-
leihen, die mundtot meintlichen Sympa- Grundausbildung erhalten. Vor allem barer Zeit nicht besiegt werden. Der
gemacht wurden, ist thisanten gefoltert, Adivasi werden für die Salwa-Judum- einzige Weg, sie zu schwächen, sei Ent-
für sie ein guter Weg, auch von illegalen „Selbstschutzgruppen“ rekrutiert. Auch wicklung – dadurch entziehe man den
politisches und sozia­ Hinrichtungen wird Minderjährige werden als Special Police Aufständischen die Unterstützung der
les Engagement zu berichtet. Die derzei- Officers (SPO) rekrutiert und erhalten ei- Stämme. Der Staat müsse sich endlich
zeigen. tigen Hochburgen nen monatlichen Sold von 1.500 Rupien Gedanken machen, wie er das Leben
der Naxaliten sind (umgerechnet etwa 25 Euro). der Adivasi verbessern könne.

nitten 19
Weltweit
Länderbericht Nordnorwegen

Verlierst Du die Fassung, wenn dein Zug mal fünf Minuten Verspätung hat,
die Telekom-Warteschleife bereits zum dritten Mal „Hello Holla“ durch deine
Gehörgänge jagt oder die Warteschlange am Sparkassenschalter einfach
kein Ende nehmen will? Dann möchte ich dir von einem Besuch Nordnor-
wegens eher abraten.

von Michael Krukowski und Cagri Dörter der arktischen Klimazone nehmen es den Quadratkilometer kommen nur
nicht sehr genau mit der Zeit. Es gibt sie 1,5 Einwohner – ein Promille des thü-

V
or rund 15 Monaten beendeten im Überfluss. Ein Blick auf all die verlas- ringischen Werts. Die Zahlen verdeut-
wir unser Studium in Jena und senen Fischfabriken, eingeschlagenen lichen, dass Nordnorwegen neben der
beschlossen auszuwandern. Und Schaufenster oder verwaisten Holz- unsagbar schönen wie rauen Natur
wenn man sich erst einmal zu einem häuser mitsamt den verwilderten und eine fast schon spirituelle Einsamkeit
solchen Schritt durchgerungen hat, zugemüllten Hinterhöfen reicht, um zu zu bieten hat. Im Ernstfall kann sich das
dann geht man ihn richtig. Wir entschie- erkennen, wie stark sie Nordnorwegens jedoch schnell zum Nachteil auswirken,
den uns für den kleinen Ort Vardø im einst bedeutendster Fischereistadt zu- gibt es in der gesamten Finnmark doch
nördlichsten Norden – ohne zu wissen, gesetzt hat. Schwermütige Erzählungen
was uns da eigentlich erwartet. über die „guten alten Tage“ sind bei den
meist älteren Einheimischen fast eben-
Ta det med ro! so beliebt wie angeregte Wetterdiskus-
sionen.
Generell ist es für Ausländer nicht leicht, Gemeint ist jene goldene Ära des Fisch-
sich hier einzuleben. Es dauert ein gutes handels, die 1740 mit den Pomoren ih-
Stück, bis man mit den Einheimischen ren Anfang nahm und deren Ende mit
warm wird – nicht der deutschen Besatzung genau 200
nur aufgrund der Jahre später bereits besiegelt schien.
Außentempera- Letztere hat bis heute tiefe Narben im
turen. „Du musst kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung
unbedingt vom und im Antlitz der Natur hinterlassen.
Mañana-Land be- Aber Norweger gelten als zutiefst pa-
richten“, riet mir triotisch und fühlen sich nicht nur auf-
eine finnische grund der langen, dunklen Winter härter
Kollegin. Nun als Kruppstahl. Nun verhelfen die Fol-
Michael Krukowski (28) ist So- gut, diese Anspie- gen der Globalisierung den Sehnsüch-
zialwissenschaftler und sieht lung ist sicherlich ten nach der guten alten Zeit zu neuer
inzwischen schon aus wie ein nicht besonders Konjunktur, in der die Endverarbeitung
norwegischer Walfänger. Seine aufschlussreich, des Fischs noch nicht nach Asien out-
Freundin Cagri Dörter (28) ist wenn es darum gesourct war, als Vardø gut dreimal so
Zahnärztin und hält es trotz tür- geht, über die viele Einwohner hatte, den Ausgangs-
kischer Wurzeln bisher ganz gut Finnmark, Norwe- punkt von Nansens Polarexpeditionen lediglich zwei Krankenhäuser. Deshalb
in der arktischen Kälte aus. gens nördlichstes markierte, Norwegens Natio­nalbank stellt das Flugzeug auch ein unverzicht-
Fylke zu berichten. beheimatete oder durch den ersten nor- bares Verkehrs- und Transportmittel dar,
Aber sie verdeut­ wegischen Unterwassertunnel von sich günstiges Wetter vorausgesetzt. Die vor
licht auf verkürzte Weise, wie die Ein- Reden machte – nicht mit Norwegens über 100 Jahren eingeführten Hurti-
heimischen hier ticken: „Ta det med ro! höchster Arbeitslosigkeit und Abwan- gruten – vormals eine Postschifflinie,
– Nimm’s gelassen!“ derungsrate. „Havet gir og havet tar“, heute hauptsächlich Touristendampfer
sagt ein altes norwegisches Sprichwort, für gutbetuchte Rentner – haben auch
Schwermütige Erzählungen „Das Meer gibt und das Meer nimmt.“ weiterhin eine große Bedeutung.
Willkommen in einer neuen Zeit. Ansonsten liebt der waschechte Nord-
Einmal im Monat sieht sich der Pfarrer in mann sein Auto. Selbst die höchsten
Vardø genötigt, die hiesige Kirchturm- Spirituelle Einsamkeit Benzinpreise Europas halten ihn nicht
uhr nachjustieren zu lassen – nach nur davon ab, ausgiebig von seinem Ga-
wenigen Tagen schlägt sie aber erneut Mit einer Fläche dreimal so groß wie lopper Gebrauch zu machen. Deutsch
mit akademischem Viertel. Die knapp Thüringen und rund 72.000 Einwoh- oder amerikanisch muss es sein, und
2.200 Inselbewohner Norwegens öst- nern ist die Finnmark die größte und wer etwas auf sich hält, zählt gleich
lichster und Europas einziger Stadt in einsamste Provinz Norwegens. Auf je- beides zu seinem Fuhrpark. Typischer-

20 tjue
Was man

Weltweit
weise lässt man den Motor unabhängig Samstagabenden). Norweger gelten
von der Jahreszeit während des ausgie- als ausgesprochen amerikanisiert, ihre über Norwege
bigen Nachbarschaftsgespräches oder Kinder dominieren die europäischen n
Einkaufs laufen. Analog gilt ein solches Gewichtsklassen. nicht wissen m
Verhalten auch für den Gebrauch von
uss
Wasserhähnen oder der Wohnzimmer- Erfroren unter freiem Himmel • Norwegen hat nach
Luxemburg das
beleuchtung. zweithöchste Bruttoinl
andsprodukt der
Trotz der horrenden Alkoholpreise gel- Welt.
ten Norweger als trinkfreudiges Volk,
oft wird der Sprit selbst gebrannt. Nicht
• Das Einkommen jed
es registrierten
Arbeitnehmers ist im
wenige verloren dadurch ihr Augenlicht, Internet öffentlich
einsehbar.
noch mehr erfroren mit stattlichen Blut-
alkoholwerten unter freiem Himmel. •In Norwegen duzt ma
n sich und reicht
Im Fachgeschäft findet sich alles, was sich nur beim ersten
der Hobbybrenner benötigt. Verkaufs- Kennenlernen die
Hand. Es ist auch un
üblich, sich „Guten
schlager sind große Einliterflaschen, die Appetit“ oder „Gesu
ndheit“ zu wün-
bereits einen Schluck hochprozentigen schen.
Aromazusatz enthalten. Ansonsten
Schuppen im nordischen Nir- • 14 Prozent von 1.000
Befragten in Oslo
glaubten, in Nordnorw
gendwo egen gäbe es Eis-
bären, 5 Prozent waren
sich nicht sicher.
Aber auch der rastende Norweger fin-
det Mittel und Wege, nicht erst Rost
• Süßigkeiten werden
in der Regel nur
am Wochenende gege
anzusetzen. Traditionell verbringt er ssen.
die Wochenenden „auf Hütte“. Das sind
einfache, meist ohne Strom oder Wasser
und in großzügigem Abstand voneinan-
der errichtete Schuppen im nordischen Wo man unbedingt hin sollte:
Nirgendwo, zu denen bestenfalls eine
Hamningberg, ein verlassenes Fischerdorf.
Schotterpiste hinführt. Man erreicht sie
Der ca. 20 Kilometer lange Weg dorthin ist
oft nur querfeldein per Quad, Schnee-
Norwegens Touristenweg Nr. 1. Hier gibt es
mobil, zu Fuß oder auf Ski. Und so sitzen
Strände schöner als in Brasilien.
sie dann jedes Wochenende – im Winter
mit atemberaubenden Polarlichtern, Wo man besser nicht hin sollte:
im Sommer bei 24-stündigem Sonnen-
schein – auf Hütte, trimmen sich auf Hurtigruten, die Touristenschiffe, die
ausgiebigen Touren, angeln oder jagen. zwischen Bergen und Kirkenes eingesetzt
Dazu essen sie traditionell Fårikål (Kohl­ werden. Stinklangweilig zieht die Küste
eintopf mit Lammfleisch), Königskrab- kann Bier in jedem Supermarkt bis 20 am Fenster vorüber, während man sich zwi­
ben, Fisch, Schneehühner oder Rentier. Uhr (Sa bis 18 Uhr) erworben werden, schen Rentnern und noch mehr Rentnern
Alles Schmarrn! Zwar stimmt es, dass allerdings schlägt eine 0,5-Liter-Dose wie in einem schwimmenden Sarg fühlt.
Hütten auch heutzutage in größt- mit umgerechnet etwa 2,50 Euro zu Bu-
möglicher Einsamkeit gebaut werden, che. Härterer Stoff kann ausschließlich Auf jeden Fall!
sodass die erholsame Ruhe allenfalls über das sogenannte Vinmonopol er- Ausgiebiges Zahnstochern. Dein
durch grasende Rentiere oder freilau- worben werden. Rotwein und Schnaps Platznachbar soll ruhig wissen,
fende Schafherden gestört wird. Ihre sind allerdings so teuer, dass für Hard- was es als Hauptgang gab!
Ausstattung hingegen steht einem mo- core-Trinker nur die Fahrt nach Finnland
dernen Einfamilienhaus in nichts nach, bleibt, dort ist es ja auch ganz schön. Auf gar keinen Fall!
schließlich will man auch am Wochen- Apropos Finnland: Meine Arbeitskolle- Tiere überfahren. Ab dem Spätfrühjahr
ende seinen festen Ritualen huldigen: gin wird Vardø aufgrund fehlender Job- grasen überall in Nordnorwegen Rentiere
Fernsehen, Country-Musik hören und aussichten Ende des Sommers verlas- und Schafherden wild. Es kommt einer
„Grandiosa“-Tiefkühlpizza essen (sta- sen. Es wäre für die Stadt bereits die 33. Bankrotterklärung gleich, eins dieser Tiere
tistisch erwiesene Lieblingsspeise an Abwanderung allein in diesem Jahr. zu überfahren, da der Bauer neben dem
eigentlichen Wert auch den Wert mögli-
cher Nachfahren berechnet.

