JAMES MOORE

Georg Iwanowitsch Gurdjieff
Magier, Mystiker, Menschenfänger

Eine Biographie

Scherz

In Verehrung für Henriette Lannes

1.Auflage 1992 Einzig berechtigte Übersetzung aus dem Englischen von Erwin Schuhmacher. Titel der Originalausgabe: «Gurdjieff». Copyright® 1991 by James Moore. First published in Great Britain in 1991 by Element Books Limited, Longmead, Shaftesbury, Dorset. Gesamtdeutsche Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen photomechanische Wiedergabe, Tonträger aller Art sowie auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Schutzumschlag von Graupner & Partner unter Verwendung einer Zeichnung von Herbert Joos. Scan: Gurdjieff Gruppe Augsburg 2013

Inhalt

Einführung ................................................................................... 7 1 Vom Viehhirten zum Wahrheitssucher ................................. 11 2 Der lange Weg zur Weisheit.................................................. 32 3 Offenbarung auf dem Prüf stand................................................50 4 Fürst Osaj .............................................................................. 74 5 Heiliges Bejahen..................................................................... 89 6 Illusionen von Sicherheit...................................................... 105 7 Die kaukasische Pimpinelle.................................................. 120 8 Im Schutz der Menschewiki................................................. 133 9 «Der Kampf der Magier»...................................................... 152 IQ Gurdjieff wechselt die Züge.................................................. 166 11 Haida-Yoga.......................................................................... 186 12 Der Ritt auf dem Tiger......................................................... 204 13 Der Tod und der Autor ........................................................ 227 14 Der Sämann am Werk.......................................................... 245 15 Heiliges Verneinen................................................................ 262 16 Formen des Heilens................................................................ 278 17 Es ist Krieg! ........................................................................ 288 18 Heiliges Versöhnen.............................................................. 303 19 Au revoir, tout le monde...................................................... 319 Zeittafel.......................................................................................... 337 Anmerkungen............................................................................... 351 Dank............................................................................................. 367 Bibliographie ............................................................................... 369 Personen- und Sachregister ........................................................ 377

Einführung

Georg Iwanowitsch Gurdjieff hat ein ungewöhnlich reiches und aktives Leben geführt, doch hinsichtlich seiner Bedeutung sind Mit- und Nachwelt sich nicht einig. Während die einen in ihm einen Scharlatan sehen, war er für die anderen «die einprägsamste, wahrhaftigste und am stärksten repräsentative Gestalt unserer Zeit» (Peter Brook). Diese letztgenannte Einschätzung muß zu­ mindest verwundern, da Gurdjieff fraglos im höchsten Grade unrepräsentativ als Befürworter und Vermittler von Tradition in einer auf hektische Weise «progressiven» Epoche; als sturer Patri­ arch in einem Zeitalter postfeministischer Empfindlichkeiten; als Verfechter von Qualität in einer den Lockungen der Quantität er­ liegenden Ära; als Held in einem antiheroischen kulturellen Rah­ men; vor allem jedoch als ein avatar des Bewußtseins in einer Welt, die vor der Unvernunft kapituliert hat. Für Tausende ein­ fühlsamer und intelligenter Leute, die genug Verstand besaßen, um hinter seine gelegentlich irritierenden Masken zu schauen, re­ präsentierte er jedenfalls die lebendige Verkörperung von Wahr­ haftigkeit. Die Veröffentlichung von Biographien unterliegt modischen Strömungen, und gegenwärtig herrscht offensichtlich ein Trend vor, prominente Gestalten der Zeitgeschichte gnadenlos zu sezie­ ren. Gehört Gurdjieff dazu? Er ist die zentrale Figur von minde­ stens fünfzig Memoiren und Studien; er wird erwähnt in der Encyclopaedia Britannica. 1979 wurde sein autobiographisches Buch Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen verfilmt. Und im

Jahre 1987 hielt ich an der Universität Oxford das erste Seminar über seine Ideen. Auf jeden Fall ist seine Hinterlassenschaft von Bedeutung, denn nur vordergründig läßt sich das Werk dieses Mannes definieren als vier Bücher, ein Ballett, 300 Klavierstücke und etwa 100 Heilige Tänze oder «Bewegungen». Gurdjieff war der entscheidende Faktor im Leben zahlloser Menschen, und sein wahres Erbe wird sich als ein unterirdischer Strom von Einflüssen erweisen, der noch lange nicht ausgetrocknet ist. Dabei sollte man stets im Auge behalten, daß Gurdjieff selbst mit einer verwirrenden Vielfalt von Stimmen zu sprechen scheint mal elegant, mal ungeschliffen. Während Gurdjieff nämlich meh­ rere asiatische Sprachen beherrschte, war sein Englisch ziemlich dürftig (Substantive ohne Artikel, Verben ohne Adverben). Das verleiht einem ganzen Genre englischer und amerikanischer Me­ moiren aus seinem Umkreis ihre pikareske Qualität. Im Gegensatz dazu erlebt man Gurdjieff in den meisterhaften Übersetzungen seiner Werke durch P. D. Ouspensky, der in Rußland sein Schüler war, als Beherrscher einer klaren, grammatisch richtigen und sogar ausgeklügelten Prosa. Auf ähnliche Weise hebt sich in Gurdjieffs eigenen Schriften die stilistische Einfachheit von Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen stark ab von der beabsichtigten «Dun­ kelheit» von Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel, die gele­ gentlich in einem nahezu barocken Stil geschrieben sind. Da die Literatur über Gurdjieff auf so pikante Weise mit Pseudo-Epigraphen, parteiischen Kritiken und phantasievoller Selbstverherrlichung befrachtet ist, könnte eine ganz persönliche Fußnote dazu beitragen, meinen Grad an Authentizität zu kenn­ zeichnen. Ich war neunzehn Jahre alt, als Gurdjieff 1949 starb, und bin ihm mehrmals begegnet. Was seine russische Periode angeht, bin ich Frau Olga de Hartmann und Frau Jeanne de Salzmann für ihre Informationen dankbar. Beide gehören zu den fünf Grün­ dungsmitgliedern seines «Instituts zur harmonischen Entwicklung des Menschen». Von Gurdjieffs Anhängern, die erst später in Lon­ don, Paris und New York zu Beginn der i92oer Jahre zu ihm stie­ ßen, bin ich Jane Heap, Jessmin Howarth, Rowland Kenney, Louise March, Rose Mary Nott, Stanley Nott und Jessie Orage be­ gegnet sowie vielen noch später dazugekommenen Jungem, die oft

herausragende Persönlichkeiten waren - zu viele, als daß ich sie alle namentlich hier aufzählen könnte. Ich habe einige der Orte be­ sucht, an denen Gurdjieff sich aufgehalten hat, und habe mich in seine Musik vertieft. Ich brauche wohl nicht besonders zu betonen, daß ich sowohl die veröffentlichte wie die unveröffentlichte Litera­ tur von und über Gurdjieff intensiv durchgearbeitet habe, und (was meiner Ansicht nach nicht gering zu bewerten ist) seit 1956 habe ich den ernsthaften Versuch unternommen, seine Methodologie anzuwenden. Das Ziel, daß ich beim Schreiben dieser ersten gro­ ßen Biographie Gurdjieffs jedenfalls stets im Auge hatte, war, eine unterhaltsame und lehrreiche Einführung in Leben und Wirken dieses Mannes zu geben. Ich bin mir schmerzlich dessen bewußt, daß ich mein Buch einer Persönlichkeit gewidmet habe, die darüber vielleicht die Stirn ge­ runzelt hätte. Frau Henriette Lannes hat an sich selbst und andere stets die höchsten Ansprüche gestellt. Für diejenigen meiner Gene­ ration, die sich ihr nahem durften, war sie weit mehr als fast drei­ ßig Jahre lang Stimme von Gurdjieffs Lehre in England. Sie wurde zum lebenden Beweis dafür, daß diese Lehre übermittelbar und voller Aussagekraft ist. Das Erscheinen dieses Buches fällt nicht mit irgendeinem für Gurdjieff markanten Gedenktag zusammen. Doch hätte es kaum in einem für die Anhänger Gurdjieffs schmerzlicheren Augenblick geschehen können: Der Tod seiner ältesten Schülerin, Jeanne de Salzmann, am 25. Mai 1990, im Alter von i o i Jahren, beendete so­ zusagen das «Silberne Zeitalter». Jetzt lastet die große Verantwor­ tung, die sie bis zum Schluß so bewundernswert getragen hat, auf anderen Schultern. Möge das Glück diesen anderen hold sein. James Moore London, Juli 1991

1 Vom Viehhirten zum Wahrheitssucher
(1866-1886)

Im Jahre 1925 gesellte sich zu den Stammgästen des Pariser Grand Hotel-Cafe de la Paix eine Gestalt, die allgemein Neugier er­ weckte. Der neue Gast - Ende Fünfzig etwa — schien so etwas wie ein Schriftsteiler zu sein. Sein Handwerkszeug, ein Bleistift und ein einfaches liniertes Schulheft, ließ darauf schließen, daß er mit ma­ teriellen Gutem nicht gerade gesegnet war. Andererseits erklärte diese Einschätzung nicht, wieso er eine vornehme Kopfbedeckung aus Karakulpelz und einen Spazierstock mit goldenem Knauf be­ saß. Gelegentlich preßte er gedankenverloren den Saft einer Zi­ trone in seine bescheidene Tasse schwarzen Kaffees. Ein andermal zog er jedoch einen doppelten Armagnac vor und gab dem Kellner als Trinkgeld eine großzügige Auswahl von Schokolade, Marzi­ pan, Karamelbonbons oder Pfefferminz. Er saß auf dem grünen Velour des Cafehausstuhls nach orientalischer Sitte - ein Bein akrobatisch unter das andere geschlagen - und schien seltsamer­ weise überhaupt keine Notiz von seiner Umgebung zu nehmen. Heftig an seinem Bleistift leckend, murmelte er hin und wieder et­ was in einer unbekannten Sprache, wenn er nach einem passenden Ausdruck suchte. Im allgemeinen jedoch verharrte er in unge­ wöhnlicher Unbeweglichkeit, ein unerschütterlicher Fels der Ruhe und Gelassenheit im ohrenbetäubenden Stimmengewirr des Cafes. Tag für Tag, Stunde für Stunde, beugte der Schriftsteller sich über seine Notizen. Aus Wochen wurden Monate, aus Monaten Jahre. Was konnte es nur sein, was ihn so sehr beschäftigte? Wel­ che Gedanken bewegte er in seinem eindrucksvollen kahlgeschore1 1

nen Schädel? Welch unbekannten Geist rief er auf dem kleinen runden Tisch mit der Marmorplatte an? Und wann würde endlich der Augenblick der Veröffentlichung gekommen sein, der es dem emanzipierten und vielleicht rebellischen Geist erlauben würde, aus seinem engen Wirkungskreis den Sprung in die noch ahnungs­ lose weite "Welt zu tun? Wer konnte das sagen? Auf jeden Fall blieb dieser Schriftsteller eine rätselhafte und fragwürdige Erscheinung. Die Kellner mochten ihn und nannten ihn liebevoll «Monsieur Bonbon». Lästerzungen verbreiteten jedoch flüsternd das Gerücht, er sei «der Mann, der Katherine Mansfield getötet hat». Heute jedoch ist zumindest eines klarer: Sollte es wirklich Gäste gegeben haben, die den Schriftsteller verdächtigten, er beschäftigte sich damit, irgend etwas auszuhecken, was die Gesellschaft beun­ ruhigen könnte - etwa eine ärgerliche Änderung des Code Na­ poleon -, dann hätten sie ihm schweres Unrecht zugefügt. Das, was er sich vorgenommen hatte, war nämlich erheblich größer an­ gelegt. Er plante nichts weniger, als eine neue, bessere und gesün­ dere Welt zu schaffen und im Rahmen dieses Vorhabens unsere alte Weltordnung wie eine Laus zu zerquetschen. Dieser seltsame Mensch war Monsieur Gurdjieff, und der Held des Epos, an dem er arbeitete, war kein geringerer als der gefallene Engel Beelzebub. Wer den Standpunkt dieses Autors verstehen will, muß zunächst wissen, daß er seinen Lebensweg weit entfernt von den goldumran­ deten korinthischen Stützpfeilern des Grand Cafe de la Paix be­ gonnen hatte, weit weg von den androgynen Cherubinen, die schelmisch von den Fresken an der Decke herabschauten. Darüber hinaus müßte man wissen, daß sein Leben so schwierig, so voller Kurven und Umwege und derart ungewöhnlich gewesen war, daß es als im höchsten Grade einzigartig bezeichnet werden kann. Georg Iwanowitsch Gurdjieff wurde im Griechenviertel der Stadt Alexandropol im russischen Armenien geboren. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann das war. Unseren Recherchen nach dürfte es im Jahre 1866 gewesen sein.1 Die ziemlich verkom­ mene neue Garnisonsstadt verteidigte Rußlands Grenze zur Tür­ kei, und ihre aufragenden Wälle, Bastionen und Geschützstellun­ gen vermittelten ein Gefühl unaufhörlicher Zwistigkeiten, Kriege
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und erzwungener Völkerwanderungen. Wer klug war, meldete dort keine Geburt, ließ vorsichtshalber nichts ins Register eintra­ gen. Und dennoch vermittelten die ersten Laute, die der kleine Ge­ org vernahm, diesem ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit. Es wa­ ren die armenischen Wiegenlieder seiner Mutter, die Glocken der nahe gelegenen griechischen Kapelle des hl. Georg sowie das Mu­ hen der zahlreichen Kühe, die von den Hirten seines Vaters zu ihren Sommerweiden an den Ufern des westlichen Arpa-Chai oder Barley-Flusses getrieben wurden. Sein Vater, Ioannas Giorgiades2, war damals etwa zweiunddrei­ ßig Jahre alt. Mit seinen Herden erbte er die schweren Aufgaben und feudalherrschaftlichen Verpflichtungen, die seine langen und harten Tage ausfüllten. Weidewirtschaft betrieb er nur unter dem Zwang der Umstände; seinen Neigungen nach war er ein aschoch, ein «Geschichtenerzähler». Während er sein Vieh auf den wenig gastfreundlichen Ebenen hütete, wiederholten seine rissigen Lip­ pen immer wieder sein phänomenales Repertoire an Märchen, My­ then und Legenden. Er verfügte über wenig freie Zeit, sich mit sei­ nem erstgeborenen Sohn zu beschäftigen. Manchmal jedoch, spät am Abend, pflegte er ihm Geschichten zu erzählen vom Mullah Nassr-Eddin oder aus Tausendundeiner Nacht, ganz besonders je­ doch von «Mustapha, dem lahmen Zimmermann», einer Inkarna­ tion des Einfallsreichtums, einem Mann, der einfach alles und je­ des herzustellen verstand, sogar einen fliegenden Lehnstuhl. Das Heim der Familie Giorgiades war ein ansehnliches Haus, weitaus besser als die meisten in der griechischen Enklave. Es war umgeben von einem kleinen Rosengarten und prahlte mit Glasfenstern anstelle des üblichen geölten Papiers. Im harten, sechs Mo­ nate währenden Winter, wenn der stürmische Wind aus der Schi­ raki-Steppe heranbrauste, war es drin mollig warm. Etwa seit Gurdjieffs drittem Geburtstag beherbergte das Haus auch seine Großmutter väterlicherseits sowie seinen jüngst geborenen Bruder Dimitri. Der Lieblingsonkel Giorgi Merkurow kam häufig zu Be­ such. Auch wenn die Atmosphäre um den riesigen Familienherd Herzlichkeit, Ordnung, Einfachheit und Ruhe ausstrahlte, so war sie doch auch eindeutig patriarchalisch geprägt. «Wenn du der Er­ ste bist», pflegte Giorgiades zu sagen, «dann ist deine Ehefrau die
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Nummer Zwei. Ist deine Frau die Nummer Eins, dann bist du bes­ ser die Null. Nur dann werden deine Legehennen sicher sein.» Obgleich Gurdjieff in seiner frühen Kindheit alles erhielt, was er brauchte, wurde er bestimmt nicht verwöhnt. Kaum konnte er ge­ hen und sprechen, da begann sein Vater auch schon, ihn einem spartanischen Reglement zu unterwerfen. Im Winter wurde der Knabe gnadenlos gezwungen, schon in der Dämmerung aufzuste­ hen, zum Brunnen zu gehen, sich dort auszuziehen, zu waschen und nackt herumzulaufen - womit er bis auf die Knochen den schärfsten Übergang zwischen Schlaf und "Wachsein erfuhr. Im Sommer, auf der Weide, mußte er lernen, mit ungiftigen Schlangen umzugehen. Selbst im Bett konnte er sich nicht sicher fühlen, pas­ sierte es doch immer wieder, daß er zwischen den Laken einen Wurm, einen Frosch oder eine Maus fand - von Giorgiades dort plaziert, um seinen Sohn gegen Angst und Wehleidigkeit zu «im­ munisieren». Es war nicht das Ziel des Vaters, seinen Sohn zu einem Nietzscheanischen Übermenschen heranzuziehen, sondern zu einem ganz normalen menschlichen Wesen, das in der Lage war, Furcht und Trägheit zu überwinden. Das Leben in Transkaukasien war schwer und erforderte Härte - Erdbeben, Dürren, Kriege, Seu­ chen und Überschwemmungen gefährdeten immer wieder das Le­ ben der Bewohner. Giorgiades erzog seinen ältesten Sohn mit strenger Liebe. Der Prozeß, der Gurdjieff nicht nur gegenüber sei­ nem Bruder und den Schwestern, sondern auch gegenüber Tau­ senden und Zehntausenden von Kindern eine Sonderstellung ein­ nehmen ließ, hatte bereits in Alexandropol begonnen - auf jener kleinen Insel ganz normal-protziger Gebäude im weiten Ozean von Weideland. Mit sieben Jahren erlebte Georg, wie sein Vater einer schweren Prüfung unterzogen wurde: Im Jahre 1873 vernichtete ein aus Asien eingeschleppter Virus innerhalb von zwei Sommermonaten die damals riesigen Herden des Giorgiades sowie die Tiere seiner Nachbarn, die ihm ihr Vieh anvertraut hatten. Der aschoch nahm diesen Schicksalsschlag mit vorbildlicher Gelassenheit hin, konnte sich jedoch nie mehr so recht den neuen Lebensumständen anpas­ sen. Sein großzügiger Geist, seine nachdenkliche Natur und sein
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Ehrgefühl (das ihn veranlaßte, die ärmeren Viehzüchter zu ent­ schädigen) erwiesen sich als ernsthafte Nachteile in einer von geris­ senen Armeniern beherrschten Geschäftswelt. Dennoch brachte er durch den Verkauf seiner Möbel etwas Bargeld zusammen und eröffnete ein Baugeschäft, in dem Holz, das aus den Forsten von Soghanlu Dagh in der Provinz Kars herangeschafft und so verar­ beitet wurde, daß der stetig wachsende Bedarf der Stadt Alexandropol entsprechend befriedigt werden konnte. Trotz seiner Jugend bewältigte Gurdjieff diese Veränderung der Lebensumstände im Geiste Mustaphas, des lahmen Zimmermanns: Er begann, ein wenig zum Familieneinkommen beizusteuern, in­ dem er eine wachsende Kundschaft befreundeter Kinder mit «Feu­ erwaffen» versorgte, die er einfallsreich aus Schrott, etwa leeren Patronenhülsen, herstellte. Sein Charakter nahm nach und nach Gestalt an: Er war robust, erfinderisch und energisch. Vielleicht wirkte er im Kirchenchor der von Kerzenlicht erleuchteten und nach Weihrauch duftenden griechischen Kapelle wie ein Engel bei seinen Eskapaden mit seinem Freund Fatimow jedoch, beim Schießen auf Spatzen und Einfangen von Tauben in Schlingen aus Pferdehaar, übertraf er alle seine Altersgenossen an Wildheit und Ausgelassenheit. Seine erste und bedeutsamste Anleitung zu unorthodoxem Ver­ halten erhielt er überraschenderweise von seiner verehrten Groß­ mutter auf deren Sterbebett: Ältester meiner Enkel! Höre und erinnere dich immer an mein strenges Vermächtnis: Tue nie im Leben, was die anderen tun. Entweder nichts - gehe nur in die Schule - oder tue etwas, was sonst niemand tut. Der Knabe befolgte den Rat sofort und buchstäblich, indem er bei der Trauerzeremonie um ihr Grab hüpfte und ein respektloses Liedchen trällerte. Es dauerte jedoch nicht lange, bis ihre Worte eine tiefere Bedeutung erhielten und nicht einfach billiges Exzentrikertum hervorriefen, sondern ihn zu mühseligen Experimenten und revolutionärem Denken führten. Das Gefühl, essentiell anders, ja einzigartig zu sein, hatte Gurd15

jieff schon sehr früh, wobei mystische Züge unverkennbar waren. Nehmen wir zum Beispiel den besonderen Vorfall, als ihm im Zuge einer tätlichen Auseinandersetzung ein Zahn ausgeschlagen wurde: Dieser seltsame Zahn hatte sieben Wurzeln, an deren jeweiligen Enden sich reliefartig ein Tropfen Blut abhob. Und durch jeden einzelnen Tropfen schimmerte klar und eindeutig einer der sie­ ben Aspekte der Manifestation des weißen Strahls. Der langweilige Provinzialismus Alexandropols erstickte alle wei­ tergehenden Fragen der meisten dort lebenden Menschen. Der Ort stank nach Pferdedung, er besaß keine Tradition und bot nichts, woran die Einbildungskraft sich entzünden konnte. Jenseits der Stadt jedoch, dort, wo Gurdjieff im raunenden, zitternden Gras umherstreifte, lagen Bruchstücke von Statuetten und behauenen Reliefs, die zeigten, daß hier viele antike Epochen einander abge­ löst hatten. Diese Dinge zeugten von längst vergessenen Sprachen, von schicksalhafter Vergangenheit einstiger Dynastien, von einem Universum an Empfindungen und leidenschaftlichen Überzeu­ gungen, die in Vergessenheit geraten und zu Staub zerfallen wa­ ren. Zu Hause gestalteten sich die Lebensumstände zunehmend schwieriger und seltsamer. Dunkle Gewitterwolken brauten sich um Joannas Giorgiades zusammen; seine Unternehmungen zer­ schlugen sich, von allen Seiten wurde er von gerissenen Geschäfts­ leuten ausgetrickst und ausgebeutet. Die drei charmanten Töchter bedeuteten zusätzliche elterliche Verpflichtungen. Und doch er­ weckte er den Eindruck von Gelassenheit, zog er sich noch stärker in die Welt der Poesie zurück, die seine materiellen Probleme tran­ szendierten, ohne sie zu lösen. Sein Bauholzunternehmen brach schließlich endgültig zusammen, und er sah sich genötigt, seine ganze Familie einzuspannen, indem er sie in einer Werkstatt kleine Gegenstände aus Holz anfertigen ließ, deren Verkauf ihnen eine karge Existenz ermöglichte. Da griff das Schicksal ein. Am 24. April 1877 begann Zar Alexander II. einen Krieg gegen Sultan Abdul den Verdammten und führte seine Armee westwärts
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über den Fluß bei Alexandropol. Gurdjieff s Mutter und alle christ­ lichen Armenier unterstützten diesen Krieg begeistert, nicht nur eingedenk all der vergangenen türkischen Grausamkeiten, sondern auch weil die russischen Streitkräfte von einem Armenier ange­ führt wurden - vom höchst ehrenwerten Grafen Michail Tarijelowitsch Loris-Melikow. Gurdjieff und sein kleiner Bruder Dimitri schauten ehrfürchtig zu, wie der weißbärtige Metropolit die Fah­ nen segnete. Tausende von Armeniern aus Alexandropol spannten sich selbst vor Leiterwagen, bemächtigten sich der Kanonenlafet­ ten, stemmten sich in die Speichen der Räder, zogen an Seilen und Stricken und halfen der Armee unter lauten Anfeuerungsrufen durch den Fluß ans andere Ufer. Bei Sonnenuntergang waren die letzten Signalhörner verstummt, die russischen Soldaten ver­ schwanden im weiten Grasmeer und die Armenier wieder in ihren Häusern. Sechs Monate lang schwirrten nun höchst unerfreuliche Ge­ rüchte durch Alexandropol. Dann jedoch, am Sonntag, den 18. November 1877, hörte Gurdjieff alle Glocken läuten - die gre­ gorianischen und katholisch-armenischen, die griechischen und russisch-orthodoxen -, laut jubilierten sie durch die verschneite Landschaft. Während der Nacht hatte der Verteidiger des Chri­ stentums einen glorreichen Sieg errungen: Loris-Melikow und der Bruder des Zaren, Großherzog Michail Nikolajewitsch, hatten die türkischen Streitkräfte bei der Stadt Kars vernichtend geschlagen. Wenn auch die Frage «Und was hat das alles schließlich genützt?» politisch gesehen negativ zu beantworten ist, erlangte dieses Ereig­ nis für Gurdjieffs Leben große Bedeutung. Joannas Giorgiades, der zu diesem Zeitpunkt in Alexandropol praktisch nichts zu ver­ lieren hatte, wurde von Verwandten überzeugt, daß er in Kars bes­ sere Zukunftsaussichten habe. Innerhalb weniger Monate zogen Familie und Werkstatt um und richteten sich in der eroberten Stadt ein. Gurdjieff erlebte jetzt jenen langvergessenen Frühling des Jahres 1878, als Kars unter der neuen russischen Verwaltung hoffnungs­ volle Aktivitäten entfaltete. Und doch konnte ihm bei seinen Streif­ zügen durch die Stadt kaum ihre trübe, ja düstere Atmosphäre ent­ gehen. Die Geographie bestimmt, daß Eindringlinge aus dem
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Osten sich ihren Weg durch die Schlucht von Kars bahnen müssen -jedoch nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten. Denn dort, wo die kochenden dunklen Wasser des Flusses Kars Tschai den östlich­ sten Rand der Bergketten des Soghanlu durchbrechen, fließen sie in eine tiefe Schlucht, schießen strudelnd nach rechts und bilden einen fast kreisförmigen Wassergraben um einen nicht mehr akti­ ven Vulkankegel. Und hoch auf dem Gipfel dieser natürlichen Fe­ stung ragt drohend die gedrungene, schwarze Zitadelle von Kars empor. Es ist ein geschichtsträchtiger, stark befestigter Ort. Immer und immer wieder mußte er grausame Belagerungen erdulden, fei­ gen Verrat, verzweifelte Attacken und entsetzliche, blutige Kapitu­ lationen: die Seldschuken, die Mongolen, Tamerlan der Große alle sind sie hier eingefallen. Der griechische Stadtteil lag im Jahre 1878 im Schatten dieser Zitadelle auf der Westseite der Stadt, und Gurdjieff war sich ihrer Präsenz stets bewußt. Die Familie mußte sich bald fragen, ob sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Das Klima in Alexandropol war schon hart genug gewesen — im auf einer Höhe von fast 2000 Me­ tern gelegenen Kars war es jedoch geradezu brutal: Erst kam Schnee, dann Matsch, dann Staub und schließlich Regen. Es gab extreme Temperaturschwankungen, Überschwemmungen und Zeiten der Dürre; der Fluß führte mal Hochwasser, ein andermal war er völlig ausgetrocknet. Die Zitadelle war den starken Winden schutzlos ausgeliefert. Die verwahrlosten, schmutzigen Straßen befanden sich in mittelalterlichem Zustand, und die Hauptbeschäf­ tigung der Frauen bestand darin, tezek, oder getrockneten Kuh­ dung, herzustellen, dessen ausgestochene Fladen die Außenmauer jedes Hauses abdeckten. Giorgiades besaß nicht einmal ein Haus im üblichen Sinne, denn im griechischen Stadtviertel und in den verkommenen Vorstädten von Bayram Pascha, Orta Kapi und Timur Pascha waren die meisten Wohnungen nichts als in die unebe­ nen Hänge eingegrabene Höhlen. Sie waren mit Erde bedeckt und nur durch eine Tür im Dach betretbar. Wie schon vorher in Alexandropol war Bauholz aus dem Umland knapp, sein Transport von weiter her teuer. Angesichts von sieben zu fütternden Mäulern blieb Giorgiades bedrückend arm. Wenn auch viele ärmere Leute wie Giorgiades ganz bewußt ein
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neues Leben in Kars begonnen hatten, so waren doch Tausende andere vom Wirbelsturm der Geschichte hierhergefegt und einfach abgesetzt worden. Von quietschenden Leiterwagen, wiehernden Pferden, schlurfenden müden Füßen hergetragen, ließ sich ein buntes Gemisch verzweifelter Menschen in Kars nieder - entweder zwangsweise angesiedelt, vor Verfolgung flüchtend oder von der leidenschaftlichen Hoffnung auf religiöse Freiheit angetrieben. Die Moscheen wurden von den Kuban-Kosaken requiriert, die Minarette schwiegen, und wäre der empörte Muezzin zurückge­ kehrt, dann hätte er beim Niederschauen auf die ihm vertrauten Straßen die roten Fese der Gläubigen vermißt. Überall sah man jetzt Astrachan-Mützen und Tschakos, Pelzkappen und Helme, die ihrer jeweiligen Stellung entsprechenden Kopfbedeckungen der orthodoxen Geistlichen sowie riesige Turbane aus gefalteten gelben, schwarzen, grünen und weißen Tüchern. Das Ottomanische Reich hatte sich zurückgezogen, und die Stadt Kars war voll von Tartaren, Kurden, Dagestanis, heterodoxen Duchoborzen, blonden kaukasischen Molukanern, von Lutheranern aus dem weit entfernten Estland sowie Jeziden, «Teufelsanbetern». Den inzwischen elf Jahre alten Gurdjieff faszinierte dieses bunte Kaleidoskop von Rassen und Sekten. Er erhielt eine kräftige Tracht Prügel, als er einmal fünf Tage lang von zu Hause wegblieb und sich einem Stamm halbnomadischer Zigeuner anschloß, die die Vergangenheit deuten und die Zukunft vorhersagen konnten. «Solche Leute sehen etwas, können sehen» (Bennett, Gurdjieff). Schon jetzt beherrschte er mehrere Sprachen. Von seiner eher un­ gebildeten Mutter hatte er Armenisch gelernt (was im Elternhaus und in ganz Alexandropol gesprochen wurde). Sein Vater hatte ihm einen kappadozischen Dialekt und die Grundlagen des Turko-Tartarischen beigebracht, der lingua franca, in der die Ge­ schichtenerzähler ihre Lieder und Sagen weitergaben. Ein geflüch­ teter Priester unterrichtete ihn in Neugriechisch, gelangweilte Sol­ daten hatten ihm ihr ungepflegtes Russisch beigebracht. Und jetzt, in Kars, eignete der hochintelligente Knabe sich schnell das Türki­ sche der östlichen Provinzen an. Er konnte lesen, schreiben und rechnen - erste Grundlagen seiner bemerkenswerten formalen Bil­ dung.
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Die christlichen Schulen in Kars waren stark nationalistisch aus­ gerichtet, ihr Lehrstoff jedoch ganz allgemein unbefriedigend. Die griechische Schule war klein und politisiert, das Lehrangebot der russischen lediglich zweitrangig. Die armenische Schule schließlich beschäftigte sich nur mit den Psalmen, den Evangelien, der Apo­ stelgeschichte und den Klageliedern des Gregorius von Narek. Giorgiades entzog seinen Sohn schnell dem griechischen Einfluß und steckte ihn in die städtische russische Schule. Hier - bei der lauten und monotonen Wiederholung überwiegend unrichtiger In­ formationen - hätte die lebhafte Neugier und das wache Interesse des Knaben leicht im Keime erstickt werden können. Doch da seine junge Stimme auch im Kirchenchor von Alexandropol ge­ schult worden war, absolvierte er erfolgreich das Probesingen als Chorknabe für die Militärkathedrale von Kars. Und dort wurde Dekan Borsch auf ihn aufmerksam, wofür Gurdjieff ihm sein Le­ ben lang dankbar war. Niemand in der russisch-orthodoxen Kirche verfügte über grö­ ßeres Ansehen als «Vater Dekan Borsch» - nicht nur in Kars, son­ dern im ganzen von Rußland annektierten Umland. Sein schmales, viel Sensibilität verratendes Gesicht strahlte eine überwältigende Spiritualität aus, die selbst Zweifler in ihren Bann zog. Dennoch blieb Dekan Borsch vielen ein Rätsel. Den größten Teil seines Ge­ halts gab er den Armen. Er verzichtete auf Dienstboten, weigerte sich, in eine prächtige Dienstwohnung zu ziehen, und lebte statt dessen in einem einzigen Zimmer im Haus des Küsters der Kathe­ drale. Dort spielte er Violine und komponierte sakrale Gesänge, etwa: «Gerühmt seist Du!», «O Du Allmächtiger Gott» und «Du Licht der Stille». Er verkehrte nicht in den gesellschaftlichen Kreisen der Garnison, und im Gespräch mit emstzunehmenden Leuten bekannte er seine Vorliebe für Astronomie, Chemie und die alten Assyrer. Irgend etwas an dem jungen Gurdjieff fesselte Dekan Borsch. Es war wohl weniger seine Stimme - obwohl sehr wohlklingend — als der Ausdruck seiner Augen. Und als diese gegen Ende des Jah­ res 1878 durch die ägyptische Augenkrankheit (Trachom) bedroht waren, erschien der Dekan unangemeldet im Heim der Familie Giorgiades, begleitet von zwei Militärärzten, die den jungen Pa­
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tienten erfolgreich mit Kupfersulfat und einer Salbe aus Goldstaub behandelten. Giorgiades und Dekan Borsch fanden sofort Gefal­ len aneinander und beschlossen, sich von nun an regelmäßig zu treffen. Also sah man die ehrwürdige Gestalt des Dekans an Aben­ den, da er keinen kirchlichen Verpflichtungen nachzukommen hatte, das Küsterhäuschen der Kathedrale verlassen, den Weg zum Griechenviertel einschlagen, dort mühsam durch eine Dachtür steigen und darunter verschwinden. Und wäre ein neugieriger Be­ obachter imstande gewesen, einen Blick durch das Grasdach zu werfen, dann hätte er die höchste spirituelle Autorität von Kars entdecken können, entspannt auf einem Haufen von Holzspänen sitzend und Gedanken mit einem arbeitenden Zimmermann aus­ tauschend. Man diskutierte entlegene wie naheliegende Themen etwa die versunkene Welt von Atlantis, die Vorteile einer von den Eltern arrangierten Heirat, das Gilgamesch-Epos, die Flut vor der Sintflut, wie unerhört wichtig es sei, die Befriedigung des Sexual­ triebes bis zur Reife aufzuschieben - und spekulierte gar über den gegenwärtigen Aufenthalt Gottes. Und er hätte auch einen auf­ merksamen Knaben bemerkt, der jedes einzelne Wort gierig auf­ sog. Im Frühjahr 1879 trat der Familienrat zusammen, um über Ge­ orgs Zukunft zu beraten. Giorgiades und seine Frau wünschten, ihr Sohn solle Priester werden. Vater Borsch stimmte dem ohne weiteres zu, hätte ihn aber auch gern als Arzt gesehen. Gurdjieff selbst, fasziniert von der westlichen Technologie, die nach und nach bis in seine Heimat vordrang, träumte von einer Laufbahn als Ingenieur. Eines war dabei allen Anwesenden klar: Sollte das ganz offensichtlich ungewöhnlich begabte Kind das in ihm steckende Potential verwirklichen, dann reichte die schulische Ausbildung nicht - Georg mußte Privatunterricht erhalten. Von nun an unter­ wies der Dekan persönlich den Knaben in Mathematik, Chemie und Astronomie. Andere Lehrstoffe durften verschiedene rangnie­ dere Militärgeistliche vermitteln, die alle eine theologische Fakul­ tät besucht hatten, auf Erhebung in den Priesterstand hofften und dabei vom guten Willen des Dekans abhängig waren. Obwohl er auf diese Weise aus der Schar der Kameraden herausgehoben wurde, hielt Gurdjieff weiterhin engen Kontakt zu seinen Freun­
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den. Man traf sich allabendlich im «Klub» - einer achteckigen Holzkonstruktion hoch oben im Glockenturm der Festungskathe­ drale. Dort rauchten sie, aßen Halva, trieben allerlei Spaße und be­ reiteten sich sogar auf den Schulunterricht vor. Diese Erziehung Gurdjieffs stärkte Körper und Geist: Er mar­ schierte vier Meilen zum Militärhospital im Fort Tschanak, um dort Anatomie und Physiologie zu studieren. Dann trat er umge­ hend den Rückweg in die Stadt an, um in Zimmern, von denen aus man den armseligen öffentlichen Park überblicken konnte (iro­ nisch «das Paradies von Kars» genannt), Unterricht in Geschichte und Geographie zu erhalten. Dann ging es geradewegs zum De­ kan, um den Tee für ihn zuzubereiten. Da er fließend Griechisch, Armenisch und Russisch lesen konnte, verschlang er geradezu die Bibliotheken seiner Lehrer. Er war von einer Leidenschaft nach Er­ kenntnis beseelt, dachte über alles nach, stellte Zusammenhänge her, fragte nach - bis die Militärdiakone nur noch den Kopf schüt­ teln konnten. Von allen diesen Kandidaten für den Priesterberuf teilte nur ein einziger Gurdjieffs intensives geistiges Interesse. Das war der ebenfalls noch sehr junge Diakon Bogatschewski, der sich seines Schülers besonders annahm. In seiner Wohnung neben der Feuer­ wehr versammelte Bogatschewski einen kleinen Diskussionskreis— junge Gamisonsoffiziere, die bei Wodka und Zigarren bis spät in die Nacht abstrakte Fragen diskutierten und dabei Gurdjieff, der still in einer Ecke saß, kaum beachteten. Doch er lernte viel da­ durch, was dann in persönlichen Gesprächen mit Bogatschewski erweitert und vertieft wurde. So legte dieser ihm die beiden einan­ der widersprechenden Moralvorstellungen dar, wie er sie sah: die «objektive Moral» - sie ist absolut, konstant, von Gott begründet und vom Leben bestätigt sowie im Gewissen eines jeden Menschen verankert - und die «subjektive Moral» - relativ, veränderbar wie ein Chamäleon, abhängig von der jeweiligen Kultur, verderblich in ihren törichten, ungeprüften Zwängen und Verboten. Und Gurdjieff empfand es genauso. Warum sollte er auch nicht? Denn die objektive Moral hatte er bei seinem Vater und dem Dekan Borsch gespürt, während er der subjektiven Moral täglich im harten Zu­ sammenprall der unterschiedlichen Kulturen in Kars begegnete.
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Während dieser Jahre sorgte Gurdjieff tatkräftig für sich selbst wie die meisten Knaben in Kars manchmal auch auf «unehren­ hafte» Weise: Zigaretten verschwanden aus Zigarettenschachteln, Mengen von Blei und Kupfer aus dem Schießstand der Armee. Gurdjieffs einzigartiger Kontakt zur Intelligenz der Stadt und sein ehrgeiziger Wunsch, eines Tages in den erzbischöflichen Kirchen­ chor von Tiflis aufgenommen zu werden, ließen es ihn als peinlich empfinden, daß er im Grunde ein armer Junge war. Doch es fehlte ihm nicht an Einfällen oder Mut; in jeder freien Woche fuhr er mit der Postkutsche vierzig Meilen nach Alexandropol, wo er sich im Hause seines Onkels Giorgi fieberhaft an die Arbeit machte, Schlösser und Uhren reparierte, Steine bearbeitete und sogar Kis­ sen bestickte. Im Alter von fünfzehn Jahren wurde Gurdjieff zum ersten Mal auf ganz persönliche Weise mit dem Tod konfrontiert: Seine älte­ ste Schwester, die ihm stets besonders nahegestanden hatte, starb. Als der Diskussionskreis um Bogatschewski eines Abends eine Se­ ance improvisierte, hegte er die wilde Hoffnung, Kontakt mit ihr aufnehmen zu können. Es kam auch zu einem unerklärlichen Tischrücken, aber eine Botschaft aus dem Jenseits empfing er nicht. Bald danach entging er selbst nur um Haaresbreite dem Tod bei einem Schießunfall auf dem See Alageuz - es stellte sich heraus, daß dieses Mißgeschick von dem geistesgestörten Wahrsager aschoch Mardiross vorhergesagt worden war. Und einmal be­ schrieben Gurdjieffs Onkel Merkurow und andere vertrauenswür­ dige Zeugen ihm ein sonderbares Geschehen, das sich am Tag zu­ vor zugetragen hatte: Ein «böser Geist» war angeblich in den Leichnam eines jungen tatarischen Polizisten gefahren und hatte ihn wiederbelebt. Gurdjieff war weder besonders morbid veranlagt noch leichtgläubig («in der Bücherei des Militärhospitals von Kars gab es kein einziges Buch über Neuropathologie und Psychologie, das ich nicht gelesen hatte, und zwar sehr aufmerksam gelesen»). Ganz im Gegenteil: Solche Begegnungen weckten in ihm nur noch mehr Hunger nach Leben und weiterem Wissen, damit er eines Ta­ ges alles verstehen könne, koste es, was es wolle. Während die Jahreszeiten einander folgten, schien es Gurdjieff fast so, als lebe er in zwei verschiedenen Welten. In der einen er­
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klärte die Wissenschaft, entsprechend dem nüchternen Gesetz von Ursache und Wirkung, alles auf zureichende Weise. In der anderen Welt erklärte sie jedoch gar nichts. Zugegeben - diese zweite Welt offenbarte sich nur kurz und problematisch, wenn sie es jedoch tat, dann . . . Ach ja, dann brachte das Zeugnis eines plötzlich erhellen­ den Augenblicks alle langweiligen Augenscheinlichkeiten durch­ einander. Doch selbst hier klammerte der Knabe sich nicht naiv an mirakulöse Erklärungen. Die spontane Heilung eines Gelähmten, die er während einer Pilgerfahrt zum Berg Dschadschur erlebte, ließ sich vom Verstand her rein psychosomatisch erklären. Das galt notfalls auch für den Fall einer Tatarenfrau, die an galoppierender Schwindsucht litt und über Nacht gesund wurde (ganz gewiß konnte man das nicht dem Arzt aus der Stadt zuschreiben, der sie in der Tat als unheilbar aufgegeben hatte, während die Kranke selbst die plötzliche Heilung auf einen Hagebutten-Milch-Trunk zurückführte, dessen Rezept ihr angeblich während einer Vision von der Jungfrau Maria höchstpersönlich anvertraut worden war). Verwirrender war da schon der Fall des schluchzenden und um sich schlagenden Jezidenjungen, der allein dadurch wieder zur Vernunft kam, daß man auf dem Boden um ihn herum einen Kreis zeichnete. In dieser Angelegenheit wandte Gurdjieff sich unschuldig an die russische Intelligenzija von Alexandropol und war dann schockiert über deren Erklärungen, die er lächerlich oder tautologisch fand. «Ich verstand bereits recht gut», bemerkte er sarkastisch, «daß Hy­ sterie eben Hysterie ist, wollte jedoch etwas mehr darüber wissen.» Am verwirrendsten für ihn jedoch war vielleicht der gewiß jede psychologische Erklärung ausschließende Vorfall, als ein sintflut­ artiger Regen niederfiel - wie eine direkte Antwort auf das glü­ hende Gebet eines Archimandriten um Regen. Wie wunderbar das doch alles war! In dieser für seine geistige Entwicklung so entscheidenden Zeit wurde Gurdjieff plötzlich seiner beiden Mentoren beraubt: Bogatschewski verließ Kars für immer, um eine Gemeinde in der trans­ kaspischen Region zu übernehmen, während Vater Borsch einen langen Krankenurlaub antrat. Gurdjieff verfiel daraufhin vor­
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übergehend dem Alkohol (offensichtlich vom Chorleiter dazu an­ gestiftet) und der dreizehnjährigen Tochter des lokalen Wodkafa­ brikanten. Er brachte ihr Gitarrenständchen, entwarf komplizierte Stickereimuster für sie und rivalisierte um ihre Gunst mit einem Mitschüler namens Pjotr Karpenko. Ein aus tiefster Seele kommender Haß ergriff die halbwüchsigen Rivalen, der ebenso intensiv war - genaugenommen noch intensi­ ver - wie ihre jugendliche Schwärmerei für das Mädchen. Man te­ stete auf den Stufen der Kirche die beiderseitige Willensstärke, •warf sich tödliche Blicke zu, die zu tätlichen Auseinandersetzun­ gen führten. Für das schließlich unausweichliche «Duell» fiel die Wahl der Waffen völlig aus dem Rahmen: Da sie keine Pistolen besaßen, beschlossen Karpenko und Gurdjieff verrückterweise, sich während der Schießübungen der Artillerie im Zielgebiet auf­ zuhalten, bis einer von beiden dabei getötet wurde. Als er dort Stundenlang geduckt in einem alten Granattrichter hockte, wäh­ rend die Geschosse heranheulten und die Erde aufwühlten, wurde Gurdjieff von niegekannten inneren Erfahrungen überwältigt: einem außerordentlichen Gefühl des Selbst-Gewahrseins, «einer ganzheitlichen Erfahrung meiner selbst», vermischt mit «einer un­ bezähmbaren Furcht» vor Vernichtung. Als alles vorbei war, kroch Gurdjieff unversehrt aus seinem Erd­ loch hervor, doch seine Einschätzung des Lebens hatte sich grund­ legend gewandelt. Reue und Mitleid packten ihn, als der leicht ver­ wundete Karpenko wieder zu sich kam und ihn anlächelte. Und Gurdjieff verbrachte jede Nacht an dessen Krankenbett, bis Karpenko wieder gesund war. Nachdem beide Mentoren die Stadt verlassen hatten, die Familie die Rückkehr nach Alexandropol erwog und Festungskomman­ dant General Fadejew wegen der Episode auf dem Übungsplatz fast einen Schlaganfall erlitten hatte, hielt Gurdjieff nichts mehr in Kars. Tiflis lockte, und 1883 verließ er die Stadt seiner Jugend. In der geschäftigen georgischen Hauptstadt, dem Zentrum des russisch-kaukasischen Vizekönigreichs, liefen die Dinge jedoch nicht so, wie er es erwartet hatte. Sein Vater hatte gehofft, der Sohn würde das berühmte Georgische Theologische Seminar in der Puschkin-Straße besuchen. Dessen trockener Formalismus
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sprach Gurdjieff jedoch nicht an. Er selbst hatte gehofft, in den Kir­ chenchor des Erzdiakons eintreten zu können, dessen Türen ihm jedoch aus unerfindlichen Gründen verschlossen blieben. Die einzi­ gen Pforten, die für ihn zu Beginn seiner Zeit in Tiflis weit offen standen, waren die zum Bahnhof der Stadt. Gurdjieff muß wohl der seltsamste Heizer der ganzen Transkaukasischen Eisenbahngesell­ schaft gewesen sein. Er war jetzt siebzehn Jahre alt, und seine «In­ itiation» auf dem Artillerieschießplatz hatte seinem Interesse für das Paranormale eine besondere existentielle Dringlichkeit verliehen. Er bezweifelte nun, Erklärungen in den Naturwissenschaften zu finden, und wandte sich der Religion zu. Die Freundschaft mit dem verständnisvollen Eisenbahningenieur Jaroslew ermöglichte es ihm, als Gelegenheitsarbeiter kommen und gehen zu können, wie es ihm paßte. Er nahm sich drei Monate frei, um bei Vater Jewlampios im Kloster von Sanaine zu studieren. Er pilgerte zu Fuß nach Etschmi­ adsin, der heiligen Stadt der Armenier. Doch entsprach nichts von dem, was er dort fand oder hörte, seinen Erwartungen. In dieser Zeit der Ratlosigkeit und Desorientiertheit lernte Gurdjieff zwei Männer kennen, die für sein weiteres Leben von größter Bedeutung sein sollten - Sarkis Pogossian und Abramjelow, beide ebenso wißbegierig wie er selbst. Pogossian war Armenier, Jelow ein Aisor. Pogossian, der am Theologischen Seminar von Eriwan stu­ diert und am Theologischen Seminar von Etschmiadsin promoviert hatte, brauchte eigentlich nur noch zu heiraten, um eine Gemeinde zu bekommen. Doch meinte er, dafür innerlich noch nicht reif zu sein. Jelow war Buchhändler. Pogossian wirkte zerbrechlich, und sein von innerem Feuer brennendes rechtes Auge schielte etwas. Er trug einen dünnen Bart wie die Geistlichen. Jelow hatte recht wider­ spenstiges schwarzes Kopfhaar, seine buschigen Augenbrauen gin­ gen praktisch nahtlos in einen wildwuchernden Bart über. Er war von untersetzter Statur und hatte die Marotte, ständig seine Hosen hochzuziehen. Für Pogossian dagegen war es typisch, ganz bewußt mit physikalischen Bewegungsvorgängen zu experimentieren rhythmisch mit den Händen zu klatschen, den Takt zu schlagen, allerlei Gesten auszuprobieren. Jelow stellte vergleichbar akrobati­ sche Anforderungen an seinen Verstand, rang mit Rechenaufgaben und beherrschte mehr als zwanzig Sprachen.
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Ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Trio hatte sich da zusam­ mengefunden. Und Tiflis, die Stadt, in der sie lebten, war nicht ge­ rade eine moralische Anstalt. Da gab es die schäbige Welt der er­ fahrenen Teppichhändler und gerissenen Unternehmer; laster­ hafte, freimaurerisch angehauchte Straßenpoeten; den labyrinthischen Basar an der Maidan-Straße und die zweifelhaften Schwe­ felbäder des Fürsten Orbeliani; grausame und zu allem entschlos­ sene Banden von Straßenjungen; Buchhalter mit dreifacher Buchführung. Die drei wußten sich in dieser bunten Szene zu be­ haupten. «Stecke neun Juden in einen Kochtopf, und es kommt ein Armenier dabei heraus. Aber neun Armenier ergeben einen Aisor.» Pogossians Wunsch, Priester zu werden, wurde seltsamerweise ersetzt durch den Wunsch, Schlosser zu werden. Jelow verband hervorragende bibliographische und philologische Kenntnisse mit ausgeprägter kaufmännischer Gerissenheit. Gurdjieff jedoch über­ traf alle beide. Unvergleichlich war sein Coup als Aufseher und Dolmetscher, der geladenen Gästen einen Überblick über die neue Bahnlinie Kars-Tiflis vermitteln sollte. Da Gurdjieff ja durch sei­ nen Job bereits wußte, welche Städte und Dörfer von der Eisen­ bahn bedient werden sollten, zog er den lokalen Würdenträgem entlang der Strecke ein kleines Vermögen aus der Tasche mit dem Versprechen, «die Sache für sie zu arrangieren». Hätte Joannas Giorgiades seinen Sohn oder Borsch und Bogatschewski ihren Schüler in dieser Zeit sehen können, dann hätten sie bestimmt die Stirn gerunzelt. Aber Tiflis war nun einmal so. Eine Stadt voller Widersprüche. Aber war denn nicht die ganze Kindheit und Jugend Gurdjieffs voller Widersprüche und Konfrontationen gewesen? Christentum contra Islam, westlicher «Fortschritt» contra orientalische Tradi­ tionen; Materialismus contra Religion; sexuelle Wünsche contra gesellschaftliche Verbote; der Monotheismus von Juden, Christen und Moslems contra den Dualismus der Aisoren und Jeziden. Li­ berale Träume wurden von einer reaktionären Geheimpolizei im Zaum gehalten, der gesunde Menschenverstand stieß auf paranor­ male Vorkommnisse. Und immer wieder Kriege statt der ersehnten Brüderlichkeit zwischen allen Menschen. All das hinterließ Spuren in Gurdjieff. Es erzeugte in ihm eine spürbare psychische Span­
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nung; einerseits war er angerührt vom Leiden der anderen, ande­ rerseits rücksichtslos in seiner Entschlossenheit zu überleben. Zwar verlangte es ihn, sich vom «Sanften Licht» der Gesänge des Dekans Borsch leiten zu lassen, dennoch wurde er immer wieder von Anfällen der Wut und Leidenschaft fortgerissen. Es ist auch wahr, wenn man sagt, er sei vom «Paranormalen» fasziniert gewesen und habe unbedingt mehr wissen wollen über seltsame Vorfälle und Kräfte - aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Seine Sicht der Dinge war von ganz besonderer Art: Aufgrund sei­ ner Herkunft und Erziehung war es ihm einfach unmöglich, ir­ gend etwas für selbstverständlich zu halten - am wenigsten das Phänomen des Lebens selbst. Er empfand (und teilte das auch Pogossian und Jelow mit) «einen unwiderstehlichen Drang, den Le­ bensprozeß auf Erden in seiner genauen Bedeutung klar zu verste­ hen, bei allen Formen atmender Geschöpfe, vor allem jedoch den Sinn des menschlichen Lebens im Lichte dieser Deutung». Warum eigentlich dieses tiefe Nachdenken über das Leben? Schließlich war Gurdjieff der Sohn eines Viehzüchters und hatte gelernt, ohne das geringste Nachdenken einen Wolf zu erschießen oder eine Laus zu zerquetschen. Doch loannas Giorgiades, der Viehzüchter und Geschichtenerzähler, hatte auch sein Leben lang den Sternenhimmel betrachtet und zu ergründen versucht, und für Georg, seinen Sohn, war eben das Leben auf der Erde das Rätsel, das seine Einbildungskraft anstachelte. Eine riesige, zusammenhängende, organische Sphäre umhüllt unseren bescheidenen Planeten. Atmende Geschöpfe fliegen in der Gashülle, schwimmen im Wasser und bevölkern die Erdkruste. Wo findet dieses Phänomen im ganzen Universum eine Parallele? Selbst auf der Erde war das Leben nicht von Anbeginn da - auch wenn es, nach menschlichem Vorstellungsvermögen, unermeßlich alt ist. Irgendwo und irgendwann, vielleicht vor einer Milliarde Jahren, ist der biologische Vorläufer aller lebenden Wesen in Er­ scheinung getreten. Aber wie nur, in Gottes Namen? Durch über­ natürlichen Eingriff? Durch irgendeine passende spontane Vermi­ schung lebloser Elemente? Durch eine Strahlung der Sonne? Durch Samen, der von Meteoriten oder Kometen mitgefühlt wurde, oder durch Sporen aus dem Weltraum? Wer konnte das sa­
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gen? Welche gemeinsame Erkenntnis, sollte es sie überhaupt ge­ ben, konnte jemals Naturwissenschaft, Religion und die von den aschochs immer wieder rezitierten Schöpfungsmythen miteinander versöhnen? Welcher Sinn verbarg sich in der hinduistischen Anru­ fung: «O Leben, das älter ist als selbst die Sterne»? Und vor allem jenseits jeder technischen Erklärung der Schöpfung — welche Art von Sinn? Worin bestand der Zweck dieses immensen Filters zwi­ schen den anorganischen Schichten der Erde und den kosmischen Strahlen aller An und Wellenlänge? Und warum hatte sich das komplexe menschliche Bewußtsein aus dem einfachen, einzelligen Leben entwickelt? Mußte man daraus nicht schließen, daß der Mensch eine einzigartige und dennoch unerwartete Rolle zu spie­ len hat? Und wenn irgendeine Funktion und ein Sinn tatsächlich existieren - wer hatte das so angeordnet? Hier, in diesem Komplex verwirrender Fragen, findet man die Hauptursache für Gurdjieffs langen Marsch durch Wüsten und Gebirge zu abgelegenen Klöstern und Ansiedlungen, sein Wissens­ durst ließ ihn Entbehrungen, Gefahren, Verdammung und Exil er­ tragen. Das war es, was ihn zum Kristallisationspunkt im Leben so vieler Menschen machte und ihm auch Jahre nach seinem Tod sei­ nen Platz auf der Weltbühne sicherte. Doch Antworten waren schwer zu finden. Die Büchereien des Militärhospitals von Kars und des Klosters Sanaine gaben zur Erklärung von Sinn und Zweck des Lebens nichts her. Die darwinistisch geprägte abendländische Naturwissenschaft vermied jede Frage nach Sinn und Zweck. Die institutionalisierten Religionen waren zwar gewillt, dieses Thema zu erörtern, jedoch nur im Rahmen ihrer eigenen Interessen. Mit jugendlicher Ungeduld gab Gurdjieff daher seine Hoffnung auf, die Antworten in zugänglichen modernen Quellen zu finden, und konzentrierte seine Aufmerksamkeit ganz auf die Vergangen­ heit. Bestimmt hatten Menschen früherer Zeiten dieselben Fragen gestellt; bestimmt hatten viele von ihnen geforscht und einige auch etwas gefunden, sicherlich hatten diese auch Spuren hinterlassen. In den übervollen Buchläden des Basars und der Straßen längs der Westseite der Alexander-Gärten stöberten die drei jungen Leute herum auf der Suche nach schriftlichen Denkmälern der Wahrheit - aus der Welt der Antike, aus byzantinischer und mittelalterlicher
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Zeit, aus der Renaissance; das ganze riesige und verwirrende christliche Erbe, kabbalistische Quellen, Klassiker des Hinduismus und des Buddhismus. Diese Periode war es, in der Gurdjieffs Gedanken angesichts der widersprüchlichen Quellen eine weitere kritische Entwicklung durchliefen. Der letzte Sinn des organischen Lebens auf der Erde war entweder ein widersinniges Studium - und das konnte er nicht akzeptieren -, oder aber es war etwas ganz Besonderes. Es war der Heilige Gral, das Goldene Vlies, der Stein der Weisen. Es ging da­ bei um ein Wissen, das alle irdische Erkenntnis so weit übertraf, daß es für normale Menschen unzugänglich war. Und wenn dieje­ nigen, die davon sprachen, dieses Wissen nicht hatten, dann spra­ chen vielleicht diejenigen, die es besaßen, nicht davon. Es gab doch vieles, was die Hypothese einer mündlichen und initiierenden Überlieferung geheimer Erkenntnisse rechtfertigte - etwa die un­ leugbare Existenz geheimer Orden von Mönchen und Derwi­ schen, die umfangreiche poetische Überlieferung der aschochs, die Mysterien von Delphi, Eleusis und Philae, die Architektur der Ka­ thedrale von Chartres, die Bemühungen der Alchimisten. Doch wo waren sie jetzt, diese geheimnisvollen Gruppen von Eingeweihten, von denen er gelesen hatte? Wo waren die «Pythagoräer», die «Es­ sener», die «Sarmung-Bruderschaft»? Um das Jahr 1886, Gurdjieff war mittlerweile zwanzig Jahre alt, stolperte er über einen ersten entscheidenden Hinweis. Eine um­ fangreiche und vielversprechende Sammlung alter armenischer Bü­ cher entpuppte sich als so schwer verständlich, daß Gurdjieff und Pogossian das laute Tiflis verließen und sich zum Studium in die stille und verlassene Stadt Ani zurückzogen, die einstige Haupt­ stadt der Bagratiden-Könige von Armenien (885-1079). Ein schicksalhafter Entschluß: Bei ihren nicht ungefährlichen Ausgra­ bungen in den Ruinen stießen die beiden jungen Männer auf eine Reihe interessanter Funde: einen unterirdischen Gang, eine einge­ stürzte Mönchszelle, eine Mauernische, einen Haufen alter arme­ nischer Pergamente. In einem dieser Pergamente fanden sie einen obskuren, aber aufregenden Hinweis auf die «Sarmung-Bruderschaft». Die Textanalyse ließ darauf schließen, daß die Bruder­ schaft eine aisorianische Schule des 6. oder 7. Jahrhunderts n. Chr.
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gewesen war, ansässig «zwischen Urmia und Kurdistan». Gurdjieff reagierte sofort. Er «beschloß, dorthin zu gehen und, koste es, was es wolle, herauszukriegen, wo genau diese Schule sich befand, und ihr dann beizutreten». Im gesamten Material, das Licht auf Gurdjieffs rätselhaften Charakter zu werfen vermag, kann es kaum einen signifikanteren Satz geben. Man bedenke: Das Gebiet, wo er suchen wollte, war riesig, der Ort unglaublich ungenau bezeichnet. Die Existenz der Bruderschaft war bestenfalls problematisch, und ihre Spuren im Laufe von zwölf Jahrhunderten verwischt. Wie sollte man da fün­ dig werden? Vielleicht läßt sich hier nur die Jugend und Unerfah­ renheit des Suchenden als «Entschuldigung» anführen, seine stür­ mische, unbändige Energie, seine brennende Hoffnung. Aber Gurdjieff war niemals naiv. Vielleicht hatte er gerade deswegen an die Sarmung- Bruderschaft «geglaubt», weil das so absurd war und weil gerade diese Absurdität seinem Erkenntnisdrang jene macht­ volle, zu Höherem befähigende Kraft vermittelte, die nur Visionä­ ren geschenkt wird. Auf jeden Fall lag es völlig jenseits der Gren­ zen der Wahrscheinlichkeit, die Sarmung-Bruderschaft zu finden. Aber vielleicht würde ja schon allein die Intensität seiner Zielstre­ bigkeit die Wirklichkeit von ihrem langweiligen Kurs des gesunden Menschenverstandes abbringen.

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Der lange Weg zur Weisheit (1887-1911)

Über Gurdjieffs Lebensweg während der nächsten gut zwanzig Jahre wissen wir alles und nichts. Denn wir wissen es nur von ihm selbst. Kein Dokument und kein unabhängiger Zeuge kann seinen außergewöhnlichen Bericht bestätigen oder aber widerlegen. In seiner Autobiographie Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen erzählt Gurdjieff auf eindrucksvolle Weise von seinem frühen Mannesalter. Doch der disziplinierte Verstand des Biogra­ phen steht manchmal fassungslos vor den vielen "Widersprüchen und Auslassungen in seinen Berichten. Daten schwirren und tan­ zen umher wie Trugbilder in flirrender Hitze; die Fußspuren des Helden verlieren sich im treibenden Sand, und häufig genug ver­ schwindet die ganze Erzählung hinter einer märchenhaften Alle­ gorie. Das ist um so erstaunlicher, weil es sich hier um die zentrale Phase in Gurdjieffs Leben handelt - die Zeit von seinem einund­ zwanzigsten bis zu seinem zweiundvierzigsten Lebensjahr. Sie be­ ginnt mit einer Frage, die in dem Jugendlichen brennt, und endet mit dem Besitz außerordentlicher Kräfte und Fähigkeiten, die den nun gereiften Mann auszeichnen. Was von all dem, was geschah, können wir für gewiß halten? Gurdjieff reiste viel - das zumindest wird von der Familie seines Bruders bestätigt. Dabei ist nicht von gelegentlichen Vergnügungs­ fahrten die Rede, sondern von ausgedehnten Reisen, die ihn immer wieder zu Dimitri nach Tiflis zurückführten - erschöpft, ohne einen Pfennig in der Tasche und von unbehandelbaren und unaus­ sprechlichen Krankheiten geplagt. Er klagte über Buchara-Mala­
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ria, Belutschistan-Durchfall, kurdistanischen Skorbut und tibeti­ sche Wassersucht. Er wies die Narben von drei nacheinander erlit­ tenen Schußwunden vor. Zweifellos hatte er sich nicht auf ausge­ tretenen Pfaden bewegt. Es waren seine Weltansicht und die selbstgestellte Aufgabe, die Gurdjieff zu einem Nomaden machten und ihm die Annehmlich­ keiten eines Familienlebens verwehrten. Seine «Sarmung-Bruderschaft» war die glänzende Nähnadel, die irgendwo im gewaltigen Heuhaufen Eurasiens vergraben lag. Die Bedeutung des organi­ schen Lebens auf unserer Erde war eine verlorengegangene Wahr­ heit, deren Bruchstücke weit verstreut - gleich dem zerstückelten Leichnam des ägyptischen Gottes Osiris - in hundert versunkenen Kulturen verborgen waren. Suchen, sammeln und zusammenset­ zen - das war die Rolle, die Gurdjieff sich selbst gewählt hatte. Und die Zeit drängte. Eine selbstbewußte europäische Technolo­ gie hatte bereits begonnen, den Osten langsam, aber sicher - sozu­ sagen im Eisenbahntempo — zu erobern. In hundert, vielleicht schon in fünfzig Jahren würden die Anschauungen, Sitten und Ri­ tuale von Jahrtausenden durch eine Welle des Modernismus hin­ weggeschwemmt sein. Gurdjieff las die Zeichen der Zeit mit hell­ sichtig-schmerzlicher Vorahnung. Die Fakire, Yogis und Schama­ nen würden verdrängt werden. Klöster, Ashrams und Derwisch­ Treffpunkte würden zu Ruinen zerfallen oder nur als Kuriositäten überleben. Die weit abgelegenen theokratischen Gesellschaften Ti­ bets und Abessiniens würden zerstört werden. Der gesamte Konti­ nent überlieferter Erkenntnisse, der Gurdjieff im Jahre 1887 her­ ausgefordert hatte, lag im fahlen Licht des Sonnenuntergangs, und die schwarzen Schatten aus dem Westen wurden immer länger. In Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen machen wir eine Reise ins Innere, und zwar zusammen mit Gurdjieffs Freun­ den - Priestern, Ingenieuren, Ärzten, Fürsten -, die alle in irgend­ einer Hinsicht außergewöhnlich waren, deren Wissen, Selbstlosig­ keit und Mitgefühl das normale menschliche Maß sprengten. Ihre Worte sprechen uns an, als seien sie wirklich direkt an uns gerich­ tet.

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Ich war nicht allein. Unter uns befanden sich vielerlei Speziali­ sten. Jeder hatte sein besonderes Fachgebiet genau studiert. Wenn wir uns anschließend wieder trafen, setzten wir gemein­ sam alles zusammen, was wir gefunden hatten (Ouspensky). Gurdjieff war der Spiritus rector dieser Gruppe. Sie hatte sich seit 1889 in Alexandropol gebildet und wurde 1895 formell konstitu­ iert als «Sucher der Wahrheit» - um Menschen, Sitten und Ge­ bräuche, Literatur und Baudenkmäler zu studieren, Experimente, Beobachtungen und vergleichende Forschungen anzustellen und bei der Arbeit für das gemeinsame Ziel einander großzügig Hilfe zu gewähren. "Wenn Gurdjieff zum Scherzen aufgelegt war, sprach er von ihnen als Sucher von Perlen im Misthaufen. Pogossian und Jelow waren natürlich von Anfang an dabei. Überraschend gesellte sich bald auch Pjotr Karpenko dazu. Nach und nach schlössen sich weitere Interessierte ihnen an, die Gurdjieffs kritisches Temperament und sein fast schmerzhaftes Gespür für «richtige» Fragestellungen sowie seine ehrgeizigen Hoffnun­ gen teilten. Schließlich hatten sich etwa fünfzehn Männer und Frauen zusammengefunden, unter ihnen Experten in Archäologie, Astronomie, Maschinenbau, Bergbau, Musik und Philologie. Die meisten waren noch jung und entsprechend idealistisch und begei­ sterungsfähig. Ihre unbedingte Bereitschaft, auf dem Weg zu wah­ rem Wissen auch Opfer zu bringen, war unübersehbar. Sollte bei einigen bloße Abenteuerlust die Triebfeder gewesen sein, so wur­ den sie sehr bald durch vielfältige Entbehrungen und harte Erfor­ dernisse des Alltags auf den Boden der Realität zurückgeholt. Und wenn sie tatsächlich Erkenntnisse erlangten, dann wohl weniger durch Belehrungen in irgendeinem Shambhala oder Shangri-La als durch den aufreibenden Prozeß der Suche selbst. Gurdjieff war von seinem Ziel geradezu besessen. Keine Wüste war zu heiß und kein Gebirge zu steinig, wenn sie auf der «Reise zu unzugänglichen Orten» durchquert werden mußten. Fragt man nach seinem speziellen Beitrag zum gemeinsamen Ziel: Er konzen­ trierte sich auf etwas, das man in der Physik als Vibrationen be­ zeichnet, in der Musik als Tonhöhe und Tonalität, beim Menschen als Aufmerksamkeit, Energie und Seelenzustand. Aus seiner —
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neuen - Sicht betrachtet, war alles und jedes Schwingung. Um die­ ses «Etwas» zu erkennen und zu durchdringen, stürzte Gurdjieff sich aufs Studium von Kunst, Musik, Gestik, Körper- und Geistes­ haltung - vor allem die traditionellen religiösen und weltlichen Tänze betrachtete er als Fundgrube auf diesem Gebiet. Wenn es nur möglich wäre, dieses «Etwas» zu meistern, dann könnte ihm vielleicht eine atemberaubende Synthese gelingen: eine gleichzei­ tige Erklärung des Paranormalen und des organischen Lebens. Scharfsinn bewies der Wahrheitssucher auch im profanen Le­ ben. Wir begegnen in dieser Zeit einem mit allen Wassern gewa­ schenen Unternehmer Gurdjieff, dem nichts zu groß und nichts zu klein ist, um nicht sein materielles Interesse zu wecken. Er handelt mit antiken Gegenständen, orientalischen Teppichen, chinesi­ schem Cloisonne, mit Ölquellen und eingelegten Heringen. Er re­ pariert Nähmaschinen und Schreibmaschinen, er eröffnet Restau­ rants, macht sie rentabel und verkauft sie wieder. Er erfindet neue Entwürfe für Korsetts, tritt als Schwertschlucker auf und malt so­ gar Spatzen, die er als «amerikanische Kanarienvögel» an den Mann bringt. . . «Ich bin auch Geschäftsmann» (Ouspensky), kommentiert Gurdjieff bescheiden seine Aktivitäten. Und das war er tatsächlich. Wenn überhaupt jemand auf diese Weise überleben konnte, dann er. Und doch sind zwanzig Jahre eine lange Zeit, um Körper und Seele zusammenzuhalten. Unter russischen Emigranten, ja selbst unter Familienangehörigen und Anhängern, kursierte hartnäckig das Gerücht, Gurdjieff habe seine beharrliche Suche nach Wahrheit zeitweilig durch seine Tä­ tigkeit als politischer Agent «gefördert». Offizielle Akten und Dossiers darüber gibt es nicht. Vielleicht existieren sie nicht mehr; vielleicht lagern sie in irgendwelchen verstaubten Regalen in Mos­ kau, Paris oder Neu-Delhi. Doch die Indizien ergeben immerhin eine faszinierende Bildergalerie von Gurdjieff: 1887 Kurier der ar­ menischen Geheimgesellschaft der Armenakans; ab 1890 Mitglied der armenischen Geheimgesellschaft der Daschnaksutier; um das Jahr 1896 militanter Kämpfer für die Hellenistische-Spartakistische Vereinigung Ethnike Hetairia, und während der zehn Jahre von 1898 bis 1908 zaristischer Spion. Zugegeben. Gurdjieff läßt sich hierüber nicht im Detail aus.
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Mißbilligend, aber vage spielt er an auf «alle Arten von Terror, die . . . Folge gewalttätiger Geschehnisse sind»; grollend erinnert er sich an «Gespräche mit allerlei Revolutionären . . . zuerst in Italien und dann in der Schweiz». Er erwähnt «Reisen im Auftrag der einen oder anderen Regierung oder für eine bestimmte politische Zielset­ zung». Vielleicht kommt er in folgender Erklärung der Wahrheit am nächsten: Im Zusammenhang mit meinen ganz besonderen Lebensumstän­ den hatte ich die Möglichkeit, Zugang zum sogenannten «Aller­ heiligsten» fast aller Geheimorganisationen zu erhalten, etwa zu religiösen, philosophischen, okkulten, politischen und mysti­ schen Gesellschaften, Kongregationen, Parteien, Vereinigungen usw., die dem gewöhnlichen Menschen verschlossen waren. Was sind derartige «Umstände» und «Möglichkeiten», wenn nicht die eines Mitglieds des Geheimdienstes? Als Gurdjieff dreißig Jahre später, im Jahre 1920, in Konstantinopel eintraf, wurde er - wenn auch irrtümlich - vom britischen Geheimdienst als gefährlicher po­ litischer Agent überwacht. . . Nimmt man einmal Gurdjieffs Verbindungen zu diesen sehr un­ terschiedlichen politischen Bewegungen als gegeben an, dann stellt sich die Frage, wie weit er ihnen emotional verbunden war. Die schwer durchschaubaren Probleme des griechischen und armeni­ schen Nationalismus im 19. Jahrhundert und die melodramatische Feindschaft zwischen dem zaristischen und dem ottomanischen Im­ perialismus waren wohl kaum von näherem Interesse für jemanden, der sich bemühte, den Sinn des organischen Lebens auf unserer Erde zu erfassen. Sobald Gurdjieff dieses Ziel ins Auge gefaßt hatte, waren die jeweiligen Bündnisse im allgemeinen ausschließlich von rücksichtslosem Pragmatismus bestimmt. «Mir war es ganz gleich, wie ich dorthin gelangte, ob auf dem Rücken des Teufels oder Arm in Arm mit dem Priester Wlakow.» Außerdem, so würden seine Apologeten sagen, war er im Prinzip ein durch und durch apolitischer Mensch. Er war sozusagen nicht von dieser Welt, auch wenn er in ihr lebte. Und Gurdjieff persönlich bekräftigt diese Einschätzung:
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Meine Neigung während dieser Periode, stets zu reisen und zu versuchen, mich selbst in den jeweiligen Prozeß des Zusammen­ lebens der Menschen einzubringen, war zwar bedingt durch heftige energetische Ereignisse, etwa Bürgerkriege, Revolutio­ nen usw., ergab sich aber auch aus meinem [spirituellen] Ziel. Und sobald Gurdjieff wußte, daß seine Eltern sich vor den Türken und Kurden - die immer weiter nach Osten vordrangen und die Armenier niedermetzelten - in Sicherheit befanden, folgte er wie­ der seinem Stern, der Sehnsucht nach Erkenntnis, und schiffte sich nach Kreta ein - eingedenk jener Legende, die sein Vater ihm einst erzählt hatte: daß nämlich vor langer, langer Zeit, 7000 Jahre vor der Sintflut und der Arche Noah, eine großartige Zivilisation «auf der Insel Hannin existiert hatte . . . ungefähr dort, wo heute Grie­ chenland liegt». Regiert wurde diese Gemeinschaft von der «Imastun-Bruderschaft», einer Kaste weiser Männer, die sich mit Astro­ logie und Telepathie beschäftigten. Wenn diese Sage überleben konnte, weitergegeben von Mensch zu Mensch, von Generation zu Generation, bis sie zu seinem Vater im fernen Armenien ge­ langte - könnte da nicht die mündliche Überlieferung näher ihrer Quelle um so heller leuchten? Könnte sie nicht Licht auf seine ei­ gene «Frage» werfen? Natürlich widersprach der gesunde Men­ schenverstand dieser Hoffnung, doch irgend etwas an dieser Sage war unendlich viel stärker als der gesunde Menschenverstand. Obwohl Gurdjieff im Grunde als Suchender nach Kreta kam, traf er dort, den Umständen entsprechend, als Revolutionär ein. Diese von den Türken beherrschte, aber von Griechen bewohnte gebirgige Insel stand kurz vor einem Aufstand — geschürt und un­ terstützt von der Ethnike Hetairia. Im Februar 1896 war es soweit: Die Griechen in der Region Sfakia erhoben sich, um ihre Befreiung vom Türkenjoch mit der Waffe in der Hand zu erkämpfen. Gurdjieff wurde dabei angeschossen - nicht etwa, wie er ausdrücklich betont, durch eine verirrte Kugel, sondern durch eine, die in dem «dunkelhaarigen Griechen» ein legitimes Ziel fand. Wie der verwundete Gurdjieff auf dem Umweg über Jerusalem und Kairo den Weg zurück nach Alexandropol fand, bleibt im dunkeln ... Zumindest Ägypten war ihm ein vertrautes und Erin­
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nerungen wachrufendes Land. Schließlich war dort seine erste Ex­ pedition mit Pogossian gescheitert. Hier hatte er vor langer Zeit, im Jahre 1887, während er sich mühsam den Lebensunterhalt als Fremdenführer zum Sphinx und zur Cheopspyramide verdiente, seinen «älteren Kameraden und engsten Freund», den russischen Fürsten Juri Lubowedski, getroffen: Die gemeinsame, sie beide fas­ zinierende Entdeckung der Landkarte eines «Prä-Wüsten-Ägypten» besiegelte eine lebenslange Freundschaft. «Mein Gott! Was für eine Erfahrung in jenem Augenblick. Ich werde sie niemals ver­ gessen.» Was ist wohl mit diesem «Prä-Wüsten-Ägypten» gemeint? Ir­ gendein historisch und geographisch fixierbares Ägypten? Ein grü­ nes, an Eden erinnerndes Weideland auf dem der paläolithische oder neolithische Mensch jagte, bevor der Wüstensand Besitz von dem Gebiet ergriff? Gar nicht so unmöglich. Doch Gurdjieff ging es wohl eher um ein anderes «Land»: Er stellte eine Verbindung her zwischen Ägypten und Atlantis, zwischen Atlantis und dem Unbe­ wußten sowie dem Unbewußten und dem kostbarsten Besitz des Menschen, seinem begrabenen, verschütteten Gewissen. Lubowedskis intensive Beschäftigung mit solchen Themen hatte Jahre zuvor in Moskau begonnen - nach dem für ihn so schmerzli­ chen Tod seiner jungen Ehefrau. Von diesem Zeitpunkt an reiste er wie ein Besessener, vor allem durch Afrika, Indien, Afghanistan, Ceylon und Persien: Der Fürst war sehr reich, gab jedoch sein ganzes Geld aus für seine «Suche» und für das Organisieren von Reisen zu den Or­ ten, von denen er glaubte, er könne dort eine Antwort auf seine Fragen finden. Lange Zeit lebte er in bestimmten Klöstern und traf viele Personen, die ähnliche Interessen hatten. Den Typus des aristokratischen russischen Wissenschaftlers ver­ körpert Lubowedski perfekt, als Begleiter des Georg Iwanowitsch Gurdjieff jedoch enttäuscht er. Er wirkt irgendwie nicht wie ein reales Wesen; seine Aura erstrahlt in reinstem Weiß; sein Idealis­ mus ist fleckenlos, seine Güte, Liebe und Geduld umhüllen ihn mit einem Schleier von Heiligkeit. Selbst sein Foxterrier Jack ist ein
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Hund sans reproche. In der Literatur über Gurdjieff gibt es ein ein­ drucksvolles Porträt, das Lubowedskis «Essenz» herauszuarbeiten scheint. . . Verwirrenderweise ist es jedoch ein Abschnitt, der Jahr­ zehnte später verfaßt wurde und Gurdjieff selbst beschreibt. Viel­ leicht liegt da der Schlüssel zu dem Geheimnis von Lubowedskis eigenartiger «Wesenlosigkeit»? Gurdjieffs Kapitel über den Fürsten Lubowedski ist - wie ein fauler Fleck in einer überreifen Frucht - der Bericht über einen ge­ wissen «Solowjew» eingefügt. Wo Lubowedski in vollkommener Reinheit erstrahlt, ist Solowjew ein Galgenvogel; wo Lubowedski fast zu einer Abstraktion erstarrt, kann man Solowjews Schweiß nahezu riechen. Durch die Umstände in der Welt hin und her ge­ hetzt, ist er zu einem Lügner geworden, zu einem Betrüger, Dieb und Fälscher und hat sich nunmehr leidenschaftlich dem Trunk er­ geben. Obwohl sein zufälliger Kontakt mit Gurdjieff in Buchara im Jahre 1898 unter dramatischen Umständen zustande kam, ist eine sonderbare Parallele viel interessanter. Auch Gurdjieff war in jenem besonderen Augenblick in einer kritischen Phase. Er be­ trachtete sich selbst als «bis in den Kern verdorben und verkom­ men», interessiert vor allem an Sex, gutem Essen, beherrscht von Rachegelüsten, verloren in «Eigenliebe, Eitelkeit, Stolz, Eifersucht und sonstigen Leidenschaften». Auch er fühlte sich versklavt — nicht durch Alkohol, sondern durch seinen skrupellosen Einsatz so machtvoller Kräfte wie Hypnose und Telepathie, die er mittler­ weile entwickelt hatte: Wir versetzten sie schließlich in einen tiefen hypnotischen Zu­ stand, daß man eine große Nadel in ihre Brust stechen, ihre Münder zunähen und sie quer über zwei Stühle legen konn­ te ... mit zwei schweren Gewichten auf ihrem Oberbauch. Unabhängig voneinander schwören beide Männer nun Enthalt­ samkeit. «Herr, hilf mir», ruft Solowjew, «und schenke mir die Kraft, niemals wieder dieses giftige Zeug zu trinken, das mich in ein derartiges Leben getrieben hat.» Und Gurdjieff schwört, sich niemals mehr den «Lastern» der Hypnose und der Schwarzen Ma­ gie zu ergeben. Das essentielle Muster von Sünde, Reue und Erlö­
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sung wird hier so perfekt erfüllt, daß es sich fast auf einen einzigen Menschen beziehen könnte. Bis zum Jahre 1895 war Gurdjieff viel und weit gereist. Er hatte bereits als Muslim getarnt Mekka und Medina besucht, war mit Lubowedski in Theben sowie mit einem gewissen Professor Skridlow in Abessinien, im Sudan und in Babylon gewesen. Dennoch gelten erst die Jahre von 1896 bis 1900 als die Periode seiner «heroischen Reisen». Werfen wir also einen Blick auf die ein­ drucksvolle Gestalt des «Tigers von Turkestan», der sich tapfer ge­ gen den Wind stemmt, den Horizont der Wahrheit nie aus den Augen verlierend. Manchmal befindet er sich in Gesellschaft von Lubowedski und den Suchern, manchmal ist er mutterseelenallein. Stolpernd können wir seinen Weg verfolgen nach Täbris, Turkestan, Orenburg, Swerdlowsk, Sibirien, Buchara, Kafiristan, Merw, zur Wüste Gobi, nach Tschardschou, ins Pamirgebirge und ins nördliche Indien. «An einem Ort finde ich Symbole, an einem anderen Techniken und wieder an einem anderen Tanz »(Bennett, Gurdjieff). Seine geheimen Wege kreuzen nicht die der großen Geographen jener Epoche: Sven Hedin, SirAurel Stein, Albert von Le Coq oder Paul Pelliot. Er plündert nicht wie sie wertvolle Aus­ grabungsstätten, sondern stößt vielmehr vor zu Quellen primärer Erkenntnisse und Wertvorstellungen. Gurdjieffs provozierende Behauptung, er habe «das Hauptklo­ ster Sarmung» gefunden und betreten, ist in der Tat ein Lackmus­ test, der zwischen jenen unterscheidet, die alles buchstäblich neh­ men, und jenen anderen, die Allegorien vorziehen. Alle greifbaren Angaben über Ort und Lage des Klosters sind jedenfalls höchst un­ genau. Gurdjieff war damals gezwungen, eine Reise ins Ungewisse anzutreten, denn die Karten jener Zeit waren unzuverlässig, vor allem aber mußte er ewige Verschwiegenheit geloben. Gurdjieffs Bericht zufolge, brachen er und Solowjew irgend­ wann 1898 oder 1899 von Buchara aus mit Pferden, Eseln und vier kirgisischen Führern auf. Nach Überquerung von Flüssen und Ber­ gen erreichten sie bei Sonnenuntergang des zwölften Tages ihr Ziel. Buchara, jene uralte Stadt an der Seidenstraße, liegt im Nor­ den von Afghanistan, das 1873 unter russische Herrschaft gekom­ men war. Angesichts der rauhen Umweltbedingungen kann der
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magische Kreis um Sarmung kaum mehr als 500 Meilen im Durch­ messer betragen haben - und davon können wir die nördlichen und westlichen Landesteile «abziehen», die an die Kisilkum- bzw. die Karakum-Wüste angrenzen. In der Tat führen Gurdjieffs quä­ lend ungenaue Hinweise auf die Täler der Flüsse Sarowschan und Pijandsch (oder Ab-i-Pandj) uns direkt in östlicher Richtung zum Gebiet längs «der goldenen Straße nach Samarkand» (Flecker). Ir­ gendwo in die unzugänglichen Regionen der Gebirge direkt nach Süden . . . irgendwo . . . irgendwo. Hier, an diesem entscheidenden Punkt, verläuft die tapfere Exe­ gese der Geographen im Sande - wie ein Fluß, der nach und nach austrocknet. Vielleicht haben die Anhänger der Allegorie recht, die die ganze Klostergeschichte nur symbolisch auffassen, beginnend mit einer Episode, in der eine gefährliche Seilbrücke über einer tie­ fen Schlucht eine Rolle spielt. Der Held auf dieser «gefährlichen Brücke» ist genau von der Art, wie man ihn in Mythen und volks­ tümlichen Überlieferungen trifft - von der Schwertbrücke des Lancelot bis zu Bifrost, der skandinavischen Regenbogenbrücke. Im Osten gibt es Erzählungen über Sirat, die Brücke der Muslims über die Hölle, sowie die furchterregende Chinvat-Brücke des Jüngsten Gerichts bei den Anhängern des Zoroaster. Und was das abgelegene und geheime, von hohen Bergen umgebene spirituelle Zentrum angeht, so handelt es sich dabei um ein Bild, dem wir un­ ter dem Namen Shambala in der gesamten tibetischen und mongo­ lischen Kultur begegnen. Und im Abendland wurden davon so un­ terschiedliche Geister wie zum Beispiel Helena Blavatsky, Alex­ andra David-Neel, Mircea Eliade, Rene Guenon, Giuseppe Tucci und Emanuel Swedenborg angesprochen. Die Symbolisten verwei­ sen auch darauf, daß Gurdjieffs Kloster über drei Haupthöfe ver­ fügt - eindeutig sind dies die exoterischen, mesoterischen und eso­ terischen Kreise der Menschheit. Des weiteren hat jede Einzelheit innerhalb der Höfe - selbst die Intarsien auf bestimmten Gegen­ ständen - eine verschlüsselte Bedeutung. «Da Ebenholz von Afrika und Perlmutt von Indien geholt wurden, läßt dies darauf schließen, daß das Ganze eine Synthese semitischer und arischer Lehren dar­ stellt» (Bennett, Gurdjieff). Alles in allem besteht das SarmungKloster der Symbolisten aus dem Stoff, aus dem die Träume ge­
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macht sind - natürlich prophetische Träume der besseren Art, wie sie in jeder spirituellen Topographie ihren Platz haben. Man kann das Thema Sarmung jedenfalls nicht einfach so ab­ tun: Als angebliche Quelle der tiefsten Einsichten Gurdjieffs, der Heiligen Tänze und des Enneagramms3, ist es ganz zentral für sein Leben und Denken. Unter den vielen ungelösten Problemen im Zusammenhang damit ist das bei weitem komplizierteste das Feh­ len einer allgemein akzeptierten Grundlage für den Namen selbst. Bisher hat man schon ein Dutzend miteinander unvereinbarer Theorien aufgestellt, um dieses bemerkenswerte Vakuum zu fül­ len. Sarmung und Sarmakand stehen einander phonetisch und geographisch nahe - vielleicht ein möglicher Hinweis? Außerdem hat Buchara im i o. Jahrhundert unter der Samaniden-Dynastie eine kurze kulturelle Blütezeit erlebt, hat unter anderem Avicenna, den Autor des «Canon medicinae», hervorgebracht. Doch alle Überlieferungen, Offenbarungen und Erkenntnisse endeten mit ihren Hütern auf den von der Goldenen Horde des DschinghisKhan im Jahre 1219 errichteten Bergen von Totenschädeln. Hier sind wir an einem Punkt angelangt, an dem Gurdjieff den Histori­ ker mit einem leider nie erfüllten Versprechen im Stich läßt: «Alle Einzelheiten über dieses Kloster, was es darstellte, was dort und wie es getan wurde, werde ich vielleicht eines Tages in einem be­ sonderen Buch erzählen.» Wenn wir nunmehr völlig ratlos daste­ hen, dann vielleicht deswegen, weil Gurdjieff es so wollte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Gurdjeff eines seiner gro­ ßen Ziele noch nicht erreicht: Tibet. Wie sollte ein Temperament wie das seine der Herausforderung dieser verschlossenen Grenzen widerstehen? Wie sollte es ihm möglich sein, sich dieser machtvol­ len Mischung aus tantrischen, mantrischen und Mudrä-Praktiken zu entziehen, diesem Konglomerat aus Mystik, Magie und Dämo­ nenverehrung? Wie sollte er sich nicht angezogen fühlen von der bloßen Existenz der verbotenen Stadt Lhasa und der Klöster Drepung, Sera und Ganden - von jenen heiligen Ameisenhaufen, in denen sich die Gebetsmühlen drehten und die Gongs erklangen, in deren Atmosphäre von unglaublicher spiritueller Glut und äuße­ rem Schmutz so viele uralte Geheimnisse verborgen waren? Er konnte nicht widerstehen. Und glücklicherweise brauchte er
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es auch nicht, da seine ganz persönlichen Zielsetzungen sich so perfekt mit seiner politischen Nützlichkeit deckten: Gurdjieff wurde Seiner Kaiserlichen Majestät Zar Nikolaus II. vorgestellt und fand sich wieder «unter Menschen, die dort im Glanz der ver­ schiedensten Ordensschleifen und Galauniformen auftraten». Aus seinen höchst glaubwürdig klingenden Bemerkungen über diese Zeit können wir schließen, daß Gurdjieff im Laufe der Jahre zu einer wichtigen Figur in jenem großen Schachspiel der Macht ge­ worden war, das unermüdlich zwischen Panrussischen Imperiali­ sten und dem britischen Vizekönig um größeren Einfluß in Afgha­ nistan, Chitral und Kaschmir gespielt wurde. Jeder weiße Bauer, der nun in Richtung des tibetischen Feldes vorgeschoben wurde, war garantiert versehen mit den erforderlichen Rubel, Lastenträ­ gem und gefälschten Papieren. Angesichts seiner Sprachkenntnisse und seines typisch grie­ chisch-armenischen Aussehens konnte Gurdjieff am ehesten hof­ fen, von Nordwesten her in das Gebiet einzudringen, verkleidet als transkaspischer Buddhist, als Kalmücke aus Astrachan. Mit einiger Berechtigung sieht ihn also der in diese Richtung spekulierende Biograph im Frühjahr 1901 den Mustag-Paß erklimmen. Etwa ein Jahr lang oder etwas länger trieb er sich im oberen Tibet herum, wo er sich vor allem für die Rotmützen-Lamas interessierte. Er stu­ dierte die tibetische Sprache, Rituale, Tänze, Medizin und vor allem Körpertechniken. Viele Jahre später verbreitete er das Ge­ rücht, er habe in Tibet geheiratet und dort zwei Kinder gezeugt. Was immer auch wirklich an diesem Familienidyll dran sein mag es zerbrach im Jahre 1902, als Gurdjieff im Zuge einer obskuren Auseinandersetzung zwischen Bergstämmen von einer verirrten Kugel getroffen und sein Leben erneut beinahe beendet wurde. Loyale Freunde, deren Namen wir nicht kennen, brachten ihn irgendwie über den Mustag-Paß herunter nach Yangi Hissar, einer Oase am westlichen Rand der Taklamakan-Wüste. Dort schwebte er lange zwischen Leben und Tod. Da sein Körper jedoch «stahlhart» war und er von drei europäischen und zwei tibetischen Ärz­ ten liebevoll betreut wurde, erholte er sich schließlich. Vielleicht trugen seine vorübergehende Schwäche und die überaus seltsame Situation, in der er sich befand, zu der darauffolgenden mystischen
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Erfahrung bei, in der die lapidare Lehre von den Übereinstimmung - «Wie oben, so unten» - ihm plötzlich mit ehrfurchtgebietender Kraft und ehrfurchtgebietender Verantwortung im tiefsten klar wurde: ER ist Gott, und ich bin Gott! Welche Möglichkeiten auch im­ mer ER in bezug auf die Gestalt des Universums haben mag, so sollte auch ich solche Möglichkeiten in bezug auf die mir unter­ geordnete Welt haben. ER ist Gott der ganzen Welt und auch meiner äußeren Welt. Auch ich bin Gott, wenn auch nur meiner inneren Welt. Diese erregende Erkenntnis sollte von nun an sein ganzes Denken durchdringen, seine Fragen hinsichtlich des organischen Lebens erhellen und sein langes und hartes Ringen um Selbst-Beherr­ schung intensivieren. «Nach drei oder vier Monaten unbewußten Lebens erlebte ich noch ein weiteres Jahr ständiger physischer Anspannung und unge­ wöhnlichen psychischen Erfahrungsreichtums.» Die politische Si­ tuation verschlechterte sich zusehends: Am 5.Juli 1903 überschritt Sir Francis Edward Younghusband mit seiner kleinen Armee die Grenze zwischen Sikkim und Tibet, angetrieben von patriotischen Gefühlen, einer tiefsitzenden mystischen Liebe zu verlassenen Or­ ten und dem kuriosen Vorsatz, «diese selbstsüchtigen, lausigen und geilen Lamas zu zerschmettern» (Fleming). Die Tibeter, die ihm Widerstand leisteten, hatten keine Chance. Die Plünderung von Lhasa im Jahre 1904 hat Gurdjieff tief getroffen. Über den Kampf der hoffnungslos unterlegenen tibetischen Soldaten, die den Ma­ schinengewehrsalven Younghusbands nur ihre altmodischen Breit­ schwerter und edelsteinverzierten Hinterlader-Gewehre entgegen­ zusetzen hatten, schweigt er sich aus. Doch in einem Fall protestierte er energisch - aber vergeblich: Gegen die Erschießung eines erleuchteten Lama, dessen unzeitgemäßer Tod eine einzigar­ tige Initiationslinie unterbrach, die im 8.Jahrhundert von Padma Sambhava, dem Vater des tibetischen Tantrismus, eingeleitet wor­ den war. Dieses scheinbar geringfügige Geschehnis stellt Gurdjieff als die Wurzel kommender unheilvoller Ereignisse dar.
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Seiner Ansicht nach war der Mensch in tiefem Schlaf befangen, litt blind und ziellos, hin und her gerissen von Krieg und Leiden­ schaft, allem und jedem schadend. Und dennoch klammert er sich aufgrund eines seltsamen Defekts in seiner Natur an genau die In­ strumente, die verletzen, an die Muster, die betrügen und täu­ schen. Alles das war für Gurdjieff der «Terror der Situation». Er wollte unbedingt den fürchterlichen Prozeß des Krieges und die ihm zugrundeliegende Hysterie verstehen - und sogar etwas dage­ gen tun. «Ich muß, koste es, was es wolle, irgendein Mittel finden, um in den Menschen diese Neigung, sich beeinflussen zu lassen, zu zerstören, denn sie ist der Grund dafür, daß sie so leicht einer <Massenhypnose> erliegen.» Da er nun wie nie zuvor «den Seinsimpuls erlebt, den man <Liebe zur Sache> nennt», erweitert Gurdjieff seine Zielsetzung entspre­ chend: Eine kompromißlose Barmherzigkeit soll von nun an die Weisheit ergänzen; das Herz soll das Erleben der Augen besänfti­ gen; das bessere Verstehen soll wohlmeinendes Einmischen bewir­ ken. Selbstkritisch mokiert er sich über seinen neuen «zweiköpfi­ gen Wurm von Wissensdurst». Doch es ist mehr als Wissensdurst: Er strebt nach dem seltsamen Ideal des «guten Egoisten». Die Wassersucht, an der Gurdjieff im Jahre 1904 erkrankte, zwang ihn, die große Höhe Tibets zu verlassen und sich nach Hause durchzuschlagen. Seine Eltern waren schon seit langem aus Kars weggezogen und in ihr altes Haus in Alexandropol zurückge­ kehrt. Sein Vater, immer noch gelassen und tatkräftig, war nun in den Siebzigern, auch seine Mutter und die Schwestern waren wohlauf, und der schmucke Dimitri machte in Tiflis die Mädchen­ welt unsicher. Gurdjieff muß ein seltsamer Sohn und seltsamer Bruder gewesen sein; rätselhaft, eindrucksvoll, unruhig, verletz­ lich; er hatte seinen Platz im Leben noch nicht gefunden, war auch, soweit bekannt, unverheiratet. Nachdem man ihn wie den bibli­ schen verlorenen Sohn aufgenommen, gefeiert und wieder gesund gepflegt hatte, blieb er noch zu Hause und erholte sich. Man kann ihn sich bei herbstlichem Sonnenschein im kleinen Rosengarten vorstellen, vielleicht beim Musizieren mit der Mundharmonika, die ihm eine seiner Schwestern geschenkt hatte, etwa beim Üben des Liedes «Die Gipfel der Mandschurei».
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Natürlich konnte Gurdjieff nicht lange untätig rumsitzen. Seine Suche war nur vorübergehend unterbrochen, und seine Energie war keineswegs erlahmt. Obwohl er geschworen hatte, das Hyp­ notisieren aufzugeben, nahm er dieses Studium jetzt wieder auf, weil es sein Ziel war, den Menschen von jeder Beeinflußbarkeit zu befreien. In Alexandropol begann er interessante Experimente mit der «Objektivierung der Sensibilität». Er träumte davon, in ein zentralasiatisches Sufi-Kloster zu gehen, wo Derwische das «Weg­ nehmen jedes Verantwortungsgefühls» übten. Schließlich verab­ schiedete Gurdjieff sich im Winter 1904 von seinen Eltern, machte sich erneut auf den Weg - und war schon wieder mittendrin in ge­ waltsamen politischen Auseinandersetzungen. In der Nähe des Ei­ senbahntunnels von Chiatura «wurde ich von dieser dritten Kugel getroffen, die natürlich ungezielt von irgendeinem <reizenden Menschen> abgefeuert wurde, der entweder zu der sogenannten russischen Armee, die hauptsächlich aus Kosaken bestand, oder den sogenannten Gurianem gehörte». Und wieder entging Gurdjieff um Haaresbreite dem Tod, hilfs­ bereite Begleiter brachten ihn in Sicherheit. Obwohl Tiflis und sein Bruder Dimitri nur 85 Meilen entfernt lagen, verschlug es den ver­ wundeten Gurdjieff nach Osten, zunächst nach Aschchabad und dann in sein geliebtes Yangi Hissar, wo er sich wieder vollständig erholte. Schließlich gelangte er nach Taschkent. Im Jahre 1905 war Taschkent eine recht ansehnliche Stadt. Vier­ zig Jahre lang hatte man dieses den Usbeken entrissene Bollwerk als Sitz des Generalgouverneurs von Russisch-Turkestan ausge­ baut. Gurdjieff, der Geheimagent, und Gurdjieff, der Erforscher der Beeinflußbarkeit der Massen, müssen in den wilden Streiks und Demonstrationen gegen die Regierung, die von den Eisenbahnarbeitem zwischen 1905 und 1907 veranstaltet wurden, ge­ meinsame Interessen entdeckt haben. Zweifellos interessierte er sich auch für die kostbaren Bibliotheken der Stadt, doch die wahre Faszination Taschkents bestand für ihn darin, daß es gewisserma­ ßen sein Versuchsgelände wurde. Das Jahr 1908 markiert einen ganz entscheidenden Wende­ punkt. Bis dahin hatte das Lerne» im Zentrum von Gurdjieffs Leben gestanden. Nun begann er endlich daran zu denken, Schüler um
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sich zu versammeln. Im Laufe von mehr als zwanzig Jahren hatte er ein unerhörtes Potential an Kräften, Techniken und Ideen gesam­ melt und auf seine Weise verarbeitet. Er hatte einzigartige Er­ kenntnisse über Heilige Tänze gewonnen und überhaupt sein gan­ zes Wesen vervollkommnet. Und nicht zuletzt glaubte er nunmehr, er habe endlich die ungeahnte Bedeutung des organischen und menschlichen Lebens verstanden - soweit das dem Menschen möglich ist. Inzwischen waren jedoch die «Sucher der Wahrheit» in alle Winde zerstreut; Pogossian und Jelow kümmerten sich um ihre eigenen Geschäfte; Solowjew war in der Wüste Gobi umge­ kommen, Pjotr Karpenko in Zentralrußland gestorben, Fürst Juri Lubowedski ins Kloster Olman gegangen, um sich dort bewußt auf seinen Tod vorzubereiten. Gurdjieff war allein übriggeblieben. Und jetzt, zu Beginn seiner vierziger Jahre, spürte er in sich die unerhörte Verantwortung, sein ganzes angehäuftes Wissen weiter­ zugeben und die Menschheit auf den «Terror der Situation» auf­ merksam zu machen. Er begann damit allerdings auf sehr seltsame Weise, indem er Bruchstücke der Wahrheit in Form einer Lüge anbot. Seine Schü­ ler-Werbung war ein Präzedenzfall absichtlich schlechten Ge­ schmacks. Sie ist geprägt vom Geist marktschreierischer Selbstpar­ odie und provozierenden Angebertums - als strebe er geradezu nach dem Epitheton «Scharlatan», das ihm ja auch bis zum Grabe und darüber hinaus anhaftete. Er gab sich als professioneller Hyp­ notiseur aus, als Heiler von Alkoholismus, Drogenabhängigkeit und sexuellen Störungen. Er bezeichnete sich als Lehrer überna­ türlicher Wissenschaften und als einen «Maestro» im Hervorrufen von «Phänomenen aus dem Jenseits». Den Zeitpunkt für sein erstes öffentliches Auftreten hatte er jedenfalls brillant gewählt. In Taschkent floß der Wodka in Strö­ men - den Marktplatz nannte man sogar den «Basar der Betrunke­ nen» -, und wie überall im vorrevolutionären Rußland hatten Ok­ kultismus, Theosophie und Spiritualismus Hochkonjunktur. Selbst im Palast des Großfürsten Nikolai Konstantinowitsch wur­ den Seancen abgehalten. Gurdjieff betrachtete diese Zusammenkünfte keineswegs wohl­ wollend, sondern sah in ihnen vielmehr «Workshops für die Per­
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fektionierung des Psychopathentums». Sie dienten ihm lediglich als Entree in die feinere Gesellschaft sowie als willkommene Platt­ form für die Verbreitung seiner eigenen Ideen. Sein Verhalten war eine seltsame Mischung aus Mitleid und Teilnahmslosigkeit. Zwar erwarb er sich die Dankbarkeit vieler physisch und geistig Geschla­ gener, indem er «Leidenden gewissenhafte Hilfe leistete». Doch blieb im geheimen sein ganz persönliches Ziel die Erforschung menschlicher Charaktere - die Psychologie. «Ich begann verschie­ dene Manifestationen im wachen Zustand der Psyche dieser trai­ nierten und sich frei bewegenden <Versuchskaninchen> zu beob­ achten und zu studieren, die mir das Schicksal für meine Experimente zuwies.» Das läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Aber wenn er erfolgreich im Westen lehren wollte, dann war das Studium der Mentalität, der charakteristischen Ausdrucks­ weise und Typologie der europäischen russischen «Versuchskanin­ chen» die beste Ausgangsbasis dafür. Nach den vielen Jahrzehnten, die er unter Asiaten verbracht hatte, war es wichtig für ihn, seine Wahrnehmungsfähigkeit zu schärfen und seine Sprechweise anzu­ passen. Aus dieser Zeit gibt es übrigens das erste authentische Foto von Gurdjieff. Was für ein Mann! Es sind seine Augen, die den ersten und stärksten Eindruck machen. Sie durchdringen ihr Gegenüber und schätzen es ab - als wollten sie uns die indiskreten Fragen an ihn zurückschicken. Welche gefährliche Gedankenkraft verbirgt sich hinter diesen neutralen Brauen? Warum das penible europäi­ sche Outfit, die napoleonische Attitüde? Eine alte Photographie, eine Daguerrotype - niemals sprechend, niemals sich bewegend -, ruft eine Neugier hervor, die sie auf grausame Weise nicht befriedigen kann. Hier haben wir ganz ge­ wiß den echten Gurdjieff, der Laster kurierte und die Spießbürger von Taschkent erschreckte, einen Mann, der zwecks Finanzierung seiner bevorstehenden Mission wie ein Besessener Läden, Restau­ rants und Kinos eröffnete, mit Ölquellen und Fischereirechten handelte, Viehtransporte von Kaschgar aus organisierte sowie in seltene Teppiche und chinesisches Cloisonne investierte. Gewiß klingt Gurdjieffs Behauptung, er habe seine ersten drei Schüler­ gruppen nacheinander in Turkestan gegründet, nicht sehr über­
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zeugend. Und auch sein halbes Eingeständnis, er habe ein Lehrmandat von einer Bruderschaft in Zentralasien erhalten (wohl von der Sarmung-Bruderschaft), sowie die Tatsache, daß er viele seiner Schüler auf dieses Kloster verwies, bringt unsere Skepsis kaum zum Schweigen. Zweifellos waren diese letzten Tage Gurdjieffs in Asien turbulent, aufregend, wegweisend - bis hin zu jenem 13. September 1911: An jenem Tag leistete Gurdjieff einen zweiten Eid, mit dem er sich verpflichtete, einundzwanzig Jahre lang ein prinzipientreues, «absolut unnatürliches Leben zu führen, in jeder Hinsicht unvereinbar mit den Eigenschaften, die meinen Charak­ ter geprägt hatten». Hier liegt mehr vor als ein bloßes erneutes dem Hypnotismus Abschwören. Hier haben wir einen Mann vor uns, fest entschlossen, seinem Charisma nicht zu erlauben, sein eigentli­ ches Lebenswerk zugunsten eines kurzlebigen Erfolgs zu zerstö­ ren. Statt dessen beschließt er, sich zu tarnen, entsprechend der Maxime: «Nach außen hin spiel eine Rolle, in dein Inneres jedoch laß niemanden blicken.» Sein bewußt theatralisches Auftreten wird ganz bestimmt wieder Schmähungen auslösen . . . Es war in der Tat ein seltsamer Fremder, der da auf dem Mos­ kauer Bahnhof eintraf. Ein moderner Boddhisattva betritt die Stadt mit segnenden Händen; ein Prophet mit Schnurrbart bringt in seinem Handkoffer eine dringende, radikale und überwälti­ gende Botschaft mit; ein ideologischer Teppichhändler, der auf kluge Weise die vielen heterogenen Fäden seines gesammelten Wissens miteinander verwoben hat. Jetzt endlich verflüchtigt sich der Mythos seiner Vor-Geschichte wie der Dampf einer Lokomo­ tive, und Georg Iwanowitsch Gurdjieff betritt die Bühne der Ge­ schichte - unbemerkt von der Menge, die unbewußt einen kleinen leeren Raum um ihn herum läßt.

