Mikael Niemi

Populärmusik aus Vittula

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»Eine verrückte und wilde Geschichte, die mit großer Zärtlichkeit die Menschen beschreibt, die an der finnischen Grenze zu Hause sind. Familientragik, Sex, Natur, erlebt von zwei pubertierenden Jungs in den sechziger Jahren, die in den reißenden Flüssen der Berge den Rock’n’Roll entdecken …« Deutschlandfunk
ISBN: 3-442-75071-7 Original: Populärmusik från Vittula (2000) Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt Verlag: btb Erscheinungsjahr: 1. Auflage 2000

Buch
Matti und sein schweigsamer Freund Niila wachsen auf in einem kleinen Dorf im äußersten Norden Schwedens, fernab der wirklichen Welt. Es sind die wilden sechziger Jahre, doch das Leben im Tornedal wird weniger durch Rebellion als durch die unwirtliche Landschaft, den kauzigen Eigensinn seiner Bewohner und die religiöse Bewegung des Laestadianismus geprägt, die durch extreme Strenge und Lustfeindlichkeit besticht. Kein Wunder, dass die beiden Kinder schon früh nichts anderes im Kopf haben, als sich wegzuträumen von diesem Ort, der zwar viele Geschichten zu erzählen hat, aber auch unvermutete Gefahren in sich birgt. Als der Rock’n’Roll Einzug hält im kleinen Tal, ist ihre Zeit gekommen … Ein großartiges, eindringliches Buch mit einer unverwechselbaren Handschrift: Niemis Sprache ist so wild und zärtlich, wie die Menschen aus dem hohen Norden, die er beschreibt – seine Geschichte so rasant, ausgelassen und dramaturgisch geschickt, dass einem Hören und Sehen vergeht …

Autor

Mikael Niemi, Jahrgang 1959, ist der erfolgreiche Autor zweier Gedichtsammlungen und einer Reihe von Kinder- und Jugendbüchern. »Populärmusik aus Vittula« ist sein lange erwarteter erster Roman, der in Schweden zu einem Triumph sondergleichen für ihn wurde: vielfach preisgekrönt, mit über 500000 verkauften Exemplaren monatelang auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Wie Schwedens Kritiker einhellig befanden, hat es in den letzten Jahren kein Buch gegeben, durch das sie tiefer berührt wurden – und bei dem sie gleichzeitig so viel zu lachen hatten.

PROLOG
Der Erzähler wacht auf, beginnt den Berg zu besteigen und macht sich auf dem Thorong La-Pass lächerlich, woraufhin die Erzählung ihren Lauf nehmen kann. Die Nacht in dem engen Bretterverschlag war saukalt. Als mein Reisewecker anfing zu piepsen, setzte ich mich mit einem Ruck auf, knüpfte das kleine Gesichtsfenster im Schlafsack auf und schob einen Arm in die kohlrabenschwarze Finsternis hinaus. Meine Finger tasteten in dem kalten Luftzug, der durch die Bretterritzen drang, zwischen Splittern und Sandkörnern immer weiter über die ungehobelten Bodenbretter, bis sie das kalte Plastik des Weckers und den Knopf zum Ausstellen fanden. Eine Weile blieb ich still liegen, halb betäubt, mich an einem Baumstamm festklammernd, einen Arm ins Meer getaucht. Stille. Kälte. Kurze Atemzüge in der dünnen Luft. Im Körper spürte ich einen physischen Schmerz, als hätte ich die ganze Nacht mit angespannten Muskeln dagelegen. Genau in diesem Moment sah ich ein, dass ich tot war. Das Erlebnis ist schwer zu beschreiben. Es war, als würde der Körper entleert. Ich wurde zu Stein, zu einem unendlich großen, nasskalten Meteoriten. Und eingebettet tief in diesem Hohlraum lag etwas Fremdes, etwas Längliches, Weiches, Organisches. Eine Männerleiche. Sie gehörte nicht zu mir. Ich war aus Stein, ich umschloss nur diese erkaltete Gestalt wie ein riesiger, fest geschlossener Granitsarkophag. Es dauerte zwei, höchstens drei Sekunden. Dann knipste ich meine Taschenlampe an. Das Ziffernblatt des Weckers zeigte Null und Null. Einen unheimlichen Moment lang befürchtete ich, dass die Zeit still stehe, dass sie nicht
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länger gemessen werden könnte. Dann aber wurde mir klar, dass es mir gelungen war, die Uhr auf Null zu stellen, als ich nach dem Aus-Knopf suchte. Meine Armbanduhr zeigte zwanzig Minuten nach vier in der Früh. Um das Atemloch des Schlafsacks hatte sich eine dünne Schicht Raureif gebildet. Es herrschten Minusgrade, obwohl ich mich drinnen befand. Ich wappnete mich gegen die Kälte und schlängelte mich vollkommen angezogen aus dem Schlafsack, und schob dann meine Füße in die eiskalten Wanderstiefel. Mit leichtem Unbehagen verstaute ich mein leeres Schreibheft im Rucksack. Auch heute nichts. Kein Entwurf, nicht die kleinste Notiz. Den Metallhaken der Tür geöffnet und hinaus in die Nacht. Der Sternenhimmel breitete seine Unendlichkeit aus. Eine Mondsichel schaukelte wie ein Ruderboot am Horizont, die Riesen des Himalaya ließen sich in alle Richtungen als spitze Silhouetten erahnen. Das Sternenlicht war so stark, dass es förmlich den Boden begoss, scharfe weiße Strahlen durch ein riesenhaftes Sieb rinnen ließ. Ich warf mir den Rucksack über, und schon diese kleine Anstrengung brachte mich zum Keuchen. Der Sauerstoffmangel ließ kleine Sternchen vor meinen Augen tanzen. Der Höhenhusten presste sich durch meine Kehle, trockenes Bellen, 4400 Meter über dem Meeresspiegel. Vor mir konnte ich den Pfad erkennen, der steil die steinige Bergwand hinauflief, bis er in der Dunkelheit verschwand. Langsam, ganz langsam begann ich zu klettern. Der Thorong La-Pass, im Annapurnamassiv in Nepal. Höhe: 5415 Meter. Ich habe es geschafft. Endlich bin ich oben! Die Erleichterung ist so groß, dass ich mich auf den Rücken fallen lasse und nur noch keuche. Die Beine brennen vor Muskelkater, der Kopf pocht und schmerzt im ersten Stadium der Höhenkrankheit. Das Tageslicht ist beunruhigend gescheckt. Ein plötzlicher Windstoß kündigt schlechteres Wetter an. Die Kälte beißt in die Wangen, und ich sehe, wie eine Hand voll Bergstei5

6 . ich lasse mich bei dem Gipfelstein auf die Knie fallen. Ein Schwindel erregender Schacht hinab in meine Kindheit. Zunächst einmal muss ich jemandem danken. wird es gefährlich. einfach so zu gehen. Zunächst einmal muss ich Abschied nehmen. Ich stehe auf dem höchsten Punkt. schwarze. aber es sind keine weiteren Wanderer mehr zu sehen. noch nicht. Die ersten Schneeflocken peitschen in Windböen gegen die Jacke. aber ein weiterer Rundblick bestätigt. Schnell beuge ich mich vor wie ein Moslem. durch das jemand eine Warnung ruft. Aber jetzt noch nicht. raue Fassaden mit himmelweißen Gletschern. Das ist der Augenblick. Ich spähe nach hinten. doch es ist zu spät. dass ich nach unten komme. und ich beuge mich noch weiter hinunter und küsse den Text. Weniger schön. Ich bleibe allein zurück. Meine feuchten Lippen sind an einer tibetanischen Gebetsplatte festgefroren. Ich sitze fest. die ich nicht lesen kann. Wenn der Weg wieder einschneit. auf dem ich mich jemals befunden habe. Der Pass besteht nur aus Felsen. Ich sollte schauen. Ein Rohr durch die Zeit. Stütze mich an der Gipfelmarkierung mit ihren flatternden tibetanischen Gebetswimpeln ab. dass ich allein bin.ger eilig ihre Rucksäcke schultert und den Abstieg nach Muktinath beginnt. in dem die Erinnerung sich mir öffnet. Und da gibt es eine Metallplatte mit eingravierten tibetanischen Buchstaben. ein steriler Kiesgrat ohne jede Vegetation. mich mit der Zunge zu befreien. den Hintern in der Luft. Fühle mich zwar etwas lächerlich. falle nach vorn und murmle ein Dankgebet. Kann es nicht über mich bringen. eine Schrift. Auf beiden Seiten steigen die Gipfel empor. Ein Impuls überkommt mich. die aber Ernst und Frömmigkeit ausstrahlt. friert auch sie an. Und als ich versuche. Immer noch außer Atem setze ich mich auf.

und ich schwöre. murmle ich. stoße keuchend warmen Atem heraus. ein überfrorenes Stück Eisen. das Wasser läuft übers Schloss. »Ääähhh. Das Metall saugt die Wärme auf. Mein Mund verliert langsam das Gefühl. ääähhh …« Da kommt Mutter. muss aber wegen der Schmerzen aufgeben. aber das ist nicht so einfach. bewegt sich keinen Millimeter. Niemand hört mich. meine Lippen kommen frei. Ich bin fünf Jahre alt und lecke mich am Türschloss am Eingang in Pajala fest. der Wind bläst kräftig und kühlt ihn. dass die Zunge taub wird. Ich ziehe mir die Handschuhe aus und versuche mich mit der Wärme der Hände loszueisen. bleibt selbst aber gleich bleibend kalt. Die Kälte führt dazu. Jetzt zu einer teuflischen Falle geworden. Zunächst grenzenlose Verblüffung. kehren sie jetzt mit Sicherheit um. Aber sie ist festgegossen. Ich rudere mit den Armen. Gefährlich. Ich werde hier sterben. Festgefroren 7 . Ich versuche zu schreien. Tief liegende Wolken ziehen herauf und hüllen den Pass in Nebel ein. Der Wind zwängt sich unter das Jackenbündchen und lässt mich erschauern. Ich versuche aufzustehen. dass mir so was nie wieder passiert. Ein eisiger Wintertag. die Metallplatte loszuruckeln. ein Geschmack nach Blut füllt den Mund. ein Brückengeländer. Hautfetzen bleiben auf dem Metall zurück. Der kalte Schweiß macht mir den Rücken nass. Sie kippt eine Schale warmes Wasser über meinen Mund. Verzweifelt trete ich gegen die Tür und stoße desperat aus: »Ääähhh. Ein Türschloss. ääähhh«. versuche mich mit Gewalt zu befreien. während der Schnee jetzt dichter fällt. das problemlos mit Handschuhen oder einem nackten Finger berührt werden kann. Mein Hintern ragt in die Höh. Meine Erinnerung ist plötzlich glasklar. wenn die Zunge festgefroren ist.Jedes Kind in Norrland hat das wohl schon einmal erlebt. Aber es ist zwecklos. ein Laternenpfahl. Sollten noch ein paar Wanderer auf dem Weg nach oben sein. Die Panik wird immer größer. Verdammt gefährlich.

und nach wenigen Sekunden bin ich frei. auf allen vieren zu pissen. 8 . Pisse den Becher voll und gieße mir anschließend den Inhalt über den Mund. wenn ich härter aufschlage. Zunge und Lippen sind starr und schmerzen. Ich öffne den Reißverschluss und bereite mich darauf vor. Endlich kann ich anfangen zu erzählen. Bei dem Gedanken wird mir schlecht. Blut. Der Mund sitzt immer noch so bombenfest wie vorher. Aber ich habe keine andere Wahl. Es läuft mir über die Lippen. schmilzt. Und ein Schmerz. Nehme meinen Trinkbecher. Ich stehe auf. fast entleert sich schon die Blase in der Hose. Ich taste mit dem Fuß nach dem Rucksack. Es gibt nur noch eine Möglichkeit. Ein Messer. Zerre zunächst ein bisschen zur Probe. Meine Gebetsstunde ist vorbei. Doch da halte ich inne. Eins … zwei … und die letzte Zahl heißt … Rot. Es geht nicht. Ich muss mich losreißen. der am Gürtel hängt. wie eine Kuh. Ich verliere noch mein Gesicht. Vor Angst krampft sich mein Magen zusammen.an eine tibetanische Gebetsplatte werde ich niemals die Nacht überstehen können. Spüre den Schmerz bis in die Zungenwurzel hinein. aber der liegt mehrere Meter weit entfernt. der mich mit der Stirn gegen die Metallplatte schlagen lässt. Wenn ich wenigstens ein Messer hätte. Aber ich kann sie wieder bewegen. Ich habe mich freigepisst.

die sie aber letztendlich dann doch hinter sich lassen wollten. spuckten Kautabak aus.KAPITEL 1 – in dem Pajala den Schritt in die Gegenwart tut. Ein Lehmweg mit unzähligen kleinen Kuhlen. Sie verbissen sich in den gewundenen Dorfweg. kam aber sicher daher. dass hier so viele Kinder geboren wurden. und der Name wurde zu einer Art 9 . die sich bei Regen sofort anfüllten. die den holprigen und löchrigen Kiesweg zu durchwühlen begannen. Unser Viertel wurde im Volksmund Vittulajänkkä genannt. An unserem Haus vorbei kroch eine Kolonne panzerähnlicher Fahrzeuge. als sie sich näherten. ein pockennarbiger Rücken. der bei Tauwetter wie Butter dahinschmolz und der im Sommer wie ein Hackfleischteig gesalzen wurde. was in der Übersetzung Fotzenmoor bedeutet. schlugen mit den Stecheisen zu und murmelten etwas auf Finnisch. in der unsere Eltern geboren worden waren. da wurde unser Viertel in Pajala asphaltiert. Männer in Overalls liefen breitbeinig umher. als wäre es ein alter Kadaver. In vielen der Hütten gab es fünf Kinder. Es war Anfang der Sechzigerjahre. damit der Staub gebunden wurde. Ich hing am Bretterzaun. manchmal auch mehr. während die Hausfrauen neugierig hinter den Gardinen standen. Musik entsteht und zwei kleine Jungs sich mit leichtem Gepäck auf den Weg machen. Ein Kiesweg war altmodisch. Ich war fünf Jahre alt und hörte das Dröhnen. Für einen kleinen Knirps war das höchst spannend. Der gehörte in die vergangene Zeit. guckte durch die Latten hindurch und sog den Dieselqualm dieser gepanzerten Wunderdinger in mich hinein. Es war im Frühsommer. Der Ursprung des Namens war unklar.

wie es abgekürzt wurde. Man hatte ein ganzes Haus für sich selbst und seine Nachkommenschaft. dass man sich immer noch arm fühlte. aber die Steine waren verschwunden. Stattdessen warf ich große Steine vor die Walze. Dank harter Arbeit und der Hochkonjunktur war man aufgestiegen und hatte Geld für ein richtiges Haus aufnehmen können.Lobgesang der weiblichen Fruchtbarkeit. Kleidung zu kaufen. Es war die Zukunft. die Kinder mussten nicht mehr in Lumpen und Gestopftem herumlaufen. alles könne einem wieder genommen werden. nachdem das Fahrzeug vorbeigefahren war. Und jetzt würde auch noch der Kiesweg verschwinden. lief hin und suchte sie. und sogar Tornedalen wurde vom Fortschrittsrausch mitgerissen. Man hatte sogar ein Auto. glatt wie eine Wange. Man konnte es sich leisten. das so unfassbar war. oder Vittula. jetzt würde das alles mit ölschwarzem Asphalt gekrönt werden. Vittulajänkkä. Schweden blühte. obwohl man doch reich geworden war. Die Entwicklung war so überraschend schnell gekommen. Die Armut würde in eine schwarze Lederjacke gekleidet. die in den Hungerjahren in den Dreißigern aufgewachsen waren. Das war gleichzeitig gruselig und faszinierend. Ab und zu kam die Befürchtung auf. Die Lastwagen streuten Kies. die hier geschaffen wurde. Ich legte meine Hand auf die plattgewalzte Oberfläche. wie gut man es doch getroffen hatte. dass ich meinen fünfjährigen Fuß drunterschieben wollte. die Wirtschaft wuchs. Hier würden die Kinder auf ihren neuen Fahrrädern dem Wohlstand und der Ingenieursausbildung entgegenradeln können. war von den Mitgliedern ärmerer Familien bevölkert. Die Hausfrauen dachten hin und wieder voller Schaudern hinter ihren selbst genähten Gardinen. Sie fühlte sich sonderbar kalt an. Sie waren auf geradezu magische Weise fort. Wie konnte so rauer Kies glatt wie ein Laken gebügelt werden? Ich warf eine Gabel aus der 10 . Die Hinterlader brüllten und brummten. Die Dampfwalzen drückten das Straßenbett unter ihren gewaltigen Stahlzylindern mit einem Gewicht zusammen.

Es war unerträglich spannend. ein technisches Wunderwerk aus schwarzem Plastik. ob diese Dinge wirklich dort in dem Straßenbett liegen oder ob sie sich nicht tatsächlich auf irgendeine magische Art aufgelöst haben. Und mit einer Erwartung.Küchenlade hin und dann meine Plastikschaufel. schlich ich mich in ihr Zimmer. Auf ein Plastikgestell. ein glänzender kleiner Kasten mit einem durchsichtigen Deckel. ein unnötiger Luxus. Zu dieser Zeit kaufte meine große Schwester ihren ersten Plattenspieler. Auf die Rückseite schrieb sie den Filmtitel. Rund herum lagen Lockenwickler. die mir den Schweiß ausbrechen ließ. das aussah wie ein Abtropfgestell für Geschirr. und legte die Scheibe auf den Plattenteller. Der Plattenteller zuckte und begann sich zu drehen. die Hauptdarsteller und eine Note. Wenn sie noch in der Schule war. hatte sie ihre einzige Single gestellt. auf der ein fescher Jüngling Gitarre spielte. ganz vorsichtig holte ich das schwarze Vinyl heraus. der merkwürdige Knöpfe und Regler verbarg. Sorgsam hob ich den Deckel des Plattenspielers. Ich hatte ihr hoch und heilig versprochen. nicht einmal drauf zu hauchen. In einem Lackkästchen lagen Stapel mit Kinokarten und Fotos von Filmsternchen. Alles war modern. Vorsichtig. Ich versuchte mich daran zu erinnern. strich über die glänzende Hülle. Lippenstift und Spraydosen. 11 . Er stand auf ihrem Schreibtisch. alles ein Zeichen unseres Reichtums und ein Versprechen auf eine Zukunft in Überfluss und Wohlstand. er lächelte und erwiderte meinen Blick. Meine Schwester sammelte die Eintrittskarten und hatte einen großen Stapel von Wilhelmssons Kino. Jetzt ergriff ich sie mit zitternden Fingern. Und noch heute bin ich mir nicht sicher. Eine schwarze Haarlocke hing ihm in die Stirn. wie meine Schwester es getan hatte. schaltete ich den Strom ein. Schob das große Singleloch auf den Mittelstutzen. ich musste den Impuls unterdrücken. und auch die verschwanden spurlos.

machte ich kleine. holpriger. Mit plumpen Jungsfingern packte ich den Wurm. dass etwas kaputtgehen würde. Vergaß zu schlucken. da kam es! Kräftige Akkorde. merkte nicht. Es knisterte wie Speck in der heißen Pfanne. dass es von der Unterlippe tropfte. steifen Tonabnehmer mit seinem Giftzahn. riesenhafte Hunde zerrten an ihren rasselnden Laufleinen und kläfften mich an. Die neubelegten Straßen führten weiter zu anderen neugeteerten Straßen. Ich beugte mich vor und schaute aus dem Fenster. den sie da auskippten. So klang sie. und ich sah. Ich hatte die Scheibe kaputtgemacht. Und ich wusste. die dem Stampfen der Straßenbaufahrzeuge ähnelte. man würde sie nie wieder spielen können. Draußen auf der Straße rückte ein Lastwagen vor. verdammter Ölschotter. dass sie mit dem endgültigen Belag anfingen. Sondern Ölschotter. Mit jedem Schritt wuchs meine Welt. alles drehte sich mir im Kopf. den schwarzen. lederglänzender Asphalt. grob wie ein Zahnstocher. Und dann Elvis’ fiebrige Stimme. das kein Ende nahm. der auf den purpurroten Sonnenuntergang am Horizont verwies. Ich blieb wie versteinert stehen. ich vergaß sogar zu atmen. Auf dem sollten wir Dummköpfe in die Zukunft radeln. ein Gerassel. »BAM-BAM … BAM-BAM …« Nein. ein Lärm.einfach davonzulaufen. hässlicher. Das war die Zukunft. Und je weiter ich 12 . Dann senkte ich ihn auf das surrende Plastik hinab. Musik. Ich fühlte mich butterweich. vorsichtige Ausflüge in die Nachbarschaft. Staubgrauer. Grundstücke breiteten sich wie belaubte Parks aus. Als die Maschinen sich endlich zurückgezogen hatten. Aber das war kein schwarzer.

Aber er zögerte. dass man immer. unbeweglich wie ein Raubvogel. und es schien. sie weitete sich die ganze Zeit aus. der eigentlich nur eine alte Graswiese war. als ob er im nächsten Moment herunterrutschen wollte. dass mich jemand beobachtete. Es war Sommer und brütend heiß. Und das lag im Reich dieser schlitzäugigen Tschingtschangtschongmenschen auf der anderen Seite der Welt. Ich verließ unseren Hofplatz. Ich 13 . und ich ließ mich auf dem schmalen Sitzbrett nieder. um an Fahrt zu gewinnen. und ich spürte einen Schwindel. Der Junge hatte etwas Unangenehmes an sich. Wenn man nur lange genug lief.ging. Im nächsten Moment bemerkte ich. Schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte Papa. aus Angst. so fand man das Ende.« Das war eine klare Antwort. Eifrig begann ich die Ketten zu bearbeiten. Ich war auf der Hut. Er konnte nicht dort gesessen haben. Ganz oben. die mitten im Ort zurückgeblieben war. die es mir leichter ums Herz machte. Die Gemeinde hatte ein Schaukelgerüst auf dem Gras zusammengeschustert. als ich kam. sagte er. und betrachtete mich mit weit aufgerissenen Augen. umso mehr gab es zu sehen. mich zu verlaufen. Da saß ein Typ auf der Rutschbahn. Mein Hemd wurde nass von dem tropfenden Eis. das ich leckte. »Aber irgendwo muss sie doch zu Ende sein?« »In China. der fast an Übelkeit grenzte. immer weiter gehen konnte. Die Welt nahm kein Ende. als ich verstand. Ab und zu warf ich einen Blick zurück. als wäre er aus heiterem Himmel aufgetaucht. der gerade unseren neuen Volvo PV wusch: »Wie groß ist die Welt?« »Ziemlich groß«. Ich begab mich zu dem Spielplatz. verließ die Sicherheit.

auch das war eine Welt. Das andere 14 . um die Sonne einzufangen.versuchte. Als wäre er mit ausgebreiteten Flügeln dorthin geflogen. die über eine rote Haut krabbelten. Durch wie viele Schichten man sich auch hindurchzwängte. schaukelte stattdessen so hoch. saß er in der Sandkiste. Immer noch betrachtete er mich mit intensivem Blick. aber seine Gesichtszüge drängten sich auf einem viel zu kleinen Platz zusammen. es gab immer noch eine neue. Sie sahen aus wie große. Starrte in den Himmel. die Einsicht. das obere. Ich gab keinen Schwung mehr und ließ die Schaukel langsam auspendeln. wollige Schafe. der Schorf einer Schramme auf der Stirn würde bald abfallen. Sie kletterten übereinander und bildeten ein Muster. das die Ketten in meinen Händen schlaff wurden. Er hatte sich dicht neben mir ausgestreckt. Sein Gesicht war sonderbar klein. lederbraunen Fußball. Auch hier gab es Tiere. den Oberkörper halb abgewandt. und dann flog ich wieder hinauf ins Licht auf der anderen Seite. die sich im Wind zum Schlafen gelegt hatten. Als ich die Augen fester zukniff. Schweigend schloss ich die Augen und spürte das Kribbeln im Bauch. Als ich erneut die Augen schloss. ihn nicht weiter zu beachten. während es immer schneller nach unten ging. Er kniff ein Auge zusammen. Ein Schwindel erregendes Gefühl packte mich. die alle übereinander gestülpt waren. Wie das Gesicht einer Puppe. dass ich seine Wärme spüren konnte. Der Junge lag neben mir. Schließlich sprang ich ins Gras hinunter. Kleine schwarze Punkte. die sich auf der Innenseite meiner Augenlider bewegten. die es zu entdecken galt. machte einen Purzelbaum und blieb liegen. sah ich kleine Wesen. offensichtlich nicht vom Friseur. ich hatte keinen einzigen Laut gehört. entdeckte ich violett gefärbte Kerle in meinem Bauch. dass die Welt aus Unmengen von Tüten bestand. Als ich die Augen öffnete. Die Wolken zogen weiß über den Fluss. Die Haare waren unregelmäßig geschnitten. so dicht. Ich öffnete die Augen und hielt die Luft vor Überraschung an. festgeleimt auf einem großen. Der Kopf an sich war normal.

das meine Nervosität verbergen sollte. Ich tat es ihm gleich. mit einem aufgesetzt pompösen Selbstvertrauen. wiederholte ich auf Finnisch. Auf den Sitzen. die die Laestadiusrauchstube besuchten. Er folgte mir. die übrigen Finger wären zu dick gewesen. dass ich es ernst meinte. Ich selbst zögerte. wollte ich wissen. Die Bustür stand offen wegen der Hitze. Er steckte den kleinen Finger in ein Nasenloch.lag unten im Gras. aber ich war mir nicht sicher. setzten sich auf ihre Plätze. Ich zog den Jungen mit mir zur Einstiegstreppe. begann ich die Straße entlangzugehen. »Sogar nach China«. lagen Taschen und Jacken. Er gab keine Antwort. Sie waren gelb. und ich wollte ihn auch so richtig beeindrucken. Frischen Mutes. »Mikäs sinun nimi on?«. Jetzt öffnete er den Mund. Bald stiegen einige ältere Damen ein. Er steckte sie in den Mund und schluckte. ein Fahrer war nirgends zu sehen. die etwas feucht rochen. fuhr ich fort. weit aufgerissen. Mir war klar. Bewegte sich nicht. aber man sah die Zähne. Auf der Straße davor stand ein Bus. dass er mein Freund werden wollte. Wir setzten uns im Gras auf. mit einem alten Speiserestefilm bedeckt. in der ich mein eigenes Spiegelbild sehen konnte. »Wie heißt du?«. Um zu zeigen. keuchend und verschwitzt. hätten nicht reingepasst. ob er verstanden hatte. wir kletterten hinein. Wir gruben beide unsere Popel aus. »Man kann überall hingehen!« Er hörte konzentriert zu. Sie 15 . Da schnappte er sich meinen Happen und schluckte auch ihn hinunter. Wir gingen bis zu dem gelben Pfarrhaus. der gehörte sicher irgendwelchen Touristen. Es wurde kein Lächeln. Wir setzten uns ganz nach hinten und krochen hinter die Rückenlehne. mit einer riesigen Pupille.

schnell verschwand dessen letztes Haus. und schließlich tauchte auch der Fahrer auf. Nach einer langen. Weitere Rentner trafen ein. und dann ging es los. die vorbeisauste. bis uns jemand bemerkte. standen ein paar Propellerflugzeuge. Alte Telefonmasten mit Porzellanknöpfen. »Habt ihr Hunger?«. schob sich Kautabak unter die Lippe. gespreizten Metallantennen. hatte sie jedem von uns ein Schwarzbrot mit Käse in die Hand geschoben. fuhr sie in ihrer merkwürdigen Sprache fort. und eine Dame mit grobporigen Wangen drehte sich um. Ich lächelte sie abwartend an. Ich und mein Kumpel halfen ihr als Dank für die 16 . stoffartigen Bonbontüte an. und sie lutschte mit einem hässlichen Schmatzen an ihren Zähnen. Alle strömten hinaus. Der Fahrer öffnete eine Luke und holte die Reisetaschen heraus. Es dauerte mehrere Kilometer. holprigen Busreise hielten wir auf einem großen Parkplatz an. wühlte eine Weile in ihrer Handtasche und bot uns dann etwas aus einer ungewöhnlichen. Schweigend und mit großen Augen betrachteten wir die Landschaft. Der Schweiß lief ihr unter dem Hutrand heraus. das schien nirgends ein Ende zu nehmen. das ich nicht verstand. Und ehe wir uns versahen. Weiter entfernt. Sie sagte etwas. an denen die Kabel in schweren Bögen in der Hitze hingen. auch ich und mein Kumpel.redeten in einer Sprache mit vielen Brauselauten und tranken in langen Zügen aus Flaschen mit Erfrischungsgetränken. Vor uns lag ein breites Betongebäude mit flachem Dach und hohen. Die nette Dame hatte viel zu viel Gepäck und kam vollkommen in Hektik. So viel Wald. Dann deutete sie auf den Fahrer und fragte: »Papa?« Ich nickte mit einem steifen Lächeln. Wir verließen Pajala. Ich stieß aus Versehen gegen den Vordersitz. hinter einem Maschendrahtzaun. Sie erwiderte mein Lächeln. und brummten hinaus in die Wildnis.

Dann konnten wir in geordnetem Trupp durch die Sperre zum Flugzeug gehen. zeigte sie uns einen winzig kleinen Raum. die zusammenstießen. weiß von außen. Mein Kumpel legte seinen kurzgeschorenen Kopf immer weiter nach hinten. wie die glänzenden Propeller anfingen. so klein. und mit wachsender Spannung konnten wir sehen. Wir wurden durch die Wolken hinaufgehoben und stiegen immer weiter. unsichtbaren Wirbel verschwanden. was ein Glück war. Ich malte zwei Flugzeuge. Ich pinkelte in ein Loch und stellte mir vor. dass es kaum zu spüren war. sich zu drehen. Dann bekamen wir beide einen Block und Stifte. Mein Kumpel landete auf dem Fensterplatz. da wir ziemlich durstig waren. wo die Rentnergruppe sich in einem laut schwatzenden Haufen vor einem Tresen sammelte und alle möglichen Papiere heraussuchte. dass ich fliegen sollte. Wir flogen! Dort unten lag die Welt. als wir den Boden verließen. aber eine liebe braunäugige Frau mit goldenen Herzen in den Ohren half uns. wie die Pisse als dünner gelber Regen zur Erde fiel. Dann begannen wir uns zu bewegen. Wir fühlten uns ein wenig verloren. Eine uniformierte Frau versuchte geduldig für Ordnung zu sorgen. Es war das erste Mal. spürte. Menschen. dass sie in den Taschen Platz gefunden hätten. Mein Kumpel zeigte hingerissen aus dem Fenster. Die nette Stewardess gab uns Saft. aber innen grau wie Haferschleim. Häuser und Autos schrumpften zu Spielsachen.Butterbrote und schnappten uns eine schwere Tasche. bis sie ganz und gar in einem runden. Und dann kamen von allen Seiten Wolken. bis das Flugzeug das höchste Himmelsdach erreichte und dann so langsam vorwärts schwebte. immer schneller und schneller. Und als wir pinkeln mussten. die Sicherheitsgurte anzuschnallen. und 17 . in dem wir einer nach dem anderen unseren Pimmel herausholten. Wir trugen sie in das Gebäude. Ich wurde in den Sitz gedrückt. wie die Räder holperten und dann den leichten Ruck.

zogen wir um auf eine andere Bank. wie man daraus einen Baum oder einen Hubschrauber oder was sonst noch bauen konnte. sie sagte. Alle Passagiere versuchten als Erste hinauszukommen. »Wartet hier«. dass die doch bestimmt nach China wollten. Wir gingen dorthin. Wenn er ausatmete. bis wir endlich Menschen mit Schlitzaugen entdeckten. Ich fragte einen Mann mit Schirmmütze. »Papa«. dass das die Schwester des Mädchens war. Sie redete viel und ruderte mit ihren dünnen Armen. auf der ein Onkel mit strengen Augen neben einem älteren Mädchen mit rabenschwarzem Haar eine Zeitung las. und ich musste mehrere Male höflich fragen. Sie schmeckten so süß. sagte er und verschwand mit raschem Schritt. bot sie mir mit verhaltener Miene Stücke an. Nach einer ganzen Weile landeten wir. beschlug die Flugzeugscheibe. also setzten wir uns zu ihnen und warteten geduldig. die sorgsam mit einem Obstmesser abgeschnitten waren. Ich begriff. wie es in mir vibrierte. das konnten wir seinen Augen ansehen. Er schüttelte den Kopf und zeigte auf einen unendlich langen Flur. Ich lächelte deshalb schüchtern und tat so. Ich dachte mir. und in dem Gewühl verloren wir die alte Dame. Sie aß eine rote. murmelte ich und zeigte irgendwo weit in die Ferne. Nach einer Weile kam ein Mann in einer dunkelblauen Uniform und fing an. Sobald er weg war. Sie legte die Teile auf den Boden und zeigte uns. dass ich spürte. Ab und zu deutete sie auf eine Bank. Dort trafen wir ein schwarzhaariges Chinesenmädchen in Kniestrümpfen. uns Fragen zu stellen. sie heiße Li.bald schlief er mit offenem Mund. weiche Frucht und wischte sich mit einer spitzenumsäumten Serviette den Mund ab. den Leute mit ihren Taschen hin und her liefen. ich glaube. ob das hier China war. die ein witziges Plastikpuzzle hatte. als würde ich ihn nicht verstehen. Sicher würden wir Probleme kriegen. so etwas Gutes hatte ich nie zuvor 18 . Als ich zu ihr ging.

grün glänzender Käfer. und alle hatten es plötzlich ganz eilig. die pfiffen. den wir gekommen waren. Wir kamen nach Frankfurt. Statt der Propeller hatte es große Trommeln an den Flügeln. als es startete. den gleichen Weg zurück. daran gibt es gar keinen Zweifel. Und als eine Art Dank zog er überraschend eine Streichholzschachtel heraus. aber ich versuchte ihn damit zu trösten. Er erhob sich dumpf brummend über all die schlitzäugigen Menschen in ihren Sesseln. bis nach China gekommen. öffnete sie einen Spalt und ließ das Chinesenmädchen hineingucken. umkreiste zwei Frauen mit Stäben im Haar. Wir packten die Puzzleteile in die Spielzeugtasche des Mädchens und drängten uns in dem Passagiergewimmel durch die Sperre. aber da flog er davon. Im gleichen Moment ertönte eine Lautsprecherstimme. Mein Kumpel sah traurig aus. als wir abgehoben hatten.gegessen. Das Geräusch wurde zu einem ohrenbetäubenden Heulen und dann zu einem dumpfen Grollen. Dieses Flugzeug war viel größer als das vorherige. 19 . dass er sicher schon auf seinem Weg zurück nach Pajala war. Und wenn mein schweigsamer Reisebegleiter keine Probleme mit dem Bauch gehabt und nicht unter einen Tisch geschissen hätte. und ich stieß meinem Kumpel in die Seite. Er genoss den Happen mit versonnenem Blick. Die große Schwester versuchte ihn mit einem kleinen Obststückchen zu füttern. die überrascht aufschauten. Dort drinnen lag ein großer. umrundete einen Berg von Reisetaschen mit einem hastig eingeschlagenen Rentiergeweih oben drauf und flog dann dicht unter der Leuchtstoffröhre den Flur entlang. dann wären wir auf jeden Fall. dass auch er probieren sollte. dann wären wir sicher.

so wie die zwischen Pajala und Muodoslompolo. Ein alter Laestadianerprediger wurde einmal gefragt. oder darum. sich das vorzustellen. Auerhähne picken Kieselsteine in den Gräben. es duftet von den Morasttümpeln her nach Moor und Sonne. Ich freundete mich mit meinem schweigenden Kumpel an. die Lars Levi Laestadius vor langer. schrecken mit laut flatternden Flügeln auf und verschwinden im Gestrüpp. Er dachte lange darüber nach und antwortete schließlich. oder um ein Lippenbekenntnis. wie er diesen lebendigen Glauben beschreiben würde. dass es so wäre. dass seine Eltern Laestadianer waren. Es stellte sich heraus.KAPITEL 2 – über lebendigen und toten Glauben. und das mit einer derartigen Kraft. dass die Nachwirkungen noch heute zu spüren sind. Der Glaube muss lebendig sein. langer Zeit in Karesuando ins Leben gerufen hatte. Kirchensteuer zu zahlen. als würde man sein Leben lang bergauf wandern. Anhänger der Erweckungsbewegung. nur zu glauben. und bald ging ich das erste Mal mit zu ihm nach Hause. Nicht so einfach. Es ist grünender. 20 . Der Weg führt durch einen dicht gewachsenen Nadelwald. sich dahinschlängelnde Tornedalsche Landstraße entlang. In feurigen Predigten hatte dieser kurz gewachsene Priester fast genauso viel geflucht wie die Sünder und Lotterleben und Unzucht angeprangert. wie Schrauben Gewalt auslösen können und über ein merkwürdiges Intermezzo in der Kirche von Pajala. Sein Leben lang bergauf wandern. Es geht nicht nur darum. Für einen Laestadianer genügt es nicht. sprießender Frühsommer. Du spazierst in wunderschönster Ruhe eine lange. getauft zu werden.

Aber die Steigung hält an. Der Wald hat sich nicht verändert. Dort oben wird der Weg sich schon bald wieder zu einer trockenen Waldebene mit dichter weißer Rentierflechte zwischen himmelhohen Bäumen ausstrecken. Aus Tagen werden Wochen. Aber die Steigung hält an. Aus Wochen werden Monate. Der Schnee beginnt zu fallen. Der Weg geht immer weiter hinauf. wie es in den Wadenmuskeln zieht. und dann denkst du halt an Kitkiöjoki. es ist ja nur eine ganz kleine Steigung. die doch gleich kommen muss. Die Beine werden bedenklich müde. Und am nächsten Tag auch noch. Als hätte jemand die ganze Landschaft herausgebrochen und sie an dem einen Rand hochgehoben. Und zwischen Kitkiöjoki und Kitkiöjärvi bist du kurz davor aufzugeben.Bald gelangst du zum ersten Anstieg. und die Gedanken befassen sich immer wieder damit. Die Beine zittern. und spürst. Und der Schnee schmilzt und fällt von neuem. als du gedacht hast. irgendwann muss ja mal Schluss sein. das musst du widerstrebend zugeben. Du arbeitest sie Schritt für Schritt ab. Und es ist nicht schlecht gemacht. wer wohl so geschickt gewesen sein und das hier aufgebockt haben kann. doch die Steigung ist immer noch da. Und du kommst nach Parkajoki. Die Beine werden müde. Unverdrossen stapfst du nach vorne gebeugt weiter. Aber sie kommt nicht. Sie ist länger. Aber nach Parkajoki wird es ja wohl endlich wieder eben werden. einfach nur so. Und du ahnst allmählich. die wirst langsamer und hältst immer ungeduldiger nach der Kuppe Ausschau. um Ärger zu machen. Hätte das äußerste Ende hochgehoben und etwas daruntergelegt. den ganzen Tag lang. die 21 . dass es weiter nach oben gehen wird. wie die Erde ansteigt. Du merkst. Moorflecken und Laubbaumgruppen und ab und zu hässliche Einschläge. Aber du denkst nicht weiter darüber nach.

dass du im lebendigen Glauben gestorben bist. Häuser sind zwischen den Bäumen zu erkennen. die letzten Energiereserven des Körpers sind fast aufgebraucht. Meinst. wir alle können das bezeugen. Und deine Schritte werden kürzer. Jemanden. Sitzen auf dem Sattel. können bequem den ganzen Weg hinunterrollen. es ist. der auf leichten Füßen hinuntertrippelt und auf dem Weg nach Pajala an dir vorbeigeht. Aber du ruhst dich eine Weile aus und kämpfst dich dann weiter voran. das musst du zugeben. Da werden innere Kämpfe ausgefochten. engeltrompetenden Abwärtsfahrt. Und die Jahre vergehen. etwas erkennen zu können. das ist unausweichlich. Obwohl ihr Haus voller Kinder war.Hüftgelenke schmerzen. Du bist in dem lebendigen Glauben gestorben. ganz nah. öffnet sich. Einige von denen haben sogar ein Fahrrad dabei. und ein weiteres strampelte 22 . Die Sache ist klar. Das ist die Stadt! Das ist Muodoslompolo! Und mitten in einem Schritt. Beide Eltern waren also streng christlich. wie es sein soll. ohne zu treten. Es stellte sich heraus. einem letzten. sie kuolit elävässä uskossa. dort hinten würde es heller werden. herrschte darin eine traurige. Bald musst du dich doch Muodoslompolo nähern. seine Mutter rief ihn Niila. Ab und zu triffst du jemanden. kurzen und zitternden Schritt … Bei der Beerdigung betont der Prediger. dass mein Kumpel einen Namen hatte. der aus einer anderen Richtung kommt. Der Wald wird lichter. Niila hatte zwei ältere Brüder und zwei kleine Schwestern. in einer ewigen. kirchenähnliche Stille. Da kommen Zweifel auf. ganz. Und jetzt musst du doch nah sein. des Herren. und jetzt sitzt du endlich auf dem goldenen Gepäckträger Gottvaters. Und noch einmal fällt der Schnee. Du blinzelst in den Schneeböen und meinst. Du bist bis Muodoslompolo gekommen.

und Niila nahm das als Zustimmung auf. Er zog mich mit sich zu seinen großen Brüdern. Nur die Wangenmuskeln bekamen Falten. und Tränen begannen sich hervorzudrängen. dass ich hier war. als ich Niila besuchte. Als Kind bekommt man das schnell mit. Das Gesicht des kleinsten Mädchens verzog sich vor Angst. Auch ich schwieg. runde Hände sich an Mamas Rockzipfel klammerten. was sie wollten. die meisten waren aus unbemaltem Holz. Das Mehl wirbelte auf und wurde unter ihren kräftigen Knetbewegungen von einem Sonnenstrahl vergoldet. um immer wieder zu mir zurückzukommen. als würde sie gar nicht merken. mit gesenktem Kopf. in dem aufgerissenen Kindermund waren die Milchzähne zu sehen. weil man es als unnötig erachtete. Und das kam nicht nur daher. Die Kinderblicke glühten und wichen sogleich wieder aus. Ich wurde von einem Schwarm stummer Augen empfangen. Vielleicht aus Scheu. stolperten über Küchenwände und den Holzfußboden. Sie besaßen kaum Spielsachen. vielleicht aus Wut. sonst genügte ein Nicken. das die großen Brüder zurechtgeschnitzt hatten.in Mamas Bauch. aber auch das Weinen war lautlos. Ich starrte nach bestem Vermögen zurück. Sie weinte. Es war unglaublich. obwohl sie doch im Haus war. Die Eltern öffneten ihren Mund nur zum essen. das traf ja auch auf einige andere Familien in Tornedalen zu. sie stand mit den Armen bis zu den Ellbogen in einen Backtrog gesenkt. den Rücken leicht gekrümmt. Damit spielten die Kinder. Und da jedes Kind ein Geschenk Gottes war. während kleine. Sie tat so. weil sie religiös erzogen worden waren. Vielleicht. hinein. und die Kinder gehorchten. Man hatte ganz einfach aufgehört zu reden. die auf der Küchenbank miteinander 23 . Ich zog meine Schuhe auf der Fußmatte aus und schlich auf weichen Zehenballen. am Topfschrank. stumm wie Fische. im Schaukelstuhl. würden es mit der Zeit sicher noch mehr werden. Die Mutter trug ein Kopftuch. und dabei zeigten sie auf das. dass so viele Kinder so leise sein konnten. unter dem Tisch.

der die Stirn des älteren Sohnes traf. ein Brennpunkt wie bei einem Film. 24 . Drohend blieb sie abwartend stehen und strich sich langsam den Teig von den Händen. Die Mutter holte den Wischlappen. Niila schnappte sie sich. ohne etwas zu verstehen. direkt aufeinander gerichtet. Die Oberarmmuskeln spannten sich an. bis Niila vor Schmerzen den Atem anhielt und gezwungen war. Eine Mutter fiel zu Boden. den ganzen Abend Hemdenknöpfe anzunähen. schrumpelt. zwei Spiegel. und schließlich wird alles weiß. Alle Augen in der Küche konzentrierten sich auf die Brüder. Widerstrebend lockerten die Brüder ihren Griff. Er schoss mit einer dünnen Mehlwolke hinter sich durch die Küche. Da warf die Mutter den Wischlappen. ein Komet mit Schweif. Vielleicht war das auch eine Art Spiel. während der Abstand sich bis zur Unendlichkeit dehnte. Niila packte alle Schrauben in die Plastikschachtel und schob diese mit einer freudigen Miene in seine Tasche. Mit einer scharfen Bewegung packten die Brüder einander beim Hemd. Der älteste Bruder packte blitzschnell seine Hand. Dann standen sie auf und gingen durch die Küchentür hinaus. Woraufhin der jüngere Bruder die Schachtel auskippte. Einen Augenblick lang erstarrten alle. die Mutter in eine durchsichtige Plastikschachtel fallen zu lassen. wusch sich die Hände und widmete sich wieder dem Teigkneten. Sie hatte keine Lust.Schrauben tauschten. Mit der Zeit wurden sie immer wütender aufeinander und begannen schweigend einander die Schrauben aus den Händen zu reißen. kohlschwarze Pupillen. Und die ganze Zeit starrten sie sich in die Augen. wie schwere Magneten wurden sie voneinander angezogen. als der Inhalt sich über den Holzfußboden ergoss. dann schwarz wird. Dann spähte er durchs Küchenfenster hinaus. Ich spürte den Hass. der sich verklemmt hat. ein kompliziertes Hin und Her zwischen verschiedenen Schachteln und Fächern. Ein Klirren von Metall.

Dann fing Niila an. Und jetzt erkannte ich. und nach einer Weile ging ich heim. dass er wütend wurde. Er sortierte sie in die verschiedenen Fächer der Plastikschachtel. Peng. die Eckzähne ragten zwischen den geschwollenen Lippen hervor. kippte sie wieder aus. Das waren Haare. sie schwollen an. der gleiche stumme Hass. dass man sie eine Weile zwischen den Zähnen behalten musste. Wir bekamen Saft und Zimtbrötchen direkt aus dem Ofen. Ihre Beine waren kürzer und kräftiger. ihre Knöchel waren rot. Peng. kein Schimpfwort. dass die Hosen in den Säumen knackten. Aber kein Schrei. Zack. vermischte sie und fing von vorne an. Ein dichter Pelz. dass er sich schon lange danach gesehnt hatte. Beide bluteten aus der Nase. so heiß. über die Kartoffelnasen. müderen Bewegungen. aber jetzt mit langsameren. Die gleichen wütenden Schläge. Das waren keine richtigen Jungen mehr. seine Finger zitterten. Ich versuchte ihm zu helfen. Ihre Arme schickten einen Fausthieb nach dem anderen aus. Klatsch. Ihre Kiefer waren angeschwollen. Es tropfte und spritzte. Draußen standen die Brüder noch immer zusammen. Und dennoch machten sie weiter. der Jüngere musste reichlich Schläge einstecken. Er kippte sie auf der Küchenbank aus. Schwere Treffer. Die Nägel waren schwarz geworden und hatten sich zu Klauen entwickelt. Der Ältere hatte eine größere Reichweite. wie die Schenkel eines Bären. mir war klar. Da bemerkte ich. Ihre Gesichter waren grau hinter dem Blut. sie anfassen zu dürfen. leicht mit Staub gepudert.Mitten auf dem Gartenweg standen die Brüder. Er schaute nicht einmal auf. Der Kies war inzwischen zu einem kreisförmigen Wall getreten worden. dass das keine Erde im Gesicht war. mit den Schrauben zu spielen. merkte aber. harte Treffer auf die purpurroten Ohren. Ihre Hemden waren durchgeschwitzt. der 25 . bevor man sie kauen konnte. dass sie sich verwandelt hatten. Schlag für Schlag auf die niedrigen Stirne. sodass die kurzgeschorenen Köpfe wie Kohlrabiköpfe verdreht wurden.

Ding. Ding dang. dass es knackte. Die Dunkelheit wölbte sich über mir. Die heiligen Kirchenglocken. Und jetzt sah ich den Hunger. Ich wollte laut rufen. er ebnete den Kiesring mit ihren Vorderzähnen. Papa …« Und das Licht wurde matter. bereit zu einem schrecklichen Sprung. zwei wachsame Raubtiere. Beide hielten inne. das Jammern. Auf den Hof radelte eine weiß gekleidete Gestalt. Er hielt wortlos an. und so zog er sie über den Gartenweg. jammerten sie. Ding dang dong. ein quiekendes kleines Ferkel. Kirchenglocken. sogen meine Witterung ein. der erstickt wurde. Dann wurden sie schneller. Näherten sich Schulter an Schulter. eine leuchtende Gestalt. und der Vater warf die Söhne auf die Erde und packte sie beim Fußgelenk. Wandten sich mir zu. einen Sohn in jeder Faust. Dang. Dong. bis der Hof wieder schön und ordentlich war. Gruben ihre Klauen in den Boden.sich dunkel über ihre hellen Jungswangen ausgebreitet hatte. Sie wollten essen. Mit Riesenfäusten packte er die Tiere. Ich trat mit einem eiskalten Gefühl im Bauch ein paar Schritte zurück. hob sie beide beim Nackenfell und schlug die Steckrüben zusammen. weinten beide Brüder. Die Angst. die in einer mehligen Wolke von Licht seine Klingel betätigte. sie weinten und waren wieder zu Jungen gewor- 26 . hin und her. Mein Schrei. Und als er damit fertig war. »Papa«. Ging einen unvorsichtigen Schritt näher heran. Sie knurrten. den Hals hinunter und weiter bis in den Hemdkragen. Den lebensbedrohlichen Hunger. »Papa. um sie zu warnen. Rotteten sich zusammen. wollten Fleisch. Traten aus ihrem Kiesring heraus.

von Sünden. sie hielt eine Puppe ans Herz gedrückt. Sie begannen tiefer zu atmen. die aber mit ihren faulen Wurzeln herausgezogen und vor der Gemeinde wie wurmstichige Rüben geschüttelt wurden. Es war erschreckend. wie die erwachsenen klugen Verwandten verwandelt. Diese Worte. Niilas Papa hieß Isak und er stammte aus einem alten Laestadianergeschlecht. Dazwischen eingeklemmt hatte Isak gesessen. rannte. Isak hatte seine Jungshände zu festen Fäusten geballt. Das ist meine Schuld. Und in meiner Tasche lag eine Schraube. Klein dazwischen zu sitzen und zu spüren. In der Reihe vor ihm saß ein Mädchen mit Zöpfen. und zu denken: Das ist meine Schuld. diese lebendigen Worte. Es war so eng. ein schmächtiger Junge zwischen den Onkeln beider Familien. wenn ich doch nur ein bisschen artiger gewesen wäre. von beiden Seiten von erwachsenen Körpern in dem Qualm zusammengepresst. die Luft wurde schwer und feucht. und darinnen hatte es von Insekten gewimmelt. während der Sturm von oben noch zunahm. Und er dachte: Wenn 27 . in denen dunkel gekleidete Kleinbauern und ihre Ehefrauen mit geknoteten Kopftüchern Hintern an Hintern auf aufgestellten Sitzbrettern hockten. die sich vor seinen Augen verwandelten. Schon als kleiner Junge war er zu Gebetsstunden in den verrauchten Rauchstuben mitgeschleppt worden. des Verrats. dass die Stirn jeweils gegen den vorderen Rücken stieß. mit blondem. die gern in der Erde verborgen bleiben wollten. Und ich lief nach Hause. seine Eltern weinen zu sehen. so schnell ich konnte. die die echte Wahrheit Faden für Faden weiterspannen. wenn man vom Heiligen Geist ergriffen wurde und anfing.den. während die Stimmen der beiden Prediger immer lauter im Gesang erklangen. in der Dunkelheit. zerschmettert wurden. Sie war still. ihre Brillen beschlugen. sie bekamen purpurrote Gesichter. goldenem Haar. sich beim Gebetsmurmeln zu wiegen. wie es auf einen tropfte. ihre Nasen begannen zu tropfen. Bilder des Bösen. Zusehen zu müssen.

als er auf wackligen Beinen dort stand. war er bei einem Treffen aufgestanden. Er hatte seine Büchse böser Taten aufgeknöpft und war von seinen Sünden überspült worden. Kein Auge blieb bei der Versammlung trocken. die ein paar Kühe und Kartoffeläcker hatten. verabscheute den Alkohol. wagte er sich auf das frische Nachteis hinaus. Wenn ich sie loslasse. als er zum zweiten Mal gehen gelernt hatte. größer als der Selbsterhaltungstrieb. Was ihm hin und wieder Probleme bei den Waldarbeitern brachte. die Schale zerbarst. Er war dreizehn Jahre alt geworden und spürte. und ihre Tränen waren ihm übers Gesicht gelaufen. das war die zweite Taufe. Seine dicke Mama hatte ihn in Jesu Namen und Blut umarmt. gehen wir unter. war vor und zurück geschwankt und dann mit der Nase voran in Christi Schoß gefallen. Über seinen Kopf und seinen Brustkorb hatten sich vernarbte Handflächen gelegt. Der Herr hatte mit eigener Hand den Jungen zu sich geholt und ihn dann wieder zurückgeführt. an einem Sonntag. Das war ein Ruf. wie Satan in seinem Bauch wuchs. Die Predigerlaufbahn war damit vorgegeben. Und dann eines Tages. hatten sie ihn gestützt. hatte Halt bei den Rücken gesucht. flößte sie im Frühsommer und schuftete auf dem kleinen Bauernhof seiner Eltern. dem man beiwohnte. und mit einem Schrecken.ich sie öffne. Wie die meisten Laestadianer wurde Isak ein fleißiger Arbeiter. der größer war als die Angst vor Prügeln. das Kartenspiel und den Kommunismus. dann sterben alle. doch er sah den Spott seiner Kollegen als eine Prüfung an und las während 28 . Er arbeitete viel und forderte nur wenig. Und anschließend. Alles ging entzwei. Im Winter fällte er Bäume im Wald. so ging das damals vor sich. nachdem die Jahre verstrichen waren und er groß und kräftig geworden war. Das war etwas Großes.

Und das war die schlimmste Form des Laestadianismus. Nur dass er die Gestalt des Herren durch sich selbst ersetzte. seiner Leere. Kleine. Sie gingen ihrer Wege und kamen nicht zurück. einfach um es auszutesten. Er begann zu sündigen. die kälteste. Die tief liegenden Augen. die schonungsloseste: Ein Laestadianismus ohne Gott. Geschickt fing er die Aufmerksamkeit der Versammlung auf. die Fluchenden. Aber trotz seiner Verlassenheit. nach Seife duftende Finnin aus der Gegend um Pello. Niemand antwortete ihm länger. dass ihm das gefiel. machte er weiter. wider die Lügner. abgrundtiefe Verwirrung. Bei den Versammlungen konnte er endlich den Schmutz und den Teufel angreifen. Sein junges. wider alle Sünder.seines Schweigens die Woche über in den Postillen des Predigerbruders. eine scheue. Und eine langsam wachsende Boshaftigkeit. die Scheinheiligen. Während einiger ernsthafter Gespräche mit besorgten Glaubensbrüdern nahm er den Namen des Teufels in den Mund. 29 . Eines Tages war es nur noch still. die prügelnden Ehemänner und die Kommunisten. Und als er merkte. sorgsam rasiertes Gesicht. und bald heiratete er eine Glaubensfreundin. die Hurenböcke. das zweischneidige Schwert des Herrn schwingen. energisches. wurde er von Gott im Stich gelassen. Gesetz und Evangelium. Aber als die Kinder kamen. Trauer. die sich wie Läuse in das Jammertal des Tornedalschen Flusstals drängten. bezeichnete er sich selbst immer noch als gläubig. die Trinker. Aber am Wochenende säuberte er sich mittels Gebet und Sauna und zog sich ein weißes Hemd und seinen dunklen Anzug an. Zurück blieb allein eine große. böse Taten gegenüber seinen Nächsten. Er hielt an den Ritualen fest und erzog seine Kinder nach den Worten der Schrift. zurechtgehobelte.

um Wärme zu sparen. die nie heilten. man konnte hören. versuchte ich es ihm zu sagen. Sodass er manchmal auf mir landete. Man krümmt sich zusammen. Schließlich war er schon fünf Jahre alt. Wie viele Kinder in einer bedrohlichen Umgebung lernte er zu überleben. Wie er die Farbe der Umgebung anzunehmen schien. indem er sich unsichtbar machte. Man macht kleinere Schritte. Das wurde zu einer 30 . kratzte er daran. bekommt steife Schultermuskeln. Man wird härter im Fleisch. atmet flacher. Und nach einer Weile machte er es wieder. Niila hatte kleine Wunden am Unterarm. weil das sowieso keinen Sinn hat. bis er kaum noch zu unterscheiden war. dass es bald vorbei ist. Ein Tornedalscher Kleinbürger flieht nie bei einem Angriff. Manchmal öffnete er den Mund und war kurz davor. Das hatte ich ja bereits bei unserer ersten Begegnung auf dem Spielplatz erlebt. wie sich der Schleimkloß in der Kehle rührte. Mit der Zeit bemerkte ich. das man oft bei Tornedalschen Kulturveranstaltungen bemerken kann.Auf diesem bis ins Mark gefrorenen Boden wuchs Niila auf. und die Haut wird aufgrund des Sauerstoffmangels leicht grau. Aber das Merkwürdigste an Niila war doch. brach ihn auf. Er tat das ganz unbewusst. dass er sich immer kratzte. sich lautlos von einem Ort zum anderen zu bewegen. die dann im mittleren Alter anfangen zu schmerzen. ein Phänomen. während die hinteren Reihen alle voll besetzt sind. Er war ein typisches Tornedalsches Kleinbürgerwesen. aber er schien es irgendwie nie wahrzunehmen. was ich am ekligsten fand. Man kauert sich zusammen und hofft. Wenn wir bei mir zu Hause waren. die schmutzigen Fingernägel krochen ganz von selbst dorthin und richteten den Schaden an. seine Fähigkeit. Sobald sich Schorf bildete. zwischen dem Scheinwerferlicht der Bühne und dem Publikum klaffen gut zehn leere Stuhlreihen. dass er nicht redete. In öffentlichen Räumen setzt man sich ganz nach hinten. riss ihn los und streute ihn in die Gegend. manchmal aß er ihn auch mit einer geistesabwesenden Miene auf. Ich weiß nicht.

der sich zu lösen schien. was sie selbst nicht bekommen hatte. das kitzelte. deshalb wollte sie ihnen lieber Schwedisch beibringen als ihre finnische Muttersprache. Daheim bei mir saßen wir oft in der Küche. Ganz gleich. 31 . Ich wollte Niila das Sprechen beibringen. Und da sie selbst kaum Schwedisch konnte. Er sperrte den Mund auf. Er verstand. Sie fühlte sich minderwertig. Im Unterschied zu seinem Elternhaus hatte meine Mutter den ganzen Tag im Hintergrund das Radio laufen. was ich sagte. Winterkrieg und folgendem Weltkrieg niedergetrampelt worden war. mit seinem Kopf war alles in Ordnung. Sicher spielte dabei eine Rolle. schwieg sie lieber. dass seine Mutter aus Finnland stammte. Doch dann hielt er inne und sah ganz verängstigt aus. Ich beugte mich vor und schob ihm einen Finger zwischen die Lippen. die Tatsache. dass es nie ganz leise bei uns war. Sprachkursen und Gottesdiensten. Ich selbst hörte nie zu. was gesendet wurde. das war zu erkennen. während die fetten Nachbarn im Westen Eisenerz an die Deutschen verkauften und dabei reich wurden. ein Pfropfen. Er wartete auch. Sie wollte ihren Kindern das geben.Art Räuspern. Aber etwas darinnen hatte sich verhakt. das ging bei mir in ein Ohr rein und zum anderen wieder raus. Eine schon von Vorneherein schweigsame Frau aus dieser gequälten Nation. Niila dagegen schien schon allein die Geräuschkulisse zu genießen. er schlug meine Hand weg. immer noch schweigend. Eines Nachmittags fasste ich einen Beschluss. die von Bürgerkrieg. Ich begann seinen Hals zu massieren. weil Niila so gern Radio hörte. zeigte auf mich selbst und sagte: »Matti. sie sollten echte Reichsschweden werden. alles vom Verkehrsfunk über das Wunschkonzert bis zu den Kirchenglocken aus Stockholm. Ich fing seinen Blick ein.« Dann zeigte ich auf ihn und wartete.

Würdevoll stand er auf. aber ich kapierte nicht. »Kacken heißt das. Er räusperte sich.»Niila!«. Ohne zu reden. Nicht besonders schön. Ich deutete auf mein Geschlecht und sagte: »Bumsen!« Er lachte scheu über meine Frechheit. Wütend warf ich ihn zu Boden. ging zum Spülbecken und trank ein Glas Wasser. was er sagte. Ich saß eine ganze Weile vollkommen überrascht da. sag Niila!« Er starrte mich an. In seiner Stummheit. wie etwas herauskam. schüttelte ihn.« Noch einmal. Ich hielt den Atem an. Etwas äußerst Merkwürdiges war geschehen. sagte er dann. Sie klang dunkel für einen kleinen Jungen. ohne Konversation hatte er Worte erfunden. dass ich seine Stimme hörte. in seiner isolierten Furcht hatte Niila sich seine eigene Sprache erschaffen. wartete gespannt. »Was hast du gesagt?« »Donu al mi akvon. »Niila. Ich zeigte auf meinen Hintern: »Scheißen! Bumsen und scheißen!« Er nickte und hörte wieder dem Radio zu. Fragend sah ich ihn an. Ich erstarrte. Ich zeigte auf seinen eigenen Hintern und zeigte mimisch. Hustete und schien die Zunge im Mund zu kneten. Dann ging er zu sich nach Hause. als wäre ich ein Idiot. das Wort zu wiederholen. Sag kacken!« Er wand sich wortlos aus meinem Griff. rau. sie zusammengefügt und Sätze gebil32 . Niila redete! Er hatte angefangen zu sprechen. Aber er schwieg. um sie weich zu bekommen. »Soifa«. sagte ich und versuchte ihn dazu zu bringen. Es war das erste Mal.

Aber bei Niila hatte sich endlich der Halspfropfen gelöst. das Radio quäkte. Statt dass ich ihn das Sprechen lehrte. eingebettet in die innersten Torflager des Gehirns? Eine Ursprache. »Vi nomiĝas Matti«. den sie anriefen. und bald danach begann er auch Schwedisch und Finnisch zu reden. Aber das erwies sich als schwieriger als angenommen. Schnell schüttelte er den Kopf. »Ĉi tio estas seĝo«. eingefrorene Erinnerung. »Mi nomiĝas!« »Mi nomiĝas Matti«. Eine alte. der Gaumen hatte Probleme mit 33 . »Ĉi tio estas seĝo«. korrigierte ich mich. es gab eine Ordnung. wiederholte ich. Wir saßen in der Küche. und dass das bald vorbeigehen würde. Es gab Regeln in seiner Sprache. Wir begannen sie als unsere Geheimsprache zu benutzen. in dem wir unsere Ruhe hatten. Mit Hilfe dieser Als-ob-Sprache überwand er seine Angst vorm Sprechen. und die Mundbewegungen mussten eingeübt werden. sagte er und zeigte auf einen Stuhl. Der musste nur in Laute gekleidet werden. ich könnte einen Sprachfehler haben. Lange Zeit klang es sehr merkwürdig. sie wuchs zu einem Raum. er zeigte auf mich. dass Kinder oft eine Phantasiesprache benutzten. die jetzt langsam auftaute. »Vi nomiĝas Niila.« Er schmatzte eifrig. Mama und Papa wurden unruhig und fürchteten. war nun er es. meinte. Er verstand ja viel und hatte bereits einen großen passiven Wortschatz. aber das steigerte nur das Vergnügen. »Vi nomiĝas Matti«. Und schwupps waren die Rollen vertauscht. Oder waren das nicht nur seine? Lag das vielleicht tiefer. Man konnte nicht einfach so drauflosplappern. wiederholte ich gehorsam. der nur uns gehörte.det. Die Kinder aus unserer Gegend wurden neidisch und misstrauisch. aber der Arzt. der mich unterrichtete. Mutter war im Garten.

Ganz und gar nicht braun. 34 . Nur ein einziges Mal drehte er sich um und sah über die Rückenlehne zu mir. Wenn wir sie sprachen. Auch er im Priestergewand. entspannte er sich und bewegte seinen Körper in leichteren. Aber an diesem Tag war die Kirche überfüllt. oh ja … Kohlrabenschwarz! Ein Raunen war von den Sonntagsschulfräuleins zu hören. während sie sich doch sonst eigentlich nur zu Weihnachten an diesem Ort blicken ließen. glitzernden Mantel. Die Gemeinde flüsterte und summte.den vielen Vokalen im Schwedischen und den Diphtongs im Finnischen. In der fühlte er sich zu Hause. wie die Jazzmusiker auf den Plattenhüllen? Oder war er vielleicht nur bräunlich? Beim Glockenläuten wurde die Tür der Sakristei geöffnet. Die Kirche war nämlich bis auf den letzten Platz besetzt. geschmeidigeren Bewegungen. sogar meine Eltern ließen sich dorthin locken. Nach einer Weile konnte man ihn zwar einigermaßen verstehen. Und hinter ihm. Das Gesprächsthema war klar. In einem afrikanischen. und normalerweise wäre noch reichlich Platz gewesen. Eines Sonntags geschah etwas Ungewöhnliches in Pajala. es waren Beamte und Waldarbeiter da – und sogar ein paar Kommunisten. ob er wohl richtig schwarz war. Auf der Bank vor uns saß Niila mit seinen Eltern und allen Geschwistern. bekam aber sofort einen harten Stoß von Isak. Wilhelm Tawe trat heraus und wirkte hinter seiner Brille mit schwarzem Rand etwas angespannt. Man überlegte. kohlrabenschwarz. der Pfarrer war wie immer Wilhelm Tawe. Das Interesse war groß. eher blauschwarz. aber immer noch blieb er am liebsten bei unserer heimlichen Sprache. und die Lippen liefen vor Speichel über. An diesem Tag sollten die Einwohner von Pajala nämlich den ersten lebendigen Schwarzen ihres Lebens sehen. Es war ein ganz normaler Gottesdienst.