s46'
Rufu
r, User '
o : Flick
Fot

tjueen 21
Liebesgrüße aus
Hermannstadt
Weltweit

Moin Keule! Wo steckst Du eig


entlich, Du Pfeife? Wolltest
Du nicht nach Spanien? Mein Plattenbaus aus Ceauşe
Gott, was für eine Erleich- scus Zeiten
terung das für uns alle wäre! rauscht die Europastraß
Nach einem Praktikum in e nach
Meran in Südtirol arbeite ich Bukarest entlang – mit Lkw
hier in Rumänien. Ist ’ne ziem
mich nur ein paar Haare gek
nun als Germanistikdozent
lich spannende Sache, hat
die bei uns vor 20 Jahren
schon nicht mehr
s,
aus
Nac

de
ostet, denn hier läuft dann
doch so einiges anders – wen fahren durften! Aber
n’s überhaupt mal läuft.
hric

r
Nun gut, Du dürfest ja mit Kor das ist noch lange nix
ruption und postkommu-
nistischen Zügen bestens ver gegen ’ne italienische
auch ein ehemaliges Parteim
Mein DAAD-Stipendium ist gut
traut sein, bist bestimmt
itglied (naja, fast).
finanziert, was mich
Industriestadt. Auweia!
Am 25. Januar endet der Fe
ht
etwas bei Laune hält bei dem
aber für die Zukunft erstmal
ganzen Schrott hier. Nutzt
Spaß hier und ich fliege
zurück ins Reich (manche
r ne
nix: Ab Februar bin ich
Ein-Euro-Jobber am Marburge Siebenbürger sehen das
r Kulturamt. Egal. Ich freue tatsäch-
mich unendlich auf ein etwas lich so). Seltsame Sache
geregelteres Leben mit hier,
’ner eigenen Bude, die hoffent viel Klüngel, viel Reichtum
Marktplatz liegen wird. Noch
lich direkt am Marburger
aber noch mehr Armut,
, Von: Thomas Leßmann
was ist passiert: Ich habe
mir eine Freundin angeschaff
tut echt mal gut, auch wenn
t. Ist ganz prima so was …
und vor allem bald keine
Mittelschicht mehr, u.a.
An: Lutz Thormann
sie ein bisschen kaputt ist dank
(bin ich ja auch irgendwie). Abe der dollen Europäisierung
r solche Frauen erwische .
ich wohl immer! Wie auch immer, ich hoffe,
Das mit dem Stadtlärm in Gen Dir geht’s gut (das ist ern
ua kann ich ungefähr
gemeint)! La revedere,
st Thom
nachvollziehen: Direkt an der
Haustür meines hübschen a s.

ACOTO-Kolumne: Co w trawie piszczy – Was piept im Gras?


20 lat wolności – 20 Jahre offene Grenze
von Martin Müller der Regierung. ACOTO machte am 4. Freiheit haben wir ein völlig anderes Polen“)
Juni im Rahmen einer Straßenaktion auf – so lauten in Polen die Antworten. Sieht man

2
009 ist das Jahr, in dem sich die die Ereignisse in Polen des Jahres 1989 das auch in Jena so? Eher nicht. Hier verbin-
Ereignisse des Wendeherbstes und aufmerksam. Wir fragten Passanten, den mit dem Mauerfall nur zehn Prozent der
des Mauerfalls zum 20. Mal jähren, was sie heute mit diesem Jahr verbin- Menschen auch Freiheit. Darunter versteht
wie in Deutschland, so auch in Polen. den, was zu nahe liegenden, aber auch man in Jena (und in Ostdeutschland) wohl
Und doch hört man dort andere Töne, überraschenden Äußerungen führte. eher Reisefreiheit, genauer, freies Reisen in
sieht nicht die gleichen Farben … „Die Bevölkerung hat die Diktatur ge- den „Westen“. Dazu ein Hinweis: Vor 20 Jah-
stürzt“, „Die Mauer ist gefallen“ oder „ein ren öffneten sich auch zwischen Polen und
Im Polen des Jahres 2009 sind es v.a. neues Lebensgefühl“ sei entstanden. Ostdeutschland die Grenzen, wohlgemerkt
die damaligen Ereignisse um den Run- Andere verbanden dieses Jahr mir ihrer nach fast zehnjähriger Schließung!
den Tisch (okrągły stół) und die aus Einschulung, sagten einfach nur „Beton“ Aber Polen und Deutsche haben wohl doch
diesen Verhandlungen hervorgegan- oder meinten, „Betteln auf der Straße“ einiges gemeinsam. Denn was liest man
genen halb freien Wahlen (półwolne habe es vor 1989 nicht gegeben. Auch noch in den polnischen Zeitungen? 20 Jah-
wybory), an die erinnert wird. Halb frei „soziale Sicherheit“ gebe es heutzutage re Kapitalismus. 20 Jahre Transformation. 20
waren sie, weil 65 Prozent der Sitze im nicht mehr, dafür aber „Freiheit“. „20 lat Jahre Demokratie. Alles Antworten, die man
Sejm (Unterhaus des Parlaments) be- wolności“ („20 Jahre Freiheit“), „Moje 20 auch in Jena findet. Schön, dass man dann
reits vor der Wahl für Vertreter der Re- lat wolności“ („Meine 20 Jahre Freiheit“), doch so vieles gemeinsam hat. In diesem
gierungsparteien „reserviert“ worden „Po 20 latach wolności mamy zupełnie Sinne: Szczęśliwej podróży – Gute Fahrt!
waren. Trotzdem hatte Polen danach inną Polskę” („Nach 20 Jahren
mit Tadeusz Mazowiecki den
ersten oppositionellen
Ministerpräsident
der Nachkriegs-
geschichte an
der Spitze

22 tjueto
Weltweit
Mein schönstes
Dach Meine schlimmste

n g
f a hr u
Grenzer
der Welt

der Welt

von fabik von Luth

D I
amaskus liegt in Syrien, das wusste ich. Der Lonely m Juli 1989 verbrachten wir unseren Jahresurlaub wieder
Planet erzählte mir, dass man dort saubere und lan- in Mövenort auf Rügen, ein Ritual. Als damals Neunjähri-
ge Kleidung schätze und in der letzten arte-Doku ger wusste ich nicht, wusste niemand, dass die DDR die
sprachen sie davon, dass es dort auch diese sogenannten Hitze ihres letzten Sommers drückte. Dicht gedrängt lüm-
Fundamentalisten gäbe. Es war Spätfrühling im Jahre 2004 melten am Strand von Nonnevitz die nackten Leiber – durch
– Sprachkurs im Orient. Doch darum ging es eigentlich selbst genähte Windschutze parzellierte Werktätige, wohin
nicht. Es ging um den kleinen Strohhalm, nach dem ich griff, man auch schaute. Während ich verschämt auf dem Bauch
der mich damals und immer wieder in den Nahen Osten lag, kündigten meine Eltern das Tageshighlight an: eine
trieb, der mich davon überzeugen sollte, dass die arabische Nachtwanderung durchs dichte Sanddorngehölz der Steil-
Welt doch mehr sei, als mir meine Dozenten weiszumachen küste. Wir wussten, was das bedeutet, uns Kinder ergriff eine
versuchten. Mehr als die Konjugation von Verbformen aus- Mischung aus Vorfreude, Neugierde und nackter Angst.
gestorbener Sprachen und mehr als Lichtprojektionen zer- Mit einsetzender Dunkelheit ging es los, sogleich legte
kratzter Münzen in abgedunkelten Islamwissenschaftsvor- mein Vater einige Meter zwischen sich und den Rest der
lesungen. Familie. Die Hosen voll schlichen wir um jede Wegbiegung,
Vier Wochen lang führte mich meine Suche durch eng- das erwartungsvoll-schadenfrohe Grinsen der Mutter im
lischsprachige Parallelkulturen, Wasserpfeifenlethargie mit Rücken. Von irgendwoher tönte der leise Ruf eines Kauzes.
Apfelaroma und touristischen Entdeckungszwang grie- Wir kannten den Verursacher, es machte die Angelegenheit
chisch-orthodoxer Bergkirchen und kitschschwangerer Tou- nur noch beunruhigender. Brüllend und mit zur Fratze ver-
ri-Basare, bis ich merkte, dass mein Ziel kaum 20 Treppen- zerrtem Gesicht sprang mein Vater aus dem Dickicht, nur
stufen über meinem Bett lag, bei der einzigen „Dozentin“, die entzückt-entsetzten Schreie dreier Kinderkehlen waren
die es, auf einem weißen Plastikstuhl sitzend, vermochte, noch lauter. Vollgepumpt mit Adrenalin erreichten wir den
mir diese Welt zu vermitteln. Aisha, meine Sprachkurslehre- Wacht­turm. Die unbewegte Ostsee vor uns war nicht nur ein
rin und Geliebte, und ich saßen Hand in Hand auf diesem Haufen Wasser, sie war zugleich eine – wenn auch unsicht-
Dach, dessen Ausblick nicht nur von den verfallenen Hütten bare – Grenze.
des palästinensischen Flüchtlingslagers bis zum strahlend Kaum hatten wir uns mit anderen Nachtschwärmern vorm
weißen Präsidentenpalast, nicht nur vom luxuriösen Hotel Maschendrahtzaun niedergelassen, blitzte dröhnend das
„Cham Palace“ bis zu den staubigen Hängen des Berges Qa- taghelle Licht eines riesigen Suchscheinwerfers auf. Wie
syun reichte. jeden Abend wurde die Ostsee nach „Grenzverletzern“ ab-
Der Ausblick dieses kleinen, schmutzigen Dachs am Stadt- gesucht. Endlos zog sich der Scheinwerferstrahl bis zum
rand von Damaskus schaffte es, die Illusion einer Kultur Horizont, meterweise tastete sich der Lichtkegel die Kimm
zu zerstören, von der ich vorher nicht einmal wusste, dass entlang und knipste auf ameisengroßen Schiffen den Tag
ich sie hatte. Während Satellitenschüsseln so schmerzhaft wieder an. Nur um die Schiffe der DDR-Marine machte er
jahrhundertealte, konfus gebaute Lehmbautenarchitektur einen großen Bogen – aus „Geheimhaltungsgründen“, wie
aufbrachen, sträubten sich in grünes Neonlicht getauchte man mir erklärte. Doch war ich völlig gebannt von dieser
Minarette, sich in mein Bild einer traditionellen, archaischen Höllenmaschine konzentrierten Lichts.
Religion einzufügen, als christliche Friedhöfe, die fast im Zurück gingen wir am Strand. Unvermittelt tauchten
grau brennenden Smog verschwanden, sich der von mir aus dem Dunkel die Konturen zweier NVA-Soldaten auf.
zugedachten muslimischen Homogenität verweigerten. Schleunigst den Strand verlassen, Grenzgebiet! Ein Arm
Aisha, die durch Fernsehen und Sprachschüler westlich so- und reale Angst packten mich, beide ließen mich bis zum
zialisierter schien als ich und es mit ihren Koranrezitationen Bungalow nicht mehr los. Meine zweite und letzte Grenzer-
und Imambesuchen doch fast schaffte, mich meines atheis- fahrung machte ich nur vier Monate nach den Erlebnissen
tischen Glaubensbekenntnisses zu entreißen, bis sie schließ- dieses 89er-Sommers: Über die Grenze bei Eisenach fuhren
lich wieder über ihre „schmutzigen schiitischen Nachbarn“ wir in den „Westen“, zum ersten Mal. Meine Eltern heulten
hetzte, und ich saßen auf diesem Dach und wir sträubten die ers­ten Kilometer in Hessen, und wieder begriff ich nichts.
uns, es jemals wieder zu verlassen. In diesen Minuten aber verschwand: ihre Angst.

tjuetre 23
Ausgabe 46: Der stellvertrende Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringens, Ilja Rabinowitsch:
„Es sind wirklich nur Kleinigkeiten, die einem Frieden im Wege stehen!”
Ausgabe 47: Der palästinensische Journalist Khalid Amayreh:
Weltweit

„Widerstand ist eine moralische Verpflichtung.”

