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Die Zeit − Politik : Die Herren des Balls

Die Zeit, Hamburg, Germany


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DIE ZEIT

Die Herren des Balls

Der Fall Daum hat es bloßgelegt: Im deutschen Fußball regieren Parvenüs, die sich als Profis aufspielen

Von Ullrich Fichtner; Stefan Willeke

Endlich gibt es einen Verlierer und Schuldigen zugleich. Endlich wissen wir, woran wir sind. Endlich
verstehen wir, wie einfach alles war. Uli Hoeneß hatte Recht, und viele müssen sich dringend bei ihm
entschuldigen.

Schlammschlacht war das falsche Wort. Um Aufklärung ging es allen, um die Wahrheit. Nur dem Schuldigen
eben nicht. Christoph Daum hat Drogen genommen.

Er musste weg. Er konnte nicht Bundestrainer werden. Er ist krank. Er braucht Hilfe. Er ist jetzt "der
Christoph". Nicht mehr "Herr Daum". Der litt unter Realitätsverlust, wie das bei Süchtigen so üblich ist.
Träumte von Macht, von Geld, von Ruhm, davon, ein Idol zu sein, ein Held. Ein Träumer. Im Rausch. So
einer passt nicht in die Branche. Die spielt nicht mit Schmuddelkindern. Die verhält sich professionell.
Fußball ist schließlich ein sauberer Sport, ein ehrlicher, ausgeübt von elf Freunden, nicht nur ein Geschäft,
sondern eine Leidenschaft.

Das ist, in 22 Zeilen, der gängige Abschlussbericht zur "Affäre Daum". Der Skandal ist damit noch nicht
abgehakt, aber die Hauptlast zumindest auf einen einzigen Delinquenten abgewälzt. Man lügt sich in die
eigene Tasche und will nicht sehen, dass es ums Ganze geht: Der Volkssport Fußball − Der Deutsche Fußball!
− schlingert durch seine gefährlichste Krise.

"Koks−Liga" steht in der Zeitung. Und noch glaubt eine kleine Männerclique, die pausenlos und über den
Sport spricht, die Lebenslügen der Branche verschweigen zu können, obwohl der Fall Daum sie bloßgelegt
hat. Um die Regeln dieses Spiels zu verstehen, hilft es, sich die Fußballwelt als Hofstaat vorzustellen und
dessen wichtigste Figuren zu beleuchten: Franz Beckenbauer, Kaiser ohne Regierungsprogramm. Herrscht
mittels Volksansprachen, bei denen er sich meist weit aus dem Fenster lehnt. Braucht keinen Hofnarren.

Beckenbauers Verhalten ist der Skandal im Skandal. Er redet viel, aber nie weiß man, wer da gerade spricht.
Der Präsident des FC Bayern München? Der Vizepräsident des Deutschen Fußball−Bundes? Der
Premiere−Kommentator? Der Kolumnist der Bild−Zeitung? Der Botschafter für die Fußball−WM 2006? Der
Werbepartner der Mobiltelefonindustrie? Ein gut gelaunter Fußballrentner?

Oder alle zusammen? Die Meldung über Daums positiven Haartest war kaum auf dem Ticker, da wusste
Beckenbauer bereits alles: Daum sei krank, drogenabhängig ("nach meinen Informationen"), ihm müsse
geholfen werden, man könne ihn "heilen", er brauche eine Entziehungskur. Zu diesem Zeitpunkt war nur
bekannt, dass eine von vier Analysen des Daumschen Haars positiv ausgefallen war. Und dass Daum das
Ergebnis anzweifelte.

Franz Beckenbauer wird gern unterstellt, er spreche immer nur für den deutschen Fußball. Doch genau
genommen ist nicht einmal klar, worüber er spricht, geschweige denn für wen. Das Ergebnis ist verheerend.
Nie war sein Drang zum Plappern verantwortungsloser. Statt Stellung zu beziehen, beließ er es beim Raunen
und bei verbindlich wirkender Unverbindlichkeit. Spielführer soll er sein, doch ständig schlägt er
unkontrolliert Kerzen in den eigenen Strafraum, für die ihn kein Mitspieler zu kritisieren wagt.

Das Elend des deutschen Fußballs zeigt sich vielleicht am deutlichsten darin, dass Franz Beckenbauer seine
ewige Lichtgestalt ist. Wann immer im deutschen Fußball ein Chefsessel frei wird, ruft man Beckenbauer zum

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Kandidaten aus.

