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Die Lage der Ziegelarbeiter 11

I ' Cf
. ''' t 'flj
Die Lage der Ziegelarbeiter.
lm Dezember 1. 888 halle sich Adler in di e Zi egelwerke der Wiener-
berger Gesell schaH eingeschlichen. Was er dorl sah und erfuhr, legle er in
folgenden Ar tikeln ni eder:
I.
Jl. A. D i e W i e n e 1· b e r g e r Z i ·e g e I f ab r i k-
u IL d B a u g e s e ll s c h a f t zahlt ihren Aktiünären r echt
f ette Dividenden. Ihre Aßdien, d'ie mit 120 fl '. eingezahlt sind,
11 a-ben · im letzten J ahl'e nicht w·eniger nJs 14 fl., das sind
11·7 Pro z ent getragen. Bei 35.000 Aktien macht ·das di e
]
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übsche Summe von 490.000 fl., welche ins Verdie11en
o·ebucht wurde. Der Reingewi!lln kommt bekanntlich d'ur ch
""
das "harmoni sche Zusammenwil'ken von Kapital un-d Arbeit"
zustande. Die   des Kapitals ha,ben wir geschiJ!dler t, es
hat si ch di e Mühe genommen, die Coupons a.bzuschne,id'en und
f.i_ur diese schwere Arbeit je 14 fl. einzukassieren. So ist das
Kapital doch "Entbehrungslohn" ; gewiß, das Ka;pital bildet
sich aus jenem Lohn, wel'chen die Arbeiter entbehren!
Hören wir nun, wie ·d'er andere Teil, wie die Arbeiter
dieser r eichen, glänzenden Aktieugesellschaft leben.
Nuill denn, diese• armen ZiegelatbeiteT sind di e ärmst e11
Sklaven, welche die Sonne bescheint. Die blutige Ausbeutung
dieser el end'est en aller Proletarier wi r d d'urch das yer-
brecherische, vom Gesetz ausdrücklich verbot ene T r u c k-
s y s t e m, die Bl e chwirt s chaf t, in unbedingte Ab-
hängigkeit verwandelt. Der Hunger und' das El 0nd, zu dem sie
verdammt sind, ·wird noch entsetzli cher durch die \V o h-
n u n g e n, in wel che sie von der Fabrik oder ihren Beamten
z ·w a n g s w e i s e eingepfercht werden.
Von den Verhältnissen der Ziegelschläger · werJden wir
nächst ens ausführlk h :berichten, heute \VOllen wiT von den
"Arbeiterpartien" Slll' echen, die aus ledigen Männern best ehen.
Sol che gibt es am Wiener'berg jetzt im Winter dr ei, j ede z11
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12 Die Lage cle1: Zi egelarbeiter
70 bis 100 JI.Iann *), welche je unter einem Partieführer st ehen.
Der A1'beitslohn beträgt im So-mmer 6 bis 7 fl. wöchentlich ;
im Winter sinkt er rbis 4 fl. 20 kr. Man bedenke, schwere
Arbeit in frei,er Luft und' zehn Minuten vor d·en Toren W iens.
Aiber wenn dieser elende Hungerrlohn a.uch nur wirklich
ausbezahlt werden wÜT·de ! Diese armen T·eufeJ. sehen a1ber
monatelang kein "gutesr Geld", der dort übliche Ausdruck für
das seltene Bargeld.
So·ndern zwei- bis dr eimal täglich erfolgt . die Aus-
zahlung in "BI e c h", ohn·e -daß auch nur gefr.agt wird, ob ·der
Arbeiter .es will unJd' braucht. Noch mehr, wer \kein Blech
nimmt, wird sofort entlassen. Dieses "Blech" wirdr nur in den
den einzelnen Partien zugewiesenen Kantinen ·.ngenommen, so
daß der Arbeiter nicht nur aus dem W er'k nicht herauskann,
weil er kein "gutes Geld" hat, sondern auch irmerhalb ·des
Werkes i st jeder einem besonderen Kantinenwirt aJs -Bewuche-
runo·so!bjekt zugewiesen. Die Preise in ·d'iresen Kantinen sind
bedeutend höher   ~ · s in dem Orte Inzersdorf. Ein Brot, das in
Inzer sdorf 4 ikr. kostet, muß der Ziegel aribeiter mit 5 lkr. Blech
bezahlen. Ebenso sind Bier, Schnaps, Speok, Wurst und
Zigarren in ·der Kantine entsprechend teurer die Qualität der
.J alnung ist natJi.irhch die d:enkbar elendeste. Im Gefühl seiner
:Macht sag.t e ein Wirt einem Ar'beiter, d:e11· sich .beklagt e: "Und
wenn ich in di e Schüssel sch . . . , müßt ihr's arnch fressen. <t Und
der )rJ:ann hat recht, sie m ü s s e n! ! /
Aber nicht nur Nahrungsmittel, sondern die elenden
Annseligkeiten, die sich ·der Z:iJegelarbeiter von seinen 'bilutigen
Kreuzern kaufen kaJln, alles erhält er gegen Blech. Der
Partieführer selbst vel'kauft ihm Fußsocken, Fausthandschuhe,
Holzscbuhe, Schürzen, ja selbst alte Hosen und Stiefel (welche
freilich nur sehr wenige sich };: auf.en 1cönnen), ail'les um
mindestens ein Drittel teurer als der Krämer im Orte. A·ber
in den Ort hina,usgehen, um einzukaufen, darf ~ d e r Arbeirt;er
nicht. Er kann ohnehin selten, weil er Urein "gutes Geld" hat.
und verschaffte er sich es zufällig, so ·da.rf er es nicht hinaus-
") Die G.esellSiChaft besitzt noch die Ziegelfabriken: Hiedermannsdorf.
Guntramsdorf, Hennersdorf, Vösimdorl, Hernals, Oberlaa, Laaerberg, Laaer-
wald sowie die Tonwarenfabrik zu Inzersclorf. In all en diesen Fabrikerr
geht es ähnlich zu; einen ausführh eben Bericht bringen wir he11te aber nu1
,·om Wienerbef!1;.