„Die Enttäuschung zu durchbrechen ist


In unserer Nahostserie wollen wir auch Menschen zu Wort kommen lassen,
die sich vor Ort für eine Lösung der Probleme einsetzen. Mit Henrik Meyer,
dem Projektmanager des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Palästi-
nensischen Gebiete, sprachen wir über die aktuelle Lage.
UNIQUE: Ihr Büro für die Palästinensischen Autonomie- Gibt es auch eine wie auch immer geartete Zusammen-
gebiete befindet sich in Jerusalem. Ist es Ihnen als „au- arbeit mit gewählten Vertretern der Hamas?
ßenstehendem“ Beobachter überhaupt möglich, den Nein, die gibt es nicht. Natürlich muss man sich irgendwie
Alltag der Palästinenser unmittelbar zu erleben? mit den politischen Realitäten vor Ort auseinandersetzen.
Henrik Meyer: Unser Büro befindet sich in Ost-Jerusalem, Unsere Partner sind jedoch unseren Idealen verbunden und
auf palästinensischem Gebiet. Die Mitarbeiter unseres Büros stehen der Hamas kritisch gegenüber.
und unsere Nachbarn sind Palästinenser. Aber ich gebe Ih-
nen Recht: Das Leben außerhalb Ost-Jerusalems ist ein an- Wie ist dann eine Arbeit im Gazastreifen möglich, ohne
deres als das in der Stadt. Das ist einer der Gründe, wa­rum die Hamas als politische Realität zu involvieren?
ich in Ramallah lebe und täglich nach Jerusalem pendle. Im Gazastreifen arbeiten wir schwerpunktmäßig in den
Abgesehen davon arbeiten wir nicht nur in Ost-Jerusalem, Bereichen Menschen- und Frauenrechte sowie Zivilgesell-
sondern eben auch in Ramallah, Bethlehem, Nablus – sogar schaft. Das sind Bereiche, die dem unmittelbaren politischen
in Gaza. Ich denke, dass ich das Alltagsleben der Palästinen- Zugriff entzogen sind und eher auf einer menschlichen Ebe-
ser relativ gut miterlebe. ne ansetzen. Wir müssen der Anwesenheit der Hamas natür-
lich insofern Tribut zollen, als wir etwa Projekte, die sich mit
Wie gestaltet sich dieses Alltagsleben, welche Einschrän- der Fatah beschäftigen, nicht im selben Maße durchführen
kungen gibt es? können wie in der West Bank. Trotzdem ist politische Arbeit
Man kann sich, sofern man nicht einmal selbst vor Ort gewe- im Gazastreifen möglich, sinnvoll und ausgesprochen wich-
sen ist, kaum vorstellen, was es bedeutet, als Palästinenser tig.
im eigenen Land zu leben. Siedlerstraßen durchziehen das
Land, die Palästinenser nur eingeschränkt nutzen dürfen. Häufig ist die die Rede von einem„Bruderkrieg“ zwischen
Die Siedlungen mit fast einer halben Million Einwohner mit- den Palästinensergruppen auf Seiten der Fatah und der
ten im palästinensischen Gebiet sind für Palästinenser voll- Hamas. Ist eine Selbstverwaltung der Palästinenser an-
ständig gesperrte Bereiche. Um zwischen den verbliebenen gesichts dieser Bedingungen überhaupt denkbar?
Gebieten zu wechseln, müssen sie mitunter Tunnel benut- Das ist eins der größten Probleme, denen sich der Friedens-
zen oder wochenlang auf eine Genehmigung warten. Ihr prozess gegenübersieht. De facto kann die Palästinensische
Leben spielt sich auf sehr kleinem Raum ab. Autonomiebehörde ihre Aufgaben nur noch für die Bewoh-
ner der West Bank erfüllen. Gleichzeitig führen die Streitig-
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit lokalen Ak- keiten zwischen Fatah und Hamas dazu, dass auch die PLO
teuren, etwa der palästinensischen Selbstverwaltung? nur noch bedingt für alle Palästinenser sprechen kann. Es
In den palästinensischen Gebieten sind sehr viele interna- muss deswegen allen Akteuren, die an einem konstruktiven
tionale Akteure aktiv. Die Palästinenser haben eine gewisse und erfolgreichen Friedensprozess interessiert sind, daran
„Routine“ im Umgang mit ihnen. Unsere Partner sind poli- gelegen sein, die nationale Einheit der Palästinenser zu be-
tische Parteien, Think Tanks, Gewerkschaften und Organisa- fördern. Hierzu gehört auch, den Palästinensern eine echte
tionen der Zivilgesellschaft. Vonseiten der Palästinensischen Perspektive für die Errichtung eines eigenen, lebensfähigen
Autonomiebehörde haben wir keine Schwierigkeiten, im Staats zu eröffnen. Umfragen zeigen, dass die überwie-
Gegenteil. Unsere Arbeit wird als wichtig empfunden, da wir gende Mehrheit der Palästinenser nach wie vor an Friedens-
direkt den politischen Prozess in den palästinensischen Ge- verhandlungen und einer Zweistaatenlösung interessiert
bieten befördern. ist. Wenn dieses Ziel von den anderen beteiligten Akteuren
ernsthaft angestrebt wird, werden auch die Palästinenser
wieder mit einer Stimme sprechen wollen und können.

zerstörtes Haus Ihre Abteilung hat auch Untersuchungen zum Gazakrieg


in Gaza-Stadt
publiziert. Inwieweit erleben Sie und Ihre Mitarbeiter
die Gewalt des Nahostkonflikts überh. selbst mit?
Wir sind die einzige politische Stiftung, die ein Büro im
Gazastreifen hat. Während
des jüngsten Kriegs waren
wir alle in großer Sorge um
unseren dortigen Kollegen.
Bei unseren regelmäßigen
Besuchen sehen wir, wie
verheerend die Gewalt den

24 tjuefire
Foto: FES Jerusalem
Ausgabe 48: Peaceman aus Gaza und Hopeman aus Sderot: Tunnel an
„Wir sind nur wenige Kilometer von einander entfernt ...” der Grenze
zwischen

Weltweit
Ägypten
und dem
Gaza-
nicht einfach.“ streifen

Gazastreifen getroffen hat. Zudem lebt man im ständigen


Bewusstsein, dass es mit der relativen Ruhe jederzeit vorbei
sein kann. Auch innerpalästinensische Gewalt, die im letzten
Monat etwa in Qalqiliya und Hebron aufgeflammt ist, erfüllt alem
alle Menschen, die in den palästinensischen Gebieten leben, SJ erus
: FE
mit ständiger Sorge. Dennoch bietet das Leben dort – trotz Foto
aller negativen Aspekte – auch viele schöne Dinge und ist
bei Weitem nicht in dem Maße von Gewalt geprägt, wie es Die Palästinenser sind von jahrzehntelang erfolglosen Ver-
im Ausland wahrgenommen wird. handlungen enttäuscht. Diese Enttäuschung zu durchbre-
chen ist nicht einfach. Alles, was Obama gesagt hat, wurde
Das heißt, in der Berichterstattung des Auslands wird mit Wohlwollen aufgenommen. Gleichzeitig glaubt aber
ein einseitiges bzw. verzerrtes Bild geliefert? kaum ein Palästinenser, dass der Rede politische Fortschritte
Die Lage in den Palästinensischen Autonomiegebieten und folgen werden. Die Sympathien der Palästinenser für Obama
in Israel ist komplex. Kaum jemand wird die Situation ver- sind groß – das ist eine Chance für den Friedensprozess, die
stehen, ohne vor Ort gewesen zu sein. Medienberichterstat- man nicht verpassen sollte.
tung aus dieser Region ist eine äußerst schwierige Aufgabe
und sie schafft es in der Tat nicht immer, ein ausgewogenes Benjamin Netanjahu sprach vor Kurzem erstmals von
Bild zu transportieren. Weder sollten die bestehenden Pro- einem eigenen Palästinenserstaat, wenn auch mit er-
bleme dazu verleiten zu denken, das Leben in Palästina sei heblichen Vorbehalten. Wie wurde diese Äußerung von
von ständiger, massiver Gewalt geprägt, noch sollte man den Palästinensern aufgenommen?
über die bestehenden Konflikte hinwegsehen und denken, Man sollte die Äußerung in ihrem Kontext lesen: Netanjahu
das relativ einfache Alltagsleben in Ramallah zeuge davon, hat einem Siedlungsstopp gleichzeitig eine klare Absage
dass Probleme nicht vorhanden oder gelöst seien. erteilt, Jerusalem als „ewige“ und „ungeteilte“ Hauptstadt
Israels bezeichnet und die palästinensischen Flüchtlinge als
Wie beurteilen Sie insbesondere nach dem Gazakrieg Verhandlungsgegenstand vollständig ausgeschlossen. Die
die humanitäre Situation in den palästinensischen Ge- Erwähnung des „Palästinenserstaats“ wird hierdurch wert-
bieten? Konnten Sie sich selbst ein Bild machen? los, die Idee der Zweistaatenlösung ad absurdum geführt.
Die humanitäre Situation ist von Region zu Region sehr un- Für die Palästinenser bietet die Rede keinen Anhaltspunkt
terschiedlich. In Ost-Jerusalem und Ramallah ist die Lage für neue Hoffnungen im Friedensprozess, im Gegenteil.
zwar nicht optimal, dort haben die Menschen aber im We-
sentlichen Zugang zu allen notwendigen Lebensmitteln In unseren bisherigen Interviews zum Nahostkonflikt
und medizinischer Versorgung. In den ländlichen Gebieten hieß es mal, nur Kleinigkeiten stünden einem Frieden
der West Bank, v.a. in den Gegenden um Jenin und Hebron, im Weg, ein anderer Interviewpartner sagte, er glaube
sieht es schon ganz anders aus. Die Infrastruktur der israeli- nicht mehr an eine Lösung des Konfliktes. Gibt es im
schen Siedlungen macht dort eine wirtschaftliche Entwick- Nahen Osten noch Optimisten?
lung fast unmöglich und führt zu einem erheblich höheren Ja, allerdings werden es immer weniger. Je länger der Frie-
Maß an Armut. Der Gazastreifen schließlich befindet sich densprozess stagniert, desto größer wird die Zahl derjeni-
humanitär nach wie vor in einer äußerst prekären Lage. Die gen, die sich desillusioniert vom politischen Prozess ab-
Menge an Gütern, die über die israelischen Grenzübergän- wenden. Wenn wir vermeiden wollen, dass zukünftig die
ge kommt, reicht bei Weitem nicht aus, die 1,5 Millionen Parteien, die sich gegen den Friedensprozess aussprechen,
Bewohner zu versorgen. Und auch die Tunnel nach Ägyp- an Zulauf gewinnen, muss diese Abwärtsspirale durchbro-
ten können diese Lücke nicht schließen. Zum Beispiel sind chen werden.
viele der im jüngsten Krieg zerstörten Krankenhäuser immer
noch nicht wieder funktionsfähig, weil Ersatzteile fehlen. Glauben Sie persönlich noch an eine friedliche Lösung?
Der Gazastreifen wurde während des Kriegs stark zerstört. Selbstverständlich, sonst würde ich nicht in diesem Land
Seither ist kaum etwas geschehen, sodass die Lage dort arbeiten! Ich denke, dass mit der neuen US-Administration
noch immer fast genauso wie unmittelbar nach Kriegsende die realistische Chance besteht, dem Friedensprozess neu-
ist. Ein Wiederaufbau des Gazastreifens ist nach wie vor das es Leben einzuhauchen. Der Weg zum Frieden ist vielfach
humanitäre Gebot der Stunde. vorgezeichnet worden. UN-Resolutionen, die Roadmap, die
Annapolis-Konferenz und insbesondere die Arabische Frie-
In Europa wurde viel über die Bedeutung der Kairoer densinitiative zeigen den Weg zum Frieden auf.
Rede von Obama geredet, von einem „Neuanfang“. Wie
haben Sie die Reaktionen der Menschen vor Ort erlebt? Das Interview führte Frank.