Es wurde ein bisschen eng dort oben. dass die Dame nur übersetzen sollte. konnten sich gar nicht satt sehen. als sie sich vorsichtig neben den stattlichen Fremden schob. mager und mit gelbledriger Haut. und die Kollekte dieses Tages sollte ohne Abstriche den Brüdern und Schwestern dort unten zugute kommen. der golden und blau auf seinem Kopf ruhte. ergriff das Mikrophon und warf nervöse Blicke auf die Versammlung. Unruhe breitete sich aus. Tawe erklärte aber sogleich zur allgemeinen Beruhigung. indem er die große Gemeinde willkommen hieß und ganz besonders den weit gereisten Gast aus dem kriegsgeschüttelten Kongo. Als es endlich Zeit für die Predigt war. Er sang mit tiefer. die Frau knickste. Dann leitete Tawe den Gottesdienst ein. Sie schwitzte reichlich unter ihrer Diakonissenhaube. Sein Gesicht war so dunkel. offenbar sangen sie in Afrika ähnliche Kirchenlieder. irgendwie rauer Stimme in einer Eingeborenensprache. dass die Frau in der Versammlung zu schweigen habe. gab Tawe ein Zeichen. und da hieß es immer noch. Der Schwarze blickte ruhig über die Reihen. Die christlichen Gemeinden dort benötigten dringend materielle Hilfe. Und das Unerhörte geschah: Der Schwarze und die Diakonisse betraten gemeinsam die Kanzel. 35 . Er kannte die Melodien. Während der Psalmen hörte man zum ersten Mal die Stimme des Schwarzen. Die Männer verneigten sich vor dem Altar. wir waren ja in den Sechzigerjahren. noch verstärkt. und die ganze Kirche sang immer leiser. um ihn besser hören zu können. seine Körperlänge wurde durch den hohen Hut. dass man nur das Weiße in den Augen blitzen sah. die viele Jahre lang in der Mission gearbeitet hatte. Aber alle starrten nur in eine Richtung.Neben dem Afrikaner trippelte eine alte Diakonisse. Die Rituale des Gottesdienstes nahmen ihren Lauf.

Dann ließ sie das Mikrophon fallen. Ihre Haut war dunkelgelb. Zurück blieben die Gemeinde und der Schwarze.Dann begann er zu sprechen. um zu übernehmen. Immer aufgeregter ging er bei einigen Sätzen ins Arabische über. danke dem Herrn. wenn nicht der Schwarze sie aufgefangen hätte. Auf Bantusprache. beugte sich jammernd vor und wäre von der Kanzel gefallen. In Gottes Namen. diesmal ins Kreolfranzösische. als würde er jemanden im Dschungel suchen. Einige Mitglieder des Kirchenrats schlossen sich an und halfen mit. »Ich danke dem Herrn. das sofort zum Krankenhaus fuhr. Tawe trat vor. meinem Gott«. Versuchte es dann verzweifelt mit dem Flämischen. Er dachte kurz nach und wechselte dann von der Bantusprache ins Kisuaheli. aber der Schwarze stand immer noch auf der Kanzel. sie stand aufgrund einer Fieberattacke kurz vor der Ohnmacht. Ausdruckslose Gesichter sahen ihn an. übersetzte die Diakonisse. 36 . Ohne Mikrophon. Wenn er um die halbe Welt gereist war. Alle fühlten sich wie benommen. »Malaria«. aber leider vollkommen unbekannt in Pajala. schlang die knochigen Arme der Diakonisse um seinen Stiernacken und trug sie hinunter auf den Mittelgang. das er während seiner ökumenischen Reisen in Belgien aufgeschnappt hatte. verbreitet in großen Teilen des afrikanischen Kontinents. stöhnte sie. laut und lockend. Er rief irgendwie. sie aus der Kirche zu einem Auto zu tragen. Gewiss eine Vielmillionensprache. Er wechselte wieder die Sprache. würde er das hier ja wohl auch noch schaffen. Der Dialekt war so stark. Er kletterte hoch. dass nicht einmal die Französischlehrerin seine Aussprache verstand. Der Kirchendiener reagierte als Erster.

»Mi komprenas ĉion«. mia knabo. Einen Augenblick lang sah es aus. Da erhob sich Niila aus der Bank vor mir und rief zurück. Der Schwarze half dem Buben die Stufen hinauf. als wollte er fliehen. antwortete Niila. Die gesamte Versammlung drehte sich um und starrte diesen unverschämten Bengel an. ein schüchterner kleiner Junge mit verschnittenem Haar.Der Kontakt blieb bei Null. Der Afrikaner winkte ihn mit hellen Handinnenflächen zu sich. Niila konnte kaum über die Brüstung sehen. die eingeschlafen war. kiu aǔskultas niajn preĝojn …« 37 .« Zögernd zwängte sich Niila aus der Bankreihe und stellte sich in den Gang. In diesen abgelegenen Gegenden regierten allein das Schwedische und das Finnische. als dieser schroff von Isak niedergeboxt wurde. »Venu ĉi tien. Der Afrikaner hob seine Hände als Zeichen. Sich duckend tastete er sich zur Kanzel vor. und die Haut da drinnen war sonderbar weiß. Venu ĉi tien al mi. Es wurde totenstill in der Kirche. rief der Schwarze. »Cu vi komprenas kion mi diras?«. aber der Afrikaner hob ihn mit seinen starken Armen hoch. Setzte so lautstark an. gerade in dem Moment. Der Schwarze wandte das funkelnde Weiß seiner Augen dem Jungen dort unten zu. brachte einen Säugling zum Weinen und die Blätter in der Predigerbibel zum Rascheln. Isak spürte den Blick und ließ seinen Sohn los. Mit zitternder Stimme nahm er seine unterbrochene Predigt wieder auf: »Dio nia. Hielt den Jungen wie ein Lamm. Niila machte unter den Blicken aller Anwesenden ein paar zittrige Schritte. Niemand verstand eine Silbe. dass das Echo bis zur Orgel hinaufdrang. innezuhalten. Aus reiner Verzweiflung wechselte er ein letztes Mal die Sprache. weckte eine Frau auf.

Herr. während der Junge die gesamte Predigt des Schwarzen übersetzte. Die Einwohner von Pajala hörten wie vom Schlag getroffen zu. Plötzlich hatte ich so eine sonderbare Ahnung und drehte es lauter. Unsere Geheimsprache! Eine kurze Erkennungsmelodie. die wir wegmümmelten. »Gis reaǔdo!« Ich stutzte. anschließend die Stimme des Sprechers: »Sie hörten gerade die heutige Lektion unseres Sprachkurses in Esperanto. Mit der Zeit taute Niila wieder auf eine etwas steife Art auf. Wir bekamen von meiner Mutter Butterbrote. Er schlüpfte an einem Nachmittag in unsere Küche und sah immer noch mitgenommen aus. alle waren gerührt und in ihren Herzen bewegt. Das Ereignis wurde viel diskutiert. aber Isak verbot das.»Vater unser. Sie waren schockiert. der Schwarze und Niila. der du unsere Gebete erhörst«. nicht zuletzt in kirchlichen Kreisen. Wir danken dir. bis der gesamte Kirchensaal summte. was der Schwarze sagte. wir danken dir …« Niila verstand alles. Jubelndes Flüstern brach aus. Woher kannte der Afrikaner unsere Geheimsprache? Denn genau diese redeten sie da oben. Ein Gnadenzeichen! Ein Wunder! Ich selbst konnte das nicht begreifen. »Heute hast du uns einen Jungen gesandt.« 38 . Ich selbst traf Niila erst ein paar Tage später. Im Hintergrund plapperte wie üblich das Radio. Viele in den Bänken brachen vor Entzückung in Tränen aus. Niilas Eltern und Geschwister saßen wie Steinsäulen mit entsetzten Gesichtern da. dass eines von Gottes Wundern vor ihren Augen geschehen war. Noch lange Zeit danach riefen Zeitungen und Fernsehen an und wollten den Jungen interviewen. sie begriffen. übersetzte Niila ohne jedes Zögern.

Sprachkurs in Esperanto. 39 . den Blick weit in die Ferne gerichtet. Er saß da. Langsam drehte ich mich um und sah Niila an. Er hatte es aus dem Radio gelernt.

Statt arbeitslos herumzulaufen. Er hasste herumschnüffelnde Kinder. Kein Kind war ihm jemals entkommen. den Radarblick eingeschaltet. mit dem wir den Ereignissen weit vorgreifen. bevor er mit wenigen Tigersprüngen seine Beute packte. An den Füßen trug er Holzschuhe. Wir Kinder hatten Angst vor ihm. Neben der Schule. die er mit blitzartiger Geschwindigkeit abschüttelte. An einer Stirnseite waren ein paar Bretter lose. in denen wir Kinder gern wühlten. Das war das alte Armenhaus. lag ein rot gestrichener alter Vorratsschuppen. in dem aber inzwischen jugendliche Mädchen unter anderem im Essenkochen und in Handarbeiten ausgebildet wurden. er schraubte seine Faust wie eine Zange um die Nackenwirbel und hob es dann hoch.KAPITEL 3 – über dramatische Begebenheiten im Vorratsgebäude der Nähschule sowie ein unerwartetes Zusammentreffen. Er tauchte immer wie aus heiterem Himmel auf. ein athletischer Kerl im Overall voller Farbflecken. voller Schrott und alten Schulunterlagen. fast herrschaftliches Holzgebäude mit vielen Fenstern über die ganze Fassade. dort konnte man hineinkriechen. Es war ein brütend heißer Hochsommertag. die wir immer nur Nähschule nannten. Unruhig hielt ich nach dem Schulhausmeister Ausschau. der Heuduft von den Schnittweiden am Spielplatz war intensiv wie Tee. bis sich fast der Kopf vom übrigen Körper 40 . Neben dem Spielplatz lag ein großes. Die Hitze lag schwer auf der Stadt. Ganz allein schlich ich mich an die Wand des Vorratsschuppens heran. konnten die Mädchen immer noch gut ausgebildete Hausfrauen werden.

löste. Ich hatte einmal einen der Nachbarsjungen gesehen, einen verdammt zähen Jugendlichen, der wie ein Baby heulte, nachdem er sein Moped am falschen Ort aufgemotzt hatte. Trotzdem ging ich das Risiko ein. Ich war noch nie in dem Vorratsschuppen gewesen, hatte aber davon gehört, dass sich andere getraut hätten. Die Nerven bis zum Zerreißen gespannt, schaute ich mich um. Alles schien ruhig zu sein. Schnell ließ ich mich auf alle viere fallen, schob die Latten zur Seite, steckte den Kopf durch die dunkle Öffnung und krabbelte hinein. Nach dem Sonnenschein draußen war hier drinnen alles kohlrabenschwarz. Die Augen weiteten sich aufgrund der Dunkelheit und der Blindheit. Eine ganze Weile lang stand ich vollkommen regungslos da. Dann begann ich nach und nach Konturen zu erkennen. Alte Regale, kaputte Schulbänke. Ein Stapel Holz, ein Haufen Ziegelsteine. Eine gesprungene Toilettenschüssel ohne Deckel. Kartons mit Elektroschrott und Isolatoren. Ich begann vorsichtig herumzugehen, versuchte dabei möglichst nirgends anzustoßen. Die Luft war trocken, es roch nach Sägespänen, Mörtel und warmem Teer von der sonnenheißen Dachpappe oben. Ich glitt voran, schwamm geradezu in dem dumpfen Dunkel. Es war olivgrün wie am Grunde eines Nadelwalds. Ich bewegte mich wie zwischen Schlafenden. Atmete geräuschlos durch die Nase, spürte, wie der Staub sie kitzelte. Meine Segeltuchschuhe, weich wie die Pfoten einer Katze, hinterließen auf dem Zementboden keine Geräusche. Stopp! Ein Riese wuchs vor mir in die Höhe. Ich wich zurück, eine schwarze Gestalt in der Finsternis. Mein Körper erstarrte. Aber das war nicht der Hausmeister. Sondern ein alter Heizkessel. Hoch und schwer durch die Metallplatten. Dick wie eine Hausfrau mit großen gusseisernen Luken. Ich öffnete die größte. Schaute in eine kalte, kohlrabenschwarze Öffnung. Rief leise hinein. Meine Stimme hallte da drinnen wider. Im Inneren war es leer. Eine eiserne Jungfrau, nur noch mit der Erinnerung an ein das Innere verzehrendes Feuer.
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Vorsichtig schob ich den Kopf durch die Luke. Tastete mit der Hand und spürte, wie sich Rostklumpen von den Wänden lösten, vielleicht war es auch Ruß. Drinnen roch es nach Metall, Oxid und altem Feuer. Ich überlegte eine Weile, sammelte all meinen Mut. Dann zwängte ich mich durch die enge Feuerluke hinein. Ich war in der eisernen Jungfrau. Hockte in ihrem runden Bauch, zusammengekauert wie ein Fötus. Ich versuchte mich hinzustellen, aber mein Kopf schlug oben gegen das Metall. Leise schloss ich die Luke hinter mir, zog sie so weit zu, bis auch der letzte schwache Lichtstreifen verschwand. Eingeschlossen. Sie brütete mich aus. Beschützte mich mit ihren kugelsicheren Wänden wie eine Schwangere. Ich war in ihr, und ich war ihr Kind. Das fühlte sich so prickelnd wie eklig an. Eine Sicherheit, gemischt mit einem merkwürdigen Gefühl der Scham. Ich tat etwas Verbotenes. Ich verriet jemanden, vielleicht meine Mutter. Mit geschlossenen Augen kauerte ich mich zusammen und lehnte mein Kinn auf die Knie. Sie war so kalt, während ich warm und jung war, ein kleiner, schwelender Glutklumpen. Und als ich lauschte, konnte ich sie flüstern hören. Ein leises Sausen in einem Riss oder einem abgenutzten Rohrstutzen, zärtliche, tröstende Worte. Da hörte ich es poltern. Der Hausmeister trampelte in den Geräteschuppen. Er war wütend und versprach allen verfluchten Kindern Prügel. Ich saß atemlos da und hörte ihn suchend herumlaufen, Möbel hochheben, gegen Gerümpel treten, als jage er Ratten. Er lief im Schuppen herum und stieß wilde Drohungen aus, anscheinend hatte mich jemand in der Nähschule gesehen und verpetzt. Und das ging über »djävlar« und »perkele«, Todesflüche auf Schwedisch und Finnisch. Direkt vor dem Heizkessel blieb er stehen und schien in der Luft zu schnuppern. Als würde er Witterung aufnehmen. Ich hörte etwas gegen das Metall kratzen, und mir war klar, dass er sich gegen sie lehnte, gegen die eiserne Jungfrau. Das Einzige, was uns noch trennte, war eine drei Zentimeter dicke Eisenhaut.
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Die Sekunden schleppten sich dahin. Dann war noch ein Kratzen zu hören, und die Schritte verloren sich. Die Schuppentür wurde zugeworfen. Ich blieb sitzen. Unbeweglich wartete ich, dass die Minuten vergehen würden. Und plötzlich hörte ich von neuem das Schlurfen von Schritten. Der Hausmeister hatte nur so getan, als würde er gehen, um die Beute mit der List eines erwachsenen Mannes zu schnappen. Aber nun gab er auf, diesmal ging er wirklich hinaus, ich konnte seine Schritte auf dem Kies draußen hören. Jetzt erst traute ich mich, meine Position zu verändern. Die Gelenke schmerzten, und ich drückte gegen die Luke. Sie saß fest. Ich packte fester zu. Doch die Luke ließ sich nicht bewegen. Eine Woge kalten Schweißes überschwemmte mich. Die Angst wurde zur Panik, der Hausmeister musste an den Hebel gekommen sein. Ich war eingeschlossen. Nachdem sich die erste Erstarrung gelöst hatte, begann ich zu schreien. Das Echo verstärkte meine Stimme, ich steckte die Finger in die Ohren und brüllte los. Aber niemand kam. Heiser und erschöpft sank ich nieder. Würde ich sterben? Verdursten, in meinem Sarkophag verdorren? Der erste Tag war schrecklich. Meine Muskeln schmerzten, die Waden zogen sich in Krämpfen zusammen. Der Rücken wurde steif, da ich gezwungen war, zusammengekauert zu sitzen. Der Durst machte mich fast wahnsinnig. Meine Körperfeuchtigkeit wurde von den rußigen Wänden kondensiert, ich merkte, wie es von ihnen tropfte, und versuchte sie abzulecken. Es schmeckte metallisch, und der Durst wurde nur noch schlimmer davon. Am zweiten Tag überfiel mich Schläfrigkeit. Viele Stunden lang dämmerte ich in einem Halbschlummer dahin. Die Leere erschien wie eine Befreiung. Mein Zeitgefühl schwand dahin,

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ich glitt in ein angenehmes Gefühl des Vergessens und begriff, dass ich starb. Als ich das nächste Mal wieder erwachte, musste ich feststellen, dass eine ganze Weile vergangen war. Das grünliche Tageslicht, das durch das Ventil hereinsickerte, war schwächer geworden. Die Tage wurden kürzer. Es wurde nachts viel kälter, und bald stellte sich auch der Frost ein. Ich hielt mich warm, indem ich wie eine Kröte mit kleinen, albernen Bewegungen auf und ab hüpfte. An den Winter habe ich nicht viele Erinnerungen. Ich kauerte mich wie ein Ball zusammen und schlief die meiste Zeit. Die Wochen vergingen in einer Art Winterschlaf. Als die Frühlingswärme endlich wieder zu spüren war, entdeckte ich, dass ich gewachsen war. Die Kleider waren zu eng und unbequem. Unter großen Schwierigkeiten zog ich sie aus und wartete nunmehr nackt weiter. Stück für Stück füllte mein Körper den knappen Hohlraum immer mehr aus. Es mussten einige Jahre vergangen sein. Die Körperfeuchtigkeit führte dazu, dass das Eisen rostete, ich hatte Rostflocken in meinem wild wuchernden Haar. Jetzt konnte ich nicht mehr hüpfen, nur noch wie eine Ente seitwärts schaukeln. Selbst wenn jetzt die Luke geöffnet würde, wäre sie für mich zu eng. Mit der Zeit wurde es fast unerträglich. Ich konnte mich nicht einmal mehr seitwärts bewegen. Mein Kopf war zwischen die Knie gepresst. Die Schultern konnten nicht mehr breiter wachsen. Mehrere Wochen lang dachte ich, die Sache wäre gelaufen. Zum Schluss ging es nicht weiter. Ich füllte den Hohlraum vollständig aus. Es gab keinen Platz mehr, um zu atmen, ich bekam nur mittels kleiner, schnappender Bewegungen Luft. Und trotzdem wuchs ich noch weiter. Eines Nachts geschah es. Ein sprödes Knacken. Als bräche man einen Seitenspiegel ab. Eine kurze Pause und anschließend
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ein langsames Knirschen auf meinem Rücken. Als ich versuchte nach hinten zu schauen, gab die Wand nach. Sie bog sich und zerbarst in einer Wolke von Scherben, und ich wurde in die Welt hinauskatapultiert. Nackt, neu geboren, krabbelte ich im Gerümpel herum. Stellte mich auf sehr wackligen Beinen auf und suchte Halt an einem Regal. Verwundert stellte ich fest, dass die Welt geschrumpft war. Nein, ich war derjenige, der doppelt so lang geworden war. Um mein Geschlecht herum wuchsen Haare. Ich war erwachsen geworden. Hinaus in die eiskalte Winternacht. Kein Mensch war zu sehen. Ich stapfte durch den Schnee und hastete barfuß durch den Ort, immer noch nackt. Auf der Kreuzung zwischen dem Farbenladen und dem Kiosk lagen vier Jünglinge mitten auf der Fahrbahn. Sie schienen zu schlafen. Ich blieb stehen und betrachtete sie verwundert. Beugte mich im Straßenlicht tiefer über sie. Einer der Jünglinge war ich. Mit einem merkwürdigen Gefühl legte ich mich auf der eisbedeckten Fahrbahn neben mich selbst. Die Kälte direkt auf der Haut, sie schmolz und wurde feucht. Ich wartete. Sie würden schon zur rechten Zeit aufwachen.

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und weiche. Einige hatten Sprachfehler. verblichene Bodenplanken mit einer glänzenden. eine ganze Menge war mit Prügeln erzogen worden. Freundlich. etwas über das südliche Schweden lernen und wie das Lernen an sich vonstatten geht. Feierlicher Einmarsch mit Mama in das große gelbgestrichene Holzgebäude. aber entschlossen nahm sie ihre Pflichten wahr – die darin bestanden. Wir wurden knarrende Treppen hinaufgelotst. dicken Lackschicht und wurden jeder auf unsere antike Schulbank mit Holzdeckel. trug eine runde Nickelbrille. die an Pantoffeln erinnerten. kamen aus Arbeiterheimen und wussten schon von Anfang an. fast alle waren scheu. gekrümmte Nase. Klasse eins. oft eine Strickjacke dazu. und ich begann mit der Schule. eine alte Schule. Die Mütter marschierten hinaus. die ihr das Aussehen einer Eule verlieh. das die Grundschule beherbergte. 46 . einen Knoten im Nacken mit Netz und Haarnadeln und hatte eine lange. Überall waren die Messerspuren etlicher Schülergenerationen zu sehen. die sie zur Hälfte zuknöpfte. Federmulde und Loch für das Tintenfass verwiesen. dass sie nicht hierher gehörten. die ganz phantasievoll Gamla Skolan getauft worden war. und wir blieben zurück.KAPITEL 4 – in dem die Kinder des Ortes in die Gamla Skolan kommen. andere Brillen. gingen über breite. An einem bewölkten Augustmorgen erklang die Glocke. schwarze Schuhe. Unsere Lehrerin war über Sechzig. Zwanzig Kinder mit wackligen Milchzähnen und warzigen Fingergelenken. Sie trug immer einen Wollrock und eine Bluse. viele sprachen daheim Finnisch. in ein Klassenzimmer im ersten Stock.

Sich in die Schlange vor der Klassenzimmertür stellen. die die Prüfung bestanden hatten. Sie waren es. dass die Kindheit vorbei war. Niemand verstand all diese mysteriösen Zeichen. wie gesagt. die immer noch nicht genug hatten. Auf der Grundlage dieses wissenschaftlichen Tests teilte die Lehrerin die Klasse in zwei Gruppen ein. Zum Schluss wurde der Stundenplan auf die Innenseite des Pultdeckels geklebt. von einer Wand bis zur anderen. die aussahen wie bunte Karamellbonbons. die Sonntagsschule. uns zu gehorchen. saß der Stempel doch genau dort. er war ein Teil von ZUCHT und ORDNUNG und bedeutete. Wir bekamen auch Stifte und Kreide in einer Pappschachtel und ein Lesebuch über Li und Lo und eine steife Pappscheibe mit Wasserfarbenbröckchen. die wir von zu Hause mitgebracht hatten. aber der Stundenplan gehörte dazu. Und auch wenn wir erst sieben Jahre alt waren. Zucht und Ordnung. Einige konnten es.aus diesen nur schlampig gesägten Holzscheiten etwas herauszuschnitzen. was in der schwedischen Gesellschaft zurechtkommen würde. und am siebten Tag gab es für die. Das Bankfach sollte mit Papier ausgelegt werden. Ganz vorn an der Decke hingen die BUCHSTABEN. und ein eifriges Klappern stumpfer Schulscheren. Eine erschreckende Armee von Biegungen und Pfosten. darunter ich und Niila. die Eins und Zwei genannt wurden. die wir einen nach dem anderen besiegen sollten. In Gruppe Zwei landete der Rest. Dann begann die Arbeit. wenn es zur Stunde läutete. Ab jetzt gab es die Sechs-Tage-Woche in der Schule von Montag bis Samstag. flach auf den Rücken in unser Schreibheft legen und zwingen. die Bücher eingeschlagen. Zuerst mussten alle an die Tafel gehen und ihren Namen aufschreiben. mit dem Fräulein an der 47 . In Gruppe Eins landeten die. die meisten der Mädchen sowie ein paar Beamtensöhne. andere nicht. In Reih und Glied in die Schulkantine gehen. wo er sitzen sollte. und es gab ein lautes Rascheln von Wachspapierrollen.

Genau wie Pajalabo war man unterlegen. Sie wusste wirklich. der nie wirklich still sitzen konnte. Alles befohlen mit der gleichen ruhigen schwedischen Freundlichkeit. bei der die Lehrerin sich auf den Hocker setzte und anfing zu treten. Annika. ob auch alle mitsangen. gedruckt in einem besonders kleinen Maßstab. Ein zitternder Altfrauensopran mit strengem Seitenblick. wie man erwachsen wird. vollkommen verschwunden unter roten Strichen. das wurde gleich als Erstes festgestellt. Ganz vorn am Lehrerpult stand die braune Pedalorgel. Kreidegeruch. immer weiter nach Norden. Die Löcher im Papier zum Fenster hin drehen. der oft Nasenbluten hatte und dann mit zurückgelehntem Kopf und einem Stück Küchenrolle dasaß. die flüsterte. wenn man etwas sagen will. dass einem Frechdachs in der Zweiergruppe der Schopf von kräftigen Fräuleinfäusten gelupft wurde. Sie wurde bei der Morgenandacht benutzt. Ihre dicken Waden spannten sich in den beigefarbenen Kniestrümpfen. die Straßen bedeuteten. Wir mochten unsere Lehrerin. sich aber drei Jahre später an einem Baum auf der Skipiste Yllästunturi zu Tode fahren sollte. Dann kamen die anderen Gebiete in normalem Maßstab. ihre Brille beschlug. nur selten kam es vor. die Ortschaften markierten. um zu überprüfen. Die Landkarte von Schweden. und in die alle Jungs verliebt waren. sie spreizte ihre runzligen Finger über den Tasten und gab den Ton an. Und Tore und Anders und Eva und Åsa und Anna-Karin und Bengt – und wir alle anderen. In die Pause gehen. und schwarzen Punkten. Kennet. Das Sonnenlicht aus den Sprossenfenstern.Spitze. Die Hand heben. Im Atlas kam Skåne zuerst. Mikael. der verdammt gut im Fußballspielen war. Und ganz zum Schluss kam Norra Norrland. damit auch 48 . Sofort hereinkommen. wenn es wieder zur Stunde klingelt. wenn man pinkeln muss. wenn sie reden sollte. wenn es klingelt. golden und warm schien es über die nächststehenden Bänke. in einem besonders großen Maßstab gedruckt. Stefan. Die Hand heben. je länger man blätterte.

348 Meter. Und Frau Pfifferling auch nicht. Ein Graben. zypressenähnlicher Baum mit neun Buchstaben vorkam. Blätterte man zurück. und dort wohnten wir. Ätran. und trotzdem gab es dort kaum Striche oder Punkte. sollten wir singen. Kleine Waldbäche. sondern nur ein spärlicher. Aber kein Wort über Käymävaara. in dem oft ein hoher. ja unser gesamter südlicher Landesteil von Küste zu Küste. und auch sonst keine Verwandten von ihm. bis ich das Maßstabssystem durchschaute und kapierte. aus dem Wagen steigen und mir die Augen reiben. wilder Busch in Kniehöhe war. Wir mussten Viskan. Richtige Antwort: Wacholder. wuchs es und wurde ebenso groß wie der Baum. Obwohl doch der Wacholder bei uns nie so aussah. Spyan und Gallan oder wie sie auch immer hießen. dass Skåne ebenso groß erschien wie das ganze Norra Norrland. Es dauerte viele Jahre. dafür aber grün gefärbt war von verdammt reger Landwirtschaft. Aber um Pajala wuchs nirgends eine Eiche. Fast ganz oben am Rand der Karte lag Pajala. lernen. so wurde uns gesagt. deshalb war uns schnell klar. sah man. geschmückt mit einer betagten Eiche. Viele Jahre später sah ich sie mit eigenen Augen. Wir lernten alles über Kinnekulle. Das Gleiche galt für das Kreuzworträtsel in diesem Heft. Ich musste einfach anhalten. Kaunisjoki oder Liviöjoki. Platz zwischen Haparanda und Boden finden würde. die das südschwedische Hochland entwässerten. »Hast du Herrn Pfifferling gesehen?«. umgeben von braunfarbener Tundra. vier kolossale Flüsse. Wenn man Geld sparte. dass Skåne. Die gleiche Fremdheit spürte ich auf dem Gebiet der Kultur.alles Platz hatte. 49 . Manchmal bekamen wir ein Heft von der Sparkasse. 306 Meter über dem Meeresspiegel. dass mit dieser Reklame etwas nicht stimmte. größer waren sie nicht. Die Frage konnte ich mit einem glatten Nein beantworten. die kaum zum Flößen geeignet wären.

Mit eifrigen Rufen leitete sie die perfekten Musiklektionen! Die Schüler stammten aus der Nacka Musikskola. und noch heute weiß ich nicht. starrte mich an und kicherte unter lautem. Es war unmännlich zu singen. und aus den Lautsprechern ertönte ein keckes Erkennungssignal. Ein nördlicher Anhang. bewegten wir die Lippen. dass einer der Jungen den gleichen Namen hatte wie ich. legte vorsichtig ein Band ein und verteilte die Liederbücher. mehr aber auf keinen Fall. Die Lehrerin stellte ein plumpes Tonbandgerät auf das Pult. sei so gut und wiederhole noch einmal die Melodiestimme«. verächtlichem Schnauben. Dann drehte sich die ganze Klasse um. und als der Radar der Lehrerin über uns hinwegfegte. Aber wir Jungs saßen stumm wie die Fische da. Die Spulen begannen den Magnetriemen zu drehen. wie diese Südländer mit ihren klaren Engelsstimmen von Gänseblümchen und Schlüsselblumen und anderen tropischen Gewächsen sangen. Manchmal sang einer der Nacka-Schüler solo. zwitscherte die Dame. Nach einigen pädagogischen Durchgängen sollten wir gemeinsam mit dem Band. Mit der Zeit wurde uns klar. dem Hesa-Fredrik-Ensemble und den Wiener Sängerknaben singen. und das Schlimmste war.Die Musikstunden waren ein Ritual für sich. und die Mädchen begannen leise wie der Wind in einer Gräserwiese zu summen. »Mattias. Anschließend war eine schnelle Frauenstimme mit Stockholmer Akzent zu hören. Knapsu. Wir waren sozusagen nur aus Zufall dazugekommen. warum wir zuhören mussten. Ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst. Dann spähte sie mit ihren Eulenaugen über die Klasse und schaltete den Strom ein. und ein mädchenähnlicher Jungssopran stimmte mit glockenklarer Stimme ein. dass unsere Heimat eigentlich gar nicht zu Schweden gehörte. ein paar öde Sumpfge50 . In den Augen der Lehrerin erschien ein gefährliches Glitzern. eine riesige Kiste mit Tasten und Drehknöpfen. Also schwiegen wir.

Wir trugen auch im Haus Mützen. sondern identitätsmäßig. tornedal-finnische Flüche und Kommunisten. wie die bäuerlichen Familienbetriebe ausstarben und die Weiden von Unkraut überwuchert wurden. in der Beziehung hatten wir genug. in denen kaum Menschen lebten. Wir schafften es ja kaum. Schweden zu sein. Das war ein Aufwachsen im Mangel. Wir hatten keine Tischsitten. Wir suchten nie Pilze. wir wären Finnen. Wir waren anders. nicht deklamieren. Nicht in einem Mangel materieller Art. kein Schloss und keinen Herrensitz. keine Verkehrsampeln. keine Geschenke einwickeln oder eine Rede halten. Wir sahen. Unsere Nachnamen konnten von den wenigen Referendaren. Unsere Eltern waren niemand. Wir hatten die schlechtesten Ergebnisse im Standardtest im ganzen Reich. nicht buchstabiert und schon gar nicht ausgesprochen werden. Wir hatten keine Berühmtheiten. ein bisschen ungebildet. ein bisschen arm im Geist. Wir waren niemand. die es kaum schafften. ein bisschen unterlegen. wie vierzig kräftige Waldarbeiter von einem einzigen dieselstinkenden Scooter ersetzt wurden. Wir radebrechten 51 .biete. wir sahen. um zurechtzukommen. Keiner von uns traute sich. Wir hatten keine Achterbahnen. Unsere Vorväter hatten keinerlei Bedeutung für die schwedische Geschichte gehabt. da Ulf Elfving glauben könnte. Wir konnten uns nicht ordentlich unterhalten. uns selbst zu versorgen und nicht von der Sozialhilfe abhängig zu sein. Unsere Heimat war zu klein. für lange Wochen in die Gruben von Kiruna. wir sahen die letzten Holzflöße auf dem Torneälv und dann keines mehr. um auf der Landkarte zu erscheinen. vermieden Gemüse und aßen nie Krebsschnittchen. Wir gingen mit den Füßen auswärts. wir sahen unsere Väter die Handschuhe an den Nagel hängen und fortreisen. die aus dem richtigen Schweden zu uns kamen. Wir hatten nur unendlich viele Mücken. an »Upp till tretton« zu schreiben. Wir hatten keine Rehe oder Igel oder Nachtigallen.

Es war ein geräumiges. waren die Toten. die unseren Ort leerte. Einer Flüchtlingswelle. Die Einzigen. und wenn es nur das Allergeringste war. Es kam zu einer riesigen Evakuierung. Nämlich wegzuziehen. überzeugt. uns darauf zu freuen. die aus dem Süden zurückkehrten. An der Flussseite 52 . In Södertälje. wir radebrechten auf Schwedisch. In Lund. Ein unsichtbarer Krieg. damit das Haus nicht mit einer riesigen Scheune verwechselt werden konnte – zum großen Kummer des Denkmalschützers und anderer Liebhaber. dass es die Chance unseres Lebens sei. In Arvika. Die alten Rundholzüberstände waren nach der Mode der Zeit abgesägt worden. wo das Haus angebaut worden war. Kotmaassa. ohne Finnen zu sein. Wenn man die Fassade näher studierte. ohne Schweden zu sein. wenn man etwas werden wollte. die in den gefrorenen Boden zwischen den Birken des Pajala Friedhofs gesenkt wurden. mit Blick über den Fluss. Verkehrsopfer. und wir gehorchten. Es gab nur einen Ausweg. In Västerås würde man endlich ein richtiger Mensch werden. um von einer Feuerstätte aus beheizt zu werden. Es gab immer noch zwei Schornsteine mit zwei separaten Kaminen. In Borås. und merkwürdigerweise als vollkommen freiwillig angesehen wurde. Wir lernten. konnte man an den Kerben erkennen. Schwere Särge. Eine einzige Möglichkeit. solide gebautes Haus vom Ende des letzten Jahrhunderts. das Haus war zu groß geworden. In den Glanztagen des Laestadianismus war das Haus naturgrau gewesen. Niilas Haus lag auf einem der ältesten Baugelände von Pajala. mit großen Sprossenfenstern an den Längswänden. Selbstmörder. Wir waren nichts. aber irgendwann in den Vierzigern war es fleischwurstrot mit weißen Fensterrahmen gestrichen worden.auf Finnisch. Und mit der Zeit auch die Aidstoten.

abgenutzte Möbel. braunen Lederrücken auf. Die Scheune stand noch da und war mit der Zeit zu Vorratsschuppen und Garage umgebaut worden. Wir hatten gerade Schulschluss. war direkt unangenehm. wie die blöden Jungs aus der Dritten immer hinter ihm herriefen. Für diesen Tag hatten wir unsere Räder getauscht. Er hatte meins leihen dürfen. zusammengerollte Teppiche. dass er die Wut nach innen kehrt. Vor uns ragte ein gewaltiges Regal voller Bücher mit abgenutzten. nur ein kleines. An einer Seitenwand blieben wir stehen. Aber seit einiger Zeit wurden die Wiesen nicht mehr gemäht. Der Platz atmete Finsternis. Überall standen Berge von Gerümpel herum. Sobald wir angekommen waren. Man fühlte sich nicht willkommen. Erbauungsliteratur. außer in der Schulbibliothek im Dachgeschoss der Gamla Skolan. Postillen. Wir schlichen uns die steile. eine rostige Sense. der in der Kindheit so hart angepackt worden ist. die während der seit Jahrtausenden immer wiederkehrenden Eisschmelze von dem Flussschlamm gedüngt wurden und nahrhaftes. Dort oben herrschte ein Halbdunkel. Überall steckte das Unkraut seinen Kopf hervor. Ich hatte noch nie so viele Bücher auf einmal gesehen. Gerade an diesem Platz hatte einer der ersten Bewohner vor vielen hundert Jahren seinen Rucksack hingehängt und sich ein Heim gebaut. verglastes Guckloch ließ das nachmittägliche Licht herein. Niedergang. Irgendwie hatte es etwas Unnatürliches an sich. kirchengeschichtliche Schriften auf Schwedisch und Finnisch eine Reihe nach der anderen. Es herrschte hier eine Kälte wie bei jemandem. handgeschreinerte Treppe hoch. Viel zu viele Bücher. zog Niila mich mit sich in den Schuppen. Emailleeimer. Ich selbst trampelte auf seinem Rex »leicht wie ein Keks«. ein ganz tolles mit schmalem Sattel und umgedrehtem Lenker. die nach Schimmel rochen.lagen Schnittwiesen. die von den Füßen der ganzen Familie poliert worden war. milchförderndes Heu gaben. Wer sollte 53 . und ich ging mit Niila nach Hause.

nur grobe. während die Reihen sich leerten. versetzten ihnen kräftige Fußballtritte. Konzentriert begann er Buchstabe für Buchstabe zu entziffern und sie mit unendlicher Mühe zu Worten zusammenzuziehen. warf er es mit aller Wucht die Treppe hinunter. Aber Niila blieb dort. Die dünnen Seidenpapierblätter raschelten wie Laub. Es landete so. fleischige Finger. Dann nahm er aus dem gewaltigen Bücherregal einen Katechismus.die alle lesen? Und warum standen sie hier. Ihm folgten sogleich ein paar Gesammelte Schriften. Ich huschte wie eine Ratte die Treppe hinunter und hinaus. Niila sah mich aufmunternd an. Unsere Hausaufgabe war es. bevor es in eine rostige Egge fiel. dass die Seiten wirbelten. als ob man sich ihrer schämen müsste? Niila öffnete seine Schultasche und zog das Lesebuch über Li und Lo heraus. Zog es heraus und sah. und er blätterte mit seinen unachtsamen Jungsfingern die Seite auf. hatte rote Flecken auf den Wangen. versteckt im Schuppen. Wütend warf er auch ihn hinunter. warfen wirbelnde Rauten. Breitschultrig wie ein Ringer. als er auftraf. ein ziemlich kleines Ding mit weichem Umschlag. Ich spürte. Er lachte. die mit kurzem Knacken im Rücken brachen. stumm und schwarz. die zitternd den Gürtel aus den Schlaufen zogen. feuerten uns gegenseitig an. Dann ermüdete er und klappte das Buch mit einem Knall zu. bevor ich es überhaupt richtig begriff. Ich sah Niila zögernd an. dass uns die Luft wegblieb. wie mein Herz schneller zu schlagen begann und ergriff auch ein Buch. Nicht ein Wort. wie es mehrere flatternde Seiten verlor. In steigender Ekstase zerrissen wir immer mehr Bücher. braune. ein Stück darin zu lesen. Mit einer raschen Geste schickte er mich fort. Anschließend. schwere Klumpen. dass die Ecke vom Buchrücken auf den groben Bodenplanken umknickte. Als die 54 . sah mit seinen langen Eckzähnen wie ein Fuchs aus. und lachten. Das sah unglaublich komisch aus. Plötzlich stand Isak da.

hörte ich. Hoch über Huvudstaleden fliegt eine Schar Dohlen. Kapitel fünf. Morgendämmerung. der Geruch feuchter Mäntel. In meiner Aktentasche liegt mein Lehrerhefter mit fünfundzwanzig korrigierten Schulaufsätzen. Mein Blick wendet sich wieder Tornedalen zu. Ich schaue verstohlen durch das Zugfenster hinaus. immer rundherum in einem aufgeregten Kreis. wie Isak anfing zu schlagen.Scheunentür hinter mir zufiel. Der Pendelzug nähert sich Sundbyberg. Februarmatsch und mehr als vier Monate bis zum Markt von Pajala. Für einen Moment hebe ich den Blick von dem Schreibblock. den ich in Nepal angefangen habe. 55 .

Man hatte ja schon als Siebenjähriger ein gewisses Interesse. weiche Schneefetzen. Ich hätte gerne mit ihnen geknutscht. nehme ich an. auf die Schneewehen vor unserem Haus zu klettern und die Mädchen zu beobachten. In erster Linie. In kleinen Grüppchen kamen sie plaudernd an uns vorbei. Prügelketten und die Kunst. Hätte mich wie ein Kätzchen an sie geschmiegt. In den Sechzigern gab es ja reichlich Mascara und falsche Wimpern. Diese hochaufgeschossenen sechzehnjährigen Walküren flohen wie die Rentiere. einen Skihang festzutrampeln. wenn die Nähschule ihre letzte Stunde gehabt hatte. Sie rauchten wie die Schlote und hinterließen eine eklig-süße Duftmischung aus Aschenbecher und Parfüm. damit sie uns als richtige Männer ansahen. die nur selten trafen. ohne Mütze. jedenfalls fingen wir an. Manchmal grüßten sie uns. siebzehnjähriger Mädchen an unserem Haus vorbei. Obwohl wir doch nur leicht zusammengedrückte Bälle warfen. Aber 56 . als bauten wir eine Schneeburg. wie kalt es auch immer war. Jeden Tag. Sie gerieten total aus dem Häuschen. quiekend und schreiend und hielten ihre Schminktäschchen zum Schutz hoch. Niila und ich machten es uns zur Gewohnheit. wäre vollkommen falsch. Süße Bräute. Und erstaunlicherweise funktionierte das. sie mit Schneebällen zu bombardieren. wäre ihnen gern nahe gewesen. Es als Geilheit zu bezeichnen. es war eher eine klammernde Sehnsucht. die ich noch heute mit Begierde verbinde.KAPITEL 5 – über unschlüssige Winterkriege. Das war uns jedes Mal ungemein peinlich. und wir taten dann so. um ja nicht die Frisur zu zerstören. kamen Horden sechzehn-. die wie dicke Handschuhe niederrieselten. Supermini und enge Plastikstiefel. Wie auch immer.

»Ich verprügle euch. zischte sie. Mit langem blondem Haar. ich trete euch die Fresse ein. die wir bisher nur erahnten. Wir ließen immer die erste Gruppe vorbei. Wir verbreiteten Furcht und Panik. als wir plötzlich entdeckten. Schon die Erwartung verursachte ein Prickeln. Wir warteten in der Hocke. Und ernteten natürlich Bewunderung für unsere männliche Tatkraft. Kichern. dann warfen wir ihnen ein paar Bälle in den Rücken.das genügte. Jeder mit seinem Schneeball in der rechten Faust. getuschten. schlage ich euch tot«. um ihnen zu imponieren. Mehrere Grüppchen in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Unser Plan war genau durchdacht. wie sich die Mädchenstimmen näherten. Da kam die Mädchenherde. Sobald wir aus der Schule nach Hause kamen. Genau im richtigen Augenblick erhoben wir uns. Die Kämpfe brachten uns Genüssen näher. Sie starrte uns wütend an. dass ihr nicht mehr laufen könnt. Nur ein paar Meter entfernt. dass eines der Mädchen stehen geblieben war. »Wenn ihr noch einen Ball schmeißt. stellten wir gleich einen Vorrat an Schneebällen her. mit der man rechnen musste. das Husten beim Rauchen. Wie zwei erzürnte Wikinger sahen wir die Mädchen schreiend davonstieben. Wir hockten uns hinter die Schneewälle. schwarzen Augen. dass eure Mütter anfangen zu heulen. während sie sich näherten. wenn sie euch sehen …« 57 . jeweils zwischen fünf und zehn Stück. Mit jeder Schlacht schwollen unsere Hahnenkämme weiter an. worauf die anderen Gruppen vor uns anhielten. Wir wollten gerade jeder noch einen Nachzügler in die Horde werfen. Das ging ein paar Tage lang so weiter. Wir fühlten uns wie die Winterkrieger von Vittulajänkkä. Hörten. zwei vernarbte Veteranen im Kampfauftrag auf einem fremden Kontinent. Wir waren eine Streitmacht.

eventuelle frühere Zwistigkeiten oder weit zurückliegende Familienfehden. Der Verprügelte. und sobald er Anders entdeckt. Durch sie wurde das Machtgleichgewicht zwischen den Jungen des Ortes geregelt. Anders schlug Nisse. verdrischt er ihn ausgiebig und überschüttet ihn mit Drohungen. der wiederum in die Stadt geht und die Augen offen hält. Die Prügelketten entstanden ungefähr folgendermaßen: Ein paar kleine Jungs begannen sich zu streiten. Das Mädchen warf uns einen letzten furchterregenden Blick zu. also Nisse. Das nächste Mal. vertrimmt er ihn nach Strich und Faden. Zurück blieb nur das Gefühl eines riesigen. Der sechs Jahre ältere große Bruder von Anders beiden Freunden geht 58 . Ich will mich nicht in die Gründe des Streits vertiefen. unangenehmen Missverständnisses. Die Kindheit jedes Jungen in Pajala war von Prügelketten geprägt. Ein Junge hat ganz einfach einen anderen verprügelt – und beide sind anschließend nach Hause gegangen. Anders selbst sowie ein paar Kumpel. wenn der Bruder entweder Nisse oder Nisses Bruder sieht. Wir sahen uns nicht an. Und so fängt die Kette an.Erstarrt ließen Niila und ich unsere Bälle sinken. und Nisse fing an zu heulen. die mit ihnen als Leibwache in die Stadt gegangen waren. sechsjähriger Bursche mit hineingezogen und verließ sie so mit vierzehn. dann drehte sie sich um und folgte ihren Freundinnen. erzählt sofort seinen beiden älteren Brüdern von der Sache. fünfzehn. Man wurde schon als fünf-. Niila und ich rührten uns nicht von der Stelle. Anders geht heulend zu seinem eigenen vier Jahre älteren Bruder nach Hause. Einer der großen Brüder geht in die Stadt und hält die Augen offen. fast erwachsener Cousin bekommt eine kurze Zusammenfassung der ganzen Geschichte geliefert und verprügelt Anders’ Bruder. (Könnt ihr noch folgen?) Nisses fünf Jahre älterer.

Dann gab es Vittulajänkkä gegen Paskajänkkä. und die Nachmittagsdunkelheit hat bereits eingesetzt. während die Kleinkinder sich zu Hause versteckten. wo man für eine Krone gemischte Bonbons kaufen will. und das vor allem. Nachbarn und alle möglichen Freunde mit hineingezogen. wenn niemand mehr in der Lage war oder noch Lust hatte. diese ewige Angst zwischen Schule und der relativen Sicherheit daheim. Cousins und andere männliche Verwandten bekommen eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse geliefert. blaugrauen Himmel und funkeln 59 . während der die Schläge ausgeteilt wurden und die Kleinen heulten. Übertreibungen in den Beschreibungen sind üblich. Nisses übrige Brüder. Achtzehnjährige Cousins mehrerer Grade und sogar Väter bekommen eine energische Aufforderung. in der die Stärksten in die Stadt gingen und die Augen offen hielten. Diese Phase fand ich persönlich am schlimmsten. Normalerweise hielt sie ein paar Wochen an und nahm den oben beschriebenen Verlauf. und das Ganze im Sand verlief. Es ist Winter. Der erste Teil war also die Rutenphase.darauf in die Stadt und hält die Augen offen. auf den Streit der Kleinen zu pfeifen. oder Strandvägen gegen Texas. und lockere Schneeflocken fallen aus dem unendlichen. die Jungen zu unterstützen. wenn die ursprünglichen Kombattanten aus verschiedenen Stadtteilen stammten. erklären jedoch. Die Lebensdauer einer Prügelkette lag zwischen ein paar Tagen und Monaten. die komplizierten Strafregeln und Verwicklungen auseinander zu halten. Zum Schluss folgte dann die Abrüstungsphase. und der Krieg war unvermeidlich. wer wen verprügelt hat und in welcher Reihenfolge. Aber vorher gab es also das Terrorgleichgewicht. war das nicht besonders lustig. Dann kam die Drohphase. und man fährt mit dem Tretschlitten zum Kiosk. So ging es immer weiter. In die allerlängsten Prügelketten wurden Klassenkameraden. darüber. das Gleiche findet auf Anders’ Seite statt. Wenn man dann erwischt wurde.

und jetzt geht er einen Schritt auf einen zu. und hofft. Und man ist umzingelt. und das Herz will stillstehen. der einen genauestens anguckt. und vom Kirunavägen her ist das Brüllen des Schneepflugs zu hören. wer das ist. steht plötzlich einer der großen Jungen. die man sich in Gedanken herunterbetet. vielleicht besser umzukehren. aber von hinten kommt plötzlich ein anderer Junge. Und dann sagt er: »Da hast du aber Glück gehabt!« Und man bürstet den Schnee von der Mütze. Und dahinten. der sich durch den Winter schiebt. Spannt die Schulterblätter an und nähert sich dem Ersten. und der Kerl kommt immer näher. Schwer in der Dunkelheit auszumachen. Er kommt näher. Rotz und Erniedrigung. Und er fragt. dass das Gehirn sich zu lösen scheint. tritt weiter seinen Schlitten und sehnt sich mit allen Fasern danach. Man macht sich steif wie ein Kalb in der Schlachtbox. und man überlegt.unter den Straßenlaternen wie Sterne. wer es ist. Die schwarze Silhouette eines Jungen aus der Oberstufe. wer man ist. Ohrfeigen. Schnee im Nacken. sodass man stehen bleiben muss. endlich erwachsen zu sein. dass es im Augenblick mindestens drei Prügelketten in der Stadt gibt. Und der Kerl runzelt die Stirn und schlägt einem die Mütze runter. ein kleiner Junge mit Tretschlitten. und sein Gesicht liegt im Schatten. Und man erwägt. zu welcher Familie man gehört. und die Straßenlaternen sind voller Schnee. den Rücken hinunter und in den Hosen. groß ist er jedenfalls. Man hat nicht die geringste Chance und kann nur hoffen. Und man versucht sich schon darauf einzustellen. dass das die richtige Antwort ist. Und jetzt steht er da vor einem. und die Kufen laufen etwas zäh in dem frischen Schnee. man hört auf zu treten und versucht zu erkennen. und dann sagt man. Und man tritt zwischen den Schneewällen dahin. 60 . an der Kreuzung. Heulen. die Mütze in eine Birke hochgeschleudert.

Hinten beim LaestadiusRauchstubenhaus wuchs eine ganze Reihe himmelhoher. würde aus dem Winterschlaf erweckt. Gleich nach der Schule schnallten wir uns unsere Holzski mit Schnürbindung unter und nahmen die Abkürzung über den Spielplatz. aber in der Mittagspause konnte man die Sonnenscheibe wie eine Blutorange über den frostigen Hausdächern hängen sehen. das unten am Fluss noch viel dichter stand. heilige Urbäume. und der feuergelbe Saft erfüllte uns mit Lebenslust. Es wurde dunkel. Es war. Schweigende. An einem Spätwintertag beschlossen Niila und ich. die über dem Boden zu schweben schienen. Das Licht wurde von Abermillionen von Eiskristallen reflektiert. Die Tage waren immer noch kurz. Aber es war unmöglich.Es wurde Spätwinter. und die schlimmste Winterkälte war vorüber. Schnell erklommen wir den nächsten Schneewall und schlüpften ins Dunkel. Er starrte zwischen den Birken hindurch. Niila machte die Spur. Langsam gewöhnten die Augen sich daran. nadliger Tannenriesen wie Kirchenspitzen in die Wolken. dort Ski zu fahren. erfüllt von größeren Gedanken als unseren. tiefen Schneedecke ein. als würde man aus einem Topf herausklettern. Schweigend glitten wir an Lars Levis’ Denkmalskopf vorbei. da der ganze Hang mit einer schenkeldicken weichen Schneedecke bedeckt war. sein Kopf war mit einer Schneemütze bedeckt. die Straßenlampen brannten bereits. Unterhalb von uns öffnete sich der Hügel. aber es wurde dennoch nicht stockfinster. die Skier sanken fast einen halben Meter in der losen. zwei undeutliche Figuren im Dunkel. lang und steil hinab zum Fluss hin. den Laestadiushügel auszuprobieren. Wir stellten unsere Skier parallel und begannen zu trampeln. 61 . Stampften den Schnee zusammen. und ich fuhr hinter ihm. Bald ließen wir die Straßenlaternen hinter uns. Skibreite für Skibreite arbeiteten wir uns den Abhang hinunter. Wir tranken mit gierigen Kehlen das Licht. Wir überquerten den vereisten Laestadiusvägen mit klappernden Skiern.

mit sturer Beharrlichkeit in unserer eigenen Spur. Wir stellen uns nebeneinander. Perfekt gestampft. Gleiten dahin. die an den Wangen brennt. Stampften den Schnee noch fester zusammen. kehrten wir um. die Füße in festgeschnürten Skischuhen angespannt. Wir sind nach einer ungemein anstrengenden Arbeit wieder am Ausgangspunkt angelangt. absolut perfekt! Die Knie wie Federn. glatte Straße aus Tausenden von Skistapfern. die Lunge hebt sich. Der 62 . Dann beugen wir uns vor. ein einziger Wirbel. machten ihn so eben und hart. die Luft wird wie ein Spiegel zersplittert. die fast unmöglich wird. Der Hügel führt hinab in eine verschwommene. Stapften den gleichen Weg wieder hinauf. Schnee. das Heulen des Windes. Immer schneller und wilder. warme Löcher. das immer noch zunimmt. Niila und ich. Spähen hinunter ins Dunkel. Die Beine zittern. Seite an Seite mit aufgerissenen Mündern. stille Bewegungen in der Tiefe. Wir werfen uns einen Blick zu. Ein Brausen im Fleisch. Ein dünner Faden hinunter in die Träume. zwei frisch gekochte Blutklöße. den ganzen Hügel hinunter bis auf das Flusseis. Seite an Seite arbeiteten wir. Ein unheimliches Dröhnen rollt das Eis des Torneälven entlang bis nach Peräjävaara. Und als wir endlich unten waren. in die Gefriertruhe geworfen. eine Fahrt. dunkle Traumwelt. Eine breite. während der Schweiß unter unseren Kleidern lief. Undeutliche Schatten. Zwei dampfende Jungen. Das Fauchen. Wir sind losgekommen. der aufblitzt. Wir durchbrechen die Schallmauer. aber unter uns liegt der fertiggestampfte Abhang. Und endlich haben wir es geschafft. wie wir konnten.drückten ihn mit dem Gewicht unserer Jungskörper zusammen zu einer Abfahrtsrinne zwischen den Schneemassen. Und dann passiert es. Sausen immer schneller in die Nacht hinein. stoßen uns mit den Bambusstäben ab. Genau gleichzeitig schießen wir vor. Die Kälte. verschwindet wie die Angelschnur in einem Eisloch. durch die der Winter eingesogen wird.

beide gleichzeitig. und unsere Skistöcke zeigen nach außen. jeder auf seinen eigenen leuchtenden Stern. Wir fallen nebeneinander jeweils in eine schneedampfende Wolke. und wir stürzen.Himmel wird hart und spröde wie Kies. ins Weltall. werden mit ausgestreckten Armen in qualmenden Kugeln herumgewirbelt. 63 .

Zwölf Kinder hatte sie geboren. man sang Kirchenlieder. das südliche Schweden. trank Kaffee und brachte die sterblichen Überreste schließlich in das Gefrierfach des Leichenschauhauses. und genau wie diese. Einige wohnten in Kiruna und Luleå. bevor sie mit ihrer leberbraunen Zungenspitze an dem Brot leckte und ihr die eingetrockneten Lippen mit Wein bestrichen wurden. ein paar in Växjö. andere in den Vororten von Stockholm. Danach erklärte sie. die gleiche Anzahl wie die Jünger. 64 . wie eine Alte den Platz zur Rechten des Herrn einnimmt. und die Post verstreute Massen an Einladungskarten über ganz Norrbotten. Europa und den Rest der Welt. sie sehe Engel Sauermilch aus der Schöpfkelle trinken.KAPITEL 6 – darüber. Die Großmutter hatte die Erde schließlich so gut sie nur konnte mit Nachkommen versorgt. denn soviel wog ihre unsterbliche Seele. und als sie ihren letzten Seufzer getan hatte. wurde ihr Körper um zwei Gramm leichter. Noch am Tage ihres Sterbens rief man zum ulosveisu für die nächsten Angehörigen. und über die Schwierigkeiten. Anschließend lud man zur Beerdigung selbst ein. Finnland. Bis zum letzten Moment hatte sie mit klarem Verstand dagelegen und mit einem brüchigen Flüstern ihre Sünden bekannt. Die Söhne bugsierten ihren Sarg mit dem Fußende voran und mit offenem Deckel durch alle Zimmer ihres Rauchstubenhauses. An einem kühlen Frühlingstag verließ Niilas Großmutter die irdische Welt. die irdischen Güter zu verteilen. waren ihre Kinder in alle Winde verstreut worden. es werde hell. Die Telefonzentrale in Pajala lief heiß. damit sie von ihrem Heim Abschied nehmen konnte.

ohne sich je zu beklagen und Kartoffeln gesetzt. sogar ihre beiden verstorbenen Söhne. gestemmt und geschleppt. Missouri und Neuseeland. die bereits beim Eingangspsalm am Sarg standen und sich verbeugten. die immer noch das Tornedalfinnisch beherrschten. aufgewachsen in der ganzen Welt. Um nur einiges zu nennen. und das war Niilas Vater. einen Jupukkaberg an Schmutzkleidern gewaschen. aber die schwiegen die meiste Zeit. das bezeugten die hellseherischen Tanten später der Versammlung.Kristianstad. 65 . die in allen möglichen Dialekten redeten. Das Enkelkind aus Frankfurt radebrechte auf Deutsch. Man bezeugte. in Gebet und Versagung. Die Lobreden am Sarg waren zahlreich und ausführlich. eine äußerst beeindruckende Zusammenfassung dessen. in Frankfurt. was eine fruchtbare tornedalsche Gebärmutter so alles produzieren kann. Das war ein Durcheinander an Sprachen und Kulturen. während die Amerikaner und Neuseeländer ein Schwenglisch sprachen. Holz gehackt. waren Niila und seine Geschwister. Heu emsiger zusammengerecht als drei von Pferden gezogene Mähdrescher es könnten. was das für Knaben waren. Kühe und Kinder gefüttert. die Abtritttonnen aus dem Plumpsklo gerollt. vierzigtausend Eimer Wasser aus dem Hofbrunnen hochgezogen. das mindestens einem anständigen Kahlschlag im Gebiet von Käymäjärvi entspricht. Die Einzigen aus der jüngsten Generation. Dann waren da noch die Enkelkinder und die Urenkel. Und alle kamen sie zur Beerdigung. Nur ein Einziger wohnte immer noch in Pajala. dass sie einen leichten Lichterkranz um sich hatten und dass die Füße einen Fingerbreit über dem Boden schwebten. Sie hatte geschleppt und gestemmt. merkwürdig gut gekleidete Wesen. da in der Kirche von Pajala. dass es wie ein Maschinengewehr auf einem Blechdach gescheppert hat. Sie hatten sich gewundert. wie schwer die Dahingeschiedene im Schweiße ihres Angesichts gearbeitet hatte. bis man bemerkte.

Aber als sich dann endlich zum Schluss die Himmelstore öffneten. und es wäre unverzeihlich gewesen.In den letzten Jahren. Sie malten diesen ewig glühenden Kohlenmeiler genauestens aus. In den Kirchenbänken erschauerten die Leute. eins ums andere Mal. und besonders die Töchter der Oma ließen viele Krokodilstränen laufen. während der Teufel sie mit seinem Dreizack pikste. da erbebten die Frauen vor Schauder. Nichts da vom schnellen Verzeihen hier und da und überall. Wie üblich bei Tornedalschen Heldenbegräbnissen redeten die Prediger vor allem von der Hölle. Aber hier bot sich die Gelegenheit. diese Möglichkeit ungenutzt verstreichen zu lassen. den Samen der Reue und der Buße fast über die ganze Weltkugel zu verstreuen. und so war in der Predigt viel von Recht die Rede und nur wenig vom Evangelium. unbefleckt von den Atheisten in den modernen Bibelkommissionen. wie ihre Beerdigung vonstatten gehen sollte. in Jesu Namen und Blut. Natürlich war das Geschriebene Wort nichts gegen das Lebendige. schluchzten. das mit zweischneidigem Schwert während der Gebetsstunden geschwungen wurde. und das Kirchengebäude wurde um einen halben Zentimeter von seinen 66 . seufzten und umarmten einander im Namen des Herrn. Außerdem hatte die Oma ein ganzes Schreibheft vollgeschrieben mit ihren Vorstellungen. aber wenn man nun mal die Zeit hatte. in dem die Sünder und Scheinheiligen auf der glühend heißen Bratpfanne des Teufels schmoren mussten wie Speck auf dem Teer. und die Emporen und Gänge dufteten nach frisch geschnittenem Gras. während die angeheirateten Männer mit versteinerten Herzen auf der Bank hin und her rutschten. als die Engelschöre in den süßen Tönen der Gnade in Pajalas Kirche ertönten und die Erde erbebte und die Oma zum Himmlischen Vater geleitet wurde. dass der Saft nur so herauslief. wie sie da mit ihren Dauerwellfrisuren und modischen Kleidern saßen. las sie die Bibel von vorn bis hinten. in denen sie bettlägerig war. natürlich die alte finnische Übersetzung.

Aber Isak hatte am Sarg nur etwas gemurmelt. in den die Gnade hineinfließen und tropfen konnte. bevor man sie wieder schließt. was er gesagt hatte. bei dem einem die Vergänglichkeit und Sterblichkeit einer Generation unter die Haut ging. ganz leise für sich. man öffnet die Augen zum Fenster hin und sieht den milden Widerschein der Sommernachtssonne am Nachthimmel. als sei es ihm in seinem bis oben zugeknöpften 67 . Vielleicht hätte er sogar wieder bekehrt werden können. Man konnte aufatmen. nur für einen Augenblick im Traum. Sündenbekenntnisse. Bewegungen des Heiligen Geistes. Die Stimmung war plötzlich viel leichter. die den Reumütigen entleeren. als wenn man einen bis zum Rand gefüllten Topf auskippt und dann die Vergebung. als wenn man in einer lautlosen Sommernacht mitten im Schlaf ganz kurz seine Augen öffnet. Gottes Zeigefinger. fast ausgelassen. Nach der Beerdigung wurden alle in die Rauchstube zu Kaffee und Schnittchen gebeten. es waren schon größere Wunder als dieses bei einem Elternbegräbnis geschehen. wenn man aufwacht. das Licht des Paradieses. die ihn zu einem Himmlischen Trinkbecher machte. dass er sich verhärtet hatte. weil wir so viele waren.Grundfesten angehoben. hatte man doch ein kleines Gotteswort von ihm an der Bahre erwartet. Vielleicht von Liebe. Und am Morgen. Am Kindertisch wurden Saft und süße Brötchen serviert. Nicht einmal die erste Bank hatte hören können. Niila sah aus. um sogleich wieder mit einem gewaltigen. ist nur noch eine Ahnung von etwas Großem. Ein Zeugnis von dem verlorenen Sohn. brüllenden Dröhnen herunterzufallen. Er lief in seinem alten Predigeranzug herum. Wir Kinder mussten schichtweise essen. und obwohl es schon lange her war. der wie ein Pfeil in das verhärtete Herz stieß und das Eis brach. Und die Rechtgläubigen sahen auch das Licht. Unerhörtem zurückgeblieben. Allein Isak blieb bei seiner mürrischen Steifheit. Großmutter war bei Jesus.

Sie erzählten in einem rollenden Schwedisch-Amerikanisch. und es überlief sie ein Schauder. schlichen wir uns hinaus.« »Rock ’n’ roll music«. ab und zu mussten sie wegen der Zeitumstellung gähnen. Für unseren cousin. von der gerade erst der Schnee schmolz. Aber beide versicherten uns hartnäckig. Die Birken standen noch kahl da. dass diese Umpflanzung hierher in die Alte Welt zu den Wurzeln ihrer Mutter sie verwirrte. Beide hatten einen Stoppelhaarschnitt wie kleine Marinesoldaten und waren rotblond wie ihr irischamerikanischer Vater. buchstabierte ich langsam. dass die Beatles in einem langen Cadillac ohne Dach vor ihrem Hotel vorbeigefahren seien. Aus einer Papiertüte holten sie eine Single mit englischem Preisschild heraus. der direkt dahinter fuhr. während Niila und ich Tornedalfinnisch sprachen. Ich forderte sie auf. Man merkte. während die Mädchen am Straßenrand standen und schrien. Die Zwillinge hatten auch etwas gekauft. »It’s a present. Neugierig begannen wir mit ihnen zu reden. Sie trampelten mit ihren Lackschuhen herum und hielten unsicher nach irgendwelchen arktischen Raubtieren Ausschau. »Beatles«. das Vorjahresgras lag platt und gelb auf der Wiese. Dann reichten sie Niila die Scheibe. »Roskn roll musis. Das Ganze war von einem Lastwagen gefilmt worden. dass sie auf dem Weg zu uns in London zwischengelandet seien und die Beatles gesehen hätten. beide trugen einen Anzug mit Schlips. Es war Mai und Schneeschmelze.Sonntagshemd sehr unbequem. lieber nicht weiter zu lügen. Sie redeten miteinander Englisch. korrigierten sie höhnisch meine Aussprache. Während die Männer und Frauen sitzen blieben und wie schwarzgekleidete Krähen miteinander krächzten.« 68 . das Eis lag noch auf dem Fluss. Die Jungs aus Missouri kamen hinterher. Es waren Zwillinge von acht Jahren.