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Die Lage der Ziege.larbeiter 13
tragen. Der Kantineur zählt seine Leute und hält strenge
Ordnung, auf seinem Tisch liegt der Ochsenziemer auf und
wird gar häufig angewendet. "Wollt ihr euch ant rinken, so tut
es hier", heißt es. Wer auswärts einkauft, wird sofort entlassen.
Be1 dieser Blechwirtschaft weiß natürlich ikein Arbeiter,
wie eigentlich seine Rechnung ibeim Partieführer steht; er
erfährt nur, daß er immer noch "Rest", d·as heißt schuldig ist,
so daß er sich aus den Klauen der Wucherer nie frei-
machen kann.
Kaufen also können und dürfen die Arbeiter nicht aus-
wärts. A'ber zu b ette ln ist ihnen erlau.bt. Da l aufen• sie zur
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n s e r v e n f a b r i k in Inzersdo-rf, welche gegen Ahe.ncl
vOOl den arme•n: Teufeln umla.gert ist, und' wo sie um "Go1'lasch-
saft ", eine unappetitliche Brühe, bitten gehen. Und kann sich
einer freimachen, so läuft er anderthalb Stunden weit nach
Neu ·d o r f zum Scharfrichter von Wien, Herrn von
S e y f r i e d', der, wie wir hör en, täglich 80 Portionen Suppe
nnd Gemüse, n:ebst einigen Brocken Flei>Sch .au steilt. Beim
Henker .i st mehr MitlJeid' als !bei 'der   und
den von ihr 'besoldeten
Die Partieführer würden a:ber ihre S1da.ven nicht ganz
i:n der Hand halben, wenn diese aberuds auswärts schlafen
gingen. Darum müssen alle Arbeiter im Wer ik e schlafen.
Für di e Ziegels-chlager gibt es el ende "Arbeti.terhäuser". In
jedem einzelnen Raum, sogenanntem "Zimmer" dieser Hütten
.. chl afen je drei, vier bis zehn Familien, Männer, 1{.,7 eLber,
l(in>der, al'le durcheina.nder, untere·inander, übereinander. Für
d'i.ese Schl afhöhlen scheint die Gesellschaft sich noch
,,
W obnungsmiete" zahle.n zu lassen, denn der Bericht des
Gewerbeinspektors meld·ert 1884 von einem · Mietzins von
56 bis 96 fl., der auf ·dem Wienerlberg vorkommt.
hber di e verheirateteill Ziege-lschläger und Han-dwerker
.sind noch die Aristo1o:aten unter den Ar·beitelill! Nicht "' O
glänzend geht es den ledigen Arbeitern, den Brennern, Heizern,
Einscheibern, Ausscheibern, den P1a.rtiear-beiterru. Auch diese
müs se n auf dem Werke wohnen. Die GeseHschaft stellt
ihnen Wohnungen zur Verfügung; sie hat die W ohnnngsfl·age
wunderbar gelöst.
Seit einiger Zeit "wohnen" die Ledig·elll in eigenen SchlaLf-
räumen. Ein ni-cht mehr 'benützter Ringof.en, eine alte Baracke,
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Di e Lage der Ziegelarbeiter
wird dazu ·benützt. Da liegen denn in einem einzigen Raum
40, 50 bis 70 Personen. Holzpritschen, elendes altes Stroh,
darauf liegen sie Körper an Körper himg.eschlichtet. In einem
solchen Raum, der etwa 10 M.eter la•ng, 8 Meter breit und
höchstens 2·2 Meter ho·ch ist, ülbe.r 40 Personen, für
deren jede also kaum 4 Kubikmeter Luft ,bleiiben, wo
15 Kubikmeter ein 'bei der sehrechten Lüftung des
Raumes kaum genügerrdes Minimum wäre. AJber freiiich, dann
dürften in ·dieser Schlafhöhle nur zehn Personen schlafen; und
das ·kann die arme Wien er.berg.ea.- Gesellschaft nicht leisten. -
Da liegen sie denn, diese armeiJ.l Menschen, ohne Bettuch, ohne
Decke. Alte Fetzen bilden die Unterlage, ihre schmutzigen
Kleider d·i.enen zum Z1vdecken. ,Ma'D.che ziehen ihr einziges
Hemd aus, um es zu schonen und liegen naCJkt da. Daß Wanzen
und Läuse die steteiJ.l Bett'begleiter sind, ist natürlich. Von
W a ·chen, von Reinigung der Kleider kann ja keine Rede
Aber noch mehr. In einem rdieser Schlafsäle, wo
50 Uenschen ".schlafen, liegt in einer Ec·ke ein Ehepaar. Die
Frau hat zwei rW ochen i'll demselben Raun(, in Gegenwart
der 50 ha'!bnadkten, schmutzigen Männer, · 1l"diesem stinkenden
Dunst { n t b u n d' e n!
Sprechen wir nicht von d.ßT Schamhaftigkeirt, sie ist ein
Lux11s, den sich nur die Besitzenden gest•atten können. Das
Leben der Mutter. ist eine G:eburt U)Jtt-e; soJ..chen Um-
ständen bedroht. Abe.f'was hegt an ·emem a-fmen W e1be!
Diese "Schlafsäle" sind eine iJ.leue Errungenschaft. Bis
vor kurzer Zeit schliefen aJile il'edigen Ar'beüter, und heute
schläft no·ch eine Männea:p.a.rtie am W i e n er b e r g, der größte
Teil am L a a e r b ·e r g uiJJd auf den anderen W - i111 und
auf dem R i n g o f e IJ1. Schlafen sie d·a im Heizraum, so haben
sie eine unerträgliche ·Hitze auszustehen; schlafen sie oben,
so überweht sie oben die kalte N achtluft, unten werden sie
halb gebraten von den heißen Abzügen des Feuers. Von Aus-
klei·d:en ist na.türlich Red:e. Unte:r dem Kopfe ei:nen
Hauf.en Kohlen, deoken sie sich mi·t dem schmutzigen Rook
notdürftig zu. W e.r sich Bretter 01der Ziege\]' als Kopfpolster
nirmnt, ist in Gefahr, geprügelt zu werden, wenn er erwis·cht
wiTd. Die Sträflinge i'll Si:birien sind ·besser versorgt als diese
Leute, die dlas V er'brechen   die fetten Dividenden für
clie Aktionäre der Gesellschaft zu erzeugen.