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3 Offenbarung auf dem Prüfstand

Von dem Augenblick an, da Gurdjieff in Moskau eintraf, bis zu seinen letzten schweren Tagen in Paris war sein ganzes Leben be­ stimmt von dem Wunsch zu lehren. Liefern die äußeren Umstände das bloße Knochengerüst des Lebens, dann bilden die Ideen das Mark. Viele interessante Menschen fanden in Gurdjieff eine Quelle, die ihren speziellen Durst löschte - durch seine einfachen Antwor­ ten auf ihre existentiellen Fragen. Niemand mußte befürchten, bei Gurdjieff intellektuelles Virtuosentum um seiner selbst willen an­ zutreffen. Für ihn waren die meisten Vertreter der Intelligenzija Menschen, die geistige Lustgefühle erleben wollten, oder aber in­ tellektuelle Onanisten. Doch diese bewußte Einfachheit seiner Lehre bedeutet nicht, daß Gurdjieff in den "Westen kam, um ir­ gendeinen orientalisch-parfümierten Modeschnickschnack zu ver­ markten oder den weisen Rat anzubieten, alle Menschen sollten gut und nett zueinander sein. Seine Ideen besaßen Kraft, hatten Form und Inhalt und erforderten die volle Aufmerksamkeit des an ihnen Interessierten. J. B. Priestley untertreibt mit seiner Warnung: «Um diese Bewegung zu studieren, braucht sich niemand in intel­ lektuelle Niederungen zu begeben.» Es hatte Gurdjieff zwanzig Jahre gekostet, die seltenen Bestand­ teile für seinen ideologischen Schmelztiegel zu sammeln. Indem er sie erhitzte, einschmolz und in neue Form goß, schuf er eine se­ mantische Kritik, eine Epistemologie, Kosmologie, Kosmogonie, Psychologie, menschliche Typologie, Phänomenologie des Be-

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wußtseins sowie praktische Existenzphilosophie- ein erstaunliches Gemisch von Ideen und Techniken, das Philip Mairet zu der Äu­ ßerung veranlaßte: «Kein anderes System gnostischer soteriologischer Philosophie, das die moderne Welt bisher kennt, kommt ihm an Kraft und geistiger Aussage gleich.» Ein derartiges Urteil von einem vollkommen Fremden hätte Gurdjieff vielleicht überrascht, denn selbst, wenn sie über seine ei­ genen Lippen kam, vertraute er niemals völlig darauf, daß gewöhn­ liche Sprache die Essenz seines Werkes verminein könnte. Worte waren gewissermaßen überflüssig. «Ich lehre», so sagte er sarka­ stisch, «daß das Pflaster naß wird, wenn es regnet.» Worte waren ohnmächtig. Schon der Definition nach gab es keine Worte, die in vibrierendem und aktivem Schweigen angemessen eine metaphysi­ sche Wesenheit beschreiben konnten, die jenseits von ihnen lag. Außerdem war bereits die ganz alltägliche Kommunikation er­ schwert durch eine «Verwirrung der Zungen», durch die jeder mögliche Sinn aufgrund der sprachlichen und kulturellen Subjekti­ vität jedes einzelnen Menschen entstellt wurde. Wie Jakob mit dem Engel rang Gurdjieff infolgedessen mit dem Problem, wie er seine Lehre vermitteln könnte, wobei er zugleich genötigt war, seine Methoden und seine Erläuterungen zu variie­ ren — mal glasklar und präzise, dann wieder, vor allem in seinen späteren Jahren, unglaublich kompliziert und undurchsichtig. Zu­ gleich kultivierte er seine Begabung für nichtverbales Übermitteln: Er lehrte durch Diagramme und Symbole; er unterrichtete aber auch durch Geld, Alkohol sowie die Vorbereitung, das Kochen und Verzehren von Nahrungsmitteln. Schließlich lehrte er durch Musik, indem er seine neuplatonischen Ideen direkt in die Struktu­ ren seiner Kompositionen einbaute. Lehrstoff waren auch seine Heiligen Tänze4 (und zumindest eine Handvoll ihm ergebener Schüler schien wie umgewandelt durch das körperliche Entziffern seiner «universalen Sprache von Haltung, Geste und Bewegung»). Am bemerkenswertesten von allen waren vielleicht jene Augen­ blicke, in denen Gurdjieff unter Verzicht auf alle Äußerlichkeiten eine spezielle Lehre der Achtsamkeit entwarf, einfach durch sein bloßes Sein und «seinen zwingenden gütigen Blick» (Tracol). Inzwischen ist wohl klar geworden, daß keine abstrakte Zusam­
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menfassung Gurdjieffs Lehre auch nur entfernt gerecht werden und noch weniger die umgestaltende Kraft besitzen kann, die ihr herausragendes Kennzeichen ist. Das sollte eigentlich auch nicht überraschen. Schließlich ist es, um Richard Rees atemberaubende Behauptung zu zitieren, «kaum übertrieben, wenn man feststellt, daß Gurdjieff versuchte, seine Schüler darin zu unterweisen, wie sie göttliche Fähigkeiten entwickeln konnten». Gurdjieff glaubte an Gott. Natürlich mußte er (wie etwa auch Albert Schweitzer, C. G. Jung, Simone Weil, Teilhard de Chardin, Martin Buber und Karl Jaspers) die Botschaft seiner Überzeugung dem kulturellen Umfeld entsprechend modifizieren. Mit zuneh­ mendem Alter wurde Gurdjieff jedoch kühner. Hatte er sich zu­ nächst bemüht, nicht den «scharfkantigen Widerstand des heuti­ gen <areligiösen> Menschen zu provozieren», wie Michel de Salzmann schreibt, weshalb er nur mehr oder minder vage vom «Absoluten» sprach, so bekannte er sich später unumwunden zu «Unserem Allmächtigen, Allesliebenden Gemeinsamen Vater, dem Schöpfer des Unendlichen». Selbst diese Personifizierung kam un­ serer konventionellen Vorstellung noch recht nahe, über die Gurdjieff lachend sagte: «Sie stellen diesen ihren famosen <Gott> genau wie einen <Alten Juden> dar.» In seiner eigenen Vorstellung, auch wenn sie patriarchalisch geprägt war, blieb breiter Spielraum für theologisch subtilere Konstrukte. Es ist schwer zu sagen, wie weit Gurdjieff selbst an den modernen Mythos glaubte, den er ersonnen hatte. Es genügt vielleicht, daß er auf symbolischer oder bardischer Ebene seine tiefsten persönlichen Einsichten widerspiegelt. Er schweigt angesichts des grundlegen­ den Rätsels, dem Ahnvater aller unlösbaren Rätsel: der mirakulösen Existenz von «Etwas» anstelle von «Nichts». Er nimmt einfach an, daß es eine Erste Ursache und eine kosmische Bühne gibt. Sobald man ihm jedoch diese Prämisse eines szenischen Universums zuge­ steht, entwickelt Gurdjieff ein Mysterienspiel von seltener Über­ zeugungskraft und heroischer Qualität, das einiges an spirituellem Licht in unsere geistige Dunkelheit trägt - ob es eine «neue Offen­ barung» ist, darüber mag die Zukunft entscheiden. «Unser Gemeinsamer Vater des Unendlichen» ist nicht im Himmel
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anzutreffen, denn «Himmel» und «Hölle» betrachtete Gurdjieff als böswillige Erfindung des «Babylonischen Dualismus». Auch gehört Gott nicht irgendeiner ätherischen oder psychischen Ebene an, einer nebelhaften, nur durch Drogen oder Tischrücken oder Hostien zugänglichen Welt. Er befindet sich inmitten unseres riesi­ gen, jedoch letzten Endes begreifbaren materiellen Universums, auf der «Allerheiligsten Sonne Absolut». Am Anfang war nur die «Sonne Absolut» physisch im endlosen Raum konzentriert, der bereits mit der kosmischen Ursubstanz Etherokrilno angefüllt war. Da dieses nebulöse Etherokrilno sich in einem statischem Gleichgewichtszustand befand, existierte die Su­ personne und wurde durch «Unseren Gemeinsamen Vater» in Gang gehalten, ganz unabhängig von äußeren Anstößen, nur durch die innere Bewegung ihrer Gesetze und unter der Lenkung des sogenannten Autoegokrat. («Ich halte alles unter meiner Kon­ trolle.») Dort und auf diese Weise hätte Gott ewig existieren kön­ nen, verherrlicht von den Chören seiner Cherubim und Sera­ phim ... er hätte, wenn nicht der «Gnadenlose Heropass» gewesen wäre. Der Heropass ist Gurdjieffs Name für die Zeit — Gottes Schat­ ten oder Alter ego, der unausweichliche Begleiter des Seins; ge­ recht und gnadenlos, sich subjektiv mit allen zusammengesetzten Formen vermischend, die er durch dieses Vermischen auf ewig zer­ stört. Hier stoßen wir auf die uns von Locke her vertraute Idee «Zeit ist ewiges Vergehen» und Kiplings Ausspruch «Wie ein ewig dahinströmender Strom trägt die Zeit alle ihre Söhne mit sich da­ von» - ergänzt jedoch durch den von Gurdjieff stammenden be­ deutsamen Zusatz: Zeit ist eine heilige Entität, gleichaltrig mit Gott. Sobald «Unser Gemeinsamer Vater> den unaufhaltsamen entropischen Effekt der Zeit bemerkte - die unendlich langsame, je­ doch unumkehrbare Reduzierung seines Aufenthaltsortes, d.h. das Abnehmen der Absoluten Sonne -, suchte er dringend nach Abhilfe. Unter Einsatz seines ganzen göttlichen Willens schuf er aus sich selbst heraus den «Wort-Gott» Theomertmalogos. In einem verblüffenden dialektischen Coup (der auf seltsame Weise stark an den uns mittlerweile so geläufigen «Urknall» erinnert)
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schuf er zusammen mit dem Etherokrilno unseren Megalokosmos, unser großes Universum. Von nun an wurde diese geheiligte und lebendige Schöpfung durch ein offenes System von Symbiose oder wechselseitiger Erhaltung genährt, das von Gurdjieff den Namen Trogoautoegokrat erhielt («Ich erhalte mich dadurch, daß ich mich selbst aufesse»): Mittels eines gewaltigen ganzheitlichen Ökosy­ stems erzeugte nunmehr jede Ordnung von Lebewesen genau die Energien oder Substanzen, die das Überleben anderer Gruppen garantierten. Das also war Gottes nachgebesserter Plan aller Dinge, gegen den auch die Zeit nicht mehr ankam. Gott hatte also gewonnen . . . und verloren. Er hatte gewonnen, indem er für sich selbst und die «Heilige Sonne Absolut» ewige Im­ munität gegenüber jeder Entropie sicherstellte. Verloren hatte er, weil er ein Universum schuf, das die latente Allmacht des nicht manifestierten Seins Gottes auf subtile Weise reduzierte. Von nun an wurde Gottes minderwertige Schöpfung in ihrem neuen und dynamischen Gleichgewicht zwangsläufig nicht durch ihn unmittelbar bewahrt, sondern durch die mechanische Aktion zweier primärer geheiligter Gesetze: nämlich Triamasikamno, das «Gesetz der Drei», und Heptaparparaschinoch, das «Gesetz der Sieben». Das erstgenannte regelt die Kausalität jedes isolierten Phänomens, das zweite die Zielrichtung jedes Prozesses oder jeder Reihenfolge von Phänomenen. Gott ging es wie einem Erfinder von Spielen, der, nachdem die Regeln erst einmal festgelegt sind, das Trumpf-As nicht mit einer Herz Zwei schlagen kann. Es kann nicht überraschen, daß Gurdjieffs Gesetz der Drei fest­ legt, jedes Phänomen, vom kosmischen bis zum subatomaren, ent­ stehe aus dem Zusammenwirken von nicht weniger und nicht niem­ als drei Kräften. Die erste, Heiliges Bejahen, ist aktiv; die zweite, Heiliges Verneinen, ist passiv, und die dritte Kraft, Heiliges Ver­ söhnen, neutralisiert. Seine Formulierung, «das Höhere mischt sich mit dem Niederen, um das Mittlere zustande zu bringen», ist klar und leicht zu veranschaulichen: Das Sperma verbindet sich mit der Eizelle, um den Embryo zu erzeugen (oder, anders herum: Wird der Sexualtrieb gehemmt, kommt es zu «Sublimierung» oder «Komplexen»). Ein Lehrer tritt in Beziehung zu seinem Schüler
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durch Übertragung von Wissen; Theomertmalogos regt Etherokrilno an, den Megalokosmos zu verwirklichen - und so weiter. Trotz der Gradlinigkeit dieser «Geheiligten Dialektik» sollte man das Gesetz der Drei nicht als zu simpel abtun. Außerdem wäre Gurdjieff nicht Gurdjieff, hätte er nicht auch noch eine andere Gesetzes-Variante anzubieten - bei der die dritte Kraft nicht das Er­ gebnis, sondern der Katalysator ist. Dieses etwas komplexere Mo­ dell läßt sich ebenfalls recht gut exemplifizieren: Mehl und Wasser werden nur zu Brot, wenn beide zusammen durchs Feuer gehen; Kläger und Beklagter kommen nur durch Mitwirken eines Rich­ ters zur Lösung ihres Falles; Atomkern und Elektronen bilden nur innerhalb eines elektromagnetischen Feldes ein Atom. In dieser Variante ist die dritte oder versöhnende Kraft für Gurdjieff das, was für die Christen der Heilige Geist ist, durch den alle Dinge erst möglich werden. In jedem Fall stellen Zeit und wechselseitiges Bewahren sicher, daß kein Phänomen in vollkommener Isolierung existieren kann. «Das Höhere mischt sich mit dem Niederen, um das Mittlere zu­ stande zu bringen, und wird auf diese Weise entweder das Höhere für das voraufgegangene Niedere oder das Niedere für das folgende Höhere.» So wird jedes Geschehen immer wieder in einen Prozeß einbezogen, der als solcher neuen Zwängen unterworfen ist — dem Gesetz der Sieben. Das Gesetz der Sieben ist zweifellos schwer zu verstehen und zu präzisieren, und Gurdjieff selbst hinterließ keine feststehende For­ mel. Anscheinend besagt es folgendes: Jeder bis zum Ende durch­ geführte Prozeß muß ausnahmslos sieben genau unterschiedene Phasen durchlaufen. Stellt man diese als eine auf- oder absteigende Reihe von sieben Noten oder Tonhöhen dar, dann muß sich die Frequenz der Schwingungen unregelmäßig entwickeln, mit zwei vorhersagbaren Abweichungen (dort, wo zwischen Mi-Fa und Si-Do in der nichttemperierten modernen Tonleiter EDCBAGFE die Halbtöne fehlen). Das Fehlen gerader Linien in der Natur; das typische Nachlassen menschlicher Anstrengungen; das Abweichen von ursprünglichen Zielsetzungen; die Entwicklung des Christen­ tums von der Bergpredigt zur Inquisition - alle diese Phänomene
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ergeben sich aus den beiden «unausweichlichen Abweichungen», die das Gesetz der Sieben beinhaltet. Gurdjieff fügt hinzu: Aus­ nahmsweise kann ein Prozeß oder eine Oktave die ursprüngliche Linie perfekt beibehalten - jedoch nur, wenn (zufällig oder ge­ plant) von außen kommende und genau abgestimmte «Schocks» die Intervalle Mi-Fa und Si-Do ausfüllen. Gurdjieffs erstaunlichstes und umstrittenstes Beispiel für das Ge­ setz der Sieben ist sein «Schöpfungsstrahl». In dieser ursprünglich absteigenden Oktave ist Do Gott oder das Absolute, Si das Univer­ sum, La unsere eigene Konstellation, Sol unsere Sonne, Fa die Pla­ neten der Sonne, Mi die Erde und Re der Mond. Wie Gurdjieff ein kosmologisches Solfeggio entschlüsselt, ist faszinierend und unter­ haltsam zugleich: DOminus der Herr, SIdera die Sterne, LActea die Milchstraße, das Solarsystem und so weiter bis zu REgina Coelis, der Mond oder die Himmelskönigin. Der Schöpfungs­ strahl wird jedoch vor allem als philosophisches Modell des Uni­ versums gesehen, dem es soweit wie menschenmöglich gelingt, das Unvereinbare zu vereinbaren: Involution und Evolution, Determi­ nismus und freier "Wille; Entropie und negative Entropie, Leiden und Gottes Güte. Wie aber verträgt sich der Schöpfungsstrahl mit der Diskonti­ nuität der Schwingungen? Hier sehen wir uns unerwartet einer exi­ stentiellen Frage der Menschheit gegenüber. Der Bruch zwischen Do und Si wird autoritativ überbrückt durch das Fiat!, den Willen des Absoluten, und die Oktave steigt ungehindert herab bis zum Fa, unserem planetaren System. Auf diese Entfernung kann jedoch Gottes Allmacht nicht mehr direkte Hilfe zum Erreichen der Note Mi leisten: «Um das <Intervall> an dieser Stelle auszufüllen . . ., wird ein besonderer Mechanismus geschaffen, der die von den Planeten ausgehenden Einflüsse emp­ fängt und weiterleitet. Dieser Mechanismus ist das organische Le­ ben auf der Erde» (Ouspensky). Mit diesem ungewöhnlichen Konzept eines globalen organi­ schen Transformators oder Filters kosmischer Strahlen präsentiert Gurdjieff die Antwort auf seine zentrale Frage nach der «genauen allgemeinen Bedeutung des Lebensprozesses aller Formen leben­
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der Geschöpfe auf der Erde». Heute ist uns der Begriff «Biosphäre» schon nahezu geläufig, doch zu Gurdjieffs Zeit war diese Vorstellung außerordentlich originell. "Wie ein plötzlicher und furchtbarer Klimaumsturz läßt seine Vision alle unsere an­ thropozentrischen Träume welken. Der stolze und schöne Mecha­ nismus des organischen Lebens hat niemals aus eigenem Recht und um seiner selbst willen existiert, sondern ausschließlich zum unver­ muteten Vorteil des Planetensystems. Und ebenso wie der Anthropozentrismus durch Gurdjieffs Denkgebäude eine Abfuhr erhält, so auch der Terrestrozentrismus. Unser spezieller irdischer Schöpfungsstrahl ist nur einer unter unendlich vielen schöpferischen Strahlen. Ausgehend von Ideen eines Nikolaus von Kues und Giordano Bruno erschütten Gurdjieff unsere Wunsch-«Wahrheit», wir und unsere kleine Erde stün­ den trotz allem im Mittelpunkt und seien von besonderer Bedeu­ tung. Obwohl er unseren Planeten liebte und achtete, hat Gurdjieff ihn auch deutlich als «Beleidigung» und «Quelle der Scham» für dieses armselige Sonnensystem beschrieben, als belanglose Mon­ strosität mit falsch situiertem Schwerpunkt, geographisch im Sibi­ rien des Universums gelegen, «fast jenseits der Reichweite der un­ mittelbaren Emanationen der <Alles Umfassenden Höchst Heili­ gen Absoluten Sonne>». Mit der Feststellung, die Erde habe einen falschgelagerten Schwer­ punkt, sind wir beim Mythos des Sündenfalls angekommen, über den die verschiedenen Kulturen in je eigenen Versionen zu berich­ ten wissen. Gurdjieffs erstaunliche und bitter-süße Version dieser Urtragödie hat ihm mehr Hohn und Spott eingebracht als jede an­ dere Facette seiner Lehren. Doch für ihn repräsentierte sie augenscheinlich eine so zentrale - literarische oder symbolische - Wahr­ heit, daß er selbst die sarkastischste Kritik gelassen hinnahm. Aufgrund einer, wie er sich trocken ausdrückte, falschen Be­ rechnung eines gewissen «Heiligen Individuums» stieß vor langer Zeit ein riesiger Wanderkomet namens Kondoor mit der damals noch unbewohnten Erde zusammen. Dabei entwickelte sich ein «erstickender Gestank», und zwei aus der Erde gerissene Bruch­ stücke wurden auf eine elliptische geozentrische Umlaufbahn ge­
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schleudert - der Mond und Anulios. Diese unnatürliche und un­ zeitgemäße Geburt des Mondes durch eine Art Kaiserschnitt be­ drohte das gesamte Sonnensystem mit derart ernsten Konsequen­ zen, daß der Höchste Erzengel Sakaki von «Unserem Gemeinsa­ men Vater» beauftragt wurde, die Situation zu bereinigen. Sakaki kam zu dem Schluß, daß der Mond und Anulios stabili­ siert und einer normalen Evolution zugeführt werden konnten, wenn man sie stetig mit der «geheiligten Schwingung Askokin» versorgte. Da diese kostbare Schwingung oder Substanz Askokin vor allem beim Tod lebender Organismen freigesetzt wurde, be­ wirkte Sakaki die Aussaat sterblicher Wesen unterschiedlicher For­ men und Größe durch Emanationen der Sonne. Hier auf der Oberfläche der Erde atmeten, fraßen und vermehrten sich diese kleinen Geschöpfe. Bei ihrem Tod wurden ihre sterblichen Über­ reste vom Planeten verdaut, doch ihr Askokin gelangte durch eine Art Nabelschnur zum Mond und ernährte diesen. Äonen vergingen. Schließlich entstand unter den verschiedenen Spezies ein echter Tetratokosmos”. ein Wesen im dreifachen Besitz von Denken, Fühlen und Empfinden, ein Wesen, in dem das Ge­ setz der Drei von innen her wirken konnte . . . der erste Mensch. Diese neue «Züchtung» versprach nicht nur einen alles bisherige übertreffenden Beitrag zum Askokin-Haushalt, sondern sie besaß auch noch das Potential zum Erreichen der «Objektiven Ver­ nunft». Im Laufe der Generationen kamen Männer und Frauen einem objektiven Verständnis ihrer wahren Situation, «daß sie völ­ lig fremden Bedürfnissen sklavisch unterworfen waren», immer näher. Aber Achtung! Sollten diese unterwürfigen Menschen je­ mals die Irrelevanz ihres persönlichen Ringens und Leidens begrei­ fen - könnten sie da nicht versucht sein, Massen-Selbstmord zu begehen? Genau das fürchtete Sakaki. Und wenn das geschähe würde das nicht den Askokin-Strom zum Mond auf gefährliche Weise stören? Auch das fürchtete Sakaki - und aufgrund dieser düsteren Analyse kam es zu jener furchtbaren Geißel, dem Organ«Kundabuffer». Dieser «bösartige Kundabuffer», absichtlich in die Wurzel des Rückgrats eingepflanzt, zwang die Menschheit, die Wirklichkeit verdreht wahrzunehmen und Befriedigung zu empfinden durch
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bloße Reizwiederholung. Der Fortschritt des Menschen in Rich­ tung objektives Verstehen wurde sofort gestoppt. Es war so, als sei er dem Opium verfallen, in hypnotischen Schlaf gesunken, in einem Wachtraum gefangen; er wurde total beeinflußbar. Seine Energien erschöpften sich in Egoismus, Selbstliebe, Eitelkeit und Stolz. Genauso wie Sakaki es beabsichtigt hatte, diente der Mensch jetzt blind dem Mond - wobei er ironischerweise dazu verdammt war, sich als Herrscher über alles zu wähnen, was er sehen konnte. Als die Krise des Mondes behoben war und der Kundabuffer überflüssig wurde, mußte er prompt vom Menschen ablassen. Genau an diesem Punkt verdeutlicht Gurdjieff die furchtbare Ironie der gegenwärtigen Situation des Menschen. Der organische Zwang, die Wirklichkeit falsch herum zu sehen, war nun für immer verschwunden, das außergewöhnliche Erkenntnispotential des Menschen wieder vorhanden. Er war ein Wesen, das durch «be­ wußtes Bemühen und absichtliches Leiden» langsam die Ebene der Objektiven Vernunft erreichen und durch Wiedervereinigung mit seiner Quelle, der göttlichen Sonne, Unsterblichkeit erlangen konnte. Doch leider hatten Täuschung, Beeinflußbarkeit, Gewalt und alle anderen Arten von Verkommenheit sich fest im Wesen der Menschen eingenistet. Sie beherrschten Sitten, Sprache und gesell­ schaftliche Institutionen, so daß der Mensch sich allen übergeord­ neten Absichten und Zielsetzungen zum Trotz immer noch in Kundabuffers Krallen befand. Das war und ist der «Terror der Si­ tuation». Unser vom Schicksal geschlagenes Geschlecht und seine Entwick­ lungsgeschichte stehen im Mittelpunkt von Gurdjieffs großem, in keine vorhandene Kategorie einzuordnenden Meisterwerk Beelze­ bubs Erzählungen für seinen Enkel. «Alles in Beelzebub ist histo­ risch», behauptet der Autor bewußt provozierend. Gurdjieff entwickelt sein «Schauspiel der Geschichte» in duali­ stischen Begriffen, dargestellt als intensives Ringen zwischen den personifizierten Kräften der Dunkelheit und des Lichts: Zwischen den unbewußten «Folgen der Eigenschaften des Organ-Kundabuffers» und den bewußten Einflüssen, verkörpert in Moses, Buddha, Christus, Mohammed und anderen Sendboten Unseres
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Gemeinsamen Vaters. Überhaupt läßt er neben völlig unbekannten Personen auch gern Lieblinge des historisch interessierten Publi­ kums auftreten - Pythagoras, Alexander den Großen, Leonardo da Vinci, Franz Mesmer, Trotzki, Lenin, um nur einige zu nennen. Auf jeden Fall ist Gurdjieff kein Historiker im formalistischen Sinne. Er ist ein der jüngsten Zeit angehörender aschoch, dessen Erzählungen sich aus dem Bereich ursprünglicher Mythen und un­ glaublich komplizierter Allegorien heraus entfalten. Hier ein Beispiel für das allegorische Element: Gurdjieff folgert kühn, die psychische Geschichte der Menschheit und sogar jedes einzelnen wiederhole Punkt für Punkt die aufeinanderfolgenden Kränkungen, die Mutter Erde erleiden mußte (was übrigens inter­ essanterweise an manche Gedankengänge Freuds in dieser Hin­ sicht erinnert). So repräsentiert also der vom Weg abgeinte Komet Kondoor die Pubertät, der Mond das Unbewußte in seiner ver­ rückten Form; Anulios die winzige, auf geistige Gesundheit zie­ lende gegenwirkende Kraft. Atlantis schließlich ist die Stimme des Gewissens, die auf tragische "Weise unter der subjektiven konven­ tionellen Moral begraben ist. Atlantis ist für Gurdjieff die eine ruhmreiche Ausnahme von der allgemeinen Verderbtheit des Menschen. Während seines kurzen Goldenen Zeitalters hat es dem Terror der Situation eine beispiel­ hafte Antwort erteilt - durch Gruppenarbeit, Selbstbeobachtung, das Studium des Gesetzes der Drei und eine spezielle Technik zur Freisetzung von Askokin vor dem physischen Tod durch «bewuß­ tes Bemühen und absichtliches Leiden» - zum Wohle der Mensch­ heit und des Mondes. Dennoch wird alles plötzlich wieder ins Chaos gestürzt, als die Schräglage der Erde durch eine furchtbare Verschiebung ihres Schwerkraftzentrums abrupt wieder geradege­ rückt wird, wodurch Atlantis vom Meer überflutet und vernichtet wird. Unsere üblichen historischen Einschätzungen und Wertvorstel­ lungen dagegen stellt Gurdjieff in Frage oder kommt zu geradezu entgegengesetzten Urteilen. Die klassischen griechischen Philoso­ phen nennt er «armselige, gelangweilte Fischer, die Wasser aus dem Leeren ins Nichts gießen». Alexander der Große wird bei ihm zu einem «erz-prahlerischen Psychopathen». Der zeitgenössische
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Hypnotiseur Mesmer ist für ihn «ein ehrbarer und bescheidener österreichisch-ungarischer Gelehrter, der auf jede nur denkbare Weise zu Tode genörgelt wurde». König John ist der beste engli­ sche Monarch, und Judas Ischariot wird als sich selbst aufopfern­ der Heiliger kanonisiert - «der von Jesus Christus persönlich initi­ ierte, ergebene Lieblingsapostel». Das Blutbad in den Schützengrä­ ben des Ersten Weltkrieges betrachtet er als eine Folge der Abschaffung der früher weltweit praktizierten Tieropfer. Trotz so vieler düsterer Aussichten braucht der Mensch die Hoffnung aber nicht aufzugeben. Im Gegenteil - gerade in dem Augenblick, in dem sich die Wolken am dunkelsten und drohend­ sten zusammenballen, schickt Unser Gemeinsamer Vater uns seine Lichtboten. Ihre Botschaft erschallt mit der aufrüttelnden Kraft von Trompeten - Kundabuffer ist für immer gegangen. Obwohl es des Menschen unausweichliches Geschick ist, dem Mond zu die­ nen, kann er als einziges aller irdischen Geschöpfe auch der Sonne dienen und sein Unsterblichkeitspotential verwirklichen. In Gurdjieffs Mythologie ist Aschiata Schiämasch unter allen von oben gesandten Inkarnationen die strahlendste. Wen mag er repräsentieren? Zoroaster? Gurdjieff selbst? Irgendeinen erwarte­ ten Messias? Oder ist er (wie behauptet) eine zu Unrecht verges­ sene historische Gestalt, um 1210 v. Chr. nahe Babylon geboren? Er war es, laut Gurdjieff, der das vergiftete Erbe Kundabuffers am deutlichsten erkannte, es am stärksten empfand und ihm am tap­ fersten begegnete. Er war es, der die erlösende Kraft des Gewissens prophezeite, jene kostbare Emanation der Trauer Gottes - noch makellos, weil tief im menschlichen Unbewußten ruhend. Er war es, der seine Erkenntnisse derart in spirituelles Handeln umsetzte, daß während eines segensreichen Jahrzehnts ganz Asien frei war von Krieg, Gewalt, gesellschaftlichen und rassischen Diskriminie­ rungen. Eine erstaunliche Gestalt, von Gott selbst geliebt. . . und dennoch wurde keine seiner Lehren in irgendeiner Form auch nur bis zur dritten Generation weitergegeben. Die Schuld daran wird einem gewissen Lentrohamsanin gege­ ben, einem späten Zeitgenossen von Aschiata Schiämasch. Lentrohamsanin ist das verwöhnte einzige Kind eines reichen Kaufmanns ~ verdorben, gewissenlos, vollgestopft mit nicht richtig verdautem
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Wissen und zerfressen von Ruhmsucht. Sein Name - Len für Le­ nin, Tro für Trotzki - charakterisiert ihn als den Archetypus des Revolutionärs, der jede Tradition und vor allem die Herrschaft spiritueller Führer ablehnt. Er fordert absolute Unabhängigkeit, Muße, Glück, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - und das alles sofort, wie «auf einem Pergament aus 100 Büffelhäuten» festge­ halten . . . Und durch den Sturm, den er entfesselt - Aufstände und Bürgerkriege - wird das kostbare Werk des Aschiata hinwegge­ fegt. Angesichts der uns bekannten historischen Entwicklung identifi­ zierte Gurdjieff drei diese bestimmende unabhängige formative Impulse in einem nie endenden Zusammenspiel. Unter diesen war der seltenste, erhabenste und machtvollste der von ihm so genannte «C»-Einfluß: die Quintessenz wahrhaft bewußter Vernunft, ver­ mittelt durch von Unserem Gemeinsamen Vater geschickte Boten, von erleuchteten Meistern direkt an ihre Schüler weitergegeben. Im Widerspruch dazu steht der so mächtige «A»-Einfluß der «nie­ deren» persönlichen und gesellschaftlichen Bedürfnisse. Und schließlich, unbehaglich zwischen den beiden, der «B»-Einfluß seines Ursprungs bewußt, jedoch vom Strudel des Lebens mitgeris­ sen und mehr oder weniger mechanisch übermittelt durch Reli­ gion, Naturwissenschaft, Philosophie und Künste. Gurdjieff als einen «Traditionalisten», «Pazifisten», «Internatio­ nalisten», als «patriarchalisch», als «Proto-Ökologen» und derglei­ chen zu bezeichnen ist alles im Prinzip nicht falsch, auch daß seine Ideen seiner Zeit oft voraus gewesen sind, darf man mit Fug und Recht sagen. Doch erfaßt man damit nicht die wichtigste, nämlich die tran­ szendente Dimension seiner Aussagen. Die Empörung, das Mitleid und die Güte, die er zweifellos als menschliches Wesen empfand, konnten auf keinen Fall seine scho­ nungslose Analyse modifizieren, zu der er sub specie aetemitatis gelangte: Die «brennende Frage des Tages» ändert sich wieder und immer wieder, nicht jedoch der Wankelmut der menschlichen Ver­ nunft und die Beeinflußbarkeit der hypnotisierten Massen. Jede
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Reform aus eigener Kraft ist nutzlos. «Es gibt nicht den geringsten Fortschritt. . . Die äußere Form wandelt sich, der wesentliche In­ halt jedoch nicht. . . Die moderne Zivilisation beruht auf Gewalt, Sklaverei und schönen Worten» (Ouspensky). Die Konsequenzen aus dem Wirken des Kundabuffer werden entweder durch spiritu­ elles Handeln getilgt - oder überhaupt nicht. Die «gegenseitige Vernichtung» der Menschen war für Gurdjieff «der furchtbarste aller Schrecken, die im gesamten Universum überhaupt existieren können». Angesichts einer fehlenden radika­ len spirituellen Erneuerung ist jedoch alles, was dagegen unter­ nommen wurde, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Alle Utopien - der Völkerbund, Bekenntnisse zum Frieden, Abrü­ stungskonferenzen, Verträge, Allianzen und das Gleichgewicht der Mächte -, alle politischen «Lösungen» auf horizontaler Ebene sind nichts als ironischer Ausdruck des unerbittlichen Bedarfs des Mondes an Askokin. Aufgrund dieses kosmischen Standpunktes waren Gurdjieff und seine Anhänger radikal apolitisch. Sie pflegten dem Kaiser zu ge­ ben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, und im Zuge ihrer gekonnten Anpassung an die bestehenden Verhältnisse ent­ wickelten sie ein Gespür für Humor und Gelassenheit. Sie halfen ihren Nachbarn, halfen einander, führten ein ruhiges und ver­ schmitztes Leben. Und wenn das bloße Überleben es erforderte, auf der Welle der vorherrschenden Massenpsychose mitzureiten, bemühten sie sich zugleich um innere Leidenschaftslosigkeit: «Das hat mit uns nichts zu tun. Ob Krieg oder kein Krieg, das ist uns dasselbe. Wir gewinnen stets dabei. Das Gespür für eine unabhän­ gige evolutionäre Orientierung ist absolut» (Ouspensky). Die Einzigartigkeit von Gurdjieffs Standpunkt wird so recht erst heute angesichts der immer stärker werdenden ökologischen und ganzheitlichen Bewegungen deutlich, als deren philosophischen Vater man ihn geradezu bezeichnen könnte. Allerdings befürwor­ tet er nicht so sehr eine Politik der Einfühlsamkeit gegenüber an­ deren Lebensformen aus moralischen, ästhetischen, religiösen oder gar utilitaristischen Gründen, sondern proklamiert ein uni­ versales und unausweichliches Prinzip wechselseitiger Erhaltung des Lebens. Für ihn ist der springende Punkt die einzigartige Op63

rion jedes Menschenwesens innerhalb der umfassenden Ökologie. Lebt ein Mensch passiv und reagiert er lediglich, dann wird nur durch seinen Tod und seine endgültige Auslöschung dem Mond Askokin zufließen. Arbeitet er jedoch beharrlich an der Erweite­ rung seines Bewußtseins, dann wird er schon zu seinen Lebzeiten Askokin erzeugen und freisetzen, und zwar zusammen mit zwei ergänzenden Substanzen, die in ihm eine Seele erwachsen lassen können, die den Tod zu überleben vermag. Es ist in der Tat eine schwierige Entscheidung: fressen oder gefressen werden. So viel zu Gurdjieffs Weltbild, das voller Hoffnung ist für den Kosmos insgesamt, jedoch düster für die Menschheit angesichts ihrer Engstirnigkeit. Wenden wir uns nun Gurdjieffs «Jedermann» zu, seinem Modell des Individuums. Da stoßen wir auf dieselbe Ambivalenz, dasselbe Gefühl eines verratenen Potentials. Jedes Kind wird geboren mit einer Essenz, einem «Daseins­ grund», einem Selbst, das seine wahre, unauslöschliche und das Schicksal herausfordernde Einzigartigkeit ausmacht. Sein Schick­ sal ist auf geheimnisvolle Weise vorbestimmt, vielleicht schon als Embryo oder bei seiner Geburt durch den Einfluß der Sterne und Planeten; es ist dazu bestimmt, zu wachsen und zu reifen durch reale Erfahrungen. Aber leider wird diese Essenz schnell durch «Persönlichkeit» überwältigt und festgehalten, umschlungen und erstickt wie Laokoon von den ihn umwindenden Schlangen. Unsere «Persönlich­ keit» ist unsere Maske (lateinisch persona) oder gesellschaftliche Verkleidung. Sie ist unser individueller Ausdruck jener «A»- und «B»-Einflüsse, die dort, wo wir erzogen werden, gerade vorherr­ schen. Unbewußt kopieren wir «unsere» Persönlichkeit von unse­ ren Eltern und verschiedenen Idolen - und später zwingen wir sie unseren Kindern auf. Persönlichkeit ist unentbehrlich und verkör­ pert bestenfalls einen wertvollen Teil des sprachlichen und kultu­ rellen Erbes des Menschen. Schlimmstenfalls ist sie ein Misch­ masch von Vorurteilen, Träumen, Gesten, manipulierbaren Strate­ gemen und Neurosen, die der Essenz ganz willkürlich eingeprägt wurden. Persönlichkeit ist Material anderer Leute, das in uns Fleisch geworden ist.
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Es kommt jedoch noch schlimmer. Denn während Essenz et­ was Einzigartiges ist, gibt es Persönlichkeit in Legion. Alle Män­ ner und Frauen, so warnt Gurdjieff, bergen in sich Dutzende, wenn nicht Hunderte unterschiedlicher parasitärer Persönlichkei­ ten, jede mit einem eigenen täuschenden Repertoire von Verhal­ tensweisen. Eine Zurechtweisung, ein schmeichelhafter Brief, ein Schild, «Nicht Rauchen», eine nur langsam vorankommende Menschenschlange, ein auffordernder Blick - und wir sind auf seltsame Weise verändert. Wir haben eine Persönlichkeit gegen­ über Untergebenen, eine andere gegenüber Vorgesetzten, eine gegenüber unserer Mutter, eine andere gegenüber dem Freund eine jede in diesem oder jenem Moment dominierend. Man ver­ teilt Wechsel, die andere einlösen müssen. «Ganz bestimmt. Ich treffe Sie morgen früh. Es war mir eine Freude, Sie zu sehen.» Kurz gesagt: Unsere so gepriesene Individualität ist etwas so Aus­ tauschbares wie ein Sessel beim Friseur. Nur sehr wenige Men­ schen sind stark genug, mit dieser Erkenntnis emotional fertig zu werden - und im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas dagegen zu tun. Gurdjieffs Ansicht nach trägt die Hauptschuld daran die Verantwortungslosigkeit des Menschen gegenüber seiner gottähnli­ chen Fähigkeit zur Achtsamkeit. Er hält sie nicht in Ehren, mobi­ lisiert sie nicht, beherrscht sie nicht. Und das wenige, zu dem er Zugang findet, mißachtet er. Es kann nicht überraschen, daß die geschwächte Achtsamkeit des Menschen keine Autonomie be­ sitzt, sondern stets dieser oder jener «Identifizierung» unterwor­ fen ist — mal erstarrt sie zum Beispiel in Selbstmitleid, Gereiztheit, Angst, Unwillen, Groll, Neid, Eitelkeit, Haß oder irgendeiner an­ deren Form von «negativer Empfindung», mal verliert sie sich in «Einbildungen», Tagträumen und Wahnvorstellungen. Oder aber sie verbrämt Unwissenheit so, daß sie wie Wissen erscheint. . . und unweigerlich liefert sie die Energie für unser inneres und äu­ ßeres Geschwätz, für die tyrannischen Gedankenassoziationen, die unaufhörlich durch unser erschöpftes Gehirn kreisen. All sein Tun und Treiben kann jedoch nach Gurdjieffs Ansicht nicht die Tatsache verbergen, daß der Mensch im Grunde eine
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unpersönliche Maschine ist, ein erstaunlich komplexer Mechanis­ mus, der auf Reize reagiert, «der Eindrücke frißt und Verhaltens­ weisen ausscheidet» (Orage). Er ist ein Apparat, der auf charakte­ ristische Weise jeder Selbsterkenntnis und unabhängigen Initiative bar ist, nichts als ein kosmischer Transformator, den «Mutter Na­ tur» benutzt, um die Spreu vom Weizen zu trennen und beides der dafür zuständigen Sphäre zuzuführen. Bei diesem detaillierten Entwurf Gurdjieffs gibt es etwas Er­ staunliches und zugleich Furchterregendes: Seine menschliche «Maschine» nutzt gleichzeitig drei Brennstoffe von verschiedenem Verfeinerungsgrad: Nahrung, Luft und Sinneseindrücke. Diese Brennstoffe mischen sich und liefern den Antrieb für fünf vonein­ ander unabhängige Gehirne oder «Zentren», die ihrerseits fünf Funktionen regeln: Das intellektuelle Zentrum kontrolliert unser Denken; das emotionale Zentrum unsere Gefühle; das Bewe­ gungszentrum sämtliche erlernten äußeren Körperbewegungen im Raum; das instinktive Zentrum alle nicht erlernten inneren Funk­ tionen des Organismus (Atmung, Verdauung, Herz-Kreislauf usw.); das Geschlechtszentrum alle authentischen sexuellen Mani­ festationen. Der Entwurf dieser menschlichen Maschine oder «Nahrungsfa­ brik» ist bewundernswert, doch funktioniert in der Praxis nichts so, wie es eigentlich sollte. Die unbeaufsichtigten und nicht aufein­ ander abgestimmten fünf Zentren haben keine effiziente Bezie­ hung zueinander, reiben und stoßen sich gegenseitig. Einige unter­ geordnete Teile sind verrostet, einige überhitzt und andere auf unerklärliche Weise eingemottet. Pannen sind häufig und Ersatz­ teile nur schwer oder überhaupt nicht zu bekommen. Ein derart klappriges Gebilde ist weder leistungsfähig noch rentabel. Es wird nach kurzer Zeit sicherlich zerstört, und alle wertvollen Einzelteile werden im Rahmen des fortdauernden Prozesses der Massenpro­ duktion recycelt. Ist die Lage also hoffnungslos? Ein Circulus vitiosus? Ein Me­ chanismengefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt? Leider ist es so - jedenfalls für die große Masse der Menschen, die sich auf perverse Weise schon für frei halten. Aber es gilt nicht für jene Minderheit, die stark genug ist, ihre innere Sklaverei zu erkennen,
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und bereit ist, den langen, schmerzhaften Weg zur Emanzipation zu gehen. Für Gurdjeff ist der Mensch eine sehr spezielle Ma­ schine, die, einzigartig auf der Erde, ihr eigenes Lebendigsein voll erkennen und spüren kann. Persönlichkeiten wie etwa Buddha, Pythagoras, Christus, Leonardo da Vinci könnten als Beispiele für eine solche gelungene Selbst-Erkenntnis stehen. Wir beginnen also unser Selbst nicht als bewußte Maschinen . . . aber ebenso wie Bulldozer, Drehorgeln und Computer Maschinen sehr unterschiedlicher Art sind, gibt es Menschen von verschiede­ nem und unterscheidbarem Temperament. Laut Gurdjieff domi­ niert in jedem Individuum eines der drei Hauptzentren so sehr, daß es seinen Typus konstituiert: In «Mensch Nummer Eins» ist es das Zentrum für Bewegung, in «Mensch Nummer Zwei» das emotio­ nale Zentrum und in «Mensch Nummer Drei» das intellektuelle Zentrum. Die jeweilige Persönlichkeit kann ihre lebenslange Nei­ gung zu Hand, Herz oder Kopf zwar kaschieren, aber niemals ganz unterdrücken. Hier haben wir Shakespeares Falstaff, Othel­ lo, Hamlet; Dostojewskis Dimitri, Aljoscha und Iwan. Die ge­ samte menschliche Kultur, alle Kunstformen, alle Religionen und philosophischen Systeme lassen sich gemäß dieser Triade klassifi­ zieren und erklären. (Jenseits davon kommen dann noch «der aus­ geglichene Mensch» [Nr.4], «der vereinigte Mensch» [Nr.5], «der bewußte Mensch» [Nr.6] und «der vervollkommnete Mensch» [Nr.7].) Das also ist in nuce Gurdjieffs grundlegende Typologie oder Charakterlehre. Aber während viele «konstitutionelle» Typenleh­ ren - man denke da zum Beispiel an Kretschmer oder Eysenck den Typus des einzelnen ein für allemal festschreiben, behauptet Gurdjieff, daß jeder Typus sich weiterentwickeln kann. Alle säkula­ ren Psychologen führen uns in eine Sackgasse, während Gurdjieff uns einen anstrengenden spirituellen Pfad zeigt. Hier wie auch sonst nimmt er damit eine Haltung ein, die zutiefst traditionell ge­ nannt werden kann. Die mühsame Suche nach dem Sinn des Lebens hat seit undenk­ lichen Zeiten immer wieder Menschen jeglichen Temperaments angelockt. Dabei haben sich drei unterschiedliche religiöse
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«Wege» herauskristallisiert, die den jeweiligen Bedürfnissen von Mensch Nummer Eins, Zwei oder Drei entsprechen: 1. der Weg des Fakirs, 2. der "Weg des Mönchs, 3. der Weg des Yogi. Der Fakir erreicht Willensstärke durch Beherrschung seines Kör­ pers. Der Mönch sublimiert seine Gefühle und weiht sie Gott. Der Yogi entwickelt seine geistigen Kräfte. Bei allen drei religiösen Wegen ist mitfühlende Anleitung durch jene, die bereits eine höhere Stufe auf dem evolutionären Pfad er­ reicht haben, sowie zwei mysteriöse «Reservoire der Gnade» von Bedeutung, die im Prinzip in jedem Menschen anzutreffen sind («Höheres Gefühlszentrum» und «Höheres Intellektuelles Zen­ trum», wie Gurdjieff sie etwas umständlich nennt). Jeder dieser drei geheiligten institutionalisierten Wege des Strebens fordert seinen Preis - Verhaltenszwänge, Zölibat, Verzicht auf ein normales Le­ ben - für die Entwicklung, die er bietet. Außerdem warnt Gurdjieff vor einer spirituellen Gefahr, einer «Schieflage»: Den Menschen Nummer Fünf zu erreichen, ohne vorher Vier erreicht zu haben, be­ deutet praktisch Erstarrung in einer unausgeglichenen Form. Gurdjieff stellt seine eigene Lehre in die etwas vage Tradition eines Vierten Weges (oder «Weg des schlauen Menschen»), der keine «Abkehr von der Welt» erfordert und «Schieflagen» vermei­ det durch die gleichzeitige und harmonische Entwicklung von Kör­ per, Gefühlen und Verstand. Der Mensch des Vierten Weges ak­ zeptiert die Gegebenheiten des Alltags, seien sie nun gut oder schlecht, sowie seine Haltung gegenüber Geld und Sex als vorüber­ gehende Hinweise auf sein «Sein» und als ein Feld des Kampfes. Auf seiner langen Entwicklungsreise wird das Leben nicht nur zum Gelände, sondern zum Reiseführer. Peter Brook hat das sehr tref­ fend formuliert: Ist ein Heiliger ein Mensch, der sich am weitesten vom Schmutz und den Aktivitäten des Marktplatzes zurückzieht, der künst­ lich die unerwünschten Aspekte der menschlichen Erfahrung
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beiseite schiebt, um mehr Platz für die heiligeren zu schaffen? Gurdjieffs gesamtes Leben und Lehren zeugt vom Gegenteil.. . Bei einer steten spirituellen Suche hat er sich ständig weiterbe­ wegt und andere mit sich gezogen durch reichste und intensive Teilhabe am Leben. Allerdings hat sich der authentische Vierte Weg «in seiner Tiefe als zu tief und in seiner Flachheit als zu fließend» (Mairet) erwiesen, um von den Religionshistorikern richtig beurteilt und analysiert werden zu können. Seine Linienführung bleibt obskur. Die von Gurdjieff spezifizierten verschiedenen archetypischen Gruppen sind historisch nicht fixierbar. Doch kann man den Einfluß eines Vierten Weges gewiß überall dort annehmen, wo eine spezielle Qualität von Achtsamkeit und Infragestellen Macht über die Rou­ tine des Alltags hat. Obwohl Gurdjieff sein eigenes Leben durch selbst auferlegte Ge­ lübde formte, forderte er keine von seinen Schülern. Deren Ver­ pflichtung bestand darin, jeden der Schritte «auf der Straße nach Philadelphia» im Geiste der Freiwilligkeit, der Vorläufigkeit und des Experiments zu machen. Er bestand darauf, daß sie einen kriti­ schen Verstand entwickelten, verbot blinden Glauben, «befahl» statt dessen geradezu «Verstehen», denn «Verstehen» war für Gurdjieff von überragender Bedeutung, besaß einen unbedingten Wert an sich, trat an die Stelle bloßen Wissens. Und weit davon entfernt, irgendeine Form der intellektuellen Eitelkeit zu ermuti­ gen, rief es oft das ehrfürchtige Gefühl hervor, einer unendlich größeren Entität als dem eigenen kleinen Ich unterworfen zu sein. Auch den Gurdjieff-Schüler von heute verlangt es leidenschaft­ lich danach, seine eigene Natur und das Mysterium des Seins zu «verstehen», mit allem, was dazugehört: die großartigen Gesetze der Erschaffung und Erhaltung der Welt; das Rätsel der Zeit; Geo­ logie und Vorgeschichte in ihrer tiefen, heute jedoch meist ver­ gessenen Bedeutung; die Entwicklung der aufeinanderfolgenden Zivilisationen; die subtilen Andeutungen in Märchen, Mythen und hegenden sowie die offenkundigen und verborgenen Einflüsse, die m unserer Gegenwart wirksam sind .. . Eine ungeheure Heraus­
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forderung. Schließlich besteht das Ziel nicht darin, sich selbst in einen aufgeblasenen Schwätzer zu verwandeln - einen Angeber, der alles nur vom Hörensagen kennt und weitergibt -, sondern auf dem Weg zum «gelehrten Wesen» voranzuschreiten. Und zu die­ sem Zweck muß der eigene Typus, müssen die persönlichen Haupteigenschaften sowie der eigene Standort im System in das Gewebe des Verstehens eingearbeitet werden. «Sein» - was bedeutet dieses für Gurdjieff offensichtlich so zen­ trale Wort tatsächlich? Es meint so etwas wie «die Qualität des Da­ seins» - es ist der Kem eines jeden Menschen, seine gesamte Masse, sein Atomgewicht: alles das, was er wirklich ist. Und Gurd­ jieff beharrt unerbittlich auf folgender Feststellung: «Das Sein zweier Menschen kann unterschiedlicher sein als das Sein eines Minerals und eines Tiers» (Ouspensky). Verglichen mit dem Be­ griff «Wesen» ist «Sein» verantwortlicher, dynamischer, hat mehr die Funktion bewußten Bemühens. Es ist der Indikator der Einheit und gesammelten Präsenz eines Menschen, sein Grad «da zu sein». Mit dem Gedanken der «gesammelten Präsenz» und des «Da­ seins» kommen wir zu Gurdjieffs Bewußtseinsmodell und dem praktischen existentiellen Kern seiner Lehre. Das Bewußtsein, Fundament allen Wissens und Grundlage un­ serer Erfahrungen und unserer Selbsterkenntnis, besteht in Gurdjieffs Bewußtseinsmodell - er nennt es «Zoostat» - aus sechs in zwei Schichten angeordneten Ebenen. Das Unbewußte (mehr oder weniger gleichzusetzen mit dem instinktiven Zentrum) übt seine wunderbare Herrschaft über die großen autonomen Systeme des Körpers aus - Herz/Kreislauf, Atmung, das Verdauungs- und das Nervensystem usw. Darüber liegt - die untere Schicht komplettie­ rend - das geheimnisvolle Unterbewußte, ein ganz eigenes Thema, das Gurdjieff immer wieder als Hort des «Objektiven Bewußt­ seins» rühmt. Die obere Schicht des Zoostat umfaßt vier aufstei­ gende Ebenen: 1. Objektives Bewußtsein 2. Selbst-Bewußtsein 3. Waches Bewußtsein 4. Schlaf
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Mit der niedrigsten und der höchsten Kategorie brauchen wir uns hier nicht weiter zu befassen: «Schlaf» muß nicht näher erläutert werden, und «Objektives Bewußtsein» entzieht sich jeder Defini­ tion (obwohl stark zu vermuten ist, daß es irgendwie mit dem «C»-Einfluß zusammenhängt). Doch die qualitative Unterscheidung zwischen den beiden mitt­ leren Kategorien - 2 und 3 - liefert uns den Schlüssel zu Gurdjieffs gesamter Entwicklungspsychologie. Beginnen wir mit Kategorie 2: Gurdjieffs Kritik unseres scheinbar «wachen Bewußtseins» besagt, daß unsere Aufmerksamkeit derart zerstreut oder widersprüchlich ist, unsere Beeinflußbarkeit so groß, unsere Reaktionen so mecha­ nisch, unser «Ich-bin-Gefühl» so wenig ausgeprägt, daß dieser Zu­ stand besser als der einer milden hypnotischen Bewußtlosigkeit be­ zeichnet werden sollte. Wir schlafen alle. Das ist keine Metapher, sondern eine Tatsache. Wie kann man sich aus dieser Trance befreien? Das ist in der Tat die Frage. Doch macht Gurdjieff zumindest das unmittelbare Ziel klar, nämlich die dritte Bewußtseinsebene (die er «Selbst-Erinne­ rung» nennt). Bis ein Mensch diesen Zustand mehr oder weniger erreicht hat, bleibt selbst sein aufrichtigstes Streben von subjekti­ ven Vorstellungen und Neurosen beherrscht. Glücklicherweise ist niemandem diese Erfahrung vollkommen fremd. Wir alle haben in Situationen der Gefahr, in Augenblicken intensiver Gefühlserre­ gung oder bei akutem Streß seltene, spontane Momente der SelbstErinnerung erlebt - in denen auf unverkennbare und unnachahm­ liche Weise der Eindruck des «Ich bin - hier und jetzt» entsteht und die ihre ganz spezielle Erinnerungsspur hinterlassen. Urplötz­ lich sind wir wach! Und Gurdjieff fordert, daß wir uns nach und nach daran gewöhnen, auf diesem Level zu leben. «Ein Mensch kann geboren werden. Um jedoch geboren zu werden, muß er zu­ nächst sterben. Und um zu sterben, muß er zunächst erwachen» (Ouspensky). Sollte es irgendwelche Gesetzestafeln von Gurdjieffs eigenem Berg Sinai geben, dann sind in sie bestimmt jene fünf Gebote notwendi­ gen Strebens eingraviert, denen sich kein Mensch entziehen kann, der sich weiterentwickeln will:
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Erstes Streben: in der gewöhnlichen Seins-Existenz alles zu ha­ ben, was für den planetaren Körper befriedigend und wirklich notwendig ist. Zweites Streben: ein konstantes und nicht nachlassendes in­ stinktives Verlangen nach Selbstvervollkommnung im Sinne des Seins. Drittes Streben: bewußt immer mehr über die Gesetze der Er­ schaffung und Erhaltung der Welt in Erfahrung zu bringen. Viertes Streben. vom Anfang der eigenen Existenz an so schnell wie möglich für Höherentwicklung und Individualität zu bezah­ len, um danach frei zu sein, soweit wie möglich die Leiden Unse­ res Gemeinsamen Vaters zu erleichtem. Und das fünfte Streben - stets an der schnellstmöglichen Vervoll­ kommnung anderer Wesen mitzuwirken, sowohl derer, die einem selbst ähnlich sind, wie auch derer mit anderen Formen bis hinauf zur Stufe des geheiligten «Maitofai», das heißt bis hinauf zum Grad der Selbst-Individualität. Unter ihrer Schirmherrschaft erfordert die Erlösung des Men­ schen seinen von ganzem Herzen kommenden, lebenslangen Kampf gegen «die Konsequenzen der Eigenschaften des OrganKundabuffers», nämlich gegen Egoismus, Gewohnheiten, Lügen, Klatsch, Phantasie, negative Emotionen und hypnotischen Schlaf, außerdem noch ein zusätzliches Ringen um Achtsamkeit, Präsenz, Einheit, Sein und Verständnis. Aber Kundabuffer ist hartnäckig, und in jedem Programm der Selbstentwicklung lauen ein hinter­ hältiges Paradoxon. Ein Beispiel mag genügen. Verstehen und Sein - beide absolut lebensnotwendig - streiten sich darum, wer zuerst da war: das Ei oder die Henne; das Sein eines Menschen bestimmt seine Fähigkeit zu verstehen, doch man kann auch sagen: «Nur Verstehen kann zum Sein führen, während Wissen nur ein vor­ übergehender Moment dabei ist.» Diese und noch viele andere grausame psychologische Sackgas­ sen sind es, die einen Lehrer unentbehrlich machen. Ohne sein korrigierendes Eingreifen kann sich der Schüler nicht richtig ent­ wickeln. Natürlich gibt es keine stellvertretende Erlösung. Der Pfad bleibt lang und schwierig. «Gesegnet ist der, der eine Seele
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hat», sagt Gurdjieff. «Und gesegnet ist der, der keine hat, aber Wehe und Kummer für den, der sie im Keim besitzt.» Zwar kann der Schüler an seiner eigenen inneren Transformation arbeiten und sie herbeiführen, doch nur der Lehrer kann die dafür erforder­ lichen Bedingungen schaffen und erhalten. In diesem Zusammen­ hang äußerte Gurdjieff trocken: «Ich kann denen, die sich Schuhe machen wollen, sehr gutes Leder verkaufen» (Walker, Study). Zu den von ihm initiierten «erforderlichen Bedingungen» ge­ hörte in erster Linie «die Gruppe» - praktisch sein Markenzeichen. Ein Mensch alleine kann nichts tun, kann nichts erreichen. Eine Gruppe mit einem wirklichen Führer kann mehr tun . . . Man ist sich der eigenen Lage nicht bewußt, befindet sich in einem Ge­ fängnis. Alles, was ein vernünftiger Mensch sich wünschen kann, ist, dieser Situation zu entkommen. Aber wie kann er das? Es erweist sich als notwendig, einen Tunnel unter einer Mauer zu graben. Ein Mensch alleine kann das nicht. Nehmen wir je­ doch einmal an, wir seien zehn oder zwanzig Personen. Wenn sie in Schichten arbeiten und einander ablösen, können sie es schaffen und entkommen (Ouspensky). Konzepte des Seins, der Einheit, Präsenz, des Erwachens bleiben flüchtige und irritierende Idealisierungen, bis sie in direkter Erfah­ rung geprüft und erkannt werden. Die Gruppe mit ihren mannig­ faltigen Handlungsmöglichkeiten und inneren Übungen schuf ein Klima, in dem Narzißmus keine Nahrung fand und echte Arbeit, wahres Streben aufblühten. Und so wie dieser Mann nicht ohne seine Lehre verstanden werden kann, ist auch die Lehre nicht ohne den Mann zu verstehen. Gurdjieff und seine «Offenbarung» lassen sich nicht um ein Jota voneinander trennen, er repräsentierte genau das, was er selbst unter einem «Meister» verstand: Entsprechend traditionellen Vorstellungen ist die Funktion eines Lehrers nicht auf das Lehren von Doktrinen begrenzt. Sie impliziert vielmehr eine tatsächliche Verkörperung des Wissens, dank derer er andere Menschen geistig erwecken und ihnen bei ihrer Sinnsuche einfach durch seine Präsenz helfen kann.
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4 Fürst Osaj
(1911 -November 1914)

Wenige Wochen vor seinem Tod sprach Gurdjieff über sein Le­ benswerk. «Erinnern Sie sich an das, was ich jetzt sage. <Beginn in Rußland, Abschluß in Rußland>» (Bennett, Gurdjieff). "Was hat er mit diesem kryptischen Satz sagen wollen? Denn nicht nur das «Abschluß in Rußland» stellt uns vor ein Rätsel - auch seine An­ fänge dort sind in mehr als einer Hinsicht rätselhaft. Schon das Rußland von damals erscheint uns «Westlern» von heute fremd, fern und schwer verständlich. Ungeachtet der gescheiterten Revolution von 1905 und der wi­ derwillig zugestandenen Scheinverfassung blieb die Bevölkerung in drei Stände aufgeteilt - Adelige, Städter und Bauern, und über allen schwebte der doppelköpfige Adler der Romanows. Nun traf Gurdjieff allerdings gerade zu dem Zeitpunkt in Ruß­ land ein, als die verkrustete Gesellschaftsordnung zunehmend durch anarchistische Kräfte bedroht war und eine kulturelle Szene von einigem Anspruch von sich reden machte. Da waren, um nur einige zu nennen: Diaghilew, Nijinski, Stanislawski, Strawinsky, der Lyriker Alexander Blök und Mamankow, der Opermäzen. Trotz des noch kräftig fortlebenden Feudalismus wurde das Land jetzt von einem brutalen Frühkapitalismus beherrscht - notwen­ dige Vorstufe der kommenden Revolution. Unter prächtigen Stuckdecken sitzend, studierten millionenschwere Besitzer neuer Baumwoll- und Kautschukfabriken ihre Profitmargen; auf den Straßen fuhren Trambahnen, und es gab elektrische Beleuchtung. In ihren Marmorpalästen prahlten die Adligen nach wie vor mit
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ihren Ahnengalerien und schwatzten auf französisch über Diabolo und amerikanische Puzzlespiele. Doch nur eine Tagesreise von Moskau entfernt vegetierten Millionen von rechtlosen Muschiks in strohgedeckten Hütten und aßen Brot, das sie aus Baumrinde her­ stellten. Zar Nikolaus II., Herrscher aller Reußen, und seine unpopuläre deutsche Ehefrau Alexandra Feodorowna waren kein glückliches Herrscherpaar. Selbst die fröhlichen Feiern im Mai 1886 anläßlich der Thronbesteigung des Achtzehnjährigen wurden getrübt durch den Tod von 1200 Menschen im Verlauf einer Stampede, bei der Krönungsbecher zu gewinnen waren. Sein Reich erstreckte sich über ein Sechstel der Landmasse der Erde - von der Arktis bis zum Himalaja und von der Ostsee bis Alaska, und stets hatte er ge­ wünscht, es noch zu vergrößern. Er träumte davon, die Mandschu­ rei, die Mongolei und Tibet zu annektieren, China zu unterwerfen, die Briten aus Indien zu vertreiben und Moskau zum Dritten Rom zu machen. Aus dieser frühen Zeit kannte Gurdjieff ihn - ja, er war ihm damals sogar offiziell vorgestellt worden. Doch waren diese überehrgeizigen Pläne mittlerweile ganz still zu den Akten gelegt worden, noch vor dem Debakel des russisch-japanischen Krieges. Der Gurdjieff der ersten russischen Jahre scheint ein Mann ge­ wesen zu sein, der sich auf vielfältige Weise tarnte und in allerlei Verkleidung auftrat. Ganz offensichtlich trieb ihn sein Gelübde vom 13. September 1911 - ein «künstliches» Leben zu führen dazu, verschiedene Rollen anzunehmen, um auf dem Weg der Selbsterkenntnis voranzukommen: Wenn ich eine Rolle spiele, muß ich in jedem Augenblick Regie führen. Es ist unmöglich, etwas dem Zufall zu überlassen. Und ich kann nur Regie führen, wenn jemand anwesend ist, der in der Lage ist, Anweisungen zu geben . . . Nur jemand, der ein echtes «Ich» besitzt und weiß, was in jeder Hinsicht erforderlich ist, kann seine Rolle spielen . . . Um ein echter Schauspieler zu sein, muß man ein echter Mensch sein. Am Tage kann man Gurdjieff in schäbigen Hinterhofcafes sitzen sehen, die von Prostituierten und Buchmachern frequentiert wer­
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den. Man sieht ihn Tee schlürfen, bekleidet mit einem steifen Filz­ hut und einem schmutzigen Kragen aus Zelluloid. Sobald er jedoch am Abend nach Hause gekommen war und die Tür hinter sich ge­ schlossen hatte . . . Ah, ja dann . . . dann wusch er sich, kämmte sei­ nen kurzen, buschigen schwarzen Bart, suchte sich einen blumenbe­ stickten seidenen Hausmantel heraus, wand sich einen cremefarbe­ nen Turban um den Kopf und wurde auf diese Weise zu «Fürst Osaj». Sonderbare, nicht zu identifizierende Leute besuchten ihn spät abends und verließen ihn dann mit Aufträgen, über die man nichts Näheres weiß. Inzwischen hatte er nacheinander drei Wohnungen erworben und ausgestattet: eine bescheidene in Moskau; eine zweite in der Haupstadt St. Petersburg, an der Einmündung des Newski-Prospekt in die Puschkin-Straße, nicht weit entfernt vom Bahnhof Nikolajewski. Schließlich erwarb er noch eine große zweigeschossige Datscha in einem ländlichen Erholungsgebiet nahe Moskau. Zwi­ schen diesen Wohnsitzen zog er hin und her nach einem nur ihm selbst bekannten Rhythmus. Ursprünglich hatte er aus Taschkent zwei wertvolle Sammlungen mitgebracht, eine Kollektion seltener Teppiche und eine andere von Porzellan und chinesischem Cloisonne. Darüber hinaus besaß er eine riesige Auswahl an geschnitzten "Wasserpfeifen, narghiles, mit Ornamenten verzierten Dolchen, Ikonen, Ebenholztischchen, mit Troddeln geschmückten Kissen, alle Arten von orientalischen Mu­ sikinstrumenten, Elfenbeinfiguren von Christus, Buddha, Moham­ med und Padma Sambhava - insgesamt genug Kunstgegenstände, um damit ein kleines ethnographisches Museum einzurichten. Mit ihnen schuf er sich liebevoll das ihm zusagende Ambiente: Fußbo­ den und Wände zierten seine besten Teppiche; die Zimmerdecke schmückten Seidenstoffe aus China und Benares; die Wirkung der Beleuchtung war mathematisch exakt berechnet; nicht so wertvolle Kunstobjekte waren geschickt arrangiert. . . diese gesamte Insze­ nierung ergab eine Art innenarchitektonisches Gesamtkunstwerk, das durch seine besondere Atmosphäre bestach. Gurdjieff lebte auch nicht mehr allein. Bald nach seiner Ankunft in Moskau und einem Besuch in St. Petersburg hatte er Julia Ossipowna Ostrowska geheiratet, eine Tochter von Ossip Ostrowski
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und Marie Federowska Misitsch. Es war - schon von den äußeren Gegebenheiten her - ein ungleiches Paar: Er war fünfundvierzig, sie zweiundzwanzig; er war griechisch-armenischer, sie polnischer Abstammung; er war reich, sie arm. Doch verwöhnte er sie als seine «einzig und aufrichtig geliebte Ehefrau». Er machte sie zu seiner Haupttänzerin, und sie folgte ihm durch Krieg, Revolution und Exil mit der ganzen Treue der biblischen Ruth. Lassen wir einmal die vermutete Heirat in Tibet beiseite, dann hatte Gurdjieff bis da­ hin als Mann ein einsames Leben geführt, von gewiß zahlreichen Zufallsbeziehungen einmal abgesehen. Was hat ihn bewogen, nach all diesen Jahren sich nun doch mit einer einzigen Frau fest zu ver­ binden? Möglich, daß die von Gurdjieff erfundene Figur des Gafar die Erfahrung ihres Schöpfers repräsentiert: Alles, was er bisher gesehen hat, hat ihn über alle Maßen ent­ täuscht. Er hat niemals eine Frau gekannt, für die er jenes Ver­ trauen und jene Hochachtung empfinden konnte, die seiner An­ sicht nach seiner Ehefrau gebührten. Er hatte sich daran gewöhnt, alle schönen Worte über Liebe und Seelenfreund­ schaft als bloße Phantasie von Poeten abzutun, und nach und nach waren für ihn alle Frauen mehr oder weniger ähnlich ge­ worden, unterschieden nur durch ihren verschiedenen Grad von Schönheit und ihre unterschiedlichen Manifestationen von Lei­ denschaft ... Und jetzt, ganz plötzlich, erwachte in ihm eine seltsame Neu­ gier gegenüber dieser unfaßbaren Frau. Kann es möglich sein, daß sie in Wahrheit völlig anders ist als alle anderen? Es bleibt die Frage: Was war das Besondere an Julia Ostrowska, das sie für Gurdjieff von allen anderen Frauen unterschied? Er ließ sich einmal die Bemerkung entlocken, seine junge Frau sei eine «alte Seele», die schon mehrere Leben hinter sich habe. Sie besaß eine bestimmte Art der Schönheit, die ihrem innersten We­ sen entsprang - schweigsam, würdevoll, sparsam und ausdrucksvoll in ihren Bewegungen. «Sie hatte es niemals eilig, arbeitete je­ doch mit unglaublicher Geschwindigkeit... sie schien umgeben von einer Aura sanfter Entschlossenheit» (Peters, Boyhood).
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Gurdjieff machte Julia zur zentralen Figur seines großen Tanz­ theaters mit dem Titel «Die Initiation der Priesterin», in seinen er­ zählenden Schriften erscheint sie als archetypische Heldin. Auf je­ den Fall besteht nicht der geringste Zweifel daran, daß er ihre Fähigkeiten hoch geschätzt hat. Die Jugend seiner Auserwählten ist von Geheimnis umgeben. Im gleichen Atemzug versichert man uns, sie sei eine Gräfin, eine Hof­ dame der Zarin gewesen, deutet aber auch an, sie sei «eine Frau gewesen, die dicht vor dem moralischen Ruin gestanden habe». Ei­ nige unabhängige Beobachter stellten in ihren Augen eine Spur verborgenen Bedauerns fest. Intuitiv könnte man wohl schließen, Gurdjieff habe Julia in dem einen oder anderen Sinne «gerettet». Seine sozusagen strenge Unterscheidung zwischen Gänsen und Gantern und zwischen wirklichen Männern und «Männern in An­ führungsstrichen» läßt ohne weiteres auch auf eine Art spiritueller Rettung schließen: Die Frau ist von Natur aus ganz anders als der Mann. Sie ist erdverbunden, und ihre einzige Hoffnung, eine andere Ent­ wicklungsstufe zu erreichen - in den Himmel zu kommen, wie man so sagt-, besteht darin, es mit dem Mann zu tun. Die Frau weiß an sich bereits alles, doch nützt ihr dieses Wissen nichts; es kann für sie vielmehr so etwas wie Gift sein, wenn sie es nicht mit einem Manne teilt. . . Kann die Frau einen echten Mann finden, dann wird aus der Frau ohne weiteres eine echte Frau (Peters, Boyhood). Manche mögen hier heftig widersprechen ... Warum auch nicht? Julia selbst jedenfalls hat nicht widersprochen. Dankbar, zu Gurdjieffs Schülern zu gehören, lehnte sie es sogar ab, seinen Namen anzunehmen. In seinen Tagebüchern wird sie stets nur als Mme. Ostrowska erwähnt. Er war es vielmehr, der darauf beharrte, sie nehme einen einzigartigen Platz ein, und er war es, der ihr zu Eh­ ren ein anrührend zartes Klavierstück komponierte: «Die Frau von Herrn Gurdjieff». Sollte Julia Ostrowska tatsächlich eine Hofdame der Zarin Alex­ andra Feodorowna gewesen sein, mit Zugang zu diesem besonde­
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ren Machtzentrum, dem malvenfarbenen Boudoir im Palast von Zarskoje Selo, dann könnte man mit Colin Wilson vermuten, «daß Gurdjieff, wäre er anstelle von Rasputin im Jahre 1905 dem Zaren vorgestellt worden, leicht zum mächtigsten und meistgehaßten Mann in Rußland hätte werden können». Doch Grigorij Jefimowitsch Rasputin war ein einzigartiger Fall - er liebte Gott, die Intensität des Gebets, den Madeira-Wein und vor allem die Frauen -, und wir können nicht so einfach Gurdjieff gegen Rasputin austauschen, aber der gleichzeitige Aufenthalt bei­ der Männer in St. Petersburg regt nun mal die Phantasie an, zumal sie beide das im Übermaß besaßen, was Gurdjieff als ganbledsoin oder «animalischen Magnetismus» bezeichnet. Durch seinen Eid gehemmt, nutzte Gurdjieff ihn hauptsächlich zum Vorteil seiner Schüler, Rasputin jedoch warf sein persönliches ganbledsoin in die Waagschale der Geschichte und wurde von ihr vernichtet. Gurdjieff jedenfalls erkannte die Zeichen der Zeit, die auf Sturm, auf revolutionären Umsturz standen, und ahnte, daß seine kleinen Gruppen früher oder später durch «kräftige energetische Ereignisse» in alle Winde verstreut würden. Wirkten sich die düsteren Perspektiven des Jahres 1911 viel­ leicht irgendwie bremsend auf seine Pläne aus? Denn wer will ernsthaft bestreiten, daß er über genug Charisma verfügte, um bei weitem mehr Schülern in seinen Bann zu ziehen, als er es schließ­ lich getan hat? Augenzeugenberichte aus dieser frühen Epoche be­ haupten einstimmig: «Er war einfach ungewöhnlich! Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie außergewöhnlich dieser Mann war» (de Ropp). Auch mangelte es um ihn herum nicht an Leuten, die ganz wild waren auf neue Ideen. In der Jugend gärte es. Es blühten künstlerische und philosophierende Gruppen jeglicher Couleur: Futuristen, Symbolisten, Kubisten, um nur einige der be­ kanntesten zu nennen, und jede dieser Schulen hatte auch ein mehr oder weniger großes Interesse an der spirituellen oder psychischen Entwicklung ihrer Mitglieder. Sicher war nur ein geringer Pro­ zentsatz von ihnen wirklich mit der Suche nach höherem Sinn be­ schäftigt, alle übrigen taten nichts weiter als «aus dem Leeren ins Nichts schütten». Doch selbst diese Minderheit überließ Gurdjieff sich selbst.
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Die Vermutung liegt nahe, daß er durch irgendeine unbekannte Notwendigkeit oder durch einen Vertrag (wie ihn Agenten zwei­ fellos gelegentlich eingehen müssen) gebunden war. Man kann so­ gar annehmen, daß er sich in besonderer Gefahr befand. Zweifel­ los hielt sich die Polizei (und das nicht ohne guten Grund) an Charles Peguys Diktum «la mystique conduit ä lapolitique». Nie­ mand konnte genau sagen, wann das Unheil zu erwarten war und aus welcher Ecke es zuschlagen würde. Eine Sondereinheit der Ge­ heimpolizei wachte argwöhnisch über Bürgerversammlungen aller Art. Diese Gendarmen waren zumindest leicht zu identifizieren in ihrer enzianblauen Uniform - Symbol für Ungerechtigkeit und ge­ brochene Knochen. Im Gegensatz dazu blieb die Ochrana, die Ge­ heimpolizei, weitgehend unsichtbar. Zunächst war ich sehr verwirrt hinsichtlich der Identität von «Fürst Osaj» . . . "Wer war er? Warum diese Geheimnistue­ rei? . . . Aber ob er nun Türke, Tartar, Teutone oder Tibeter war; ob von Beruf Kesselflicker, Schneider, Soldat, Seemann oder Tramp; ob seine Zurückgezogenheit freiwillig, erzwungen oder durch politische, gesellschaftliche, kommerzielle oder reli­ giöse Motive bestimmt war - was besagte das alles, solange ich ihm etwas abschauen konnte, was ich brauchte und was zu ge­ ben er willens war? (Dukes) Später haben die meisten Schüler Gurdjieffs - notgedrungen - ge­ nau diese Haltung eingenommen. Und ganz ähnlich liegt der Fall im Hinblick auf Lew Lwowitsch, Gurdjieffs ersten Partner in St. Petersburg. Man ist stark versucht, Lwowitsch den «Löwen» als fiktive Per­ son abzutun. Er sei, so behauptete er, während einer Expedition in Zentralasien gestorben, jedoch glücklicherweise von einem Scha­ manen «wieder zum Leben erweckt» worden. Sein steifer Gang, die glänzenden Stiefel und die enganliegenden Reithosen geben ihm das Aussehen eines Offiziers; die blauen Augen unter buschi­ gen Brauen zeugen von Autorität; er verfügt über ein ansteckendes Lachen. Einige Hinweise, die nicht zusammenpassen, machen ihn noch rätselhafter. Und dennoch: Lwowitsch hat gelebt. Er war we80

der eine literarische Figur noch eine weitere Konfiguration des ty­ pischen Wahrheitssuchers. Nüchterne und neutrale Zeugen hörten Gurdjieff und Lwowitsch sich «in der Sprache der felsigen Ein­ öden und unzugänglichen Berge unterhalten» (Dukes). Dankbare Patienten bezeugten seine heilende Hypnose-Behandlung. Wo und wann betrat Lew Lwowitsch zum ersten Mal die Szene im Um­ kreis Gurdjieffs? Wir wissen es nicht. Fest steht nur, daß er mit all seinen Fähigkeiten einer der begabtesten und ergebensten Schüler Gurdjieffs war. In Moskau war der erste der jüngeren Schüler Gurdjieffs ein ge­ wisser Wladimir Pohl, ein talentierter Komponist, zunächst Direk­ tor der Russischen Gesellschaft für Musik und nun, mit eben erst einunddreißig Jahren, Rachmaninows Nachfolger als Direktor des Musikalischen Instituts Kaiserin Maria. Auf Anraten Pohls hin be­ schloß Gurdjieff, seinen Vetter, den Bildhauer Sergej Dmitrijewitsch Merkurow aufzusuchen, der ein gewisses Interesse für Ok­ kultismus und Hindu-Philosophie besaß. In Alexandropol, im Nachbarhaus der Familie Giorgiades geboren, war Sergej als An­ geber bekannt gewesen. Seine ersten Aufträge haue er von den Konkubinen des Khans von Natschitschewan erhalten. In Paris saß er neben Rodin, als dessen Statue «Der Denker» enthüllt wurde. Und im Jahre 1910 haue er Tolstoi die Totenmaske abge­ nommen. Gurdjieff war fünfundvierzig, Sergej dreißig Jahre alt, aber auch aufgrund ihrer unterschiedlichen geistigen Erfahrungen war es zunächst ein ausgesprochenes Lehrer-Schüler-Verhältnis, das die beiden verband. (Es ist immerhin bemerkenswert, daß äl­ tere und jüngere männliche Verwandte in Gurdjieffs Schriften als weise Gestalten und Neophyten auftreten - das hervorragendste Beispiel liefern hier Beelzebub und sein Enkel Hassein.) Doch mit seinen ersten Schülern sollte Gurdjieff auf Dauer we­ nig Glück haben. Es war wirklich eine verkehrte Welt: Eine ganze Reihe der von ihm persönlich Auserwählten wendeten sich von ihm ab. Lew Lwowitsch ist wie so viele andere einfach verschwunden (ohne in dieser Zeit der Wirren irgendeine Spur in Rußland zu hin­ terlassen); Pohl entzog sich ihm und ging nach Paris, wo er sein Talent an minderwertige Balett- und Gelegenheitsmusik ver­ schwendete; Merkurow blieb in der russischen Heimat und schuf
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ironischerweise heroisch-monumentale Statuen von Lenin und Stalin, wurde Direktor des Puschkin-Museums der schönen Kün­ ste in Moskau und mit dem Leninorden dekoriert. Der große Wurf sollte Gurdjieff erst mit seinem berühmtesten Schüler gelingen, dem Schriftsteller Pjotr Demianowitsch Ouspensky. Im Prinzip waren Bücher für Gurdjieff zweitrangig. Das galt be­ sonders für zeitgenössische spirituelle Werke westlicher Philoso­ phen: «Lesen Sie, auf jeden Fall», sagte er einmal zu mir, «und sei es nur, um zu sehen, welchen Unsinn die Leute manchmal schrei­ ben. Doch gibt es nur ein Buch, das man wirklich studieren sollte - dieses hier.» Und er tippte mit dem Finger auf meine Brust, um anzudeuten, daß er das «Buch Deiner Selbst» meinte. Mit ande­ ren Worten «Erkenne dich selbst» (Dukes). Man stelle sich nun dieses untypische Interesse vor, als ihm 1912 Ouspenskys neue Publikation Tertium Organum in die Hände fiel (das Werk eines unsteten und frühreifen Genies, das die Grenzen des menschlichen Bewußtseins in Frage stellt, wie sie im Organon des Aristoteles und im Novum Organum von Bacon postuliert sind). Das Thema war ihm auf aufregende Weise vertraut. Gurdjieff ist hier ein Odysseus des Geistes, der bei seiner Rückkehr nach Ithaka sofort mit einer gebundenen Kopie der Odyssee, herausge­ geben von Telemach, begrüßt wird. Was dabei noch wichtiger ist die Geographie erweist sich als nahezu korrekt: Eine Landkarte, so pflegte mein Freund Jelow zu sagen, wird in einer gewissen Sprache mit dem Wort chormanupka bezeichnet, was soviel bedeutet wie «Weisheit». Und «Weisheit» wird in die­ ser Sprache wie folgt charakterisiert: der verstandesmäßige Be­ weis, daß zwei mal zwei gleich siebeneinhalb weniger drei und noch ein wenig ausmacht. Doch kann man Ouspensky kleine Ungenauigkeiten und kühne Annahmen angesichts seines glänzenden Stils und seiner großarti­ gen Schlußapotheosen leicht vergeben: «Der Sinn des Lebens liegt
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in der ewigen Suche. Und nur bei dieser Suche können wir etwas wahrhaft Neues finden.» Wenn sich das Wesen dieses Autors des Tertium Organum auf die Ebene seines Wissens anheben ließe, wenn dessen schwindelerregende Einsichten in Zeit, Dimensionen und Bewußtsein tatsächlich seinen Charakter verwandeln könnten _ welch ein Jünger, welch ein Evangelist könnte aus ihm werden! Gurdjieff wartete. Er verstand zu warten. Etwa ein Jahr lang war «Ouspensky-Viene-Dimension» voll in Anspruch genommen, schwärmerisch verehrt von seiner attraktiven und talentierten «Herrin» Anna Ilischna Butkowski (später Butkovsky-Hewitt), und bewundernd herumgereicht in der Cafehausgesellschaft von St. Petersburg. Im Herbst 1913 berichteten dann die Moskauer Zeitungen von seiner Abreise im Zusammenhang mit einem jour­ nalistischen Auftrag im Osten. Von dem Augenblick an, da Ouspenskys Silhouette an Gurdjieffs Horizont erscheint, sind Geschichte und Mythos nicht mehr so recht auseinanderzuhalten. Als nachweisbares historisches Fak­ tum kann der gewissenhafte Chronist nur eine einzige Banalität registrieren: daß Gurdjieff im Jahre 1912, oder kurz danach, Ouspensky (vielleicht zusammen mit mehreren anderen) so neben­ bei als potentiellen Schüler notierte. Der Mythos weiß da natürlich viel mehr: Dank seines übernatürlichen Gespürs für den Rhythmus des Schicksals ist Gurdjieff von Anfang an klar, wie das Ganze sich entwickeln wird. Die mythische Version ist auf geheimnisvolle Weise verknüpft mit der Erinnerung des Menschen an die Zu­ kunft. Gurdjieff hatte inzwischen eine Handvoll russischer Anhänger­ ein recht bescheidener Anfang für jemanden, der seine Ideen im ganzen Abendland verbreiten wollte. Im Winter 1913 stieß dann der erste ausländische Schüler zu ihm - interessanterweise ein Eng­ länder: Paul Dukes, vierundzwanzig Jahre alt, Musikstudent. Sein Klavierlehrer am St. Petersburger Konservatorium war die hervor­ ragende Annette Essipow, die eine Technik von «katzengleicher Kraft und Subtilität» (Schoenberg) mit Interesse für Theosophie verband. Dukes hatte Bücher von Helena Blavatsky - Die Geheim­ lehre und Entschleierte Isis - gelesen und sich zusammen mit kei­ nem geringeren als Sidney Gibbes, dem englischen Erzieher der
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Herrscherfamilie, ein wenig mit Spiritualismus befaßt. Er hatte an arglosen Bauern in Tula seine hypnotischen Fähigkeiten auspro­ biert - und wurde dennoch von Gurdjieff akzeptiert. Dieses «den­ noch» ist von entscheidender Bedeutung, weil Gurdjieff sich nach zwanzig Jahren Forschung auf dem Gebiet überlieferter Erkennt­ nis eine tiefempfundene Verachtung für theosophische Spekulatio­ nen über «Denkformen» bewahrt hatte sowie für «intellektuelles Herumstochern im Okkulten, die von ihren feinstofflichen Kör­ pern derart eingenommen sind, daß sie ihren eigenen verrotten las­ sen». Duke wurde von Gurdjieff also nicht wegen seiner eher dif­ fusen Vorkenntnisse als Schüler akzeptiert, sondern wegen seiner Sensibilität, Intelligenz und Kühnheit (Eigenschaften, die ihm als Geheimagent ST 25 schon im Alter von dreißig Jahren die Erhe­ bung in den Ritterstand eintragen sollten.) Die Einführung des jungen Mannes entsprach in ihrem Erfin­ dungsreichtum fast freimaurerischen Initiationsriten. Lew Lwowitsch ließ ihn Geheimhaltung schwören und brachte ihn zu später Nachtstunde zu «Fürst Osaj» - aber nicht auf direktem Wege. Be­ gleitet von seinem Bürgen betrat Dukes ein Hinterhofgebäude nahe der Bahnstation Nikolajewski. Der "Weg führte durch einen dunklen Gang zu einer verborgenen Tür - und plötzlich, einem erleuchtenden Schock gleich, fand er sich mitten in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht wieder. Mit turbangeschmücktem Kopf saß Gurdjieff da und spielte Schach mit einem Mann mit ho­ hen Backenknochen, Schlitzaugen und einem kleinen Ziegenbart. Nachdem er seinen Gegner matt gesetzt hatte, lud Gurdjieff Dukes zum Spiel ein und bedeutete ihm, mit gekreuzten Beinen auf dem Diwan Platz zu nehmen. Dukes zog höflich seine Schuhe aus und entdeckte mit plötzlicher Verlegenheit ein Loch im Strumpf. «Ich sehe, Sie sind ein Anhänger von frischer Luft», sagte Fürst Osaj. «Das ist wirklich etwas Gutes - nichts geht über frische Luft.» Nachdem er Dukes geschlagen hatte, brachte Gurdjieff das Ge­ spräch auf das Vaterunser, das, wie er einleuchtend darlegte, ur­ sprünglich als spirituelle Atemübung gedacht war und in einem einzigen Atemzug gesungen wurde. «Eine tiefe, volle musikalische Baßnote begann im Raum zu schwingen, rein und fest zwischen
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den klangdämpfenden Vorhängen.» Gurdjieffs ganzer Oberkör­ per vibrierte, was bei Dukes so etwas «wie einen schwachen elektri­ schen Stromstoß» auslöste. Eine unerwartete psychosomatische Einheit wurde postuliert: «Seele» und Körper, Einatmen und Ausatmen ergänzten sich; das Gebet wurde in Zusammenhang gebracht mit dem Verdauungsap­ parat und sogar mit Qualität und Zirkulation des Blutes. Die Auf­ merksamkeit (stets Angelpunkt der Gurdjieffschen Methodologie) muß vollkommen mobilisiert und gleichmäßig zwischen drei Ele­ menten aufgeteilt werden: den Worten, dem Klang und dem At­ men. Christus selbst hatte seine Jünger gelehrt, so zu beten - im Geheimen, «an einem verlassenen Ort», jeder für sich allein, weil die Gebetspraxis «eng damit verbunden ist, wie jemand atmet, und keine zwei Personen atmen auf gleiche Weise». Das wahre Ziel des Gebets ist nicht, etwas zu erbitten oder zu preisen, sondern sich auf den Logos einzustellen, «den man als die Grundnote der Welt be­ zeichnen könnte». «Und da jede Oktave - auf je unterschiedlicher Ebene - eine Replik von jeder anderen Oktave ist», könnte ein Mensch sein individuelles Sein durch Erklingenlassen dieser Grundnote entwickeln. Zwei oder drei Jahre lang suchte Dukes immer mal wieder die geheimnisvolle Wohnung an der Ecke Newski Prospekt/Pusch­ kin-Straße auf. In langen und seltsamen Nächten war nur der me­ lancholisch-langgezogene Ton der Dampfpfeifen beim Einfahren der Züge in den Bahnhof Nikolajewski ein schwaches, fernes Zeugnis von der Existenz der irdischen Welt. «Fürst Osaj» - der seine tiefen Weisheiten mit schlüpfrigen Scherzen, starkem Kaffee, orientalischen Gesängen und starken alkoholischen Getränken würzte («Trinken Sie meine eigene Mischung . . ., die ist viel besser als Whisky») - lenkte die Auf­ merksamkeit seines lernbegierigen jungen Schützlings auf Schwin­ gungen subtiler Ordnung. Er vermittelte ihm Bruchstücke einer mantrischen Lehre, die den alten Ägyptern, Chaldäern und Brahmanen zugeschrieben wurde, und ermunterte ihn, seine eigenen Gesänge zu Ehren des Höchsten Wesens zu komponieren und zu singen. Obwohl Sir Paul Dukes sich in seinem späteren Leben auf Yoga

konzentrierte, gab er großzügig zu, daß er auch Fürst Osajs «eso­ terischem Christentum» Dank schuldete: Das Evangelium wurde ganz persönlich erlebt, frei von jeder Art von Dogma, eine lebendige Botschaft mit dem Vaterunser als Emblem und den Gleichnissen als Illustrationen. «Suchet, so werdet ihr finden» klang wie ein Hörnerruf aus der Tiefe ... War Gurdjieff jemals versucht, seine Lehre ausdrücklich in christli­ chen Begriffen darzulegen? Fest steht, daß er Christus verehrte, und sein Leben lang bemühte er sich, verschiedene Richtungen christlicher Frömmigkeit miteinander zu verbinden — bis hin zur Lehre der Essener und den Ideen der Gnostiker. Die von ihm ent­ wickelte esoterische Synthese war voller Leben und hätte, wäre sie in Rußland verbreitet worden, dem verkrusteten kirchlichen Esta­ blishment vielleicht wertvolle Impulse vermitteln können. Doch Gurdjieffs Wirken beschränkte sich notabene auf den Kreis seiner Schüler, zu dem bereits recht früh, sozusagen gleich nach Ouspensky, der hervorragende Arzt und Psychiater Dr. Leonid Robertowitsch Stjoernval stieß — achtunddreißig Jahre alt, ein durch und durch anständiger, ernsthafter und zuverlässiger Mann. Vom Temperament her phlegmatisch und zurückhaltend hinsicht­ lich Äußerungen über sich selbst, wirkte er rein äußerlich wie ein Wissenschaftler. Er rauchte und trank gern, jedoch nicht im Über­ maß, und neigte ein wenig zur Korpulenz. Die beiden Enden sei­ nes Schnurrbarts wurden mit Hilfe von unparfümiertem Wachs modisch nach oben gezwirbelt; er besaß tiefliegende schöne Augen, und in seinem Kinnbart schimmerten silbergraue Haare. Der ganze Mann strahlte Autorität und natürliche Würde aus. Seine sprichwörtliche Gelassenheit konnte eigentlich nur Gurdjieff stören. Diese plötzlichen Ausbrüche zeigten den Psychologen dann von einer völlig anderen, unerklärlichen Seite: Mit tranceähnlichem Gesichtsausdruck und nervösen, erregten Gesten, als erwache er plötzlich aus einem Traum, brach es aus ihm mit einer Stimme hervor, die rauh war wie unterdrückter Donner und seiner üblichen Tonlage völlig fremd: «Ja, ich

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glaube, daß Georg Iwanowitsch nicht weniger als Christus selbst ist!» (Butkovsky-Hewitt) Wenn er das hörte, schnitt der Meister ihm energisch das Wort ab. Von allen bedeutenderen Schülern Gurdjieffs war Leonid Stjoernval, ein Geschöpf der belle epoque, wohl ein Mann, der eher gewünscht hätte, seine geheimen Studien im Rahmen der vertrau­ ten Wahrheiten und Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens zu betreiben. Doch das Schicksal lenkte Dr. Stjoernval und seine Frau Elisabeta Grigorjewna auf einen Weg über rauhe Gebirge und Meere in ein andauerndes und armseliges Exil. Er war Gurdjieff begegnet und wollte nie mehr von ihm lassen. Jetzt überstürzten sich die Ereignisse. Seit Sonnabend, den 1. August 1914, um 7 Uhr früh, befanden sich Rußland - Zar Ni­ kolaus II. - und Deutschland — Kaiser Wilhelm II. — im Krieg. Von den frühen Morgenstunden des folgenden Tages an be­ wegten sich Kolonnen marschierender Männer durch St. Peters­ burg. Sie trugen Banner und Bilder des Zaren und solche mit dem doppelköpfigen Adler. Vor der noch blutverschmierten Fas­ sade des Winterpalastes sammelten sich die Massen. Kurz nach vier Uhr zeigte sich Nikolaus II. auf dem Balkon und sprach je­ nen Satz, mit dem schon Alexander I. Napoleon geantwortet hatte: «Ich schwöre feierlich, daß ich keinen Frieden schließen werde, solange noch ein einziger Feind auf dem Boden des Va­ terlandes steht» (Taylor). Die Menschen sanken auf die Knie und sangen: «Gott erhalte den Zaren», und danach - als würden sie ahnen, was die Zukunft tatsächlich bringen sollte - «Gott, errette Dein Volk und segne Dein Erbe». Wir haben keine Ahnung, wo Gurdjieff sich an diesem Tage be­ fand. Bei seinen eigenen Plänen hatte er bereits die zu erwartende nationale Revolution in Rechnung gestellt - nun aber muß er mit der Wirklichkeit eines Weltkrieges fertig werden. Ganz Europa mobilisierte seine Streitkräfte. Die durch wohl­ überlegte Verträge aneinandergeketteten Großmächte zogen ein­ ander eine nach der anderen in den Abgrund. Der erste persönliche Beitrag des Zaren zur nationalen Anstrengung bestand darin, daß
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er St. Petersburg in Petrograd umbenannte, den Verkauf von Wodka verbot und bei Faberge ein aus Juwelen bestehendes Oster­ ei bestellte, das auf einem Schrapnell befestigt war. Unter den ge­ gebenen Umständen kaum weniger surrealistisch war Gurdjieffs Entscheidung, ein okkultes Ballett mit dem Titel «Der Kampf der Magier» zu konzipieren. Die Hauptfiguren hatte er sich bereits ausgedacht: den Helden Gafar - tüchtig, gut gewachsen, wohlhabend; die schöne Heldin Seinab — die Flamme, um die Gafar kreist; Russula, Gafars dick­ wanstiger und gerissener Majordomus; den Weißen Magier - spi­ ritueller Meister von Seinab; sowie dessen Rivalen, den Schwarzen Magier, den Gafar um Hilfe bittet. Mit diesen einfachen Stereoty­ pen aus Tausendundeiner Nacht plante Gurdjieff eine dialekti­ sche, phantastische künstlerische Schöpfung. Wichtiger jedoch war, daß sie den daran mitarbeitenden Schülern als lebendiges Lehrbeispiel dienen sollte. Der Herbst kam, und die Nächte wurden länger. Die kleine Gruppe um Gurdjieff, Merkurow und Pohl rückte enger zusam­ men . Drei .Monate nach Kriegsausbruch kehrte Pjotr Ouspensky nach Rußland zurück, voller romantischer Bilder vom indischen Subkontinent. Er hatte den Yogi-Philosophen Aurobindo getrof­ fen, den Tadsch Mahal im Mondlicht gesehen und, auf einem wei­ ßen Lamafell sitzend, in Adya mit Annie Besant gesprochen. Am Freitag, den 13. November 1914, fiel sein Blick beim Durchblät­ tern seiner Zeitung The Voice ofMoscow auf die Kolumne «Rund um das Theater». Darin war die Rede von einem neuen Ballett — «Der Kampf der Magier» -, das angeblich in Indien spiele und von irgendeinem Hindu stamme. Ouspensky griff nach einer Schere und schnitt die Notiz aus. Mit dieser prosaischen, aber symbolischen spontanen Handlung hebt sich langsam der Vorhang - und ein neuer Akt in Gurdjieffs Leben beginnt.