Verwundert ging ich zwischen den letzten schmutzigen Schneewällen mit. immer kleiner werdenden Schneewälle wie Berge schmutziger alter Bettlaken. dass die Rille glitzerte.Niila nahm die Scheibe mit beiden Händen. wie sich in ihnen etwas bewegte. wie eine millimeterdünne Eisscheibe aus einem gefrorenen Wassereimer. Sie beugten sich vor. Direkt unter der Wasseroberfläche lagen große. um genau vor uns einen länglichen See zu bilden. murmelte er. Wie die Sünde. Niila deutete auf die dunkle Wassermasse. »Danke. Am Graben blieben wir stehen. Fasziniert zog er die runde Vinylscheibe aus der Hülle und starrte die haarfeinen Rillen an. »Kiitos«. Dann winkte er den Zwillingen. auf die Haut. Die Zwillinge warfen sich Blicke zu und lachten. Trübes. sagte er freundlich zu den Zwillingen. dass sie mit ihm zur Landstraße kommen sollten. Schwarze kleine Föten drehten 69 . schleimige Klumpen. wenn sie beim Hamburger saßen und ihre Cola schlürften. Niila knöpfte ein paar Hemdenknöpfe auf und schob die Platte unter seine Kleidung. graues Schmutzwasser strömte durch die Röhre und schäumte zu unseren Füßen auf. hob sie dann hoch in die Frühlingssonne. Wenn wir uns runterbeugten. Fänk joo. Obwohl die Scheibe doch schwarz war. die Geschichte von der Begegnung mit den Ureinwohnern zu formulieren. Heimlich waren sie bereits dabei. Aus der Nähe konnten wir sehen. Er hielt sie so vorsichtig. »Present«. Eine Weile zögerte er. Davor lagen die schmelzenden. konnten wir die weiße Kreisöffnung auf der anderen Seite sehen. wie sie sie ihren Freunden in Missouri servieren würden. als hätte er Angst. sie zu zerbrechen.« Er hielt immer noch die Scheibe und roch an dem Plastik. Durch die Bankette lief eine Rolle grauer Betonröhren.

läuft das Wasser durch die Särge«. Der andere zögerte zunächst. Der eine Zwilling nahm den Kaffeekessel und begann seine Lackschuhe aufzuschnüren. was Niila im Sinn hatte. Und gleich darauf waren sie vollauf damit beschäftigt. Ihre Lippen wurden schon blau. »Wenn man sie aufbewahrt und pflegt. Sein Kopf verschwand unter der schleimigen Oberfläche. »Vom Friedhof«. Und schon bald jubelten sie und hielten den Kessel mit einigem schwimmendem Froschlaich hoch. während ich selbst versuchte. Die Zwillinge betrachteten mit großen Augen die Brut im Tümpel. waren aber vom Jagdfieber gepackt. dass sie zitterten. betonte Niila. folgte aber dann dem Beispiel. Mit kurzen. erklärte Niila kurzangebunden. schleimiger Klumpen aus der Straßenröhre gespült und fiel mit einem Platscher in den Tümpel. Schnell zogen sie sich die Strümpfe und Anzughosen mit Bügelfalte aus und stellten sich in ihren bauschigen amerikanischen knielangen Unterhosen barfuß an den Schneerand. Im Wasserdunkel weiter hinten waren bereits einige Wesen zur Ruhe gekommen. Seelen einzufangen. »Wenn der Schnee schmilzt. Dann rutschte er aus und fiel hin. Das Schmelzwasser reichte ihnen bis hoch an die Knie. Plötzlich wurde ein dunkler. werden sie Engel und fliegen in den Himmel«. schnitt ich mit leiser Stimme dick auf. »Oma!«. Sie begannen zu frieren. »und dann werden die Seelen der Toten hierher gespült.« Niila holte einen alten rostigen Kaffeekessel. Die Zwillinge sahen mich zweifelnd an. herauszubekommen. »Engel«. bestätigte ich. Einer der Zwillinge streckte sofort seine Arme aus und grub und schob heran. zögerlichen Schritten traten sie in den Matsch. rief Niila aus.sich zuckend hin und her. Sein Bruder 70 .

dass wir ihnen mit den Hemdenknöpfen helfen mussten. Schnaubend krabbelten beide an Land. Schon am gleichen Nachmittag begann der Erbstreit. Eine Hand voll kleinen Laichs schwamm darin mit schwingenden Schwänzen. so verfroren. Dann wurden die Türen des Rauchstubenhauses für Außenstehende geschlossen. »Thank you! Danke! Kitås!« Mit dem Kaffeekessel zwischen sich marschierten sie zum Rauchstubenhaus. Man befeuchtete die Lippen mit scharfen. Lesebrillen kamen aus den Handtaschen hervor und wurden auf schweißglänzenden Nasen balanciert. Sie froren und zitterten so sehr. als sie zum Kaffeekessel schauten. Ein Detail folgte dem 71 . dann kämmten sie sich beide mit einem eleganten Schildpattkamm den Dreck aus den Haaren. Ihre Augen funkelten. Schließlich gaben uns die Brüder einen eiskalten. Die Unterhosen zogen sie aus und wrangen sie aus. Das Dokument wurde auf die Tischplatte gelegt. dass sie kaum allein aufstehen konnten. eifrig auf Amerikanisch diskutierend. Eigentlich hatte die Großmutter ja ein Testament geschrieben. Niila und ich waren stumm vor Bewunderung ob all dieser Tapferkeit. der Ausschuss und die aufgepfropften Teile versammelten sich in der großen Küche. verlor aber selbst das Gleichgewicht und fiel mit rudernden Armen ebenfalls hin. Und dann ging es los. Es stand in ihrem hinterlassenen Schreibheft und war bescheiden gesagt ziemlich umfangreich. Die verschiedenen Zweige der Familie. aber herzlichen Handschlag. Aber heil stand der Kaffeekessel mit seinem schwimmenden Laich im Gras. bösen Zungen. während die Zwillinge sich anzogen.konnte ihn packen. Man räusperte sich. bis die Beerdigungsrituale beendet waren und die Nachbarn und Prediger sich davongetrollt hatten. Man wartete.

Durchstreichungen und Zusätzen am Seitenrand. dass ihr Glaube genauso wahr sei wie der irgendeiner anderen Person in der Runde. Eine Grundbedingung. Allein das Vorlesen in der verräucherten Küche dauerte mehrere Stunden. da die Tochter in Växjö mit einem eingewanderten Sunnimoslem verheiratet war. Außerdem war alles auf Tornedalfinnisch geschrieben. Aber da die gute Frau ihren Fortgang mindestens seit den letzten fünfzehn Jahren vorbereitet hatte und außerdem ziemlich launisch gewesen war. Gegen diese Übersetzung protestierten sowohl der Sunnimoslem. die alle nacheinander erklärten. die angeheirateten Neuseeländer.nächsten in ihrer zittrigen Handschrift. Seite für Seite. Andere sollten nur unter bestimmten Bedingungen erben. abgesehen leider von den wichtigen losen Blättern. Englische. Man war gezwungen. Deutsche und Persische zu übersetzen. Die religiösen Abschnitte bereiteten dabei besonders große Schwierigkeiten. jedes Wort ins Schwedische. Großmutters jüngerer Bruder aus Ullatti stellte mit dröhnender Stimme fest. Reichsfinnische. dass man sich zum wahren Glauben bekannte. war also. was die meisten der Tornedalbewohner als Laestadianismus interpretierten. Der und der sollte das und das bekommen und zwar unter diesen und jenen Bedingungen. und dann gab es noch diverse lose Blätter mit den verschiedensten Fußnoten. wie beispielsweise. wenn sie sich im Beisein der Familie zum wahren Glauben bekannten oder dem Teufel des Alkohols abschworen oder die Versammelten plus Jesus Christus um Vergebung für eine Anzahl genauestens beschriebener Sünden baten. die sich im Laufe der Jahre angehäuft hatten. die Juden wie auch die Tochter aus Frankfurt. Der ganze Text war mehrere Male bezeugt und unterzeichnet worden. wimmelte es von Änderungen. um überhaupt etwas zu erben. 72 . die zum Baptismus konvertiert war. Einige aus der Familie waren bei mehreren Gelegenheiten enterbt worden. was aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten wieder rückgängig gemacht worden war.

Es wurde ein Waffenstillstand ausgerufen. und rausgeworfen. wenn die Angelegenheiten der Familie besprochen würden. Fühler wurden ausgestreckt. Cousins und Cousinen und Vetter und Basen dritten Grades scharten sich darauf in leise murmelnden Gruppen zusammen. schlug vor. Mehrere forderten. um die weitere Taktik zu beraten. weinten. Einige hielten sofort dagegen. Nach einem nochmaligen Vorlesen herrschte eine endgültige. Ein durchdringendes Getuschel verbreitete sich. ein ummikko und offenbar ein Angeheirateter. man könne doch das gesamte Testament mit sämtlichen Zusätzen und Änderungen in ein Lochkartenprogramm eingeben und dann nach einigen Durchgängen mit Hilfe der Logik das Erbe rechtmäßig verteilen. Geschwister.dass er als Westlaestadianist der Christlichste überhaupt in der Gesellschaft sei. und nach einer Serie von Protesten und gegenseitigen Anklagen verbreitete sich eine angespannte Ruhe. Eine Frau aus dem finnischen Glaubenszweig geriet sofort in liikutuksia und begann in ihrer Ekstase zu springen und wüten. dass der Schweiß spritzte. auch noch einer aus der Gemeinde der Erstgeborenen. was nach einer Abstimmung erfolgte. der mit der neuen Rechenmaschinentechnik arbeitete. die gefälligst gehalten werden sollten. Vorschläge 73 . Andere fielen sicherheitshalber ein und bekannten mit rudernden Armen ihre Sünden. dass ihre gerade bekannten Sünden und andere Beweise ihres wahren Glaubens im Protokoll verzeichnet werden sollten. Ein alkoholisierter Cousin zweiten Grades aus Kainulasjärvi wurde auf frischer Tat ertappt. gemeinsam mit ein paar Altgläubigen voller Inbrunst protestierte. woraufhin ein ostlaestadianischer Cousin. doch bitte schön seine große Klappe halten solle. Ein ruhiger Ingenieur aus Uppsala. dass ein Südländer. umarmten einander und fielen auf den Flickenteppichen zu Boden. und das auf Schwedisch und auf Finnisch. Schließlich erhob Isak sich und brüllte etwas von Mäulern. tief greifende Verwirrung. wie er eigenhändig einen Zusatz zum Testament schrieb.

Ärmel hochgekrempelt. Einige der Männer begaben sich gemeinsam nach draußen. der von der Bosheit und Sündhaftigkeit des südlichen Schweden handelte. der als Grubenarbeiter in Kiruna arbeitete. bemerkte. ein dünnhaariger Verwaltungsangestellter. Allianzen gebildet und wieder gebrochen. bat. Die Leute drängten unter erregtem Schnauben zum Küchentisch. Die Frage der Nachbarin. Ein Neffe. sollte das Erbe. Blicke wurden ausgetauscht. Der Protokollführer.vorgelegt und verworfen. Härrruuuuummm …« So weit der Kanzlist in seiner Unparteilichkeit ermitteln konnte. Der Beisitzer. Geld. Hausrat. Ausbauten. in einhundertdreiundvierzig gleiche Teile geteilt werden. Nach seiner sicher unbedeutenden. mehr oder weniger getarnte Drohungen via Boten zwischen den einzelnen flüsternden Grüppchen ausgetauscht. Bankguthaben sowie ein kleineres Waldgebiet. Der Lärm wurde nur noch größer. dass sein Wohnort ja wohl kaum zu Südschweden gezählt 74 . aber in höchstem Grade unparteiischen Auffassung hatten die früheren Redner nicht den Zusatz auf dem losen Blatt Nummer drei bedacht. schlug mit seinem Stift gegen die Kaffeetasse und rief die Versammlung zur Ruhe. und dass deshalb Haus und Hausrat dem Sohn Isak zufallen sollten. wurde schroff abgewiesen. ein pensionierter Zöllner. die in der Gemeinde von Pajala gemeldet waren. Grund und Boden. während die übrigen Güter zu gleichen Teilen unter den Verwandten aufgeteilt werden sollten. das die Nachbarin bekommen sollte. doch leise zu sein. und zwar der gesamte Wert von Haus. während sie sich gegenseitig ermahnten. abgesehen von dem Spinnrad. und kamen verdächtig erfrischt zurück. Ein Sturm aufgebrachter Stimmen. um hinterm Haus zu pinkeln. »Hrm. wo denn das Spinnrad stehe. einen Einwand ins Protokoll aufzunehmen.

Drohungen schlugen wie Ketten um sich. als das Babylon des Nordens bezeichnet wurde. drehte sich wie der Kopf einer Eule hin und her. oder die hinterhältigen Tritte und Würgegriffe. Immer mehr Leute baten ums Wort. Dann noch eins. in dem das LKAB. die Brillen. Die Leute schrien alle durcheinander. wurde von diesem auf den Schaukelstuhl geschubst. und dessen Angestellte zum ewigen Fegefeuer verdammt waren. dass der Erstgenannte den Abschnitt auf Seite vierzehn vergessen habe. Ein anderer Neffe aus Kieksiäisvaara wies darauf hin. und dass sein schwarz gebautes Haus im Gebiet von Sattajärvi nichts an der Sache ändere. Aus Rücksicht auf die Angehörigen breche ich hier ab. die Kinnhaken.werden könne und dass er außerdem ein Ferienhaus in Sattajärvi habe und deshalb fordere. Aber sofort schoss ein ähnliches Gewächs nach oben. während die Frauen daneben standen und übersetzten. Ich will es vermeiden. die zerbrachen. die nordschwedische Bergbaugesellschaft. das Nasenblut. Der alkoholisierte Cousin schlug mit einem Holzscheit gegen die Haustür und forderte wieder eingelassen zu werden. Sie sollte wohl in erster Linie ein Zeichen setzen. Sie vibrierte auf ihrem breiten Stamm. Von einem Maß. Dann wurde von irgendjemandem die Faust gehoben. und das Stiftklopfen des Kanzlisten war in dem Lärm nicht mehr zu hören. Eine sonntäglich geschrubbte Arbeiterfaust. Flüche wurden in allen Sprachen und Dialekten ausgespuckt. Ich 75 . beide schrien und beschimpften sich. als Bewohner von Pajala angesehen zu werden. die umherwirbelnden Gebisse zu beschreiben. bis die Wände des Rauchstubenhauses wie die Mauern von Babylon zitterten. die wie ein Pilz aus dem schwarzen Morast emporwuchs. Der Jude zog den Sunnimoslem am Kragen. Dann ging es los. das nicht mehr voller werden konnte. Kopfnüsse.

Ich sage nur: Es war die Hölle. Inzucht.weigere mich. die in aufgebrachten Tonlagen ausgetauscht wurden. 76 . Müllschaufel. Fettleibigkeit. Geisteskrankheit oder abweichender Sexualität. Gummistiefel. Küchenstuhl. alle Flüche aus dem unerschöpflichen Tornedalfinnischen wie auch alle herabsetzenden Anklagen hinsichtlich Dummheit. Senilität. Hundefressnapf und finnische Familienbibel aufzuzählen. all die Waffen wie Bratpfanne. Hässlichkeit. Ich überspringe all die lästerlichen Ausrufe.

und wie gefährlich es sein kann. hatte man die zu erwartenden Anwaltskosten kurz überschlagen und anschließend beschlossen. Dem Ingenieur aus Uppsala war Gelegenheit gegeben worden. Pajalas Krankenstation musste eine überraschend große Anzahl an Personen versorgen. Gegen Abend kam Niila zu uns nach Hause. Drehte die Lautstärke auf. Der Sauerstoff ging zur Neige. während sich die Kammer in rasender Fahrt drehte. 77 . Ein Pulverfass explodierte und sprengte das Zimmer. Nach einigen Drohungen. Niila knöpfte sein Hemd auf und zog die körperwarme Single hervor. die ausgerutscht war und sich dabei verletzt hatte. Feierlich legte ich sie auf den Plattenspieler und senkte den Tonabnehmer. waren an die Tapete gepresst. Weiterer Alkoholkonsum innerhalb der Grundstücksgrenzen wurde strengstens verboten. woraus sich eine lange. und darauf folgenden Gegendrohungen. dieses Lochkartenprogrammieren näher zu erläutern. die Sache innerhalb der Familie zu regeln.KAPITEL 7 – über Rockmusik. Brillen und Zahnprothesen wurden provisorisch mit Isolierband und Kontaktkleber repariert. also schlüpften wir heimlich in ihr Zimmer. die Hand auf die Hemdbrust gepresst. eine Anzeige bei der Polizei zu machen. ohne vorher anzuklopfen. Ein Lärm! Das Gewitter brach los. einzutreten. Meine Schwester war nicht zu Hause. Er war immer noch festlich gekleidet und erregt nach dem Beisammensein mit seiner weitläufigen Verwandtschaft. wir wurden gegen die Wände geschleudert. verwickelte Folge von Anzeigen hätte entwickeln können. Es knisterte leise. ihren Einfluss auf das schöne Geschlecht.

dass mir das Kaugummi ins Auge spritzte. kleine. Sie drang in sie. und dann da noch dieser klapprige. Es war unfassbar. Sie war stinksauer. Beatles. 78 . Im nächsten Moment hielt sie inne. Die Luft sauste durch das Schlüsselloch wieder davon. Das war magisch. war sie es. presste ihre Krallennägel in meinen Oberarm und schrie mich an. Nach einer Ewigkeit hielt der Wirbel an. tragbare Plattenspieler. Die Musik setzte ein. verfluchte Hosenscheißer. schwoll an wie ein Glied. verdammte. Das war zu schön. leer und glücklich in dem klingenden Schweigen. Wieder das Gleiche. So eine Musik war das. in verschiedenen Positionen erstarrt. feuchte Häufchen auf den Boden. Wir lagen einfach nur blutend da. Das konnte nicht von menschlichen Wesen gemacht worden sein. Rock ’n’ roll music. und ihr Mädchenarm erhob sich zu einem mörderischen Karateschlag. Lange Zeit brachten wir kein Wort heraus. spritzte rot um sich. die sie von vorn spielen ließ. Noch einmal. das Blut wurde uns ins Herz gepresst. Dann stand ich auf und spielte die Scheibe noch einmal. Man konnte einfach nicht aufhören. bevor alles kehrt machte und in die andere Richtung sprang. bis wir wie die Fische nach Luft schnappten. wir waren drei Säugetiere. rote Speerspuren von Blut im ganzen Körper. sammelte sich in einem darmroten Klumpen. bis in die Finger und Zehenspitzen. Was zum Teufel wir in ihrem Zimmer täten.Wir klebten wie die Briefmarken fest. Genau in dem Moment stürmte meine große Schwester herein. um wahr zu sein. Als die Scheibe zu Ende war. und wir fielen als kleine.

lange. die plötzlich umkehrt. Zweimal ein kurzer Ruck. Der ganze Fluss war immer noch zugefroren. der Luftdruck. Vielleicht ist es die Luft. neue Risse. eine Oberfläche. Die Krähe. unerklärlich. Aber die Tageswärme hatte die Schneemassen auf den Waldweiden schmelzen lassen. jetzt dehnt er sich unter der meterdicken Decke aus. Dröhnen. In dem Moment passiert es. Bäche hatten kleine Adern unter den gewaltigen Sargdeckel des Eises gebohrt und das Eingeschlossene mit Stärke erfüllt. schwillt an und drückt langsam Tausende von Tonnen Zoll für Zoll nach oben.Am gleichen Abend radelten Niila und ich hinunter zum Torneälv. füllt die Lunge und die Blutbahnen wie ein Ausbrecherkönig. alles wird zu Bewegung. eine Anspannung wie in einem Traum. Geschmolzener Schnee. die sich wölbt. knackende Axthiebe in die Eismasse. hoch über dem Wasser. man spürt es nur. dieser ganze weit ausgedehnte Marmorboden. ein eingesperrter Jüngling. balancierten auf dem schmalen Horizontstreifen des Betons zwischen den weit entfernten Ufern. Das passiert. gerade in diesem Augenblick. der immer weiter wächst. Sich krümmendes Gewölbe. das splittert. Und dann bricht die Oberfläche. die Silhouette einer Krähe. durch den Beton. Und jetzt. die noch einmal wendet. ein Vibrieren im Sporthafen hinten bei Jupukka. oder vielleicht ist es auch durch die Brückenpfeiler zu spüren. ohne dass man es sieht. langsamen Atemzug. ein aufgetautes Herz hatte wieder angefangen zu schlagen. bis er den Heizkessel mit Fleisch und Muskeln füllt. Und alles beginnt sich zu rühren. spannt an. Eine schwarze Flut. unterirdisch. 79 . Wir rollten auf die Straßenbrücke. Die Muskeln waren angeschwollen. Man sieht es nicht. hebt sich der Brustkorb des Flusses in einem einzigen tiefen. ein schillernder Schrei des Wassers. ein offener Riss in der weißen Schwere. Einatmen. Noch einen halben Zoll.

zersplittern. abenteuerlichen Reise durch das Packeis vorwärts kämpft. schreie ich Niila ins Ohr. Die Ufer werden überspült. Parken am Brückenansatz und eilen zu uns. meckern. »Rock ’n’ roll music!«. werden zu klirrenden Eiswürfeln zermahlen. Kleinkinder. reihen sich das Brückengeländer entlang auf. knackt.Innerhalb einer Sekunde steigt der Fluss um achtzig Zentimeter. sie löst sich. Man steht einfach nur da. Man ist mitten drin. die mit fester Hand gepackt werden. verkeilen sich in dem bedrohlichen Gedränge ineinander. sie beginnt sich wie ein gewaltiger Eisbrecher den Fluss aufwärts zu kämpfen. hunderte von Tonnen schwer. Eisschollen in einem unendlichen Strom. Er versteht mich. 80 . knackt. sie nehmen gar kein Ende. während sie sich mit gewaltiger Kraft am Anfang einer langen. horcht und spürt. alte Männer und Frauen. die man sonst nirgends hört. Es gibt nicht viel dazu zu sagen. Donnern mit der Stirn voran gegen die Brückenpfeiler. immer währendes Krachen. faucht. Sie werden hochkant geschoben wie funkelnde Wale. Geräusche. Mädchen und Kerle. Sie werden wie die Kontinentalplatten übereinander geschoben. als hätten es alle gespürt. Man schaut nur. Cousins und Cousinen. blöken und jammern. Und zum Schluss merkt man. Nachbarn und Freunde und sogar einige Eigenbrötler. als wäre der Fluss in der Stadt herumgelaufen und hätte sie gerufen. ein zerbrochenes. Bald kommen die Stadtbewohner. bevor sie schäumend wieder in die Tiefe tauchen. klirrt. Riesige Eisschollen. braust. schwarze Wasserarme breiten sich aus. es dröhnt und kracht. man steht auf dem Vordersteven. das umhüllt einen wie Musik. wie der spröde Beton unter den Fußsohlen erzittert. wie die Brücke sich bewegt.

der einem die Tür aus der Hand reißt. Manchmal waren auch ihre Freundinnen da. Niila kam öfter zu uns als früher. obwohl man noch gar nicht so weit war und kaum begriff. Das ist wie das erste Mal wichsen. wie man das mit der Zunge machte. das war ziemlich eklig. die gut nach Haarspray rochen und Kaugummi kauten. Sie saßen auf ihrem Bett und auf den Sitzkissen. während sie selbst dabeisaß und zuhörte. Irgendwie kamen wir uns durch die Musik näher. was es mit dem anderen Geschlecht überhaupt auf sich hatte. verknöcherte Grundschullehrerin mit Tafel und kreidebeschmierten Händen versucht. und versuchten uns zu reizen. Und sich zum Abschluss an die Tretorgel setzt und das pädagogische Wichslied singt. gibt es kein Zurück. Sie hatten Brüste unter engen Pullovern. 81 . Schwarzgeschminkte Augen. dass ich nicht für den Rest meines Lebens ein Rotzbengel bleiben würde. der die Scharniere herauszerrt und nur noch ein klaffendes Loch hinterlässt. aber man wurde fast geil davon. sie zu schließen. dass wir rot wurden. Fragten. Sie stellten Niila und mich auf die Probe – die Kaulquallen. in denen die Wasserbomben treffen und alle Mann zur Stahllucke in dem wasserdichten Rumpf stürmen und versuchen. und jedes Mal brachte er die Scheibe mit. als ob eine alte. dass es knallte. und der Schaum schießt in einem breiten Strahl heraus. hübsche Oberstufenbräute. aber von der brutalen Wassersäule wie Papierschiffchen zurückgeworfen werden. ein Druck. Erklärten. den Jungs Onanietechniken beizubringen.Wenn man erst einmal die Kraft der Musik entdeckt hat. ob wir ein Mädchen hätten. Man hat eine Kapsel geöffnet. die Rotzbengel –. Ungefähr so. Die Musikschule von Nacka war dagegen wie Trockenschwimmen. Ob wir schon mal eine geküsst hätten. Und dank der Single wurde meine Schwester plötzlich richtig menschlich und ließ sie auf ihrem Plattenspieler laufen. Ihr kennt doch diese UBoot-Filme. Man kann nicht mehr aufhören. sie begriff wohl so langsam.

dass ich spürte. in ihrem Schoß schlafen.An einem Abend am Wochenende gingen wir in das Zimmer meiner Schwester. Ich stellte mich dumm. damit wir mitschuldig würden. schäumte und zischte. Auf dem Boden zwischen ihnen standen Bierflaschen. und ich fühlte heißen Atem und roch Mundspray. Dann prophezeite sie uns solche Prügel. Ich hatte die 82 . murmelte. Dauerwellhaar kitzelte im Gesicht. hart und fast kneifend. um die Skier zu wachsen. wie sie wollten. uns die Gedärme mit ihren spitzen roten Fingernägeln rausziehen und uns langsam über der Lötlampe rösten. außerdem würde sie uns an den Haaren ziehen. Unsere Eltern waren zum Autobingo auf dem Fußballplatz gegangen. Das Bier schmeckte wie Heu. wir müssten auch mal probieren. wie Papa sie benutzte. sie waren blau wie der Fluss. Sie kamen so nah. Sie merkte das und zog vorsichtig die Flasche weg. wie weich ihr Busen war. uns das Maul zu stopfen. ich bog den Kopf wie ein Säugling an der Nuckelflasche nach hinten und schluckte und trank und sog wie an einer spitzen Frauenbrust. eine andere hob die Flasche – und ich machte den Mund auf. das sei die einzige Möglichkeit. Da begannen die Mädchen albern zu kichern und meinten. Es kratzte im Hals. Ich lag fast da und schaute hoch in die schönen geschminkten Augen des Mädchens. dass wir eine Glatze bekämen. Eine hielt mich an den Wangen fest. Sie öffneten eine Flasche und kamen ganz nah heran. ohne anzuklopfen. aber meine Schwester zerrte uns wieder rein und schloss mit drohendem Blick die Tür ab. um mein Leben zu retten. Da wollte ich liegen bleiben. dass sie ja wohl so viel Brause trinken dürften. so einer. und noch vieles mehr zu diesem Thema. dass uns die Milchzähne ins Gehirn geschoben würden. das ist in den tornedalschen Gegenden ein guter Trick. Die Bräute schrien auf. sie war mindestens vierzehn und schaute so sanft und warm auf mich herab. eine ganze Kiste voll. die Tränen brannten mir in den Augen. Wir zogen uns sofort zurück. wenn wir petzten.

Schließlich zog er mich mit sich in die Garage. Ich streckte meine auch ein bisschen heraus. traute sich aber nicht so recht. feucht. Dann beugte ich mich vor und küsste seinen salzigen Jungsmund. Ich umfasste seine Schultern. Niila trat von einem Bein aufs andere. Meine Schwester lächelte überraschend liebevoll. dass mich fast zerriss. »Wie hat sie’s gemacht?«. Ich fühlte mich wie in einem Schwindel und setzte mich an die Wand. rosa. »Nein. Die Mädchen jubelten. rund. er wollte etwas fragen. dass nur die Spitze herausragte.« Er zog sie wieder zurück.Hälfte in mich geschüttet. und sie kam mit ihren Lippenstiftlippen herab. Und ich lehnte mich gegen Niila und spürte ein Glück. Eine Weile standen wir einfach so da. Niila wurde gezwungen. Die Abendkühle fiel von dem klaren Himmel. Schloss das Tor. Die Mädchen benahmen sich wie die Verrückten. sagte ich. Atemlos knöpfte er sein Hemd auf und zog die Scheibe heraus. Wir mussten es mindestens zwanzigmal spielen. nicht so weit. Dann setzte er sich neben mich. flüsterte er. während meine Schwester das Grammophon anstellte. den Rest der Flasche zu trinken. er kämpfte lange und erntete schließlich auch Applaus. »Streck die Zunge raus«. Hinterher standen wir auf dem Hof und meinten zu zittern. so leise er konnte. hinter sich und drängte sich dann ganz dicht an mein Ohr. und plötzlich küsste sie mich. 83 . vollkommen unbeweglich. die Nacht würde bitterkalt werden.

da die Bildröhre erst langsam wie ein Brot im Ofen erwärmt werden musste. Die Beatles reisten nach Indien und lernten dort Sitar spielen. aber jeweils erst nach einer langen Predigt unserer Mutter hinter verschlossenen Türen. The Who. Kalifornien wurde überschwemmt von Flower Power und psychodelischem Rock. Ab und zu fuhr sie nach Kiruna oder Luleå. ein Mund sich öffnet und die Bühne zum ersten Mal geentert wird. Procol Harum. Meine Schwester tat alles. Man musste einfach nehmen. um The Shanes aus Tuolluvaara zu sehen. die die Glasscheibe verdeckte. und draußen in der Welt explodierte die Popmusik. was einem geboten wurde. Und als das schwedische Fernsehen endlich eines ihrer so seltenen Popkonzerte ausstrahlte. Meine Schwester schob die Schiebetür aus Furnierholz auf. bevor sie zu leuchten begann. Small Faces und The Hollies. war es eine mehrere Jahre alte Aufnahme von Elvis Presley. was in ihren Kräften stand.KAPITEL 8 – in dem ein Brett hergestellt wird. oder die Hep Stars. um etwas mitzukriegen. Es gab einen großen Abstand zwischen Pajala und der Welt. und England brodelte von Bands wie Kinks. die 1966 zusammen mit den Beatles aufgetreten waren. Erwartungsvoll setzte ich mich hin. Nur sehr wenig davon erreichte Pajala. sie hängte einen Kupferdraht als Mittelwellenantenne zwischen die Kiefern auf unserem Grundstück und bekam so Radio Luxemburg auf unserem alten Röhrenradio zu fassen. wenn ihre Wege sie hier vorbeiführten. Die Sechzigerjahre näherten sich ihrem Ende. und stellte den Strom rechtzeitig genug an. Die elektrischen Signale wurden vom Kanästornet losgeschleudert 84 .

dass ich das Ungetüm um den Hals hängen konnte. Versuchte mit dem Hintern zu wippen. Die Relaisstationen empfingen die Signale und schickten sie zur nächsten und wieder nächsten weiter. konnte aber keine Sekunde die Augen von diesem verschwitzten Mannsbild in schwarzer Lederjacke lassen. stellte mich breitbeinig auf den Betonboden und spähte ins Publikumsmeer. die mein Mikrophon darstellte. Und fing an zu singen. Band eine Schnur daran. Meine Schwester kaute auf den Nägeln und heulte noch die ganze Nacht in ihr Kissen. Der einzige Platz. auf dem Höhepunkt seiner Karriere. als ob sie strickte. und wie eine riesige Güterzugkette mit scheppernden Eisenerzwaggons erreichten sie letztendlich den Fernsehmast von Pajala oben auf dem Jupukka. Mama blieb sitzen und tat so. die sich an den Bühnenrand drängten. wo ich meine Ruhe haben konnte. und öffnete den Mund. Dann schnappte ich mir die Papprolle aus dem Toilettenpapier. schlich ich mich dort hinein. war die Garage. Und da stand er. die sich wie Pfeifenreiniger biegen ließen. wie die Musik in mir anschwoll. öliger Haartolle und Beinen. Papa schnaubte und ging demonstrativ in die Garage hinaus. Aber es war ein Gesang ohne ein 85 . Spannte Gummibänder als Saiten. Elvis. Am nächsten Tag ging ich nach dem Unterricht in den Hobbyraum im Keller und sägte aus einer Furnierscheibe eine gitarrenähnliche Form aus. Nagelte eine Latte als Hals daran. kräftig und gesalzen. Dann legte ich mit Jailhouse Rock los. wurden umgeformt und kullerten wie Erbsen auf unsere schwarzweißen Flimmerkisten. Ich hörte das Schreien und ahnte die Tausende von Mädchen. das ich von der Platte meiner Schwester her auswendig kannte. Wenn mich niemand sah. Spürte. Und ich wollte eine Gitarre haben.und begannen ihren weiten Schlingerkurs durch das Land. Bevor er nach Deutschland geschickt wurde. ein schmächtiger Jüngling mit einem schiefen Lächeln. um dort seinen Militärdienst anzutreten.

Aber ich war allein in der Garage. dass er mich mit der Fliegenklatsche an der Wand zerdrücken würde. Schließlich wollte er leise wissen. darauf. Ich bewegte mich zu der Musik in meinem Inneren. nur meine Lippen bewegten sich. er wolle mich verarschen. Plötzlich hörte ich etwas knacken und hielt erschrocken inne. fragte er schließlich. Das war im Zug zwischen Boden und Älvsbyn auf der Bahntoilette. als die Toilettentür von außen aufgeschlossen wurde und eine Schaffnerin mich nach meiner Fahrkarte fragte. Eingetaucht zwischen den Regalen. Er blieb lange Zeit schweigend sitzen und betrachtete meine plumpe Furnierplatte. Da stand Niila. Eine Zeit lang war ich fest überzeugt davon gewesen. und ich bog den Körper in einem krampfartigen Bogen nach hinten. wer weiß. wie lange schon. Niila ließ sich auf einem umgedrehten Blecheimer nieder und kratzte nachdenklich an einer Schorfwunde. umgeben von Licht und Grollen. dass das Publikumsgejohle bis zur Kirche zu hören sei. dass die Latte erzitterte. Sie behauptete. Die Hüften wippten. mit heruntergelassenen Hosen. das hatte sie garantiert nicht. sprang und schlug Akkorde. und bald war ich wieder in meinem Film. Ich erstarrte vor Scham. stand da und wischte mir den Arsch ab. genau wie bei den Musikstunden der Grundschullehrerin. Wie ein Luchs war er hereingeschlichen und hatte mich schweigend beobachtet. Aber dann erkannte ich zu meiner Überraschung. aber verdammt noch mal. »Darf ich auch mal probieren?«. dass er es ernst meinte. Ich hatte gerade geschissen. murmelte ich. Nur ein einziges Mal habe ich später das gleiche Gefühl absoluter Nacktheit gespürt. voller Scham. was ich da eigentlich mache. sie hätte angeklopft. Zuerst dachte ich.Laut. »Spielen«. der Bühnenboden bebte. ließ meine Hüften schwingen. Mit 86 . Wartete auf sein Hohngelächter.

daheim in der Garage zwischen den Skiern. und ich öffnete den Mund und ließ meine Stimme erklingen. und der Bann zwischen uns war gebrochen. »Du musst die Knie dabei einknicken«. wie ich Elvis nachgeahmt hatte. für die Mädchen!«. Er begann mich nachzuahmen. Schneeschiebern und Winterreifen. Niila sah mich unzufrieden an. Und ich brach in lautes Gelächter aus. Ich johlte und quiekte. »Dann musst du aber singen.« Lässig hielt ich die Klopapierrolle an die Lippen und mimte schweigend.« »Doch.« »Doch. schließlich standen wir jeden Tag nach der Schule in der Garage und hatten unser Traumleben zu kunterbunten Riesenballons aufgeblasen.wachsender Erleichterung hängte ich ihm das Brett über die Schulter und zeigte ihm die Griffe.« Er sah plötzlich ganz schüchtern aus. »Warum das denn?« »Na.« »Aber ich kann das nicht. sagte Niila auf Finnisch. nein. den Kopf hin und her werfend. zu singen. So fing das Ganze an. dass ich mich traute. Und das Gefühl hatten wir ja auch. Und da ich schon 87 . natürlich für die Mädchen. es klang schlimmer als ein Hund. er wiegte sich vorsichtig vor und zurück. Heiser und rau und grölend. dass Niila und ich eine Popband gegründet hätten. Ein paar Wochen später ließ ich während einer Pause verlauten. wies ich ihn an. und es war das erste Mal. »Du musst richtig singen!« »O Scheiße. Niila spielte.

Die Musik donnerte los. die schnell allzu lose war. und ließ den Tonabnehmer runter. Niila stand mit dem Gitarrenbrett in festem Griff da und schaute vollkommen panisch drein. bevor wir überhaupt anfingen. Sie ließ den Hausmeister einen alten Plattenspieler ausgraben. da dachte ich. Die Scheibe klang entweder wie Beerdigungsposaunen in Tibet oder wie Donald Duck im Zirkus. Auf dem Plattenspieler war die 45Umdrehungen-Funktion kaputt.immer über einen nur gering ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb verfügte. in der Wahlstunde aufzutreten. Niila und ich wurden umringt. kombiniert mit einer Zunge. dass das nun auch keine Rolle mehr spielte. Wir entschieden uns für Letzteres. und Hohngelächter. Bereits bei der Probe während der Pause war mir klar. Und wie wir sprangen. wir landeten in einem Kreis von Bezichtigungen. Niila stand vor lauter 88 . Wir wollten schauspielern. Ich würde in den Handgriff singen. Es klingelte zur Stunde. Die Sensation verbreitete sich in Windeseile. es ereignete sich während der Mittagspause. er spielte nur auf 33 oder 78. und die schwere Nadel fuhr auf dem wehrlosen Vinyl wie ein Starenschnabel herum. Der Boden wellte sich. Unsere Lehrerin war mit diesem Vorschlag leider einverstanden. und die Klasse ließ sich auf den Bänken nieder. und ich selbst lieh mir heimlich Jailhouse Rock von der Schwester. Die Lehrerin wollte uns gerade ansagen. und schließlich gab es nur noch einen Ausweg. rutschte es mir einfach so raus. da war keine Weltsensation nötig. Es war schließlich wie gesagt Pajala in den Sechzigerjahren. Der Kreis wurde immer dichter. Lügner zu sein. Die Jungs begannen schon mit Radiergummis zu werfen. Ich schnappte mir das Springtau und dachte an den Tod. Wir waren gezwungen. also borgte ich mir eines der Springtaue der Mädchen als Mikrophon. dass wir scheitern würden.

er schnappte immer wieder nach Luft. dass sogar die Radiergummiwerfer innehielten. schubste mich im Fallen und donnerte schließlich rückwärts gegen die schwarze Tafel. Und da der Pickup immer hin und zurück hüpfte. in hausgemachtem Englisch loszuschreien. nahm das Stück auch nie ein Ende. und gemeinsam fielen wir auf den Plattenspieler. Wir lagen übereinander. hörte auf. während Niila sich in dem Springtau verfing und steifbeinig wie ein Elch auf mich plumpste. Niila daran zu hindern. während ich gleichzeitig versuchte. da die Scheibe sowieso klang. ungefähr in Höhe von Jyväskulä. aber er behauptete ganz tapfer. als würde man eine Nageldose schütteln. sodass der Tonabnehmer endlich absetzte und es still wurde. und schließlich vernahm ich den Schrei der Lehrerin in meinem eigenen Lärm. aber nicht aus. dass die Schulterschnur riss und die Gitarre in die Wandkarte fiel. dass er schließlich das Gleichgewicht verlor. Und ich 89 . das verursachte einen tiefen Riss in Finnland. Ich selbst machte gute Miene zum bösen Spiel. Dann begannen die Mädchen zu klatschen. aber freundlich. Spärlich. wobei sich seine Lunge bis zum Zerbersten füllte. er fiel auf das Lehrerpult. er konnte nur noch einatmen. und ich bekam einen großen Radiergummiklumpen an den Kopf. auf den Plattenspieler zu springen. Die Jungs murmelten neidisch vor sich hin. Und es war so still.Nervosität so steifbeinig da. was er getan hatte. und fing stattdessen an. Meine Lippen schmeckten nach Blut und Salz. Niila konnte nicht mehr atmen. Niila machte einen Satz. als herauskam. Da war mir klar. dass man eine Ratte niesen hören konnte. von der das Kreidefach abriss. Ich röhrte so infernalisch. Die darauf folgenden Tage waren nicht einfach. Niila bekam daheim Prügel. dass wir doch nicht ganz und gar gescheitert waren. nur zu mimen. dass es das wert gewesen sei.

Niila sprang mit der Latte. Kurze. das am Strandvägen wohnte. Aber plötzlich wurden uns gewisse Blicke zugeworfen. ein schnelles Lachen aus der Mädchengruppe vor dem Handarbeitsraum. dass ich den Hals nicht anspannen musste. Von den neidischen Jungs wurden wir als Weichlinge tituliert. Dann schmunzelte Niila jedes Mal in sich hinein und gab mir einen freundschaftlichen Knuff. auf 90 . die wir im Radio gehört hatten und dann aus dem Gedächtnis wiedergaben. Wir wurden zum Tauspringen eingeladen. Meine Stimme wurde sicherer und klang manchmal wirklich wie Musik.wurde von meiner großen Schwester an Leib und Leben bedroht. Wie die meisten Jungs in dem Alter erlebte ich mich selbst als schüchtern und hässlich. als ein Mädchen. Bevor Niila und ich hatten abhauen können. tranken Limonade und waren reichlich nervös. mit nicht zu bändigendem Haar. als sie ihre zerkratzte Scheibe sah. und ich war vier Tage lang mit einem Mädchen zusammen. Alles war reichlich verwirrend und ziemlich erschreckend. Nachdem ich herausgefunden hatte. diskutierten den Zusammenhang zwischen Mädchen und Rockmusik. indem ich einem knallharten Abzahlungsplan zustimmte. mit dem sie mein Taschengeld auf geraume Zeit mit Beschlag belegte. scheue Blicke in der Essensschlange vor der Schulkantine. Gleichzeitig spielten wir weiter in der Garage. ein Klassenfest ausrichtete. bis ich Schluss machte und ihr die Kette und den Messingring zurückgab und das Foto. Ein paar Wochen später wurde die Situation auf die Spitze getrieben. waren wir mit Küssen überdeckt. und ich sang. Kartoffelnase und viel zu dünnen Oberarmen. Sonderbarer waren die Reaktionen der Mädchen. Ich kam nur davon. klang es nicht mehr ganz so schrecklich. was wir scheu annahmen. Nach Brause und Popcorn begannen wir mit »Lüge oder Wahrheit«. Stücke. sondern eher aus der Brust heraus singen konnte. Manchmal machten wir eine Pause zwischen den Stücken.

dem sie eine Spitzenbluse anhatte und den Lippenstift ihrer Mutter trug. Das Dasein war unergründlich. ältere Jungs in der Sechsten. Ich versuchte es noch mal bei dem Mädchen. was aber schroff von unserer Lehrerin abgelehnt wurde. das ich abgewiesen hatte. Die Mädchen fanden spannendere Objekte. Niila und ich landeten plötzlich auf dem Abstellgleis und versuchten lange. 91 . bekam aber ein Nein. Und kurz danach war alles vorbei. eine Wiederholung der Wahlstunde anzuregen.

ob es daher kommt oder ob wir das der Fluorspülung zu verdanken haben. gebaut aus gelben Ziegeln. mindestens zehnmal an jeder Stelle. der nicht in Habacht-Stellung stand. und verdammt. Man muss einräumen. Auch bei den anderen in der Klasse sah es nicht besser aus. Jetzt mussten wir in Grüppchen ins Büro gehen und Färbetabletten kauen. jedenfalls hatte ich in meiner restlichen Grundschulzeit kein einziges Loch mehr. bei der letzten Zahnarztkontrolle hatte ich sechs Löcher gehabt und Niila neun.KAPITEL 9 – in dem unsere Helden in der Mittelstufe anfangen und mit einer gewissen Mühe den Fingersatz erlernen. Die Zahnärztin hatte 92 . Die Rettung wurde die Zahnregulierung. Jede Woche gab es einen armen Tropf. Nach drei Jahren in der Gamla Skolan konnten die meisten von uns Rotznasen lesen und rechnen. deshalb hatte die Gemeinde einen Lastwagen mit zusätzlichem Amalgam aus Linköping angefordert. Ich weiß nicht. musste er gerichtet werden. und es war Zeit für die Mittelstufe in der Pajala Centralskola. Sobald ein Zahn auch nur im Geringsten klinkku war. und dann in einen Spiegel gucken und vor einer ernst dreinschauenden Frau Zahnbürstengymnastik machen. der dorthin geschickt wurde und dann mit dem Maul voller Plastik und Metalldrähten zurückkam. und sahen sich schnell nach anderen Arbeitsaufgaben um. Bei mir war es ein Eckzahn. dass es dafür einen gewissen Bedarf gab. einem legoähnlichen Schuppen. Das Schuljahr wurde mit einer Kampagne eingeleitet. durch die der Plack eklig rot wurde. wie man die Zähne putzen sollte. dass sie immer weniger zu bohren hatten. Die Zahnärzte merkten natürlich auch. Schrubb schrubb schrubb. was musste ich deshalb zur Volkszahnpflege rennen.

Vereinzelte Paare aus der Siebten. Mädchen.immer Sorgenfalten auf der Stirn. sie holte Zangen heraus und spannte den Metalldraht. und nicht mehr lange. dann würde man die Kontrolle verlieren. ein Samen. die Hand in Hand gingen und sich küssten. Der einzige Unterschied bestand darin. lernte alles auswendig und sang dann Niila in der Garage Songs wie Ohlju niedis lav und Äweiter schäd ofpehl vor. lockerte ich den Draht mit meinem Fahrradschlüssel. das war in einem drinnen. Ich fing an. begannen wir Englisch zu lernen. die englischen Popsongs zu kopieren. und dann hieß es nur bis zum nächsten Mal warten. Es war ein erschreckender Anblick. dass er noch fester anzog und dass seine Finger nach Zigarillo schmeckten. wie nützlich es wäre. Der bereits anschwoll. sondern buchstabierte phonetisch. während unser altes Stadtfinnisch immer seltener auf dem Schulhof zu hören war. man verstand das nicht so richtig. Da überall gesagt wurde. 93 . Sobald ich draußen war. Das Schminken. wenn er im Mund herumwühlte. die heimlich hinter der Ecke rauchten. musste ich die Liedtexte so schnell ich konnte beim Radiohören abschreiben. dass der ganze Schädel brummte. Niila war schwer beeindruckt. Manchmal kam der »Spezialist«. was einen so erwartete. Mit der Mittelstufe kam auch die Pubertät näher. Ich verstand aber die Worte noch nicht. man konnte es spüren. indem ich die Top Ten hörte. ein glatzköpfiger Onkel aus Luleå. Wer hatte mir Englisch beigebracht? »Ich selbst«. mehrere Sprachen zu können. Da wir daheim immer noch kein Tonbandgerät hatten. das mit jedem Jahreskurs nur noch verwegener wurde. erklärte ich locker. Würde man sich selbst etwa auch so verändern? Doch. In den Pausen konnte man schon mal betrachten.

Das Peinliche war. das ihn dazu zwang. der mehr als einmal zu Handgreiflichkeiten führte. steife. bis die Winterkälte kam und wir in unseren Heizkesselkeller umzogen. der e-Moll war und klang. Ziffern und Punkte. die zu Tönen werden sollten. sein vollkommener Mangel an Humor in diesem Zusammenhang. der zweite. Im nächsten Moment traf er einen verwegenen Beschluss: Er wollte Gitarre spielen lernen. das ist ein Familienerbe. wo wir Watte unter die Saiten legten. mein vollkommenes Unvermögen. als würde das Hüpfen jetzt von zwei Personen ausgeführt. in unserer Garage zu üben. von einem Onkel eine akustische Gitarre zu leihen. damit unsere Eltern nichts hörten und nicht petzen konnten. die Einführung in die geheimnisvolle Kunst des Stimmens. die dieser auf einer Ferienreise nach Bulgarien gekauft hatte.Niila dachte eine Weile darüber nach. den Titel des ersten Stücks zu erraten. Anschließend folgte eine hektische Zeit. sie kletterte auf und ab und webte die Akkorde mit einer Leichtigkeit. dass ich keine Puste mehr hatte. weitere Einblicke in die geheimnisvolle Kunst des Stimmens. mein Gesang zu Niilas Begleitung mit so ewigkeitslangen Pausen beim Akkordwechsel. kurze Jungsfinger. dass ich mir selbst das Gitarrenspiel im Bruchteil der Zeit beibrachte. das kulturfeindliche Klima in Niilas Elternhaus. der erste Akkord. es aber einfach nicht wurden. obwohl ich acht Versuche hatte und meine anschließende heldenhafte Rettung der Gitarre in einem Sprung. a-Moll. in der Anfängernoten in einem Musikgeschäft in Luleå angeschafft wurden. die mich selbst verblüffte. das Niila sich selbst beigebracht hatte. Die Hand fühlte sich wie eine Spinne am Gitarrenhals zu Hause. Es gelang ihm. Als Niila seinen ersten reinen Akkord schlagen konnte. der klang. bevor sie auf dem Zementboden zerschmettert gewesen wäre. hatte ich mir House of the rising sun beigebracht und 94 . Meine Finger sind lang und gespreizt. als würde jemand auf einem Welldach hüpfen.

Sie erzählten großprotzige Geschichten über welche. schwärmten dann auf den Flur aus und versuchten das Interesse der Mädchen zu wecken. Aber mit großer Kraftanstrengung gelang es mir. die schon gebumst hatten. und sobald ich ihn nach Hause verschwinden sah. wurden sie berauscht und bekamen große Pupillen. Niila ließ seine Gitarre immer im Keller zurück. sah ihn dann so energisch durch die Nase schnauben. Nach den Sportstunden standen die Jungs unter der Dusche und zogen voreinander die Vorhaut hoch. als probierte ich die Gitarre mal aus und spielte absichtlich falsch. die später entwickelt waren oder einfach nur schüchterner. mich zurückzuhalten. aufgeblasen. Wir Jungs. indem sie sie Fotzen und Huren nannten. wie schräg es klang. in ihrer Ecke herumzupöbeln. Die gleichen alten Kumpel waren jetzt von Snus und Hormonen aufgeputscht. Jetzt auf der Mittelstufe begann eine Hand voll der Jungs aus unserer Klasse mit Snus. Sie fingen an. streitsüchtig. Natürlich konnte ich Niila nie meine Fähigkeiten präsentieren. Die Veränderung kam so plötzlich. auch meine Geduld hatte ihre Grenzen. Schon damals in dem zarten Alter begann er Zeichen seiner nachtschwarzen. selbstzerstörerischen Depressionen zu zeigen. und in den Pausen verbreitete sich ein starker. der Beste von allen zu sein. Plötzlich zeichneten sich runde Dosen unter den Jeans ab. Okay. konnte ich loslegen. Da die Jungs es überhaupt nicht gewohnt waren. vollkommen taub dafür. unberechenbar. protzig und überzeugt von seiner zukünftigen Berühmtheit. Ich tat ab und zu so. Instinktiv zogen wir uns zurück. Ungefähr wie Junkies. schauten erschrocken zu. dass der Rotz mit rauskam. typischer Teegeruch. Dann wiederum war er überzeugt davon. 95 . in solchen Momenten war ich kurz davor. mein Geheimnis zu lüften. Das hätte ihn zerbrochen.mir auf Umwegen ein Buch über den klingenden Dschungel des Barré-Akkords organisiert.

aber darum scherten sie sich einen Dreck. Ein Kopfschütteln. doch lauter zu sprechen. was immer spannend und interessant anzusehen war. 96 . Wir waren gleichzeitig enttäuscht und verblüfft. Sobald er den Mund öffnete. klebrige Spuckflecken an den Wänden und im Waschbecken. umso ekliger fanden die Mädchen sie. Dem Jungen war bange. Das dauerte ein paar Sekunden. In der Pause scharte sich die ganze Klasse um den Jungen und wollte wissen. Der Junge hielt seinen Mund fast geschlossen und wurde vom Lehrer ermahnt. Dann begann er irgendwas zu murmeln.Je mehr Tabak sie sich unter die Lippe schoben. Er sollte ein Referat halten. Drückten ihre Kugel nur ein bisschen platter. Er wurde ganz weiß im Gesicht und zitterte leicht. während der Lehrer seine Lippe anhob. Einmal wurde einer der Tabakkauer ganz überraschend zum Lehrerpult beordert. das er vollkommen vergessen hatte. »Darf ich mal sehen?« Der Junge stand wie erstarrt da. dass das verboten ist!« Ein kurzes Nicken. würde er entlarvt und vom Lehrer bestraft werden. hob aber gleichzeitig sein Heft vor den Mund. Die ganze Klasse starrte ihn mit großem Interesse an. Während des Unterrichts war der Snus verboten. fragte der Lehrer. das konnten wir sehen. »Du hast doch keinen Snus im Mund?«. wenn es zur Stunde läutete. keine Drohung hinsichtlich einer Eintragung ins Klassenbuch oder eines Gesprächs mit dem Rektor. Kein Geschrei und Gezeter. Den Snus zwischen den Zähnen. »Du weiß doch wohl. Er gehorchte. tabaksbraune Fingerspitzen. Er schaute ruhig in die Runde. was passiert war. Alle saßen erwartungsvoll da. Dann durfte er überraschenderweise gehen und sich setzen.

die das Einfamilienhaus auf dem elterlichen Grundstück in Anttis oder Jarhois bauen und den Kartoffelacker mit dem Kultivator des Onkels bestellen. Bereits in der Sechsten wurde Niilas intensives Verhältnis zu Mädchen deutlich. Kerle. die morgens früh aus den Federn kommen. erklärte er mit klarer Stimme. und die Mädchen merkten. dass sie alle verschieden sind. Von ihm wurde noch lange Zeit erzählt. das sich zu einer Wurzel auswuchs. die einen mochten. nicht. wie oft er sie auch wusch. Ich versuchte ihm die elementarsten Dinge in der Kunst des Freiens beizubringen. eine Energie. Im Gegenteil. denn er war nicht gerade eine Schönheit mit seiner finnischen Kartoffelnase. vielleicht sogar etwas linkisch. er hatte so eine Art fast intensive Ausstrahlung. Das hatte nichts mit seinem Aussehen zu tun. flackernden Blick oder – noch schlimmer – indem er überlegen tat. dass es dort einen Willen gab. die zumindest ein kleines bisschen interessiert war. den hochstehenden Wangenknochen und Haaren.»Ich habe den Snus runtergeschluckt«. gespreizt in den Bewegungen. Dieser Sorte von Mustermädchen wurde es unwohl zu Mute. Er erschreckte sie mit seinem bettelnden. es gab immer eine. Wie unglaublich das auch klang. sie wollen Jungs. Sein Körper war schlaksiger als meiner. wenn sie Niila trafen. die ein Werkzeug oder eine Waffe anpacken können. Und auf die sollte man setzen. die wie ein Tier in einem Käfig herumsauste und nach einem Ausgang suchte. eher etwas Warmes. Ein inneres Feuer ist vielleicht zu viel gesagt. weil ich selbst auf diesem Gebiet so große Kenntnisse hatte. Ich habe das im Laufe der Zeit mehrere Male miterlebt. Das wuchs in ihm heran. die immer fettig aussahen. ein Rückgrat. aber so abgedreht wie er war ich nun doch wieder nicht. Einige suchen das Stabile. Verletzliches. Aber abstoßend war er nicht. Die Grundregel lautete: die Mädchen auszusuchen. Niila machte es jedes Mal 97 . Nun ist es ja so mit den Mädchen.

die ihn vor verächtlich schnaubenden Freundinnen verhöhnten. die mit zunehmendem Alter hässlicher wurden. Die ganze Zeit gab es andere Mädchen im Hintergrund. flaumige Jungs mit Lachgrübchen verwandelten sich zu großnasigen Pavianen mit vorstehenden Eckzähnen. in denen die dicken Freundschaften der Kindheit und die Hackordnung gegen eine neue Rangordnung ausgetauscht wurde. die Gedichte in »Evas Kalender« schrieben.umgekehrt. Künstlerische Mädchen. ängstliche kleine Mädchen konnten plötzlich zu schlanken Schönheiten mit hohen Wangenknochen heranwachsen. die auf Attraktivität basierte. die viel zu hübsch oder zu widerlich waren und die mit ihm spielten wie die Katze mit einem Vogeljungen. in der Küche saßen und zuhörten. Krummgebeugte. das mit anzusehen. Und jetzt kam ja die Sexualität ernsthaft ins Spiel. Ein stummer Erkheikkijunge konnte plötzlich anfangen zu reden und einen leisen. die sich fallen lassen würden. aber trotzdem. er verliebte sich immer in Mädchen. wenn die Männer sich über Politik unterhielten. So eine wäre die Richtige für ihn gewesen. die ihn gar nicht sahen. in den Nachthimmel eintauchen würden. und die Musik wurde wohl sein einziges Atemloch in der Welt. unwiderstehlichen Charme entwickeln. die ihn verletzten. Mädchen. Eine frühreifes. nachdenkliche Mädchen. Ich selbst gehörte zu den Kindern. 98 . Mädchen. handfestes Kommunistenmädchen zum Beispiel aus Aareavaara. Mädchen. an den Fingerspitzen an einer Felswand hängen. während meine Ausstrahlung im Gegensatz dazu stärker wurde. mit dem nicht mehr zu rechnen war. Es tat weh. die Erwachsenenbücher lasen. Mädchen. Die Risiken einzugehen bereit waren. während ein redseliges Pajalamädchen in unerklärlichen Depressionen verschwand und sich langsam in ein Nichts verwandelte. die über Gott und den Sadomasochismus nachdachten. zwar nicht mein Typ. Kleine. Niila wurde gleichzeitig hässlicher im Äußeren und immer weniger umgänglicher im Sozialen. Diese einleitenden pubertären Jahre.

In tausend Jahren ist unser Leben. an den Tod zu denken. wenn sie mir jetzt einen Korb gibt oder schnippisch ist oder mir frech ins Gesicht lacht? Dank dieser krassen Einstellung habe ich zwischenzeitlich auf dem Gebiet der Liebe die sonderbarsten Dinge ausrichten können. Das war wohl der einzige Ratschlag. Das Gleiche wird dem Mädchen zustoßen. mich beispielsweise an lebensgefährlich schöne Frauen herangewagt und ab und zu tatsächlich mit ihnen spielen können. Er dachte dann aber öfter an den Tod als an Mädchen. Das hat mir viele Jahre lang immer wieder geholfen und ist überraschend effektiv. wenn man auf eine Braut stieß.Ich versuchte ihm den einfachen Trick beizubringen. Der Kerl wurde kurz gesagt richtiggehend unerträglich. Und nicht lange. wir werden alle bald ausgelöscht und verschwinden. Ich werde ja in ein paar lächerlichen Jahrzehnten sowieso sterben. aber davon wussten wir damals noch nichts. dann würde er meine Hilfe brauchen. dem Niila wirklich zuhörte. Mein Leib wird für alle Zeiten ausgelöscht werden. 99 . Was spielt es da für eine Rolle. sind alle unsere lebhaftesten Träume und schlimmsten Ängste zu Staub und Asche verweht.

Das war nichts Körperliches. »Scheiße. aber doch ein anderer. Und damit entblößte man sich. die ich selbst nicht verstand. jemand nahm dort einen Platz ein. Ich hatte sie während eines Besuchs in Luleå heimlich gekauft. geil zu sein. auch keine äußeren Zeichen. Es gab nichts Schlimmeres. um die Beule in der Hose zu kaschieren. Plötzlich stand er mitten im Zimmer. Und ein unerwartetes. Eines Nachmittags am Ende des Sommerhalbjahres lag ich auf meinem Bett und blätterte in einer Lektyr. ein wirklich überraschend starkes Interesse für Sex. Eine Launenhaftigkeit kam in mein Leben. geriet ins Hintertreffen und konnte nur noch rot werden und stottern. ein klapperdürres Knochengerüst mit Geschenken und wie man Hilfe in der Not bekommt. Jemand. warf die Zeitschrift weg und sprang schnell auf die Beine. Wenn man die Lektyr kaufte. Etwas geschah da drinnen. Es war im Sommerhalbjahr in der Sechsten. es war gar nichts Dramatisches. weil mich dort niemand kannte und also auch keiner darüber spotten konnte. dass wäre meine Mutter!« 100 . ich dachte schon. die Mutter und Vater kannten und deren hübsche Töchter in die Parallelklassen gingen. gab man zu. das war etwas im Gehirn. was sich ereignete. und die Reise begann wirklich. ich wurde mir nur sehr deutlich einer Veränderung bewusst.KAPITEL 10 – über unwillkommenen Nachtbesuch. die ich nicht immer beherrschte. Ich zuckte zusammen. Die Pubertät. als verständnisvolle Blicke von Lockenwicklertanten mittleren Alters im Konsum. der mir ähnlich war. Irgendwo in meinem Körper wurde ein Schalter umgelegt. Eine Unduldsamkeit.

umso mehr verschwand meine eigene Scheu. wie es in Niila zuckte. und Niila schreckte davor zurück. als ginge ihm die Luft aus. Schwarzer Spitzen-BH. Er sank auf einen Stuhl nieder und seufzte laut. »Such dir eine aus. »Ja. schlug ich kaltblütig vor. Und den Brief musst du geschrieben haben. als wäre er krank geworden. etwas sagen zu müssen. damit die Stimme überhaupt Platz in seinem Mund fand.« Ich sah. Er machte keinerlei Anstalten die Zeitschrift zu ergreifen. versuchte ich ihm zu helfen. also blätterte ich für ihn und zeigte ihm ein Foto nach dem anderen. »Großmutter …«. was ist mit ihr?«. krampfhaft um seine Würde bemüht. 101 . Niila: Ich habe meine Unschuld im Konfirmandenlager verloren. beugte sich vor. Er war in seiner üblichen lautlosen Art hereingehuscht und stand jetzt unbeweglich wie eine Wand da. Gummikleidung. als spanne er die Halsmuskeln bis zum Äußersten an.Niila gab keine Antwort. dass Angriff sicher die beste Verteidigung sei. »Kleb sie dir zu Hause an die Wand«. Ein unmöglicher Gedanke. hochhackige Stiefel. Aber gleichzeitig war er ganz starr. Niila! Eine aus der Zeitschrift. Ich versuchte meine Scham zu überspielen und dachte. welche willst du haben?« Da war es. Aber er konnte seinen Blick nicht von dem Mädchen lösen. Er räusperte sich und schluckte. Sein Kopf vibrierte ein wenig. Ruppig schlug ich das Pin-Up Girl der Woche auf. wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Eifrig drückte ich ihm das Käseblatt in die Hand. er übernahm sie gewissermaßen von mir. lechzender Blick und rote. abweisend. ein nicht allzu ungewöhnliches Verhalten unter schüchternen Tornedalbewohnern. die hat ihn da festgebunden. »Guck mal. Je ängstlicher er wurde. Und hier. sagte er und verstummte.

breit und schwer.»Sie … sie ist tot …« »Ja klar. Als er sie das erste Mal gesehen hatte. als würde ihn jemand anhauchen. wie Niila mir sein Herz ausschüttete. unterirdischen Welt. Sie humpelte mit steifen Hüften die Dachtreppe hinunter. Obwohl sie unter laestadianischen Ehrenbezeugungen begraben worden war.« »Aber sie ist zurückgekommen!« Und nachdem der Korken herausgeflogen war. Der Bruder hatte Wachstumsschmerzen und deshalb ein gewaltiges Schlafbedürf102 . Stück für Stück eroberte sie sich ihren Platz in der Familie zurück. Mehrere Nächte hatte sie am Küchentisch gesessen und gegessen. rasselnd. kam auch der Rest. Laute von sich zu geben. Die Großmutter hatte angefangen zu spuken. Sie roch ungemein schlecht. hatte sie keinen Frieden gefunden. der an die wandernden Lichtpunkte erinnerte. um sie anschließend mit ihren gelben Fingerspitzen in dem Würstcheneintopf mitten auf dem Tisch zu zerdrücken. Süßlicher Alt-Frauen-Schweiß. war angeschwollen und hatte dann auch noch angefangen. Alle außer Niila aßen mit gutem Appetit weiter. das weiß ich. stoßweise. Niila teilte sich das Zimmer mit seinem großen Bruder Johan im Obergeschoss des Rauchstubenhauses. Gut drei Jahre nach ihrem Dahinscheiden war sie in ihr altes Haus zurückgekehrt. Das Merkwürdige war. die man am Rande des Blickfelds sehen kann. gemischt mit Odeurs aus einer muffigen. Mit wachsendem Schauder hörte ich zu. Bald vermochte er einen leichten Windhauch zu spüren. war sie nur ein verschwommener Fleck gewesen. das ist sie ja schon eine ganze Weile. Mit der Zeit hatte sie immer festere Formen angenommen. Kartoffeln und Karotten in der übrig gebliebenen Fleischbrühe zu einer grauen Milchsuppe gemust. Einmal hatte die Alte mitten in der Küche gestanden und Fliegen gefangen. die sie laut vernehmlich in sich schlürfte. dass allein Niila sie bemerkte.

ein Küchenmesser zur Verteidigung in der Hand. Dicht über ihn gebeugt stand seine Großmutter. wiederholte er leicht errötend. voller Panik war es ihm gelungen. vor gar nicht langer Zeit. 103 . versuchen. worum es sich da handelte. das Licht eingeschaltet. Sie hatte angefangen zuzudrücken. Eines Nachts. Es sah aus wie ein Frostschaden. Bis zum Morgengrauen saß er eingeschlossen auf dem Klo. während Niila dagegen leicht aufwachte. Er schrie darauf so laut. war Niila mitten in einem ganz intensiven Traum gewesen. Sie waren kalt wie Eisen gewesen. Ein äußerst beeindruckender Traum. aber es hatte ihr die entscheidende Kraft gefehlt. es ähnelte dem eines alten Menschen. das Johan aufhörte zu schnarchen und sich umdrehte. wie die Männer schlief er tief und fest und schnarchte. aber das war verschwunden. ihn ein wenig zu trösten. Aber mitten im Genuss hatte ihn ein Warnsignal erreicht. während eine saure Flüssigkeit Niila ins Gesicht tropfte. ihr zahnloser Mund stand offen und stieß unhörbare Worte aus. Und letzte Nacht war er wieder geweckt worden.nis. Aber ich konnte es nicht. Niila öffnete seinen Hemdkragen. und ich entdeckte einen blauroten Streifen auf seinem Hals. wollte ich etwas sagen. Ich hatte Niila mit wachsendem Entsetzen zugehört. Sein Gesicht war leer und hing herunter. als hätte dort jemand ein Seil entlanggezogen. sich freizustrampeln. ihn vielleicht sogar aufmuntern. eine sterbende Rinne in der Haut. Er hatte das Knacken des Riegels gehört und leuchtendes Gas unter der Türschwelle hervorwallen sehen. sodass ich begriff. Aber da war das Gespenst bereits verschwunden. Ihre Wangen waren vor Wut gerunzelt. Als er fertig war. und mit einem Ruck hatte er die Augen geöffnet. Diesmal hatte die Alte ihm ihre Klauenhände um den Hals gelegt. als er es mit heißem Wasser bespritzt hatte.