-- -
Oie Lage rler Ziegelarbeitel'
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Abel' diese Schlafstätten, .so schändlich sie
· d . . d eh ein vielbeneJ.odeter Unterstand: fur d:te annen
SlD: , SJ:e SliJI no . .
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n..d hl E
1
·n Schandmal unser·e•r Zelt 1st es, das wahre
u' ac osen.
Kainszeichen der brüdermordenden Gesellschaft, daJ3 es
"'" h ·'bt für d:ie die "Ringe" am Wiener.berg ein
.:.n.ensc en g1· , . .
Zufluchtsort sind aus dem Sl'e gewaltsam vertneben werden
müssen. Da die Streifung! Genrdarmen, die Partie-
führer, Wächter mit Stöclken und Hunden kommen
. ·d· . " Wehe (lern Ung•1:üc.klichen, der dies Obdach
"r ev1 1e1 e<n . . .. .
benützt hat, ohne (Iurch Frondienst fur d1e .Gesellschaft dafür
bezahlt zu ha'ben. Dreimal wehe d'em Ar.beiter, der entlassen
wurde und sich noch dort findet. Unt·er grausamen Prügeln,
Peits·chenhi
1
e'ben und Beschimpfungen werd·en s1e hinans-
g"eitri eben.
Nun. könnte man fragen: W.a.rum wohnen die Arbeiter
nicht in den urnlieg·enden Orten? Erstens .bekommen sie für
"h.   [teinen Unterstand. Dann a•ber, ·das ist
l r " . w· d P .
das ·wichtigste, führen d1e ute un artlefübrer strenge
Kontrolle. Wer auswärts wohnt, wud entlasse-n. Der Wirt zählt
die Häupter sei•ner Li.e,ben. Wer fehlt, kann darauf rechnen,
d'a.ß seine Zeit abgelaufen ist.
Man sagt, daß die Partieführer von den: Wirten 10 bi s
15 p r
0
z e n t des Gewinnes erhalten, d'a.ß sogar di e Werksleiter
fr eien Trunk bei ihn·en ha.ben\ Wi-e dem auch sei, j edenfalls ist
die Wi,enerberger Ziegel:f.abrikgesell'schaft selbst
und Veranlasserin d'ieser Veribrechoo an ihren I"ohnlknechten.
Sie bezieht vou den Wirten eiuen gauz enormen P a c h t z i n s,
sie muß also ganz genau wissen, daß und' wie er gewonnen wird.
Sie teilt den Raub m i t d en W i r t e n.
Die Zi:egelar.beiter d:er Wienerberger Gesellschaft werden
doppelt ausgelbeutet Als Produzenten ·durch di e erbärmliche
Niedrig'keit des Lohn es; als Konsumenten durch ·die Wohnung _
beistellung und d'as Blechwesen. Die erste Art ·der Aus-
beutung ist ganz gesetzlich. Unsere Gesetze sind eben so. Die
zweite Art d·er Ausbeutung ruber ist nicht nm unmenschlich
'
sonelern v o m Ge s e t z v e r b o t e n. Es ist ein V erbrechen
nicht nur vom Standpunkt des Menschen, sondern auch YOm
Standpunkt d'es Gesetzes, daß sich d1er Fabribmt von 'dem sauer
erworbenen Hungerlohn des Arbeiters ein.en Teil durch
oder Blechsystem zurüc[csti ehlt. Und dieses Verbrechen wir d

I
16 Die Lage der Ziegelarbeiter
.begangen·. vor 'den . TM·en ·W,iens, ·u·nter ' d'en Augen der Ge-
w,e r .1.b e· b te.h ö r den und' dte·r -Ge ·we r b ei -ns p t ·o· r e n.
Wenn das InspeiktoTat zu s·chwacP, ist, ·um gegen d'i,e mächtige
:Gesellschaft . 'a-ufzu]<JQmmen, wir · werqen seine Bemühung·en
unterstützen . .. Wir we-rden nicht · ruhen, <bis dieäe Schandwirt-
schaft hat . .AJher Behör•d·en und! Öffentlichkeit .könil)._en
.ni:cht· alles machen. Die. Hauptsache ist d'ie Tätigkeit der
:Aribejrt;e:r seLb-st. Sie müssen sich e,ndliich aufraffen urud· ruhig
a.ber energisch erklär:oo, · 'daß sie· sich d'iese Berau.bung . nicht
mehr gefallen 1a.sse;n· wer·den.
("G l eic h h e i t" · Nr. 48 vorn l. Dezember -iSSS.)
II.
v. a. Unser letzter Artikel ist nicht ganz olhne -Wirku.ng
ge'bliebim; . das Blatt ging . seit Samstag ·am W i e n. e r b e r g
v'oh Handi zu Hand und Vterursachte zunächs't bei den Beamten
lind Wirten die größte Wut, welche sich nocli m·elir steigerte,
a:Is- .am Sonnta-g, was seit langem nicht vorgekommen, · eine
garize· Anzahl' von . Arbeitern die 'Annahme . "Blechs"
;weigerte. 'Die Braven· ha'tten so gespart, daß sie · für den Sonn-
tag si'ch einige .Kreuzer erübrig.t hatten. Freilich zwang sie der
Hunger schon ilm Montag .. wiedtß.r ,unter ,dflS W.uc,4erj()ch. 'Aber
Versuch des Widersta·ndes · genügte, wn - die Rache rege
zu Aus. den Pa-rtien Kadletz und Homolats!Cl1 wurden
zusammen zwölf. Mann - ·natürlich o· h n e· K ü n :d, i g u n g --=...
Die von der wir erzählten, .sie habe in dem
"Zimmer". in Gegenwart von 50 Männern entbU'nden, wurde
·amt ihrem Mann davongejagt. Das
entfer!!.t werden. Überall in den Hütten d·er Ziegel scMäger
sowie unter den zerlumpten "Kleidern" der Ledigen SlJchteo
Partieführer .. und. Werkleiter nach der· "Gleichheit"*).