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5 Heiliges Bejahen
(November 1914- März 1917)

Der Winter 1914/15 war besonders hart. An der Front standen Rußlands Soldaten, mit Weihwasser gesegnet, der deutschen Artil­ lerie gegenüber - manchmal nur mit einem an einen Stock gebun­ denen Bajonett bewaffnet; in den ersten fünf Monaten starben vier Millionen. Auf dem Weg zu ihren Gruppentreffen bahnten Gurdjieffs Schüler sich ihren Weg durch dunkle Straßen, die von Räubern und Deserteuren nur so wimmelten. Der korrupte Kriegsminister General Wladimir Suchomlinow, der seit fünfundzwanzig Jahren kein Militärhandbuch mehr gelesen hatte, fürchtete vor allem die Zeppeline und ließ daher Moskau und Petrograd verdunkeln. Nur die sehr reichen Bürger konnten ihre Wohnungen noch einigerma­ ßen warm halten. Als im April das Eis zu schmelzen begann, traf Ouspensky end­ lich in Moskau ein. Er kam, um seine theosophischen Vorlesungen «Auf der Suche nach dem Wunderbaren» und «Das Problem des Todes» zu wiederholen, die er kurz zuvor mit viel Resonanz in der bis auf den letzten Platz gefüllten Alexandrowski-Halle in Petro­ grad gehalten hatte. Gurdjieff handelte schnell. Er beauftragte Wladimir Pohl und Dimitri Merkurow, die ersten Kontakte herzu­ stellen, Gurdjieffs wahre Identität als Urheber des «Kampfes der Magier» vertraulich zu offenbaren und eine persönliche Begeg­ nung mit Ouspensky anzuregen. In Gurdjieffs Leben gibt es viele wichtige Konvergenzen, doch kann wohl mit Recht behauptet werden, daß die Begegnung mit
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Ouspensky für ihn und sein Werk von außerordentlicher Bedeu­ tung war. Ouspensky, der bekannte Autor, umgeben von einem Kreis Gleichgesinnter und Verehrer, sah dem Treffen mit diesem seltsamen Provinzler mit Skepsis entgegen, in Erwartung eines Mischmaschs aus Aberglaube, Autosuggestion und Phantasterei. Später schrieb er: «Meine erste Begegnung mit ihm änderte jedoch völlig meine Meinung über ihn und was ich von ihm erwarten könnte.» Gurdjieff mangelte es nicht an Geld. Hätte er Ouspensky mit Äu­ ßerlichkeiten beeindrucken wollen, dann hätte er in der Aufma­ chung von «Fürst Osaj» auftreten oder zumindest einen Tisch in einem der vornehmen Moskauer Restaurants reservieren lassen kön­ nen. Statt dessen entschied er sich für ein kleines Cafe in einer lauten Seitenstraße, in dem Kleinhändler und Buchmacher verkehrten, dort erwartete er ihn mit einem steifen Hut auf dem Kopf. Indem er sich bewußt in armseligem Licht präsentierte, sein schlechtestes Russisch mit seinem gröbsten kaukasischen Akzent sprach, ergriff Gurdjieff die Initiative. Ouspenskys sensibler, durchdringender Geist, ganz natürlich auf eine unter der Oberfläche vorhandene Wirklichkeit eingestimmt, erkannte sofort in Gurdjieff all die exoti­ schen Züge, auf die dieser nach außen hin verzichtet hatte. Als er «diesen Mann mit dem Gesicht eines indischen Radschas oder ara­ bischen Scheichs» sah, ersetzte Ouspensky in Gedanken den steifen Hut durch einen goldgefaßten Turban und einen weißen Burnus. Die Frage nach der Überlegenheit war in dem Augenblick ge­ klärt, als die beiden Männer einander ansahen. Ouspensky spürte, daß Gurdjieff ihn gewissermaßen freundlich in der hohlen Hand gewogen und wieder hingestellt hatte. In seinen Lebenserinnerun­ gen taucht dieser Hinweis auf eine zu bestehende Prüfung immer wieder auf: Ihm zu begegnen war stets eine Prüfung. In seiner Gegenwart schien jede Haltung gekünstelt. Ob allzu unterwürfig oder im Gegenteil prätentiös, sie wurde vom ersten Augenblick an zer­ pflückt. Nichts blieb übrig als eine ihrer Maske beraubte mensch­ liche Kreatur, die für einen Augenblick so offenbar wurde, wie sie wirklich war.
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Niemand sollte hier vermuten, Ouspensky sei für autoritäre Per­ sönlichkeiten besonders anfällig oder überhaupt leicht zu beein­ drucken gewesen. Im Gegenteil: Er selbst war eine eindrucksvolle Erscheinung. Mit seinem kurzgeschnittenen schütteren Haar und dem eckigen teutonischen Schädel, der fast übergangslos in einen stämmigen Oberkörper überging, hätte er als zweiter Erich von Stroheim durchgehen können. Unter seinen kämpferischen schwarzen Augenbrauen intensivierte die randlose Brille den durchdringenden Blick seiner blauen Augen. Das Kinn und der breite Unterkiefer vermittelten den Eindruck kompromißloser Entschlossenheit. Die Lippen waren schmal, die Mundwinkel stän­ dig nach unten gezogen, mit jenem Ausdruck unbestechlicher pro­ fessoraler Rechthaberei, die an Mißbilligung grenzte. Und den­ noch - hier war ein Mann, den nicht zu respektieren unmöglich war: «einfach, höflich, ansprechbar und intelligent», wie Thomas de Hartmann sich erinnert. Gurdjieff führte das Gespräch freundlich, aber bestimmt. Er charakterisierte sein eigenes Werk und seine Gruppen als esote­ risch und journalistisch «off the record». Er betonte, daß seine Schüler ihm jährlich 1000 Rubel zahlen müßten. («Muß man nicht auch eine Eisenbahnkarte und ein Hotel bezahlen? Sie sehen, wie­ viel Falschheit und Heuchelei es in diesem Bereich gibt.») Und er parierte geschickt Ouspenskys Anspielungen auf seine Reisen in den Osten: Sie müssen wissen ... als Sie nach Indien gingen, schrieb man über Sie in den Zeitungen. Ich stellte meinen Schülern die Auf­ gabe, Ihre Bücher zu lesen und daraus Schlüsse zu ziehen, was Sie wirklich sind, und auf diese Weise herauszufinden, was zu finden Sie in der Lage wären. Wir wußten also bereits, was Sie finden würden, als Sie noch unterwegs waren. Ouspenskys Wissensdurst ließ ihn auf seinem Stuhl ausharren, und von Minute zu Minute wuchs Gurdjieff in seiner Achtung. Ihm ge­ fiel dessen Natürlichkeit, innere Einfachheit, Unaffektiertheit und sein Sinn für Humor; vor allem aber auch, daß er nicht vorgab, Hei­ ligkeit und wunderbare Kräfte zu besitzen. Auch enttäuschte Gurd91

jieff nicht Ouspenskys Verstand. «In seinen Erläuterungen spürte ich die Sicherheit eines Spezialisten, eine sehr gute Analyse der Fakten sowie ein System, das ich nicht erfassen konnte, dessen Vorhandensein ich jedoch bereits fühlte.» Beim Verlassen des Cafes hielt Gurdjieff eine Droschke an und nahm Ouspensky mit zu einer leeren Wohnung. Dort stellte er ihn seinen Schülern vor - drei jungen Männern und zwei Volksschullehrerinnen. Gurdjieff hatte geprahlt, sie gingen jetzt zu seinem Luxusappartement, um dort eine Reihe von Professoren und Künstlern zu treffen. Der Durchschnittsmensch hätte wahrschein­ lich auf einen derartigen Bluff empört reagiert - doch Gurdjieff war nicht auf der Suche nach Durchschnittsmenschen. Ouspensky, der von frühester Jugend an gemerkt hatte, daß das sogenannte «normale» Leben eigentlich aus lauter Absurditäten besteht, war offensichtlich erfreut, einmal jemandem zu begegnen, der sich mit Widersprüchen und Rätseln befaßte. Anscheinend fand er Gurdjieff deswegen vertrauenswürdig, weil er ein Hochstapler zu sein schien (schließlich war es das metier hochstapelnder Leute, ver­ trauenswürdig auszusehen). Hatte doch Gurdjieff einmal gesagt: Die "Wahrheit kann nur in Form einer Lüge Zugang zu den Men­ schen finden - nur in dieser Form sind sie imstande, sie zu ak­ zeptieren . . . Nur in dieser Form können sie die Wahrheit ver­ dauen und assimilieren. Unbefleckte Wahrheit wäre für sie unverdauliche Nahrung. Auf Gurdjieffs Anweisung hin begann einer der Schüler laut aus einem Manuskript des Meisters vorzulesen. Man muß sich Ouspensky vorstellen, wie er in einer Situation von besonderer Ambi­ valenz unter Fremden unbequem auf einem Kissen dahockt! Gurdjieff hörte die ganze Zeit aufmerksam zu. Er saß, ein Bein untergeschlagen, auf einem Sofa, trank schwarzen Kaffee aus einem Glas, rauchte und blickte manchmal zu mir herüber. Seine Bewegungen gefielen mir; sie waren sehr sicher und von tiger­ gleicher Geschmeidigkeit. Sogar in seinem Schweigen war et­ was, das ihn von anderen unterschied.
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Bevor Ouspensky nach Hause, nach Ochotni Nad, fuhr, bat er Gurdjieff dringend um ein Wiedersehen. So trafen sie sich am fol­ genden Tag im selben Cafe am selben Tisch, und auch am darauf­ folgenden und dem danach ... bis Gurdjieff schließlich zu­ stimmte, Ouspensky als Schüler anzunehmen. Am Ende dieser folgenschweren Woche wurde Ouspensky durch seine Arbeit ge­ zwungen, nach Petrograd zurückzukehren. Dort angekommen, eilte er vom Bahnhof direkt zu Anna Ilischna und verkündete ihr: «Ich habe das Wunderbare gefunden» (Butkovsky-Hewitt). Trotz dieser offensichtlichen Begeisterung des neuen Schülers verliert die Beziehung zwischen Gurdjieff und Ouspensky überra­ schenderweise zunächst an Schwungkraft: Die beiden Männer trafen sich erst sechs Monate später wieder. Wir wissen, daß Ouspensky mit der Publikation seiner Anti-Kriegs-Novellen «Ge­ spräche mit einem Teufel» und «Der Erfinder» beschäftigt war, und auch Gurdjieff hatte Probleme, die unmittelbar mit dem Krieg verbunden waren, denn die Türken, seit dem 2. November 1914 gegen Rußland kämpfend, planten den Völkermord an ihren ar­ menischen Untertanen. Sie hielten es nicht einmal für nötig, die entsprechenden Befehle zu verschlüsseln. Innenminister Talaat Pa­ scha telegrafierte dem Gouverneur von Aleppo wörtlich: Die Regierung hat beschlossen, alle in der Türkei lebenden Ar­ menier auszurotten . . . ohne Schonung der Frauen, Kinder und Invaliden, wie tragisch die Umstände der Vernichtung auch sein mögen. Ihre Existenz muß ohne die geringsten Gewissensbisse beendet werden (Lang). Gurdjieff sorgte dafür, daß seine armenische Mutter und seine Schwestern in Alexandropol auf der russischen Seite der Front in Sicherheit blieben. August und September 1915 brachten Rußland eine neue Serie schwerer Niederlagen. Seine Majestät der Zar übernahm darauf­ hin höchstpersönlich das Oberkommando an der europäischen Front und richtete sein militärisches Hauptquartier in der Stadt Mogilew ein, wo er auf verantwortungslose Weise seine Energie hauptsächlich dem Dominospiel widmete. Während die blutende
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Infanterie in Massengräbern beigesetzt wurde und die hungrigen Fabrikarbeiter in Moskau und Petrograd keine Leistung mehr bringen konnten, nutzten clevere Opportunisten die Gunst der Stunde, um Geschäfte zu machen. Gurdjieff gehörte nicht zu denen, die von der Lage profitierten - im Gegenteil: Mehrere seiner vielversprechenden jungen Männer waren gleich der ersten Mobilmachung zum Opfer gefallen, während Pohl und Merkurow bestrebt waren, sich aus allem herauszuhalten. Keiner seiner Moskauer Gruppen war es bestimmt zu florieren die große Ernte blieb Petrograd vorbehalten, wo Gurdjieff im Herbst 1915 gesät hatte, was Ouspensky dann großzügig bewäs­ serte. Sofort nach seiner Ankunft rief Gurdjieff an und brachte gute Nachrichten: Er hatte beschlossen, Vorlesungen zu halten und Leute von Qualität zu gewinnen sowie eine echte esoterische Gruppe aufzubauen, da nur sie allein einen Rahmen für wahre gei­ stige Entwicklung bieten konnte. Darauf schien Ouspensky nur gewartet zu haben. Zu seinem Be­ kanntenkreis gehörten wirklich «Professoren und Künstler», au­ ßerdem Autoren, Herausgeber, Politiker und Polizeibeamte; er wurde gern in theosophischen. Tolstoiischen und Symbolisten­ Kreisen gesehen; viele warme Sommerabende lang hatte er beim Umtrunk in seiner Stammkneipe mit klugen Leuten diskutiert und ihr Vertrauen gewonnen - darunter der berühmte Kritiker A. L. Wolinski, dessen Buch über Leonardo da Vinci ihm die Ehrenbür­ gerschaft von Mailand eingebracht hatte, und der Präsident der Kaiserlichen Geographischen Gesellschaft. Gurdjieffs Vortrag vor dieser Gesellschaft über die Wüsten Gobi und Taklamakan machten Ouspensky jedoch auf eine Schwierigkeit aufmerksam, die er so nicht vorausgesehen hatte. Gurdjieff sprach lange und sachkundig über dieses Thema. Ge­ gen Ende erzählte er von der Entdeckung eines kleinen Tals mit steilen Abhängen, die jeden Zugang unmöglich machten. Am Boden glänzten Diamanten, die von den Eingeborenen auf ver­ blüffende Weise gesammelt wurden: Sie warfen Fleischstück­ chen hinunter, und dressierte Geier holten die mit Diamanten
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gespickten Stücke herauf. Die anwesenden Gelehrten schauten einander kopfschüttelnd an; viele von ihnen standen auf und gingen. Die ganze Vorlesung endete in einem Fiasko (Zigrosser). Dieser Vorfall war typisch für Gurdjieff, der mit solchen Ge­ schichten die Spreu vom Weizen trennte, das heißt jene, die nur die Oberfläche sahen, von den wirklich Suchenden. Ouspensky ließ es sich nicht verdrießen und versuchte, seine Be­ mühungen mit den unberechenbaren Reaktionen seines Meisters in Einklang zu bringen. Jedesmal, wenn Gurdjieff in Petrograd an­ kam, übergab Ouspensky ihm eine Liste mit geplanten Veranstal­ tungen — entweder bei einer passenden Vereinigung oder vor aus­ gesuchtem Publikum in Privathäusem. Obwohl Gurdjieff immer wieder Termine strich oder abänderte, hatte sich bis zum Novem­ ber ein Kern von etwa dreißig, vierzig regelmäßigen Zuhörern her­ auskristallisiert, von denen zwei unweigerlich stets in der ersten Reihe saßen: der treue Dr. Stjoernval und Ouspensky, der der An­ sicht war, «er habe bereits einige fundamentale Teile von Gurdjieffs System begriffen». Das Interesse an diesen Vorträgen wuchs derart, daß Gurdjieff sich ab Januar 1916 bemühte, alle vierzehn Tage nach Petrograd zu kommen, wobei er manchmal seine älteren Moskauer Schüler mitbrachte. Nicht allzuweit von seiner Wohnung in der Puschkin­ Straße gab es viele angenehme Cafes, vor allem das Cafe Filipow wo er den Tag über residierte und mit unzähligen Bittstellern sprach. Ouspensky saß manchmal stundenlang auf dem Sprung und versuchte, was ihm nicht so leicht fiel, unaufdringlich zu er­ scheinen - stets pflichteifrig darauf bedacht, Gurdjieffs Bedürf­ nisse zu erahnen und zu befriedigen. Langsam, aber sicher nahte der Augenblick, da Gurdjieff sich beeilen mußte, wenn er den Zug zurück nach Moskau noch errei­ chen wollte. Dann pflegte er beiläufig Ouspensky heranzuwinken: «Warum treffen wir uns nicht heute abend? Rufen Sie doch alle an, die gerne kommen würden, und sagen Sie ihnen Ort und Zeit.» Ouspenskys Gleichmut war bewundernswert. Er hielt sein Notiz­ buch mit den Telefonnummern dicht vor die Nase, studierte es ge­
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lassen über seine Brille hinweg und wurde irgendwie mit der Situa­ tion fertig. Zu Ouspenskys Überraschung erwies sich Gurdjieff außerdem als ausgezeichneter Geschäftsmann. Nachdem er herausgefunden hatte, daß Teppiche in Petrograd bessere Preise erzielten, brachte er stets von Moskau einige Stücke aus seiner Sammlung mit, dazu einige billigere, die er auf dem Markt erworben hatte. Eine fortlau­ fende Anzeige in den Petrograder Zeitungen brachte eine bunte Mischung von Interessenten an seine Tür, so daß sich beim Ver­ kauf der Teppiche immer wieder kuriose Szenen abspielten. So bot er einer geizigen Dame der Gesellschaft, die zäh um ein Dutzend wirklich schöner Objekte feilschte, plötzlich alle Teppiche im Raum für ein Viertel des umstrittenen Kaufpreises an. Einen Au­ genblick lang war sie völlig verdutzt; dann faßte sie sich wieder und begann erneut mit dem Feilschen. Mit einem Schulterzucken, einer Handbewegung und einem unergründlichen Lächeln ging Gurdjieff wieder zur Tagesordnung über. Am folgenden Tag kehrte er nach Moskau zurück — die Frau hatte überhaupt nichts bekom­ men. Seine Rollenspiele oder seine vorgebliche «Verrücktheit» im Umgang mit verschiedenen Fragestellern waren wohlerwogene Mittel, ernsthafte Schüler zu finden, aber selbst seine treuesten und einsichtigsten Anhänger hatten ihre Probleme damit: Unser Gefühl des «Schauspielems» bei Gurdjieff war außeror­ dentlich stark. Unter uns sagten wir oft, daß wir ihn nie durch­ schauen würden noch durchschauen könnten. Bei jedem ande­ ren hätte soviel «Schauspielern» den Eindruck von Falschheit hervorgerufen. Bei ihm machte es den Eindruck von Stärke ... (Ouspensky). Der Februar 1916 ist ein Monat von einiger Bedeutung in Gurdjieffs Leben. Nun sollte die Lehre in ihrer ganzen Fülle der Petrograder Gruppe vermittelt werden. Es hatte sich ein Kern von sechs besonders empfänglichen Schülern herausgebildet: Ouspensky, Stjoemval, Andrej Andrejewitsch Sacharoff, Anna Butkowski, Antoni Tscharkowski und Nikolaus R., also ein Schriftsteller, ein
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Psychiater, ein Mathematiker, eine Musikerin, ein Techniker und ein Regierungsbeamter. Leider wissen wir praktisch nichts Nähe­ res über die meisten von ihnen. Nur in Annas Memoiren, die sie mit neunzig geschrieben hat, erhaschen wir einen flüchtigen Blick auf Antoni (der Brücken baute und eine «besondere Reinheit des Herzens» besaß) und Nikolaus (einen gefühlsstarken alten Wit­ wer, der «wie ein Vogel mit zerrupftem Gefieder» herumflatterte). Anna - einzige Frau unter den sechs - hatte Gurdjieff durch Ouspensky kennengelernt, und sehr rasch wußte sie: «Du bist es, dem zu begegnen ich mit so tiefer Freude entgegengesehen habe.» Doch es war ihr bestimmt, Ouspensky zu verlieren, ohne Gurdjieff wirklich zu finden . . . Stjoemval und Sacharoff wirken neben die­ sem kapriziösen Schmetterling wie plumpe Zugtiere - der zurück­ haltende, geradezu aufreizend vernünftige Doktor sowie der schüchterne, verschlossene Junggeselle, gequält von existentiellen Problemen. «Sie werden sich vielleicht fragen», schreibt Anna et­ was kryptisch, «wie eine Gruppe scheinbar gewöhnlicher Men­ schen dazu kommt, sich zu einer so abstrakten ewigen Sinnsuche zusammenzufinden.» Diese sechs und die größere Petrograder Gruppe, die sich nach und nach um sie bildete, erlebten die volle Wirkung der Gurdjieff schen Lehre zwischen Februar und August 1916. In fünfundzwan­ zig Wochen konzentrierter Arbeit vermittelte er ihnen Ideen und Begriffe, die zu sammeln und zu erfassen ihn selbst und seine Ge­ fährten fünfundzwanzig Jahre gekostet hatte. Aber die Zeit drängte. Etwa im August 1916 war die Petrograder Gruppe auf dreißig Personen angewachsen und hatte, wenn auch unerfahren in der Praxis, fast die gesamte kosmologische und psychologische Theo­ rie intus - das Gesetz der Drei, das Gesetz der Sieben, die Lehre vom Schöpfungsstrahl, die Tabelle der Wasserstoffe, das Nah­ rungsmittel-Diagramm sowie Material über den Kosmos. Statt jedoch nun die Anforderungen an sich selbst und seine Schüler zurückzuschrauben, erhöhte Gurdjieff sie angesichts der angespannten politischen Lage noch: «Sie müssen verstehen, daß normale Anstrengungen nichts bewirken. Nur Über-Anstrengun­ gen zählen jetzt» (Ouspensky). Er hielt allabendlich Gruppen97

Sitzungen ab. Täglich machte er mit seinen Schülern seltsame Aus­ flüge. Neuankömmlinge, die sich für den Heiligen Gral oder der­ gleichen interessierten, waren überrascht, sich beim Grillen von Schaschlik am Oberlauf der Newa wiederzufinden. Aus ihren Narrheiten, ihrer Inkompetenz und belanglosen Zwistigkeiten ge­ staltete Gurdjieff Lektionen am lebenden Objekt. Die Arbeit war praktischer geworden, die Diskussionen in den Gruppen an­ spruchsvoller und detaillierter. «Jeder einzelne muß sich entblößen und sich so zeigen, wie er wirklich ist» (Ouspensky). Nehmen wir zum Beispiel jenen leider anonym gebliebenen Schüler «P», der sich offensichtlich furchtbare Sorgen um den Krieg, das Geschick Rußlands im besonderen und die Zivilisation im allgemeinen machte. 'Was aber bewegte ihn wirklich in seinem tiefsten Innern? Diese Frage wurde ihm gestellt, nachdem Gurdjieff seine Persönlichkeit vorübergehend in Schlaf versetzt hatte: Auf einem kleinen Tisch neben ihm stand ein nicht ausgetrunke­ nes Glas mit Tee. Er starrte es lange Zeit an, als denke er über etwas nach. Er blickte zweimal um sich, schaute dann wieder auf das Glas und sagte schließlich mit getragener Stimme und ganz ernsthafter Betonung: «Ich denke, ich würde gern ein Glas Himbeermarmelade haben » (Ouspensky). Es ist wirklich ein Jammer, daß dieses dekuvrierende Experiment nicht mit einer wichtigeren Person des Kreises durchgeführt wurde. Wer weiß, was sich als «Herzenswunsch» Ouspenskys ent­ puppt hätte . . . ? Als Hebamme des Bewußtseins war Gurdjieff äußerst rück­ sichtslos. Während des ganzen Spätsommers 1916 besehene er sei­ nen engsten Schülern eine «erleuchtende Krise» nach der anderen. Vor allem Dr. Stjoemval litt während der Bekenntnisphase - er fand es unmöglich, persönlich die sich selbstenthüllende Aufrich­ tigkeit zu praktizieren, die er als Psychiater von seinen Patienten forderte, während Ouspensky durch Krisen und «unverschämtes» Befragen innerlich wuchs - obwohl auch er ein gerüttelt Maß an Provokationen schlucken mußte, wie Anna sich erinnert («Was für einen Quatsch reden Sie da?. .. Gott bewahre uns vor solchen
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Leuten»). Selbstauferlegtes Fasten, rigorose Atemübungen und im Gebet verbrachte Nachtwachen bewirkten dann eine außerge­ wöhnliche (Auf-)Lösung der Probleme. Es schlug zehn Uhr an jenem schwülen Augustabend. Ouspensky saß mit unterschlagenen Beinen auf einer Holzbank des Landhauses von Madame Maximowitsch in Finnland. Gurdjieff saß ihm rätselhaft lächelnd gegenüber; rechts und links von ihm hatten Sacharoff und Dr. Stjoernval Platz genommen. Gurdjieff demonstrierte bestimmte Körperhaltungen und Bewegungen, sprach ein wenig und verfiel dann in tiefes Schweigen. «Und da­ mit begann das Wunderbare.» An irgendeiner geheimnisvollen Stelle nahe seinem Herzen «hörte» Ouspensky die sich immer wieder erneuernde Schwingung von Gurdjieff s Stimme. Sie stellte eine Frage, die einen Gefühlsausbruch hervorrief, und Ouspensky reagierte laut. «Warum hat er das gesagt?» fragte Gurd­ jieff listig. «Habe ich ihn überhaupt etwas gefragt?» Doch Sacha­ roff und Stjoernval erwiderten nichts, was diese seltsam unwirkli­ che Situation gestört hätte. Etwa eine halbe Stunde lang blieben sie aufmerksam und still sitzen, während Gurdjieff rauchend da­ saß und Ouspensky ihm zwischendurch mit wachsender Intensi­ tät «antwortete». Gurdjieffs geheimes Thema war recht beunru­ higend: Ouspensky sollte entweder gewisse Sonderbedingungen akzeptieren oder aber die Mitarbeit am Werk aufgeben. Die Botschaft ist fast noch erstaunlicher als das Medium. Nachdem er Ouspensky nicht nur als einen Schüler von höchster Intelligenz identifiziert hatte, sondern auch als einen Menschen, der mit ihm auf subtiler telepathischer Wellenlänge in Verbin­ dung treten konnte - schnitt Gurdjieff sofort die Frage der Tren­ nung an. Für Ouspensky war die unmittelbare Erfahrung natür­ lich überwältigend: «Ich ging in den Wald, wanderte dort lange Zeit im Dunkeln umher, völlig in der Gewalt der außergewöhn­ lichsten Gedanken und Gefühle.» Es sollte jedoch noch besser kommen, wie Ouspensky sich erinnert. «Erneut packte mich eine seltsame Erregung. Mein Puls begann heftig zu klopfen, und wie­ der hone ich Gurdjieffs Stimme in meiner Brust. Diesmal hone ich nicht nur, sondern antwortete auch mental». Später kam dann noch die Fähigkeit zur Vision hinzu - Ouspensky unterhielt sich mit
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Gurdjieff, während er ihn meilenweit entfernt im Zug nach Mos­ kau sah. Wie hat Gurdjieff das angestellt? Ouspensky beharrte darauf, daß er keinerlei äußere Mittel anwendete - weder Narkotika noch Hypnose -, und entwaffnet damit jede rationalistische Kritik, wäh­ rend verrückte Lösungen, wie etwa irgendeine Form von «Schwar­ zer Magie», von Gurdjieff selbst strikt ausgeschlossen werden. «Es gibt weder rote, grüne noch gelbe Magie . .. <Tun> ist magisch, und <Tun> kann nur eine Form haben ... die Form echter Arbeit. Das heißt, bei wahrem <Tun> ist das Erzeugen von Verblendung bei anderen Menschen nicht erlaubt.» Uns bleibt da wie so oft nur die dubiose tautologische «Erklärung» von ganbledsoin oder animali­ schem Magnetismus. Anfang September kehrte Gurdjieff wieder nach Petrograd zu­ rück und stellte ein neues Ultimatum: Künftig werde ich nur noch mit denen arbeiten, die mir beim Erreichen meines Zieles nützlich sein können. Und nur diejeni­ gen können mir nützlich sein, die fest entschlossen sind, mit sich selbst zu ringen, das heißt, gegen das Mechanische in ihrem In­ nern anzukämpfen. In einem Raum in der Liteini-Straße knöpfte er sich - einen nach dem anderen - seine verängstigten Schüler vor, und praktisch alle dreißig gelobten, neue Anstrengungen zu unternehmen - ohne recht zu wissen, was sie da eigentlich versprachen. Gerade während dieser kritischen Zeit wurde Ouspensky einge­ zogen und dem kaiserlichen Pionierkorps zugeteilt. Ouspensky - kurzsichtig und Pazifist par excellence - war gewiß nicht darauf aus, Militärdienst zu leisten; im Gegenteil, er setzte alle Hebel in Bewegung, um die leidige Verpflichtung wieder los­ zuwerden. Denn abgesehen davon, daß er sich ganz und gar seinen Studien mit Gurdjieff widmete, war er erst vor kurzem in seine komfortable neue Wohnung auf der Troitskaja mit Sophia Grigorjewna Maximenko eingezogen, eine Frau von junohafter Gestalt mit kastanienbraunem Haar, gebieterischem Blick und einer Vitali­ tät, die weniger starke Naturen nach dem Fläschchen mit Riechsalz
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greifen ließ. Ouspenskys in Gurdjieffs Augen so notwendige «psy­ chische Krisen» lieferte in dieser Zeit das Leben selbst. Jeden Mor­ gen mußte er mit der Straßenbahn zwei Meilen zum Regiments­ stab in Petrograd zurücklegen. Seine sowieso schon reduzierte Sehfähigkeit verschlechterte sich mehr und mehr; es fiel ihm schwer, geschriebene Befehle zu entziffern, und er wünschte von Herzen, er könnte bald seine medizinisch begründeten Entlas­ sungspapiere lesen. Gurdjieff selbst versäumte Ouspenskys Mobilisierung um etwa eine Woche, da er nach Moskau zurückgekehrt war und dort sein Leben mit Julia Ostrowska und der Moskauer Gruppe wiederauf­ genommen hatte. Aber er brauchte weiterhin Schüler, die ihn brauchten — eine fundamentale Prämisse seiner Lehre, jetzt und in alle Zukunft. Und in «Madame Ouspensky» - ein Titel, der ihr aus Bequemlichkeit gegeben und durch ständigen Gebrauch schließ­ lich ratifiziert wurde —, in Sophia (Sofja) Grigorjewna gewann er eine neue Schülerin. Sie war eine Frau mit starkem Charakter und einer recht verblüffenden Vergangenheit. Sie war schon zweimal verheiratet gewesen, zuerst mit einem Studenten, als sie erst sech­ zehn Jahre alt war, und danach mit einem abenteuerlustigen Berg­ werksingenieur. Doch den wohl wichtigsten «Rekruten» dieser Pe­ riode führte der schweigsame Sacharoff in den Gurdjieff Kreis ein. Unter seinen Bekannten in Zarskoje Selo (dem russischen Windsor, fünfzehn Meilen südlich von Petrograd) befand sich ein junger Reserveoffizier des berühmten kaiserlichen Wachregi­ ments, ein gewisser Thomas Alexandrowitsch de Hartmann. Das Schicksal hatte Thomas mit eiserner Gesundheit ausgestattet, mit einem markanten, von einer Adlernase beherrschten Gesicht, pri­ vatem Einkommen, einer außergewöhnlichen musikalischen Bega­ bung sowie der besonderen Fürsorge von Olga Arkadjewna, seiner charmanten, hochgebildeten und aus bester Familie stammenden Ehefrau. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erwiesen sich alle diese Vorteile als irgendwie ambivalent: Je mehr de Hartmann seinen langweiligen Garnisonsdienst und seine bevorstehende Abkom­ mandierung nach Kiew überdachte, desto stärker litt er unter dem Gefühl, vom richtigen Lebenskurs abzukommen. Obwohl er Patriot und dem Zaren treu ergeben war, galt seine wahre Zuneigung
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jedoch universellen Dingen - der Kunst, der Musik und den laten­ ten spirituellen Kräften im Menschen. Erinnerungen an frühe Tri­ umphe (beispielsweise sein Ballett «Die rosafarbene Blume», das an der Kaiserlichen Oper von St. Petersburg uraufgeführt worden war, mit Nijinski und der Pawlowa in den Hauptrollen, Nikolaus II. unter den Zuschauem) suchten ihn heim wie Geister, die ihm zuflüsterten: «Nie wieder!» Während seines ganzen Lebens als Musiker hatte Thomas de Hartmann seine Inspiration aus Worten geschöpft, die seine Be­ gegnung mit Gurdjieff vorherzusagen schienen: «Geh - auch wenn du nicht weißt, wohin; bring etwas - auch wenn du nicht weißt, was; der Pfad ist lang, der "Weg unbekannt. Der Held weiß nicht, wie er dort aus eigener Kraft ankommen soll; er muß nach Anlei­ tung und der Hilfe Höherer Kräfte suchen.» Und dennoch - war es wirklich denkbar, daß dieser stolze und einfühlsame Geist-mu­ sikalisch von Anton Arenski und Serge Tanieff beeinflußt, in der bildenden Kunst von keinem Geringeren als Wassily Kandinsky geschult und von Seiner Majestät dem Zaren beklatscht -, daß ein solcher Mann sich total einem unbekannten Kaukasier unterwarf, der, seine beschmutzten, abknöpfbaren Hemdmanschetten zu­ rechtrückend, bei ihrer ersten Begegnung ausrief: «Gewöhnlich sind doch mehr Nutten hier, oder»? Offensichtlich war es denkbar. Gurdjieffs gut eingeübte Rolle als «Tifon der Schmuddlige» war ein spiritueller Lackmustest, durch den echte Wahrheitssucher von bloßen Voyeuren geschieden wurden. Einige Suchende (und wer wollte ihnen das übelnehmen) wichen vor dieser Maske erschrokken zurück. Andere waren klug genug, Gurdjieffs Augen zu stu­ dieren, und fanden in ihnen weitgehende Bestätigung dafür, daß er völlig anders war. Ganz bestimmt hat Thomas de Hartmann das getan: «Ich erkannte, daß Gurdjieffs Augen ungewöhnlich tief und durchdringend blickten .. . Ich hatte noch nie solche Augen gese­ hen oder einen derartigen Blick gespürt.» Es gibt überzeugende Beweise für eine unmittelbare emotionale Beziehung zwischen de Hartmann und Gurdjieff, zwischen dem jungen Musiker und dem Gelegenheitsdichter. Denn nicht zuletzt auf dieser besonderen Be­ ziehung beruhte in erheblichem Maße die musikalische Extrapola­ tion von Gurdjieffs Werk.
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De Hartmann war in düsteren Zeiten Gurdjieffs Schüler gewor­ den. Als das Jahr 1916 der Wintersonnenwende entgegenging, lag über Rußland ein Gefühl des Untergangs. Gurdjieff sah die kom­ mende Sintflut und die Notwendigkeit einer Arche Noah - die Epoche, in der seine Lehre nur bewahrt werden konnte, wenn sie in ihr lebte. Olga de Hartmann hatte soeben das dreißigste Lebensjahr voll­ endet und war dennoch in weltlichen Angelegenheiten unerhört unerfahren. Ihr Ehemann hatte ihr sofort von seiner Begegnung mit Gurdjieff berichtet, und Olga wollte unbedingt an dieser Er­ fahrung teilhaben. Ihre Chance erhielt sie im Februar 1917, als Gurdjieff zum letzten Mal Petrograd besuchte. Sie nahm versuchs­ weise an einer Gruppensitzung in Ouspenskys Wohnung teil und hörte Dr. Stjoernval zu, als «ganz unerwartet, wie ein schwarzer Panther, ein Mann von orientalischem Äußeren eintrat». Olga, die Thomas heiß und innig liebte, zitterte, als Gurdjieff behauptete, Liebe sei das Haupthindernis für die spirituelle Entwicklung. Und während er sie anschaute, fügte er hinzu: Aber welche Art von Liebe?. . . Solange es Eigenliebe, egoi­ stische Liebe oder vorübergehende Anziehung ist, behindert sie, weil sie den Menschen festhält und er nicht frei ist. Ist es jedoch echte Liebe, bei der jeder dem anderen helfen will, dann ist das etwas anderes. Und ich bin sehr froh, wenn Ehemann und Ehe­ frau zugleich an diesen Ideen interessiert sind, weil sie einander helfen können (de Hartmann). Olga konnte kaum ihren gesenkten Blick heben. Bald danach suchte sie Gurdjieff auf und erbot sich, ihn und ihren Ehemann auf der Leiter der Entwicklung nach oben zu schieben. Gurdjieff wies sie nicht ab, sondern antwortete: «Schauen Sie, vielleicht können Sie uns von der zweiten auf die dritte und von der dritten auf die vierte Stufe schieben. Doch dann können Sie uns nicht mehr errei­ chen. Um uns also höher schieben zu können, müssen auch Sie zwei oder drei Stufen erklimmen.» Von diesem Augenblick an wurde sie Gurdjieffs Schülerin und begann mit aller Kraft und allem Verstand, seinen Anweisungen zu folgen.
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Soweit man weiß, verließ Gurdjieff Petrograd am Donnerstag, den 23. Februar 1917, nach der alten Zeitrechnung, womit er ge­ nau den richtigen Moment erwischt hatte. Zar Nikolaus II. war am Tag zuvor abgereist. Am Freitag brachen schwere Unruhen aus. Am Samstag schlugen die Kosaken dem Polizeichef auf dem Znamenskaja-Platz - nahe Gurdjieffs Wohnung - den Kopf ab. Am Montag flog das Gebäude der Admiralität in die Luft, wurden die Gefangenen aus der Festung Peter und Paul freigelassen. Und am Donnerstag, den 2. März, hatte der Herrscher aller Russen in einem Eisenbahnwagen in Pskow gnädig abgedankt. Gurdjieff war natürlich weder für noch gegen das Regime der Romanows, aber Petrograd war nie «seine» Stadt gewesen, und so fiel ihm der Abschied nicht schwer. Mehrere Quellen bezeugen, Gurdjieffs Abreise sei durch eine mysteriöse Verwandlung gekennzeichnet gewesen. Dr. Stjoernval, Sacharoff, die beiden de Hartmanns und der ge­ rade wieder demobilisierte Ouspensky waren gekommen, um sich von ihm zu verabschieden. Und dann plötzlich: Es war anders als bisher! Im Zugfenster sahen wir einen anderen Menschen, nicht den, der den Zug bestiegen hatte. In diesen we­ nigen Sekunden hatte er sich gewandelt. . . Auf dem Bahnsteig war er noch ein gewöhnlicher Mensch gewesen. Aus dem Abteil­ fenster blickte uns jedoch ein Mensch ganz anderer Ordnung an, mit außergewöhnlicher Bedeutung und Würde in jedem Blick und jeder Geste, als sei er plötzlich zu einem herrschenden Fürsten oder einem Staatsmann irgendeines unbekannten Kö­ nigreichs geworden . .. (Ouspensky).

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6 Illusionen von Sicherheit
(März 1917 - August 1918)

Gurdjieff verschwendete in Moskau keine Zeit, sondern machte sich sofort weiter auf den Weg zu seinen Eltern. Die Reise nach Alexandropol war mühsam, erschöpfend und dauerte so lange wie ein kleines Stückchen Weltgeschichte: Als Gurdjieff und seine Frau den Zug bestiegen, regierte der Zar noch; als sie ihn verließen — nicht mehr. Gurdjieff war jetzt einundfünfzig Jahre alt und hatte seine Fa­ milie seit dreizehn Jahren nicht mehr gesehen. Nun war er endlich in Alexandropol; vor ihm lag das Griechenviertel, hier sein Ge­ burtshaus. Vater und Mutter waren noch wohlauf, ebenso die bei­ den Schwestern und sein Bruder Dimitri, der nun, in seinen späten vierziger Jahren, beschlossen hatte, sein abwechslungsreiches Junggesellenleben aufzugeben und Anna Grigorjewna, die Toch­ ter des Erzbischofs von Tiflis, zu heiraten. Die Familie Merkurow kam, Gurdjieff zu begrüßen, neugierig auf die letzten Nachrichten über Sergej Dimitrijewitsch. Vettern und Cousinen tauchten auf, um die Rückkehr des ewigen Wanderers zu feiern, sowie ein gan­ zer Haufen von Neffen und Nichten, die ihren Onkel kennenler­ nen wollten. Während eines kostbaren Monats oder etwas länger tauchte Gurdjieff tief ins Familienleben ein. Er half seinem Vater in dessen kleiner Werkstatt und hörte ihm voller Ernst zu, «gelegentlich mit einem kleinen Lachen, doch augenscheinlich niemals auch nur eine Sekunde lang den Faden verlierend . . . und während der ganzen Zeit hielt er das Gespräch durch Fragen und Kommentare in
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Gang» (Ouspensky). Wie anregend nach Petrograd und wie ma­ gisch das Gedächtnis auffrischend war diese alte süßliche Mi­ schung aus Leim, Harz und Latakiatabak: Düfte aus der Knaben­ zeit, durch die der ferne Schatten des geselligen Dekans Borsch glitt. Ein machtvolles Gefühl der Dankbarkeit drängte nach öf­ fentlichem Bekenntnis: An einem Sonntag .. . zeigten sich die Popen und die Gemeinde der Militär-Kirche von Kars recht erstaunt und interessiert, als ein in der Nachbarschaft ganz unbekannter Mann darum bat, eine Trauerfeier über einem einsamen und vergessenen Grab ab­ zuhalten, dem einzigen auf dem Grundstück der Kirche. Und sie sahen, wie dieser Fremde nur mit Mühe seine Tränen zu­ rückhielt ... Anfang Juni telegrafierte Gurdjieff an Ouspensky: «Wenn Sie Er­ holung brauchen, kommen Sie hierher zu mir.» Und Ouspensky ließ sich nicht lange bitten, zumal er längst wußte, daß infolge der Revolution die ganze Gruppe wohl emigrieren mußte. Warum hat Gurdjieff Ouspensky eingeladen? Warum nur ihn? Und warum erst im Juni? Offensichtlich nicht, um sich mit ihm zu unterhalten, denn Ouspensky schreibt über jene Zeit: «Ich habe Gurdjieff nur selten alleine getroffen, und es gelang mir ebenso sel­ ten, mit ihm zu sprechen.» Gurdjieff machte sich zu der Zeit vor allem Sorgen um seine Fa­ milie. Demnächst würde es unweigerlich zu einem türkischen Schlag gegen Alexandropol kommen (aber wann?), darum war es das beste, Giorgiades und die Seinen vorsichtshalber umzusiedeln. Immer wieder sprach Gurdjieff darüber mit seinem Vater, der sich mit seinen dreiundachtzig Jahren nur schwer vorstellen konnte, Alexandropol noch einmal zu verlassen. Gurdjieff sah das Heim seiner Kindheit zum allerletzten Mal Anfang Juli 1917, als er sich mit Madame Ostrowska und mit Ouspensky auf den Weg nach Petrograd machte. Mit sich nahm er den Segen seines Vaters und - der Himmel mag wissen, warum — eine große Kiste voller Seidenstoffe. Mit grausamer Langsamkeit mühte sich der Eisenbahnzug land­
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einwärts. Als er jedoch die staubige Stadt Mosdok erreichte, kün­ digte Gurdjieff plötzlich an, er und seine drei Begleiter würden auf unbestimmte Zeit im nahe gelegenen Kurort Mineraini Wodi blei­ ben; Ouspensky müsse allein Weiterreisen. «Sagen Sie den Leuten in Moskau und Petrograd, ich würde hier neu mit der Arbeit be­ ginnen. Wer mit mir arbeiten will, der kann kommen. Und ich rate Ihnen, nicht lange dort zu bleiben.» Nur eine zusätzliche Empfeh­ lung fügte er an: Dr. Stjoernval und seine Frau Elizabeta könnten, so sie wollten, in Petrograd ausharren, bis die politische Lage sich geklärt habe. Die Stadt Essentuki, für die Gurdjieff sich als Aufenthaltsort entschied, liegt am Fuße des Elbrus-Gebirges in einem von zwei Flüssen bewässerten Tal. In der Panteleimon-Straße stand ein klei­ nes Landhaus, das — falls Mauern Ohren und Steine Empfindun­ gen haben - im Juli 1917 eine bemerkenswerte Belebung der Atmo­ sphäre registriert haben muß. Gurdjieff und Madame Ostrowska zogen als erste ein, vierzehn Tage später kehrte Ouspensky aus Pe­ trograd zurück - ihm folgten nach und nach Andrej Sacharoff, Alexander Petrow und Sergej Merkurow. Als sich Mitte Juli drei­ zehn Schüler versammelt hatten, keimte im Haus in der Pantelei­ mon-Straße eine extravagante Hoffnung auf - und Gurdjieff nutzte diese erwartungsvolle Stimmung, um alle Anwesenden einem sechswöchigen Test von beispielloser Intensität zu unterzie­ hen: Es würde schwerfallen, selbst in sechs Jahren alles zu beschrei­ ben, was mit dieser Zeit verbunden war . . . Ganz allgemein ent­ hüllte Gurdjieff uns während der kurzen Dauer unseres Aufent­ halts in Essentuki den Plan seines ganzen Werks. Wir sahen den Anfang aller Methoden, den Anfang aller Ideen, ihre Glieder, ihre Verbindungen und Richtungen . . . Gurdjieff überwachte die Küche und bereitete oft selbst das Es­ sen zu. Er erwies sich als wunderbarer Koch und kannte Hun­ derte von köstlichen orientalischen Gerichten. Jeden Tag aßen wir im Stil irgendeines östlichen Landes. Wir aßen tibetanische, persische und andere Gerichte (Ouspensky).

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Doch unterwarf die Gruppe sich auch freiwillig Perioden strengen Fastens, während sie eine Art nutzloser Existenz an Tagen durch­ lebte, die nie zu enden schienen. In der Nacht durften die Schüler vier Stunden lang fest schlafen, manchmal auch fünf. Gelegentlich nahm das Haus sie ganz und gar in Anspruch, ein andermal jedoch führte Gurdjieff sie flotten Schrittes zu verschiedenen Zielen in der Umgebung, stets vorneweg gehend, in der Hand seinen mit einem silbernen Knauf bestückten Spazierstock aus Ebenholz. Er do­ zierte aber auch in Vorortzügen und lehrte im Park von Essentuki, während die Kurkapelle spielte. Den kleinsten Vorfall nutzte er, wie Ouspensky zu berichten weiß, um Thesen zu untermauern oder als praktisches Beispiel. «Das ist Astrologie. Begreifen Sie? Sie alle haben gesehen, daß ich meinen Spazierstock fallen ließ. "Warum hat einer von Ihnen ihn aufgehoben? Das soll jeder von Ihnen selbst erklären.» Was Petrograd für die Theorie bedeutete, war Essentuki für die Praxis. Hier inszenierte Gurdjieff beispielsweise seine erste äußerst schwierige «Stop!»-Übung: Auf ein Wort oder Zeichen des Lehrers hin müssen alle Schüler, die es sehen oder hören, sofort in ihrer Bewegung innehalten, sozusagen «erstarren», und die jeweilige psycho-somatische Spannung rigoros aufrechterhalten. Als erste kam die spartanische «Arme seitwärts»-Übung dran. Auch dabei bereitete Gurdjieff mit traditionellen Techniken seine Schüler auf die Gnade jenes Augenblicks vor, der alle Techniken transzendiert - gemächlich lenkte er das «Blut» reiner Aufmerksamkeit durch Arterien und Kapillaren, die nicht im Buch der Wissenschaft ver­ zeichnet sind, bis ein neuer «Körper» spürbar wurde. Doch der «Arbeitsfrieden» in der Panteleimon-Straße wurde schon bald durch Rivalitäten unter den Schülern Gurdjieffs ge­ stört. Und so beschloß der Meister Ende August, seine erfolgreiche Feldstudie zu beenden, indem er plötzlich ankündigte, er löse die Gruppe auf und gehe mit Sacharoff an die Schwarzmeerküste. Das war eine ganz gehörige «Stop!»-Übung. Und Ouspensky reagierte auch entsprechend heftig: Ich muß gestehen, daß mein Vertrauen in G. von diesem Augen­ blick an zu wanken begann. Was es war und was mich besonders
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irritierte, kann ich selbst jetzt noch kaum bestimmen. Aber es ist Tatsache, daß ich von diesem Augenblick an zwischen G. und seinen Ideen einen Unterschied zu machen begann. Mit diesen kryptischen Sätzen beginnt der langsame, sich über sie­ ben Jahre hinziehende und die verschiedensten Stadien durchlau­ fende Ablösungsprozeß Ouspenskys, der einerseits die totale Ab­ lehnung der Person Gurdjieff, andererseits die totale Übernahme seiner Ideen zur Folge haben sollte. Es war das Schicksal von Thomas und Olga de Hartmann, daß sie genau in diesem Augenblick der Auflösung in Essentuki eintra­ fen. Sie kamen mit zwei Kutschen voller Gepäck, mit ihrem Zim­ mermädchen Marfuscha, voll guten Willens und in völliger Un­ kenntnis des Regimes, das Gurdjieff dort führte. Als sie am Tor läuteten, wurden sie von einem recht groben Kerl eingelassen, «einem Mann, bekleidet mit einem von einem Gürtel festgehalte­ nen russischen Hemd und einer verschlissenen Jacke, unrasiert und nach Schweiß riechend wie ein Arbeiter. Nur mit Mühe erkannte man in ihm den nach wie vor smarten und eleganten Sacharoff.» Als die de Hartmanns im Schein einer Öllampe ihren Tee schlürften, bedurfte es all ihrer guten Erziehung, um ihre Ungläubigkeit zu verbergen. Sie hatten sich im Februar auf dem Nikolajewski-Bahnhof von einem verwandelten Gurdjieff verabschiedet, der ihnen «wie ein herrschender Fürst oder Staatsmann eines unbe­ kannten Königreichs, zu dem er «reiste», erschienen war. Nun wa­ ren sie unter gewaltigen Schwierigkeiten in seinem «Königreich» angelangt - und das erinnerte Olga eher an Gorkis «Nachtasyl». Gurdjieff beobachtete, wie sie ihn beobachteten. Offensichtlich sah er vor sich zwei äußerst vielversprechende junge Menschen, gefangen in einem «Jezidischen Kreis» empfindsamer Verhaltens­ zwänge, die er früher oder später mit rücksichtsloser Barmherzig­ keit ausmerzen würde. Das «Intensivum» war vorbei, und der große Rhythmus des Werks gestattete fast allen erschöpften Alumni der PanteleimonStraße eine Erholungspause - typischerweise aber nicht Gurdjieff selbst. Der spirituelle Hunger der soeben Angekommenen warf die Frage auf: «Wäre es nicht besser, weiterzumachen?» Daher nahm
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Gurdjieff, als er Essentuki am 30. August 1917 verließ und den Zug nach Tuapse am Schwarzen Meer bestieg, nicht nur Madame Ostrowska und Sacharoff mit, sondern auch Olga und Thomas de Hartmann. Ouspensky folgte ihnen zunächst. Da er jedoch keinen Fortschritt verzeichnete, kehrte er nach Petrograd zurück, um seine Angelegenheiten zu regeln. Trotz seiner außergewöhnlichen «Investitionen» in Ouspensky rührte Gurdjieff keinen Finger, um ihn zurückzuhalten. Kaum hatte die kleine Gesellschaft es sich in einem Hotel in Tuapse bequem gemacht, verkündete Gurdjieff zur Bestürzung des Ehepaars de Hartmann ruhig, er werde nun nach Persien aufbre­ chen: Ich werde mich verpflichten, Steine für den Straßenbau zu brechen . .. Das ist ein höchst unangenehmer Job. Für Sie wäre er nichts, denn nach der Arbeit des Tages müssen die Frauen die Füße der Arbeiter waschen, und Sacharoffs Füße beispielsweise werden fürchterlich stinken. Von Tuapse nach Persien sind es 600 Meilen Luftlinie - und Erd­ arbeiter haben keine Flügel. Hätten die de Hartmanns irdische statt spirituelle Kriterien zugrunde gelegt, dann hätten sie ihre Chance verpaßt. Schließlich hätte es für ein Zögern genug Ent­ schuldigungen gegeben. Thomas war immer noch Offizier im akti­ ven Dienst und Olga eine verwöhnte Aristokratin, die ihre eigene Stärke noch nicht erprobt hatte. Am darauffolgenden Sonntag traf sich ein seltsames Trio mit Gurdjieff und Sacharoff in einer von Flöhen nur so wimmelnden Herberge im Vorgebirge hoch über Tuapse: Madame Ostrowska in weiten, fließenden Bauernkleidern, Olga in modischem Kostüm und Schuhen mit hohen Absätzen, schließlich Thomas in der Feld­ uniform des Kaiserlichen Garderegiments. Sie waren zehn Stun­ den lang bei glühender Hitze emporgestiegen, und während Ma­ dame Ostrowska noch frisch wirkte, waren die de Hartmanns schon hundemüde und erschöpft. «Es ist eine so wunderbare Nacht», begeisterte sich Gurdjieff. «Der Mond scheint, wäre es da nicht besser weiterzumarschieren?»
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Wäre es nicht besser weiterzumarschieren? Hier haben wir die Schlüsselfrage einer siebentägigen Initiation, bittersüß in Leid und Trost. Als Thomas' Beine von der Uniformhose durchgescheuert waren, als man ihn aufforderte, zusammen mit Sacharoff den Handkarren zu schieben und gleichzeitig einen ganzen Tag lang eine schwierige Zählübung durchzuhalten - war es nicht besser weiterzumachen? Und als Olgas Füße geschwollen waren, als sie dann mühsam auf Pappsandalen marschierte, und als diese sich schließlich in Fetzen auflösten und sie barfuß humpelte - war es nicht besser weiterzumachen? Was war es doch für eine wunderbare Nacht! So dunkel, wie es nur im Süden sein kann, die Sterne strahlten heller als je zuvor. Das war der Kaukasus, heulende Wölfe und Schakale. Wir wuß­ ten nicht, was der folgende Tag bringen würde - und dennoch waren wir so glücklich wie nie zuvor (de Hartmann). Schließlich trafen sie in dem kleinen Ort Uch Dere (Drei Schluch­ ten) ein ... in «Persien». Die Mühsal dieser Reise kam der des Steinebrechens recht nahe, und Thomas de Hartmann beendete sie innerlich gestärkt. Parado­ xerweise war es in Utsch Dere - einem idyllischen Ort voller Ro­ sen, alter Zypressen und grünen Moosen -, wo er sich den Typhus holte. Der junge Komponist glühte, tobte im Fieberdelirium und hätte um ein Haar Olga mit einer Weinflasche erschlagen. Nur Gurdjieff konnte ihn beruhigen. «Jetzt schläft er ... doch müssen wir ihn in ein Krankenhaus schaffen, da wir hier absolut nichts ha­ ben, nicht einmal ein Fieberthermometer. Später werden Sie erken­ nen, daß dies auch aus anderen Gründen wichtig ist.» Also trug Gurdjieff seinen Schüler zu dem Karren, legte ihn auf eine Strohmatte, band ihn mit einem Leinentuch fest und fuhr ihn vierundzwanzig Meilen südwärts nach Sotschi. Fromme Passanten warfen Blumen auf den einem Leichnam ähnelnden Körper mit den hellblauen Lippen. Würde er überleben? Dreizehn Tage und Nächte saß Olga in dem kleinen ländlichen Hospital für anstekkende Krankheiten und wartete auf die Antwort. In letzter Minute brachte eine Kampferspritze den versagenden Kreislauf ihres
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Mannes wieder auf Touren. Ein Placebo aus medizinischem Zukker (von Gurdjieff verordnet) beruhigte für kurze Zeit seinen Geist. Das Zimmermädchen Marfuscha kam, und mit einer inspi­ rierten Geste tat sie so, als sammle sie in ihrer Schürze die roten Musiknoten ein, die in Thomas' Fiebertraum durch den Raum wir­ belten und ihn ganz verrückt machten. Gurdjieff legte seine Hand sanft auf die Stirn des Kranken - und schließlich war die Krise überstanden. Sobald er die Gewißheit hatte, daß Thomas sich erholen würde, kehrte Gurdjieff zu seiner Frau und seiner wie ein Talis­ man gehüteten Kiste mit Seidenstoffen nach Uch Dere zurück. Zu seiner Gruppe gehörten nun sieben Leute. Sie schlugen Holz für den Winter, sammelten wilde Birnen und mußten mit der Animosität einiger Letten in der Nachbarschaft fertig werden. Trotz ihrer Isolierung blieb Gurdjieff offensichtlich stets im Bilde über die politische Lage im Lande. Sein im Befehlston gehaltenes Telegramm an Dr. Stjoernval - «Machen Sie alles zu Geld, was Sie können, und kommen Sie sofort!» (Webb) - wurde genau eine Woche vor dem bolschewistischen Staatsstreich abgeschickt. Als Lenin am 26. Oktober 1917 die Macht ergriff, brach die Brücke zur Vergangenheit hinter Gurdjieff zusammen. Für ihn gab es kein Zurück mehr. Die kleine Gesellschaft in Uch Dere war weit davon entfernt, in Sicherheit zu sein und eine wirkliche Gemeinschaft zu bilden. Der eben eingetroffene Dr. Stjoernval war verständlicherweise noch desorientiert und fühlte sich nicht recht zu Hause; Sacharoff hatte auf unerklärliche Weise seine gute Beziehung zu Gurdjieff verlo­ ren und reiste bald ab, um in Petrograd zu überwintern. Ouspensky war soeben von dort zurückgekehrt, doch schwelte be­ reits die lange Zündschnur seiner persönlichen Revolution gegen den Lehrer. Die Schwierigkeiten steigerten sich noch dadurch, daß Ende Oktober die Gefahr bestand, in Uch Dere abgeschnitten zu werden und ohne Lebensmittelnachschub zu bleiben. Gurdjieff teilte seine Leute auf, schickte vier von ihnen, darunter die beiden de Hartmanns, ins Landesinnere nach Essentuki, während er selbst sich mit der Kernmannschaft längs der Küste nach Norden durch­ schlagen wollte.
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Als die Sowjets am 3. November 1917 fest in Tuapse etabliert waren, hatte Gurdjieff ein Refugium im Dorf Olghniki gefunden. Die dort von ihm gemietete Villa - mit Ausblick aufs Meer - lag eine Meile von der nächsten Behausung entfernt und machte alles in allem einen ziemlich trostlosen Eindruck. Gurdjieff hatte jetzt nur noch fünf Gefährten bei sich - die Stjoernvals, die Ouspenskys und Madame Ostrowska -, von denen jeder seine eigenen Pro­ bleme hatte. Olghniki sollte sich schon bald als ungeeigneter Zufluchtsort er­ weisen, und so klopfte es in der Weihnachtszeit des Jahres 1917 bei Thomas de Hartmann in Essentuki an der Tür: Gurdjieff stand da­ vor. So erfreut Thomas darüber war, seinen Lehrer gesund und wohlbehalten wiederzuhaben und ihn für diese Nacht auf dem Sofa im Wohnzimmer betten zu können, so enttäuscht wurde seine Hoffnung auf Wiederaufnahme der esoterischen Arbeit: Wir gingen nur täglich mit Herrn Gurdjieff ins Stadtzentrum von Essentuki. Dort kaufte er Sonnenblumenkerne, von denen er mir stets eine Handvoll gab, während er die Schalen vor den Passanten ausspie. Nicht ein Wort über Philosophie wurde ge­ sagt. Einige der Schalen landeten sozusagen vor den Füßen von Niko­ laus Ewreinow - Schriftsteller, Theaterdirektor und ehemaliger Liebhaber von Anna Butkowski. «Ewreinow trat auf Gurdjieff zu, beugte sein Haupt vor ihm und sagte: <Ich bin ein schwieriger, prä­ tentiöser Mensch. Ich bin sehr ehrgeizig. Aber hier, Georg Iwanowitsch, verbeuge ich mich vor Ihnen . . .« (Butkovsky-Hewitt). In den künstlerischen Zirkeln von Moskau und Petrograd hatte Ewreinow Tausende Berühmtheiten getroffen, doch beschrieb er Gurdjieff später als «das einzigartige Geschehen». Aus Olghniki hatte Gurdjieff den gesamten Kern seiner Schüler­ gruppe mitgebracht, doch hielt er sich jetzt vor allem an die Gesell­ schaft von Dr. Stjoernval und tat alles, um das angeschlagene Selbstvertrauen des Psychiaters wiederaufzubauen, indem er ihn mit Aufmerksamkeiten geradezu überschüttete. Diese exklusive Liaison schmerzte unweigerlich de Hartmann und festigte in den
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Gesichtszügen Ouspenskys einen Ausdruck gefährlicher Nach­ denklichkeit, «jene Art von Ernsthaftigkeit, die unter zusammen­ gekniffenen Augenbrauen hervorschaut, aus gespitztem Mund, sorgfältig beherrschten Gesten und Worten, die durch die Zähne gefiltert wurden». Thomas' spirituelle Ungeduld wurde nicht nur nicht befriedigt, sondern seine Vorschläge von Gurdjieff absichtlich und auf komi­ sche Weise mißverstanden: «Haben Sie gehört, Doktor [Stjoernval]? Er lädt uns heute abend in den Klub ein. Was? Sie wollen uns zum Abendessen einladen? Also gehen wir, Doktor. Dank für Ihre Einladung.» Das war schlecht. Der private Reichtum der de Hartmanns war von den Bolschewiken beschlagnahmt worden, und die Inflation hatte die Kosten eines Abendessens in astronomische Höhen ge­ trieben. Gurdjieff begann mit Wodka und Horsd'oeuvre und ent­ schied sich dann für das teuerste Menü. «Noch heute denke ich lebhaft», so schrieb Thomas vierzig Jahre später, «an die von ihm bestellten Orangen, weil ich in dem Augenblick wußte, daß ich mit meinen ^oo Rubel niemals die Rechnung bezahlen konnte.» Wie ein in Panik geratener Held aus einer Farce von Feydeau gab Tho­ mas dem Kellner heimlich ein Trinkgeld, damit dieser zu ihm nach Hause lief, um von Olga mehr Geld zu holen. Die Rechnung belief sich schließlich auf 1000 Rubel - die Gurdjieff am folgenden Mor­ gen in voller Höhe zurückerstattete. Rückblickend wertet Thomas diese ganze Erfahrung als ein psychologisches Geschenk. Als die türkischen Streitkräfte im Februar wieder nach Osten drängten, forderte Gurdjieff seine Familie in Alexandropol drin­ gend auf, zu ihm zu kommen, was seine Mutter, sein Bruder Dimitri samt Ehefrau sowie seine jüngere Schwester mit ihrem Ver­ lobten Kapanadse auch taten. Sein Vater hatte sich geweigert, mitzufahren, und seine ältere Schwester war zurückgeblieben, um sich um ihn zu kümmern. Nachdem er seine Enttäuschung über­ wunden hatte, beschloß Gurdjieff, in Essentuki zu bleiben. Im Fe­ bruar 1918 schickte er einen von Ouspensky unterschriebenen Rundbrief an alle Mitglieder der Moskauer und Petrograder Gruppen mit der Einladung, zu ihm zu kommen und wieder mit ihm zu arbeiten. Obwohl eine Reise quer durch das Land entschie­
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den riskant war, erreichten schließlich vierzig der Sache ergebene Schüler, darunter Sacharoff, ihren Lehrer. Um die bolschewistische Verwaltung von Pjatigorsk, die die lo­ kale Gerichtsbarkeit ausübte, milde zu stimmen, wurde ein «sozia­ listisches» Programm ersonnen, unter dem Motto «Durch gemein­ same Arbeit zum Ziel gelangen», und so aus purer Zweckmäßigkeit die «Internationale Idealistische Gesellschaft» gegründet - ein wirklich wohlklingender Name. Anfang März war das zweistöckige «Heim» der Gesellschaft berstend voll, und eine neue Arbeitsphase mit strenger Disziplin begann. Wieder wurde gefastet, wieder gab es innere Übungen. Eine Woche lang lehrte Gurdjieff ein Alphabet von Bewegungen der Arme und Beine - dann ordnete er plötzlich absolutes Schwei­ gen an und überließ es seinen mehr oder weniger verzweifelten Schülern, ihre wechselseitigen Bedürfnisse in Zeichensprache aus­ zudrücken. Von allen diesen Experimenten waren die Übungen zum Vortäuschen verschiedener psychischer Phänomene am um­ strittensten. Anhänger, die auf ihrer Suche nach der letzten Wahr­ heit alles riskiert hatten, waren überrascht, plötzlich in vorge­ täuschter Gedankenübertragung, vorgetäuschtem Hellsehen und vorgetäuschter Telepathie unterrichtet zu werden. Diese seltsamen Themen gewidmeten Stunden in Essentuki stellten eine heilsame «Initiation in Desillusion» dar sowie ein unerhörtes Training der Aufmerksamkeit, der Beobachtungsgabe, des Erinnerungsvermö­ gens, des Erfindungsreichtums und des Rollenspiels. In seinem Manifest Beelzebub definiert Gurdjieff sich selbst als einen «Lehrer des Tanzes». Bei diesem zweiten «Intensivum» in Essentuki wurden Rhythmen, die ursprünglich aus Tibet, Afghani­ stan, Kaschgar und Chinesisch-Turkestan stammten, von Gurdjieff zunächst auf einer billigen Gitarre intoniert, dann von dem jungen Schandarowski mit seiner Guarneri-Geige aufgenommen und von den tänzerisch nicht vorgebildeten Emigranten aus Mos­ kau und Petrograd in Bewegungen umgesetzt. Diese neue Beto­ nung «Heiliger Gymnastik» stellte vorübergehend die Hierarchie unter den Schülern auf den Kopf. Gewissermaßen über Nacht machten Madame Ostrowskas hervorragende Fähigkeiten auf die­ sem Gebiet sie zum «Star», und Ouspensky, der für die Tänze nur
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Spott und Verachtung übrig hatte, sah sich plötzlich ins Abseits ge­ drängt. Darüber konnten ihn auch die Vorträge, die er auf Auffor­ derung hin im Salon der «Internationalen Idealistischen Gesell­ schaft» über Philosophie, Mystik und Okkultismus hielt, nicht hinwegtrösten. Zumal der Meister gleich als nächsten Gastredner den folkloristischen Scharlatan «Dr. Schwarz, Verkünder schlech­ ter Neuigkeiten», ankündigte. «Ich konnte nicht mehr verstehen», schrieb Ouspensky über diese Zeit, «und ich mußte weggehen.-» Aber warum genau? Das bleibt ein Rätsel. Ouspensky selbst drückt sich recht allgemein aus: «Ich will gar nicht behaupten, ich hätte irgendwelche Handlungen oder Methoden Gurdjieffs als falsch gefunden .. . Ich hatte nichts gegen seine Methoden anzuführen, außer daß sie nicht für mich paßten.» Ouspensky war in erster Linie ein Schriftsteller - daraus hatte er Gurdjieff gegenüber von Anfang an kein Hehl gemacht. Einem Philosophen wie ihm bedeuteten Papier und Feder unendlich viel mehr als Gymnastik oder praktische Arbeit. Und mit «Heiligem» konnte der Agnostiker erst recht nichts anfangen. Ganz gute Er­ klärungen für die letztliche Unvereinbarkeit seiner Ziele mit denen Gurdjieffs und doch als «Gründe» für eine endgültige Trennung irgendwie unbefriedigend. Ouspenskys Weggang muß in der «Internationalen Idealisti­ schen Gesellschaft» Unruhe hervorgerufen und Gurdjieff viel­ leicht sogar betrübt haben, doch wurde das alles sehr bald über­ schattet von jenem Ereignis Mitte Juli 1918: An einem regnerischen Morgen saß ich am Fenster und sah, wie zwei sonderbar aussehende Fuhrwerke vor meiner Tür hielten, aus denen langsam schemenhafte Gestalten herauskletterten . . . Skelette von Menschen, bei denen nur noch die brennenden Augen lebendig waren. Sie waren in Lumpen und Fetzen gehüllt, die bloßen Füße mit Wunden und Geschwüren bedeckt... es waren insgesamt achtundzwanzig . . . Verwandte von mir, unter ihnen meine Schwester mir ihren sechs kleinen Kindern. Aus den bruchstückhaften Erzählungen von Anna Iwanowna Ana116

stasieff und ihrem Ehemann setzte Gurdjieff eine traurige Ge­ schichte zusammen. Zwei Monate zuvor, in der Morgendämme­ rung des 15. Mai 1918, hatten türkische Pioniere Brücken über die Schlucht des Arpai-Chai geschlagen, und eine rachelüsterne und plündernde Armee fiel in Armenien ein. Gurdjieffs Familie erfuhr vom bevorstehenden Massaker erst eine Stunde bevor die Türken Alexandropol angriffen. Die Frauen und Kinder flohen. loannas Giorgiades jedoch, fünfundachtzig Jahre alt, lud sein al­ tes Gewehr, blieb im Toreingang sitzen, sein Schicksal erwartend. Bald danach starb er an seinen Wunden, und einige alte Männer beerdigten ihn in der Nähe. Gurdjieff hatte seinen Vater sein Leben lang verehrt und ge­ liebt, doch war es ihm nicht gelungen, ihn zum Verlassen Alexandropols zu bewegen. Und nun war er nicht zur Stelle gewesen, um ihm zu helfen. Doch wie heftig die Selbstvorwürfe Gurdjieffs auch gewesen sein mögen, wir haben keinen Hinweis auf bittere antitürkische Gefühle. Die Inschrift auf dem Grabstein seines Vaters atmet Barmherzigkeit, die so allumfassend wie tiefgehend ist: ICH BIN DU, DU BIST ICH, ER IST UNSER, WIR BEIDE SIND SEIN. SO MÖGE ALLES SEIN FÜR UNSEREN MITMENSCHEN. Ohne sich durch seine Trauer ablenken zu lassen, widmete Gurdjieff seine Energie praktischen Maßnahmen: Trösten von Mutter und Schwester; Versorgen der Flüchtlinge mit Nahrung und Kleidung; Hilfe für seine Anhänger auf jede nur erdenkliche Weise. Seine weitgereiste Seide kam endlich zur Geltung. Ein­ zelne Stränge wurden herausgezogen, auf mühselige Weise um Papiersterne gewunden und zu enormen Preisen verkauft. Papier war damals fast so rar wie Seide - doch nutzte Gurdjieff einfalls­ reich de Hartmanns unbeschriebene Notenblätter. Dr. Stjoernval wurde zum Schatzmeister bestimmt, und de Hartmann - ehema­
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liger Protege des Zaren - mußte als Hausierer von Tür zu Tür ge­ hen: «Also, Thomas, morgen fahren Sie nach Kislowodsk und versu­ chen, diese Seide zu verkaufen.» «Aber Herr Gurdjieff, Kislowodsk ist voll von Bekannten aus Petrograd. Ich kann dort nicht verkaufen.» «Im Gegenteil - um so besser. Angesichts so vieler Bekannter werden Sie die Seide sogar noch schneller loswerden.» Bei fünfundachtzig Anhängern in Essentuki und sechzig in Pjatigorsk, von denen die Hälfte verarmt, die andere Hälfte begütert war, wirkten Gurdjieffs Manipulationen nicht nur psychologisch, sondern auch unternehmerisch konsequent: Jeder unterzeichnete ein Dokument, mit dem er auf sein Privatvermögen verzichtete. «Wenn wir sterben, können wir unsere Habe ohnehin nicht mit uns nehmen», betonte Gurdjieff. «Doch können wir etwas anderes mitnehmen, wenn wir es entwickeln.» Für Olga war das zunächst schwer zu ertragen. «Ich war wirklich aufgewühlt, hin und her ge­ rissen zwischen widersprüchlichen Gefühlen, und habe die ganze Nacht über geweint.» Am folgenden Morgen kam sie mit geröteten Augen zu Gurdjieff: Er saß an einem Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. «Was gibt es?» fragte er. Ich erwiderte, er habe uns aufgefordert, ihm unseren Schmuck zu geben, also hätte ich ihn mitgebracht. Er hatte sich kaum bewegt und sagte nur: «Legen Sie ihn dorthin», wobei er auf den kleinen Tisch in der Zimmerecke deutete. Ich stellte das Kästchen auf den Tisch und ging. Als ich gerade am Gartentor angelangt war, hörte ich ihn nach mir rufen. Ich ging zurück. «Nehmen Sie das wieder. . .», sagte er. Gurdjieffs Menschlichkeit, Humor und Erfindungsgabe waren an­ scheinend unerschöpflich. Im August 1918 jedoch schien seine Glückssträhne endgültig vorbei zu sein. «Manchmal wußten wir beim Aufstehen am Morgen nicht, welche Regierung an diesem Tag das Sagen haben würde, und nur wenn man auf die Straße
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ging, war zu erfahren, zu welcher Politik man sich an diesem Tag bekennen mußte.» Es litten Alte und Junge. Geld und Lebensmittel waren knapp. Die Zukunft schien häßlich, brutal und kurz. Jetzt oder nie mußte er irgendeine unerwartete Hilfsquelle erschlie­ ßen ...

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7 Die kaukasische Pimpinelle
(August 1918 - Januar 1919)

Gurdjieff im Besitz eines Revolvers - die Vorstellung bestürzt uns. Er haßte das Töten. Trotzdem paßt die Genehmigung, ihn zu be­ sitzen, zum Mythos Gurdjieff. Der Inhaber dieses Ausweises, der Bürger Gurdjieff, hat das Recht, stets einen Revolver... Kaliber— Nummer... bei sich zu tragen. Unterschrieben und besiegelt: Der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldaten-Rats: Sekretär: Ruchadse Schandarowski Ausstellungsort: Essentuki Datum . . . Der Arbeiter- und Soldaten-Rat von Essentuki hätte bestimmt lie­ bend gern den «Fürsten Osaj» aufgehängt. Der Bürger Gurdjieff jedoch war ein Vogel mit anderem Gefieder: Wenn man ihm nicht einen Revolver anvertrauen konnte, wem sollte man dann noch trauen? Sein Kreis war «internationalistisch»; alle seine Anhänger hatten schriftlich auf jedes Privateigentum verzichtet. Und sein Schützling, der unterzeichnende Sekretär Schandarowski (der so mitreißend über Proudhon und Fourrier zu sprechen verstand), hatte sich freiwillig zur Arbeit im bolschewistischen Rechts- und Paßamt gemeldet, dessen Kommissar er jetzt war. Der Bürger Gurdjieff hatte schmutzige Fingernägel, spie die Schalen von Son120

nenblumenkernen aus und schnauzte sich mit Finger und Dau­ men ... was wollte man mehr? Aber diese Sonderstellung ließ sich nicht mehr lange aufrechter­ halten. Und so beschloß Gurdjieff wagemutig, seine Gemeinschaft aus Gardeoffizieren, Ärzten, Ingenieuren, Musikern, Lehrern und sonstigen «Feinden des Volkes» zu retten, solange noch irgendeine Chance dafür bestand. Er wollte sie über die Bergkette des Kauka­ sus nach Sotschi führen, wo noch eine allerletzte Fata Morgana von Sicherheit aufschimmerte. Diese Entscheidung fiel schwer. Mit dem Tod des Vaters war Gurdjieff das Familienoberhaupt geworden und traditionell für die Sicherheit seiner Mutter, seines Bruders, der beiden Schwestern, der Schwäger und seiner heranwachsenden Neffen und Nichten verantwortlich. Was bei den Familienkonferenzen gesagt wurde, können wir nicht wissen, und es ist müßig, darüber zu spekulieren, wer wen zum Gehen oder Bleiben drängte. Tatsache ist, daß die ganze Familie in Essentuki blieb - und Gurdjieff den Ort verließ. Aber nicht nur seine Familie (einschließlich Sergej Merkurow), auch achtzig Prozent seiner Schüler blieben - einige meinten, ein Teufel, den man schon kennt, sei besser als ein unbekannter, an­ dere hofften ganz einfach, hier irgendwie davonzukommen. Auch Thomas de Hartmann äußerte zunächst Bedenken: «Herr Gurdjieff, ich weiß, daß alles, was Sie tun und von uns verlangen, zu unserem Besten ist, gut für unsere geistige Entwicklung. Aber meine Frau ist im Augenblick so erschöpft...» Wäre Thomas ein wenig länger in Essentuki geblieben, dann wären er und seine Frau allerdings wirklich zur Ruhe gekommen. Zusammen mit anderen Offizieren aus der Gefolgschaft Gurdjieffs hätte man ihn gezwun­ gen, sein eigenes Grab zu schaufeln, ihn erschossen und verscharrt - tot oder noch lebendig. Gurdjieff beharrte darauf wegzugehen, und das zu Recht. Im Garten mit einem selbstgenähten Rucksack und vierzig Pfund Steinen darin hin und her zu marschieren scheint eine Übung gewesen zu sein, die Olga de Hartmann gut bekam . .. Dr. Stjoernval war körperlich nicht fit, doch schaffte er trotzdem sechzig Pfund. Ganz allgemein stellte das von Gurdjieff angeordnete Training nicht nur den Körper auf kommende Belastungen ein, es
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Stählte auch den Willen - die Freiheit schien greifbar nahe zu sein. Hatte doch Joannas Giorgiades schon vor langer Zeit seinen Erst­ geborenen mit der Bemerkung beeindruckt: «Sobald du es dir erst aufgeladen hast, ist es das leichteste Ding von der Welt.» Doch et­ was ganz Entscheidendes fehlte noch: Wie erhielt man das notwen­ dige laissez-passer? Gurdjieff, ein Pionier auf dem Gebiet manipulierter Zeitungs­ storys und Interviews, lancierte Ende Juli 1918 in einer Zeitung in Pjatigorsk (dem Sitz der lokalen Sowjetverwaltung) ein überra­ schendes Feature: Offensichtlich plane G. I. Gurdjieff, ein Bürger aus Essentuki, eine wissenschaftliche Feldstudie. Seine Gruppe von einundzwanzig Personen würde in Flüssen nahe dem Berg Induk nach alluvialem Gold schürfen und gleichzeitig archäologische Studien über Dolmen aus dem Bronze- und Eisenzeitalter betrei­ ben, die in den hohen kaukasischen Bergpässen zu finden seien. Von diesem Unternehmen sei viel zu erwarten. Die Frage nach der politischen Zuverlässigkeit wurde überhaupt nicht gestellt: «Die Expedition beabsichtigt, sich in eine abgelegene Wildnis zu bege­ ben, die für militärische Aktivitäten des Bürgerkriegs unzugänglich ist. Deswegen dürfen diese wissenschaftlichen Arbeiten und Ent­ deckungen nicht behindert werden.» Mit erstaunlicher Unverfrorenheit stellte Gurdjieff nun seine Forderungen nach Lebensmitteln und Ausrüstungsgegenständen, und die sowjetischen Behörden - schon vorbereitet durch die Zei­ tungsartikel und überredet durch Schandarowski — reagierten großzügig: Trotz des allgemeinen Mangels an diesen Dingen schickten sie Spitzhacken und Spaten, Kochgeschirr, eine große Zeltplane, zwei große Offizierszelte und einundzwanzig Beile. Ouspensky, obwohl persönlich zur Trennung von der Gruppe entschlossen, beteiligte sich aktiv an dieser Verschwörung, um die Expedition so rasch wie möglich auf den Weg zu bringen. Er hatte auch die geniale Idee, Alkohol «zum Waschen des Goldes» zu or­ dern. Zu jenem Zeitpunkt war in Essentuki die kleinste Flasche Al­ kohol soviel wert wie Goldstaub. Dennoch forderte Gurdjieff und erhielt auch zwei große Fässer. Der medizinische Alkohol wurde nach und nach in Flaschen mit der Aufschrift «Medizin für die Be­ handlung von Cholera» abgefüllt. Ein Teil davon wurde zunächst
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durch geröstete Zwiebeln und Brot gefiltert und mit dem Etikett «Medizin für die Behandlung von Malaria» versehen. Zumindest dieser letzte Teil, so wird angenommen, war eine «Medizin», wel­ che die Fußkranken tröstete und auf angenehme Weise zu den Sonnenuntergängen im Gebirge paßte. Gurdjieff ergänzte seine Forderung nach Alkohol noch durch die Bitte um einen breiten schwarz-roten Gürtel, wie ihn Feuerwehrmänner tragen . . . und erhielt ihn. Wegen der rasend schnell ansteigenden Inflation hatte Gurdjieff sein persönliches Kapital in Wertgegenstände umgesetzt: Einige davon behielt er selbst, andere verteilte er unter seinen Gefolgsleu­ ten, und einige überließ er Dimitri (der sie etwas dümmlich im Kel­ ler unter einem Holzstoß versteckte). Der Obhut seiner Mutter vertraute er eine besonders kostbare Brosche an, die er einer ver­ armten Großherzogin abgekauft hatte. Langsam, aber sicher knüpfte er alle Fäden zusammen: Er erwarb zwei Gewehre, zwei Maultiere, drei Karren und einen kleinen Esel namens Maschka. Er lehrte seine Leute, wie man Gebirgspfade in der Dunkelheit be­ geht, und überzeugte die Damen von der Existenz und konstanten Position des Polarsterns. Er betonte die sehr realen Gefahren und legte drakonische Gehorsamsregeln fest. Gurdjieff telefonierte reihum mit den bolschewistischen Behörden und (obwohl bei den Eisenbahnen chaotische Verhältnisse herrschten) trieb zwei Wag­ gons auf, welche die Expedition auf den Weg bringen sollten. Schließlich instruierte er «Kommissar» Schandarowski, ihm und allen Gefährten bolschewistische Pässe auszustellen — und dann selbst zu ihnen zu stoßen. Am Dienstag, den 6. August 1918, in der Frühe verließ die Expe­ dition Essentuki - die Szene haue jeder Operninszenierung zur Ehre gereicht: Der seltsame Chor der Komparsen und Müßiggän­ ger auf den Straßen, kostümiert in helle Kleider, militärische Uni­ formen und schwarze burkas, teilt sich plötzlich mit verblüfftem Gemurmel. Auftritt des Bürgers Gurdjieff, aus unerfindlichen Gründen gegürtet mit dem Koppel eines Feuerwehrmannes, auf dem Kopf einen Astrachan-Hut. Er führt eine bunt gemischte Kara­ wane aus Karren, Tieren und «Wissenschaftlern» an. Sieben dieser Wissenschaftler sind Männer, fünf Frauen und zwei kleine Kinder.
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Die Bewegungsfreiheit der Erwachsenen ist behindert durch klap­ pernde Kochtöpfe, dreibeinige Stative, Jagdmesser, Bratpfannen und Flaschen mit Medizin gegen Malaria. Die Männer hantieren mit ihren glänzenden neuen Äxten herum, während die Frauen in bemühter Unmanierlichkeit die Schalen von Sonnenblumenkernen ausspucken. Nun erreichen sie den Bahnhof und verschwinden nach und nach mit Sack und Pack in zwei klapprigen Güterwag­ gons. Die ganze turbulente Szene wird von einer schwefelgelben Augustsonne beleuchtet, während die Stadtkapelle von Essentuki in großartigem Vergessen des Bürgerkrieges - auf den Bahnsteigen ihr Hum-ta-ta ertönen läßt. Der Esel Maschka stößt den typischen Eselsschrei aus, und die Lokomotive setzt sich keuchend in Bewe­ gungGurdjieff und seine vierzehn ausgesuchten Begleiter verbrach­ ten den Nachmittag, die Nacht und den ganzen Mittwochmorgen im holpernden und ratternden Güterwagen, der vollgepackt, heiß und unbequem war wie das Innere des Trojanischen Pferdes. Der Zug erzielte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp acht Kilometern pro Stunde (eine gute Leistung, verglichen mit dem all­ gemeinen Standard der Frachtbeförderung im Kaukasus auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs). Als Gurdjieff schließlich die Wag­ gontür aufschieben konnte, befand er sich 100 Meilen von Essentuki entfernt in der Stadt Armawir. Am Tage darauf kam die Lokomotive keuchend in Maikop zum Halten - und Minuten später war der Lokomotivführer einfach verschwunden. Gurdjieff schickte einen Emissär zum örtlichen So­ wjet, um die Ausweispapiere zu präsentieren und die Erlaubnis zur Fortsetzung der Reise einzuholen. Dr. Stjoernval, der wegen seines Alters, seines würdigen Aussehens und seines finnischen Akzents für diese Aufgabe ausgewählt wurde, blieb recht lange weg und kehrte sichtlich erschüttert zurück. Die Stadt war nicht nur von kämpfenden Regimentern der Kosaken und der Roten Armee ein­ gekreist, sondern außerdem hatte eine unabhängige Gruppierung, Grüne Garden genannt, noch die Eisenbahnlinie in die Luft ge­ sprengt. Jetzt war alles verloren. Zwei Meilen von der Stadt entfernt, am Rand eines Waldes am Weißen Fluß, stand ein verlassener Bauernhof mit Scheunen voller
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Heu und einigen Gesindehäusern. Don fand die Expedition Un­ terschlupf und beackerte dankbar den Boden. Nur wenige Episo­ den sind noch seltsamer als Gurdjieffs ländliche Idylle während des dreiwöchigen Ringens um Maikop: Verzweifelte Frontkämpfer schleichen um diese Farm herum, ohne jedoch wirklich auf sie zu stoßen, während dort, wo der Esel Maschka friedlich neben der großen Eiche weidet, Herr und Frau Stjoemval einem Landsmann begegnen, der in buddhistischer Gewandung auf dem Weg von In­ dien nach Finnland ist - eine Autorität in Sachen Dharma und Ein­ machen von Tomaten. Alle Männer und Frauen gingen in getrenn­ ten Gruppen täglich zum Schwimmen im Weißen Fluß. Da gab es sogar ein Sprungbrett, auf dem wir uns durchaus Herrn Gurdjieff im Adamskostüm vorstellen dürfen. «In weiter Ferne hörte man Kanonendonner, und gelegentlich heulten Geschosse über unsere Köpfe. Sie trafen den Berg auf der anderen Seite des Flusses und ließen Steine ins Wasser stürzen. Wir haben das jedoch nicht weiter beachtet», erinnert sich Thomas de Hartmann. Eine antibolschewistische Säuberungsaktion der Weißen Armee macht diesem bukolischen Idyll ein Ende. Sobald Maikop «be­ freit» war, wurden Galgen errichtet. «Sehen Sie nur», sagte der fin­ nische Buddhist zutiefst erschrocken, «dort hängen sie die Leute auf, sie hängen . . .» Auch Thomas de Hartmann, obwohl selbst Soldat gewesen, war zutiefst erschüttert angesichts «eines mit einem Segeltuch bedeckten zweirädrigen Karrens, unter dem wir einen Haufen Fleisch und Knochen entdecken konnten, die ver­ stümmelten Körper von Menschen, die im Kampf gefallen waren». Thomas stand auf der Straße, und die Sonnenblumenkerne in sei­ nem Mund wurden plötzlich trocken. Erst als er versuchte, seine zitternden Hände zur Ruhe zu bringen und sein beschmutztes und von einem Gürtel gehaltenes Bauernhemd bemerkte, dämmerte es ihm, daß er in seiner bolschewistischen Gewandung hier völlig fehl am Platze war . . . Während Thomas sich hastig davonmachte, befand sich der ver­ nünftiger gekleidete Leonid Stjoernval bereits im Büro des Adju­ tanten von General Dawidowitsch Naschinski. Dort hob er die le­ benslange konservative Gesinnung Gurdjieffs hervor und das moralische Anrecht der Mitglieder der Expedition auf weißrussi125

sehe Pässe. Das unvorhergesehene Mißtrauen wurde plötzlich überwunden, als ein Admiral aus Petersburg (ebenso willkommen wie unerklärlich in dieser absolut meerfreien Bergwelt) interve­ nierte, Dr. Stjoernval persönlich identifizierte und empfahl. Die akute Papierknappheit hatte pikanterweise zur Folge, daß das bol­ schewistische Dokument, das den «Bürger Gurdjieff» zum Tragen eines Revolvers ermächtigte, nun auf der Rückseite verkündete: Ein gewisser Gurdjieff wird hiermit ermächtigt, einen Revolver entsprechend den umseitigen Angaben zu tragen. Unterschrieben und gesiegelt: Für General Denikin: General Hejman Chef des Stabes: General Davidowitsch Naschinski Ausgestellt in Maikop Datum . .. Gurdjieff zeigte sich dankbar. Er empfing den Admiral auf dem Bauernhof zum Tee, zusammen mit einigen Matronen der örtli­ chen theosophischen Loge. Aber noch während Höflichkeiten aus­ getauscht und selbstgebackener Kuchen unter der Eiche verzehrt wurden, bereitete die bolschewistische Armee einen Gegenschlag vor, der in nur drei Tagen derart gründlich mit allen bourgeoisen Neigungen aufräumte, daß nichts über die weitere Geschichte einer Theosophischen Gesellschaft von Maikop bekannt ist. Es ist typisch, daß Gurdjieff und seine Expedition einen Tag, bevor die Stadt in gegnerische Hände fiel, aufgebrochen waren. Man reiste nicht nach Tuapse, wie man den Behörden weisge­ macht hatte, sondern den Weißen Fluß entlang. Der Treck setzte sich in der Morgendämmerung in Bewegung, während die rot auf­ gehende Sonne die dünnen Nebelschleier aus den abgeernteten Getreidefeldern vertrieb — die Karren quietschten, die Tiere gaben ihr Bestes, die Kinder waren aufgeregt, die Erwachsenen ernst und aufmerksam. Thomas de Hartmann, dem bereits eine Zeltstange schwer auf einen Zeh gefallen war, verlor seine Axt beim Durch­ waten des Weißen Flusses. Bald danach überquerte die Gruppe
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zwei parallele flache Schützengräben, verlassen von den Männern, die sie gegraben und verteidigt hatten. Aber nicht alle Schützengrä­ ben waren unbemannt. Bevor Gurdjieff «jene abgelegene Wildnis, die jeglichen militärischen Aktivitäten des Bürgerkrieges unzu­ gänglich ist», erreichte, mußte seine Expedition fünfmal nachein­ ander durch die Kampflinien der Bolschewisten beziehungsweise der Weißen Armee. Wenn Gurdjieff sein allgemeines Mitgefühl und vollständige Unparteilichkeit angesichts des Bürgerkriegs betont, dann klingt das durchaus wahr. Wo er schreibt: «Ich und meine Gefährten be­ wegten uns unter übernatürlichem Schutz», besitzt das Au­ thentizität auf metaphorischer Ebene. Wenn er jedoch versichert, beide Seiten hätten seine Gruppe als absolut neutral angesehen, dann verdreht er die Wahrheit. Und wenn er unverfroren versi­ chert: «Innerhalb dieses Chaos bewegte ich mich, ohne etwas zu verbergen oder zu irgendeiner Ausrede Zuflucht zu nehmen», dann schwindelt er so himmelschreiend, daß einem vor Bewunde­ rung der Mund offen bleibt. Keine der kriegführenden Seiten betrachtete ihn als neutral; jede nahm ihn für sich in Anspruch. Mit seinen doppelten Ausweisen und in seiner doppelten Rolle war Gurdjieff der Erz-Konformist er formulierte bei aller Gleichgültigkeit Nettigkeiten, wählte Ak­ zent und Sprache je nach Lage, bediente sich stets seiner «Sprache des Lächelns». Aber selbst dann noch bescherte jede plötzliche Konfrontation mit schlampigen Spähtrupps und Wachtposten, die Weiße oder Rote sein konnten, zunächst Augenblicke akuter Ge­ fahr. Wie leicht konnte es passieren, daß Madame Stjoernval aufge­ regt den falschen Paß hervorzog: wie fatal konnte sich die Aufrich­ tigkeit der Kinder auswirken. Doch waren die Übungen in Essentuki in «vorgetäuschter Gedankenübertragung» nicht um­ sonst gewesen. So wie Musiker auf den Taktstock des Dirigenten achten, so achteten die «Wissenschaftler» auf ihren Anführer. Zwir­ belte Gurdjieff seine rechte Schnurrbartspitze, dann holten sie die Dokumente der Weißen hervor und legten die Manieren des ancien regime an den Tag; wählte er die linke, dann zeigten sie die bol­ schewistischen Papiere und besaßen überhaupt keine Manieren. Das Ringen um den Kaukasus und Transkaukasien zwischen 1917
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und 1921 war wirklich eines der verwirrendsten Kapitel der Ge­ schichte dieses Jahrhunderts. Nach ihrer fünften und letzten Konfrontation mit der kämpfen­ den Truppe, als «die Kosaken davonzogen und sich sogar ent­ schuldigten, uns belästigt zu haben», marschierten Gurdjieff und seine Schüler ruhig weiter durch angenehme Spätsommertage hier und da die rauchenden Ruinen verwüsteter Kosakendörfer be­ klagend. Ein riesiger alter Wald nahm sie schützend auf, in dem sie süße wilde Birnen und Eicheln für «Kaffee» sammelten. Im Dorf Kumitschki oder Hamischki jedoch hone die Straße auf, und die Expedition mußte ihre Karren zurücklassen, die Rucksäcke schul­ tern und beginnen, die endlosen Berge zu erklimmen. An jenem Abend wurde das Lagerfeuer nahe einer verlassenen Hütte auf einem oberen Hang angezündet: «Jetzt bin ich voller Frieden», sagte Gurdjieff (etwas vorschnell). «Jetzt haben wir es nicht mehr mit Menschen, sondern nur noch mit Tieren zu tun.» Später jedoch, als er in der Dunkelheit mit Thomas de Hartmann zurück nach Kumitschki ging, um Madame Ostrowska und den Hauptteil der Gruppe nachzuholen, wurde er beinahe von erzürn­ ten Bauern erschossen, die ihn für einen plündernden Bolschewi­ ken hielten. Größere und kleinere Krisen lösten einander ab. In einem kriti­ schen Augenblick wurde Gurdjieff krank. Räuber überfielen die Gruppe, durchsuchten alles und plünderten mit gezogener Pistole die de Hartmanns; einmal versanken die Pferde fast im Sumpf. Wandernde Mönche und nomadische tscherkessische Schafhirten materialisierten und entmaterialisierten sich rund um die blauge­ streiften Zelte, boten Gerüchte und kaukasischen Käse an. «Ich möchte nur noch hinzufügen», schreibt Gurdjieff, «daß der herausragendste aller meiner Eindrücke von dieser Reise die Schön­ heit der Region zwischen Kumitschki und dem Meer war. Sie ver­ dient wirklich den klingenden Namen irdisches Paradies>, den die sogenannte Intelligenz! ja oft anderen Teilen des Kaukasus ver­ leiht.» Jeden Abend nahm Gurdjieff die kleine Kerosinlampe aus Glas zur Hand und justierte sie. In einem aus Steinen gebauten Ofen buk er köstliches Brot. Er ermunterte, er schmeichelte, er lehrte
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durch Beispiele. In der Morgendämmerung packte er die Kerosin­ lampe wieder ein, überwachte das Beladen der Lasttiere und führte seine erschöpften Schüler weiter durch endlose Sträucher von Ole­ ander und Rhododendron. Ein Beobachter auf dem Gipfel des El­ brus (1000 Meter höher als der Montblanc), der sein Fernrohr nach Nordwesten richtete, hätte vielleicht gerade noch eine nach oben strebende Kolonne fleißiger schwarzer Ameisen ausgemacht, und während der Nacht eine winzige glühende Flamme in tiefer Dunkelheit. Babakoff Aül, das erste Dorf westlich des Gebirges, wurde wäh­ rend einens fürchterlichen Platzregens erreicht. Gurdjieff war vor­ ausmarschiert und hatte Zimmer im Hause eines sympathischen polnischen Ingenieurs gemietet. Gurdjieff war jetzt zweiundfünf­ zig Jahre alt, aber Erschöpfung, Müdigkeit schien er nicht zu ken­ nen. Im Gegenteil! Angeregt durch Erzählungen von einem einsa­ men Dolmen in den Wäldern der Umgebung, machte er sich gleich am nächsten Morgen mit einigen Schülern und Jägern auf den Weg. Kraftvoll nach oben steigend, erreichte er bald den tonnen­ schweren Dolmen, der aus einem einzigen Felsen herausgehauen und mit einer schweren Steinplatte abgedeckt war. Was befand sich im Innern? Gurdjieff s unbezwingbarer Drang, stets ins Allerheiligste vorzudringen, war einmal mehr herausge­ fordert. In der nach Südosten weisenden Wand des Dolmens zeigte sich ein vollkommen kreisrundes Loch, zu klein, daß bei­ spielsweise Gurdjieff sich hätte durchzwängen können. Olga de Hartmann jedoch - inzwischen nur noch Haut und Knochen, aber voller esprit de corps - vergaß alle Schicklichkeit und schob sich aufgeregt im Unterrock durch die im Durchmesser nur etwa drei­ ßig Zentimeter große Öffnung. Olga, mütterlicherseits eine Uren­ kelin Kaiser Wilhelms I., eine Dame comme il faut, die Klavier spie­ len und singen konnte, fünf Sprachen beherrschte und sich als Gatten einen begabten Künstler aus bestem Hause gewählt hatte — diese Olga also befand sich nun, wie das Leben so spielt, im Innern eines kaukasischen Dolmen. Kein verborgenes Kunstwerk, keine Runeninschrift belohnte ihre Sportlichkeit, und sie wand sich wieder heraus. Gurdjieff no­ tierte jedoch Maße, errechnete eine bestimmte Linie, verlängerte
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sie durch Aneinanderreihung von Stöcken und war plötzlich im Wald verschwunden. Zur Überraschung seiner Schüler und dem äußersten Erstaunen der lokalen Jäger spürte er einen zweiten be­ moosten Dolmen im dichten Unterholz auf. Dann einen dritten. Nur ein gefährlich steiler Abhang führte von diesem historischen Ort aus weiter, und die de Hartmanns fragten nervös, wie sie da denn runterkommen sollten. Zum Vergnügen Gurdjieffs antwor­ teten die Jäger ernsthaft: «Indem wir auf unseren Ärschen rut­ schen.» Von Babakoff aus ging es stetig abwärts; weiter, immer weiter stolperte die wissenschaftliche Expedition aus Essentuki, mit schmerzenden Leibern, die letzten körperlichen Reserven nutzend - die «Medizin gegen Malaria» war inzwischen ausgetrunken. Am Abend erkannten sie die Lichter von Sotschi über dem Schwarzen Meer. Aufrecht marschierten sie in die Stadt, mieteten Zimmer im besten Hotel, wuschen sich und kleideten sich für das Abendessen um. «Singen Sie für uns die Glöckchenarie aus Lakme» sagte Gurdjieff zu Olga de Hartmann. Sie erhob sich steif, ging zum Klavier und - auch wenn ihr vielleicht nicht die volle Bandbreite eines Koloratursoprans zur Verfügung stand - sang «Ou va la jeune Hindoue?» Wie gebannt lauschten die Gäste. Und Gurdjieff beobachtete sie schweigend, während er eine Tasse schwarzen Kaffee trank. Dieser Augenblick war der letzte, in dem sie alle noch einmal im wahrsten Sinne des Wortes zusammen waren. Denn in der lauen Luft des herbstlichen Sotschi verlor die von freundlichen Tscherkessen bewirtete Gruppe paradoxerweise ihren schwer erkämpften Zusammenhalt und brach praktisch auseinander. Warum? Weil Gurdjieff das Geld ausgegangen war oder er die Geduld verloren hatte? Er ließ tatsächlich durchblicken, daß «während einer Peri­ ode, die man vielleicht als <Gang nach Golgatha> bezeichnen könn­ te ... gewisse Mitglieder der Gruppe Eigenschaften zeigten, die keineswegs dem hohen Ziel entsprachen, das wir anvisiert hatten.» Doch im Grunde war die endgültige Trennung von Sacharoff und Petrow - Schüler, die Gurdjieff näherstanden als die meisten ande­ ren - weder eine Entlassung noch eine Lossagung. Sie gingen, weil sie gingen. «Wenn eine Sache anders sein kann», sagte Gurdjieff,
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«dann kann jede Sache anders sein.» Diese aufrichtigen und höchst intelligenten Männer versüßten die Bitterkeit der Trennung mit al­ lerlei Vorwänden. Hatten sie nicht berufliche Verpflichtungen? Hatten sie nicht Mütter? Würde nicht Gurdjieff selbst zurückge­ hen und das Lehren wiederaufnehmen? Für Gurdjieff war dies eine seltsame Zeit. Woche für Woche verringerte sich die Zahl seiner Begleiter. Einige bestiegen den Zug nach Maikop, andere den nach Essentuki, wieder andere den nach Kiew. Er und Madame Ostrowska waren wenig bequem im Hause seines Vetters untergebracht, der sich - im letzten, blutigen Sta­ dium einer Lungentuberkulose - langsam seinen Weg aus dieser Welt heraushustete. Während die winzige Petrograder Kernmann­ schaft laufend Beweise ihrer nicht wankenden Loyalität lieferte (der hinfällige Patient wurde von Dr. Stjoernval behandelt und starb in den Armen von Olga de Hartmann), verbrachte Gurdjieff selbst jeden Abend mit Kartenspielen im tscherkessischen Offi­ ziersklub. Er besaß dafür eine gute Entschuldigung: Unter den schimmernden Leuchtern löste der feurige «Georgische Geist» die Zungen sowie die Brieftaschen eines ganzen Haufens fürstlicher und kapitalistischer Emigranten, und Nacht für Nacht sammelte ein dieses Treiben innerlich mißbilligender Gurdjieff von den grü­ nen Spieltischen die Rubel und Fetzen militärischer Gerüchte ein, die er und seine Gefährten so dringend benötigten. Es war warm im Klub, während sich im Laufe der Monate drau­ ßen der kälteste Winter seit vierzig Jahren über den ganzen Kauka­ sus senkte. Der Krieg zwischen Weißen, Roten und Grünen wurde mit unverminderter Härte und wechselnden Erfolgen weiterge­ führt. Gurdjieff war wieder einmal einer der ersten, die das neue Un­ heil kommen sahen. Packt eure Koffer, warnte er Mitte Januar 1919 seine engeren Freunde, und macht euch sofort auf den Weg zur Anlegestelle, sobald ihr eine Schiffssirene hört. Und so stolper­ ten, jeweils zu zweit, die sechs Emissäre des neuen Zeitalters, die Gangway hinauf: Gurdjieff und Madame Ostrowska, die Stjoernvals sowie Thomas und Olga de Hartmann. Ihre verkommene Ar­ che, bereits mehr als überfüllt mit sich übergebenden seekranken Flüchtlingen aus Tuapse und reichlich bestückt mit Läusen und
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sonstigem Ungeziefer, kämpfte sich mühsam südwärts, bei steifem Gegenwind, der die Bunker zu leeren und sie auf eine felsige Küste zu treiben drohte. Man drückte sich an Deck aneinander, vom Re­ gen durchnäßt. Es wurde nicht viel gesprochen. Wozu auch? Am Nachmittag des zweiten Tages gingen sie in dem kleinen Hafen Poti von Bord, dessen von beißendem Frost befallene Palmen den Kai wie glitzernde Kristalle von makellosem Weiß säumten. Der Ort Poti war überfüllt, desorganisiert und auf abstoßende Weise verschmutzt - eine Art transkaukasischer Slum mit Eiszap­ fen. Sich hier nach einem Zug zu erkundigen, schien nahezu frivol. Aber selbst unter diesen Umständen sicherte Gurdjieffs «Sprache des Lächelns» (Hulme) und seine Beherrschung des Dialekts der Bahnarbeiter ihm und seinen Gefährten eine nächtliche Unter­ kunft in einem leeren Abteil. Doch ganz gewiß erwachte Gurdjieff, der schon seit Tagen ho­ hes Fieber hatte, in der grausamen Nüchternheit des folgenden Ja­ nuarmorgens mit nicht sehr freundlichen Perspektiven. Seine Börse war leicht geworden, seine Kräfte und Familie aufgesplittert. Sein Werk und der sorgfältig ersonnene Plan für eine ganze Epo­ che hatten schließlich nicht mehr gebracht, als daß er fünf ver­ wirrte, von ihm abhängige Personen «vom Zentrum der Hölle an ihren Rand» gezogen hatte. Vor zwei Jahren war auf dem Bahn­ steig von Petrograd ein geradezu verklärt erscheinender Gurdjieff verabschiedet worden. Heute, auf dem Bahnsteig von Poti, stand ein Mensch, den das Schicksal in schwerste Bedrängnis gebracht hatte. Wenn Gurdjieff mehr Seinsqualitäten besaß als die meisten Menschen, dann litt er auch entsprechend mehr. Hungrig und in einen abgetragenen, zerlumpten Mantel gehüllt, saß er im Zug nach Tiflis. Doch sein Gefühl des «Ich» war so mächtig und einzig­ artig, daß es in seinem Innern bereits neue Transformationen vor­ zubereiten begann...