Niilas Kopf zitterte noch stärker. dass es so weit kommen musste. Schloss die Augen.« Niila erbleichte. flüsterte er. Anschließend sollten Spaten angeschafft werden. wir müssten es nur geschickt genug anstellen. wenn die Gefahr vorüber sei. »Wir müssen zu Ryssi-Jussi gehen. Fasste sich an den Hals. Einer von uns würde es schließlich vorschlagen. wir wussten beide. zurückkehren. Ich erklärte. dass ich von seiner Angst angesteckt worden war. solle Niila sich aus dem Fenster schleichen. 104 .« »Schlafen?«. »Du kannst bei mir schlafen. als läge sein Kopf in einer Schlinge. Ich sollte sie erben. Sobald sich alle ins Bett begeben hätten. Ich war es. als hätte das Wort keinerlei Bedeutung. nicht so zu reden. Irgendwelche Eltern bräuchten davon nicht unterrichtet zu werden. murmelte ich. Niila und ich. spürte aber. die Feuerleiter hinunterklettern und die Nacht in meinem Zimmer verbringen. ein Grab auf dem Friedhof von Pajala ausgehoben und ein angespitzter Kiefernkeil mit aller Kraft durch ein verdrehtes Greisinnenherz getrieben werden. den Vorschlag gutzuheißen. gab er kurz bekannt. Da blieb nur noch eine Möglichkeit. Die Furcht kroch mir die Beine hoch. das sei die einzige Chance. weigerte sich. der daheim keinen Fernseher hatte und dem deshalb die grundlegendste Allgemeinbildung fehlte. und ich stand schnell auf. etwas anderes von Wert besaß er nicht. Dann holte er die alte Beatlessingle hervor und gab sie mir. nicht zuletzt. weil wir im Augenblick viel zu helle Frühlingsnächte hatten. Niila. Auch ich musste die Schwierigkeiten einsehen.»Das ist eine Nummer zu heftig«. Dann könne er im Morgengrauen. Ich bat ihn.

er war nachtragend und rachsüchtig. Aber ganz unten in seinem Koffer. Nach der Niederlage war es ihm wie vielen seiner Leidensgenossen gelungen. was ihn interessant. einen Reisekoffer aus Pappe auf dem Gepäckträger. ja geradezu begehrt machte. Ein krähenähnlicher. Stofftaschentüchern. dass die Tropfen von einem besonderen Pilz stammten. Das Gerücht besagte. Seine Nase war gebogen wie ein Schnabel. vornübergeneigter alter Greis. die ihre Dienstmägde ohne Folgen vergewaltigen konnten. in das neu gegründete Arbeiterparadies Sowjetunion 105 . Diese Vogelscheuche strampelte auf einem Damenfahrrad auf langen Ausflügen zwischen den Walddörfern hin und her. Ein Mann. schmierigen Matsch. Es waren kleine Dosen mit einem braunen. Knöpfen. die Kuhmagd war. Garnrollen und Rattenfallen. hatte ihn im Hass gegen die Obrigkeit und die Großbauern erzogen. Haarwasser. und als Jugendlicher war er 1918 auf Seiten der Roten in den Bürgerkrieg gezogen.Ryssi-Jussi war einer der letzten richtigen Hausierer im Tornedalen. Seine Laune war meistens schroff und höhnisch. verschrumpelt wie eine Setzkartoffel mit Wangen voller Leberflecken. Reißverschlüssen. die auf Tornedalfinnisch nopat genannt wurden. die Augenbrauen zusammengewachsen und die Lippen mädchenhaft groß. und er war eine der gefürchtetsten Persönlichkeiten des Ortes. Das Extrakt hatte die Eigenschaft. die Sexuallust bei den abgearbeitetsten Weibern zu wecken und die hoffnungslosesten alten Kerle zu heilen. Jussi war kurz vor der Jahrhundertwende als uneheliches Kind in der damaligen russischen Provinz Finnland geboren worden. wann immer es möglich war. in einem Extrafach. Rasierklingen. hatte er das. dem man aus dem Weg ging. den Ryssi-Jussi im nördlichen Finnland suchte und der laut Zeugenaussagen verschiedene Halluzinogene beinhaltete. rot und immer feucht. Seine Mutter. Er stapfte wie eine Amtsperson in die Küche und bedeckte den Küchentisch mit Schnürsenkeln.

»trägst du mich ins Schneetreiben hinaus. Es gab Worte. Einer der Mitgefangenen war ein Sami von der Kolahalbinsel. die geheilt wurden. da die Samendorfgemeinschaften durch Kolchosen ersetzt wurden – und es soll ja nichts Böses gegen Stalin gesagt werden. die wie zwei Fühler durch die Luft brausten. während ihr Besitzer unter einem Rentierfell lag. Dort sammelten sich die finnischen und tornedalschen Kommunistenbrüder und versuchten einander einzureden. Das Gerippe fühlte seine letzte Stunde kommen. röchelte der Alte. Von Geschwüren. Bereits bei seiner Festnahme war er vor Hunger vollkommen abgemagert gewesen. die ohne Verluste durch wolfsbesetzte Nächte gebracht wurden. kurz gesagt. wie er fliehen konnte und wie er auf diese Weise die uralten Weisheiten in eine unbekannte Zukunft hinüberretten würde. bis ich steifgefroren bin. bis nur noch eine weiße Spur zurückblieb. bis ich steif und hart bin. bis Stalins Herrschaft begann. in der sie ganz gewiss gebraucht wurden. warte.zu fliehen. unter der jeder Ausländer als Spion angesehen wurde. Finnisch und Russisch berichtete er murmelnd von geheimnisvollen Kräften und Geschehnissen. und dass sie jeden Augenblick mit ihrer Freilassung unter feierlichen Entschuldigungen und Ehrenbezeugungen rechnen konnten. von dort wegzukommen. aber ein Anhänger der Rentierzucht war er nicht gerade. »Wenn ich sterbe«. In einer Mischung aus dem Samisch der Kolahalbinsel. der wich. Es gab Blut. Warte. das wird bestimmt schnell gehen. dass sie nur das Opfer eines schrecklichen Missverständnisses wären. das wieder zurück in die Wunde floss. das Väterchen Josef in seiner Weisheit in Kürze entdecken würde. und auch Jussi verhaftet und in ein sibirisches Arbeitslager geschickt wurde. Es gab Augen. vom Wahnsinn. und da er die Pritsche mit Jussi teilte. wurde dieser sein Vertrauter. Während langer Eisnächte wies der Sami Jussi ein. Dann 106 . Aber es dauerte nicht lange. eine Möglichkeit. von Rentierherden. Es gab.

blieb sie. Jussi wartete bis zu einem Abend am Ende des Winters. Mit einem Schlag brach er den schmutzigen kleinen Finger am Gelenk ab. Ende April. In ihm habe ich alle Kraft gesammelt. bevor die Wachen etwas bemerken. stopfte ihn sich schnell in den Mund und schluckte ihn im Ganzen hinunter. Jussi folgte seinen Anweisungen und stellte den Toten in die Sibirische Gefriertruhe. bevor sie unter dem Stacheldraht an der finnischen Grenze hindurchkriechen konnte. Taktvoll klopfte sie bei den Wachen an. Dort verzauberte er sich in eine Frau. schmutzig und zerlumpt. verwandelte sie den Geruch der Männer so. Am nächsten Morgen veranstalteten die Männer eine erbarmungslose Treibjagd. und mit ihren Skiern unter den Füßen brauchte sie weniger als zwei Monate. Von einem der toten Männer schnitt sie sich einen reichhaltigen Fleischvorrat heraus.« Kurz darauf starb der arme Kerl. als Jussi ihn schüttelte. Im schwedischen Tornedal.brich meinen linken kleinen Finger ab. Da stand sie. der Boden war fest und leicht begehbar. dass sie von ihren eigenen Hunden in Stücke gerissen wurden. Sie trat hinaus. bis ihre Fäuste und Münder bluteten und der Fluchtweg frei war. war Jussi auf den Abtritt gegangen. sentimentalen Wodkafeste feierten. dass er klapperte. Mit sanfter Liebenswürdigkeit hetzte sie die Männer aufeinander. Mit zwei trockenen Brotstücken und einem abgebrochenen Messerblatt begann sie ihren langen Marsch nach Finnland. Sicherheitshalber wollte sie noch ganz Finnland durchqueren. Endlich in Sicherheit versuchte Ryssi-Jussi sich wieder in einen Mann zurückzuverwandeln. Der Zeitpunkt war gut gewählt. Und deshalb 107 . Brich ihn ab und schlucke ihn hinunter. durch die unendlichen Wälder. bis sie zum Torneälv kam. am gegenüberliegenden Ufer. so mager. Und danach war er nicht mehr der Alte. Aber als die Soldaten sie aufspürten. Und dort. aber das gelang ihm nicht so recht. Es war inzwischen zu viel Zeit verstrichen. Während die Lagerwachen eines ihrer düsteren. aber schön.

vorgebeugt und kräftig von einer Seite zur anderen schaukelnd. Der Saft stieg in den Pflanzen auf.trug er also weiterhin Kleider. Ich setzte mich auf der Ladefläche zurecht. wenn Ryssi-Jussi angeradelt kam. aber mit der ganzen Durchtriebenheit einer Frau. darüber zu grinsen. Als wir außer Hörweite waren. Niila schaltete mit der Handkupplung in den ersten Gang und lenkte uns unbeholfen auf die Landstraße. mit stechendem Blick und flatterndem Kleid. falls die Polizei von Gällivare eine ihrer Verkehrskontrollen veranstalten sollte. Blauweiße Abgase husteten heraus. Niila kuppelte in den Leerlauf und rollte es durch das gelbe Vorjahresgras zu dem Trampelpfad hin. Außerdem trug er immer einen Schal über seinen langen weißen Haarsträhnen und während seiner Ruhephasen im Rauchstubenhaus außerdem eine selbstgenähte Schürze. Wir schlüpften an dem klaren Frühlingsabend aus dem Haus und eilten zu Niila. Stattdessen wich man seinem Blick aus und machte ihm den Weg frei. trat Niila den Motor an. Wir entschieden uns für den alten Kiesweg auf der anderen Flussseite. Eine Hexe mit Bassstimme. der weniger befahren war. Langsam bekamen wir mehr Fahrt. und mit rasselnden Gängen und beißendem Zweitaktqualm tuckerten wir durch Pajala. aber mit anschwellenden Knospen da. Im Moos verrottete das Laub des Vorjahres. und auf der Sonnenseite des Flusses hatte die Wärme bereits keimende Schachtelhalmstängel geweckt. aber nicht einmal der abgebrühteste Bewohner von Tornedal traute sich. die Birken standen noch kahl. es war kurz vor der grünen Ohrfeige des Sommers. die auf eine grausliche Art lang gezogenen steifen Pimmeln ähnelten. Schultern wie ein Waldarbeiter. aber am Wochenende tauschte er es meist gegen ein besseres schwarzes aus. Der Fluss lag blauschwarz und breit da. nachdem das Eis 108 . An der Scheunenecke stand das Transportmoped seines großen Bruders. aus grober gewalkter Wolle. Meistens ein langes.

als er uns entgegenbretterte. als er mit einer Trompetenfanfare an uns vorbeidonnerte. Es war aus grauen Baumstämmen. er sah aus wie eine funkelnde Blechplatte. um dann den Formen der Waldwiesen zu folgen. keimendem Riedgras an den Weidenufern. außerhalb der Reichweite der Frühlingsfluten. die früher einmal der Wildnis abgetrotzt worden waren. Der Kies spritzte gegen das Blech. Die Abendkühle stieg aus den Senken empor. Ich richtete mich unruhig auf. Ich lag fast auf der Ladefläche und füllte meine Jungslunge mit Säften und Frühlingsgeilheit. Nur ein einziges Mal stießen wir auf ein Auto. während der Wald sich öffnete und lichter wurde. Ein Stück den Abhang hinauf. inzwischen aber von kleinen Espen und Babyfichten übersät waren. bis uns der Wald wieder schluckte. er hob nicht einmal seinen Blick von dem Tacho. Die ausgestreckt auf dem Rücken lag und in den frühlingshellen Himmelsraum mit seinen dahinziehenden Zugvögeln blinzelte. 109 . lag ein altes Blockhaus. Dann lag der Fluss wieder mit seinen letzten Eisresten am Ufer vor uns. der aus seinem hochgepuschten Amazon auf der unerlaubten Rennstrecke kurz vor Autiobron einen neuen Geschwindigkeitsrekord herauskitzeln wollte. Wir knatterten den schmalen Kiesweg stromaufwärts. mit schwarzen Fensterscheiben.gebrochen war. ein Typ. Weiter oben gab es magere Wiesen. Endlich bogen wir auf einen holprigen Waldweg ein. Erkheikki und Juhonpieti glitten mit ihren rotgestrichenen Rauchstubenhäusern und Schnittwiesen an uns vorbei. Wir holperten und schaukelten einen sanften Abhang hinunter. und ich fühlte. steile Hügel hinauf. Wir überquerten den Fluss bei der Landstraßenbrücke und fuhren auf dem breiteren. vorbei an gluckernden Gräben. asphaltierten Kirunavägen weiter. Hier und da konnten wir noch den Fluss zwischen den Bäumen erspähen. wie sie durch die lange Unterhose drang. Am Eingang lehnte ein Damenfahrrad.

ein leicht vermoderter Dunst aus den Erdkellern und Flickenteppichen. »No nykkös tet tuletta. den man im ganzen Tornedal finden konnte. Am Nagelbett waren noch Reste roten Nagellacks. murmelte ich nervös und stieg von der Ladefläche. Der Nagel war überraschend lang und sorgfältig zu einer Spitze gefeilt. Ryssi-Jussi saß am Küchentisch. kalte.« Er zeigte auf den Tisch. Auf zittrigen Beinen trotteten wir über den Hofplatz auf den Eingang zu. Fettige graue Haarsträhnen stachen hervor und hingen ihm bis auf die Schulter. dass wir uns näherten. die bis in die Hauswände eindrangen und nie richtig verschwanden. Nach einer schroffen Aufforderung begann Niila seine ganze Geschichte auf Finnisch herunterzuleiern. alte Wolle. 110 . Er musste gespürt haben. und auf dem Kopf saß ein bräunliches. Unter dem Pony hervorspähend schlürften wir den Kaffee. Die Gardinen hinter dem Fenster bewegten sich. Dann trat ich ein. Ich klopfte an und schob nervös die knarrende Haustür auf. eine Mischung aus angebrannter Milch und verrottetem Fleisch. Dazu kam der typische Rauchstubengeruch. Alles von dem Dahinscheiden der Großmutter vor drei Jahren bis zu ihrer schrecklichen Rückkehr und ihrem vorsätzlichen Mordversuch mit ihren Händen um Niilas Kehle. Es roch in der Küche intensiv nach altem Mensch. Niila stellte den Motor ab. der von dem sauren Brunnenwasser einen merkwürdigen Beigeschmack hatte. wie oft man auch renovierte. Da seid ihr also. Ryssi-Jussi kratzte sich langsam mit einem länglichen Zeigefingernagel in den Bartstoppeln. die früher einmal weiß gewesen sein mochte. Die Armutsgerüche. auf dem bereits zwei dampfende Kaffeetassen standen. ein säuerlicher.»Er ist zu Hause«. Er trug eine schmutzige Schürze. und plötzlich wurde es unglaublich still. nachlässig geknotetes Kopftuch. erstickender Geruch. Mein Hintern tat mir nach der langen Holperfahrt weh.

sagte er flehend und sah entsetzlich einsam aus. Sie war die ganze Zeit dort gewesen. Das Gesicht schrumpfte zu einem Knoten zusammen. äußerst schöne Stimme auf Finnisch. eine hohe. Ein Schnauben entwich den Lippen. uns zu bewegen. Stattdessen war eine überraschend warme und volle Altstimme zu hören. Langsam entspannte sich die Gesichtshaut wieder und wurde dunkelbläulich von den Adern. 111 . wiederholte sie zögernd und wandte sich halb von uns ab. Und mitten zwischen all den Falten weiteten sich seine Pupillen zu schwarzen Gewehrmündungen. Jetzt beugte sie sich da drinnen wie hinter einem dunklen Fensterglas vor. von der der Schnee herunterrutscht. wenn ihr ihr den Pimmel abschneidet …« Sie verstummte. geschwungene Augenbrauen. warf der Alte uns einen sonderbaren Blick zu. der kleine Finger begann wie ein Wimpel in alle Richtungen zu zucken. »Ihr schlaft doch hier«. schlug mit den Armen um sich. bittere und sehr. Er wirkte müde und verfroren. Wir trauten uns nicht. Volle Frauenlippen. wie bei einer alten Tanne. und wir wichen vor dem nach Harz riechenden Atem zurück. bevor er plötzlich erstarrte und genau geradeaus zeigte. Seine Augen wurden ganz starr. »Es gibt eine Lösung …«.Als wir wieder schwiegen. presste sich gegen die Falten des Alten und glättete sie von innen. »Ja. Langsam kehrte Ryssi-Jussi zurück. erklärte eine ruhige. »Die Alte muss geerdet werden … die Alte verschwindet. Sie war eine Schönheit. Seine linke Hand begann zu zittern. sehr traurige Augen. Wir lehnten so höflich wir nur konnten ab. versteckt unter dem Äußeren. glatte Stirn. glasartig und hart. Ein Zittern durchfuhr den langen Körper. Und plötzlich sahen wir die Frau. Das Alte-Männer-Knarren war weg. da gibt es eine Lösung«.

Er musste es doch spüren. in Pantoffeln. bedankten uns noch einmal und noch einmal. Schreckensbleich sprangen wir drauf. die über mein Gesicht gezogen wurde. »Hiiri tullee … die Ratte kommt …« Bis runter zum Po. Gekrümmt drehte er sich um und schlich zurück in sein Haus. natürlich bleibt ihr hier!«. Er ließ es mich sehen. absolut zu weich … Langsam streichelte er mich und schaute mir tief in die Augen. Doch dann platzte alles. während wir rückwärts zur Tür gingen.»Verdammt. Er hielt dagegen. bis zur Taille hinunter. Tränen kullerten hervor und überschwemmten alles. befahl er mit wütend werdender Stimme und zog seine Augenbrauen zu einem undurchdringlichen Gestrüpp zusammen. und ich war am Ertrinken. mit flehentlichem Blick. Seine Hand suchte und suchte. Zu weich. »Wartet doch … lasst mich nur kurz fühlen …« Plötzlich hatte ich seine spitzen Nägel im Rücken. dass ich ihn errettete. er stand vollkommen offen in seinem Schmerz da und wartete darauf. Sie kratzten wie Klauen. Aber ich war nicht da. aber nichts passierte. Er musste sehen. dass ich nicht wollte! Ich wand mich. Sein Mund war über mir. Wir zwängten uns aus der Tür und eilten zum Moped. Ich drehte mich rasch um. Es sprang nicht an. groß und feucht wie eine Tüte. Ich versuchte es anzuschieben. In dem Moment sprang der Motor an. Niila zog den Choke und trampelte immer wieder. Er lächelte einladend mit feuchten Lippen und streckte die Arme nach uns aus. Der Motor war mausetot. Aufgeregt brausten wir 112 . machte sich steif. Ryssi-Jussi kam die Treppe herunter. um uns zu umarmen. Die Maske zerbrach. Wir bedankten uns und leerten unsere Kaffeetassen. Ryssi-Jussi stand auf und kam hinter uns her.

Niila war bereits im Wald. den Boden zu berühren. zu gehen. stellte er mit singender Stimme fest. schrie ich durch den Motorenlärm hindurch. sagte er. damit ich nicht während der Fahrt herunterfiel. Ich spürte immer noch den Geschmack des Alten und seines abgestandenen Kaffees und spuckte in den vorbeirauschenden Kies. die Baumkronen glänzten hoch oben in der Abendsonne. ich hörte. Er begann mit den Kiefern zu malmen. wie seine Zähne aufeinander knirschten. Der Motor erstarb. bleib stehen!« 113 . Ich bekam keinen Halt. Ich verstand gar nichts.über den Hofplatz davon. rutschte stattdessen mit unsicheren Skischritten voran. Er war um zehn Zentimeter gesunken und gerade eben außer Reichweite meiner Füße. und zum Schluss blieben wir stehen. auf den Weg für Waldfahrzeuge zu. welche Schwierigkeiten ich hatte. als ich versuchte. »Es brennt«. Dann stieg er vom Sattel und trippelte auf Zehenspitzen los. die mich fast umwarf. Die Fahrt wurde noch weiter heruntergeschraubt. wie die Anspannung nachließ. »Wir haben es geschafft!«. wir rollten immer langsamer dahin. Hinunter in den Graben. Ich hielt mich mit aller Kraft an der Ladefläche fest. Er starrte geistesabwesend auf die nächste Wegbiegung. als äße er. »Niila. Das Rauchstubenhaus verschwand hinter den Kiefern. wie die Verkrampfung im Zwerchfell dahinschmolz. leicht schwankend. »Warte!«. Der Wald umgab uns mit seinem ruhigen Dunkel. Spürte. ich musste mich vor den Zweigen in Acht nehmen und landete rittlings auf einer verwachsenen Babybirke. Niila ging mit der Geschwindigkeit herunter. und es wurde ganz still. »Jetzt sterben wir«. Da merkte ich. Ich schaute Niila verwundert an. schrie ich und eilte ihm nach.

als wäre sie ein fremder. aber vollkommen lautlosen Waldbrand umringt.Er starrte intensiv auf seine linke Hand. die zwischen den Baumwipfeln herunterregneten. Wir waren von einem wütenden. Mit dem Daumennagel schob er die Scheide heraus. spürte ich Eis im Herzen. eine Kälte. lösten sich davon Stückchen. Und als ich den Blick hob. ich musste mich an Niila festhalten. ein verschrumpelter Schemen im Leichenkleid. wir würden sterben. Von seinen Fingern stiegen hektische rote Flammenzungen auf. Ich stand wie ein Eiszapfen in einem brodelnden Brühetopf und schrie. sagte er. Das Feuer kam immer näher und umzingelte uns von allen Seiten. In dem Moment sah ich es auch. Erschrocken sah ich mich um. Wenn er die Hand schüttelte. obwohl das Feuer gegen die Haut gedrückt wurde. Weit ausgestreckt wackelten ihre gelben Würge114 . und heraus kamen Luftblasen. Wir standen wie schwarze Rohre in diesem glühenden Schmelzofen da und warteten auf die Schmerzen. Und gleichzeitig war es wunderschön. dass mein Kopf leichter war als der Rest des Körpers. In dem Moment zog Niila das Messer heraus. Da stand die Alte. während wir verzehrt wurden. die sich bis in die Glieder ausbreitete. Mit Hohngelächter näherte sie sich mit zahnlosem Mund. die seine Kleidung entzündeten. Mitten in meiner Angst stiegen mir die Tränen in die Augen. Buttergelb. platt wie ein kleiner Fisch. Der ganze Wald brannte schon. die Arme zu einer Umarmung ausgebreitet. So eine umwerfende Schönheit. ein Luftballon. Niila hatte Recht gehabt. Die Farben wurden immer stärker und dehnten sich aus. »Rot«. unangenehmer Organismus. Niilas Großmutter. fleischrot und kleine violette Speerspitzen. der sich an seinem Körper festgesogen hätte. feuergelb. Ein glänzendes Taschenmesser. der mich nach oben trug. Ich spürte. um nicht davonzufliegen. Es war zu spät. wollte ich am liebsten die Baumstämme umarmen. Jetzt wurde ich noch höher vom Boden gehoben.

Und mitten in dem Haarbüschel saß etwas Unheimliches. seine Augen schwollen durch das stockende Blut an. Niila stach zu. Die Alte lockerte ihren Griff mit einem Aufschrei und suchte nach ihrem Haarteil. Er packte den knochigen Kopf. und drückte zu. und es tropfte wie Würstchenfett ins Feuer. In dem Moment öffnete die Alte ihren Mund. hielt ihn fest und schnitt mit einem schnellen Schnitt den Pimmel an der Wurzel ab. ein stummer Schrei. Ratsch! Der Haarknoten löste sich wie ein Grasbüschel. Dann ließ er sich voller Verzweiflung nach hinten fallen. Ein rasselnder Windstoß zog durch das Flammenmeer. Und die ganze Zeit lachte sie. Als würde sie ein Insekt zerdrücken. Darunter war sie nackt. Sie schnappte nach Niila und bespuckte ihn. Er zog mit aller Kraft an der grauen. Ich versuchte ihren Würgegriff zu lösen. Der lebte. und unter ihr öffnete sich die Erde. verstummte ihr unheimlicher Schrei. Bis zur Taille. Spürte seinen Puls da drinnen. Niila hob den Haarknoten wie ein Elsternest hoch. befühlte die steifen schwarzen Haar115 . Aber erst als der haarlose Schädel vollkommen verschwunden war. hinunter bis zum Hals. Zwei alte. hielt es wie im Schraubstock fest und begann es langsam nach hinten zu drücken. aber sie packte sein Handgelenk mit der Schnelligkeit einer Kreuzotter. Niila schlug verzweifelt mit seiner freien Hand zu und bekam ihren Haarknoten zu fassen. und dann ein paar Säfte. aber ihre Faust saß fest wie eine Zange. den kleinen pickenden Vogel. Als würde sie jemand an den Füßen ziehen. Ich berührte es mit einem Schauder. Er flog mit Stücken der mürben Schwarte davon. runzlige Frauenbeine. Ein Quetschen. Eine sich windende Schlange. wurde die Erscheinung ins Moos hinuntergezogen. Niila riss wortlos den Mund auf. Sie begann aufzujaulen und krallte sich mit ihren Nägeln um seinen Kehlkopf. ein schwarzer Haarbüschel dazwischen.hände. zum Brustkorb. Niila stand da. dicken Kugel. das tropfende Glied in der Hand. Sofort schnitt Niila ihr Kleid auf. Ein Stiel.

stöhnte Niila.strähnen. Der Wald umgab uns grau und bitterkalt. dann kam die Dunkelheit. Der Kerl hatte etwas in den Kaffee getan. In der Woche danach wuchs uns das erste Schamhaar. aber das Glied war spurlos verschwunden. »Nopat«. Als wir zusammengerollt im Moos erwachten. Das Messer lag dreckig im Morgenlicht da. Dann erlosch endlich das Feuer. Mehrere Male mussten wir anhalten und uns die Arme um den Leib schlagen. froren wir wie die Hunde. Und dann war es vorbei. sich loszuwinden. er machte Anstalten. Unter steifgefrorenem Schweigen fuhren wir nach Hause. Es war immer noch Leben in dem Stumpf. sehnsüchtig dachten wir an unsere warmen Betten. aber Niila ließ ihn nicht los. 116 . Ich nickte zitternd.

mit der stumpfsten Säge. Nachdem ihm all das gelungen war. ob ich auch nicht schummelte. was unter den Tornedalbewohnern ganz üblich ist. Dagegen übertrug er mir gern die Aufgabe. Erstens wollte er stark werden. nach hinten fliehenden Stirn Halt fand. und zupfte am Schirm seiner Mütze. und ich spürte. die mich reizte. Das Gitarrengeklimper stand jedenfalls nicht besonders hoch im Kurs. der einem Holzschuh ähnelte. und manchmal strahlte er eine Selbstzufriedenheit aus. jeder Muskel anschwillt und die Sauna angeheizt wird. Er hatte nur einen schwachen Bartwuchs. deshalb erschienen seine Wangen leicht dick und fast babyhaft. und mitten aus diesem Hefeteig ragte die Nase hervor. ohne etwas zu sagen. und ich ertappte mich immer wieder dabei. Schließlich streckte er die Hand vor und maß meine 117 . Zweitens wollte er finanziell unabhängig sein. sodass es etwas schräg gelandet war. schob seinen kräftigen Unterkiefer vor.KAPITEL 11 – in dem zwei Familien von Dickschädeln durch eine Ehe verbunden werden. und die Waldarbeit hatte ihm anschwellende Muskeln gegeben. Und drittens eine Frau finden. war es jetzt meine Aufgabe. Er hatte drei Ziele in seinem Leben gehabt und sie alle erreicht. die Fackel weiterzutragen. Er stand da. die nur schwer auf seiner flachen. während ich sägte und schwitzte. Mein Vater war einer von der stillen Sorte. um so meine Oberkörpermuskeln zu kräftigen. Holz zu sägen. das jemand geworfen hatte. je älter ich wurde. die er finden konnte. Ab und zu überprüfte er. Sie sah aus wie ein Radieschen. dass ich am liebsten an ihr gezupft und sie gerichtet hätte. wie der Druck mit jedem Tag wuchs.

wenn sie sich an den Familienfeiertagen besaufen. Anschließend geflößt. genau wie seine acht Brüder. Er selbst war breitschultrig. der auf der Vorderseite des Körpers hervorzuragen schien. Die Winter hindurch gesägt und gehackt. Schließlich hatte ihm ein Nachbar den Rat gegeben: »Du musst dir ein Auto kaufen. Alle hatten sie in diesem Alter angefangen. im Wald zu arbeiten. und er verstand einfach nicht. und in ihrer Freizeit hatten sie für sich selbst ein Haus gebaut und die ganze Nacht hindurch die Bretter dafür mit der Hand gesägt. Das war ein Schuften. um den Akkord zu erfüllen.Oberarme zwischen Daumen und Zeigefinger und dachte dabei. Mit dem fuhr er wiederum nach Finnland und konnte sich dort gleich verloben – und wunderte sich. wenn das Frühjahr kam. das sie widerstandsfähig machte wie das zu schmiedende Eisen von Kengis. aber es hatte nie geklappt. genau wie bei meinem Vater. warum er nicht selbst schon viel früher auf so einleuchtende Dinge gekommen war. dass ich selbst nicht mehr von ihnen geerbt habe. sodass alle leicht gebeugt erschienen. und viele glaubten. und dann Heuernte und Torfstechen. Mein jüngster Onkel Ville war immer Junggeselle geblieben. Ergebnis harter körperlicher Arbeit seit dem dreizehnten Lebensjahr. die hatten alle die gleichen bulligen Muskelpakete auf den Schultern und den gleichen gedrungenen Stiernacken. und das Rauchstubenhaus der Eltern füllte sich mit 118 . Die Hochzeit fand im Sommer. Aber der größte Teil der Muskeln war wohl. und sei es auch nur um endlich die Kommentare der verdammten Kerle nicht mehr hören zu müssen. Grasschnitt im Moor oder Grabenpflege für ein paar Kronen vom Staat.« Ville folgte dem Rat und kaufte sich einen alten Volvo. dass er das auch für alle Zeiten bleiben würde. Oft war er auf Freiersfüßen in Finnland gewesen. mitten während der Ferien statt. dass ich doch lieber ein Mädchen geworden wäre. was er falsch machte. Es ist ein Jammer.

Ich sollte bald dreizehn werden und durfte zum ersten Mal mit am Erwachsenentisch sitzen. Man wollte Butter sparen. breite. die aus dem finnischen Kolari stammte und deshalb die Sitten der Gegend kannte. Nur das Brautpaar. bevor er es bestrich. dass sie auf der Zunge zerschmolzen. goldenen Rübchen. und dazwischen ab und zu eine ihrer hübschen Frauen aus Finnland wie Blumen an einer Felswand. Eiskaltes Bier. Die Mahlzeit begann mit Knäckebrotscheiben und Lachs. sagte. die den Gaumen streichelten. mit mürben Rentierstückchen. und Holzspieße lagen daneben. aber sie bekamen einen helleren 119 . Und dann auf die frisch gestrichenen Scheiben der gebeizte. damit die Löcher unten waren. die nach Schweiß und Waldboden schmeckte. Schulter an Schulter wie ein Felsblock. hochgezogene Augenbrauen und Konzentration. Die Männer lachten zwar nicht. Man wartete auf das Essen. dass sie noch nie erlebt hätte. sodass man problemlos das fettgraue Innere herausziehen konnte. Daneben wurde ein Trog mit frisch gekochten Markknochen gestellt. Eine Mauer schweigender Männer. das an der Stirnseite saß. heimlich mit dem Netz im Kardisgebiet gefischt. süßsalzige Lachs. worauf alle eine weitere Portion nahmen. Die helfenden Frauen in der Küche schleppten Platten und Flaschen aus dem Vorratskeller herbei. Die Endstücke waren abgesägt. Das Knäckebrotknacken mahlender Stierkiefer. dass gestandene Mannsleute so wenig aßen. Dann kam der Topf mit der Fleischsuppe auf den Tisch. Keine unnötigen Kommentare. forderte alle auf. so zart. lange Markstränge. dampfend. wie sie es von den armen Eltern gelernt hatten.Verwandten. Die Mutter der Braut. doch noch einmal zuzugreifen. auf der das Fett in Kreisen lag wie die Luftringe von Äschen in einer atemlosen Sommernacht. als brenne er. Jeder der Männer drehte das Brot um. Wie üblich in unserer Familie wurde kein Wort gesagt. kräutersüßen Karotten und buttergelben gewürfelten Mandelkartoffeln in einer kräftigen Brühe. gebeugte Rücken.

das ein Bauernmaul in reiner Glückseligkeit innehalten und die Augen nach oben wenden ließ. Gemäß den Instruktionen war sie immer noch versiegelt. was etwas taugte und fein genug war. Die Flasche wurde sich leise vortastend von der Alten gebracht. weil das Essen war. Man füllte die Mundhöhlen mit in Brühe gewürztem und im Wald gewachsenem Fleisch und Wurzelfrüchten. ungesäuerten Brotlaiben. und dann Gras servieren. gebacken aus Mehl aus norrländischem Getreide. Man fing an zu schlürfen und zu schlingen. wischten sich die Essensreste vom Kinn und folgten der Reliquie mit den Augen. Bei feierlichen Gelegenheiten wie gerade Hochzeiten konnten die zuverlässigsten und vernünftigsten Familienmitglieder ganz verrückte Ideen bekommen hinsichtlich der Ansicht. während die Frauen sich stolz gegenseitig kichernd zuzwinkerten und das Mehl von ihren Teighänden abklatschten. Das war ein Geschmatze. das Wein genannt wurde. Jetzt war der richtige Zeitpunkt für den ersten Schnaps gekommen. die nach Seife schmeckten. ein kräftiges Brot. das als Salat bezeichnet wurde. Essen. dass die Lippen sich kräuselten und man sonst was für ein Glas Buttermilch gegeben hätte. das man kannte und schätzte. die in der heimatlichen Erde gewachsen und gereift waren. ein Brot. dass die Butterstückchen darauf schmolzen. das den Bauch füllte und Saft und Kraft gab. noch so heiß. bis oben hin voll mit frisch gebackenen. Die Männer hielten inne. Die Helferinnen liefen mit Tellern herum. wie das Fett vom Kinn tropfte. das die Köchinnen bis in ihre Seelen hinein erfreute. und Soßen. so sauer und herb. und spürte. das in Wind. aber jetzt wurde im Beisein aller 120 . und viel zu viele Gabeln neben den Teller legen und ein Getränk servieren. denen noch das Aroma von Birkenrauch vom Backofen anhing.Farbton im Gesicht und seufzten innerlich vor Erleichterung. Sonne und kräftigem Regen gereift war. die am wenigstens religiös war. wiegten sich dann leicht von einer Seite zur anderen und hoben ihre Hintern.

Breite Daumen und Zeigefinger umfassten den kleinen. und alle noch eine Portion nahmen. Im Augenwinkel sah ich. dass hier gekaufter Schnaps angeboten wurde und kein Selbstgebrannter. fast arabische Augen und rabenschwarzes Haar. sicher stammte sie aus einer Samenfamilie. dass das ja wohl typisch sei. aber da hatte ich das Glas bereits zwischen den Fingern. Alle Männer bremsten ihre schwappenden Suppenlöffel. Sie hatte braune. offener Blick. worauf alle sich nach hinten zurücklehnten und die kalte Speerspitze tief ins Fleischloch der Kehle kippen ließen. Sie lächelte mit spitzen. weißen Zähnen und schob ihr halb gefülltes Schnapsglas zu mir rüber. Die Frau mit der Flasche machte eine weitere Runde. als drohe sie mir. 121 . Die Flasche beschlug. wie Vater warnen wollte. Mir gegenüber saß eine umwerfend schöne Finnin aus der Kolarigegend. Die Männer prosteten sich ein zweites Mal zu und die Frauen auch. hier hatte man also weder Kosten noch Mühe gescheut. wenn das vielleicht jemand noch nicht begriffen habe. Die Fingerspitzen der Frau strichen leicht wie ein Schmetterling über die Innenseite meines Handgelenks. nur ein verwegener. das war so schön. und die Plappermäuler unter den Männern sagten Amen. die Auto fahren mussten.der Korken herausgedreht. sodass die Flanschen knackend brachen und alle damit wussten. Kein Wort. dass ich fast den Schnaps verschüttet hätte. und die Tropfen klirrten unter andächtigem Schweigen wie Eisperlen ins Glas. Der Bräutigam erließ seinen Brüdern ihre Sünden. Die Brautmutter drohte wütend mit ihrer Bassstimme. dass ausgerechnet ihre Tochter sich einen aus der beim Essen wählerischsten Familie auf der ganzen finnischsprechenden Erdmasse aussuchen musste und dass das Essen nun mal mit dem Maul gegessen werde. woraufhin die Küchenhilfen neue dampfende Fleischtöpfe und Knochenmarkplatten heranschleppten. Ein Raunen ging durch die Gesellschaft. abgesehen von denen. gefrorenen Schluck. trug sie doch eine große Silberbrosche am Halskragen.

die äußerlich nicht zu erkennen war. Und mein Vater sah böse aus. Besonders einige der kräftiger 122 . die über uns in den Hütten erzählt wurden. Dann prahlten sie über die ungemeine Schnapsresistenz unserer Familie. ungefähr wie Medizin. musste aber einsehen. Als das Thema erschöpfend behandelt war. dass der Junge ja schließlich mit ihnen verwandt sei. Anschließend kam das Gespräch auf die unglaubliche Fähigkeit unserer Familie für harte. was aber erst nach langer Zeit der Fall war. Ich hustete nicht einmal. physische Arbeit. und um zu beweisen. kam die Rede auf die unfassbare Saunaresistenz unserer Familie. was anschließend mit mehreren ausführlichen Berichten und Geschichten belegt wurde. das einer Konversation ähnelte. war. der den gefrorenen Boden in den Zungen zum Schmelzen brachte. Die Familie der Braut begann allmählich Zeichen einer leichten Ungeduld zu zeigen. spürte nur ein schmelzendes Feuer im Magen und eine Lust. und die Männer lachten. was ebenso gründlich belegt wurde wie das vorherige Thema. und ich wusste. Das war wohl der Schnaps. Mein Vater wollte aufstehen und mich aufhalten. dass man nicht aufschnitt oder übertrieb. Zum ersten Mal an diesem Tag begann etwas. trotz der erwartungsvollen Blicke seiner Brüder. und man diskutierte verwundert untereinander. ob der arme Junge jetzt den Schnaps über die Tischdecke spucken oder husten würde. dass es zu spät war. dass ich mich beeilen musste. die beidseits der Grenze berühmt war. Schnell warf ich den Kopf nach hinten und kippte alles in mich hinein. wie er aussah. Einer der Männer wurde rausgeschickt. so schmächtig und zart.Und endlich fingen die Männer an zu reden. mich zu erbrechen. Und es fuhr in den Körper wie ein Pissestrahl in den Schnee. was diskutiert wurde. um die Dampfsauna auf dem Hof ordentlich anzuheizen. und das Erste. warum eigentlich niemand schon vorher auf eine derart selbstverständliche Sache gekommen war. wurde eine ansehnliche Anzahl von Geschichten wiedergegeben. während seine Brüder erklärten.

kippte man etwas auf die Untertasse und schlürfte das Himmelreich in sich hinein. knusprige Kuchen aus Kangos. Da waren Weizenwecken. mit der größten Finesse in all diesem süßen Überfluss. Schließlich öffnete der Redegewandteste seinen Schnabel zum ersten Mal an diesem Abend in anderer Absicht. die jeder für sich eine größere Gemeinde hätte versorgen können. die meinen. einem braunen. eierzarte Zuckerkuchen. weich wie Mädchenwangen. wie ein Urahn einen Fünfzigkilo-Mehlsack plus ein Eisenspeer und seine gichtgebeugte Frau vierzig Kilometer weit auf dem Rücken getragen hatte. Porzellantassen klapperten in Mengen. Dann. Außerdem kamen bis zum Rand gefüllte Schüsseln mit Schlagsahne und erwärmten eingelegten Multebeeren.gewachsenen Männer hatten offensichtlich Ambitionen. harten Stück getrocknetem Rentierfleisch. Er hielt einen überraschend spöttischen Vortrag über Familien. Vater und seine Brüder ließen diesen Einwand links liegen und vertieften sich stattdessen in die Geschichte. Biskuitrolle mit himmlischer Brombeerfüllung. wurden über den Tisch gerollt. und Kaffee wurde rußschwarz aus riesigen Kesseln ausgeschenkt. ihr Zungenband zu lösen. Goldene Tornedalsche Käselaiber. Die Küchenhelferinnen kamen jetzt mit Riesenplatten voller selbst gebackener Leckereien. Sobald ich Kaffee bekam. und die ihre Mäuler im öffentlichen Rahmen ganz unnötig aufreißen. sie wären etwas Besonderes. als zu essen. knusprige Brezel. Es schien mir. groß wie Winterreifen. saftiges Buttergebäck. in Fett gebackene Ringe. mit zitternden Fingerspitzen. das Ganze noch mit Käse gemischt. die nach Gold und Sonne schmeckten. und schob sich weiße Zuckerstückchen zwischen die Zähne. als würde alles klarer werden. Eine diesige Regenwolke erhob sich und enthüllte plötzlich die Schönheit der 123 . ohne sein Gepäck auch nur bei den Pinkelpausen abzulegen. um nur einiges zu nennen. war der Brechreiz verschwunden. Man schnitt gesalzene Scheiben ab und legte sie in den Kaffee.

es sei unbegreiflich. Dagegen sagten mehrere zu weiteren Klaren nicht Nein. jetzt ist man ein Rennfahrer. Die meisten lehnten dankend ab. Die Brautmutter klagte über die vielen Spatzen am Tisch. es nützte nichts. seit der schwedische König sich geweigert hatte. einfach loszuschreien. Da kam mir die wunderschöne Finnin wieder vor Augen. Dann kaute ich Trockenfleisch und Tornedalschen Käse und kleckerte vom Teller und dachte. »Mie uskon että poika on päissä. sich fortzupflanzen. ach ja. Schließlich war es zu Ende. in Vojakkala Schnaps zu saufen. Und Kaffeenachschlag und noch mal Kaffeenachschlag. Alle lachten. wie einer so wählerischen Familie überhaupt hatte gelingen können. er wurde schwärzer und teeriger. und das so sehr. keinen Platz im Magen einzunehmen. Da wurde mehr Cognac gereicht. die Gürtel wurden aufs letzte Loch gespannt. und ich sah die runden Stierköpfe meiner Onkel zu einer gewaltigen Größe anschwellen. leicht heiseren Stimme. sagte sie auf Finnisch mit einer tiefen. da doch kirkasta die merkwürdige Eigenschaft hatte. dass ich fast vom Stuhl fiel. aber trotzdem wurde noch mehr zum Stippen genommen. ach ja. Der Kaffee veränderte seinen Geschmack im Mund. die sich weigerten. und ich dachte an eine Fotze. außer ein paar finnischen Frauen. absolut zu Ende. wenn sie weiterhin so lächerlich wenig eintunken würden. auch nur noch einen Krümel runterzukriegen. und ihre Schönheit war fast traumhaft. Meine Augen fühlten sich wie heiße Ballons an. das kam vollkommen unkontrolliert. Alle waren jetzt kurz vorm Platzen. Alle griffen sofort noch einmal zu. der Junge ist besoffen«. auch ich. Ganz unmöglich. Die Brautmutter rief aus. und dass sie noch nie von einer derartigen Bescheidenheit in der Tornedalschen Großzügigkeit gehört hätte.Landschaft. dass sie sich das Brot woanders reinstopfen könnten. das kam von den Wurzeln hoch und musste heraus. Dann musste ich lachen. Ich glaube. Ich hatte eine unbändige Lust. etwas zu essen. 124 . auch ihre Geduld habe irgendwann ein Ende.

an den Lastwagen. starrköpfige. als das Pferd des Großvaters auf dem Harschschnee zu Schaden kam und er anschließend selbst das Holzfuhrwerk nach Hause zog. Ja. schlug mein Vater mir auf die Hand. die einem Bären im Beerenwald begegnete. der bereits im Alter von acht Jahren den Flusskahn die neunzig Kilometer von Matarenki bis nach Kengis hochstakte. derartig kräftige. das Pferd obendrauf festgespannt. die sich gern nach einer zufrieden stellenden Mahlzeit einstellte. aber als ich mein Glas hinhielt. die ausgedehnten Moorgebiete. Darauf stießen die Brüder lautstark an und erinnerten dann an die Findlinge. Oder von dem Cousin. der als schwachsinnig angesehen und zum Flößen nur zum halben Lohn eingestellt wurde. Jemand erinnerte sich plötzlich an ein Gesprächsthema. Oder von dem Cousin. Erzählten von damals. waren diese auf magische Weise wieder gefüllt. der einen Motorschaden hatte und die dreißig Kilometer zwischen Pissiniemi und Ristimella mit der Hand geschoben 125 . die versetzt wurden. Als sie zurückkam. das kurz gestreift worden war. worauf diese mit allen leeren Flaschen in die Küche ging. Oder von den Zwillingsbrüdern. geduldige und vor allem bescheidene Arbeiter waren im gesamten finnischsprachigen Gebiet noch nie gefunden worden. ihn mit ihrer Holzaxt tötete und das Fleisch in zusammengeknoteten Tüchern auf ihrem Rücken nach Hause trug. der aber bereits in der ersten Nacht auf eigene Faust einen Hundertmeterholzstau bei Tronen löste. damit sie nicht ganz allein das gesamte Aareavaaragebiet kahlschlugen. dass es brannte.sondern im Gegenteil die Verdauung und das Wohlbefinden förderte und die Trägheit vertrieb. so war es nun mal mit unserer Familie. Der Bräutigam nickte erneut der am wenigsten gläubigen Alten zu. die trockengelegt wurden. ausdauernde. und sofort waren alle Brüder wieder dabei. die man abends in den Waldarbeiterkojen hatte festbinden müssen. die schrecklichen Geduldsproben beim Militär. Oder von der Tante der Großmutter mütterlicherseits.

an den 5-Zoll-Nagel. Der Breiteste und Glatzköpfigste von ihnen. ihn dann häuten und den Körper mit dem Deckel 126 . Ismo. der mit der bloßen Faust eingeschlagen wurde. Spaten. Beerenpflücken. an den Skiläufer. geduldig wie Rentiere und schön wie Birkenstämme an blauen Seen. Dann prostete man sich wieder zu. Hacke. die ganz und gar nicht seinen Gewohnheiten entsprach. Mein Vater erklärte daraufhin auf eine herausfordernde Art. die in Rekordzeit gemäht wurden. allgemein belegten Tatsachen entsprach und dass er. der das bedauere. ungesäuertes Brot backen und Heurechen. Die Kerle priesen darüber hinaus die eigene Klugheit. dass alles. der Erste wäre. die ebensolche unschlagbaren Rekorde auf dem Feld der Frauenarbeiten hervorriefen. Handpflug. der gegen den Eisenerzzug gewann. Nicht zu vergessen die Frauen der Familie und ihre Taten beim Handmelken. weil sie sich ihre Frauen aus Finnland holten. stand jetzt auf und sagte. sowie alle anderen unübertroffenen Großtaten. kein Wesen aus Fleisch und Blut könne einen Elchbullen mit der Faust töten. Ismo sagte verbissen. dass er in dieser Gegend seit den Tagen des reaktionären Lappenaufstands nicht mehr solchen Blödsinn auf Finnisch gehört hätte. Butterkärnen. die zu Gunsten der Familie ausgingen. falls andere Familien sich deshalb unterlegen fühlten oder neidisch wären. da sie dort zäh waren wie Weiden. und außerdem hatten sie einen breiten Arsch. Fuchsschwanz. Fischspeer und Kartoffelforke ausgeführt worden waren. Solche arbeitswilligen Weiber fand man außerhalb der Familie nicht. die mit Axt. die unendlichen Weiden. Weben. dass kein Mensch mehrere Quadratkilometer Wiese an einem einzigen Vormittag mähen konnte. der oft und leicht wohlgeratene Kinder gebar. niemand pflückte hundert Liter Multebeeren in drei Stunden.werden musste. Die männlichen Verwandten der Braut hatten währenddessen nach Art der Finnen schweigend dagesessen und waren immer wütender geworden. was hier wiedergegeben worden war. alle schrecklichen Prügeleien.

dass Prügeleien schwierig und als Kräftemesser eher zufällig seien. dass der Ausgang des Kampfes ungewiss war. Die beiden Männer packten einander. und alle drängten sich wie schnaubende Bärenmännchen vor. Der Kampf hatte begonnen. der Schweiß drang heraus und begann von den Nasenspitzen zu tropfen. Dann sagte er. die Köpfe wurden blutrot mit hervortretenden dunklen Adern. die Achselmuskeln schwollen an wie Hefeteig. fest ineinander verbissen. die mit der Behauptung kämen. löste seinen Schlips und krempelte sich die Hemdsärmel hoch. die von den Fäusten der Familie ausgerichtet worden waren. man würde lügen. der Älteste der Brüder. Ein plötzlicher Ruck ging durch beide Körper. auch mein Vater. fast unmerkliches Zittern pflanzte sich durch den Küchentisch bis hinunter in den Holzfußboden fort. Es ging 127 . Dann standen die Brüder wie ein einziger Mann auf. und das Blut stieg ihnen ins Gesicht. Er hätte noch mehr gesagt. und nicht zuletzt gegenüber breitmäuligen Wichtigtuern. Endlich war Schluss mit dem Geplapper. mit offenem Mund. zuverlässiges Resultat brachte. dass aber Armdrücken immer ein schnelles. Ismo legte seinen Unterarm auf die Tischplatte. Schon von Anfang an war zu erkennen. endlich würde man seine Schwerarbeitermuskeln anspannen und erproben können. Als Erster war Einari dran. und schrien. er zog sich sein Jackett aus. nicht zuletzt bei Hochzeiten. sagte finster. wenn ihm seine Frau nicht einfach die Hand auf den Mund gedrückt hätte. gesprächig. Onkel Einari. Ein leises. die Hände schlossen sich wie Zangen. wie er plötzlich wurde. Er war massiv wie ein Telefonmast. Die Arme erhoben sich wie zwei Pythonschlangen mit zitternden Köpfen. Die schrankähnlichen Rücken bogen sich im Krampf vor. Eine Weile blieb es ganz still. Sein Unterarm war fast ebenso breit wie der seines Widersachers. Kaffeetassen und Schnapsgläser wurden eilig abgeräumt. dass alle zur Strecke gebrachten Elchbullen nichts waren im Vergleich zu den makellosen Taten.einer Tabaksdose zerlegen. Die Brüder drängten sich heran.

dass die Tischplatte sich bog. Einige hatten schließlich auch Schnaps getrunken. Beerenpflücktechnik und Widerstandskraft gegen Krankheiten betraf. ihren Ruhm. sie habe noch nie stärkere Haken gesehen. stöhnten und knirschten mit ihrem Gebiss. und eine der Alten bepisste sich. gaben gute Ratschläge. Die Gegner schrien gleichzeitig. Sturheit. Der Sieger grinste zufrieden und wurde vom Nächsten herausgefordert. Auch die Frauen wurden von der Erregung gepackt. die Kühe und Kerle gemolken hatten. Bald war die gesamte Tafel von einem Wald adriger Baumstämme bedeckt. dass der Kampf sich noch hinziehen würde. prasselten herab. gewann mit einem 128 . Als deutlich wurde. Sie hakten sich mit ihren Schnabelschuhen an den Fußbodenbohlen fest. Dann ein Gegendruck in die andere Richtung. machte aber trotzdem weiter. wurde die Ungeduld einfach zu groß. ihren Stolz. was alles zusammen sie allen Kerlen überlegen sein ließ. Die Hormone wurden nach oben gepumpt und wollten heraus. Alle hatten etwas an den anderen auszusetzen. zumindest was Ausdauer. Fingerfertigkeit. aber stark wie Kneifzangen. fast vergessenen Flüchen mit dem Fingerhakeln an. die wie in einem kräftigen Wind hin und her wankten. Die Finger waren braun gefleckt und runzlig. die Waldarbeiterkörper forderten eine Beschäftigung. es ging darum. Geduld. Ihre Fäuste bebten und begannen sich zu neigen. während es unter ihren weiten Röcken in eine Pfütze plätscherte. Hilma. Die Braut behauptete. spannten ihre eigenen Muskeln an. fingen an zu schreien und zu brüllen. Bald fingen zwei der älteren finnischen Frauen unter altertümlichen. Die Männer traten vor Eifer auf der Stelle. hier waren die Weiber.um die Ehre der Familie. Sparsamkeit. sich ein für alle Mal gegenüber der angeheirateten Horde Respekt zu verschaffen. es könne helfen. und die anderen wurden von der testosterongetränkten Luft erregt. in der Hoffnung. Die eine Alte. Ab und zu fielen sie wie von einem gewaltigen Sturm um. woraufhin ihre Mitschwestern mit einfielen und eifrig die Überlegenheit der Frauen gegenüber den Männern betonten.

wütenden Ruck und setzte sich direkt auf ihren Hintern, jedoch ohne den Oberschenkelhals zu brechen, was alle für das reine Glück hielten. Aufgekratzt forderte sie anschließend die Männer heraus, gesetzt den Fall, dass es solche in der Nähe gäbe, was wohl zu bezweifeln wäre. Vater und die anderen waren inzwischen beschäftigt mit einer atemlosen, prestigeträchtigen Meisterschaft unter Brüdern mit einem verwirrenden System von Halbfinalen, bei dem bald alle die Ergebnisse durcheinander brachten und sich stritten. Inmitten dieses Männerhaufens saßen Einari und Ismo bei ihrem immer noch nicht entschiedenen Kampf. Onkel Hååkani bat die Alte, doch das Maul zu halten, was die Hauptaufgabe der Weiber in diesem Jammertal zu sein hatte, besonders in Anwesenheit von Männern. Hilma wurde dadurch nur noch wütender, schob ihre enorme Büste vor, dass Hååkani rückwärts stolperte und sagte, er würde gern an den Zitzen nuckeln, wenn er nicht was Besseres zu tun hätte. Die Frauen machten ordinäre Bemerkungen, und Hååkani wurde rot. Dann erklärte er, dass er nur Fingerhakeln würde, wenn die Alte vorher einen soff. Da sie christlich war, weigerte sie sich. Sie diskutierten hin und her. Schließlich, rasend vor Wut, packte Hilma ein großes Glas Selbstgebrannten, kippte es in sich hinein und streckte ihre langen Klauen vor. Alles verstummte und starrte auf die Alte. Laestadius drehte sich zweimal im Torf auf Pajalas Friedhof um. Hååkani schob überrascht seinen breiten Mittelfinger in ihren Haken, um zu zeigen, wer hier das Sagen hatte. Die kräftige, aber etwas kurz geratene Tante wurde wie ein Fausthandschuh vom Boden hochgehoben, hing aber weiterhin schaukelnd am Finger. Hååkani ließ sie herunter und begann stattdessen hin und her zu ziehen. Hilma fiel von einer Seite zur anderen, stieß gegen die Wände, ohne aber den Griff zu lockern. Wütend hielt Hååkani inne und dachte nach. Da warf sich die Alte plötzlich mit all ihrem Gewicht nach hinten, und mit einem Ruck riss sie Hååkanis Finger auf und plumpste wieder auf den Hintern. Die Frauen jubelten, dass die Wände
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erzitterten. Hilma blieb schweigend sitzen. Schließlich begann man beunruhigt zu überlegen, ob sie sich vielleicht diesmal den Oberschenkelhals gebrochen hätte, denn so schweigsam war die Alte nicht mehr gewesen, seit sie bei einer Kropfoperation betäubt worden war. Da drehte sie den Kopf zur Seite und spuckte den Schnaps in hohem Bogen aus. Unter ohrenbetäubendem Beifall versicherte sie, dass sie nicht einen einzigen Tropfen geschluckt habe. Ich lief in dem Gewimmel herum und überlegte, wie ich noch etwas zu trinken bekommen könnte, ohne dass mein Vater es merken würde. Schließlich sah ich eine Flasche, in der ein Rest war, schnappte sie mir, noch ein paar leere Flaschen dazu, und tat, als würde ich den Frauen beim Aufräumen helfen. Dann schlüpfte ich hinaus in den Vorraum. Dort im Halbdunkel hielt ich mir die Nase zu und kippte alles in mich hinein. Im gleichen Moment umschlangen kräftige Arme meinen Brustkorb. Ich ließ die Flasche fallen. Jemand stand dicht hinter mir und atmete mich an. Ängstlich wand ich mich, aber ich saß fest wie im Schraubstock. »Lass mich los«, flehte ich, »päästä minut!« Als Antwort wurde ich hochgehoben und wie ein Hundewelpe geschüttelt. Gleichzeitig kitzelte mich etwas im Gesicht. Haare. Lange, dunkle Haare. Dann ein Kichern, und ich wurde mit einem Plumps heruntergelassen. Sie war es. Fellweich so aus der Nähe. Katzenhaft. Ich wartete auf die Zähne in meinem Nacken. Sie atmete tief ein und lachte mit glänzenden Lippen. Dann zog sie mein Hemd hoch und schob die Hand darunter. Das ging so schnell, dass ich mich nicht wehren konnte. Ich spürte ihre Hitze. Ihre schönen Streichelbewegungen, die sanften Fingerspitzen, die meine Brustwarze fanden. »Wirst du geil, wenn du besoffen bist?«, fragte sie auf Reichsfinnisch und küsste mich, bevor ich antworten konnte. Sie
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duftete nach Parfum und frischem Achselschweiß, und ihre Zunge schmeckte nach lenkkimackara. Reibend drückte sie mich an sich, und es war ganz unwirklich, dass eine Frau so stark sein konnte. »Ich werde dich finden«, flüsterte sie, »und ich schlage dich tot, wenn du petzt!« Dann öffnete sie meine Hose und zog meinen Steifen heraus, schneller als ich atmen konnte. Ebenso schnell zog sie sich Rock und Unterhose aus. Ich half ihr, ihre Unterhose war ganz weich. Ihre Haut war glänzend weiß, die Schenkel waren lang wie bei einer Elchkuh mit einem schwarzen, wild wachsenden Busch. Ich wusste, dass er beißen würde, wenn ich mich bewegte. Sie streichelte mich und wollte mich gerade hineinlenken, aber da platzte es, da zerbarst die Welt und fiel in feuchten Flecken herab, wurde rot und empfindlich, und sie fluchte, ließ ihr Kleid herunter und ging schnell in die Küche. Ich war noch so jung, dass keine Spermien kamen. Das Kribbeln ebbte ab, und zurück blieb die pochende Erinnerung, als hätte ich gegen einen elektrischen Zaun gepinkelt. Ich kniff meine Arschbacken zusammen und dachte, dass ich mich nie wieder in die Küche trauen würde. Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen, und die Männer füllten den Vorraum wie kämpfende Renböcke. Alle waren betrunken, stapften kreuz und quer und hielten sich an den Wänden fest. Als Letztes kamen Einari und Ismo, die widerstrebend zugeben mussten, dass es unentschieden ausgegangen war, und sie hatten so fest verkrampfte Arme, dass man sie hatte auseinander brechen müssen. Mein Vater rief mir zu, ich solle mitkommen, denn jetzt sollte der Held der Sauna erkoren werden. Die Haustür wurde aufgerissen, und alle stürzten ausgelassen die Treppe hinunter, und bald schwappte der Hofrasen unter Dutzenden lang anhaltenden Pissestrahlen fast über. Großvater schaffte es am längsten von allen und wurde eifrig von seinen Söhnen verhöhnt, die wissen wollten, ob
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das Rotz sei, was da so langsam tropfte, oder ob der Alte die Maul- und Klauenseuche habe, da er mit der Färse gebumst hätte, oder ob der letzte Schuss im Gewehrlauf stecken geblieben war, dann müsste man wohl mit einer Stricknadel ein Loch in den Lauf bohren. Der Alte erwiderte verbittert, dass man mit Alten seine Späße treiben dürfte, aber nicht mit Invaliden, und erklärte dann, dass er lieber seinen Schwanz in Teer und Federn tauchen würde, als noch einmal eine so beschissene Generation zu zeugen. Die Sauna war aus Baumstämmen gezimmert, eines der alten Dampfmodelle, sie stand, wie es üblich war, ein wenig abseits, falls sie einmal in Feuer geraten würde. Über der Tür war die Wand schwarz vom Ruß. Es gab keinen Schornstein, der Rauch vom Steindepot musste sich durch Rauchlöcher in den Wänden seinen Weg ins Freie suchen. Die Männer hingen ihre Kleider an Nägel oder legten sie auf Holzbänke draußen, während die Mücken anfingen wie die Blöden zu stechen. Als Hausherr und Saunawirt ging Großvater als Erster hinein und schüttete die letzte Glut in einen Blecheimer. Dann kippte er mehrere Kellen Wasser auf das riesige Steindepot, um die Luft zu säubern. Der Dampf stieg in Wolken nach oben, band die stechenden Rauchteilchen und wogte weiter durch die Tür und die drei Rauchlöcher hinaus. Dann nahm er die Säcke von den Pritschen, die gegen den Ruß schützten, und verstopfte die Rauchlöcher mit Lappen. Ich schlüpfte mit den anderen Männern hinein und wurde in die oberste Ecke gedrängt. Es duftete gut nach geteertem Holz, und wenn ich an den Wänden rieb, bekam ich schwarze Finger. Die Pritschen, die unteren wie die oberen, füllten sich bis zum Bersten mit schweren weißen Männerärschen. Einige fanden keinen Platz mehr und mussten auf dem Boden sitzen, wo sie sich darüber beschwerten, dass diese Strafe schlimmer sei, als nicht ins Paradies gelassen zu werden. Die Mücken hingen wie ein grauer Vorhang in der Türöffnung, trauten sich aber nicht
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herein. Der Letzte zog die Tür zum Sommerabend zu, und plötzlich wurde es dunkel. Und alle still, als wären sie von einer Andacht ergriffen. Langsam gewöhnten sich die Augen an das Dunkel. Der Ofen glühte wie ein Altar. Die Hitze schien von einem großen, zusammengekauerten Tier auszustrahlen. Großvater ergriff die Holzschöpfkelle und murmelte etwas vor sich hin. Die Kerle rückten sich zurecht, krümmten den Rücken wie vor Schlägen. Das Holz knackte unter dem Gewicht. Langsam tauchte der Alte die Kelle in das kalte Brunnenwasser und goss dann mit verblüffender Präzision neun schnelle Kellen über die aufgeschichteten Steine, eine in die Mitte, eine in jede Ecke und eine in die Mitte jeder Längs- und Breitseite. Ein lautes Zischen stieg zu uns empor, gefolgt von einer peitschenden Hitzewelle. Die Männer stöhnten genüsslich. Der Schweiß brach in den Achselhöhlen aus, auf den Schenkeln, am Geschlecht, auf den Glatzköpfen und tropfte salzig und kitzelnd herab. Birkenzweige wurden aus dem Eimer, in dem sie eingeweicht worden waren, geholt und jetzt auf die glühendheißen Steine gelegt. Ein Duft von Sonne und Sommer erfüllte die Sauna, und die Männer begannen heimlich zu lächeln und sehnsüchtig zu seufzen. Der Bräutigam ergriff die Rute und schlug sich damit unter Stöhnen über den ganzen Körper. Er versicherte mit zitternder Stimme, dass das schöner als der beste Fick sei, was die anderen dazu brachte, unruhig hin und her zu rutschen. Großvater goss neun weitere Kellen genau auf die Stellen, die beim ersten Durchgang ausgelassen worden waren. Die Hitze erfüllte die Sauna wie eine herrliche Tracht Prügel. Das Stöhnen und Schnauben nahm an Stärke zu, und mehrere baten jammernd um die Saunarute, bevor das Jucken ihre Haut vom Körper reißen würde. Widerwillig ließ der Bräutigam sie los und sagte, dass er gern die Küchenhelferinnen hier hätte, damit sie ihm den Rücken schlugen, weil doch niemand ein vihta so unbarmherzig schön benutzen könnte wie ein altes Weib. Der Reisig klatschte, und
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was. Näher konnte man diesseits des Grabes Eden wohl kaum kommen. Der Gaumen schmeckte langsam nach Blut. Großvater goss murmelnd immer wieder auf. bedeutete. staubigen Wärmeschränke. Die Aufgüsse kamen schonungslos wie eine laestadianische Predigt. Die Ohrläppchen brannten. Einer erzählte von seinem Saunabesuch im Jormliens Fjällhotell. hatte nur Platz gelassen für zwei Steine – wenn einer davon hochkant stand. in denen sie bei einigen Besuchen im südlichen Schweden hatten sitzen müssen.der Schweiß spritzte in Wogen. dass die Sauna langsam ihre Reifetemperatur erreichte. wo der Elektroofen norwegisch war und aussah wie eine altmodische Wäscheschleuder. dass die Dampfsauna sowohl holzgeheizten Eisenöfen als auch Elektroaggregaten in jeder Hinsicht überlegen war. Einige beklagten sich über die Kälte in der Sauna und behaupteten. begann man die Saunamodelle zu diskutieren. Nachdem die ersten Gefühlsstürme verflogen waren. Nicht ein einziges Mal hatte er dort der Hygiene nachkommen können. den er drei Monate lang in Gotland gehabt hatte. Die Männer krümmten sich der Hitze entgegen und genossen sie. Vor allem Letztere wurden dem Gespött und Hohn preisgegeben und als Toaster und Coupéheizung bezeichnet. der Puls donnerte wie eine Trommel. Einige erinnerten sich mit Schaudern an die trockenen. Großvater machte eine Pause mit den Aufgüssen und wies darauf hin. dass mehrere seiner Söhne selbst elektrische Saunaaggregate beim Bau ihrer Eigenheime installiert hätten und dass die Tornedalsche Kultur damit zu ihrem baldigen Untergang 134 . Der Steinstapel war von der Größe einer Teetasse gewesen. der Dampf wogte wie ein Geisteswesen. da die Saunakultur nicht bis dort unten durchgedrungen war. Ein anderer erzählte voller Abscheu von einem Baujob. Stattdessen lag man da in einer so genannten Badewanne und schwamm in seinem eigenen Schmutzwasser. wie alle wussten. stöhnte jemand. eine kältere löylyä hätten sie noch nie erlebt. Alle waren sich darin einig.

verdorbenes Essen zu sich zu nehmen. und somit auf dem besten Wege sein. die Tornedalsche Zähigkeit und Geduld auszurotten. dass sie die Aggregate in Finnland gekauft hätten. den Kindern Ohrschäden bereiten und sie unfähig machen. die aus dem südlichen Schweden heraufgekommen seien. und das seien sie alle geworden. in der der eigene Vater geboren worden war. Großvater erklärte daraufhin mürrisch. Niemand kannte mehr das Gefühl. finnischem Holz bestehen. als sie noch klein waren. die Muskelmasse bei den Arbeitern und Frauen verringern sowie die Kälteverträglichkeit verringern. dass das Tornedal von knapsut und ummikot erobert worden sei. ohne auf die Beteuerungen seiner Söhne zu hören. in einer Sauna zu sitzen. deshalb seien sie von unübertrefflicher Qualität. das Sehvermögen im Dunkel verschlechtern. in denen die Kinder gezeugt wurden und sich eine Familiengeneration nach der anderen nach der Arbeitswoche reinigte. da das doch eine schweißtreibende. Stattdessen sprach er von Weichlingen.verdammt sei. sie würden ganz gewiss aus hartem. in der man selbst geboren worden war. und dass er vor allem bedauere. Die benannten Söhne protestierten und erklärten. dass er sie nicht häufiger verprügelt habe. in der die Leichen der Familie gewaschen und gekleidet worden waren. da nunmehr alles in rasender Geschwindigkeit von Maschinen ausgeführt würde. der Vater seines Vaters. und davon. dass die Elektrizität die lächerlichste Erfindung von allen sei. Binnen kurzem würde wohl auch der Geschlechtsverkehr durch Elektrizität ersetzt werden. Aber jetzt war es zu spät. und dass sie in der finnischen Saunazeitschrift Saunalehti fünf Saunaruten als Prädikat bekommen hätten. ganz und gar vergleichbar mit Holzfeuerkollegen. sie würde Mensch und Vieh verweichlichen. wie es war. 135 . in der der kuppari den Kranken Blut abzapfte. anstrengende Angelegenheit sei und all so etwas bekanntermaßen heutzutage als altmodisch angesehen wurde. Großvater machte einen neuen Aufguss.