. Weh dlerp, · bei dem man sie g.efunden hätte; ·merk-
_würdig, gelesen hatten sie alle, gefunde;n wurde sie bei
Dfe   fluchten um die Wette mit den W.!rten
die "verdammt,en So,zialisten", ·woruntJer sie die Leute. ver-
stehen, . die von ilhne;n nicht bewuchern lass(m wollen und
die . da,ß auch Ziegelarbeiter und
*) Man berichtet uns, daß auch Gendar rn e n sich an diesem
Untersuchungsverfahren beteiligten. Wir konl!l>len wber die Tatsache nicht
absolut sricher feststellen und teilen sie unter aller Reserve mit.
Die Lage der Ziegelarbeiter
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spruch auf ein besseres Obdach haben als einen Ziegelofen,
dier zu schl echt a]s Pf•e,rdestall wäre. Der Werkführer Krenn-
höfler verkündete ein besonderes Ausnahmegesetz fü.r den
  Kniippelbezirk: "Wer Zeitungen liest, etwa an
Vie
1
tsammlungcu od 1' Vor in n teilnimmt, wird sofo<l't ent-
lass,en. Die Bartien werden wir auflösen und andeTe I.1eute
nehmen." Der Mann ' verdi ente eigentlich Statthalter vo•n
Böhmen zu wercl en!
A b e r a u c h d i e B e h ö r d e n g r i f f e n e i n. Die
Tatsachen, die wit zur Kenntnis braclbten, der Bl hwucher,
die Schlafstätten, kannte die Bezirkshauptmannschaft seit
Jahren. Sie mußte sie kennen, denn täglich und nächtlich
streifen dort ihre G e •n d a r m e n und unzähligemal wurden
vom Ringo:fen Lento nnch Tnz rsclorf ins GemeindOFnnt oder
nach Hietzing ins Bezirksgericht gebracht. Die Behörde \.var
langmütig, si e sah d m Verbrechen, las da an Hunde1·te11 von
fUlll n M nFm·lt 11 v·C·I·ii.bt Vll l'd , 11fH·lu;icill1;ig :t. IL Al s1 aber di e
Djnge in :dli.e Öffentlichkeit k.a.rn n, als di e Möglichkeit einet·
Abh ilfe i.n Aussicht war, da konnte die G nilar.merie nicht
Hingc1' zÖg'J'l l. S.ic grif:f ciu, on rg•isch u:ncl pl'ompt, wie lmt11
es von ihr gewo.hnt ist. Die Gendarmeri·e machte der Sache ein
Ende - nh ' I' nicht etwa 1 •n'l! Bl chwucber ! N .in, sond - 1'11.
in Gemeinschaft mit den Blechwucherern, den I artieführern
und Wüten s11 ßtten G ndarmen nach mehr rcn Arbeitern, die
im V·erdacht stehen, das Materi,al für unsere Auf ätze geliefert
zu hal en. Ai e suchten T.a1g tmd Nacht, .bis sie den Verbrecher
Jan den. Und Di nstug nachts tlllt J2 Oln jagt n s·i r·icl tl;ip; d n
früher bei der Wienerberger Gesellschaft beschäftigten
OonoFJR cn   n h) uns AOillrr Sehla{stcllo in TnzorFHl od auf.
Man hielt ihm vor, er habe mell1Nl1l'e ExempJ.are der letzteu
Nmnmet· d 1· "Gl eiehhi it" verschenkt und der Verbrecher
wurde sofort - ·nacltts - wegen Übet·trel;11.ng des § 23 d :-;
Preßges1etzes verhaftet und an ·d!as Bezirk ·gericht Hietzing
ahgelic:f rt, wo '!'li' h •ute no. h sitzt, g wärtig seiner Abstrafung.
V er gleichen wir einmal: Der § 133 des Gewerbegesetzes
bedroht die Blechwirtschaft mit einer Geldstrafe von 10 bis
200 fl.; der § 23 des Preßgesetzes die unbefugte Verbreitung
"Von nicht verbotenen Druckschriften ebenso mit einer Geld-
strafe von 5 bis . 200 fl. Die Blechwuclberer und ihre Mit-
schuldi gen, die Partieführer, die W erkleiter, die Insrpektor·eln,
2
18 Die Lage der Ziegelarbeiter
Direktoren und Verw.altungsräte der Gesellschaft, !dltnch deren
Gesetzesverl<e.tzungen Hunderte und aber Hunderte von Ar-
beitern jahQ·elang fortgesetzt um ihren Lohn betrogen und in
sklavischer Abhängigkeit gehalten wurden - sie alle haben
Dienstag nachts ruhig in ihren Betten geschlafen oder in
.Kneipen höherer und hödhster Gattung. ruhig gezecht. Und ihr
V erbrechen ist den Behörden längst bekannt und ist
€ r w 1 e s· e n .
Der Mann aber, der hungernd und frieren:d1 bei jedem
W•etter, in steter Gefahr, erwischt und geprihgelt zu werden
. '
nach Wien kam, um uns zu berichten; dem ehe Ar'heiter am
Wienerberg es verdanken, wenn einiges sich cfür sie bessert;
dem die Behörden es danken .so 11 t e n, daß eine himmel-
schreiende Ungesetzlichl{eit ab'gestell't wird: der wird '8/US  
Bett gerissen und inSJ Loch gesteckt, weil er den Arbeitern am
Wienerberg ein Blatt geg•e.ben haben soll, das sich mit ihren
Interessen besc!häftigt. Er wird seiner Freiheit beraubt wegen
einer l eichten Übertretung, d .i e ihm üb e r di es 1 n
k e i n er W e i s e e r w i e s e n i s t.
Diese G 1 eich h e i t v o r dem Gesetze ,'3p.richt
Bände über unsere Zustände.
*
*
Zu unserer l ebhaften Befriedigung können wir aber
auch etwas Gutes berichten. Man erzählt uns : Mittwoch früh
erschien Gewerbeinspektor 111: u h 1 am Wienerberg.
Er wo.hnte dem Frühstück der Arbeiter in einer der Kantinen
bei un1U/ konstatierte, daß alle ausnahmslos mit "Bl ech" be-
zahlten. Sof<01t mußten Werkl eiter und Direktor geholt
werden und in ithrer Begleitung besuchte der Gewerbeinspektor
mehrere Wohnräume. Wa·s verhandelt würde, konnten wir
natürlich nicht erfahren. Aber die Folge des Besuches war die
'
daß heute Donnerstag früh seit Jahren zum erstenmal die
Arbeiter mit b a r e m G e 1 d a u s g e z a h l t w u r d e n.