Henrik Meyer arbeitet seit September 2008 als Projektmanager in der Niederlassung der Friedrich-
Ebert­-Stiftung (FES) in Jerusalem. Er studierte Politikwissenschaft, Islamwissenschaft sowie Sozial-
und Wirtschaftsgeschichte in Hamburg und Damaskus. Seit dem Jahr 2003 ist Meyer Mitglied der
Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) der Universität Hamburg. Vor seiner Arbeit bei
der FES Jerusalem war er u.a. als Journalist und als Mitarbeiter des Asien-Afrika-Instituts der Univer-
sität Hamburg tätig. Seine Arbeitsgebiete bei der FES Jerusalem sind Wirtschafts- und Sozialpolitik,
Frauen und Jugend sowie die politische Kooperation mit der palästinenischen Partei Al-Mubadara.

tjuefem 25
Zuhause Das tanzende Deutschland
Feiern ist schön, egal wo, egal mit wem. Tanzen
macht Spaß, klappt bei Deutschen aber erst,
nachdem sie vorgeglüht haben.

von Roman Gherman weil ihnen jemand erzählt hat, dass ih­
nen erzählt wurde usw. Im Zweifelsfalle

M
eine Schwester tanzt. Sie kann man die „Verbindungshilfe“ von
könnte wahrscheinlich tan­ StudiVZ im Internet aufrufen.
zend zur Schule laufen, wenn Diesmal bin ich bei einer reinen Tanz­
die Menschen von Reaktionen á la „Was party. Es sind viele Austauschstudenten
ist das für eine Außerdeutsche?“ abse­ da. Die Musik ist toll, der Rhythmus
hen würden. Ab und an hat sie Auftritte, stimmt – aber keiner kennt den Titel.
denn wenn man Turniertanz betreibt, Also bleiben erstmal fast alle stehen. Die
wird man gern eingeladen. Neulich Partymäuse kleben an den Wänden und
trat sie auf einem Ball in einer kleinen schauen die wenigen Tanzenden an. Die
Stadt irgendwo in Thüringen auf, die Männer unterhalten sich und schauen
Band spielte ein langsames Lied. Ein die Frauen „unauffällig“
Mann vom Nachbartisch entschied sich, an. Andere holen sich ein
holte tief Luft. Mit kleinen, unsicheren Bier von der Bar und kle­
Schritten sowie breitem Grinsen trat er ben sich dazu. Irgendwie
an die Auserwählte heran und gebar erinnern sie mich alle an
einen Satz: „Dürfte ich Sie zum Tanz ein­ Pinguine, die kerzengerade
laden?“ und dennoch wackelig
Die Frau schloss kurz und charmant die durch den Raum irrlich­
Augen, gab ihm die Hand, die beiden tern, um nach Weibchen
verschwanden auf der Tanzfläche. Sie Ausschau zu halten. Dabei
tanzten Rumba, einen Liebestanz zu halten sie ihre Bierflaschen
wunderbar langsamer Musik. Man hatte mit beiden Händen so fest, Roman Gherman
das Gefühl, dass alle Pärchen gleiche Be­ als bestehe Diebstahlge­ (23) studiert Südost-
wegungen ausführten und sich nur ihre fahr. Danach nehmen alle europastudien und
Unterkörper bewegten. Zwischen den dieselbe Position an den Politikwissenschaft
Tanzpartnern hätten jeweils noch zwei Wänden ein: ein Bein an­ an der FSU, ist Mit-
weitere Menschen Platz gefunden. Alle gewinkelt nach hinten, das glied der Melton
waren so unglaublich konzentriert wie andere als Standbein, die Foundation und Int.
bei einem Bewerbungsgespräch. Als der Bierflasche als Haltegriff, Ro­-Vorstand. Mit 17
Tanz vorbei war, kehrten die Paare zu in den Gesichtern unisono Jahren kam er aus
ihren Tischen zurück. Die Frauen sahen ein Ausdruck der Gleich­ Moldawien nach
glücklich aus, ihre Begleiter schauten gültigkeit und ultimativen Deutschland und
sie hoffnungsvoll an. Ihr Auftreten ver­ Coolness. betrachtet die deut-
mittelte das Gefühl, dass sie etwas Hel­ Ich versuche eine Frau zum sche Gesellschaft in
denhaftes und Unmögliches vollbracht Tanz einzuladen, aber sie der UNIQUE gern
hatten. schaut mich nur komisch aus seiner eigenen
Auf einer großen Studentenparty lernte an und versteht nicht ganz, Perspektive.
ich zwei interessante Frauen kennen. was ich von ihr möchte.
Ich mache gern Witze und bin – jeden­ Sicher glaubt sie, dass ich
falls aus deutscher Sicht – öfters etwas sie anbaggern möchte. Ich lächle nur,
aufgedreht. Manche meiner Freunde lo­ drehe mich um und sehe am Rand eine
ben meine Tanzkünste, andere sagen, ich Frau stehen, die vermutlich aus Spanien
tanze seltsam. Die zwei Frauen kamen oder Italien kommt. Unsere Blicke tref­
mit auf die Tanzfläche. Auf der nächsten fen sich, ich muss gar nichts sagen. Sie
Schnappschuss Party erzählte mir ein Freund, zwei Kom­
militoninnen hätten ihm berich­tet, dass
lächelt, unsere Körper berühren sich
zum Tanz.
Nicht schlecht staunt man als ahnungsloser sie einen „witzigen Mann“ kennenge­ Die Musik aus den Lautsprechern zer­
Ostseeurlauber, wenn man in Mövenort ganz im lernt hätten und er „total betrunken“ schneidet die Luft: „Aurélie, so klappt
Norden der Insel Rügen durch die Kiefernwälder mit ihnen getanzt hätte. Für mich war es das nie, du erwartest viel zu viel, die
des Bakenbergs streift und plötzlich vor diesem eine neue Erkenntnis, dass eine Flasche Deutschen flirten sehr subtil …“
Ortseingangsschild von Jena steht. Die Erklärung Bier und eine Cola betrunken machen,
aber ist ganz einfach: Zu DDR-Zeiten befand sich mehr hatte ich an diesem Abend näm­
an dieser Stelle ein Betriebsferienheim der FSU lich nicht getrunken. So klein sind aber
Jena, übrig blieb davon nur das Schild. die Studentenstädte, jeder kennt jeden.
Und wenn nicht, dann gibt es immer
Leute, die dich doch angeblich kennen,

26 tjueseks
Container Love

Zuhause
„Alles Wesentliche wird uns geschenkt“
(Joseph Ratzinger)
und im Dunkeln durch diese ten Brocken schnell geborgen, haupt­
Vorstadtödnis zu tappen, das sächlich Biogemüse und -käse.
löst nur Depressionen aus Zu Hause breiteten wir unser „gefun­
– noch dazu, wenn man von denes Fressen“ vor den Augen unserer
wachsamen Nachbarn miss­ WG-Genossen auf dem Küchentisch aus.
trauisch beobachtet wird. Die Reaktionen schwankten zwischen
von Michael Franz Doch Anne ließ nicht locker. Schon am Spott und Ekelbekundungen. Anne und
nächsten Abend hatte sie mich überre­ ich fanden es aber gar nicht so übel. In

„W
arst du schon mal Contai­ det, doch mitzukommen zum „Paradies den folgenden Wochen schauten wir
nern?“ Ich stellte meiner der kleinen Preise“ gleich um die Ecke. auch hinter anderen Lebensmittelmärk­
WG-Mitbewohnerin Anne An der Lieferrampe hinterm Laden ten nach und fanden fast überall unver­
diese Frage beim Schlürfen eines Heiß­ war alles ruhig und dunkel. Die An­ schlossene Container vor. Da wir es – im­
getränks an einem tristen November­ wohner schauten fern, von ihnen ging mer sauber bleiben! – hauptsächlich auf
abend. „Nein, noch nie gehört. Was ist also keine Gefahr aus. Wir näherten Bio-Lebensmittel abgesehen hatten,
das?“ Nachdem ich das wenige, was ich uns zwei blauen Müllkübeln. Als der mussten wir natürlich auch viel liegen
über diese Form der Lebensmittelbe­ Bewegungsmelder die Beleuchtung lassen. Die Mengen an Lebensmitteln,
schaffung wusste, wiedergegeben hat­ anknipste, erschreckten wir kurz. Prak­ die angestoßen oder verfallen mitsamt
te, war ihre Neugierde bereits geweckt. tisch, so brauchten wir nicht mal unsere Verpackung im Müll landen, waren be­
Sogleich begann sie, Vorschläge zu Taschenlampen! Klappe auf und … ja eindruckend. Es müssen in Deutschland
unterbreiten, wo man überall schauen nun, was soll ich sagen? Schnittblumen jährlich Hunderttausende Tonnen sein.
könnte, und fragte sich, ob die Contai­ und Danone-Jogurt, dazu Bananen mit Wenn ich an die Rechnung denke, die
ner hinter den Discountern überhaupt Druckstellen und allerhand freudloses unsere Kinder eines Tages dafür zahlen
zugänglich und offen seien. Gemüse. Nachdem ich länger herum­ werden …
Von so viel Enthusiasmus war ich über­ gewühlt hatte – Anne plagten nun doch
rascht. Im Grunde hatte auch ich keine Berührungsängste – und wir beide aus­ Weitere Infos:
große Lust auf die Aktion. Es regnete giebig gekichert hatten, waren die bes­ http://container.blogsport.de/