Als wäre sein Charme, gepaart mit der Eleganz des einstigen Weltklassespielers, schon Ausweis profunder
Kompetenz. Kritiklos verehren muss ihn, wer im Fußballgeschäft etwas werden will. Gespottet wird nur
hinter den Kulissen. Aber öfter, als das Publikum glauben soll.

Jedenfalls könnte der deutsche Fußball samt Fußball−Bund in Trümmern liegen − das Beckenbauersche
"Schaun mer mal" würde noch immer als Krisenmanagement gelten. Mehr Vision ist nicht das sagt viel über
die Visionäre des deutschen Fußballs.

Reiner Calmund, Reichsfürst. Verweser eines der größten Lehen. Mit anderen Lehnsherren oft lautstark in
Händel verstrickt.

Leverkusens Manager besitzt einen ähnlich ausgeprägten Drang zum Mikrofon wie Beckenbauer, präsentiert
sich aber meist, wenn auch nicht immer, besser sortiert. Im großen Spiel um Geld und Macht gibt er den
Versöhner zwischen den Idealen des Sportfreunds und den Interessen der Fußballindustrie. Mit Daum glaubte
er einen Trainer zu beschäftigen, der die klassischen "Tugenden" und zugleich einen ausgeprägten Sinn für
deren Vermarktung zu besitzen schien. Doch Calmund musste lernen, dass der Freund und Partner auf
Hilfsmittel zurückgriff, die im Katalog der deutschen Fußball−Konsensgesellschaft nicht verzeichnet sind.
Aus dem "Freund Christoph" wurde für Calmund der "kranke Christoph". Bedauernswert, aber unbrauchbar
für den Verkauf des Markenartikels Fußball.

Dessen Image ist angekratzt, aber niemand soll meinen dürfen, der Sport in Gänze sei betroffen. Stefan
Effenbergs Schlägereien, Mario Baslers Eskapaden, Mehmet Scholls Snobismen, Lothar Matthäus' Ausfälle −
das alles muss zu immer neuen Einzelfällen deklariert werden, damit niemand auf die Idee kommen kann, das
Milliardengeschäft produziere übergeschnappte Neureiche ohne Bindung zum Spiel oder gar zum
gewöhnlichen Fan. Es geht ums Prinzip: Fußball muss "sauber" bleiben, echt, und sei es nur zum Schein. Ein
Bedürfnis nach Reinheit gilt es zu bedienen, nach aseptischen Idolen, die sich nur auf dem Platz schmutzig
machen sollen − da allerdings umso mehr.

Ein Paradox: Dopingskandale sind die größten und zugleich kurzlebigsten Aufreger der Sportbranche. Die
Tour de France, vor zwei Jahren eine komplett manipulierte Wettfahrt mit freundlicher Unterstützung der
Pharmaindustrie, ist so attraktiv wie eh und je. Olympiasieger, des Dopings überführt, werden nach einer
Schamfrist bald wieder bejubelt. Auch der Fußball hat seine Fälle, aber für sie ist im öffentlichen Bewusstsein
kein Platz. Die staunende Bewunderung für Spitzenleistungen, die Sensation von Weltrekorden verdrängen
die Frage nach ihren Bedingungen. Zu schön ist die Stunde des Siegers, als dass sie durch ein noch so
hässliches Nachspiel wirklich getrübt werden könnte.

Ruhm und Geld − im Fußball noch nie so freigiebig verteilt wie heute, da der Sport quasireligiöse Züge
angenommen hat − steigen allen Beteiligten zu Kopf.

Zuerst den Nachwuchskickern, die sich zum 18. Geburtstag einen Manager wünschen, dann den arrivierten
Stars, um die sich die Manager prügeln, schließlich den Fußballmanagern selbst, die mit Geldsummen
hantieren wie mancher Finanzminister und sich allein deshalb schon für gewiefte Geschäftsleute halten. In
Wirklichkeit aber sind viele von ihnen nur Strippenzieher, manche clever, manche verschlagen, manche
ruppig, manche tumb, und ihre zweifelhafte Aura ist aus Geheimnissen gemacht. Niemand weiß so recht,
niemand soll wissen, was sie tatsächlich tun oder vorhaben. Die Undurchsichtigkeit ihres Handelns
verwechseln viele Fußballmanager mit Führungsqualität.