Dieses Versprechen forderte er allen hier und jetzt ab. die er seit dem Streik 1931 erwartete. um Lebensmittel einzukaufen und im Kundengewimmel bei Valinta Friberg Josef Stalin mit einem Einkaufswagen voller Fleisch erspäht hatte. und er erzählte mit Tränen in den Augen. Großvater stellte seine Vaterschaft all dieser Jammerlappen laut in Frage. das war er immer noch. kindisch zu werden und in der Krankenstube von Pajala bei weit offenen Türen zu liegen und vor sich hin zu faseln. Ein Hauch von Fuselöl wogte uns entgegen. dass das Leben. meine Jungs. was von der Vergebung der Sünden und Jesus loszubrabbeln. war sie etwa in letzter Zeit in der Gegend gesichtet worden. im Beisein der Familie und von Zeugen. Eine Flasche wurde zu Großvater hochgereicht. sie müssten dringend pinkeln.Seine Stimme wurde brüchig. Denn die Todesangst war nichts im Vergleich mit der Furcht. Aber Kommunist. aus Kälte und Schmerzen. Betrug. und bald würde man ja sowieso sterben. sitzen blieben. als er ins finnische Kolari gefahren war. bis die Männer jammernd herunterkletterten und erklärten. Nehmt nur so eine Sache wie die Revolution. und nur die Allerhärtesten mit Brandblasen. Lügen und Geschwätz bestehe. wischte sich die Nase mit dem Unterarm ab und sagte. dass alles zusammen nur eine große Scheiße sei. he? Ein einziges Mal war seine Hoffnung geschürt worden. damit er sich in der Hitze trösten konnte und gleichzeitig einen Schluck auf den Ofen kippen. wann zum Teufel würde sie endlich kommen. Großvater reichte die Flasche weiter. groß wie Einkronenstücke auf den Schultern. und falls er jemals auf dem Totenbett anfangen würde. das wollte er ein für allemal klarstellen. in dieser Beziehung etwas auszurichten. Dann goss er noch neunmal neun Kellen auf. 136 . Aber da hatte dieser offenbar nicht vorgehabt. dann wäre das nur Wahn und Senilität und sollte mit einem Pflaster auf dem Maul beantwortet werden.

hielt sich sonderbarerweise aber immer noch aufrecht. wie lange man problemlos noch ausharren konnte. den Bauch und den Sack. um bleiben zu können und den Ausgang mitzubekommen. brannte in der Lunge. als wäre er kurz vorm Ersticken. Die Ersten der Finalisten torkelten hinunter und landeten keuchend auf dem Boden. Beide schwankten ziemlich und legten schließlich zur Stütze die Arme umeinander. weitere Schmerzen. Die beiden Familien sollten ihre Kräfte ein letztes Mal miteinander messen. und der glatzköpfige Ismo. dass die Hitze sie kaum berührte. der weiter aufgoss. Noch einer gab auf. während die anderen sich über die Kälte beklagten. sie zu quälen und den Geruch ihrer Drüsen ertragen zu müssen. Bei jeder Kelle zuckte er wie ein wehrloser Boxer zusammen. Großvater kippte kaltes Wasser über sie. Ismo begann gequält zu husten. wie wenig es sie betraf. Würdevoll kletterte er hinunter und begann sich im Warmwasserbottich zu waschen.Dann überreichte er die Kelle und sagte. Jetzt begann das grausame Finale. der Speichel lief ihm übers Kinn. denn er hätte keine Lust mehr. Auf Art der Männer seifte er nur die drei wichtigsten Teile des Körpers ein: die Glatze. Einari kippte den Eimer über den zischenden Steinen aus und bekam ihn gleich wieder gefüllt zurück. der dasaß und mit dem Kopf wackelte. aber sicher zum Knockout getrieben wurde. Wie immer war der Kampf großenteils rein psychologisch. dass sie die Endausscheidung untereinander ausmachen sollten. Die Besiegten rotteten sich auf dem Boden zusammen. Ein neuer. Einari schnappte nach Luft und goss mit zitterndem rechtem Arm auf. Zurück blieb nur noch Einari. mit glasigen Augen. Die anderen blieben wie Baumstämme sitzen. Einari übernahm den Aufguss. Eine neue Kelle. Und noch eine. der Oberkörper schwankte besorgniserregend. 137 . Sein Gesicht war blaurot. Ismo schien kurz vor der Ohnmacht zu sein. Jetzt gab Vater hustend auf. Mehr Dampf. der langsam. Alle zeigten mit überdeutlicher Körpersprache. brutaler Durchgang. Der Dampf peitschte die Rücken.

Schweigend hob ich die Siegerfaust. fiel ich auf dem Boden auf die Knie und übergab mich.Plötzlich durchfuhr Einari ein Zittern. Wie zwei Schlachttiere fielen sie donnernd auf die untere Pritsche. Alle starrten mich an. immer noch die Arme umeinander geschlungen. 138 . rief jemand. und er fiel steif zur Seite auf Ismo. wo sie liegen blieben. »Unentschieden!«. Erst in diesem Augenblick rutschte ich gehäutet aus meiner dunklen Ecke auf der obersten Pritsche. der auch umfiel. Während der Jubel aufstieg. ohne etwas zu begreifen.

und bereits am Abend hatte Heinz ein schlecht isoliertes Rauchstubenhaus gleich vor dem Ort bekommen. war in den letzten Jahren geisteskrank geworden und hatte über den ganzen Boden Blumenerde und Heu gestreut. sein Kopf war wettergegerbt und runzlig wie ein Runenstein mit gestutzten grausilbernen Haaren. deutscher Staatsbürger. sodass alles mit kochendem Seifenwasser geschrubbt werden musste. stellte das Notwendigste in den Vorratsraum. hängte Gardinen auf und kippte eine Fuhre Holz auf den Hof. magerer Mann aus der Gegend von Korpilombolo nach Pajala gewandert. wenn man nicht seine Pflicht tut. die darin gewohnt hatte. Heinz lehnte jedoch dankend ab. verhangenen Maitag kam ein munterer. An einem grauen. grüßte der Fremde in gebrochenem Reichsfinnisch mit einem exotischen Akzent. Dann klopfte er an der nächst gelegenen Tür an. bevor der Deutsche damit zufrieden war. einen Feuerhaken auf Abwegen und darüber. Als sie geöffnet wurde. Es wurden ein paar Telefongespräche geführt. spähte zu dem bleischweren Himmel hinauf und trank einige Schlucke aus einer Feldflasche. Er trug einen altmodischen Soldatenrucksack. und er wollte gern wissen. Man trug eine Matratze und Geschirr hinein. die möglicherweise den Sommer über zu vermieten war. da es bereits Mai war und elektrische Beleuchtung nicht nötig 139 . Die Witwe. ob es hier in der Gegend eine unbewohnte Hütte gebe. Strom konnte gegen einen Aufpreis auf die Miete wieder angeschlossen werden. was geschieht. In Naurisaho machte er Halt. Der Mann stellte sich als Heinz vor.KAPITEL 12 – über einen hartgesottenen Sommerjob.

einen alten Schrotthaufen aus Gusseisen. »Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr in der Sauna gewesen!« Und schon am gleichen Abend konnten Niila und ich von unserem Versteck aus sehen. grau vom Alter und rußig um die Tür herum. sich zwischen die letzten treibenden Eisschollen warf und halb bis zur anderen Seite hinüberschwamm. nordwärts durch das finnische Tornedal. Dann blieb er blaugefroren am Ufer stehen und machte mit zusammengeschrumpeltem Geschlecht gymnastische Hüpfübungen. Während des weiteren Krieges war seine Kompanie gezwungen worden.sein würde. murmelte er in seinem exotischen finnischen Akzent. mit Blick auf die Wiesen mit ihren keimenden. noch spärlichen Gräsern. wo die wilde Schönheit der Landschaft einen unauslöschlichen Eindruck bei ihm hinterlassen hatte. Am nächsten Tag schaffte er sich aus den Beständen des Zolls eine ausrangierte Schreibmaschine an. 140 . wie er nackt zum Tornefluss hinunterlief. und mit den neckenden Flötentönen des Großen Brachvogels in den Ohren. sich vor der finnischen Armee zurückzuziehen. Dagegen würde er gern die Sauna sehen. saß da und hämmerte stundenlang auf sie ein. Er schleppte sie in den Vorraum. bevor er wieder in die Wärme hineineilte. als er den Dampfsaunageruch einatmete. Atmete tief ein. Sie stand am Waldrand. die Nächte würden schließlich bis in den August hinein hell bleiben. bevor er umdrehte und zurückkam. Es hieß. »Sauna«. Ein wehmütiges Lächeln wuchs auf seinem Gesicht. Heinz wäre SS-Soldat in Finnland während des Krieges gewesen. Heinz schlug die Tür auf. Aber wer war er eigentlich? Was machte er hier? Bald kursierten Gerüchte über diesen sonderbaren Fremdling im Ort. Dort hätte er Finnisch und die Saunagänge schätzen gelernt.

während er vor seiner Haustür saß und auf seine Schreibmaschine eindrosch. sogar die Kirchen waren mit Benzin übergossen worden. hatten Höhlen in die Bettmatratze genagt. Sie ratterte fast wie ein altmodisches Moped. was ihn störte. hinter der ich vorsichtig vorspähte.Gleichzeitig hatte man alles verbrannt. aber seit sie eingewiesen worden war. Das gesamte nördliche Finnland wurde zu Asche verbrannt. die ihm eine alte Hofkatze liehen. Sie hatten sich in dem Dreck eingerichtet. Eines Abends in der ersten Sommerferienwoche spionierte ich Heinz hinterher. hatten die Ratten freie Bahn. 141 . ein spärlicher Schwarm frisch geschlüpfter Mücken um seinen Kopf wie ein Heiligenschein alter Erinnerungen. bis die gesamte Gegend nur noch ein einziges Flammenmeer war. Heinz beklagte sich bei seinen Vermietern. Die Witwe hatte mehrere Katzen gehabt. Es hatte dazu den Befehl gegeben. Heinz war dabei gewesen. jede Scheune in einem Ort nach dem anderen. Gänge in den Zwischenboden und mehrere Generationen geboren. Und jetzt war er zurückgekehrt. waren die Ratten. Ich schlich mich an der Hauswand entlang und näherte mich der Ecke. eine Brille mit Metallfassung. und füllte sodann Seite um Seite während seiner disziplinierten Schreibstunden. Rattengift verwarf Heinz. leicht gebeugte Nase. absolvierte seine ruckartige Morgengymnastik auf dem Vorhof. mit kichernden Kindern in den Büschen. Heinz hingegen blieb ziemlich für sich. da viele der Ratten dann in ihren Verstecken unter dem Boden sterben und damit das ganze Haus mit ihrem Gestank verpesten würden. Eine lange. um seine Erinnerungen niederzuschreiben. Das Haus war voll von ihnen. der Krieg der verbrannten Erde. Er machte schnelle Spaziergänge in kniekurzer Trainingshose. So erzählte man. Er saß im Profil da. Jedes Rauchstubenhaus. aber die lief so schnell sie konnte wieder zu sich nach Hause. Das Einzige.

nach Leder duftende Brieftasche heraus und aus ihr einen Zehn-Kronen-Schein. Man legte eine rohe. haardünne Striche. Er gehörte zu den Männern. Qualitätspapier mit dem Wasserzeichen wie ein blauer Fleck im Gegenlicht. Der Schein war neu und noch nicht gefaltet. Ich erstarrte vor Schreck. Ich begriff nichts. Und dahinter wurde ich plötzlich etwas anderes gewahr. Den hielt er mir unter die Nase. Fühlte mich nur dumm und ängstlich. wie man Ratten totschlug. Ich nahm den Schein entgegen. meine eigene elektrische Gitarre. ohne sein Schreiben zu unterbrechen. Ich stolperte auf zitternden Beinen hervor. stand dann von seinem knarrenden Stuhl auf und kam näher. es war fast ein feierliches Gefühl mitten in meiner Angst. überrumpelt. zog sich die Brille herunter und wandte mir seine eisgrauen Augen zu. Ich rührte mich nicht. sagte er auf Reichsfinnisch. wiederholte Heinz. von denen ein Junge gelobt werden möchte. »Tule tänne!«. Ich knüllte ihn nicht in die Tasche. »Du kriegst fünfzig Öre pro Ratte«. Er hörte auf zu hacken. geschälte Kartoffel an die 142 . immer noch ohne jeden Knick. Stand da wie ein gemeiner Soldat. »Kann man schwer schlafen bei all dem Gepiepse und Geraschel. »Hier sind zu viele Ratten«. um zu sehen. fuhr er fort. als wäre es ein riesiger Schmetterling. solche sah man nicht oft. voller Scham. Wie alle Dorfkinder kannte ich die Technik. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er eine braune. Eine elektrische Gitarre. du!«. Wie konnte er unbeschadet durch ganz Schweden zu uns hier oben gelangen? Der alte König blinzelte im Profil.« Er musterte mich. und das war ein Befehl. Grausilberne Farbe. was er von mir halten sollte. Eine richtige. Ich trug ihn vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger. ganz ruhig. sagte er.»Tule tänne sinä! Komm her.

Dann waren die Ratten kurz vorm Ertrinken und kamen herausgerannt – und dann musste man nur noch zuschlagen. Und schlug sie dann tot. die achte war leer zugeschlagen. Ich stellte die Fallen regelmäßig an andere Stellen. weiche Felltüten mit zerbrochenem Rückgrat und plattgedrückten Rippen. Heinz bezahlte aus seiner großen Lederbrieftasche. Die Leichen waren sonderbar schlaff. bezahlte mich großzügig und ermunterte mich. Heinz betrachtete zufrieden die abgeschnittenen Schwänze. Ich lernte sie zu spannen. Seinen Job machen. Am gleichen Nachmittag kaufte er acht Bügelfallen im Pajala Eisenwarenhandel. auf dem Dachboden. ohne mir die Finger zu quetschen und mit Schwartenstückchen. Die Methoden schienen ihm altmodisch und ineffektiv zu sein. kleine. Dann gab es nur eins. Käserinde und was es sonst noch gab. aber auch außer Haus unter der Eingangstreppe oder auf der Rückseite beim Holzstapel. Als ich am Abend nachschaute. Am ersten Tag tötete ich drei Ratten auf diese Art und am nächsten Tag zwei.Hauswand und stellte sich mit einem Knüppel bereit. Am nächsten Morgen fand ich sechs Rattenkörper. auch wenn es eklig war. sodass die Gedärme wie violette Algen über die Falle quollen. dass der scharfe Metallbügel das Fell kaputtschlug. Wenn man ein frisches Rattenloch im Boden fand. spannte sie in der Speisekammer. Es kam auch vor. 143 . zu bestücken. befanden sich vier Körper darin. im Vorratskeller. Die siebte Falle war unberührt. Dann wartete man still und geduldig. schien aber nicht zufrieden zu sein. bis die Ratte angekrochen kam. konnte man ein paar Eimer Wasser hineinkippen. mit Stahlfedern. Ich warf die pelzigen Leichen an den Waldrand und spannte die Fallen von neuem. die den Rücken der kleinen Kreaturen brechen sollten. und der Tagesfang belief sich auf ungefähr zehn Körper. meinen Einsatz fortzusetzen. In der folgenden Woche ging ich die Fallen morgens und abends durch. sich abhärten und sauber machen.

schrien und stritten sich um die Rangordnung unter ihresgleichen und störten Heinz’ Nachtschlaf noch mehr als die Ratten. ein neuer Wurf. das Haus zu besetzen. Die Lerche hing in der Luft wie ein zerfranster Propeller. Sie kamen vor allem in der Morgendämmerung. Ratten wären kleine. Der Fuchs fraß so viele. dass es fast immer zu einem besseren Resultat führte. die Bachstelze zog zähe Regenwürmer aus den Kartoffelackern. Wie viele Ratten auch getötet wurden. Und unter der Erde vermehrten sich die Ratten mit Schwindel erregender Geschwindigkeit. Viele glauben. Der Sommer kam jetzt mit aller Macht. während die Mehlschwalben sich auf die Hochspannungsleitungen setzten und sich Läuse aus ihren metallischen Flügelfedern zupften. sobald die alten Bewohner verschwunden waren. aber der Rest begann langsam schlecht zu riechen. Aber die Taktik hatte nur teilweise Erfolg. entdeckte ich verschiedene Rattenpfade. In ihr konnte ich die Fallen ausleeren. neue Gäste zogen ein. Aber während ich die Fallen ums Haus herum aufstellte. Nicht lange. ihre Transportwege zu verminen. Die beste Art. sie wanden sich wie kleine Tunnel in dem trockenen Vorjahresgras ganz dicht am Boden. und bald fand ich heraus. neue Ratten daran zu hindern. chaotische Knäuel. Aber niemals ganz still. es kamen immer neue dazu. würde also sein. wenn die Fallen auf diesen Wegen standen. wie er konnte. die voller Panik ziellos überall herumlaufen. Heinz gab mir einen Spaten aus dem Lager und ließ mich eine Grube außerhalb seiner Hörweite im Wald graben. Oftmals waren sie nur schwer zu erkennen. da war der Waldrand von Krähen übersät. Mit der Zeit wusste ich immer mehr über das Verhalten der Ratten. die Stare flöteten und flatterten in den Espen. Die Bügelfallen hatten einen grundlegenden Konstruktionsfehler: Wenn sie 144 . Außerdem wurden die Leichen langsam zu einem Problem. genau wie Ameisen oder Menschen. Die Ratten haben ihre Wege.Und es wurde tatsächlich nachts ruhiger im Haus.

dass der Rand auf gleicher Höhe mit der Erde war.zugeschlagen waren. bekam ich stolze zwölf Kronen von einem beeindruckten Heinz. Von einem Nachbarn liehen wir ein paar zerbeulte Eimer aus verzinktem Blech. kratzten mit ihren Klauen an der Blechwand. Die folgenden Wochen erbrachten ein traumhaftes Einkommen. Am nächsten Morgen schaute ich nach. ein paar Kilo waren jeden Tag wegzuschaffen. die ich mit dem Absatz zertrat. Sein schmaler Mund verzog sich zu einem Lächeln. Die Ratten platschten massenweise hinein. Anfangs war zwar die Menge an sich schon eklig. bis sie nicht mehr konnten und ertranken. machte Heinz dann einen Vorschlag. Der letzte Eimer hatte ein Leck. als ich also die Schwänze abgeschnitten und vorgezeigt hatte. Sechs Ratten waren in den ersten Eimer gefallen. bis sie wieder neu gespannt wurden. der versucht zu lachen. so tief. und dann nach und nach vor Erschöpfung ertrunken. Über den Eimer legte ich eine dünne Schicht harter Grashalme und Laub und versuchte das Ganze möglichst natürlich aussehen zu lassen. Ich dachte eine Weile über das Problem nach. Und in dieser Zeit konnten die Ratten unbeschadet vorbeiströmen. auf seinem Boden sprangen zwei zu Tode erschrockene Tierchen herum. Die Leichen waren viel hübscher als die aus den Bügelfallen. Anschließend füllte ich sie zur Hälfte mit Wasser. In dem dritten noch sieben. Die grub ich an den strategischen Stellen mitten auf den Rattenwegen ein. Er klatschte mir begeistert Beifall. das sah ganz ungewohnt aus. Zwanzig Körper. wie ein Wolf. In dem zweiten Eimer lagen fünf Leichen. blieben sie ungefährlich. Die Rattenleichen warf ich in die Grube im Wald. ohne den Grund erreichen oder herausklettern zu können. der kaputte Eimer wurde ausgetauscht und weitere Eimer und andere Gefäße an den passenden Stellen eingegraben. eine phantastische Ausbeute! Die Bügelfallen brachten noch weitere vier. Sie waren herumgeschwommen. Aber man 145 .

auch wenn die Öffnungen weithin sichtbar waren. Nur noch selten war das Knabbern eines kühnen kleinen Kämpfers zu hören. Heinz konnte jetzt gut schlafen. Offenbar konnten sie gar nicht mehr bremsen. die Schreibmaschine ratterte wie ein altmodisches Maschinengewehr. sexuelle Not in schlecht riechenden Quartieren. in dem finnische weibliche Schönheiten bandagierte Kriegshelden verpflegten oder ein deutsches Soldatenkind abends in der verdunkelten Marketenderei streichelten. da die Mücken jetzt ernsthaft zum Angriff bliesen. Und es half. Bald war auch die voll. von Frost und nadelspitzen Tannennadeln in den Decken. Beispielsweise stellte ich fest. Die Ratten fielen so oder so hinein. das daheim in meine Blechbüchse fiel. Jetzt konnte Heinz sehen. wenn sie die Wege entlanghuschten. und der ganze Vorhof roch nach Dschungelöl. ab und zu ein romantischer Abschnitt. das mit immer größerer Geschwindigkeit zu einer Gitarre anwuchs. dass es gar nicht nötig war. Ich deckte sie zu und grub eine neue. Die Leichengrube im Wald füllte sich mit rasender Geschwindigkeit. 146 . sodass man herumrennen und die ganze Zeit neue Eimer eingraben musste. Dagegen wurden die alten Rattenpfade nicht mehr aufrecht erhalten. Manchmal zog er eine Seite heraus und las mit seiner Wagnerstimme laut vor. scharfe Bilder des Finnischen Kriegswinters. wenn ich an das Geld dachte. Währenddessen fuhr ich mit immer effektiveren Mitteln in meiner Arbeit fort. der es durch das Minenfeld geschafft hatte. sondern fielen einfach hinein. nachdem ihre Benutzer gestorben waren. Dafür wurden neue gebildet. Aber meistens verfing sich der Arme schon am nächsten Tag in einer Bügelfalle. die Wassereimer mit Gras zu bedecken. Die Gräber wurden von den Füchsen wieder aufgekratzt. Eine harte. kraftvolle Prosa von Strapazen und Truppenverlegungen. Geld. hier und da kräftiger Soldatenhumor. dass der Krieg endlich ein Resultat brachte.gewöhnt sich dran. um Rhythmus und Melodie des Textes zu erproben.

Er breitete sich zwischen den Baumwipfeln aus wie ein bedrohliches Geisteswesen. ein Kriegsgott. bis nicht einmal die Füchse meinen konnten. Die Schwänze zählen. Das war ganz einfach ein Sommerjob. Mit einem dumpfen Seufzer fing der Leichenberg Feuer und brannte mit einer fast unsichtbaren Flamme. und halbfertige blinde Schmeißfliegen zappelten mit weichen Gelenken. bis nur noch der Geschmack fetter Asche im Mund übrig blieb. und der Rauch setzte sich in den Kleidern fest. Dann warf ich ein Streichholz hinein. konnte man trotz der Entfernung einen süßsauren. die Fliegenlarven wanden sich hinauf. es stank nach Fell. Er holte einen Benzinkanister hervor und füllte ihn. 147 . Bald waren die Rattenkörper voll mit Fliegenlarven. Die Hitze tat das ihre dazu. die Puppen platzten. Heinz wusste Rat. es wäre der Mühe wert. Dann wurde alles einfacher. ein anschwellender Todesbote. ekelerregenden Gestank wahrnehmen. verbranntem Blut. der langsam davonzog und sich auflöste. wurden aber gebraten und zu Flüssigkeit. die Maden kamen aus den Augenhöhlen gekrochen und schrumpften mit gekrümmten Beinen zusammen. die Schnurrbarthaare krümmten sich zusammen und verschmolzen. Als alles verbrannt war. Nicht schlimmer beispielsweise. und wenn der Wind vom Wald her wehte. wenn man zu nahe dran stand. Die Felle versengten mit einem feuchten Knacken. schaufelte ich wieder Erde und Moos auf die Grube und stapelte schwere Steine oben drauf.die halbverrotteten Teile in alle Richtungen zerstreut. In regelmäßigen Abständen musste ich ihn in den Wald schleppen und in der Grube auskippen. Der Rauch war schwarz und ölig. als das Klo auf Pajalas Campingplatz zu schrubben. Man musste nur ans Geld denken. sie in einem Bündel sammeln und das Bargeld von dem ehrenwerten Herrn quittieren. die unter der dünnen Haut brodelten. der abends auf seiner Treppe vor der Hütte saß und an seinem Kaffee schnupperte.

Nach der Abendernte setzte ich mich immer in mein Zimmer und schaltete das alte Tonbandgerät ein, mit dem ich die besten Schlager der Schlagerparade eingefangen hatte. Mit wollüstigem Schauder hörte ich die merkwürdigen, phantastischen Geräusche, die eine elektrische Gitarre hervorbringen konnte, beißendes Jammern, Wolfsgeheul, Zahnarztbohrer oder das Brüllen eines frisierten Mopeds auf der Straße durch die Stadt. Ich imitierte sie geschickt mit meiner alten akustischen Gitarre. Gleichzeitig fiel hinten an der Hütte die erste Ratte ins Wasser. Fing an zu schwimmen. Schwamm. Und schwamm. An einem Morgen Mitte Juli stieß ich auf eine Rattenstraße, die breiter war als jede, die ich bisher gesehen hatte. Sie verlief vom Wald bis zum Kartoffelacker an einem Graben entlang, gut getarnt durch buschiges Gestrüpp. Hier und da schlossen sich andere Wege vom Rauchstubenhaus und vom Klo aus an, bis sie zusammen eine beeindruckende Landstraße bildeten. Eine gut festgetrampelte Rattenrinne, die Hauptader der Ratten. Ich folgte ihr mit wachsender Spannung. Vorbei an der alten Scheune, die immer noch halb voll war mit altem Heu. Hier blieb ich stehen. Von der Scheune ging ein weiterer Rattenweg ab. Fast ebenso groß. Ich war mir sicher, dass es den vorher nicht gegeben hatte. Der Weg lief um einen Stein herum, in eine Mulde hinunter, auf der anderen Seite wieder hinaus. Und da, ein paar Meter vor dem Kartoffelacker, vereinigten sich die beiden Wege. Bildeten zusammen eine riesige, mehrspurige Autobahn. Ich begriff, dass es um die Kartoffeln ging. Das Kraut stand hoch und grün, es war die Familie der Witwe, die das Feld weiterhin bestellte, auch nachdem sie ins Krankenhaus gekommen war, und unten in der Erde schwollen die Knollen an, gelb und zart. Die Ratten fraßen die ganzen Nächte hindurch die Kartoffeln. Stopften sie in sich hinein, nagten, schmatzten, und schlichen sich dann pottsatt zurück in ihre Verstecke.
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Es war keine Zeit zu verlieren. Innerhalb einer halben Stunde hatte ich ein rostiges Benzinfass organisiert und verbrachte den größten Teil des Nachmittags damit, es mit einer Bogenfeile zu zersägen. Dann hieß es nur noch graben. Mitten auf der Autobahn. Die Erde schaufelte ich in eine Schubkarre und kippte sie im Wald aus. Nach viel Mühe und Schweiß konnte ich das Benzinfass in das Loch versenken und rundherum mit Erde feststopfen. Dann trug ich einen Eimer Wasser nach dem anderen vom Brunnen heran, bis das Fass gut halb voll war. Inzwischen war es Abend geworden. Die Schreibmaschine war verstummt, der Hauseingang lag verlassen da. Ich klopfte mit den Rattenschwänzen in der Hand an und traf auf einen Heinz, der voll mit Packen beschäftigt war. Sein Rucksack stand mitten im Raum, Kleider hingen über Stühlen und Tischen. Heinz zog das Geld im Vorbeisausen heraus und erklärte mir, dass er für ein paar Wochen nach Finnland fahren würde, um dort in einem Archiv zu forschen. Er müsste die Anordnung der Häuser in einer Stadt vor dem Brand studieren und einige Einwohnerlisten durchgehen. Als Autor war er sehr genau mit den Details, was eigentlich jeder Schriftsteller sein sollte, womit aber seiner Meinung nach sehr geschlampt wurde, besonders unter den jüngeren Romanschreibern. Während der Zeit könnte ich mich doch wohl ums Haus kümmern? Ich versprach es und erfuhr, wo der Schlüssel liegen würde. Gleichzeitig schwindelte mir ein wenig. Mir tat der Kopf vorn in der Stirn weh, und in den Achselhöhlen hatte ich so ein steifes Gefühl. Vielleicht zog ja ein Gewitter auf. Als ich wieder hinaustrat, sah ich tatsächlich, wie sich eine rollende Wolkenbank von Finnland her näherte. Sie sah aus wie ein Rauchpilz von der Rattengrube, aber viel breiter und mächtiger. Ein dumpfes Grollen wie von einer Front russischer Panzer war zu hören. Heinz kam heraus und stellte sich neben mich. Überraschenderweise legte er seinen Arm um meine Schulter, fast väterlich. Die Luft schien stickiger zu werden, schwerer zu
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atmen. Der Schweiß trat mir auf die Stirn. In der Dunkelheit unter den Wolkenmassen waren Blitze wie schnelle Fische zu sehen. »Da!«, zeigte Heinz. Eine Rauchsäule stieg mehrere Kilometer entfernt auf. Ein Baum, ein Gehölz? Oder ein Haus? War das ein Haus, das brannte? Und für einen Moment verwandelte sich die Gewitterwolke in Feuerqualm, ganz Finnland stand in Flammen, in einem flammenden Inferno ins Nichts verwandelt. Heinz stand unbeweglich da. Seine eisgrauen Augen waren auf die Ferne gerichtet, aufgerissen. Sie sahen aus wie Münzen. Dann strich er sich leicht mit den Fingerspitzen über den Schnurrbart. Ein Haar löste sich. Er hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger, der Blick kehrte ins Jetzt zurück. Das Haar war steif und gekrümmt wie ein abgebranntes Streichholz. Er wickelte es schweigend um den Finger. Ließ es dann los, ließ es unter die Erinnerungen fallen. Gerade als der Regen einsetzte, bekam ich meine ersten Schüttelfrostanfälle. Ich radelte nach Hause und warf mich auf die Küchenbank, zog die Knie hoch, um nicht gegen die Sprossen zu stoßen. Als das Gewitter mit seinem Lärm einsetzte, schloss Mutter alle Fenster und Türen und zog alle Stecker heraus. Die Wolkenbank ergoss seinen schaurigen Inhalt über uns. Der Regen trommelte gegen die Dachpappe, zog graue Gardinen vor die Fensterscheiben. Ein neues Donnerdröhnen. Ich zog Decke und Tücher über mich, fror und schwitzte abwechselnd. Mutter kam mit Wasser und einer Tüte mit doppelkohlensaurem Natron, da die Heilkraft von doppelkohlensaurem Natron Wunder wirkte und sich weit über das hinaus erstreckte, was auf der Packung stand. Trotzdem stieg das Fieber im Einklang mit dem Donner. Das Unwetter presste seine nassen Füße auf den Ort, bis mein Kopf kurz vorm Zerplatzen war. Merkwürdige Bilder kamen heraus, Hexenwesen mit leuchtenden Rändern, die
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langsam in die Luft sprangen. Sie hatten Messer und schnitten einander Scheiben aus dem Fleisch, flach wie bei Anziehpuppen. In einem langsamen Tanz verstümmelten sie einander und verschmolzen mit den Teilen, sodass sie sich ständig veränderten, ihr Fleisch sich mit dem der anderen vermischte. Die Szene bereitete mir Übelkeit, Ekel, aber es war unmöglich, sie wegzudrängen. Als würde jemand anders mit meinem Gehirn denken, als wäre ich nur ein Eindringling. Mutter versuchte die Ruhe zu bewahren, aber die Besorgnis war ihr anzusehen. Sie verbarg sie hinter einer schroffen Miene, indem sie ihre Unterlippe vorschob, sodass man die glänzende Schleimhaut sah. Sie hatte das Alter erreicht, in dem die Haut im Gesicht anfängt zu hängen, wie ein etwas zu groß geratener Pullover. Wenn sie lachte, strammte sich die Haut in unzähligen Falten, dass sie einem Haublock ähnelte, und andere Gesichtsausdrücke benutzte sie nicht. Was schön an ihr war, das war ihr Haar, rotbraun und dick fiel es bis auf die Schultern. Wenn sie es bauschig bürstete und ihr eine Locke übers Auge fiel, konnte sie aussehen wie ein Filmstar. Ich fror, dass ich zitterte. Mutter ging ins Wohnzimmer und machte Feuer im offenen Kamin, obwohl es doch mitten im Sommer war. Eine Weile hörte ich, wie sie Birkenrinde zerriss und mit dem Schürhaken klapperte. Dann wurde es merkwürdig still. Ein glänzendes Licht fiel in die Küche. Als wäre die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen. Aber draußen fiel immer noch der Regen. Mühsam richtete ich mich auf. Schaute verwundert und entdeckte, dass der Schein aus dem Wohnzimmer kam. »Was ist das?«, rief ich, bekam aber keine Antwort. Auf fieberschwachen Beinen stolperte ich dorthin. Vor dem Kamin stand Mutter wie ein Fechter, den Schürhaken weit ausgestreckt. Das Licht kam von der Feuerstelle. Gelbweiß, grell.
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»Zurück, Mama!«, rief ich. Mutter trat einen Schritt zurück, den Feuerhaken weiter schützend von sich gestreckt. Aber das Licht folgte ihr. Aus den Flammen schwebte eine leuchtende Kugel. Sie knisterte wie weißes, glühendheißes Eisen und schwankte leicht, als schwimme sie in der Luft. Die Kugel blieb mit einem Zittern stehen, kurz vor dem Feuerhaken. Ich sah, wie Mutter anfing zu leuchten. Ein blauer Schein um ihre Haut. Ihre Haare richteten sich auf und begannen zu Berge zu stehen. »Lass los! Lass den Feuerhaken los!« Aber sie schien wie hypnotisiert zu sein. Wich nur Schritt für Schritt zurück, während sie den Feuerhaken hin und her schwenkte. Die Kugel folgte ihr. Sie schwenkte das Eisen immer schneller, doch die Kugel folgte ihr wie magnetisch angezogen. »Lass doch los, Mama, verdammt noch mal!« Stattdessen begann sie mit dem Haken zu kreisen. Schwang ihn wie ein Hammerwerfer in dem Versuch, das Fremde abzuschütteln. Aber es folgte ihr. Und nahm an Geschwindigkeit zu. Nahm Fahrt auf, dass es in der Luft zischte. Kleine Blitze flammten um den Schaft herum auf. Die Kugel saß weiterhin an der Spitze fest. Sie keuchte, glotzte und kreiste immer wilder. Bald umgab sie ein Kreis, eine Glorie, ein elektrischer Zirkel. Sie konnte nicht aufhören. Drehte und drehte, dass es sauste, summte, bis das ganze Zimmer von blauen Flammen funkelte. Sie wurde schneller. Und immer schneller. Bis es schneller nicht mehr ging. Da ließ sie los. Der Feuerhaken und die Kugel flogen geradewegs hinaus. Knallten durch die Wand, krawummmm! Ein Dröhnen, dass die Ohren sich ringelten, Holzspäne flogen uns ums Gesicht. Und dann Schweigen. Ich war zu Boden geworfen worden. Schwindlig hob ich den Kopf, schüttelte Dreck aus dem Haar. Mutter saß mit ausgestreckten Beinen auf ihrem Po, den Mund zu einem kleinen O
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Dort war ein Loch. Ich konnte kaum einen Arm heben. Unsicher kamen wir auf die Beine und stapften zur Wand. dass wir überlebt hatten. als hätte jemand eine Faust direkt dort hindurchgeschlagen. und ich hatte Probleme mit dem Schlucken. Der Körper schien schwer wie ein Schiffsrumpf. Gehirnkrebs. und es war offensichtlich. Masern. Ich maß sorgfältig den Abstand. Das Unwetter verzog sich. Tief im Gestrüpp der nachbarlichen Johannisbeersträucher. Niila kam zu Besuch. da das der sicherste Weg war. der Hals war rau und schuppig. er hätte sich in irgendeiner Form dematerialisiert. kehrte aber gleich in der Tür um. aber ich lag weiterhin unter den Decken. und lange Zeit glaubten wir. Nesselfieber. Von dem Schürhaken war keine Spur zu sehen. der ein Arztbuch auf Finnisch hatte und die Diagnosen Hirnhautentzündung. Mumps und Jugenddiabetes stellte. rostig und verdreht wie ein Korkenzieher. Achtundneunzig Komma fünf Meter. Dann kam der Husten und Rotz. Hammerwerferrekord für Frauen. Aber im Herbst wurde er überraschenderweise wieder gefunden. 153 .geformt. zwei Häuser weiter. Eine gähnende Öffnung in der Hauswand. Das Fieber hielt zwei lange Tage an und verwandelte sich anschließend in einen migräneähnlichen Kopfschmerz. der torpediert worden war und nun langsam auf den Meeresgrund sank. Er lag weder drinnen noch draußen auf dem Rasen. möglichst bald die eigene Beerdigung zu erleben. die Augen waren überempfindlich für Licht. als er den Pestgeruch schnupperte. dass es sich um eine Sommergrippe handelte. Die Gelenke fühlten sich steif an. zum Arzt zu gehen. Papa ging stattdessen zu einem Nachbarn. aber im Großen und Ganzen ungefährlich. Wie üblich in Tornedal vermieden wir es so lange es nur ging. Wir stellten fest. So eine anständige mit schmerzenden Nebenhöhlen.

wie Papa im 154 . dumpf summend. was sich im Hinterkopf befunden hatte. Die Mücken schlüpften in Millionenschwärmen in den Sümpfen. Das. während die Mücken mit ihren Rüsseln von der anderen Seite durch die Maschen stachen. als die Sonne frühmorgens schon brannte. Jetzt erhob sich der Hochdruck über uns wie ein riesiges Zirkuszelt mit einem knallblauen Dach und stillstehender Hitze. Langsam legte sich die Erkältung. bis meine Nase Schürfwunden hatte. Eines Tages. die sich zu mir herein verirrt hatte und jetzt gegen das Fliegennetz stieß. was ich in meinem Fieber und Husten verdrängt hatte. behaart wie ein alter Bär. eine Kanne Wasser ans Bett gebracht zu bekommen. es gereinigt und den Weg für die Kontinentalwärme aus Sibirien frei gemacht. Lauschte der Hummel. das Linienboot fuhr ununterbrochen über den Fluss zum Badestrand bei Esisaari. Stattdessen dämmerte ich dahin. Da fiel es mir ein. der Schweiß in Fluten rann und ich darum bat. mit Schießständen. mit einem Cowboyhut auf seiner grauen Haarmähne und lockte: »Zehn Lose für einen Fünfer! Zehn Fünfer für ein Los!« Während ich daheim lag. Ab und zu versuchte ich auf der Gitarre zu spielen. Mit einem Schauder zog ich mich an. Mein Gesicht war angeschwollen und von grünem Schleim aufgepumpt. die eine Gefahr für das Taschengeld der Dorfkinder darstellten. und Altenburgs Casino hatte seinen rotgelben Saloon auf der Wiese aufgeschlagen. Gierig trank ich aus ihr und wischte mir die Tropfen aus den Mundwinkeln. Die Gewitterfront hatte ein Loch ins Luftmeer gerissen. Hörte. Der Casinodirektor stolzierte mit nacktem Oberkörper herum. setzte ich mich auf und tastete nach der Wasserkanne. einarmigen Banditen und allen möglichen anderen Verlockungen. konnte aber nur dunkelgelbe Tropfen pissen.Draußen kam jetzt die Hochsommerhitze. war davon aber sofort vollkommen durchgeschwitzt und benommen. den ich ausrotzte. Ich trank und trank.

Süßlich. Mit einer unangenehmen Vorahnung radelte ich zu der Hütte des Deutschen. Er wurde stärker. wie lange ich wohl krank im Bett gelegen hatte. versuchte mich zu übergeben. je näher ich kam. Dann band ich sie mir über Mund und Nase. Schon auf der Landstraße war der Geruch wahrzunehmen. Ich holte die Schubkarre hervor und begann sie mit Erde zu füllen. dass die Leichen übereinander lagen. Ich versuchte auszurechnen. Sah den Kartoffelacker mit seinem hochstehenden Kraut. sie waren feucht vom Fußschweiß. So viele. schob ich sie hin und füllte meine 155 . mich zu fassen und meine Schuhe wegzuschleudern. Ein Aufzucken. Eine dicke Wolke von Fliegen stieg auf. Ein grauer Brei. wo es lag. Mit verzweifelter Energie kam ich wieder auf die Beine. Erschrocken wich ich zurück. Die Scheune und die Rattenstraße. Ich hustete und lief. Der Geruch war muffig. Dreißig Meter vor dem Haus war ich kurz vorm Ersticken. Leise schlich ich mich hinaus in das starke Morgenlicht. Ich wollte das Massengrab dort zudecken. aber es war mein eigener. Ein Würgen durchfuhr meinen Körper. Das war die einzige Möglichkeit. Wogte wie ein Meer. wie es sich da unten bewegte. Konnte aber noch sehen. bis ich hinfiel. Ich hielt die Hand vors Gesicht. Schließlich gelang es mir doch. Geschockt stolperte ich auf die Wiese hinaus. Als die Karre voll war.Schlafzimmer schnarchte. Sie alle begraben. schaffte es aber nicht. wie viele Tage vergangen waren. Spuckend fiel ich kopfüber in ein paar Löwenzahnblätter. Ein schwankender Teppich von Larven. Ich beugte mich hinunter. Den Benzinkanister. Übelkeiterregend. Riss mir die Strümpfe von den Füßen. Süßer und beißender. Ich holte tief Luft und rannte das letzte Stück. sodass mein Schatten auf die Körper fiel. Mit Erde bedecken und versuchen zu vergessen.

zurückzugehen. wenn man es nüchtern und sachlich betrachtete. klingende Kronen. eins fünfzig. Das Geld. Nach einem tiefen Atemzug stürzte ich zur Tonne. Ich stellte die Schubkarre wieder ab. holte ich eine Harke aus dem Schuppen. Stieß die Harke in die Brühe. Scheiße. Es war halt eine Arbeit. Runter mit der Leiche in den Mülleimer. Dann. Also wieder zurück. Ich lag kopfüber am Waldrand und fühlte. Die Haut platzte auf. Dann zwang ich mich. Oder vielleicht sogar achtzig. Zögerte. Rührte herum und konnte ein paar Leichen heraussieben. Das Geld! Man musste einfach immer nur ans Geld denken! Siebzig Körper waren das mindestens. fünfzig Öre. Die Tonne war voll mit Geld. Schnipp. Aus der Nähe waren alle Details zu sehen. Eine Krone. mit dem Mut der Verzweiflung. wie das Fieber zurückkehrte. Das war einfach zu viel. und die Fliegenlarven fielen wie weiße Tropfen aufs Gras. um wieder Atem zu schöpfen. Fast erstickt lief ich weg. Dann rauf mit dem Strumpf und die Sache erledigt. Die ich jetzt begraben wollte. Denn so war es nun einmal. das klappte nicht. Nur in Aktion treten. Wenn da nicht eine Sache wäre.Lunge mit Sauerstoff. Nein. Scheiße. 156 . o Scheiße. Mal fünfzig Öre machte vierzig neue. Holte die Schafschere und zog mir ein paar schmutzige Arbeitshandschuhe über. was gewiss nicht so einfach war. So musste man es sehen. Da lagen Fünfundzwanzig-Öre-Münzen in Hülle und Fülle. Wieder rein mit der Harke. ein Sommerjob. und dann weg und tief Luft holen. eine Krone. Nicht nachdenken. eine Krone. Schnipp. so schnell wie möglich. Schnipp. dass die Fliegen davonspritzten.

In kurzen Etappen schleppte ich sie in den Wald. wie die Kleider von dem Gestank klebten. Ich kämpfte den größten Teil des Tages und merkte. Ich leerte den Dreck in die Leichengrube. und ich schüttelte ein paar Fliegenlarven aus. das dauerte. Fünf. Ich fischte noch einmal mit der Harke. waren in ihrem schrecklichen Todeskampf erstarrt. fünfzig Öre. Es kitzelte mich im Handschuh. Kleine Pfoten mit gespreizten Klauen. Die Fliegen umschwärmten mein Gesicht. In den kleineren Wasserfallen gab es weniger Opfer. 157 . schnipp. groß wie eine Katze und grotesk aufgeschwollen. Kehrte zur Tonne zurück.Schnipp. Vier Kronen. Weg und tief Luft holen. Leerte den Mülleimer hinten in der Waldgrube aus. Einige waren frischer. Sie schwammen in verdrehten Körperstellungen. und als ich näher hinsah. In den Bügelfallen waren die Körper von den Fliegen fast aufgefressen worden und schon so gut wie eingetrocknet. Der Inhalt schwappte und blubberte. Wenn ich wenigstens eine Mütze gehabt hätte. aber sie waren ebenso verrottet. Wenn nur der Gestank nicht wäre. und das war mein Glück. eine Belohnung für meine Beharrlichkeit. fand ich noch einen. Zwischen den Ratten lag auch die eine oder andere Feldmaus. war es nicht bald zu Ende … Es ging schrecklich langsam. klebriger Leichensaft auf dem Boden. blitzende Nagezähne. Immer tiefer ging es in die Tonne. ließen sich überall nieder. Und wieder zurück. gelbe. schnipp. Noch ein Eimer. Eine Mülleimerfuhre nach der anderen. Mein Gott. Der größte Teil des Vormittags war vorbei. denn da lagen vier abgerissene Schwänze. zwei Kronen. Sechs fünfzig. zwei Kronen. noch steif. Andere zerfielen in ihre Einzelteile. Zum Schluss war nur noch ein grauer. Zwei fünfzig. als endlich die erste Mülltonne voll war.

Mit einem Schrei warf ich mich hin und riss mir die Hose vom Leib. wie ein Versuch. Ich entzündete einen Span und warf ihn. Nur ein kahler Erdfleck. Wie eine heilige Handlung. Die letzten Eimer waren auf dem sonnentrockenen Gestrüpp gelandet. als ich ihn mir je hätte vorstellen können. 158 . dass ich mir Benzin auf die Hosenbeine gespritzt hatte. Ich konzentrierte mich auf den letzten Streich. Ich trat die Flammen aus. Fieberhaft trat ich sie von den Füßen und löschte die Flammen. süß und kräftig. die sich in ihm fortpflanzten. Die nächststehenden Büsche wurden angesengt. indem ich mit den Handflächen draufschlug. Bevor ich alles hinter mir lassen und vergessen konnte. Ich lief erneut davon. tränkte sie. Eine fast unsichtbare Flamme erhob sich steif und knisternd. Das Fieber überfiel mich wieder. kippte die Erde in die Tonne und drückte die Oberfläche mit dem Spaten fest. ein Hefeteig des Todes. etwas zurechtzurücken. Die Fliegen fuhren in dicken Wolken auf. sorgenvollen Husten begann der Haufen zu brennen. die auch brannten. Nun war kaum noch eine Spur von dem Massaker zu sehen. bevor alles geschafft sein würde. Der Geruch war schlimmer. das Gestrüpp auf dem Boden fing Feuer. Sie verhakte sich an den Schuhen. Jetzt fehlte nur noch der letzte Schritt. Das Benzin reinigte die Nase. etwas zu sühnen. Vom Schwindel gepackt kippte ich das Benzin über die Leichen. um Luft zu schnappen. Da merkte ich. ließen sich aber gleich wieder wie eine Wolldecke nieder und legten ihre Eier in die sonnenwarme verrottete Grube. die Flammen kletterten bis zu den Kniekehlen hoch. Schraubte den Deckel vom Kanister und schnupperte an der Öffnung.Als Letztes holte ich die Schubkarre herbei. der noch zu tun war. aufgedunsen durch Milliarden von Mikroben. den einzigen. Mit einem tiefen. auf dem schon bald Gras wachsen würde. begoss sie. Die Leichengrube im Wald war überfüllt. als ich schwindlig den Benzinkanister holte.

Und bald fanden sie Halt auf dem Teerdach. Voller Panik. Die Scheune begann zu schwelen und war bald nicht mehr zu retten. irgendetwas hielt mich zurück. »Mein Manuskript!«. als wäre es der Atem des Feuers selbst. die ins Flammenzentrum wehte. Und in der Windrichtung lag auch das Haus. das wuchs und wuchs und nicht mehr zu bändigen war. es war alles mein Fehler. Es schien. aber 159 . Bald hatten sie den ersten Baum erreicht. im Herzen der Vernichtung. der die Schuld daran hatte. warfen ihre Fackeln von Baum zu Baum. ein Wind. Ich brach einen Blätterzweig ab und versuchte die Flammenzungen niederzupeitschen. doch mit jeder Minute wurde die Katastrophe nur größer. Mit aufgerissenen Augen. Spitze Feuernadeln regneten herab. Die nächststehenden Büsche standen bereits in Flammen. Mit überraschender Geschwindigkeit verbreiteten sich die Flammen im Wald. kämpfte voller Panik.An der Grube hatte das Feuer das trockene Bodengestrüpp erfasst. Und tief drinnen. Der Funkenregen fiel immer dichter. eine sanfte Brise. In dem Moment stand Heinz da. dachte ich und wollte Hilfe holen. Und da ging plötzlich eine Böe durch den Wald. Das Dach stand in Flammen. schrie er und riss die Haustür auf. Unerschüttert breitete sich das Feuer bis zum Waldrand aus. »Die Feuerwehr!«. Aber ich konnte nicht. als söge das Feuer den Sauerstoff gierig auf. aber in der Trockenheit verbreiteten sie sich unbeirrt. während sich die Flammen durch das Blattwerk nach oben arbeiteten. und der Rauch quoll dicht heraus. Und ich war derjenige. Verzweifelt versuchte ich die Katastrophe aufzuhalten. Es war der Krieg. Ein wildes Tier. ich schlug und peitschte mit brennenden Augen. Ich stand wie gelähmt da. Wieder versuchte ich mit meiner Laubrute zu peitschen. eine rasende Kriegsfront. der gekommen war. der immer kräftiger wurde. blubberte das Krematorium.

Heinz sprang mit einem lang anhaltenden Brüllen auf. Rußig und stinkend. »Das ist deine Schuld!« Keine lederbraune Brieftasche. »Einhundertvierundachtzig Stück«. 160 . Dennoch versuchte er es erneut. Er versuchte sich hineinzukämpfen. Keine Gitarre. Sie waren immer zu zehn Stück gebündelt. »Zweiundneunzig Kronen. Und dann lief ich davon.« Heinz starrte mich mit leerem Blick an. Verzweifelt riss ich ihm das Papierbündel aus der Hand und schmiss es in die Hitze. der alte Soldat. In der Hand hielt ich die Schnur mit den abgerissenen Schwänzen. stammelte ich. saß er auf dem Brunnendeckel. Er wollte hinein. er tastete sich vor. leichter zu zählen. und weinte. diesmal aber vergebens. Dann packte er die Schnur mit den stinkenden Schwänzen und warf sie wütend in das Flammenmeer. lief so schnell ich nur konnte. Als die Feuerwehr endlich eintraf. Ich ging zu ihm hin. Einfach zu kontrollieren. Und diesmal kam er mit einem Papierbündel im Arm heraus. nur in Unterhose. Mit leeren Händen und tränenden Augen war er zum Rückzug gezwungen. Kein Geld. und jetzt war auch Feuer in dem Rauch. Er drückte es fest an den Körper wie ein Kind.er bückte sich nur. drückte es sich an die Brust und sank hustend aufs Gras nieder. jetzt konnte man einen gelben Schein sehen.

ein langer. mit steinhartem Ledersattel und zigarrenschmalen Reifen. er kam mit der Faust in der Jackentasche herein und begann zu rollen: »Hierrr kommt einerrr mit dem Daumen mitten in derrr Hand!« Mit genau geplantem Schockeffekt zog er seine verstümmelte Hand hervor. dass der Daumen und die behaarten Knöchel in einem bestimmten Winkel aussahen wie ein männliches Geschlechtsorgan. breitlippiger Bauernbursche. Nur der Daumen war noch da. Es war schwer zu verstehen. Ich werde nie die erste Stunde vergessen. Nach dem Unfall hatte er sich umschulen lassen und war jetzt als frisch examinierter Musikfritze in Pajala gelandet. Ansonsten war er ein fröhlicher Kerl mit sonderbarem Humor. mit einer übernatürlichen Gelenkigkeit. Er drehte die Hand um. geradezu nackt. Wir rissen die Augen vor Entsetzen auf. der alle rechten Finger in einer Riemenscheibe verloren hatte. In der Siebten bekamen wir einen neuen Musiklehrer. die man je gesehen hatte. groß wie eine gekrümmte Kartoffel. und ihm fehlten Schmutzfänger und Gepäckträger. Nur ekliger und knochiger. was er sagte. ein Zwölfgang-Rennrad. Er brauste darauf in einem roten Trainingsanzug wie eine Rakete die Straßen entlang. Es sah fast unanständig aus. und wir eine überraschende Begabung aus Kihlanki kennen lernen.KAPITEL 13 – in dem ein Musiklehrer mit dem Daumen mitten in der Hand eintrifft. und wir sahen. Greger brachte eine unbekannte Neuheit mit nach Pajala. Das gehörte zu den extremsten und unnützesten Dingen. Er hieß Greger und stammte aus Schonen. erschreckte alte Frauen und 161 .

etwas Schonisches in seiner Darmflora. einem Jämtlandhund. Er war gebückt mit brüllendem Motor dagesessen. wie schnell sein frisiertes Moped fahren konnte. Ein ökonomisch eingestellter Vittulajänkkäjunge organisierte daraufhin eine ungewöhnliche Wette. einem Jagdhund. zwei graumelierten Spitzen plus einigen Promenadenmischungen hinter sich. Greger war danach eine berühmte Person. Sobald er vorbeizischte. und er versicherte. wie schnell man eigentlich auf so einer Konstruktion fahren konnte. Der Diensthabende musste die ganze Bande am Brückengeländer anleinen. Den Rest des Tages kamen schweigsame Männer aus den umliegenden Dörfern. Eine andere Diskussion ging darüber. Greger hielt an der Polizeistation an und wurde sofort von dem kohlrabenschwarzen Labrador angefallen. um ihre Köter abzuholen. sodass dieser jaulend zu seinen Kumpels kugelte. Außerdem machte er die Hunde verrückt.Kinder und war der Grund für UFO-Artikel im Haparandabladet. Alle mit vor Mordlust weit aufgerissenen Augen. dass das Moped zweiundsechzig Kilometer die Stunde schaffte. Da war Greger von hinten aufgetaucht. Es musste etwas mit seinem Geruch zu tun haben. dass er auf der Straße nach Kenigshållet am vorhergehenden Abend getestet hatte. der eine Art Führungsfunktion in der hysterischen Herde einnahm. Eines Nachmittags erzählte Staffan aus der Neunten. Greger wartete den richtigen Moment ab. den sich der Tierarzt ansehen musste. Sie rissen sich los und verfolgten ihn Kilometer um Kilometer. außer dem Labrador. Dann kickte er mit seinen schmalen Fahrradschuhen gegen die Nase des Köters. Würdevoll betrat er anschließend die Station. kläfften wie die Idioten in einer immer größer werdenden Herde. wurden sie wahnsinnig. Greger sollte mit dem 162 . federleichtem Tritt war er vorbeigezogen und hinter der nächsten Anhöhe verschwunden. Mit kräftigem. Einmal kam er nach einer Trainingsfahrt nach Korpolombolo zurückgeradelt mit zwei Norbottenspitzen.

Der Bus war zwar nicht gerade für seine atemberaubende Schnelligkeit bekannt. Ein Fahrzeug. und alle mussten einsehen. Aber die Fahrbahn war leer. aber viel zu langsam. dass es zu spät war. Die Schüler versammelten sich an der Heckscheibe und starrten durch den Schmutz nach draußen. Acht Kilometer später stand der Rotgekleidete am Straßenrand und wechselte den Reifen des Hinterrads. das sich näherte. war in Mukkakangas. Gleichzeitig tauchte vor 163 . der nichts von der Wette wusste. Einer der Polizisten schrieb etwas in sein Notizbuch. und die Schüler strömten hinein. während der Bus vorbeifuhr. Er stand neben einem Streifenwagen der Gällivarepolizei. Schließlich tauchte das Straßenschild vor ihnen auf. Danach wurde er nicht mehr gesehen. Ab und zu schlug er mit der Fahrradpumpe nach einem ihn anspringenden Rotfuchs. und trotzdem gelang es ihm. die Leute zum Wetten zu bewegen und Greger zu überreden. Das nächste Mal. Der Wettkampf fand an einem Mittwoch Ende September statt. Der Bus hielt wie üblich auf der Rückseite der Centralskolan. Kaunisvaara kam immer näher. Der Fahrer rieb sich die Nase vor Verwunderung und traute seinen Augen nicht. Da war ein Punkt zu sehen. rauschte er vorbei. mitzumachen. aber der Rotgekleidete lag im Windschatten und ließ nicht locker. In Höhe von Jupukka war Greger wieder gleichauf. während die Kinder vor Aufregung quiekten. wie ein rotgekleidetes Wesen ihn auf der Fahrerseite überholte. Der Junge handelte mit den Quoten und nahm sich schamlos seine Provision von den Einsätzen. drückte aufs Gas und bemerkte gleichzeitig. Als es einen Abhang hinunterging. Der Fahrer. Der Bus hatte reichlich Fahrt. Eine rote Gestalt.Schulbus um die Wette nach Kaunisvaara fahren. aber immerhin. der andere schlug mit einem Stock auf einen angreifenden Jagdhund ein. Moore und Wälder zogen vorbei. dass der Rotgekleidete zu sehen war.

Die Straße wurde von den Fahrzeugen vollkommen blockiert. Greger hatte noch eine andere merkwürdige Fähigkeit. Und die Fahrbahn blockiert. unmöglich. fuhr er mitten auf der Straße. Und vorbei. »Der aus Schonen hat gewonnen!« Ein fetter Spitz warf eine alte Frau mit einem Beereneimer um und raste hinter dem Rotgekleideten her. Der Traktor tuckerte schneller. was sie gesehen hatten. wie von Sinnen kläffend. Unten im Graben. anregende Gespräche in meän kieli geführt hätten. »Das schafft Greger nie!« Das Ortsschild war bereits da. Der Traktor zog eine Spur zur Seite. Durch Schlamm und Steine. Der Bus setzte mit nur wenigen Zentimetern Spielraum zum Überholen an. Am Bus entlang. 164 . »Da!«. dass er als ein Mann aus Schonen ein ummikko war. Da er ja hier zu Hause war. aber jetzt kam die Bestätigung für das Gegenteil von mehreren unabhängigen Quellen. Versuchten zu begreifen. in dem das Ortsschild passiert wurde. Etwas Rotes. Ein Rentner saß hinterm Steuer. Er konnte Tornedalfinnisch. Kaunisvaara. Und dann brach der Jubel im Bus aus. den Bus zu umfahren.dem Bus ein tuckernder Traktor auf. im gleichen Moment. schrie Tommy aus der Siebten. dass sie mit diesem knarrenden Außenstehenden lange. der Bus musste bremsen und hupte. Einen Moment lang waren alle wie vom Blitz getroffen. Männer und Frauen versicherten. der Muttersprache der Ehre und der Helden nicht kundig. Alle waren davon ausgegangen. Und von hinten kam der Rotgekleidete immer näher. das sich vorschob.

Greger war ein lustiger Kerl. Zufällig kam er bei Conrad Mäkis Landhandel in Juhonpieti vorbei. was er sagte. Das war ziemlich unwirklich. Ganz offensichtlich war. musste er also anhalten und sich mit den Ortsansässigen unterhalten. aber genau zu. der in seiner Jugend ein paar Jahre Dienst in Helsingborg geschoben hatte. dass man nichts kaufen wolle. Kardis. Saittarova. Nachdem er diverse schweigende Kilometer auf seinem Rennrad abgerissen hatte. Dann stellte man fest. aber man erwiderte sicherheitshalber auf Finnisch. Verblüffte Männer und Frauen konnten plötzlich ohne jeden Grund in Anttis. Der Zöllner stellte sich daneben und hörte diskret. Dieses dröhnende Rotwelsch mit Geräuschen. Als einer der wenigen Tornedalbewohner beherrschte er daher sowohl das Tornedalfinnisch als auch das Schonisch. Hinterher berichtete er allen Interessierten auf eine objektive und detaillierte Art von seinen Beobachtungen. und nach Art der Südländer hatte er ein anormal ausgeprägtes Kontaktbedürfnis. B und C (zwei alte Kerle und eine 165 . dass man sonderbarerweise verstand. so verstand der Fremde das bis auf den iPunkt. Pissiniemi. Vor ihnen stand ein verschwitztes Marsmännchen und plapperte. Die Worte waren unbekannt. die ich selbst habe lesen können. dass die Spucke spritzte. dass der Konversant G (also Greger) während des gesamten Gesprächs ein Schonisch der breiigen Art gesprochen hatte. Die Konversanten A. ganz vorschriftsmäßig von ihm selbst unterzeichnet und bezeugt von zwei unabhängigen Personen. Kivijärvi oder Kolari angehalten werden. als Greger gerade dort stand und mit ein paar Rentnern schnatterte. wie sie nur ein Betrunkener hervorbringen konnte! Und wenn man mit joo varmasti antwortete oder niinkö sagte. Das Geheimnis wurde von einem älteren Zöllner gelüftet. abgesehen von wenigen tornedalschen Kraftausdrücken (siehe Anlage I) mit meistens falscher Aussprache. Und nach alter Gewohnheit schrieb er dann sogar noch seine Zeugenaussage nieder.