Dank dem energischen Eingreifen des Inspektors, das
wir freU'dlig begrüßen und von dem wir nur bedauern, daß es
nicht schon längst geschehen, ist das ärg.ste Zuchtmittel
'
wodurch die Ziegelarbeiter Leibeigene der Wirte werden.
ihnen aus den Händen gesclhlagen. Es wird aber  
sein, daß cl·ie Arbeiter selbst mit aller Energie das Errungene
behaupiie.n, wenn nicht de rselbe Mißbrauch in irgendeiner
I
\
Die Lage der Zieg·elarbeiter lH
seiner Verkleidungen wieder einreißen soll. Vor al'lem werden
h ä u f i g e B e s u c h e des Ins,pektor.s notwendig sein,
schon darum, weil sonst die Wohnverhältnisse nicht besser
werden. In dieser Beziehung ist seine Kompetenz . leider sehr
beschränkt; die B e z i r k s hau p t m a n n s c h a f t müßte
eingTeifen und die ist werit, und ihre Gendarmen' haben, wie
wir gesehen, Wichtigeres zu tun.
So viel können wir als a b s o 1 u t s i c h e r e T a t s a c h e
berichten: auch heut€ naiCht n a c h dem Besuch des Gewerbe-
'
inspektors haben ganz wie sonst an 5 0 L e u t e a u f dem
Ii, i n g o f e n g e s c h 1 a f e n. Möglich, 1d1aß die GeseJ.lschaft
vorläufig Leute entlassen wiro, wenn man sie zwingt,
hal
1
bwegs ausr eichendie Wohnung zu geben. Sie wird: .a1ber von
Jä.nner ab, wo es mehr Arbeit gibt, entweder zum Bau von
Wohnungen oder zur Loihnerhöhung gezwung•en sein, und wir
bedauern die armen Aktionäre schon jetzt herzlich, deren
Dividende so schauderhaft geschmälert werden >vird.
Wenn d·er Gewerbei.nspektor wioo·erkommt, sollte er auch
die E r a n k e n k a s s e unJcll das S p i t a 1 einer genauetll
Untersuchung unterziehen. Wir werden nächstens darüber be-
richten. -
Jedenfalls mag die Wiene1·berger Gesellschaft wissen,
daß sci.e durch Entlassungen nicht wird hindern können, daß
wir unsere Priv.a,tinspektio·n g.etreulich fortsetzen und stets
wissen und erzählen werden, wi•e' sie ihre Leute beihandelt.
("GI eich h e i t " , r. 49 Yom 5. Dezember 1888.)
Von den Wienerberger Ziegelwerken.
Der gesetzlose Zustand, in welchem Wirte und Partie-
führer 1dlie   Autorität bilden dauert fort . Wer nicht in
-t ' '
die Kantine gehtP' der er als Ausbeutungsobjekt zugewiesen
ist, wird mit, ab'er auch ohne Krundigung entla•ssen. So wurde
Eduard Webnofsky Montag ohne Kündigung davongejagt. Er
gehört zu einer G1:\:Lppe von fünf Arbeitern, die über Auftrag
der Kantinßwirtin M .a x entlassen wurden, weil sie erfuhr, sie
hätten Soltlltag. nachmittags in der Kantine Wimmer auf dem
dritten w,e,r'k und nicht bei ihr gegessen!
Von unserem Gewährsmaam erfahren wir, daß am ver-
gangeneu Sonntag anläßlich einer neuerlichen Razzia nacih -
arbeitslosen, armen Teufeln im Rayon 1dles Wienerberger
Zi ()'elwerk.es fi.inf Personen arretiert und hernach mit emem
2*
20 Die Lage der  
Ochsenziemer von einem der Renen Werkleiter geschlagen
wurden.
Ein solcher· Kerl namens Paul bediente sich gegenüber
den .Arbeitern der Worte: "Ihr Hunde, wenn man :eiUch noch
einmal wo antrifft" (diese Bande verlangt nä'tnlich, daß die
Leute nach der Arbeit außer in die Kantine nur noch in die
"Schlafhöhlen" sich begeben soll en), "so werdet ihr gesd1lagen
wie die Hunde, rdlamit ihr in das Spital gehen müßt." So wirt-
schaften die Oberknechte der Aktiengesellschaft mit cJc,n
elenden Menschen von Arbeitern herum.
Ein Mann wurde gefesselt nach Hietzing überführt,
nämlich ein Arbeiter, nicht etwa einer der Pa r t i e-
f ü h r e r oder W i r t e !
Samstag soll der Herr Gewerbeinspektor Muhl wieder
draußen gewesen sein; was er ausgerichtet hat, haben wir nicht
erfahren können. Tat. acbe ist, daß auch noch nach seinem
Be s u c h e 30 Arbeiter im Ringofen geschlafen haben.
Die Genossen R a ab und H a a d e r, die bekanntlich zu
je zehn Gulden Geldstr,afe, eventuell zwei Tagen Arrest, wegen
unbefugter Verbreitung der "Gleichheit" verurteilt ·wurden,
sind zugleich von der Anklage nach dem Vagabundengesetz
freigesprochen. wm-den. Obwoihl sie als-o der Wien.erberger
Ziegelfabriksgesellschaft unbequem waren, konnten sie nicht
kurzweg abgeschoben werden. Aber sie konnten, wie jeder
Mensch, ohne Begri.iJndung aus g e wies e n werden, und' das
geschah mithin.
Die Bourgeoisprcsse, die natürlich, wo Aktiengesellschaft
und Arbeiter stehen, zugunsten der Aktien-
gesellschaft schweigt wie ein toter Hund ist nunmehr ge-
'
zwungen, von folgender In t e r p e 11 a t i
0
n, welche am
18. Dezember im Abgeordnetenbaus eingebracht wurde, wenig-
stens einige N o.tiz zu nehmen:
"Anfrage der A:tlgeordnetcn Peruerst
0
r f er, Krona-
w e t t er und Genoss:en an den Herrn Ministerpräsidenten als
Leiter des Ministeriums des Innern, dien Herrn HandeL--
minister und den Herrn Landesverteidigungsminister.