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8 Im Schutz der Menschewiki
(Januar 1919- Mai 1920)

Je mehr die Dinge sich ändern, desto mehr gleichen sie sich. Tiflis war 1917 auf einer Woge von georgischem Nationalismus in Tbi­ lissi umbenannt worden. Doch seine aufgrund der strengen Kälte gerade menschenleeren Straßen waren für Gurdjieff voller Erinne­ rungen. Dort auf dem Hügel war der Rangierbahnhof, wo er als junger Heizer geschwitzt und mit Karapet, der die Dampfpfeife betätigte, frohe Lieder gesungen hatte. Hier ragte das abweisende dunkle Gemäuer des Theologischen Seminars empor, und etwas weiter unten lag die Promenade gegenüber den alten Alexander­ Gärten, wo er, Pogossian und Jelow, von einem Bücherstand zum anderen schlendernd, ernsthaft nach Erkenntnissen strebten und trotzdem zu jedem Schabernack bereit waren. Und nun war er zu­ rückgekehrt. Allein. Reich an Wissen, aber arm an materiellen Gu­ tem. Gurdjieff fand bei seinen Vettern, den Turadschews, ein Dach über dem Kopf. Obwohl er immer noch stark fieberte, sah er sich gezwungen, «in der Stadt herumzulaufen und, koste es, was es wolle, einen Ausweg aus dieser verzweifelten Lage zu finden». Sein Weg führte ihn natürlich auch nach Alt-Tiflis. Im Tataren-Basar hatte sich wenig verändert. Die gleichen alterslosen verschleierten Frauen starrten durch die hohen vergitterten Fenster auf das glei­ che, von Ratten verseuchte Labyrinth hinunter. Der duftende Tee wurde immer noch so heiß serviert, daß man sich unweigerlich die Lippen verbrannte, und die alte Karawanserei bot nach wie vor den Kameltreibern die gewohnten Annehmlichkeiten. Neu waren nur
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die Offiziere einer winzigen britischen Garnison, von Batum aus im Dezember 1918 hierhergesandt, die mit ihren Box-BrownieKameras umherschlenderten - erste Anzeichen jener modernen Zeit, die Alt-Tiflis bald in Vergessenheit geraten lassen sollte. Für die Teppichhändler im Basar waren das glückliche Zeiten. Selbst die zweifelhaftesten Kelims und Läufer konnten nach Kon­ stantinopel auf den Weg gebracht werden, wo die von keiner Sach­ kenntnis getrübte Habgier junger Offiziere der alliierten Besat­ zungsstreitkräfte einen fabelhaften schwarzen Markt in Gang gebracht hatten. Vielleicht kannte im Tiflis des Jahres 1919 nie­ mand diese Teppiche besser als Gurdjieff - Zahl der Knoten, Her­ kunft, Symbolik, Stil, Reparaturtechnik und Marktwert. Und ganz bestimmt beherrschte niemand besser als er die Mechanismen der Manipulation. Freunde Dimitris und seines Schwiegervaters, Erz­ bischof Martinian, versorgten ihn mit Startkapital. Gurdjieff kaufte seinen ersten Teppich billig und verkaufte ihn teuer. Er fand loyale, fleißige Lehrlinge und brachte ihnen bei, nach geeigneten Läufern Ausschau zu halten, sie zu waschen und zu reparieren. Hand in Hand mit Julia Ostrowska, seiner Frau, arbeitend, bekam er innerhalb von drei Wochen nicht nur genug Geld für den Unter­ halt aller zusammen, sondern es blieb sogar noch einiges übrig. Außerordentlich rasch also hatte sich die schmerzliche Entschei­ dung, Essentuki zu verlassen, als richtig erwiesen. Trotz des trü­ ben, melancholischen Klimas, das in ganz Transkaukasien vor­ herrschte, ließen die Gefälligkeiten der Georgischen Menschewikischen Sozialdemokratischen Republik die ersten Blüten eines Gurdjieffschen Frühlings sprießen. Dr. Stjoernval eröffnete eine bescheidene Praxis im russischen Stadtviertel auf dem Südwestufer des Kura - kranke Emigranten gab es schließlich genug. Thomas de Hartmann begegnete seinem alten Freund, dem Komponisten Nikolai Nikolaijewitsch Tscherepnin, der ihn zum Professor für Komposition am Konservatorium für fortgeschrittene Musikstu­ dien ernannte. Auf diese Weise hatte er im Handumdrehen 2000 Schüler und konnte sich im Zentrum des kulturellen Lebens der Stadt etablieren. Olga erhielt die Rolle der Micaela bei einer Gala­ Aufführung von Carmen im Opernhaus von Tiflis, das ebenso groß war wie die Opera Comique in Paris.
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Die prunkvolle Carmen-Premiere im Februar 1919 war für Olga Prüfung und Triumph zugleich: Als ich im vierten Akt die Bühne betrat, sah ich im Hintergrund des Raums einen schwarzen Fleck. Da ich wußte, daß niemand sonst von den Zuschauem einen schwarzen Hut tragen würde, wußte ich, daß es Gurdjieff war, der dort saß ... Er hatte mir einmal gesagt: «Wenn Sie Angst haben, schauen Sie sich bloß um, und ich werde da sein. Singen Sie, und denken Sie an nie­ mand anderen im Saal.» Ich brachte tatsächlich das Gebet der Micaela ganz wundervoll, sank auf die Knie und sang ein Hohes-C-Pianissimo, das ich voller Gefühl lange halten konnte. Dabei ging es der glücklichen jungen Solistin, allem äußeren An­ schein zum Trotz, zu dieser Zeit gesundheitlich gar nicht gut. Sie klagte nicht, obwohl sie täglich schwächer wurde, doch war sie nie mehr richtig auf die Beine gekommen, seit sie Gurdjieffs sterben­ den Vetter in Sotschi gepflegt hatte. Hatte sie sich vielleicht - was für ein furchtbarer Gedanke! - ebenfalls eine Tuberkulose zugezo­ gen? Ein Spezialist wurde konsultiert, der eine Lungenkrankheit bestätigte. Er konnte ein Bergsanatorium in Osterreich empfehlen, das echte Hoffnung bot, andernfalls jedoch - er schüttelte den Kopf. Gurdjieff war da ganz anderer Ansicht. Schinken! Olga sollte jeden Morgen Schinken essen, trotz der Kälte draußen auf der Veranda schlafen, und, bevor sie feste Nahrung zu sich nahm, ein kleines Glas Rotwein trinken, aus einer Flasche, die er speziell für sie hergerichtet hatte. Das tat sie. Und als der Spezialist sie ei­ nige Zeit später erneut untersuchte, «sagte er mir, wie froh er sei, daß ich auf ihn gehört hätte und ins Sanatorium gegangen wäre, da in meinen Lungen praktisch keine Spur einer Infektion mehr zu finden sei». Der Schöpfer des brillanten Bühnenbildes samt Beleuchtung für Carmen war übrigens ein gewisser Alexandre Gustav Salzmann, bekannt mit Rilke und Kandinsky. Salzmann, am 2^.Januar 1874 in Tiflis geboren, war ein Weltbürger, der ein angenehmes Leben zu schätzen wußte. Er war Künstler, Erfinder, Förster - «ein ehe­ maliger Derwisch, ehemaliger Benediktiner, einstiger Jiu-Jitsu135

Lehrer, Theaterregisseur. . . kurz gesagt, ein unglaublicher Mann» (Daumal). Seine Familie stammte aus dem Baltikum, und eine chronische nördliche Melancholie hatte sich tief in seine Ge­ sichtszüge eingegraben. Dennoch strahlte er - im Gegensatz zu seinen ungestümen posterähnlichen Malereien (die in ihrer symbo­ lischen Eindringlichkeit an Hieronymus Bosch erinnerten) - einen ansteckenden Optimismus und viel Humor aus. Alles, was er an­ packte, sei es nun eine Übung in chinesischer Kalligraphie oder das Komponieren eines Kanons voller Harmonie, zeugte von kulti­ vierter Sensibilität. Und doch gab es «trotz der künstlerischen Feinheiten etwas Wildes und Grausames in ihm . . . Seine Art sich zu rasieren war von unübertroffener Simplizität: Er nahm ein trokkenes Rasiermesser und schabte sich den Bart vom Gesicht. Selbst dies war schon eine Konzession . . .» (Zigrosser). Gurdjieff und Salzmann wurden einander Ostern 1919 vorge­ stellt (de Hartmann hatte das arrangiert), und es kam zu einem in­ teressanten Gedankenaustausch. «Er ist ein sehr feiner Mensch», versicherte Gurdjieff Thomas hinterher, «und sie - ist intelligent.» Als junge Frau von zweiundzwanzig Jahren hatte Jeanne Matignon-Salzmann Alexandre 1911 in Hellerau geheiratet, wo sie im Eurythmischen Institut von Emile Jacques-Dalcroze Tanz stu­ dierte. Ihr leidenschaftliches Interesse für Bewegung und Rhyth­ mus hatte alle durch den Krieg und die russische Revolution er­ zwungenen Reisen und grausamen Herausforderungen überdau­ ert. Das Spektrum ihrer Interessen wurden durch ihren brillanten Ehemann noch erweitert - und trotzdem war da dieses Gefühl eines nicht wirklich definierbaren Mangels in ihr ... all das zusam­ men prädestinierte sie geradezu als ideale Schülerin Gurdjieffs. Beide Salzmanns waren Menschen von höchster Kultur und stärk­ ster Individualität - ähnlich wie Ouspensky -, doch als Gurdjieff in Tiflis ihren Lebensweg kreuzte, zog er sie unwiderstehlich in sei­ nen Bann. Ein glückliches Zusammentreffen fügte es, daß Jeanne Salz­ mann gerade mit Proben für eine öffentliche Eurythmie-Demonstration beschäftigt war. Als sie jedoch von Gurdjieffs Heiligen Tänzen hone, die er in Essentuki gelehrt hatte, stellte sie ihm spon­ tan ihre gesamte Klasse für seine künstlerischen Zwecke zur Ver­
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fügung. Jeannes Schülerinnen - ein Kreis von hübschen jungen Damen in griechischen Gewändern - stand nun eine ganze Reihe von Schocks bevor, wie de Hartmann berichtet: Herr Gurdjieff begrüßte sie, beobachtete sie interessiert fünf bis zehn Minuten lang . . . und befahl ihnen auf einmal in militäri­ schem Ton, sich in einer Reihe aufzustellen, sich nach links und nach rechts auszurichten. Dann baute er sie alle in einer Reihe vor sich auf und sagte: «Bevor wir mit <Heiliger Gymnastik> be­ ginnen, müssen Sie erst einmal lernen, wie man sich dreht.» Die Mädchen waren angenehm überrascht, als Gurdjieff ihnen als Pianisten für die Übungen Thomas de Hartmann vorstellte, den Professor für Komposition am Konservatorium. Doch waren sie verblüfft, als er diesem dreißig Minuten vor dessen Konzertdebüt in der Stadthalle befahl, einen der sechs «obligatorischen» Tänze zu demonstrieren, «bei denen man das ganze Gewicht des Körpers auf die Hände verlagert, während die Füße sehr schnelle Bewegun­ gen vollführen». Als Gurdjieff darauf bestand, diesen idealisti­ schen jungen Amateuren ein kleines Honorar zu zahlen, da befand sich die ganze Klasse, die sich eigentlich zum Ziel gesetzt hatte, Dalcroze zu studieren, am Rande einer Rebellion. Doch gelang es Jeanne Salzmann unter Einsatz ihrer ganzen Autorität und im Ge­ fühl der Bedeutung von Gurdjieffs Werk, ihre Schülerinnen zu überreden, an den neuen «Übungen» teilzunehmen. Kurz nach Ostern 1919 traf Dimitri unerwartet in Tiflis ein und brachte sehnlichst erwartete Neuigkeiten aus Essentuki mit. Gurd­ jieffs Mutter und Schwester hatten in diesem schrecklichen "Winter schwer unter Kälte, Hunger und Typhus zu leiden gehabt, jedoch alles unbeschadet überstanden. Sie «umarmten» Gurdjieff, scheu­ ten jedoch das Risiko einer Reise zu ihm nach Süden. Gurdjieffs Teppichsammlung war geplündert worden, doch lagen einige der Stücke bald darauf in der öffentlichen Pfandleihe und warteten darauf, von jemandem reklamiert zu werden. Ouspensky hatte die Zeit der bolschewistischen Besatzung im Gewände eines «Sowjeti­ schen Bibliothekars von Essentuki» überlebt und unterwies nun ei­ gene Gruppen in Gurdjieffs Ideen.
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Gurdjieff überlegte. Dann entschied er: Jemand mußte nach Essentuki fahren, mit Briefen für seine Schwester und für Ouspensky, und alle noch verbliebenen Wertsachen einsammeln. Dimitri bestand darauf, auf keinen Fall einen Mann zu schicken, weil dieser sofort von der "Weißen oder der Roten Armee geschnappt werden würde. «Als Herr Gurdjieff mich bat, dorthin zu gehen», erinnert sich Olga, «war ich voller Furcht... Er gab mir einige Goldmünzen und eine rätselhafte kleine Schachtel mit einer, wie er sagte, speziellen Pille, die ich im äußersten Notfall schlucken sollte.» Andernfalls wollte er sie zurückhaben. Gurdjieffs Absicht war durchsichtig: Er setzte gerade die Schülerin, deren Psyche am wenigsten dafür geeignet war, mit der Lage fertig zu werden, größ­ ter Gefahr aus. Nie zuvor war die Aristokratin Olga auch nur allein durch eine unbekannte Straße gegangen . . . Eine nicht endenwollende Woche lang ertrug Gurdjieff seine ei­ genen Bedenken und den Blick von Thomas de Hartmann - dann kehrte eine strahlende Olga zurück. Sie war nach Essentuki und zurück gereist - mit der Eisenbahn und zu Schiff, über Batumi und Noworossisk, fintenreich und geschickt. Sie hatte einen Astra­ chan-Mantel und acht unbezahlbare persische Miniaturen ihrer ei­ genen Familie sowie zwei von Gurdjieffs besonders wertvollen Teppichen gerettet. Vollständig fremde Leute hatten sie angespro­ chen, und sie hatte ihnen in der richtigen Weise geantwortet. Sie hatte vor keinem Hindernis kapituliert: weder vor bürokratischen Nickligkeiten noch vor lästigen Annäherungsversuchen schmutzi­ ger alter Männer mit langen schwarzen Barten, noch vor einem heftigen Sturm auf See. («Ich hätte die Pille nur genommen, wenn das Schiff untergegangen wäre.») Wie Gurdjieff alle seine Schütz­ linge auf kommende schwere Aufgaben vorbereitete — sie testete und abhärtete, während er sie paradoxerweise zugleich sensibili­ sierte und vor allem motivierte, an seinem noch vor ihm liegenden unerschrockenen Ringen teilzuhaben .. . das ist schon beeindrukkend. Am Sonntag, den 22. Juni 1919, veranstaltete die Klasse von Jeanne Matignon-Salzmann im riesigen Opernhaus von Tiflis ihre erste öffentliche Aufführung der «Bewegungen». Was wollte Gurdjieff? War diese öffentliche Zurschaustellung der Heiligen
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Tänze wirklich im Sinne der Sache? Schließlich ging es um ein Wis­ sen, das Gurdjieff nach vielen Mühen gefunden und zu einer Syn­ these zusammengefaßt hatte. Dieses Wissen, das er nur an ausge­ wählte Schüler in Moskau, Petrograd und Essentuki weitergege­ ben hatte - dieses Wissen war immerhin als essentiell esoterisch zu betrachten. «Es gibt Dinge, die man nur seinen Jungem sagt» (Ouspensky). Nun aber bot eine Eintrittskarte, die man einfach an der Kasse abholte, jedem beliebigen Menschen das Entree zum Heiligtum. Zur Sicherung der Zukunft war es ein Muß, eine ausreichende Zahl guter Schüler zu finden. Dabei hatte Gurdjieff auf dem schmalen Grad zwischen Vulgarisierung und Exklusivität zu ba­ lancieren. Viele wurden berufen, aber nur wenige auserwählt. Der Essenz von Gurdjieffs Lehre konnte ihre Öffentlichkeit nichts an­ haben, ihre Exklusivität war nicht durch Schlösser und Paßwörter oder Verbote garantiert, sondern durch die notwendige spirituelle Fähigkeit des einzelnen und die erforderliche initiatorische Ein­ weisung. Thomas de Hartmann erhielt nun eine neue Aufgabe. Als für die Aufführung der Heiligen Tänze vorgesehener Pianist mußte er un­ bedingt die Charakteristika der orientalischen Musik kennen und meistern. Deshalb weckte Gurdjieff - mit Erfolg - sein Interesse für Komitas Vardapet, einen heruntergekommenen armenischen Musikologen. «Ich möchte von Komitas Vardapet sprechen, der sich gegenwärtig in Konstantinopel aufhält, dessen geistige Ge­ sundheit ernsthaft gefährdet ist und den man dort ohne Geld, ohne moralische Unterstützung, ohne die Wärme einer Familie und ohne Freunde festhält, nachdem er die blutigen Massaker an den Armeniern laut verdammt hat» (de Hartmann, Folk Song). Anfang Juli 1919, als Olga mutig ein Repertoire armenischer Lieder zur Konzertreife gebracht hatte, schickte Gurdjieff die de Hartmanns nach Armenien auf Tournee. Sie kamen in Eriwan an und debattierten begeistert darüber, ob die größte Leistung Komitas' tatsächlich seine Entschlüsselung der alten neumes sei oder seine harmonische und polyphone Extrapolation armenischer Volksmelodien. Die Realität dagegen sah düster aus: Nachts sprüh­ ten sie um ihr Bett «einen magischen Kreis von Kerosin», um Läuse
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und Ungeziefer fernzuhalten, und wenn sie zu ihren Konzerten gingen, kamen sie vorbei an «Menschen, die wie Leichen herumsit­ zen, heimatlos und hungernd, auf den Tod wartend». An ihrem letzten Konzertabend wurden die de Hartmanns von seiner Emi­ nenz Erzbischof Sarpasan Hören in dessen Haus hoch über dem Sanga empfangen: Als die Nacht hereinbrach, schien der Vollmond durch die warme südliche Luft und den Berg Ararat krönte eine Nebel­ haube: ein unvergeßlicher Anblick. Als Begleitung zu dieser Aussicht erklang echte östliche Musik. . . verschiedene Arten von «bajati» mit «gap». Genauso wie Gurdjieff es erwartet hatte, kehrte Thomas nach Ti­ flis zurück, erfüllt von der Schönheit, Wildheit und unsterblichen Melancholie des armenischen Erbes seines Lehrers und darauf brennend, das alles in Musik umzusetzen. Ende Juli reiste Gurdjieff mit seinen Leuten in den Gebirgskurort Borjom (wohin auch die Angehörigen des Staatstheaters sich zurückgezogen hatten, um der Sommerhitze zu entgehen). Dort setzte er streng Olgas Erziehung fort. Sein alter Mantel war abge­ tragen und an vielen Stellen zerrissen, ein neuer nicht zu haben. Würde Olga sich jetzt nützlich machen und die Innenseite nach außen kehren? Aber wie? Man markiert die Säume mit weißem Fa­ den, reißt sie dann auf, bügelt die alten Säume aus und die neuen hinein. Dann näht man mit der Hand die Rückseite längs der wei­ ßen Fäden zusammen - ist doch ganz einfach! Olga jedoch, die noch nie in ihrem Leben eine Nähnadel in der Hand gehabt hatte, war fassungslos. Angenommen, sie versuchte es, machte es falsch und ruinierte den Mantel ihres Lehrers? Konnte nicht Julia Ostrowska die Sache anpacken? Ja - und gerade aus diesem Grunde sollte sie es nicht tun. Also machte Olga sich an die Arbeit. Nervös erhitzte sie ein Bügeleisen auf einem kleinen Holzkohle­ ofen. Sie tat es unter solchen Schwierigkeiten und mit so fester Entschlossenheit, daß sie sich, metaphorisch gesprochen, selbst von innen nach außen wendete. Diese Art psychischer Revolution war augenscheinlich Gurdjieffs Hauptziel. Ein theoretisches Sy­
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stem, ein abstrakt-begriffliches Instrumentarium befand sich ein­ fach nicht im Angebot: «Gurdjieff zeichnete keine Diagramme auf eine schwarze Tafel, um mit ihrer Hilfe zu unterrichten. Seine Me­ thode war für seine Klasse weit weniger komfortabel. Er schnitt aus uns lebendige Stücke Erfahrung heraus und lehrte durch sie» (Walker, Study). Es wäre eine Untertreibung zu sagen, Gurdjieff sei in Tiflis, wo­ hin er aus Borjom wieder zurückkehrte, gut etabliert gewesen. Er saß sogar in mehr als einer Hinsicht komfortabel im Sattel. Er war das Haupt einer großen Familie, ein erfolgreicher Unternehmer, eine «graue Eminenz» der kulturellen Szene, deren geheimer Ein­ fluß die von Tabakrauch geschwängerten Komiteeräume und Klubs des Establishemets beherrschte, und nicht zuletzt fröhlicher Zechkumpan im Tschimerion, einem etwas zweifelhaften Cabaret, das von der lokalen Poeten-Gilde betrieben wurde und wo ge­ schmeidige Negro-Ragtime-Sänger ihr Credo von Libertinismus einem tscherkessischen Publikum vorgrölten, das allein schon durch den für sie neuartigen Anblick der schwingenden Hüften von Lydia Johnson in Verzückung geriet. Gurdjieff genoß dieses «idiotische Vergnügen» umgeben von Bekannten, zu denen modemistische Maler wie Sorin und Sergej Sudejkin und Dichter wie Robakidse und Pauljaschwili gehörten. Tiflis erwies sich wahrlich als angenehmes Zwischenspiel, ein Intermezzo, das die Versu­ chung nahelegte, es zu verlängern und sine die zu genießen. Und dennoch . . . jenseits der schweren grünen Portieren am Eingang zum Tschimerion verstummte der Klang der Zigeunergei­ gen und des töricht-klugen Geschwätzes der Intelligenzija, um an­ deren Tönen Platz zu machen. Georgiens unruhige jüngste Ver­ gangenheit und problematische Zukunft hatten die Bürger von Tiflis zutiefst erschüttert und verunsichert. Die Inflationsrate stieg exponentiell, eine Mißernte stand ins Haus, und die allgemeine Er­ wartung neuer Gefahren und Entbehrungen weckte auch einen plötzlichen Hunger nach neuen Ideen, akzeptablen Wertvorstel­ lungen. Gurdjieff fühlte sich qualifiziert und geradezu verpflichtet, diesen existenziellen Hunger zu befriedigen, auf die Frage nach dem Sinn des Lebens eine Antwort zu geben. Scheinbar alle vergangenen Schwierigkeiten vergessend,
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schickte er Briefe an seine einstigen Schüler mit der Aufforderung, für eine neue Aufgabe zu ihm zu stoßen - doch niemand kam. Petrow war jetzt Direktor einer staatlichen Schule in Rostow, und Sacharoff machte Propagandaarbeit für die Freiwilligen-Armee in Ekaterinodar. Jeder hatte seine Gründe, dem Ruf nicht zu folgen. Nur Ouspensky lehnte aus Prinzip ab - letztlich wohl vor allem, weil seine eigenen Gruppen ihm wichtiger waren. Nein - wenn Gurdjieff Hilfe für sein neuestes Unternehmen brauchte, dann mußte er diese ganz woanders suchen. Es war gerade ein Jahr vergangen, seit die Bolschewik! überredet worden waren, die wissenschaftliche Expedition des «Bürgers Gurdjieff» zu genehmigen und auszurüsten. Vielleicht würde sich die menschewikische Verwaltung auf gleiche Weise entgegenkom­ mend erweisen - bekannte sie sich doch vielversprechend zu Auf­ klärung, nationaler Integrität, technologischer Revolution und künstlerischer Avantgarde. Außerdem gelang es ihr mittels eines sublimen Chauvinismus, Tiflis als «das Zentrum der Weltkultur» zu propagieren, wie Bechhofer-Roberts ironisch bemerkte. Voraussetzung für ein solches Unternehmen war ein den Um­ ständen der Zeit entsprechendes organisatorisches Mäntelchen. Im September 1919 versammelte er seine Kernmannschaft - Julia Ostrowska, Dr. Stjoernval, die beiden de Hartmann und die bei­ den Salzmann - auf jener sonnendurchglühten Veranda der de Hartmanns, wo Olga gelegen hatte, um durch ihre Schinken/ Wein-Diät zu gesunden. Hier offenbarte er ihnen seinen Plan, ein ständiges Institut in Tiflis zu gründen. «Welchen Namen würden Sie einem solchen Institut geben?» fragte er. Alle schwiegen. Zu viel gab es bei der Wahl dieses Namens zu bedenken, sollte er doch sowohl Schüler anlocken als auch die politische Obrigkeit fernhalten. «Als ob wir eine Tube Zahnpasta ausgequetscht hätten, kam schließlich das Wort <harmonisch> heraus», erinnert sich de Hart­ mann. Etwa zehn Tage später lag auf dem Schreibtisch des Genossen G. Lastschischwili, Minister für Volkserziehung, eine Petition eines Herrn G. I. Gurdjieff, Gründer und Leiter des «Instituts zur harmonischen Entwicklung des Menschen», der sein fortschrittli­ ches psychosomatisches System zur Entwicklung des Willens, des
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Gedächtnisses, des Zuhörens, Denkens, der Gefühle und Instinkte der geschätzten Aufmerksamkeit des Ministers empfahl. Es handle sich dabei um ein System das «bereits in einer Reihe von Großstäd­ ten wie Bombay, Alexandria, Kabul, New York, Chicago, Christiana, Stockholm, Moskau, Essentuki und in allen Abteilungen und Heimen der wahrhaft internationalen Bruderschaften funk­ tioniere» (Ouspensky). Eine geradezu absurde Behauptung. Warum tat Gurdjieff so etwas immer wieder? Warum provozierte er immer wieder die Bezeichnung «Scharlatan»? Warum bot er die tiefste und subtilste Wahrheit im Mantel plumper Lügen an. Viel­ leicht war es sein Sinn für eine bestimmte Art von extremem Hu­ mor. Der tscherkessische Nationalcharakter - der Poesie ebenso heftig ergeben wie dem Wein und Frauen - traf sich in diesem Punkt auf seltsame Weise mit dem Geschmack Gurdjieffs. Obwohl Genösse Minister Lastschischwili in keiner Hinsicht besonders ex­ zentrisch war - wie beispielsweise der stellvertretende Staatsan­ walt, der gern, auf Cafehaustischen stehend, populäre komische Lieder zum besten gab -, wies er doch den Bürgermeister von Tiflis an, ein Gebäude ausfindig zu machen und Herrn Gurdjieff zur Verfügung zu stellen, «das einer so wichtigen Einrichtung von all­ gemeiner öffentlicher Bedeutung würdig ist». Im Jahre 1919 herrschte in Tiflis ganz allgemein ein akuter Mangel an Wohnungen und öffentlichen Einrichtungen. (Selbst Fürst Orbeliani mußte - mit einiger Ungeduld - Schlange stehen, um eine der Toiletten in seinem eigenen Palast benutzen zu kön­ nen). Der Bürgermeister rang die Hände in typischer bürokrati­ scher Ratlosigkeit. Gurdjieff jedoch fand und mietete eine kleine Halle, kaufte für den entsetzten Thomas ein ausgedientes Klavier («auf einem guten kann jeder spielen») und gab rund um die Uhr Unterricht: Innerhalb einer Woche nach der Eröffnung meines Instituts wa­ ren alle Sonderklassen, die eingerichtet worden waren, voll be­ setzt, und es gab eine Warteliste für zwei- oder dreimal so viele Anwärter ... In provisorischen Unterkünften, die in jeder Hin­ sicht unzulänglich waren, sowie unter außerordentlich anstren­ genden Bedingungen kam die «Arbeit an sich selbst» in Gang.
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Alle Arten von Studenten wurden angelockt, von der Fürstin Obelinski bis zum Vollmatrosen Tschekowitsch. Zwei von ihnen - Elisabeta Galumnian, die Frau eines Diplomaten, und «Olgiwanna» - waren begabte Tänzerinnen. Gurdjieff sprach mit allen Bewerbern und stellte ihnen seine üblichen forschenden Fragen. War ihr gegenwärtiges Leben wirk­ lich so unerträglich? Hatten sie Wünsche, echte Wünsche? Ty­ pisch dafür war sein Dialog mit Olga Jowonowna Lasowitsch Milanoff Hinzenberg (um Olgiwannas vollen Namen einmal auf der Zunge zergehen zu lassen), den C. S Nott wiedergibt: Was wünschen Sie sich? Ich wünsche mir Unsterblichkeit. Was tun Sie augenblicklich? Ich kümmere mich um mein Haus und die Dienstboten. Arbeiten Sie selbst? Kochen Sie, kümmern Sie sich ums Baby? Nein. Meine Dienstboten tun das für mich. Sie tun also gar nichts. Und da streben Sie nach Unsterblich­ keit! Die kommt nicht auf Bestellung, sondern nur wenn man bestimmte Tätigkeiten ausübt. Sie müssen arbeiten, müssen sich anstrengen für die Unsterblichkeit. Nun also: Ich werde ihnen zeigen, wie man arbeitet. Als erstes müssen Sie die Dienstboten entlassen und alles selbst tun. Und die montenegrinische Aristokratin Olgiwanna akzeptierte das Ideal des Dienens ohne größere Mühe. Hatte doch schon das kleine grauäugige Mädchen seinen blinden Vater durch die Stra­ ßen ihres Geburtsortes Cetinje zu dem Gerichtsgebäude geführt, wo er als Oberrichter präsidierte. Olgiwanna hatte eine private Erziehung in Rußland und in der Türkei genossen (sie konnte malen, skulptieren, kochen, tanzen, Theater spielen). Noch ein Teenager, wurde sie Mutter, doch ihre Ehe mit dem russischen Architekten Wladimir Hinzenberg scheiterte. Jetzt war sie erst einundzwanzig Jahre alt und sehnte sich danach, ihr Leben der Kunst zu weihen. Olgiwanna akzeptierte Gurdjieffs harte Bedin­ gungen und setzte ihre gertenschlanke Schönheit ein, um seine Heiligen Tänze vollendet umzusetzen. Sie und Lili Galumnian
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waren im rechten Moment gekommen: genau zu dem Zeitpunkt, da der Maestro sein höchst bemerkenswertes Szenario zu entwer­ fen begann. Der «Kampf der Magier» war eher eine Revue als ein Ballett: In den zentralen Szenen traten die Schulen eines «Schwarzen Magiers» und eines «Weißen Magiers» auf, mit Übungen der Schüler beider Schulen, die gegeneinander kämpften. Die Handlung sollte vor dem Hintergrund des Alltags in einer Stadt des Ostens spielen, unterbrochen von Heiligen Tänzen, Der­ wisch-Tänzen und verschiedenen Tänzen aus der östlichen Folklore. Alles das war verwoben mit einer Liebesgeschichte, die ihrerseits allegorische Bedeutung haben sollte. Im Grunde handelte es sich um ein manichäisches Thema. Und um ihre spirituelle Entwicklung zu fördern, mußten dieselben Tänzer die vollkommenen Bewegungen der Schüler des Weißen Magiers und die unharmonischen Bewegungen der Schüler des Schwarzen Magiers ausführen (Ouspensky). Während der nächsten vier turbulenten Jahre konzentrierte Gurdjieffs Arbeit sich auf dieses extraordinäre Ballett. Es wurde geschaffen als lebendige existentielle Lehre für die Ausführenden; es war ein Vehikel für zahllose innere Übungen; es provozierte und versöhnte unglaubliche psychische Spannungen. Das Ganze verei­ nigte die Musik von Thomas de Hartmann, die Regiekunst von Alexandre Salzmann, die Tanzkunst von Julia Ostrowska, Jeanne Salzmann, Lili Galumnian und Olgiwanna. Das Szenarium wurde vollendet, die Bühnenbilder entworfen, Solo- und Ensembletänze choreographiert und unermüdlich geprobt. Kostüme geschnei­ dert . . . aber «Der Kampf der Magier» wurde niemals aufgeführt. In künstlerischen Krisenzeiten pflegte Gurdjieff herbeizueilen und mit seiner Axt irgendeine wichtige Bühnenausstattung zu zerschla­ gen. «Warum sind Sie darüber so erstaunt? Wir haben es geschafft, also brauchen wir es nicht mehr. Jetzt kann es auf den Müll» (de Hartmann). Selbstverständlich bemühten die Schüler sich, den Sinn hinter all dem zu ergründen, aber schon im Jahre 1915 hatte Gurdjieff sie fairerweise gewarnt: «Bringe ich das Ballett auf einer
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normalen Bühne, wird das Publikum diese Ideen niemals verste­ hen» (Ouspensky). Während es mit den Ballettproben mal mehr, mal weniger gut lief, verschlechterten sich die allgemeinen Verhältnisse zusehends: Der Herbst kam mit seiner ganzen feuchten Trübseligkeit; es gab eine Mißernte; Lebensmittel wurden immer knapper und teurer; und Anton Iwanowitsch Denikin - der weißrussische General, der nach der Devise handelte: «Rußland ist groß und unteilbar^) wählte genau diesen Augenblick für eine Blockade Georgiens (wobei er offensichtlich gar nicht realisierte, daß es auf seiner Seite stand). An eine «angemessene Unterbringung» des Instituts war weniger denn je zu denken. Genug ist genug, und Gurdjieff protestierte, er werde die ganze Arbeit hinschmeißen. Es ist schwer abzuschätzen, wie ernst seine Ankündigung gemeint war und bis zu welchem Grad er sie nur als Druckmittel einsetzte. Doch steht ihre elektrisierende "Wirkung außer Zweifel. Innerhalb weniger Tage hatten die Behörden dem Institut ein ansehnliches zweistöckiges Gebäude jenseits des Kura zugeteilt. Alexandre Salzmann hatte schließlich den entscheiden­ den Anstoß gegeben. Es war ihm nämlich gelungen, in der satiri­ schen Zeitschrift der Hauptstadt, «Die Peitsche des Teufels», eine scharfe Karikatur unterzubringen. Sie zeigte Gurdjieff und seine Leute mitten auf dem Hauptplatz von Eriwan, eng aneinander­ geschmiegt um einen Ofen stehend. «Endlich umgezogen», lautete die Bildlegende. Es ist schon sonderbar, wie der Mann, der sich in Moskau und Petrograd stets bewußt im Hintergrund gehalten hatte, nun eine allseits bekannte Persönlichkeit geworden war. Seine Spur im Schnee des Dezembers 1919 ist leichter zu verfol­ gen, weil er zu dieser Zeit einen jungen Journalisten aus London ins Schlepptau genommen hatte. Mr. Carl Bechhofer-Roberts be­ trat das Tschimerion in Tiflis — trotz seiner Wanderjahre in Ruß­ land, Japan, Nordafrika und Indien - wie jemand, der einem Ro­ man von P. G. Wodehouse entsprungen war. Er hatte ein stets gerötetes Gesicht, war wohlbeleibt und auf eine enervierende Weise witzig. Er hatte sich ins Kriegsgebiet mit ein klein wenig Er­ munterung durch seine Redaktion und einer ganzen Portion Un­ verfrorenheit aufgemacht und besaß kaum mehr als seinen Füllfe­
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derhalter Marke Conway-Stuart. In seiner Brieftasche befand sich jedoch ein wichtiger Einführungsbrief an «ein sonderbares Indivi­ duum Namens Georgij Iwanowitsch Gurjiew» - eine Person, die er schnell identifizierte: Gurdjieff war ein Mann von auffallender Erscheinung. Gedrun­ gen, dunkelhäutig, mit forschendem Blick aus klugen Augen. Niemand konnte einige Minuten in seiner Gesellschaft verbrin­ gen, ohne von der Kraft seiner Persönlichkeit beeindruckt zu sein . . . Seine außergewöhnliche, umfassende Intelligenz war nicht zu bestreiten. Gurdjieff war die personifizierte Freundlichkeit und sparte weder Mühen noch Zeit, dem jungen Neuankömmling «einige Seiten von Tiflis zu zeigen, die nicht alle Besucher sahen». Er führte ihn sicher durch finstere Straßen, «in denen jeder zweite Mensch einen Ver­ band um den Kopf hatte oder zumindest eine Binde über einem Auge». Er lud ihn zu pikanten orientalischen Leckerbissen in ein obskures Restaurant ein, durch dessen Fenster man auf die schnell dahinfließenden, schmutzigen Wasser des Kura sehen konnte. In den Schwefelbädern sorgte er dafür, daß die Haut des Journalisten ein angenehmes Krebsrot annahm; dann überließ er ihn, halb gar und nach frischer Luft japsend, den tellergroßen Händen — und Füßen — eines bärtigen persischen Masseurs. Er stellte ihn Dr. Stjoernval, den de Hartmanns und den Salzmanns vor. Und schließlich ließ er ihn den Proben zum «Kampf der Magier» beiwohnen. Je mehr man über diese Bechhofer-Episode nachdenkt, desto rätselhafter wird sie. Schwer von Begriff gegenüber allen «höheren Ideen», scheint dieser Mann in philosophischem Zickzack durch die Gurdjieffsche Gedankenwelt zu tapsen - stets ein freundlich­ leeres Lächeln auf den Lippen und angesichts einer komplexen Si­ tuation, deren innere Dynamik ihm grundsätzlich entgeht, kurz an seinen steifen Hut tippend. Welche Tugenden auch immer er als amüsanter Begleiter für «idiotische Entspannungen» oder als preis­ gekrönte Spezies eines «frei umherwandernden Versuchskanin­ chens» gehabt haben mag - es erklärt nicht Gurdjieffs Großmütig­
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keit. Die Annahme liegt nahe, daß Bechhofers rätselhafter Einfüh­ rungsbrief die Unterschrift des langjährigen journalistischen Be­ kannten P. D. Ouspensky trug und das Gurdjieff sich Bechhofers aus Gefälligkeit Ouspensky und Sacharoff gegenüber annahm, die beide unter verzweifelten Umständen im belagerten Rostow am Don lebten. Das ist auf jeden Fall der Ort, zu dem Bechhofer sich auf den Weg machte, als der Gurdjieff Mitte Dezember wieder verließ. «Ich bahnte mir einen Weg durch die Menschenmassen auf dem Bahnhof, nahm eine Droschke in die Stadt und klopfte we­ nige Minuten später an die Tür meines Freundes Ouspenksy.» Der ruinöse «Wodka», den Ouspensky aus reinem Alkohol und Orangenschalen zusammenbraute, hat sicherlich Bechhofers Zunge gelöst, als er von Gurdjieff schwärmte: Wenn dieser Mann tatsächlich irgendwohin gehen wollte, und sei es zu seinen geheimnisvollen Klöstern in Tibet- in einem da­ von, sagte er, habe laut einer indischen Überlieferung Jesus stu­ diert! -, dann gäbe es gewiß niemanden, der in der Lage wäre, ihn davon abzuhalten. Ouspensky ließ sich davon nicht weiter beeindrucken, doch Andrej Sacharoff, der seinen ursprünglichen Plänen noch stärker verbun­ den war, bemühte sich nach Kräften, den Kontakt zu seinem Leh­ rer wieder herzustellen - vergebens. Denn der ein paar Wochen zuvor an Pocken Erkrankte erholte sich nicht mehr und starb elend und verlassen in den blutigen Wirren von Noworossisk. Das Weihnachtsfest 1919 in Tiflis verlief ähnlich karg wie im Vorjahr. Das Abendessen, das Gurdjieff für die de Hartmanns und die Salzmanns in einem kalten und nackten Zimmer zubereitete, bestand aus Reisbrei mit Honig und getrockneten Früchten. Das neue Jahr sollte mehr Gefahren und Ungewißheiten bringen als realistische Hoffnungen, denn die Bedeutung des Instituts zur har­ monischen Entwicklung des Menschen schwand nach und nach: «Als Herr Gurdjieff ankündigte, <Der Kampf der Magien werde im Staatstheater aufgeführt werden, schien das ... wie ein Scherz, da wir nicht einmal Material für die Kostüme besaßen» (de Hart­ mann).
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Etwa Ende März 1920 begann Gurdjieff, sein Institut aufzulö­ sen, da er sich klar darüber war, daß sein «Mäzen», die Georgische Menschewikische Republik, selbst nur noch mit geborgter Zeit lebte. Im Norden des Kaukasus war die Gegenrevolution nieder­ geschlagen und ihre unglücklichen Überlebenden unter unbe­ schreiblichen Umständen des Schreckens und der Verzweiflung ins Meer getrieben worden. Eine neue Flüchtlingswelle ergoß sich über Tiflis. Bechhofer-Roberts schaute kurz vorbei mit der Nach­ richt von Sacharoffs Tod in Noworossisk und Ouspenskys Flucht via Odessa. Ein von Ouspensky empfohlener Major Frank S. Pinder stand plötzlich vor Gurdjieffs Tür - schwarze Ringe unter den Augen und eine Flasche Johnnie Walker als geistigen Trost in der Hand.6 Der Major sollte später ein wichtiger Schüler Gurdjieffs werden, und es wäre sicherlich interessant, genaueres über die erste Unter­ redung der beiden zu wissen. Pinder war nämlich jemand, der sich gut auszudrücken verstand, und seine Konversationsbeiträge stets mit Sprichwörtern, Anspielungen auf Klassiker, wissenschaftlichen Formeln, Zitaten aus Shakespeare, Aphorismen, Wortspielen und unflätigen Ausdrücken spickte. Polyglott wie Gurdjieff, be­ herrschte der Major Russisch und Türkisch, Latein und Altgrie­ chisch, Französisch, Deutsch, und Neugriechisch. Außerdem in­ teressierte er sich für Hebräisch und Sanskrit. Als Leiter der britischen Wirtschaftskommission bei der Freiwilligen-Armee des Generals Denikin hatte Pinder in Ekaterinodar Ouspensky Arbeit verschafft und persönlich dessen Gehalt bezahlt - wodurch er ihn und seine Familie praktisch am Leben erhielt. Rostow fiel am 8.Januar 1920 in die Hände der Bolschewiken. Unter welchen Umständen genau der Major sich selbst retten und nach Tiflis ge­ langen konnte, darüber schwieg er geflissentlich. Er hatte in die Zukunft geblickt und dabei nichts Gutes gesehen. Pinders bester Rat an Gurdjieff war, zu verschwinden, solange die Umstände es noch erlaubten. «Beginnen in Rußland, beenden in Rußland» (Bennett, Gurdjieff ) - Was immer diese rätselhafte Bemerkung Gurdjieffs bedeuten "lag, sie weist hin auf die schmerzliche Trennung im Jahre 1920. Tausend Beziehungen und Erinnerungen banden ihn an Groß149

Rußland. In diesem zusammenbrechenden Imperium war er gebo­ ren, sein jugendliches Ideal, «Fürst Lubowedski», war ein russi­ scher Fürst gewesen; seine Mutter und sein Bruder Dimitri mußten nun auf russischem Boden zurückbleiben. Doch Georgien war jetzt von den Flanken her bedroht, außerdem wetzten Lenin, Trotzki und Mustapha Kemal unüberhörbar die Messer. Aber er, Gurdjieff, hatte schließlich noch eine Mission zu erfüllen - er mußte die Gunst der Stunde nutzen. «Ich beschloß nicht nur, alles in Tiflis aufzulösen, sondern sogar, mit allem zu brechen, was mich bis dahin an Rußland gebunden hatte, und zu emigrieren.» Aber wohin? Theoretisch konnte Gurdjieff im Osten nach Turkestan oder in westlicher Richtung über Batumi und Konstantino­ pel nach Europa gehen. Praktisch gesehen blieb ihm jedoch keine Wahl. Durch den waghalsigen Angriff der sowjetischen Armee am 2 7. April auf den kaspischen Hafen Baku und die Liquidierung der gesamten aserbaidschanischen Regierung war der Weg nach Osten versperrt. Es blieb nur noch der Westen - die fürchterlichen Qua­ rantäneschiffe am Bosporus. Zumindest wurde Gurdjieff in Kon­ stantinopel von einflußreichen Freunden erwartet: Ouspenksy, der im März dort angekommen war, und Fürst Sabaheddin, der als Neffe des Sultans im verblichenen Glanz seines Palastes in Kuru Chesme residierte. Thomas de Hartmanns Abschiedskonzert (dem der gesamte Stab des Moskauer Theaters beiwohnte) lieferte einen denkwürdi­ gen Rahmen für Gurdjieffs allerletztes Auftreten in Tiflis: Im Saal gab es viele mit winzigen Spiegeln dekorierte Säulen ... und unsere Freunde . . . hatten hohe Kerzen mitgebracht. Die myriadenhafte Spiegelung ergab einen wunderschönen Effekt. Über den Flügel war ein prächtiger persischer Schal gebreitet. Der Notenständer wurde von zwei riesigen Kerzen beleuchtet, um die persische Blumen gewunden waren. Statt der Stühle hatte man mit persischen Läufern bedeckte Bänke aufgestellt. Die rapide Verschlechterung der politischen Lage in Georgien zwang Gurdjieff, das gesamte Eigentum des Instituts «für ein But­ terbrot» zu verkaufen. Den Erlös legte er in zwanzig seltenen Tep­ 150

pichen an, die er unter seinen Leuten aufteilte. Von Tiflis aus konnte man den Schwarzmeerhafen Batumi immer noch auf einem leichten oder einem schwierigen Weg erreichen: Der ein Jahr zuvor von Olga benutzte leichte Weg hätte lediglich eine Eisenbahnfahrt von dreizehn Stunden bedeutet. Gurdjieff entschied sich jedoch wie Elisabeta Stjoernval sich im hohen Alter erinnerte — für den schwierigen Weg. Ende Mai marschierten er und seine Getreuen, insgesamt dreißig Seelen, los - und dann tagelang durch die sen­ gende Hitze auf der nach Batumi führenden Straße. Ihre vier Packpferde scheuten immer wieder vor den tiefen Querrinnen, die Erosion und Vernachlässigung in den Weg geschnitten hatten. Eli­ sabeta Grigorjewna Stjoernval, die vor Pferden Angst hatte und sich einmal mehr fragte, wie sie eigentlich in eine derart üble Situa­ tion hatte geraten können, wurde von Gurdjieff, wie zu erwarten, das bockigste Tier anvertraut. Trotz seiner aufmunternden Worte kam man nur langsam voran. Als die Gruppe schließlich abgekämpft ins schöne, aber von Mücken verseuchte Batumi hinunterstieg, ein vernichtender Emp­ fang: Am Hafeneingang konfiszierte die sogenannte «Georgische Spezialabteilung», die in ihren protzigen Uniformen wie ein Schwärm giftiger Perlmutterfalter aussah, Gurdjieffs kostbare Teppiche. Dennoch kratzten die Flüchtlinge irgendwie das Geld für die Schiffspassage nach Konstantinopel zusammen. Als das Schiff ablegte, bot sich dem Blick zurück ein Bild von dramatischer Schönheit: Über den weißen Minaretten der Stadt erhoben sich amphitheatralisch grünbewaldete Hügel, über denen das ver­ schwommene Purpurrot zerklüfteter Berggipfel schwebte. Doch wer kann sagen, ob Gurdjieff gen Osten oder gen Westen schaute?

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9 «Der Kampf der Magier» (7.Juli 1920-13.August 1921)

Gurdjieffs Ankunft in Konstantinopel gingen Gerüchte voraus. In den Basaren und Teestuben flüsterte man von der bevorstehenden Ankunft eines Mannes mit großer Kraft, eines geheimnisvollen Wanderers, «der bei den Moslems als ein zum Islam Übergetrete­ ner, bei den Christen als Angehöriger einer obskuren Nestorianersekte galt» — eines echten haha, der «alle einhundertundzwanzig Wissenschaften beherrsche» (Bennett, Crisis). Im Hauptquartier von General Sir George Milne in der alten türkischen Militärakademie in Harbie wurde Gurdjieff dagegen als Geheimagent der Bolschewik! oder der Weißrussen betrachtet auf jeden Fall als ein sehr gefährlicher Kunde. Das Objekt dieser einander widersprechenden Erwartungen ging am 7.Juli 1920 an Land, nach peinlich genauer Durchsuchung und Desinfektion in den berüchtigten Quarantänebaracken. Er nahm die Drahtseil­ bahn nach Pera, dem europäischen Viertel der Stadt, und kaufte sich ein paar belegte Brote und Orangensaft. Durch die Fenster des griechischen Restaurants konnte Gurdjieff die Süleymaniye Moschee sehen, die die bewegte Skyline der City überragte. Obgleich das Szenario vertraut war, hatte sich die Besetzung auf verwirrende Weise verändert. Die Türkei hatte im Weltkrieg auf der Verliererseite gekämpft, und General Franchet d'Esperey hatte, ohne Zügel auf einem Schimmel reitend, die alli­ ierten Truppen nach Konstantinopel geführt.

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Der nunmehr alliierter Medizin überantwortete kranke Mann am Bosporus ist nicht gerade ein erfreuliches Spektakel. Es gibt da ein Durcheinander von Hochkommissaren - Briten, Franzo­ sen, Italiener, Griechen -, einige von ihnen sind Admirale, einige Zivilisten, alle jedoch haben zivile Berater, die mit nebulösen Vollmachten ausgestattet sind . . . von denen niemand weiß, wo sie beginnen oder enden. Man nehme hinzu zwei Oberkom­ mandierende, einen Franzosen und einen Briten, von denen der erstgenannte als Herrscher über die europäische Türkei gilt, seine Herrschaft jedoch durch die Briten ausübt. Der andere ist ein bilaterales Geschöpf, genötigt, den Bosporus mit gespreizten Beinen zu kontrollieren, wobei das linke Bein den Anordnungen des Generals Franchet d'Esperey, das rechte ihm selbst ge­ horcht. Man würze das alles mit einem Schuß Allenby aus Palä­ stina und einen Hauch türkischer Verwaltung - dann hat man eine Vorstellung von dem Durcheinander (The Times). Gurdjieff war erleichtert, Tiflis hinter sich gelassen zu haben, doch die warme Sonne, die ihn am ersten Morgen in Konstantinopel empfing, sollte sich als trügerisch erweisen. Brennstoff war knapp, der Verkehr chaotisch, die Polizei korrupt, die Währung entwer­ tet, die Bevölkerung demoralisiert, nicht zuletzt aufgrund einer grassierenden Spanischen Grippe. Von allen Vorstädten Konstantinopels war keine depremierender als Pera mit ihren engen Bürgersteigen und ihrer nichtssagen­ den Architektur, dem ohrenbetäubenden Schrillen der Straßen­ bahnen und dem ermüdenden, das Schuhwerk ruinierenden Kopfsteinpflaster. Man könnte sich fragen, warum Gurdjieff sich gerade hier niederlassen wollte. Als traditionelle Enklave für Fremde, Ungläubige und Enteignete, bot sie vielleicht das geeignete Pflaster für einen halbarmenischen Flüchtling, dessen Vater von den Türken ermordet worden war. Vierzig Jahre zuvor war Gurdjieff als Halbwüchsiger durch Pera gestreift, besessen von «vielerlei Art von Derwisch-Unsinn», und nach Münzen getaucht, die Tou­ risten von der Galatabrücke ins Wasser geworfen hatten. Später dann hatte er als ein «Sucher der Wahrheit» im vornehmen Haus von Fürst Lubowedski nahe der russischen Botschaft gewohnt,

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nahe den Gebetsplätzen der Mewlewi-, Rufai- und Kadiri-Derwische. Und nun, im Sommer 1920, beeilte er sich, ein Appartement in der Kumbaradii-Straße zu mieten. Die Geschwindigkeit, mit der Gurdjieff sich dort einrichtete, ist um so außergewöhnlicher, wenn man berücksichtigt, welch vielfäl­ tige Anforderungen an seine mageren finanziellen Mittel gestellt wurden. Es war ihm gelungen, zwei kleine Diamanten und zwei Teppiche zu retten (von Dr. Stjoernval über Batumi im Diploma­ tengepäck des finnischen Konsuls geschmuggelt). Das war alles, was er besaß. Die mit ihm in Konstantinopel gelandeten Begleiter waren eine recht gemischte Gesellschaft. Zum harten Kern gehör­ ten zweifellos geborene «Überlebenskünstler», in der Lage und eif­ rig darauf bedacht, zur gemeinsamen Kriegskasse beizusteuern. Die weniger für die Sache Begeisterten waren inzwischen zu halb Abhängigen geworden, die wie zwanzig hungrige Krähen vor ihm standen. Wie sollte er reagieren? Zyniker könnten behaupten, Gurdjieffs Umzug von Tiflis nach Konstantinopel sei im wesentlichen ein Umzug vom «Tschimerion» in die «Schwarze Rose» gewesen. Das berühmte Cafe dieses Namens war der allgemeine Treffpunkt der "Weißrussen in Pera. Hier spielte allabendlich eine Gruppe von Exzellenzen und zaristi­ schen Offizieren noch einmal die gescheiterten Feldzüge von Ge­ neral Denikin durch, wobei sie schwungvoll die Salz- und Pfeffer­ streuer auf den schneeweißen Steppen gestärkter Tischtücher hin und her dirigierten. Tagsüber, wenn Gurdjieff das Cafe zu seinem Büro machte, bekämpfte eine gemischtere Gästeschar Hitze und Hypochondrie mit unzähligen Tassen von Tee mit Zitrone oder noch «wirksameren» Mitteln wie Alkohol, Kokain, Morphium oder Nikotin. "Waren diese Menschen durch ihre Sucht krank ge­ worden, dann war guter Rat teuer. Gurdjieff brauchte nur im Flü­ sterton seine unbezweifelbaren Fähigkeiten als «ärztlicher Hypno­ tiseur und Heiler aller möglichen Laster» zu erwähnen, und schon versammelte sich an seinem Tisch ein einträglicher Strom hochge­ borener Kundschaft. Wer behaupten wollte, seine Therapie habe «nur» auf einer Übertragung von animalischem Magnetismus beruht, der über­ sieht eines: Er heilte - und nur darauf kam es an. Und natürlich ließ
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er sich seine Menschenfreundlichkeit gut bezahlen. Schließlich war dieser Beruf alles andere als erfreulich. Die meisten seiner Patien­ ten kamen schlecht gelaunt zu ihm und «so gereizt, wie jemand, der soeben eine umfassende Behandlung durch einen berühmten europäischen Nervenspezialisten hinter sich gebracht hat». Doch en passant gelangen ihm einige gute Geschäftsabschlüsse - zum Beispiel erwarb er große Mengen von Beluga-Kaviar und verkaufte sie mit riesigem Gewinn. Alles in allem meisterte Gurdjieff ausge­ zeichnet «die ewige Frage nach Geld, die für jene schmerzlich ist, die keinen Onkel in Amerika haben». Sehr bald hatte er sich so weit von allen Verpflichtungen befreit, daß er sich wieder wesentliche­ ren Dingen zuwenden konnte. Sein Wiedersehen mit Ouspensky war emotional ambivalent. Seit Essentuki hatte sich viel ereignet. Kälte, Hunger, Typhus, Cholera und sogar Gewehrkugeln hatte man hinter sich gelassen. Sacharoff war tot. Das Rußland, das sie gekannt hatten, zerbro­ chen, seine Intellektuellen und Adeligen liquidiert oder in alle "Winde verstreut. Ouspensky trauerte - und würde das sein ganzes Leben lang tun - dem unwiederbringlichen Verlust der alten Ord­ nung nach: Während dieser letzten drei Jahre war der feste Boden hinter mir abgesackt. Es war eine ziemlich unbegreifliche Zeit, in der ich in bezug auf Orte und Menschen dasselbe fühlte, was wir gewöhn­ lich in bezug auf die Zeit empfinden. Zu keinem der Orte, die ich verlassen hatte, war eine Rückkehr möglich. Von nieman­ dem, von dem ich mich getrennt hatte, gab es irgendwelche Nachrichten. Als Ouspensky in der «Schwarzen Rose» Gurdjieff gegenübersaß, ausgeliefert «dessen durchdringendem gütigen Blick», da war es um ihn geschehen. Es schien, als sollten im Interesse der Esoterik alle früheren Schwierigkeiten beiseite geschoben werden, als könnte er, wie einst in Petrograd, mit Gurdjieff zusammenarbeiten, seine Unabhängigkeit opfern und ihm alle Schüler in Konstantinopel übergeben. Denn Ouspensky war seit seiner Ankunft im März nicht müßig gewesen. Er hatte sich und seine Familie mit Unterrichten

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über Wasser gehalten - in Mathematik, die er gut beherrschte, und in Englisch, das er nicht beherrschte. Ihr Zimmer in einer Pension auf der kleinen Insel Prinkipo im Marmarameer wurde ihnen von vielen geneidet. In Pera, wohin er täglich mit der Fähre übersetzte, hatte er schnell neue Schülergruppen gegründet. Und neben den nur am Rande Mitarbeitenden fanden langsam auch wirklich In­ teressierte zusammen, die sich in den Büros der Russki Majak tra­ fen, einer weißrussischen Abteilung des Christlichen Vereins Jun­ ger Männer. Gurdjieff erbte nunmehr diese Kernmannschaft von zwanzig bis dreißig Schülern, darunter den Nietzscheaner Boris Ferapontoff. Zwei bis drei Monate lang funktionierte dieses rapprochement ausgezeichnet. Gurdjieff eilte per Fähre nach Prinkipo, um Tee mit Sophia Grigorjewna Ouspensky und ihrer Tochter Lenotschka Sawitski zu trinken und auf den Knien Lenotschkas kleinen Sohn Leonidas zu schaukeln. Gurdjieff und Ouspensky streiften, gewis­ sermaßen geistig Arm in Arm, durch den großen Basar und arbeite­ ten ganze Tage und Nächte zusammen in Gurdjieffs Wohnung. Besonders eine Nacht ist mir im Gedächtnis geblieben, in der wir einen Derwischgesang für den «Kampf der Magier» übersetz­ ten. Ich sah Gurdjieff, den Künstler und Dichter - vor allem den Dichter, den er so sorgfältig in sich verborgen hatte. Die Über­ setzung geschah auf folgende Weise: Gurdjieff rief sich die per­ sischen Verse ins Gedächtnis zurück, wobei er sie ein paarmal ruhig vor sich hin sagte und sie mir dann ins Russische über­ setzte. Nach ungefähr einer Viertelstunde, wenn ich vollständig unter Formen, Symbolen und Vergleichen verschwunden war, sagte er: «Jetzt machen Sie hieraus eine Zeile.» Wenn sie auf diese Weise zweiundzwanzig (seltsam abstrakte) Zei­ len geschafft hatten und erschöpft Kaffee tranken, schienen Lehrer und Schüler einen Augenblick lang herzlich versöhnt. Gemeinsam statteten sie den Derwischen mehrere Besuche ab. In Konstantinopel gab es 258 verschiedene Vereinigungen, im Zu­ sammenhang mit seinem Ballett konzentrierte Gurdjieff sich je­ doch auf einen der bedeutendsten Orden, auf die Mewlewi- oder
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«Tanzenden» Derwische. An jedem Donnerstagabend brachte er Ouspensky zu einem Ort, an dem die Mewlewi-Derwische ihre Tänze vorführten. Wie immer alles mit dem Verstand angehend, konzentrierte Ouspensky sich auf die formale Struktur der Rituale als lebendiges Planetarium oder planetares Modell, während Gurdjieff - auch wenn er diesen Aspekt brillant zu erläutern wußte - sich bemühte, bei seinem Schüler das Gefühl für die Gesamtheit der Erfahrung zu erwecken. Die klassische türkische Musik bietet nichts, was die Sechsund­ sechzig musikalischen Sätze des Mewlewi-Rituals an Kraft und Prägnanz übertrifft, und kein nach Erkenntnis Suchender könnte den eindringlichen Ruf der Rohrflöten mißverstehen: Hör auf die Flöte. Sie klagt. Sie spricht von Trennung und sagt: «Seitdem man mich aus dem Rohrbündel herausgerissen hat, haben meine Klagen Mann und Frau zu Tränen gerührt... Jeder, der fern seiner Herkunft zurückgelassen wurde, wünscht sich die Zeit des Zusammengehörens zurück.» Ouspensky hat diesen Klang nicht mißverstanden. Dennoch ließen ihn seine «Schönheit» oder «Verzückung» ungerührt: «Ich fühle niemals, ich weiß» (Butkovsky-Hewitt). Bald danach, als Gurdjieff die de Hartmanns zu den MewlewiDerwischen brachte, dürfen wir wohl mit Recht annehmen, daß der Ruf der Flöte «Männer und Frauen tatsächlich zu Tränen ge­ rührt hat». Gurdjieff verfolgte dabei jedoch einen Zweck, der weit über das bloße Schwelgen in Gefühlen hinausging. Denn die orien­ talischen Stilmittel, die Thomas von den Mewlewi oder von Komitas nahegebracht wurden, sollte er einsetzen, wenn es darum ging, alle seine Kräfte, all seine musikalische Erfahrung für die Kompo­ sition von «Der Kampf der Magier» zu nutzen. Eine einzigartige musikalische Schöpfung war in Vorbereitung — eine Mischung aus Gurdjieffs Sein und de Hartmanns Sensibilität und Technik: «Ti­ betische Masken», «Der Fall der Priesterin», «Heiliges Bejahen, Heiliges Verneinen, Heiliges Versöhnen», «Der kleine Tibeter», «Ho Ya!», «Das Große Gebet»,
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Ich sah, daß das Werk genauso wie in Essentuki darauf zielte, die Achtsamkeit zu stärken. Als ich einmal die Szene beobach­ tete und dabei wie gewöhnlich Klavier spielte, reichte Herr Gurdjieff mir einen Zettel, auf dem er eine Oberstimme als mu­ sikalische Verzierung notiert hatte. Es war unmöglich, alle Teile mit zwei Händen zu spielen. Daher bat er Madame Salzmann, die untere Stimme zu übernehmen, während ich die obere aus­ führte, und das wurde dann der Tanz der Derwische. Je mehr Schüler nach und nach in die Bewegung einbezogen wurden, de­ sto erregender und schöner wurde alles, erfüllt von einer magi­ schen Kraft, die für alle Derwischorden charakteristisch ist. Im September 1920 glaubte Gurdjieff sich in Konstantinopel aus­ reichend etabliert, um sein Institut zur harmonischen Entwicklung des Menschen wieder ins Leben zu rufen. Er entdeckte und mietete einige kaninchenstallähnliche Räume unweit des Galata-Turms. Abgesehen davon, daß sie nur einen Steinwurf von der Kultstätte der Tanzenden Derwische entfernt lagen, war an ihnen nichts Be­ sonderes. Die Straße war eine schattige, stinkende Talsenke mit al­ ten Holzhäusern. Gurdjieff stellte eine Hinweistafel auf und gab einen Studienprospekt heraus, dessen Inhalt fast jeden irgendwie interessieren (und herausfordern) mußte. An den Donnerstag- und Sonntagabenden lehne er persönlich in russischer, griechischer, türkischer oder armenischer Sprache, je nach Zusammensetzung des Publikums. Worin bestand der we­ sentliche Mangel der zeitgenössischen Wissenschaft? Gurdjieff pflegte ihn aufzuzeigen. War die Seele ewig? War der Wille frei? Gurdjieff erläuterte die Problematik. Seine Vorträge waren selt­ sam aufgebaut: Anspielungen auf Kant, Freud oder den neuerdings modischen Einstein wurden gezielt desavouiert durch eine Anspie­ lung auf Wahrsagerei oder die «Wissenschaft von Giften». Unter der scheinbar diskursiven Kritik an Hypnose, Magnetismus, Fakirtum, Magie, Taschenspielerei, sakraler Kunst und «Emotionalität» war nach wie vor der Pulsschlag einer großartigen Gedankenwelt spürbar - dennoch tat sich zwischen diesem Institut und seinen Lehren in Petrograd oder Tiflis zweifellos eine Kluft auf. Trotzdem intensivierte Gurdjieff mit Hilfe seiner alten Garde
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langjähriger Jünger seine Arbeit. Drei Türen von seinem Haus ent­ fernt, im Großen Rabbinat, mietete er eine kahle Halle für seine Heiligen Tänze, und hier - angemessenerweise auf einem aus wei­ ßen und schwarzen Kacheln bestehenden Fußboden - wurde «Der Kampf der Magier» wieder in Angriff genommen. Das Szenario des Balletts vermittelt uns ein Bild dieser Proben: Über dem Thron des Weißen Magiers erhob sich das Enneagramm, und entspre­ chend der Dynamik seines inneren Hexagons fügten sich die sechs Reihen der Tänzer ineinander. Ordnung und Reinheit herrschten vor. Die Teilnehmer mußten nicht ihre Menschlichkeit transzen­ dieren, sondern sie mit leuchtender Achtsamkeit erfüllen. Und ob­ wohl Gurdjieff sich immer wieder mit katzenhafter Geschmeidig­ keit zwischen ihnen bewegte oder sogar eine bestimmte Evolu­ tionsstufe demonstrierte (er kniete wie ein großer untergehender Planet), verharrte er die meiste Zeit in völliger Bewegungslosigkeit. In beunruhigendem Gegensatz dazu standen die Tänze der Schüler des Schwarzen Magiers, die mit zuckenden Bewegungen, sich gegenseitig anfeindend und verspottend, herumhüpften. «Man erkennt, daß die Schüler dieser Gruppe sich winden und krümmen, zuckende Bewegungen ausführen; einige von ihnen werden schwach und fallen sogar hin ... Je mehr Zeit vergeht, de­ sto heftiger und furchtbarer werden die Bewegungen.» Keiner die­ ser «schwarzen Tänze» ist uns erhalten, doch steht hinter ihnen die Vorstellung eines monströsen libidinösen Exhibitionismus. Gurdjieff leistete - immer wieder Streit beginnend und Unruhe stiftend - seinen persönlichen Beitrag zur essentiellen «Negativität» dieser Theaterproben, und «seine bei diesen Gelegenheiten verwendete Sprache hätte selbst Lenin erröten lassen» (Saurat i). Angesichts dieses manichäischen Dualismus ergab sich, zumin­ dest für einen seiner Schüler, eine wichtige Frage: War der «Lehrer des Tanzes» selbst ein weißer oder ein schwarzer Magier? Obwohl Anlage und Aussage des Szenarios Gurdjieff eindeutig auf die Seite des Weißen Magiers stellte, blieb Ouspensky nur halb über­ zeugt: Herr Gurdjieff ist ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Seine Möglichkeiten sind viel größer als die von Menschen unseres
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Schlages. Ich glaube, er befindet sich jetzt in einer Krise, deren Ausgang niemand voraussehen kann. Die meisten Menschen haben viele «Ichs». Liegen diese miteinander im Krieg, dann schadet das nicht sehr, weil sie alle schwach sind. Gurdjieff je­ doch hat nur zwei «Ichs», von denen das eine sehr gut, das an­ dere sehr schlecht ist. Meines Erachtens wird am Ende das gute «Ich» siegen. Inzwischen ist es jedoch sehr gefährlich, in seiner Nähe zu sein (Bennett). Als das Institut im Oktober 1920 offiziell eröffnet wurde, zog Ouspensky sich auf die Insel Prinkipo zurück. In den düsteren Räumen des Großen Rabbinats setzte Gurdjieff seine seltsamen Experimente fort. Die Ausführung der «weißen» und der «schwarzen» Tänze wurde immer denselben Schülern an­ vertraut. Er ermahnte sie, die tief in ihrem Innern vorhandenen Elemente des «Heiligen Bejahens» und «Heiligen Verneinens» be­ wußt und abwechselnd zu akzeptieren. Hinter dem sich selbst par­ odierenden Melodrama und seiner pantomimischen Form - die dunkle Höhle, der brodelnde Kessel, das Pentagramm, die ausge­ stopften Kröten und Fledermäuse - verbarg sich eine ernste und durchdachte Moral. Das Schlußgebet des Weißen Magiers legte das ganze moralische Gewicht auf die Erleuchtung: «Gottvater, Du und alle Deine Helfer mögen uns helfen, uns stets unser selbst zu erinnern, damit wir unfreiwillige Handlungen vermeiden kön­ nen, da das Böse sich nur durch sie manifestieren kann.» Die Manifestation des Bösen war für keinen Flüchtling in Kon­ stantinopel ein nur abstrakter Begriff. Auf dem Rad der unbesieg­ baren Dummheit der Menschheit war Gurdjieffs Familie zerbro­ chen: Sein 1918 von den Türken erschossener Vater lag in Alexandropol begraben; seine alte Mutter und seine jüngere Schwester lebten unter größten Entbehrungen im bolschewisti­ schen Essentuki; sein Bruder Dimitri hielt mit zunehmender Sorge im menschewikischen Tiflis aus; nur seine ältere Schwester Anna Iwanowna Anastasieff befand sich mit Mann, Sohn und vier Töch­ tern in Sicherheit, nachdem sie im Juni 1920 in das abgelegene Dorf Bajtar nahe dem Berg Amara gezogen war, in ein Gebiet, das der Daschnak-Republik von Armenien zurückgegeben worden war. In
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der ersten Novemberwoche jedoch eroberten und plünderten na­ tionalistische Türken den Ort und ermordeten die Familie von Gurdjieffs Schwester. Nur der Sohn Walentin entkam - einer von dreißig Überlebenden eines 400-Seelen-Dorfes. Wie bald diese furchtbare Nachricht Gurdjieff erreichte, wissen wir nicht genau, doch konnte das Telegramm seine Verdammung des Krieges nur bekräftigen: «Sehen diese Leute denn wirklich nicht, daß ihr Vorgehen der furchtbarste aller Schrecken ist, der im gesamten Universum möglicherweise existiert?» An einem späten Mittwochabend Anfang Januar 1921 ging Gurdjieff zu einem Abendessen im Palast Kuru Cesme. Gastgeber war Fürst Mehmet Sabaheddin - Urenkel von Sultan Mahmud II., En­ kel von Sultan Abdul Mejid und Neffe Abduls des Verdammten, des gegenwärtigen Marionetten-Sultans. Unter Gurdjieffs zahllo­ sen Gefährten und sich frei bewegenden Versuchskarnickeln in Konstantinopel war Mehmet Sabaheddin nach Erscheinung, Cha­ rakter und Lebensgeschichte wohl eine der interessantesten Gestal­ ten. Wie er immer wieder im Gehrock und Fez für seinen Fotogra­ fen posierte — klein, schlank, drahtig -, erweckte er den Eindruck, zu empfindsam zu sein für diese Erde. Er besaß, oder schien zu besitzen, eine spezielle Aura eklektischer Spiritualität: Als Moslem erzogen, aber zum Buddhismus hingezogen, bekannte er Europä­ ern gegenüber oft schüchtern, «er habe nirgendwo Befriedigung empfunden, außer in der Betrachtung Jesu Christi ... » (Bennett). Aber obwohl er sie dort gefunden hatte, hatte er sie dort nicht im­ mer gesucht. Wie Gurdjieff hatte auch Sabaheddin einen Ruf gefühlt - aber in eine andere Richtung. Seit seiner frühen Jugend war er auf der Su­ che nach dem Sinn des Lebens, und zwei Jahrzehnte lang hatte er die trügerische Hoffnung genährt, seinem Land dienen zu können, vorzugsweise als reformerischer Sultan oder Großwesir. Von einer Konferenz zur anderen war er gereist - Genf, Berlin, Paris, Athen. Er war zynische Allianzen eingegangen und hatte verschiedene Meuchelmörder gedungen. Im Jahre 1913 verschwand er aus der Türkei, in Abwesenheit zum Tode verurteilt wegen Planung der Er­ mordung des Großwesirs Mahmud Sewket. Es sollte ihm nie gelin­
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gen, in Konstantinopel an die Macht zu kommen. Seine glänzen­ den Augen füllten sich manchmal mit Tränen, und in makellosem Französisch pflegte er zu bekennen, daß «die Heilige Jungfrau für ihn eine ebenso lebendige Wirklichkeit sei wie Jesus, der Sohn Got­ tes». Gurdjieff war an diesem Mittwochabend nicht der einzige Gast. Gedecke waren auch aufgelegt für Captain John Godolphin Bennett (dreiundzwanzig Jahre alt) und dessen Geliebte Winifred Alise Beaumont (siebenundvierzig Jahre alt). Als Chef der Abteilung «B» des militärischen Geheimdienstes hielt der junge Captain Bennett Ausschau nach «einem sehr gefährlichen russischen Agenten na­ mens George Gurdjieff», doch scheint er den Namen nicht richtig gehölt zu haben. Gurdjieff wußte nichts von dem ihn belastenden Dossier aus Neu-Delhi, das auf Bennetts Schreibtisch im militäri­ schen Hauptquartier lag. Er wußte auch nicht, daß Mrs. Beaumont soeben ihr Wohnzimmer in Matschka an Pjotr Ouspensky für des­ sen Nachmittagssitzungen vermietet hatte. Weder Bennett noch Mrs. Beaumont ahnten auch nur im entferntesten, daß Ouspensky in Verbindung mit Gurdjieff stand. Und Sabaheddin wußte nicht, wie er Sultan werden sollte. Angesichts dieser delikaten Situation hielt Gurdjieff sich eindrucksvoll. «Nie zuvor», sagte Bennett hin­ terher nachdenklich, «hatte ich das Gefühl, von jemandem besser verstanden zu werden, als ich mich selbst verstand.» Warum hat Gurdjieff Sabaheddin so viel Zeit geopfert? Sicher­ lich nicht, um theosophische Ansichten auszutauschen. Auch nicht, um an Geldmittel zu kommen - der Fürst war pleite. Auch nicht, um politischen Vorteil daraus zu ziehen - der Mann war völ­ lig «out», von den Mächtigen in Ankara ebenso ignoriert wie von der Hohen Pforte. Vielleicht ist die Erklärung ganz simpel: Da er plante, seine Schritte demnächst nach Westen zu lenken, wollte Gurdjieff einfach mehr über England, Frankreich und Deutsch­ land in Erfahrung bringen, und zwar von einem intelligenten Men­ schen, der dort gelebt hatte. Gurdjieff hatte nämlich soeben einen Brief von Jaques-Dalcroze erhalten, der ihm vorschlug, nach Dresden zu kommen und sein Werk im Internationalen Zentrum für La Methode Rythmique bei Dresden fortzusetzen. Die Möglichkeit, den «Kampf der Magier»
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in der von großzügigen Kolonnaden umgebenen Bildungsanstalt in Hellerau - auf ihrer riesigen Bühne mit ihrem einzigartigen Be­ leuchtungssystem - aufzuführen, war für Gurdjieff sehr verlokkend. Die großzügige Einladung durch «Monsieur Jaques» ver­ dankte er übrigens dessen Vorkriegsbekanntschaft mit Alexandre Salzmann, dessen «hohe, schlanke Gestalt in den Korridoren von Hellerau neben der kleinen und rundlichen von Dalcroze mar­ schierte, der eilig mit einem Haufen Manuskripten unter dem Arm auf dem Weg zu einer Klasse war» (de Zoete). Dalcroze selbst hatte sich 1915 nach Genf abgesetzt und be­ klagte die Nachkriegsverhältnisse in Sachsen. Im Gegensatz zu ihm fühlte Gurdjieff sich augenscheinlich nicht von den Aussichten auf weitere «scharf energetische Geschehnisse in Deutschland» ab­ geschreckt, was ihm fehlte, waren Geld und Papiere (Visa für Bul­ garien, Serbien, Griechenland, Ungarn, Tschechoslowakei und Deutschland). Er mußte den rechten Augenblick abwarten, sein Aufenthalt in Konstantinopel war jedenfalls nur noch eine Frage der Zeit. Das Institut löste sich nach und nach auf. Das stets schwankende öffentliche Interesse schwächte sich ab und war schließlich ganz dahin; europäische dilettanti wie etwa Alphons Paquet, J. G. Bennett und Winifred Beaumont besuchten es nur einmal und auch das lediglich als Beobachter; Ouspensky wahrte Distanz; Olga de Hartmann erkrankte; Madame Stjoernval wurde unzufrieden, und obwohl die übrigen Mitglieder des russischen Kerns für Gurdjieff gewiß durchs Feuer gegangen wären, wollte er nicht die Probe aufs Exempel machen. Mitte Mai 1921 schloß er das Institut in Pera und bezog mit seiner Frau eine das Marmara­ meer überblickende Villa auf der Insel Prinkipo. In dieser paradie­ sischen Umgebung kam es zu einer scharfen Kontroverse zwischen Gurdjieff und Ouspensky über die Loyalität von Madame Ouspensky. Nur ein oder zwei Tage zuvor hatte Pjotr Ouspensky begonnen, seine Angelegenheiten in der Türkei abzuwickeln. Am 14. Mai 1921 hatte ihn ein unerwartetes Telegramm erreicht: «Tief beein­ druckt von Ihrem Buch Tertium Organum. Möchte Sie in New York oder London treffen. Trage alle Kosten» (Bennett). Absen­ der war Mary Lilian, Lady Rothermere, Ehefrau des großen Zei­
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tungsmagnaten. Mit Hilfe von Captain Bennett und plötzlich unter der Patronage von Lady Rothermere, machte Ouspensky sich nun daran, die notwendigen Reisepapiere für London zu beschaffen. Die britische Botschaft stellte ihm vier kostbare Visa aus: für ihn selbst, für Madame Ouspensky, für Lenotschka Sawitski und de­ ren Ehemann . . . Doch würden alle Visa benutzt werden? Tatsache war, daß Gurdjieffs Einladung nach Hellerau und Ouspenskys nach London ein intensives Ringen zur Folge hatte, das sich zunehmend auf Sophia Grigorjewna konzentrierte. Gurdjieff hielt die Tür für Ouspensky bis zum letzten Augen­ blick offen, doch Pjotr Demianowitsch blieb eisern: «Zunächst ein­ mal glaubte ich nicht an die Möglichkeit, unsere Arbeit in Deutsch­ land zu organisieren. Zweitens aber glaubte ich nicht, mit Gurdjieff zusammenarbeiten zu können.» Ein Gedanke nahm mehr und mehr in Ouspensky Gestalt an: Er wollte nach London nicht als ein Schüler von Gurdjieff gehen, sondern als ein «Geistes­ verwandter». Augenscheinlich konnte der Autor des Tertium Or­ ganum es nicht länger ertragen, im Schatten Gurdjieffs zu existie­ ren - was auch, wenn es nach ihm ging, für Madame Ouspensky gelten sollte. Es ging nicht nach ihm. Ich gebe nicht vor, Georg Iwanowitsch zu verstehen, für mich ist er X. Alles, was ich weiß, ist, daß er mein Lehrer ist und ich nicht das Recht habe, ihn zu richten, noch ist es notwendig, daß ich ihn verstehe. Niemand kennt den wirklichen Georg Iwanowitsch, denn er verbirgt sich vor uns allen. Es ist nutzlos, wenn wir versuchen, ihn zu kennen, und ich weigere mich, mich an irgendeiner Diskussion über ihn zu beteiligen (Bennett). Als Ouspensky schließlich im August 1921 nach London ab reiste, tat er das allein. Madame Ouspensky und ihre ganze Familie blie­ ben bei Gurdjieff. Praktisch zur selben Zeit wurden die deutschen Visa erteilt, und das auch keinen Augenblick zu früh! In Pera war der Run auf Homburger passe, und täglich wurden mehr Feze getragen. Ver­ schiedene Anzeichen signalisierten Gurdjieff ein bedrohliches Wiederaufleben türkischer Fremdenfeindlichkeit. «Da die Wich164

rigtuerei der Jungtürken einen besonderen Geruch anzunehmen begann, beschloß ich ... mit meinen Leuten so schnell wie mög­ lich, und noch mit heiler Haut, zu verschwinden.» Eilig brachte er die erforderlichen Geldmittel zusammen. Es gelang ihm, das vor einem Jahr als Honorar für die Heilung eines griechischen Quar­ talssäufers übereignete und von den Behörden requirierte Schiff zurückzuerhalten und günstig zu verkaufen. Von einer ungehalte­ nen Madame Stjoernval borgte er ein Paar sehr wertvoller Ohr­ ringe und verpfändete sie. Und einen bescheidenen Beitrag holte er aus Thomas de Hartmann heraus. Am Sonntag, den 13. August 1921, versammelte er seine Leute am Bahnhof. Auf dem glühendheißen Bahnsteig kaufte er von einem Straßenhändler einen Sack Bärenfleisch: «Vielen Dank, Thomas. Dank Ihrer Hilfe konnte ich dieses Fleisch für unsere Reise kaufen.» Und dann, nachdem er mißbilligend daran gero­ chen hatte, warf er es weg. Übertönt vom Stimmengewirr der Menge, bestieg das Institut zur harmonischen Entwicklung des Menschen wieder einmal einen Zug. Die Lokomotive ließ ihr gel­ lendes Pfeifen ertönen, die Räder zogen an, und ein Magier - die Geschichte mag entscheiden, ob ein weißer oder ein schwarzer macht sich in einem verriegelten Güterwagen auf den Weg nach Westen.

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10 Gurdjieff wechselt die Züge
(August 1921 - September 1922)

Stunde um Stunde saßen Gurdjieff und Madame Ostrowska mit gekreuzten Beinen auf dem Boden des Güterwagens, bis sie am zweiten Abend nahe Sofia auf ein Nebengleis rangiert wurden. Auf Drängen Gurdjieffs erklomm seine erschöpfte Begleitung einen nahen Berghang und verbrachte die Nacht im Walde - ein letztes Kampieren im Freien unter den «unvergänglichen» Sternen. Mit Ausnahme des Ehepaars Stjoernval, das sich auf dem Weg nach Finnland befand, um dort seine Besitztümer flüssig zu machen, war die ganze Kernmannschaft um das Lagerfeuer versammelt. Nach einem weiteren Tag Fahrt im Güterwagen kamen sie tod­ müde in der serbischen Hauptstadt an, wo die Eisenbahnpolizei ih­ nen zurief: «Ihr Russen, weg von hier! Zutritt nach Belgrad ist ver­ boten. Geht woanders hin!» (de Hartmann). Mit Hilfe des russischen Konsuls, den Lili Galumnian vorab informiert hatte, wurden Gurdjieff und seine Leute dann doch in einem Hotel un­ tergebracht und am folgenden Morgen in einen deutschen Eisen­ bahnwagen zweiter Klasse verfrachtet. «Es ist unmöglich, das Ge­ fühl absoluter Sicherheit begreifbar zu machen, mit dem er sich seinen Weg durch die von Krieg und Revolution verwüsteten Län­ der bahnte» (Bennett, Gurdjieff). Einige freie Tage in Budapest mit seinen interessanten Museen und dem weltberühmten Wiener Cafe - widmete Gurdjieff ärgerlicherweise dem Kauf von Nadeln und Garnen. Dann bestieg die Gruppe erneut einen Zug und durchquerte langsam die Tschechoslowakei und Deutschland, bis sie am 22. August endlich Berlin erreichte - jenes Berlin der legen­
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dären Zwanziger Jahre, hektisch, verzweifelt, avantgardistisch, ir­ rational und revolutionär zugleich. Gurdjieff kannte kein einziges deutsches Wort, außer nicht. Er bewegte sich in der neuen Umgebung jedoch bedächtig und mit wachsendem Ansehen. Seine grundlegenden Bedürfnisse (eine Wohnung, ein Übungsraum für die «Bewegungen» und ein ange­ nehmes Cafehaus) waren seinerzeit in Tiflis und in Pera befriedigt worden, und auch in Berlin war das nicht weiter schwierig. Nach­ dem er selbst Unterkunft bei gastlichen russischen Freunden ge­ funden haue, mietete er einen Saal in dem angenehmen Vorort Schmargendorf. Oft konnte man ihn beobachten, wie er den Kur­ fürstendamm entlangspazierte, um zu seinem Lieblingstisch im Romanischen Cafe zu gelangen. Am Donnerstag, den 24. November 1921, hielt er seine Einfüh­ rungsvorlesung in Europa. Da er bemerkt hatte, daß Alexandre Salzmann zahlreiche Prominente aus der Theaterwelt geladen hatte, leitete der «Lehrer des Tanzes» sein Thema von der Verskla­ vung und Befreiung des Menschen mit Begriffen aus seinem soma­ lischen Repertoire ein: Ihre normale Körperhaltung zielt darauf, eine bestimmte Rolle darzustellen — etwa die eines Mädchens. Doch nun müssen Sie eine Gräfin spielen. Eine Gräfin steht und geht ganz anders. In einer guten Schauspielschule bringt man Ihnen, sagen wir, zwei­ hundert verschiedene Körperhaltungen bei. Für eine Gräfin sind die charakteristischen Haltungen vielleicht die Nummern 14, 68, 101 und 142 ... Der Vortragende selbst beherrschte wie kein anderer das charakte­ ristische Verhalten eines esoterischen Lehrers - als «Autorität für Verhaltensweisen einer Gräfin» überrascht er allerdings. Doch ob­ wohl Gurdjieff im Prinzip mit dieser Gesellschaftsschicht nicht vertraut war, hatte er in Olga de Hartmann - wenn auch keine Gräfin, so doch aus einer der vornehmsten Familien Rußlands kommend - ein würdiges Rollenmodell. Und es fehlte auch nicht an Versuchen der de Hartmanns, ihn in diese Kreise einzuführen. Deren Freunde, Graf Walwitz und Fürstin Gagarin, schickten
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Gurdjieff eine gedruckte Einladung, mit der sie um das Vergnügen seiner Gesellschaft bei einem Dinner auf ihrem Schloß nahe Dres­ den baten. Sowohl Thomas als auch Olga befürchteten, ihr unbe­ rechenbarer Lehrer könnte sie dorthin in seiner Rolle als «Tifon der Schmuddlige» begleiten. Ihre Sorge - die sich noch steigerte, als sie am Bahnhof von einem Sechsspänner mit vier Kutschern in purpurfarbener Livree abgeholt wurden - erreichte ihren Höhe­ punkt während des aus mehreren Gängen bestehenden Essens, bei dem hinter jedem Stuhl ein Kellner stand. Großer Gott! Was wäre, wenn Gurdjieff jetzt absichtlich rülpsen, sich über den Preis von Bärenfleisch beklagen oder sagen würde: «'Warum stehen diese Idioten hinter mir?» Aber es kam zu keinem derartigen Fiasko: «Angesichts des sehr zeremoniellen Empfangs betrug Gurdjieff sich, als sei er an einem fürstlichen Hof geboren. Der Graf und die Fürstin Gagarm waren entzückt von ihm, vor allem die Fürstin.» Dennoch bemühte Gurdjieff sich dabei nicht um neue Verbindun­ gen. Der einzige Adel, der für ihn Bedeutung besaß, war ein Adel des Seins. Mehr und mehr rückte nun Olga de Hartmann in den Vorder­ grund. Sie war es, die nun jeden Tag damit verbrachte, mit Gurdjieff im Romanischen Cafe zu sitzen und Tee zu trinken. Da sie fünf Sprachen beherrschte, übernahm sie mit selbstverständlicher Kompetenz die Rolle der Dolmetscherin und vertrauten Sekretärin ihres Meisters. Gurdjieff war jetzt fünfundfünfzig Jahre alt, aber im Dienste eines höheren Zieles wird er Schüler seiner Schülerin: Er will Englisch lernen. Und was will er in Deutschland außerdem? Ich bin sicher, daß bei unserer Ankunft in Berlin selbst Herr Gurdjieff nicht wußte, was dort geschehen würde und in welche Richtung wir unsere Bemühungen lenken sollten. Er wartete stets auf den richtigen Augenblick für den nächsten Schritt (de Hartmann). Wir wissen, daß er durch Deutschland reiste und Orte miteinander verglich, die für sein Institut in Frage kommen könnten. Er scheint sogar eine kleine Gruppe in der Nähe von München gegründet zu haben, doch genaueres ist uns nicht darüber bekannt.
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Der Winter war gekommen und ein eiskalter Wind fegte über den gefrorenen Wannsee, als Gurdjieff Berlin mit den Salzmanns verließ, um Hellerau zu inspizieren. Während die Straßenbahn langsam aus Dresden herausfuhr, sah er im Süden und Südosten das Erzgebirge und die Sächsische Schweiz von dickem Schnee be­ deckt, und auch Helleraus Gebäude selbst waren weiß gepudert. Der Hauptgegenstand von Gurdjieffs Interesse - die von Kolon­ naden umgebene Bildungsanstalt - wirkte wie ein gottesfürchtiges greco-teutonisches Mausoleum, streng und rational, Klassizismus in Reinkultur. Sonderbarerweise scheint Gurdjieff sich darin ver­ liebt zu haben. Sich in etwas zu verlieben, bedeutet nicht zwangsläufig, es auch zu besitzen. Als Jaques-Dalcroze 1915 nach Genf abgereist war, geriet die Anstalt unter die treuhänderische Verwaltung von Wolf und Harald Dohm, die vor allem auch ihre Hauptmäzene waren. Doch durch die verschiedensten Miet- und Untennietverträge, die die philantropischen Brüder zugelassen hauen, war im Laufe der Jahre ein heilloses Durcheinander an Zuständigkeiten und Rechts­ titeln entstanden. Wie Wolf war Harald ein Mensch, den man leicht dazu bringen konnte, etwas herzugeben, ein Mann mit dem geradezu gefährli­ chen Hang zu helfen. Aber wie stünde es dann, so fragte er schwach, als Gurdjieff das Gelände für sich reklamierte, um die schon bestehenden Ansprüche der anderen Mieter? «Die spielen keine Rolle», erwiderte Gurdjieff, «meine Arbeit ist unendlich wichtiger» (Neill). Ob er nun durch den Anblick Gurdjieffs oder den entscheidenden Brief von Dalcroze überzeugt wurde — Dohm stimmte zu, und Hellerau sollte den Besitzer wechseln. Das ließen sich die anderen natürlich nicht so einfach gefallen, und Dohm, wie immer ängstlich darauf bedacht, es allen recht zu machen, wechselte plötzlich die Seiten. In dem nun ausgetragenen Rechts­ streit war Gurdjieff juristisch völlig von einem seiner besten Schü­ ler abhängig - Rechtsanwalt Alexej J. Ratschmiljewitsch, ehemals Vorsitzender der St. Petersburger Anwaltskammer, «einem trübse­ lig dreinblickenden, trockenen Typ, der ständig Unheil voraus­ sagte und mit allem und jedem unzufrieden war> (Peters, Boyhood). 169

Im Grunde war es wohl weniger der architektonische Reiz von Hellerau, der Gurdjieff so anzog, als sein «Geist»: Der Name Hel­ lerau hatte in ganz Europa einen guten Klang - Shaw, Nijinski und Stanislawski waren fasziniert gewesen von diesem Tempel der «progressiven Bewegung». Haue Gurdjieff im Jahre 1922 Hellerau wirklich «vereinnahmt», dann hätte der überzeugte Traditionalist, der immer behauptete, es gäbe keinen Fortschritt, seinen Ruf «Wa­ chet auf!« direkt vom Traumbunker der avantgardistischen Intelligenzija erschallen lassen können. Es sollte jedoch nicht so kommen. Etwa zu Neujahr wurde Gurdjieffs Aufmerksamkeit abrupt von London beansprucht. Es ließ sich nicht leugnen - Ouspenskys Briefen an seine Frau war es deutlich zu entnehmen -, daß der ehemalige Schüler in England einige Erfolge zu verzeichnen hatte. Ein Jammer, daß eine so ehrli­ che Woge der Begeisterung, stärker noch als die in Deutschland, nur von einem so trockenen Lehrer wie Ouspensky befriedigt wer­ den sollte, daß die Heiligen Tänze nicht gelehrt und die Theorie über die Praxis siegen sollte. Und das war noch nicht alles. Zwi­ schen den Zeilen konnte man eine Geschichte des Abfalls von der reinen Lehre lesen. Ouspensky hatte von der schwarzen Tafel der Erinnerung die Jahre 1915 und 1916 gelöscht und statt dessen «seine eigene Synthese und Studienmethode und von ihm weiter­ entwickelte Praxis» in den Vordergrund gestellt. Auch wenn er nicht ausdrücklich seine Dankesschuld gegenüber Gurdjieff leug­ nete, so war er doch ein Meister im sparsamen Umgang mit der Wahrheit. Diese siegte dennoch: Pinder (nach wie vor Gurdjieffs Mann) schickte seinen Freunden einige Charakteranalysen, die an Deut­ lichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Bechhofer-Roberts an­ schauliches und zum rechten Zeitpunkt veröffentlichtes Buch In Denikin's Russia and the Caucasus beschrieb Gurdjieff als einen Magier und Ouspensky als das tragikomische Opfer historischer Umstände. Nach und nach wurden Ouspenskys Schüler auf die eine oder andere Weise auf die wahre Hierarchie aufmerksam. Ihre An­ tennen waren empfangsbereit, sie trafen einander, sie traten in einen Briefwechsel mit Berlin ein - und lange bevor Ouspensky persönlich diese für ihn unangenehme Entwicklung bremsen und
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eindämmen konnte, war er zum Handeln gezwungen. Anfang Fe­ bruar rief er seine Schüler zusammen, holte aus seiner Brusttasche einen Zettel, hielt ihn dicht vor seine Nase und verkündete mit emotionsloser Stimme, Georg Iwanowitsch Gurdjieff werde in Kürze London besuchen. Man kann sich vorstellen, in welchem Aufruhr seine persönlichen Gefühle waren: Aller Ärger, alle Schwierigkeiten, mit denen er in Essentuki und in Konstantinopel zu tun haue, würden mit Gurdjieff wieder gegenwärtig sein! Um die Wahrheit zu sagen: Sie waren schon da, bevor der Zug über­ haupt ankam. Denn eines scheint außer Frage zu stehen: Ouspenskys starkes Beharren auf seinem «Revier» und seine Ungeduld, eine «Lizenz» für sein exklusives Werk zu besitzen, hatten über sei­ nen Wunsch gesiegt, noch irgend etwas von seinem einstigen Mei­ ster zu lernen. Mit vierundvierzig Jahren war er schließlich das ge­ worden, was Gurdjieff einen «aufgeklärten Idioten» nannte. Gurdjieff war am Montag, den 13. Februar 1922, in West Kensington. Der Theosophische Saal in Nr. 3 8 Warwick Gardens billig zu mieten und nur fünf Minuten von der Gwendwr Road, wo Ouspensky wohnte, entfernt, mit einem Eingang, der durch einen schattigen Weißdombusch getarnt war - hatte sich als idealer Ort für Ouspenskys Veranstaltungen erwiesen. An jenem Montag saß ein Teil von Londons intellektueller Elite auf den recht unbeque­ men Stühlen dieses Saales, um Ouspenskys geheimnisvollen Lehrer zu hören. Nie zuvor haue Gurdjieff vor einer derart konzentrierten Aus­ wahl des kulturellen Establishments gesprochen. Anwesend waren Rowland Kenney, einstiger Herausgeber des Daily Herald, Clifford Sharp, Herausgeber des New Statesman, und Alfred Richard Orage, Herausgeber des New Age. Aus der Welt der «Psychosynthese» waren erschienen Dr. J. A. M. Alcock, Dr. Mary Bell und zwei ehemalige Freunde von C. G. Jung, nämlich Dr. Maurice Nicoll und Dr. James Carruthers Young. Mitten in der ersten Reihe saß Mary Lilian, Lady Rothermere, die energische Gattin des Vis­ count Rothermere und Schwägerin von Lord Northcliffe — Män­ ner, die zusammen die meisten Zeitungen in England kontrollier­ ten. Eric Graham Forbes Adam, Lord Curzons brillanter junger Schützling, und der Multimillionär Ralph Philipson, samt Frau
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Maya, vervollständigten das Tableau. Erwartungsvoll und still harrten sie der Dinge, die da kommen sollten. Schließlich betraten vier Leute das Podium: Ouspensky, Finder, Olga de Hartmann ... und Gurdjieff. Über Gurdjieffs Auftritt wurden ziemlich bissige Berichte ge­ schrieben: «Sein kahlrasierter Tatarenschädel, der einer Novelle von Gogol entsprungen zu sein scheint, enthält... ein Chaos von Kräften, die nicht einmal erahnt werden können» (Merlin). Auch sein ungewöhnliches Verhalten und sein durchdringender Blick wurden registriert. Die schöne und blaße Olga de Hartmann über­ setzte seinen auf russisch gehaltenen Vortrag, konnte jedoch kaum die Wärme und das Timbre seiner Stimme in die kruden Laute der englischen Sprache hinüberretten. Man muß sich fragen, ob sie überhaupt seine Gedanken «rüberbringen» konnte. Für Gurdjieff persönlich war Englisch eine lärmende säkulare Sprache, die sich bestenfalls dazu eignete, «über das Thema australisches Gefrier­ fleisch oder eben mal die indische Frage zu diskutieren». Auf jeden Fall hielt er seinen Vertrag «Der Mensch als plurales Wesen», wo­ bei er sich dessen bewußt war, daß seine Idee von den multiplen Ichs jedes Menschen bereits von seinem Schüler verbreitet worden war. Worum es jetzt ging, war, deren Wahrheit zu vermitteln, ihre unmittelbare Bedeutung, ihre existentielle Relevanz. «Sie sind eine Maschine», übersetzte Olga schroff, «und äußere Gegebenheiten bestimmen Ihre Handlungen unabhängig von Ihren Wünschen. Damit will ich nicht sagen, daß niemand seine Handlungen kon­ trollieren kann. Ich sage nur. Sie können es nicht, weil Sie als Mensch gespalten sind.» Ruhten Gurdjieffs Augen in diesem Au­ genblick kurz auf Ouspensky - auf dem Ouspensky, der mit sei­ nem Hin- und Herschwanken und seiner Ambivalenz seit Essentuki offenbar die Verkörperung fragmentierter Zielsetzungen geworden war? Drei oder vier Absätze des Vertrags von Gurdjieff, fünf oder zehn Minuten seiner Anwesenheit auf dem Podium, und schon er­ schien die Möglichkeit seiner dauernden Übersiedlung Ouspensky und seinen Schülern ein brennendes Thema - wenn auch mit un­ terschiedlichen Vorzeichen. Sie bemühten sich, den Vortrag zu de­ chiffrieren: 172

In London bin ich stets gereizt, das Wetter und das Klima neh­ men mir die Arbeitslust und machen mich schlecht gelaunt, wäh­ rend ich in Indien stets guter Laune bin. Daher sagt mir mein Verstand, ich sollte eigentlich nach Indien gehen und meine Reizbarkeit loswerden. In London kann ich jedoch arbeiten, in den Tropen nicht so gut. Was, um Himmels willen, sollte das alles besagen? Einige der nach­ denklichsten Köpfe Englands lehnten sich gegen die purpurfar­ bene Tapete (und ließen dort Flecken von Haaröl zurück, die noch nach zehn Jahren Anlaß zu Ärger gaben). Oben auf dem Podium kam Gurdjieff zu seinem Finale: Sie müssen einen Lehrer finden. Nur Sie allein können entschei­ den, was Sie tun wollen. Suchen Sie in Ihrem Herzen, was Sie am meisten wünschen, und wenn Sie fähig sind, es zu tun, dann werden Sie auch wissen, was Sie zu tun haben. Denken Sie gut darüber nach, und dann gehen Sie ans Werk. Zumindest Orage hatte sein Herz bereits erforscht und es verän­ dert gefunden: «Nach Gurdjieffs erstem Besuch bei Ouspenskys Gruppe wußte ich, daß Gurdjieff der Lehrer war> (Nott). Dieser Feststellung kommt beträchtliche Bedeutung zu: In dem Augenblick, in dem Ouspensky den Taktstock fallen läßt, wird die­ ser von einer neuen und starken Hand ergriffen. Alfred Richard Orage war ein ungewöhnlicher Mensch, dem es bestimmt war, eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Gurdjieffs Ideen zu spielen - eine Aufgabe, für die er durch seine vielfältigen Begabun­ gen geradezu prädestiniert schien. Er besaß Charisma, intellektu­ elle Männlichkeit, eine magnetische «Aura» und eine begnadete Argumentationsfähigkeit. Von seinem winzigen und überaus un­ ordentlichen Büro in der Cursitor Street 38 aus hatte Orage seit 1907 einen außerordentlichen Einfluß auf das kulturelle Leben in England ausgeübt. Er war Besitzer, leitender Geschäftsführer und innovativer Herausgeber der Wochenzeitschrift New Age, gern gesehen bei literarischen und politischen Debatten. Er kannte alle ranghohen Persönlichkeiten und die Stories hinter den Stories; er
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kannte die Literatur über Politik und die Politik der Literatur, die urbane Maske und die schäbige Rückseite eines Dutzends philoso­ phischer und künstlerischer «Ismen». Wenn er im ABC-Selbstbedienungs-Cafe in der Chancery Lane über einer großen Tasse Kaf­ fee und einem Stück Pflaumenkuchen brütete, hätte man Orage für einen Menschen halten können, der sich mit den Wertvorstel­ lungen, den Themen und der hektischen Flachheit der 1920er Jahre abgefunden hatte . . . aber dem war nicht so. Als junger Mann war Orage schlank, dunkelhaarig, sportlich und allseits beliebt gewesen, und selbst jetzt, in seinem fünfzigsten Jahr, besaß der inzwischen stämmige und breitschultrige Mann noch ungeheuer viel Charme. «Seine Augen waren haselnußbraun, lebhaft und herausfordernd, und in Augenblicken der Erregung schienen sie einen roten Schimmer auszustrahlen» (Nott; Gurdj i e f f ) . Während er die Pflaumen verzehrte, schwang sich seine Phantasie wie eine Lerche empor zu den Höhen antiker Weisheit: zu Sokrates (den er besonders verehrte); zu Plato, Pantanjali, Tho­ mas von Aquin und den Repräsentanten der hermetischen Litera­ tur. Jahrelang hatte er an seiner persönlichen Entwicklung gearbei­ tet, nur um dabei zu erkennen, wie die Kluft zwischen Hoffnung und Wirklichkeit immer größer wurde. Er rezitierte das Mantra: «Heller als die Sonne, reiner als der Schnee, feiner als die Luft ist das Selbst, der Geist in meinem Herzen. Ich bin dieses Selbst, die­ ses Selbst bin ich» (Muir). Seine Ehe war gescheitert; seine Geliebte Beatrice Hastings hatte ihn verlassen, und die vielen idealistischen Aufgaben, denen er sich widmete, waren oft kläglich gescheitert. Doch weigerte er sich aufzugeben: Er war fest davon überzeugt, daß es hinter den Erkenntnissen, die berühmten Propheten und Philosophen geschenkt worden waren, ein geheimes Wissen gibt. Um dieses Wissen und die mit ihm verbundene intellektuelle und spirituelle Kraft zu erlangen, war er bereit, alles zu opfern und jede erdenkliche Mühe auf sich zu nehmen, wie demütigend, erschöpfend oder abstrus das auch sein mochte (Muir). Er war zum Vortrag Gurdjieffs gekommen und hatte die beiden 174

wesentlichen Voraussetzungen mitgebracht: ehrliches Streben nach Erkenntnis und das Gefühl, daß sein augenblickliches Leben unerträglich war. Obwohl das Schicksal Orage eine einzigartige Rolle vorbehalten hatte, wurde er dahin von einer allgemeinen Welle der Begeiste­ rung für Gurdjieff getragen, die über der Londoner Gruppe nach dessen ersten Besuch zusammenschlug. Es war eine Begeisterung, die alles veränderte und Ouspensky und dessen adlige Schüler so­ wie Gurdjieff selbst in ein Dilemma stürzte. Gurdjieff mußte wei­ terhin an Deutschland und sein Dresdner Gerichtsverfahren den­ ken. Ouspenksy, «der Mann, der gerne König gewesen wäre», sah sich plötzlich von Entthronung bedroht. Einige Schüler wünschten naiv, gleich zwei Meistern dienen zu dürfen, doch war keiner von ihnen solch ein Tölpel, daß er nicht die untergründige Spannung zwischen Ouspensky und seinem Lehrer erkannt hätte. Alles war auf das schmerzlichste in Frage gestellt. Gurdjieffs zweiter Besuch in London - der dann auch sein letz­ ter sein sollte - fand im März statt. Er scheint gegenüber Ouspensky in einer Atmosphäre frostiger Höflichkeit begonnen zu haben, eskalierte dann zu einem freimütigen und groben Wort­ wechsel und endete mit einem kleinen coup de theatre. Die beiden sprachen russisch miteinander, und in dieser Sprache forderte Gurdjieff von seinem außergewöhnlichen Schüler Rechenschaft. Die genauen Worte sind uns nicht überliefert, doch verfügen wir dank Pinder über ihren wesentlichen Gehalt: Obwohl Ouspensky die Theorie beherrsche, seien die Gruppen, die er in Ekaterinodar, Rostow, Konstantinopel und jetzt in London gegründet hatte, nicht von Gurdjieff autorisiert und weitgehend unorganisiert. Ouspensky stehe es natürlich vollkommen frei, seine eigenen theosophischen oder philosophischen Vorstellungen zu verbreiten, doch habe er weder das Mandat noch die Qualifikation, Gurdjieffs Lehre in all ihren komplementären Modalitäten zu vermitteln. Ouspensky habe schließlich nur drei Jahre lang direkten Kontakt zu seinem Lehrer gehabt, verstehe nichts von Musik, besitze nur einen flüchtigen Eindruck von den Heiligen Tänzen. Schließlich fehle es ihm an der wesentlichen menschlichen Wärme, um seine Schüler gegenüber dem freudlosen ideologischen Klima des «Systems» zu
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immunisieren. Dazu kam noch das Problem der persönlichen Wei­ terentwicklung. Wünschte Ouspensky tatsächlich, sich das Werk Gurdjieffs in seiner Essenz anzueignen, dann müsse er (wie seine Frau) jede Absicht des Lehrens aufschieben und sich wieder als Schüler einordnen. Dieser Rat war ein Stärkungsmittel, jedoch mit einem so bitteren Geschmack, daß Ouspensky es wohl kaum schlucken konnte. Die beiden Männer waren also bereits einander entfremdete Partner, als sie am 15. März vor einem erwartungsvollen Publikum gemeinsam das Podium in Warwick Gardens bestiegen. Orage stellte die Frage (die seine fundamentale Frage bleiben sollte), wie man eine radikale Transformation des Seins erreichen könne. Gurdjieffs anschließender Vortrag galt dem Thema «Wesen und Persönlichkeit». Es ist verständlich, wenn man darin einige ver­ schlüsselte Anspielungen auf Ouspensky vermutet. Normale menschliche Wesen sind die Ausnahme. Fast jeder be­ sitzt nur das Wesen eines Kindes. Es ist aber natürlich, wenn das Wesentliche eines erwachsenen Menschen ein Kind sein sollte. Deswegen bleibt er unter der Oberfläche schüchtern und ängst­ lich. Das ist so, weil er im Grunde weiß, daß er nicht der ist, der zu sein er vorgibt; doch kann er nicht verstehen, warum das so ist (Bennett, Gurdjieff). An dieser Stelle intervenierte Ouspensky mit der Behauptung, die Übersetzung sei schief. Gurdjieff erklärte jedoch mit Nachdruck: «Pinder ist mein Übersetzer, nicht Sie», und wiederholte provozie­ rend seine private Kritik coram publico; bis zu seinem Tode konnte Ouspensky «niemals vergessen, wie Gurdjieff ihn vor allen seinen Schülern attackierte» (Nott, Joumey). Aus dem Publikum fragte jemand besänftigend, wie es denn wäre, wenn jemand im Wesen bewußt sei. «Dann wäre alles lebendiger» (Pogson), antwortete Gurdjieff kurz und bündig, erhob sich und verließ mit Pinder den Saal. Auf der Rückreise nach Deutschland meinte Gurdjieff: «Jetzt werden die sich einen Lehrer wählen müssen» (Nott, Joumey). Zum großen Ärger Ouspenskys entschied sich praktisch jeder, der von Bedeutung war, für Gurdjieff. Es wurde zum brennenden
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Problem dieser Eeute, wie man ihn für dauernd nach England ho­ len könnte. Eady Rothermere erbot sich, ihm ihr prächtiges Studio in der Circus Road, St. Johns' Wood, zur Verfügung zu stellen, Ralph Philipson erklärte sich bereit, beträchtliche Geldmittel zu spenden. Und Orage wollte für die entsprechende Publizität sor­ gen. Ouspensky selbst beschloß düster, nach Paris oder Amerika zu gehen, sollte Gurdjieffs Institut wirklich nach London übersie­ deln . . . aber würde es denn? Zwei Hindernisse ließen die Befür­ worter besorgt dreinschauen und gaben Ouspenskys Hoffnung Nahrung: Konnte Gurdjieff tatsächlich überredet werden, nach England zu kommen? Würde das Innenministerium ihn einreisen lassen? Es war geradezu eine Ironie, daß die Ouspensky-Gruppe nun mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln darauf hinarbeitete, Gurdjieffs Visaproblem zu lösen. Vor Harley Street Nr. 86 hielt ein Taxi, dem die pickwicksche Gestalt des Dr. Maurice Nicoll ent­ stieg, um mit atemloser Geschwindigkeit seinen Freund und Kolle­ gen Kenneth Walker zu bedrängen: «In zwanzig Minuten hat man für uns ein Gespräch mit dem Innenminister arrangiert, und ich haue Sie gern als Mitglied der Delegation dabei.» Dr. Walker, der einen steilen Aufstieg in seinem Beruf vor sich haue und bald Pro­ fessor für Chirurgie am Royal College werden sollte, zeigte sich solidarisch: Eine halbe Stunde später war ich damit beschäftigt, einem ge­ langweilten Innenminister zu erläutern, wie wesentlich es für das Wohlergehen der britischen medizinischen Wissenschaft wäre, wenn Gurdjieff (der für mich nur ein Name war) die Genehmi­ gung erhielte, sich in England niederzulassen. Der damalige Innenminister Edward Shortt war ein schwerfälliger Typ und sehr rasch gelangweilt. Er gähnte. Er verschleppte. Er wollte Erkundigungen einziehen. Er wollte Erkundigungen einzie­ hen lassen. Selbst heute, in der Rückschau, fällt es schwer, die wirklich ent­ scheidenden Faktoren in dieser Angelegenheit zu erkennen. Si­ cherlich machten die Unterstützung durch Lady Rothermere und
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die persönliche Beachtung, die der Innenminister diesem Mann schenkte, Gurdjieff zu einem Sonderfall. Weder die allgemeinen Quotenbeschränkungen für weißrussische Emigranten noch die herrschende Furcht vor dem Virus Bolschewismus lieferten ausrei­ chende Gründe für die Einreiseverweigerung. Gurdjieffs aufre­ gende Personalakte lief routinemäßig durch das Labyrinth von Whitehall und wurde ebenso routinemäßig ans Außenministerium weitergeleitet - in dem Eric Graham Forbes Adam ein Star war und Rowland Kenney der Abteilung Politischer Geheimdienst ange­ hörte. Man kam zu der Ansicht, Gurdjieff sei kein Bolschewik. Er sei im Gegenteil vor dem Bolschewismus geflohen und habe Be­ richten nach Lenin und Trotzki als gefährliche und gewissenlose Brandstifter bezeichnet. Leider besaßen diese Gruppen keinen Einfluß im Indien-Ministerium, wo das alte Gurdjieff-Klischee (verstärkt durch das negativ urteilende Telegramm General Milnes aus Neu-Delhi), das Bild eines unverbesserlichen Gegners briti­ scher Interessen in Tibet, in den Köpfen festsaß. Natürlich wünschte niemand, sich die Rothermeres zu Feinden zu machen, doch was konnte man tun? Von einer bürokratischen Ebene zur nächsten wurde der ganze Fall wieder aufgerollt, bis er auf dem Schreibtisch von Edward Shortt landete - einem Minister, den tau­ send wichtigere Angelegenheiten beschäftigten als Gurdjieffs tat­ sächlicher oder hypothetischer Beitrag «zum Wohle der britischen medizinischen Wissenschaft». Der Antragsteller selbst war inzwischen wieder in Berlin. Seine Zukunft war problematisch - seine Anhänger waren geographisch zerstreut und seine Aufmerksamkeit aufgeteilt zwischen Ballett­ proben, juristischen Manövern und dem Entwerfen eines dritten Werbeprospekts. Angesichts der dringenden Notwendigkeit, Gurdjieffs Position zu stärken, war sein neuer werbender Prospekt extravagant in Ton und Inhalt. Der Leiter des Instituts zur harmo­ nischen Entwicklung des Menschen rief - ungeachtet seiner be­ deutenden psychologischen und ökologischen Erkenntnisse - be­ wußt den Eindruck hervor, daß er nicht richtig zu rechnen verstand. So meinte beispielsweise Dr. Kenneth Macfarlane Wal­ ker, Gurdjieff habe seine beachtliche medizinische Reputation für Gott weiß was aufs Spiel gesetzt:
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In der Hauptabteilung des Instituts wurden die modernsten Ap­ parate und Instrumente eingebaut, eine Sammlung, die reichhal­ tiger ist, als alles, was es bisher auf Erden gegeben hat, wenn wir es so betrachten, daß hier an einem Ort «physiometrische» und «chemo-analytische» wie auch «psycho-experimentelle» Labors versammelt sind .. . (Bechhofer-Roberts, Century Magazine). Das gleichzeitige Erscheinen der englischen, deutschen und fran­ zösischen Ausgabe dieses Werbeprospekts läßt erkennen, wie ge­ fährdet Gurdjieffs Position im Frühling und Frühsommer des Jah­ res 1922 war. Die Inflation hatte ein surrealistisches Niveau erreicht, und allein seine Gerichtskosten konnten mehrere Milliar­ den Mark betragen. Mit melancholischer Befriedigung meldete Ratschmiljewitsch, Harold Dohm habe überzeugend dargestellt, daß Gurdjieff ihn seinerzeit hypnotisiert hätte. Gott allein wisse, wie die Angelegenheit ausgehen würde! Die Sache endete im Juni: Dohm gewann seinen Prozeß, und Gurdjieff verlor ihn. Das Gerichtsurteil in Dresden schlug die Tür endgültig zu, während der schlaue Edward Shortt in London end­ lich die Lösung seines Problems gefunden hatte: Der gesamten An­ hängerschaft wurde die Einreise untersagt, doch wurde signali­ siert, Gurdjieff allein dürfe sehr wohl nach England kommen. Mit einem brillanten Streich wurden die Rothermeres entwaffnet und Gurdjieff dennoch wirksam ausgeschlossen - niemals würde er die ihm treu ergebene russische Kernmannschaft sich selbst überlas­ sen. Verständlicherweise fühlte er sich erleichtert. Erste Erfahrun­ gen mit dem barbarischen Essen, dem Reizklima und der bestürzenden Inselmentalität hatten nach und nach seine Begeisterung für London erlahmen lassen. Wie zuvor die von Konstantinopel, neigte sich nun die deutsche Episode ihrem Ende entgegen: Er hatte keine neuen Schüler ge­ winnen können, seine finanziellen Mittel waren erschöpft - was also sollte er tun, wohin sollte er sich wenden? Der Mythos schrieb gewissermaßen vor, daß Gurdjieff den Zug nach Frankreich nahm - nach Paris, der «Hauptstadt der Welt», und vernünftige Gründe gab es dafür natürlich auch: Die französische Landschaft, auf die er während der Reise nach England einen
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kurzen Blick werfen konnte, hatte ihn entzückt. Die französische Volkswirtschaft war im Gegensatz zur deutschen sehr robust; und die zentrale geographische Lage des Landes machte Frankreich zu einem wünschenswerten «Kreuzweg aller Rassen und Nationalitä­ ten unserer Erde». Doch wie sollte er diese letzte Grenze überwin­ den? Der offizielle Gurdjieff des Jahres 1922 war nur ein Flüchtling, ein aus seinem Lande vertriebener Mensch, dessen Nansen-Paß ihm nur wenig nützte. (Durch Erlaß des Obersten Sowjets vom November und De­ zember 1921, wurde Gurdjieff als antibolschewistischer Emigrant offiziell staatenlos. Im Sommer 1922 führte Dr. Fridtjof Nansen, Hochkommissar des Völkerbundes für russische Flüchtlinge, sei­ nen mit eingeschränkten Rechten ausgestatteten Paß ein. Dieses Dokument mußte jährlich gegen eine Gebühr von 25 Francs er­ neuert werden und verlieh Gurdjieff eine international anerkannte Identität sowie die Erlaubnis, nach Erhalt der erforderlichen Visa nationale Grenzen zu überqueren. Trotzdem lastete über Gurdjieffs ganzem Aufenthalt in Frankreich die Gefahr der Ausweisung und über seinen neun Kurzbesuchen in Amerika die Sorge, daß man ihm kein Rückkehrvisum nach Frankreich ausstellen könnte.) «Man sollte hinzufügen», schreibt ein besonders phantasievoller Kommentator, «daß er wegen seiner Dienste, die er Frankreich während des Krieges in Indien und Kleinasien erwiesen haue, un­ ter dem persönlichen Schutz von Premierminister Poincare stand, der ihm höchstpersönlich die Genehmigung erteilte, sich in Frank­ reich niederzulassen» (Pauwels). Tatsächlich jedoch muß man Gurdjieff als einen der Tausenden von Vertriebenen sehen, die Pa­ ris zur «Hauptstadt der Exilrussen» gemacht haben. Auf jeden Fall traf Georg Iwanowitsch Gurdjieff am französischen Nationalfei­ ertag, am 14. Juli, in Paris ein. Mit ihm kamen zwanzig bis dreißig Schüler; er besaß 100.000 Francs, eine Nähmaschine, eine Menge Material, Garne, Nähnadeln, Spulen, Scheren sowie eine Schachtel mit Fingerhüten, die er in Budapest gekauft hatte. Die bescheide­ nen Werkzeuge seiner Revolution waren jetzt an Ort und Stelle. Alexandre Salzmann, der vorausgefahren war, holte ihn am Gare de l'Est ab. Thomas de Hartmann bemühte sich, für ihn einen
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pied-a-terre zu finden, während Olga damit beschäftigt war, ein größeres Landhaus ausfindig zu machen. Thomas entdeckte schnell den perfekten Platz in der Rue Miromesnil - Wohnzim­ mer, Bad, Telefon, separater Eingang - und beeilte sich, Gurdjieff dies mitzuteilen. Er hone mir gleichgültig zu und fragte dann: «Gibt es da einen Gasherd?» Ich hatte nicht daran gedacht, darauf zu achten. Aber wie empörend war es doch, nach einer solchen Belanglosigkeit zu fragen, stau dankbar anzunehmen, was ich gefunden haue. Sobald Gurdjieff sich eingerichtet haue, gab es eine formlose, je­ doch entscheidende Besprechung. Einen Hinweis auf ihre Tages­ ordnung gibt uns die Anwesenheit von Ouspensky und Ralph Philipson im Hotel Solferino und Lady Rothermere im Hotel Westminster. Englisches Geld sollte großzügig fließen, um Gurdjieff in Frankreich fest zu etablieren, wenn Ouspensky dafür in London volle Handlungsfreiheit behielt. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß Gurdjieff in Frankreich und Ouspensky in England tätig werden sollten. Denn Gurdjieffs Humor, sein gesunder Menschenverstand und sein exzentrisches Wesen scheinen so typisch Englisch, während Ouspenskys Logik und Formalismus eher typisch Französisch sind. Paul Dukes, Gurdjieffs erster englischer Schüler, stieß bereits 1913 zu ihm, also fünfundzwanzig Jahre vor jedem Franzosen. Die französische Intelligenzija machte Gurdjieff ständig lächerlich und bezeichnete ihn und seine Schüler als eine «groupe de theosophes absurdes et agites», während viele Briten eine ganze Menge für ihn aufs Spiel setz­ ten. Dr. Maurice Nicoll borgte in Erwartung seiner väterlichen Erbschaft Geld, um Gurdjieff finanziell unter die Arme zu greifen. Mrs. Maya Philipson spendete ein wertvolles Perlenhalsband (das Gurdjieff ihr zurückgab); Dr. James Carruthers Young, getrieben von dem Wunsch, sein Studium der «Psychosynthese» zu begin­ nen, verkaufte seine lukrative Praxis in der Harley Street, nahm die nächste Eisenbahnfähre nach Paris und stolperte in ein Milieu, das ihn, offen gesagt, überraschte. Genauso wie in Tiflis schlug der «Lehrer des Tanzes» auch in
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Paris schnell Kapital aus dem lokalen Interesse für die Eurythmik von Jaques-Dalcroze. Das Dalcroze-Institut in der Rue de Vaugirard war wegen der Sommerferien geschlossen, und Gurdjieff mie­ tete es mit Hilfe seines englischen Schülers Jessmin Howarth, Cho­ reograph an der Pariser Oper, für die Stunden von zehn bis dreizehn Uhr täglich. James Young erschien dort Anfang August und sah, daß die Vorbereitungen für den «Kampf der Magiern) voll im Gange waren: Gurdjieff schnitt die Stoffe sehr geschickt zu, und die Mitglieder der Gruppe mußten nähen, Kulissen bemalen oder bestimmte Muster auf die Stoffe prägen. Es wurden auch Metallomamente für Gegenstände wie Schilder und Gürtel gefertigt. . . Viele an­ dere Dinge wurden hergestellt oder improvisiert, beispielsweise Tanzschuhe und russische Stiefel. . . Alle diese Tätigkeiten wurden mit fieberhafter Eile vorangetrieben und beschäftigten die Leute täglich dreizehn oder vierzehn Stunden, die Übungen mitgerechnet. Das Ganze stand unter dem Motto «Überwinde alle Schwierigkeiten - Bemühe dich nach Kräften - Arbeite!» Dr. Young - von Natur aus kraftvoll, patent, extrovertiert und auf fröhliche "Weise blasphemisch - fühlte sich nichtsdestoweniger in einer mehr oder weniger seltsamen Lage. Die Gesellschaft, in der er sich ziemlich außerhalb seiner persönlichen oder klinischen Er­ fahrung befand, bestand aus Armeniern, Polen, Georgiern und so­ gar einem Syrer . . . einem russischen Baron und dessen Frau sowie einem angeblichen Offizier der zaristischen Leibgarde, der später ein erfolgreicher Taxifahrer in Paris wurde. Er tauschte seinen Londoner Maßanzug ein gegen eine weite weiße Tunika mit dikken roten Borten und Quasten sowie weite Pumphosen in orienta­ lischem Stil. So bekleidet, begann der Doktor sein Studium der «Pflichtübungen» und Heiligen Tänze unter Gurdjieff und dessen starosta, Herrn Mironoff. Beim Erlernen von Körperhaltung «Nr. 19» fand er sich plötzlich in liegender Stellung wie Canovas Statue der Pauline Borghese. Danach - mit gekreuzten Beinen an eine Wand gelehnt sitzend und schwer atmend - beobachtete er vier ältere Schüler, die ein Quartett von Bach sangen und tanzten,
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und zwar in Kostümen in flammendem Rot, tiefem Grün, Indigo­ blau und hellem Rosa. "Was die zugrundeliegende Theorie harmo­ nischer Entwicklung anbetrifft, so ist nicht klar, was Young tat­ sächlich zu hören erwartet haue. Doch hat Gurdjieff sich ganz gewiß sehr deutlich ausgedrückt: Ihr seid alle deformiert. . . Ein Mensch mit einer derart einseiti­ gen Entwicklung hat mehr Wünsche in einer bestimmten Sphäre, Wünsche, die er nicht befriedigen und auf die er gleich­ zeitig nicht verzichten kann. Für diesen Zustand fruchtloser, halbbefriedigter Wünsche kann ich kein passenderes Wort fin­ den als Onanie. Trotz seiner persönlichen Schwierigkeiten und Zweifel blieb James Young fest entschlossen, das Rätsel Gurdjieff selbst in den Griff zu bekommen: «Er war jemand, mit dem man rechnen mußte, ein her­ ausragendes Beispiel im Leben eines Psychologen - ein Mann, des­ sen Rätsel zu lösen ich so weit wie möglich entschlossen war.» Die meisten Bewerber in jenem Sommer hatten so ihre eigenen Vorstellungen, warum sie mitmachen wollten. Viele von ihnen lo­ gierten gemeinsam unter spartanischen äußeren Bedingungen in der Rue Michel-Ange und nahmen für ihre tägliche Arbeit in der Rue de Vaugirard die Straßenbahn ab Auteuil - darunter Miss Rose Mary Cynthia Lillard aus Houston, Texas, eine einundzwan­ zigjährige begeisterte Dalcroze-Schülerin und begabte Pianistin, Gurdjieffs erste amerikanische Schülerin, und Miss Ethel Merston, eine deutsch-portugiesische Jüdin und Prototyp eines englischen Blaustrumpfs: «hochgewachsen, unbestimmbaren Alters, eine kno­ chige, rechteckige Gestalt, auf der so etwas wie ein ungepflegter Dutt aus schütterem, rötlichem Haar saß» (Peters, Boyhood). Schüchtern bat sie darum, Gurdjieff möge sie als Versuchskarnikkel einsetzen. Ich erinnere mich, wie wir beide auf einer Bank am Boulevard de la Madeleine saßen. Er sagte kein Wort, und ich, in dem Be­ wußtsein, von ihm getestet zu werden, schwieg ebenfalls. Ich spürte eine angespannte Atmosphäre; vielleicht überlegte er, ob
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er mich annehmen solle oder nicht. Nach etwa einer halben Stunde stand er auf und sagte: «Kommen Sie.» Nach Jahren der Frustration schien es nun so, als habe Gurdjieff nicht nur die deutsch-französische Grenze überwunden, sondern auch die noch schwierigere zwischen Scheitern und Erfolg. Er ver­ fügte jetzt über eine ausreichende Zahl an Darstellern für eine gut­ durchdachte Aufführung und brauchte nur noch eine passende Bühne. Olga de Hartmann darum zu bitten, eine solche zu finden, war eine kluge Entscheidung. Sie verfügte nicht nur über Ge­ schmack, Geist und Willen, sondern auch über jenes charmant- ar­ rogante Auftreten, das den frechsten Immobilienmakler in die Knie zwang. Sie suchte geduldig, bis sie das Richtige fand. Von der Prieure (Abtei) des Basses Loges war zum erstenmal Mitte August 1922 die Rede, als Olga von ihrer voraussichtlichen Eignung sprach. Ja, sie lag günstig, nur vierzig Meilen von Paris entfernt, im Dorf Avon. Ja, sie war groß genug - in den drei Stock­ werken und zahlreichen Nebenbauten konnten mindestens ein­ hundert Schüler untergebracht werden. Ja, sie besaß auch nutzba­ res Land - 4^ Morgen mit Kiefernbäumen nahe dem «Chateau» selbst und 200 in einer umzäunten Domäne gegenüber dem Forst von Fontainebleau. Ja, sie besaß Atmosphäre - Spiegel im Empire­ stil, mit Eichenholz getäfelte Wände, eine Glas-Orangerie, zwei Springbrunnen, eine atemberaubende Allee von Zitronenbäumen, einen ursprünglich von Andre de Lenötre geschaffenen Garten so­ wie eine lange Vergangenheit voller Frömmigkeit und Skandale. Olgas lebhafte Beschreibung befriedigte Gurdjieff. Obwohl er das Objekt nicht gesehen hatte, autorisierte er sie, den Veitrag abzu­ schließen. Es folgten die üblichen langwierigen Verhandlungen. Es ging dabei um eine Miete von 55000 Francs, voll möbliert, mit einer Kaufoption für 700000 Francs nach Ablauf eines Jahres. Die Besit­ zerin der Prieure, Madame Marguerite Okey Labori, die ihren Mann, den rechtschaffenen Rechtsanwalt Fernand Gustave Gaston Labori (Verteidiger von Dreyfus) verloren hatte, hing ver­ ständlicherweise an ihrem mit so vielen Erinnerungen verbundenen Besitz. Es widersprach ihren Grundsätzen, ihn unbeaufsichtigt
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einem Fremden zu überlassen. Also sollte ihr Gärtner als Aufseher dort bleiben, was für Gurdjieff ganz und gar unannehmbar war. Olga mußte die Dame auf Biegen und Brechen von ihrer Bedin­ gung abbringen. Herr Gurdjieff sagte mir folgendes: «Selbst wenn Sie mit ihr über die banalsten Kleinigkeiten sprechen, sollten Sie in jedem Augenblick an eines denken: Der Gärtner muß weg! Dann wird sie es auch tun.» Ich betrachtete das als eine mir von Gurdjieff aufgetragene Übung und versuchte zu tun, was in meinen Kräf­ ten stand. Nach einer etwa halbstündigen Unterhaltung sagte Madame Labori zu meinem Erstaunen plötzlich: «Also gut, ich werde den Gärtner wegschicken. Ich vertraue Ihnen, daß nichts im Hause beschädigt wird.» Dabei hatte ich es ihr noch gar nicht vorgeschlagen! Mit dieser Zusicherung hatte Gurdjieff festen Boden unter den Fü­ ßen. Noch bevor jedes Detail geregelt und unterzeichnet war, schickte er ein Vorkommando dorthin. Gestärkt durch den von Madame Ouspensky zubereiteten Borschtsch, befreite diese Gruppe fleißig die Wege von Unkraut, putzte die Glasfenster der Orangerie und bemühte sich, alles gut vorzubereiten für den Emp­ fang des Meisters. Zwei Tage später traf der Mann aus dem Klo­ ster Sarmung schließlich in einem gemieteten Fiaker in Fontaine­ bleau ein. Nun erblickte er zum erstenmal die langsam deutlicher werdenden Umrisse der Prieure, dann die sieben kleinen Fenster in der steilen, schrägen Mansarde, schließlich den hochaufsteigenden Springbrunnen im Garten. Mit welchen Gefühlen betrat Georg Iwanowitsch Gurdjieff das Grundstück? War er nun wirklich end­ lich zu Hause? Am Sonntag, den 1.Oktober 1922, öffneten sich die schmiedeeisernen Tore und fielen laut hinter ihm ins Schloß ... Er selbst bekennt: «Von jenem Tag an begann für mich unter spezifisch europäischen Verhältnissen eine der verrücktesten Perioden meines Lebens.»