Aufgeschnappt! von gonzo

de r
h i n „I
ch schwöre ja auf das Monolith-Repair-Nutrition-Gel von Rimmel

Neulic
Couture London!“, da ist sich Renate sicher. „Das strukturiert einen
kindlich verspielten Teint mit klassischem Terrakotta-Haselnuss-
Touch, durch hochwertige Essenzen aus blauem Seegras, Kaktusfeige und

Dr o g eri e Honig.“
„Aber Renate, Nutrition-Gels sind doch ein alter Hut! Der patentierte Mil­
lennium-Komplex von Vichy ist hingegen ein sanftes, aber hochpotentes
Anti-Oxidans auf Wasserbasis, das tief in die Falten eindringen kann und
Unreinheiten dort bekämpft, wo sie entstehen. Gefährliche Mikromuta­
tionen der Unterhaut werden so auf ganz natürliche Art und Weise abge­
baut und zu wertvollen Delta-Atropinen reduziert.“
Sibylle lässt den Blick skeptisch zwischen beiden Produkten wandern:
„Delta-Atropin ist aber auch ein nicht unumstrittenes Allergen. Ich möchte
da keine unnötigen Risiken eingehen! Durch kontrolliert ökologisch ge­
wonnene Heilerde aus afrikanischem Savannentorf mit natürlichem Fluor­
gehalt und Brom erreichst du hingegen annähernde Gesichtsstraffung,
wie unter dem Skalpell.“
„Wenn du wirklich vergleichbare Ergebnisse haben willst, kommst du an
Atropin nicht vorbei. Klinische Tests beweisen: Bella Donna und Scopola­
min können die Hautalterung zwingend verlangsamen. Prof. Dr. Ztlevrek
hat das in seinen Studien nahezu belegt.“
Renate legt einige Cremes in den Einkaufswagen, zeigt auf eine auffal­
lend goldene Tube und fährt unbeirrt fort: „Aber nur, weil sie die neuesten
Erkenntnisse der Forschung außer Acht lassen. Modernste Produkte aus
dispersiven Wacholderauszügen in Verbindung mit konzentrierten Peter­
silienextrakten sorgen für ein ausgewogenes Zellwachstum und strapa­
zierfähiges Haar. Das analoge Wacholder-Nukleotid dockt an die beschä­
digten Rezeptoren an und bekämpft so aktiv freie Radikale. Unabhängige
Foto: Arun Joseph Untersuchungen haben darüber hinaus gezeigt, dass Petersilie das Leben
um bis zu drei Jahre verlängern kann!“

tjuesju 27
Zuhause

Im Dort-
munder Se-
Was vom Leben
niorenheim
„Haus am
Tiefenbach“
bleibt …
kümmert
sich der
Klinik-Clown Die Erkenntnis der Nac
einmal im ht an
Monat um den Grenzen einer
Demenz-
kranke. unergründlichen Welt
Foto:
Andreas
Beer

Inmitten von Einsamkeit, Vergesslichkeit, Kot und Todessehnsucht


spüren Demenzkranke immer noch unsere Liebe.

von Sandra Jörges ben den Schwarzton, der rot aufleuch­ Mischung, denn ihr Körper ist mit blau­
tet, wenn das Licht der Entreelampen en Flecken übersäht. Fast täglich sei der

A
uf ihrem Nachttisch gleich neben der Zimmer auf sie fällt. Heute Nacht ist Notarzt hier gewesen, dem Pflegeperso­
dem Bett des kleinen Raums, den sie allein verantwortlich für alle 53 De­ nal blieb keine andere
sich Frau T. mit einer Bewohne­ menz-Bewohner auf Etage 2. Möglichkeit mehr als
rin teilt, steht ein gerahmtes Foto. Im die Fixation. Schwes­
Zimmer riecht es so streng, dass man Kein Platz für Melancholie ter Stefanie streicht
sofort die Fenster aufreißen möchte. Frau S. zärtlich die
Kein Sofa, kein Tisch, keine Bilder an den Der Pflegewagen lässt sich schwer schie­ schneeweißen Haare
Wänden, nichts, was eine behaglichere ben, aber das gibt Schwester Stefanie aus dem hageren Ge­
Atmosphäre schaffen würde. Allein die die Möglichkeit, vor jedem Eintritt in ein sicht und fasst sich mit
Vorhänge in dunklem Grün sind Farb­ Zimmer die Lebensgeschichte seines der freien Hand an die
kleckse in dieser Welt des Vergessens, Bewohners in Kurzform zu erzählen. Sie Wirbelsäule. Die gan­
in der Welt der Demenz. Es wirkt, als kennt jede einzelne und es erschreckt, ze Nacht Patienten
hätten die Bewohner der Etage 2 kein wie sich alle gleichermaßen auf zwei drehen und säubern Sandra Jörges stu-
Leben geführt, bevor sie hier, unberührt bis drei Minuten zusammenschrump­ geht auf den Körper. diert Islamwissen-
von der Hektik außerhalb der Mauern, fen lassen. Ihr Dienst dauert von 22 bis Als die Zimmertür schaft an der FSU
immer tiefer in ihrer Gedankenwelt ver­ 7 Uhr und bei 53 Bewohnern, die meist ins Schloss fällt, sehe Jena. Auf der Suche
sanken. vergessen haben, dass man die Toilette ich im letzten Licht nach dem Leben
Nur dieses eine gerahmte Bild steht zu besuchen hat, wenn es erforderlich die leeren Augen von arbeitete sie u.a. als
einsam im Zimmer von Frau T. Es macht ist, bleibt für Melancholie kein Platz. Frau S. Lehrerin in Palästina,
traurig, weil es das Einzige ist, das dem So stehen wir also im Zimmer von Frau als Aushilfe an einer
Raum eine kleine persönliche Note ver­ T. und wechseln die Windel einer 75- „Ich dachte, ich kön- Tankstelle, assistier-
leiht. Es zeigt einen jungen Mann um jährigen Frau. Schwester Stefanie deckt
ne gut mit Menschen te einem Frauenarzt
die 30 mit vollem, dunklen Haar und sie zu, streichelt ihre Wange und flüs­
umgehen.“ und absolvierte ein
eindrucksvollen Augen. Es ist ein schö­ tert: „Schlaf noch ein bissl, kleine Süße.“
Praktikum in einer
ner Mann. Er schaut in die Kamera mit Dann wendet sie sich an die Zimmerge­
Demenzklinik.
einem Blick, der bereits alles gesehen nossin Frau S. Beim Zurückschlagen der Die Szene, die sich im
zu haben scheint. Er wirkt wie jemand, Decke kommen Fixationsbänder zum Nachbarzimmer bie­
mit dem man gern ein Gespräch geführt Vorschein. Demenz reduziert die Kör­ tet, wäre lustig, wenn
hätte. perfunktionen stetig auf ein Minimum, sie nicht so traurig wäre: Herr H. liegt in
Schwester Stefanie ist 27 Jahre alt und die angeborenen Schutzreflexe lassen seinem Bett, während er von einem auf­
damit nicht einmal halb so alt, wie die nach. Dafür hat Frau S. einen gesteiger­ geregten Herrn L. mit erhobenem Zei­
Bewohner, die sie betreut. Ihre Haare ha­ ten Bewegungsdrang. Eine gefährliche gefinger angebrüllt wird. Seine Nacht­