Mögen sich die Manager noch so oft raufen, auf das Wesentliche haben sie sich längst verständigt: Fußball
allein reicht nicht mehr, der Sport muss zum Ereignis werden, zum gesellschaftlichen "Event". Auch Reiner
Calmund fördert diese Entwicklung, doch zugleich muss er sie fürchten. Fußball soll sich anfühlen wie die
große Samstagsshow, wie die Attraktion im Lunapark der Sensationen. Zugleich aber soll alles nach ehrlicher
Arbeit schmecken, vorgetragen von bodenständigen Jungs, die noch wissen, dass der Ball rund ist und der

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nächste Gegner immer der schwerste.

Fußball ist Oper fürs Volk. Viel Applaus soll es geben, doch die Akteure möchten bitte hübsch bescheiden
bleiben. Keine leichte Aufgabe für einen Mittzwanziger, wenn aus dem VIP−Block Boris Becker und Anhang
winken, wenn die TV−Reporter Schlange stehen, um ein goldenes Wort zum Spiel zu haschen, wenn die
Cutter von Sat.1 noch das langweiligste Gegurke zu einem Fußballthriller zusammenschneiden und bald die
Werbewirtschaft mit Plakatkampagnen lockt. Leute wie Reiner Calmund sind folglich nicht nur
Fußballmanager, sondern zugleich Moderatoren einer Show. Und Drogenskandale sind in diesem unechten
Spiel echter Kerle, bei Licht betrachtet, beides, Fluch und Segen: Fluch, was das Kerngeschäft Fußball und
sein sportliches Reinheitsgebot betrifft, Segen, weil Kokain die Ankunft des Spiels in der schillernden Welt
der Unterhaltung verheißt.

Der Sport verlässt den Sportteil und tummelt sich im Vermischten gleich neben Jenny Elvers, Britney Spears
und Heiner Lauterbach. Aus Fußballstars werden Sternchen in der Stehpartygesellschaft, wo Modedrogen
näher liegen als die Flasche Bier. Der neue Auftritt aber hat einen Preis. Boulevard und Regenbogenpresse
vernichten Stars so schnell, wie sie sie hochgejubelt haben.

Gerhard Mayer−Vorfelder, Haushofmeister. Fühlt sich zu Höherem berufen. Immer auf der Suche nach
Bündnispartnern.

Eigentlich müsste Mayer−Vorfelder mächtigster Mann im deutschen Fußball sein.

Geschäftsführender Präsident des DFB, Präsident des VfB Stuttgart, Mitglied im Exekutivkomitee des
europäischen Fußballverbands Uefa, dazu affärengeprüfter Exminister mit Kontakten zu Gott und der Welt.
Aber Mayer−Vorfelders größte Stärke liegt darin, Schwäche zu demonstrieren und das als Diplomatie zu
verkaufen.

Als die Affäre Daum aus dem Ruder lief, stand MV tatenlos daneben. Kein klares Wort zur rechten Zeit, kein
erkennbarer Versuch, die Duellanten Hoeneß und Daum zurückzupfeifen, keine Anstrengung, die
Lautsprecher Beckenbauer, Breitner, Rummenigge abzustellen. Stattdessen: hilflose Gesten, Gefasel von
"Runden Tischen", behaupteter Burgfrieden.

Der gewiefte Einfädler scheitert an der Unübersichtlichkeit der öffentlichen Bundestrainer−Debatte. An


Absprachen in Hinterzimmern und Männerrunden gewöhnt, blendet ihn das Licht einer Medienwelt, die jeden
Halbsatz eines Weltmeisters zur Schlagzeile macht. Die Fußballbranche, die er zu kennen glaubte, entpuppt
sich als Welt, in der Ämter nichts mehr zählen. Ein Beckenbauer mag DFB−Vizepräsident sein oder nicht,
immer wird sein Wort schwer wiegen und jedenfalls schwerer als das des geschäftsführenden Präsidenten
MV.