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11 Haida-Yoga
(1. Oktober 1922 - 13 Januar 192 3)

Mit einer Zigarette im Mundwinkel schlenderte Gurdjieff durch das Chateau und das dazugehörige Gelände, «die Situation genie­ ßend», während sein ihn stets begleitender Foxterrier Philos (gro­ ßer Körper, kleiner Kopf, beträchtliche Klugheit) hier und da das Bein hob und alles segnend besprühte. Madame Labori hatte das Haus in einem so dreckigen Zustand zurückgelassen, daß es selbst Gurdjieff überraschte. In den Regalen standen keine Bücher, und es gab für ungefähr siebzig Personen nur ein einziges Badezimmer. Den ersten Stock mit seiner verblichenen Eleganz nannte er hu­ morvoll das «Ritz». Für sich selbst wählte er das erste Zimmer zur Linken. Der Billardtisch im Parterre mußte sofort weggeschafft werden - Gurdjieff hatte seit seinem Aufenthalt in Buchara im Jahre 1898 keinen Queue mehr in der Hand gehabt. «Als ich durch die Pforten des Chateau du Prieure trat», gestand Gurdjieff, «war es so, als würde ich sofort nach dem Pförtner von <Frau Ernste Probleme> begrüßt.» Alles, worauf es wirklich ankam, hing jetzt von ihm ab. Er mußte gleichzeitig beraten, lehren, bauen, Vorlesungen halten, verwalten, Proben durchführen, choreographieren, komponieren - und praktisch jede Rechnung bezahlen. Er mußte zwei Gruppen von russischen und englischen Schülern integrieren, deren sehr unterschiedliche Erfahrungen, Erwartun­ gen sowie kultureller Hintergrund allerlei Mißverständnisse er­ warten ließen. Dabei war er durch seine fehlenden englischen und französischen Sprachkenntnisse gehandicapt: «Mehr als je zuvor empfand ich das Bedürfnis, europäische Sprachen zu kennen, wäh­
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rend ich zugleich nicht eine Minute frei hatte, um sie erlernen zu können.» Gurdjieffs Aktivitäten während dieser ersten turbulenten Mo­ nate waren im wesentlichen pragmatisch bestimmt, verankert im Hier und Jetzt. Jenseits der mystifizierenden Beschreibungen in Gurdjieffs Prospekt war klar, daß er hier in Fontainebleau ein radi­ kales Experiment in ganzheitlichem Gemeinschaftsleben und eine einzigartige Schule der Achtsamkeit und des Bewußtseins plante obwohl er seinerzeit in Petrograd den Nutzen einer solchen Ein­ richtung, wie es die Prieure jetzt werden sollte, vehement bestrit­ ten hatte: Der Vierte Weg erfordert keinen Rückzug in die Wüste ... Im Gegenteil, die Lebensbedingungen, in die ein Mensch zu Beginn seines Werks gestellt ist... sind für ihn die bestmöglichen. Diese Bedingungen sind der Mensch selbst.. . Alle Umstände, die anders sind als die vom Leben geschaffenen, wären für den Menschen künstlich, und in derart künstlichen Verhältnissen wäre das Werk nicht in der Lage, alle Seiten seines Seins auf ein­ mal zu erfassen. Nun jedoch lag der Fall ganz anders. Die von Gurdjieff, dem «Abt von Avon», geschaffene Atmosphäre entsprach nun wirklich in keiner Weise dem gewöhnlichen Leben, sondern war in ihrer Her­ metik und Intensität etwas ganz Besonderes. «Beeil-Dich-Yoga», Haida- Yoga, hatte Gurdjieff einst ironisch seine Lehren genannt, und auch die Tagebuchnotizen von Bechhofer-Roberts aus Fontainebleau zeigen Gurdjieff als einen Mann, der immer auf Tempo drängte: «Skorry! Queeker! Queeker!» ruft er in seinem gebrochenen Russisch-Englisch. «Work ver' good; make you better; you Start think better; ver' good.» Immer wieder spornte Gurdjieff seine erschöpften Schüler mit der Forderung an: «Das muß in der Hälfte der Zeit gemacht werden» (Pogson). So wie die Aufführung vom «Kampf der Magier» mehrfach als «dicht bevorstehend» angekündigt wurde, fand Gurdjieff immer wieder einen neuen Vorwand für eine Superanstrengung. Koste es, was es wolle: Am 13.Januar 1923, am russischen Neujahrstag, wollte er
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die Abtei der Öffentlichkeit zugänglich machen und eine überzeu­ gende Darstellung der Ausrichtung und Kraft seines Werkes bie­ ten. Es standen also nur noch drei Monate zur Verfügung; Die Uhr lief, das Rennen war gestartet. Vierzehn Tage später empfing Gurdjieff auf Wunsch von Orage die neuseeländische Schriftstellerin Katherine Mansfield - ernst, spirituell begabt, gerade auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes und im letzten Stadium einer Lungentuberkulose. Alle bisherigen Thera­ pien - Strychnintinkturen, Jodinjektionen, Röntgenstrahlen - hat­ ten ihren Zustand nur noch verschlimmert. «Ich kann an nichts mehr glauben», sagte sie jetzt, ständig nach Luft ringend, «an keine Art medizinischer Behandlung.» Dr. Young, der sie am 15. Okto­ ber in Paris untersuchte, warnte Gurdjieff: Katherine würde nicht mehr lange leben, vielleicht noch . . . drei Monate? Mit dieser Pro­ gnose offenbart sich plötzlich der «Terror der Situation»: Der Tod würde dem Leben ständig Gesellschaft leisten. Gurdjieffs enthu­ siastische Vorbereitungen für den 13. Januar würden Schritt für Schritt mit dem Dahinsiechen der jungen Frau einhergehen. Für Katherine selbst wurde spirituelle Unsterblichkeit - eine Möglich­ keit, die sie weder leichtfertig voraussetzte, noch leichtfertig bei­ seite schob - zur verzweifelten Hoffnung. «Mehr als je spüre ich, daß ich in mir selbst ein Leben aufbauen kann, das der Tod nicht zerstören wird» (Olgiwanna). Zu den illustren Gästen der ersten Tage gehörte auch Lady Rothermere, doch nach ein oder zwei Nächten im «Ritz» der Prieure entschwand die Lady, die mit dem Ritz in Piccadilly vertrauter war, wieder. Und Gurdjieff unternahm offensichtlich auch keinen Ver­ such, sie zu halten. Sie hatte großzügig die Unterstützung gege­ ben, die ihr möglich war, und sich damit eine bescheidene Nische in Gurdjieffs Lebensgeschichte erobert. (Als sie 1937 starb, wurde auch Gurdjieff in ihrem Testament großzügig bedacht.) Seine Zurückhaltung gegenüber Lady Rothermere ist um so be­ merkenswerter, wenn man ihren enormen Reichtum und seinen chronischen Geldmangel bedenkt. Seine grundlegenden Aufgaben waren klar genug: Er mußte einen ausgedehnten Gebäudekomplex in gutem Zustand halten, beträchtliche Kredite zurückzahlen, Ka­ pital für den späteren Ankauf der Abtei anlegen und seinen bedürf­
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tigen russischen Begleitern unter die Arme greifen. Gleichzeitig mußte er Küchengeschirr und Werkzeuge für Werkstätten und Garten kaufen. Er mußte Pferde, Maultiere, Kühe, Schweine, Schafe, Ziegen, Kaninchen, Gänse und Hühner anschaffen, dazu Bettzeug und Decken für etwa siebzig Personen. Tag für Tag mußte er seine Schüler verpflegen, was er zunächst mit grenzenlo­ ser Gastfreundschaft tat. Angesichts dieser heroischen Anforde­ rungen an seinen Geldbeutel, steigerte der Leiter des Instituts sich zu außergewöhnlichen Leistungen. Äußerer Druck zwang Gurdjieff so zu leben, als habe der Tag achtundvierzig Stunden. Ständig pendelte er zwischen Fontaine­ bleau und Paris hin und her. In zweifelhaften Straßen auf dem Montmartre machte er seine Geschäfte, «stets begleitet von inne­ ren Erfahrungen, die mich insgesamt störten und eine unglaubliche Anspannung all meiner Kräfte erforderten». Kurz hintereinander richtete er zwei stimmungsvolle Restaurants ein, um sie dann mit Gewinn an russische Emigranten zu verkaufen, die zu dem Dekor paßten. Als ärztlicher Hypnotiseur behandelte er eine ganze Reihe von Alkoholikern, Drogenabhängigen und psychisch Kranken. Als Berater für Angelegenheiten des Mittleren Ostens verzeichnete er einen Spekulationserfolg bei Aktien und Optionen für die aser­ baidschanischen Erdölfelder. Man sollte ruhig daran erinnern, daß mein äußeres Leben in die­ ser Zeit, da ich jede Nacht auf dem Montmartre verbrachte, vie­ len Leuten reichlich Material für Klatsch lieferte. Einige neide­ ten mir meine guten Gelegenheiten zu fröhlichen Lustbarkeiten, andere verurteilten mich deswegen. Was mich angeht, so würde ich derartige Lustbarkeiten nicht einmal meinem erbitternsten Feind gewünscht haben. Wieder zurück in der Prieure gönnt sich der Institutsleiter kurze Augenblicke der Ruhe und des privaten Nachdenkens im Ver­ schlag über dem Stall - Philos, den Hund, neben sich, und Dralfit, das Maultier, unten im Stroh. Außerdem rang Gurdjieff verzweifelt um eine wenigstens rudi­ mentäre Beherrschung der französischen Sprache. Seine ständige
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Begleiterin Olga de Hartmann konnte nicht allnächtlich mit ihm auf dem Montmartre umherziehen. Sie beherrschte ohnehin nur ein in diesem Milieu deplaziertes Salonfranzösisch. Die Menge von Nervenanspannung, die ich während der beiden ersten Jahre in Frankreich vergeudete . . . wenn ich merkte, daß das, was ich sagte, nicht richtig übersetzt wurde, hätte zweifellos ausgereicht für einhundert frisch gebackene Broker an der New Yorker Börse. Derart intensive Anstrengungen forderten unweigerlich ihren Tri­ but. Manchmal kehrte Gurdjieff völlig erschöpft in die Abtei zu­ rück, wo er feststellte, daß alle Schüler stillschweigend, aber unge­ duldig eine Vorlesung von ihm erwarteten. Einmal reagierte er darauf kurz und scharf: «Geduld ist die Mutter des Willens. Wenn Sie keine Mutter haben, wie wollen Sie da geboren werden?» (Bennett). Über der Prieure schien eine seltsam ambivalente Atmosphäre zu liegen, fast so als herrschten weiße und schwarze Magier dort gemeinsam. Clifford Sharpe war trotz seiner grundsätzlichen Sym­ pathie der Ansicht, Gurdjieff manipuliere die Dinge «mit einer fast diabolischen Einfallskraft». Captain John Godolphin Bennett be­ hauptete: «Einige Leute wurden verrückt. Es kam sogar zu Selbst­ morden. Viele gaben verzweifelt auf.» Und selbst Gurdjieff ge­ stand: «Es liegt etwas Unheimliches über diesem Haus, und das ist auch notwendig« (Saurat i). So erhielten viele Ehrengäste das gruslige Erinnerungsgeschenk eines gebackenen Schafsauges. Dr. Young hatte einen paranoiden Patienten mitgebracht; den Auf­ trag, Tiere für den Suppentopf zu schlachten, erhielt ein Mann, der kein Blut sehen konnte. Und Katherine Mansfield wurde von Tag zu Tag mehr zu einem ernüchternden memento mori. Um dem Ganzen gerecht zu werden, sollte man vielleicht zwi­ schen zwei parallel existierenden Abteien unterscheiden. Die erste zeugt von Gurdjieffs hoch entwickeltem, außerordentlichem Hu­ mor. Diese Abtei gleicht einer rustikalen Bühne mit reicher Situa­ tionskomik und dadaistischen «Happenings»: eine Prieure mit To­ matenbeeten und «mystischen» Schweinen; eine Prieure, in der
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vornehme englische Damen ohne zu murren mit Teelöffeln die Erde um Baumwurzeln herum auflockern und dabei tibetische Mantras sprechen. Dazu gehört der Hund Philos, desgleichen der Affe, der sich weigerte, sich dressieren zu lassen, «die Kühe zu säu­ bern». Ferner gehören dazu die einzigartigen Mißgeschicke von Miss Merston und Miss Ratschmiljewitsch oder spezielle Diäten aus Sauerrahm und geriebenem Zimt, nicht zu vergessen das fröh­ liche und unbekümmerte Lachen von Kindern. Das war die Prieure, die Katherine Mansfield erlebt hat, wenn sie schreibt: Der Hund bellt, liegt auf dem Boden und nagt an einer Kamin­ bürste. Ein Mädchen kommt herein und bringt einen Strauß für Olga Iwanowna. Mr. Gurdjieff stapft herein, greift sich eine Handvoll zerschnittenen Kohls und ißt ihn . . . auf dem Herd stehen mindestens zwanzig Töpfe. Und alles ist so voller Leben, guter Stimmung und Sorglosigkeit, daß man nirgendwo anders sein möchte. Die «zweite Prieure» jedoch - eindeutig für Gurdjieff und letzten Endes auch für die Geschichte die wichtigere — läßt sich weniger leicht in unser gewöhnliches Begriffsschema einordnen. Es ist die Domäne der Heiligen Tänze und der echten Transformationsex­ perimente. Es ist ein Boden, auf dem «fehlbare Menschenwesen in einer erregenden Atmosphäre von Tempo und Spannung, von Ei­ fer und großen Hoffnungen» mutig darum ringen, ihre Grenzen zu überschreiten. Sie rangen darum und scheiterten und begannen von neuem - und manchmal hatten sie Erfolg. Das war Gurdjieffs Schmelztiegel, «ein Schmelztiegel, der so ersonnen war, daß die darin kochenden und simmernden Bestandteile auf ihre wahren in­ nerlichen Werte reduziert wurden» (Bennett, Gurdjieff). Am 27. Oktober befahl Gurdjieff seinen Leuten, ein türkisches Bad zu bauen. Er schwor auf den Nutzen des Atmens durch die Poren und behauptete, er erlebe «quälend» den Geruch der Unrei­ nen. «Ich konnte ohne jede Schwierigkeit herausfinden, welcher Gemeinschaft die betreffende Person angehörte, und selbst an ihrem Geruch konnte ich die einzelnen Menschen voneinander un­ terscheiden.» Gurdjieff haue am Rande des Waldes eine natürliche
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Höhle gefunden. Um jedoch zwei zusätzliche Innenräume zu schaffen, den Fußboden zu zementieren und elektrischen Strom, Duschen, Abflüsse und einen versenkten Boiler zu bauen, waren umfangreiche Arbeiten erforderlich - die noch dazu mit halsbre­ cherischer Geschwindigkeit erledigt sein sollten. Der lockere Bo­ den erleichterte das Ausheben. Gurdjieff improvisierte den Boiler mit Hilfe einer alten Zisterne und konnte die meisten handwerkli­ chen Tätigkeiten selbst ausführen. «Als Orage in der Prieure mit Alice im Wunderland der Ta­ sche auftauchte, fand er heraus, daß man von ihm erwartete, statt durch magische Kaninchenlöcher nach unten zu verschwinden, diese zunächst einmal selbst zu graben» (Webb). Gurdjieff hätte Orage ohne weiteres schonen können - schließlich war er bereits fünfzig Jahre alt und für eine besondere Rolle vorgesehen. Statt dessen wies er ihm ein Zimmer im spartanischen «Mönchskomdor» an, verbot ihm das Rauchen und stürzte ihn in einen Mahl­ strom von Aktivitäten - mit Auswirkungen, die Orage so beschrie­ ben hat: Meine ersten Wochen in der Prieure waren Wochen wirklichen Leidens. Mir wurde aufgetragen zu graben. Und da ich seit Jah­ ren keine wirkliche körperliche Anstrengung mehr auf mich ge­ nommen hatte, litt ich physisch so stark darunter, daß ich in mein Zimmer zurückzukehren pflegte, eine Art Zelle, und dort vor Erschöpfung tatsächlich weinte. Niemand, nicht einmal Gurdjieff, näherte sich mir. Ich fragte mich: «Ist es das, wofür ich mein ganzes Leben aufgegeben habe? Zumindest besaß ich vorher etwas. Und was habe ich jetzt?» Als ich den Tiefpunkt meiner Verzweiflung erreicht hatte und spürte, daß ich so nicht weiterleben konnte, schwor ich mir, mich noch mehr anzustren­ gen . . . (Nott, Gurdjieff). Dr. Nicoll, der aus der Harley Street am 4. November mit seiner Frau, seiner kleinen Tochter, deren Kinderschwester Nanny Nellie und einer vom Pariser Zoo zur Verfügung gestellten Ration Zie­ genmilch eintraf, wurde zum Küchenjungen ernannt. Er mußte die folgende Woche um 4 Uhr 30 aufstehen, den Boiler anzünden
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und ohne Seife oder heißes Wasser Hunderte fettige Teller säu­ bern. Dr. James Carruthers Young besaß eine robuste Gesundheit. Doch erlebte auch er «ein Ausmaß an Erschöpfung, das vielleicht alles andere übertrifft. . . sogar noch die Entbehrungen des langen Aufenthalts in den flandrischen Schützengräben 1917» (Sharpe). Irgendwie erfuhr Sigmund Freud in Wien von diesen Vorgängen. «Nun ja», kommentierte er leichthin, «da sieht man, was Jungs Schülern geschieht» (Bechhofer-Roberts, Forest). Während all dieser Turbulenzen kümmerte Gurdjieff sich per­ sönlich um Katherine Mansfield. Er wählte für sie zwei besonders sympathische Gefährtinnen aus: Adele Kafian, eine junge, geistig und körperlich stabile Litauerin, und die begabte Olgiwanna. «Kümmern Sie sich um sie», sagte er. «Helfen Sie ihr, so gut Sie können.» Feinfühlig schuf er für sie Platz in seiner erweiterten Fa­ milie, mit einem privaten Eingang, um den sie viele beneideten. Die Aufgaben, die er ihr zuwies, waren leicht: «Essen Sie, gehen Sie im Garten spazieren, pflücken Sie Blumen und ruhen Sie viel...» Die von ihm vorgeschlagene Routine war einfach: «Nicht nachdenken, nicht schreiben . . . ruhen Sie sich aus. Nur Ruhe. Leben Sie wieder in Ihrem Körper» (Mansfield). Nachdem er ihre unerwartete Zu­ neigung zu den vier seltsam benannten Kühen des Instituts (Equivoqueteka, Bridget, Mitascha und Baldaofim) bemerkt hatte, gab Gurdjieff seinen eigenen geliebten Zufluchtsort auf dem Heubo­ den über dem Stall auf und bat Alexandre Salzmann, ihn in ein an­ sprechendes Gemach für seinen Gast umzugestalten. Laut volks­ medizinischer Tradition soll der Atem von Kühen gut für tuberkulöse Lungen sein, doch wurde diesem Glauben weder spe­ zielle Bedeutung beigemessen noch gar darauf gebaut. Gurdjieff betrachtete die Verlängerung eines individuellen Lebens als nicht vereinbar mit seiner Verpflichtung der ganzen Menschheit gegen­ über. Trotzdem behandelte er Katherine stets mit liebevoller Sanft­ heit. Dem hektischen Oktober mit seinen Montmartre-Geschäften folgte nun eine sehr kreative Periode, in der Gurdjieff ein Dutzend oder mehr größere Stücke choreographierte, die das Bild der abge­ legenen Klöster aus der Zeit seiner langen Sinnsuche zum Gegen­ stand hatten. Bis zum 7. November arbeitete er mit fünfzig Schü­
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lern an den Tanzserien, die unter dem Namen «Große Sieben» oder «Große Gruppe» bekannt sind und auf einen religiösen Or­ den nahe dem Berg Ararat zurückgeführt werden. Die AisorMelodie war ein Ohrwurm, und Thomas de Hartmann (der sich in Tiflis, Konstantinopel und Berlin mit hoffnungslos schlechten In­ strumenten herumgeschlagen hatte) konnte sie nun endlich auf einem Bechstein-Flügel zu Gehör bringen. Die sechs Reihen von Tänzern wechselten ihre Positionen jeweils entsprechend einem Muster, das mathematisch in Gurdjieffs neuneckigem Enneagramm-Symbol enthalten war. Katherine Mansfield saß in ihrem hohen Lehnstuhl und versuchte diese neuartigen «Multiplikatio­ nen» zu begreifen und nahm fast so glühend Anteil an der Vorfüh­ rung wie die Darsteller. An diesem Abend schrieb sie nach Eng­ land: «Zur Zeit arbeiten sie an einem uralten assyrischen Gruppen­ tanz. Mir fehlen die Worte, ihn zu beschreiben. Sieht man ihn, dann scheint er das gesamte Wesen des Menschen für den jeweili­ gen Augenblick zu verwandeln.» Bestimmt spürte Gurdjieff das besondere Gewicht dieser ge­ brechlichen und sensiblen Zeugin, die eine so hervorragende kul­ turelle Verkünderin seines Werkes hätte sein können. Doch sollte im Gegenteil ihr Tod ihm und seinem Institut heftige Schmähun­ gen eintragen. Es ist übrigens interessant, daß praktisch die besten und am mei­ sten hofierten Tänzer Frauen waren - trotz des von Gurdjieff rücksichtslos zur Schau gestellten Chauvinismus. Seine speziell für Frauen geschaffenen Tänze - «Der Walzer», «Die verlorene Liebe», «Das Gebet», «Die geheiligte Gans» - waren in ihrer Gra­ zie und Zartheit essentiell weiblich. Gurdjieffs Auffassung vom speziell weiblichen Geschick fand wohl ihren tiefsten Ausdruck in seinem dramatischen Tanz «Die Initiation der Priesterin» (einem Fragment des Mysteriums «Sucher der Wahrheit»). Darin wurde Olgiwanna als Neophytin in einen Halbkreis von Tänzern geführt. Dort entsagte sie der Welt, fleischlichen Gelüsten und dem Teufel. Durch verschiedene aufeinanderfolgende Phasen der Initiation wurde sie in höhere geistige Sphären geleitet. Schließlich kniete sie allein da - mit gesenktem Kopf und über der Brust gekreuzten Ar­ 194

men -, während die oberste Priesterin (dargestellt von Madame Ostrowska) ihr den Segen erteilte. In diese quasireligiöse Zeremo­ nie war eine psychologische Glyphe eingebaut, die Katherine Mansfield wie folgt beschrieb: Ein Zeremoniell dauerte etwa sieben Minuten und umfaßt das ganze Leben einer Frau - aber auch wirklich alles! Nichts ist aus­ gelassen. Es hat mich viel gelehrt über das Leben einer Frau, mehr als irgendein Buch oder Gedicht. Darin war sogar Raum für Flauberts Coeur Simple und für die Jungfrau Maria ... ein Mysterium. Am 10. November traf Ouspensky (den Gurdjieff von Anfang an herzlich, aber vergeblich eingeladen hatte) endlich in der Prieure ein. Er fand dort «eine sehr interessante und lebhafte Arbeit im Gange» - und den ganzen Ort in Aufregung und Unruhe. Gurdjieff hatte ganz plötzlich alle Wohngelegenheiten neu aufgeteilt. Davon profitierten Orage und Young, die sich bis dahin ein Zim­ mer im spartanischen «Mönchsflur» geteilt hatten - Katherine je­ doch nicht. Mein bisheriges Zimmer war groß und elegant ausgestattet. Die­ ses hier ist klein und sehr einfach mobilen. Als Olga Iwanowna und ich alles hergerichtet hatten und sie ihre gelben Tanz­ strümpfe am Feuer zum Trocknen aufgehängt hatte, saßen wir nebeneinander auf dem Bett und kamen uns wie zwei ganz arme junge Mädchen vor. Noch schlimmer traf es jedoch Ethel Merston: «Ich hatte bis dahin ein winziges Zimmer für mich allein gehabt, bis es jemand auf sich nehmen mußte, sich um die Paranoikerin zu kümmern, und die Wahl fiel auf mich.» Eine Woche lang glich die Abtei einem aufge­ scheuchten Wespennest. Die surrealistische Komponente in all dem sollte Ouspenskys ernste Prognose nur noch bestärken: «Ich konnte nicht umhin festzustellen, daß es in der Organisation selbst viele destruktive Elemente gab und daß sie eines Tages auseinan­ derbrechen mußte.» Es war in der Tat, wie Ouspensky außerdem

bemerkte, eine «recht bundscheckige Gesellschaft», die sich da ver­ sammelt hatte. Die Schwächen der einzelnen Leute festzustellen, war überaus einfach - kein "Wunder, meinte Gurdjieff: Trifft eine neue Person mit ihrem gesamten Gepäck ein, dann wird sie sofort entkleidet. Dann treten alle ihre schlechtesten Seiten und alle inneren «Schönheiten» zutage. Aus diesem Grunde erhalten alle diejenigen unter euch, die von diesem Phä­ nomen nichts wissen, den Eindruck, wir hätten hier tatsächlich nur Menschen zusammengeholt, die dumm, faul und träge sind . . . Man sieht nicht, daß man selbst ein Narr ist... selbst ebenfalls nackt dasteht. Man stellt sich vor, man könne ebenso wie im Alltag auch hier eine Maske tragen. Aber schon in dem Augenblick, in dem jemand durch die Pforte tritt, nimmt der Pförtner ihm die Maske ab. Hier ist die betreffende Person nackt, jedermann empfindet unmittelbar, was für ein Mensch der andere ist. Nacktheit (die viele Angehörige jener Generation in Verlegenheit brachte) wurde sowohl physisch wie psychisch gefordert. Am 25. November berichtete Katherine Mansfield von der Vollendung des türkischen Bades: Jetzt kann man dort verschiedene Arten von Bädern nehmen. Es gibt da auch einen kleinen, mit Teppichen behängten Ruhe­ raum, der mehr nach Buchara als nach Avon aussieht. Wenn man erlebt hat, wie das alles zustande gekommen ist, dann ist das wirklich ein Wunder an Einfallsreichtum. Alles wurde von Herrn Gurdjieff persönlich entworfen. Der Boiler wurde mühsam beheizt und nur an Samstagen in Be­ trieb genommen. Die Frauen badeten am Nachmittag und die Männer am Abend. Obwohl Gurdjieff der unangefochtene «Kö­ nig» in Fontainebleau war, badete er mit den anderen — etwa Dr. Stjoernval, Young, Orage - zusammen. «Sobald wir alle uns ausge­ zogen hatten, war es üblich, eine halbe Stunde gemeinsam zu ver­ bringen, wobei die meisten Männer rauchten und sich unterhiel­
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ten, während Gurdjieff sie ermunterte, Geschichten zu erzäh­ len... auf sein Drängen hin im allgemeinen nicht gerade feine.» Der späte November wartete mit einem kurzen Altweibersom­ mer auf, einem goldenen Intervall in der Oktave einer kraftvollen Spiritualität. Alle notwendigen Arbeiten waren erledigt, Wege und Gräben gepflegt und sauber; dem türkischen Bad fehlte nur noch ein ordentlicher Boiler. Und Katherine Mansfield war be­ geistert von ihrem Platz über dem Stall: Ich will Dir über die Ruhestatt berichten, die Herr Gurdjieff für mich im Stall einrichten ließ. Sie ist einfach reizend! Eine enge steile Treppe führt zu einer kleinen, mit einem Geländer umgebenen Galerie über den Kühen. Auf diesem Balkon ste­ hen zwei mit persischen Teppichen bedeckte Diwane. Die weißgetünchten Wände und die Decke sind von Herrn Salz­ mann in reizender Weise dekoriert worden, mit einem persi­ schen Muster in Gelb, Rot und Blau. Blumen, kleine Vögel, Schmetterlinge und ein ausladender Baum mit Tieren auf den Asten, sogar ein Flußpferd. Aber alles wirklich künstlerisch ausgeführt, ein Meisterwerk. Und alles so fröhlich, so einfach, daß man an Sommerwiesen erinnert wird und an jene Blumen, die nach Milch duften. Dorthin gehe ich jeden Tag zur Liege­ kur, und später werde ich da auch schlafen. Es ist sehr warm da. Man hat die glücklichsten Empfindungen, wenn man den Tieren zuhört und zusieht. Eines Tages werde ich darüber eine lange Geschichte schreiben. Um etwa fünf Uhr dreißig öffnet sich die Tür, und Herr Iwa­ now kommt herein, entzündet die Laterne und fängt zu mel­ ken an. Ich hatte den singenden, drahtigen, silbrigen Ton von Milch, die sich in einen Eimer ergießt, ganz vergessen, und wie er mählich immer dumpfer wird - plonk - plonk - plonk. Ein sanfterer Gurdjieff sorgte sich plötzlich um seine Leute «Also, Orage ... ich meine, für heute haben Sie genug gegraben. Jetzt wollen wir erst einmal in Ruhe Kaffee trinken.» Einige der englischen Schüler hatten sich von Anfang gefragt: «Warum legt Mr. Gurdjieff so viel Wert auf körperliche Arbeit? Ist das nur
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vorübergehend oder wird es auf Dauer so sein?» Sie hauen nie eine befriedigende Antwort darauf erhalten, doch jetzt schöpften sie wieder Hoffnung. Leider! Schon ein paar Tage später beobachteten sie mit wach­ sendem Unbehagen die Ankunft zweier großer Lastwagen mit Ei­ senträgern und Bolzen. Laut Gurdjieff handelte es sich dabei um das Gerüst eines Hangars für Zeppeline (!), das Gurdjieff der fran­ zösischen Luftwaffe abgekauft hatte. Neu errichtet, diente es als Traggerüst für das neue Studiengebäude des Instituts, das Study House oder Maison d'Etudes, ein geheiligter Ort - der unbedingt bis zum Januar fertiggestellt sein mußte. Dem Eifer der Belegschaft der Prieure entsprach deren völlige handwerkliche Unerfahrenheit. Vor allem Miss Merston erwies sich als furchtlos gegenüber Gefahren, die sie überhaupt nicht als solche wahrnahm. «Ich bemühte mich wie gewöhnlich unter den ersten zu sein, die anpacken wollten. Dabei erhielt ich auf einmal einen heftigen Tritt gegen das Schienbein, mit dem Mr. Gurdjieff mich im letzten Augenblick davor bewahrte, von einem Balken er­ schlagen zu werden.» Gurdjieff konnte die praktisch Begabten un­ ter seinen Leuten an einer Hand abzählen: Salzmann, Pinder, Tschekowitsch, Young und Madame Ostrowska. Ein Gebäude mit Sitzmöglichkeiten für 300 Personen hochzu­ ziehen und einzurichten, in wenig mehr als einem Monat und mit einem Team von nicht mehr als dreißig zu handwerklichem Tun befähigten Leuten, das war einfach unerhört - und doch schaffte Gurdjieff es. Der Bau des Study House repräsentiert die heroische Periode der Prieure: sechs Wochen Haida-Yoga, die sechs Jahre lang schienen. Sechs Wochen, in denen die Anstrengungen sich beispiellos steigerten und zugleich in vielen Seelen die geheimnis­ vollen Energiereserven erschlossen wurden, die Gurdjieff «große Akkumulatoren» nannte - lebendiger Beweis für die außerge­ wöhnlichen Möglichkeiten jedes Menschen. Die Arbeit zog sich über nie endende Tage und eisige, von Lam­ penlicht erhellte Nächte hin. «Wir hatten keine ordentlichen Werkzeuge und arbeiteten praktisch mit bloßen Händen», erinnert sich de Hartmann. «Als ich später wieder Klavier spielte, fühlte es sich an, als spielte ich auf Nadeln.» Der stämmige Tschekowitsch,
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der hoch auf einem schwankenden Balken arbeitete, fiel dort oben vor Erschöpfung in den Schlaf. Niemand von den anderen bemerkte das. Doch Gurdjieff er­ faßte die Lage mit einem Blick, bedeutete allen, vollkommen still zu sein, und erkletterte das Gerüst wie eine Katze, bis er bei Tschekowitsch war und ihn festhalten konnte. Dann schickten wir ihn für achtundvierzig Stunden ins Bett, wonach wir alle weitermachten wie zuvor (Bennett, Gurdjieff). Die arme Miss Merston (die stets um fünf Uhr morgens aufstand, um die Kühe zu melken) konnte die Augen nicht mehr offen halten - wie Gurdjieff feststellte: Er sagte zu mir: «Sie nicht schlafen! Sie gehen holen schwarzen Kaffee.» Wenn ich also merkte, daß ich schläfrig wurde, stand ich auf, ging in die Küche, trank einen ganzen Krug schwarzen Kaffee, ging zum Study House zurück und war schon wieder todmüde. Jeden Tag wurde die Schraube ein wenig mehr angezogen. Im «russischen» Speisesaal, in dem alle Mitarbeitenden die Mahlzei­ ten einnahmen, ordnete Gurdjieff eine zunehmend spartanische Diät an, bis vor allem aggressivere Temperamente ihrem Unmut Luft machten, was besonders Miss Merston (die gerade als Kü­ chenmädchen an der Reihe war) hautnah zu spüren bekam. «Als einer der Engländer, die ich bediente, die Größe des Stücks Fleisch auf seinem Teller sah, bestimmt nicht größer als eine halbe Krone, nahm er den Teller vom Tisch und warf ihn mir an den Kopf.» Dennoch wurde der Speisezettel des Instituts niemals zu einem bloßen Fahrplan der Entbehrungen. Gurdjieffs samstägliche Ban­ kette im «Speisesaal des Ritz» blieben großartige Ereignisse. Um seine gastliche Tafel versammelten sich alle Schüler und Besucher ohne Unterschied nach Nationalität oder Religionszugehörigkeit. «Bei mir gibt es weder Russen noch Engländer, weder Juden noch Christen, sondern nur Menschen, die ein Ziel haben - imstande zu sein, zu sein.»
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Am 16. Dezember 1922 bestand die Gefahr, daß die ganze so mühsam erarbeitete Herrlichkeit in Flammen aufging: Letzte Nacht gab es hier einen Brand. Zwei wunderschöne Räume sind ausgebrannt, und wir mußten wirklich befürchten, daß das ganze Gebäude vernichtet werden würde. Man hörte Rufe «Wasser! Wasser!»; Menschen rannten hin und her und griffen sich Kannen und Schüsseln. Mr. Gurdjieff riß mit einem Hammer eine Wand nieder (Mansfield). Die Prieure wurde gerade in dem Augenblick vor der Zerstörung bewahrt, als der Augenblick der Wahrheit für das Study House ge­ kommen war, als nämlich der zentrale Träger, der das schwere Ei­ sengerüst abstützte, dreißig Meter lang und zwölf Meter breit, ab­ montiert wurde. «Sobald der tragende Pfeiler weg ist, wird das Haus entweder stehen oder zusammenstürzen», bemerkte Gurdjieff düster. Es blieb stehen. Doch mußten noch viele ehrgeizige Innenarbeiten ausgeführt werden, wofür nur noch ein Monat Zeit blieb. Gurdjieff wandte sich an Salzmann und befahl: «Setzen Sie auch den letzten Mann zur Arbeit ein» (de Hartmann). Selbst angesichts dieser totalen Mobilmachung stand der Aus­ gang des Unternehmens auf Messers Schneide, vor allem weil Gurdjieff noch ein zusätzliches Unternehmen plante, das viel Zeit und Energie erforderte: Es sind hier wichtige Dinge im Gang. Die russische Weihnacht findet erst in zwei Wochen statt. Gurdjieff hat deshalb beschlos­ sen, daß seine englischen Gäste eine richtiggehende englische Weihnacht nach alter Vätersitte feiern sollen. Wir sind ja zwar nur sehr wenige, aber das tut seiner Gastfreundschaft keinen Eintrag. Wir sollen alle die Russen einladen, unsere Gäste zu sein. Und zu diesem Zweck hat er uns ein Schaf geschenkt, fer­ ner ein Schwein, zwei Truthähne, eine Gans, zwei Fässer Wein, Whisky, Gin, Cognac etc., alle Arten von Süßspeisen, einen rie­ sigen Tannenbaum und carte blanche, ihn nach unserem Ge­ schmack zu schmücken. Morgen abend haben wir unseren Weihnachtsbaum mit nachfolgendem Fest. Etwa sechzig Perso­
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nen werden zu Tisch sitzen. Wer die Münze im Pudding kriegt, soll unser neugeborenes Kalb geschenkt bekommen. Wäre es doch mein! Am 9. Januar 1923 starb Katherine Mansfield. Es hatte ihr nie an Würde und Tapferkeit gemangelt, ihr Glaube und ihre Hingabe an das Werk waren unerschütterlich gewesen. Gurdjieff hatte in ihr eine Zeugin von höchster Feinfühligkeit gefunden und sie in ihm einen wirklichen Mann, einen Mann «ohne Anführungszeichen». Er ging nicht in das Zimmer, wo sie einen nicht mehr zu stoppenden Blutsturz erlitt und in den Armen von Dr. Young verschied. Noch kurz zuvor hatte er sie im Salon gesehen, wo sie ihre letzte Reserve an Aufmerksamkeit der «Initiation der Priesterin» widmete. Könnte ich doch nur ein Plätzchen in dieser Gruppe haben, könnte ich doch mit über der Brust gekreuzten Armen vor Mrs. 0. sitzen und der wunderbaren Musik lauschen. Ich würde spü­ ren, wie Mrs. O.s wunderbare Arme segnend über mir schwe­ ben. Wie dankbar wäre ich doch dafür (Olgiwanna). In Gurdjieffs persönlicher Ordnung der Dinge hatte Katherine Mansfield nie eine bevorzugte Rolle gespielt: Sie paßte nicht ganz zu diesem Institut, zu seiner musikalischen Arbeit mit de Hart­ mann und seinen sich vertiefenden Beziehungen zu Orage und Jeanne Salzmann. Wie denn auch? Und dennoch: Wenn man von irgend jemandem sagen kann, er sei während des unmittelbaren Erlebens der Impressionen von Gurdjieffs Heiligem Tanz gestor­ ben, dann war es gewiß Katherine. Er hat sie nie vergessen; noch einen Monat vor seinem eigenen Tod sprach er von ihr als einer Freundin; er liegt in ihrer Nähe begraben. Am 12.Januar 1923 folgte Gurdjieff Katherines Leichenzug zum protestantischen Friedhof von Avon, vielleicht im Gedenken an Katherines Erkenntnis: «Nicht mein Sarg ist meine Hülle, son­ dern der Körper ist es» (Orton). Am Grab verteilte er unter den Trauernden Papiertütchen mit kootia - Trauben, Mais und Honig -- als Symbol für Vergehen, Aufkeimen und Wiedergeburt. Obwohl Gurdjieff das Gewicht dieses Geschehens empfand,
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war eine mit Trauerflor bekränzte Melancholie nicht sein Stil. Er zog es vor, die Mächte der Dunkelheit und des Todes durch einen glänzenden Gegen-Akt zu überraschen, und weihte noch am sel­ ben Abend das Study House ein. Katherines Ehemann und einige verdutzte Trauergäste aus London mischten sich unter die Schüler zu einem nicht erwarteten Festessen, das von Madame Ostrowska und Madame Ouspensky zubereitet worden war: Ich denke, ich habe niemals so köstliche Speisen gegessen - Ge­ richte aus allen Teilen der Welt. . . Suppen, Fleisch mit Gewür­ zen, Fischgerichte, Geflügel, Gemüse jeder Art, die wunderbar­ sten Salate, deren Saft wir aus Gläsern tranken; es gab Pudding und Kuchen, allerlei Früchte, orientalische Süßspeisen, duf­ tende Krauter, rohe Zwiebeln und Sellerie (Nott, Gurdjieff). Gurdjieff saß während des Essens in seinem persönlichen Alkoven, von dessen seidenen Vorhängen mehr oder weniger verdeckt. Worüber dachte er nach, in diesem neuen «Haus der Studien», das so sehr an ein riesiges Nomadenzelt erinnerte. Eine Schicht orien­ talischer Teppiche verbarg die irdenen Wände und federte den festgestampften Erdboden ab. («Meine Gedanken», so hatte Katherine in ihrem allerletzten Brief geschrieben, «sind voll von Tep­ pichen aus Persien und Samarkand und den kleinen Läufern aus Belutschistan.») Die senkrechten Fenster hinter den Sitzen der Gä­ ste waren von Salzmann so hervorragend bemalt, daß sie Buntglas imitierten. In beiden Teichen links und rechts des Hauptweges schwammen gold- und silberfarbene Fische, farbige Lichter spiel­ ten auf einem hexagonalen Springbrunnen, dessen aufschießendes Wasser mit sanftem Plätschern und einem schwachen Rosenduft in ein aus Stein gehauenes Becken fiel. Auf der erhöhten Bühne unter dem Zeichen des Enneagramms sammelten sich jetzt schweigend die kostümierten Tänzer zur Dar­ bietung der «Initiation der Priesterin» und der «Zeremonie für einen toten Derwisch». Am Flügel sitzend wartete Thomas de Hartmann auf Gurdjieffs Zeichen zum Einsatz:

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Als die Hauptbeleuchtung ausgeschaltet und das «Haus der Stu­ dien» in das schwachglimmende Licht der kleinen roten Lampen und der beleuchteten Springbrunnen getaucht war, bat Herr Gurdjieff mich, das Essentuki-Gebet zu spielen. Unter Anlei­ tung meiner Frau summten die Schüler die Melodie. Alles das schuf einen unvergeßlichen Eindruck. Es herrschte ein allgemeines Gefühl des Friedens und der Erfül­ lung - die Atmosphäre eines Ortes, wie geschaffen für spirituelle Arbeit. . . Was jedoch Gurdjieff persönlich betraf, so war der Friede, der dort spürbar wurde, nur die Ruhe vor einem Sturm.

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12 Der Ritt auf dem Tiger
( 13.Januar 1923 -Juli 1924)

«Wer auf einem Tiger reitet, muß beim Absteigen achtgeben.» Ge­ org Iwanowitsch Gurdjieff, die gelbe Bestie der Medien reitend, scheint abwechselnd darauf bedacht gewesen zu sein, mal oben zu bleiben, mal abzuspringen. Nach dem Tod von Katherine Mansfield strömten Journalisten aus aller Welt, Sonderkorrespondenten und schreibende Voyeure zur Prieure, angelockt von einer Story, die alles hatte, was zu einer guten Story gehört: einen geheimnis­ vollen Russen, einen Hauch orientalischer Exotik, eine schöne, ge­ niale Schriftstellerin, in der Blüte ihres Lebens dahingerafft. Der Zusammenstoß mit diesem Clan «sich kindisch aufführender Re­ porter> hat Gurdjieff anscheinend derart mitgenommen, daß er noch zwanzig Jahre später Journalisten von seinem Haus wegjagte, als seien es Ratten. Warum diese Heftigkeit? Für den unbefange­ nen Leser klangen die Zeitungsartikel des Frühjahrs 1923 im we­ sentlichen sachlich, informativ und bemerkenswert positiv im Ton. Aber als die Telefone klingelten und die Schreibmaschinen klap­ perten - wurden da in Gurdjieff vielleicht Selbstvorwürfe laut? Hatte er sich zu weit vorgewagt? Nun, einen Weg zurück gab es nicht mehr: Von nun an mußte er sich mit dieser manchmal rauhen Welt des kulturellen bon ton auseinandersetzen - mit der zeitge­ nössischen Intelligenzija deren Vertreter er zornig als «Tramps» beschimpfte. Die anfängliche Verdammung war garantiert. Schon bevor Katherine in der Prieure eintraf, mokierte sich Wyndham Lewis über «die berühmte neuseeländische Geschichtenschreiberin im Grin
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des levantinischen Psycho-Hais», und Vivienne Eliot sah Lady Rothermere in «jenem Heim für Geisteskranke, genannt La Prieure, wo sie zusammen mit Katherine Mansfield nackt religiöse Tänze aufführt». Und laut klagte Katherines Mann, John Middleton Murray, nach ihrem Tod, daß «eine Prinzessin, ein reines und un­ beflecktes Kind» durch «die spirituelle Quacksalberei Gurdjieffs den Tod gefunden habe». Gurdjieff konnte kaum bestreiten, in seinem Prospekt Schlan­ genhautöl als Heilmittel angepriesen zu haben; er konnte auch nicht seine psysiometrischen, chemisch-analytischen und psychoexperimentellen Behandlungszimmer leugnen, nicht seine großar­ tigen Hinweise auf Hydrotherapie, Phototherapie, Elektrothera­ pie, Magnetotherapie, Psychotherapie, Diättherapie. In den Augen der Öffentlichkeit lag eine ätherische Katherine - «sehr attraktiv in dem dunkelroten, mit winzigen Blumen bestickten Seidenkleid» (Kafian) für immer und alle Ewigkeit auf der Galerie über dem Kuhstall, die weit aufgerissenen schönen Augen mit dumpfem und unbeantwortbarem Vorwurf auf Gurdjieff gerichtet. So gesehen mußte man das französische Debüt des Instituts als Desaster be­ zeichnen. Wie betroffen fühlte Gurdjieff sich tatsächlich? Im großen und ganzen ließen ihn selbst die übelsten persönlichen Beschimpfungen kalt: «Wenn ein Narr mich einen Narren nennt, dann berührt mich das innerlich überhaupt nicht.» Interessanterweise deuten Gurdjieffs frühere Rollen oder Masken (als gerissener Teppichhändler oder als «Tifon der Schmuddlige») stark auf den Typus des soge­ nannten Galandari-Derwischs hin, der sich als Antwort auf Gottes Gnade darum bemüht, menschliche Schuld auf sich zu laden.8 Doch war der Preis, den Gurdjieff für die Katherine Mansfield ge­ währte Gastfreundschaft zahlen mußte, sehr hoch. Das Ansehen seines Instituts und natürlich auch seine eigene Reputation hatten schwer gelitten. Auf jeden Fall war er von nun an eine Figur intensiven, wenn auch ambivalenten öffentlichen Interesses. Am 12. Februar hatten sich gleich zwölf Leute eingefunden, um ihm mehr oder weniger unangenehme Fragen zu stellen. Der bedeutendste unter ihnen war Professor Denis Saurat vom Institut Francais in London, der wäh205

rend des recht passablen Lunchs gerade beiläufig die Abwesen­ heit des Gastgebers bedauerte: Plötzlich öffnete sich eine Tür. Ein großgewachsener, kraftvoll aussehender Mann platzte ins Zimmer. Sein Kopf war total kahlgeschoren, sein Gesichtsausdruck eine Mischung aus wil­ der Entschlossenheit und, in diesem Augenblick, Sanftheit. . ., denn in seinen Armen hielt er ein Lamm. Mit großen Schritten durchquerte er den Raum, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen, und verließ ihn wieder durch eine andere Tür (Sau­ rat 2). Saurats Eindruck von Gurdjieffs Wildheit wurde noch am selben Nachmittag verstärkt, als der Boiler des russischen Bades ange­ zündet wurde ... und plötzlich explodierte: Wir konnten einen Riß sehen, aus dem lange und kräftige Flammen züngelten. Niemand wußte, was zu tun war. Gurdjieff kam. Die Hitze machte es unmöglich, sich dem Ofen zu nahem. Daher versuchte er, den Riß mit Klumpen aus Zement zu stopfen. Dabei zielte er gut. Er begann am oberen Ende des Risses, und die Klumpen machten ein sonderbares Geräusch, wenn sie auf das brennende Gestell trafen. Sein offener Mantel störte ihn dabei, er zog ihn aus ... Der Zementmischer sah aus wie ein Sklave (Saurat 2). Ein beklemmendes Gefühl hatte sich mittlerweile selbst der bla­ siertesten Journalisten bemächtigt, und während der abendlichen Vorführung im Study House waren Saurats nervös-ironische Kommentare ihr einziger Halt: Der Berichterstatter der Daily Mail wirkte geradezu veräng­ stigt. Die parfümierte Atmosphäre, die farbigen Lichter, die kostbaren Teppiche und seltsamen Tänze - das war orienta­ lischer Romantizismus in Reinkultur. Um dem Journalisten die Angst zu nehmen, erzählte ich ihm, ich sei Professor an der Universität Bordeaux und alle diese Menschen seien irgend206

wie verrückt. Er dachte darüber einen Augenblick nach und schien dann sehr erleichtert; sein Selbstvertrauen kehrte zurück (Saurat 2). Saurat wurde ein privates Interview gewährt, zu dem er mit einer Mischung aus Skepsis und Besorgtheit ging, die sich jedoch bald verflüchtigten: «Gurdjieff erwies sich als erstaunlich höflich. Er machte nicht im mindesten den Eindruck eines Scharlatans. .. Seine Wildheit schien sich in Stärke verwandelt zu haben.» Mit sei­ ner geschickten Besänftigungstaktik gelang es Gurdjieff, den er­ sten Medienangriff brillant zu parieren. Ob ihm das Aufsehen, das das Institut in der Öffentlichkeit er­ regt hatte, nun nützlich oder schädlich erschien, wissen wir nicht, jedenfalls führte er sofort nach Abreise der Journalisten ein stren­ ges Reglement ein. Die vorösterliche Zeit des Jahres 1923 wurde durch eine Reihe «metabolischer» Fastentage eingeleitet, welche die Schüler freiwillig einhalten sollten. Das Programm begann mit einem Klistier, dann folgte eine strenge Orangen- oder Kefir-Diät, der sich vierzehn Tage vollständiger Abstinenz anschlössen (Tage, die endlos schienen und an denen körperliche Arbeit wie in Trance verrichtet wurde; Tage der Vergeistigung; Tage, da sich der Ge­ danke an bestimmte Gerichte immer wieder quälend ins Bewußt­ sein drängte). Am vorletzten Tag gab es eine kräftige Bouillon und dann schließlich, zum krönenden Abschluß, ein saftiges Beef­ steak. Disziplin und Loyalität von Gurdjieffs buntzusammenge­ würfelter Schülerschar wurden so getestet und für einwandfrei be­ funden. Nur Ratschmijelewitsch hatte vorsorglich etwas Nahrung in einem Baum versteckt gehabt - da verkündete Gurdjieff unmit­ telbar vor Beginn des Experiments sarkastisch: «Ratschmijelewitsch braucht nicht zu fasten; er weiß bereits zu viel» (Bennett, Witness). Im Mai 1923 entdeckte Gurdjieff seine Leidenschaft fürs Autofahren - eine stürmische Angelegenheit, die beinahe tödlich en­ dete. Im Institut war man allgemein überzeugt davon, daß Gurd­ jieff keine Fahrstunden zu nehmen brauchte wie gewöhnliche sterbliche: «Er würde sozusagen durch Inspiration fahren kön­ nen» (Young). Als dann der große Citroen geliefert wurde, machte
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er sich tatsächlich unverzüglich ans Werk. Zunächst vernahmen seine nervös lauschenden Schüler zwar des öfteren das unange­ nehme Geräusch eines malträtierten Getriebes, doch nach ein paar Tagen konnte Gurdjieff sein neues Spielzeug handhaben und sau­ ste die Route Nationale entlang. Hätte es im Jahre 1923 jedoch Prüfungen für den Erwerb eines Führerscheins gegeben, wäre er bestimmt duchgefallen. Er fuhr wie ein Wilder, scherte ohne vorherige Handzeichen nach links oder rechts aus dem fließenden Verkehr aus. Oftmals entging er nur um Haaresbreite einem Unfall. . . Wenn die Am­ peln auf Grün schalteten, war er stets vorneweg, selbst wenn sein Auto ein oder zwei Wagenlängen hinter der Startlinie gestanden hatte . . . Die Manöver, die er riskierte, um Omnibusse und Lastwagen zu überholen, waren das reinste Hasardspiel (Hulme). Die häufigen Reparaturen wurden in der Prieure von dem jungen Bernard Metz ausgeführt, dessen vage Amateurkenntnisse die vor­ handenen Gefahren noch steigerten: An jenem Abend mußte Gurdjieff nach Paris. Als der Wagen vorgefahren wurde, stellte sich heraus, daß der wackelnde Scheinwerfer nicht ausgewechselt worden war. Gurdjieff nef Metz zu, er solle sich auf die Stoßstange setzen und den Schein­ werfer während des ganzen Weges nach Paris festhalten. Metz hockte sich auch wirklich gehorsam auf den Kotflügel, bis Gurdjieff ihn verächtlich mit seinem Lieblingswort «Idiot» wie­ der runterschubste (Bennett, Witness). In diesem goldenen Frühjahr 1923 schien jeder, der in der Welt Rang und Namen hatte, mit dem Automobil oder der Eisenbahn nach Paris zu kommen. Selbst eine nur unvollständige Anwesen­ heitsliste ist schon eindrucksvoll genug: James Joyce, Gertrude Stein, Picasso, Strawinsky, Poulenc, Isadora Duncan, Cocteau, Hemingway, Man Ray, Tzara, Fernand Leger- und Gurdjieff na­ türlich, dessen beigefarbener Turban ihn deutlich aus dem europä­
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isch kulturellen Hauptstrom heraushob. Tatsächlich brachte er seine Meinung über die Intelligenzija, die Avantgarde und die übrige Kulturschickeria vorzugsweise mit einem wohlgewählten Four-letter-Word zum Ausdruck. Trotzdem lotste Orage ein paar hoffnungsvolle Besucher zu Gurdjieffs neu erworbenem Apparte­ ment in der Rue Commandant-Marchand. Voller Ironie beschrieb Ezra Pound hinterher diese Begegnung: Gurdjieff servierte Persische Suppe in knallgelber Farbe - höchst delikat. Man könnte sagen, Piero della Francesca in der Farbge­ bung, im Vergleich zum Borschtsch, der eher an Rembrandt erin­ nerte. Haue er noch mehr dieser Art in seinem Repertoire gehabt, wäre ihm vielleicht, sollte er es gewünscht haben, zumindest eine weitere Bekehrung möglich gewesen (Stock). Gurdjieff wünschte jedoch keine Bekehrung von «Tramps»; aber Orages Energie, Hingabe und Einfluß schätzte er mehr und mehr. Zurück in der Prieure, ließ Gurdjieff seine unermüdlichen Schü­ ler ein Waldstück von Fontainebleau roden, offensichtlich, um dort eine zentrale Halle für das Institut zu errichten. Mit der Spitzhacke das zähe Wurzelwerk der Bäume bearbeitend, schufteten die Schü­ ler unter sengender Sonne, um gemäß Gurdjieffs Gebot etwas «Dauerhaftes» zu schaffen. Dabei hatte dieser zu Dr. Nicoll gesagt: «Schon bald wird alles wieder ganz anders sein - jeder einzelne wird irgendwo anders weilen. In diesem Augenblick kann nichts Dauer­ haftes geschaffen werden» (Pogson). Einmal mehr ging es Gurdjieff nicht um das Verspeisen des Puddings, sondern um dessen Zu­ bereitung. Die Amateur-Forstarbeiter plagten sich: «Es war eine grausame Aufgabe... Und wieder einmal wurde nicht ein Stein des neuen Gebäudes jemals gesetzt. Statt dessen sprossen aus dem un­ fruchtbaren Boden Mais und Bohnen» (Bennett, Gurdjieff). An jedem Samstag veranstaltete Gurdjieff einen Abend der offe­ nen Tür im Study House - mit einem gut vorbereiteten Programm, bestehend aus Musik, Heiligen Tänzen, der «Stop!»-Übung sowie als okkulte Phänomene aufbereiteten Achtsamkeits- und Gedächnisspielen. Die Würdenträger aus Avon und Fontainebleau akzeptierten das
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Institut als einen einträglichen Wirtschaftsfaktor, verachteten es ansonsten jedoch als ein maison defous. Kosmopolitische Vertreter jeglicher Kunstgattung und jeglichen Bekanntheitsgrads schauten herein, und selbst Diaghilew kam, obwohl ihm die Proben für Les Noces voll in Anspruch nahmen. Er fand die Heiligen Tänze so aufregend, daß er sie als Neuheit in sein Ballet Russes einbeziehen wollte, während Sinclair Lewis, hier ganz Spießer, meinte: Einige der Tänze sind Imitationen orientalischer sakraler Tem­ pelriten, andere erfordern ein beträchtliches Maß an Muskelbe­ herrschung ... Es muß aber doch ein verdammt unangenehmer Ort zum Leben sein . . . Die Leute dort haben ihre eigene Sport­ halle geba ut... eine Kreuzung zwischen Cabaret und Harem (Schorer). Vielleicht hatten einige Bewohner der Abtei, die Lewis getroffen hatte, ihn in Verwirrung gestürzt. Denn obwohl die Phalanx russi­ scher Getreuer so fest zu Gurdjieff stand wie eh und je, hatten ei­ nige recht schräge Vögel während ihres nur vorübergehenden Auf­ enthalts für einige Konfusion gesorgt. Zum Beispiel «Bischof» Wedgewood, Leiter der Theosophisch-Liberalen Katholischen Kirche, der wegen homosexueller Aktivitäten vor der Polizei auf der Flucht war, oder Mrs. Finch, die Mutter des Mount-Everest­ Bezwingers, die an den Schwänzen der Kühe blaue Bänder befe­ stigte und die so Geschmückten im Garten spazierenführte, und last not least eine Patientin von Dr. Young, eine unheilbare Para­ noikerin. Diesem Problem rückte man schließlich musikalisch zu Leibe. Beim Stimmen seines Harmoniums «begann Gurdjieff plötzlich eine bestimmte Notenfolge immer wieder zu spielen. Die Frau wurde zunächst unruhig, stand dann plötzlich auf und stürzte schreiend aus dem Raum. Bald danach verließ sie die Abtei» (Merston). Leider verließ auch Dr. Young selbst die Prieure, da er meinte, er habe in den vergangenen zwölf Monaten alles gelernt, was es hier zu lernen gab. «Mit dem Gefühl höchster Befriedi­ gung» zog er von dannen — zum Bedauern Gurdjieffs, der die Energie, die Intelligenz und die praktische Art Youngs sehr ge­ schätzt hatte.
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Geistige Leichtgewichte wurden ihm zunehmend unerträglich, und so postulierte er denn auch am 21. August 1923 unerbittlich: «Für einen Teil der Menschen hier ist jeder längere Aufenthalt nutzlos geworden.» J.G. Bennett reiste daraufhin unverzüglich ab, nachdem er dreiunddreißig Tage in der Prieure verbracht hatte - er sollte Gurdjieff erst fünfundzwanzig Jahre später wiedersehen. Es war der Augenblick, Bilanz zu ziehen. Olga de Hartmann, die inzwischen anstelle von Dr. Stjoernval die Finanzen verwaltete, stellte einige Berechnungen an, und Gurdjieff gab freimütig zu, daß das Ergebnis ihn alarmierte. Die Botschaft war brutal eindeu­ tig: «Wenn wir nicht innerhalb von drei Monaten mindestens eine Million Francs zusammenbringen, ist der Ofen aus ... für im­ mer.» Zwischen der Prieure und Paris hin- und herpendelnd, suchte Gurdjieff verzweifelt nach einem Ausweg; an einem Herbstabend, auf einer besonders unsicheren und unbeleuchteten Straße durch den Forst von Fontainebleau, hätte er ihn beinahe gefunden . . . «Ich schaute auf die Uhr - es war Viertel nach elf. Ich schaltete die Hauptscheinwerfer ein und beschleunigte . . . Von dem Augen­ blick an erinnere ich mich an nichts mehr.» Volle zwölf Stunden später und nur einen Kilometer weiter erlangte er das Bewußtsein wieder: «Rund um mich Wald; die Sonne schien strahlend, vor meinem Wagen hielt ein schweres, mit Heu beladenes Fuhrwerk, der Fahrer stand an meinem Fenster und klopfte mit der Peitsche dagegen.» Trotz dieser Warnung des Schicksals nahm Gurdjieff seinen Fuß nicht vom Gaspedal des Lebens; er wollte oder konnte nicht langsamer treten. Die Wahrheit war, daß der Leiter des Instituts siebenundfünfzig Jahre alt und todmüde war. Er brauchte Ruhe, vollständige Ru­ he ... Also würde er arbeiten. Er würde seine Tänzer antreiben und eine Vorstellung in Paris, eine andere in New York geben. Er würde öffentliche Vorträge halten, nach Philadelphia reisen, in der Carnegie Hall spielen. Jeder Mensch hat schließlich Anrecht auf etwas Ruhe. Nacht für Nacht vermittelte der «erschöpfte Mann» seinen Tänzern bei intensiven Proben im Study House ein Gefühl freudiger Erregung, das Gefühl, privilegiert zu sein, an etwas Be­ sonderem mitzuwirken, einen Dienst zu leisten - und außerdem 211

natürlich das nicht ungerechtfertigte Gefühl, daß jetzt alles auf dem Spiel stand. Hier erleben wir ihn wieder, den tollkühnen Gurdjieff der Spiel­ tische von Sotschi, wo er alles auf eine Karte setzte. Jetzt setzt er wieder: Leben gegen Erfolg - in Paris ... in New York ... und der Triumph dort wird sowohl seine Gesundheit wie sein Vermögen völlig wiederherstellen. Anfang Dezember wurden Orage und Dr. Stjoernval als «He­ rolde des kommenden Guten» nach New York geschickt. Doch zunächst mußte die Aufführung in Paris über die Bühne gehen und konnte in einem Fiasko enden. Visa waren recht spät beantragt und auch noch nicht ausgestellt worden. Gurdjieff und Julia Ostrowska besaßen, wie viele andere Russen, Litauer, Armenier und Polen, praktisch überhaupt keine ordentlichen Papiere und mußten ihren Nansen-Paß für Displaced persons benutzen. Alles war außerordentlich nervenaufreibend und problematisch. Die Demonstration! de l'Institut du Developpement Harmonique de L 'Homme de G. Gurdjieff fanden im Theatre des Champs-Ely­ sees statt. Die Generalprobe war für den 13. Dezember angesetzt, die Premiere für Sonntag, den 16. Dezember, und die abschlie­ ßende Matinee sollte am Weihnachtstag gegeben werden. Gurd­ jieff hatte den Ort dafür klug ausgewählt - die Bühne war riesig und der Direktor, Jacques Hebertot, ein Freund von Alexandre Salzmann, ihm gewogen. Zu Anfang des Monats versprach eine vierseitige Anzeige im L'Echo des Champs-Elysees «Tricks, halbe Tricks und echte Phänomene, wie sie in religiösen Zeremonien des alten Ostens beobachtet wurden». Le Figaro versicherte seinen Le­ sern kurioserweise: «Professor Gurdjieff mag in Paris unbekannt sein, doch ist er in der ganzen übrigen Welt berühmt.» Am Abend vor der Generalprobe wurden alle Ziegenfelle, Kis­ sen, Teppiche und selbst die drei Springbrunnen vom Study House abtransportiert. «Das Foyer wurde in einen orientalischen Palast umgewandelt. Für das Publikum wurden allerlei exotische Köst­ lichkeiten bereitgestellt, und aus den Springbrunnen floß Champa­ gner statt Wasser» (de Hartmann). Würdevoll boten Platzanweiser in Kostümen aus dem «Kampf der Magier» dem Premierenpubli­ kum im Foyer würzige Weine an. Unter ihnen befand sich, seine 212

diplomatische Laufbahn aufs Spiel setzend, der turbange­ schmückte Eric Graham Forbes Adam, Ritter des Ordens von St. Michael und St. George. Inzwischen litt Thomas de Hartmann Höllenqualen. Er mußte das Programm musikalisch begleiten, ob­ wohl er gleichzeitig noch Koch der Prieure war und während der letzten drei Nächte überhaupt nicht geschlafen hatte. Er dirigierte nur fünfunddreißig Musiker - für hundert war das Werk konzi­ piert. Glich er dieses Defizit mit Trompeten aus, würden diese die Geigen übertönen. Nikolai Tscherepnin und Emile Jaques-Dalcroze saßen erwartungsvoll im Parkett. Und Gurdjieff? Er erläu­ terte dem Chor einige zusätzliche Änderungen der Partitur. . . Langsam hob sich der Vorhang. Der Applaus, der zum Mißfallen Gurdjieffs jedem einzelnen Heiligen Tanz folgte, signalisierte angesichts der stark unkonven­ tionellen Darbietung ein nervöses Suchen nach Vertrautem. Viele Kritiker und auch künstlerisch weniger gebildete Zuschauer hatten den Eindruck von etwas Einzigartigem und Unbeschreiblichem: «Die Bestattungszeremonie für einen verstorbenen Derwisch im Kloster Souhart in Tibet ist ein Augenblick von Trauer und Groß­ artigkeit, der sich unmöglich vermitteln läßt», hieß es in Le Temps. Gurdjieff selbst blieb natürlich hinter den Kulissen und konzen­ trierte sich ganz auf die Bemühungen seiner Schüler. Als der Vor­ hang sich senkte, gab eine der Frauen vorzeitig ihre «Stop!»-Position auf. Gurdjieff schalt sie kräftig: «Stop!» habe nichts mit dem Publi­ kum oder dem Vorhang zu tun .. . das sei Arbeit und dürfe erst beendet werden, wenn der Lehrer das anordnet. Das heißt, diese Stellung muß beibehalten werden, selbst wenn im Theater Feuer ausbricht (de Hartmann). Diese Tage brachten allerdings noch eine andere Aufregung für Gurdjieff mit sich: die Ankunft seiner ausgebürgerten Familie. Da er selbst sich absolut nicht freimachen konnte, ließ er sie vom Ha­ fen in Marseiile abholen und nach Paris bringen. Fünf Jahre war es her, daß er ihnen auf dem zerschossenen Bahnsteig in Essentuki Lebewohl gesagt hatte - als Pseudo-Wissenschaftler, ausstaffiert 213

mit einem rotschwarzen Feuerwehrgürtel und bewaffnet mit einem Revolver. Nun umarmte er seine Familie auf dem Gare de Lyon wieder: als Impresario im Pelzmantel. Seine Schwester Sophia Iwanowna hatte sich kaum verändert, ebensowenig deren Ehemann. Doch seiner Mutter, schwarz und schmal in ihrem Witwenkleid, waren das hohe Alter und eine chro­ nische Leberkrankheit nur zu deutlich anzusehen. Gemeinsam fuhren sie nach Fontainebleau. Dort stand auf dem Gelände des Instituts ein kompaktes, hübsches Haus, Le Paradou, nicht weit entfernt von der Orangerie und von der Prieure selbst abgeschirmt durch Ahornbäume. Hier brachte er seine Familie in einem für sie geradezu unglaublichen Komfort unter, wobei die Stjoernvals und die Salzmanns, die im obersten Stockwerk desselben Hauses wohnten, ihm tatkräftig halfen. «Nun, wie ist es gelaufen?» fragte Thomas de Hartmann nach Abschluß der Vorstellungen auf den Champs Elysees. Gurdjieff lä­ chelte nur. Zweifellos war das für Musiker und Tänzer ein außer­ ordentliches Erlebnis gewesen und hatte sie gegenüber möglichem Lampenfieber in New York immunisiert. Und die Presse war im allgemeinen freundlich gewesen. Das Publikum jedoch . . . das war ein anderes Kapitel. Die Franzosen betrachteten diese seltsame Aufführung nicht als spirituelle Herausforderung, sondern als in­ tellektuelle Provokation. Die Aufführung in Paris . . . verursachte einen Aufruhr. Das Pu­ blikum war hin und her gerissen zwischen Begeisterung über die Originalität dessen, was es gesehen hatte, und Abscheu vor der Strenge der körperlichen Übungen. Gurdjieff war zweifellos ein vielbeachteter Mann geworden . . . Der Erfolg war da - doch es gab auch seltsame Gerüchte (Black). Zum Beispiel: Gurdjieff habe seiner neuen Schülerin Doris X, der bekannten Tänzerin von der Pariser Oper, sexuelle Avancen ge­ macht. Seltsamerweise beschäftigten solche Gerüchte jetzt und später aber nur die Franzosen, während Russen, Engländer und Amerikaner sich darum bemühten, ihn zu verstehen und ihm zu folgen.
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Obwohl der Weg nach New York nunmehr frei war, hatte Gurdjieffs Großzügigkeit seine finanziellen Mittel hoffnungslos erschöpft: Und so befand ich mich in letzter Minute in einer wahrhaft tra­ gikomischen Situation. Alles war für unsere Abreise bereit, doch wir konnten nicht losfahren . . . Die Situation offenbarte sich in ihrer vollen Pracht drei Tage vor Ablegen des Schiffes. Hilfe kam schließlich aus einer Ecke, aus der er sie am wenigsten vermutet hatte - von seiner Mutter. «Bitte erlöse mich endlich von diesem Zeug hier, ich habe es satt, es ständig mit mir herumzutra­ gen», sagte die alte Frau, löste von der Kette, die sie um den Hals turg, einen kleinen Lederbeutel und entnahm ihm ein Päckchen, das er verständnislos öffnete. «Als ich jedoch sah, was darin war, sprang ich vor Freude hoch und tanzte umher.» Es war die große, mit Diamanten besetzte Brosche der Großherzogin, die er seiner Mutter in Essentuki zum Aufbewahren gegeben hatte. Das sofort eingeholte Angebot eines Pariser Juweliers -125000 Francs - lag allerdings beträchtlich unter dem, was Gurdjieff sich von einem vergleichbaren Verkauf in New York erwartete. Also behielt er die Brosche als Sicherheit und lieh sich einfach, was er benötigte. Gurdjieff beauftragte Frank Pinder - solide, mehrsprachig und kein guter Tänzer - mit der Aufsicht über die Prieure und schiffte sich ein. Die Paris legte in der ersten Januarwoche nach New York ab und geriet in so schwere Stürme, daß der große Spiegel im Salon zerbrach. Aber jetzt war er nun mal auf See — mit der Brosche der Großherzogin, seinen verblüffenden Ideen, seinem ziemlich wert­ losen Nansen-Paß und 46 Personen in seiner Begleitung. Von dem Augenblick an, da der Anker in Bordeaux gelichtet wurde, war so­ gar sein Recht, nach Frankreich zurückzukehren, in Frage gestellt. Unter diesen Umständen gab es für Gurdjieff nur eins: gut essen, viel schlafen und Bücher lesen, deren Inhalt und Stil dem Geist und Charakter der Geschichten von Mullah Nassr-Eddin entsprachen. Doch die Rolle des untätigen Träumers paßte nicht zu ihm, und am 12. Januar 1924 arrangierte er an Bord eine Vorstellung des ge­ samten Elysee-Programms zur Unterhaltung für Passagiere und
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Mannschaft. Thomas de Hartmann erinnert sich, wie das einzigar­ tige nautische «Stop!» geschafft wurde, «trotz des Schlingems des Schiffes, das einmal so stark war, daß das Piano langsam von einer Seite der Bühne zur anderen glitt, während ich selbst auf meinem Stuhl hinterherrutschte». Am Morgen danach, so geht die Legende, warf Gurdjieff ange­ sichts der Freiheitsstatue seinen Paß über Bord. Photographen be­ stätigten, er sei wie ein Kaiser, der auf alle Personalpapiere pfeift, die Gangway heruntergekommen, habe seine schwarze Astrachan Mütze gelüftet, Amerika und seine Bewohner, «diese dollar-foxtrotting>-Jünger einer sogenannten <Christian Science>», ironisch grüßend. Orage und dessen New Yorker Clan gelang es, ihren un­ konventionelle VIP durch die Einwanderungsformalitäten zu schleusen. Sie brachten ihn in einer vornehmen Suite im Ansonia in der 73. Straße am Broadway unter, einem wegen seiner barocken türkischen Bäder bekannten Hotel. Das Amerika, in dem Gurdjieff gelandet war, war das Amerika von Calvin Coolidge, Henry Ford und Alphonse Capone, der «Fonofilm»-Tonfilmgesellschaft und von Gershwins Rhapsody in Blue. Es war das Amerika des Jazz, der Prohibition, der Elektrifi­ zierung, der Psychoanalyse und ... des Foxtrotts - für Gurdjieff das sprichtwörtliche rote Tuch. Die «eindeutigen Absurditäten» dieses neuen Kontinents schockierten den konservativen Dr. Stjoernval offensichtlich so sehr, daß er praktisch arbeitsunfähig wurde. Im Gegensatz dazu genoß Orage seine Rolle als Johannes der Täufer, indem er durch die Studios und literarischen Salons von Chelsea und Greenwich Village geisterte und den Messias an­ kündigte: «Gurdjieff kommt. Er ist der Meister, den Ouspensky gefunden hat. Gurdjieff ist echt und wahr» (Munson). In der Buchhandlung Sunwise Turn auf der 44. Straße nahe dem Yale Club, «einem Clearing Haus für Ideen und Treffpunkt für freie Geister» (Webb), deponierte Gurdjieff unverzüglich Kopien seines einzigartigen Prospekts, verbunden mit herzlichen Einla­ dungen, mit ihm im Hotel Ansonie zu speisen. Am Abend nach der Ausschiffung gehörten zu seinen Gästen die Tänzerin Rosetta O'Neil, der Schriftsteller "William Seabrook sowie die Autorin und Architekturkritikerin des New Yorker, Muriel Draper («meine er­
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ste amerikanische Freundin» [Kirstein]). Beeindruckt von der Aus­ strahlung des Gastgebers, diskutierte und trank man bis in die frü­ hen Morgenstunden. Bis dahin hatte Muriel bereits ihren vornehm ausgestatteten Salon in Manhattan als Versammlungsort angebo­ ten, Rosetta ihm ihr Tanzstudio in der Upper Madison Avenue zur Verfügung gestellt und Seabrook immerhin festgestellt: «Gurdjieff ist kein Typ für Gesellschaftsspiele. Er hat wirklich was auf dem Kasten.» Für die amerikansiche Eröffnungsvorstellung am Mittwoch, den 2 3. Januar, stand dank de Hartmanns Verbindungen zum Moscow Ans Theatre, das sich gerade auf Tournee befand, ein prächtiger Rahmen zur Verfügung. Doch Gurdjieff, unberechen­ bar wie er war, zog diesem vornehmen Ort einen seltsamen Saal in der 83. Straße vor, nahe dem Haus, in dem seine Schüler unterge­ bracht waren. Das Piano wurde die Treppen hochgewuchtet, die Begleitung für de Hartmann zu dessen Ärger auf fünf Instrumente reduziert; der Eintritt war gratis. Der Vorhang sollte sich um acht Uhr abends heben. Das tat er aber nicht. Das Publikum wartete darunter Seabrook, Christopher Morley, Walter Damrosch, Kom­ ponist der Oper Cyrano de Bergerac, mehrere ausgesuchte Uni­ versitätsprofessoren, Reporter und Herausgeber der New York Times, von Colliers und Bookman. Spannung und Ungeduld wuchsen. Schließlich begab sich ein junger englischer Mitarbeiter der Buchhandlung Sunwise Tum hinter die Bühne, um herauszu­ finden, was los war. Hinter der Bühne traf ich auf Orage, der ein kleines Mädchen an den Händen hielt und sich mit dessen Eltern unterhielt. Als die drei weggingen, erzählte er mir, der Mann sei Polizeibeam­ ter in Zivil, der abgestellt worden sei, darauf zu achten, daß keine «erotischen» Tänze gezeigt würden (Nott, Teaching). Gurdjieff, in makellosem Dinnerjacket und der dazugehörigen Aura vom Rauch ägyptischer Zigaretten, beobachtete alles mit einem undurchdringlichen Lächeln. Um neun Uhr endlich trat Orage vor den Vorhang und sprach bewegende Einführungsworte - und ein aufmerksames Ohr konnte so gerade vernehmen, wie
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Gurdjieff vorher etwas -wie <Paß auf, Idiot> zu ihm sagte (L. Welch). Dann nahm de Hartmann, «ein Mönch im Smoking», gelassen seinen Platz am Piano ein (Webb). Der Vorhang hob sich, und für einen langen, vielsagenden Augenblick sah das Publikum sich mit den Reihen von Gurdjieffs schweigsam und bewegungslos dastehenden Tänzern konfrontiert. Es folgte ein volles vierstündiges Programm: asiatische Volks­ tänze und Arbeitsrhythmen, Heilige Tänze und Derwisch-Tänze, und . . . und . . . und. Das Publikum war vom Gefühl durchdrun­ gen, Zeuge von etwas Unmöglichem zu sein, etwas, das weniger aus Asien als von einem anderen Planeten kam. Und einige spür­ ten, daß sich hinter der «klassizistischen» Fassade der Tänze ein Schatz innerer Wahrheit verbarg. Die Intellektuellen standen ihm eher gleichgültig gegenüber, die Reporter der Sensationspresse jedoch ließen kein gutes Haar an ihm. So brachte zum Beispiel die Zeitschrift American Weekly einen Artikel unter der fetten Schlagzeile: «DR» GURDJIEFF UND SEIN MAGISCHES GEHEIMNIS DES LEBENS - WIE MAN EIN SUPERMANN ODER EINE SUPERFRAU WIRD, INDEM MAN SCHWEINE FÜTTERT, NACHTS WILDE TÄNZE UND ANDERE POSSEN AUFFÜHRT. Dann folgt ein ausführlicher - falscher - Bericht über Gurdjieffs ekstatische Nächte in der Prieure: «Tanzt!» ruft er hinter dem Vorhang. «Tanzt, wie eure Seele es von euch fordert! Tanzt - tanzt - tanzt in die Freiheit!» (Webb). Haarsträubende Gerüchte ergänzten solche Berichte noch. «Soweit mir bekannt ist», erzählte jemand Stanley Nott, «lebt Gurdjieff im Wald von Fontainebleau mit Katherine Mansfield zusammen. Die beiden sollen sich selbst <Die Liebenden des Waldes> nennen.» Eine Woche später, am 2. Februar 1924, antwortete Gurdjieff seinen Kritikern mit der zweifellos kreativsten Vorstellung, die er jemals gegeben hat. Unter der New Yorker Intelligenzija besaß das kleine Neighborhood Playhouse in Greenwich Village einen be­ sonderen Ruf wegen seiner «progressiven» Aufführungen und eines musikalischen Repertoires, das von Prokofieff bis zu Hindu­ ragas reichte. Dieses kleine Theater protegierte ein ebenso einfluß­ reicher wie «narzistischer» Zirkel, der von Waldo Frank dominiert
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wurde. Dazu gehörten Schriftsteller, Publizisten und Selbstverle­ ger, die sich um Herbert Crowly und die Zeitschrift New Republic scharten, ferner die nicht unbedeutende lesbische Entourage der ultra-avantgardistischen Zeitschrift Little Review, herausgegeben von Margaret Anderson und Jane Heap . . . Und Gurdjieff, dieser kompromißlose Befürworter und Vermittler von Traditionen - er eroberte sie alle im Sturm. Die Samstagabend-Vorstellung war eigentlich nur für geladene Gäste, doch stand Gurdjieff persönlich draußen in der Kälte und verteilte zusätzliche Eintrittskarten. Der Dichter Hart Crane, «ar­ beitsloser Alkoholiker und homosexuell» (Munson), wurde be­ trunken eingelassen. Georgette Leblanc, ehemalige Lebensgefähr­ tin von Maeterlinck, nahm ihren Sitzplatz mit einer goldenen Perücke auf dem Kopf ein. Toomer, Heap und Munson (von de­ nen sich erst später herausstellen sollte, daß sie Gurdjieffs eigentli­ che Eroberung dieses Abends im Neighborhood Playhouse waren) schienen auf den ersten Blick keineswegs prädestiniert, künftige Gurdjieff-Schüler zu werden. Jean Toomer - ein hochgewachsener, stattlicher dunkelhäutiger Mann - hatte eine interessante Entwicklung hinter sich: Der Enkel eines ehemaligen Gouverneurs von Louisiana trat auf als Fürspre­ cher der Entrechteten dieser Welt. In seinen Adern floß jüdisches, walisisches, indisches, holländisches, deutsches und französisches Blut und mit seinem Bestseller Cane hatte er paradoxerweise eine Renaissance der schwarzamerikanischen Literatur eingeleitet. Jane Heap hatte in ihrem Leben schon mit einigen Problemen fertig werden müssen. Sie stammte aus einer englisch-lappländi­ schen Familie und war in der klaustrophobischen und halluzinatorischen Atmosphäre eines Irrenhauses aufgewachsen, in dem ihr Vater Aufseher war. Während der Pubertät hatte sie entdeckt, daß sie eine hundertprozentige Lesbierin war, und noch als relativ junge Frau war sie an schwerem Diabetes erkrankt. Drei Jahre zu­ vor hatte sie zusammen mit Margaret Anderson auf der Anklage­ bank gesessen - und war verurteilt worden: wegen Veröffentli­ chung von James Joyces Ulysses als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Little Review. Mittlerweile konnte Jane so leicht nichts mehr erschüttern.
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Gorham Munson war Kritiker. Toomer war beeindruckt von Gurdjieffs Körpersprache auf der Bühne: Ich sah diesen Mann in Bewegung - er war wie aus einem Guß: vom Scheitel über den Hinterkopf, den Nacken, Rücken und die Beine entlang eine einzige, bemerkenswerte Linie. Soll ich sie eine in sich versammelte Linie nennen? Sie zeugte von Koordi­ nierung, Integration, Kraft. . . (Webb). Munson war von den Tänzen wie elektrisiert - «noch Stunden da­ nach lag ich schlaflos im Bett; das war ihre wachrüttelnde Wir­ kung». Jane Heap war vom Erlebten derart fasziniert, daß sie Gurdjieff anbot, in ihrem Studio-Appartement in der 11. Straße zu unter­ richten, während Toomer von allem so sehr angetan war, daß er begann, mit russischem Akzent zu sprechen. Alle drei sollten noch auf unterschiedliche Weise bezeugen, daß ihre Bekehrung aufrich­ tig war. Die Auswirkung dieses einen Abends auf das «Denken» in New York waren bemerkenswert. «Während des ganzen Frühlings und der Sommermonate war das Thema Gurdjieff - ein neuer Pytha­ goras oder ein Scharlatan? - der Gesprächsgegenstand bei Zusam­ menkünften der Intelligenzija» (Munson). Nichts in Gurdjieffs Verhalten läßt darauf schließen, daß ihn das alles auch nur im ge­ ringsten berührte. Zwischen dem 13. Februar und dem 16. März hielt er sechzehn Vorträge über Themen wie Kunst, Persönlich­ keitsentwicklung, Gottesverständnis, Kindererziehung, Möglich­ keiten der Lebensverlängerung. Der Creme de la creme der New Yorker Cafehaus-Gesellschaft - darunter Theodore Dreiser, Liewellyn Powis, Margaret Anderson, Rebecca West, Carl Zigrosser, John O'Hara Cosgrave, Waldo Frank, Margaret Naumburg, Zona Gale, Gloria Swanson - begegnete er zunehmend provozierend: Das Treffen war für neun Uhr angesetzt, doch war es fast zehn, als Gurdjieff endlich erschien. Er kam aus einem anderen Raum, trug einen grauen Anzug und ein altes Paar Hausschuhe aus
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Teppichmaterial. In der Hand hielt er eine große gebackene Kartoffel. Alle Welt erstarrte in Schweigen (Nott, Teaching). Auch gegenüber seiner vornehmen Klientel kannte er keine Rück­ sichtnahme. «Sie haben ruhelose und nervöse Bewegungen», sagte er einem Besucher, «da müssen die Leute Sie ja für einen Tölpel halten ...» (Nott, Teaching). Während des hoffnungsvollen Monats nach dem Erfolg im Neighborhood Playhouse trieb Gurdjieff sich in ganz New York herum. Er kaufte bei einem guten jüdischen Metzger ein, schenkte seine Brieftasche einem erstaunten Journalisten, stürzte verschie­ dene Juweliere in Verwirrung, trug zur Genesung von Muriel Drapers Sohn Paul bei, der von einem Bus angefahren worden war. Sein Stammcafe Ecke Fifth Avenue und 56. Straße, wo sein Ritual der Trinksprüche ungehindert durch die Prohibition ablaufen konnte, diente ihm zugleich als Büro. In diesen New Yorker Restaurants konnte man verschiedene al­ koholische Getränke in beliebigen Mengen bekommen, die aus­ schließlich auf alten Lastkähnen auf offener See hergestellt wur­ den. Man nannte sie «Arrak», «Scotch Whisky», «Benedictine», «Wodka», «Grand Mamier> usw. Der Gast hob den vierten Fin­ ger einer Hand hoch, bedeckte eine Hälfte des Mundes mit der anderen Hand und flüsterte den Namen . . . Daraufhin wurde das gewünschte Getränk am Tisch serviert, allerdings in einer Flasche, deren Etikett behauptete, sie enthalte Limonade oder das bekannte französische Mineralwasser Vichy. Der Mann, der mit dem erklärten Wunsch nach Amerika gekom­ men war, sich dort auszuruhen, scheint kaum geschlafen zu haben. Die Abende verbrachte er mit Proben und Vorträgen, die Nächte mit intensiven Gesprächen. Der etwas unklare Weg seiner Kara­ wane (darunter Shows im Lenox Theater, im Knickerbocker Thea­ ter, in der Webster Hall, dem Hotel Astor und in St. Mark's-inthe-Bowery) erhält schließlich wieder schärfere Konturen im kulturellen Mekka der Stadt. Gurdjieffs abschließende New Yorker Vorstellung in der Car221

negie Hall am Montag, den 3. März, war die erste, letzte und ein­ zige, bei der die Eintrittskarten bezahlt werden mußten. Er hatte grandiose Pläne, zu denen vier Flügel und volle Orchesterbeglei­ tung gehörten. Das führte in letzter Minute zu einer Auseinander­ setzung mit der Musiker-Gewerkschaft, so daß schließlich Tho­ mas de Hartmann, wie so oft, allein ran mußte. Dank der aufopferungsvollen PR-Arbeit von Zona Gale war das Auditorium bis auf den letzten Platz besetzt; nur die besonders teure erste Par­ kettreihe blieb leer - bis Gurdjieff Leute aus den hinteren Reihen nach vorne winkte. Ein weiter Weg vom Kloster Sarmung zur Carnegie Hall - hatte er nicht, wie die durch ein Loch im Vorhang auf ein recht gemisch­ tes Publikum schauende Olga zu bemerken wagte, zur Folge, daß mittlerweile Quantität vor Qualität kam? Gurdjieff wies das scharf zurück: Wie können Sie das beurteilen? Vielleicht wird in denen, die heute zu schlafen scheinen, in zwanzig Jahren etwas erwachen, und diejenigen, die heute so eifrig dabei zu sein scheinen, wer­ den in zehn Tagen alles vergessen haben. Wir müssen jeden zu­ hören lassen, und das Ergebnis gehört nicht uns (de Hartmann). Obgleich er vor allem nach Amerika gekommen war, um nach Schülern Ausschau zu halten, brauchte er auch Geld, und so tönte er immer wieder: Ich habe es gewagt, in dieses Land zu kommen, in dem die Dol­ lars wachsen und gedeihen, und hier, die Luft atmend, die gesät­ tigt ist von den Schwingungen jener Leute, die auf meisterliche Weise Dollars säen und ernten, bin ich wie ein hochgezüchteter Jagdhund auf der Fährte eines gewissen guten Wildbrets. Seine kostenlosen Demonstrationen und privaten informellen Vorträge hatten ihm kaum einen Cent eingebracht, und seine Rücklagen schmolzen angesichts der sechsundvierzig von ihm ab­ hängigen Begleiter in dem teuren New York wie Butter an der Sonne. Er verkaufte die Brosche der Großherzogin sehr günstig,
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doch auch deren Erlös war bald ausgegeben. Mitte März 1924 mußte er seine Leute bitten, selbst irgendwie zu Geld zu kommen, und Thomas de Hartmann begab sich zu einer Arbeitsvermittlung: «Ich bewarb mich als Musiker, doch nur Köche wurden wirklich gesucht.» In dieser bitteren Stunde kam unerwartete Hilfe aus Illi­ nois. Adolph Bolm, ein bekannter Ballettmeister, der für Diaghilew in Feuervogel und Karneval getanzt hatte, bot unerwartet die Nut­ zung seines Studios in Chicago an. Gurdjieff nahm dankbar an und bestieg mit seiner Truppe den Zug nach Philadelphia und Bo­ ston. Die Vorstellung in der Bostoner Judson Hall, die von Fakultätsmitgliedem und Studenten der Harvard University besucht wurde, lief recht gut. Doch der große akademische Fisch entging dem von Orage ausgelegten Netz («Coomaraswamy war völlig in seine Arbeit versunken und schenkte anderen Welten als dem lan­ gen Tod keine Beachtung», schrieb Louise Welch). Gurdjieff fuhr seiner Gruppe nach Chicago voraus, um an einem Gesellschaftsabend im französischen Konsulat teilzuneh­ men. Dabei warnte er die Diplomaten vor den Gefahren eines un­ kontrollierten Pranayama: Ganz Europa ist inzwischen verrückt nach Atemübungen. Ich habe vier bis fünf Jahre Geld damit verdient, Menschen zu be­ handeln, die ihre Atmung mit solchen Methoden ruiniert hatten! Über diese Dinge werden viele Bücher geschrieben ... Ich bin den Autoren sehr dankbar . . . Gurdjieffs Ballettstars - Julia, Olgiwanna, Elisabeta und Jeanne trafen schließlich in Chicago ein und traten vor einem zahlreich erschienenen, vornehmen Publikum auf - das Klatschen schwoll an, schwoll ab und erstarb schließlich in der großartigen Stille der Geschichte . . . Der «Lehrer des Tanzes» hat nie wieder eine öf­ fentliche Vorstellung gegeben. Gurdjieff war gekommen, hatte gesehen und gesiegt. Er kehrte nach New York zu einer Gemeinde zurück, in der Muriel Draper, Gorham Munson und Elizabeth Delza, Jane Heap, Margaret An­ derson und Zona Gale (ganz zu schweigen von Orage) seine Inter­
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essen engagiert und aktiv vertraten. Am Dienstag, den 8.April, gründete er die New Yorker Zweigstelle seines Instituts zur har­ monischen Entwicklung des Menschen. Er wurde in einem russi­ schen Restaurant gefeiert und diskutierte die Nacht durch mit Schülern in einem Appartement in der 49. Straße. Als Antwort auf eine ziemlich indiskrete Frage nach seinen Finanzen erzählte er mit erstaunlicher Freimütigkeit die Geschichte seines Lebens - eines Lebens, in dem alles der Suche nach der Wahrheit untergeordnet war. Der Hauptteil der Truppe aus der Prieure, darunter auch Dr. Stjoernval und Julia Ostrowska, kehrte an Bord der Washington nach Frankreich zurück, während Gurdjieff noch in New York blieb. Seinen vielen Gönnern ging er meist aus dem Weg, lebte zu­ rückgezogen in zwei kleinen Zimmern und ernährte sich von «mit Reißzwecken vermischten Bohnen». Erst im Juni 1924, als die Vor­ träge von Orage und der Unterricht in den «Bewegungen» durch Elisabeta Galumnian genug Geld eingebracht hatten, um einen Ring wieder auszulösen, den Olga de Hartmann unter Tränen ver­ pfändet hatte, als er in Orage den geeigneten New Yorker «Bot­ schafter» für sein Institut gefunden haue und als Bechhofer-Roberts' Hymne auf die Prieure in der Zeitschrift Century erschienen war - erst da schiffte Gurdjieff sich ein, erster Klasse nach Cher­ bourg. Viele seiner neuen amerikanischen Schüler reisten mit ihm. Nicht weniger als achtzig wollten in diesem Sommer in Fontaine­ bleau arbeiten. Während der ganzen Seereise führte Gurdjieff Ein­ zelgespräche: «Von einem Treffen mit ihm kehrten wir stets fröh­ lich und hoffnungsvoll in unsere Kabinen zurück. Es war eine ganz besondere Zeit», erinnerte sich Louise Welch. In Paris wußte Major Finder wenig Gutes zu berichten. Ein Haufen lästiger Voyeure hatte die Prieure heimgesucht, unter ih­ nen D. H. Lawrence (der sie «einen verkommenen, unwahren, un­ behaglichen Ort» nannte, wo «Menschen ein widerwärtiges trick­ reiches Schauspiel aufführen») und Aleister Crowley, der Anti­ christ par excellence (der von Gurdjieff behauptete, er sei «ein sehr weit fortgeschrittener Eingeweihter»). Ouspensky beabsichtigte, in Kürze vorbeizukommen, um einen persönlichen Bericht über Gurdjieffs Amerikareise zu erhalten - obwohl er, wie Finder zö224

gemd erwähnte, im Januar, als Gurdjieff unerreichbar auf hoher See war, formell jede Verbindung zu ihm als abgebrochen erklärt und den Schülern, die er auf seine Seite ziehen konnte (Maurice Nicoll und J.G. Bennett), untersagt hatte, jemals wieder Kontakt mit Gurdjieff aufzunehmen oder auch nur dessen Namen zu er­ wähnen! Außerdem lief der Mietvertrag für das Appartement in der Rue Commandant-Marchand Ende Juni aus, also praktisch schon morgen . . . und er, Frank Finder, wäre für einen langen Ur­ laub dankbar. Angesichts dieser drängenden Probleme schien es undenkbar, daß Gurdjieff die Zeit finden oder die Güte haben würde, Ouspensky zu empfangen. Trotzdem tat er es: «Wir waren sehr neu­ gierig, wie Ouspensky sich verhalten würde. Er saß links neben Gurdjieff und benahm sich wie ein kleiner Junge, lachte öfter als angebracht, sagte, was er nicht meinte, und wurde aufgrund des ihm eingeflößten Armagnacs im Gesicht immer röter» (Anderson, Fountains). In Fontainebleau und Paris fand Gurdjieff schnell wieder zu sei­ nem alten Lebensrhythmus zurück. Er komponierte und choreographierte; er saß im Schatten eines ausgefransten Sonnenschirms und grüner Blätter auf der Terrasse des Grand Hotel-Cafe de Paris und beobachtete (aus seiner seltsamen transhistorischen Perspek­ tive) die Welt, die an ihm vorbeizog: Dieser hochgewachsene Mann, der so tut, als sei er ein bedeu­ tender Gentleman, der einer Dame, die mit ihrem Ehemann am Tisch sitzt, schöne Augen macht... ist er nicht ein wahrer «Veroonk»? . . . Und diese Kellner, die aussehen wie Hunde, die den Schwanz zwischen die Beine klemmen . . . sind sie nicht Asklay-Sklaven?. . . Und immer wieder ist es dasselbe . . . Rufe, Klamauk, Gelächter, Flüche . . . alles genauso wie in der Stadt Babylon oder wie in der Stadt Koorkalai, oder sogar in Samlios, dem ersten Kulturzentrum überhaupt. war Gurdjieff zufrieden? Oder zweifelte er inzwischen daran, ob es richtig gewesen war, das in Abgeschiedenheit und Stille entwikkelte esoterische Werk auf eine öffentliche Bühne zu bringen - in
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genau diese Welt des Lachens und Fluchens? Er nippte an seinem Armagnac. Vielleicht würde aus einer Saat, die notgedrungen in ein übelriechendes Erdreich gesät worden war, ein Baum der Weis­ heit erwachsen, der in hundert oder zweihundert Jahren erfri­ schenden Schatten spenden konnte. Die Zeit würde das zeigen. In­ zwischen raste Gurdjieff auf der Schnellstraße Paris - Fontaine­ bleau einem folgenschweren Ereignis entgegen . . .