28 tjueåtte
Impressum
tischschublade ist geöffnet und tropft. Frau T. hält das für eine gelungene Idee. Die UNIQUE ist eine unabhängige Zeitschrift, die
„Wieder in den Nachttisch gepullert, Ihre Ausdrucksweise ist gewählt – als sich mit inter- und subkulturellen Fragen auseinan-
Herr L.?“ Schwester Stefanie erzählt, er ehemalige Deutschlehrerin hat sie sich dersetzt. Sie wird von der Redaktion sechs bis
mache das ständig und da er es vergisst, das bewahrt. acht Mal im Jahr veröffentlicht. Öffentliche
war das natürlich sein Zimmernachbar Gegen fünf Uhr in der Frühe beginnen Redaktionssitzungen finden jeden Donners­
Herr H. Herr L. kann ihn nicht leiden, die Vögel draußen – außerhalb dieser tag um 18 Uhr im Haus auf der Mauer* statt.
weil er nicht versteht, was dieser frem­ Schattenwelt – ihr tägliches Lied. Die
de Mensch ständig in seiner Wohnung letzte Runde macht sich fast von allein.
Herausgeber:
sucht. Ich bin stolz, dass mich die Arbeit nicht
UNIQUE-Redaktion im Int.Ro
mehr beinahe ohnmächtig werden
Wieso fällt es mir hier so schwer? lässt. Aber ich habe mich zu früh gelobt. Johannisplatz 26, 07743 Jena
Als das Licht das Zimmer von Frau F. er­ Tel.: 03641/930996 Fax: 03641/930995
Plötzlich steht ein anderer Herr im Zim­ hellt, muss ich es sofort wieder verlas­ E-Mail: unique-magazin@live.de
mer und fragt nach dem Zug. Dieser sen. Der Würgreiz ist übermenschlich. Webseite: www.unique-online.de
müsse gleich kommen und überhaupt Frau F. sitzt auf ihrem weißen Bett, ihre
warte er bereits stundenlang auf sei­ Arme kotverschmiert, auf dem Boden Chefredakteure: Fabian Köhler (fabik) – V.i.S.d.P.
nen Sohn. Ich bin überfordert, stehe braune Flecken. Lutz Thormann (Luth)
mit der vollen Windel des Herrn L. im Schwester Stefanie schickt mich zu Frau
Redaktion: Carola Wlodarski (Caro), Christoph Matiss
Raum und weiß weder, was ich sagen, T. nebenan. Ich soll sie neu lagern, wäh­
(Chrime), Florian Keil (gullyterrorist), Frank Kaltofen, Hei­
noch wie ich reagieren soll. Schwester rend sie „das Missgeschick“ beseitigt. Ich
Stefanie reinigt das Bett von Herrn H., betrete Frau T.’s Welt diese Nacht zum ke Fröhlich, Jura Hölzel (Jura), Lutz Granert (LuGr), Ralf
der seine benutzte Windel im Bett ver­ letzten Mal. Als sie wieder zugedeckt ist, Rohmann (gonzo), Robin Korb (rokko rehbein), Sebasti­
teilt hat. Er war einst ein angesehener folgt ihr Blick dem meinen zum Bild auf an Schieweck (Seba), Stefan Berke (bergi), Steven Hopp
Doktor der Humanmedizin. So wie er dem Nachttisch. Ich weiß jetzt, dass es (Montana Otterbein), Tilmann Fruntke (ture), Zwetelina
nun mit angsterfülltem Gesicht und ihren Mann zeigt, mit dem sie 40 Jahre Vassileva-Nickl (Zweta)
zusammengekauert in seinem Bett lie­ ihres Lebens verbrachte, mit dem sie ei­ Lektorat: Lutz Thormann
gend Schwester Stefanie fixiert, kann er nen Sohn hatte, der Polizist war und der Satz & Layout: Fabian Köhler, Frank Kalthofen, Stefan
sich daran weder erinnern, noch weiß vor einigen Jahren im Dienst ums Leben
Berke, Carolin Volkmann
er, wer diese junge Frau ist. Herr E. sieht kam. „Wissen Sie, wer das ist?“, frage ich.
Bilder: Redaktion, insofern nicht anders angegeben
mich noch immer erwartungsvoll an. Sie überlegt lange, und ich meine, dass
Ich habe Berührungsängste, ekele mich. meine belangslose Frage in ihrer un­ Onlinebetreuung: Patrick Mehner, Fa­bian Köhler
Das Gefühl steigert sich, als er sich in ergründlichen Welt verschwunden ist. Diese Ausgabe wurde außerdem unterstützt von:
Richtung Tür dreht. Der Mann ist nass Doch dann sieht sie mich an und ant­ Austen Spanka, Carolin Volkmann, Ingo Weidig, Marlene
und riecht nach Urin. wortet lächelnd: „Nein, meine Gute. Wer Schultz, Martin Müller, Martin Freibicke, Martin Thormann,
Schwester Stefanie sieht mich nicht an. ist denn das? Und wer bist Du?“ Michael Franz, Sandra Jörges, Roman Gherman, Sahra
Sie ist damit beschäftigt, Herrn S. wie­ Rausch und Stephan Barth
derholt in sein Bett zu beordern und Kleine Gesten der Menschlichkeit Druck: Schöpfel, Weimar
versucht, dem verkrampften Herrn H.
Auflage: 4.000 Exemplare
endlich eine neue Windel anzulegen. Eine Nacht an den Grenzen geht zu
Mir wird bewusst, wie hilflos ich bin. Ende, an den Grenzen der eigenen und
Ich dachte, ich könne gut mit Men­ einer unergründlichen Welt mitten un­ Die UNIQUE und all ihre Inhalte stehen,
schen umgehen. Wieso fällt es mir hier ter uns. Eine Nacht, die mich verlegen insofern nicht anders gekennzeichnet, unter
so schwer? Herr E. wackelt mit kleinen macht aufgrund der Liebe, die Schwes­ einer Creative Commons-Lizenz. Alle Inhalte
Schritten vor mir her. In seinem Foto ter Stefanie mit kleinen Gesten der dürfen weiterverbreitet werden, insofern
an der Zimmertür erkennt er nicht sich, Menschlichkeit verteilte, ihrer Fähig­ der Autor genannt wird und die Texte bzw. Bilder nicht
sondern den erwarteten Sohn: „Mein keit, für andere da zu sein. In unserer kommerziell genutzt werden. Näheres findet ihr unter:
Kleener, da biste doch endlich!“ Glück­ Welt verteilen wir Liebe nicht einfach. creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/legalcode
lich strahlt er über das ganze Gesicht. Wir verlangen eine Gegenleistung, üb­
Der Gang durch alle Zimmer dauert ca. licherweise wollen wir zurückgeliebt
Wir freuen uns jederzeit über eingereichte Leserbriefe,
eine Stunde. Schwester Stefanie würde werden. Die Bewohner auf Etage 2 aber
sich gern mehr Zeit für die Bewohner wissen morgen, wenn Schwester Ste­ Artikel und Fotos von außerhalb. Es besteht jedoch kei­
nehmen, vielen muss sie das Wort ab­ fanies nächster Nachtdienst beginnt, ne Veröffentlichungspflicht. Anonym eingesandte Manus­
schneiden. Sie ist allein und kann nicht nichts mehr von der Liebe heute. kripte finden leider keine Beachtung. Namentlich gekenn­
viel Zeit für Persönliches aufbringen. Sie Es wird gesagt: Wenn jemand in dein zeichnete Artikel müssen nicht der Meinung der Redak­
muss Medikamente stellen, die Kurven Leben tritt, dann, damit du etwas lernst, tion entsprechen. Die Redaktion behält sich die Kürzung
der Bewohner ausfüllen und den Pfle­ was du nicht weißt. Bevor man fragt, von Leserbriefen vor. Für den Inhalt von Anzeigen ist die
gewagen für den nächsten von vier erscheint ein Mensch, der Antwort gibt Redaktion nicht verantwortlich.
Durchgängen vorbereiten. und er ahnt kaum, welch einen Dienst er
dir damit erweist. Das sind die Gedanken,
Zu früh gelobt die ich habe, als ich endlich in meinem
Bett liege. Wer sie gesagt hat? Ich habe
Es ist halb vier. Wir sitzen im Aufent­ es vergessen, aber gestern Nacht traf ich
haltsraum. Als ich etwas zu trinken hole, einen Menschen, der mir Antwort auf
spaziert eine nackte Frau den Gang ent­ eine Frage gab, die ich nicht gestellt hat­
lang. Frau T. hat sich ihrer Kleider entle­ te. Was bleibt von einem Leben? Albert
digt und wandelt nun über die Flure. Wir Schweitzer meinte: „Das einzig Wichtige
bringen sie zurück ins Bett und beschlie­ im Leben sind die Spuren der Liebe, die
ßen, die letzte Pflegerunde zu beginnen. wir hinterlassen, wenn wir gehen.“

tjueni 29
An einem deutschen Tatort – Barack
Zuhause

Obama in Buchenwald
Der Besuch des amerikanischen Präsidenten regte zum Nachdenken über
den Umgang mit der deutschen Vergangenheit an.
Foto: Adam Lederer

wurde auch, an welcher Stelle die ganz und gar nicht zur Situation und
Studenten fürs Fernsehen als „Wink- zum Ort, an dem wir waren, passten.
elemente“ zu platzieren seien – wir Oder vielleicht doch? Beide sprachen
waren dann doch nicht nur Erfül- jedenfalls davon, wie wichtig es ih-
lungsgehilfen, sondern durften Oba- nen sei, dass mit Barack Obama ein
ma, Merkel und Elie Wiesel begrüßen amerikanischer Präsident Buchen-
und uns kurz mit Ihnen unterhalten. wald besuche. Das geschehe eben
Auch eine wichtige Frage: Welche nicht nur um des Ereignisses willen,
Personen dürfen den Präsidenten vielmehr eröffne sein Besuch eine
und die Kanzlerin während der Füh- Reihe von Möglichkeiten, diesen
rung durchs ehemalige Lager beglei- Ort des Gedenkens zu einem Ort zu
teten? Der thüringische Ministerprä- machen, der von den Gästen Wei-
sident zum Beispiel durfte nicht. mars und den Weimarern genauso
von Martin Müller Es war eine Debatte, bei der Wahl- besucht werden sollte wie die ehe-
kampf, Geschichtsdeutung und malige Kulturhauptstadt selbst. Glei-

A
ls Barack Obama am 5. Juni die Suche nach dem richtigen Um- chermaßen war es den beiden sehr
das ehemalige Konzent- gang am konkreten Ort bis zum wichtig, diesen Moment gemeinsam
rationslager Buchenwald letzten Moment eine wichtige Rolle mit uns teilen zu können, da wir die
besuchte, durfte eine Gruppe von spielten. Am Abend zuvor waren Vertreter einer Generation seien, die
Gedenkstätten-Mitarbeitern und wir nach Buchenwald gefahren, erst die Form des Gedenkens an die Op-
Geschichtsstudenten der FSU Jena dort erfuhren wir: Es werde doch kei- fer des Nationalsozialismus und die
den Besuch des amerikanischen ne Diskussion mit dem Präsidenten Art der Erinnerung zukünftig mitbe-
Präsidenten vor Ort miterleben. Wir geben, wie sie von deutscher Seite stimmen würden.
hatten die Chance, einen Blick hin- vorgeschlagen worden war. Statt- Das Treffen mit Obama, Merkel und
ter die Kulissen zu werfen und die dessen würden wir einen ganzen Tag Wiesel vor dem Eingang zum Lager-
Planungen im Vorfeld zu verfolgen mit Bertrand Herz und Floréal Barrier gelände nahm nur einige wenige Mi-
– wenn auch aus einiger Distanz. Wir verbringen können, zwei Buchen- nuten in Anspruch. Jedoch blieb Zeit
erlebten, wie sich die amerikanische wald-Überlebenden. Für Obama, genug, ein paar Worte zu wechseln.
Präsidentenadministration und das Merkel und Wiesel gab man uns fünf Ein „It’s good to see the youth invol-
Bundeskanzleramt bis zum letzten Minuten Zeit. ved here!“ des Präsidenten genügte,
Tag harte Diskussionen lieferten, die Spannung war nun sichtlich ge-
wie ein solches Medienereignis zu Erste Höhepunkte löst, es blieb nicht viel mehr, als dem
planen und zu insze- Präsidenten ein „Glad that you are vi-
nieren sei: Zu Besuch Der folgende Tag sollte spannend siting that place!“ zu entgegnen …
war immerhin der werden. Klar war das Zusammentref-
Nachfahre des ame- fen mit Obama für uns der Tageshö- Wahlkampf auf dem Ettersberg
rikanischen GIs, der hepunkt, in Erinnerung bleiben aber
im Jahre 1945 ein wohl die ausführlichen Gespräche Dass der thüringische Ministerprä-
Außenlager von Bu- mit Herz und Barrier, die wir mittags sident den Besuch für eigene Wahl-
chenwald mit befreit im „Hotel Elephant“ in Weimar füh- kampfzwecke zu nutzen versuchte,
hatte. ren durften und nach einer hastigen indem er sich mit Barrier und Herz
Fahrt in der Eskorte hoch zum Etters- ablichten und der Thüringer Kultus-
Martin Müller (25) berg – vorbei an mehr als 3.000 sicht- minister sich ohne Akkreditierung
Sturmfrisuren,
ist Student der baren und versteckten Polizisten hoch zum Ettersberg fahren ließ, nur
Osteuropäischen Winkelemente und
(ein Anblick, der skeptisch stimmen um Obama und Merkel möglichst
Geschichte und Geschichtsdeutung konnte und sicher nur durch wenige medienwirksam die Hand schütteln
der Politikwissen- Fotos bezeugt wurde) – fortführten. zu können, wurde von Barrier und
schaft an der FSU Es wurde erörtert, Herz nur müde belächelt. Und so
Jena. Er ist Mitglied wo Frau Merkel un- flüsterte Barrier beim Eintreten von
Generationen im Gespräch
bei ACOTO, weil es bemerkt von Ka- Althaus scherzhaft, wer das denn
auf die Frage „Was meraobjektiven das Mit Barrier und Herz sprachen wir sei. Kurzum: Das Zusammentreffen
ist das? – A-CO- Haar gerichtet wer- über Vieles: Über ihre Erfahrungen mit Obama und Merkel war aufre-
TO?“ viele Antwor- den könne, sollte der im Lager, über ihr Leben nach Bu- gend und ein einmaliges Erlebnis,
ten gibt. Wind auf dem Etters- chenwald, ihren Zugang zur eige- sich im Rampenlicht von Obama zu
berg doch zu stark nen Vergangenheit und über die an sonnen, ein kurzer Genuss. Wichtiger
wehen – es geschah den Besuch von Obama geknüpften jedoch waren andere, und mit ihnen
zwischen dem Eintrag ins Goldene Erwartungen, aber auch über ihr all- verbrachten wir einen wundervollen
Buch der Stadt Weimar und dem tägliches Leben in Frankreich und Tag.
Gang zum Lagergelände. Überlegt ihre Familien – eben über Dinge, die
30 tretti
Sozial Aktiv:
Volamos juntos