Das Merkwürdige dabei war. und ob das eine Laune der Natur sein könnte oder eine Warnung unseres Schöpfers. Der Tierbestand im Ort. Regen und Kälte der letzten Zeit. dass das Gespräch ganz logischen Bahnen folgte. 2. 5. Die Heuernte des Sommers. 3. die gegen die Tanzveranstaltungen der Jugend gerichtet war.Frau) hatten sich während des gesamten Gesprächs ebenso offensichtlich an Tornedalfinnisch gehalten. Aus all diesen Dingen zog der Zöllner folgende Schlüsse: Greger beherrschte kein Finnisch (abgesehen von den falsch 166 . Eine große Anzahl kürzlich gefundener verkrüppelter Karotten. die aussahen wie Pimmel. als dieser gerade wieder davonfahren wollte und ihn in neutralem Ton nach der Uhrzeit gefragt: »Mitäs kello on?« »Gleichfalls«. die Anzahl der Reuter und ihre Qualität und inwieweit der späte Frühling Einfluss auf den Nahrungsgehalt des Heus hatte. 4. hatte Greger freundlich erwidert. die Mechanisierung der Landwirtschaft und ob Traktoren wohl auf schwedischer oder finnischer Seite preiswerter waren. Die Hoffnung auf Wetterverbesserung sowie Abschiedsfloskeln. und die beiden Parteien offenbar einander verstehen konnten. Gesprächsthemen waren in chronologischer Reihenfolge: 1. die geschmacklichen Vorteile der Mandelkartoffel gegenüber der runden Kartoffel und inwieweit der viele Regen Kartoffelfäule bewirken könnte. die Fütterung von Milchkühen früher und heute. In wissenschaftlicher Mission hatte der Zöllner Greger angehalten. Das Wachsen der Kartoffeln im Spätsommer. 6.

Die gesunde breite linke Hand rutschte wie eine behaarte südamerikanische Vogelspinne auf dem Griffbrett auf und ab. brummte Greger. von denen das eine gerissen war. Gleich am ersten Schultag machte Greger Inventur im Instrumentenlager: ein Klassensatz mit Klanghölzern aus Birke. eine Gitarre mit drei Saiten und ein abgebrochener Filzschläger. bei dem das Fiss und das A fehlten. einen elektrischen Bass. die auffallend lebendig und deutlich war. Albern und immer zum Lachen bereit. Das geheimnisvolle Einverständnis zwischen ihnen konnte zwei Gründen zugeschrieben werden: Gregers Körpersprache. wie gesagt). In der folgenden Stunde erwies er sich als ein unerwartet tüchtiger Gitarrist.ausgesprochenen Schimpfwörtern. Und bevor jemand es richtig begriff. dass es so etwas gab. aus der die Samen herausfielen. eine Maracasse. So sind sie nun einmal. Dann ging er zum Blues über und tat 167 . Plus einen nagelneuen Plattenspieler. eine elektrische Gitarre und Verstärker gekauft. die Leute aus Schonen. hatte er einen Betrag aus dem Schulbudget losgeeist. ein Holzxylophon. sowie seinen offenbar umfassenden Kenntnissen der Landwirtschaft. als das Gespräch darauf kam. während der einsame rechte Daumen die Akkorde und Flageoletts schlug. Außerdem gab es einen Klassensatz von »Jetzt wollen wir singen I« und eine Hand voll »Vaterländische Gesänge« von Olof Söderhjelm. was für ein Schrott!«. Greger lachte nur laut los. zwei Tambourine. und eine Batterie. Anlage I. Der Sohn des Zöllners war Sprachforscher in Umeå und begann eine Arbeit zu dem Thema: Bilingual understanding in a northern Scandinavian multicultural environment. während wir nicht einmal ahnten. die leicht wie nichts klangen. fing dann aber an zu saufen und bekam sie nie fertig. »O Scheiße. Ebenso wenig verstanden die Rentner Schonisch. zwei Triangel.

so. befahl er. »Zählen«. so konnte man es auch sehen. Von einer selbst gezimmerten Holzplanke in der Garage über die schreckliche Akustik im Keller waren wir jetzt zu den 168 . was ganz einfach war. Dann fingen wir an zu spielen. wie ihm geheißen. bekamen wir die Erlaubnis. Dann stellte ich die beiden Verstärker an. ob man einen Stromschlag an den Fingern kriegen könnte. Nachdem Greger unser Interesse bemerkt hatte. »Hände ausstrecken!«. Er zog ein klagendes Gitarrensolo mit dem Daumennagel als Plektrum hoch. Greger streckte seine eigenen auch vor und betrachtete seine Finger. Niila zupfte mit großen Augen auf der elektrischen Gitarre. Als es schließlich zur Pause klingelte. und es klang einfach teuflisch. »So werde ich nie spielen können«. befahl er. als sänge er wie ein Schwarzer. Ich selbst schnappte mir den elektrischen Bass. »Und wie viele hast du?« »Zehn. ein wunderbares Gefühl. da die Saiten ja einzeln isoliert seien. verwundert darüber. Und Niila zählte. erklärte Niila mit finsterer Miene. da er ja aus Schonen kam. Ich erklärte.« Nun ja. während der Pausen zu üben. wie leicht es war. Es war ein kribbliges. Die Klasse sperrte Mund und Ohren auf. Niila fragte unruhig. blieben Niila und ich noch im Raum. dass es bestimmt keine Gefahr in dieser Richtung gebe. Greger legte die Gitarre hin. Aber von diesem Augenblick an wurde das Spiel irgendwie wirklicher. Sechs Finger. die Saiten runterzudrücken. Er fühlte sich ungewohnt schwer an. hing wie ein Mausergewehr am Schulterriemen. Niila tat.

Die erste Aufgabe bestand darin. als er uns beibrachte. die müssen schweigen«. Diejenigen. als wir endlich beide auf Vier anfingen. »Eins. Worauf Greger seine behinderte Hand hoch hielt und Niila aufforderte. Zum ersten Mal legten wir zur rechten Zeit los. Schließlich. wenn ich jemanden ein Lied anzählen höre. erklärte Greger. Einmal war es auch andersrum. Er zählte uns immer wieder vor. eine einigermaßen bluesartige Tonfolge zustande zu bringen. Das war ernst. Wie in der Mittagspause. die Fingerstümpfe zu zählen. vier – (jetzt!). Wir übten den ganzen Herbst über. dass ich Gregers Fingerstümpfe vor mir sehe. die selbst spielen. wissen. Möglichst gleichzeitig. er wäre noch nie eine große Leuchte in Mathe gewesen. während einer Mittagspause. zusammen anzufangen. aber ich fing immer auf Drei an und Niila auf Vier. Es dauerte lange. Die Pausen. wie es war. Blitzender Lack. Und noch heute kommt es vor. bis man es als Musik bezeichnen konnte. erklärte Greger freundlich. 169 . verchromte Drehknöpfe und Tasten.« Niila meinte. Nutzten jede freie Minute. Und endlich. was schwierig genug war. Zuerst jeder für sich. was noch viel schwieriger war. Die nächste Aufgabe war. den Takt zu halten. gelang es uns doch noch.richtigen Dingen gelangt. Auf die zweite Eins. Dabei weiterhin im Takt zu bleiben. »Vier Finger sind weg. Anschließend zusammen. den Akkord zu wechseln. »Also fängt die Musik im Daumen an!« Sonderbarerweise funktionierte das. Das war einfach großartig. dass man auf Eins anfangen sollte. die Freistunden und nach der Schule. Sein größter Verdienst war seine unglaubliche Geduld. leise surrende Lautsprechermembranen. Und wieder zurück. drei. Greger lauschte immer mal wieder und gab uns freundschaftliche Ratschläge. Die nie laut ausgesprochen wurde. zwei.

»Spielt weiter«. die Haut. Der Lärm war in der ganzen Schule zu hören gewesen. Greger sah uns verträumt an. Zum Schluss tat er etwas. Er schaute uns gar nicht an. tierisch männlich. in die Augen hängenden Pony. sagte er knapp.Greger horchte und nickte befriedigt. fast mädchenhaft. dass die Fensterscheiben zitterten. gebrochen. Dann legte er ein Solo zu unserer Tonfolge hin. das Plektrum peitschte gewaltige Tonkaskaden hervor. unfassbar. schneidend. brüllendes Gitarrensolo. das uns fast das Herz aus dem Brustkorb riss. Öffnete nur einen länglichen Kasten. als wir es gewohnt waren. Sein Gesicht mit den eisblauen Augen sah sehr finnisch aus. Das Geräusch war ganz anders. Er strich sich den Pony aus der Stirn und stellte den Strom ab. verband sie mit einem der Verstärker und drehte die Lautstärke hoch. dass es von diesem mageren Dreizehnjährigen kam. 170 . was ich noch nie zuvor gesehen hatte. Herein kam ein schüchterner Junge mit länglichem Gesicht und einem langen. den er bei sich hatte. Weich. Seine Finger flogen zwischen den Saiten hin und her. schneidende Flüstertöne. ermahnte er uns. Schulter an Schulter. Mit seinen langen Fingern zog er eine rotweiße Elektroplanke heraus. ein schreiendes Solo voller herzzerreißender Trauer. Wolfsgeheul und Flöten. dass das Aufheulen noch lauter wurde. der Körper. Wir zogen die Gardinen auf. Dann legte er ein Solo hin. Dann lachte der Bursche. alles zugleich. Die Innenseite war mit rotem Samt ausgekleidet. Wie ein verzweifelter Mensch. und sofort fing sie an von allein zu spielen. Ein knisterndes. Gut zehn Schüler drückten ihre Nasen an der Fensterscheibe platt. Es dröhnte. Er machte die Gitarre los und hielt sie an den Lautsprecher. Mit einer kleinen Schachtel mischte er die Töne auf der Gitarre. dicht gedrängt. Dann öffnete er die Saaltür. jammernd. nur das Herz. »Jimi Hendrix«. die Ohren konnten gar nicht mehr folgen.

Einige hatten ihr Vergnügen daran. Eine spärlich besuchte Schule in einem ruhigen Ort. Die Wahrheit war jedoch. Eines ihrer Opfer hieß Hans. fragte Greger. fast kotzend vor Schmerz. der sich von den anderen in irgendeiner Weise unterschied. wenn man vorbeiging.« In der Oberstufe brach das Mobbing ernsthaft aus. »Ach. Üblich waren auch Schläge auf die Oberarmmuskeln. Vielleicht war das die Pubertät. wenn man von außen kam. die allzu Intelligenten heraus. die dann noch Stunden später höllisch wehtaten. Eine schweigsame Stimmung auf den Fluren. Jungs! Übrigens.« »Was?«. in den verborgenen Ecken der Flure blaue Flecken zu stempeln. wenn jemand anders war. der gern mit Mäd171 . Die Weichteile. dass es gefährliche Schüler gab. Sie konnten direkt riechen. Nur gut ein paar hundert Schüler. aber erst jetzt entfalteten sie sich in ihrer ganzen Pracht. standen sie nur grinsend da. nichts. Wenn man sich umdrehte. Zu viel Geilheit. das ist Holgeri.»So langsam klingt das nach was. Manchmal hatten sie auch Nähnadeln in der Hand versteckt und piksten mit denen durch Kleidung und Haut. zu viel Angst. wie sie den fertig machen werden. Die Mobber nahmen Witterung auf. sie pflückten die Sonderlinge. Die Pajala Centralskola war zu dieser Zeit ein schrecklicher Ort für jemanden.« Ich drehte mich zu Niila um und murmelte mit einer schaurigen Vorahnung: »O Scheiße. sie stießen mit ihren knochenharten Knien gegen Schenkel oder Pobacken. Sie hatten bereits in der Mittelstufe angefangen zu wüten. Was man nicht glauben konnte. ein schweigsamer Junge. man konnte sie fast scheu nennen. die Künstlerischen.

ihre Arbeitsbögen auszufüllen. Er versuchte sich zwischen den Klassenkameraden zu verstecken. dass er sich nicht mehr traute. sein gesamtes Leben zu kontrollieren. trauten sich aber nicht einzugreifen. Mit Uffe. begannen sie Würgegriffe an Mikael zu üben. Mehreren von ihnen wurde selbst übel mitgespielt. man lässt los. verdammt ist der dünn! Die Lehrer ahnten wohl. Sobald sie sie sahen. dass er jemand war. es saß gelähmt vor Angst wehrlos da. als der Lehrer nicht im Raum war. am besten. Guckt mal das Zäpfchen. bis der Junge wie eine Kröte quakte. versteckten ihre Bücher. Die Schüler verhöhnten sie lachend. Bei einer Gelegenheit umkreiste ihn die Bande in der Metallwerkstatt. Auch er war schüchtern und introvertiert. uuhhhuuäähh … Versuch du es doch auch mal. Erst viele Jahre später konnte er nach Stockholm ziehen und zu seiner Homosexualität stehen. weiter unten. Sonst noch jemand? Versucht es ruhig. was für eine Angst er hat! Drück da. Ein anderes Opfer war Mikael. allein einen Flur entlangzugehen. gleich kotzt er. weigerten sie sich. wenn man erwürgt wurde? Guckt nur. er traut sich sowieso nicht zu petzen! Da ist sein Hals. Guckt mal. Sah es so aus. nicht in der Lage zurückzuschlagen. da wirkt es besser. Eine Lehrerin aus Südschweden wurde systematisch fertig gemacht und rannte immer wieder weinend aus den Unterrichtsräumen. Es gelang seinen Verfolgern. aber keiner protestierte. Er war anders. Hust. hust. wie seine Augen hervortreten! Bald wollten auch andere Jungs es versuchen.chen zusammen war. Stattdessen betrachtete man das Ganze eher neugierig. Die Klassenkameraden standen dabei und sahen zu. kamen mit sexuellen 172 . ihn so in Angst und Schrecken zu versetzen. das war zu spüren. er war in seinem innersten Inneren fest davon überzeugt. was sich da auf den Fluren abspielte. Uffe drückte ihm langsam seine Snusfinger immer fester um den Hals. sich wie eine schwache Antilope in der Mitte der Herde zu halten. dem Sadisten der Klasse an der Spitze. Sie mussten ihr Opfer nicht einmal festhalten.

das hätte er bei seinem Vater gelernt. dass sie innerlich zitterten. während wir auf den Schulbus warteten. wie schwer es jedes Mal in den ersten Wochen nach den Sommerferien war. Ganz normale Jungs und Mädchen. das waren die Stunden. Das dauerte ein paar Wochen. und er erzählte. war mir klar. was genau passiert war. wollte Holgeri mir nie erzählen. die sich zu sehr hervortaten. da sie unverheiratet war. den er immer mit der 173 . Immer mehr Schüler machten mit. dass es funktionierte. Holgeri erzählte mir.Anspielungen. dass die Luft im Klassenzimmer nicht mehr zu atmen war. dass es schlecht um ihn stand. Ich wollte wissen. Aber woran er sich am deutlichsten aus seiner Kindheit erinnerte. schwache Jungs. die sich die Mobber heraussuchten. ganz zu schweigen. Den ganzen langen Sommer über hatte er Finnisch gesprochen. Er gehörte genau zu der Spezies. und plötzlich musste sich sein Gehirn auf Schwedisch umstellen. Sie fühlten sich in der Kreisstadt Pajala nie zu Hause. ihm fielen bestimmte Worte nicht ein. Dieser war seit einigen Jahren tot. Holgeri kam aus Kihlanki. die in kleinen Grüppchen in der Flurecke standen und sich murmelnd auf Finnisch unterhielten. Einer dieser vielen schweigsamen Schüler aus der Provinz. So aufgeregt. in denen er auf dem Schoß seines Vaters saß. Meistens redeten wir über Musik. aber nicht ernsthaft wahrgenommen. aber nicht unfreundlich. Es kam schon vor. die am liebsten für sich blieben. und wir unterhielten uns immer mal wieder. Er war ausweichend. legten ihr Pornobilder in die Tasche und Ähnliches. wo er Gitarre spielen gelernt hatte. er machte Fehler. wie er sich den Speichel aus dem Schnurrbart wischte. Ich hatte ihn schon vorher in den Schulfluren gesehen. deshalb war es am besten. während dieser Liikavaaralieder spielte und mit ungenierter Stimme in dem euphorischen Stadium des Rausches sang. Sobald ich Holgeris Solo gehört hatte. als sie sahen. Klassenkameraden.

in denen er sich nunmehr herumtrieb. Mit selbst ausgedachtem Fingerspiel hatte er Soli zu den Stücken gespielt und war in seiner Fantasiewelt zu einem großen Star geworden. explodierte er in einem Solo oder verwandelte es zu Schlingen in Paralleltonarten. Es war unmöglich. was sie noch hatte. was die anderen taten. etwas ganz einfach zu machen. dafür aber anscheinend taub für das. Er schien die Musik sozusagen zu klöppeln. obwohl sie kaum genug für Schuhe und Kleider hatte. stiegen am Herd hoch. Was einige Probleme in der Band brachte. ihn zu fassen zu kriegen. und der Sohn war alles. hatte aber immer noch große Probleme beim Akkordwechsel.Nagelschere stutzte. Wollte man einen Ton von ihm. Genau wie ich hatte er viel Zeit vor dem Radio verbracht. Die Mutter wurde aufgrund ihrer Nerven frühzeitig pensioniert. die Stimme seines Vaters zu hören. wurde es zu einem Riff. dem Genie. denen es schwer fällt. Holgeri war rein technisch viel geschickter. aber gleichzeitig sah er ein. Sie flatterten über die Stühle und Flickenteppiche. bekam er sie. war man auf einen Akkord vorbereitet. Seine Einsätze kamen zu früh oder zu spät und passten selten zu dem Stück. Und als Holgeri sich eine Elektrogitarre mit Verstärker wünschte. Holgeri war eine dieser Personen. hing die Gitarre da. dass wir ihn nicht entbehren konnten. Niila verabscheute Holgeri zunächst. aber er hörte gar nicht zu oder lächelte nur verträumt. in erster Linie natürlich aus Neid. auf dem die Kartoffeln 174 . Niila mühte sich mit seiner Begleitgitarre ab. Und als der Vater starb. vorsichtig an den Saiten gezupft und gemeint. Holgeri hatte sie heruntergenommen. gefiel einem der Riff. Mit seinen Teenagerfingern strich er die Akkorde wie große Schmetterlinge hervor. kam ein Akkord heraus. Manchmal setzte sich Holgeri abends auf seine Bettcouch daheim in Kihlanki und holte die Gitarre des toten Vaters hervor. irgendwo aus den tiefen Wäldern. und dann dem Sohn einen Taler schenkte. Ich versuchte ihm das auf freundliche Art zu sagen. vor dem das Publikum verstummte.

Eine Körperwärme. dem Kleiderschrank mit den schiefen Türen und dann wieder zurück in die Gitarre. die Zeitungsseiten mit der Königsfamilie und dem Fanbild von Honken Holmqvist. die Birken und die kuhwarme Abendsonne. den gewebten Wandteppich.kochten. dann weiter zu den Topfpflanzen. machten einen Sturzflug hinab zum Nachttopf und dem Besen. den Begonien und Sansiveria. schnupperten über den Brotteller und die Töpfe. strichen an Schultasche und Gummistiefeln vorbei. 175 . War nur körperlich da. die Pendeluhr. dem Furnierradio. weder lobte sie ihn. kletterten an der Fensterscheibe hinauf. warfen einen kurzen Blick auf die Schnittwiese. in den dunklen Klangraum. drehten eine Runde um ihr klirrendes Musterstricken und das Wollgarn. schlugen eine Kurve über den Wandkalender. wieder hinauf zur Mutter in ihrem Schaukelstuhl. noch störte sie ihn. Die Mutter sagte nie etwas dazu. die hinauswollten. in dem sich andere Schmetterlinge drängten. vorbei an der mechanischen Nähmaschine.

Trotz Laestadius’ Ermahnungen. Es war zu dieser Zeit. dass die Kaunisvaarajungs das Gerücht verbreiteten. riefen sie eine Gemeindemeisterschaft im Saufen aus. als auch Dinge organisieren zu können. Der Beweis war unerschütterlich: Im vergangenen Jahr hatten sie Reisen nach Gällivare und nach Kiruna gemacht und dort ganze Kompanien von Grubenarbeitersöhnen aus alkoholgetränkten Streckenarbeiterfamilien unter den Tisch getrunken. der sich über Finnland bis tief nach Russland hinein erstreckt. Falls jemand es bezweifele – sie könnten es mit jedem aufnehmen. sie würden am meisten Schnaps in ganz Norrbotten vertragen. Das Tornedal gehört zu dem Wodkagürtel. Es gab viele erlöste Anfängeralkoholisten. Nach reiflicher Überlegung griffen zwei Paskajänkkäbrüder ein. Den Kaunisjungs schwollen darauf die Kämme. und wenn einer es mal versucht hatte. besoffen zu werden. sowohl etwas von der Sache zu verstehen. dann war die Sache ja wohl klar. trotz der Warnungen der Ärzteschaft und trotz vieler abschreckender Beispiele in der Familie und unter Bekannten begannen mehrere meiner Schulkameraden am Wochenende zu saufen. 176 . wollten alle anderen ihm nacheifern. die während der Schulpausen das Evangelium des Fünfundsiebzigprozentigen predigten. Da sie davon überzeugt waren.KAPITEL 14 – über ein schauerliches Zusammentreffen in der Kläranlage von Pajala und wie wir überraschenderweise zu einem weiteren Bandmitglied kamen. und in der Oberstufe zählte es zu den interessantesten Freizeitbeschäftigungen. und wenn nicht einmal die dagegen ankamen.

Und dann endlich war an einem Freitagabend Anfang Oktober die Zeit für das Finale gekommen. Sie lag zu der Zeit unten am Flussufer. Wir schleppten Kanister und füllten Wasser hinein. aber der Fuselgehalt hatte die Nackenhaare zum Sträuben gebracht. nicht weit von der Kirche entfernt. Pokerrunden und nicht zuletzt via Sportvereinen wurde die Staffel weitergetragen. umgeben von einem leichten. Drei aus dem Viertel hatten zwar schon mal HiLaGu-Schnaps hergestellt. Durch eine Dachluke hatten sie sich auf den Dachboden geschlichen und eine ruhige Ecke gefunden. aber deutlichen Scheißegeruch. getauft nach den Vornamen der Beteiligten mit selbstverfertigten Etiketten und allem. Das Ganze musste ein paar Wochen gären. Die Regeln waren ganz einfach. half ich bei den Vorbereitungen mit. die heimlich in der Fachschule 177 . dass Niila und ich den Wettkampf bezeugen durften. man durfte höchstens in die Neunte gehen. während das Rezept selbst von den versierteren Personen zusammengestellt wurde. Da ich die Paskajänkkäbrüder kannte. Über Schulfreunde. um das angemessene Aroma und die richtige Stärke zu bekommen. Gerade aus diesem Grund war dieser Ort zum zentralen Punkt für die Maischeproduktion der Jungs des Viertels geworden. Destillieren war nichts für die Paskajänkkäjungs. in der die Kanister in aller Ruhe gluckern konnten. Der Wettkampf sollte in Pajalas alter Kläranlage stattfinden. Cousins.Das Gerücht verbreitete sich in den Jungsbanden der Gemeinde. gegen das Versprechen. in einem roten Klinkergebäude. während der Hefegeruch von den Kloakenodeurs überdeckt wurde. es war eine Jugendmeisterschaft. Da jeder Ort nur einen Teilnehmer stellen durfte. Der eher technisch interessierte ältere Bruder hatte auch schon mal einen Versuch mit einer Anordnung gemacht. wurden zunächst eisenharte lokale Wettkämpfe ausgetragen. Backhefe und Zucker. und in einigen Gefäßen außerdem Kartoffeln und Rosinen.

Man wartete bis zum Abend. Der Muodoslompolovertreter hatte eine braungelockte Schafsfrisur und spuckte vor lauter Nervosität die ganze Zeit aus. eine unnötige. Brotlaib. Im Krankenhaus erklärte er die umfassenden Brandwunden damit. lächerliche Prozedur. Die Brüder waren sich nach diesem Unfall einig gewesen. Der Korpilombolojunge hatte Pickel auf der Stirn und sah mit seinem in die Augen hängenden schwarzen Pony sehr melancholisch aus. dass der Kartoffeltopf vom Herd gefallen sei und der Hefegeruch in seiner Kleidung komme vom Nudelwasser seiner Mutter. Außerdem nahmen noch ein paar Jungs aus den umliegenden Dörfern teil. Misstrauisch beäugten sie einander. Der Junge aus Lainio war blass 178 . leicht schielendem Blick. und das war die Grundbedingung für die Teilnahme. aber aufgrund einiger undichter Verbindungen hatten sich die Ethandämpfe entzündet. Als Erinnerung daran wurde er danach nur Leipä. wie es Leute aus diesem Teil der Gemeinde oft taten. um die Haut abzukühlen. nachdem die nichts Böses ahnenden Kläranlagenarbeiter nach Hause gegangen waren. das er über sich gekippt habe. und der ganze Kram war explodiert. schmutzigen Vorratsraum im oberen Stock. dass das Destillieren albern sei. Im Schatten der Abenddunkelheit kletterten ungefähr zehn Jungs durch die Dachluke und versammelten sich in dem nach Scheiße riechenden. Der Junosuandojunge kicherte die ganze Zeit mit vorstehender Unterlippe. Pajalas Abgesandter war also Leipä mit niedrigem Haaransatz und eisblauem. Alle Teilnehmer ließen sich im Kreis auf dem Boden nieder. Der Tärendökerl hatte ein Grübchen im Kinn und eine tropfende Kartoffelnase. Ein richtiger Mann konnte ja wohl Maische ab. die den Geschmack verschlechterte und die wertvollen BVitamine zerstörte. Er hatte sie auf eine Kochplatte in der Garage gestellt. genannt und hatte einen roten. rauen und haarlosen Unterarm.zusammengeschweißt worden war.

vorgebeugter Dickkopf. Außerdem waren noch eine Hand voll Beobachter dabei. Leipäs kleiner Bruder. als wäre sie von Kriebelmücken bedeckt. Erkki sollte als Repräsentant der Waldsamen von Sattajärvi teilnehmen. der Jüngling. dass alles mit rechten Dingen zuging. während Niila die Becher reichte. bekannt für seine dummdreiste Schlagtechnik. Kaunisvaaras Auserwählter. ein schmallippiger. Der Torinenjunge hatte riesige Waldarbeiterhände an seinen unproportional zarten Pubertätsunterarmen und eine so grobporige Nase. so was 179 . als Nachzügler beim Wettkampf teilnehmen zu dürfen. und zählte seine Ahnen einen nach dem anderen auf. die überprüfen wollten. Sofort begannen wir mit der Verteilung des Getränks. wurde eine Pause fürs Rülpsen und Nachschieben von Snus angeordnet. seine Waldsamenwurzeln zu betonen. Er war ziemlich klein. dass er beantragte. und seine Aufgaben als Wettkampfaufsicht sollten von mir und Niila übernommen werden. er hieß Erkki und ging in die Achte. um dann in einem eher provozierenden Tonfall zu fordern. dass Leipä seine Abstammung bezeugen sollte. dass sie aussah. war einer der besten Skilangläufer der Gegend. Becher Nummer drei. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss. da Pajalas Teilnehmerquote bereits erfüllt war. der sich schon als Vierzehnjähriger einen elften Platz im Malmlauf erstritten hatte und ein Lungenvolumen besaß. das einem aufgepumpten Traktorreifen entsprach. Ein eifriges Schlürfen und Schlucken. großen Tieraugen. Alle lehnten das ab. Alle schielten ihre Nachbarn an und murmelten. Als auch der geleert war. aber mit kräftigem Körperbau. öffnete feierlich den ersten Kanister. eine dünnere Pissmaische müsste man lange suchen. Die nächste Runde folgte sogleich. der mit seiner Favoritenstellung prahlte. Alle tranken unter kompaktem Schweigen zügig aus. Ich schenkte aus dem Kanister ein. Beim Anblick der schäumenden Flüssigkeit wurde er so scharf drauf. Erkki fing daraufhin an.und sah christlich aus mit scheuen.

der nur gnadenhalber dabei sein durfte. Die Stimmung wurde immer besser. seit wann die Laestadianer denn solchen Hobbys frönten. so weit er gehört hatte. dass. Der aus Junosuando bekam eine scharfe Falte zwischen den Augen und redete von der großen Nazidichte in den 30er-Jahren in gewissen nahe gelegenen Orten. doch die Schnauze zu halten und die Wettkampfkonzentration nicht weiter zu stören. Der Korpilombolojunge strahlte plötzlich wie ein Honigkuchenpferd und erzählte schweinische Witze von Schulreferendaren. Am glücklichsten war wohl Erkki. Ich selbst nahm einen Schluck und bekam eine rohe Kartoffel in den Hals. das 180 . bis der Junge aus Tärendö endlich den Wink verstand und aggressiv die Dorftrottelstatistik von Junosuando hervorhob. Es schmeckte nach Hefeteig und war höllisch stark. er fing an. Lainio schüttelte plötzlich seine Schüchternheit und Frömmigkeit ab und schlug eine Partie Ein-Kronen-Poker vor.tränken die Babys in ihrer Heimatstadt schon in der Nuckelflasche. Kaunisvaara wollte spöttisch wissen. Leipä bat wiederum alle. Im Namen der Gerechtigkeit versuchte ich die Becher so gleich wie möglich zu füllen. also zog ich den nächsten Kanister heran und öffnete ihn. Plötzlich brach ein eifriges Brabbeln auf Tornedalfinnisch aus. Jetzt fingen die Leute ungeduldig an. die Gegend von Muodoslompolo eher für seine blutigen Familienfehden und seine bis zur Vollendung entwickelte Inzucht bekannt sei. Jahrhunderts an. Torinen erklärte. ob auch alle austranken. Die Schlachtenbummler und die Beobachter bettelten um eine Geschmacksprobe und bekamen sie. allen persönlich mit Handschlag zu danken. mich an meine Aufgabe hier in diesem Jammertal zu erinnern. Muodoslompolo setzte eine geheimnisvolle Miene auf und deutete etwas von einer Abstammung von inkognito reisenden französischen Sprachvirtuosen des 18. Wie immer brachte der Rausch die überraschendsten Persönlichkeitsveränderungen mit sich. bis Leipä ihn bat. während Niila kontrollierte.

Die Augenlider hingen jetzt auf halbmast. Der einzige noch Frohgesinnte war Korpilombolo. ob wir nicht ein vorurteilsfreies Mädchen in Pajala kannten. Kaunisvaara schnaufte voller Verachtung über diese Anfängermanieren. Gleichzeitig wurden die Argumente unbekümmerter und die Aussprache ungenauer. Torinen verließ sich in aller Ruhe auf seine Erbanlagen und begann alle Alkoholiker seiner Familie aufzu181 .Maul zu halten. sodass er eigentlich noch gar nicht die Übung hatte. dass er so lange mithalten konnte. mit schaukelndem Kopf. Doch nach dem Pinkeln wurden alle von einem quälenden Flüssigkeitsmangel überwältigt. Die Maischefurze erfüllten den Raum mit ihrem sauren Sumpfgas. etwas zu sein. dem Niila und ich sofort abhelfen mussten. unverheirateten Mathematiklehrerin und wünschte ihm verschmitzt viel Glück. woraufhin alle ihre Kommentare zu Pajalan piksipokat abgaben und über so ein modernes Gefasel wie Gemeindezusammenlegungen. aber vorher musste man noch pissen und wütend werden. Er entschuldigte sich vielmals. Ein paar weitere Runden folgten. Lainio schien selbst überrascht zu sein. im Sitzen. Die Zunge wurde immer größer im Mund. bis auch er einschlief. Nach zwei weiteren Bechern wurde die Stimmung noch gereizter. der plötzlich aufstand. Lautstark forderte er. was besagte Zentralsnobs aus Pajala in den Glauben versetzte. Muodoslompolo musste laut über den Anblick lachen. bis er sich einen leeren Maischekanister schnappte und hineinkotzte. fielen einander anschließend in die Arme und schliefen übereinander liegend ein. Junosuando und Tärendö wechselten ein paar ungenaue Faustschläge. sich zu prügeln. weil er so eine unbändige Lust aufs Bumsen habe. Die Übrigen hatten beschlossen. Erkki beschrieb ihm genau den Weg zu einer pensionierten. und wollte gern wissen. der Wettkampf solle fortfahren. aber er müsse einfach abbrechen. da doch seine gesamte Familie tiefgläubig war und er selbst erst vor kurzem zu saufen angefangen hatte.

stieg die Stimmung deutlich. dass ein kommunistisches Saufgelage sowohl größere Aufsässigkeit als auch schärfere Argumente besaß und dass man sich nirgends so phantastisch und fröhlich besaufen konnte wie bei den Festen der Roten Jugend. wie unerwartet viel Spaß es machte. Anschließend. Sie waren schweigsam. Die Schlachtenbummler merkten. wenn er ihm nicht direkt vor das eine Auge gehalten wurde. aber jetzt brüllten sie. wenn sie nüchtern waren. Lainio wünschte allen Kommunisten dagegen. dass der Augenblick der Entscheidung nahte. weil es ihm schmeckte. Einer der Pajalafans war aus Naurisaho und einer aus Paskajänkkä. sie sollten in Sibiriens schönen Winter heimkehren. Während Leipä und Kaunisvaara noch einen Becher hoben. sondern immer noch in erster Linie mittrank. wenn er das gewusst hätte. und dass er schon viel früher damit angefangen hätte. und nachdem diese beiden erklärt hatten. und dass Marx garantiert mitgemacht hätte. lehnte er friedlich seinen Kopf an die Wand und schlief ohne Abendgebet ein. sie seien Sozialdemokraten. der nicht unter dem Wettkampfdruck stand. zu sündigen. Lainio tat es ihnen gleich.zählen. Drei stammten aus Kaunisvaara. und fingen deshalb mit ihren Schlachtrufen an. bevor er seitwärts umfiel und so liegen blieb. dass Lenin und Stalin miteinander Geschlechtsverkehr getrieben hätten. Nachkommen der streikenden Arbeiter und Stalinisten. Dann betonte er noch einmal überrascht. Aber er nutzte seine verbale Oberhand und begann Pajalas Streiklieder zu singen – fast ohne zu nuscheln. 182 . und er behauptete außerdem. Leipä hatte inzwischen teilweise seine Sprache verloren und konnte nur noch Vokale ausstoßen. er kam auf ein paar Dutzend. genau wie Erkki. wenn er noch nicht begraben gewesen wäre. zufrieden mit dem Abend. Niila schleppte noch einen Kanister herbei. Kaunisvaara dagegen hatte Probleme mit dem Sehen und verpasste den Becher. Leipä und Kaunisvaara beäugten sich wie zwei windelweich geprügelte Boxer und tranken gleichzeitig aus.

und dass die lokale Arbeitergewalt heute genauso motiviert sei wie früher. Die Schmerzgrenze war überschritten. Leipä war gezwungen. Er konnte den Becher noch anheben. Die Sozialfaschisten sollten nach ein paar revolutionären Hammerschlägen nur noch Blut pissen. dass er sich schon lange zum Kommunismus hingezogen fühle. um nicht umzufallen. Leipä dagegen antwortete nicht mehr auf Ansprache. was die Revolutionäre denn in der Lokalgeschichte anderes ausgerichtet hätten. wenn sie zu Saft und Torte einluden. Einer seiner Kumpel hielt ihm den Becher an die Lippen und kippte den Inhalt ins Dunkle. weil sein Arm ihm nicht mehr gehorche. aber auch viel Vergnügen bei den Jungen Falken gehabt habe. Kaunisvaaras Arm donnerte schwer nach unten. sich an die Wand zu lehnen. das Gift verspritzte jetzt nur noch Tod und Lähmung. da jetzt auch sein Gehör ausgesetzt hatte. als einen Bus in der Gegend von Kengis zertrümmert und mit den Revolvern in abseits gelegenen Waldhütten herumgewirbelt zu haben. Die Pajalajungs wollten darauf höhnisch wissen. doch die Zeichensprache verstand er immer noch. die Sache wäre entschieden. Beide waren verstummt. dann im Klartext und schließlich mit Drohgebärden und starrem Blick. Die Kaunisvaarabande schrie darauf. dass so nur Zungen plapperten. dass ihm jemand helfen müsse. während ich alle Becher füllte.drohten die Jungs aus Kaunisvaara in der üblichen Reihenfolge mit Prügeln. um ihn auf ihre Seite zu ziehen. aber nuschelnd. besonders. das Auge fiel zu. Worauf beide Gruppen sofort versuchten. ihn zu krallen. zuerst in schönen tornedalfinnischen Gleichnissen. sagte er klar und deutlich. Im letzten Moment stellte sich Erkki zwischen die beiden Gruppen und erklärte gewitzt. aber die Schluckbe183 . Alle verstummten. Kaunisvaara sah inzwischen auch mit dem einen Auge alles doppelt und musste außerdem noch das Augenlid mit dem Zeigefinger offen halten. und dass er sich deshalb immer noch nicht so recht für eine politische Richtung entscheiden könne. die sich ins Arschloch der Obrigkeit geschlängelt hätten. Aber gerade als alle glaubten.

Genau wie bei seinem Bruder schlug sich der Suff vor allem auf die Sprache nieder. Ich schlug vor. Leipä rutschte in eine unbequeme Haltung zusammen und der Kaunisvaarajunge sabberte mit ausgestreckter Zunge. ganz im Gegenteil brannten sie immer noch vor Wettkampfeifer. Ich stellte. Ich verteilte neue Becher. inzwischen ernsthaft beunruhigt. war auch das letzte Lebenszeichen erloschen. Er trank aus und behauptete daraufhin in einem Finnisch mit vielen fremden Lauten. dass die Pupillen überhaupt nicht nach oben verdreht waren. dass die Gemeindemeisterschaft im Saufen von den Waldsamen aus Sattajärvi errungen worden sei. damit es von allein die Kehle hinuntergluckerte. was er wollte. Sie wurden in gleicher Weise geleert. Die Schlachtenbummler aus Kaunisvaara und aus Pajala starrten mich an. wobei entdeckt wurde. und die Teilnehmer absolvierten eine weitere Runde. 184 . Worauf die Kaunisvaarafans sich lauthals empörten. dass beide bewusstlos waren und dass der Sieg geteilt werden müsse. Als auch dieser Becher geleert war. und war deshalb gezwungen. dass sie beide einen nassen Hintern hatten. Zupackende Wiederbelebungsversuche wurden auf beiden Seiten unternommen. Die Kaunisschlachtenbummler zogen die Augenlider ihres Helden hoch und zeigten mir. Dieser nickte und erklärte. dass so eine Feigheit nicht tragbar sei und dass kein Pajalaintrigant ihnen ihre selbstverständliche Meisterschaft rauben könnte. Ich wiederum starrte Niila an. fest. Erkki hatte einen Becher mehr als alle anderen getrunken. und bediente ihn. Auf meinen Rat hin wurden beide in die stabile Seitenlage gedreht. ob er weitermachen wolle. und gebeten. dass dies stimme. in diesem Fall den Mund zu öffnen. Erkki kicherte und erklärte breiig.wegungen nicht mehr ausführen. nur langsam nachzugießen. aber ich konnte trotzdem verstehen. Er riss den Mund auf. Erkki bat heftig nuschelnd um Nachschlag. Leipä wurde die Frage ins Ohr geschrien. den Sieg zu teilen.

dass Erkki als Jugendmeister hiermit den Überraschungspreis entgegennehmen könne. darüber musste noch nachgedacht werden. nachdem ich ihm in die Seite geknufft hatte. sagte aber nichts. Die Kaunisvaarafans saßen niedergeschlagen da. dass der Strahl an mehreren Stellen abbrach. schien aber von seinem starken Skiläuferherz Hilfe zu bekommen. dass der Maischedurchfall bereits eingesetzt hatte. hatte 185 .dass er noch nie in seinem ganzen Leben so blau gewesen sei. dass er ein Schlagzeug höchstens mal auf einem Foto gesehen habe. Die Pajalajungs stellten fest. nämlich einen Platz als Drummer in der viel versprechendsten jungen Rockband des Ortes. dass Leipä gekotzt hatte. Vor dem Klärwerk stellte Erkki sich hin und malte die Herbstnacht mit dampfendem Pinselstrich. Ich beruhigte ihn und versicherte. wenn er seinen Pimmel steuern könne. Ich gratulierte ihm herzlich und hatte plötzlich eine Idee. Die anderen schnarchten wie die Schweine mit offenen oder geschlossenen Augen. Erkki fing an zu lachen. und sprachen über die letzten Herbstselbstmorde. Erkki erklärte. dass er ja wohl einen Trommelschläger in der Hand halten könne. Ich erklärte feierlich. an dem unsere Rockband gegründet wurde. fingen an. ihren Kummer im Schnaps zu ertränken. damit er nicht erstickte. und damit war die Sache klar. glücklicherweise nichts vom nächsten Tag ahnend. Der gefallene Kaunisvaara sah beunruhigend blass aus. Ein süßsaurer Geruch verriet. Niila öffnete den Mund. Es wurde aus mehreren Anlässen ein äußerst erinnerungswürdiger Tag. und säuberten ihm den Mund. Und ob nun Sozi oder Kommunist. aber jetzt müsse er erst einmal pissen. Niila und ich halfen Erkki durch die Dachluke hinaus. Am folgenden Montag in der Mittagspause war dann der genaue Zeitpunkt. Obwohl zwei Tage seit dem Wettkampf vergangen waren.

Was aber nichts gegen seinen Bruder Leipä war. dass sein Kater besser geworden sei. Verwundert brachte er alles wieder in Ordnung und machte einen zweiten Versuch mit dem gleichen zerstörerischen Resultat. Schaute eine Weile starr in die Luft. er streckte die Zunge raus und machte sonderbare Mundbewegungen. mehrere Lasten abwechselnd auf dem linken und rechten Arm schleppend. Aber schließlich ließ er sich doch widerstrebend hinter dem Schlagzeug der Schule nieder. Wenn er nur noch eine Weile weiterspielen konnte. Das waren doppelt so viele. Sehr merkwürdig. die Becken und der ganze Mist. der zwischen den Brechreizanfällen immer wieder Abstinenzversprechen abgab und sie tatsächlich mehrere Wochen lang hielt. die er mit Steinen als Gewicht im Schaft beschwert hatte. Der Kaunisvaarajunge bekämpfte seine Übelkeit mit einem eisernen Trainingsprogramm. Sie wurden wie von einem Tornado gefällt. Über die Tonart sagten wir lieber nichts. Und jetzt verschwanden die Kopfschmerzen fast völlig.Erkki immer noch einen Kater. packte die Schläger wie Äxte und begann dann grobschlächtig unter den Pauken abzuholzen. außerdem fuhr er mit abmontiertem Sattel auf dem Fahrrad nach Pajala. irgendwie waren wir nicht auf derselben Wellenlänge. würden sicher auch das Zittern und Schwitzen sich legen. bei dem er in den Gummistiefeln seines Vaters. Erkki wollte zunächst einen Rückzieher machen. Ich versuchte mit dem Bass einen Puls unter seinen unergründlichen Rhythmus zu legen. dass das Trommelspiel mit zwei Schlägern vonstatten ging. wie er erwartet hatte. als ihm klar wurde. Erkki schien uns andere gar nicht zu bemerken. über die großen Moore lief. Niila und Holgeri verklebten das Luftloch mit den Gitarren. um seine Lunge zu stärken. das Stativ. seine Augen schielten. damit er sich nicht unnötig ausruhen konnte. Und behauptete dann felsenfest. Erkki blieb sitzen. wobei er nur jedes zweite Mal atmete. Schon von Anfang an hatte er also das 186 .

Er konnte sie aber nicht mit den behaupteten Freuden des Geschlechtsverkehrs vergleichen. obwohl sie ansonsten ganz normal aussehen. aber vermutlich waren diese sowieso unbedeutend. bevor ich etwas sagen konnte. die Stativschrauben lockerten sich. Kurz danach hörte ich draußen ein höhnisches Lachen. Ich konnte behaupten. dass die Teile auseinander fielen. Er schüttelte den Kopf. So einen arhythmischen und überwältigenden Lärm hatten selbst wir niemals auch nur annähernd zustande gebracht. Ich sah durch die Türöffnung. wie Erkki von Uffe und seinem Kumpel Jouko festgehalten wurde. Ich schaute Niila an. dass die Sache mit der Rockmusik das Tollste sei. Erkki erklärte. Ein paar von ihnen stürzten 187 . Holgeri hatte bereits seine Gitarre abgestöpselt und war dabei einzupacken. Mehrere seiner Bewunderer standen dabei. aber diesmal in einem gleich bleibenden Rhythmus. das so viele Drummer kriegen.idiotische Aussehen. fing dann aber doch wieder an. Tief und triumphierend. es noch einmal zu versuchen. Holzspäne splitterten von den Trommelstöcken ab. da er schon immer den Verdacht gehabt hatte. Niila machte es ihm nach. Alles andere war ein Missverständnis. was er je ausprobiert habe. und sprang mit einem »Bis bald!« durch die Saaltür hinaus. Das wäre das Beste. dass von der Fotze doch viel zu viel Aufhebens gemacht wurde. Er stand auf. Ich bat ihn. wie wir Erkki los wurden. Ohne Vorwarnung hörte Erkki plötzlich mitten in Holgeris Gitarrensolo auf und zog sich den Gürtel enger. Das Ergebnis war noch schlimmer. Ich selbst versuchte auf eine Idee zu kommen. ohne dass dieser sauer wurde. inklusive der Saufkunst und der Selbstbefleckung. die Bespannung bekam Dellen. Erkki zögerte. da diese Erfahrung noch nicht gemacht worden war. Wir kamen aus dem Takt und brachen ebenfalls ab. ein teuflischer Lärm. der Siegerpreis gelte nur einen Tag lang. Aber Erkki kam uns zuvor. wenn sie spielen.

»Die fassen uns nicht wieder an«. wie sie über den Boden krochen. Ich wurde von der Angst überwältigt. ihr blöden Kaninchen!«. erklärte er ruhig. 188 . Die Ungewissheit war immer das Schlimmste. Was zum Teufel machten sie mit Erkki? Sie hatten doch wohl keine Messer? Eine Sekunde lang wollte ich nur noch sterben. während Blut aus seiner fleischroten.sich auf Holgeri und drückten ihn mit einem Würgegriff nach unten. gespaltenen Augenbraue schoss. Die Handlanger wichen zurück. Laut und schrill. Wie viele blaue Flecken? Wie viele Schmerzen? Wie lange würde es dauern. »Na. Uffe ruderte herum und fegte sabbernd die Reste seiner Vorderzähne zusammen. die Adern zogen sich vor der Attacke zusammen. Nie zu wissen. Mein Magen verkrampfte sich. Jouko zwinkerte in einem fort. fauchten sie. weiß vor Schreck. Erkki stolperte zurück in den Saal. Dann sah ich. bis Greger kam? Draußen war ein Schrei zu hören. wie weit sie diesmal gehen würden. das Blut tropfte ihm von der Unterlippe und dem Kinn.

Auch das war eine Regel. In den letzten Jahren wollte meine Schwester allein in die Sauna. eine Tradition. die sicher bis in heidnische Zeiten zurückzuverfolgen war. Wir grillten jeder unsere Wurst und aßen sie voller Genuss. um den Talg abzureiben. worauf man in der Sauna achten musste. nicht zu pupsen. und dann wuschen wir uns mit Seife. Ein vorwitziger Kiefernspan sprühte Glutfunken auf den Boden. Nervosität. dass sie uns allein lassen wollte. da lag etwas in der Luft. Hinterher begriff ich.KAPITEL 15 – in dem sich nach dem samstäglichen Saunagang das Zungenband löst und was jeder junge Mann wissen sollte. Wir nahmen löylyä und schwitzten. es war offensichtlich. Mama beeilte sich. Und zum Schluss gab es noch einmal Dampf. Wir setzten uns in den Umkleideraum. das forderte sie. die schon seit vielen Generationen bestand. gierig 189 . und wenn sie fertig war. Im Metallofen brannte und knackte ein Feuer. als das überhaupt möglich war. und es war das Beste. war. dass der Schmutz sich löste. um es gemütlicher zu machen. Mutter und Vater hinein. und wenn man sich dann mit frischem Wasser abspülte. Aber an diesem Abend kam alles ganz anders. wenn man nicht rausgeworfen werden wollte. In unserer Familie gingen wir jeden Samstagabend in die Sauna. in dem in der Ecke die Waschmaschine stand. war man sauberer. und schrubbten alte Hautschuppen ab. sodass sich auch die letzten Seifenreste auflösten. bürsteten uns den Rücken und wurden rot wie gehäutete Hasen. es lieber nicht zu versuchen. Das Einzige. die Vater mit seiner bloßen Fußsohle austrat. seit sie einen Busen gekriegt hatte. gingen ich. dass Vater alles vorher geplant hatte.

Ganz klar. wie seine Kiefermuskeln klopften. der sich gern zwischen Vater und Sohn entwickelt. Man wird organisch. schwieg aber weiter einige Minuten. und er gern stundenlang in die Flammen schaute. wo du größer geworden bist. Die ganze Zeit hatte er noch kein Wort gesagt. »Hast dir selbst so einige Fragen gestellt … übers Leben … über die Menschen … Jetzt. Ich wusste. Man spannt seine Muskeln an. was wohl die ersten Zeichen der Pubertät waren. Vater räusperte sich. allein zu sein. Sah. Aber diesmal hatte ich so ein Gefühl. wie der Dampf das kalte Glas hinunterlief. lauscht seinem Atem. Streicht sich die runzligen Alltagsphrasen aus der Stirn. »Du bist ja nun kein kleines Kind mehr …«. Normalerweise wäre ich gegangen und hätte Vater allein gelassen. Dachte nur.nach dem Salzverlust von dem ganzen Schwitzen. um seine Zunge zu kneten. Vater trank sein Saunabier und mixte sich dann Wodka und Limonade. dafür wurde ich aber immer aufmüpfiger und hatte enorm wachsende Füße. Man wird zu zwei Männern. Ich gab keine Antwort. sollst du wissen …« 190 . registriert den Schweißgeruch des anderen. Ich schob einen neuen Holzscheit in die Flammen. Es war dieser intuitive Kontakt. wenn man nicht die ganze Zeit redet. Trank. setzte er schließlich auf Finnisch an. dass es ihm gefiel. »Du hast dich sicher schon mal gewundert … dir so einige Fragen gestellt …« Überrascht schielte ich zu ihm hinüber und sah. dass ich noch keinen Bartwuchs hatte. Räusperte sich wieder. lässt sie wieder locker und hört die leisen Geräusche der Verdauung durch Haut und Blut hindurch. mit schwermütigen Gedanken in seinem ugrischen Gehirn.

und außerdem auf den Knien um Verzeihung gebeten haben. im anderen geht es um irgendwelche Torfrechte. »Mein Vater.« Jetzt schaute er mich zum ersten Mal an. »Nun zur nächsten Sache. erklärte er kurz und knapp. von denen du nichts weißt.« Vater fasste die verwickelten Geschehnisse im Laufe der Zeit zusammen. und diese beiden Unrechtstaten sollst du mit allen Mitteln rächen. Ich nickte. Beschädigungen von Eigentum. sobald du die Gelegenheit dazu hast. mit ziemlich verschleiertem Blick.« Er zählte sie auf. Drohbriefe. »Sie sind in meinem Alter und haben selbst Kinder. und du musst wissen. war ein richtiger Hengst in seiner Jugend. Da gab es Klagen und Gegenklagen. Eine von ihnen ging in meine Parallelklasse und war richtig süß. Deshalb habe ich zwei Halbgeschwister«. die uns übel mitgespielt haben. Erpressungsversuche und einmal sogar einen viel versprechenden Jagdhund. genauer gesagt sind es drei Cousinen. um Inzucht zu vermeiden. Die Gehässigkeiten waren gar nicht alle 191 . In dem einen Fall geht das auf eine Meineidsache 1929 zurück. Ich dachte. Nur unter uns Männern. Es gibt zwei Familien in der Gemeinde. Hier in der Pajalagegend hast du also fünf direkte Cousins und Cousinen. Bestechung von Amtspersonen. dass jetzt Sexualkunde käme. trank wieder einen Schluck und vermied es mich anzugucken. es gab Handgemenge. »Aber das muss unter uns bleiben. der gekidnappt und wie ein Rentier im Ohr markiert worden war. Ist vertraulich. falsche Zeugnisse. also dein Großvater. Er richtete seinen Blick wieder aufs Feuer.Er machte eine Pause. wer sie sind. Kondome. und die du für alle Ewigkeit hassen musst. bis diese Teufel endlich gestanden und bezahlt haben. die ein Nachbar dem Vater deines Großvaters 1902 abgeluchst hat.

Vater erklärte. Vater mischte sich keinen Punsch mehr. bei weitem übertrieben. mit ihm zu murren. und außerdem war es unmöglich. die uns geglückt waren. Mehr als einer der Unsrigen hatte seine Gutgläubigkeit mit Stichwunden und Brüchen bitter bereuen müssen. dass sie extra so auftraten. der sich bis dahin offenbar nie um mich gekümmert hatte. da man dort auf einer Machtposition verdammt viele Teufeleien aushecken konnte. in Acht nehmen. und obwohl wir uns nach allen Kräften gerächt hatten. dass es ja so war. lagen wir immer noch reichlich im Hintertreffen. damit ich auch nichts aus reiner Dummheit vergessen oder verwechseln würde. Dann ging er zu Informationen allgemei192 . Ich merkte mir alles gut. und durch raffinierte Tricks konnte man seine Angehörigen mit reinholen. mit denen uns diese Verrückten verfolgt hatten. Deshalb sollte ich mich bei Tanzveranstaltungen und anderen öffentlichen Zusammenkünften. bis es in der Gemeinde keinen Platz mehr für diese Meineidigen und Landdiebe gab. Er nannte mir den Namen der Familien und erklärte genauestens ihre verschiedenen Zweige und Angeheirateten. zu schnauben und gemeine Pläne zu schmieden. Er trank und war eine Weile wütend und brachte mich dazu. Das Gemeine war. aber das Blut war immer noch von der gleichen giftigen Sorte wie früher. sie machten nach außen hin einen in keiner Weise bösartigen Eindruck. und Vater hörte mich noch einmal ab.aufzuzählen. eines mageren Jungen in der Neunten aus einem der Dörfer. sondern trank jetzt direkt aus der Flasche. Auch hier hörte ich den Namen eines Schulkameraden. einen dort wegzukriegen. das konnte Vater bezeugen. bis man sich in Sicherheit wiegte und ihnen den Rücken zukehrte. da sich in gewissen Fällen der Nachname geändert hatte. dass die Feindesfamilien falsche Propaganda über uns verbreiteten und die kleinen Gegenaktionen. Er schlug mir eine Karriere in der Kommunalverwaltung vor. bei denen Racheschläge in Büschen und dunklen Ecken auf eine äußerst unangenehme Art ausgeteilt werden konnten.

wie sie auf eine Kristallarche warteten. Dann kam er in die Abteilung Kuriosa und holte die Geschichte der Korpelabewegung heraus. die sie nach Palästina bringen sollte. wer später um Verzeihung gebeten hatte und wer nicht. und zu bumsen essen sagten. wer vor allem in Tärendö und Anttis. warum man im Konsum einkaufte und nicht bei ICA oder warum Zöllnern. Ich erfuhr außerdem. und überhaupt so viel 193 . sich gegenseitig die Fotzen und Arschlöcher einpinselten. Dann fuhr er mit eher allgemeiner Arbeitergeschichte fort. schlimmer als in einer Waldarbeiterkoje hüpften und fluchten. um dort erschossen zu werden. Als bald ausgewachsener Arbeiter musste ich wissen. unter ihnen mehrere. Vater wollte. zählte die Namen aller darin verwickelten Familien auf und berichtete unter lautem Lachen. die sich immer noch Sozialdemokraten nannten und die ihre kommunistischen Arbeiterbrüder ins Konzentrationslager Storsien geschickt hatten. Volksschullehrern und Laestadianern immer noch mit Misstrauen begegnet wurde. bis sie im Polizeiwagen die Hosen vollschissen. und eine ganze Anzahl meiner Schulkameraden war darin verwickelt. wenn sich die Gelegenheit bot. was wir auch gewissenhaft taten. so die Frage. Das war ein Gewimmel von Familien. wer die Streikbrecher beim Streik 1931 und beim Flößerstreik bei Alanen Kihlankijoki 1933 gewesen waren. warum besonders nachtragende Sozialisten heute noch die Zeitungen Haparandabladet und Norrbottenskuriren nicht anfassten. Förstern. wer die Verräter im Zweiten Weltkrieg gewesen waren. die auseinander zu halten waren. dass wir alles noch einmal durchgingen.neren Charakters über. aber auch in Pajala selbst Nazi gewesen war. und dass die Angehörigen Letzterer gern an diese Sache erinnert werden konnten. falls Hitler in Schweden einfallen würde. mit einem Rentiergeweih auf dem Schädel miteinander spielten und einander wie die Pferde ritten und wie sie Maische tranken.

Kultur. Es gab Trinker unter uns. ich sollte lieber warten. aber es war meins. Aber Vater hatte viele Alkoholiker sagen hören. es war schön. bis ich volljährig war. 194 . Ganz Tornedal schien sich vor meinen Augen zu verändern. unsichtbaren Angelschnüren. Anziehung. Angst und Erinnerung. riesiges Spinnengewebe aus Hass. den Rest würde er mir verraten. Wurzeln. Ein kräftiges. während er für normale Personen gleichzeitig streng und schlecht schmeckte. denn das war das erste Mal. Deshalb bot er mir jetzt noch nichts an. es schmecke gut. wie es genannt wurde. bevor ich mich mit dem Alkoholgift vergnügte.Spaß hatten. dass er ja wohl seine Scherze mit mir trieb. da die Kunst des Rausches sehr verzwickt war und eine gewisse Reife erforderte. Der Ort füllte sich mit dünnen. und das war vermutlich der Grund. es erschreckte mich. das vierdimensional war und seine klebrigen Fäden sowohl nach hinten als auch nach vorn in der Zeit ausdehnte. Der Alkohol hatte ja die Eigenschaft. die sich kreuz und quer unter den Menschen ausbreiteten. wenn ich in ein sexuell reiferes Alter gekommen wäre. und das mich mit seinem Kraftfeld auch beeinflussen würde. wie man es mit den geringen Mitteln spärlich besiedelter Gebiete nur haben kann. Als Letztes behandelte Vater die Schwächen unserer eigenen Familie. hinunter zu den Toten in der Erde und hinauf zu den noch Ungeborenen im Himmel. weiß der Teufel. das hier wäre nur die bereinigte Version. Und wenn ich meinte. Aber Vater erklärte. Ich starrte ihn voller Verwunderung sprachlos an und wagte einzuwenden. Ein Netz. dass ich davon etwas hörte. ob ich es nun wollte oder nicht. und jetzt lehrte mein Vater mich zu sehen. sollte ich mich umso mehr in Acht nehmen. warum sie im Sumpf stecken blieben. dass sie den Alkoholgeschmack selbst gern mochten. Wärme und Freude im Körper zu verbreiten. Ich war ein Kind gewesen. Es war kräftig.

Holzhacken. da schlechte Laune im Rausch oft der Grund für Strafen und schlecht heilende Schnittwunden war und die Leute ins Kittchen in Haparanda brachte. Auch das war nur schwer vorauszusehen. falls es nicht wollte. beson195 . Einige hatte ich bereits kennen gelernt. da die Gedanken sich gern einfanden. Er ermahnte mich außerdem. Und wenn ich mich dann von einer unwiderstehlichen Lust zum Prügeln überwältigt fühlte. und hatte bestimmte Ursachen. wenn man sich auf dem Sofa hingelümmelt hatte oder sich auf andere Art ausruhte. Dann gab es nur noch die Möglichkeit. und Vater warnte mich. schon in jungen Jahren zu üben. mich vor anstrengenden Frauen mit Sexualangst in Acht zu nehmen. sondern lieber seinem eigenen Rezept zu folgen und eine aufgeschlossene Bauersfrau mit großem Hintern zu nehmen. Die zweite Ursache für den Wahnsinn waren zu viele Grübeleien. dass sie vererbt wurde. und es wurde angenommen. Die Krankheit brach aus. wenn man so um die achtzehn Jahre alt war. aber doch nicht unmöglich war. Unglückliche Liebe war eine. aber es war wichtig zu wissen. nie das schöne Geschlecht zu sehr zu nötigen. Als Gegenmittel konnte er harte körperliche Arbeit empfehlen. einer saß in der Psychiatrie in Gällivare und ein anderer in Piteå. Meine ersten Räusche sollte ich deshalb sicherheitshalber in aller Einsamkeit erleben. die immer nur schlimmer wurde. bevor man es selbst versucht hatte. nur das Notwendigste. Vater ermahnte mich streng. je länger man dabei blieb. Frühes Aufstehen war auch empfehlenswert. eingeschlossen in mein Zimmer. Danach fing er an. nüchtern zu Tanzveranstaltungen zu gehen. da Grübeleien eine schlechte Angewohnheit waren. die Geisteskranken der Familie aufzuzählen. Skilanglauf und Ähnliches. Schneeschippen. was unglaublich schwer. wenn sie tranken. nicht zu viel zu denken. musste ich für alle Zeiten dem Alkohol in sozialen Zusammenhängen entsagen.Außerdem wurden einige in unserer Familie gewalttätig. In Medizinersprache hieß es Schizophrenie.

weil man dann abgehärtet und solider konstruiert war und nicht so vieles andere zu tun hatte. vor dem er auf das Schärfste warnen wolle. in dem man sich verirren konnte und das die schwerwiegendsten Geisteskrankheiten verursachte. Einmal waren sie wie du und ich gewesen. in die man sich aber auf keinen Fall vertiefen durfte. Das Gefährlichste aber. Man konnte ganz einfach nicht aufhören.ders am Wochenende und bei Kater. 196 . die geradewegs in die ewige Nacht der Geisteskrankheit führte. Der Konfirmationsunterricht sollte also als eine rein theoretische Veranstaltung angesehen werden. Und plötzlich war die Unsitte geboren. der die Neugier weckte. das waren gefährliche Themen für eine junge. das war das Bücherlesen. Und zum nächsten und wieder nächsten. Das Gefährliche war die Belletristik. Gut möglich. der ganze Kompanien armer junger Seelen in den Nebel des Wahnsinns getrieben habe. wie Nachschlagewerke oder Reparaturhandbücher. Diese schlechte Angewohnheit war in der letzten Generation immer üblicher geworden. die auswendig gelernt werden mussten. Ein schöner Buchumschlag. nicht über die Religion nachzudenken. eine Anhäufung von Texten und Ritualen. aus denen man etwas lernte. verwundbare Seele. und Vater war ungemein dankbar. Das war schlimmer als Drogen. die zu viel gelesen hatten. zufrieden und im Gleichgewicht. Meist aus irgendeinem Zufall heraus. Besonders wichtig war es. Glieder einer Kette. Derartige Überlegungen konnten ruhig bis ins Alter verschoben werden. Eine Erkältung mit ein paar Tagen Bettruhe. Das erste Buch führte zum nächsten. körperlich kräftig. Das Irrenhaus war überfüllt mit Leuten. Gott und der Tod und der Sinn des Lebens. weil sonst gerade dann die schlimmsten Gedanken sich in den Vordergrund schoben. weil ich selbst bis jetzt derartige Tendenzen nicht gezeigt hatte. ein Dickicht. dass man in aller Vorsicht mit Büchern umgehen konnte. ohne Ängste. der einzige Faktor. Dann hatten sie angefangen zu lesen.

da wurden die Grübeleien geboren und ermuntert. Und ich war kein Junge mehr. dass das Essen fertig sei. Vater stolperte und schlug sich den großen Zeh. O Scheiße! Derartige Gewohnheiten schaffende. Jetzt rief Mutter die Kellertreppe hinunter. schien aber keinen Schmerz zu spüren. rationiert. Wir wickelten uns die Handtücher um und rasten hoch. und nur an Leute in reifem Alter. gefährliche Produkte dürften nur in staatlich kontrollierten Geschäften gegen Vorzeigen des Ausweises verkauft werden. 197 .