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Der Tod und der Autor
(8.Juli 1924 - 23.April 1928)

Der Bericht über den Unfall, der sich in der trockenen Nachmit­ tagshitze des 8.Juli ereignete, ist klar und eindeutig: Der schwere Citroen raste mit 90 Stundenkilometern krachend gegen einen dicken Baum. Die Achse wurde verbogen, das Lenkrad geknickt, der Kühler zerquetscht und der Motor aus seiner Halterung ge­ rissen. Gurdjieff, der einzige Insasse, wurde aus dem Wagen ge­ schleudert und lag bewußtlos im blutbefleckten Gras. Sein Kör­ per war so gequetscht und seine inneren Organe so lädiert, daß er einige Monate lang wie das Fragment eines Bildes aussah, das man vielleicht als «ein bißchen lebendiges Fleisch in einem saube­ ren Bett» hätte beschreiben können. Natürlich findet man rasch eine prosaische Erklärung des Vor­ falls. Gurdjieff war übermüdet, und er lenkte Autos ohnehin auf furchterregende Weise. Er hatte ein reichhaltiges armenisches Es­ sen im Restaurant «Chez Simonian» hinter sich, und die Sonne brütete heiß. So weit, so gut. Doch warum hatte er gerade an diesem Tag seiner Sekretärin Olga de Hartmann juristische Handlungsvollmacht gegeben? Warum hatte er, was noch nie da­ gewesen war, darauf bestanden, daß sie mit der Bahn nach Fontainebleau zurückfuhr? Warum hatte er seinem Mechaniker be­ fohlen, gerade an diesem Tag den Wagen gründlichst zu inspizie­ ren - Bremsen, Bolzen, Beleuchtung und vor allem die Lenkung? Warum . . . ? Vielleicht lassen seine Handlungen sich durch irgendeine «Er­ innerung» an kommendes Geschehen erklären, durch irgendeine
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geheime Vertrautheit mit dem eigenen Mythos, der vor einen Neu­ beginn den «Untergang» setzt. Ein zufällig auf einem Fahrrad vorbeikommender Gendarm entdeckte Gurdjieff, der sofort in einer Ambulanz zum Kranken­ haus von Fontainebleau transportiert wurde. Dort konnte der diensthabende Chirurg es gar nicht fassen, daß der Mann nicht sofort tot gewesen war. Der Unfallschock, verschiedene Körper­ verletzungen und Blutverlust waren noch die geringsten Pro­ bleme. Was den Zustand so kritisch und fast tödlich machte, das waren mehrere Kopfverletzungen und schwere Prellungen. Die fast keinen Puls mehr aufweisende, stöhnende und fast mumifi­ zierte Gestalt des bandagierten Gurdjieff erschütterten Olga de Hartmann: Ich hatte wirklich das Gefühl, die Kräfte des Lebens würden ohne ihn zum Stillstand kommen, und daß, sollte er sterben, alles Leben sterben würde. Ich spürte, sein gesamtes Lebenswerk würde dann umsonst gewesen sein. Bei diesem Gedanken über­ fiel mich eine solche Angst, daß zugleich ein anderes Gefühl auf­ kam und ich mir sagte: «"Wenn Gott existiert, dann kann es nicht geschehen. Wenn Gott existiert, dann lebt Herr Gurdjieff, also wird er nicht sterben.» Am Mittwoch, den 9. Juli, wurde Gurdjieff aus dem Krankenhaus in die Obhut seiner beiden persönlichen Ärzte Dr. Alexinski und Dr. Sirotine entlassen und nach Hause in die Prieure transportiert. Als man ihn vorsichtig auf einer Bahre die Treppe hinauf in sein Zimmer trug, hörte man ihn schwach flüstern: «Viele Leute, viele Leute.» Dr. Stjoernval fühlte sich verpflichtet, die Familie darauf vorzubereiten, daß die Heilungsaussichten nur gering waren. Fünf Tage und Nächte lang schwebte er im Zwielicht zwischen den beiden Welten. Seine Frau (die selbst an Krebs in einem frühen Stadium litt) und seine Schwester Sophia pflegten ihn hingebungs­ voll. Seine Lippen wurden mit einem wassergetränkten Tuch be­ feuchtet und wiederholt wurde ihm Sauerstoff zugeführt. Dr. Martry verschrieb Morphium, was Gurdjieff jedoch wortlos zu­ rückwies. Aus dem ganzen Institut erhob sich eine schweigende,
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verzweifelte Bitte um sein Leben: «In jeder Nacht knieten zwei oder drei Russen betend vor seiner Tür» (L. Welch). Am Ende des sechsten Tages öffnete er die Augen und fragte Madame Ostrowska: «Wo bin ich?» Ohne vollständige Erinnerung, prak­ tisch blind und mit akuten Schmerzen erlebte er jenen schweren Schock, «als zu meinem Pech mein Bewußtsein mit all seinen Attri­ buten mit aller Kraft in meinen total verstümmelten Körper zu­ rückkehrte». Infolge der erzwungenen Untätigkeit seines Leiters wurde die finanzielle Lage des Instituts schnell verzweifelt. Der gut etabliert in London lebende Ouspensky hielt sich von allem fern. Dagegen tat die winzige Kernmannschaft um Gurdjieff alles nur Erdenkli­ che und ließ dabei jeden falschen Stolz beiseite. Der mit Kandinsky zusammenarbeitende Alexandre Salzmann übernahm Wandmale­ reien in Cafes auf dem Montmartre, Thomas de Hartmann schrieb unter dem Pseudonym «Thomas Kross» Filmkritiken, und Olga Milanoff, Tochter des Obersten Richters von Montenegro, betä­ tigte sich als Klofrau in einer Damentoilette. Viele vornehme Leute besuchten Gurdjieff in seinem Zimmer auf dem Flur des «Ritz», doch gab ihm ihre wohlgemeinte Besorg­ nis das Gefühl: «Sie kamen, saugten mich wie Vampire aus und gingen dann wieder.» Unter Mißachtung der ärztlichen Anweisun­ gen bemühte er sich bald mit aller Kraft aufzustehen. Im August konnte man ihn unter Schmerzen im Garten humpeln sehen, ge­ stützt von Julia Ostrowska und Olga de Hartmann - eine zusam­ mengeflickte, nahezu entmenschlichte Gestalt, auf dem vollständig bandagierten Kopf die vertraute schwarze Astrachan-Mütze. Bald schaffte er es auch allein, hilfreich begleitet vom elfjährigen Neffen Margaret Andersons, der seinen Stuhl trug und ihn davor be­ wahrte, in einen Graben zu fallen. Er trug jetzt eine schwarze Brille, um die geröteten Schwellungen zu verbergen und sich vor dem grellen Licht zu schützen. Sehr langsam kehrten Sehkraft und Gedächtnis zurück. Kaum hatten die Schüler sich von dem erdbebenartigen Schock des Unfalls ihres Meisters erholt, da traf sie am 26. August das Nachbeben seiner veränderten Psyche:

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Ich war sehr krank. Gott sei dank, fühle ich mich jetzt besser, doch bin ich durch reinen Zufall am Leben geblieben. . . Ich werde dieses Haus auflösen . . . das Institut ist geschlossen. Ich bin gestorben ... in mir ist alles leer.. . Ich möchte jetzt für mich alleine leben. Ich möchte nicht weitermachen wie bisher, und mein neuer Grundsatz heißt- alles für mich selbst. Ab heute bedeutet mir das Institut nichts mehr (de Hartmann). Das Institut sollte nichts mehr bedeuten! War das wirklich mög­ lich? Sollten Dr. Stjoernval, die de Hartmanns und die Salzmanns nach so langen Jahren treuen Dienstes aus dem magischen Kreis ausgeschlossen werden? Sollten die von Gurdjieff abhängigen är­ meren Russen jetzt ganz sich selbst überlassen bleiben? Und sollten die Neuankömmlinge aus Amerika - Jean Toomer, Margaret An­ derson, Carol Robinson, Jessie Dwight, Stanley Nott - gerade im Augenblick ihrer hoffnungsvollen neuen Zugehörigkeit schon wie­ der die Koffer packen? War dies das Ende aller Aktivitäten? Würde Gurdjieff niemals mehr den wesentlichen Inhalt seiner Lehre wei­ tergeben? ... In der Prieure machte sich tiefe Niedergeschlagen­ heit breit. Vielleicht hätte man weitermachen können wie bisher, wenn die Schüler imstande gewesen wären, sich der Einzelheiten der «Initia­ tion der Priesterin» zu erinnern. Doch keine der Bewegungen und Schritte war niedergeschrie­ ben worden, da Gurdjieff alles in seinem Kopf hatte. Und als wir versuchten, die «Initiation» aufzuführen, merkten wir... zu unserem Leidwesen, daß wir dazu nicht imstande waren. Wir konnten uns zwar der jeweils eigenen Rolle erinnern, doch hatte niemand den Ablauf des Ganzen behalten (Nott, Gurdjieff). Der Lehrer des Tanzes hatte der Welt ein Werk objektiver Kunst geschenkt. . . und die Welt hatte es verlegt. Daraus ergab sich ein fürchterlicher Schluß. Was wäre, wenn sich ohne ihn auch seine gesamte Lehre verflüchtigen würde? Oder, schlimmer noch, wenn sein Werk gründlich verfälscht würde, weil billige Kopisten sich daran machten, «aus allerlei unglücklichen naiven Menschen Kan­
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didaten für Irrenanstalten zu machen?» Doch schon bald schöpfte Gurdjieff neuen Mut, und entschlossen verkündete er: Da es mir, als ich noch voller Kraft und Gesundheit war, nicht gelungen ist, die von mir gefundenen segensreichen Wahrheiten im praktischen Leben der Menschen in die Tat umzusetzen, muß ich das noch vor meinem Tode zumindest in der Theorie tun, koste es, was es wolle. Koste es, was es wolle - aber wie? Die von Gurdjieff abhängigen «Parasiten» zeigten sich im Sep­ tember 1924 ziemlich mobil. Zunächst ging, außer seiner Familie und der ihn pflegenden Personen, jeder seine Wege. Innerhalb von Tagen jedoch fanden sich die meisten Angehörigen seiner alten russischen Garde stillschweigend wieder ein. Dann kam eine Handvoll Engländer zurück: Miss Merston, Miss Gordon, Miss Alexander und Bemard Metz, und dann noch acht Amerikaner. Insgesamt ein Drittel der Schüler ignorierte seine Entlassung und versammelte sich erneut. Nur zwei Angehörige der Kernmann­ schaft reisten für dauernd ab: Olgiwanna, angeblich nach New York, und Madame Ouspensky, angeblich nach London. Beide Damen änderten ihre Pläne: Olgiwanna ging nach Chicago, wo sie am 30. November Herz und Hand von Frank Lloyd Wright er­ oberte und ein vollkommen neues Leben begann. Sophia Ouspensky weigerte sich geradeheraus, den Ärmelkanal zwischen sich und Gurdjieff zu haben, und ließ sich in Asnieres nieder. Eigentlich sprach alles, aber auch alles dafür, den Reserve-Citroen des Instituts zu verkaufen, doch Gurdjieff bestand darauf, wieder selbst zu fahren. Seine ersten Versuche wurden vernünfti­ gerweise von Olga de Hartmann verhindert, die heimlich das Seil des Gaspedals durchschnitt. Es dauerte jedoch nicht lange, da hatte Gurdjieff gesiegt und nahm seine Fahrten durch Frankreich und die Schweiz wieder auf. Nach wie vor lenkte er den Wagen wie ein Besessener; vor allem liebte er Gebirgsstraßen. Alexandre Salz­ mann machte angesichts eines nahegelegenen Dorffriedhofs eine anzügliche Bemerkung. Ausnahmslos waren alle der Meinung, daß Autoreisen mit Gurdjieff keine normalen Erlebnisse waren.
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Unter den angstbleichen Mitfahrern kann man gerade noch die zusammengesunkene Gestalt von Alfred Richard Orage identifi­ zieren - der den Atlantik im Oktober für eine kurze Besprechung überquert hatte. Vor seinem Unfall hatte Gurdjieff in den USA ge­ waltige Hoffnungen geweckt - plante er doch, im Winter 1924 wieder in New York zu sein. Nach dem Unfall konnte er diese Er­ wartung nicht erfüllen. Also kam Orage mit einem Haufen Zei­ tungsausschnitte nach Frankreich und verließ es wieder mit einem De-facto-Mandat als Supervisor für das Werk Gurdjieffs in ganz Amerika. Warum wurde gerade Orage mit dieser unerhörten Auf­ gabe betraut? Schließlich hatte er nur zwei Jahre in der Nähe des Meisters verbracht, und seine Vertrautheit mit den Heiligen Tän­ zen war lediglich theoretisch-verbaler Natur. Und selbst seine un­ bestreitbaren Stärken - die guten Beziehungen zur Intelligenzija, seine Belesenheit, seine Redegewandtheit und seine Vorliebe für die Manipulation von Ideen - waren für das Werk von eher peri­ pherer denn zentraler Bedeutung. Vielleicht zählte in dieser Angelegenheit am meisten Orages Verwurzelung in New York. Vielleicht war ein loyaler, repräsenta­ tiver und eloquenter Prokonsul alles, was Gurdjieff im Augenblick brauchte; vielleicht war auch das von Gurdjieff erteilte Mandat weniger explizit. Eines steht fest: Die Ernennung von Orage war Teil eines viel größeren Zusammensetzspiels. Gegen Ende des Jah­ res 1924 delegierte Gurdjieff impulsiv, nahezu einer Laune fol­ gend, die Verantwortung für seine geschäftlichen Transaktionen mit Antiquitäten, Teppichen, Cloisonne und chinesischem Porzel­ lan an einen «geheimen Partner>, während Miss Ethel Merston zum «Direktor> der Prieure ernannt wurde. In jeder Hinsicht löste er sich aus früheren Bindungen. Er gewann langsam seine Energie zurück, doch schien es besser, sich zurückzuziehen als vorwärts zu springen . . . aber in welche Richtung? «Könnten Sie schreiben, was ich Ihnen diktiere? Sind Sie müde?» Mit diesen direkten Fragen an Olga de Hartmann machte Gurdjieff sich auf seine letzte große Reise zu «unzugänglichen Or­ ten». Er hatte eine Entscheidung getroffen: «Ich, den in jüngster Zeit viele Menschen für einen recht guten Lehrer von Tempeltän­ zen betrachtet haben, bin nunmehr ein professioneller Schriftstel­
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ler geworden.» Seine Augen konzentrierten sich nun auf ein Werk objektiver Kunst, das künftigen Generationen noch unausgespro­ chene echte Informationen vermitteln sollte, wie sie nur Einge­ weihten zugänglich sind. In seinem Papierkorb landeten einige bedauernswerte Lehr­ lingsstücke mit Titeln wie «Die Kokainisten», «Die drei Brüder», «Der unbewußte Mord» und «Die Chiromantie der Aktienbörse». Doch dann, spät in der Nacht des 16. Dezember 1924, schlug die Geburtsstunde seines berühmtesten Werkes: Beelzebubs Erzählun­ gen für seinen Enkel. In jenem Augenblick mag er vielleicht «die Furcht, im überquellenden Strom meiner eigenen Gedanken zu er­ trinken», gespürt haben. Durch die Spitze seines stumpfen Blei­ stifts mußten alle von den Suchern der Wahrheit gesammelten Er­ kenntnisse und alle seine persönlichen tiefsten Einsichten fließen. Gurdjieff schrieb unbeirrt, nichts konnte ihn ablenken - weder das leere Geschwätz der Gäste im Cafe de la Paix und im Cafe Henri IV in Fontainebleau, noch der Lärm des Straßenverkehrs; er schrieb und schrieb, wobei er mit sich selbst sprach und immer wie­ der an der Spitze eines seiner vielen Bleistifte leckte. Als Treibstoff diente ihm starker schwarzer Kaffee, dazu ein hervorragender Armagnac. Von Anfang an kam er gut zurecht mit der Erzählstruktur einer Raumfahrt-Odyssee. Verlieh sie doch sei­ ner gesellschaftlichen und historischen Kritik eine «äußer-irdi­ sche» Dimension und stellte die entscheidende Analogie zwischen dem äußeren Raum der Sternenwelt und dem inneren Raum der menschlichen Psyche deutlich heraus. Stammvater «Beelzebub» wurde auf süperbe Weise dargestellt - als ein origineller, heroischer Archetyp, der darauf hinweist, wie der Mensch sein könnte. Er ist sich des göttlichen Funkens in sich bewußt und be­ müht sich durch bewußtes Arbeiten und absichtliches Leiden darum, seinen wahren Platz im kosmischen Ganzen zu finden. Die Sache hatte nur einen Haken: Die ersten Kapitel (an Orage in Übersetzung zu kritischer Beurteilung geschickt) kamen im März 1925 mit dem Verdikt «absolut unverständlich» zurück. Beelzebub ist zweifellos ein Meisterwerk. Und doch hat dieses Buch wegen seiner barbarischen Syntax, seiner verzerrten Sätze, parabolischen Abschweifungen, tautologischen Wortbildungen,
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onomatopoetischen Einfälle und sonstigen Eigenheiten kaum eine Parallele in der modernen Literatur. Ganz eindeutig signalisiert dieses Buch als konkretisierter Vorläufer einer «Neuen Welt» einen vollständigen und unumgänglichen Bruch mit allen früheren schriftstellerischen Regeln - ganz gewiß mit allem, was Gurdjieff wegwerfend «die Sprache der Bon (on-Literatur^> nennt. Vielleicht hat es etwas zu bedeuten, daß Gurdjieff die ersten Entwürfe auf Armenisch, seiner Muttersprache, schrieb. "Während er in der Prieure komponierte, konnte er beobachten, «wie meine unvergleichliche alte Mutter in Begleitung von zwei Pfauen, einer Katze und einem Hund langsam den Weg entlangspazierte». Sie ging langsam dem Tod entgegen. Ihr Ehemann und die meisten ihrer Enkel waren umgebracht und ihr Sohn bei einem Autounfall schwer verletzt worden. Und jetzt mußte sie ihr langes und mate­ riell entbehrungsreiches Leben im Exil beenden. War er «ein guter Sohn» gewesen? Er hatte getan, was er im Rahmen seines «eigenar­ tig gestalteten Lebens» zu tun in der Lage gewesen war. Madame Giorgiades starb Ende Juni 1925. Gurdjieff arrangierte im Haus der Studien eine spektakuläre Trauerfeier, die mitten in einem sommerlichen Gewitter stattfand. Auf dem Grabstein ließ er die kryptische Inschrift eingravieren (Landau): Ici Repose La Mere de Celui Qui se Vit par Cette Mort Force D'Ecrire Le livre Intitule Les Opiumistes Hier ruht die Mutter eines Menschen, dem dieser Tod es auferlegt, jenes Buch zu schreiben, das Die Opiumraucher heißt

Am 29. Juli begann für Gurdjieff eine intensive Phase des Komponierens mit Thomas de Hartmann. Da er sicherlich weder die Zeit noch die Energie besaß, sich mit geschäftlichen Transaktionen zu befassen, wurde die Verantwortung für das Budget des Instituts zunehmend der russischen Kernmannschaft und den enthusiasti­ schen New Yorkern überlassen. Orage bewies Einfallsreichtum und Feinfühligkeit im Lenken und Mobilisieren der Großzügigkeit von Gurdjieffs «lieben, zur Zeit bedingungslos respektierten Dol234

larinhabem», aber über die sonnige Landschaft seiner Loyalität legte sich ein Schatten, nicht größer als die Hand einer Frau. Sie gehörte der aus bestem Hause stammenden Miteigentümerin des Sunwise Turn Bookshop, Miss Jessie Richards Dwight. «Groß, blond, willensstark und kaum halb so alt (wie Orage), Nachfahrin von Generationen von Geistlichen und Gelehrten aus Connecticut, verliebte sie sich auf den ersten Blick in ihn» (L. Welch). Und Orage hatte es nicht weniger erwischt. Gurdjieff mißbilligte diese leidenschaftliche Liaison von Anfang an. Fritz Peters (den Gurdjieff als eine Art jugendlichen «Freitag» adoptiert hatte) war in diesem Sommer, als Orage und Jessie über­ raschend die Prieure besuchten, Zeuge eines berühmten Streits. Gurdjieff stand neben seinem Bett, wie es mir schien in einem Zustand unkontrollierter Wut. Er tobte gegen Orage, der gelas­ sen und bleich am Fenster stand. Ich mußte zwischen ihnen hin­ durch, um mein Tablett auf dem Tisch abzustellen. Mit dem Ge­ fühl, von Gurdjieffs Stimme gehäutet zu werden, tat ich dies . .. Orage, der mit hängenden Schultern dastand, wirkte ausgedörrt und zerknittert, und Gurdjieff, der nicht wirklich groß war, er­ schien riesig - die totale Verkörperung des Zorns . . . Plötzlich, innerhalb einer Sekunde, verstummte Gurdjieff, und seine ganze Persönlichkeit veränderte sich, er lächelte breit - sah un­ glaublich friedlich aus und innerlich ruhig —, gab mir ein Zeichen zu gehen und fuhr mit unverminderter Wucht mit seiner Schimpfkanonade fort. Dies passierte so schnell, daß Herr Orage die Unterbrechung im Rhythmus wohl gar nicht bemerkt hatte (F. P., Boyhood). Es ist durchaus denkbar, daß Geldangelegenheiten oder redaktio­ nelle Differenzen diesen Streit veranlaßten, wahrscheinlicher aber ist, daß Jessie der Auslöser von Gurdjieffs Feuerwerk war. Sie ver­ paßte selten eine Gelegenheit, ihm ihre ambivalente Einstellung ihm gegenüber mit fast unverschämter Deutlichkeit zu zeigen. Orages persönliche Analyse dieser Dreierbeziehung ist zugleich scharfsinnig und selbstbewußt. Er gelangte zu dem Schluß, daß Gurdjieff «ihn als jemanden betrachtete, der. . . mit ihm von
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einem anderen Planeten kam, mit einer bestimmten Aufgabe, die zu erfüllen war. Aber ich hatte mich in eine Einheimische verliebt, und dies durchkreuzte seine Pläne.» Am 3. Oktober 192^ kehrten Orage und Jessie nach New York zurück, und sowohl «Aufgabe» als auch «Einheimische» bemühten sich nun in angenehmer Kon­ kurrenz um Orages Energie als Redakteur und Mann. Das Jahr 1926 schenkte Gurdjieff plötzlich die einzigartige Möglichkeit, eine Verbindung zu der kleinen kulturellen Kolonie in Taos, Neu-Mexiko, zu knüpfen: Mrs. Mabel Dodge Euhan (eine Gefährtin von D. H. Lawrence und die führende Persönlich­ keit in diesem Kreis) hegte seit zwei Jahren ein dilettantisches In­ teresse für das Werk. Nun war sie zu dem Schluß gelangt, daß ihre ausgeprägten spirituellen und sexuellen Bedürfnisse nur miteinan­ der in Einklang gebracht werden könnten, wenn Gurdjieff eine Zweigstelle seines Instituts in Taos einrichtete - mit dem sehr männlichen und gutaussehenden Jean Toomer als Leiter. Am 8. November schrieb sie persönlich an Gurdjieff und wartete auf Antwort. Die in der Prieure eingehende Post wurde gemäß strengen Prin­ zipien bearbeitet. Briefe, die kein Geld enthielten, mußten auf An­ weisung von Gurdjieff «auf eine Weise vernichtet werden, daß nicht einmal ihr <astraler Geruch> in meinem Hause verbleibt!» In­ haltsreichere Post wurde abgestuft behandelt: Lag ein Scheck oder eine Banknote mit einer Null im Betrag bei, dann wurde der Brief einfach verbrannt und das Geld den Kindern zum Kauf von Süßig­ keiten oder Spielzeug gegeben. Bei zwei Nullen registrierte Olga de Hartmann die Gabe und schlug das Geld dem Küchenetat zu. Bei drei oder mehr Nullen händigte sie den Brief Gurdjieff persön­ lich aus. Von hunderten oder gar lausenden Briefen, die er seit sei­ nem Autounfall erhielt, las er vierzehn und beantwortete sechs. Einer dieser sechs Briefe war der von Mabel Luhan. Die Dame gab freiwillig 15000 Dollar und erbot sich sogar, ihre Ranch zur Ver­ fügung zu stellen. Am 1. Februar 1926 übermittelte Gurdjieff Mrs. Luhan seinen überschwenglichen Dank und seine Entschuldigung, daß er ihren Vorschlag leider nicht annehmen könne. Was Gurdjieff in diesen Tagen vor allem beschäftigte war seine krebskranke Frau. Die einst so lebensvolle Julia Ostrowska, die
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Hohepriesterin seines Tanztheaters, konnte jetzt nur noch auf einen Stock gestützt gehen. Ihr Verfall beschleunigte sich zuse­ hends, vor allem weil sie ihren Mann nach seinem Unfall trotz ihrer Krankheit unermüdlich betreut hatte, ohne auf sich selbst Rücksicht zu nehmen. Seine späte und nur widerwillig erteilte Erlaubnis zur orthodo­ xen Behandlung mit Röntgenstrahlen zeigte keinen Erfolg, weitere Metastasen bildeten sich, wodurch alle Hoffnung zunichte wurde. Anfang Februar 1926 gaben die Ärzte Julia Ostrowska noch zwei Wochen. Doch Gurdjieff kämpfte weiter mit wilder Entschlossen­ heit um ihr Leben. Das (Fritz Peters gegenüber eingestandene) Motiv lag jenseits aller konventionellen Impulse: Sie alleine, sie schon lange wäre tot. Ich erhalte sie am Leben, mit meiner Kraft. Sehr schwierige Sache. Aber auch sehr wichtig dies wichtigster Augenblick in ihrem Leben. Sie hat viele Leben gelebt, ist sehr alte Seele. Sie jetzt Gelegenheit, in andere Welt aufzusteigen. Doch Krankheit kommen und machen alles schwieriger, machen ihr unmöglich, das selbst zu schaffen. Wenn ich sie noch ein paar Monate am Leben erhalten kann, dann braucht sie nicht mehr zurückzukommen und dieses Leben nochmals zu leben (F. P., Boyhood). Wie dem auch sei —Julia starb nicht in zwei Wochen und auch nicht in zwei Monaten. Im Frühjahr jedoch litt sie unerträgliche Schmer­ zen und mußte das Bett hüten. An einem Tisch auf der sonnigen Terrasse tippte eine deutsche Stenotypistin, letzte Neuerwerbung Gurdjieffs, das Manuskript des Beelzebub, der «triumphierend in den Weltraum rast». Und mit jedem monotonen Rücklauf des Schreibmaschinenwagens ver­ kürzte sich Madame Ostrowskas noch verbliebene Lebensspanne. Der Sommer kam, ohne daß das Krankheitsbild sich besserte. In der Küche der Prieure überwachte Gurdjieff sorgsam die Zuberei­ tung der Mahlzeiten für seine Frau. Als ihre Kehle hoffnungslos zugeschnürt schien, ermöglichte ein in der Hand minutenlang vor­ gewärmter Becher mit Wasser ihr das Hinunterschlucken. Und in der allerletzten schwierigen Lebensperiode gehörte zu ihrer Diät
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Blut, das mit der Hand aus speziell ausgewähltem Fleisch ausge­ preßt wurde . . . Tag für Tag, Woche für Woche waren Gurdjieff und Julia allein miteinander, verbunden durch das Geheimnis ihrer letzten Gemeinsamkeit. Manchmal kam Thomas de Hartmann zu der Kranken und spielte für sie auf einem alten Klavier: nicht nur die Kompositionen ihres Mannes, sondern auch die ihres Landsmannes Chopin. Als das Ende immer näher rückte, verlangte Julia dringend nach einem polnischen Priester und freute sich sehr, als dieser kam. Bald danach fiel sie ins Koma, und am Morgen des 26. Juni 1926, um 3 Uhr 30, starb Julia Ostrowska, Ehefrau von Georg Iwanowitsch Gurdjieff, in dem Augenblick, da die Vögel zu zwitschern began­ nen. Sie war siebenunddreißig Jahre alt. «Geh und bring Dr. Stjoernval sofort hierher. Madame Ostrowska ist tot. Besser ihm das sagen», trug Gurdjieff Fritz Pe­ ters auf. Er schien «teilnahmslos, sehr müde und sehr blaß». Als Julia starb, war er allein bei ihr gewesen. Jetzt kehrte er in sein Zim­ mer zurück und weigerte sich, mit jemandem zu sprechen oder et­ was zu essen. Derweil erledigte Olga de Hartmann alle notwendi­ gen Formalitäten beim Bürgermeister von Avon. Sie ließ den Leichnam auf einem improvisierten Katafalk im Haus der Studien aufbahren und schickte jemanden eilig nach Paris zum russisch­ orthodoxen Erzbischof. Als Gurdjieff den langen Trauerzug zum Friedhof von Avon an­ führte, war er die Würde in Person. Es gab keine Manifestationen von Schmerz, keine Tränen, aber es schien so, als erfordere es von ihm große Anstrengung, sich zu bewegen. Er ging ohne Kopfbe­ deckung und enthüllte so seinen eindrucksvollen geschorenen Schädel. Auch Pjotr Ouspensky war gekommen, im Gedenken an alte Zeiten, doch hatten er und sein früherer Lehrer sich kaum et­ was zu sagen. Kurz hintereinander hatte Gurdjieff nun zwei Men­ schen verloren, die ihm auf einzigartige Weise nahegestanden hat­ ten . . . Nachdem Julia nun nicht mehr da war, trat Madame Stjoemvals schon seit langem wachsende Abneigung deutlich zutage. Sie wei­ gerte sich, mit Gurdjieff zu sprechen, während sie jedem, der zu­ hören wollte, «Beweise seiner Unzuverlässigkeit und sogar seiner
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bösen Natur» lieferte. Hatte er ihr nicht ihren Ehemann Leonid gestohlen? Hatte er sie nicht genötigt, ein an Blähungen leidendes Pferd auf der Straße nach Batumi zu lenken? Hatte er es nicht ver­ säumt, ihre in Konstantinopel verpfändeten kostbaren Ohrringe zurückzukaufen? Und hatte er nicht auf höchst grausame Weise und ohne erkennbaren Grund das Leiden seiner lieben Ehefrau verlängert?. . . Das hatte er. Gurdjieff fühlte sich um Dr. Stjoernvals wegen verpflichtet, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Er rief Fritz Peters zu sich, beklagte ihm gegenüber die Unberechenbarkeit der Frauen und kündigte an, er sei fest entschlossen, Elisabeta Stjoernvals Gunst zurückzugewinnen. Dann übergab er mir den Teil einer Tafel Schokolade in einer zerrissenen Schachtel, als habe jemand bereits die andere Hälfte gegessen, und bat mich, ihr das zu überbringen. Ich sollte ihr sagen, welche Empfindungen er ihr gegenüber hege, wie sehr er ihre Freundschaft achte und schätze. Die Schokolade sei ein Ausdruck dieser Hochachtung (F. P., Boyhood). Madame Stjoernvals Reaktion verärgerter Ablehnung verflüch­ tigte sich, als sie die Schachtel öffnete und darin in Stanniol einge­ wickelt ihre vor langer Zeit verpfändeten Ohrringe fand. Fritz er­ lebte verblüfft ihre Reaktion: Sie brach in Tränen aus, umarmte mich und wurde fast hyste­ risch. Dann brachte sie ihr verweintes Gesicht in Ordnung, legte die Ohrringe an und sagte, das wäre der Beweis dafür, welch wunderbarer Mensch Gurdjieff sei. Sie hätte immer gewußt, daß er sein Versprechen halten würde. Gurdjieff haue tatsächlich einiges aufgestellt, um den Besitzer des Schmucks (einen türkischen Geldverleiher) ausfindig zu machen, und dann einen stark überhöhten Preis gezahlt, um die Ohrringe zurückzubekommen. Dabei litt er sowieso unter notorischer Geld­ not und überließ es großzügig Orage und dessen New Yorker Gruppe, die notwendigen Mittel zur Aufrechterhaltung des Instituts
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aufzutreiben. «Gurdjieff pflegt tatsächlich einen ganz ungewöhnli­ chen Umgang mit Geld ... Es tut mir nur leid, daß ich ihm nicht eine Million geben kann, nur um zu erleben, daß er etwa einen Monat nach Erhalt dieser Summe schon wieder mittellos wäre» (Webb). Im Sommer 1927 wurde Gurdjieff von ganzen Schwärmen seiner generösen transatlantischen Schüler und von Neugierigen heimge­ sucht. Jean Toomer kam in die Prieure mit dem ehrlichen Wunsch, bei Publikationen behilflich zu sein. Gorham Munson kam mit Eli­ zabeth Delza und mehreren anderen. Dann erschien ein einzigartig einander verbundenes lesbisches Quartett mit den Damen Marga­ ret Anderson, Georgette Leblanc, Jane Heap und Solita Solano so­ wie Waldo Frank (Gefährte von Gide, Romains, Ortega y Gasset und Unamono) mit seiner zweiten Ehefrau Alma . . . und ein Dut­ zend anderer. Bei Solita Solano hatte Jane Heap so maßlos übertriebene Erwar­ tungen geweckt, daß die Enttäuschung auf jeden Fall vorprogram­ miert war: «Die Großartigkeit dieses <Wundermannes> machte mich neugierig. Ich hatte einen Halbgott erhofft, einen Supermann in der Haltung eines Heiligen, nicht jedoch diesen seltsamen ungeschliffe­ nen Menschen, an dem ich nichts Außergewöhnliches fand als die Größe und Kraft seiner Augen . . .Er plazierte mich neben sich und stammelte zwei Stunden lang irgend etwas in gebrochenem Eng­ lisch. Mir widerstand seine Art zu sprechen, der Anzug, den er trug, und seine Tischmanieren. Ich entschied, ihn nicht zu mögen» (Anderson, Gurdjieff). Die Kellner des Restaurants, die mit Scho­ kolade und Pfefferminz aus Gurdjieffs Jackentasche in Laune ge­ halten wurden, waren gegenüber stürmischen und unberechenba­ ren Szenen immun geworden, wie etwa der folgenden: «Fahre zurück in deine Hölle, du Teufel», schrie Waldo Frank mit drohend geballter Faust, «und laß uns in Ruhe.» Gurdjieffs Reaktion: «Was sagen ärgerlicher Mann? Ich nicht verstehen» (Webb). Der folgende Herbst war für Gurdjieff alles andere als golden. Die Loyalität von Orage litt mehr und mehr unter dem Einfluß von Jessie Dwight, die er am 24. September in New York heiratete. Gleichzeitig fielen immer längere Schatten auf die Kreativität des Meisters. Er war nicht mehr imstande zu komponieren und fühlte sich außerordentlich müde und krank.
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Das ließ ihn glauben, er werde bald seiner Mutter und seiner Ehefrau auf dem Friedhof in Avon Gesellschaft leisten. Der ge­ naue Zeitpunkt hänge nur «vom eigenwilligen Erzengel Gabriel ab. Auf jeden Fall bleiben mir nur noch ein bis zwei, höchstens drei weitere Lebensjahre.» Gurdjieff fürchtete den Tod nicht, war aber niedergeschlagen, weil sein Werk dann unvollendet bleiben würde. Also suchte er nach irgendeiner Lösung. Die Krise hatte ihn Mitte Oktober überfallen. Nachdem er sich selbst drei Jahre lang bei Tag und bei Nacht angespornt hatte, den Beelzebub zu schreiben, und einen großartigen ersten Entwurf fer­ tiggestellt und sich innerlich auf die Veröffentlichung im Jahre 1928 festgelegt hatte - da erkannte er, daß er nicht den richtigen Ton getroffen hatte. Das Problem als solches war ihm stets klar gewesen («Es würde leicht sein, mein Buch für einen wirklich be­ wußten Menschen zu schreiben - aber sehr schwer, es für Esel ver­ ständlich zu machen» [Munson].) Doch konnte er keine Lösung dafür finden. Es war eine ständige Gratwanderung zwischen einem populären und einem obskuren Stil. Wie oft hatte er doch eine sub­ tile und bedeutende Idee ihrer Verpackung entkleidet, um dann festzustellen, daß sie nun allzu nackt dastand. Und wenn seine un­ ter dieser Arbeitsweise schon seit langem leidenden Herausgeber Orage und Jane Heap sich erkundigten, ob er im Prinzip beabsich­ tige, den Knochen noch tiefer zu vergraben, dann korrigierte er sie: «Ich will den Hund tiefer vergraben» (Bennett, Gurdjieff). Sein Ziel war es, ein Buch zu schreiben, das vieles zugleich war: Offen­ barung und Geheimnis, einfach und dunkel, ein Buch von solcher Klarheit, daß es laut in einem Arbeiterverein vorgelesen werden konnte, und dennoch so tiefsinnig, daß es unerhört viel Aufmerk­ samkeit und Nachdenken verlangte - damit hätte er so etwas wie die Quadratur des Kreises schaffen müssen. Und nun zeigte sich, daß auf Kosten von wer weiß wieviel weiteren Jahren nahezu alles umgeschrieben werden mußte. Angesichts dieser trüben Erkennt­ nis «da erschien vor mir in all ihrem Glanz und ihrer Majestät die Frage meiner Gesundheit». Gurdjieffs Gefühl, in einer Falle zu sitzen, überwältigte ihn am 6. November 1927, als er trostlos und allein in einem die ganze Nacht über geöffneten Cafe auf dem Montmartre saß, «fast bis zur
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Erschöpfung ermüdet von meinen <dunklen> Gedanken». Zum er­ sten und einzigen Mal in seinem Leben trug er sich mit Selbstmord­ gedanken. «Sollte ich nicht in der Lage sein, den Ausweg zu finden, dann würde ich am letzten Abend des alten Jahres beginnen, alle meine Schriften zu vernichten, und die Zeit dabei so kalkulieren, daß ich mich um Mittemacht mit der letzten Seite auch selbst zer­ störte.» Während er jedoch diese furchtbare Vision mit sich her­ umtrug, erklang in seinem Innern eine machtvolle Gegenstimme: «Ich will. . . und ich werde sein! Darüber hinaus ist mein Sein nicht nur notwendig aus persönlichem Egoismus, sondern auch für das Allgemeinwohl der Menschheit. Ich wünsche immer noch zu sein . . . Ich bin noch.» Gurdjieffs Lebenskraft war außerordent­ lich. Davon zeugt, daß er in derselben trüben Nacht, in der er über Selbstzerstörung nachdachte, einen großzügigen Brief an Orage schrieb, in dem er ihm ausdrücklich zu einer bestimmten Behand­ lung seiner Angina pectoris riet. Ein erster kleiner Durchbruch fand Ende Dezember statt. Nachdem er in einem billigen Cafe in der Provinz Armagnac ge­ trunken hatte, gelang es ihm, zumindest das folgende dreifache Ziel zu klären: alles in einer von ihm mehr oder weniger intuitiv empfundenen Form umzuschreiben; dem Werk ein tieferes Ver­ ständnis für die Psyche des Menschen zu verleihen; seine Gesund­ heit wiederherzustellen. Zur Weihnachtszeit wurde er fasziniert und ermutigt durch den Hinweis auf eine direkte kausale Verbin­ dung zwischen seiner literarischen Produktion und seinem seeli­ schen Leiden - seltsamerweise hatte er seine kreativsten Phasen ge­ habt, als er schmerzlichen Anteil am Leiden seiner Mutter und seiner Ehefrau genommen hatte. Angenommen, er könne nun­ mehr neues Leiden auf sich ziehen, dann würde die auf diese Weise geförderte «Arbeitsfähigkeit» der Aufgabe gerecht werden. Doch wie sollte er das anstellen? Wie sollte er das für notwendig erach­ tete Leiden erzeugen? Kaum hatte das inhaltsschwere Jahr begonnen, da bestätigte es bereits die gespaltene Loyalität von Orage. Die Neuvermählten tauchten Mitte Januar 1928 in der Abtei auf und brachten atlanti­ sche Sturmböen mit. So wie die einstige Miss Dwight sich bereits über die Ehrerbietung ihres Liebsten gegenüber seinem Lehrer auf­
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geregt hatte, so empfand sie nunmehr als Mrs. Orage diese Untertä­ nigkeit ihres Gatten als unerträglich und signalisierte deutlich ihre feindselige Einstellung und ihre Besitzansprüche an ihren Ehe­ mann. Der Aufenthalt des Paares war nur von kurzer Dauer und keineswegs durchgehend harmonisch. Seine Abreise nach New York war sogar einer dieser seltenen Momente, da Gurdjieff sich als Schwarzer Magier manifestierte. Er fixierte Jessie mit einem basilis­ kenhaften Blick: Sie kann sich nicht bewegen; sie kann nicht atmen - wird sie in Ohnmacht fallen? Wahrscheinlich. Dann hörte sie seine Worte wie aus weiter Feme: «Wenn Sie meinen Super-Idioten daran hindern, zu mir zurückzukehren, dann werden Sie in sieden­ dem Öl brennen . . .» Sie muß es überlebt haben. Auf jeden Fall ist Alfred Richard Orage nie wieder in die Abtei zurückgekehrt. Am Vorabend des St.-Georgs-Tages hatte Gurdjieff sein Beelzebub-Pw\Aem gelöst. Mit Hilfe eines mysteriösen Briefes, der «ei­ nige Ratschläge eines meiner ältesten Freunde» enthielt, hatte er jetzt mehr Klarheit als je zuvor hinsichtlich der notwendigen Aus­ drucksweise und der anzubringenden Verbesserungen. Das alleine schuf bereits spürbare Erregung. Während Gurdjieffs literarischer Krise hatte kein anderer mehr Sympathie für ihn empfunden bezie­ hungsweise seine Niedergeschlagenheit geteilt als seine treue Gehil­ fin Olga de Hartmann. Als er sie an diesem Abend zu sich rief, eilte sie erwartungsvoll in sein Zimmer, um dort mit etwas unglaublich Trivialem konfrontiert zu werden: Was Gurdjieff nach Monaten la­ stenden Schweigens Olga anvertraute, war sein Arger, daß es in Frankreich keine geräucherten englischen Heringe gab. Er hatte sich gedacht, einige zum Abendessen an seinem Namenstag zu ver­ zehren. Olga sagte nichts, und ihre Gefühle lassen sich nur erraten. Doch hatte sie innerhalb weniger Minuten mit London telefoniert. Sie be­ stellte eine große Kiste Räucherheringe bester Qualität und arran­ gierte alles so, daß sie in Paris in Empfang genommen und gleich an die Prieure weitergeleitet wurde. Ihr unschuldig-impulsives Han­ deln - so typisch für Hunderte von hilfreichen Gesten und so sehr abweichend von Gurdjieffs Streben nach absichtlichem Leiden - of­ fenbarte ihm blitzartig den noch fehlenden Schlüssel für sein künf­ tiges Handeln:
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Ich ... schloß mich in meinem Zimmer ein. Nachdem ich mich in den entsprechenden Zustand versetzt hatte, legte ich das fei­ erliche Gelöbnis ab, unter dem Vorwand verschiedener achtba­ rer Gründe alle diejenigen aus meiner Umgebung zu entfernen, die mein Leben auf die eine oder andere Weise zu komfortabel gestalten. Nun war es soweit. Im Dienste seiner schriftstellerischen Arbeit mußten gerade die besten Gefährten aus seiner Nähe verbannt werden. Sein runder Tisch löste sich auf ... Während des festli­ chen Essens am Abend des St.-Georgs-Tages hob Ratschmiljewitsch prophetisch sein Glas mit Wodka über den Heringsgräten und sagte mit Tremolo in der Stimme zu Gurdjieff: «Gott gebe Ih­ nen die Stärke und die Mannhaftigkeit, Ihre erhabene Einsamkeit zu ertragen» (Webb). Die würde er tatsächlich brauchen.

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14 Der Sämann am Werk
(24. April 1928 - Sommer 1931)

Ja, es war einsam geworden um den Meister. Das engagierte Duo aus der Gurdjieffschen Frühzeit, Lew Lwowitsch und Paul Dukes, war ganz aus seinem Blickfeld verschwunden. Die ersten Mos­ kauer Aspiranten folgten jetzt anderen Berufungen - Wladimir Pohl als musikalischer «Überlebenskünstler» in Paris und Vetter Merkurow als angesehener lenintreuer Bildhauer in Moskau. Von den «Petersburger Sechs» waren Antoni Tscharkowski und Nikolas R. während der Zeit der großen geistigen Auseinandersetzun­ gen in Rußland einfach verschwunden; Anna Butkowski hatte sich mit einer prosaischen Hausfrauenrolle abgefunden, Pjotr Ouspensky betreute seine Anhänger in London; und Andrej Sacharoff lag in einem namenlosen Grab in Noworossisk. Nur Leonid Stjoernval hatte allen Wechselfällen des Lebens zum Trotz bei Gurdjieff ausgeharrt. Die Eroberer der transkaukasischen Berge — Petrow, Schukow und Schandarowski - waren nordwärts in die Vergessenheit entschwunden. Frank Pinder hatte sich 1924 aus der Prieure gestohlen; die schöne Olgiwanna war in Richtung Westen davongetanzt; Miss Merston hatte sich zu einem indischen Ashram auf den Weg gemacht; und Captain J.G. Bennett befand sich in einem Athener Gefängnis.9 Gurdjieff würde jetzt «achtbare Gründe» für seine Trennung von weiteren Schülern erfinden müssen, ohne dabei von «scharfen energetischen Geschehnissen» der Geschichte Hilfestellung zu er­ halten, denn weder eine Revolution noch ein Krieg war im Som­ mer 1928 am politischen Horizont in Sicht. Es ist nicht bekannt,
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auf welche Weise er Margaret Anderson und Georgette Leblanc ab­ wimmelte, doch hörten einen Monat nach seinem Gelöbnis ihre Be­ suche in Fontainebleau auf. Aus Gurdjieffs Sicht waren beide nie­ mals wirklich gute Schülerinnen gewesen, nicht weil sie Lesbierinnen, sondern weil beide «aufgeklärte Idioten» waren und daher vom wahren Verstehen weit entfernt, weil sie apriori die Gewißheit zu haben meinten, es bereits zu besitzen. Derart eingebildete Per­ sönlichkeiten konnten sich unmöglich in der Abtei akklimatisieren. Die Sängerin und Tänzerin Georgette war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere berühmt für ihre geradezu unheimliche Perfektion. Jean Cocteau bezeichnete sie als «das Modell einer lyrischen Heili­ gen - eines dieser seltsamen großartigen Wesen, die sich köpf- und armlos durch die Menge bewegen, angetrieben nur durch die Kraft ihrer Seelen, so unwandelbar wie die Nike von Samothrake». Aber kaum hatte Gurdjieff sich von Margaret und Georgette be­ freit, da tauchte, aus New York kommend, deren äußerst schwie­ rige Gefährtin Jane Heap auf, die sich danach sehnte, in der Prieure leben und arbeiten zu können. Doch statt in der Abtei brachte Gurdjieff sie in einer Wohnung auf dem Montmartre unter, zwi­ schen all den Blumenmädchen, Schwarzen, Arabern, livrierten Türstehem, pockennarbigen Schwulen, chansonniers, Taschendieben, jederzeitverfügbaren Strichjungen, Huren, Betrunkenen im Abend­ anzug und vor allem jenen Damen, die es verdienten, im Ladies Directory erwähnt zu werden, einem von Janes intimer Freundin, der Schriftstellerin Djuna Barnes, herausgegebenen Handbuch. Trotz ihrer relativen Unerfahrenheit trug er Jane auf, wöchent­ lich eine Vorlesung über seine Ideen im Salon ihres Appartements zu halten, vor welchem Publikum sie wollte - während er selbst mit seiner schriftstellerischen Arbeit weitermachte. Er stellte ironisch fest, daß Jane fast sofort gerade die Frau magnetisch anzog, die sich noch vor zwölf Monaten über seine Sprache, seine Kleidung und seine Tischmanieren mokiert hatte: Solita Solano (die im Ladies Di­ rectory 3\s schillernde Journalistin «Tuck» verzeichnet war). Diese Dame wurde quasi über Nacht zu einer heimlichen GurdjieffAnhängerin mit dem erklärten Ziel, ein «voll bewußtes, entwickeltes Menschenwesen zu werden». Im Frühsommer 1928 wandte Gurdjieff seine Aufmerksamkeit
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Madame Ouspensky zu. Obwohl sie seit 1924 in Asniere wohnte (nur drei Meilen von Paris entfernt), war sie ein von Gurdjieff stets gern gesehener Gast. Aus ihren und Boris Ferapontoffs Berichten gewann Gurdjieff einen interessanten Eindruck von der höchst theoretischen Lehrmethode, die in London vorherrschte, sowie von dem eigenartigen Geist, der über der Wohnung in der Gwendwr Road, West Kensington, lag. Im Zuge der von Ouspensky selbstgewählten Isolation und seiner zunehmenden De­ pressionen hatte neuerdings die Vorstellung von ihm Besitz ergrif­ fen, er müsse Kontakt aufnehmen zu einer «Höheren Quelle» - zu einer Entität, die er manchmal auf überirdischer Ebene und manchmal in einem mythologisierten Asien ortete. Madame Ouspensky (eine «majestätische Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet, mit walnußbraunem Haar und blitzenden Augen») könnte in Eng­ land vielleicht einen stabilisierenden Einfluß ausüben, die prakti­ schen Aspekte des Werks neu beleben und etwas vom Beelzebub vermitteln . . . Und so war es paradoxerweise gerade die Loyalität dieser Frau ihm gegenüber, die es Gurdjieff ermöglichte, sie schleunigst nach London einzuschiffen. Da Gurdjieff sein Gelöbnis geheimgehalten haue, betrachtete Sophia Ouspensky sich selbst eher als Trumpf im Spiel denn als abgelegte Karte. Doch kaum war ihr Zug abgedampft, da leitete Gurdjieff schon die nächste (Ablenkungs-)Mission in die Wege: Er schickte die beiden Salzmanns nach Deutschland, wo sie mit Hilfe von Alphons Paquet, einem sympathischen Quäker und Naturpoe­ ten im Stile Whitmans (Bekannter aus alten Münchner Tagen), eine Gruppe gründen sollten. Doch Frankfurt ist ein folgenloses Intermezzo geblieben. Jeanne wurde schon bald wieder in Fon­ tainebleau gebraucht und Alexandre in seinem Stammcafe gesich­ tet, wo er mit Vorliebe eine Mischung aus Bier und Calvados trank - nicht unbedingt die beste Medizin für den gesundheitlich ange­ schlagenen Vierundfünfzigjährigen, dessen Entwicklung als Künstler schon lange stagnierte. Wenn Alexandre die Welt so be­ trachtete, dann fand sein beißender Humor reichen Stoff. Salz­ mann äußerte sich sarkastisch über alles und jedes, ausgenommen seinen Meister, zu dem er in unerschütterlicher Loyalität stand, auch und gerade jetzt, wo es an Kritik an Gurdjieff nicht mangelte.
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Französische Rationalisten stigmatisierten ihn als Scharlatan, ka­ tholische Apologeten als Ärgernis für Mutter Kirche (nicht zuletzt Francois Mauriac). Die stärkste Stimmungsmache gegen Gurdjieff betrieb jedoch der französische Okkultist Rene-Jean-Marie-Joseph Guenon, brillanter Stilist und erfolgreicher Autor Dieser Mann griechischer Abstammung ist nicht bloß einfach ein Scharlatan, aber das macht ihn nur noch gefährlicher ... in Wahrheit übt Gurdjieff auf jene, die zu ihm kommen, eine Art psychischen Zwang aus, der erstaunlich ist, und aus dem sich zu befreien nur wenige die Kraft haben (Laurant). Gurdjieffs Revision seines Hauptwerks verlief (fast) planmäßig mehr als einmal diktierte er «die allerletzte Zeile». Olga de Hart­ mann regte sich dann stets so auf, daß er sich genötigt sah, sie zu trösten: «"Wir müssen noch ein ganzes anderes Buch schreiben, also seien Sie friedlich.» Bevor er dieses andere Projekt in Angriff nahm - genauer gesagt, ehe er es überhaupt entwarf -, legte Gurdjieff eine Atempause ein: Ich beabsichtige, einen ganzen Monat auszuruhen, absolut nichts zu schreiben. Und als Anregung für meinen bis an die äu­ ßerste Grenze erschöpften Organismus werde ich ganz 1-a-n-g-s-a-m trinken, fünfzehn Flaschen eines «unübertreffli­ chen himmlischen Nektars», den man zur Zeit auf Erden «Alten Calvados» nennt. Gurdjieff selbst war nun zweiundsechzig Jahre alt. Sicherlich liegt in seinem Entschluß, eine Autobiographie zu schreiben, auch ein leidenschaftliches Empfinden, so etwas wie ein Echo auf die Be­ hauptung von Katherine Mansfield: «Du bist nicht tot... Alles bleibt in der Erinnerung. Ich verbeuge mich vor dir. Ich lösche mich selbst aus, damit du durch mich in deiner Vielfalt und Schön­ heit erneut leben kannst.» Also dann - an die Arbeit! Selbst der alternde Gurdjieff treibt noch seine Schüler aus Fleisch und Blut zur Eile an. Sein geschäfti­ ger Bleistift fordert die Sucher der Wahrheit auf, Zeugnis bei
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einem letzten und geselligen Rendezvous abzulegen. Auf dem Bo­ den, den die ehrfurchtgebietende Kritik des Beelzebub vom ange­ häuften Müll von Jahrhunderten gesäubert hatte, sollten nun die Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen das Fundament einer Neuen Welt legen. Im Herbst 1928 kehrte Madame Ouspensky, die eine herzliche Abneigung gegenüber den Engländern empfand, von London nach Frankreich zurück. Don fand sie einen mehr und mehr in seine schriftstellerische Arbeit vertieften Gurdjieff vor, dessen Gedan­ ken nicht so sehr in Richtung England und Ouspensky, sondern Amerika und Orage gingen. So mobilisierte er zu Beginn des neuen Jahres noch einmal alle Energien und begab sich auf seine immer wieder verschobene Reise in die Vereinigten Staaten. Thomas und Olga de Hartmann waren seine einzigen Reisebegleiter auf der Pa­ ris. Weit davon entfernt, ihrem Gefühl, privilegierte Vertraute zu sein, zu entsprechen, überraschte Gurdjieff schon am ersten Reise­ tag Thomas mit dem dringenden Vorschlag, demnächst die Abtei zu verlassen und sich um seine musikalische Laufbahn zu küm­ mern. Tag für Tag, während das Schiff Richtung Freiheitsstatue dampfte, rangen die de Hartmanns mit der für sie furchtbaren Per­ spektive der Freiheit. Am 23. Januar 1929 fuhr Gurdjieff zum zweiten Mal in den New Yorker Hafen ein. Alfred Richard Orage befand sich in die­ sem Augenblick in einer komplizierten Situation. Sein Lehrer würde die New Yorker Gruppe, die er seit fünf Jahren geleitet hatte, in Augenschein nehmen, während seine Frau Jessie hoch­ schwanger war. Als Stellvertreter Gurdjieffs hatte er nicht ent­ täuscht. Da praktisch alle seine amerikanischen Schüler «Inhaber von Macht» in dieser oder jener Hinsicht waren, forderte Gurdjieff unverfroren runde 10000 Dollar innerhalb von drei Wochen. Inzwischen bürdete er Olga eine unmögliche Verwaltungslast auf und brachte sie damit an den Rand des Zusammenbruchs. «Oft war ich nahe daran, alles liegenzulassen und mich auf und davon zu machen.» Gurdjieffs Verhalten läßt sich vielleicht aus der verborgenen Ab­ sicht erklären, die Zweifel von Orage und Toomer zu schüren, Jessie in ihrer Antipathie zu bestärken und die New Yorker Gruppe in
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ein Wechselbad von Begeisterung und Meuterei zu stürzen. Am April schiffte er sich wieder nach Frankreich ein, mit beträcht­ lich geschwollener Brieftasche. Jetzt war sein Gelöbnis der Ver­ wirklichung ein weiteres Stück näher gerückt. Die de Hartmanns saßen demütig in ihren Kabinen, während Orage auf dem Kai einen Freudentanz vollführte: «Gottlob, ich bin wieder frei!» (Webb). Kaum war Gurdjieff zurückgekehrt, da wurde das angenehme Gefühl der in Paris lebenden Emigranten, sie seien ein «Haufen Genies», durch die unerklärliche Liquidierung der Zeitschrift Little Review überschattet - eines Magazins, für das viele von ih­ nen Beiträge schrieben und das praktisch von ihnen allen gelesen wurde. Im letzten Kommentar von Jane Heap heißt es dazu: Ich bringe die Little Review nunmehr zu ihrem Ende . . . Wir haben insgesamt 23 neuen Kunstsystemen (inzwischen alle tot) aus 19 Ländern Raum gegeben . . . Selbstdarstellung ist nicht genug; das Aufzeichnen spezieller Augenblicke oder Fälle ist nicht genug. Alle diese Künste haben ihrem Ursprung und ihrer Funktion die Treue gebrochen . . . oder die Verbindung zu ih­ nen verloren ... Es wäre mehr als ein intellektuelles Abenteuer, unsere Besessenheit von Kunst, Hoffnungslosigkeit und Little Review aufzugeben und sich Dingen zu widmen, die Men­ schenwesen besser bekömmlich sind. Je mehr man über diese ganze Angelegenheit nachdenkt, desto rät­ selhafter erscheint sie. Im Rahmen der Little Review — einer von Anderson geschaffenen und von Heap geleiteten Publikation — hätte Gurdjieff noch jahrelang ganze Dynamitladungen seiner ei­ genen Ideen in die Kulturszene schmuggeln können. Nun aber stimmte er zumindest der Zerstörung der Zeitschrift und der un­ umkehrbaren Aufkündigung Jane Heaps als seines kulturellen Gladiators zu. Im Frühsommer wurde Madame Ouspensky nochmals drin­ gend nach London geschickt. Weitaus bedeutsamer war jedoch, daß die protestierenden de Hartmanns den von Gurdjieff hinge­ worfenen Fehdehandschuh aufnahmen und die Abtei verließen —
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endlich hinaus in die dahinterliegende weite Welt. Olga und Tho­ mas, die sich verwirrt in einem gastlichen Haus in Courbevoie am Stadtrand von Neuilly niederließen, waren kaum imstande, die neue Situation zu begreifen: «Ich war sehr unglücklich und nervös. Mein Mann, der von Natur aus um vieles empfindsamer und indi­ vidualistischer war, konnte es nicht ertragen und stand am Rande eines Nervenzusammenbruchs.» Im Juni 1929 erschien ein Fräulein Louise Goepfert an der Pforte der Prieure. Sie wurde von Fritz Peters eingelassen und er­ hielt im «Mönchsflur» ein Zimmer angewiesen, über dessen Tür ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen gemalt war. Fräulein Goepfert war neunundzwanzig Jahre alt, römisch-katholisch und studierte Kunsthistorikerin. Sie war Gurdjieff vom Schweizer Konsul in New York als hervorragend geeignet für die Überset­ zung des Beelzebub ins Deutsche empfohlen worden. (Obwohl sie Schweizerin war, entsprach sie so vollkommen dem bestimmten Klischee einer Deutschen, daß Gurdjieff ihr den Spitznamen «Würstchen» gab). Die anstehende Übersetzungsarbeit war geradezu monumental. Dennoch ernannte Gurdjieff sie zur Verblüffung der älteren Schü­ ler zu seiner Sekretärin. «Wenn Sie mir jetzt helfen», so versicherte er «Würstchen», «dann können Sie später halb Deutschland kau­ fen.» Über die inzwischen geächteten de Hartmanns sagte Gurd­ jieff, sie seien unentschuldbar provokativ gewesen: «Sie imperti­ nent, Ehemann auch.» Es erübrigt sich zu sagen, daß das pure Fiktion war. Denn Mo­ nat für Monat teilte Olga pflichtgetreu ihre Aufmerksamkeit zwi­ schen ihrem geradezu unter Schock stehenden Ehemann in Courbevoie und ihrem Lehrer, den sie weiterhin im Institut besuchte. Jedesmal, wenn sie kam, schrie Gurdjieff sie unerbittlich an, bis die ganze Abtei erzitterte und «Würstchen» daraus folgerte, ihre Vor­ gängerin sei eine furchtbare Person . . . Dr. Stjoernval nahm Fräu­ lein Goepfert zur Seite und beruhigte sie: «Darf ich Ihnen etwas sagen? Wie soll ich es erklären? Mr. Gurdjieff versucht etwas, was niemand sonst bisher versucht hat. Er versucht, die Menschen un­ ter einem anderen Stern, unter einer anderen Konstellation gebo­ ren sein zu lassen. Und das ist im allgemeinen unmöglich.»
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Inzwischen hatte «Würstchen» mit ihrem Fleiß alle Erwartungen übertroffen. Im Herbst 1929 war das Erste Buch des Beelzebub vernünftig ins Deutsche übersetzt und reif, in Frankfurt und Berlin durch ein von Alphons Paquet handverlesenes Publikum begut­ achtet zu werden. Der gerissene Gurdjieff nahm beide Sekretärin­ nen mit auf die Bahnfahrt und schuf damit eine Atmosphäre, die bei Olga sehr schmerzliche Erinnerungen hinterließ. Je weiter der Winter voranschritt, desto härtere Anforderungen wurden an ihre Kaltblütigkeit gestellt, bis sie schließlich unerträgliche Augenblicke erlebte, «in denen Herr Gurdjieff Dinge von mir forderte, die ich einfach nicht tun konnte». Das begann in einem Abteil des Zuges nach Berlin und steigerte sich, als Madame de Hartmann an einem späten Abend die Abtei besuchte. Wenn sie «es» nicht tun würde, erklärte ihr Gurdjieff, dann würde ihrem Ehemann etwas Schlim­ mes zustoßen . . . Aber wiederum ließ Olga sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Im Gegensatz zu Madame de Hartmanns langjährigen und viel­ fältigen Diensten war der Beitrag des jungen Fritz Peters zum Wohlergehen des Meisters (Reinigen des Zimmers und laufende Versorgung mit schwarzem Kaffee) trivial. Doch stand auch er zur «Verbannung» an, und im September 1929 war es dann soweit. Pe­ ters, der den körperlich schwer angeschlagenen und halbblinden Gurdjieff 1924 an der Hand geführt hatte, trennte sich nur schwe­ ren Herzens von dem Mann, der ihm mit großem psychologischen Geschick zu vielen wichtigen Einsichten verholten hat. In seiner rhetorischen Frage: «Du hast dich also entschieden wegzugehen?» liegen Trauer wie auch Ironie. Fritz jedoch konnte nichts sagen: «Ich konnte nur mit dem Kopf nicken. Dann legte er den Arm um mich, beugte sich zu mir, küßte mich auf die Wange und sagte: Mußt nicht traurig sein. Vielleicht kommst du irgendwann einmal zurück. Denk daran - im Leben kann alles geschehen» (F. P., Boyhood). Ende Oktober 1929 beendete der große Börsenkrach an der Wall Street die Ära, in der Gurdjieff mit großzügiger finanzieller Hilfe aus den USA rechnen konnte:

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In den Läden sieht man keine Kunden, die Straßen sind nicht gereinigt, überall herrscht Schäbigkeit. Menschen stehen nach einem Teller Suppe und nach Brot an. Zwanzig Millionen Men­ schen ohne Geld zum Kauf von Lebensmitteln stehen täglich Schlange nach einem Almosen, um ihre Familie vor dem Hun­ gertod zu bewahren. Es war so, als habe ein furchtbarer Krieg oder eine Hungersnot oder eine Seuche das Land heimgesucht (Nott, Joumey). Sofort fühlte Gurdjieff sich dorthin gezogen - um die Dinge mit eigenen Augen zu sehen, um Orage gegenüberzutreten und um Möglichkeiten zur Publikation des Beelzebub zu erkunden. Im Februar 1930, am Abend bevor er von der Prieure aus seine dritte Reise in die USA antrat, verbrannte er seine persönlichen Pa­ piere. Innerhalb von etwa zehn Minuten waren alle Pässe, Memo­ randen, Zertifikate und Korrespondenzen, die vielleicht die Selbst­ beschreibung des Autors in Begegnungen zusätzlich erläutert (oder desavouiert) hätten, für immer vernichtet. Nur Olga war anwe­ send, als Gurdjieff mit spitzen Fingern seine Geheimnisse einzeln in die Flammen fallen ließ. Nur Olga hatte Zugang zu dem kleinen Holzkästchen gehabt, in dem die Beweise aufbewahrt waren, und sie hatte (zum Ärger jedes rechtschaffenen Historikers) niemals spioniert. «Glücklicherweise besaßen Sie niemals diese furchtbare Eigenschaft der Neugier», sagte Gurdjieff. Am frühen Morgen des folgenden Tages bestellte er seine treue Schülerin in seine neue Pariser Wohnung in der Rue Marchand. Durch alle Wechselfälle ihres langen und arbeitsreichen Lebens (sie wurde 94 Jahre alt) erinnerte Olga sich ihres abschließenden Gesprächs dort als «wunderbar» — und ihrer Trennung auf dem Bahnhof als bösen Traum. Während der neun vergangenen Mo­ nate hatte sie es auf wundersame Weise geschafft, zwei Herren zu dienen — ihrem Ehemann und ihrem Lehrer. Nun jedoch war sie genötigt zu wählen. Der Mechanismus war auf diabolische Weise einfach: Gurdjieff verlangte genau das, was seinem Gelübde wider­ sprach - Olga solle Thomas dazu bringen, in New York zu ihm zu stoßen. Das konnte sie natürlich nicht. Thomas war dazu körper­ lich und seelisch nicht in der Lage. Gemeinsam schlenderten Gurd253

jieff und Olga in düsterem Schweigen den Bahnsteig entlang. Von den Stufen des Speisewagens herabblickend, erneuerte er seine Forderung «in eisigem Ton»: «Kommen Sie in einer Woche, oder Sie werden mich nie wieder­ sehen.» Ich antwortete ihm: «Wie können Sie so etwas von mir verlangen. Sie wissen doch genau, daß ich es nicht tun kann.» Er wiederholte im selben Ton: «Dann werden Sie mich nicht mehr wiedersehen.» Obwohl ich das Gefühl hatte, vom Blitz getrof­ fen zu sein, wiederholte ich, was eine innere Stimme mir sagte: «Also dann . . . dann werde ich Sie nie wiedersehen.» Der Zug fuhr an. Herr Gurdjieff stand bewegungslos da und blickte mich an. Ich schaute ihn an, ohne meine Augen von sei­ nem Gesicht zu lassen. Ich wußte, das war jetzt für immer . .. Olga ging nach Hause und verließ vier Tage lang nicht ihr Bett. Wie sehr Gurdjieff auch den selbstverschuldeten Verlust von Olga betrauert und wie sehr er auch sein rücksichtsloses Spiel be­ dauert haben mag - er verlor keine Zeit, seine Taktik der Zerstö­ rung nun auf New York zu konzentrieren. Die von Bord der Bre­ men vorausgesandten Telegramme bewegten sich von «leicht exzentrisch»: FALLS DIE LIEBE NOCH NICHT DAHIN, AR­ RANGIERET BAD UND BEGRÜSSUNGSPARTY, GE­ ZEICHNET ENKEL UND EINZIGARTIG PHÄNOMENALE GROSSMUTTER, bis zu «absolut bizarr»: BREMEN BRINGT TAUSEND KILO DESILLUSIONEN; HUNDERT KILO VORÜBERGEHENDES GLÜCK UND ZEHN PFUND STRAFEN. GEZEICHNET BOTSCHAFTER DER HÖLLE (Webb). Als der Überseedampfer am 15. Februar anlegte, gehörte Orage nicht zu den an Land Wartenden, die der extremen Kälte wegen mit den Füßen stampften und in die Hände hauchten. Er war auch nicht Zeuge der Szene am Landungssteg, als Gurdjieff hitzig fünfundzwanzig unerlaubte Melonen durch den Zoll brachte («Die kommen eigens aus Persien»), noch kam er zur Be­ grüßung seines Lehrers ins Great Northern Hotel. Dieser Vorgeschmack auf stärkere Entfremdung kam Gurdjieff sehr zupaß. Im Verlauf des Besuches senkte er auf subtile Weise
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Zweifel und Unmut in Orages Herz: das Gefühl, betrogen worden zu sein; das Empfinden, ihm sei die wohlverdiente Initiation vor­ enthalten worden. Wie sehr ihm das gelang, davon zeugt nur allzu­ deutlich folgender Brief von Orage: Ich habe Gurdjieff in New York gesagt, ich sei nun am Ende meiner Geduld und wolle ohne neue Initiation mit der Prieure so gut wie nichts mehr zu tun haben. Ich tat es offen gestanden in der verzweifelten Hoffnung, Gurdjieff werde für mich mehr tun, als er für Stjoernval, de Hartmann und andere getan hat, die trotz ihrer Ergebenheit inzwischen alle aufgehört haben, ihm weiter zu folgen (L. Welch). Gurdjieffs Entschlossenheit, «aus jedem, dem ich begegnete, auch den letzten Tropfen herauszupressen», zerstörte Orages Netzwerk literarischer Kontakte. Ein sorgsam vorbereitetes Treffen zwi­ schen dem noch unbekannten Autor des Beelzebubund dem Verle­ ger Alfred Knopf ging völlig daneben, als Gurdjieff diesen anfuhr: «Erst Haus säubern, Ihr Haus, dann vielleicht können haben mein Buch» (Nott, Journey). Als schließlich die «Einzigartig Phänome­ nale Großmutter» im April 1930 nach Frankreich zurückreiste, hatte sie nicht nur Orage als Anhänger endgültig verloren. Viel­ mehr wurde inzwischen an vielen Ecken und Enden geflüstert, «Gurdjieff selbst sei ein großer Stolperstein auf dem Weg zum Verstehen seines Systems» (Nott, Journey). Im Sommer 1930 wurde Madame Ouspensky wieder einmal hoffnungsvoll nach England geschickt. Als sie im Herbst eigensin­ nig zurückkehrte, hatten sich die Reihen in Fontainebleau weiter gelichtet: Alexandre Salzmann war «verschwunden» - plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Gerade sieht man ihn noch im «Mönchsflur», wie er über einen Türsturz die Worte In Memento Mori malt, und im nächsten Augenblick ist er weg. Es heißt, er habe die Prieure durch Gurdjieffs Lehre verwandelt verlassen. «An jenem Abend nahm ich den Zug nach Paris. Ich war unter dem Na­ men Bruder Petrus ins Kloster gegangen und verließ es mit dem Titel Vater Sogol. Dieses Pseudonym habe ich beibehalten» (Daumal). Mehr denn je war er für das konventionelle Leben ver­
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loren. «Ich kann mich nicht in diese einem Käfig voller Affen glei­ chende Agitation einfügen, welche die Menschen so dramatisch als das Leben bezeichnen» (Daumal). Bei Tage Innendekorateur und Antiquitätenhändler, bei Nacht Stammgast in seinem Cafe am Boulevard St. Germain, ließ Salzmann seine Kerze an beiden En­ den brennen. Er aß wenig und trank dazu seine alte Mischung aus Bier und Calvados, während seine Lungen mehr und mehr von der Tuberkulose zerfressen wurden. Doch Alexandre machte Gurdjieff noch ein «Abschiedsge­ schenk»: Er führte ihm Rene Daumal zu, den ersten Franzosen, der sich am Werk beteiligte. Gegen Ende des Jahres 1930 stand Daumal plötzlich neben Salzmanns Tisch. Er hatte mehrere Wege zur Mystik ausprobiert (Alkohol, Haschisch usw.) und war dabei durch trügerische Ekstasen bis an den Rand des Selbstmords ge­ trieben worden. Er hatte Gedichte veröffentlicht, Sanskrit gelernt, war Mitbegründer der Avantgarde-Zeitschrift Le Grand Jeu und alles in allem mit seinen zweiundzwanzig Jahren bereits sehr er­ folgreich: Er litt unter Erschöpfung, Anämie, heftiger Migräne und verschiedenen Abhängigkeiten von Chemikalien. Salzmanns langjährige Erfahrungen als Schüler eines echten Lehrers befähigten ihn, Daumal von den Drogen wegzubringen und ihm einen alternativen Weg zum Geistigen aufzuzeigen. Dau­ mal schrieb aufgeregt: «Er hat mir wieder Hoffnung und einen Le­ benssinn vermittelt. Ich weiß nun, daß das geheime Wissen, von dem ich geträumt habe, in der Welt existiert, und daß ich es eines Tages, sollte ich es verdienen, erwerben werde» (Mauriac). Der mit seiner schriftstellerischen Arbeit beschäftigte Gurdjieff hielt Distanz. Poesie und Poeten der Avantgarde sprachen ihn nicht auf den ersten Blick an. Ganz augenscheinlich zog er es vor, surrealistisch zu leben - wie seine vierte Amerikareise einmal mehr zeigt. Alfred Richard Orage, vor Gurdjieffs Gericht gestellt, ver­ dammt und in absentia verurteilt, machte längeren Urlaub in Eng­ land, als Gurdjieff am 13. November 1930 erneut in den USA ein­ traf. An jenem Abend versammelte sich die gesamte New Yorker Gruppe im Studio 61 der Carnegie Hall, um zuzuhören, wie Gurd­ jieffs Sekretärin aus Beelzebub vorlas. Doch wurde ihr verzeihh256

ches Gefühl freudiger Erregung, des Privilegiertseins und sogar der Selbstzufriedenheit durch Gurdjieff selbst brutal zerstört: Ich habe hier in einer Ecke gesessen und gelangweilt euren Ge­ sichtsausdruck beobachtet. Dabei wurde mir klar, daß auf der Stirn mal des einen, mal eines anderen von euch geschrieben stand: «Kandidat für das Irrenhaus». Aber es sollte noch schlimmer kommen. Bei der schicksalhaften Vorlesung Gurdjieffs am i. Dezember zerschmetterte er die be­ reits demoralisierten Gefährten von Orage mit einer psychologi­ schen Handgranate. Mit dezidien deutschem Akzent verlas Louise Goepfert den berüchtigten «Eid», den alle innerhalb von sechsund­ dreißig Stunden unterzeichnen sollten, wollten sie nicht strikt von Gurdjieffs Werk ausgeschlossen werden: Ich, Unterzeichnender), schwöre, nach reiflicher Überlegung, ohne von irgend jemandem beeinflußt worden zu sein, sondern aus freiem Willen, folgendes: Ohne Anweisung von Mr. GURDJIEFF oder einer ihn offiziell vertretenden Person, werde ich keinerlei mündliche oder schriftliche Beziehungen zu irgendeinem Mitglied der einstigen Gruppe aufnehmen, die un­ ter den Anhängern der Ideen von Mr. GURDJIEFF noch unter dem Namen «Orage-Gruppe» existiert. Auch werde ich ohne besondere Genehmigung durch Mr. GURDJIEFF oder seinen Stellvertreter keine Beziehung zu Mr. Orage persönlich pflegen. Widersprüchliche Hoffnungen und Loyalitäten stürzten die hilflo­ sen New Yorker in ein fürchterliches Dilemma. Einige unterzeich­ neten, andere weigerten sich, wieder andere gebrauchten allerlei Ausflüchte. Ein Haufen aufgeregter Telegramme erreichte Orage in seinem alten Bauernhof nahe Rye, und ohne auch nur einen Au­ genblick zu zögern, schiffte er sich nach New York ein. Am 10. Dezember angekommen, bat er um ein Gespräch mit seinem Lehrer. Sofort sagte Gurdjieff zu ... unter einer Bedingung: «daß auch Sie die von mir vorgeschlagene Verpflichtung unterschrei­ ben». 257

Sollte Gurdjieff damit gerechnet haben, sein Super-Idiot werde sich weigern, dann hatte er sich in dem Mann getäuscht. Orage griff nach dem Füllfederhalter, der bereits Gurdjieff hervorra­ gende Dienste geleistet hatte, und unterschrieb ohne Zögern, daß er sich selbst ächten werde. Die Nachricht von diesem coup de theatre erreichte Gurdjieff in seinem Appartement, als er gerade das Abendessen zubereitete . . . und erzeugte Wirkung: Plötzlich kippte ich statt einer Prise Ingwer den gesamten Vorrat an Cayennepfeffer in den Kochtopf. . . dann stürzte ich ins Wohnzimmer, fiel aufs Sofa, barg meinen Kopf in den Kissen, die übrigens halb von Motten zerfressen waren, und begann bit­ terlich zu schluchzen. Ob Gurdjieff besonders über Orages Großmut weinte, oder weil er Orage verloren oder versäumt hatte, ihn zu verlieren - wer kann das sagen? Es war leichter für den getreuen Dr. Stjoernval, Gurdjieffs Gleichgewicht mit einer großen Flasche schottischen Whiskys wie­ derherzustellen als ein Mittel gegen die verfahrene Situation in New York zu verschreiben. Und die Verwirrung, die jetzt im Zen­ trum der Ostküsten-Esoterik herrschte, breitete sich auf einen wei­ teren Kreis von Skeptikern und intellektuellen Voyeuren aus - ja erregte sogar die Aufmerksamkeit der Presse. Gurdjieffs Manipu­ lationen waren zu einer Angelegenheit von einigem öffentlichen Interesse geworden. Worauf wollte er hinaus? «Mr. Gurdjieff sagte, er sei nach Amerika gekommen, um unter anderem <Schafe zu scheren>, doch hat er sich geweigert, das näher zu erläutern» (New York Herald Tribune). Im Januar erschien der Verhaltensforscher Professor John Watson mit mehreren Freunden und Kollegen bei Gurdjieff, um sich selbst ein Bild zu machen. Das Ambiente, in dem sie vom Meister empfangen wurden - wackelnde Stahlrahmen-Stühle, Kochtöpfe, in denen Ziegenfleisch vor sich hinschmorte, sowie ein großes Piano voller Schnapsflaschen darauf - irritierte sie sichtlich. «Ich schreiben Buch», verkündete Gurdjieff von seinem schäbigen braunen Sofa aus. «Aber wer hier kann wirklich lesen?» Als er um
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drei Uhr früh das Vorlesen mit einem leise geflüsterten «Genug, genug» beendete, brach ein älterer Herr in Tränen aus und die Ge­ sellschaft zerstreute sich. «Da sehen Sie, was man in Amerika <Intelligentsija> nennt», sagte Gurdjieff. «Können Sie sich das vorstel­ len. Solch leere Behälter. Intelligentsija nennen sie sich. Diese Nichtse» (Wolfe). Als Gurdjieff am 14. März 1931 wieder abreiste, «ließ er eine hoffnungslos zerstrittene und feindselige Gruppe zurück» (Nott, foumey). Die beiden Männer sind sich nie wieder begegnet (und Orage verließ Amerika für immer am 3. Juli). Gurdjieffs Entschul­ digung für diese Sabotage - insoweit er überhaupt eine brauchte war ganz offensichtlich die, daß er noch mehr seiner Leute loswer­ den wollte. Als C. S. Nott ihn im Cafe de la Paix um eine Erklärung bat, da hätte ihn fast jede Antwort befriedigt, außer der, die Gurdjieff ihm gab: Er hörte ruhig zu, und als ich fertig war, sagte er mit einem sar­ donischen Lächeln: «Ich brauchte Ratten für meine Experimente.» «Wie bitte?» fragte ich zurück. «Ich brauchte Ratten für meine Experimente.» (Nott, Journey) Solche «Ratten» oder «frei herumlaufenden Versuchskarnickel» standen ihm immer noch zur Verfügung - wenn ihn auch seine al­ ten «Rattenkönige» in der Mehrzahl verlassen hatten. Neue und des Einsammelns werte Exemplare wagten sich immer noch vor, doch war er im allgemeinen vorsichtig, sie zu zähmen. In diesem Zusammenhang ist Thornton Wilder ein interessanter Fall. Gurdjieff begegnete dem berühmten Autor von Die Brücke von San Louis Rey im Frühjahr 1931 in Fontainebleau und versicherte ihm wohlwollend: «Ich auch Idiot. Jeder ist Idiot. Ich Idiot Typ einund­ zwanzig: Ich» - und dabei zeigte er mit dem Zeigefinger empha­ tisch nach oben — «Ich der einzigartige Idiot» . . . wobei er sich vor Lachen ausschüttete. Wilder war sehr auf der Hut, sich nicht auch «wie ein Schaf scheren zu lassen». Er traf auf einen Gurdjieff, der Käuflichkeit ausstrahlte. «Er beschnupperte mich. <Ja, ich rieche es. Ich denke,
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er haben Geld.»» Immer wieder stieß Wilder bei Gurdjieff auf einen alles auf dadaeske Weise verzerrenden Spiegel: Ich Ihnen ein Lied singen . . . Wenn ich in Paris oder Berlin singe, es kosten zweihundert Dollar. Ich gebe Ihnen zweihun­ dert Dollar . . . Ich lasse Sie mein Buch lesen. Wenn mein Buch veröffentlicht, es kosten fünftausend Dollar. Ich gebe Ihnen fünftausend Dollar. Als Gurdjieff schließlich den Pförtner der Abtei rief, damit er Wil­ der nach Hause bringe, versicherte er seinem reichen Gast: «Er Sie fahren Hotel. Sie ihn nicht bezahlen. Ich ihn bezahle - indem ich ihm Geld zeige.» Er holte eine große Banknote aus der Brieftasche und schwenkte sie langsam vor den verständnisvollen Augen seines Schülers. Daß Gurdjieff tatsächlich Geld brauchte, und zwar verzweifel­ ter denn je seit seiner Abreise aus New York, war nicht zu leugnen. Hätte er Ouspensky den Hof gemacht, der über die Börsen der wohlhabenden Londoner Gruppe verfügte, dann wäre er wohl zu Geld gekommen. Doch tat er nichts dergleichen. Als Ouspensky vielmehr unerwartet im Sommer in Fontainebleau erschien, wurde ihm der Zutritt zur Prieure verwehrt. Die einzigartige Beziehung begann 1915 in Moskau «in einer lauten, wenn auch nicht zentral gelegenen Straße»; sie endete für immer im Jahre 1931 auf der Ter­ rasse des Cafe Henri IV. in Fontainebleau. Die letzte Begegnung der beiden Männer fand ohne Ohrenzeu­ gen statt. Doch Ouspensky hatte im Laufe der Jahre Gurdjieff im­ mer häufiger als «verrückt», «überheblich», j a sogar als «kriminell» bezeichnet und jedem, der es hören wollte, mitgeteilt, Gurdjieffs «Versäumnis, mit der Höheren Quelle Kontakt aufzunehmen», sei eine größere Katastrophe als die russische Revolution. Und Gurd­ jieff war zu dem Schluß gekommen: «Ouspensky netter Mensch für sprechen und Wodka trinken, aber schwacher Mann» (Nott, Journey). Die endgültige Entfremdung der beiden Männer war nicht mehr aufzuhalten. Die entscheidende Explosion im Cafe Henri IV. war von solcher Wucht, daß sie Madame Ouspensky nach England vertrieb, und
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diesmal kehrte sie nicht zurück. Gurdjieff war jetzt fünfundsech­ zig Jahre alt. Sein Manuskript, tiefschürfend, aber anscheinend un­ publizierbar, lag chaotisch in Bündeln von Schreibmaschinenpa­ pier herum. Seine Aphorismen blätterten von den Wänden des Study House, und unter den tropfenden Ahornbäumen stolzierten die Gespenster einstiger Hoffnungen über ungepflegte Garten­ wege - die Prieure verwahrloste, und ihren Prinzipal umgab trotz all seiner unglaublichen inneren Reserven und seiner Rabelaisschen Bonhomie eine Aura von Trostlosigkeit. Wir sagten Gurdjieff unter den Laternen des Eingangs zum Chateau Lebewohl - er wandte sich um und ging durch den Garten zurück ... die Hände auf dem Rücken verschränkt... Ich dachte, er sehe aus wie der einsamste Mensch der Welt (Hulme). Gegen Ende seiner Zusammenarbeit hatte Gurdjieff das Stück komponiert Jahre vorbei». Die schwierigen Jahre noch nicht vorbei - um die Wahrheit erst an. mit Thomas de Hartmann «Als seien die schwierigen waren jedoch offensichtlich zu sagen, sie fingen gerade

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l5 Heiliges Verneinen
(Sommer 1931 - 6. Mai 1935)

Ein seltsam janusköpfiges Bild - das eines besiegten und das eines unbesiegbaren Mannes - beherrschte diese vier Jahre. «Er war dick geworden, sah ungepflegt aus; die Zeit hatte seinen langen dunklen Zirkusdirektorbart ergrauen lassen. Dennoch war er unbestreitbar eine Persönlichkeit, und seine Augen sahen nach wie vor mit dem alten arroganten und unerschrockenen Blick in die Welt» (Bragdon). Von den fünf Gründungsmitgliedern des Instituts zur harmoni­ schen Entwicklung des Menschen waren jetzt nur noch zwei in der Abtei: Leonid Stjoernval und Jeanne Salzmann. Dazu kamen noch drei junge Amerikaner, zwei auf Besuch weilende Deutsche und die gehemmt wirkende Engländerin Miss Elizabeth Gordon. Gurdjieffs Familie wohnte weiterhin in Le Paradou; Madame Stjoernval und Ratschmiljewitsch vervollständigten das Tableau. "Wer aus der Abtei vertrieben wurde, war dadurch nicht automa­ tisch vom Werk ausgeschlossen. Im Gegenteil. Im Herbst 1931 kündigte der junge amerikanische Übersetzer Payson Loomis seine Absicht an, nach Paris umzuziehen. Gurdjieff stimmte freu­ dig zu: «Das geht in Ordnung, nur gebe ich Ihnen etwas zu tun.» Als dann jedoch Loomis ganz unerwartet jede weitere Bevormun­ dung ablehnte, versetzte Gurdjieff ihn in helle Aufregung, indem er ihm seinen großen schwarzen Revolver vor die Nase hielt. «Nehmen Sie den mit», riet er ihm hilfsbereit. «Sie werden ihn brauchen, um sich zu erschießen» (Webb). Auf der amerikanischen Gurdjieff-Bühne, auf die er im Winter
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1931 kurz zu einer fünften Vorstellung - einem finanziellen Fisch­ zug - zurückkehrte, zeigten sich nur einige wenig bedeutende Mit­ spieler (der Kritiker Gorham Munson, der Schauspieler Edwin Wolfe und der Dichter Schuyier Jackson) - New York ohne Orage war so etwas wie L 'Apres-midi d'un Faune ohne Nijinsky. Gurdjieff hielt sich denn auch nicht lange dort auf. Das Schein­ werferlicht des Werks hatte sich wieder auf Chicago konzentriert, wo die durch den problematischen «Eid» weniger verunsicherten, von Jean Toomer geleiteten Gruppen die Hoffnung nährten, Gurdjieff werde zurückkehren, um Orages Tätigkeit zu vollenden. Das hatte auch Orage selbst gehofft: «Ich bete darum, daß sie sich durch mich wie durch einen neuen Moses an den Jordan geleitet glauben und dann von Josua Gurdjieff hinübergebracht werden» (L. Welch). Ob der in Chicago herrschende adventistische Geist realistisch war, würde Gurdjieffs Kommen zeigen. Jean Toomers persönliche Begeisterung stand außer Frage. Im vorangegangenen Sommer hatte er unter dem Patronat von Zona Gale in Portage/Wisconsin ein etwas übereiltes Experiment im Stile der Abtei geleitet, das ihm eine Menge spöttischer Publizität eingetragen hatte. Laut einem Bericht des San Francisco State Jour­ nal «kletterten die Leute dort wie Eichhörnchen auf die Bäume» (Webb). Gurdjieff nahm das nicht weiter tragisch. Er schien eitel Leutseligkeit und Verstehen zu sein. Selbst das grundlegende Miß­ verständnis der Gruppen Toomers, das Leben in der Prieure sei ab­ solut «frei», das heißt «zügellos» gewesen, behandelte er voller Takt. Dementsprechend hatte er sehr bald das so dringend benö­ tigte Geld zusammen... Er lüftete seine Astrachan-Mütze zum Lebewohl und reiste am 16. Januar 1932 an Bord der Bremen nach Frankreich zurück, ohne noch Zeit in New York zu verschwenden. Mit neu gefüllter Brieftasche nahm er seine schriftstellerische Ar­ beit im Cafe de la Paix wieder auf. Monat für Monat rückte das Ende des Instituts zur harmoni­ schen Entwicklung des Menschen näher. Als Stanley Nott es im Frühjahr 1932 besuchte, war er schockiert angesichts der Verhält­ nisse in der Abtei: «Die Gärten waren verwildert, die Orangerie eine Ruine ... die wertvollen Teppiche von Ratten und Mäusen zernagt.» Gurdjieffs persönliche Wohlstandsinsignien (die Kara263

kul-Mütze, der mit goldenem Knauf versehene Spazierstock usw.) waren abgelegt. Und wie rasant er auch mit Nott und Jeanne Salz­ mann nach Paris fuhr, die Melancholie schien ihn stets einzuholen. Er war mit einem schäbigen braunen Konfektionsanzug und einer Tuchmütze bekleidet. Wenn wir in einem Cafe einkehrten, dann saß er, statt mit uns zu reden und zu scherzen, schweigsam da oder antwortete nur mit einigen wenigen Worten. Wir. . . konnten den Grad seines inneren Leidens spüren ... je bedeu­ tender der Mensch, desto größer seine Last; je stärker der Mensch, desto stärker sein Leiden (Nott, Journey). Gurdjieff hatte sich aus eigenem Willen aller seiner tatkräftigsten Verbündeten entledigt. Nun befand sich die Prieure in einer ver­ zweifelten Lage. Sie war schwer verschuldet, und weder Gurdjieffs gezielte geschäftliche Aktivitäten noch die nur zögernd herein­ kommenden Spenden aus Amerika reichten auch nur annähernd aus, die Kosten zu decken. Der alte Rechtsanwalt Ratschmiljewitsch war einer der wenigen Bewohner der Abtei, der zum Haus­ halt etwas beitrug. Gurdjieff versuchte, eine zweite Hypothek auf­ zunehmen, um die erste ablösen zu können. Dazu lud er einen Pariser Bankier zum Essen ein und bewirtete ihn üppig. Danach führte Gurdjieff ihn, Stjoernval und mich zu einer Sitz­ ecke hinter der Orangerie. Dort waren persische Teppiche und Kissen ausgebreitet, und wir saßen im hellen Sonnenschein und tranken Kaffee, während Gurdjieff vom hohen Wert und den Möglichkeiten der Abtei sprach. Dann wanderten wir über das Gelände, und beim Gehen wurde das Gesicht des Bankiers im­ mer blasser. Schließlich verabschiedete er sich mit dem Verspre­ chen, er werde sich nach Konsultation seiner Partner schriftlich melden. Aber als ich mit ihm zur Gartenpforte ging, murmelte er vor sich hin: «Impossible, paspossible!» (Nott, Journey) Das Faß brachte schließlich ein kleiner Tropfen zum Überlaufen. Ein örtlicher Kohlenhändler, dem Gurdjieff 200 Francs schuldete, verkaufte die ausstehende Rechnung an ein Inkassobüro. Dies
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übte Druck auf Gurdjieff aus, der jedoch den Kopf in den Sand steckte. Nun wurden die alarmierten Hypothekengeber ängstlich und erklärten die Hypothek für verfallen . . . Beim Abendessen am 30. April 1932 kündigte der Meister zum Entsetzen aller an, dies sei «der letzte Samstag, der letzte Armagnac» (McCorkle): Eliza­ beth Gordon demonstrierte einfach Unglauben, Elisabeta Galumnian machte ein fatalistisches Gesicht, Bernard Metz ein heiter-zy­ nisches. Als jedoch am folgenden Tag die Küche offiziell geschlossen wurde, erregte sich zumindest ein junger Amerikaner und drohte Gurdjieff mit «Prozessen und Körperverletzung». Darauf folgte eine Woche großen Durcheinanders: Gerüchte und Gegengerüchte, leidenschaftliche, unvergeßliche Dialoge und überhastete Fahrten nach Paris. «Beruhigen Sie sich», ermahnte Jeanne Salzmann die aufgeregte Louise Goepfert (McCorkle). Nie war Gurdjieff ein vollendeterer Gastgeber als am 7. Mai nur bedauernd, daß dies nun wirklich der letzte Samstag und der letzte Armagnac war. Am Montag begab sich die Gesellschaft nach dem Abendessen in den schönen Salon, wo Gurdjieff lange Zeit unter dem Foto seines Vaters, des aschoch, auf dem Harmonium spielte. «Kann ich irgend etwas für Sie tun?» flüsterte «Würstchen» hoffnungslos. «Jetzt nur Geld, nur Geld», war die Antwort. «Ich brauche sofort nur 100000 Francs» (McCorkle). Doch niemand hatte eine so reich ausgestattete Brieftasche, und am Mittwoch, den 11. Mai 1932, lastete schließlich melancholisches Schweigen über dem Chateau du Prieure: Das Institut zur harmonischen Ent­ wicklung des Menschen hatte zu existieren aufgehört. Niemand kann den absoluten Tiefpunkt der missionarischen Hoffnungen Gurdjieffs genau bestimmen; doch dürfte er sicher­ lich ungefähr hier gelegen haben. Zwar hatte das Menetekel der jetzt bevorstehenden Schließung der Abtei schon seit Monaten, so­ gar seit Jahren an der Wand gestanden. Auch war das Ende durch seine eigene Politik der Isolierung noch beschleunigt worden dennoch traf das Ganze alle nun als brutaler Schock. Daß die im­ mer nörgelnden Ratschmiljewitsch und Madame Stjoernval nun endlich außer Hörweite sein würden, war paradoxerweise für Gurdjieff ein Verlust. Daß Leonid Stjoernval, der älteste seiner Schüler, sich enttäuscht in die Normandie zurückziehen würde,
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war schmerzlich. Und daß er auch bald die Gesellschaft von Jeanne Salzmann würde vermissen müssen, deprimierte ihn. Gurdjieff selbst kappte alle Verbindungen mit Nachdruck. Er ging nach Pa­ ris, überließ seine persönlichen Erinnerungsstücke dem Schicksal, desgleichen mehrere Koffer voll von unersetzlichem Notenmate­ rial . . . alles das, ausgenommen, was Jeanne gehörte, würde ein­ fach verschwunden sein. Von einem engen Zimmer im Hinterhof des Grand Hotel aus blickte er auf das Wrack einstiger und die Zerbrechlichkeit künfti­ ger Hoffnungen. Er war nun Sechsundsechzig Jahre alt, konnte aber nicht zur Ruhe kommen. Im August telegrafierte er überra­ schend nach London und bat dringend darum, «sein geliebter angloamerikanischer Freund» möge doch für einen Tag zu ihm kom­ men. Orage jedoch — der verärgert zu seinem ihm aufgezwungenen Gelübde stand, keine weiteren Kontakte mehr zu «Orage» zu pfle­ gen - antwortete: «Es gab einmal eine Zeit, da hätte ich auf Ihre Aufforderung hin Ozeane überquert. Jetzt würde ich nicht einmal mehr über den Ärmelkanal fahren» (Webb). Was Gurdjieffs Motiv angeht, so gibt es deutliche Anzeichen, daß er verzweifelt literari­ sche Anleitung brauchte. Er hatte den Rohentwurf eines dritten Buches fertiggestellt, das auf den Beelzebub und die Begegnungen folgen sollte. Der umständliche Titel lautete Das Leben ist nur wirklich, wenn «Ich bin». Er hatte den brennenden Wunsch, sofort etwas gedruckt zu sehen. Am Dienstag, den 13. September 1932, entwarf er an einem Tisch im Cafe de la Paix mit halsbrecherischer Geschwindigkeit den «Verkünder des kommenden Guten: Erster Appell an die zeitgenössische Menschheit» (Herold of Coming Good). Das Geheimnis und die hitzige Debatte um dieses Werk - das Gurdjieff noch zu seinen Lebzeiten veröffentlichte - hat nichts mit seiner literarischen Qualität zu tun. Es ist nach allgemein überein­ stimmendem Urteil abgrundtief schlecht. Halb Autobiographie, halb Streitschrift, ist der «Verkünder» ein strukturelles Wirrwarr, und der Stil so unglaublich stümperhaft, daß er beinahe schon wie­ der «gut» ist.

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Das kleine Buch war eine erstaunliche Publikation. Es vermit­ telte dem Leser in vieler Hinsicht den Eindruck der Arbeit eines Mannes, der geistig nicht mehr gesund war . . . Der Stil wies die­ selben Zeichen von fast an Geisteskrankheit grenzender Selt­ samkeit auf, die auch im sachlichen Inhalt manifest wurden. Den «Verkünder» lesen . . ., das war wie das Rumpeln eines Karrens über Kopfsteinpflaster. . . Schon der erste Satz um­ faßte nicht weniger als zweihundertundvierundachtzig Wörter (Landau). Warum hat er das geschrieben? Um noch mehr Schüler zu vertrei­ ben? Um sich über die literarische Sprache des hon ton lustig zu machen? Um Beschimpfungen zu provozieren? Oder einfach, um mit der schrillen Beharrlichkeit eines ertrinkenden Menschen nach Hilfe bei der Rettung der Abtei zu rufen? Das von ihm versprochene «kommende Gute» ist im wesentli­ chen der majestätische Beelzebub (von dem fälschlich behauptet wird, er sei «völlig fertiggestellt und dem Drucker ausgehändigt»). Doch wenn irgend etwas auf Erden dazu angetan war, den Beelze­ bub mit Schmutz zu bewerfen und seine Publikation zu verhin­ dern, und wenn irgend etwas darauf zielte, einen Nagel in den Sarg von Gurdjieffs literarischer Reputation zu treiben — dann war das der ironisch betitelte «Verkünder des kommenden Guten». Da er, was zu erwarten war, keinen Verleger fand, ließ Gurdjieff Kopien unter seinen bestürzten Anhängern zirkulieren. Kaum weniger kontraproduktiv als der «Verkünder» - genau genommen sogar noch mehr - war Gurdjieffs katastrophaler sech­ ster Besuch in den Vereinigten Staaten. Als er gegen Jahresende 1932 ankam, begab er sich direkt nach Chicago: Er war dick ge­ worden; er war schwierig; er war (oder bemühte sich so zu erschei­ nen) käuflich. Er verteilte unaufgefordert Süßigkeiten, auf deren Einwickelpapier «Briefmarken» klebten, die einen alles andere als vorteilhaften «Mister Gurdjieff» darstellten. «Jede Person, die Sie treffen, und Sie selbst ebenfalls, sind Scheiße», erläuterte er Fritz Peters. «Man erlebt das, und wenn man in solchen Scheißleuten etwas Gutes findet. . . dann fühlt man sich innerlich wohl» (F. P., Boyhood).]ea.n Toomer beobach­
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tete mit Mißvergnügen die Wirkung dieses aus dem Tritt geratenen Gurdjieff auf seine Anhänger. Er merkte, wie sie «sich voller Ab­ scheu ab wandten, überzeugt davon, daß Gurdjieff seine Macht nur gebrauchte, um Geld, Geld und immer wieder nur mehr Geld zu erlangen» (Webb). Überall, wo Gurdjieff auftauchte, wirkte er zerstörerisch. Auf einem literarischen Empfang in New York beeinflußte er böswillig eine von Claude Bragdon hofierte prominente Romanschriftstelle­ rin: Gurdjieff zog ihren Blick auf sich, und wir sahen genau, wie er plötzlich auf besondere Weise ein- und auszuatmen begann .. . Einige Augenblicke später bemerkte ich, wie meine Bekannte blaß wurde und an den Rand einer Ohnmacht zu geraten schien. «Dieser Mann ist unheimlich», flüsterte sie. «Irgend etwas Furchtbares ist geschehen ... er hat mich auf so seltsame Weise angesehen, daß ich in Sekundenschnelle das Gefühl hatte, mit­ ten in mein sexuelles Zentrum getroffen zu sein» (Landau). Als Gurdjieff Ende Februar 1933 wieder nach Frankreich fuhr, war Toomer bemerkenswert ernüchtert: «Auf mich machte er den Eindruck eines veränderten Mannes, zum Schlechten hin verän­ dert. Ich spürte, daß sein Werk tot ist... Es war jetzt eine Trave­ stie und eine hohle Verspottung des Werkes, dem ich mich 1924 mit ganzem Herzen verschrieben hatte» (Webb). Die «zusätzliche Ankündigung» zum «Verkünder», die Gurdjieff am 7. März im Grand Cafe Fontainebleau schrieb, ist, wenn überhaupt möglich, noch bizarrer als der Haupttext. Und Gurdjieffs Behauptungen nahmen immer groteskere Formen an: Am St.-Georgs-Tag 1933 (fünf Jahre nach seinem Gelübde) will er fei­ erlich den Grundstein zu einem neuen Haus der Studien legen. Ne­ ben den drei beispiellosen Labors - den «Magnetisch-Astralen», dem «Denk-Ganbledsoin» und dem «Mentaloethero-geflügeken» - werde es auch ein «leuchtendes Keyboard» und eine «echo-er­ zeugende Orgel» besitzen . . . Jenseits des Atlantik wiederholte Toomer seine erbitterten Klagen über Gurdjieff: «Er schien alles niederzureißen, was er geschaffen hatte ... Sein Leben war eine
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einzige Zerstörung, er entfremdete sich die Menschen und schüt­ telte sie nach rechts und links einfach ab» (Webb). Am 23. April galt Gurdjieffs materielle Hauptsorge nicht einer Grundsteinlegung, sondern der Rettung des Wracks Prieure. An diesem Tiefpunkt seines Schicksals tauchte sein alter Freund Alex­ andre Salzmann unerwartet in einem Hotel in Fontainebleau auf, wo er mehrere quälende Tage hinter verschlossenen Fenstern vor sich hin hustete. «Er war stark abgemagert und gespenstisch bleich; im Grunde sah er aus wie sein einstiger Spitzname für Fräulein Gorter: <Der wandelnde Tod>» (de Zoete). Wir wissen, daß Haiva und andere Leckereien von Gurdjieffs Tisch zu Alexandre gelang­ ten, der sich aus seinem Bett mühte und sich zum Cafe Henri IV. zu einem erschütternden letzten Treffen schleppte. Wir wissen um Gurdjieffs noch immer herzliche Empfindungen für Salzmann und um seine Überzeugung, dieser sei im Sinne objektiver Kunst «der größte lebende Maler» . . . Der Rest ist Schweigen. Grausame Ironie wollte es, daß die langerwartete Veröffentli­ chung des «Verkünders» zeitlich mit dem formellen Verlust der Prieure zusammenfiel. Sie wurde mit dem gesamten Inventar, ein­ schließlich siebzig Fahrrädern, an einen französischen Fabrikanten zu einem Preis von 200 ooo Francs versteigert. Inzwischen wurde Gurdjieffs unglückseliges Traktat von der Societe Anonyme des Editions de L'Ouest in Angers gedruckt. Nun also hatte der Prinzipal des Instituts zur harmonischen Ent­ wicklung des Menschen sein Hauptquartier mit dem einzigartigen Haus der Studien verloren; er verlor sein Heim, in dem Ehefrau und Mutter gestorben waren; und er gewann eine Broschüre von siebenundachtzig Seiten, die seine Reputation für immer aufs Spiel setzen sollte. Alle die vielseitigen Aktivitäten der vergangenen zehn Jahre hatten nur diese einzige seltsame Frucht erbracht: zu kaufen -was für ein Schwachsinn! - zum Preis von 8 bis 108 Francs, ganz nach Belieben des Käufers. Der «Verkünder» war «in ein höchst eigenartiges Papier gebunden. Es ähnelte Wildleder und wirkte bei der Berührung dennoch so rauh, daß man fast mit den Zähnen zu knirschen anfing» (Landau). Hunderte von Kopien wurden an Ouspensky geschickt, der sie verbrennen ließ (in der Annahme, der Autor sei an Syphilis erkrankt und wahnsinnig geworden). Selbst
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Gurdjieff hatte nun den Eindruck, er sei zu lange in Frankreich geblieben, um hier noch irgend etwas Gutes tun zu können. Er ver­ traute Madame Salzmanns Fürsorge die brillanten Schützlinge ihres Ehemannes an, Rene Daumal und dessen junge Verlobte Vera. Er traf praktische Vorkehrungen für seine eigene Familie . .. Und dann kam jener Herbstmorgen, an dem seine zum Symbol ge­ wordene Gestalt an ihrem gewohnten Platz im Cafe de la Paix ver­ mißt wurde: Monsieur Gurdjieff war fort. Der sonderbare Mann mit seinem schweren ausländischen Ak­ zent, der ein Zimmer im Henry Hudson Hotel in New York nahm, schleppte mühsam billige schwarze Koffer nach oben. Er war allein und schien erschöpft. Aber obwohl Gurdjieff ohne Fanfaren oder ein klar ausgearbeitetes Programm gekommen war und eigentlich alles auf schmähliches Versagen seinerseits hinwies, war ihm seine außergewöhnliche Anziehungskraft nicht verlorengegangen. Die Motten flatterten - mit leicht angesengten Flügeln - zurück zu die­ ser Flamme (Muriel Draper, Jean Toomer, Gorham Munson, Lincoln Kirstein, Edwin Wolfe, Nick Putman, Paul Andersen). Doch wie sehr war Gurdjieff ihre erneute Aufmerksamkeit tatsächlich willkommen? Vieles sprach dafür, daß er unter akuten didakti­ schen Ermüdungserscheinungen litt. Gewiß hat kein «spiritueller» Meister der amerikanischen Presse jemals ein weniger attraktives oder ätherisches Bild geliefert. Die meisten der fünfzehn Gäste, die Gurdjieff während der ersten Tage nach seiner Ankunft zum Essen eingeladen hatte, waren Re­ porter und Verfasser von Features. Eine Stunde lang bewirtete er sie fürstlich - in der Rolle eines armen, bescheidenen und in höch­ stem Maße ihrer Aufmerksamkeit unwürdigen Gastgebers. Dann bemerkte er betrübt, wie sehr die Menschheit doch zu «reiner Scheiße» degeneriert sei. Er deutete auf eine gutaussehende, elegant angezogene Dame, machte ihr Komplimente wegen ihrer Frisur, ihres Kleides, ihres Parfüms. Und dann sagte er, der Grund dafür, daß sie sich so herausgeputzt habe, sei ein starker Sexualtrieb (er formulierte sogar «ihr Wunsch zum Vögeln») . .. und der sei besonders stark, weil sie eine sehr fruchtbare Phantasie besitze und sich be­
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reits vorstelle, wie sie verschiedene sexuelle Stellungen einneh­ me ... beispielsweise, wie sagt man doch in Englisch - «Neun­ undsechzig?» (Peters, Gurdjieff) Angeregt durch mehr Armagnac und obszöne Gespräche - ent­ sprechend der augenblicklichen Situation -, hatten seine Gäste sich bald teilweise ihrer Kleidung entledigt und gaben sich gewis­ sen zweisamen Handlungen hin. An diesem Punkt rief Gurdjieff plötzlich mit Stentorstimme, «sie hätten nunmehr seine Ansichten über die Dekadenz der Amerikaner bestätigt und brauchten das nicht länger für ihn zu demonstrieren... Er verdiene es, für diese Lehrstunde bezahlt zu werden . .. und werde erfreut Bar­ geld und Schecks annehmen» (Peters, Gurdjieff). Zur allgemei­ nen Überraschung sammelte er mehrere tausend Dollar ein. New Yorks vertraute Rituale und Eigenheiten nahmen Gurdjieff hinfort in Anspruch. Man konnte ihn durch die Glasschei­ ben verschiedener Child's Restaurants beobachten, wie er Eierku­ chen aß und Zitrone in seinen Kaffee preßte. Er beriet Schüler und behandelte eine an allerlei psychischen und physischen Ge­ brechen leidende wohlhabende Klientel. Als Toomer im Frühjahr 1934 nervös seine Absicht äußerte, die gutsituierte Marjorie Content zu heiraten und die Mitarbeit praktisch aufzugeben, antwortete ihm sein Lehrer irreführend, er selbst werde am folgenden Tag nach Frankreich zurückreisen und würde gern 200 Dollar haben. Und obwohl Gurdjieff sich dann doch um keinen Zentimeter bewegte, ausgenommen, um weitere 300 Dollar loszueisen, siegte das bloße Gewicht seiner Anwesenheit bald über alle von Toomer gehegten Zweifel: Ob der Mann nun verrückt war? Er war im Vollbesitz jeder einzelnen seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten. War er un­ sittlich und schlampig? Nichts dergleichen. Oder hatte er Angst vor der Dunkelheit und dem Alleinsein? Das war lächer­ lich. Was immer er durchgemacht haben mochte - er demon­ strierte entscheidende Verbesserungen in jeder Hinsicht (Webb).