Vor einigen Wadben wurden in dem W ochenhlatt
"Gleichheit" die Verhältnisse der Arbeiter der Wienerberger
Ziegelfabriks- und Baugesellschaft ausführli ch geschildert. Es
kam dabei. zutage, d.aß die niedrigen Löhne, welche 'dti.e Partie-
Uie Lage der Ziegelarbeiter
21
arbeitor der Gesellschaft beziehen, durch ein systematisch
durchg,ecführtes Trucksystem in Form der Blechwirtschaft
noch ·weiter veningert werden, daß die Wirte als Pächter der
Gosellscfuaft, die Partieführer als die unmitte·lbaren An-
gestellten derselben zum Zwecke der Bewucherung der Arbeiter
E-i nen Terrorismus ausüben, ;cller nicht nur jedem menschlichw
Gefühl, so,ndern auch dem § 78 der Gewerbeordnung hohn-
spricht. Bei Strafe sofortiger Ent1a.ssung mußten die Arbeiter
ihr Blechgeld in bestimmten Kantinen verausg,aben.
Durch Eingreifen des Gewerbeinspektorats wurde die
Blechwirtschaft abgestellt und wird s'either in Bargeld aus-
bezahlt. Der "Truck" wird aber fortgesetzt, indem auch jetzt
die n Arbeitern das V erl assen des w,mkes verboten ist und sie
bei Strafe der EntLassung gezwungen sind, den Kantinen
der Gesellschaft ilhren Lohn von 60 bi s 80 Kreuzer täglich
zu verzehren.
Die Wienerbarger   gibt ihren Ar-
beitern auch Wohnung, ja sie verbietet ihnen, auswärts zu
schla fen. Die Wohnungsverhältnisse sind aber die denkbar
schl echtesten. Insbesondere sind die Partiearbeiter gezwUJngen,
in unventilierten, iibe,rfüllten Räumen auf altem Stroh,
Körper an Körper 'llebeneinander geschlichtet, zu schlafen.
Früher 70, heute noch etwa 30 Arbeiter aber sdhla·fen auf und
in einem in Betrieb stehende111. Ringofen ohne Unterlage und
ohne Deck .
Dies alles geschi eht u n t e r c1 e n A u g e n d e r
k. k. Gendarmerie, we,lche als Organ der k. k. Bezirks-
hauptTnannschaft als der Gewerbebehörde erster Instanz dafür
zu sorgen hätte, daß die k. k. Bezirkshauptmannschaft Sech··-
haus ihre Pflicht naclh § 141 der Gewerbeor dnung tUJn kann.
Diese Pflicht aber be-steht in der "Untersuchung und Be-
strafung der Übertretungen" des Gewerbegesetzes. Von Seite
der Gewerbebehörde er ster Instanz, der Bezirkshauptmann-
schaft Sechshaus, sowie ihrer Organe, der Gendarmerie, ist,
obwohl sie hier angedeuteten unmenschlichen und gesetz-
widrigen Zustände seit J ,ahrcn kannten und der Sachlag nach
kennen mußten, niclht das geringste g,e,tan worden, um sie Zll
b seitigen und ihre Urheber, die Direktoren der
\ V i c n e r b e r g e r G e e 1 l c h a :f t u n cl i h r e A n g e-
s t e ] 1 t e n, z u b es t r a f e 11.
22
Die Lage der Ziegelarbeiter
Als jedoch die erwähnten Artik·eJ in dem Wochenblatt
"Gleichheit" erschienen und di e k. k. Gendarmerie, Ulnd d11.uch
sie die k. k. Bezirkshauptmannschaft zur Kenntnis gelangten;
die entsetzlichen Tatsachen seien insbes•ondere durch die .A.us-
sagen zweier Arbeiter, Jo.ha1m R a -a·b und Ludwig Ha a rl er,
in die Öffentlichkeit gekommen, die beiiden hätten aucih zur
Verbreitung der nicht konfiszierten Artikel unter den ,ciJabei
am meisten interessierten Ziegelarbeitern beig'eib"agen, da ent-
wickelte diese Be h ö r d e und ihre 0 r g an e so f o r t
e in e f i e b e r h a f t e T ä t i g lk e i t. Dberall wurde nach der
betreffenden Zeit ung gesucht, und J ohann Raab wurde in der
Nacht des 3. Dezember von der Gendarmerie aus dem Bette
geholt und sofort 1dlem Bezirksgericht Hietzing übergeben;
nachdem auch Ludwig Raader am 8. Dezember von der Gen-
darmerie verhaftet war, wurden am 13. Dezember beide vom
Bezirksgericht Alsergrund wegen Übertretung des § 23 des
Preßgesetzes zu zehn Gulden Geldstrafe eventuell 48 Stunden
Haft verurteilt, nachdem der eine zehn, der an1dle.re fünf Tage
in Untersudhungshaft gewesen war. Beide konnten nach·weisen,
daß sie bis vor kurzem in Arbeit gestanden, daß sie Arbeit
gesucht, Ullld daß sie Arbeit in sicherer Aussicht hätten, &owie
daß sie im Besitz •ffiniger Geldmittel seien. Sie wurden deshalb
beide von der Anklage nach § 1 des Vagabundengesetzes frei-
gesprochen. Bei1dle wurden aber über V erlangen der Polizei-
direktion Wien nach Abbüßung ihrer Strafe an die Polizei
zurückgestellt und sofort auf Grund der Ausnahmev·e.r-
fügungen, der Verordnung des Gesamtmimisteriums Yom
30. Jänner 1884 aus den Geltungsbezirken Wien, Km·neu burg
und Wiener-N eustadt aus gewiesen. Es liegt hier ein Fall
vor, wo es klar wird, wie der angeblich ausschließlich geg,en die
anarchistische Bewegung gerichtete, an sich schon so odiose
A u s n a lh m e z u s t a n d m i ß b r a u c h t wird, um  
Arbeiter zu maßregeln mwll zu entfemen. D a s aus d rü c k-
li che Versprechen Seine r Exzellenz cl ·es
M i n i s t e r p r ä s i cl e n t e n G r a f e n T a a f f e, cl i e v e r-
a n t wo r tun g s vo ll en Be :f u g n 'i s s e nur im No t-
f a ll und n u r z u r II in t a n h a 1 t u n g a n a r c h i s t i-
s c h e r V e r b r e c h e n z u g e ,b r a u c h e n, w i r d v o n d e n
iln;1 u n t c r s t c ll t c n P o 1 i z e i o r g a n e n b e k a n n t e r-
Die Lage der Ziegelarbeiter
23
m a ß e n i n k e i n e r B e z i c h u n g r e s p e k t i e r t.