Zuhause
Eine neue spanische Airline?
Nicht ganz ……
Da standen wir also im Nieselregen und selbst unsere Regenjacken
konnten das beständige Tröpfeln von den Bäumen auf unsere bereits
feuchten Haare nicht mehr abwehren. Nach stundenlanger Wolken­
dusche mussten wir uns was einfallen lassen: Wir spannten Mülltü­
ten zwischen den Bäumen. Nun warteten wir. Ja, auf was nur?
von Sahra Rausch Da war sie also, die Idee. Ein Verein wurde es, nur so
kann man viele Menschen erreichen. Am 17. Januar

W
ir warteten darauf, dass alle begeistert vor 2009 begannen wir – eine Gruppe bunt gemischter
unseren selbst gemachten Bananenbroten StudentInnen aus Erfurt und Jena – uns mit den
und Halstüchern stehenbleiben würden. Wir bürokratischen Hürden einer Vereinsgründung und
waren doch für eine gute Sache hier! Unser Anliegen: den Zielen, die wir erreichen wollen, zu beschäftigen.
Unterstützung für Guatemala, ein Land, in dem viele Volamos juntos heißt „Gemeinsam fliegen“, und so
am Existenzminimum leben und die einzige Möglich­ erkannten wir während des Entstehungsprozesses
keit zur Veränderung die Investition in Bildung ist. Das immer mehr die Auswirkungen der Globalisierung
Hochschulstraßenfest in Erfurt wollten wir nutzen, und entwickelten Handlungsoptionen in Zusam­
um Spenden für ein Bildungsprojekt zu sammeln. menarbeit mit einem guatemaltekischen Projekt. In­
Doch niemand nahm uns wahr. Zu versteckt, zu un­ zwischen gehen wir für Aufklärungsveranstaltungen
auffällig, so lautete unsere Bilanz nach dreistündigem in Schulen, zeigen Filme in Kinos, wie z.B. am 27. Juli
Herumstehen. Ideen mussten her! Aber: Selbst wenn im Kunsthaus Erfurt, machen Ausstellungen. Ideen
man politische Themen ansprechen und für globale haben wir viele, nur an Mitgliedern mangelt es noch.
Probleme sensibili­ Für die Mitgliederwerbung
sieren möchte, be­ wird das Krämerbrückenfest
darf es einer kapitalis­ ein Anfang sein. Dafür erhof­
tischen Denkweise. fen wir uns aber ein bisschen
Wir sprachen die mehr Sonnenschein …
Menschen direkt an:
Kurzzeitig kam ich mir Kurzinfo
vor wie eine Staub­
sauger verkäuferin. Deine Projekte. Deine
Wir boten kostenlos Ideen? Dein Engage­
Kuchen an, um Pas­ ment für Guatemala!
santen zum Stehen
bleiben zu animieren. Der Volamos juntos
Das Gewissen heulte e.V. Erfurt setzt sich
auf, doch was soll’s? für soziale Bildung­
Eigentlich ging ich davon aus, dass sich alle Men­ sprojekte in Guatemala ein und will den in­
schen gleichermaßen für die Schrecken dieser Welt terkulturellen Dialog zwischen Jugendlichen
interessieren. Aber es gibt zu viele Vereine, die Gutes fördern. Zur Umsetzung von Projektideen und Sahra Rausch
wollen und zu viele Länder, die Hilfe benötigen. Un­ für die Entwicklung weiterer Initiativen sucht (20) ist Vor-
sere Aufgabe muss es daher sein, den Menschen die er stets neue Mitglieder. Die Vereinssitzun­ standsmitglied
Probleme anderer Länder aufzuzeigen, sie zu begeis­ gen finden zu unterschiedlichen Zeiten statt. des Volamos
tern. Die Beweggründe sich zu engagieren sind bei Wer mit­machen möchte, der solle sich einfach juntos e.V. Er-
allen Mitgliedern von Volamos juntos dieselben: Wir melden! furt. Sie studiert
suchen Freiwillige, die sich für ein besseres Bildungs­ Sozialwissen-
system und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Kontakt schaften und
Deutschland und Guatemala einsetzen. Zusätzlich Geschichte und
möchten wir lokale Projekte unterstützen. Volamos juntos e.V. ist Teamerin
Doch warum ausgerechnet Guatemala, warum Vola­ z.H. Sahra Rausch/Kathrin Dommel im Netzwerk
mos juntos? Die Begeisterung, der Willen zur Verän­ Schmidtstedter Straße 28 für Demokratie
derung erwächst meist aus der Situation, dass man 99084 Erfurt und Courage.
in ein anderes, so fremdes Land geht – und sich wo­
möglich verliebt. Und man zu der Erkenntnis gelangt, Tel.: 0361/2166828
dass wir in Europa im Überfluss leben und hier je­ Mail: volamosjuntos@gmail.com
der zu viel von allem besitzt. Man kehrt zurück und Web: www.volamosjuntos.blogspot.com
möchte jedem ins Gesicht schreien, dass es so nicht
weitergehen darf.
trettien 31
Zuhause Portrait

Die erklärliche Leichtigkeit des Seins


Über die Notwendigkeiten eines besseren Lebens und das Geheimnis von
Zufriedenheit. Ein Portrait von Irina Kolyada aus Tscherkassy.

als ein Studium, das trivial erscheinen. Bekommen könne


mangelhaft auf den man dafür so ziemlich alles - Prestige,
Lehrerberuf vorbe­ Bildung, Abschlüsse. Aber, und dabei
reitet, da selbst die schaut sie wieder so entwaffnend offen,
Lehrkräfte schlecht die Menschen in der Ukraine seien auch
ausgebildet waren. dankbarer.

Verzweifeltes La- Es geht nicht nur um Geld, Geld!


chen über die Miss-
Hier in Deutschland sei sie manchmal
stände im eigenen enttäuscht von der Unzufriedenheit der
Land Menschen. So oft höre sie, wie Freunde
sich beschweren. Sie verbrächten ihre
Heute sitzen wir Zeit damit, sich Sorgen zu machen und
zusammen in der wollten selbst Spontaneität planen. Sie
Mensa und sie lacht und sagt: „Wenn wir in der Ukraine
muss lachen, wenn in einen Club gehen wollten, dann muss­
sie sich daran er­ ten wir fast einen Monat darauf sparen.
innert, wie ihr an Aber wenn einer unserer Freunde ein
ihrer ukrainischen Auto hatte, dann sind wir losgefahren,
Universität der picknicken – irgendwas! Man braucht
Stoff in einem nicht nur Geld, Geld … verstehst du?
Didaktikkurs von Darum geht es mir nicht. Klar, materiell
einem 60 Jahre ist es in Deutschland wesentlich besser.
alten Didaktiker Aber das allein macht langweilig. Die
mit sowjetischen Lust und das Lachen, das fehlt mir hier
Zeitungen ver­ manchmal an den Menschen.“
mittelt wurde. Allerdings – und das ist ihr selbst ein
Irina verdreht wenig unangenehm – musste auch sie
die Augen und sich hier umstellen und dazulernen,
ihre Gesichtszü­ vor allem was das Sparen angeht. Was­
von rokko rehbein ge verraten, dass sie fast peinlich be­ ser und Strom seien in der Ukraine viel
rührt ist. Das Studium hat sie nun fast preiswerter gewesen. Für einen mo­

W
ir hatten uns zufällig ken­ geschafft, zurück aber möchte sie nicht. natlichen Fixbetrag hätte man so viel
nengelernt, zu den Studie­ Sie liebt ihr Land, ihre Familie ist dort zu verbrauchen können wie man wollte. In
neinführungstagen vor vier Hause, doch die Möglichkeiten seien Erfurt hingegen endete das erste Jahr in
Jahren, glaube ich. Ihr Freund hatte begrenzt. Als sie ein Praktikum an einer der gemeinsamen Wohnung mit ihrem
mich angesprochen, wollte irgendwas Schule ihres Heimatorts absolvierte, re­ Freund mit einer deftigen Nachzah­
wissen, aber zum Schluss saßen wir drei alisierte sie die Grenzen der alten Welt. lung. Und ganz klar ist ihr immer noch
zusammen und er bat mich süffisant, Ihre Tutorin an der Schule wurde in einer nicht, wieso man für ein Allgemeingut
doch auf sie aufzupassen, wenn er nicht Besprechung in die Schranken verwie­ wie Wasser so viel Geld bezahlen muss.
in der Nähe sei. Sie und ich, wir haben sen, weil sie die Methoden an der Schu­ Aber das seien Dinge, an die man sich
uns schon damals recht gut verstanden. le und die Ausbildung an ukrainischen gewöhnen kann.
Ich mochte ihre freundliche, offene Art, Universitäten kritisierte. Das Lehrerkol­ Wir essen auf und ich begleite sie noch
außerdem interessierte mich ihre Ge­ leg widersprach ihr, die stellvertretende ein kleines Stück über den Campus.
schichte. Beide kamen aus der Ukraine, Direktorin strafte sie ab. Nein, Weiterent­ Dann verabschieden wir uns, sie lacht
aus Tscherkassy, einer Universitätsstadt wicklung sei dort nicht möglich. Viele und winkt kurz, bevor sie sich endgül­
südlich von Kiew, beide begannen ihr Lehrer an staatlichen Schulen müssten tig auf den Weg macht. Ich bleibe noch
Studium in Thüringen, er in Erfurt und Nachhilfe geben, um überhaupt über stehen, schaue ihr nach und freue mich
sie an der FSU. die Runden zu kommen. Materialien darauf, dass ich mich gleich noch mit
Alles war neu und Deutschland für Iri­ seien oft kaum vorhanden und müssten ein paar Freunden treffe. Ganz spontan.
na ein Land, dessen Sprache sie zwar in Eigeninitiative besorgt werden.
in der Ukraine gelernt hatte, ihrer Mei­ Am meisten aber störe sie die Korrup­
nung nach aber recht schlecht sprechen tion. Die orangefarbene Revolution sei
konnte. Ich wusste nicht viel vom Land, verblasst, den Menschen gehe es nicht
in dem sie aufgewachsen war und in wesentlich besser. Man müsse nur die
dem sie studiert hatte. Ein Land, das richtigen Leute kennen, schwach wür­
sie verlassen hatte, weil sie mehr wollte den die bei Dingen, die uns hier fast