Isaks Alkoholmissbrauch geschah in immer kürzeren Abständen und erstreckte sich auf immer längere Zeiträume. Niilas Vater Isak versuchte die Pubertät seiner Söhne zu bremsen. drohte mit ihm und fürchtete ihn mehr als alles andere. reizbar und schwermütig. Er vertrieb sich die Zeit damit. Oft klagte er in Art der Diktatoren darüber. Die Kinder versuchten sich an den Gedanken zu gewöhnen. je niedergeschmetterter er war. welches sein Lieblingspsalm war. was. Wie alle Alkoholiker dachte er viel über den Tod nach. Er sehnte sich nach ihm. Regeln für das Benehmen in jeder Ecke des Hauses aufzustellen und jedes Mal. wenn er einmal nicht mehr wäre. welches Bibelwort seiner Meinung nach zu einer Todesanzeige passte. wenn er einen Sünder entdeckte. wie schwer seine Aufgaben doch seien.KAPITEL 16 – in dem ein böser Mann die Bekanntschaft mit Harschschnee macht. aber dennoch 198 . wie er annahm. wie undankbar seine Familie und welche Katastrophen auf das Haus einbrechen würden. wie das Erbe verteilt werden sollte. diesen systematisch zu strafen. Die Gedanken wurden immer stärker. indem er sie schlug. Kontrollierte den Mechanismus. hob den Lauf vors Auge und verfolgte die Spirale der Rifle bis ins Unendliche. Je größer sie wurden. Isak sah sich selbst als ungemein gerecht an. Nüchtern war er launisch. machte er gern Andeutungen dahingehend. nahm die Teile auseinander und ölte sie. schon sehr bald der Fall sein würde. Oft saß er am Küchentisch über einer ausgebreiteten Zeitung und reinigte seinen Elchstutzen. umso mehr Prügel. Wenn ein Angehöriger vorbeikam. worauf seiner Ehefrau ein kühles Getränk angeboten wird.

darauf. sprachen aber miteinander nicht darüber. die immer stärker wurden. Er richtete sich auf seine Söhne. kam er dem Leben näher. Lust auf Frauen. ob es vollbracht war. riss ihm den Mund auf und drückte ihm seine morschen Vorderzähne ein. hatten sie immer plötzlich etwas im Keller. ein Brustkorb. darauf. In den Träumen kam Johan auf ihn zu. anfangen würde zu leben und die Versuchungen der Welt genießen. obwohl er weinen musste. verschwanden seine Augen. Der Junge ging die ganze Zahnreihe durch. dass Johan bald eigene Frauen haben würde. sie verdunkelten sich zu Löchern in einem Schädel. Tief in seinem Herzen wollte Isak seine Söhne am 199 . Isak war neidisch darauf. der durch den Asphalt hindurch wuchs. Er war nicht mehr von dieser Welt. der die Hemden sprengte.war es jedes Mal gleich unheimlich. Sie war ein Keim. die trockenen Flussbetten befeuchteten sich und begannen wieder Wasser zu führen. junge. in der Garage oder auf dem Dachboden zu tun. sie aus einer nebulösen Hitze heraus schlug. den ältesten Sohn. Die Pubertät war stärker als der Tod. Wenn er trank. seine Kinder mit tränenerfüllten Augen schlug. er war schon teilweise vermodert. flach und blutig wie die nageldurchschlagene Handfläche Christi. dass er weiterschlug. Wenn er länger als üblich fort war. während er selbst von kalten Würmern gefressen würde. Am schlimmsten behandelte er Johan. die er Liebe nannte. So stark war sein Pflichtgefühl und sein Gerechtigkeitsempfinden. dass der Schnaps diesem jungen Körper nicht schadete. zur Hälfte bereits bei Gott oder beim Satan. ein Brennen im Blut. Gleichzeitig wuchs sein Neid. erwachsen zu werden. bis nur noch der Gaumen da war. je mehr sie wuchsen. dass Johan bald eigenes Geld verdienen würde. Essen und Geld bekommen. Die Gesichtsfarbe wurde frischer. Sie wollten wissen. Wenn er sie mit der flachen Hand oder seinem Gürtel prügelte. zarte Liebhaberinnen. bis sie sich in das lose Fleisch schoben. Er konnte lachen. der als Erster an der Reihe war. die ersten Gläser genießen. das den Branntwein übertraf.

die mit dem Daumen zersägt und in großen Scheiben hochgehoben werden konnte. o nein. in reichlich Prügel. die langsam in den Harschschnee einschmolzen. Isak verlor das Gleichgewicht und fiel platt auf den Rücken. Sein Gebrüll hallte in der großen Stille wider. Man konnte sehen. während die Söhne im Scooteranhänger dahinholperten und sich die windgepeitschen Wangen rieben. ein wenig aussortiertes Holz für den Hausgebrauch. aber man konnte nicht hören. Und das aber schnell. in eine langsame. Und dennoch wuchsen sie. hinausgezögerte Hinrichtung. dass man bis zu den Schenkeln einsinken konnte. so locker. Sie sollten ein paar aufgestapelte Baumstämme auf dem harten Frühlingsharschschnee zu einem Waldfahrzeug bringen. wurden sie von ihrem Vater in den Wald geschickt. als Johan sechzehn und Niila dreizehn waren. Dann zog er sich die Handschuhe aus und schlug entschlossen eine eisenharte Faust geradewegs auf Vaters rechte Augenbraue. funkelte und glänzte in den Spiegelprismen des Schnees. 200 . nur weil die Söhne trödelten. wenn sie nicht bis zur Mittagswärme fertig wären. was sie sagten. das Isak billig hatte kaufen können. dass er ihn in Prügel verwandelte.liebsten töten. würde es nicht besonders lustig für sie werden. Das Licht rieselte durch die Baumkronen hindurch. Darunter lag der Schnee wie luftiges Puder. Die Frühlingswinde hatten Bartflechten und Rindenflocken heruntergeweht. Der Nachtfrost hatte die Oberfläche zu einer festen Platte gehärtet. Isak trat gegen den eingeschneiten Holzstapel. An einem frühen Spätwintersamstag. während sie auf Vaters Rücken schielten. holte einen Spaten heraus und befahl Johan zu schaufeln. ganz und gar nicht. Er hatte einen Schneescooter geliehen und brauste schwankend durch die Wildnis zwischen Baumstümpfen und Grasbuckeln hindurch. Aber der Gedanke war so verboten. dass sie sich im Motorengeknatter etwas zumurmelten. Es wurde ein sonniger Tag. Johan nahm schweigend den Spaten und lehnte ihn fest gegen den Holzstapel.

»Schmort in der Hölle!«. Sie schlugen ihren Vater. Johan bog Vaters kleinen Finger nach hinten. nur mit den Knöcheln der Fäuste. dass der Schweiß spritzte. auf die Nase. das Jochbein. grauer und steifer. zappelnd wie ein Ertrinkender in dem kalten. Ohne Waffe. Schneeflocken schmolzen und kühlten die Totenmaske des Alten. Er ruderte mit den Armen. Schließlich rührte sich der Vater nicht mehr. »Ergibst du dich?« 201 . ein Stück Eisen unter starken Hämmern. Die Jungen standen keuchend auf und kletterten auf den Harschschnee hinauf. verteidigte sich. Isak wand sich wie ein Aal und schrie. Aber die Jungs machten weiter. trieben dem Wrack alle Lebenskraft aus. Niila warf sich wie verabredet auf Vaters Beine und begann auf das Zwerchfell zu schlagen. Er packte Niila am Hals und drückte zu. ein rot glühendes Teil. bekam Schnee in den Mund. Sie schauten auf ihn hinab wie auf ein Grab und unterhielten sich flüsternd wie zwei Priester.Johan schlug weiter. zerschlugen das alte Alkoholikergesicht. dunkler wurde. die in einem fort schlugen. immer härtere. zerbrachen ihn ein für alle Mal. »Ergibst du dich?«. kräftige Jungsfäuste. das Kinn. schrie Johan jetzt mit der Piepsstimme des Stimmbruchs. kämpfte jetzt um sein Leben. Das Blut lief zäh und rot. harte. das mit jedem Schlag schwächer brannte. Da sprangen sie wieder in die Grube. Durch das Schneeloch verschwand er nach unten. röchelte Isak und spuckte Blut aus. Der Alte blieb unten in seinem Schneeloch liegen und sah die Silhouetten seiner Söhne sich gegen den Himmel abzeichnen. weißen Schaum. Isak trat. Neue Schläge. Sein Körper wurde durch die Harschschneeschicht nach unten gedrückt. bis dieser schrie und loslassen musste. Fingen von neuem an. versank im Pulverschnee. seine Augen schwollen zu.

unbekannter Landschaft. dass die Unglückshäher hinter den Baumstämmen hervorschauten. Abends schlossen sie die Tür zu ihrem Zimmer ab. Sie bildeten Straßen in abgelegener. verzweigten und wieder aufhörten. Er schluchzte und heulte Rotz und Wasser tief in seinem Grab und konnte sich nicht mehr bewegen. aber nicht mit der Stimme. ein Wirrwarr dünner schwarzer Linien. falls er wieder eine Hand gegen ein Familienmitglied heben würde. an dem er wohnen wollte. um nicht im Schlaf überrascht zu werden. Zum Schluss suchte er sich einen Platz aus. Isak selbst schwieg. Dort wollte er in aller Einsamkeit leben. Und während der Vater jämmerlich schlürfte. und zimmerte sich aus von Hand geschlagenen Fichten ein Haus. In seinen Qualen begann er an den Wänden entlangzuwandern. Und die Söhne kletterten nach oben und machten das Kaffeefeuer fertig. Er folgte den Wasserzügen und versuchte sein Anglerglück. totschlügen. Und nachdem der Kaffee gekocht hatte und das Pulver sich gesetzt hatte und der Duft sich ausbreitete. Dort gab es 202 . sie versteckten das Endstück des Elchstutzen und achteten darauf. dass sie es vermieden. Er kam an Häusern und Höfen vorbei. Die nächsten Tage warteten sie auf die Rache. und registrierte.Und nun weinte der Vater. bestieg niedrige Berge und bewunderte die Aussicht. fütterte ihn mit Brei und Blaubeersuppe und wechselte die Verbände. ins Zimmer zu kommen. die sich wanden. in denen er im Bett liegen musste. lernte die Bevölkerung dort kennen und die Namen der Orte. Die Mutter pflegte ihren Mann in den ersten Tagen. dass sie ihn das nächste Mal. erklärte Johan ihm ruhig. schmolzen Schnee in dem rußigen Kessel. Sie schoben ein Stück Würfelzucker zwischen die zerschlagenen Lippen und reichten ihm den dampfenden Humpen. Sie fragte die Söhne mit dem Blick. Er starrte auf die Trockenrisse in der weißgestrichenen Decke. durchquerte Wälder voller Wild und Beeren. holten sie den Alten aus dem Loch und platzierten ihn auf dem Rentierfell. dass keine Messer offen herumlagen.

Die Winter waren lang. aß und wurde gegessen in einer ständigen Wellenbewegung von Hunger und Tod. er fand nichts Böses. Die Natur atmete um ihn herum. die TÜV-Leute zu beschimpfen. nachdem die Söhne das Haus verlassen hatten. Aber die Zeit heilte ihn. Nicht einmal in den ausgedehnten Morästen. Doch er hörte auf. Nur zwei Dinge waren anders als in der alten Welt. wo die Moltebeeren wie goldene Fäuste schwankten. etwas anderes wäre wohl auch nur verwunderlich gewesen. Die Natur gebar und verzehrte. Zum einen gab es hier keine Mücken. krampfhaft darum zu kämpfen. als ihm das klar wurde. Er musste nicht mehr verzweifelt sein. Bremse oder Pferdebremse. nicht eine einzige Mücke. Stattdessen widmete er sich in seinem Alter anderen Beschäftigungen: die Müllabfuhr zu ärgern. Gebietsgrenzen neu zu vermessen sowie Scha203 . Und auf diese unerwartete Weise begegnete Isak zum zweiten Mal in seinem Leben Gott. versuchte er die alte Gewohnheit wiederaufzunehmen. dass sie zurückschlug. in ihm. dort gab es Holz für das Feuer. genau wie er es gewohnt war. da er die Drohung seiner Söhne ernst nahm. indem er seine Frau schlug. vollkommen unverdorben. und die Sommer blendend hell. Er hatte endlich das Paradies gefunden. würzigen Luft durchwehen zu lassen. Stattdessen sah er jetzt überraschenderweise einen Sinn im Älterwerden. Und zum anderen gab es hier keine Sünden. die Wasseroberfläche zu erreichen. eine wunderbare Waldwelt ganz ohne Bisse und Stiche. Wie sehr er auch suchte. fand sie aber so verändert vor. Brauchte sich nur zu öffnen wie ein Hohlraum und sich von der guten. Aber es war ein unschuldiger Kampf. und er wurde wieder gemein. keine Kriebelmücke. durch ihn. Konnte aufhören. Isak war tief in seiner Seele gerührt. Jahre später.Fleisch und Fisch. Und er prügelte nicht mehr. von Selbstmord zu reden.

bekam plötzlich Luft und Raum. Johan. wo sie Zeit hatte. sie würden sie krank machen. Der Krieg war vorüber. Sie wechselte die Taktik und erklärte ihnen. ohne sie als Punchingball und Makler. und seine Angehörigen ließen sich nicht in seine Machenschaften verstricken. und sogleich versuchten sie sich dieser muffigen Luft so oft wie möglich zu entziehen. die Mädchen und der kleine Bruder. bis sie bis zur Taille reichten und man sich nur noch mit Mühe darin bewegen konnte. Tag ein. konnte nicht verstehen. Die Kinder kamen allein zurecht. die ihr ganzes Leben lang mit Abwiegelungsmanövern beschäftigt gewesen war. Isak weigerte sich. sich um sich selbst zu kümmern. Sie fühlte sich einsam und wertlos. bekam neue Konturen. aber wie sollte man nun leben? Jetzt. füllte sich das Zimmer mit jammernden. bis sie sich nicht länger dagegen wehren konnten. was da geschah. Die Landschaft veränderte sich. Endlich durften sie wachsen. sich mit den hysterischen Kleinen zu befassen. bis jeder Schritt zäh und schwer war. Tag aus. Eine Kluft ging durch die gesamte Familie. Da sie das nicht gewohnt war. wurde sie deprimiert. Sie sagte das immer wieder. und erklärte nur. Ein Faden nach dem anderen des Spinnengewebes klebte um sie herum. der nun eine Art Hausvorstand geworden war. Die jüngeren Kinder. dass die 204 . Sobald sie den Mund öffnete. müden Staubflocken. Ihre Stimme erklang überraschend und zögernd im Haus. Sie kämpften und bissen mit ihren Milchzähnen. die diese von sich rissen und lieber dem Leben die Zunge rausstreckten. Niilas Mutter. die sich übereinander legten. waren nur schwer zu bändigen.densersatzforderungen und Klagen gegenüber verschiedenen Behörden zu erheben. dass sie litt. war ihr Körper plötzlich voller Gebrechen. es sei ihre Schuld. Aber er wurde nie besonders geschickt in seiner Rechthaberei. ein eintöniges Knirschen wie von einem alten Rad. Mutter pustete ihre grauen Zwiebelhäute über die Kinder. Aber sie kamen nicht los.

Überrascht drehte sie 205 . Krankenpflege. Schließlich trat Johan vor seine Mutter. fand ihre Kraft und kam wütend auf die Beine. aber Johan hielt ihn zurück. über die Brust. so merkwürdig das auch war. um den Notarzt zu holen. sich auf dem Boden zu prügeln.« Sie gab keine Antwort. sagte er. wenn die Erbsünde durch Züchtigung nicht getilgt werde. »Jetzt suchst du dir einen Job«.Menschen halt so würden. eine kraftvolle. Die Lebensfreude sickerte durch die Risse in den Bodendielen hindurch. fiel auf die Küchenbank und atmete stoßweise röchelnd in einem Asthmaanfall. schallende Ohrfeige. Er ging zu seiner Mutter und goss ihr die Milch über den Kopf. Die Kinder hörten auf. »Jetzt suchst du dir einen Job!«. sagte er. »Schulkantine. Die Mutter wand sich im Krampf. Dann schlug sie Johan zum allerersten Mal. Niila sprang auf. alle würden sie auslachen. wiederholte er. Mutter zappelte wie ein Kleinkind. Sie spürte die Kraft in ihrer Hand pulsieren. Isak hielt im Schaukelstuhl inne. übers Kleid und die faltigen Strümpfe. Sie bekam ganz weiße Wangen und wollte wissen. Langsam holte er eine Milchpackung aus dem Kühlschrank. wo sie langsam versauerte. wuchs schnell. konnte immer noch die Bewegung des Schlags in Arm und Schulter spüren. bekam keine Luft. Sie weigerte sich. »Jetzt suchst du dir einen Job«. warum er sie in den Tod schicken wolle. Prügel und anschließend Erlösung. Alle sehnten sich nach Prügeln. sagte er zum dritten Mal. Aber kalt. bis in die großen Muskelfasern des Rückens. Fett und reichlich. so schmerzgebeugt und erschöpft sie war. Das ganze Haus schien schimmlig und rissig zu sein. Sie floss ihr übers Gesicht. wer wollte schon eine ungebildete alte Frau? »Putzen«.

206 . Die Schmerzen waren weg.ihren Körper hin und her und schaute sich errötend um.

Scheißmoor. Je älter man wurde. Als Junge in einem der kinderreichsten Viertel war man Bandenherausforderungen gewohnt. die Schneewälle als Bande. umso besser verstand man. Es konnte sich dabei um prestigevolle Rasenhockeyspiele an Winterabenden auf den Straßen der Stadt handeln. wie man so sagt. wie Naurisaho. jeder mit seinem eigenen inoffiziellen Namen. Dazu fand man sich an den hellsten Flecken unter einer Straßenlaterne ein. ein Tennisball oder ein zerfetzter Puck. Ein empfindliches Machtgleichgewicht. die Häuser um das alte Klärwerk herum liefen wegen des Geruchs unter Paskajänkkä. wie Pajala funktionierte. Da hieß es nur. sich zur Verfügung zu stellen. kein 207 .oder Rechtsschläger. jeweils abhängig vom Zeitpunkt. und mein eigenes Viertel hieß also Vittulajänkkä. Unter den Banden herrschte alles. Manchmal hieß es einfach alle gegen alle.KAPITEL 17 – in dem die Maifeuer entzündet. kein Schutz. Säbelrasseln bis hin zum offenen Krieg. Manchmal gingen zwei Viertel gemeinsam auf ein drittes los. Strandvägen oder Centrum. Eine Neubaugegend wurde passenderweise Texas getauft. Die ganze Stadt bestand aus verschiedenen Ortsteilen. Jedes Viertel hatte seine Jungsbande und seine Anführer. Links. Waffen besorgt und Prämien auf zwei junge Waldwächter ausgeschrieben werden. die man im Eisenwarengeschäft gekauft oder vom großen Bruder geliehen hatte. Fotzenmoor. Die Schneeklumpen als Torpfosten. vom freundlichen Willen zur Zusammenarbeit über Konkurrenz.

Bis zum 2:2 ging es so einigermaßen. weil jemand den Pfosten verschoben hat. die Andeutung eines Passspiels. Ellenbogenrempeln. dafür aber viel Blut. während ein einsamer Junge am anderen Tor den Puck über die Linie hin und her schiebt. Gezeter. Angespannte Diskussionen. wenn die Weihnachtsbäume hinausgeworfen wurden. Der 208 . Plötzlich war die Stadt voller kleiner Jungs mit sperrigen Kiefernstapeln auf ihren Tretschlitten. Schläger in den Sack. aber zehn. Proteste. Eine andere Bandenbeschäftigung war das Maifeuersammeln. halsbrecherische Solodurchbrüche. Gegenklagen. Es begann gleich nach Silvester. Die Milchzähne sind noch da. fünfzehn Rotzbengel mit dem unerhörten Willen zu siegen. Bein stellen. ohne jede Tarnung. Ein Schubsen in den Schnee. Und dann liegen plötzlich zehn Jungs im Schneewall und prügeln sich und schreien sich an. Einige waren Uffe Sterner oder Stisse oder Lillprosten. der für ungültig erklärt wird. erneutes Knuffen. aber öfter allgemeine Rauferei und anschließend die verbissene Suche nach dem Puck im Schnee. Dann ein hässliches Foul. Ein Mittelstürmer mit zu langem Schläger. bevor er allein die schneefunkelnde Winterstraße entlang nach Hause trottet. Unmittelbar gefolgt von einem Racherempeln. Ein Junge heult. sodass man hundert zu drei gewinnt. Strafschlag. Hätte um Haaresbreite mein Gesicht verloren. Eifriges Forechecking.Schiedsrichter. der im kanadischen Fernsehen ein Loch in eine Metallplatte geschossen hatte. der hinten rausragt. einem anderen ins Maul stößt. Ein Stoß in den Schneewall. den Mund voller Schnee. Und da sehen wir den ersten Lippenriss. Ein Torschuss. Nach einer dramatischen Abstimmung Auszeit. Oder Phil Esposito. sodass der Schaft.

Sturheit oder List eingesetzt. Plastikeimer. Das war die Belohnung. Plus die beiden Raketen. wo man so große Feuer. wenn der Himmel so dunkel wie möglich geworden war. Das war nämlich das Ziel.Wettbewerb fand in erster Linie zwischen Paskajänkkä und Strandvägen statt. Das konnte im Extremfall zu mörderischen Scheiterhaufen führen. Sie stiegen wie glühende Blumenstängel auf 209 . Es kam auch vor. ja sogar Schulbücher. Hartfaserplatten. Bauholz. Dann stand man endlich im Schnee um die brennenden Müllberge herum. den Konkurrenzhaufen ein paar Tage vor der Valborgmesse am 13. dass man von den Haufen der anderen klaute. Es kam vor. abgefeuert wurden. was brennbar war. Autoreifen. um zu berichten und zu vergleichen. Aber das war so gemein. Es kamen auch Gewalttätigkeiten vor. April in Brand steckten. Man konnte beispielsweise den Scheiterhaufen höher aussehen lassen. abgebrochene Skier. dass das Siegerfeuer keinerlei Sympathien mehr hatte. da beide Viertel am Fluss lagen. Das größte zu haben. Schuhe. wie man nur wollte. die hoffnungslos unterlegen war. Möbel. Hin und wieder wurden Spione zum Nachbarhaufen geschickt. Auf die Tannenskelette wurde eigentlich so ziemlich alles gestapelt. machen konnte. Milchkartons. die sich die Bande zusammengekratzt hatte und die am Ende. Eher wurden hier versteckte Drohungen. wenn man ihn geschickt stapelte. die wie schwankende Wolkenkratzer zusammenfallen und die nächststehenden zwanzig Zuschauer verbrennen konnten. dass einige Jungs einer Bande. Leere Kartons aus den Geschäften. warf Knallkörper und sah die Arbeit von Monaten in Rauch aufgehen. Unverständige Erwachsene brachten derartige Stapel aber meistens vor dem Entzünden zum Einsturz. aber nicht so oft wie bei den Rasenhockeyspielen.

verlegte man den Krieg lieber in die weit gestreckten Waldgebiete auf der anderen Seite des Flusses. zusammen zu sein. Wenn man etwas älter war. weil er nie die Scheibe traf. Und wenn man schließlich auf eine andere Bande traf. sich von einem Cousin ein ostdeutsches Maschinengewehr mit erschreckender Durchschlagkraft zu leihen. wurde aber sauer. gebraucht und zerkratzt. aufgeblähte Jungs mit schmutzigen Hosenknien. dass der Pony sich hob. Sie war so undicht. Mehrere Monate lang musste ich betteln. wenn man schoss. man pinkelte kreuzweise. verschwitzte. Ich hatte gerade erst in der Siebten angefangen und wurde von den älteren Schülern Kaninchen genannt. Man fühlte sich stark. Die Kimme konnte man nicht richten. also musste man etwas nach oben und nach links halten. bis mein Vater mir eine Büchse kaufte. wusste aber nicht. so gut man konnte. Vater versuchte es einmal. ob ich einen Platz bekommen würde. Ich wollte schrecklich gern mit dabei sein. Man trieb sich in Horden herum. Es konnte quer durch eine Hartfaserplatte schießen. doch eine Mordwaffe wurde es nie. während meines kaum eine Kuhle hinterließ. und gab seiner Weitsichtigkeit die Schuld. ebenso aufgeputscht und bewaffnet. lernte neue Schimpfwörter und fluchte. und mit meinem Gewehr war kein großer Staat zu machen.und breiteten sich jeweils in einer glitzernden Traube aus. und der Diabolo mochte kaum den Lauf verlassen. 210 . verbesserte sich das Ergebnis. ein Luftgewehr zu haben. konnte das Ergebnis nur eins sein: Luftgewehrkrieg. Nach der Schule übte ich auf eine Scheibe an der Garagenwand zielen. Und das war der Frühling. Aber mit Isolierband und nachdem ich die Feder nachgespannt hatte. Um die Einmischung Erwachsener zu vermeiden. Nun war er endlich gekommen. Durch die Luftgewehre wurden die Jungsbanden wilder und großkotziger. war es absolut cool. ritzte Fotzen in die Scheunenwände. ich hatte kein Moped. Es war geil. Niila dagegen gelang es.

der noch nicht hatte üben können. Ich zielte und hielt dann nach oben und links. Plötzlich war ein trockener Knall zu hören. Bald ließen wir Fluss und Stadt hinter uns. Der dritte ebenso. zitternd von den Würmern. schoss beim ersten Mal daneben. Da kam ein Junge von einem Baum heruntergeklettert und murmelte entschuldigend. ein kräftiger Junge aus Paskajänkkä mit flaumigem Schnurrbart. aber alles wirkte ruhig und still. Der General.Eines Nachmittags beschlossen wir. einige hatten Tarnkleidung und Mützen vom Zivilschutz. Bevor der Heckenschütze erneut laden konnte. dass wir verdammt noch mal Freiwillige seien. er solle nach Hause zu seiner Mama gehen. dass sein Finger gegen den Auslöser gekommen sei und die Hauptstreitkräfte weiter hinten seien. Wir kamen am Sägewerk vorbei. ohne sich von dem Hohngelächter beeindrucken zu lassen. Niila begann zu schwitzen. Wir schwangen uns auf unsere Räder und rollten über die alte Brücke. schrie ich. Feuchte Pilze breiteten ihre braunen Kappen aus. Der General wurde wütend und fauchte. Und pumpte immer weiter. Irgendwo in der Nähe fand der Krieg statt. die Front zu besuchen. an dem gut zehn Jungs Kaffee tranken und Snus reinschoben. Ein Kiefernzapfen sprang beim ersten Versuch ab. Sie spuckten braun aus und betrachteten uns kritisch. Auch der zweite Schuss war eine Niete. Pumpte. Dann schoss er direkt ins Feuer. und Niilas Schirmmütze flog vom Kopf. Pumpte. Die Jungs kicherten und meinten. Die meisten waren ein oder zwei Jahre älter als wir. Es roch nach Herbst. Der Wald war unheimlich leise. Niila. zeigte auf eine Kiefer mit Zapfen. Der vierte Schuss ging daneben. Wir folgten einem kleinen Pfad und kamen bald an ein Lagerfeuer. Das 211 . die zehn Meter entfernt stand. bogen ab auf einen holprigen Waldweg und versteckten unsere Räder in einem Weidengestrüpp. und ein Kiefernwald voller Gestrüpp begann. Niila lud schweigend nach. Ich schnappte mir ein paar überreife Blaubeeren und sog den wässrigen Saft ein. er solle zur Hölle fahren.

Anschließend lagen wir im Ufergestrüpp. Der Junge im Bug stand auf. hielten sich aber sicherheitshalber bereit. Wir Übrigen donnerten die erste Salve los. Die Außenbordmotoren wurden abgestellt. stumm und regungslos. um mit dem Fuß abzubremsen. sieben in dem anderen. Wir waren angeworben worden. in langen. schlanken. Dann den Kaffee. die Boote schlossen auf und glitten langsamer werdend ans Ufer. Ein bleischwerer Wespenschwarm verließ seinen Bau und fand brennend sein Ziel. ohne besonders viel zu treffen. Dann spritzten zwei braune Strahlen aus dem durchbohrten Kaffeekessel heraus. dass man den Text auf den Reklamemützen lesen konnte. Er lag immer noch vollkommen unbeweglich da.knallte. Sechs Jungs in dem einen. Schließlich nickte er. die sich um den Motor kümmerten. Dafür gern auf den Arsch oder die Schenkel. »Ich bringe morgen einen neuen Kessel mit«. Wir schielten zum General. erklärte Niila seelenruhig. tornedalschen Flusskähnen. Die Jungs standen mit offenen Mündern da. wichen Steinen aus. Sie kamen in zwei Booten. Sie starrten Niilas Gewehr an. was wir feuerten! Sie schossen zurück. Dann erbot sich ein Junge. Niila nach Strich und Faden zu verdreschen. nie ins Gesicht zu schießen. Sie hatten den Hinterhalt nicht entdeckt. die ganze Bande. Gingen mit dem Gas runter. bis sie endlich wieder ihre Motoren in 212 . Da brannte es am meisten und verursachte große blaue Flecken. verflucht. Der General spuckte ins Feuer. Alle waren bewaffnet und zielten auf das Waldufer. Die Opfer schrien vor Schreck und Schmerzen auf. wartete aber noch ab. Die eine Regel war. der zischend in die Glut lief. die Augen an der Kimme. Kamen immer näher. bis auf die beiden. Direkt in den Schenkelmuskel des Jungen. Da schoss der General. Der Feind war nun so nahe. da Niila schon wieder geladen hatte und von neuem pumpte.

während wir auf die Beine kamen. Stechende Schlangenbisse am ganzen Körper. fuhren weg. »Wir müssen dahin«. Sie suchten hinter der Reling Schutz. Sie gingen ein paar hundert Meter weiter stromaufwärts an Land. befahl der Längste von ihnen. warfen sich flach zu Boden. Ich löste vorsichtig seinen krampfhaften Griff um den Kolben. Niila hatte die Augen vor Angst weit aufgerissen. Da hörte ich ihn flüstern: »Schieß du …« 213 . Wir lachten nur noch lauter und zogen uns dann für weitere Attacken in den Wald zurück. zumindest anfangs. sodass wir uns im Moos kugelten. Wunderten uns. wir brüllten vor Lachen. Fühlte mich durch seine Feuerkraft ein wenig beschützt. Wir hatten schon so eine Art Strategie. Ich warf mein Gewehr ins Moos. Niila umklammerte seins. Langsam glitten die Boote davon. und dazwischen im Sumpfporstgras Deckung suchen. die Hände vor dem Mund. hörten jemanden rennen und Schüsse. was nach Meinung aller das reine Glück war. Spähten ins Walddunkel. Aber bald war es nur noch ein Schießen und Wegrennen. bevor wir dir die Eier wegschießen!«. Sein Unterkiefer mahlte. Eine Salve nach der anderen. wilde Flucht. zischte ich.Gang bekamen. Ich versuchte bei Niila zu bleiben. um die Geräusche zu dämpfen. Sie grinsten und zielten auf uns. Da klopfte Niila mir auf den Rücken. Aber er zielte wie ein halbblinder Alter und traf fast nie. Wir lagen da und keuchten nach einem Sprint. Nur wenige Schritte von uns entfernt standen vier feindliche Jungs mit erhobenem Gewehr. »Lass die Knarre los. Und wir mussten lachen. Aus der anderen Richtung Schreie. wo unsere Kumpel blieben. Mehrere hinkten.

Gefangene zu machen. dass der General mit einem Schnappmesser vor seinem Gesicht herumfummelte. Dann führten wir ihn in unser Stammlager. um zu scheißen. wenn er sich nicht freiwillig ergab. Dem Jungen musste die Kugel mit der Spitze eines Fahrtenmessers herausoperiert werden. Er brüllte wie ein Tier. dem es gelang. dass er das Arschloch des Jungen punktieren würde. war eines der größten Vergnügen in dem Krieg und gleichzeitig vielleicht auch das Schwierigste. Nach dieser Tat stieg unser Ruf beträchtlich. Ihm wurden mit seinen eigenen Schnürbändern die Hände auf den Rücken gebunden. schoss ich dem Stimmbruchstypen direkt in die Lende. Der Jubel war gewaltig. uns an einen der Strandvägenjungs heranzuschleichen. und dann wurde er an eine Kiefer gefesselt. bevor die obligatorische Folter begann. während wir im Zickzack wegliefen. dem es gelungen war. Schüsse wurden auf uns abgefeuert. wir jubelten voller Triumph und stürzten zwischen den Bäumen davon. auch mein Gewehr zu schnappen.»Leg das Gewehr auf den Boden!«. Es wurde auf Niila und mich eine Prämie ausgesetzt. bevor jemand reagieren konnte. und Niila versicherte ihm ziemlich überzeugend. Es ging um Schwänze. Ich spürte einen brennenden Schmerz im Hintern. Und dann. er hatte genügend amerikanische Krimis im Fernsehen gesehen. Bleich und zitternd zog unser Opfer seine Hosen hoch. schrie der Lange mit Stimmbruchsstimme. Sie bestand daraus. Einmal gelang es Niila und mir. als er sich gerade hingehockt hatte. Eine Stange finnische Zigaretten für denjenigen. und Ameisenhaufen. uns zu fassen. die 214 . Fiel kopfüber zu Boden. Niila. schrie auf und fasste sich an die Schulter. Der Ruf von Niilas Maschinengewehr hatte sich schnell verbreitet. Ich nickte unterwürfig. Beugte mich langsam mit Niilas Waffe in der Hand hinunter. dass die Äste uns ins Gesicht schlugen. ohne dass er sich hatte abwischen können. ihn bedrohte und erschreckte. Aber wir waren frei. die gekürzt.

Aber das schaffte er nicht. Es fing an zu wehen. was er in Groschenromanen gelesen hatte. als der Strumpf rausgezogen worden war. Sonst könnten sich die anderen mit noch schlimmeren Dingen rächen. seinen eigenen dreckigen Strumpf in den Mund gestopft. um die Gefühle zu beruhigen. hatte es geklappt. dass er auf Zehenspitzen stehen musste. fiel er zu Boden. dass ich mich 215 .gefüttert werden sollten. Wenn der Junge anfing zu heulen. Alle Bäume sahen gleich aus. und außerdem konnte der Junge wegen des Strumpfs ja nicht schreien. Unsere Bande wurde befragt. Nach einigen Telefongesprächen zählten seine Kumpel eins und eins zusammen. Weiter ging man selten. wo er denn blieb. In den folgenden Tagen wurde eine vorübergehende Waffenruhe eingehalten. Das Erste. bis ich das Gewehr wegschmiss und schrie. Dann fing es auch noch an zu regnen. und anderes. dass er sich nach einer Weile selbst befreien sollte. den Platz wiederzufinden. Dann geriet ich selbst in einen raffinierten Hinterhalt. In der zunehmenden Herbstdunkelheit war es schwer. Als man das Seil löste. was er sagte. war ein Todesurteil gegenüber einer Anzahl namentlich genannter Jungs. und ließen ihn zurück. Wir fesselten ihm seine Hände über dem Kopf und warfen das Seilende über einen dicken Ast. und die Konturen wurden unklar. Das Problem war. Einmal wurde der Anführer des Gegners gefangen genommen. Es wurde schon langsam dunkel. die Pfade verschwanden. wenn man selbst geschnappt wurde. Die Hose vollgepisst. Als es Abend wurde. Es war wohl geplant. Dann zogen wir das Seil so stramm. sie gab eine Wegbeschreibung. sich zurechtzufinden. Wie eine Antilope wurde ich von der Herde getrennt und bekam in den Hintern gefeuert. wunderte sich seine Mutter. und bald war eine Hand voll Jungs mit Taschenlampen auf dem Weg. Man fand den Anführer ein paar Stunden später. und das Rascheln und Sausen ertränkte jedes andere Geräusch.

Schritte näherten sich. grölte ich. das müsste doch wohl zu schaffen sein! In dem Moment war in der Ferne Lärm zu hören. wer von ihnen die Stange Zigaretten kriegen sollte. brannten wie Brandwunden. Dann zog er mir einen Strumpf aus und pisste auf ihn. warf mich von einer Seite zur anderen. Dunkelheit. Mein Schädel dröhnte wie eine Trommel. sie würden angegriffen. mit Tränen im Hals. und schaute voller Angst nach hinten. entdeckte ich. Ich befühlte mein Gesicht.ergebe. wie weh es auch tun mochte. Musste dem widerstehen. Verdammt. wie weh das tat! Dunkellila Flecken über den ganzen Schenkel. Grinsend warf er ein Seil über einen kräftigen Kiefernast. »Lauf!«. »Daneben. Warm und feucht. ich durfte nicht anfangen zu heulen. während die Jungs sich darum stritten. »Scheiße!«. daneben!«. Als ich danach versuchte. mir war schwindlig vor Angst. Verdammt. stieß jemand hervor. Ich hielt den Atem vor Schmerzen an und stürzte davon. bis er vollkommen durchtränkt war. Alle anderen taten es ihm gleich. Der Führer zögerte. wie sich der Kampfeslärm näherte. Ich hatte einen ganz trockenen Hals. Schmerzen. Eine der Wachen schrie. er hörte. die Augen zu öffnen. Ich rannte davon. Trotzdem weigerte ich mich zu heulen. befahl er und bedrohte mich mit dem Gewehr. Ich fiel. Der Angriff wurde abgebrochen. Die Schüsse donnerten in meinen Körper. In dem Moment schoss der Anführer. Fiel der Länge nach hin. dass ich blind war. musste hart bleiben. landete auf dem Rücken im Moos. Versuchte mich auf die Folter vorzubereiten. dass ich jetzt das Gleiche erleben sollte wie er. schrie jemand. »Holt Wasser!« 216 . Ihr Anführer drückte mich zu Boden und sagte. »Aufhören zu schießen!«. Was sie sich auch für mich ausdenken mochten.

Immer mehr versammelten sich um mich. Ich rieb stärker. wie sie vom Laufen keuchten. »Ich bin blind«. Dann das andere. Hielt mir ein Auge zu. ich wäre von dem Kieselstein eines vorbeifahrenden Lastwagens getroffen worden. »Das ist ins Auge gegangen! O Scheiße. Setzte mich auf und spürte. aber alles war nur ein Nebel. Tastete vorsichtig. Blinzelte. Es war das Blut gewesen. ich konnte sehen! Gleichzeitig fühlte ich eine Erhebung unter der Haut. Die Wunde heilte mit der Zeit. Welche Erleichterung. und zu Hause erzählte ich. den Diabolo mit einer in die Glut gehaltenen Sicherheitsnadel herauszuholen. Die Kugel hatte genau zwischen den Augen getroffen. ich hörte. das mich blind gemacht hatte. Danach hörte ich auf mit dem Luftgewehrkrieg. aber die Narbe habe ich immer noch. wie das Blut tropfte. ich versuchte mich damit abzuwischen. Voller Panik klimperte ich mit den Augenlidern. Wischte wieder ab. überall Blut!« Ein klitschnasses Stück Stoff wurde gereicht. Die Sehschärfe wurde eine Spur besser. dass das Wasser spritzte und tropfte. Niila gelang es. sagte ich und hätte am liebsten gekotzt. 217 . Ich wischte das Tuch übers Gesicht. Der Kampf wurde für den Rest des Tages abgeblasen.

KAPITEL 18 – über Musikgeklimper und andere mehr oder weniger männliche Aktivitäten. bekehren wollte. um ihnen Moral einzubimsen. ihr geistiges Niveau zu erhöhen und den Zusammenhalt in der Schule zu stärken. Der Mädchenchor der Schule hatte einen Kanon gesungen. einer Gebetsstunde geworden war. aber mit der Zeit fast zu einem seura. Aber er wäre sicher besser damit gefahren. Rute und lebenslangen Behinderungen gedroht hätte. da das die Erziehungsmethoden waren. auf Bänke gemalt oder in anderer Weise die Rechnung für die Steuerzahler der Kommune erhöht hatten. Das war vermutlich so eine Idee aus dem südlichen Schweden. während die silberhaarige Chorleiterin Birgitta Söderberg die eindeutig sexbetonten Pfiffe 218 . Flaschen zertrümmert. Das Ziel der Morgenandachten war hochtrabend: Jeden Freitag Morgen wurden die Oberstufenschüler für zwanzig Minuten zusammengetrommelt. die die meisten kannten. der alle Sünder. Unser erster öffentlicher Auftritt fand während einer Morgenandacht in der Schulaula von Pajala an einem ausgekühlten. Snus ausgespuckt. die sich via irgendwelche Schulleiterkonferenzen verbreitet hatte. Die Rolle des Predigers wurde von dem rechtschaffenen und besorgten Fachlehrer für Berufsberatung Henrik Pekkari ausgeübt oder von dem samtäugigen Rektor Sven-Erik Klippmark. graufeuchten Februartag statt. die träge Unaufmerksamkeit des Publikums scheinbar nicht bemerkend. wenn er sein Tornedalfinnisch angewandt und den kleinen Teufeln mit Prügel. die Wände bekritzelt. Der Kantor Göran Tornberg hatte tapfer eine Bachpräludie auf dem Klavier gespielt. Ab und zu hatte es auch schon mal musikalische Einlagen gegeben. ihren Spind eingetreten.

ohne ein Wort zu sagen. Die Lehrer mahnten zur Ruhe. das lautstark zerrissen wurde. Die Lehrer zeigten den aktivsten Widerständlern drohende Gesichter. Greger hob seine deformierte Faust. egal wen. elektrisches Summen hören. die zwischen den Bankreihen entlangrollte.der Jungs aus der neunten Klasse zu übersehen versuchte. Das war das Zeichen. jeden. die Morgenandacht ganz nach seinen eigenen Vorstellungen zu organisieren. je nach Veranlagung und Mut. bereit. dass sogar die Lehrer in die Lachsalven hatten einfallen müssen. konnte man ein leises. Das Plappern und Kichern ging weiter. Die Lehrer drückten sich auf strategisch günstige Plätze. es handle sich um jugendliche Verantwortung und Kreativität. und das hatte so falsch geklungen. »Tjus lätmi isamatö råckönråll mjosik!« 219 . Die Schüler bereiteten sich darauf vor. Nur wenn man direkt am Vorhang stand. Greger hatte von der Schulleitung die Erlaubnis erhalten. die gähnenden Jungs aus der Neunten setzten sich ganz nach hinten. ein Papier. Aber er überlebte und wurde später Musiklehrer. als wäre es eingeübt. eine leere Flasche. Ein Junge aus Peräjävaara hatte mit dem Überlebensinstinkt eines Selbstmörders Trompete gespielt. und verschwand dann neben der Bühne. Greger trat mit feierlicher Miene auf die Bühne und stellte sich vor den Vorhang. auszuharren oder zu stören. Die Bühne war von einem Vorhang verdeckt. Der Rest der Schüler füllte den Raum von hinten nach vorn. rülpsten laut und schossen Gummibänder ab. Hustenanfälle. Der kurzgeschorene furchtlose Geschichtslehrer Gunnar Lindfors nahm in der letzten Reihe Position und ließ seinen Röntgenblick schweifen. Der Freitag kam. wir legten los. beim Kragen zu packen. Winkte mit dem Daumen. Niemand beachtete ihn. nachdem er angedeutet hatte. Erneutes trotziges Gelächter. sonderbares.

Da stand ich. Der Vorhang war immer noch vorgezogen.Die in den ersten Reihen wurden gegen ihre Stuhllehnen geschleudert. und Holgeris Durchgang klang wie Nägel in einer Kiste. es gehe zu Ende. kam aber zwei Takte zu spät. Er wellte sich. zu behaupten. ich erfand einfach selbst was. Ohne dass wir es wussten. wäre gelogen gewesen. Der Rest starrte verständnislos auf den noch geschlossenen Vorhang. Niila griff den Akkord in der falschen Tonart. dass ich meine eigene Stimme nicht mehr hörte. da Erkki mit leerem Blick weiter wütete. Der Todesschrei der Lemminge. Greger fummelte fieberhaft im Vorhangdunkel zwischen Schnüren und Stoffbahnen. »Tjus lätmi isamatö …« Das dritte Mal das gleiche Stück. Ich versuchte die Basstöne nach der Basstrommel auszurichten. und ich beugte mich vor und grölte: 220 . Und da saßen sie alle. »Råckönråll mjosik! If jo vånå lav vitmi!« Wir legten wie die Verrückten in dem Halbdunkel da hinten los. Die Brunstlaute des Elchs. Erkki schlug so ohrenbetäubend hart zu. Niila fand endlich die richtige Tonart. ich brüllte. und es wurde blendend hell von den Scheinwerfern. hatten wir mehrere Jahre zu früh den Punk erfunden. Und erst jetzt flog der Vorhang auf. Am Standmikrophon. so musste man es wohl bezeichnen. Verdammt. Erkki gingen die Nerven durch. Das Lied näherte sich seiner Auflösung. bis der Song doppelte Geschwindigkeit drauf hatte. und ich mich erneut übers Mikrophon beugte: »Tjus lätmi isamatö råckönråll mjosik!« Noch einmal. Und ganz vorn. er begann auf alles zu schlagen. er hatte nicht gemerkt. was sich bewegte. Ich sang nicht. wölbte sich wie der Deckel eines Fasses eingelegter Heringe. aber Erkkis Spiel übertönte jetzt in einer Art Epilepsieanfall alles andere. Holgeri spielte das Solo des zweiten Stücks. die ganze verdammte Schule. dass wir das erste noch einmal spielten.

Papierkrampen auf die Glatze des Mathelehrers zu werfen. Sie applaudierten. jetzt zum vierten Mal. offenbar freiwillig. Mein Schädel fühlte sich wie eine Maracasse an. Die anschließenden Reaktionen waren unterschiedlich. bis das Gitarrenkabel nicht mehr reichte. Die ganze vollbesetzte Aula. Ich schlich mich zur Seite. und ein paar der Mädchen. beim Schlussakkord drückten wir Erkki auf seinem Stuhl nach hinten. wir standen da und verstanden nicht so recht. aber auf jeden Fall hatten wir einen nur schwer auszulöschenden Eindruck hinterlassen. Benommen schleppten wir die Geräte zurück in den Musiksaal. wie es ablief. sodass er umfiel. und die Jungs in der letzten Reihe hatten sofort aufgehört. sein Körper wäre heiß wie nach der Sauna. Sie klatschten in die Hände. Greger murmelte etwas davon. Die laestadianischen Schüler hatten sofort die Aula verlassen. erklärte aber gleichzeitig. nach unserem ersten Konzert. hatte das starke Bedürfnis zu emigrieren. wurden wir von dieser Leere gepackt. schrien nach einer Zugabe. eine Art nach innen gerichteter Trauer. Greger packte mich bei den Schultern. dass die Vorhangschnur mit selbstleuchtender Farbe markiert werden sollte. Dann sah ich es. Es war wohl kaum als Erfolg zu bezeichnen. Drehte mich um. was passiert war. Es war ganz still. Niila kam in den Rhythmus. Sagte etwas. Das Unglaubliche geschah. er hätte Gedächtnislücken. und ich und Holgeri setzten mit ein. die man nach jedem Auftritt spürt.»Tjus lätmi isamatö«. Er folgte Erkki. die schon auf Popkonzerten in Luleå gewesen waren und wussten. Langsam zog das Publikum ab. Erkki behauptete. Schon jetzt. aber ich war von Erkkis Becken schwerhörig geworden. Ein 221 . Und wie eine fauchende Lokomotive zogen wir den Song den ganzen Weg entlang über die Schienen.

da der Bruder nun schon mal auf der 222 . In Tornedal hat sich Kreativität größtenteils ums Überleben gedreht. der aus den Baumstämmen des Waldes alles von einem Buttermesser bis zu einer Standuhr herausschnitzen konnte. Ein paar Mädchen aus der Achten fingen an. bei dem wir richtig gespielt hatten. ja sogar bewundern. oder die Alte. und andere hinter Holgeri.paar unserer Kumpel lobten uns in den höchsten Tönen. den Einzigen. Greger musste dagegen von einem gehässigen Lehrerkollegium Kritik hinsichtlich seiner künstlerischen Verantwortungslosigkeit hinnehmen. nur in unterschiedlichen Stadien der Panik. dass es das Schlimmste gewesen sei. die aus einem tornedalschen Mund kommen können: »Ihr wart gar nicht so schlecht. der in dem Sarg seines Bruders den Jahreszigarettenvorrat über die Grenze hatte schmuggeln können. dass viele den zweiten Song am besten fanden. Wir kamen also im Großen und Ganzen mit dem Schrecken davon. Man konnte den flinken Tischler respektieren. Erkki hinterherzuschielen. weil er am süßesten war. oder den Waldarbeiter. da er die stärkste Bühnenausstrahlung hatte. Dagegen schien niemand den vierten Song vorzuziehen. oder den Junggesellen. ihnen zu sagen. der nach einem Motorstopp seinen Schneescooter neun Kilometer weit mit einer Mischung aus Herzmedizin und Selbstgebranntem fuhr. Etwas peinlich war auch. Wir hatten nicht den Mut. was sie seit dem Akkordeonspieler aus Sion während einer Morgenandacht gehört hatten. der dritte sei der Beste gewesen oder vielleicht auch der erste. dass es alle vier Male das gleiche Stück gewesen war.« Andere versicherten uns. Einige waren dagegen der Meinung. die dreißig Kilo Moltebeeren ohne Eimer in ihrer raffiniert geknoteten Unterhose gepflückt hatte. und dass sie uns beim nächsten Mal die Kabel durchschneiden würden.

die nur leben. die für jedes Kilo Lachs. denen der Job gekündigt wird. die den ganzen Winter über Fliegen binden. wo er wieder in lebendigen Zustand zurückversetzt und anschließend mit gutem Gewinn verkauft wurde. als Geschlechtsverkehr zu treiben. All die Kerle. krawumm und zack! Vorratshaus.finnischen Seite gestorben war. Ausweichende Kerle. Sie werden erst zu normalen Menschen. ein Fahrradschuppen und das Spielhaus für die Kleinen. Aber Letzteres hatte sich natürlich in den Vierzigern ereignet. wenn sie den Hammer in der Faust spüren. eine Hundehütte. ungeduldig. Eine genauso perverse Gruppe sind die Tornedalschen Hausbauer. rastlos. die lieber in undichten Gummistiefeln herumstehen. 223 . Motten und blinden Kriechtieren. die den Nachtschlaf stören. tausend Kronen hinlegen. als das Mittsommerfest mit ihrer Familie zu feiern. die die Taschen voll haben mit Libellen. die lieber angeln. im Handumdrehen hingestellt! Holzschuppen und Scheune. statt ihn für ein Bruchteil des Geldes im Konsum zu kaufen. Ein Beispiel für Tornedalsche Kreativität waren die Fischfanatiker. zu spinnen. dass es bei Jokkfall Wuhnen gibt. das sie fangen. die vierzehn Leinenknoten können. die Ehe zerrütten. die sich einen Scheißdreck um Hygiene scheren. Speicher. unkonzentriert im Gespräch. Verdammt. mit flackerndem Blick. als ich noch nicht geboren war. oder die Schmugglerwitwe. holla. in die Hände geklatscht und fertig! Sauna und Abtritt. die Mundwinkel voller Nägel. ihre Hütte mit Hypotheken belasten und die Kinder vernachlässigen. aber nur eine Beischlafstellung. dass die Söhne ihn in Tüten auf dem Fahrradgepäckträger durch den Zoll nach Schweden bringen konnten. die einen Motor so fein säuberlich zerteilt hatte. mit dem Blinker oder dem Senker zu angeln. um ins Eis zu bohren. wie das klappt! Und dann noch eine Garage. wenn sie nur hören. dann können sie sogar zu ihrer Frau ganz normale Dinge sagen. was so ein Kerl alles im Laufe seines Lebens bauen kann! Rauchstubenhaus und Viehstall.

Worauf der Mann unausstehlich wird. säuft. die Schöpfung ist vollendet. er fängt an die Kinder anzuschreien. Aber danach ist alles fertig. ein Schornstein wird ins Wohnzimmer gelegt. sauer wie Essig. bis es die verzweifelte Ehefrau schafft. Gästehaus. Geräteschuppen. dass es schon zum Fürchten ist. liegt schlaflos da. Dann all die Anbauten. Und der Mann wird so ungenießbar. Aber die Jahre vergehen. ob sie ihn verlassen soll. Den Kamm geschwellt die ganzen Ferien über. dass es nur so kracht. dass das Grundstück voll ist. tritt den Hund. verliert sein Haar. es wird Teppichboden verlegt. die Hand greift sinnlos nach dem Hammerstiel. die Sägespäne werden gegen Glasfiber ausgetauscht. und von einem Arzt aus Gällivare wird ihm Valium verordnet. ein Dachboden ausgebaut. der Fensterkitt muss erneuert werden. Und dann kann er von vorn anfangen. das verrottete Holz in der Sauna muss erneuert werden. es muss gesäubert und gemalt werden. die Frau überlegt bereits. Ferienhaus. Hundehütte. Holzschuppen. Die Führungskräfte der Baubehörde sitzen verkniffen in ihren Amtsstuben und studieren Luftfotos. ein Balkon. Sauna. bekommt Seh. Danach ist es unwiderruflich.und Hörstörungen. ein Partyraum im Keller eingerichtet. und schließlich ist es unweigerlich fertig gebaut. es wird eine Sitzecke im Garten gebaut. Erdkeller. ein unbebautes Grundstück zu erben. hämmern und nageln. und die Terrasse bekommt einen Windschutz. und die Hausfrau 224 . die Schranktüren müssen ausgetauscht werden.Ungefähr zu diesem Zeitpunkt stellt die kommunale Bauaufsicht fest. Danach ist alles fertig gebaut. Wasserhähne und Waschbecken werden ausgetauscht. Abtritt. Terrasse und eine Kuschelecke für die Kinder. Da ist es plötzlich an der Zeit zu renovieren. Ein neues Hausdach. Und nach einer kurzen Atempause Bootshaus.

Unsere Rockmusik war etwas ganz anderes. wenn die Jugend nicht zur Arbeit herangezogen wurde. aber wird durch verschiedene Spielregeln komplizierter. Niemand sah einen Wert in ihr. die Elchjagd. wir öffneten unsere Herzen und ließen die Musik hinausströmen. Da kommt die Friggebo-Reform. dass es keine Rettung mehr gibt. von etwas. was vielleicht sogar Liebe genannt werden könnte. Es ist unglaublich. 225 .muss einsehen. Gewisse Beschäftigungen sind von Grund auf knapsu und sollten deshalb von Männern vermieden werden. Niemand brauchte sie. die zu lernen man oft Jahrzehnte braucht. nicht einmal wir selbst. die herumwirbelte und den Blutdruck hoch trieb. die besonders aus Südschweden zugezogene Männer schmerzhaft erfahren müssen. also etwas. was nur die Frauen so machen. Stricken. Die Alten sahen das als Zeichen von zu viel freier Zeit und des Verwöhntseins an. Man kann sagen. So etwas kam heraus. Anfangs diskutierte ich oft mit Niila. Das Wort ist tornedalfinnisch und bedeutet weibisch. Wir spielten ganz einfach. wie viele Gartenhäuschen auf einem Grundstück Platz finden. etwas Ruhigem erfüllt. Jetzt hilft nur noch die psychiatrische Klinik von Gällivare. Und alles kann wieder von vorn anfangen. Das klingt einfach und selbstverständlich. dass die männliche Rolle in Tornedalen in erster Linie auf einem Punkt beruhte. des Überflusses und des Müßiggangs. Blumengießen und Ähnliches. Und die Ehe wird wieder von etwas Heißem. Andere Tätigkeiten sind ebenso klar als männlich definiert wie Holzfällen. eine Tatsache. Teppiche weben. die in den modernen Zeiten herrschten. Dazu gehört Gardinenaufhängen. Nicht knapsu zu sein. mit der Hand melken. Es entstand ein Überschuss. ob unsere Rockmusik als knapsu angesehen werden könnte. Eine überschüssige Energie. Sie brachte definitiv keinen Nutzen.

unbewussten Prozessen in der Volksseele entwickelt hatte. 226 . Und kraftstoffbetriebene Motoren sind männlicher als elektrische. Autos. dass es in seiner Heimatstadt aus irgendeinem Grund als knapsu angesehen wird. Zunächst einmal haben wir da den richtigen Macho. Der ist ganz offensichtlich knapsu. Schneescooter und Motorsägen sind also nicht knapsu. Seit alten Zeiten ist die Welt zweigeteilt. die zu klären sind. Aber dann kam der Wohlstand. flößen und sich auf dem Tanzboden prügeln. Und mit ihm Hunderte neuer Tätigkeiten und Aufgaben. Halbfettmargarine zu essen? Eine Standheizung im Auto zu haben? Sich Haargel zu kaufen? Zu meditieren? Mit Schwimmbrille zu schwimmen? Pflaster zu benutzen? Hundescheiße in die Plastiktüte zu tun? Außerdem wechseln die Regeln von Ort zu Ort.mit Baumstämmen zimmern. Nachdem der Knapsu-Begriff sich in jahrhundertelangen. Motoren sind beispielsweise männlich. den Rand der Gummistiefel umzukrempeln. Noch schwieriger ist es mit anderen neumodischen Dingen. das Messer im Gürtel und Grobsalz in der Tasche. und alle wussten immer schon. mürrisch. Hasse Alatalo aus der Gegend von Tärendö erzählte mir. der weibische Mann. Oft ein Typ irgendwo vom Lande. Ist es beispielsweise knapsu. Aber darf ein Mann auf einer elektrischen Nähmaschine nähen? Sahne mit einem elektrischen Mixer schlagen? Die Kühe mit der Melkmaschine melken? Die Geschirrspülmaschine ausräumen? Kann ein richtiger Mann sein Auto staubsaugen. die den Begriff verwässerten. griffen jetzt plötzlich die Definitionen nicht mehr. ohne dabei seine Ehre aufs Spiel zu setzen? Das sind Fragen. was wie einzuschätzen ist. Höchstens noch in bestimmten Bereichen. schweigsam und verkniffen. Von diesen Dingen ausgehend können wir die Männer in drei Kategorien einteilen. Sein Gegensatz ist genauso einfach zu erkennen.

die nie gehungert oder gefroren haben. dass Rockmusik nicht knapsu ist. dieses schneckenhafte Rotwelsch. Das dann auch noch auf Englisch zu tun. dieser Sprache mit viel zu wenig Kauwiderstand für die harten finnischen Mäuler. bis man sich endlich wieder aus dem KnapsuSumpf herausgezogen hat. dass die Zunge wie eine abgeschnittene Vorhaut im Mund herumschlenkerte. Die dritte Gruppe von Männern ist das große Mittelfeld. abgesehen vom Sexuellen. Ein Tag im Wald. lallend und feucht. sich zu rächen und todesverachtende Rituale auszuführen.verhätschelt von den großen Schwestern und untauglich sowohl fürs Holzfällen als auch für die Jagd. Kissenfurzer. dass dieses Klimpern kaum als richtige Arbeit bezeichnet werden kann. Dann waren wir also doch knapsu. Rockmusik wird nun erwiesenermaßen oft von Männern gespielt. so ohne jede Kraft. Dafür hat er oft eine gute Hand bei Tieren und auch bei Frauen. und deshalb wurden aus solchen Memmen früher oft Heiler oder Blutstiller. In ihm wird der Knapsu-Grad von den eigenen Taten bestimmt. ist gezwungen zurückzuschlagen. so nuschelig. Grasfresser. das konnten wir nicht. Dagegen spricht aber. eine Sprache für Faulenzer. und so ein Typ würde Blut pissen. die nie kämpfen mussten. Es kann eine so unverfängliche Sache wie das Tragen einer roten Mütze genügen. zumindest in der Gegend von Pajala und wenn es in nüchternem Zustand stattfand. Dafür kann man dann noch wochenlang gehänselt werden. Und zu singen wurde erst recht als unmännlich angesehen. erfunden von schlammtretenden Küstenbewohnern. dass nur Mädchen gute Noten darin bekommen konnten. nein. In das auch Niila und ich gehörten. Die Ausstrahlung ist aggressiv männlich. Ein Außenstehender würde deshalb sofort sagen. 227 . Denn aufhören zu spielen.

womit man sich in Pajala vergnügen kann. Holgeri! Er stand dicht am Lautsprecher. die in Palästinensertüchern herumstanden. und dachte. er kannte ein Mädchen aus dem Vorstand. die Lautstärke ganz runtergedreht. Alle gingen gleich wieder. und ich schielte nervös zu Erkki und Niila hinüber. Wir konnten keine anderen Stücke als die. eine von dreißig. über Eishockeyfelder und Ärsche und darüber. Dann fing er an zu spielen. der seit einer Handgranatenübung beim Militär einen Hörschaden hatte. die wir gespielt hatten. Wir standen noch auf der Bühne. Allein. und es war uns gelungen. mit denen sie im Takt stampften. Er stand mit aufgerissenem Mund da und schob seine Mütze auf dem Kopf hin und her. die Fensterscheiben erzitterten. außer einem Jungen. unser Zusammenspiel zu verfeinern. Es waren ein paar Monate seit unserem Debüt in der Aula vergangen. dass das Echo verhalten war. Fransen im Gesicht. runder Brille und Schnabelschuhen. Ein elektrisches Geheul breitete sich im Raum aus. Unseren zweiten Auftritt hatten wir im Haus des Volkes von Kaunisvaara nach einem Treffen der Roten Jugend. Ein paar alte Pioniere kamen herbei und stellten sich neugierig in die Tür. Nach dem letzten Stück begann Holgeris Mädchen nach einer Zugabe zu rufen. in grölender 228 . Holgeri hatte es organisiert. Man darf wohl sagen. Da war ein Heulen zu vernehmen. der Rest waren Songs. Zwei der Stücke hatten wir selbst gemacht.KAPITEL 19 – über ein Mädchen mit schwarzem Volvo PV. Andere fielen ein. verdammt. was die heutzutage für einen Schindluder mit dem Strom treiben. die wir aus den Top Ten abgekupfert hatten.

»Hendrix!«. einen Hunger. Anschließend kamen mehrere zu uns auf die Bühne und wollten wissen. Und ich wusste. die Stirn verschwitzt. Dann bog er den Nacken nach hinten und fing an. 229 . Sie hatte etwas Puppenhaftes an sich. während zwei Mädchen versuchten. schrie ich zurück. schüttelte meine. spitzen Zähnen. als wäre es in ein Tintenfass getaucht worden. wo wir politisch standen. Die sowjetische Nationalhymne. Aufgebrochen. was er spielte. Die gleiche. Die Augen waren halb geschlossen. aber gleichzeitig voller Kraft. während sie mir zuschielte. Kratzte die lärmenden Saiten.Verzerrung. er tat weh. arabischen Augenbrauen. dass die alten Holzwände des Hauses des Volkes erbebten. Ich selbst landete vor einem Mädchen mit merkwürdig getuschten. Ihr Körper war unter bauschigen Hippiekleidern verborgen. Schweigend streckte sie die Hand aus. Das Gesicht dagegen war puderweiß. wie es Erwachsene tun. aber die geschmeidigen Armgesten verrieten sie. Er sah das Publikum nicht an. vorsichtige Bewegungen. schüttelte sie wie ein Mordopfer vor den Trichterlippen des Lautsprechers. kleine. Er legte sich auf den Rücken. jubelte Niila in mein Ohr. Stieß die Gitarre mit einem harten Beckenstoß in den Himmel. sich ihm auf den Schoß zu setzen. Und erst da kam ich drauf. Ging auf die Knie und stützte die Gitarre auf den Boden. merkwürdig bekannte Melodie. dass es da drinnen eine Frau gab. schwankend wie eine in der Ferne gesendete Radioaufnahme. mit den Zähnen zu spielen. und lächelte mit kleinen. Ihr Handschlag fiel fest wie bei einem Jungen aus. Holgeri saß schief lächelnd wie nach einem Traum da. Wir anderen glotzten Holgeri nur an. dass es aussah. Ihr Haar war so glänzend schwarz. eine dünne Zellophanhaut. »Besser!«. Die Melodie klang bekannt. Sie drehte ihr Becken.

die vereiste Fahrbahn raste unter uns hinweg. sie lenkte den Wagen mit einem Ruck wieder gerade. Ich stand auf und folgte ihr zögernd. sagte ich. Sie suchte eine Weile zwischen den Schaltern. Der Sitz fühlte sich kühl unterm Hintern an.Hinterher packten wir unsere Instrumente und die Verstärker zusammen. Ein entgegenkommendes Auto hupte laut und blinkte auf. Der Junge mit der Käppi lief herum und grinste unschuldig. die Lüftung einzuschalten. die Schneewälle glitzerten zu beiden Seiten im Scheinwerferlicht.« »Flottes Auto«. an den Radioknopf zu kommen. fuhr sie fort. während er überprüfte. der Atem beschlug die Windschutzscheibe. »Soll ich dich mitnehmen?«. »Du brauchst keine Angst zu haben«. »Du bist doch noch keine Achtzehn?« Sie gab keine Antwort. Kommunist zu sein?«. Das Auto steuerte langsam auf den Graben zu. Wir standen vor dem Haus auf der Treppe. Lehnte sich im Sitz zurück. die Hand auf dem Schaltknüppel. sie zog ihren Jackenkragen ein wenig hoch.« 230 . Ein Nicken zur Straße hin. »Gehört meinem Vater. ob die Bräute schon Busen hatten. Sie hielt sich in der Mitte der Straße. Sie versuchte. bis sie den Regler für die Scheinwerfer gefunden hatte und abblendete. Bei einem schwarzglänzenden Volvo PV blieb sie stehen. wollte ich wissen. Draußen auf dem Moor lag die Schneekruste blau und hart. Im nächsten Moment waren wir unterwegs. Ich quiekte kurz auf. Ich schaffte es. »Willst du nach Pajala?« Das war die Schwarzhaarige. und drehte die Heizung in der einsetzenden Spätwinterdunkelheit an. »Ich bin schon oft gefahren. sagte sie. »Macht es Spaß. Der Kassierer gab uns Butterbrote mit Wurstscheiben und fünfzig Kronen aus der Clubkasse als Gage.

antwortete ich. Wir waren schon auf der Höhe von Manganiemi und sausten kurz danach über die alte Brücke hinweg. »Gibt’s heute Abend Kino?« 231 . Ich schaute heimlich zu dem Mädchen hinüber. sofort auf eine Kollision zu reagieren. Der Motor drehte sich und heulte. Wenn ich mich jetzt anschnallen würde. Mit ihr zu kuscheln. die vollen Lippen. aber das Mädchen verzog keine Miene. Konnte ihr Profil im Dunkel erkennen. »Was kann man in Pajala machen?«. die Rundung ihres Kinns. die plump hochragende finnische Nase. Tango in Moll. das in der kalten Landschaft ausgeschüttet wurde. eine Frau. Die Lichter der Stadt brachen durch den Wald hindurch. die Geschwindigkeit stieg wie Fieber. Die Luft legte ihre Eishaut über Karosserie und Scheiben. Wir strichen so dicht aneinander vorbei. Sie gab Gas. ein weißes Glitzern breitete sich über das Flussufer aus. Der Lastwagen hupte wütend. Nach vielen Mühen bekam sie einen finnischen Sender rein. Ich begriff. mir Angst einzujagen. bereit. Ich bekam Lust. Stattdessen rollte ich mich zusammen und versuchte ganz entspannt zu wirken. Das Auto holperte über Eisbuckel und durch Kurven und ließ eine wehmütige Rauchwolke hinter sich. Auf der langen geraden Strecke am Anfang drückte sie das Gaspedal bis auf den Boden durch. zog flach und kalt über das gewölbte Wagendach. Sie lachte und fuhr nur noch schneller. dass nicht einmal ein Haparandabladet zwischen uns Platz gehabt hätte.Sie nahm die alte Straße von Autio nach Pajala. die von Liebe und Trauer sang. eine Blutspur. »Weiß der Teufel«. wäre es ihr geglückt. sie ein bisschen anzufassen. sagte ich. während ich am Waldrand entlangspähte. fragte sie. obwohl uns ein Scania Vabis auf der engen Brückenfahrspur entgegenkam. »Hier gibt es oft Rentiere«. dass es ihr gefiel. Ein Herz.