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Im Mai überredete der erneut von Gurdjieff faszinierte Toomer seinen Lehrer, nach Chicago zu fahren. Zugabfahrten wurden von Gurdjieff stets auf unvergleichliche Weise in Szene gesetzt - in Petrograd wie in Essentuki, in Paris wie nun auf der Grand Central Station in New York. Mit sieben Kof­ fern und einem Haufen zur Verabschiedung erschienenen Anhän­ gern gerade zehn Minuten vor der Abfahrt auf dem Bahnsteig an­ gekommen, befahl Gurdjieff seinem Reisegefährten Fritz Peters den Mitternachts-Expreß noch eine Weile aufzuhalten. Trotz größter Bemühungen seines jungen Gehilfen mußte er schließlich mit Gewalt in den schon anfahrenden Zug geschoben werden. Knurrend und fluchend über diese schäbige Behandlung bahnte er sich den Weg zu seinem reservierten Bett, wobei er die leicht schlummernden Fahrgäste von dreizehn Pullman-Wagen in Wut versetzte. Während der Nacht, die Fritz (und den Mitleidenden) nicht zu enden schien, warf Gurdjieff sich im Schlaf hin und her; er stöhnte und klagte, rief nach Wasser und Zigaretten. Zum Früh­ stück fand er nichts Passendes auf der Speisekarte und verwickelte Kellner und Oberkellner «in lange und ärgerliche Unterhaltun­ gen . . . über die Möglichkeit, Joghurt oder ähnliches zu beschaf­ fen, was damals ein geradezu exotisches Nahrungsmittel war. Er begleitete dieses Gerede mit anschaulichen Beschreibungen seines Verdauungsprozesses und dessen höchst spezifischen Bedürfnis­ sen» (Peters, Gurdjieff). Für immer sind in Peters Gedächtnis die darauffolgenden Stun­ den eingegraben: Nie in meinem ganzen Leben habe ich mit irgendeinem anderen Menschen einen solchen Tag verbracht. Er rauchte unaufhör­ lich, trotz der Beschwerden der Mitreisenden und der Verbote des Schaffners. Er trank viel und holte in Pausen, in denen wir von friedlicher Ruhe bedroht schienen, allerlei Lebensrnittel hervor, vor allem verschiedene Sorten stark riechenden Käses. Als sie endlich den Bestimmungsbahnhof erreichten, war Fritz einem Nervenzusammenbruch nahe - Gurdjieff frisch wie ein Gänseblümchen.
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Obwohl Peters' verständlicher Wutausbruch, den er bis zum Augenblick der Ankunft unterdrückt hatte, die dort wartenden Anhänger empörte, machten seine Schimpfkanonaden augen­ scheinlich auf Gurdjieff ebensowenig Eindruck wie dieser selbst auf die Intellektuellen von Chicago. So drängte er auf schnelle Weiterreise: «Nun wir müssen ändern, wir jetzt gehen zu besonde­ rem Ort» (Nott, Journey). Im Juni 1934 strebten Gurdjieff, seine schöne Schülerin Olgiwanna und ihr Ehemann, der geniale amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright, entschlossen demselben Ziel zu: «Taliesin», Spring Green/Wisconsin. Seitdem sie sich vor einem Jahrzehnt von ihrem Meister getrennt hatte, war Olgiwannas Loyalität nie ins Wanken geraten. Seine Lehren waren ihr Ansporn und Anleitung gewesen, während sie und Wright sich schmerzlich aus vorherigen Ehen gelöst und zueinander gefunden hatten. Gurdjieffs Metho­ dologie hatte als Richtlinie gedient, als sie zusammen mit Wright einen Stipendienfonds für Lehrlinge der Wohnungsbauarchitektur auf ihrem tausend Morgen umfassenden Gelände in den Hügeln nahe dem Wisconsin River gründete. Sie hatte ihren Lehrer in ihren einfachen und bewegenden Memoiren The Last Days ofKatherine Mansfield mit Nachdruck verteidigt. Die alarmierende Frage war nun, welcher Gurdjieff sich zur näheren Betrachtung präsentieren würde - und wie Olgiwannas kompromißloser, wil­ lensstarker und schulmeisterlicher Ehemann (übrigens nur drei Jahre jünger als Gurdjieff) auf ihn reagieren würde. Die wenigen und verfügbaren Berichte über den Besuch in Taliesin lassen viele Fragen offen. Als profunder Wissenschaftler an­ gekündigt, scheint Gurdjieff einfach ins Zimmer marschiert und die Rolle des Chefs an sich gerissen zu haben. Wrights junge Lehr­ linge akzeptierten ihren unberechenbaren Gast gern so, wie er nun einmal war. Der Pianist Edgar Tafel räumte allerdings ein: «Woran wir uns hinterher am klarsten erinnerten - mehr als an seine Musik und seine Philosophie -, war seine Demonstration, wie man Sauer­ kraut zubereitet.» Doch damit ist wohl kaum Gurdjieffs Wirkung auf Amerikas größten zeitgenössischen Architekten zu erklären, der meinte, dieser sei aus «dem Stoff gemacht, aus dem wahre Pro­ pheten bestehen»; er sei ein Baumeister im wahrsten Sinne des
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Wortes, ein «organischer», das heißt systematisch geordneter Mensch (Wright's summum bonum) und ähnele Augustin, Lao-tzu und Jesus. Im Werk dieses bemerkenswerten Mannes . . . haben wir zum ersten Mal einen Philosophen, der so ganz anders ist als alle an­ deren. Er ist ein Mann . . ., der während seines Lebens viel geop­ fert hat, um die alte Weisheit des Ostens nicht nur für das Den­ ken des Westens verständlich, sondern im Rahmen seines Werks praktisch erfahrbar zu machen. Es bestand ein unausgesprochener Konsens darüber, daß das, was Wright für die Architektur bedeutete, Gurdjieff für die Philoso­ phie war. Viele Jahre später, als Frank Lloyd Wright kurz nach Gurdjieffs Tod von der Cooper Union in New York mit einer Me­ daille geehrt wurde, bat er den Vorsitzenden um die Erlaubnis, eine Erklärung abgeben zu dürfen, und sagte dann: «Vor kurzem ist der großartigste Mann in der ganzen Welt gestorben. Sein Name war Gurdjieff» (Munson). Ende September war Gurdjieff wieder in New York und ließ sich dort von dem Bildhauer und Schriftsteller Rom Landau inter­ viewen («Ich bin telepathisch nicht leicht zu beeinflussen . . . kein Arzt oder Hypnotiseur hat es jemals geschafft, mich zu hypnotisie­ ren»). «Ich Ihnen geben wundervolle Zigaretten», drängte er den Besucher. «Echte Zigaretten, türkische und russische. Was mein­ ten Sie? Nun nehmen Sie schon, die sind gut, prima, prima. Wenn Sie diese nicht rauchen, kann Ihnen geben Nichtraucher-Zigaret­ ten.» Landaus skeptische Veranlagung schützte ihn jedoch nicht vor Gurdjieffs Ausstrahlung: Ich begann in den unteren Teilen meines Körpers eine ausge­ sprochene Schwäche zu fühlen, vom Nabel abwärts . . . Nach zwanzig oder dreißig Sekunden . . . verspürte ich im Magen akute Nervosität, die fast zu physischem Schmerz und zu Angst gesteigert wurde. Ich war sicher: beim Versuch aufzustehen, würden meine Beine versagen und ich auf den Boden fallen.

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Übrigens muß die Kopie des «Verkünders», die Gurdjieff Landau gab, eine der letzten von ihm verteilten gewesen sein. Schon wenige Wochen später distanzierte er sich von seinem eigenen Buch. («Wenn Sie das Buch <Verkünder des kommenden Guten> noch nicht gelesen haben, dann seien Sie den Umständen dankbar und lesen Sie es nicht.») Im Falle Landaus kam das Verbot zu spät, zu­ mal er als «Schwarzer Magier> bereits voll dessen journalistische Erwartungen erfüllt hatte. Ein Tag, der für Gurdjieff gut begann und schlecht endete, war Montag, der 6. November 1934. Er stand früh auf, ging zu Child's Restaurant am Columbus Circle und begann mit dem Entwurf sei­ ner Einleitung zu Das Leben ist nur wirklich wenn «Ich bin». Um 11 Uhr, inmitten einer hitzigen und anregenden philologischen Diskussion über den Unterschied zwischen «freiwilligem» und «absichtlichem» Leiden, wurde er ans Telefon gerufen. Man be­ richtete ihm, daß in der letzten Nacht Orage an einem Herzanfall gestorben sei. Während der nächsten beiden Monate schrieb Gurdjieff kein Wort. Von seinem privaten Kummer über den Tod seines «Super­ idioten» einmal abgesehen, sprach ihn außerdem praktisch nie­ mand an, ohne wie ein Papagei daherzuplappern: «Das mit Mr. Orage tut mir sehr leid.» In New York, wo Orages Geist so spürbar umging, war ungestörte Arbeit für ihn unmöglich. Also begab Gurdjieff sich zunächst nach Washington, dann nach Boston, dann nach Chicago und schließlich in den Süden. Wohin er auch immer floh — Gruppen von Wohlmeinenden überfielen ihn mit ihren schon vorhersagbaren Beileidsbezeugungen, darunter viele, die Mr. Orage nicht nur nie gesehen, sondern vorher auch nie von seiner Existenz gehört hatten. Erst im Januar 1935 gelang es Gurd­ jieff, in aller Stille nach New York zurückzukehren und seine dop­ pelte Rolle als Autor und ärztlicher Hypnotiseur wiederaufzuneh­ men. Als Gurdjieff am 9. April den Prolog zu Das Leben ist nur wirk­ lich ... beendete und mit «Die äußere und innere Welt des Men­ schen» begann, schien er in Hochstimmung. Seine schriftstelleri­ sche Aufgabe war praktisch vollendet, seine Gesundheit wieder­ hergestellt und sein Verständnis der «tiefverwurzelten kleinsten 275

Einzelheiten der allgemeinen Psyche der Menschen» zufrieden­ stellend erweitert. Darüber hinaus hatte er von Stjoernval erfahren, daß die Abtei wieder zu kaufen sei, und seine amerikanischen Schüler Nick Putman und Paul Anderson waren eifrig damit be­ schäftigt, nach finanziellen Mitteln Ausschau zu halten. Dann je­ doch, am 14. April, fiel sein Auge zufällig auf die von russischen Emigranten herausgegebene Zeitschrift Russky Golos, und irgend­ wie erhielten alle seine Hoffnungen neue Gestalt durch jene myste­ riöse einstige Feststellung: «Beginnen in Rußland, beenden in Ruß­ land» (Bennett, Gurdjieff). Was ihm in dieser Zeitschrift auffiel, war ein kleines Feature mit der Überschrift «Das Problem des Alters». Aber warum? Der Arti­ kel war langweilig geschrieben, und nichts an dem wenig überzeu­ genden Lob der zeitgenössischen sowjetischen wissenschaftlichen Studien zum Thema Langlebigkeit schien auch nur entfernt Gurdjieffs Maßstäben zu entsprechen. Welch geheimer Faktor hat ihn dann wohl veranlaßt, dieses Thema aufzugreifen und mit entspre­ chenden Zusätzen in «Die äußere und die innere Welt des Men­ schen» einzubauen? Ist es denkbar, daß ein einziger Satz, der auf eine chiffrierte Warnung hindeutet, den entscheidenden Schlüssel dazu liefert? Am Ende einer sonst moderaten Passage heißt es dü­ ster: «Der Tod hat zweifellos zu große Eile, den Menschen zu errei­ chen.» Zwei Wochen vergingen. Dann übermittelte Paul Anderson telefonisch die Nachricht, ein prominenter Politiker zeige ernsthaf­ tes Interesse, Gurdjieff finanziell unter die Arme zu greifen. Der sechsundvierzigjährige Bronson Murray Cutting, republi­ kanischer Senator für Santa Fe/Neu-Mexiko, Mitglied der Epi­ skopalkirche und seit kurzem als der eventuelle künftige Präsident gehandelt, mußte Gurdjieff als gottgesandter Wohltäter erschei­ nen. Es kam jedoch etwas dazwischen, und Bronson wurde uner­ wartet in Santa Fe aufgehalten. Nun wurde Gurdjieff auf einmal auf untypische Weise ungeduldig, und nach ein oder zwei nervösen Tagen im Hotel in Washington beauftragte er den völlig konster­ nierten Anderson, er solle sich in der sowjetischen Botschaft er­ kundigen, ob Gurdjieff nach Rußland zurückkehren und dort leh­ ren könne. Während Gurdjieff auf die Entscheidung aus Moskau wartete,
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telegrafierte der Senator ein endgültiges Datum für seine Ankunft in Washington. Er werde am 6. Mai da sein, um an einer Abstim­ mung teilzunehmen. Die Aussichten waren rosig. Nach dem gre­ gorianischen Kalender entsprach der 6. Mai dem 23. April des al­ ten oder julianischen Kalenders, ein Datum, das Gurdjieff stets für heilige Geschehnisse nutzte. Nach dieser Berechnung fand das ent­ scheidende Treffen am «Krönungstag» der Abtei statt, am Na­ menstag des heiligen Georg und Geburtstag von Julia Ostrowska. Pech für die Auguren: Das tragische Schicksal schlug gerade am 6. Mai 1935 zu—genau sieben Jahre nach Gurdjieffs Gelübde «aus meinem Blickfeld alle jene zu entfernen, die auf die eine oder an­ dere Weise mein Leben zu bequem gestalten». Das zweimotorige Flugzeug, das den Senator von Albuquerque nach Washington bringen sollte, mußte planmäßig zum Auftanken in Kansas City zwischenlanden. Wegen schlechter Wetterbedin­ gungen sollte es zum Ausweichflughafen Kirksville umgeleitet werden. Es stürzte kurz vor der Abenddämmerung auf eine Kuh­ weide bei Atlanta/Missouri ab. Bronson Cutting wurde unter den Toten durch eine noch unbezahlte Telefonrechnung und ein Foto seiner Mutter identifiziert. Während Gurdjieff am 6. Mai vergeblich in Washington war­ tete, wurden die Stars & Stripes auf dem Senatsgebäude auf Halb­ mast gesetzt und eine Reihe von Politikern beklagte das Unglück über die Mikrofone . . . Etwa einen Tag später machte das Schick­ sal auch seine alternative Option zunichte. Die sowjetische Bot­ schaft teilte undurchsichtig mit: «Sie können nur in die Sowjet­ union zurückkehren, wenn Sie dort Arbeit annehmen, wo sie Ihnen zugewiesen wird.» Er dürfe aber nicht unterrichten (Bennett, Gurdjieff). In diesem äußerst düsteren Augenblick hört Gurdjieff, der Schriftsteller, auf zu existieren. Er bricht die Arbeit an «Die äußere und die innere Welt des Menschen» ab und damit seine verspro­ chenen und von vielen dringend erwarteten Enthüllungen über das Kloster Sarmung sowie die geheimen Bedürfnisse und Möglich­ keiten von Körper, Geist und Seele des Menschen - den eigentli­ chen Kern seiner Esoterik - und verschwindet einfach von der Bildfläche...
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16 Formen des Heilens
(7. Mai 1935 - 2. September 1939)

... um an einem Septembermorgen des Jahres 1935 wieder an sei­ nem Stammplatz im Cafe de la Paix aufzutauchen: «Monsieur Bonbon» war zurückgekehrt - und bis heute weiß niemand, wo er in diesen Monaten gewesen ist. Gurdjieffs Bruder Dimitri, Leonid Stjoernval, Jeanne Salzmann (die sich jetzt Jeanne de Salzmann nannte), Jane Heap und Ratschmiljewitsch versorgten ihn schnell mit den letzten Informationen: Sein alter Freund Alexandre Gustav Salzmann war am 3. März 1934 in Leysin bei Genf an Tuberkulose gestorben; in Paris hatten sich inzwischen zwei neue Schülergruppen gebildet: Jane Heaps überwiegend lesbische Konklave auf dem Montparnasse und Je­ anne de Salzmanns noch ganz am Anfang stehende französische Gruppe im zehn Kilometer von Paris gelegenen Sevres, zu der Rene und Vera Daumal, der Orientalist Philippe Lavastine und dessen junge Frau «Boussique» (Jeanne de Salzmanns Tochter) ge­ hörten. Aus England kamen schlechte Nachrichten. Rom Landaus spiri­ tuelle Tour d'horizon mit dem Titel God is My Adventure war im September von Nicholson und Watson publiziert worden und hatte sich rasch als Bestseller entpuppt, mit vielfältigen Hinweisen auf das Werk und seine Lehrer. «Nie zuvor», gab Landau zu, «bin ich jemandem begegnet, der direkter und logischer darum bemüht ist, den Menschen zu helfen, die Phantome des Schlafes zu besie­ gen, und sie zu voller Bewußtheit zu führen.» Der Haken dabei war nur, daß diese Lobpreisung Ouspensky galt! Was jedoch Ou278

spenskys Meister anbetraf, sah Landaus Urteil ganz anders aus: dessen Lehre sei chaotisch, und «seine zweifellos starke Persön­ lichkeit hat mich überhaupt nicht überzeugen können. Es war mir unmöglich, in dem Menschen Georg Iwanowitsch Gurdjieff die harmonische Entwicklung des Menschen zu erkennen.» Um sein negatives Verdikt zu untermauern, kam er mit der Geschichte von Gurdjieffs hypnotischer Aggression, seinem niederschmetternden «Verkünder», der «telepathischen Vergewaltigung» der mit Bragdon befreundeten Romanautorin und dergleichen Schauerge­ schichten mehr. Dieses Elaborat sollte die drastischste Kritik an Gurdjieff bleiben, die je zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Sie hat viele Menschen gegen ihn eingenommen. Am 18. Oktober 1935 zog Jane Heap nach London um warum, ist bis heute nicht recht klar, denn die Beziehung zwischen ihr und Gurdjieff erwies sich als stark und dauerhaft. (Jahrelang war es ihr als einzige Schülerin gestattet, das Schlußkapitel aus dem Beelzebub- «Das gesetzmäßige Resultat unparteiischen Denkens» - laut vorzulesen.) Warum also? Hat Ouspensky oder Landaus Buch etwas damit zu tun? Wir wissen es nicht. Fest steht nur, daß Jane nach ihrer Ankunft in England bescheiden darum bat, in eine von Ouspenskys Gruppen aufgenommen zu werden - was dieser aus Prinzip ablehnte, da sie Lesbierin war. Um Ouspensky Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sollte er­ wähnt werden, daß er mit seiner Zurückweisung «solcher Typen» Gurdjieffs eigenen Grundsätzen entsprechend handelte: Nur eine sexuell vollkommen normale Person hat eine Chance beim Werk. Jede Form von «Originalität», seltsamen Ge­ schmacksrichtungen, seltsamen Begierden oder auch Äng­ sten . . . muß von Anfang an zerstört werden. Die moderne Er­ ziehung und das moderne Leben erzeugen eine riesige Zahl sexueller Psychopathen. Beim Werk haben sie nicht die gering­ ste Chance. Galt Gurdjieffs Regel auch für Homosexualität? Fritz Peters (so etwas wie ein Experte) läßt da nicht den Schatten eines Zweifels: «Er war in bezug auf Homosexualität puritanisch, sogar fanatisch,
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und verdammte sie leidenschaftlich ... er meinte, Homosexualität stelle eine Sackgasse dar . . .» (F. P., Balanced Man). Und dennoch (Theorie und Praxis widersprachen sich erneut) hielt Gurdjieff jetzt seine schützende Hand nicht über die Schüler in Sevres, son­ dern über die lesbischen Frauen auf dem Montparnasse. Jane Heap hatte ihre Gruppe aufgelöst, ohne eine explizite Emp­ fehlung zu geben. Dennoch bedurften ihre Mitglieder keiner be­ sonderen Ermunterung, ihr Glück bei Gurdjieff zu versuchen. Kathryn Hulme kam als erste aus den Startlöchern. Nachdem sie Jane am Bahnhof St. Lazare verabschiedet hatte, suchte sie Gurdjieff im Cafe de la Paix auf. Und noch am selben Freitagabend saß sie in seinem kleinen, unordentlichen Zimmer im Grand Hotel und las laut aus dem Beelzebub vor: «Auf lähmende Weise war ich des Autors gewahr, der mir gegenüber auf dem Sofa saß . . . und mit einer Konzentration zuhörte, die den ganzen Sauerstoff in der Luft zwischen uns zu verbrennen schien.» Noch am selben Abend speisten sie, Louise Davidson und Solita Solano mit ihrem Meister in der Brasserie Excelsior. Die Ereignisse entwickelten sich mit er­ staunlicher Geschwindigkeit. Zu Weihnachten 1935 zog Gurdjieff vom Grand Hotel in eine Wohnung in der Rue Labie um, innerhalb der alten Befestigungen von Paris. Ihre Entfernung vom Cafe de la Paix und die relative Nachbarschaft zur Salle Pleyal (neben der Alexander-NewskiKathedrale) bestätigt Gurdjieffs Rückverwandlung vom Schrift­ steller zum «Lehrer des Tanzes». Jetzt begegnet man wieder dem orientalisch aussehenden Gurdjieff in Filzpantoffeln, Pluderhosen und mit Troddel geschmücktem Fez, der die Rolle des spirituellen Vorbilds mit der eines Kochs und Pater familias verbindet: Wenn du etwas tust, dann tu es mit deinem ganzen Selbst. Immer nur eines zur selben Zeit. Im Augenblick sitze ich hier und esse. Für mich existiert nichts auf der Welt außer diesen Speisen auf dieser Tafel. Ich esse mit meiner ganzen Aufmerksamkeit. Sie müssen das auch tun . .. bei allem ... Imstande zu sein, eine Sa­ che zu einer Zeit zu tun .. . das ist die Eigenschaft des Mannes, nicht eines Mannes in Anführungszeichen (Hulme).

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Anfang Januar 1936 stellte Gurdjieff «Die Seilschaft» zusammen, eine Sondergruppe, bestehend aus Miss Elizabeth Gordon, Solita Solano, Kathryn Hulme und deren amerikanischer Freundin «Wendy» . . . Und wie paßt er selbst da hinein? Vielleicht sah er trotz seiner allumfassenden Erfahrung hier etwas Neuartiges: eine anhaltende, enge und transformierende Arbeit mit vier erfolgrei­ chen, ehrgeizigen Lesbierinnen mittleren Alters? Vielleicht offen­ bart in diesem besonderen Fall der Weiße Magier in ihm seine es­ sentielle Güte («Liebe ohne Grenzen», wie Fritz Peters es einmal formulierte), während der Schwarze Magier in ihm ein wertfreies Experiment mit einer von allen anderen abweichenden Spezies von «trainierten und sich frei bewegenden Versuchskaninchen» be­ gann. Übrigens stammte die Bezeichnung «Die Seilschaft» nicht von Gurdjieff, sondern von Kathryn Hulme: Wir begaben uns auf eine lange Reise unter seiner Leitung. Es war eine Reise «in die innere Welt», wie das Erklettern eines ho­ hen Berges, wobei wir aus Sicherheitsgründen durch ein Seil ge­ sichert werden mußten. Am Seil muß jeder auch an alle anderen Daranhängenden denken. Alle für einen und einer für alle. Nach unserer Chronologie fiel Gurdjieffs siebzigster Geburtstag auf den 13. Januar 1936. Doch er sah nicht wie siebzig aus und handelte auch nicht entsprechend. Das Silber in seinem Bart stand im Widerspruch zu seiner allgemeinen Lebhaftigkeit und männli­ chen Ausstrahlung. Abgesehen von seiner Arbeit mit der Seilschaft befaßte er sich mit verschiedenen geschäftlichen Transaktionen. Außerdem behandelte er eine nicht näher bestimmbare Klientel mit Beschwerden wie Arthritis, Trunksucht und psychischen Depres­ sionen. Durch einen außergewöhnlichen Coup gelang es ihm, einen nagelneuen Wagen ohne Anzahlung zu erwerben, angeblich mit Hilfe eines faustischen Vertrags mit dem heiligen Georg: «Das ist aber ein sehr kostspieliger Heiliger. Er ist weder an Geld interes­ siert noch an solchem Zeug wie etwa Kerzen. Er fordert, daß man für eine Ware, die man bekommt, Leiden aufsich nimmt, also et­ was aus der Welt des Innern» (Hulme). Kaum hatte der heilige Ge­ org für ein Transportmittel gesorgt, da trat Gurdjieff auch schon
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den Gashebel durch und war unterwegs zu haarsträubenden Wochenendabenteuem - nach Deutschland, den Niederlanden, nach Vichy, zur Riviera, nach Genf und in die Normandie. Er tat dies seiner Ansicht nach hauptsächlich, um auf andere Gedanken zu kommen. Ab Mai 1936 wurde die Seilschaft täglich in der Rue Labie emp­ fangen. Stanley Nott bemühte sich sehr um Zulassung, wurde je­ doch abgewiesen - da heterosexuell. Die Berichte über die Gruppe verbreiteten sich in den entsprechenden Kreisen, und im Juni trafen drei besonders qualifizierte Personen ein: Georgette Leblanc, Mar­ garet Anderson und deren ältliches Mädchen für alles, Monique. Die einst so schöne Georgette war kaum wiederzuerkennen. Mit siebenundsechzig Jahren und nach drei schweren Krankheiten in drei aufeinanderfolgenden Jahren war sie ein physisches Wrack, spirituell jedoch seltsam geadelt: «Während ich mit dem Tod rang, habe ich mir gedacht: <Sollte ich am Leben bleiben, dann schwöre ich, nach Höherem zu streben als bisher . . . Ich gebe mir nicht das Recht, aus der Gefahr im selben Zustand herauszukommen, in dem ich hineingeraten bin> (Anderson, Gurdjieff). Gurdjieff kam ihr mehr als den halben Weg entgegen. Was im­ mer er an Ermutigung, Aufmerksamkeit und Zuwendung geben konnte, das gab er ihr. Georgette las in seiner Wohnung gierig in seinen unveröffentlichten Schriften und nach einigen Wochen be­ gannen ihre Schmerzen nachzulassen: «Körperlich erlebe ich in diesem kühlen Juli eine Frühlingszeit. Ich fühle mich geladen wie ein Dynamo» (Anderson, Fountains). Ähnlich positiv auf die Person Gurdjieff reagierte sein erster französischer Schüler Rene Daumal. Wahrscheinlich hat ihre erste Begegnung im Sommer 1936 in Genf stattgefunden. Fest steht je­ denfalls, daß Jeanne de Salzmanns Gruppe dort gewöhnlich in den Monaten arbeitete, in denen die Hitze allzusehr auf Sevres lastete. Und ganz gewiß erhielt Renes bereits von den Salzmanns verwan­ delte Weltanschauung um die Mitte des Jahres 1936 einen aufre­ gend neuen praktischen Quotienten: Endlich bin ich jemandem begegnet, mit dem ich arbeite, der sein Leben diesem Problem gewidmet hat und anderen helfen
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kann, eine Lösung zu finden. Es ist eine Arbeit, bei der sich das gesamte menschliche Wesen (mit seinem Körper, seinen Instink­ ten, seinen Gefühlen und seinem Intellekt) in jedem einzelnen Augenblick selbst erfährt und selbst verwirklicht. . . Dabei hatte Rene Daumal mit seinen achtundzwanzig Jahren selbst bereits einiges vorzuweisen - zum Beispiel den Gedichtband Le Contre-Ciel, der soeben den von Valery, Giraudoux und Gide verliehenen Jacques-Doucet-Preis erhalten hatte. Dennoch wurde Rene ein so begeisterter Schüler, daß Jeanne de Salzmann den kei­ neswegs gesunden jungen Mann drängte, sich zu schonen oder die Arbeit mit Gurdjieff ganz aufzugeben ... er tat keines von beidem. Gurdjieff hielt sich in diesem Sommer nicht lange bei der SevresGruppe auf, denn es galt wieder einmal umzuziehen. Er entschied sich schließlich für eine noch näher an der Salle Pleyel gelegene Wohnung in der Rue des Colonels Renard Nr. 6. Ende Oktober meldete sich Gurdjieffs großartiges Frauenregi­ ment wieder zum Dienst. Er fand sie alle gut erholt, ausgenommen Georgette Leblanc, die während der Sommermonate physisch von abwechselnden Anfällen von Hoffnung und Verzweiflung er­ schüttert worden war. Der Eintrag in ihrem kleinen roten Tage­ buch vom 2. November 1936 läßt erkennen, wie flüchtig, aber in­ tensiv die mitwirkenden Kräfte waren: Heute war ein Tag großer Gemütsbewegung. Als ich in Gurdjieffs Wohnung eintraf, öffnete er selbst mir die Tür. Ich sagte sofort: «Ich fühle mich absolut wohl, ich bin in einem neuen Körper.» Das aus dem kleinen Salon kommende Licht beleuch­ tete ihn voll. Statt ihm auszuweichen, trat er etwas zurück und lehnte sich an die Wand. Dann ließ er mich zum ersten Mal se­ hen, was er wirklich ist... als hätte er sich die Maske abgeris­ sen, hinter der zu verbergen er sich verpflichtet fühlt. . . Sein Gesicht strahlte eine Güte aus, die die ganze Welt umfaßte. Ich stand vor ihm wie festgenagelt, betrachtete ihn mit all meiner Kraft und erlebte eine so tiefe und so traurige Dankbarkeit, daß er das Bedürfnis verspürte, mich zu beruhigen. Mit unvergeßli­ chem Blick sagte er: «Gott hilft mir» (Anderson, Gurdjieff).
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Die langen Vorlesungen der Seilschaft aus dem Beelzebub wurden durch strenge Auflagen innerer Achtsamkeit ergänzt. Als wolle er ihre Bemühungen belohnen, gab Gurdjieff im November jedem Mitglied eine Schnur mit schwarzen Perlen und zur Ergänzung eine besondere Übung für das Bewußtsein: Sie sehen Männer - Türken, Griechen, Araber, Armenier - den ganzen Tag lang in Cafehäusem mit solchen Perlenschnüren in der Hand herumsitzen. Auf Sie machen sie den Eindruck fauler Menschen; was sie jedoch mit diesen Perlen tun, schafft eine in­ nere Kraft, wie Sie sie sich gar nicht vorstellen können (Hulme). Für Gurdjieff hatte das Jahr 1936 einem Mülleimer geglichen: «Ein weiteres Swallatsch-]ahr ist zu Ende gegangen. Ich verdiene eine Ruhepause. Ist das nicht wahr, Miss Gordon?» (Hulme) Im Früh­ jahr 1937 belud Gurdjieff oft sein Auto mit Picknick-Körben und Passagieren und raste damit gen Süden - nach Vichy, Cannes, Monte Carlo. Diese heroischen Ausflüge in Gurdjieffs Wagen machten aus den Mitfahrenden bloße Stoffpuppen - wie folgende kleine Szene in Vichy zeigt: «Gurdjieff stoppte seinen Wagen vor dem Hotel mit einem plötzlichen Tritt auf die Bremse. Dann teil­ ten sich die auf dem Rücksitz angehäuften Mimosen und Dimitris bleiches Gesicht kam wie eine Totenmaske zum Vorschein. Er stöhnte: <Je suis mort!> (Hulme). Obwohl dem Klagenden nur übel vom Autofahren war, wirkte sein Ausruf bitter prophetisch, da Dimitri nur vier Monate später wirklich tot war. Am 4. Mai 1937 fuhren Kathryn Hulme und Wendy nach Ame­ rika, in der Annahme, der Meister werde ihnen auf dem Fuße fol­ gen. Doch beherrschte das Ringen um Dimitris Leben - jener all­ zuvertraute Kampf gegen den Krebs - die folgenden Monate und warf alle Pläne über den Haufen. Der heilige Georg forderte nun volle Gegenleistung an Leiden für die von ihm gewährten Gunstbe­ zeugungen. Als Kathryn und Wendy sich im August auf Gurdjieffs Ankunft in New York einstellten, erhielten sie seine bedauernde Absage und die Nachricht, Dimitri sei gestorben. Mit der für sie charakteristischen Überschwenglichkeit kabelten sie zurück: «Ihr Bruder ist unser Bruder», und sprachen ihr tiefempfundenes Bei­
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leid aus (Hulme). Dimitri Iwanowitsch Gurdjieff, einst Besitzer des ersten Kinos in Tiflis, war nun in jene Sphäre entschwunden, die für Menschen seines Schlages reserviert ist (wahrscheinlich hat er in seinem ganzen Leben nicht spirituell an sich gearbeitet). Doch auch der Höhepunkt der spirituell ausgerichteten Seil­ schaft war überschritten, Kathryn Hulmes berufliche Verpflich­ tungen erlaubten ihr während der folgenden sieben Jahre nur drei Wochen Aufenthalt in Paris. Wendy blieb ganz in Amerika und in­ teressierte sich schon bald überhaupt nicht mehr für das Werk. Und mit Frühjahrsbeginn 1938 zogen sich Margaret und Georgette in die Normandie zurück. Von Gurdjieffs einzigartigem Experiment mit Lesbierinnen blieben nur zwei, allerdings sehr ein­ drucksvolle Persönlichkeiten zurück: Jane Heap und Solita Solano. Als Solita im Jahre 1937 Gurdjieffs Privatsekretärin und Ver­ traute wurde, war sie neunundvierzig Jahre alt; dennoch hatten die Jahre ihrer dramatischen Schönheit wenig anhaben können. Ihr schwarzer Bubikopf erinnerte an Katherine Mansfield - eine Ähn­ lichkeit, die nur durch Solitas große blaue Augen «gestört» wurde. Wo Olga de Hartmann für ihre Rolle als Sekretärin eine anrüh­ rende und seltsam effektvolle Unschuld mitgebracht hatte, steuerte Miss Solano ziemlich genau das Gegenteil bei. Sie hatte ein ab­ wechslungsreiches Leben als Schauspielerin, Reporterin, Kritikerin und Schriftstellerin hinter sich. «Tuck» hatte eine Dreiecksbezie­ hung mit Janet Flanner und der Erbin Nanci Cunard gepflegt, eine andere mit der Flanner und Ernest Hemingway. Trotz ihres Engagements und ihrer Nützlichkeit gab sie den­ noch freudig zu, daß da eine sei, der sie nicht einmal würdig war, die Schuhe zu knöpfen. Schon allein die Beherrschung der Heili­ gen Tänze, der Musik, der russischen Sprache würde Madame de Salzmann eine unantastbare Stellung gesichert haben. Doch war über solche Erwägungen hinaus Jeannes «Anfang des Verstehens» in Gurdjieffs Augen der lebendige Beweis für die Übertragbarkeit seines Werks: Ihre innere Wahrheitssuche, seit 1919 durch viele be­ schwerliche Erlebnisse aufrechterhalten, hatte zu entsprechenden Ergebnissen geführt, und nun, mit neunundvierzig Jahren und vor Energie strotzend, wurde mehr und mehr deutlich, daß Jeanne de
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Salzmann Gurdjieffs De-facto-Stellvertreterin werden sollte, zu­ mal Dr. Leonid Robeitowitsch Stjoernval im April 1938 in der Nähe von Reims gestorben war - so unauffällig, wie er gelebt hatte. Begleitet von Solita Solano traf Gurdjieff im März 1939 zu sei­ nem vorletzten Besuch in den USA ein. Bald nach Gurdjieffs An­ kunft wurde der amerikanische Botschafter aus Berlin abberufen. Eine Woche später widerrief Hitler den Nichtangriffspakt mit Po­ len - die Lage war ernst, ja unheilverkündend. Kein Wunder also, daß seine einflußreichen amerikanischen Anhänger - die ihm fünf­ zehn Jahre lang geholfen hatten und jedes seiner Worte in Ehren hielten - ihn baten, den zu erwartenden Krieg in New Jersey aus­ zusitzen. Was veranlaßte ihn, das abzulehnen? Vielleicht liegt ein Hinweis darauf in Gurdjieffs Antwort einem jungen Mann gegen­ über, der ganz allgemein fragte, was unter einem «guten Leben» zu verstehen sei: Würde es einen Sinn haben, sich aufs Land zurück­ zuziehen, ein Blockhaus zu bauen und im wahrsten Sinne des Wortes den eigenen Garten zu bestellen? «Ja», antwortete Gurdjieff schneidend, «das sein gutes Leben. Für Hund. Für Menschen, nein. Sie essen, sie schlafen, leben im Traum. Sollte dies das Leben eines Menschen sein?» (Wolfe). Am 19. Mai 1939 kehrten Gurdjieff und Solita auf der Norman­ die nach Frankreich zurück. Dort empfing Jeanne de Salzmann ihn mit lauter Hiobsbotschaften: Georgette Leblanc, die wieder mit Margaret Anderson in Paris war, hatte Krebs, Rene Daumal eine unheilbare doppelseitige Lungentuberkulose. Und in England hatte Madame Ouspensky, diese einstmals so dynamische Frau, einen bösen Schlaganfall erlitten und war bettlägerig. Eine «höhere Eingebung», jetzt könne ihr nur noch Gurdjieff persönlich helfen, wurde ihm durch Stanley Nott übermittelt. «Er hörte ernst und ru­ hig zu, dachte einen Augenblick nach und sagte dann: <Wenn mög­ lich, werde ich kommen. Aber sie selbst muß auch machen An­ strengung>» (Nott, Journey). Was hatte Ouspensky selbst von einem Besuch Gurdjieffs zu be­ fürchten? Schließlich war er fest in Lyne Place, Virginia Water, eta­ bliert. Er hatte tausend Schüler; ihm ging es materiell gut, seine Gruppe war «in». Doch ihn quälte sein fortgesetztes Scheitern bei
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seinen Versuchen, mit «Höheren Quellen» Kontakt aufzunehmen und die noetischen Einsichten einer entscheidenden mystischen Erfahrung zu erlangen, und so hatte er sich den fatalen Tröstun­ gen der Nostalgie und des Alkohols ergeben. Schon zweimal hatte er zusehen müssen, wie Gurdjieff ihm praktisch seine ganze Herde entführte. Also behauptete er, bevor Gurdjieff kommen könne, müsse er zuerst den Beirat der Historisch-Psychologischen Gesell­ schaft zusammenrufen; er müsse zunächst einen bombensicheren Luftschutzkeller bauen. Er müsse als erstes mit dem Chef der Mewlewi-Derwische Kontakt aufnehmen; er müsse zunächst. . . er wußte gar nicht, was alles er zunächst noch tun mußte . . . Doch die politische Lage spitzte sich rascher zu als gedacht. Margaret, Georgette und Monique setzten sich ins Dorf Orgeval ab, den Wagen vollgepackt mit dem Allernotwendigsten: Winter­ kleidung, Seife, Kerzen, Jodtinktur, Zahnpaste, Aspirin, zwei Re­ volver sowie Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2. Durch Paris schwirrten Gerüchte aller Art. Gasmasken wurden verteilt. Als Neville Chamberlain Hitler die endgültige Warnung übermitteln ließ, Großbritannien werde auf jeden Fall den Polen beistehen, schien es einen faszinierenden Augenblick lang, als sollte Gurdjieff doch noch nach England kommen und Ouspensky das Fürchten lehr­ en ... Erst als die Panzer der Wehrmacht am i. September 1939 die polnische Grenze überrollten, erst in diesem Augenblick war endgültig klar, daß Gurdjieffs Landung in England streng verboten war. Im besetzten Paris erwarteten ihn härtere Herausforderun­ gen, härtere Prüfungen.

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17 Es ist Krieg!
(3. September 1939 - 14. August 1945)

Am Ende des Zweiten Weltkriegs mußte die Karte des sogenann­ ten «Gurdjieff-Landes» neu gezeichnet werden. Doch markierte kein Triumphgeschrei die erreichte Vormachtstellung der franzö­ sischen Gurdjieff-Anhänger gegenüber ihren englischen und ame­ rikanischen Vorläufern. Im Gegenteil. Sie bemühten sich um de­ monstrative Bescheidenheit. Dennoch hätte selbst Napoleon persönlich sie um ihren verblüffenden Sieg beneiden können. Die Franzosen hatten als kleines Häuflein von Rekruten begonnen und sich zu einer großen, einflußreichen Gruppe gemausert — eine Folge ihres einzigartigen Zugangs zu Gurdjieff während seiner produktivsten Phase und der chaotischen Zeitläufte. «Verzweifelt wandten die Menschen sich den Voraussagen eines Nostradamus, des hl. Godefroy oder der hl. Odile zu. Das Irrationale beherrschte die Szene - wie immer, wenn die Vernunft angesichts verzweifelter Umstände ins Wanken gerät. . .» (Perrault). «Gurdjieffs Franzo­ sen» hatten Glück gehabt, aber sie hatten es auch verdient. Im September 1939 begann der sogenannte Sitzkrieg an der deutsch-französischen Grenze. Gurdjieffs persönliche Sorge galt in diesen ersten turbulenten Tagen eindeutig der Not verschiede­ ner Schüler - Sophie Ouspensky, der er großzügige Geschenke schickte, und Rene Daumal, den die Krankheit, die schon Katherines Tod war, fest im Griff hatte. Besonders besorgt war er um Georgette Leblanc, deren von Krebs befallener Arm am 12. Sep­ tember operiert werden mußte. Ende des Monats verließ Georgette zusammen mit Margaret Anderson Paris, auf der ver­
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zweifelten Suche nach einem ländlichen Refugium - Gurdjieff sollte sie nie wieder sehen. Während der ersten Kriegsmonate geschah wenig, dennoch blieb Gurdjieff nicht untätig und hortete Lebensmittel, bis seine Küche fast aus den Nähten platzte . . . Obwohl die wiederholten Fliegeralarme der Jahre 1939 und 1940 sich fast stets als falsch er­ wiesen, kamen die Anordnungen zur Verdunkelung seiner persön­ lichen Stimmung entgegen. Er hielt die Rouleaus seiner Wohnung von nun an geschlossen - nicht nur für die Dauer des Krieges, son­ dern für den Rest seines Lebens. Von nun an residierte er in einer gewürzgeschwängerten Atmosphäre unter dem grellen Schein einer nackten Glühbirne. Tag oder Nacht - das hatte in der Rue des Colonels Renard Nr. 6 keine Bedeutung mehr . . . Der Kem der französischen Gruppe unter Jeanne de Salzmann traf sich jetzt im Haus von Philippe Lavastine in der Rue du Four, nicht weit vom Hotel Napoleon - darunter so eindrucksvolle Per­ sönlichkeiten wie Henri und Henriette Tracol, Marthe de Gaigneron, Pauline de Dampier und Bemard Lemaitre. Privilegierten Zu­ gang zu Gurdjieff hatte der kranke Rene Daumal. Der junge Dichter hatte den schweren Schlag der medizinischen Diagnose mit unglaublicher Tapferkeit hingenommen und sich sofort daran gemacht, das erste französische Zeugnis über Gurdjieffs Lehre zu verfassen: "Der Analog" Ein Roman symbolisch-authentischer, nicht-euklidischer Abenteuer beim Bergsteigen.» Daumal ist seiner selbstgestellten Aufgabe für den Rest seines Lebens treu geblieben, allen Schwierigkeiten zum Trotz und in ständigem Kampf gegen die rasch ablaufende Lebensuhr. Am 10. Mai 1940 fiel Hitler in die Niederlande ein, am 14. Mai durchbrachen die Deutschen die französischen Verteidigungsli­ nien bei Sedan, am 29. Mai begann eine bunt zusammengewürfelte Flotte kleiner Boote das britische Expeditionskorps von den Stran­ den bei Dünkirchen zu evakuieren, am 3. Juni lösten Luftangriffe in den Außenbezirken von Paris einen Massenexodus aus. Daumal ging nach Pelvaux in den Alpen, Solita Solano reiste widerstrebend in die USA zurück. Am 8. Juni mißlang ein überhasteter Versuch von Jane, Margaret, Georgette und Monique, in Bordeaux an Bord der Washington zu gelangen, am 12. Juni wurde Paris zur Offenen
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Stadt erklärt. Von den 2,8 Millionen Einwohnern strömten jetzt 2,1 Millionen nach Westen und Süden - unter ihnen Gurdjieff. Unter dem Druck ängstlicher und auf seinen Schutz bedachter Schüler hatte er sich widerstrebend auf den Weg gemacht. Doch schon vierundzwanzig Stunden später siegte seine bessere Einsicht, und er kämpfte sich gegen den Strom der Flüchtlinge nach Paris zurück. Im Morgengrauen des 14. Juni tauchten die Deutschen an den Stadttoren auf. Le Chabanais, das berühmteste Bordell der Hauptstadt, schloß seine Türen mit der lapidaren Versicherung: «Das Etablissement wird um drei Uhr wieder geöffnet» (Perrault). Dort vertraute man auf die alte Weisheit: Je mehr die Dinge sich ändern, desto mehr gleichen sie sich. Anderen Orts jedoch über­ schlugen sich die tragischen Ereignisse. So sollte beispielsweise Dr. Thierry de Martel keine Gelegenheit mehr haben, die Rekonvales­ zenz von Georgette Leblanc zu überwachen, da er sich in seiner eigenen Praxis eine Dosis Strychnin spritzte: «Ich bin über sechzig Jahre alt und erwarte nichts mehr vom Eeben. Ich möchte nicht zu­ sehen, wie die Deutschen auf den Champs Elysees paradieren» (Anderson, Fountains). Der vierundsiebzigjährige Gurdjieff je­ doch hielt durch. Soweit bekannt, betrat er seine Wohnung in der Rue des Colonels Renard ungefähr zu dem Zeitpunkt, da das Ha­ kenkreuz über dem nahe gelegenen Are de Triomphe gehißt wurde - müde von den hinter ihm liegenden Strapazen, doch furchtlos der Zukunft entgegensehend. Es begann die erste von 1533 Näch­ ten mit Sperrstunde, die er nicht immer beachten wird. Über Nacht füllte sich die Pariser Bühne mit neuen und unpopu­ lären Schauspielern: der deutschen Wehrmacht, den emmerdeurs corrects. Im Cafe de la Paix stoßen SS-Offiziere mit Champagner auf ihren Sieg an - zweifellos auch an dem Tisch, an dem Gurdjieff den Beelzebub geschrieben hatte. Besonders dicht gedrängt saßen sie dort am Sonntag, den 23. Juni, als Hitler in einem schwarzen Mercedes in die Stadt rauschte, um die Oper zu besuchen (wo der Türsteher sich sein Teil Unsterblichkeit erwarb, als er das 50-Mark-Trinkgeld des Führers zurückwies). Mit dem strengen Verbot der Benutzung privater Autos war auch Gurdjieffs Karriere als Autofahrer sine die unterbrochen, und über Paris verbreitete sich eine seltsame, nicht unangenehme Ruhe. In jenem Sommer
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gab es Straßen, in denen nur die dahingleitenden Citroens der Ge­ stapo die äußere Idylle störten. Im Oktober 1940 stellte Jeanne de Salzmann besorgt ihre franzö­ sischen Schützlinge Gurdjieff vor. Seit seiner Flucht aus Rußland hatte er nicht mehr unter so gefährlichen Umständen unterrichtet. Zwar war der Beginn der Ausgangssperre soeben von acht Uhr abends auf Mittemacht hinausgeschoben worden, doch auf deren Einhaltung wurde rigoros geachtet, niemand hätte es gewagt, zur Unzeit durch die verlassenen Straßen zu gehen. Gruppenversamm­ lungen dieser Art abzuhalten, hieß mit dem Feuer spielen. In der nahe gelegenen Rue Lauriston begann der frühere Polizei­ Inspektor Bonny, der jetzt für das gefürchtete französische Ge­ stapo-Hauptquartier arbeitete, nun seinen Tag damit, einen Hau­ fen anonymer Briefe mit Denunziationen zu studieren. Monsieur Gurdjieff war den Behörden längst «bekannt». Obwohl sein Schnurrbart inzwischen so weiß geworden war wie der von Mar­ schall Petain, hatte man seinen Charakter offiziell als «grau» einge­ stuft. Es war im Grunde selbstverständlich, daß Gurdjieff über­ wacht wurde. Was sprach nicht alles dafür: Er lächelte neutral Deutsche und Franzosen an, verhielt sich unparteiisch gegenüber Christen und Juden, gab sich mit Weißrussen und Händlern des Schwarzen Marktes ab. Er erhielt zahlreiche Briefe aus Amerika, handelte mit Teppichen und fremden Währungen. Schließlich ge­ hörte ihm eine mysteriöse Firma, in der angeblich falsche Augen­ wimpern hergestellt wurden. Bürokraten, die sich sonst in kaum einer Sache einig waren, meinten unisono, daß man ihn im Auge be­ halten müsse. Also wurden entsprechende Dossiers bei der Surete Publique und der Präfektur von Paris angelegt. Der Winter 1940/41 hatte früh eingesetzt und war ungewöhn­ lich hart. Thomas und Olga de Hartmann, deren Haus in Courbevoie von der Besatzungsmacht requiriert worden war, gehörten zu den Tausenden, die in verlassenen und verfallenen Gebäuden vor Kälte zitterten. Siebzig Tage lang blieb die Temperatur unter null Grad, und die älteren und schwächeren Pariser starben wie die Flie­ gen. An Gurdjieffs rücksichtslosem Überlebenswillen bestand kein Zweifel. Er mußte einfach überleben - um der anderen willen, ganz abgesehen von seiner esoterischen Mission:
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Meine Familie sehr groß .. . alte Menschen, die täglich zu mei­ nem Haus kommen, sind auch Familie. Sie meine Familie, weil keine andere Familie haben ... Es ist unmöglich, für solche Leute irgendeine Verpflegung zu finden. Bei mir ist das nicht so. Ich nicht interessiert, wer Krieg gewinnt. Habe auch keinen Pa­ triotismus und keine großen Ideale von Frieden . . . alle haben Ideale, alle haben friedliche Absicht, alle bringen Menschen um. Ich nur einen Zweck: Existenz für mich selbst, für Studenten und für Familie, selbst wenn es große Familie ist. Also tue ich, was sie nicht tun können. Ich machen Geschäfte mit Deutschen, mit Polizisten, mit allerlei idealistischen Leuten, die «schwarzen Markt» machen. Resultat: Ich essen gut, haben weiterhin Tabak, Alkohol und was ich sonst brauche ... Ich kann auch helfen vie­ len Leuten (Peters, Gurdjieff). Vor allem auch für die unter den Entbehrungen leidenden Kinder versuchte er etwas zu tun. «Ich verstehe sie, verstehe ihre Sprache. Diese Sprache ist es, die ich liebe. Nur um sie zu hören, um diesen echten Impuls zu haben, verschenke ich täglich fünf Kilo Süßigkei­ ten - wobei ich pro Kilo 410 Francs bezahle.» Seine Großherzig­ keit gegenüber Erwachsenen zeichnete sich durch beträchtliches Feingefühl aus. Zu einer Zeit, da die Deutschen systematisch die Kunstschätze der Rothschilds und anderer bedeutender jüdischer Familien plünderten, als Vermeers Bild «Der Astronom» von Hit­ ler und van Goghs «Brücke von Aries» von Göring beschlagnahmt wurden - da begann auch Gurdjieff sich für diesen Sektor zu inter­ essieren. Bequem auf einer lederbezogenen Bank in irgendeinem Bistro in der Rue des Acacias hockend, pflegte er Hunger leiden­ den Künstlern ihre Klecksereien zu bezahlen. Er diskutierte ab­ schätzend über jedes einzelne Bild, während er mit der Geschick­ lichkeit eines Bankkassierers mit einem dicken Bündel Banknoten hantierte. Dabei machte er sich über den künstlerischen Wert die­ ser Bilder keine Illusionen—im Gegenteil: «Ich besitze die schlech­ teste Bildersammlung von Paris - vielleicht von der ganzen Welt. . .» (Peters, Gurdjieff). Ein Nagel - manchmal genau durch die Mitte einer dieser «Kreationen» getrieben - reichte aus, um sie in der trüben Galerie in der Rue des Colonels Renard auszustellen.
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Warum blieb Gurdjieff im besetzten Frankreich? Schließlich er­ hielt er immer wieder dringende Aufforderungen von Olgiwanna und aus New York City, Paris zu verlassen; die Wege über das nichtbesetzte Frankreich, über Spanien und Portugal waren be­ kannt. Solita Solano hatte die einst von Orage geleiteten Gruppen mobilisiert, während Schuyier Jackson sich sogar schon nach einem passenden Grundstück in New Jersey umsah . . . alles um­ sonst. Gurdjieff weigerte sich strikt, Jeanne de Salzmann und seine französischen Anhänger zu verlassen. In dieser Haltung glich er Jane Heap, die trotz der Luftangriffe in London ausharrte: Viele Bomben sind rund um unser Haus gefallen - beim letzten furchtbaren Angriff - fünfhundert Flugzeuge — wurde es bei­ nahe getroffen ... Es ist gut, wenn man keine Angst hat. .. Ich lese über die Religionen der Welt - nicht über die von Menschen gemachten, nur über die göttlichen, zu denen auch die von Gurdjieff gehört (Anderson, Fountains). Ouspensky dagegen ließ seine Schüler am Lyne Place zurück und fuhr am 29. Januar 1941 mit der George nach New York. Das be­ stärkte mehr als alles andere Gurdjieff in dem Entschluß, die ame­ rikanische Option nicht zu nutzen. Im Frühjahr 1941, als Jean Paul Sartre sich aus dem Stalag XII befreite und am Gare de L'Est auftauchte, schien ein Ende der Feindseligkeiten auch nicht entfernt in Sicht. Die Aussichten waren ganz allgemein düster, doch beunruhigten sie Gurdjieff nicht son­ derlich. «Das hat mit uns nichts zu tun», hatte er vor Jahrzehnten in vergleichbarer Situation verkündet. «Ob Krieg oder kein Krieg, das ist für uns dasselbe. Wir gewinnen stets dabei» (Ouspensky). Extremsituationen zerschmettern zumindest den Panzer der Kon­ formität und legen den inneren Kern einer Sache oder Person frei. Sie provozieren existenzielle Fragen, befreien vitale Energien, lokken aufrichtige Schüler an. Gurdjieffs Paris war schon vor langer Zeit in Moskau und Petrograd geprobt worden. Und schließlich dauert ja nichts ewig . .. Im Oktober 1941 starb Georgette Leblanc, der Krebs hatte ge­ siegt. Ihre letzten, tapferen Tage im Chalet Rose nahe Cannes in
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der nichtbesetzten Zone wurden nicht allein durch Morphium, Sedol und die Musik aus dem Rosenkavalier erträglich gestaltet: Je­ den Morgen las sie im Beelzebub, und an jedem Abend betete sie das Vater Unser auf Englisch und Französisch; darin fand sie Kraft und Trost. "Während des Deliriums am Freitag, den 18. Oktober, war sie von der Hoffnung besessen, Gurdjieff würde kommen. Ge­ nau genommen meinte sie, er sei bereits bei ihr und teile ihr Leiden: «Il vient, je le sais, il est deja la - il est entre par en bas.» Doch Gurd­ jieff hatte keinen Wagen, kein Benzin, keine Fahrgenehmigung er konnte nicht kommen. Die Abendpost brachte eine Postkarte aus Paris mit einer Bot­ schaft: Gurdjieff habe gesagt, sie besitze «beaucoup de courage», und habe sie «seine Freundin» genannt. Mit verklärtem Gesicht sagte sie: «Il a dit cela ?» Und dann sprach sie ihre letzten Worte: «Alors...nous allons mourir sans mourir?» (Andersen, Foun-, tains) Sie starb zwei Tage später und wurde auf dem Friedhof von Notre Dame des Anges beigesetzt. Von seiner Wohnung aus beobachtete Gurdjieff teilnahmslos, wie der Krieg sich entwickelte. Ihn ging nichts an, was draußen ge­ schah - schon gar nicht das heikle Zögern der französischen Künstlerwelt zwischen den politischen Fronten. Es war kalt. Junge Deutsche liefen auf den Hängen des Montmartre Ski. Die Strom­ versorgung war vor allem durch Unterbrechungen gekennzeichnet (am 23. und 24. Januar 1942 mußte Gurdjieff sich ganz mit Kerzen begnügen). Holzkohle für seinen Ofen war kaum zu haben. Seine Schüler brachten ihm einzelne Stücke Koks, die sie aus Ascheimern gerettet hatten, manchmal auch Briketts aus gepreßtem Sägemehl. Gelegentlich präsentierte ihm ein Schüler einen Schatz: ein einzel­ nes festes Stück Kohle. Die offizielle Lebensmittelration war auf 1200 Kalorien pro Tag gesenkt worden - die Hälfte dessen, was Ernährungswissenschaftler als für die Erhaltung des Lebens not­ wendig erachten. Selbst die Vorräte in seiner berühmten Küche lichteten sich . . . Da ging Gurdjieff entschlossen zum Kaufhaus Hediard: «Ich
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muß erzählen gute Nachricht aus Brief aus New York.» Ein reicher amerikanischer Schüler habe ihm eine Ölquelle in Texas ge­ schenkt, erklärte er. Er würde daher gern ein Kreditkonto eröff­ nen, bis der Krieg beendet sei und er seinen Dollarsegen nutzen könne. Es spricht für seine schauspielerischen Fähigkeiten, daß Hediard und verschiedene andere Geschäfte ihm auf den Leim gingen (Hulme). Dann kam das Frühjahr 1942, und alles wurde noch schlimmer. Als eine deutsche Verordnung am 29. Mai ausgehängt wurde, die alle Juden verpflichtete, den gelben Davidstern zu tragen, riet Gurdjieff den ihm am nächsten stehenden Schülern, sich in die nichtbesetzte Zone zu retten oder «in den Untergrund zu gehen». Die beträchtlichen Risiken der zweiten Option knüpften ein festes Band zwischen den versteckten Juden und den sie versteckenden Mitgliedern der Gentile-Gruppe sowie mit Gurdjieff selbst, der das Ganze in die Wege geleitet hatte. Die Lebensmittelmarken der in den Untergrund gegangenen Juden waren jetzt nutzlos. Sie arbei­ teten in mit allerlei altem Krempel gefüllten Dachböden oder Kel­ lern - zumeist mit ungeübten Fingern - an der Herstellung kleiner Gegenstände, die von ihren Beschützern auf der Straße verhökert wurden, um mit dem Geld Lebensmittel auf dem schwarzen Markt zu kaufen. Ein verzweifelter Notbehelf in einer Zeit der Verzweif­ lung. Da die Familie Milanowa, in die Rene Daumal eingeheiratet hatte, jüdisch war, hatten er und Vera nun keine Möglichkeit mehr, Gurdjieff zu sehen. Sie lebten jetzt in der nichtbesetzten Zone, und Rene, der mittlerweile beim vierten Kapitel seines Bu­ ches angelangt war, bemühte sich täglich, Gurdjieffs Bild zu be­ schwören: Denke an den Mann, der gekommen ist und alles zertrümmerte, der dich mit der bloßen Hand aus deinen Träumen riß und dich im vollen Licht des Tages auf Domen setzte. Und erinnere dich, daß du nicht weißt, wie du dich erinnern sollst (Matauschek/ Revignes). Nur selten hatten die Daumals wenigstens Kontakt mit Schriftstel­ 295

lerkollegen aus der Gruppe von Jeanne de Salzmann - mit Luc Dietrich und Lanza del Vasto. Ende Juni 1942 (als die betrübte Margaret Anderson auf der Drottlingholm von Lissabon nach New York reiste, mit Tickets, die Ernest Hemingway bezahlt hatte) führte Madame de Salzmann den vielversprechenden jungen Autor Luc Dietrich, der seit 1938 zu ihrer Gruppe gehörte, in der Rue des Colonels Renard ein. «Endlich lernte ich Monsieur Gurdjieff kennen», schrieb Luc an Rene. «Jetzt spüre ich, was es heißt. Vertrauen zu haben . . . jetzt sehe ich mich sehr entschlossen auf einem anderen Weg, einem völlig anderen» (Random). Doch für die Daumals gab es keinen Weg zurück zu ihrer geistigen Quelle. Mit der Operation «Früh­ lingswind» überrumpelten 900 Einheiten der französischen Polizei die Juden von Paris und lieferten sie über die Zwischenstation des Konzentrationslagers in Dancy den Gaskammern in Auschwitz aus. Fast 120000 französische Juden wurden deportiert und nur 1500 kehrten lebend zurück . . . Gurdjieff s scheinbar übertriebene Vorsichtsmaßnahmen waren damit mehr als gerechtfertigt. Als die Deutschen im November 1942 ihr Abkommen mit der Regierung in Vichy widerriefen und die nichtbesetzte Zone besetz­ ten, und als sie im Februar 1943 junge Franzosen zur Zwangsarbeit einzogen, hatten Kollaborateure wie Andre Gide und Jean Coc­ teau («Lang lebe der schändliche Friede») nicht mehr viel zu ver­ melden. Jetzt war die Stunde der Vertreter der Resistance gekom­ men - Männer wie Camus, Jean Bruller, Andre Malraux, Sartre und all jene, die sich um die Untergrundzeitschrift Comhat schar­ ten, erhoben nun ihre Stimme. Doch es gab noch eine dritte gei­ stige Kraft in Paris, eine winzige Minderheit, die sich dank der Be­ mühungen von Jeanne de Salzmann in der Rue des Colonels Renard traf. Um die Mitte des Jahres 194 3 fanden immer mehr französische Schüler ihren Platz im komplexen Mosaik der Gurdjieffschen Lehre, denn in der Salle Pleyel gab Gurdjieff wieder Unterricht in den «Bewegungen». Wo vor Jahrzehnten Julia, Olgiwanna, Jeanne und Elisabeta gestanden hatten, sah er jetzt eine neue, vielverspre­ chende Generation vor sich — Pauline, Marthe, Boussique, So­ lange, Nicole. In der Rue des Colonels Renard Nr. 6 konnte sich
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die verhutzelte Concierge angesichts des täglichen Zustroms von Männern und Frauen über das Fassungsvermögen von Monsieur Gurdjieffs Wohnung nur wundem. Die kleinen Holzstühle im Sa­ lon dienten als spartanische Sitzmöbel bei den zweistündigen Vor­ lesungen aus dem Beelzebub. An den Donnerstagabenden saßen im Eßzimmer dicht gedrängt vierzig Personen jeden Alters, die von Tellern aßen, die sie auf ihren Knien balancierten oder auf dem Kaminsims oder dem Piano abgestellt hatten. Nach einer Zeit des ernüchternden Schweigens kam es zu einem formalen Gedankenaustausch in der Gruppe. Gurdjieffs Frage: «Haben Sie mir etwas anzubieten?» warf jeden einzelnen auf sich selbst zurück. «Nun legen Sie mal los, keine Scheu», bedrängte er sie. Hatte irgendein Schüler eine Frage? Eine wirkliche Frage? Eine Frage, die seine hauptsächliche innere Schwäche zum Vorschein brachte? Lassen wir Rene Zuber für all jene sprechen, die sich vor­ wagten: «Alle Augen wandten sich mir zu, und ich sah mich plötz­ lich mit einem unendlichen Raum konfrontiert, etwa so, wie sich nach meiner Vorstellung ein Astronaut im Zustand der Schwerelo­ sigkeit fühlen müßte, wenn er die Tür seiner Raumkapsel öffnen würde.» Hatte die Bemerkung eines Schülers wirklich Substanz, dann pflegte Gurdjieff wie ein besorgter Vater zu antworten. War sie nur vielversprechend, dann überließ er vielleicht durch eine ent­ sprechende Kopfbewegung die Antwort Jeanne de Salzmann. War die Sentenz jedoch nur «erfunden», dann schleuderte Zeus seinen Blitz: «Sie nicht verstehen. Sie vollkommener Idiot. Sie Kandidat für Irrenhaus. Vous merdite! Vous absolue merdite.» Zwischen dem 10. Mai 1944 (an dem die Deutschen alle Hunde mit mehr als 36 Zentimeter Schulterhöhe requirierten) und dem 25. August, als Generalfeldmarschall Dietrich von Choltitz Paris dem General Ledere übergab, verlor Gurdjieff jene beiden jungen Autoren, deren Unterstützung ihm einige Anerkennung im Frank­ reich nach der Befreiung gesichert haben würde. Rene Daumal, der unermüdlich versucht hatte, die poetischen Steilhänge seines «Berg Analogen» zu meistern, war erst beim fünften Kapitel ange­ langt, als er, nur sechsunddreißig Jahre alt, am 21. Mai 1944 in Paris starb. («Es ist das Kapitel, in dem das erste Zwischenlager eingerich­ tet wird»). Luc Dietrich hatte seinen Roman L 'Apprentissage de
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la Ville mit einer verschlüsselten Huldigung an Gurdjieff abge­ schlossen und sogar seine eigene «Gurdjieff-Gruppe» in Marseiile ins Leben gerufen. Doch nach dem Tod Daumals erlebte er eine Nervenkrise. In Begleitung des französischen Psychiaters Hubert Benoit (ein weiterer Gurdjieff-Schüler) suchte er Ruhe und Frie­ den an der Küste der Normandie, vierzehn Tage vor der Landung der Alliierten. Bei der massiven Zerstörung von Saint-Lo verwun­ det, wurde er nach Paris überführt, wo er in der Klinik Lyautey am 12. August an Wundbrand und einem Gehirnabszeß starb, erst ein­ unddreißig Jahre alt. Als Gurdjieff seinen Schüler zwei Tage zuvor besucht hatte, brachte er ihm zwei Orangen mit (die damals prak­ tisch nicht aufzutreiben waren) und legte die eine in die rechte, die andere in die linke Hand Dietrichs, mit der Versicherung: «Ihr ganzes Leben war nur eine Vorbereitung auf diesen Augenblick» (Random). Eine Woche später, am 19. August, begann der Volksauf stand in Paris, und das ratternde Gewehrfeuer der auf verlorenem Posten kämpfenden Deutschen und der untereinander rivalisierenden Gaullisten und Kommunisten hinderte Gurdjieff daran, wie ge­ wohnt das türkische Bad aufzusuchen; am Donnerstag konnte er ein Flugblatt lesen: «Haltet aus, wir kommen! — Ledere»; und am Freitag, den 25. August, wurde das Kapitulationsdokument im Po­ lizeihauptquartier unterzeichnet. Deutschland und Vichy hatten in der «Hauptstadt der Weltkultur» keine Bedeutung mehr. Les Republiques passent. Gurdjieff demeure. Während der folgenden drei Tage wurden Tausende von Kolla­ borateuren unter dem Ruf «Petain an den Galgen!» kollektiv und ohne weitere Untersuchung zur Rechenschaft gezogen. In jedem Pariser Stadtbezirk stieß man auf tränenüberströmte Frauen mit kahlgeschorenen Köpfen und zum Teil schlimmen Verletzungen, auf für immer verstummte Männer mit Kugeln in der Brust oder Messern im Rücken. Gurdjieff blieb trotz seiner Geschäfte mit deutschen «Idealisten» unbelästigt - dank seiner allgemeinen Hilfsbereitschaft und seiner Unterstützung jüdischer Gruppenmit­ glieder. Die französische Polizei jedoch wählte perfiderweise genau die­ sen Augenblick, um das «Dossier Gurdjieff» zu aktivieren und eine
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Hausdurchsuchung bei Gurdjieff wegen illegalen Besitzes von De­ visen zu erwirken. Gurdjieff dankte dem Schüler, der ihm einen entsprechenden Tip gegeben hatte, und versicherte diesem: «In meiner Wohnung können sie nichts finden.» Als die Polizeibeam­ ten am selben Nachmittag kamen, warfen sie nur einen Blick unter seine Matratze und fanden dort haufenweise Dollarscheine. Zur Bestürzung von Jeanne de Salzmann wurde Gurdjieff abtranspor­ tiert und in eine Zelle gesperrt, wo ein anderer Häftling ihn mit der Frage empfing: «Na, alter Junge, wie oft warst du denn schon im Knast?» - «Nur achtzehnmal», antwortete Gurdjieff großzügig. Am Morgen darauf entließ der Untersuchungsrichter jedoch einen völlig anderen Gurdjieff: einen Bürger mit einem makellosen Le­ benslauf und vielen Ehrenerklärungen - einen «armen alten Mann, der nichts von Devisen versteht und kaum Französisch spricht». Gurdjieff genoß es, diese Geschichte zu erzählen, und wenn er an die Stelle kam, wo es um das Geld unter der Matratze ging, pflegte er eine kurze Pause einzulegen, seine Zuhörer mit gespielter Naivi­ tät anzusehen und zu sagen: «Gutes Versteck, nicht wahr?» (Bennett, Witness). Gurdjieff setzte seine Arbeit fort. Im Paris nach der Befreiung wurde die Standfestigkeit der neuen französischen Kernmann­ schaft auf harte Proben gestellt - durch ihren unberechenbaren Lehrer ebenso wie durch die äußeren Umstände im kalten Winter 1944/45. Auf die Stromversorgung war kein Verlaß, und Lebens­ mittel waren paradoxerweise knapper denn je zuvor. Die Rue des Colonels Renard war spiegelglatt wie eine Eislaufbahn, und in der ganzen Stadt gab es keinen Gips mehr für die gebrochenen Kno­ chen alter Herren. Wie aus einem Alptraum erwachte Paris in den staubigen wunderschönen Frühling des Jahres 1945. Am 30. April wurde Hitlers Selbstmord gemeldet, und am 6. Mai feierte man en­ thusiastisch den Sieg .. . Der «Lehrer des Tanzes» hatte alles über­ standen. Im Paris der Nachkriegsmonate verlagerte sich das intellektuelle Zentrum vom Cafe des Deux Margots zum langweiligeren Cafe de Flore, wo Sartre ein eigenes Telefon an seinem Tisch zur Verfü­ gung stand. Die kleine Wohnung in der Rue des Colonels Renard war außer dem engeren Schülerkreis Gurdjieffs und seinen Gläubi­
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gern keinem Franzosen bekannt. Dafür fanden andere den Weg dorthin. Die erste Rückkehrerin war die großartige Kathryn Hulme, die mit einem Milch-Zug auf dem Bahnhof Montpamasse eintraf, in der Uniform eines UNRRA-Offiziers. Sie sah aus wie eine parami­ litärische Busfahrerin. Was würde sie vorfinden? Würde sie über­ haupt noch etwas oder jemanden finden? Im halbdunklen Flur gab eine sparsame Glühbirne gerade so viel Licht, daß man das ver­ traute Schild «Außer Betrieb» an der Fahrstuhltür erkennen konnte. Sie drückte zum zweiten Mal auf den Klingelknopf, zwi­ schen Hoffen und Bangen schwebend — vielleicht würde er sie ja abweisen («Sie haben zu viel verloren»). Nochmals mußte ich lange warten, dann hörte ich langsame, schlurfende Schritte hinter der Tür .. . und da stand Gurdjieff, der mit leichtem Stirnrunzeln auf die unbekannte Gestalt am Treppengeländer blickte. Ich hatte vergessen, daß meine Uni­ form für seine Augen kein vertrauter Anblick sein konnte. «Ich bin es, Krokodil, Mr. Gurdjieff . . .» «Kro-ko-diiil!» Die Tür wurde weit aufgestoßen. Ich stürzte in seine Arme und begann zu schluchzen. Auch er schien bewegt und wiederholte mit heiserer Stimme immer wieder «Nicht er­ wartet . .. nicht erwartet.» In der nach Safran duftenden Küche kochte Gurdjieff einen star­ ken schwarzen Kaffee: «Vrai cafe», sagte er auf Französisch. «Bei mir einziger Platz in Paris, wo zu haben.» Und nun gab es für Kathryn kein Halten mehr, die neuesten Nachrichten sprudelten nur so aus ihr heraus: Solita Solano war heil und gesund und arbeitete für den American Woman Volunteer Service; der Mont-SaintMichel war der Zerstörung entgangen; die Deutschen hatten Mil­ lionen von Juden vergast und verbrannt. Als ihm das unvorstellbare Ausmaß des Holocaust bewußt wurde, da «verfinsterte sich Gurdjieffs Gesicht und eine Ader auf der Stirn schwoll an und zuckte deutlich. Ich erkannte den Zorn Gottes darin, der gleich zu explo­ dieren schien ... ein heiliger Zorn über die nicht auszurottende Unmenschlichkeit des Menschen seiner eigenen Spezies gegen­
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über.» Als Kathryn ihn wieder verließ, um sich auf den Weg nach Deutschland zu machen, da schenkte er ihr eine Schachtel mit orientalischen Süßigkeiten. «Die Huri auf dem Etikett lag seitlich auf einem purpurfarbenen Diwan, ihre geschminkten Augen blick­ ten einladend unter dem langen, mit Rosen geschmückten Haar hervor. . .» Sie verkörperte all das, was Kroko-diil und die Mit­ glieder der «Seilschaft» niemals sein würden. Der zweite überraschende Besucher, der von Gurdjieff ebenfalls herzlich empfangen wurde, war Fritz Peters. Erschöpft hockte er im Lehnstuhl der Concierge, gekleidet in eine zerrissene amerika­ nische Armeeuniform . . . und einem Nervenzusammenbruch nahe, wie er selbst sagte. Nach einer Stunde des Wartens hörte er endlich das Tappen eines Spazierstocks auf dem Kopfsteinpflaster der Rue des Colonels Renard: Ich stand auf, erstarrt, und Gurdjieff erschien im Türrahmen. Er kam auf mich zu, ohne das geringste Anzeichen des Erkennens, und ich nannte einfach meinen Namen. Wieder starrte er mich eine Sekunde lang an. Dann ließ er den Spazierstock fallen und rief laut: «Mein Sohn!» . . . Wir umarmten uns, der Hut fiel ihm vom Kopf, und die Concierge ... weinte laut. Da war er wieder, der Gurdjieff des Klosters Sarmung, der Mann, der Zugang hatte zum «Großen Akkumulator» der Energie: In der Küche dieser engen Pariser Wohnung stand er da, gelehnt an einen alten Kühlschrank. Und Peters' dramatischer Bericht liefert einen entscheidenden Schlüssel zu all den Fällen, in denen Gurdjieff im Laufe der Jahre Menschen von psychosomatischen Krankheiten geheilt hatte: Ich konnte meine Augen nicht von ihm wenden und stellte fest, daß er unendlich müde aussah - niemals habe ich jemanden so erschöpft gesehen. Ich erinnere mich, wie ich mich schlapp über den Tisch lehnte und an meinem Kaffee nippte - als plötzlich eine seltsame Energie in mir zu strömen begann. Ich starrte ihn an, richtete mich automatisch auf, und mir war so, als gehe von ihm ein heftiges, elektrisches blaues Licht aus und wirke in mich
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hinein. Als dies geschah, fühlte ich, wie die Ermüdung von mir wich. Im selben Augenblick jedoch sank sein Körper zusammen, und sein Gesicht wurde aschgrau, als entweiche das Leben aus ihm. Ich blickte ihn verdutzt an, und als er mich aufrecht und voller Energie dasitzen sah, sagte er schnell: «Ihnen geht es jetzt gut - achten Sie auf das Essen auf dem Herd - ich muß ge­ hen» ... Er blieb etwa fünfzehn Minuten weg, während ich auf das Essen aufpaßte - verblüfft, weil ich mich in meinem ganzen Leben nie wohler gefühlt hatte . . . Ich war kaum weniger er­ staunt, als er in die Küche zurückkam und ich die Veränderung erkannte, die mit ihm vorgegangen war. Er sah wieder aus wie ein junger Mann — hellwach, lächelnd, gewitzt und in bester Laune (Peters, Gurdjieff). Diese kurzen Besuche von Kathryn und Fritz signalisieren das Ende der fünfjährigen erzwungenen Einschränkungen in Gurdjieffs Leben und Schaffen und lassen den Vorhang aufgehen vor dem nächsten dramatischen Akt. . . Die schiere Unverfrorenheit, mit der Gurdjieff die «materielle Frage» gehandhabt hatte, rief nun in ihm das dringende Bedürfnis nach einer amerikanischen Öl­ quelle hervor. Das Schicksal, das ihm die Gefährten Rene Daumal und Luc Dietrich genommen hatte, hatte seine Kritiker Lanza del Vasto und Pierre Minet ungeschoren gelassen. Jeanne de Salz­ mann, die ihm in den Wirren der Besatzungszeit eine entschei­ dende Stütze gewesen war, sollte sich auch für seine Zukunft und seinen Nachruhm von größter Bedeutung erweisen. Aber immer noch war nicht an die Veröffentlichung des Beelzebub zu denken, und vor allem mußte eine neue französische Gruppe gebildet wer­ den. Für Grundsatzdiskussionen — wie er sie vor dem Krieg gern bewußt provoziert hatte - war jetzt, kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag, nicht die Zeit. Im Gegenteil - der gute Hirte mußte, was immer es ihn persönlich auch kosten mochte, seine zerstreute Herde in einem einzigen Gehege versammeln . . . noch einmal stand alles auf dem Spiel.

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18 Heiliges Versöhnen
(15. August 1945 - 30. Oktober 1948)

Gurdjieffs Absichten waren untadelig - er wollte versöhnen, har­ monisieren, die Vergangenheit reparieren und die Zukunft vorbe­ reiten. Würde ihm das gelingen? Wahrscheinlich nicht. Läßt man einmal das heikle Problem der Integration der französischen An­ hänger beiseite, so bildeten die englischen und amerikanischen Gruppen ein kunterbuntes Durcheinander. Von seinem ver­ schwiegenen «Observatorium» in der Rue des Colonels Renard aus beobachtete Gurdjieff eine Weltbühne entmutigender Zer­ splitterung: Orage-Anhänger in New York gegen Ouspensky-Jünger in Mendham, New Jersey, und Lyne Place, Virginia Water, wo sich die Würdenträger der Historisch-Psychologischen Gesellschaft als Gralshüter aufspielten; Dr. Henry Maurice Dunlop Nicoll (Great Amwell House) gegen John Godolphin Bennett (Coombe Springs), und Bennett gegen Ouspensky, der mit seinem ehemali­ gen Schützling nur noch über einen Anwalt verkehrt. Alle sind menschlich, allzu menschlich; ihre essentielle Bruderschaft wird deutlich in ihrer Verwundbarkeit, in ihren ehrlichen Bestrebun­ gen und ihrer gemeinsamen Verehrung eines «sehr weisen alten Mannes, der in Paris in seiner mit Lebensmitteln und hohen Ge­ danken reich bestückten Küche sitzt» (Hulme). Am 13. Januar 1946 feierte Gurdjieff seinen achtzigsten Ge­ burtstag. Schien er im einen Augenblick eine Beute «der naturge­ setzlichen Krankheiten des hohen Alters» zu sein, so vermittelte er im nächsten «einen massiven Eindruck gezähmter Energie,
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hellwach, alles beobachtend, fähig, ganz plötzlich etwas Neues an­ zufangen» (W.J. Welch). Trotzdem war es höchste Zeit, «seinen Nachfolger auszuwählen». Das von ihm bei Gesprächen darüber selbst hervorgerufene bedeutungsschwere Schweigen pflegte er mit der Formulierung zu durchbrechen: «Im Leben ist es für einen Mann nur notwendig, eine Person zu finden, bei der er viel Wissen über das Leben anhäufen kann. Hat er ein solches Gefäß gefun­ den, dann kann er ruhig sterben.» (Peters, Gurdjieff). Langsam hob er dabei einen Arm, und sein Zeigefinger pflegte zu kreisen, bis er plötzlich auf irgendeinen glotzäugigen Kandida­ ten wies, dessen Reaktion von den älteren Schülern - vor allem von Jeanne de Salzmann — als unfehlbarer Hinweis auf seine Selbstge­ fälligkeit gedeutet wurde. Zwischen Gurdjieff und der Welt des kulturellen hon ton gab es keine Versöhnung, keine Bitte um und kein Gewähren von Par­ don. Am 19. Januar 1949 erschien in der Zeitschrift L'Illustration ein Artikel von Roland Merlin mit der Überschrift «Das Drama der Katherine Mansfield», der Gurdjieff in der Rolle eines Büh­ nenschurken schilderte: Dann schien Gurdjieff seine Kräfte der Verzauberung zu kon­ zentrieren. Seine Augen, von denen eine bösartige Vergiftung ausging, glitten langsam über die Stirnen seiner Schüler ... je­ der von ihnen fiel in einen Zustand der Starre. Die Schlafenden, unter ihnen auch Katherine Mansfield, schienen die Wollust ihres Zustandes der Erniedrigung zu genießen. Ein paar Monate später erhielt diese Legende vom «Biest und der Schönen» neue Nahrung durch die Publikation von Irene-Carole Reweliottys Journal d'une jeune Fille («Tagebuch eines jungen Mädchens»). Jung, begabt, lebenshungrig und schlank wie eine Seemöwe, ähnelte Irene auffallend Katherine Mansfield. Sie war auf dem Weg über Luc Dietrichs wohlgepflegtes Bett zum Werk gestoßen und verließ es am i 11. August 1945 in einem Sarg. Phy­ sisch und geistig von Luc verführt, übertrug Irene bald auf ihren Lehrer jene negativen Gefühle, die sie bis zu ihrem Tod (an einer Herzkrankheit) in Sallanche beherrschten: «Liebe Mutter, ich
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werde in dem Glauben sterben, daß Gurdjieff einen bösen Zauber über mich verhängt hat» (Pauwels). Von Gurdjieffs Kraft, einen Zauberspruch der Art zu sprechen, daß er «ein Poet der jeweiligen Situation» blieb, hing sehr stark sein Werk der Versöhnung ab; und es schien so, als könne die Zeit diese Fähigkeit nicht schwächen. Als Kathryne Hulme im Juni 1946 aus «Gair- mania» zurückkehrte, im einen Arm eine Flasche polnischen Wodka, im anderen ihre neue Gefährtin Tschuka, da traf sie einen gebrechlichen Gurdjieff an. «Ich hörte, daß seine At­ mungsorgane verschleimt waren, ein nicht gerade gesundes Ge­ räusch, dachte ich mir mit plötzlich aufschießender Angst.» Und doch . . . Tschuka war eine entlaufene Nonne, von Schuldgefühlen geplagt und verzweifelt bemüht, ihre persönliche Lebensgeschichte vor Gurdjieffs durchdringendem Blick zu verbergen. Als er vom leisen Schlummer in festen Schlaf zu fallen schien, mischte sich Er­ leichterung in ihr Mitgefühl, und sie flüsterte Kathryn zu: «Wir ge­ hen lieber ... er ist sehr müde.» In diesem Augenblick öffnete Gurdjieff ein Auge und blickte sie von der Seite an. Sein Gesicht belebte sich, während ein sich langsam ausbreitendes Lächeln alle Müdigkeitsfalten glättete. Er nickte Tschuka zu und sagte mit heiserer Stimme zu ihr auf Französisch: «Petite Sceur de . . .», und nannte genau den reli­ giösen Orden, dem sie früher angehört hatte. Kathryns Geschenk in Form von Wodka und Zigaretten war übri­ gens überflüssig. Sie brauche nicht anzunehmen, sagte Gurdjieff ironisch mit weitausholender Geste in Richtung seiner vollgepack­ ten Regale, «daß ich nicht sehr, sehr gute Beziehungen zur USArmee habe». Auch die stets treu geblichenen New Yorker Grup­ pen hatten ihre Geschenksendungen erneut aufgenommen. Ihre Großzügigkeit glich einer texanischen Ölquelle. Dementspre­ chend problemlos hatte Gurdjieff seine hohen Schulden beim Kaufhaus Hediard bezahlen können . . . doch hatte er wieder ein­ mal dicht am Rande der Zahlungsunfähigkeit gestanden. Wenn New York die Dollars lieferte, dann war es London, das neues Blut zuführte und die entente cordiale zwischen französi305

sehen und angelsächsischen «Idioten» in Gang brachte. Jane Heap, die in ihrem Haus in Hamilton Terrace und ihrem bekannten kunstgewerblichen Laden The Rocking Horse in St. John's Wood fast zwanzig Jahre lang Gurdjieffs Banner hochgehalten hatte, be­ reitete ihre Leute eifrig darauf vor, den unmittelbaren Kontakt mit dem Meister zu suchen. «Er ist viele Personen in einer», warnte sie. «Wenn Sie aber aufpassen, dann sehen Sie manchmal den Weisen vorbeigehen» (Staveley). Im Herbst 1946 stiegen die von ihr ausge­ suchten und vorbereiteten Personen die Treppe im Haus Nr. 6 in der Rue des Colonels Renard hinauf, zum ersten Mal und natür­ lich voller Angst. «Sie brauchen keine Angst mehr zu haben», beru­ higte Gurdjieff sie. «Sie sind hier zu Hause. Ich bin Ihr neuer Va­ ter» (Staveley). Vielleicht hatten Janes künstlerische Natur und bewährte Flexi­ bilität bei der Umgehung gesellschaftlicher Normen ihre Schüler mehr als alles andere auf Gurdjieffs surrealistische Komponente vorbereitet. Bestimmt fand die Poesie der jeweiligen Situation bei ihnen bereitwillige Wertschätzung. «Mr. Gurdjieffs unerschütter­ licher Blick ruhte auf uns. Alle Bedenken wichen. Er sprach mit großer Kraft aus einer unermeßlichen Entfernung . . . <Ich lade Sie zu meiner nächsten Heirat ein!>» sagte er (Staveley). Keiner der Leute aus St. John's Wood kam auf die Idee, den Satz nicht als Metapher zu verstehen. Jane Heaps Rückkehr hatte axiomatische Bedeutung gehabt, desgleichen die von Solita Solano und den New Yorker OrageSchülern. Jeder größeren Annäherung stand jedoch wie ein grauer und gebieterischer philosophischer Dolmen die Persönlichkeit von Pjotr Ouspensky im Wege. Als dieser im Januar 1947 endlich den Atlantik in Richtung England überquerte, wurde Gurdjieff schnell und genau informiert — und das, was er erfuhr, bereitete ihm Sor­ gen. Ouspenskys verzweifelte Versuche, Kontakt mit der «Höhe­ ren Quelle» aufzunehmen, waren seit langem in übermäßigem Al­ koholgenuß ertränkt worden; sein einstmals alles überragender Intellekt brüchig, seine Integrität nach eigenem Eingeständnis kompromittiert - er litt an fortschreitendem Nierenversagen und endgültiger Desillusionierung. Gurdjieff war alles andere als gleichgültig gegenüber den ausge­
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bluteten Hoffnungen seines ehemaligen Proteges (darüber hinaus ja Hoffnungen, die bei Tausenden von englischen Schülern ge­ weckt worden waren). Schon wenige Tage nach Landung der Queen Elizabeth übermittelte Jeanne de Salzmann ihm eine herzli­ che Einladung an die Tafel in der Rue des Colonels Renard. Ouspensky lehnte ab. Seine persönliche Planung sah keineswegs eine großartige Versöhnung vor, und noch weniger Reue auf dem To­ tenbett. Statt dessen war eine spektakuläre Katharsis geplant, die öffentliche Opferung seiner Lebensarbeit und aller Bestrebungen seiner Schüler . . . Bei sechs bedeutungsvollen Sitzungen zwischen dem 24. Februar und 18. Juni in Colet Gardens, West Kensington, begegnete der Autor von Auf der Suche nach dem Wunderbaren je­ der ihm gestellten Frage mit unerbittlichem Nihilismus - eine spiri­ tuelle Bankrotterklärung, deren (wenn auch späte) Ehrlichkeit dennoch beeindruckt. Ouspenskys nah bevorstehender Tod, seine Abkehr vom System und seine Betonung Ewiger Wiederkehr schu­ fen in diesem geschlossenen Kreis seiner Schüler eine unbeschreib­ liche Atmosphäre, kaum weniger elektrisierend als die in der Rue des Colonels Renard. Als Ouspensky am 2.Oktober 1947 starb, wußte keiner, wie es weitergehen sollte. Die Feststellung, der Verwaltungsrat von Ouspenskys Histo­ risch-Psychologischer Gesellschaft sei nach der Beerdigungsfeier in großer Verlegenheit gewesen, wäre eine Untertreibung. Die Mitglieder des Verwaltungsrates neigten zu der Ansicht, die si­ cherste Anleitung könne von «Franklin Farms», New Jersey, kom­ men, wo die Witwe Ouspenskys in einem verdunkelten Zimmer auf den Knien lag. Eine dreiköpfige Delegation reiste von London nach New Jersey, um Madame Ouspensky das klarzumachen. Und Sophia Grigorjewna Ouspensky - an der Parkinsonschen Krank­ heit leidend - ergriff schließlich die Initiative und schickte ihrem Meister in Paris 300 Dollar und eine Rolle Seide - ein Tribut, den er nach Ansicht der französischen Anhänger als provokativ unzu­ reichend zurückweisen sollte. Gurdjieff wies diese Kritiker ener­ gisch in die Schranken: «Nein. Ihr macht Elefanten aus Maus» (Webb). Im Laufe der Monate steigerte sich die Spannung. In Lyne Place erwuchs aus dem Gefühl spiritueller Orientierungslosigkeit die
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hundertfache Bitte an Madame Ouspensky, die Leitung zu über­ nehmen. Anfang Januar 1948 zögerte sie nicht länger. Sie läutete gebieterisch nach ihrer Sekretärin und diktierte ihr das Tele­ gramm, das eine unvergängliche Gurdjieffsche Krone auf ihr Haupt setzen sollte. «Die Botschaft, auf die wir gewartet hatten, war von so durchschlagender Natur, daß sie den Verwaltungsrat der Historisch-Psychologischen Gesellschaft in zwei Hälften spal­ tete. Es war eine ganz einfache Botschaft: <Nehmen Sie Verbin­ dung mit Herrn Gurdjieff in Paris auf>» (Walker). Hin und her gerissen zwischen einander widersprechenden Loyalitäten litt man in Lyne Tantalusqualen. Ein später und kalter Frühling ging in den Sommer über. Anfang Juni 1948, inmitten scheinbar endloser Konferenzen, Spektakel und Arbeitsessen zur Erkundung der Meinungen, traf ein Telegramm ein, das das magi­ sche Dreieck zwischen Lyne Place, Franklin Farms und der Rue des Colonels Renard endgültig besiegelte. Es war von Gurdjieff persönlich und lautete ganz schlicht: «Ihr seid Schafe ohne einen Hirten. Kommt zu mir» (Webb). Man darf in diesem Falle gewiß nicht von Selbstverherrlichung sprechen. Gurdjieff setzte einfach seine letzten, schwachen Reser­ ven für das Ziel der Versöhnung ein. Eine beredte Zeugin dafür ist Dorothy Caruso, die Witwe des großen Sängers Enrico Caruso, die Ende Juni als neueste Gefährtin von Margaret Andersen aus Amerika eintraf. Ihr Kopf war voll von Romantik im Stile ihrer Freundin Andersen: Es gab da unbestimmte Vorstellungen von Hermes, den Gnostikern, der Bruderschaft der Essener und der Schule des Pythagoras. Als ich jedoch Gurdjieff sah, waren alle meine vorgefaßten Ideen dahin. Denn ich sah einen alten Mann, grau, müde und krank, dessen geistige Kraft jedoch so stark aus einem ge­ schwächten Körper strahlte . . ., daß ich zu höchster Aufmerk­ samkeit angespornt wurde. Ich fand jeden Ausdruck seines Ge­ sichts und jede kleine Bewegung seines Körpers herzzerreißend. Trotz ihres intuitiven Verstehens entwickelte Dorothy erst mal einen gewaltigen Minderwertigkeitskomplex. («Jeder Anwesende
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hier scheint eine Seele zu haben, außer mir. Habe ich keine Seele?») Gurdjieff spürte ihre Unsicherheit und ihre Schwierigkei­ ten mit Beelzebub. Er nahm sie beiseite, goß ihr Kaffee aus einer schäbigen Thermosflasche ein und sagte zu ihrer Verblüffung: «Sie müssen Ihrem Vater helfen.» Mrs. Caruso antwortete höflich, ihr Vater sei doch tot. Das weiß ich. Sie haben es mir ja erzählt. Aber Sie sind Ihres Vaters wegen hier. Seien Sie dankbar dafür. Sie schulden ihm das. Er ist tot und kann nichts mehr wiedergutmachen. Das müssen Sie für ihn tun. Helfen Sie ihm . . . Sie müssen an sich selbst arbeiten ... Und was Sie für sich selbst tun, das tun Sie auch für mich. Hinter der Rätselhaftigkeit dieser Worte, in denen Dorothy «etwas Reiches, Seltsames und sehr Bedeutungsvolles» spürte, stand die ermunternde Tatsache, daß Gurdjieff sie nicht zurückgewiesen hatte. Er wies auch John Godolphin Bennett nicht zurück, der am 7. Juni 1948 Madame Ouspensky in New Jersey besucht und dabei erwähnt hatte, daß an dem Tag, an dem Ouspensky starb, in Coombe Springs etwas präsent gewesen sei, «das ein Engel oder sogar ein noch größeres Wesen gewesen sein könnte». Madame Ouspensky fragte: «Da Pjotr Ouspensky nicht mehr auf Erden weilt, was werden Sie tun?» Als Bennett andeutete, er hätte sich gewünscht, daß Gurdjieff selbst nicht verrückt geworden wäre, antwortete Madame nüchtern: «Er ist nicht verrückt. Er war es nie­ mals. Er lebt jetzt in Paris. Warum fahren Sie nicht zu ihm?» Hier wie anderswo sah Bennett weder moralische noch intellek­ tuelle Schwierigkeiten, den Zug zu wechseln. Im Jahre 1924 hatte er Gurdjieff abgelehnt, um Ouspensky zu gefallen. Jetzt bekannte er sich bewußt zu ihm . . . Als Gurdjieff Anfang Juli 1948 Bennetts schriftliches Angebot erhielt, 200 Schüler aus Coombe Springs zu übernehmen, zusammen mit einer Farm namens «Donkerhoek» im nördlichen Transvaal, war zumindest eines klar: Der angelsächsi­ sche Strom, der jahrelang wegen sekundärer Loyalitäten ausge­ trocknet gewesen war, floß jetzt wieder kräftig auf ihn zu.
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Bennett war einundfünfzig und seine zweite Ehefrau Winifred Alise fünfundsiebzig Jahre alt, als die beiden sich Anfang August 1948 bei Gurdjieff vorstellten. Selbst nach den Normen jenes «Weltzentrums pikanter Situationen» befand der hochaufgeschos­ sene Engländer sich in einer schwierigen Situation. Jahrzehntelang war Gurdjieff für ihn nur ein Schatten gewesen, eine Erinnerung, ein unaussprechlicher Name, einstiger Urheber einer wunderbaren Lehre. Und nun - gegen jede vernünftige Erwartung - erschien dieser in Person in einer Rauchwolke von Gauloise-Zigaretten vor ihm, auf dem Kopf einen schon verschlissenen Fez, die Füße in Pantoffeln, seine geschickten Hände vom Alter gezeichnet, wäh­ rend sich sein triumphaler Bauch unter einer fleckigen Weste wölbte. Bei der Vorstellung spielte Jeanne de Salzmann freundlich auf Bennetts Aufenthalt in der Abtei an (fünfunddreißig Tage im Jahre 1923). Gurdjieff blickte ihn lange und durchdringend an. «Nein, kann nicht erinnern», sagte er schließlich. Dafür hatte der John Godolphin Bennett von heute, der danach gierte, für einen neuen Christus den Apostel Paulus zu spielen - zu schreiben, Bischöfe zu ernennen und die Massen zu bekehren -, einiges zu bieten: zahlrei­ che Anhänger, einflußreiche Kontakte, ein ausgeprägtes Organisa­ tionstalent, fließende Beherrschung des Russischen und Türki­ schen sowie ein impulsives und hartnäckiges Engagement. .. Und Gurdjieff bediente sich seiner Fähigkeiten. «Polly» Bennett—so ihr Kosename — war weniger als spirituelle Aspirantin denn als Kranke zu Gurdjieff gekommen. Die Ärzte waren auf für sie einträgliche Weise hilflos angesichts der ernsten Störungen ihres Befindens. Es hätte ihre Wirbelsäule, ihre Nieren oder sogar Krebs sein können. Hinter einem anerzogenen Stoizis­ mus (sie war die Tochter von Elliot of Baroda) verbarg Mrs. Ben­ nett, zumindest glaubte sie es, ihre Verzweiflung. Gurdjieff durch­ schaute diese Maske. Nach einiger Zeit hörte er auf zu essen und sprach meine Frau auf Englisch an: «Sie haben Schmerzen?» — «Ja.» — «Große Schmerzen?» - «Ja.» Er verließ den Tisch und kam mit einem kleinen Fläschchen zurück, dem er zwei Pillen entnahm.
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«Schlucken Sie das. Wenn Schmerz vorbei, ich werde wissen, was für Sie tun kann. Wenn nicht, mir erzählen.» Der fast sofortigen Schmerzlinderung folgte ein geflüsterter Wort­ wechsel, der auf rätselhafte Weise auf ein selbstopferndes Ele­ ment in Gurdjieffs Therapie hinweist. Er fragte: «Wo ist der Schmerz jetzt?» Sie antwortete: «Er ist weg.» Er beharrte auf seiner Frage: «Ich frage Sie, wo er jetzt ist?» Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie sagte: «Sie haben ihn genommen.» Er antwortete: «Ich bin froh. Nun kann ich Ihnen helfen.» Am Samstag, den 8. August, fuhr Gurdjieff mit dem Auto in Richtung Cannes. Das hohe Alter hatte weder seine Begeisterung für das Lenken eines Autos gemindert noch seine Fahrtüchtigkeit verbessert. Das Unglück ereignete sich bei der Fahrt durch Montargis und tötete den darin verwickelten betrunkenen Lastwagen­ fahrer auf der Stelle. Mit gebrochenen Rippen, zerschnittenem Ge­ sicht, einer Schädelverletzung und gebrochenem Brustbein, die Lungen voller Blut - so war Gurdjieff im Wrack seines Wagens durch die Lenksäule eingeklemmt. Während der unendlichen Stunden, in denen der Notfalldienst sich bemühte, ihn aus dieser Lage zu befreien, blieb er bei Bewußtsein und gab den Männern sogar Anweisungen, um tödliche Blutungen zu vermeiden. Mit Gefühlen, die man sich vorstellen kann, raste Jeanne de Salzmann nach Montargis, konnte Gurdjieff dort aus dem Krankenhaus los­ eisen und fuhr mit ihm im Schneckentempo nach Paris zurück. Als sie vor dem Haus Nr. 6 in der Rue des Colonels Renard in der Abenddämmerung des Sonntags ankamen, war Bennett ein zu­ fälliger Zeuge: Die Wagentür ging auf, und Gurdjieff kam langsam heraus. Seine Kleidung war blutbefleckt, sein Gesicht geschwärzt und voller Beulen . . . Ich schaute auf einen sterbenden Menschen. Selbst das reicht nicht aus, um den Anblick zu schildern. Es war ein toter Mensch, ein Leichnam, der aus dem Wagen stieg. Und dennoch ging er ... Er marschierte in sein Zimmer und setzte sich. Dann sagte er «Jetzt sind alle Organe zerstört. Muß neue machen.» Er sah mich an und sagte lächelnd: «Heute abend Sie
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kommen zum Essen. Ich muß dem Körper was zu arbeiten ge­ ben.» Ich sah, wie ein schmerzhaftes Zucken durch seinen Kör­ per ging und Blut aus einem Ohr floß. Bilder eines Abendessens, das unbeschreiblich quälend war, sind im Gedächtnis der bestürzten Gäste eingegraben. Mit purpurro­ tem Gesicht und umwickeltem Hals präsidierte Gurdjieff mit schö­ ner und erschreckender Schwäche. Seine verletzten Finger krümm­ ten sich unter Schmerzen und servierten eine Forelle. «Mögen Sie? Dann nehmen Sie» (Caruso). Einer der beiden anwesenden Ärzte glaubte, er werde am Leben bleiben; der andere bezweifelte es. Beide rieten ihm dringend, Morphium zu nehmen und zu schlafen. Der Direktor erhob sich, erhob sein Glas und sagte mit streng kontrollierter Stimme: «Auf die Gesundheit aller Gewöhnlichen Idioten!» Die mit ernsten Gesichtern dasitzenden Tischgefährten schluckten eine Gemütsbewegung herunter, die stärker brannte als der Wodka. Der Direktor beeilte sich zu sagen: «Auf die Gesund­ heit aller Super-Idioten!»10 Morphium wurde gebracht, doch weigerte er sich, es zu neh­ men. Mit erheblicher Schwierigkeit schluckte er einige Stückchen Melone herunter. Und wieder erhob sich der Direktor Auf die Gesundheit aller Hoffnungslosen Idioten, subjektiv und objektiv. Ich will sagen, auf die Gesundheit all derer, denen ein ehrenhafter Tod bestimmt ist, und auf die Gesundheit all derer, die Kandidaten sind, wie Hunde zu verrecken! Niemals zuvor oder danach klang dieser Toast furchterregender als in diesem Moment. Aber selbst unter diesen Umständen fügte Gurdjieff noch hinzu: Zusatz: Es ist übrigens notwendig hinzuzufügen, daß nur dieje­ nigen ehrenhaft sterben können, die während ihres Lebens an sich gearbeitet haben. Wer nicht an sich arbeitet, der wird früher oder später unweigerlich wie ein dreckiger Hund verrecken manchmal sogar wie ein räudiger Hund (Orage).

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An dieser Stelle intervenierte Madame de Salzmann ruhig, aber be­ stimmt. Die Gäste gingen, und das Unfallopfer wurde vorsichtig zu Bett gebracht, wobei keine Gewißheit bestand, daß er es jemals wie­ der verlassen würde. Gurdjieff war ein strapaziöser Patient - er lehnte Röntgenauf­ nahmen ab, verweigerte Bettruhe und nahm auch kein Penicillin. («Das ist Gift für die Seele des Menschen.») «Will er denn sterben?» protestierte die ambulante Krankenschwester. «Der bringt sich ja um!» Er starb aber nicht. «Es tut weh; ich habe große Schmerzen», gestand er Dorothy Caruso, weigerte sich jedoch weiterhin, Mor­ phium zu nehmen, da er herausgefunden habe, «wie man mit Schmerzen leben kann». Am Mittwoch, den 12. August - kaum fä­ hig zu gehen —, sprach er gegenüber Bennett und dessen 200 Schü­ lern eine atemberaubende Einladung aus: «Lassen Sie alle kommen. Meine französische Gruppe ist jetzt in Urlaub. Notwendig, keine Zeit verlieren. Fahren Sie nach Hause, und bringen Sie jeden hier­ her, der kommen will.» Sieben Tage später hatte er sich selbst auf unerklärliche Weise geheilt. Man traf ihn wieder in seinen Lieb­ lingscafes an, makellos gekleidet, in der Hand seinen Spazierstock mit vergoldetem Knauf, auf dem Kopf einen Panamahut, um die Augen vor der Sonne zu schützen. Er war jetzt zweiundachtzig Jahre alt, «doch hatte er sich so vollständig erholt, daß er nach sei­ nem Unfall jünger aussah als davor, als habe der Schock seinen ge­ samten Organismus gestärkt, statt ihn zu schwächen». Das zehnmonatige Zwischenspiel, das mit Ouspenskys Tod be­ gann, endete mit Gurdjieffs Unfall. Als dieser bemerkenswerte Au­ gust sich dem Ende zuneigte, hatten nicht weniger als sechs unglei­ che Nebenflüsse begonnen, sich in der Rue des Colonels Renard zögernd zu vermischen. Aus London Frank Finder, Stanley Nott und die Gruppe um Jane Heap; aus New York Margaret Anderson, Dorothy Caruso und Solita Solano; aus Lyne Kenneth Walker mit Familie; aus Mendham Aubrey Wolton, Reginald Hoare und Basil Tilley; aus Coombe Springs J.G. Bennett und etwa sechzig Schüler, unter ihnen Elizabeth Mayall und Dr. Bernard Courtenay-Mayers. Aus ihren ländlichen Ferienorten kehrten schließlich die sonnenge­ bräunten Franzosen zurück, die sich wie nie zuvor mit der gefährli­ chen Vielfalt des Werks konfrontiert sahen.
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Gurdjieff spannte seine streitsüchtigen spirituellen Nachkömm­ linge durch die Kraft einer einzigartigen Vaterschaft zusammen; er lehrte unermüdlich - durch private Gespräche, durch ausdrucks­ volle Mimik und geflüsterte persönliche Bemerkungen. Er lehrte, während er trank und fluchte, das Harmonium spielte und immer wieder dieselben pointenlosen Scherze machte, während er hier ein Loch aufriß, um dort ein anderes zu stopfen. Er verließ sich nicht auf bloße Rhetorik, sondern auf kühn zusammengestellte Salate, Wodka mit Pfeffer sowie surrealistische Ausflüge mit dem Auto. Er hob nicht sein Glas zur Würdigung der Vergangenheit eines Menschen sondern trank auf den Quotienten seiner Präsenz. Wenn er Menschen an seiner Tafel unterschiedlich behandelte, dann hatte das nichts mit ihrer Nationalität oder Herkunft zu tun, sondern mit dem Grad ihres «Idiotentums». Hohe und anspruchsvolle Intellektualität, der eigentliche Drehund Angelpunkt von Ouspenskys Schülern, wurde von Gurdjieff beharrlich in Frage gestellt: «Ihr müßt fühlen, müßt fühlen. Euer Geist ist ein Luxus» (Nott, Joumey). Wo waren die veitraute schwarze Tafel und die Kreide? Wo waren die Diagramme des Enneagramms, der Schöpfungsstrahl und die Tabelle der verschiedenen Wasserstoffe? «Alle, die zu mir kommen», sagte Gurdjieff beruhi­ genderweise, «müssen täglich einen Einlauf bekommen. Sehr not­ wendig, Spritze dafür immer dabeizuhaben. Wenn Sie nicht haben solchen Apparat, kommen Sie her morgen sehr früh, und ich werde geben. Fünf Uhr> (Staveley). . . Das war gewiß nicht, was man er­ wartet hatte. Der Übergang von Ouspensky zu Gurdjieff stellte sich zunächst als ein Übergang vom Ernsten zum Heiteren dar. «Le Patron», sagte er und strich sich mit der Hand über seinen ziemlich hervor­ tretenden Bauch, «der verlangt ständige Aufmerksamkeit. Er ist eine sehr wichtige Persönlichkeit, die stets mit größtem Respekt behandelt werden muß. Er verlangt, daß man ihn füttert. . .» (Walker). Die darauffolgenden gemeinsamen Abendessen waren stets ein Wagnis - hart für die Verdauung und die Leber, jedoch noch härter für das Gewissen. So war beispielsweise die Unter­ scheidung zwischen objektiven und subjektiven Hoffnungslosen Idioten mit kaum zu ertragender Bedeutung beladen.
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Keine Beschreibung kann die furchterregende Realität dieser Unterscheidung verminein, wie Gurdjieff sie mit brennenden Augen und der Stimmgewalt eines Jeremiah ausmalte. Ich sah alte Männer zusammenbrechen und schluchzen, die vielleicht seit ihrer Kindheit nicht mehr so aufgewühlt gewesen waren (Bennett, Witness). Viele jüngere Männer an dieser Tafel waren erschüttert ob ihrer mißlichen Lage. «Jetzt erleben wir wirklich die Ernte unseres Le­ bens», schrieb Basil Tilley an seine Frau Irene in Mendham. «Hier jedoch haben wir die Ernte bereits hinter uns, wir befinden uns un­ mittelbar in der Mühle - Gott steh uns bei.» Besonders interessant war der «Fall» Kenneth Walker, der seit 1924 seine Integrität als Bankier und beträchtliche innere Stärke in Ouspensky und sein «System» investiert hatte, und nun, mit Sechs­ undsechzig Jahren, ziemlich deprimiert in Paris eintraf. «Gurdjieff empfing ihn mit echtem Mitgefühl, stellte seinen Glauben und seine Hoffnung wieder her. Es war eine große Freude zu beobach­ ten, welche Verwandlung sich vor unseren Augen vollzog. Inner­ halb weniger Tage war Walker wie verjüngt» (Bennett, Witness). Seine Ehefrau Mary, die das Ambiente in Gurdjieffs Wohnung als unbeschreiblich und Gurdjieff selbst als den erstaunlichsten Mann bezeichnete, den sie jemals getroffen habe, kam bald zu dem Schluß, er sei in Wirklichkeit überhaupt kein Mensch, sondern ir­ gendeine Spezies von Magier. Anfang September 1948 eröffnete Gurdjieff seinen Schülern, man brauche eigentlich «einen solideren Ort» als diese Wohnung in Paris - einen Landsitz, eine Art idealisierte Prieure. Freiwillige schwärmten aus, und mit erstaunlicher Geschwindigkeit deutete sich die Möglichkeit an, das prächtige Chateau de Voisins in Ram­ bouillet zu erwerben, das nur 28 Meilen südwestlich von Paris lag. Und was noch wichtiger war - es konnte zu Vorzugsbedingungen übernommen werden. Der Eigentümer, ein Zuckerfabrikant, ge­ dachte, es billig zu vermieten, um seine Steuer-Verbindlichkeiten zu reduzieren. Warum setzte Gurdjieff dieses Unternehmen in Gang? Mit im­ merhin zweiundachtzig Jahren! Im Rahmen seiner Mission war für
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ihn die wieder und wieder aufgeschobene Veröffentlichung des Beelzebub entschieden wichtiger. Dieser Text enthielt doch seine essentielle Lehre . . . Ein Text, jawohl - aber kein Buch. Mit der Maschine geschrieben, vervielfältigt, offen und insgeheim kopiert, von Hand zu Hand weitergegeben - nach zwanzig Jahren war Beelzebub immer noch unveröffentlicht, eine Schrift, die darauf wartete, wirklich geboren zu werden. Daß das Buch tatsächlich mehr zählte als das anzumietende Schloß, wurde deutlich, als die Verhandlungen in Rambouillet einem umfassenderen Plan untergeordnet wurden, der die schnelle Veröffentlichung des Beelzebub zum Ziele hatte. Diese Verlage­ rung des Schwerpunktes war nur mit einer störenden Begleiter­ scheinung verbunden: Sobald der Beelzebub erschienen war, wollte Gurdjieff selbst «verschwinden». Seine naiveren Schüler erklärten protestierend, sie würden ihm überallhin folgen, worauf er nüch­ tern antwortete: «Ihr werdet mich nicht so leicht finden» (Orage). Frank Pinder, der vielleicht das beste Gespür für die psychische Dynamik der Situation hatte, plädierte für eine Verschiebung. «Warum wollen Sie den Beelzebub gerade jetzt veröffentlichen? Auf jeder Seite findet man grammatische Irrtümer, falsche Zei­ chensetzung und sogar echte Fehler. Das Buch sollte erst mal or­ dentlich redigiert werden.» Doch Gurdjieff überstimmte ihn: «Das ist ein roher Diamant. Jetzt ist keine Zeit zum Redigieren. Es muß endlich in die Druckpresse» (Nott, Journey). Ebenso wie einst der Preis des «Verkünders» zwischen 8 und 108 Francs angesetzt wor­ den war, sollte auch der Beelzebub seine Leser ein kleines Vermö­ gen oder praktisch gar nichts kosten. Gurdjieffs Schüler mußten tief in die Tasche greifen, um ein Buch zu produzieren, das ver­ diente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gratis erhalten sollten. Es sollte gleichzeitig in vier Sprachen erscheinen und über­ all vertrieben werden, auch in Rußland. J.G. Bennett war von die­ ser Idee höchst begeistert und plazierte in der Zeitschrift Everybody einen Artikel, der seiner Meinung nach der Sache angemessen war. Schwäche und zugleich Stärke des Plans «Chateau Voisins-Beelzebub» lagen im finanziellen Bereich. Das Anmieten des Schlosses oder Druck und Vertrieb des Buches würden sehr viel Geld erfor316

dem - viele Nullen -, und woher sollte es kommen? Aus Frank­ reich? Vielleicht. Pierre Schaeffer gab jedoch zu bedenken: «Wir Franzosen . . . sind die geizigsten Menschen - auch die ungläubig­ sten» (Pauwels). Aus England? Leider war das viele Geld, das im August aus englischen Brieftaschen geflossen war, durch das chro­ nische Loch in Gurdjieffs Tasche gerutscht. . . Der alte, jedoch unbezähmbare Lehrer des Tanzes schnupperte nun in der Luft den weit entfernten Duft von Dollars. Daher ließ er am 9. September 1948 seine Absicht durchsickern, achtzehn seiner Leute (drei Rei­ hen zu je sechs) für die Aufführung seiner neuesten «Bewegungen» in New York zu schulen. Obwohl die französische «Aufführungsklasse» dieses Unter­ nehmen hätte alleine durchziehen können, opferte er ihre techni­ sche Perfektion auf dem Altar der Integration. «Wie geht es?» fragte er jovial Basil Tilley. «Sie sind Engländer? Können Sie für einen Monat mit mir nach Amerika reisen?» Und bald erzitterte der Boden des Salle Pleyel unter dem Stampfen ungeschulter engli­ scher Füße. «Sie jetzt Vetter von Elefant», sagte Gurdjieff anzüg­ lich zu Tilley. «Notwendig, daß Sie werden Vetter von Katze.» Es oblag der Pariser Gruppe, die Engländer zu coachen. Der sehr hohe, wenn nicht unmögliche Standard, den die Engländer anstre­ ben mußten, wurde ihnen vor Augen geführt, als die Franzosen vor Bennetts Schülern und unter den prüfenden Augen von Gurdjieff und Jeanne de Salzmann das volle Programm aufführten. Als Inhaber eines Nansen-Passes und als gesellschaftliches schwarzes Schaf sah Gurdjieff sich auch diesmal jenen Komplika­ tionen gegenüber, die praktisch alle seine Auslandsreisen begleite­ ten. Die Pariser Polizeibehörde war erfreut, daß er nach Amerika gehen wollte, zeigte jedoch keinerlei Neigung, ihm ein Rückkehr­ visum auszustellen. Ohne dieses und die erkennbare Absicht zur Rückkehr konnte er aber kein Visum von der amerikanischen Bot­ schaft erwarten. Hier ergab sich eine Sackgasse, die weder durch die taktische Verteilung von Bonbons noch von Banknoten geöff­ net werden konnte. Doch immer, wenn Gurdjieff auf bürokrati­ scher Ebene lahmgelegt wurde, erkletterte der geheime Einfluß, über den er durch seine Schüler verfügte, die Ebenen der Diploma­ tie. Schließlich wurden aufgrund der persönlichen Bürgschaft eines
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früheren französischen Premierministers alle erforderlichen Do­ kumente ausgestellt. Am Samstag, den 30. Oktober 1948, reiste Gurdjieff mit Jeanne de Salzmann nach New York. Alfred Etjewan war bereits voraus­ gefahren, um «Bewegungs»-Klassen auf die Beine zu stellen. Hin­ ter sich ließ er eine Gruppe, auf deren erstaunlichen, wenn auch fragilen Zusammenhalt Dorothy Caruso anspielt, wenn sie schreibt: Während ich so dasaß, beobachtete, in mich aufnahm und mich freute, wurde ich eines wachsenden Gefühls von Harmonie ge­ wahr, das alles im Raum mit allem anderen verband - Gesten, Gesichter, Stimmen, Speisen. Meine Gedanken vibrierten im Einklang wie eine Instrumentensaite in der Musik. Gurdjieff ging in Le Havre an Bord und inszenierte mal wieder seine Abreise. Wieder schickte er besonders wichtige Botschaften, erneut machte er schlüpfrige Bemerkungen oder übte sich in be­ deutungsschwerem Schweigen. Wieder erlebten die Mitreisenden seine komischen Einlagen mit Kaviar, Armagnac und stinkendem Käse. Wieder die absichtlich hervorgerufenen Wortwechsel mit einem verärgerten Begleiter. Wieder, noch einmal, zum letzten Mal. . . Genau ein Jahr nach diesem Sonnabend, also nach einer Umdrehung der Erde um die Sonne, würde er eine längere, ge­ heimnisvollere, ganz andere Reise antreten ...