Dafür sind die vorgeführten Tats,achen ein ekl atanter Beleg.
Der Zusammenhang der e
1
rzählten Fakten muß bei der
B e v ö 1 k e r u n g cl e n d r i
11
g e n cl e n V e r d a c b t e r-
w e c k e n, a l s o b G e n d a r
111
e r i e G e w e 1· b e b e h ö r-
'
den und Polizei organisch zusammenwirken
w ü r d, e n, um Gesetzesübertr•e,tungen von Seite der Wiener-
berger Aktiengesellsclhaft u n o· e
8
t ö r t u n d s t r a f l o s
b
fortbestehen zu l assen, während alle Bemühungen von Seite
der Arbeiter sich des unerträglichen Druckes zu erwehr n mit
Verhaftung, Ver ur t •e i l u n g und Aus w e i SI u n g
beantwortet werden.
Die Unterzeichneten fragen deshalb
1. Den Herrn Hand e 1 s mini s t er:
ob er geneigt ist, die bereits begonnene .Aufdecku.ng
dieser s c h r e i e 'n d e n Mi ß s t ä n d e durch kräft1ge
Unterstützung des betreffenden Gewerbeinsp<ektors W'Citer
zu
2. Den Herrn La n d e s v e r t e i tlii g u n g s-
minister:
ob er von der oben g•eiSchilderten Verwendung der k. k.
Gendarmer i e zugunsten ver-werf l ichier
Privatinteressen einer Aktiengese ll sc haft
Kenntnis hat, und was er dagegen zu tun gedenkt?
3. Den Herrn Ministerpräsidenten als M in i s t e r
des Innern:
ob ihm di•e g•eschilde1'ten Vorgänge bekannt sind; ob
er gen·eigt ist, ·der k. lli:. Bezirkshauptmannschatft Sechshaus
sofort den Auftrag .vu geben, die Bestimmungen Ge-
werbeges,etzes auch gegenüber 1d1er \ iVienerberger Ziegel-
fabriks- und Haugesellschaft dmchzuführen, und ob er der
im obigen, wie in so vielen anderen Fällen gehandhabten,
m i ß b r ä u c h l ich e n, gegen seine eigenen  
verstoßenden P r a k t i z i e r u. n g d es .A u. s nahm e-
z u sta nd es durch die Wiener Polizeibehörden endli ch
energisch entgegentreten
P.ernerstoder, Dr. Kronawetter R'ichter Kaiser, Fürnkranz,
. ' '
Türk, rsin, Dr. Eng>eJ, Dr. Gregr, Dr. Exner, Dr. Stein-
wender, Kreuzig, Reicher, . Dr. W enzlitzke, Dr. Bareuther,
Dr. H. Fuß, Prade, Lazanski, Dr. Roser, Posch."
24
Die Lag-e der Ziegelal'beiter
luf die A.ntwort sind wu se hr n e u g i e r i g. Aber
wir werdien warten müssen! In jedem anderen Parlament wären
alle drei Minister entrüst et aufgesprungen und hätten sofortige
Abhilfe zugesagt . Bei uns bleiben eh e. Minist er ruhig sitzen und
denken: zum:ächst kommen die W eihnachtsferien, dann die
Neujahrsferien und dann wird ehe Geschichte eingeschlafen
sein. Nun, wir geben sämtlichen Exzellenzen die feie rli che
V ers.icherung, daß wir wissen wBJrden dafür zu :orgen, cl a ß
diese Geschichte nicht e in sc hlaf e.
* *
*
Einem Privatbrief 1clles Genossen R a ,ab entnehmen wir
folgenden Bericht, welcher zeigt, wie bei uns Leute belhandelt
werden, die es wagen, ei.ner Kapitalsmacht, wi e es die Wiener-
berger Ge,sellschaft ist , unangenehm zu werden, indem sie ihr
gegenüber die Menschlichkeit und das in Öst en ei. ch zu Recht
bestehende Ges·etz vertreten. Genosse R a ab schreibt:
" .. . EndJich komme ich in die rungenehme Lage, em
f reies Wort über unser·e Quale1; zu schreiben und meine Er-
lebnisse zu schrildern. Montag, am 3. Dezembe1·, um 12 Uhr
nachts, wurde ich in Inzersdod ausgeihoben. Ich wurde dlurch
Pochen g.eweckt, gl eichzeitig er<>choll der Ruf: "Aufmachen".
Die Ti.i r wurde geöffnet, der Postenführer trat ein, fr·agte
nach mir, ich sagte ihm, daß ich der Gesuchte sei, worauf er
mich fi:ir verhaftet erklärte. Sofo.rt wurde ich durchsucht, zu-
erst die Kleider, dann die Strohsäcke, Decken und Betten nach
der "Gleichlheit" durchsucht, aber nichts gefunden. Dann
schr.i c der Postenführer mit voller Kraft d'er Kehle: So ein Ge-
sindel, V.agabunden, Rebellen unterstehts ihr euch über Nacht
zu Ihr seid gerade so schlecht wie d e r Vagabund. Di e
Frau weinte, Kinder des Hausherrn schrien laut a:uf und
er selbst suchte sich zu verteidigen, wurde j edoch von dem
Schreien der Kinder und dem Weinen ,d,er Gattin übertönt und
gar nicht gehört. En.dliclb. wurde ich vom Post enführer erfaßt
und zur Tür hinausgestoßen.
Es war 12 Uhr nachts, als man mich verhaftet hatte,
trotzdem war ein Auflauf gewesen. Beim Hausto r erwarteten
mich noch drei Gendarmen und drei Wächter*) . E in Gen1da rm
vor mir, einer r echts, einer links, einer hinter mir mit auf·
*) Diese Wächter sind Angestellte der W i e n   r b e r g e r
Aklir.ngese ll schaf l.