»Wir können in Pajala dem IF beim Eishockeytraining zugucken. während der Torwart wie ein zum Tode Verurteilter in seiner Totenschädelmaske dastand und durch seine Schutzkleidung hindurch blaue Flecken bekam. das endlich warm geworden war. die kleine Geschäftsstraße mit HarjuhahtoSchuhladen. Einige Pucks zischten über den Kasten und die Banden und weit hinaus auf die Wiese. bärtiger Polizeiassistent.Ich nahm es nicht an. Gepanzerte Kerle in gelbschwarzen Hemden. ein zugezogener. das sonst weggeworfen wurde.« Ich sagte ihr. Aber das war bestimmt zu kindisch. An der Schule bogen wir ab und suchten uns den Weg zum Hockeyfeld. dem Papiergeschäft und Larssons Herrenfrisör. zunächst gerade aus. Wennbergs Bäckerei. wie die Kaninchen bumsten. 232 . Was gab’s dann sonst zu tun? Mir fiel ein Klassenkamerad ein. wo sie bei der nächsten Schneeschmelze von überglücklichen kleinen Jungs gefunden werden würden. Dort parkten wir das Auto. man parierte und schlug mit den löffelförmigen Kohoschlägern. wie sie fahren sollte. entschied ich. der die Kurven schneidet! Und jetzt mal schneller. Dort war schwer was los. Sie haben am Wochenende ein Punktspiel gegen ÖtåKuiva. blies in die Pfeife und fluchte inspirierend: »Wehe dem. dann an Arthurs schuhkartonähnlichem Kaufladen rechts ab und weiter zum Zentrum. die wie Riesen aussahen und in einem Kreis um die ganze Bahn herum Rückwärtsfahren trainierten. Manchmal konnte man zugucken. und folgten einem Trampelpfad durch den Schnee zum Eishockeyfeld. Er fütterte sie immer mit dem halbverrotteten Gemüse vom Konsum. unangenehmen Schlägen auf. ihr roten Teufel!« Dann wärmte man den Torwart mit hinterhältigen. Der Trainer Stenberg. Mikaelssons Kiosk und Lindqvists Konditorei entlang. der Kaninchen im Heizraum hatte.

Er versetzte seine enorme Muskelmasse in eine immer schneller werdende Bewegung und pflügte sich durch die Verteidigung. Er stand regungslos wie eine Eule. Eine raubeinige. »Frierst du?« »Ein bisschen. bis der Puck frei kam. schmächtiger Junge mit unglaublichen Reflexen. dass die Holzsplitter flogen.« »Wir können … ich habe einen Kumpel. es roch nach Lakritze. sagte sie nur und wickelte sich das Kaugummi um den Zeigefinger. ungehobelte Veranstaltung mit mehr Willen als Taktik. Dann begann das Übungsspiel. sodass die Hintermänner quer durch die Schneise schießen konnten. dass die Hüftschützer zur Seite fielen wie von der Eisenbahn getroffene Rentiere. Sie kaute ein Salmiakkaugummi. Sein Widersacher im Spiel war ein blonder. wie sie zitterte und sich ihr Palästinensertuch enger um den Hals zog. Der langhaarige Stürmer der einen Mannschaft trug einen Mundschutz der alten Art und sah aus wie ein Schäferhund mit Maulkorb. Mit der Puckkontrolle stand es nicht zum Besten. nun schießt in das beschissene Tor!«. Wir standen eine Weile an der Bande und schauten zu. um dann seinen Schläger wie eine blitzende Nadel auf die abgestoßene Gummischeibe abzuschießen. Blasen zu machen. der hat Kaninchen. 233 . Ich schob mich wie zufällig näher an sie heran. fiel auf den Arsch und schoss den Puck.»Verflucht. der sich um die Jugend kümmerte und auf eigene Initiative hin in jedem Dorf im Umkreis mehrerer Kilometer Nachwuchstrainings eingerichtet hatte. sodass unsere Jacken sich berührten. wenn sie versuchte. Mit ein bisschen Glück brachte er aber rechtzeitig einen Rückwärtspass zustande.« »Wie kindisch«. Ich merkte. Man nagelte gegen die Bande. tönte Stenberg.

Fellschuhe und Knöpfstiefel. Die Kleider der Hausfrauen war an Haken im Umkleideraum aufgehängt. Die pure Gewalt. Plus eine säuerliche Mischung aus Altweiberschweiß und Geschlecht. die Balken erbebten. faltige Wollhosen. wie ich zurückwich. Wurde freundlicher. größer als meine Mütze. Die Tür zum Umkleideraum der Frauen war nicht abgesperrt. wie es das in allen alten Gymnastiksälen tut. Sie merkte. Holzfällerhockey. Schrille Jazzmusik ertönte von einem Schultonbandgerät.« Ich vertiefte mich eine Weile in Spielanalysen. die daher resultierte. Hatte Lust. wie das Fett 234 . Zu spät. Die Tanten trainierten Absprung vom Brett. Da drinnen war es blendend hell. Ich spürte mein Herz pochen und ging ihr voran zu der Sporthalle ein paar hundert Meter entfernt. Ein jähes Erdbeben durchzog das Gebäude. nach Hause zu gehen und Griffe vor dem Spiegel zu üben. Kästen und römischen Ringen. als hätte sie sich entlarvt. »Die müssten mehr Pässe üben«. Ich fühlte mich tollpatschig. Ich schlich zur Halle. Das hier ist eher kanadisch.Ich hätte ihr stattdessen den Arm um die Schulter legen sollen. Es roch nach Fisch und Firnis. Wir schlüpften hinein. O Scheiße. »Wir können bei der Hausfrauengymnastik zugucken. Stützstrümpfe. ein muffiger Foltergeruch von Seilen. dass sie beim Training die Schaufel vom Schläger abmontierten und nur mit dem Stiel spielten. als interessiere es sie. weißt du. »Wie die Russen. Dann merkte ich. Zog dann schnell den Blick ab. dass sie sich langweilte. zeltähnliche Unterkleider. Auf dem Boden standen Einkaufstaschen und Plastiktüten und ihre abgetretenen Damenstiefel. BH-Körbchen.« Sie nickte und sah mir ziemlich lange in die Augen. bei denen ich die brillante Technik der Russen hervorhob. bemerkte ich. betrachtete das Spiel noch eine Weile und tat so. geblümte Kleider. Gleichzeitig fing auch ich an zu frieren. umgeben von Pfützen geschmolzenen Schnees.

bibberte! Die Brüste hüpften wie Mehlsäcke auf und ab, die Hüftpolster schwollen wie aufgehender Hefeteig an. Glücklicherweise folgten sie kaum dem Rhythmus der Musik, denn wenn sie im Takt gehüpft wären, wäre der Boden geborsten. Dann war Hüpfen durch den ganzen Saal angesagt. Dröhnendes Elefantengetrampel mit Riesenstampfern die Sprossenwand entlang. Der Schweiß ergoss sich über Doppelkinne und in die Brustritzen, Krampfadern leuchteten blutrot. »Und dehnen und dehnen«, ermahnte die Lehrerin vom Tonband her, und vierzig kräftige Hausfrauen wiegten sich wie Birken im Sturm. »Und eins und zwei und vorbeugen«, und zwanzig gewaltige Altfrauenärsche, die hundert Kinder geboren hatten, schaukelten in der Luft. Der Hinternschweiß strömte über die Speckrücken, die Geschlechter dufteten. Und wieder hoch und hüpfen, Seitenschritt mit vorgeschobener Hüfte. Das führte natürlich zu Zusammenstößen unglaublicher Massenenergien. Die Frauen fielen wie Zweitonnenbomber um, lagen und wanden sich im Bodenschweiß auf den lackierten Bodendielen, bevor sie sich wieder aufrappelten, unbezwingbar. Der Saal war von einem Geruch nach Moor und Klimakterium erfüllt. Tod und Geburten in einer uralten Mischung, weibliche Hitze. Das Mädchen packte mich bei den Nackenhaaren. Vergrub ihre frierenden Mädchenfinger darin. Mir lief ein Schauer den Rücken hinunter, bis in die Hüften. Ich hatte weiche Knie, musste mich hinsetzen. Sie glitt auf meine Knie und spuckte ihr Kaugummi aus. Ihre Pupillen wuchsen, wurden zu schwarzen Wuhnen. Ich streichelte mit meinem daunenzarten Daumen ihre Wange, den Kieferknochen entlang nach hinten, hinauf zu dem zierlich geformten Ohr. Kam ihrem Gesicht immer näher. Schloss die Augen und schnupperte an ihrer Haut. Die Wangen schmolzen, wurden immer heißer. Ihr Atem wurde eifriger. Ich fühlte, wie sie unter meinen Lippen lächelte. Wir öffneten die Jacken. Körper an Körper. Ihre Brust war jung und spitz. Ich schlang meine Arme um sie und drückte sie mit Tränen in den
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Augen, spürte, wie das Glück sich in mir ausbreitete. Zusammen bleiben. Ein Mädchen haben. Plötzlich war ihre Hand unter meinem Hemd. Eisig kalt, aber zärtlich vor lauter Liebe. Sie strich meine empfindlichen Rückenmuskeln entlang, brachte sie zum Zucken. Wurde schneller, ungeduldiger. Kniff ein wenig. Kratzte. »Darf ich … bei dir«, stotterte ich. Als Antwort schob sie die Hand in meine Hose. Verwandelte sie in eine Ratte, die kitzelnd über meine Pobacken lief, über die Hüftknochen, sich über die Leiste nach vorn vorarbeitete. Ich zog mich zusammen. »Keine Angst«, lachte sie mit leisen, weißen Zähnen. Ich wollte sagen, dass ich noch nicht mal richtige Haare hatte, sie vor der Enttäuschung bewahren, aber sie war schon angekommen. Tastete sich schnell über den Sack vor, wie eine Spinne eine Fliege einspinnt. Schnappte sich dann den steifen Kleinen. Jetzt saß ich fest, konnte nicht mehr entkommen. Gleichzeitig küsste sie mich, schob mir ihre lange, nach Blut schmeckende Zunge in den Mund. Ich spürte, wie mir schwindlig wurde, strich zögernd, aber fest und tollpatschig über ihre Brust. Sie drückte mich nach hinten, auf die Holzbank. Zog ihre Jeans herunter. Ich wollte sie anfassen, aber sie schlug mir auf die Finger. »Du bist zu schmutzig«, sagte sie fest und schubste mich hinunter. Ich wurde auf die Schulterblätter gelegt. Sie warf sich wie einer von der Ordnungsmacht auf mich. Im Hintergrund war das Getrampel der Frauen zu hören. »Du bist so … schön …«, murmelte ich schüchtern. Mit geschlossenen Augen stocherte sie mich rasch in sich hinein. Tief in die dunkelste Weichheit. Es fühlte sich warm und weich wie ein Kissen an. Mit schlangenähnlichen Bewegungen
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begann sie sich über mir zu wiegen, ein langsamer, vorsichtiger Tanz, bei dem etwas wächst und die ganze Zeit größer wird. Ein Bild, das immer roter gemalt wird, bis die Leinwand zu einer weichen Hülle wird. Ich pumpte dagegen und fühlte mich vollkommen verwirrt. Sie steigerte den Rhythmus und stieß dabei schrille Schreie aus. Wurde immer eifriger, immer wilder, wie ein Hund, wenn er mit einem Sofa fickt. Ich legte ihr die Hand auf den Mund, aber sie schrie durch sie hindurch. Gellende Katzenschreie. »Leise, sonst hören sie uns!«, warnte ich sie und spürte, wie die Haut sich spannte. Sich nach außen wölbte. Ein Druck, eine Blutung. Ich versuchte mich herauszuwinden, aber sie hielt mich fest. Es wurde immer größer und stärker. Ein Kitzeln mit dem Messer, bevor es ein Loch schnitt. Ihr Haar hing dicht über mir. Dunkle Wolken. Voller Fleisch. Und jetzt. Ja, jetzt, jetzt, jetzt platzte die ganze Welt, und der Regen schüttete aus den schwarzen Wolken heraus. Als ich die Augen öffnete, stand die Frau da. Eine dieser Fleischbergmütter aus Vittulajänkkä. Ihre Augen starrten unter ihren schweißnassen Dauerwelllöckchen hervor, es tropfte von Nase und Kinn. Mir war klar, dass sie gleich schreien würde. Die anderen herbeirufen, Lynchstimmung erzeugen. Sie würden uns mit ihren Hundertkiloärschen zu Boden drücken und überprüfen, ob wir Taschendiebe wären. Eine würde sagen: »Kulli pois!«, und dann würde eine der Waldsamitanten meine Hoden wie bei einem schreienden, weißäugigen Rentierbock zu Hackfleisch zerdrücken. Voller Panik zog ich den Rotz raus. Sprang in meine Unterhose, während die Alte kritisch meinen abnehmenden Ständer betrachtete. Das Trampeln aus dem Gymnastiksaal klang schwer und bedrohlich. »Viel Lärm um nichts«, sagte sie grinsend.
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Dann trank sie Wasser aus dem Wasserhahn, ließ einen Furz fahren und kehrte in die Turnhalle zurück. Ein kräftiger Geruch nach Viehstall begleitete uns den ganzen Weg hinaus. Das Mädchen setzte sich in ihren PV und sagte kurz »Tschüs«. Ich hinderte sie daran, die Tür zu schließen. »Sehen wir uns morgen?«, wollte ich wissen. Sie starrte mit angespannten, gleichgültigen Lippen vor sich hin. »Aber du kannst mir doch sagen, wie du heißt?« Sie fummelte ein wenig und ließ dann den Motor an. Legte den Gang ein und rollte los. Ich lief neben dem Wagen her und klammerte mich an der Tür fest. Sie starrte mich mit großen, dunklen Augen an. Und plötzlich ließ sie die Maske fallen. Sie zerplatzte, ging kaputt, und darunter war eine einzige große Fleischwunde. »Ich komme mit!«, rief ich verzweifelt. Sie gab Gas, die Tür wurde mir aus der Hand gerissen. Mit durchdrehenden Rädern schlitterte sie in einer aufwirbelnden Schneewolke unter den Straßenlaternen davon. Das Motorengeräusch wurde immer leiser und verklang schließlich ganz. Eine ganze Weile blieb ich noch an der gleichen Stelle stehen, während sich die Wahrheit in mir setzte. Sie hatte gar keinen Autoschlüssel gehabt. Das Auto war kurzgeschlossen. Und während der Schmerz in mir mit kalten Wurzelfäden wuchs, musste ich mir eingestehen, dass ich sie niemals wieder sehen würde.

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KAPITEL 20
– über ein Geburtstagsfest, auf dem das Tornedallied aufgeführt wird und die Jagdgesellschaft erscheint, und wie vier Jünglinge auf die Sterne zielen. Mein Großvater wurde mit den Jahren immer mehr zum Einsiedler. Er kam am besten allein klar, und nachdem meine Großmutter verschieden war, stellte er fest, dass Menschen einfach nur anstrengend waren. Er wohnte in seinem abgelegenen Rauchstubenhaus, kam zurecht und hatte nur noch einen einzigen Wunsch in diesem Leben: daheim sterben zu dürfen. Die seltenen Male, wenn wir ihn besuchten, war er freundlich, aber zurückhaltend. Er wollte keinerlei häusliche Pflege, darüber sollten wir uns bitte schön verdammt noch mal klar sein, und bei ihm war es nicht schmutzig, er fühlte sich wohl so! Aber die Zeit konnte er nicht aufhalten, und schließlich näherte sich der Tag im Februar, an dem der Alte siebzig werden sollte. Die Familie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn so selten besuchte, und man wurde sich einig darin, dass man eine großartige Feier ausrichten wollte. Man wollte ein paar schöne Festbilder fürs Familienalbum haben, bevor der Alte dafür zu verkalkt war. Es kostete reichlich Überredung, bis das Objekt der Feier selbst zustimmte, nicht um seiner selbst willen, sondern nur der Familie zuliebe. Nichts Böses ahnend sah er zu, wie die Festvorbereitungen ihren Lauf nahmen. Die Woche davor füllte sich sein Haus mit Familienangehörigen, die den Fußschweiß von den lückenhaften Bodenplanken schrubbten, die Flickenteppiche mit grüner Seife wuschen, die alten Fenster in der Winterkälte mit Spiritus putzten, das Mottenpulver von dem schwarzen
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Mutter streckte ihm die Blumen hin. wir gingen mit knarrenden Schritten durch den körnigen Schnee und trampelten die Schuhe vor der Haustür ab. Großvater saß im Schaukelstuhl. windstille Kälte. Die letzten Morgensterne erloschen am Himmel. die Wachstischdecken auswechselten. Die Rauchstube sah unnatürlich ordentlich aus. Es war klares Wetter und minus zwanzig Grad. ihr seid das?«. Er war halbblind und biss gern. die die Autoscheiben zufrieren ließ und die Bäume mit spitzen Eisnadeln bedeckte. eine trockene. die sie wegen der Kälte unter dem Mantel aufbewahrt hatte. sagte er auf Finnisch und tat ganz überrascht. die Schuhe in unnatürliche Reihen und Muster stellten und alles in Schränken und Schubläden hin und her sortierten. und er fingerte nervös 240 . und ich fegte den angreifenden Spitz die Haustreppe hinunter. aber es war wie die Operation zum D-day. sein faltiger Hals scheuerte sich an dem bis oben zugeknöpften Hemdkragen. »Tekkös sieltä tuletta? Ach. Das Licht schimmerte blau über den Wäldern. Wir setzten uns an den Küchentisch und hörten die Wanduhr ticken. Meine Schwester und ich bekamen schulfrei und gingen schon ziemlich früh am Tag mit zu Großvaters Rauchstubenhaus.Beerdigungsanzug klopften. in allen Nischen Staub wischten und ungeahnte Mengen von Spinnengeweben und toten Fliegen fanden. Der Geburtstag fiel auf einen Freitag. nachdem sie einmal eingeläutet worden war. Der alte Hund drinnen fing sofort an zu knurren. dass er sich jaulend überschlug. jammerte und fluchte und wollte alle Eindringlinge hinauswerfen. Vater stellte das Auto auf dem vorbereiteten Hofplatz ab. Gerümpel in die Scheune trugen. die Lampenschirme von altem Fett befreiten. deshalb nahm ich den Besen und war schon bereit. Großvater bereute seine Zusage mehrmals. sie war nicht mehr aufzuhalten. Vater schüttelte die Hand und gratulierte. bis alles am falschen Platz und niemals wiederzufinden war. als Großvater die Tür öffnete.

und ein herrlicher Duft nach Zimt. Jetzt begann die Feier Formen anzunehmen. während sich ein paar Kohlmeisen um ein festgenageltes Schwartenstück stritten. lag unter einer Sonne. in geblümte Sonntagsstaat gezwängt. Alles war so künstlich und steif. die so vollkommen ohne Wärme war. sondern schnupperte stattdessen an Großvaters Pissecke. Der alte Hund kümmerte sich nicht um die Rentiere. Andere lagen mit angezogenen Beinen in Schneekuhlen und hielten so ihre Wärme. Im Laufe des Nachmittags begannen die Besucher einzutrudeln.am Schlips herum. Die nächsten Nachbarn kamen auf dem Tretschlitten. Zur Mittagszeit tauchten nach und nach die Onkel mit ihren Frauen auf. an denen sich die Gäste niederlassen konnten. Einige Frauen fingen an. Ein paar Rentiere kratzten in der Schneedecke weiter hinten auf der Wiese und schnappten sich ein paar verwelkte Halme. wie es sich an Feiertagen gehört. magere Kerle mit leckenden Augen und schmelzenden Eistropfen in den Augenbrauen und runde Weiber mit Unterarmen. Die ganze Landschaft war in ein weißes Tundralicht getaucht. nur die dunklen Köpfe schauten heraus. und große Sahnetorten wurden aufgedeckt. Draußen hatte sich eine bleiche Februarsonne durch das Schneetreiben gekämpft und den Wintertag zum Funkeln gebracht. die Scheiben ungesäuerten Brots zu buttern und saftige Scheiben im Ofen gebratenen Elchsteaks draufzulegen. die rau waren wie gesetzte Buttermilch. Der Kaffee wurde von der Untertasse geschlürft. während meine Schwester und ich halfen. Kakao und Vanille verbreitete sich im Haus. und zwei kamen ganz gemächlich quer über die Wiesen auf Skiern angefahren. Ein paar Tische. Autos füllten den Hofplatz und bald auch die Zufahrt. standen gedeckt da. Der alte Backofen wurde bis zum Glühen aufgeheizt. Andere füllten Platten mit selbst gebackenen Keksen. Lachsbrote und Kuchen reihum aufgedrängt. als würde sie auf einem Film gezeigt. 241 . Kaffee zu kochen und die Thermoskannen zu füllen.

Die Stimmung wurde etwas munterer. einen Tortenheber in Tornedalsilber. eine kluge Vorsichtsmaßnahme in tornedalschen Gefilden. Die Schnapsgläser wurden hier und da unter stummem Nicken gefüllt. bis sich ein Onkel erbarmte und ein puukko holte. Eine gekaufte Flasche wurde aufgedreht und von Vater herumgereicht. Dann sang man mit feierlicher Miene Geburtstagsständchen in einem finnisch klingenden Schwedisch. seine Geschenke auszupacken. wirklich eine Verschwendung. damit die Leute nicht denken mochten. Nach dem Nachschlag wurde der Zeitpunkt für gekommen gesehen. Niemand hatte sich getraut. Hurra zu rufen. und stellte sich hin. Vater gab ihm noch einen Cognac. einen Schmuckbecher aus Zinn. gehäkelte Spitzendecken. Er hatte sie unberührt liegen lassen. eine geschnitzte Küchenuhr mit Batteriebetrieb. Mutter schnitt Torten auf und legte sie auf die Teller. eingebunden in naturgegerbtes Rentierleder. die man nicht brauchte. von alten Zeiten zu schwärmen und Lust bekamen. damit er eine gesündere Hautfarbe bekäme. dass das doch die reine Verschwendung sei. ein Gästebuch. ein Luxusetui mit Rasierzeug. er duckte sich hinter den Blumensträußen auf dem Tisch. einen Bettvorhang aus exotischen Muscheln. Fladenbrot zu backen.sodass die alten Frauen anfingen. was eine gute Beschreibung war für teure Merkwürdigkeiten. einen Wandbehang mit Kette zum Aufhängen. ein eingebranntes Türschild mit dem Text »Willkommen« und anderen unnützen Kram. er würde nur deshalb das Fest ausrichten. während die Autofahrer die Hand auf ihre legten. Mit zittrigen Fingern mühte er sich mit teuflisch zähen Bändern und Klebestreifen ab. den Cognac hervorzuholen. während Großvater schwitzend im Schaukelstuhl sitzen blieb. Dem Alten war all diese Geschäftigkeit peinlich. Großvater erklärte auf Schwedisch. Man fing leise an. ihm wirklich nützliche Sachen wie eine 242 . Mit raschem Schnitt öffnete der Alte daraufhin das Glanzpapier wie den Bauch eines Hechts und zog ein Glasrelief eines Elchbocks heraus. Nun bekam er Bescheid.

da das ja so aufgefasst werden könnte. Es fehlte nicht viel. Man blieb eine Weile voller Wehmut sitzen. Nach Schnittchen und Torte zogen sie ihre Liederhefte heraus und sangen mit zitternden. alle Kinder. so um die zwanzig Männer und Frauen. Vater servierte Cognac. und die ganze Rauchstube hätte angefangen zu heulen. ließ dabei aber diskret die Laestadianer aus. alle Jugendlichen. Und das erst recht. als man zum Schluss die finnischen Verse sang. die zurückgeblieben geboren worden waren. den vielen 243 . die geisteskrank geworden waren. die die Familie ereilt hatte. sodass Mutter es ihm abnehmen musste. Viele hatten Blumen mit sorgfältig beschriebenen Karten dabei. dass einem ganz heiß und flau wurde. als würde man seine täglichen Werkzeuge für nicht gut erachten. Früh am Abend kam der Heimatverein zu Besuch. bekam ganz rote Augen. Schwedische Volksweisen aus der Schulzeit. Großvater war überraschenderweise auch ergriffen.Holzaxt oder einen neuen Auspuff für sein Auto zu schenken. bekanntes Liedgut. Ließ sich ganz von dem finnischen Leiden erfüllen und dachte schweigend an die vielen Katastrophen. Zum Schluss stimmte man in das Tornedallied ein. all die unbarmherzigen Schläge. die brav die Hände zur Begrüßung schüttelten wie Reichsschweden. leicht schrillen Stimmen. und sein Glas fing an zu zittern. das ging so ans Herz. langsam und mit zittriger Stimme: Sei gegrüßt du schönes Tornedal unsre Heimat so hoch im Norden Du bist für uns die beste Wahl auf diesem weiten Erdenrund … Viele der Alten wurden ganz gerührt und mussten sich die Tränen abwischen. Loblieder auf die Wiesen und Felder des Heimatlandes. die ausgeteilt worden waren.

über das noch gewaltigere Sibirien und an den Stränden des Pazifiks endet. Tief in den Astgabeln der großen Fichten drückten sich die Meisen wie kleine Wollknäuel zusammen. alle Arbeiter. aber nur ganz tief im Inneren. stahlblaue Winterdämmerung in Dunkelheit übergegangen. Der Polarstern hing wie ein Eiszapfen am Winterdach. alle Schmerzen. und Großvater versprach ihnen einen alten. Draußen war die lange. alle missglückten Schmuggelversuche. war ein warmes kleines Picken zu spüren. aber kurze Dankesrede. alle. Der Wald stand kalt und starr. Man kippte die Kaffee244 . die Armut. verbotenen Fischspeer zu schenken. Und dort. alle mürrischen Lehrer und verschlagenen Hausherren. alle Prügel und den Hohn der Behörden und der Obrigkeit. die sich über das spärlich bewohnte Finnland ausdehnt. die sich totgesoffen hatten. die Tuberkulose und Kinderlähmung. alle. Der Jagdverein! Der Jagdverein war in Sicht! Der Wortführer des Heimatvereins erhob sich und hielt eine höfliche. Eine unheimliche Stille herrschte über der Taiga. alle verdammten Vorarbeiter der Holzfäller. alle Selbstmörder. die man um Geld betrogen worden war. Plötzlich verbreitete sich ein Gemurmel in der Küche. alle Verräter und Streikbrecher. alle Tränen. die vielen Male.Hunger. niedergepresst von Schnee und Minusgraden. da er jetzt sowieso nicht mehr so gut im Dunkeln sehen konnte. die beim Flößen ertrunken oder in der Grube gestorben waren. nicht ein Zweig rührte sich. Erniedrigungen. alle Führer Schwarzer Listen. alle Sadisten in den Arbeitsstuben. weiter über Russlands gewaltige Landmasse führt. Er war umgeben von Tausenden funkelnder Lichterpunkte. die nach Russland gezogen waren. um Stalin zu helfen und zum Dank erschossen worden waren. die vielen Jahre mit Missernte. dieser weit gestreckten Waldmasse. während die Temperatur um weitere Grade sank. die unsere geplagte Familie im Laufe der harten Lebensjahre getroffen hatte. alle notgeschlachteten Pferde. eine unbewegliche Baumwüste.

Der Sprecher des Jagdvereins stand auf und hielt eine Festrede. der Älteste schon über achtzig. Der Alte konnte also 245 . und die Haustür wurde aufgerissen. sollte er doch bitte schön zu Hause am Spülbecken bleiben. wiederholte der Redner. bevor er weitersprach. warum diese Franzosen so hartnäckig ihren Schnaps braun färbten und ihm den Geschmack von Malerfarbe gaben. aber wehe. bevor er mit der Büchse in den Wald geschickt wurde.tassen auf den Untertellern immer noch einmal um. Der Jüngste war knapp über zwanzig. plus Vaters Brüder. während die Männer sich ums Fleisch kümmerten. Zurück blieben nur noch ein paar Nachbarn und Rentner. Viele waren mit uns verwandt. hüllte sich in die Mäntel und war in Nullkommanichts verschwunden. dann musste er zu Hause bleiben! Denn auch ein alter Hase musste ja wohl den Unterschied zwischen einem Elch und beispielsweise einem Fahrzeug erkennen können. das war nun mal der Unterschied zwischen dem Jagdverein und gewissen anderen Vereinen im Ort. er finge an zu faseln. Kurz darauf trampelte es auf der Haustreppe. Er stellte fest. und der Redner nahm einen Schluck. und dann prostete man sich mit der letzten Cognacflasche zu. die sich jetzt wieder trauten zu fluchen und um mehr zu trinken baten. sobald er das aber wurde. während man sich gemeinsam darüber wunderte. Herein donnerten zwanzig schweigsame Männer. Torte und Kaffee. Der Anführer der Jagdgesellschaft sagte: »Hallo!« Die anderen setzten sich schweigend an die Tische und starrten vor sich hin. Ungesäuertes Brot. der Alte wirkte noch absolut klar im Kopf. bevor die Kerle zu wüten begannen. dass Großvater im Jagdverein immer noch geschätzt war. Denn bis jetzt war er noch nicht altersgaga. Bis jetzt war noch kein Zeichen von Senilität zu entdecken. Die Jäger nickten mit düsterer Miene.

könne den Rest des Abends nur noch Kaffee serviert werden. den man erhalten hatte. dass seine Physis in jeder Hinsicht auf dem Niveau eines Achtzehnjährigen sei. besonders da es das letzte noch verbliebene starke Getränk im ganzen Haus sei. wo man die finnischen Nachnamen einfach nicht gewohnt war. so war es doch nur eine Frage der Zeit. fast mit Tränen in den Augen. dass die Schreibfehler sicher ihren Grund in den Kritzeleien der Jäger hätten. Einige waren falsch geschrieben. Großvater gab allen einen Fingerhut voll. sogar die der Hunde. bei dem die Erweichung einsetzen würde. Das durfte doch nicht wahr sein! Dieser Geizhals! Jetzt. da man den Fehler gemacht hatte. Die Männer rückten näher. dem Frauchen daheim zu entkommen. und dann war alles gelaufen. er würde verkalkt werden! Dann war es besser. aber für den Rabatt. und er erfüllte seine Pflicht. Anschließend bedankte er sich für die Flasche und besonders für den Inhalt. so wäre er wohl kaum der Erste. hoben die Männer ihr Glas und leerten es. dann war die Flasche leer. aber wehe. Großvater erwiderte. in den sämtliche Namen des Jagdvereins eingraviert worden waren. wann das Gehirn weich wurde. darüber sollte sich das Geburtstagskind auf jeden Fall im Klaren sein! Nach dieser herzlichen Festtagsrede wurde ihm ein Pokal überreicht.immer noch seine Büchse tragen. Denn auch wenn jetzt noch nichts zu merken war. Stumm. Schweigend öffnete Vater die Kellerluke im Küchenboden und kletterte hinunter ins Dunkle. Großvater schielte zur Seite und gab das Zeichen. sich in der Küchenecke einzurichten. und wenn auch sie leer sei. Sogleich kam er wieder hoch und stellte 246 . und wenn man alle kaputtgesoffenen Gehirnzellen im Jagdverein zusammenzähle. Regen und Kälte machten ihm nichts aus. wo man es endlich geschafft hatte. hatte man noch eine Flasche mit Inhalt kaufen können. dass er wie ein Adler sehen und eine Elchkuh auf hundert Meter Abstand furzen hören könne. die Gravur in Luleå machen zu lassen.

Und Großvater lachte laut los. In sich hineinschütten zu dürfen. ihre Nasen in Scheiße und Fotzen zu stecken. warum ich so einen kleinen Busen hätte. grölte er. Die noch anwesenden Frauen und meine Mutter erkannten die Zeichen der Götterdämmerung und brachen übel gelaunt auf. dass sofort eine neue auf dem Tisch stand. nicht blank und halb nüchtern in einer scheißvornehmen Kneipe sitzen zu müssen und zu überlegen. Die Männer versprachen einstimmig. 247 . Sich in Gesellschaft von Freunden blind und taub zu trinken. wobei sein Bauch hüpfte. Nicht das Knausern eines Kätners mit Speckschwarten und schimmliger Saat. »Hier ist Stoff für euch Bübchen!«.mit einem Klirren ein paar Flaschen auf den Tisch. nicht mit dem Lineal messen zu müssen. wo die Kumpels denn nur waren. also musste ich ihren Part übernehmen und die Kaffeetassen abwaschen. dass die Korken nicht vom Systembolaget versiegelt worden waren. Auch meine große Schwester verließ lieber die Gesellschaft. Die Flasche zu leeren und zu wissen. alles reinschieben. Sich voll stopfen. Die Männer waren so erleichtert. dass sie fast anfingen zu schluchzen. Herrlicher Überfluss. Das Glück zu saufen. nicht bezahlen zu müssen. um nicht zum Objekt der Begierden zu werden. Einige der Kerle wurden so widerwärtig. um nur ein einziges Mal nicht an den nächsten Tag denken zu müssen. Und endlich konnte das Bacchanal beginnen. bis der Schwanz steif wurde und die Zunge wie ein Wimpel im Mund flatterte. ohne Beherrschung zulangen. aber ihre Zungen waren bis hinters Gaumensegel gespalten. Sich volllaufen zu lassen. Es war das reine Glück. Keinen störte es. sondern der Glücksrausch des Jägers über hundert Kilo dampfendem Fleisch. ohne meckernde Kommentare. nicht zu viel zu trinken. dass sie mich knapsu nannten und wissen wollten. Ich bat sie. Zwei in jeder Hand.

Einer der Männer sang mit halb geschlossenen Augen Rosvo Roope und gleich danach Villiruusu. roch den Moder und spürte. Ich half ihnen Verstärker. Da unten roch es nach Sandboden und Kartoffeln. wie mir die Kälte entgegenschlug. obwohl ihn die meisten Vereinsmitglieder baten. Leider hatte Greger nicht kommen können. wollte aber vielleicht später noch zu uns stoßen. Als die ersten Jäger zum Pissen raus mussten. Auf den Holzregalen standen Gläser mit Moltebeeren. da das Korpelalied alte Erinnerungen weckte. damit es langsam die Temperatur annahm. Die Jäger hatten inzwischen ein herzliches Stadium erreicht. als Vater wütend den Idioten verfluchte. Man fing an zu erzählen und zu prahlen und verbreitete auf Finnisch und Schwedisch die schönsten Pornogeschichten. den einer der Cousins fuhr. Die Männer brüllten laut lachend los. Diskret füllte ich eine Limonadenflasche ab und brachte sie zu den Alten hoch. 248 . er musste ein paar wichtige Telefonate führen. Wir stellten alles erst einmal in den Holzschuppen. Ich balancierte die morschen Stufen hinunter. ein paar Bierkisten. eine Heringskonserve und ein Heringsfässchen.Bald war draußen Motorenlärm zu hören. bevor wir es anschließen konnten. Gitarren und das für diesen Tag verkleinerte Schlagzeugset auszuladen. dass meine Band eintraf. dass die Hauptsicherung halten würde. obwohl er das doch selbst gewesen war. Er zog sich schwankend mit ein paar leeren Flaschen in der Hand zurück und musste genau aufpassen. Auf den Lehmfußboden waren ein paar Bretter gelegt. Dann reichte er mir vorsichtshalber die leeren Flaschen. das sein zu lassen. der die Luke hatte offen stehen lassen. Niila.und Preiselbeerkompott. Reste eines angeschnittenen Beizlachses. sah ich. Erkki und Holgeri kamen in einem alten Duett an. Auch Vater war jetzt angeschlagen. und als ich nachschaute. stellten wir uns vor dem Backofen auf. Ich schob einen Verteiler in die Wandsteckdose und hoffte nur. die Kellertreppe zu treffen. und auf denen standen die Schnapsflaschen.

meinem Großvater zugewandt.Als der Strom eingeschaltet wurde. Wir setzten uns in eine Ecke und ließen die Limonadenflasche kreisen. was sie fühlten. Einer von ihnen schwankte zu uns heran und wollte unseren politischen Stand249 . den wir zu Ehren dieses Tages eingeübt hatten: »Oi muistatkos Emma sen kuutamoillan. Die Männer hatten unsere Vorbereitungen mit misstrauischen Blicken verfolgt. da unnötiges Lob nur zu übertriebenen Projekten und letztendlich Pleiten führte. Niila und Holgeri stöpselten ihre Gitarren ein und Erkki setzte sich hinter seiner Trommel und seinem Hi-hat auf einen Holzstuhl. Hinterher wollten die Kerle alle mit uns anstoßen. einen langsamen Walzer in Moll mit einem klagenden Solo von Holgeri. Die Stimmung wurde so traurig. dass die Fenster beschlugen. entspannten sie sich. der einen Stein zum Erweichen hätte bringen können. Aber als Niila die Begleitung im Dreiertakt begann. Wie es in Tornedalen üblich war. Alle kannten den alten Schlager. Ich sang. oi Emma Emma. ihre Beine zu strecken. kun yhdessä tansseista kuljettin …« Alle stellten die Gläser ab. der scheu seinen Blick abwandte. und die Musik drang direkt in die Seele. »Oi Emma Emma. äußerte keiner ein einziges Wort über den Auftritt. Die Jäger dagegen hatten Lust bekommen. knackte es beunruhigend in den kalten Verstärkerleitungen. Das Fest hatte bereits das wehmütige Stadium erreicht. Und zum Schluss brachten wir das Liebeslied von Erkheikki. Aber man konnte ihren Augen ansehen. kun lupasit olla mun omani …« Wir machten weiter mit Matalan torpan balladi. blieben still sitzen. Man hatte die erste Betäubungsphase hinter sich und wollte sich jetzt bewegen und diskutieren. Ich koppelte das Gesangsmikrophon an den Sonderzugang des Bassverstärkers und hustete die Stimmbänder frei.

ob sie nun schon gepisst hatten oder es noch wollten. Ein anderer wollte von uns wissen. während seine rotgesprenkelten Augen wie schwere Hummeln herumirrten. ob wir denn Freundinnen hätten und ob die geil wären und wie oft wir es machten. Er packte mich bei den Schultern und schnurrte mit ernster Miene seinen Text herunter. dass die Mädchen heutzutage geiler wären. dass die Sexlust der Mädchen wahrscheinlich zu allen Zeiten gleich war. bärenhafter Kerl hielt mich auf und wollte mir alles Mögliche erzählen. wenn man denn halb drinnen war. meinen Sack zu teeren. Die Kerle wurden sauer und drohten. Und obwohl wir ihn abwiesen. Ein breitschultriger. Seine Zunge lag dick wie ein Turnschuh in seinem Mund. meine Unterhose mit Schnee zu füllen. Einer der jüngeren Jäger bekam Lust auf eine 250 . ob es stimmte. Sie war endgültig und sanft wie das weiße Laken des Todes. worauf es ihm gleich der nächste nachmachte. Auf die Frage des Ersten antworteten wir ausweichend. Ich rahmte meine Initialen ein und erreichte ein weiteres Mal meinen eigenen Höhenrekord. Jetzt erreichte man langsam die zweite Betäubungsphase. Dann schrieb ich außerdem noch meine Initialen unter den Rekord. Die Entscheidung stellte sich als richtig heraus. seine Rede klang matschig wie Lehm. blieb er stur und wollte alle möglichen Details wissen. An dem Schneewall standen ein paar Kerle und versuchten herauszukriegen. Meine junge Blase war wie ein hart aufgepumpter Fußball prall gefüllt und ich schlug sie locker um Längen. Ich fühlte mich langsam etwas pelzig im Schädel und stolperte auf den Hof hinaus. was er sagte. Worauf er aufdringlichere Fragen stellte. Es war unmöglich zu verstehen. auf die des Zweiten. aber da war ich bereits auf dem Weg nach drinnen. Der eine Kerl pisste einen Höhenrekord auf den Schneewall. was da im Aftonbladet stand.punkt erfahren. das war von außen nicht zu sehen. denn bald kam der Strahl. Sie entschieden sich für Letzteres und zogen ihre grauen Haken heraus. bevor sie beschlossen. aber zu merken.

Ich tauchte in den Keller ab. fällt ein Nachtfalter. ihm zu widersprechen. Ein oikea mies fürchtete weder Tod noch drei Tage Kater. was der andere sagte. Sie kamen überein. die Muskeln seien hart wie Dörrfleisch.Diskussion und fing an. das Blut erstarre in den Adern. Bald waren die beiden in eine hitzige Diskussion verwickelt. aber seine Einwände waren genauso undeutbar. es an einer Stelle am Tärendo älv zu versuchen. wobei keiner von beiden verstand. wie es schief ging. Zusehen. denn nur wenige Dinge im Leben waren perfekter als eine frisch gefangene Äsche. die noch über eine gewisse Redefähigkeit verfügten. Ihr Mund fühle sich an wie Schleifpapier. Ein plötzlicher Wasserkreisel. mitten im Schweigen. dass es um die Ohren pfiff. über Lachsfliegen. leuchtend rote Nachtwolken. Über den Fichtenwipfeln Schwärme leichter Federmücken in der aufsteigenden 251 . davonrauschen. Er gleitet den Wasserfall hinunter. klagten über ihren Durst. Diejenigen. Und dann. Wie schön doch der Sommer ist. Wenn man sich zum Rutschen auf den Abhang gesetzt hatte. Erkki war am wenigsten anzumerken. Die Wasseroberfläche spiegelblank. Jetzt gab es kein Halten mehr. taumelt zwischen Steinen und Schaum hin und her. Vollständige Windstille. Jetzt wurden auch Niila und Holgeri langsam breit. obwohl er den höchsten Takt eingehalten hatte. die Lippen klebten zusammen. gebraten über einem nächtlichen Lagerfeuer neben einem rauschenden norrländischen Fluss. Er diskutierte mit einem der jüngeren Jäger. so vollendet und ewig! Die Mittsommernachtssonne über dem Waldrand. der mit hängenden Augenlidern und Rotztropfen im Schnurrbart dasaß. dann musste man sich halt immer weiter fallen lassen. der sich langsam in der gewaltigen Stille verbreitet. Er landet mit dem Staub seiner Flügel auf der zähen Wasseroberfläche. holte die letzten Flaschen herauf und stellte sie vor die Stimmen der Rufer in der Wüste. Sie prosteten sich darauf zu und bekamen Tränen in den Augen. nicht eine Kräuselung.

Da saßen sie und sahen mit ihren aufgerissenen Schnäbeln. das 252 . Ihre Hinterköpfe fanden Halt an der Banklehne. Ich setzte mich ihnen gegenüber und versuchte mit Zuckerstückchen in die offenen Mundhöhlen das Zielwerfen. Großvater kam nach einer Runde hinters Haus wieder herein. Sie wachten kurz auf und fingen an. kippten jetzt langsam schräg von den Stühlen. Einige wiesen darauf hin. sie setzten wir ihm jeweils zur Seite. schwebend auf der zerbrechlichen Hülle zwischen zwei Welten. Man könne Spiritus kaufen. Vater sah die Gefahr. an die Rückenlehne gedrückt. als wir ihn zur Küchenbank schleppten und ihn dort bequem in die Mitte setzten. und die Kinnladen kippten herunter. Die ältesten der Männer. dass seine Finger ganz blau gefroren waren. Die beiden anderen Alten hatten rundere Formen und wogen mehr. wenn man in dem dünnen Spalt sitzt. die am ehesten Tornedaldeutsch ähnelte. aber Vater verbot es mir mit einem bösen Blick. obwohl er selbst schon reichlich blau war.Nachtwärme. Während seiner Abwesenheit hatten die Besucher eine schreckliche Entdeckung gemacht: Der Schnaps war zu Ende gegangen! Einige Onkel und Jäger versammelten sich zu einer nuschelnden Krisensitzung. Er war unerwartet leicht und leistete kaum Widerstand. Man ging die bekannten Schwarzbrenner der Gegend durch. Das alles sieht man. das der Abend ja noch früh sei und OK noch offen hätte. den eine Sommernacht ausmacht. fielen aber der Reihe nach bald wieder in den Schlaf. und er verfluchte das Alter und dessen grausame Streiche. und sprach mich in einer Sprache an. dachte über den eigenen Vorrat daheim im Barschrank nach und wie man die Flaschen herauskriegen könnte. die zwischen siebzig und achtzig. und gemeinsam packten wir den ältesten und magersten Alten unter den Achseln. ihren weißen Glatzköpfen und faltigen Hälsen wie Vogeljunge aus. ihn mit Weizenmehl verschlämmen und dann durch einen Kaffeefilter gießen. ohne die Alte aufzuwecken. wie die Eulen zu heulen. Er war so langsam gelaufen. Ich verstand jedenfalls den Auftrag.

Ich war der Einzige. einer nach dem anderen. Großvater öffnete daraufhin den Besenschrank und zog den Kanister hervor. ja. aber andererseits gab es nur wenige so gesunde Sachen wie Fuselöl mit all seinen Spurenelementen und Chromosomen. Und während eine Runde nach der anderen verging. Die Zöllner kannte er. Einer der Jäger bot an. sogar noch größer als Jesus. Alle schwiegen und dachten bei sich. mit dem Taxi nach Finnland zu fahren. und die Kerle tranken. dass sich nicht nur der Inhalt verändert hatte. Feierlich stellte Großvater den Kanister in den Besenschrank und fragte. dass Großvater Jesus sei. murmelten nun einige. wenn sich alle an den Kosten beteiligen würden. falls er auf welche stieße. während die anderen Männer verwundert zuschauten. und baten ihn. wiederholte Großvater stur. während Großvater sogar Schnaps hervorgezaubert hatte. würde er also angehalten.war nicht nur stark. Ein Nachbar ließ kaltes Wasser bis zum Verschluss hineinströmen. sondern auch die Farbe der Ver253 . und dort in einem auch Abends geöffneten Laden in Kolari Starkbier zu kaufen. ne«. dass der Alte wunderlich geworden sei. riefen alle. außerdem Sauerteigbrot und piimä zu kaufen und ein paar finnische Schönheiten mitzubringen. soviel der Wagen fassen konnte. Großvater erhob sich würdevoll und holte einen leeren DreiLiter-Plastikkanister heraus. »Ne. da finnisches Starkbier das beste Gegenmittel gegen Kater sei. wie es um die Bibelkenntnisse der Anwesenden stand. dem auffiel. Zwar war er von der einfacheren Sorte und hatte einen schmalzigen Beigeschmack. Alle hielten das für einen guten Vorschlag. Ernsthaft bat er darum. sondern sogar trinkbar und sicher für alle mit kräftigem Herz ungefährlich. würde er sie einfach mit zum Fest einladen. »Seid ihr gläubig?«. da dieser Wasser nur in Wein verwandelt hatte. Dann goss er sich einen Schluck ein und reichte den Kanister weiter. ihn mit Wasser zu füllen.

254 . miteinander babbelten. er wurde der Dritte in der Reihe. Ein älterer. Jetzt tranken wir von dem Fusel. mit schielendem Blick sangen.schlusskapsel. um die Erweckungsstimmung nicht zu stören. beleibter Nachbar schlief jetzt langsam auf seinem Küchenstuhl ein. das Kinn auf der Brust. dass es ihn schüttelte. Der Snus tropfte ihm wie geschmolzene Schokolade über das Hemd. Dann deutete Vater beunruhigt auf die drei Alten auf der Küchenbank. auf dem Schaukelstuhl sitzend. bekamen den Schnaps ins falsche Halsloch und fingen von neuem an zu grölen. sich bekleckerten. Es war unmöglich. Da lagen sie nun Seite an Seite wie geschlachtete Schweine. Auch ich musste über die Besoffenen kichern. ihn wieder aufzuwecken. Seine Glieder waren vollkommen schlaff und ohne Halt. die auf ihren Hintern plumpsten und wie Krokodile zwischen den Flickenteppichen herumkrochen. dass wir zusammenbrachen. Unter seinen Kopf legte ich Zeitungen. ein schwaches Pochen. Er bat mich doch nachzusehen. wo er nicht im Weg liegen würde. Doch. und wir mussten bei dem Anblick so laut lachen. Ich konnte ihn gerade noch auffangen und seinen Kopf schützen. aber ich beschloss lieber zu schweigen. der in Bethaltung vor dem Haus erloschen war. Die gleiche Prozedur ereilte einen meiner Onkel. also packte ich ihn an den Füßen und schleppte den Körper zu einer Wand hin. Der jüngere Jäger mit dem Daunenschnurrbart lachte so laut über den blöden Anblick des Alten. wenn sie etwas tranken. ob sie nicht etwa tot seien. Der Daunenschnauzer half mir. prusteten los. die jetzt in der Rauchstube herumschwankten. auf Strumpfsocken in den Schnee hinaus gingen. falls er sich übergeben müsste. Nichts. den Snuskerl hinauszutragen und neben den Ersten auf den Boden zu legen. als er auf den Boden donnerte. Sie waren bleich und bewegten sich nicht mehr. In dem Moment schlief schon der nächste Alte ein. Ich ging hin und tastete ihren Puls an ihren blauädrigen Handgelenken.

also packte ich ihn unter den Achseln und schleppte ihn zu den anderen. obwohl sie seine Stimme bestimmt wiedererkannt hatte. Stattdessen guckte ich lieber unter seinem Namen im Telefonbuch nach und hielt ihm dann den Hörer ans Ohr.Niila und Holgeri kamen herein. Beim achten Klingelzeichen antwortete seine Alte. Stattdessen saß er ganz schief auf seinem Stuhl und schnarchte. wo er den nächsten Platz in der Reihe einnahm. die flüsterte: »Paska … paska …« und dann geheimnisvoll schwieg. Der Mann kämpfte. dass der Daunenschnauzer plötzlich aufhörte zu lachen. Jemand wollte ein Taxi. Ein anderer kroch zu mir heran und begann zu kläffen. genauso wie die Alten vorher. Ich fragte nach der Telefonnummer. um seine Frau anzurufen. die ihn abholen sollte. ich zickzackte zum Telefon und bestellte eins. die vermutlich schon schlafen gegangen war. »Ischh … lisch … fouhe boffaaa …« Sie schmiss den Hörer auf die Gabel. über die er sich so lustig gemacht hatte. hatte soeben eine Mitteilung auf Tornedalfinnisch hereinbekommen. Er konnte die Stimmen der Toten auf Mittelwelle hören. verstand aber nicht. Dieser saß mit halb geschlossenen Augen da. Sie klang genau wie seine Tante. um sich zu konzentrieren. eine Stimme. und ging zu Niila. dass er Hilfe haben wollte. um das eklige Halsbrennen wegzukriegen. Gleichzeitig bemerkte ich. der an einem Knochen nagt. Ich selbst merkte langsam. und ich reichte ihnen eine Thermoskanne. es hörte sich an wie ein Hund. Ich meinte. die im Herbst gestorben war. dass es vielleicht eine lange Schlange vor der Toilette 255 . zusammenzuklappen. Erst nach einer ganzen Weile begriff ich. was er darauf antwortete. Er war dabei. Sie wollten einen Kaffee. ein rauschendes Transistorradio am Ohr. sie rochen nach Magensäure und zitterten vor Kälte. jung und rotwangig neben den ergrauten Veteranen. wie der Boden sich drehte.

dass er mitfahren wolle. ein fallender Sack aus Fleisch und Blut. äußerst kräftiger Kerl. da ist was anderes!« »Ich höre nichts. Das Taxi wartete im Leerlauf. Er lauschte mit wirrem Blick. der vom Haus drang. dass … warte … dass … ich soll sterben …« In dem Moment kam das Taxi. Zwei der ausdauerndsten Männer versuchten sich Mäntel anzuziehen und wankten aus der Tür. ich packte die Füße und versuchte den Speckhaufen durch den rauen Schnee zu dem Fahrzeug zu ziehen. aufstieg. Dann sackte sein Körper zusammen. sein Gewicht oben zu halten. in den dunklen Sternenhimmel hinauf. Der Schnee schmolz an seiner Rückenhaut. der im Lichtschein. als wären seine Knochen Knetgummi. aber nicht einmal die Kälte weckte ihn auf. Ein dritter. pferdeähnliches Schnauben aus. Ich stützte ihn vorsichtig die Außentreppe hinunter und über den verschneiten Hof. Ich stolperte und ächzte und fühlte. die Beine rutschten weg. Der Kerl war besinnungslos. Das Hemd des Mannes rutschte hoch und bremste. 256 . Er war schwer wie eine Leiche. Hundert Kilo Mann. Ich versuchte. zurück zum Haus. Ich fühlte den Puls. Stöhnend zog ich nun den Körper in die andere Richtung. ich sah. aber Niila hieß mich still sein. hatte aber keine Chance. wie mir der Schweiß auf dem Rücken ausbrach. machte mir in Zeichensprache klar. vollkommen weggetreten von dieser Welt. Er fiel der Länge nach hin.im Himmelreich gäbe. Ein dünner. das verschwand. Der Körper lag dampfend da wie ein Fleischtopf in der Polarkälte. als wäre er punktiert worden. Schließlich gab ich auf und winkte dem Taxi zu. Auf halbem Weg zum Auto stieß er ein lang gezogenes. Zentimeter für Zentimeter. Er lebte. wie er durch die Nase und den Mund dampfte. »Warte. sich ringelnder Atemfaden.« »Das ist Esperanto! Sie sagt.

die Alten auf der Küchenbank wären abgekratzt. Rotz und Wasser zu heulen. und fing dann an. 257 . Jemand riss die Haustür auf. als ich den Blick hob. dass das stimmte. sagte ich. Wogen von Phosphor in schäumendem Mahlstrom. den dicken Kerl ins Rauchstubenhaus zu schleppen. kam dann aber doch auf die Beine. Er drohte mir Schläge an. das im Schnitt schimmerte. wo wir ihn in die beeindruckende Reihe auf dem Boden legten. schwollen an. wo er lag. Erleichtert schloss er die Augen. Erkki stolperte zu mir hinaus und öffnete seinen Hosenschlitz. all diese Schönheit! Viel zu stark für einen kleinen scheuen und besoffenen Tornedaljungen. er solle verdammt noch mal nicht einschlafen. Und genau in dem Moment. anzuhalten und Luft zu schöpfen. Große grüne Fontänen wuchsen empor. Erkki stellte verwundert fest. Gemeinsam gelang es uns. Schnelle rote Axthiebe. dass ich auf die Knie fallen wollte. Plötzlich schien es mir. Ich schimpfte.Ich war gezwungen. die Haut war gelb und wächsern. Diese Pracht. Großvater beschwor all den Behördenkram herauf. Die Lichtstärke des Scheins nahm zu. der die Folge sein würde. das sich in der klirrenden Kälte fortpflanzte? Es war so schön. Die Stimme des Nordlichts. flammte ein Nordlicht auf. ging ein paar Schritte weiter und fiel hin. Die Glatzköpfe hingen in verschiedene Richtungen. Ich machte ihn darauf aufmerksam. Vater und Großvater saßen bleich am Küchentisch und stammelten. »Ja. wie von einem finnischen Soldatenchor. sie sind tot«. als erklängen leise Töne von dort oben. Oder war es das Geräusch des Taxis. dass ein besoffener Mann zu seinen Füßen lag. Wellen von Meeresleuchten schäumten auf. wurde lebhafter. fummelte er seinen Pimmel heraus und pinkelte da. Lange Zeit stand ich still da und genoss das Schauspiel. violettes Fleisch. Ich ging hin und fühlte bei allen dreien den Puls. und trat ihm ein wenig Schnee ins Gesicht. Bequem im Schnee ausgestreckt.

wie der Rausch seinen Höhepunkt schon überschritten hatte. nach oben. Herzinfarkt in der Sauna sowie Alkoholvergiftung als die hervorragendsten Beispiele. Ich musste so laut über ihre Gesichter lachen. Und heute Abend hatten also diese drei geschätzten und respektierten Verwandten gleichzeitig beschlossen. Ein sehniger. ganz grün im Gesicht. er stützte sich am Tisch ab und machte mit den Beinen gymnastische Bewegungen. während die Lebern versuchten. wie ich sie hingelegt hatte. der sich noch rührte. Vater hielt eine lautstarke Rede über den finnischen Heldentod und erwähnte Selbstmord. Seite an Seite durch das Portal der Ehre zu wandern … Der magere Kerl in der Mitte öffnete daraufhin die Augen und forderte mehr Schnaps. den Körper von den Giften zu reinigen. Er versuchte sich aufrechtzuhalten und trank ab und zu aus der Kaltwasserkelle. langsamen Bewegungen herum. und alle ließen ihn gewähren. dass ich fast vom Stuhl fiel. Auf dem Boden lagen die Kerle der Reihe nach noch genau in der Haltung. Niila saß mit dem Rücken zur Wand. und die Gehirnzellen wie Fliegenschwärme starben. dass es erst jetzt ein richtiges Fest war. dehnte sie seitwärts in komplizierten orientalischen Mustern. blieb aber mit der Jacke an der Rückenlehne hängen. Andere krabbelten wie Schildkröten mit zähen. Erkki wäre fast von seinem Stuhl gefallen. eingehüllt in ein traumloses Rauschkoma. Rundherum in der Rauchstube verbreitete sich Ruhe und Frieden. wo schon die Toten anfingen zu saufen. und sich an der Nase zu ziehen.wie es alte Leute tun. Das machte er immer. Holgeri lag daneben in Fötusstellung und zuckte immer wieder. Vater brach seine Rede abrupt ab und starrte ihn schweigend an. Ich spürte in meinem Inneren. Streckte sie vor. Die meisten waren inzwischen verstummt und in sich gekehrt. sechzigjähriger Jäger war der Einzige. Krieg. Großvater streckte sein vollgerotztes Glas hin und sah. wenn er besoffen war. wie es mit zitternder Hand geleert wurde. und erklärte. dass es ins Glas tropfte. Er brauste irgendwo weiter 258 .

ein Zeichen für langes. das sein zu lassen.« »Stücke?«. Es klang schrecklich. bis wieder Leben in sie kam.hinten im Körper. Draußen war ein Auto zu hören.« Wir hielten an der Schule. und ich sang meine Improvisationen und fühlte mich schon langsam wie ein Rockstar. und wir schleppten die Verstärker rein. »Spring rein. »Ich habe eure erste Tournee organisiert. genau wie wir selbst. deshalb blieben wir da.« »Was?« »Dass ihr mehr Stücke habt. dann fahren wir!« Dann hielt er inne. Greger pfiff fröhlich und trommelte auf das Lenkrad. ein Freizeitheim und ein Amateurfestival in Luleå. aber es kam von Herzen. grinste er. Jetzt müsst ihr üben. In weniger als vier Stunden hatten die Jäger mehr als einen Liter pro Schädel geschluckt und wieder ausgekotzt. Niila schlug seine selbst gemachten Riffs. echoten wir dumm. »Es kommt in Gang«. Holgeris Gitarre war 259 . es war rau und ungehobelt. Kurz darauf waren Schritte im Eingang zu hören. verbissenes Training. Alle waren immer noch durcheinander und aufgedreht von der Nachricht. auch als Greger nach Hause fuhr. Greger lachte nur. Drehte sich langsam um und betrachtete sprachlos das beeindruckende Schlachtfeld. um zu spielen. während wir ihn anflehten. das näher kam. das Scheinwerferlicht tanzte über die Tapeten. Greger stürmte herein und entdeckte mich. »Ich habe den ganzen Abend rumtelefoniert. wir schleppten unsere Ausrüstung zum Wagen und brausten davon. Das Fest war zu Ende. Ich schüttelte meine Kumpel. während ich ruhig dasaß und das Beingezappel des Mannes beobachtete. Greger schloss den leeren Musiksaal auf. Ein paar Schulen. obwohl es erst elf Uhr abends war.

Es gab keinen Verkehr. Die Kirchenstadt Pajala lag öde in der Winterdunkelheit. Die Kälte drang in unsere Lungen. Wie gemäß einem wortlosen 260 . vier pochende Herzen in der innersten Astgabel der Wintertaiga. wiegende Klänge. als ahnten wir. Wir blieben auf Pajalas größter Kreuzung stehen. ja die ganze Welt lag unbeweglich da. quietschende und schreiende Töne. der zwischen dem Farbenhandel und dem Kiosk. Im Osten führte die Straße nach Övertorneå und Finnland. jaulende. Und der vierte Wegstumpf zeigte hinunter auf Torneälvens Eis. gaben wir auf. »Man müsste irgendwohin abhauen«. die Ohren weiteten sich durch die Stille der Dämmerstunde.« »Stockholm!«. Rock ’n’ roll music – mindestens zehnmal. »einfach nur wegfahren. Es war kurz nach drei Uhr in der Nacht. Ein Zögern überfiel uns. »Amerika!«. In den Fausthandschuhen taten die Fingerspitzen noch von den schneidenden Saiten weh. Wir knarrten heimwärts im Puderschnee unter leise surrenden Straßenlaternen. dass wir angekommen waren. Erst als Erkki beide Trommelschläger zerschlagen hatte. Wir drehten uns um und spähten unsicher in alle Richtungen. Dass an dieser Stelle etwas anderes beginnen sollte. Und schließlich spielten wir unseren alten Hit. meinte Niila. Als wären alle in der Stadt erfroren. Der ganze Ort. rief Holgeri aus. alle vier nebeneinander.durch die Kälte vollkommen verstimmt und seine Finger unbeholfen. meinte Erkki. Nur wir lebten. sagte ich. »Irgendwann möchte ich mal China sehen. Der Weg nach Westen führte nach Kiruna. »China«. Wir gingen mitten auf der Straße. Im Süden kam man nach Stockholm. aber gerade deshalb brachte er ein sagenhaftes Solo zustande.« Es war so still. Nach einer Weile traten wir alle mitten auf die Kreuzung und setzten uns dort auf den Hintern.

das erste Leben. Vier Jünglinge auf dem Rücken auf einer Kreuzung liegend. 261 . Und hier endet die Erzählung. Ich verlasse sie hier. Sie sind schon eingeschlafen. alles war so still. und zum Schluss schlossen wir in aller Ruhe unsere Augen. Kindheit. Es war kein Verkehr zu hören. das wir lebten. Ich bleibe still bei ihnen stehen und betrachte sie.Abkommen legten wir uns mitten auf die Kreuzung. Der Atem geht tief. Jungsjahre. Seite an Seite lagen wir da und atmeten in den Weltraum hinauf. quer über die Fahrbahn. die Muskeln sind entspannt. die Gesichter den Sternen zugewandt. Spürten die Eisbuckel unter dem Arsch und den Schulterblättern. Wir streckten uns auf dem Rücken aus und schauten in den Sternenhimmel hinauf.

Äijä und Tornberg. zirkusartige Brücke mit ihren hohen Brückenpfeilern. Wenn ich mich drehe. Unter mir fließt der Fluss in seiner ständigen. wo sie alle geblieben sind. Karvonen. Groth. fahre ich hinauf nach Pajala. die wie ich weggezogen sind. Vittulajänkkä mit seinen Ydfjärds. Menschen. Strandvägens Wilhelmssons und Marttikala. Die Gedanken bleiben eine Weile bei meinen Spielkameraden hängen. 262 . wenn meine Sehnsucht zu groß wird. Kreku. Moona und Lehto. die ich einmal kannte. Samuelsson. Paskajänkkä mit seinen Kangas. Ich komme dann immer abends an und wandere über die neue. Erkki. Die Erinnerungen kommen zurück. breiten Bewegung zum Meer hin. die aufblitzen. Das leise Brausen spült den Lärm der Stadt aus den Ohren. Meine Rastlosigkeit rinnt in der zunehmenden Dämmerung aus mir heraus. sehe ich die Umrisse des Waldes und den Jupukkaberg mit der blinkenden Nähnadel des Fernsehmastes. die meine Welt mit mir geteilt haben. die zu meistern mir nie ganz glückt. Muotka.EPILOG Manchmal. der ich Schwedischlehrer in Sundbyberg wurde. Und ich selbst. vielen mehr. die sich über den Torneälven erstreckt. Holgeri. Palovaara. Ich umfasse das kalte Brückengeländer mit den Händen und überlege. mit einer Sehnsucht. Texas mit allen Wahlbergs. Ich lasse die Augen über den Ort wandern. einer Wehmut. Pekkari. der Diplomingenieur geworden ist und jetzt beim Mobilfunknetz in Luleå arbeitet. der Vorarbeiter im Eisenerzunternehmen LKAB in Svappavaara geworden ist. Menschen. Zeidlitz. Namen. an Menschen. Perttu und vielen. Mitten über dem Wasser bleibe ich stehen und schaue über die Stadt hinweg mit dem spitzen Turm der Holzkirche.

wie das Eis brach. das war vielleicht ein Eisbrechen …« O ja. als wir da auf der Brücke standen und sahen. Matti. Der Einzige von uns. war beim Markt von Pajala. Das letzte Mal. Rock ’n’ roll music. dass wir uns trafen. Der wirklich darauf setzte. der bei der Musik blieb. und er brummte manisch: »Das Eisbrechen. In der nächsten Nacht fuhren wir zum Angeln nach Lappeakoski. Der Geschmack eines Jungenkusses. Seine Pupillen waren klein wie Stecknadelköpfe. ich erinnere mich dran. er war aus London angeflogen gekommen und kratzte gedankenverloren an kleinen Wunden an seinem Handgelenk. Niila. Zwei Kaulquappen und eine selbstgezimmerte Gitarre. Ich habe keine Blumen dabei. wie das Eis brach. 263 . o verdammt. bleibe aber eine Weile an Niilas Grab stehen.Auf dem Heimweg gehe ich über den Friedhof.

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