32 trettito
Glosse
Co
O

n tr
PR

a
Die Piratenpartei - Eine echte politische Alternative?
von Seba von LuGr

E A
inen Warnschuss vor den Bug versetzte den etablierten Par­ ls einige Tage nach der Europawahl das amtliche Wahlergeb­
teien die kleine Piratenpartei mit Heimathafen Schweden. Die nis feststand, staunten viele nicht schlecht. Nicht genug, dass
kleinen und wendigen Galeeren der Schweden sind zwar noch die SPD mit mageren 20,8 Prozent eine der größten Pleiten
nicht zahlreich, kreuzen aber schon in den Hoheitsgewässern von der Parteigeschichte hinnehmen musste. Eine nach ihrer Gründung
Kanada bis Neuseeland und seit 2006 auch auf deutschem Territo­ im Jahre 2006 erstmals angetretene Partei sorgte gleichzeitig für
rium. Zu ihren wichtigsten Missionen zählen, das nicht mehr zeit­ eine – wenn auch kleine – Überraschung: die Piratenpartei.
gemäße Urheberrecht abzuändern – und nicht abzuschaffen, wie Die (Noch-)Anarchopartei setzt sich für die Abschaffung des Ko­
es die Schlachtschiffe der etablierten Medien und ihre politischen pierschutzes und die Einschränkung von Software-Patentrechten
Vertreter in aller Öffentlichkeit abfeuern. ein, beides befördere eine größere künstlerische Vielfalt. Auch die
Zwingend notwendig ist dies umso mehr, wenn unzählige kleine Wahrung der Privatsphäre, die Kontrolle staatlicher Überwachungs­
Privatsegler irgendwann nicht mehr auf rechtliche Wasserminen im institutionen und das Recht auf Anonymität im Netz hat man sich
Datenmeer des Internets auflaufen sollen, sollten sie z.B. ihre Mash­ auf die Fahnen geschrieben. Mit bundesweit 0,9 und in Jena gar mit
ups bei Youtube veröffentlichen, nur um eigene Kreativität auszu­ 1,8 Prozent der Stimmen hat die Interessensvertretung der Nerds,
leben und zu einer vielfältigeren Kultur beizutragen. Das Internet Internetuser, Downloader und anderer Gruppenanglizismen seit­
ist heute ein unmittelbarer Bestandteil des alltäglichen Lebens. Jun­ dem einigen Aufwind. Es darf jedoch bezweifelt werden, dass diese
ge Menschen sehen es nicht mehr nur als ein Medium oder einen leichte Brise den Cyber-Kommunisten reicht, um damit am 27. Sep­
Fremdkörper, vielmehr sind sie selbst zu einem Teil der Internetge­ tember in den Bundestag zu schippern.
sellschaft geworden. Daher setzen sich die Piraten auch für Persön­ Nichtsdestotrotz hat die Piratenpartei den Bundestag jetzt schon
lichkeitsrechte ein, die durch zunehmende Online-Überwachung erfolgreich infiltriert. Das unter dem Verdacht der Kinderpornogra­
beschnitten werden. Nicht der Bürger sollte aber gläsern werden, phie stehende, ehemalige SPD-Mitglied, der derzeitige Bundestags­
sondern der Staat. In der Tagespolitik nimmt sich keine politische abgeordnete Jörg Tauss, enterte die Piratenpartei bereits vor eini­
Partei dieses Themas objektiv und sachlich an, in der Wirtschafts­ gen Wochen. Es sei ein schwarzer Tag für die Demokratie gewesen,
krise sind Bürgerrechte von untergeordneter Bedeutung. Der Ge­ als ein Gesetz zur Sperrung von Kinderpornoseiten, vorangetrieben
setzgeber geht nur auf die Interessen einer kriselnden Wirtschaft von der Staatsnanny Zensursula von der Leyen, Mitte Juni verab­
und jener Musikverlage der Medienbranche ein, die sich mangels schiedet wurde, wird Tauss zitiert. Bis aber endlich jener vorbildliche
innovativer Geschäftsmodelle nicht auf die Herausforderungen des Status von China erreicht ist, wo gefiltert und gesperrt wird, was das
World Wide Web einlassen und seit Jahren regelrechte Kontinental­ Zeug hält, dürfte es angesichts von Schäubles Horch-und-Guck-Re­
sperren um ihre Häfen errichten, dabei sich bockig und stur auf eine load jedoch noch etwas dauern – trotz der hartnäckig geäußerten
überholte Gesetzeslage berufend. Bedenken zahlreicher Interessenverbände.
Zur letzten Europawahl enterten die Kaperfahrer erfolgreich einen Doch abseits all ihrer Forderungen nach mehr Freiheit für den vir­
Teil des Europäischen Parlaments – ein kleiner, aber wichtiger Schritt. tuellen Raum bleiben bei der Piratenpartei viele Belange des realen
Spätestens jetzt dämmerte es der Admiralität der Etablierten, dass Lebens auf der Strecke. Es stellt sich die Frage, ob sie in ihrem Pro­
sie sich ebenfalls mit den Themen der Piratenpartei auseinanderset­ gramm schlicht vergaß, auf Maßnahmen zur Bewältigung der Fi­
zen sollten. Der nun gehisste Jolly Roger wird allerdings noch nicht nanzkrise und der drohenden Massenarbeitslosigkeit einzugehen
ernst genug genommen, was sich in hochmütigen Äußerungen vie­ – oder ob es sie einfach nicht interessiert. Denn das Schnüren von
ler Pressesprecher niederschlägt. Sinngemäß heißt es dann: „Eine Konjunkturpaketen sollte eigentlich Vorrang haben vor wirrem Ka­
Partei mit nur einem kleinen, spärlichen und unausgegorenen Par­ belsalat. Und so bleibt die Seriosität der Piratenpartei mitsamt ih­
teiprogramm kommt niemals in den Bundestag!“ Hochmut kommt ren zweifelhaften Mitgliedern und noch zweifelhafteren Zielen im
bekanntermaßen vor dem Fall. Die Internetgemeinschaft sei ein ab­ Vergleich zu den großen Volksparteien auf der Strecke. Vielleicht
geschotteter Hafen, in dem sich arrogante, gerontokratische Admi­ klappt es ja das nächste Mal mit Captain Jack Sparrow als Spitzen­
ralitäten daher anmaßen wollen, alles über jeden wissen zu wollen kandidaten.
und über dessen Kreativität verfügen zu können. Wenn dem so ist:
Volle Fahrt auf Kaperkurs voraus! Und: Mast- und Schottbruch!
trettitre 33
Kulturveranstaltungen
Int.Ro

in Jena immer aktuell unter www.introseite.de

17.-19.7.09
Flutlicht-Festival zur inter- 1.7.-7.8.09
9.7.-23.8.09
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Kulturarena mar
Theatervorplatz Rasenmühleninsel verschiedene Orte in
Paradiespark Weimar

Mo, 13.7.09 Sa, 18.7.09


tival Mi, 22.7.09
19.30 Uhr, Rosensäle 14.15 Uhr, Flutlicht-Fes
„In der NP D: Rei sen in die Na- Wagner
21.00 Uhr, Café
Konzert des Romanis-
tional Befreite Zone “. Les ung von n“ (Murnberger,
„Der Knoc nman
he
tenchores Christoph Ru f & Dis kussion. Österreich 2009)

tival
18.00 Uhr, Flutlicht-Fes
„Asylrecht in De uts chland“.
Diskussion.
So, 26.7.09
Mi, 15.7.09
22.00 Uhr, Th
eatervorplatz
So, 19.7.09 „Twilight – Biss
17.15 Uhr, UHG-Aula zum Morgengra
r,
„Die Kelten: Sprache, Literatu (Hardwick, USA uen“
2008). FilmAren
Identität“ 15.45 Uhr, Fl a
utlicht-Festival
„Nazis in Jena“.
sse 4 Vortrag.
18.00 Uhr, SR Zwätzenga 19.00 Uhr, Ca Mo, 27.7.09
„Die Konstruktion von Hol ocaust-Ge- fé Wagner
schichtsbil der n deu tsch er Jugendli- Ausstelllungse
röffnung zu Ne
cher“ Diavortrag zum pal & 22.00 Uhr, Theatervorplatz
Himalaya „Der Vorleser“ (Daldry, USA/Deutsch-
22.00 Uhr, Th land 2008). FilmArena
21.00 Uhr, Café Wagner eatervorplatz
ia wir
"Ski Jumping Paris – Olymp „Willkommen be
i den Sch‘tis“
Jap an 200 6) (Boon, Frankrei
kommen!“ (Mashima, ch 2008). Film
Arena
Di, 28.
7.09
Fr, 17.7.09 Mo, 20.7.09 21.00
Uhr, C
afé Ok
phie-Institut ZI
16.30 Uhr, Fl 21.30 Uhr, Philoso
utlicht-Festival mreihe des FSR Phi- Salsa c
„Stigmatisierun „Rashomon“. Fil losophie 22.00
on Cor
azon
g in unserer Ge Uhr, T
am Beispiel vo sellschaft heater
n Migration“. Vo vorplat
rtrag & „300“ ( z
vorplatz Sny
Diskussion. 22.00 Uhr, Theater 2006). der, USA
„Die Kunst de s ne gativen Denkens“ FilmAre
17.15 Uhr, UH 2006). FilmArena na
G, HS 145 (Breien, Norwegen
„The History of
Ebla during the
Archives (24 c. time of the
B. C.)“. Gastvo
Prof. Dr. Giovan rtrag von
na Biga von de Di, 21.7.09
sität La Sapien
r Univer- Mi, 29.7.09
za (Rom)
21.00 Uhr, Kulturbahnhof Wagner
18.30 Uhr, Fl 21.00 Uhr, Café
utlicht-Festival Noite de Salsa e For (Haußmann,
„Diskriminierung ro „Herr Lehmann“ )
und Neonazism
us im Deutschland 2003
Fußball“. Vortr 22.00 Uhr, Theatervorplatz
ag & Diskussio
n. „Mamma Mia“ (Lloyd, USA/GB
2008).

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Referat für Interkulturellen Austausch
Haus auf der Mauer, Johannisplatz 26, 07743 Jena
Veranstaltungshinweise an intro-jena@hotmail.de
34 trettifire
trettifem 35
trettiseks