Di e Lage der Ziegelarbeiter
25
gepflanztem Bajonett, wurde ich wie der größte Ve1·brecher
geführt. Ich wurde nachts im Gemeindearrest eingesperrt. Am
nüchsten T.ag., Dienstag, e1rhielt icih zwei Semmeln und wm1d.e
von e:illlem Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett nach
Hietzing geführt. In Hietzing wurde ich durchsucht, ob ich
1·ein vom Ungeziefer sei, was der Fall ·war und in eine Zelle
gesteckt, die fünf Schritte l ang, drei Schritte breit und eb.enso
hoch war. In der Zelle waren wir sechs Personen. Ungeziefer,
·wie Läus•e, F l öhe, Wanzen war s•eb.r viel zu finden. Trotzdem,
daß wir uns bescruwertcn weo-en Überfüllung denn vvir mußten
. b '
v;olle 18 Stunden li egen oder sitzen, herumzugehen war un-
möglich; größere Zellen hatten zwei höchstens vi•er Personen;
'
wir sechs waren daher gezwungen, auf dem Fußbo1d,en zu
liegen, denn auf den Strohsäcken war für alle kein Platz. Die
Kost bestand aus Einbrennsuppe, Zuspeis und Brot. Femer
vvar das Nachtgeschirr samt Urin und Exkrementen fort-
während im Zrrnmer, es w.ar mit einem zer br ochenen Deckel
versehen. Der Gestank war ein unbeschr eiblicher. Sonntag
den 9. Dezember wurde ich durch einen Sicherh itswachmann
nach Penzing aufs Kommissariat o·eführt und mußte vier
b
Stunden dort zubringen. Mit mir waren noch zwei andere
dort eingespen·t, welclhe sich Essen anschafften, und es wur'de
ihnen g.e,bracht, was sie wollten, natürlich ums Geld. Als ich
höflich ersuchte, mir ein Brot zu bringen, wurde ich b.a rsch
abgewiesen, man habe keine Zeit, war die Antwort, und so
geschah es uns überall ·bei der Polizei. Sträflingskleid·er bekam
ich desh-alb, weil man mich zu Hausarbeiten, wie Zimmer-
waschen, Gangkehl'e•n, N achtgeschirraustragen, Eßgeschirr
w.asclhen usw., verwendete.
In der Zelle an1 Al. ergrund befand sich eine Hausord-
nung von Gla ·er unterfertigt, welche besagte, daß zum Reini-
gen und zu Hausarbeiten nur Sträflinge zu verwenden sind.
Untersuchungshäftlinge si wd1 von Hausarbeiten befreit. Haus-
arbeitea.· erhalt en doppelte Portio•n Brot, Suppe u ·w. Ich wurde
mit dem Genossen Ludwig Hader aber zu HausaQ'beiten ver-
wendet, weil wir ni cht 60 Kreuzer dem Zimmervat er zahlen
wollten, welche dieser von uns verlangt hatte. Ich und Ludwig
H acler wollten uns beim Hausdirektor beklagen, aber der
Aufseher hat mich nicht vorgelassen, er sagte, wenn's mir nicht
recht sei, so bekomme ich 48 Stunden Konektionshaft. W n:-;
26
Die Lage der Ziegelarbeiter
blieb mir übrig, .als -diese Arbeiten zu verrichten. Das war die
Ursaclhe, daß ich Sträflingskleider tragen mußte. Samstag, nach
Abbi.ißung (!,er 48 Stunden, glaubten wir auf freien Fuß ge-
setzt zu werden.
Wir wurden aber zur Polizeidirektion, dann in die
Theobaldgasse gebracht, wo es hieß, es werde über uns Sitzung
gehalten; dara·uf wurden wir getren'llt. Ich wwrde nach Sechs-
haus hinausgeschickt, von dort I
1
e.tour und so bekam ich .Sams-
tag den ganzen Tag nichts zu essen, als in der Früh eine Suppe;
im Bezirksgericht wurde ic'h jedoch ,bis abe.nds 9 Uhr fort-
während spazieren geführt. Sonntag nachmittags 1 Ulhr wtll1de
mir die Ausweisung vorgelesen; ich wurde um den l etzten
Wunsch gefragt, wo ich bei 20 Wünsche vorbrachte, aber
keiner wurde •e.rfüllt.
Sonntag hatten sie uns beide p h o t o g r a p h i e r t,
Größenmaß lJJlld Personsbeschrei'bung aufgeschrieben.
Montag 12 Uhr wurden wit aufgefordert, uns reisefertig
zu machen, um halb 2 Uhr brachen wir auf. Am N ordbahnlho.f
wurden wir von zwei Zivilwachllllännern, von einem Inspektor,
einem Wachmann im Dienst und vom Kommissär empfangen.
Von einem Zivilwachmann begleitet, fuhren wir bis nach
Lund·enburg. Hier bekamen wir unsere Dokumente. Beim Ab-
steigen fragte er uns, wohin wir reisen werden und plötzlich
verschwand der Begleiter samt •den Fahrkarten, so· daß ·wir uns
herumstreiten mwßten, man w.ollte uns nachweisen, daß wir
ohne Fahrkarten gefahren seien. In der Nälhe des Bahnhofes
begegneten wir unserem Begleiter, wie er sich mit den Gen-
dannen (drei Mann) besprach. Hierauf wurden wir verfolgt
auf Schritt und Tritt und setzten unsere Fahrt fort ... "
Wir glauben, jedes Wort ist überflüssig! Aber eines
mi.issen wir ausdrücklich erklären. Wir kennen Genossen
R a ab nunmehr durch lange Zeit, wir haben ihn nie auf einer
Übertreibung betroffen; s.eine Angaben über di•e Lage der
Ziegel,arbeiter waren so vorsichtig, daß uns 1d1er persönliche
Auge,nschein lehrt e, daß sie weit hinter der  
zurückblieben. Er ist wahrlheitsliebend, bescheiden und jeder
Aufschneiderei unfähig. W a.s er hier erzählt, ist also buch-
stäblich wahr. - Und nun mache man sich ein Bild von
unseren sozial,e,n und politischen Zuständen ! Wird man es uns
glauben, daß sie r e i f sind! !
("G l e. ich h e i t" Nr. 51 vom 22. Dezember 1888.)

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