Die Regeln des Ancien Régime in der Bundesliga, in dem Gerhard Mayer−Vorfelder einer der Regenten war,
gelten nicht, wenn die Zukunft der Nationalmannschaft verhandelt wird. Vorbei die Zeit, als ein Problem mit
dem Griff zum Telefonhörer zu erledigen war, als Verträge auf Bierdeckeln paraphiert wurden und
Handschläge zwischen Freunden Millionendeals besiegelten. MV sucht das Stammtischsystem zu retten er
will nichts davon wissen, dass ein Sportverband mit 6,3 Millionen Mitgliedern wenig mit einem Vereinsheim
im Schwäbischen gemein hat. Wie die meisten Akteure im nationalen Fußballzirkus beharrt er darauf, mit
unprofessionellen Marotten in einem harten Profigeschäft zu bestehen. So gerät der DFB in die Nähe
geheimbündlerischer Strukturen, wie sie das Internationale Olympische Komitee kennzeichnen. Mit einem
Unterschied: Die Herren der Ringe pflegen zu schweigen.

Die Herren des Balls suchen die mediale Bühne. Und finden sie schon deshalb ohne Mühe, weil auch die
Journalisten im Stammtischsystem ihre Plätze haben.

Zur Clique der Verantwortlichen gesellen sich ein paar Dutzend Verstärker, aufgeteilt in Fraktionen,
gebunden durch Freund− oder Feindschaft, verstrickt in gespaltene Loyalitäten. Es ist ein Missverständnis,

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dass Fußballreporter außenstehende Beobachter seien, die neutral Neuigkeiten gewichteten. Vielmehr sind sie
oft Diener ihrer prominenten Quellen. Wer mit Beckenbauer auf Du ist, wird es peinlich vermeiden, den
Kaiser zu vergrätzen. Zu wichtig ist der Zugang zu den großen Männern und ihren kleinen Worten, als dass
ein Journalist ihn sich mutwillig verbaute. Ein Geheimbund zieht Geheimnisträger an − und diese Rolle
nehmen im Sportjournalismus viele fraglos an.

Am Fall Daum ist nicht nur bemerkenswert, wie schnell aus einem Heiland ein Teufel werden kann, sondern
auch, wie präzise die Materialschlacht geführt wurde. Erst als Daum nach der positiven Haarprobe definitiv
gefallen war, war es opportun, die Aussagen von Belastungszeugen aus der Schublade zu holen.

Solange Daum noch die minimale Chance hatte, Bundestrainer zu werden, hielt man mit Blick auf die Zukunft
die brisantesten Papiere zurück. Zudem hatte, außer Uli Hoeneß, noch keiner der Großen den Stein gehoben.
So galt es für die meisten abzuwarten, wohin sich der Wind drehen würde. In solch einer Phase ist nun die
Debatte über Gerhard Mayer−Vorfelders Zukunft. Breitner giftet, Beckenbauer raunt, Bild zündelt − für MV
heißt das nichts Gutes.

Rudi Völler, Schlachtherr. Im Felde unbesiegt. Volksheld und selbstloser Diener vieler Herren.

Der amtierende Teamchef der Nationalmannschaft und für Daum eingesprungene Coach von Bayer 04
Leverkusen verkörpert das Gute, Wahre, Schöne des Fußballs und somit die nostalgische Verklärung des
Geschäfts. Die Aura Uwe Seelers umkränzt den Sympathieträger. In Völler leben die Mythen des deutschen
Fußballs fort. Er allein lässt hoffen, dass von den elf Freunden, die 1954 in Bern den Weltmeistertitel
erstritten, eine gerade Linie zur Maschinerie der heutigen Fußballshow führt.

Völler ist der Mann des Ehrlich−währt−amlängsten. Er ist ein unverhoffter Glücksfall, weil er glaubhaft jenen
Sportsgeist verkörpert, der noch immer die unausgesprochene Geschäftsgrundlage der Fußballindustrie bildet.
In den lang gezogenen "Ruudi"−Rufen von den Tribünen liegt mehr als die Huldigung des erfolgreichen
Spielers und Teamchefs. Sie sind eine Beschwörungsformel, die die gute alte Zeit wieder herbeizaubern soll.
Und Rudi Völler ist ein Gaukler wider Willen, er funktioniert als Kitt zwischen einem verklärten Gestern und
einem verkaterten Heute.

Wider Willen auch wurde er zum Gegenbild des Christoph Daum gemacht. Jeder seiner Siege eine Niederlage
für den anderen. Jeder seiner lapidaren Kommentare ein Beleg für die aufgeplusterte Wichtigtuerei des
Parvenüs. Sein Anachronismus macht ihn zur Kultfigur. Solange er seine Spiele gewinnt.

Anderenfalls wird er bald "Herr Völler" heißen.

DIE ZEIT, 44/2000

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