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19 Au Revoir, tout le monde
(31. Oktober 1948 - 29. Oktober 1949)

«Sie bewegen sich wie Würmer im Kot!» (de Ropp). Mit diesen provozierenden Worten betrat Gurdjieff im November 1948 das Studio in der Carnegie Hall, wo Alfred Etjewans amerikanische Schüler probten. Obgleich er direkt vom Anlegeplatz herbeigeeilt war, wirkte der alte Mann wie der Inbegriff nie erlahmender Akti­ vität: Er diktierte «Bewegungen», er änderte Rhythmen, erkannte so­ fort Fehler, schimpfte und fluchte ... er wandelte sich von einem Augenblick zum anderen, gab an Ort und Stelle schnelle Erläuterungen, ging niemals Kompromisse ein, verlangte immer stärkere Anstrengungen, bevorzugte niemanden und forderte dringend ein besseres Verständnis (Popoff). Als Gurdjieff den «Kampf der Magier» neu inszenierte, mußten Pjotr Ouspenskys intellektuelle, ernste Schüler nun plötzlich wild über die Bühne rasen und dabei so aufregende Symptome wie Neid, Eitelkeit, Lust, Stolz, Furcht und Ärger demonstrieren. «Je­ der begann sich in verrückten Positionen und Tempoänderungen hin und her zu bewegen, mit satanischer Wut um die anderen zu kreisen und abscheuliche Grimassen zu schneiden» (Popoff). Einen Augenblick später verlangte man von denselben Tänzern, mit fließenden, harmonischen Gesten Mitleid, Ehrfurcht und Barmherzigkeit darzustellen. Gurdjieff, der wieder seine kleine Suite im Hotel Wellington be319

wohnte, hatte täglich einen vollen Terminkalender. Nachdem er im Child's Restaurant ein leichtes Frühstück aus Tomatensaft, Apfel im Schlafrock und Eiern genommen hatte, pflegte er in den Luxor-Bädem in der 46. Straße hofzuhalten — riesige Mengen Perrier-Wasser trinkend und ein eisgekühltes Handtuch um den Kopf gewickelt. Später folgte ein Arbeitsessen, eine ganz kurze Siesta, zahllose Einzelgespräche mit eifrigen Schülern und Klien­ ten. Dann ging es zur Carnegie Hall. Am Abend fand ein langes zeremonielles Dinner in seinem Hotelappartement statt, mit vie­ len «Gast-Idioten» ... bis der Zweiundachtzigjährige schließlich fragte: «Hat jemand einen Vorschlag, was wir heute Nacht ma­ chen könnten?» (Wolfe) Während seines «letzten Hurras» in New York war Gurdjieff von einer ziemlich zusammengewürfelten Gesellschaft umgeben: Da waren alte Kämpen aus der Prieure, die führenden Anhänger von Orage, ein Paar aus der Seilschaft, mehrere französische Ad­ jutanten, nervöse Flüchtlinge aus Madame Ouspenskys Schule in Mendham sowie eine bunte Mischung von hoffnungsvollen Spät­ berufenen. Bei den Abendessen in seinem Hotelappartement sa­ ßen Würdenträger und Bedeutungslose dicht aneinandergedrängt wie Heringe in einer Dose. Unter einem aus riesigen Blättern zu­ sammengestellten Enneagramm sah man neben Gurdjieff gele­ gentlich die eindrucksvolle Gestalt von Frank Lloyd Wright sit­ zen, auf dem Kopf einen verwegenen flachen Filzhut. Manchmal schweiften die Gedanken des großen Architekten hin zu dem Bü­ roturm, den er gerade für die Firma S. C. Johnson & Son baute, manchmal zu seiner schmerzenden Gallenblase. «Ich siebenfa­ cher Doktor», bemerkte Gurdjieff. «In Paris ich haben zweihun­ den eleves, alles Doktoren» (W. J. Welch). Zusammen mit Olgiwanna wirkte er auf Wright ein, er solle die ihm verordnete Diät aufgeben und statt dessen Lamm, Avocados und mit Pfeffer ge­ würzten Armagnac zu sich nehmen. Humor und Ernst waren hier nicht immer auseinanderzuhalten. Und wenn der Gastgeber auf dem kümmerlichen Harmonium musizierte, schien er (nicht zuletzt für Wright) Echos aus einer anderen, einer besseren Welt zu Gehör zu bringen. «Diese Musik, die ich Ihnen jetzt spiele», erläuterte er, «stammt aus dem Kloster, in dem Jesus Christus
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von seinem achtzehnten bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr lebte» (de Ropp). Obwohl Gurdjieff Paul Anderson zu seinem «amerikanischen Sekretär» und Edwin Wolfe zu seinem «Finanzminister» ernannte, war seine aktuelle Wahl des Lieblingssohnes ein «politischer» Är­ ger: Er lud nämlich die Hauptverantwortung für die Förderung des Werks in ganz Amerika auf die breiten Schultern von Henry John Sinclair, Lord Pentland, was aus verschiedenen Gründen unver­ ständlich erschien. Pentland war verhältnismäßig jung und nicht Amerikaner. Er war kein Schützling von Orage, war weder in Fon­ tainebleau gewesen noch in der Rue des Colonels Renard. Genauer gesagt, er hatte in seinem bisherigen Leben Gurdjieff noch nie ge­ troffen. Vierzig Jahre alt, schlank, knochig, mit scharfem Vogel­ blick unter kämpferischen Augenbrauen, war er ein hervorragen­ des Produkt von Cambridge, Heidelberg, Lyne Place und Mendham. Mußte Pentlands Geschmack für Kleidung aus der Savile Row nicht zwangsläufig mit Gurdjieffs neuestem Geschmack für orangefarbene Tweedanzüge kollidieren? Mußte Pentlands be­ rühmte Augenbraue nicht spöttisch nach oben schnellen, wenn Gurdjieff Fotos vom Chateau de Voisins herumreichte und jedem dort eine ständige Suite versprach, der 5000 Dollar in bar zahlte? Und wie konnte die natürliche Vornehmheit seiner Lordschaft sich mit der neuen Mode der After-Dinner-Unterhaltung anfreunden? («Wissen Sie», sagte Gurdjieff nachdenklich zu einem zu vertrau­ ensseligen Priester, «dieser Kragen, den Sie da tragen, entspricht irgendwie den rosafarbenen Nelken, die Prostituierte tragen, wenn sie menstruieren»; W. J. Welch.) Immerhin kam er aus der Schule von Mendham, und dorthin rief Sophia Grigorjewna Ouspensky im Winter 1948 Gurdjieff, weil eine dringende Entscheidung anstand: Was sollte geschehen mit jenem einzigartigen Dokument Au/der Suche nach dem Wun­ derbaren. Perspektiven der Welterfahrung und der Selbsterkennt­ nis? Mit dieser Zusammenfassung der Ideen Gurdjieffs liefert Ouspensky ein Meisterwerk objektiven Berichtens, doch war die Veröffentlichung des Werks achtzehn Jahre lang zurückgehalten worden. Ouspenskys Verleger in Routledge, der ein gutes Geschäft witterte, drängte schon 1931 darauf, das Ganze in Druck zu ge­
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ben. Und auch Ouspensky selbst verlangte es manchmal danach aber eben nur manchmal. Beim Abfassen seines Testaments aner­ kannte er mit beispielhafter Aufrichtigkeit, wieviel er Gurdjieff und seinen Lehren zu verdanken hatte. Ob die Zeit jedoch reif war, diese Schuld auch gegenüber seinen Schülern einzugestehen noch dazu Schülern, denen er verboten hatte, den Namen Gurdjieff auch nur zu erwähnen -, das erforderte seiner Ansicht nach weiteres reifliches Nachdenken. Und zweifellos war Ouspensky immer noch damit beschäftigt, als der Tod ihn im Oktober 1947 ereilte. Er ist von besonderer Bedeutung, dieser Augenblick in Mendham, da Sophia Grigorjewna mit zitternden Fingern Gurdjieff das Manuskript des Buches ihres Mannes anvertraut. Die Epoche war für immer dahin, die es geboren hatte; aber der, um den es in die­ sem Buch vor allem ging, saß vor ihr. Der schwerkranken Madame Ouspensky — die sich durchaus der Tatsache bewußt war, daß Gurdjieffs direkte Rede vier Fünftel des Manuskripts ausmachte oblag nun die heikle Aufgabe, seine Genehmigung zur Veröffentli­ chung zu erhalten. Dabei war es unbedingt zu bedenken: "Wurde Auf der Suche nach dem Wunderbaren bald in Druck gegeben, und scheiterte die Veröffentlichung des Beelzebub zunächst aus irgend­ einem Grunde, dann könnte eine unerwünschte Verwirrung im Hinblick auf das Werk die Folge sein. Vor allem kam es auf folgen­ des an: Ließ dieses Buch in seinen äußeren und inneren Oktaven die Note erkennen, die Gurdjieff zum Klingen gebracht hatte? Er las einige Stellen und sagte dann nach einem kurzem Schweigen: «Vorher ich haben Ouspensky gehaßt; nun ich liebe ihn. Das hier sehr genau, er erzählt, was ich sage» (Bennett, Witness). Diese Zu­ stimmung besiegelte endgültig die lange Beziehung zwischen So­ phia Grigorjewna Ouspensky und dem Mann, den sie «X» genannt hatte, die unbekannte Größe. Sie war dem Tod nahe, und bei Gurdjieff deutete alles auf eine chronische Entzündung der Lun­ gen hin. Die Zeit lief beiden davon . . . doch hatte der schlafende Riese des Werks begonnen, sich zu rühren, und er würde bald be­ ginnen, auf den Beinen von Beelzebub und der Suche nach dem Wunderbaren aufrecht zu marschieren. Beide Bücher konnten keine guten Rezensionen erwarten. Das
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amerikanische und das englische Establishment, diese Granden des kulturellen hon ton - sie konnten nach Gurdjieffs Einschätzung nichts anderes tun, als ihm widersprechen. Dennoch war er fest entschlossen, seine Schüler unter dem Banner des Beelzebub in Richtung des Kanonendonners in Marsch zu setzen. J. G. Bennett (der am 13. Januar zu Gurdjieffs Geburtstag kam und das Zimmer nebenan im Hotel Wellington belegte) wurde bedeutungsvoll als der «hochgeschätzte Repräsentant für England» empfangen. Er genoß das Privileg, den Morgenkaffee mit seinem Lehrer im Child's Restaurant einnehmen zu dürfen, als Gurdjieff ihm gebie­ terisch sagte: «Sie jetzt schreiben Brief.» Unter dem Datum des 13. Januar 1949 und der Pariser Anschrift mußte Bennett ein Rundschreiben «an alle meine gegenwärtigen und künftigen Schü­ ler» aufsetzen. In Gurdjieffs Namen und unter seinem mesmerischen Blick flössen spontan Worte aus der vergoldeten Füllfeder. Sie kündigten das baldige Erscheinen des Beelzebube und forder­ ten jeden «Adepten» auf, von der ersten Auflage ein Exemplar für 100 Pfund Sterling zu kaufen, damit andere ihren Band umsonst haben könnten. Durch diese Aktion wird es denen, die persönliche Hilfe durch den Kontakt mit meinen Ideen erhalten haben, möglich sein, et­ was dazu beizutragen, das zurückzuzahlen und mir zu helfen, die Ernte einzubringen, die ich gesät habe. G. Gurdjieff Wortlos faltete Gurdjieff den Bogen zusammen und steckte ihn in die Tasche. Kathryn Hulme, die am Tag zuvor aus Frankfurt eingeflogen war, kam zum Lunch im Hotel Wellington gerade rechtzeitig, um an der nun folgenden Inszenierung teilzunehmen. Gurdjieff nahm den zusammengefalteten Brief aus der Tasche, überreichte ihn Bennett (als habe der ihn nie gesehen) und drängte ihn: «Lesen Sie. Lesen Sie laut - ist für alle bestimmt.» Während des sich lang hin­ ziehenden und geräuschvollen Mittagessens, das auf Papiertellern serviert wurde, war der Raum von aufgeregten Kommentaren er­ füllt. «Alle Anwesenden summten laut zu und erklärten, genauso

sei es: Nur Mr. Gurdjieff hätte das so schreiben können ... und dergleichen mehr> (Bennett, Witness). Gurdjieff selbst saß schwei­ gend da - abgesehen davon, daß er drei literarische Repräsentan­ ten ernannte: Rene Zuber für Frankreich, Pentland für Amerika und Bennett für England. An einem stürmischen Nachmittag Anfang März 1949 schiffte Gurdjieff sich auf der Queen Mary nach Cherbourg ein. Adieu Amerika! Adieu New York! Adieu zu einer langen Verbindung . .. April in Paris! Sein letzter Frühling - ob Gurdjieff es ahnte? Er hatte Jeanne de Salzmann nach London geschickt, um Kenneth Walkers Schüler in Colet Gardens zu beraten und zu beurteilen. Trotz ihrer Begeisterung konnte sie den Meister nicht überreden, ebenfalls den Kanal zu überqueren. Augenscheinlich war es keine Mißachtung und nicht das Beharren darauf, daß der englische Berg zum Propheten kommen müsse, sondern nur die Tatsache, daß die Franzosen jetzt seine ganze Aufmerksamkeit beanspruch­ ten. Außerdem hielt er Ausschau nach einem kleineren Zentrum, nachdem er, ohne weitere Erklärung, alle Pläne betreffend das Chateau de Voisins einfach hafte fallenlassen. Zur Zeit der Sommersonnenwende war es in Paris brütend heiß; Gurdjieff trug jetzt einen flotten Panamahut und machte je nach Laune Andeutungen über neue, noch heroischere Reisen. Er wolle endlich nach London fahren, dann nach Amerika. Dort wolle er eine ganze Flotte Citroens mieten und in einem aufsehenerregen­ den Geleitzug laut hupend durch den mittleren Westen fahren. In­ mitten seiner Schüler gab er jedoch manchmal einer bescheidene­ ren Hoffnung Ausdruck: «Ich möchte nach Chamonix gehen - um dort das Wasser rauschen zu hören. Dort könnte ich endlich schla­ fen.» Jeden Tag führte er Einzelgespräche mit etwa vierzig «Klien­ ten». Sein ununterbrochenes Verteilen von Bonbons und Keksen, Nahrungsmitteln und Banknoten symbolisierte eine erheblich kostspieligere Aufteilung von Zeit, Energie und letzten körperli­ chen Reserven. Das blieb seinen Schülern nicht verborgen. «Die Art von Kraft, die er jetzt einsetzt, verschleißt ihn», bemerkte Dorothy Caruso. «Warum muß er das eigentlich immer tun? Warum läßt man das zu? Wir sollten lieber nach Hause gehen und diesen erschöpften Mann in Ruhe lassen.» Doch hatte Gurdjieff selbst die
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Atmosphäre geschaffen, in der die meisten seiner Schüler - wie zum Beispiel Pierre Schaeffer- mit quälenden persönlichen Fragen konfrontiert waren und um ihn herumschlichen, verzweifelt nach der winzigsten Möglichkeit Ausschau haltend, ein persönliches Gespräch mit ihm führen zu können. «Dieser Mann wird sterben. Ich weiß es. Sterben, ohne daß ich ihm meine Frage habe stellen können» (Pauwels). Die dichtgedrängte Bühne der Gegenwart und der intensiv emp­ fundene Zweck des Daseins ließen Gurdjieff kaum Raum für no­ stalgische Empfindungen. Die «guten alten Tage», die waren hier und jetzt. Und genau in diesem Geist machte er sich Ende Juli auf den Weg zu einem letzten Treffen mit seinem ältesten «Schüler­ Gegner». Unter lauter Mißachtung der Getriebe und Überforderung der Motoren fuhr der aus drei Wagen bestehende Konvoi über den Col des Faucilles in die Schweiz - während in Genf Elisabeta Grigorjewna Stjoernval (die dreißig Jahre zuvor den nördlichen Kau­ kasus zu Fuß überquert hatte) ihre Frisur richtete. Was hatte sie nicht alles erlebt - revolutionäre Kräfte hatten sie aus dem warmen Bett des Großbürgertums geworfen; sie hatte sich einem Magier anvertraut; während sie sich wehrte und protestierte, hatte man sie eine Straße innerer Verwandlung entlanggezogen. Und nun hatte sie in der langweiligen Stadt Calvins wieder ins vollkommen Irdi­ sche zurückgefunden. Mit welch ängstlichem Zittern holte sie jetzt ihre kostbaren Ohrringe aus dem Schmuckkästchen? Die Begegnung fand in einem barocken Bahnhofsrestaurant stau, wo ein Schweizer Geigenensemble durch seinen kraftvollen Ellenbogeneinsatz jedes echte Gespräch verhinderte. Gurdjieff scheint das geärgert zu haben. Nach einiger Zeit rief er den Oberkellner und gab ihm ein gro­ ßes Trinkgeld, damit er die Musik zum Schweigen bringe. Es sei ohnehin keine richtige Musik, sondern Masturbation, sagte er, und alle Musiker seien Onanisten. Der Oberkellner, der wahr­ scheinlich ein Lob für die Kapelle erwartet hatte, antwortete, er verstehe kein Wort (Bennett, Idiots).

Nach diesem absurden Tete-a-tete verschwindet Madame Stjoernval für immer aus dem Blickfeld des Biographen, während Gurdjieff - nach kurzer Rast an den kühlen Bergbächen in Chamonix - in die Hitze von Paris zurückfuhr. In der Rue des Colonels Renard, in der Salle Pleyel und seinen Lieblingsplätzen rund um die Hotels Rena, Belfast und San Remo entwickelte sich mit jeder abgelaufenen Woche eine zu­ nehmend gespannte Atmosphäre. Das ganze Tempo müsse noch beschleunigt werden, erklärte Gurdjieff, weil er in ein paar Tagen nach Tibet reisen müsse. «Tibet, Monsieur?» fragte ein perplexer Schüler. «Oder meinen Sie Dieppe?» Gurdjieff lächelte besonders verschmitzt und sagte «Beide Wege sind sehr teuer», als spiele der Zielort ansonsten weiter keine Rolle (Bennett, Idiots). Mit einem burgunderfarbenen Fez auf dem Kopf präsidierte Gurdjieff in seinem Speisezimmer vor einem oxfordblauen Vor­ hang, der durch symmetrische Haufen roter Blumen verunziert war. Sein Bauch (er nannte ihn seinen <Koffer>) war eindrucks­ voll - aber auch der von Buddha sei es, bemerkte er. Das komme davon, daß er zu viel Kutteln gegessen habe. Spielte er da Komö­ die? Das tat er oft, mal drastisch, mal subtil. Wer jedoch konnte in diesem letzten Lebensjahr sein Gesicht studieren und darin nicht die souveräne, kraftvolle Würde einer großen und unstillba­ ren Trauer erkennen? Die Aufmerksamkeit gegenüber seinen Schülern hat nie nachgelassen, aber auch nicht deren Aufmerk­ samkeit ihm gegenüber. Wenn ihm am Ende einer Mahlzeit je­ mand eine Zigarette reichte und eine der Damen sie für ihn an­ zündete, sagte er: «Seht nur, wie mein Leben jetzt voller Rosen ist, Rosen. Und ich - nur ein armer alter Lehrer des Tanzes» (Bennett, Idiots). Wie immer dem Paradoxen treu, stellte er sowohl Demut wie atemberaubenden Hochmut zur Schau. Rene Zuber preist den ersten Aspekt: «Verglichen mit dem Verhalten von jedem einzel­ nen von uns oder von meiner Familie oder von allen anderen, die mir im öffentlichen Leben bisher begegnet sind, war er ein Aus­ bund an Bescheidenheit.» Und gegenüber Edwin Wolfe räumte Gurdjieff ruhig ein: «Viele Menschen auf der Erde mehr sein als ich. Ich haben langen Weg zu gehen.»
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Wie es auch um die Bedeutung und den Grad seiner Selbstver­ wirklichung bestellt gewesen sein mag - er fuhr zweifellos fort, um eine «Neue Welt» zu ringen, die persönlich zu erleben er niemals hoffen konnte. Sein Körper war ausgelaugt. Halb im Ernst und halb selbstironisch trank er auf den Augenblick, in dem Beelzebub mit seinem langsamen, zersetzenden Einwirken auf die mechani­ sche Welt augenfälliger Absurditäten beginnen würde. Als Bennett am 24. August Gurdjieff s Ideen auf der Montessori-Konferenz in San Remo darlegte und der italienische Rundfunk seine Rede übertrug, da äußerte Gurdjieff sich entzückt: «Vielleicht Papst in Rom hat gehört. Tag wird kommen, da Beelzebub wird gelesen im Palast von Papst. Vielleicht werde ich da sein.» Daß Rom am Beelzebub Gefallen finden würde, war schon eine exzentrische Idee. Doch laut Pierre Schaeffer schwebte eine noch viel unerhörtere durch das obere Stockwerk des Hauses in der Rue des Colonels Renard: Dieses große Mahl - darf ich es sagen, ohne zu schockieren? erinnerte mich an ein anderes. Es war unmöglich, nicht an das Heilige Abendmahl zu denken. Ins Leben hineingeworfen, nah­ men wir an tragischen Liebesmahlen teil. Wir aßen vom selben Teller wie der Meister. Die Gestalt des Judas als Lieblingsjünger reichte aus, uns zu elektrisieren (Pauwels). J a ! . . . Wer würde ihn verraten und wer würde Gurdjieff s Zielen in den Jahren jenseits des Horizonts dienen? Wer konnte sich die Es­ senz seiner «Neuen Welt» vorstellen und mithelfen, sie zu verwirk­ lichen? Wer würde seinem extravaganten Evangelium dienen, das da hieß: «Alle Engländer müssen Anhänger meiner Ideen wer­ den . . . alles oder nichts?» (Bennett, Idiots) Unmittelbar nach dem Tod des Meisters würden die Ge­ schichtsschreiber beginnen, die allzu menschlichen Handlungen seiner Apostel aufzuzeichnen. Jeder würde nach dem Grad seines Verstehens etwas dazu beitragen. Selbst Jeanne de Salzmann, die die anstrengende Rolle des Petrus übernommen hatte, mußte sich irgendwie mit Gurdjieffs ketzerischer Vision von Judas Ischariot als bestem und engstem Freund Jesu und eigentlichem Retter seines

Werks anfreunden: «Wegen Judas ist Christus zweitausend Jahre lang Gott gewesen» (Bennett, Witness). Was Tibet anbelangt - Gurdjieff ist nicht dorthin zurückgekehrt (nicht einmal nach Dieppe), doch stand seine endgültig letzte Ex­ pedition zu den Höhlenmalereien von Lascaux im Zeichen der Su­ cher der Wahrheit. Der alte Mann fuhr in glühender Hitze den ganzen Weg über Nevers, Vichy, Clermont Ferrand, Mont Dors, La Bourboule, Ursel, Tülle und Brive und erreichte um neun Uhr abends am 31. August das Hotel Soleil d'Or in Montignac. Am Morgen darauf war er noch so müde, waren seine Beine so unheil­ voll geschwollen, daß Bennett ihn zum Eingang der Höhle in Vauxhall transportieren mußte. Die dunkle und bedrückende Luft war auf fast schockierende Weise kühl. Ein großer Stier, der Tau­ sende Jahre zuvor auf den Felsen gezeichnet worden war, als be­ male man Seide mit Tinte, wurde plötzlich von Fackeln beleuchtet. Wie nah - und doch wie weit entfernt war dieses Bild dem Sohn des Viehzüchters aus Alexandropol und dem Stammgast des Cafe de la Paix. Wer hatte diese Kunstwerke geschaffen? Wann? Und warum? So tief unter der Erde, bei welchem Licht und aus welchem Impuls heraus? Die Antworten in der Lascaux-Broschüre, obwohl von der Naturwissenschaft in vielen Punkten bestätigt, bedeuteten Gurdjieff gar nichts. Seine Einbildungskraft, die die gewaltige «Anti-Geschichte» von Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel geschaffen hatte, sah auf dem Felsen den schwachen, jedoch un­ verkennbaren Stempel von Atlantis . . . Anfang September hatte Gurdjieff sich entschlossen, sein ganzes Bemühen auf Frankreich zu konzentrieren und in einem geeigne­ ten Chateau ein «Weltzentrum des Beelzebub» einzurichten. Au­ ßerdem hatte er eigensinnig entschieden, am 20. Oktober an Bord der America nach New York zu fahren. Manchmal holte er beim Abendessen eine kleine, mit gelben und grünen Flecken bemalte Schlange aus Holz aus der Tasche, die sich mal in die eine, mal in die andere Richtung schlängelte. Am 22. September erhielt er tat­ sächlich sein Visum für die USA und unterzeichnete Verträge über den Ankauf des Bahnhofhotels in La Grande Paroisse. Dieses «Arme-Leute-Schloß» stand zwischen Ringelblumen und ungepflegten Rosenbüschen auf einem steilen und steinigen
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Abhang oberhalb der Eisenbahn und gab zwischen hohen Kasta­ nienbäumen die Aussicht frei auf die ruhig fließende Seine. Die rie­ sige Küche, der wilde Garten und die schlecht erhaltenen Außen­ bauten versprachen künftige physische Anstrengungen, die Gurdjieffs englischen Schülern vertraut, den französischen jedoch neu waren. Alles in La Grande Paroisse stand Gurdjieff jetzt zur Ver­ fügung; zahlreiche und ergebene Schüler erwarteten von ihm die Konkretisierung von Absichten, die er niemals verwirklichen konnte. Am 8. Oktober fand die Eröffnung stau. Trotz der immer noch kräftigen Herbstsonne und dem Zischen und Flackern der Holzscheite im Kamin saß Gurdjieff schweigend im Speisesaal des Schlosses, um die Schultern seinen dicken Mantel mit Astrachan­ Kragen geschlungen. Seine Beine, die noch am Tag davor von einem kundigen armenischen Masseur behandelt worden waren, ruhten schmerzhaft geschwollen auf einem Schemel. Auf ärztli­ chen Rat hin bestand sein Mahl aus ein paar in Milch getunkten Zwiebäcken, aus Sahne und Joghurt. . . Die Vorstellung, La Grande Paroisse sei eine zweite Prieure oder Gurdjieff könne noch eine weitere Blitzreise nach Amerika unternehmen, erforderte einen geradezu heroischen Verzicht auf Zweifel. Von nun an konnte er seinen körperlichen Verfall immer weni­ ger verbergen. Als Dorothy Caruso ihm ihren Abschiedsbesuch machte, war sie überwältigt vom Leiden ihres Lehrers. «Tut Ihnen irgend etwas weh?» Er bewegte sich kaum erkennbar in seinem Stuhl, und zum ersten Mal hörte ich von ihm so etwas wie ein Stöhnen. «Ich muß mich an Schmerzen gewöhnen», sagte er. Dann streckte er mir die Hand entgegen, und ich sagte ihm Lebewohl, ließ ihn dort allein im grellen Sonnenlicht sitzen. Der Lehrer des Tanzes konnte kaum mehr gehen. Dennoch tat er es immer wieder, um unter Aufbietung seiner letzten Kräfte eine seiner Klassen bei Proben in der Salle Pleyel zu besuchen. Vor langer Zeit hatte er den Franzosen ein Repertoire von 40 «Bewegungen» versprochen, von denen er bereits 38 geschaffen hatte. Und jetzt stellte er völlig unerwartet die «Bewegung» Nr. 39 fertig - ein Werk mobilisierter innerer Achtsamkeit. .. Sein Rin­
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gen um die Bewahrung und Übermittlung einer traditionellen Wis­ senschaft, einer subtilen und energetischen Wahrheit, die jede ver­ bale Erklärung transzendiert, war jetzt zu Ende. Am 14. Oktober erschien Gurdjieff zum letzten Mal im Saal 32, wo gerade eine Klasse die «Bewegungen» übte . . . und dort, vor den Augen seiner bestürzten Schüler, brach er zusammen. Wer kann sagen, wie der alte Mann sich in der darauffolgenden Woche ins Leben zurückkämpfte? Er tat es jedenfalls, obwohl alle Ärzte unter seinen Schülern sich einig waren, daß es unmöglich sei, «den König zu heilen». Inzwischen ruhten auf den schmalen Schultern der jungen Lise Tracol, die Tag und Nacht bei diesem einzigartigen, unberechenbaren Patienten ausharrte, die sehr un­ terschiedlichen Hoffnungen von Hunderten von Leuten. Manch­ mal gestand Gurdjieff seine außerordentliche Gebrechlichkeit ein, manchmal nicht. Er verbot Lise einmal, ihn ausgehen zu lassen, ein anderes Mal, ihn in der Wohnung zu halten. Am Freitag war Eliza­ beth Mayall überrascht, ihn in einem Obstgeschäft anzutreffen, wo er riesige Mengen Bananen «für die Engländer» kaufte. «Sein Aussehen schockierte mich. Er sah sehr krank aus, mit aschfahlem Gesicht und schwarzen Ringen unter den Augen . . . Hier habe ich ihn zum ersten Mal als einen wirklich alten Mann gesehen» (Bennett, Witness). Am Abend des 21. Oktober trafen vom Verleger die Korrektur­ fahnen des Beelzebub ein. Endlich hielt der Autor in zitternden Händen seinen modernen Mythos, seine symbolische Biographie, seinen mächtigen «Soldaten», der mit Beharrlichkeit für die neue Welt kämpft. Gurdjieff lebte nun auf eigenartige Weise zurückge­ zogen. Nur zu Jeanne de Salzmann hatte er wirklich Kontakt. Ei­ nigen Augenzeugen schien es, als habe er in diesem einzigartigen Augenblick seine sich selbst auferlegte Aufgabe auf Erden erfüllt und seine Außerdienststellung durch Höhere Kräfte akzeptiert. Am 22. Oktober verließ Gurdjieff zum letzten Mal seine Woh­ nung. Nach einigen besorgten Stunden traf Bennett ihn zufällig in seinem Stammcafe an, allein und ohne die Kraft, bis zu seinem Wa­ gen zu gehen. Sein Leben lang würde Bennett die nun folgende «Spazierfahrt» nicht vergessen - Gurdjieff lenkte das Gefährt ge­ wissermaßen transzendent; die Stiefel aus Schafsleder behinderten
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ihn bei der Bedienung der Pedale, und seine geschwollenen Beine waren zu schwach, um die Bremse zu bedienen. Es war die schrecklichste Autofahrt meines Lebens. Als wir die Avenue Carnot überquerten, fuhr ein großer Lastwagen genau auf uns zu. Gurdjieff konnte noch nicht einmal das Tempo drosseln. Wie durch ein Wunder kamen wir über die Straße, doch konnte er den Wagen nicht wenden. Er ließ ihn einfach laufen, und es gelang ihm gerade noch, seitlich an den Bordstein zu fahren. Ich mußte ihn fast zum Lift tragen (Bennett, Witness). Während der nächsten drei Tage trieb Gurdjieff es in alter Weise: Er akzeptierte Injektionen für das Herz, aber nicht gegen die Schmerzen, forderte Schafshirn zum Essen und verjagte eine jam­ mernde Krankenschwester mit dem strikten Befehl: «Keine Kran­ kenschwester über 20!»(Tilley) Am 24. Oktober verlangte Gurdjieff überraschend, man solle in seinem Schlafzimmer einen Tisch decken. Zum letzten Mal brach­ ten die «Idioten» (wie viele waren doch inzwischen durch seine Hände gegangen) Trinksprüche mit Armagnac aus; zum letzten Mal wurde in seiner Gegenwart eine seiner aufregenden «Musiks» gespielt. Auf Jeanne de Salzmann lastete jetzt ein enormer Druck. Am Dienstag telefonierte sie mit Dr. Welch in New York, bat ihn, sofort zu kommen und eine radikale Leberkur anzuordnen . . . Das Wetter war umgeschlagen. In jener Nacht, in der Gurdjieff sich schlaflos hin und her wälzte und Dr. Welch ostwärts flog, fegte ein Hagelschauer über Paris, riß Dächer ab und entwurzelte Bäume. Der vom neunstündigen Flug erschöpfte Dr. Welch wurde vom Flugplatz direkt ans Bett des Patienten gebracht: «Ich war er­ schrocken, als ich sein mühsames Atmen hörte, sein aschfahles Ge­ sicht sah und erkannte, wie abgemagert sein Körper war, abgese­ hen vom geschwollenen Bauch und den Beinen. Sein Gesicht war vom nahen Tod gezeichnet. <Bravo Amerika>, sagte Gurdjieff. <Bravo, docteur.>» Der Patient lag im Sterben, würde niemals wieder gehen... Aber halt mal!
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Während ich mit Jeanne de Salzmann und den Angehörigen sprach, blickte ich hoch und sah ihn auf mich zukommen, lang­ sam wie in einer Art Karikatur seines alten kraftvollen Schreitens. Es war so, als habe er sich selbst am Kragen gepackt und schleppe sich mit nackter Willenskraft vorwärts. Auf diesen außergewöhnlichen Anblick hin kam wieder Hoffnung auf: Laßt uns alle nur denkbaren Möglichkeiten voll ausschöpfen, allem, was die medizinische Wissenschaft zu bieten hat, eine letzte Chance geben. Nach kurzem Wortwechsel zwischen Dr. Welch und Madame de Salzmann wurde ein Krankenwagen gerufen. Gurdjieff wies Lise an, einen Koffer mit Bonbons für die Kranken­ schwestern vollzupacken und einen Teelöffel mitzunehmen (falls das Hospital keinen haben sollte). Er verließ das Haus in der Rue des Colonels Renard in einem bunten Pyjama, wobei er entgegen der Anweisung des Arztes eine Gauloise Bleu rauchte. Er saß aufrecht auf der Bahre und wurde wie ein königlicher Prinz weggetragen! Die ganze Familie drängte sich in der Haus­ tür, und als sie ihn über den Bürgersteig trugen, machte er eine kleine Geste, als winke er mit der Hand, und sagte: «Au revoir, tout le monde» (Bennett, Idiots). Spätabends am Mittwoch, den 26. Oktober, kam Gurdjieff im American Hospital in Neuilly an und bezog ein Zimmer im ersten Stock, das er lebend nicht mehr verlassen sollte. Die Behandlung war erfolgreich, aber der Patient starb - und niemand war dafür verantwortlich zu machen. (Die ungläubigen Pathologen im Krankenhaus fanden später heraus, daß jedes in­ nere Organ von Gurdjieffs Körper bis zur Minimalfunktion ver­ braucht war.) Er wurde mit Wassersucht eingeliefert. Die zwölf Li­ ter Flüssigkeit, die seinen Bauch aufblähten, schwappten gegen sein Bauchfell und behinderten seine Atmung. Und da man wegen des hohen Blutdrucks kein Albumin geben konnte, blieb als einzi­ ges Mittel übrig, ihm Wasser abzuzapfen. Am frühen Morgen des 27. Oktober nahm Dr. Welch die Punktierung vor, während sein Patient - höchstwahrscheinlich seinen Fez auf dem Kopf und mit
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einem kostbaren Kamelhaarmantel bekleidet- mit einer Tasse hei­ ßen schwarzen Kaffees und einer hölzernen Zigarettenspitze jon­ glierte. Selbst in dieser surrealistischen Notsituation schien Gurdjieff völlig Herr der Lage: «Nur wenn Sie nicht müde sind, Doktor», sagte er mit nachsichtiger Ironie zu Welch. Als sich dann jedoch der Donnerstag hinzog, dämmerte der alte Mann nach einer Vielfalt unangenehmer Tests und der Einnahme verschiedener Schmerzlinderungsmittel vor sich hin. Um die Mit­ tagszeit konnte er kaum noch seine Familie erkennen. Am Nach­ mittag gab er Jeanne de Salzmann seine letzten Anweisungen langsam und unter Schmerzen: Das Wesentliche und Vordringliche, was jetzt zu tun ist: eine Kernmannschaft auszubilden, die imstande ist, auf die Anforde­ rungen zu reagieren, die sich ergeben werden . . . Solange es kei­ nen verantwortlichen Kern gibt, wird die Verwirklichung der Ideen eine gewisse Schwelle nicht überschreiten. Das wird Zeit erfordern . . . sogar sehr viel Zeit. Das waren seine letzten festgehaltenen Worte. Am Freitagmorgen begann es zu schneien. Gurdjieff konnte nicht mehr sprechen, reichte aber unter großer Anstrengung Jeanne de Salzmann eine Hand. Er verfiel in einen Dämmerzu­ stand und wurde in jener grausamen, irritierenden Welt sehr unru­ hig. Angesichts des unmittelbar bevorstehenden Todes telefonierte Madame de Salzmann an jenem Abend mit den de Hartmanns. Obwohl Gurdjieff sie vor zwanzig Jahren aus seinem Umkreis ver­ bannt hatte, schienen sie für den Schlußakkord seines Lebens un­ verzichtbar. Thomas de Hartmann war jetzt dreiundsechzig Jahre alt und lag mit Herzrhythmusstörungen zu Bett. Er stand sofort vom Krankenlager auf. Schon nach wenigen Minuten lenkte Olga ihren alten Packard schlitternd durch den Schnee von Garches nach Neuilly. Zu spät. Georg Iwanowitsch Gurdjieff starb im American Hospital von Neuilly am Samstagmorgen, den 29. Oktober 1949, gegen 10 Uhr 30. Obwohl sein Tod seit langem vorhersehbar gewesen war, wirkte
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er auf seine Schüler wie eine Katastrophe, wie eine monströse Um­ kehrung der Natur. Eine Totenmaske wurde abgenommen, eine eilige Leichenschau durchgeführt. In der von Kerzen erleuchteten Kapelle des Hospitals lag der einbalsamierte Leichnam vier Tage lang aufgebahrt. In der Nacht zum Sonntag kam die Tanzklasse direkt von der Salle Pleyel, um neben dem Lehrer des Tanzes nie­ derzuknien. Tag und Nacht wurde Wache gehalten und an jedem Nachmittag um 3 Uhr 30 sang ein schwarzbärtiger Priester die Messe. Am Donnerstag, den 3. November, dem Tag der Beerdigung, wurde ein Requiem in der Kathedrale gesungen. «Die Aufmerk­ samkeit war derart groß, als erhebe sich ein Meer von Flammen über dem Sarg» (Zuber). Ob es so ganz angemessen war, den Apo­ logeten von Beelzebub und Judas Ischariot im würzigen Weih­ rauch zur Liturgie der Russisch-Orthodoxen Kirche beerdigen zu lassen? Wer immer und was immer Georg Iwanowitsch Gurdjieff gewesen sein mag, er rang sicherlich um Erweckung. War er im Fegefeuer? (Hatte er doch das Konzept einer außergewöhnlichen, ja sublimen neuen Entwicklung geschaffen.) Oder war er im Para­ dies? Dann sicherlich nicht für lange Zeit: «Paradies nur gut für zwei oder drei Tage. Stellen Sie sich vor, wie das sein würde, wenn noch nächstesjahr, das Jahr danach oder hundert Jahre. Man darf nicht zufrieden sein mit Paradies - muß finden Weg zur Soleil Absolu» (Bennett, Witness). Von links nach rechts bewegte sich die von tiefen Empfindungen aufgewühlte lange Reihe der Schüler zum Fußende des Sarges, vorbei, um die kleine Ikone des Heiligen Georg zu küssen - Gurdjieffs sehr kostspieliger Heiliger, dessen Hilfe man sich nur gegen die Münze absichtlichen Leidens versichern konnte. Idioten! Alle Idioten! Jedoch Idioten eines Mythos, dem nichts in unserem Jahr­ hundert vergleichbar ist. Idioten, die dank Gurdjieff ein Gespür ihrer persönlichen Idiotenschaft in sich aufgenommen hatten. In seinem persönlichen Kummer dachte wohl jeder Trauernde ähn­ lich wie Pierre Schaeffer: Man wird dich in eine Krähe verwandeln, in ein altes Fossil, einen gewöhnlichen Idioten oder vielleicht sogar in einen Philo­
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sophen ... Nie wieder werde ich einen unablässigeren Sucher Gottes kennenlernen, noch einen ehrgeiziger für seine Seele kämpfenden Heiden. Wer hat es gewagt, deine Art von Leben zu führen, und wer wird es erfüllen? Am Ende hast du mir ehrliche Tränen entlockt (Pauwels). Herr Gurdjieff machte seine letzte (und unfallfreie) Autofahrt hoch auf einem eindrucksvollen Leichenwagen. Langsam passierte der Trauerzug die Rue des Colonels Renard und fand dann den Weg durch die Vorstädte hinaus zur Prieure. Er wurde im Fami­ liengrab von Avon zwischen seiner Frau und seiner Mutter beige­ setzt. Die dichtgedrängte Menschenmenge verhielt sich schwei­ gend, während der Leichenbestatter weinte. Als die Sonne unterging und der Frost sich verschärfte, ließ man ihn dort allein zurück.10 In jener Nacht versammelte Jeanne de Salzmann fünfzig ältere Schüler in der Wohnung. Sie sagte: «Wenn ein Lehrer wie Georg Iwanowitsch Gurdjieff geht, kann er nicht ersetzt werden ...»

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Zeittafel

1866 Januar (?): G. -wird im kappadozisch-griechischen Viertel der Stadt Alexandropol (Leninakan) auf der russischen Seite der russisch-türkischen Grenze geboren. 1870-72 Geburt seines einzigen Bruders Dimitri Iwanowitseh (? 1870) und der ältesten Schwester (? 18 71). 1873 Sommer: G.s Vater, loannas Giorgiades, durch die Vernichtung seiner großen Viehherde infolge einer Rinderpest verarmt, er­ öffnet einen Holzhandel.

1874-76 Zwei weitere Schwestern werden geboren. 1877 Giorgiades scheitert mit seinem Holzhandel und eröffnet einen kleinen Laden für Tischlerarbeiten. G. beginnt frühzeitig, zum Familieneinkommen beizutragen. Am 24. April erklärt Rußland der Türkei den Krieg und erobert die befestigte türkische Grenz­ stadt Kars am 18. November. Giorgiades zieht mit seiner Familie nach Kars und eröffnet dort im griechischen Stadtviertel einen Laden für Holzarbeiten. Der Dekan der russischen Militärkirche, Vater Börsen, kümmert sich um G.s Ausbildung. G.s älteste (und Lieblings-)Schwester stirbt. G. entgeht bei einem Schießunfall auf dem See Alageuz um Haaresbreite dem Tode. Fasziniert wird er Zeuge gewisser «paranormaler Phänomene>

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In einem sogenannten Mutprobe-Duell mit Pjotr Karpenko auf einem Artillerieschießplatz entgeht G. nochmals knapp dem Tode. G. geht nach Tiflis und arbeitet als Heizer bei der Transkaukasischen Eisenbahngesellschaft. Er unterbricht diese Arbeit, um zu Fuß nach Etschmiadsin zu pilgern und dort drei Monate lang bei Vater Jewlampios im Kloster Sanaine zu studieren. Es ent­ wickelt sich eine enge Freundschaft mit Sarkis Pogossian und Abram Jelow. Sommer: G. besucht Konstantinopel (wo er Ekim Bey begeg­ net), um dort die Mewlewi- und Bektaschi-Derwische zu studie­ ren. Über die Zwischenstationen Hadschi Bektasch, Konya und Aksehir kehrt er zurück nach Alexandropol, wo seine Eltern wieder leben. G. und Pogossian graben auf gut Glück in der Ruinenstadt Ani und finden dabei Hinweise auf die «Sannung-Bruderschaft», eine angeblich um 2500 v. Chr. in Babylon gegründete Weis­ heitsschule. Als Kurier der armenischen protektionistischen Gesellschaft macht G. sich in Begleitung von Pogossian auf den Weg nach Kurdistan - fest entschlossen, Sarmung zu finden. Unterwegs entdeckt er jedoch zufällig nahe dem Ort Zacho eine Landkarte aus der Zeit, bevor Ägypten «von der Wüste in Besitz genom­ men» wurde. Das veranlaßt ihn, einen Umweg über Alexandria zu machen, wo Pogossian ihn verläßt. In Kairo knüpft er enge Bande zu zwei älteren «Suchern»: Fürst Juri Lubowedski und Professor Skridlow.

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1888-89 G. besucht Theben zusammen mit Lubowedski, Abessinien und den Sudan mit Skridlow, Mekka und Medina in Verkleidung und allein. Er und Skridlow besichtigen die Überreste von Baby­ lon bei Nippur im Irak. Nach Konstantinopel zurückgekehrt, begegnet er der Wiwitskaja und begleitet sie nach Rußland. 1890-93 Als politischer Beauftragter (wahrscheinlich der neu gegründe­ ten Armenischen Sozialrevolutionären Partei) besucht G. die Schweiz und laß sich anschließend in Rom nieder.

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1894-95 Nachdem G. erneut Alexandropol zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht hat, wird er einer der Gründer (189$) der «Sucher der Wahrheit», einer heterogenen jugendlichen Gruppe, die nach überlieferten esoterischen Erkenntnissen sucht. 1896 G. begibt sich nach Kreta auf der Suche nach Spuren der antiken «Imastun-Bruderschaft», jedoch auch als Agent der Ethnike Hetairia, einer Hellenistischen Spartakistischen Vereinigung. Im Februar rebelliert die griechische Bevölkerung gegen die Tür­ ken. Bei einem Aufenthalt in der Region Sfakia wird G. ange­ schossen und bewußtlos nach Jerusalem evakuiert. Er erholt sich wieder von seiner Verwundung in Alexandropol. Zusammen mit den «Suchern der Wahrheit» macht G. sich am i. Januar von Natschitschewan aus auf den Weg durch Turkestan nach Täbris und Bagdad (Expedition i). Um in Zentral­ asien mehr Bewegungsfreiheit zu haben, wird G. Spion des Za­ ren. Mit den «Suchern» reist G. von Orenburg über Swerdlowsk nach Sibirien (Expedition 2). In Neu-Buchara freundet G. sich zu Ostern mit dem zwielichti­ gen Solowjew an, der mit ihm zusammen, von Mittelsmännern geführt, mit verbundenen Augen auf einem zwölftägigen Pony­ treck von Buchara zum Hauptkloster Sarmung reist. Dieses Kloster ist angeblich die Quelle von G. s tiefsten Erkenntnissen— dem Symbolismus und den Heiligen Tänzen. Nach einer Zeit intensiver Studien dort erforscht G. die Wüste Gobi gemeinsam mit Skridlow und den «Suchern der Wahrheit» (Expedition 3). Nach Solowjews Unfalltod kehrt G. zur Oase Kerija zurück. G. bleibt in Merw. Als Derwische verkleidet reisen er und Skrid­ low den Fluß Amu-Darja (Oxus) aufwärts ins Gebiet von Karfiristan. G. kehrt nach Baku zurück und studiert persische Magie. In Aschchabad verdienen er und die Wiwitskaja (die einzige Frau unter den «Suchern») viel Geld mit seinem «Universalen Fahrenden Workshop». Am 2. Januar machen G. und die «Sucher» sich von Tschardschu aus auf den Weg über das Pamirgebirge nach Indien (Expedition 4). Danach löst sich die Gruppe auf und jeder geht seiner Wege.

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Am 23. Juli wird G. in Livadia dem Zaren vorgestellt. Verkleidet als transkaspischer Buddhist, dringt er ins Obere Tibet ein und studiert bei den «Rotmützen-Lamas». Während eines Scharmützels zwischen Gebirgsstämmen wird G. erneut angeschossen. Er erholt sich von seiner Verwundung in der Oase Yangi Hissar am Rande der Taklamakan-Wüste. G. kehrt nach Tibet zurück. Der britische Oberst Francis Younghusband fällt mit seiner Truppe am f. Juli von Indien aus in Ti­ bet ein. Am 31. März massakrieren die Briten die Tibeter bei Guru. Am 3. August marschiert Younghusband in Lhasa ein. Die Wasser­ sucht zwingt G., Tibet zu verlassen und zu seinen Eltern nach Alexandropol zurückzukehren. Kaum von dieser Krankheit ge­ nesen, macht G. sich im Winter wieder auf den Weg nach Zen­ tralasien. Während eines Scharmützels zwischen Kosaken und Gurianem wird er erneut angeschossen. Unter Schwierigkeiten gelangt er über Aschchabad nach Yangi Hissar, wo er gesundet.

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190^-07 Nach zwei Jahren in einer nicht näher bezeichneten zentralasia­ tischen Sufi-Gemeinschaft läßt G. sich in Taschkent nieder, der usbekischen Hauptstadt von Russisch-Turkestan. Er stattet Sa­ mara einen kurzen Besuch ab, wo er der Wiwitskaja auf ihrem Totenbett Trost spendet. 1908-10 G. läßt sich in Taschkent als «Professor und Lehrer» für überna­ türliche Wissenschaften nieder. Er bringt es zu beträchtlichem Reichtum durch den Handel mit Öl, Fischen, Vieh, Teppichen, Cloisonne u. a. m. 1911 G. faßt die einzelnen Teile seines Wissens zu einem zusammen­ hängenden System zusammen, wobei er sich eines speziellen und gelegentlich pseudo-wissenschaftlichen Vokabulars be­ dient. Etwa Neujahr: G. trifft in Moskau ein und sammelt dort seine ersten Gefährten um sich (seinen Vetter Sergej Merkurow, Wla­ dimir Pohl und Ratschmiljewitsch). ln St. Petersburg heiratet er Julia Ostrowska.

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Jahresmitte: G. liest das Tertium Organum und notiert sich des­ sen Autor P. D. Ouspensky als potentiellen Schüler. 1913 Unter dem angenommenen Namen «Fürst Osaj» pflegt G. in St. Petersburg enge Beziehungen zu Lew Lwowitsch. Winter: ln St. Petersburg hat G. seinen ersten englischen Schü­ ler - den Musikstudenten Paul Dukes. Frühjahr: Nachdem er die Maske «Fürst Osaj» abgelegt hat, in­ teressiert sich der finnische Arzt Dr. Leonid Stjoernval für ihn. 1. August: Deutschland erklärt Rußland den Krieg. (St. Peters­ burg wird am 1. September in Petrograd umbenannt.) 13. November: ln der Zeitung Golos Moskwi kündigt G. sein Ballet «Der Kampf der Magier» an und zieht damit Ouspenskys Aufmerksamkeit auf sich. April: G. nimmt in Moskau Ouspensky als Schüler an. Eine Wo­ che danach kehrt Ouspensky nach Petrograd zurück. Herbst: G. besucht ab und zu Petrograd, wo er Vorlesungen hält und Ouspensky und dessen Gefährten trifft. Februar - August: Eine Periode konzentrierter Aktivitäten. G. wirkt in zunehmendem Maße in Petrograd. Dort vermittelt er praktisch sein ganzes ldeen-«System» einer Gruppe, die von ur­ sprünglich sechs (darunter Stjoernval, Ouspensky und Andrej Sacharoff) auf dreißig Mitglieder anwächst. Etwa September: ln Petrograd nimmt G. den Komponisten Thomas de Hartmann als Schüler an (und im Februar 1917 des­ sen Ehefrau Olga). 23. Februar: Sich von seinen Schülern trennend, verläßt ein «ge­ wandelter» G. Petrograd und macht sich mit Julia Ostrowska über Moskau auf den Weg nach Alexandropol. 16. März: Revolution. Zar Nikolaus II. muß abdanken; Ke­ renski bildet Regierung. März — Juni: G. lebt zurückgezogen bei seiner Familie in Alexandropol. Anfang Juli: G. will nach Petrograd zurück, läßt sich dann je­ doch nach einigem Überlegen in Essentuki im Kaukasus nieder. Juli/August: Mit dreizehn aus Moskau und Petrograd herbeige­ rufenen Schülern (darunter Ouspensky und Sacharoff) führt G.

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in Essentuki sechs Wochen lang intensive psychosomatische Ex­ perimente durch. Ende August: Das Ehepaar de Hartmann kommt nach Essen­ tuki. Ouspenskys Vertrauen in G. beginnt zu schwinden. G. zieht nach Tuapse an der Schwarzmeerküste um. August/September: G. und seine durch Dr. Stjoernval und des­ sen Frau verstärkte Kernmannschaft versuchen sich aus dem Bürgerkrieg herauszuhalten. 7. November: Die Oktoberrevolution bringt Lenin an die Macht. Frühjahr: G. kehrt im Januar nach Essentuki zurück. Wegen Be­ drohung Alexandropols durch die Türken fordert er seine Fa­ milie auf, zu ihm zu kommen. Außer seinem Vater und der nun ältesten Schwester kommen alle. Am 12. Februar sammelt er seine Schüler um sich und beginnt mit intensiver Arbeit. Im März trennt Ouspensky sich von G. Mitte Juli: G.s älteste Schwester und ihre Familie stoßen als Flüchtlinge zu ihm. Seinen Vater haben die Türken am 15. Mai in Alexandropol erschossen. 6. August: Als Naturwissenschaftler auftretend, verläßt G. mit vierzehn Gefolgsleuten (aber ohne seine Familie und Ouspensky) Essentuki. Sie fahren mit der Bahn nach Maikop, wo sie drei Wochen lang durch die Feindseligkeiten aufgehalten werden. August/September: G. führt seine Leute zu Fuß über die Berg­ ketten des nördlichen Kaukasus zum Schwarzmeerhafen Sot­ schi. Don verlassen ihn viele Schüler, darunter Sacharoff. Mitte Januar: Mit der noch verbliebenen Kernmannschaft (Julia Ostrowska, das Ehepaar Stjoernval und das Ehepaar de Hart­ mann) reist G. von Sotschi aus nach Poti. Sie fahren mit dem Zug in die georgische Hauptstadt Tiflis, wo sie sich niederlas­ sen. Frühjahr: G. begegnet dem Künstler Alexandre Salzmann und dessen Ehefrau Jeanne und akzeptiert beide als Schüler (Ostern). Sommer: In enger Zusammenarbeit mit Jeanne Salzmann veran­ staltet G. die erste öffentliche Aufführung seiner Heiligen Tänze («Bewegungen») im Opernhaus von Tiflis (22. Juni). Die Sommerpause verbringt er in Borjom (Juli/August).

Herbst: Nach Tiflis zurückgekehrt, gründet G. Mitte Septem­ ber sein «Institut für die harmonische Entwicklung des Men­ schen». Gründungsmitglieder: Dr. Leonid Stjoernval, Thomas und Olga de Hartmann, Alexandre und Jeanne Salzmann sowie Julia Ostrowska. Winter: Nachdem er Elisabeta Galumnian und Olga Hinzen­ berg («Olgiwanna») als Schülerinnen angenommen hat, beginnt G. mit intensiver Arbeit am «Kampf der Magier». 1920 Frühjahr: Deutliche Verschlechterung der politischen Lage in Ge­ orgien. Das Institut erweist sich als nicht lebensfähig. G. akzep­ tiert Major Frank Pinder als Schüler (März). Ende Juni: G. führt eine Gruppe von dreißig Schülern zu Fuß von Tiflis zum Schwarzmeerhafen Batumi, wo er sich mit den de Hartmanns nach Konstantinopel einschifft. Juli: G. läßt sich am 7. Juli in Konstantinopel nieder und mietet eine Wohnung in Pera. Ouspensky, der schon seit Februar in Konstantinopel weilt, vertraut G. seine eigene Gruppe von Schülern an. Juni - August: G. arbeitet mit Ouspensky und Thomas de Hart­ mann am Szenario und der Musik zu «Der Kampf der Magier». Sie studieren die Zeremonien der Mewlewi-Derwische. Oktober: G. erweckt sein Institut zu neuem Leben. Er hält öf­ fentliche Vorlesungen und veranstaltet halböffentliche Proben seiner Heiligen Tänze. (Ouspensky trennt sich von ihm und zieht sich nach Prinkipo zurück.) Mitte November: G. erfährt, daß seine Schwester Anna Anastasieff mit all ihren Kindern (außer dem Sohn Walentin) in Baytar von den Türken umgebracht wurde. Dezember: Durch Vermittlung von Alexandre Salzmann erhält G. aus Genf eine schriftliche Einladung von Emile JacquesDalcroze, sich in Hellerau bei Dresden niederzulassen. G. ak­ zeptiert und beantragt die erforderlichen Visa. G. erneuert den Kontakt zu Fürst Mehmet Sabaheddin, einem Neffen des Sultans, und trifft kurz mit Capt. J. G. Bennett zu­ sammen. Mine Mai: Als das öffentliche Interesse nachläßt, schließt G. sein Institut und zieht sich auf die Insel Prinkipo zurück. August: Nach Erhalt der Visa reist G. mit seiner Kernmann­ schaft per Bahn nach Berlin, wo sie am 22. August eintreffen.

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(Etwa um diese Zeit reist Ouspensky von Konstantinopel nach London. Seine Frau Sophia zieht es vor, bei G. zu bleiben.) September: G. läßt sich im Vorort Schmargendorf nieder und macht Olga de Hartmann zu seiner Privatsekretärin. 24. November: In Berlin hält G. seine Antrittsvorlesung in Eu­ ropa. Winter: G. besucht in Begleitung des Ehepaars Salzmann das Dalcroze-Institut in Hellerau und versucht über Harald Dohm, es zu erwerben. 1922 13. Februar: Erster Kurzbesuch in London. G. erwirbt sich die Zuneigung vieler prominenter Schüler Ouspenskys, vor allem des Verlegers A. R. Orage. 15. März: Bei G.s zweitem und letztem Besuch in London kommt es zu einem Zusammenstoß mit Ouspensky. Juni: G. verliert den Prozeß um den Erwerb von Hellerau und muß England verlassen. 14. Juli: G. bringt seine Schüler von Deutschland nach Paris, mietet Räume im Dalcroze-Institut und beauftragt Olga de Hartmann, ein großes Grundstück zu suchen. 1. Oktober: Mit großzügiger finanzieller Hilfe aus England er­ wirbt G. seinen bekanntesten Wohnsitz: die Prieure (Abtei) des Basses Loges in Fontainebleau-Avon. Oktober: G. ist gleichzeitig mit der Verwaltung der Abtei sowie mit Geschäften in Paris beschäftigt. Am 17. Oktober nimmt er die todkranke neuseeländische Schriftstellerin Katherine Mansfield als Dauergast in der Prieure auf. November: G. beginnt intensiv an den Heiligen Tänzen zu ar­ beiten. Ende November beginnt er mit dem Bau des Study House auf dem Gelände der Prieure. Januar: G. kommt in Verruf, als Katherine Mansfield in seiner Obhut stirbt und am selben Tage beerdigt wird, an dem die Er­ öffnung des Study House stattfindet. Mai: G. bringt sich das Autofahren bei. In seiner neuen Pariser Wohnung empfängt er Ezra Pound. Sommer: G. s der Öffentlichkeit zugängliche Abende mit Dar­ bietungen seiner Musik, der Heiligen Tänze usw. werden regel­ mäßig von lokalen Würdenträgem und Persönlichkeiten des kulturellen Lebens besucht, beispielsweise von Diaghilew, Sin­ clair Lewis und Algernon Blackwood.

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Dezember: Trotz Erschöpfung produziert G. die erste größere Aufführung der Heiligen Tänze in Europa. Die Premiere am 16. Dezember findet gemischte Aufnahme. G. läßt seine Mutter und seine Schwester aus Rußland herausholen und bringt sie auf dem Gelände der Prieure unter. 1924 Frühjahr: Mit etwa fünfunddreißig als Tänzer ausgebildeten Schülern schifft G. sich am 4. Januar nach Amerika ein. Öffent­ liche Aufführungen in New York (Januar/Februar) sowie Philadephia, Boston und Chicago (März) wecken das Interesse be­ deutender neuer Schüler (vor allem Margaret Andersen, Muriel Draper, Jane Heap, Gorham Munson, C. S. Nott und Jean Toomer). Am 8. April gründet G. .die New Yorker Filiale seines Instituts. Sommer: Im Juni kehrt G. nach Frankreich zurück. Als er mit seinem Wagen von Paris nach Fontainebleau fährt, hat er einen Unfall, der beinahe tödlich ausgegangen wäre (S.Juli). Von Ehefrau und Mutter gepflegt, erholt er sich langsam - entgegen allen ärztlichen Erwartungen. Immer noch auf dem Wege der Genesung, löst G. das Institut am 26. August formell auf. Herbst/Winter: G. beschließt, seine Ideen künftig schriftlich zu verbreiten, und beginnt am 16. Dezember sein magnum Opus: Beelzebub. Sommer: Ende Juni stirbt G.s Mutter in der Abtei an einem chronischen Leberleiden. G. konzentriert sich unter Anleitung von Thomas de Hartmann aufs Komponieren. Winter: G.s Ehefrau Julia Ostrowska leidet an Krebs. Weder die orthodoxe Strahlentherapie noch G.s unorthodoxe Behandlung führt zu zufriedenstellenden Ergebnissen. Februar -Juni: Julia Ostrowska stirbt am 26. Juni. Ouspensky erscheint zum Begräbnis. Juli: Aleister Crowley stattet der Abtei einen kurzen Besuch ab. Frühjahr: Geldmangel zwingt G., seine Wohnung am Boulevard Pereire aufzugeben (16. April). Die musikalische Zusammenar­ beit mit Thomas de Hartmann erreicht ihren Höhepunkt. Sommer: Viele amerikanische Schüler und Neugierige besuchen die Prieure. G. begegnet seiner späteren Sekretärin Solita Solano.

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Mitte Januar In Begleitung seiner jungen Braut Jessie stattet A. R. Orage der Prieure einen kurzen, stürmisch verlaufenden und endgültig letzten Besuch ab. Frühsommer: G. beauftragt Jane Heap, auf dem Montmartre eine «Künstlergruppe» zu gründen. Spätsommer: Alexandre Salzmann verteidigt G. gegen Angriffe des französischen Okkultisten Rene Guenon. Herbst: G. hat den Beelzebub beendet und beginnt mit der Ar­ beit an seinem zweiten Buch, Begegnungen mit bemerkenswer­ ten Menschen. Januar: Nur vom Ehepaar de Hartmann begleitet, schifft G. sich zu seinem zweiten Amerikabesuch ein. Frühsommer: Das Ehepaar de Hartmann verläßt auf Drängen G.s die Prieure. Er hilft ihnen, sich in Courbevoie niederzulas­ sen. G. ernennt Louise Goepfert zu seiner Sekretärin (Juni). Frühjahr: G. verbrennt alle persönlichen Dokumente und trennt sich endgültig von Olga de Hartmann. Dann tritt er im Februar seine dritte Amerikareise an. Als er im April wieder nach Frank­ reich zurückkehrt, läßt er einen desillusionierten Orage zurück. Spätherbst: Alexandre Salzmann stellt in Paris die Verbindung zu Rene Daumal her, der G.s erster französischer Schüler wird. Winter: Bei einem vierten Amerikabesuch bricht G. mit Orage. Am 29. Dezember reist G. nach Chicago. Januar: Wieder zurück in New York, begegnet G. mehreren führenden Intellektuellen, darunter dem Behavioristen John Watson. 13. März: Endgültiger Abschied von Orage. G. kehrt nach Frankreich zurück und läßt die amerikanische Gruppe in völli­ ger Verwirrung zurück. Frühjahr: G. empfängt in der Abtei Thornton Wilder. Sommer: G. verweigert Ouspensky den Zutritt zur Prieure, woraufhin es zum endgültigen Bruch zwischen beiden kommt. Madame Ouspensky verläßt Asnieres und zieht für dauernd nach England. Winter: Im November reist G. zu einem kurzen fünften Besuch in die USA, wo er sich auf Jean Toomers Gruppe in Chicago konzentriert.

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16. Januar G. schifft sich nach Cherbourg ein. In Paris besucht ihn die amerikanische lesbische Schriftstellerin Kathryn Hulme, die der Gruppe um Jane Heap angehört. 11. Mai: G. überwacht die erzwungene Schließung der Prieure und das Auseinandergehen ihrer letzten Bewohner. Er nimmt sich ein Zimmer im Grand Hotel neben dem Cafe de la Paix. 13. September: G. schreibt die umstrittene autobiographische Broschüre Herald of Coming Good. Winter: Bei einem katastrophalen sechsten Besuch in Amerika erweckt G. den Eindruck, für Geld alles zu tun. Er entfremdet sich Jean Toomer und dessen Chicagoer Gruppe. Mai (?): Nach Aufkündigung der Hypotheken geht die Prieure endgültig verloren. Herbst: G. zum siebtenmal in Amerika. Von seinem Apparte­ ment im Henry Hudson Hotel aus erneuert er Kontakte mit den Schülern von Orage. Frühjahr: Am 3. März stirbt Alexandre Gustav Salzmann. Sommer: G. stattet Olgiwanna in Taliesin, Wisconsin, einen Be­ such ab (Juni/Juli) und beeindruckt dabei tief ihren Ehemann Frank Lloyd Wright. In New York gibt G. dem Schriftsteller Rom Landau zwei unglückselige Interviews. Herbst/Winter: G. distanziert sich von Herold of Coming Good und zieht alle Kopien ein. Die Nachricht vom Ableben A. R. Orages (5. November) berührt ihn zutiefst. April/Mai: In Erwartung einer großzügigen finanziellen Hilfe durch Senator Bronson Cutting reist er nach Washington. Doch Cutting kommt bei einem Flugzeugabsturz am 6. Mai ums Le­ ben. G. ist zutiefst deprimiert und stellt einen erfolglosen Antrag auf Rückkehr nach Rußland. Nach dieser doppelten Enttäu­ schung verschwindet er von der Bildfläche. Juni - August: G. unternimmt vermutete, aber nicht genauer be­ legte Reisen nach Deutschland, Leningrad und Zentralasien. Oktober: G. taucht wieder in Paris auf. Jane Heap zieht von Pa­ ris nach London. Drei ihrer amerikanischen Schülerinnen schließen sich sofort G. an, der im Hotel Napoleon Bonaparte seine erste Pariser Gruppe zusammenstellt. Frühjahr: Anfang Januar stellt G. <Die Seilschaft> zusammen,

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eine exklusive lesbische Gruppe, die sich in seiner Wohnung in der Rue Labie trifft. (Ursprünglich umfaßte sie Elizabeth Gordon, Solita Solano, Kathryn Hulme und «Wendy»). Juni: Georgette Leblanc, Margaret Andersen und Monique ar­ beiten mit G. Ende Juni: G. nimmt ersten Kontakt mit Rene Daumal und Jeanne de Salzmanns Gruppe in Sevres auf. August: G. bezieht ein kleines Pariser Appartement in der Rue des Colonels Renard. Winter: Im Oktober kehrt die lesbische Gruppe nach Paris zu­ rück. Georgette Leblanc ist ernstlich erkrankt, doch G. kann ihr Leiden lindem. 1937 August: G.s Bruder Dimitri stirbt an Krebs, trotz aller Bemü­ hungen G.s, ihm zu helfen. Herbst: «Die Seilschaft» löst sich endgültig auf. Kathryn Hulme und Wendy gehen nach Amerika, Anderson und Leblanc lassen sich in der Normandie nieder. Solita Solano wird G.s Sekretä-

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Im April stirbt Dr. Leonid Stjoernval in der Nähe von Reims. Jeanne de Salzmann nimmt den Schriftsteller Luc Dietrich in ihren Schülerkreis auf, dem u. a. Rene und Vera Daumal, Phil­ ippe Lavastine, Henri und Henriette Tracol angehören. G. macht de Salzmann zu seiner Stellvertreterin. In Begleitung von Solita Solano reist G. im März zu seinem vor­ letzten kurzen Besuch nach Amerika. Die internationale Lage verschlechtert sich zusehends. G. widersteht dem Drängen seiner amerikanischen Schüler, sich in New Jersey niederzulassen, und kehrt am 19. Mai nach Frankreich zurück. Herbst: Am i. September Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. G. bleibt während des ganzen Krieges in Paris. Frühjahr: Die Gruppe von Jeanne de Salzmann gewinnt an Um­ fang und Einfluß. G. festigt seinen Kontakt zu Philippe Lavastine und Rene Daumal. Juni: Der Widerstand der Alliierten bricht zusammen. G.s An­ hänger versuchen, ihm eine Unterkunft auf dem Lande zu ver­ schaffen. Er kehrt jedoch am 14. Juni in seine Wohnung zurück, gerade in dem Augenblick, in dem die Deutschen Paris besetzen.

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Am 20. Oktober erliegt Georgette Leblanc ihrem Krebsleiden. 29. Mai: G. rät seinen jüdischen Schülern, in den Untergrund zu gehen. Sie werden von christlichen Gruppenangehörigen ver­ steckt. Weiterer Zustrom französischer Schüler. G. lehn in der Salle Pleyel seine «Bewegungen». Herbst: G. wird wegen Devisenvergehen verhaftet, jedoch frei­ gesprochen. Nach Kriegsende empfängt G. erste Besuche amerikanischer Schüler (Kathryn Hulme und Fritz Peters). Er zieht (ungerecht­ fertigte) Kritik wegen des Todes von Irene-Carole Reweliotty (i i. August) auf sich. Lise Tracol übernimmt die Führung seines Haushalts. Das Magazin l'Illustration prangert am i9.Januar G.s Bezie­ hung zu Katherine Mansfield an. Erster Zustrom Londoner Schüler aus der Gruppe von Jane Heap nach Paris. Ouspensky kehrt im Januar von Amerika nach England zurück. G. lädt ihn nach Paris ein, doch Ouspensky lehnt ab. Als Ouspensky am 2. Oktober stirbt, macht die immer noch in Mendham lebende Madame Ouspensky das Angebot, G. solle die englischen Schüler ihres Mannes übernehmen. Sommer: Im Juni lädt G. Ouspenskys Schüler zu sich ein. Nach fünfundzwanzig Jahren reintegriert er J.G. Bennett in seine Ar­ beit und heilt dessen Ehefrau Winifred. G. erholt sich erstaun­ lich schnell von schweren Verletzungen bei einem Autounfall (8. August). Winter: G. reist nach New York (wo er am 17. Dez. eintrifft), um die Veröffentlichung seines Beelzebub voranzutreiben. Frühjahr: Bei der Ankündigung der bevorstehenden Veröffent­ lichung des Beelzebub bestimmt G. drei Nachlaßverwalter: J. G. Bennett, Lord Pentland und Rene Zuber. Im Februar reist er mit großem Gefolge, darunter Mrs. Lloyd Wright, nach Frankreich zurück.

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Herbst: Der beträchtliche Streß zehrt an G.s Gesundheit. Am 11. Oktober choreographiert er seine letzte «Bewegung» (Nr. 39); am 14. bricht er bei einer Probe zusammen; am 21. erhält er die Fahnenabzüge seines Beelzebub; am 26. bringt ihn eine Ambulanz ins American Hospital in Neuilly, wo Dr. Welch eine Bauchpunktion vornimmt; am 27. erteilt G. Jeanne de Salz­ mann letzte Anweisungen; am 28. wird er bewußtlos und am 29. stirbt er gegen 10 Uhr 30. 3. November: G. wird im Familiengrab in Fontainebleau-Avon beigesetzt. Unter der Führung von Jeanne de Salzmann erneu­ ern seine Schülergruppen ihre Verpflichtung, seine Ideen zu ver­ breiten und ihnen entsprechend zu leben.

Anmerkungen

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Gurdjieffs Geburtsdatum

Gurdjieff wurde im Jahre 1866 geboren - für diese vorläufige Festlegung sprechen drei voneinander unabhängige Argumente. 1. Gurdjieff selbst hat das Jahr 1866 implizit und explizit angegeben. In den Anmerkungen zur Pariser Gruppe vom 16. Dezember 1943 sagte er: «Ich bin 78 Jahre alt und habe viele Enttäuschungen erlebt.» Siehe auch Witness (S. 64) und Idiots in Paris (S. 70) von J. G. Bennett, wo G. im Jahre 1949 erklärt, «er sei bereits 83 Jahre alt». 2. Die berühmten Porträts des Studios «Photos Andrieux» im Jahre 1949 vermitteln durchaus den Eindruck eines Mannes von 83 Jahren. 3. Aus meiner Chronologie geht deutlich hervor, daß 1866 das einzig vertretbare Geburtsjahr ist, im Hinblick auf die Berichte Gurdjieffs über seine frühe Kindheit. So stimmt Gurdjieffs Behauptung, er sei etwa sieben Jahre alt gewesen, als die Viehherden seines Vaters einer Seuche zum Op­ fer fielen, voll mit den amtlichen landwirtschaftlichen Aufzeichnungen und Gurdjieffs angenommener Geburt im Jahre 1866 überein. In den Jah­ ren 1872/73 wurden nämlich die Viehherden in ganz Kleinasien von einer verheerenden Rinderpest befallen, die in den Steppen Südrußlands ihren Ursprung hatte. Sie tötete 90 bis 95 Prozent der betroffenen Herden. Die Encyclopaedia Britannien gibt ohne jegliche Begründung 1872 als Geburtsjahr an. James Webb tritt in seinem Buch The Harmonious Circle für den 26. Juli 1874 ein. Die meisten - offensichtlich voneinander abschreibenden—Kommenta­ toren nennen jedoch das Jahr 1877, und dieser Irrtum scheint sich als hart­ näckig zu erweisen. Er folgt blind dem Bericht von J. G. Bennett in Gurdjieff S . 14), wonach G.s Paß den 28. Dezember 1877 als Geburtsdatum genannt habe. Darauf kann man nicht viel geben, da Gurdjieff verschie­

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dene Pässe besaß. Einige verbrannte er im Februar 1930 (de Hartmann, S. 155), andere benutzte er im Jahre 1931. Sein wichtiger Nansen-Paß, den Bennett nicht zu Gesicht bekam, nennt das davon weit abweichende Datum i. Januar 1864. Die Gründe, warum er beim Beantragen eines Pas­ ses widersprüchliche Geburtsdaten nannte, kann man nur vermuten, doch standen sie eindeutig nicht im Einklang mit dem Streben nach historischer Genauigkeit. Leider trifft auch zu, daß Gurdjieffs älteste und bedeutend­ ste Schülerin Jeanne de Salzmann den 13. Januar 1877 nach dem Grego­ rianischen Kalender befürwortete (tatsächlich den 1. Janaur 1877 nach dem Julianischen Kalender zitierte). Bei allem Respekt: Jeder, der 1877 vorschlägt, hat nicht genügend nachgedacht. Am Abend des 17. November 1877 wurde Gasi Muchtar Pascha von dem armenischen General Graf Michail Tarjelowitsch Loris-Melikow be­ siegt, und die zaristischen Streitkräfte drangen in die Stadt Kars ein. Nichts in den Jahren von Gurdjieffs Kindheit bietet einen zuverlässigeren chronologischen Angelpunkt als die kurz danach erfolgende Ankunft Gurdjieffs, seiner Eltern, seines jüngeren Bruders und drei jüngerer Schwestern in Kars. Diejenigen, die hartnäckig auf dem Jahr 1877 als Ge­ burtsjahr bestehen, müssen erst einmal irgendwie erklären, warum seine offizielle Erziehung einige Monate später in Kars begann, wie man die Geburt von vier Geschwistern sowie die vier Jahre zwischen den beiden geschäftlichen Mißerfolgen seines Vaters zeitlich zusammenpressen kann. Erklären sollten sie auch, warum viele seiner Äußerungen gegen den Krieg seine eigene Geburt während des russisch-türkischen Konflikts nicht er­ wähnen, und warum er wie ein Dreiundachtzigjähriger aussah, als er erst zweiundsiebzig Jahre alt war. Diese Aufgabe dürfte nicht ohne Schwierig­ keiten zu lösen sein, da ja auch noch der Widerspruch in der Person Gurdjieff selbst berücksichtig werden muß. Obwohl diese Anmerkung die erste lückenlose Argumentation für das Jahr 1866 darstellt, haben ein paar Schüler mit direktem Zugang zu ihm sie bereits bestätigt (siehe beispielsweise Popoff, S. 148, und Gorham Munson in der Zeitschrift Tomorrow IX[6}, Februar 1950, New York, S. 20). Bedeutsam ist, daß auch Thomas Daly sich in seiner neuen und endgülti­ gen Ausgabe von de Hartmanns Erinnerungen für das Jahr 1866 entschei­ det.

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Gurdjieffs Name

Ich habe mich entschlossen, unseren Helden von Anbeginn an «Gurdjieff» zu nennen. Der Name Georg Iwanowitsch Gurdjieff entstand durch Um­ schreibung und nicht immer übereinstimmende nationale Adaption aus dem ursprünglichen Giorgias Giorgiades (oder Georgiades): Der griechi­ sche Familienname wurde zuerst Gurdjian im Armenischen, dann Gurdjieff oder Gurdjew) im Russischen. Der Vorname Giorgios nahm die west­ liche Form Georg(e) an, Iwanowitsch wurde gemäß russischem Brauch interpoliert.

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Das Enneagramm

Gurdjieffs am meisten geschätztes Symbol war sein Enneagramm, eine aus neun Seiten bestehende Figur. Er pries es als ein universales Bildzeichen, ein schematisches Diagramm ewiger Bewegung. Die spezifische Anwendung des Enneagramms, die er 1916 den Moskauer und Petrograder Gruppen demonstrierte, war ein dynamisches Modell, um auf makro- und mikro­ kosmischer Ebene sein «Gesetz der Drei» bzw. «Gesetz der Sieben» zusam­ menzufassen. Später, in Fontainebleau, choreographierte und lehne er die ersten seiner vielen Heiligen Tänze oder «Bewegungen», deren schöne, je­ doch streng vorgeschriebene Choreographie das Enneagramm durch Stel­ lungswechsel der einzelnen Tänzer und der Gruppe als ein bewegliches Symbol in die Tat umsetzt. Um Gurdjieffs Enneagramm zu konstruieren, beschreibt man einen Kreis. Dann teilt man den Kreisumfang in neun gleiche T eile und beziffert die Trennpunkte im Uhrzeigersinn von l bis 9, so daß die 9 oben steht. Man verbindet die Punkte 9, 3 und 6 so, daß sie ein gleichseitiges Dreieck mit der 9 auf der Spitze bilden. Dann verbindet man die verbleibenden Punkte i, 4, 2, 8, 5 und 7 so, daß sie ein umgekehrtes Sechseck bilden (symmetrisch um einen gedachten Durchmesser, der senkrecht von der 9 gezeichnet wird). In Beziehung zu den ganzen Zahlen 3 und 7 - die in Gurdjieffs Modell wie auch ganz allgemein in metaphysischen Systemen von entscheidender Be­ deutung sind - besitzt die Zahlenfolge 142857 bemerkenswerte Eigen­ schaften (die übrigens verlorengehen, wenn sie in andere Schreibweisen als das Dezimalsystem transponiert werden). Diese Zahlenreihe enthält alle ganzen Zahlen außer der 3 und ihrer Multiplikatoren. Als eine sich wieder­ holende Dezimale ergibt sie sich, wenn man i (die Monade) durch 7 teilt. Ihre zyklische Progression erbringt jedes dezimalisierte Siebtel. Zwei Sieb­ tel sind demnach = .285714; drei Siebtel = .428571 und so weiter.

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Dies ist Gurdjieffs Enneagramm. Wie Sie sehen, handelt es sich um ein Dreieck in Verbindung mit einer Hexade. Das Geheimnis der letzteren liegt in der Anordnung der Punkte: i, 4, i, 8, s, 7- Das Symbol zeigt, wie Prozesse ineinander verschachtelt sein müssen, so daß jeder den anderen unterstützt, weil nur auf diese Weise etwas Dauerhaftes entstehen kann. Beispielsweise entsteht so die Stabilität eines lebenden Organismus wie der des menschlichen Körpers.

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Die Heiligen Tänze

Diese Tänze dienten offenkundig zwei vitalen Funktionen: der harmoni­ schen Entwicklung der Tänzer selbst sowie der Vermittlung esoterischen Wissens an künftige Generationen. Heute repräsentieren seine etwa hun­ dert Ensembletänze, die er «Bewegungen» nannte (oder vor 1928 «Übun­ gen»), für viele Menschen das unbefleckte Herz des Werks von Gurdjieff - ein spirituelles Erbe von unschätzbarer Bedeutung. Unter Berücksichtigung des wichtigen Vorbehalts, daß Gurdjieff nicht zu einer Analyse seiner Choreographie ermuntert hat, lassen sich sieben mehr oder weniger unterschiedliche Kategorien unterscheiden: Rhyth­ men; die sechs vorbereitenden Übungen, auch die «Obligatorischen» ge­ nannt; rituelle Übungen und medizinische Gymnastik; Tänze für Frauen; ethnische Männertänze - Derwischtänze und tibetische Tänze; sakrale Tempeltänze und Bilder; sowie schließlich die 39 «Bewegungen» aus Gurdjieffs letzten, zum Teil auf Enneagrammen beruhenden Werken. Die überwiegend zentralasiatische Herkunft von Gurdjieffs ethnischen, Tem­ pel- und rituellen Tänzen wird in den von ihm genehmigten Programm­ Anmerkungen festgehalten. Doch sind diese drei Kategorien nicht einfach 354

Danses trouves-, kein zeitgenössischer geographischer oder anthropologi­ scher Bericht über diese Region verzeichnet solche strukturierten Tänze. Was die auf dem Symbol des Enneagramms beruhenden Weiterentwick­ lungen angeht (siehe Anmerkung 3), so scheinen sie trotz einiger pythago­ reischer Anklänge ohne Vorbild zu sein. Damit zeugen also offensichtlich Gurdjieffs «Bewegungen» - die eigenen Schöpfungen wie die Adaptatio­ nen - vom persönlichen Genius des Meisters des Tanzes. Ganz eindeutig baut Gurdjieff nicht auf dem klassischen Ballett auf, auch nicht auf irgendeiner westlichen Tanzschule, etwa der Eurhythmie. Die umgekehrte Möglichkeit - Gurdjieffs unbeabsichtigter Einfluß auf das moderne Ballett - läßt sich nicht so einfach abtun. Diaghilew drängte Gurdjieff (ohne Erfolg), die Heiligen Tänze als Neuheit in eine seiner Ballets Russes-Aufführungen einbeziehen zu dürfen. Lincoln Edward KirStein, Gründer (1934) und Direktor (1940) der hochangesehenen School of American Ballet, war ab Juli 1927 Schüler der Prieure gewesen. Und was seine Zusammenarbeit mit George Balachine betrifft, so erkannte Kirstein ausdrücklich Gurdjieffs Einfluß an. In der Widmung seines Buches Nijinsky Dancing schreibt Kirstein: «Bei allem, was ich tue, stammt das, was Gültigkeit hat, von der Persönlichkeit und den Ideen G. I. Gurdjieffs.» (Siehe auch seinen Brief an den Herausgeber der Times Literary Supplement, 27. Juni 1980.) Der Tanz begleitete Gurdjieff sein Leben lang. Am 13. November 1914 kündigte er sein Ballett «Der Kampf der Magier» an, und im März 1918 begann er in Essentuki mit dem praktischen Lehren. Fünf Jahre lang ver­ anstaltete er aus wirtschaftlichen Gründen öffentliche Demonstrationen, vor allem in Tiflis (Juni 1919), in Paris (Dezember 1923) und New York (Jan./Febr. 1924). Dabei war sein Hauptziel offensichtlich, die Beteiligten in intensive und prägende Erfahrungen zu stürzen, während der sekun­ däre Zweck war, die Zeit nützlich zu verbringen und geeignete Schüler anzulocken. Während des Jahrzehnts schriftstellerischer Tätigkeit, von 1925 bis 1935, werden seine Bewegungen) von begabten weiblichen Schülern gelehrt und geleitet (vor allem von Jeanne de Salzmann, Jessmin Howarth und Rose Mary Nott). Als Gurdjieff im August 19 3 6 die Studios in der Salle Pleyel und die Sevres-Gruppe von Jeanne de Salzmann zur Verfügung standen, begann seine letzte, in hohem Maße kreative Lehrperiode, die auch während des ganzen Zweiten Weltkriegs fortgesetzt und weiterentwickelt wurde. Seine letzte «Bewegung» (Nr. 39) vollendete er am 11. Oktober 1949, nur achtzehn Tage vor seinem Tod. Gurdjieffs Tanz gestattete keinen «Expressionismus», dem man euphe­ mistisch Inspiration oder Intuition zuschreiben könnte. Jede äußere Form einer «Bewegung» ist von Anfang bis Ende mathematisch durchkonstru­

iert. Jede Stelle, jede Geste, jeder Rhythmus hat seinen feststehenden Platz, seine Dauer und sein Gewicht. Der Rückgriff auf Gewohnheiten, Reflexe und Symmetrie ist minimal. Die Arme und Beine sowie der Kopf der Teilnehmer müssen oft voneinander unabhängigen kontrapunkti­ schen Rhythmen entsprechen. Dazu kommen innere Übungen der Emp­ findungsfähigkeit und Zählübungen sowie stille oder gesprochene Ge­ bete. Diese sehr unterschiedlichen Anforderungen lassen sich nur durch die voll mobilisierte Achtsamkeit des Tänzers miteinander vereinbaren, im Gleichgewicht gehalten von Verstand, Gefühl und Körper. Gurdjieff war der Ansicht, der Heilige Tanz sei vorjahrtausenden vor allem eine Form der Kommunikation gewesen, eine universale Sprache mit eigener Grammatik, eigenem Wortschatz und eigener Semantik. Jeder Tanz war ein Buch, jede Schrittfolge oder jeder Rhythmus ein Satz, jede Geste oder Stellung ein Wort. Der Erfolg von Gurdjieffs heroischem Ver­ such, diese Verwendungsform wieder aufleben zu lassen, ist schwer abzu­ schätzen. Gewiß sind die enneagrammatischen «Bewegungen» intellektu­ ell erfaßbar (entsprechend dem Erfassen eines Symbols), und zwar in einem für den Tanz wahrscheinlich einzigartigen Ausmaß. Dennoch för­ dert kein allgemein akzeptiertes Gurdjieffsches Vokabular der Gesten das Verständnis. Zweifellos ist der individuelle Tänzer für den Sinn seines Tanzes aufgeschlossener als der Wissenschaftler, ganz zu schweigen vom bloßen Voyeur. Im Jahre 1922 hatte Alphons Paquet, ein deutscher Quäker, in Delphi­ sche Wanderung (Drei Masken Verlag, München) eine erste kurze Be­ schreibung von Gurdjieffs Heiligen Tänzen gegeben. Die öffentlichen Aufführungen der Jahre 1923/24 hatten viele Kritiken und Kommentare zur Folge. Im allgemeinen sahen die Journalisten in den Tänzen exotische Unterhaltung und bekundeten nur geringes Interesse für ihre wahre Funk­ tion und Bedeutung. Das Lehren der Heiligen Tänze erfolgt unmittelbar, vom Lehrer zum Schüler. Es gibt kein Lehrbuch; dies würde auch kaum von Nutzen sein. Artikel über dieses Thema gab es nur selten, verspätet und von unter­ schiedlicher Bedeutung. Geradezu als irreführend einzustufen ist die Ab­ handlung von Mel Gordon: «Gurdjieffs Movement Demonstrations: <The Theatre of the Miraculous>» (Drama Review, XXII [2], Juni 1978, New York, S. 32-34). Insgesamt informativer, wenn auch nachlässig hinsicht­ lich technischer und historischer Einzelheiten, ist der Artikel von Pauline de Dampierre: «Sacred Dance: The Search for Conscious Harmony», ein Interview mitjaques Le Vallois (American Theosophist, Bd. 73, Nr. 5, Mai 1985). Eine spezifisch historische Würdigung bietet James Moore mit «Katherine Mansfield and Gurdjieffs Sacred Dance» (Katherine Mans-

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field: In from the Margin (Louisiana State University Press, 1992). Das Grundprinzip von Gurdjieffs Werk wird sehr gut dargestellt in «Movements, Sacred Dances and Ritual Exercises», der Programmschrift zu den öffentlichen Demonstrationen im Fortune Theatre, Drury Lane, am 18. und 19. Mai 1950. Seit Gurdjieffs Tod haben die traditionellen GurdjieffGruppen erhebliche Mühe darauf verwendet, eine visuelle Aufzeichnung zu schaffen und für die Zukunft zu bewahren. Mit beträchtlichem Auf­ wand an Zeit, Mühe und Geld wurden von den französischen, englischen und amerikanischen Gruppen, die unter der Oberaufsicht von Jeanne de Salzmann zusammenarbeiteten, fast zehn Archivfilme fertiggestellt. Das bisher einzige der Öffentlichkeit zugängliche Fragment sind die letzten zehn Minuten des Films von Peter Brook, Meetings with Remarkable Men (1979). Siehe auch die Anmerkung 5.

5 «Der Kampf der Magier»
Gurdjieffs manichäische Revue «Der Kampf der Magier» wurde niemals aufgefühlt. Ihre biographische Bedeutung läßt sich jedoch kaum über­ schätzen, da sie den Gurdjieff des Jahres 1914, der sie in der Zeitschrift Golos Moskwi ankündigt, mit dem Gurdjieff des Jahres 1948 verbindet, der sie in New York probt. Im Herbst 1919 begann Gurdjieff in Tiflis das Szenario Thomas de Hartmann (S. 93) zu diktieren. Und im Sommer 1920 half Ouspensky in Konstantinopel Gurdjieff bei der Erstellung der posthum veröffentlichen Version (G.-I. Gurdjieff, The Struggle of the Magicians, The Stourton Press, Capetown, 1957). Ein davon abweichender Text existiert in Paris in den Archiven des Institut Gurdjieff. Von Gurdjieff persönlich entworfene und zugeschnittene Kostüme wurden von Platzanweisern bei der Aufführung der «Bewegungen» im Theatre des Champs-Elysees im Dezember 1923 getragen. Ein Foto der ursprüngli­ chen Kulisse, unter Anleitung Gurdjieffs von Alexandre Salzmann ent­ worfen, bringt Webb (S. 288/9). Elemente der Gurdjieffschen Choreo­ graphie haben zum Teil in den «Bewegungen» überlebt. Seine Musik findet man in Auszügen im 198$ herausgebrachten Triangle-RecordsAlbum (siehe Anmerkung 7). Eine frühe Variante der Partitur für das dritte Bild wurde von Jeanne de Salzmann auf Seite lA einer undatierten und unnumerierten 78er Schallplatte aufgezeichnet (Bartok Recording Studio, New York). Verschiedene Notenblätter existieren in der Thomas de Hartmann Collection der Musikbibliothek der Yale University. «Der Kampf der Magier» leistete einen Beitrag zum Schlußakkord des Lebens von Gurdjieff. Bei dem am 3. November 1949 in der Alexander-

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Newski-Kathedrale in Paris zelebrierten Requiem endete die Predigt mit folgendem Zitat: «Gott und alle seine Engel bewahren uns vor bösem Tun, indem sie uns stets und überall helfen, uns unseres Selbst zu erinnern.«

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Frank Pinder

Frank Pinder (1882-1962) - sein voller Name lautete Francis William Stanley Pinder - ist der zweite englische Schüler Gurdjieffs (der erste war Paul Dukes). Pinder betrat die Gurdjieffsche Szene im Juli 1919 in Ekaterinodar, der Hauptstadt des Kuban-Gebietes. Als Leiter der Britischen Wirtschafts­ kommission bei der Freiwilligenarmee des Generals Anton Iwanowitsch Denikin wurde er durch Briefe von A. R. Orage veranlaßt, den arbeits­ und mittellosen P. D. Ouspensky für das Abfassen von Pressezusammen­ fassungen einzustellen. Finders erster direkter Kontakt zu Gurdjieff kam im März 1920 zu­ stande, als er als Kulturattache des britischen Hochkommissars Oliver Wardrop nach Tiflis entsandt wurde, in die Hauptstadt der Georgischen Menschewikischen Sozialdemokratischen Republik. Augenscheinlich hat Pinder auf Empfehlung von Ouspensky mit Gurdjieff Kontakt aufgenom­ men, und beide Männer arbeiteten beim Verkauf antiker Teppiche an Mit­ telsmänner in Konstantinopel zusammen. Bald danach verließen beide Tiflis und begaben sich nach Konstantinopel, Gurdjieff Ende Mai und Pinder im Juli (damals offensichtlich auf dem Weg nach Warschau). Als Gurdjieff am 15. März 1922 zum zweiten Mal London besuchte, um dort in Kensington Vorlesungen zu halten, brachte er Pinder als Dol­ metscher mit. Pinder nahm leidenschaftlich für Gurdjieff Stellung, als die­ ser damals mit Ouspensky brach. Als Katherine Mansfield im Oktober 1922 näheren Kontakt zu Gurdjieff suchte, war es Pinder, den Gurdjieff zu ihr ins Hotel Select schickte, und der anschließend auch den Dolmet­ scher spielte. Katherine beschrieb Pinder als einen «recht bemerkenswer­ ten Mann . . ., etwa wie der Hauptmaat auf einem Frachtschiff». Als Gurdjieff am 4. Januar 1924 die meisten seiner Schüler mit sich nach Ame­ rika nahm, beauftragte er Pinder, inzwischen die Abtei zu verwalten. Es war also Pinder, der im Februar D. H. Lawrence und Aleister Crowley empfing, als beide der Abtei einen kurzen, neugierigen Besuch abstatteten. Crowley beschrieb Pinder in seinem Tagebuch als einen «verdammt feinen Kerl... es war ein wirklich wundervoller Abend mit Pindar (sie)». Ge­ wisse Unterlagen, die Pinder in Gurdjieffs persönlichen Papieren (die Gurdjieff dann 1930 verbrannte) entdeckte, kränkten ihn, und er unter­ 358

brach die Verbindung für mehr als ein Jahrzehnt. Er erschien erst um das Jahr 1937 wieder im Kreis um Gurdjieff. Danach hielt Pinder den Kontakt aufrecht und beteiligte sich aktiv an der Debatte der Jahre 1948/49 über die Veröffentlichung des Beelzebub. Trotz seiner langen Zugehörigkeit zum Kreis um Gurdjieff strebte Pinder weder vor noch nach dem Tod Gurdjieffs die Rolle eines Lehrers an. Als Schüler Gurdjieffs wird Pinder im Buch von C. S. Nott Journey Through This World (Kap. 10) dargestellt, unterstützt durch Originaldokumente aus dem Besitz von Adam Nott.

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Gurdjieffs Musik

Betrachtungen über Gurdjieffs Musik müssen mit einem Dank an den klassisch ausgebildeten russischen Musiker Thomas Alexandrowitsch de Hartmann (1886-1956) beginnen. Obgleich de Hartmann großzügig dar­ auf beharrte: «Es ist nicht <meine Musik>, es ist seine; ich habe nur das Taschentuch des Meisters aufgehoben», war es de Hartmann, der die von Gurdjieff inspirierte und aufgezeigte Musik arrangierte, die Partitur schrieb und sie als erster spielte. Obwohl Gurdjieff keine besonderen Fer­ tigkeiten im Spielen von Instrumenten besaß, versuchte er sich verschie­ dentlich am Piano, mit der Mundharmonika und der Gitarre. Und an der tragbaren Orgel spielte er, vor allem im hohen Alter, aus dem Gedächtnis. Er konnte ausreichend Partituren lesen, um die Tonart und die Grundme­ lodie anzugeben. Insgesamt besaß er genug musikalisches Wissen, um eine Zusammenarbeit zu lenken, die Laurence Rosenthal als «einzigartig in der Musikgeschichte» bezeichnet hat. Gurdjieff bekam seine erste musikalische Ausbildung als Chorknabe in der Kathedrale von Kars und war begeistert genug, sich (wenn auch er­ folglos) um Aufnahme in den Chor des Erzdiakons in Tiflis zu bemühen. Als Erwachsener erwarb er eingehende Kenntnisse der mittelöstlichen und zentralasiatischen traditionellen und religiösen Musik. Mehr über seine eindrucksvolle Beherrschung abendländischer theoretischer Musikwis­ senschaft sowie «mantrischer» Gesänge siehe Webb (509-513) bzw. Du­ kes (101 ff.). Gurdjieff hat insgesamt etwa 300 Stücke komponiert. Die meisten Be­ wegungen und Ballettmusiken entstanden in den ersten Jahren der Bezie­ hung zwischen Gurdjieff und de Hartmann; die meiste Programmusik (kurze deskriptive Stücke - sanft, witzig, elegisch, religiös, humorvoll usw.) in der Periode intensiver Arbeit zwischen dem 29. Juli 1925 und dem 1. Mai 1927, wo die Zusammenarbeit endete. Eine dritte Kategorie, die

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kaum Vorläufer hatte, läßt sich als «ideologische Musik» bezeichnen, bei­ spielsweise entspricht «Heiliges Bejahen, Heiliges Verneinen, Heiliges Versöhnen» musikalisch dem «Gesetz der Drei» und dem «Gesetz der Sie­ bent). Keine dieser Kompositionen ist eine sklavische Nachahmung ethni­ scher Musik. Gurdjieff verwandelt und integriert die subtile Essenz einer uralten Überlieferung und vermittelt sie dem modernen Menschen als Aufforderung, aufzuwachen, und als Unterstützung seines Strebens nach wirklichem Sein. Gurdjieffs Entschlossenheit, im Abendland Gehör zu finden, veranlaßte ihn, ein stark asiatisch geprägtes Werk auf einem dezi­ diert europäischen Instrument, dem Pianoforte, spielen zu lassen - das Unbekannte mit Mitteln des Bekannten auszudrücken. Es trifft zu, daß de Hartmanns Spezialisierung (er studierte Piano unter Annette Essipow, einer Lehrerin von Prokofieff und Schnabel) diese Wahl mitbestimmt hat. Es trifft jedoch auch zu, daß Gurdjieff sich für de Hartmann entschied und ihn Wladimir Pohl vorzog. In Gurdjieffs Musik spielen emphatische Rhythmen eine große Rolle, vor allem bei den «Bewegungen» der Männer. Jede weitere musikwissen­ schaftliche Analyse muß mit dem Erkennen der Einschränkungen begin­ nen, die durch Gurdjieffs Wahl eines bestimmten Instruments gegeben sind. Seine reichen Melodien werden innerhalb vorgegebener harmoni­ scher Schemata zum Klingen gebracht. Analytiker werden eine starke Be­ tonung der Grundtonart erkennen und, da die Musik weitgehend modal ist, nur wenig Zuhilfenahme von Modulationen. Vielmehr herrschen mu­ sikalische Verzierungen vor, die beim Übergang in den darauffolgenden Ton irgendwie nach Vierteltönen klingen (die per se auf dem Piano un­ spielbar sind). Ein charakteristisches Kennzeichen ist die Auslassung oder Verschleifung von einem Halbton zu einer kleinen Terz. Bevorzugt wur­ den von Gurdjieff D E F G A B mit B-Vorzeichen, Halbton D (manchmal ist das E um einen halben Ton niedriger). Interessanterweise wird nur we­ nig auf die von Gurdjieffs «Gesetz der Sieben» angeführte Tonleiter zu­ rückgegriffen. (Das ist die moderne C-Dur-Tonleiter, eine Umkehrung der griechischen diatonischen, dorischen - E D C B A G F E -, die der Demiurg in Platons Timaeus anwendet). Obwohl die Musik von Gurdjieff/de Hartmann bisher selten außerhalb der Gurdjieff-Kreise zu Gehör gebracht wird, ist jetzt eine repräsentative Einführung in dieses Werk erhältlich, Neuaufnahmen von Tonbändern, die de Hartmann bespielt hat, auf Compactdiscs und Kassetten der Firma Triangle Records, Triangle Editions, Inc., P. 0. Box 452, Lenox Hill Sta­ tion, New York, New York 10021. Die endgültige Ausgabe der Klavier­ partituren wird gegenwärtig in Deutschland (Mainz) von B. Schott's

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Söhne vorbereitet. Der letzte von vier Bänden soll 1992 herauskommen. Eine umfangreiche, wenn auch nicht erschöpfende Aufstellung der musi­ kalischen Werke von Gurdjieff/de Hartmann findet man in Gurdjieff: An Annotated Bibliography von J.Walter Driscoll und der Gurdjieff Founda­ tion of California, Garland Publishing, New York 1895 (S. 8-10). Ernst­ hafte Musikwissenschaftler seien auf die Dokumente de Hartmanns in der Musikbibliothek der Yale University verwiesen.

8 Anschuldigungen gegen Gurdjieff
Gurdjieff war sein Leben lang Anschuldigungen ausgesetzt. Einer seiner Schüler hat das wie folgt ausgedrückt: «Er wird angeklagt, anwesend oder abwesend gewesen zu sein, geholfen und nicht geholfen zu haben, gespro­ chen oder geschwiegen zu haben, wenn im Leben des einen oder anderen seiner Gefolgsleute sich etwas ereignete. Diese Ereignisse bewegten sich in der Einbildung der Leute von Vergewaltigung bis zum Nehmen des Schleiers, vom natürlichen Tod bis zum Selbstmord, vom Bankrott bis zum brillanten Erfolg.» Tatsächlich waren die Widerlegungen meist überzeugender als die An­ schuldigungen. Die wenig plausible Vermutung (Pauwels 62 f.), Gurdjieff habe als Kollege des Geopolitikers Karl Haushofer eine bestimmende Rolle bei der Ausarbeitung der Nazi-Ideologie gespielt und sogar die Ver­ wendung des umgedrehten Hakenkreuzes angeregt, wird durch Hausho­ fers Sohn, Dr. Heinz Haushofer, zurückgewiesen (Brief vom 31. Dezem­ ber 1956, Frankfurter Allgemeine Zeitung). Die Verleumdung, Gurdjieff habe Katherine Mansfield sexuell mißbraucht, ist keines Kommentars würdig. Die Beschuldigung, sein Regime in der Abtei habe ihren Tod be­ schleunigt, berücksichtigt nicht ausreichend ihre lange Krankengeschichte (siehe Dr. Brice Clarke, «Katherine Mansfields Illness», in den Proceedings ofthe Royal Society of Medicine, Bd. 48, April 195$, S. 1029-33). .(Eine detaillierte Darstellung dieses Themas findet man bei Moore, Gurd­ j i e f f and Mansfield.) Dem Vorwurf, Gurdjieff sei schuld am Tod seines französischen Schülers Rene Daumal, widerspricht nicht nur die Ansicht von Daumals Witwe Vera, sondern auch ein Brief seines Bruders Jack Daumal (Le Figaro Litteraire, 27. März 1954). Schließlich gibt es noch die Anschuldigung, Gurdjieff habe den «Selbstmord» der jungen Irene-Ca­ role Reweliotty zu verantworten. Sie steht im Widerspruch zur Sterbeur­ kunde und dem Bericht ihrer Mutter (siehe «Une lettre de Mme Reweliotty», L'Aurore, i I.Oktober 1973): Beide nennen als Todesursache Herzversagen infolge eines langen Lungentuberkuloseleidens.

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Beginnend mit einer schrillen Verurteilung durch Literaten der 192001 Jahre (z. B. D. H. Lawrence und Wyndham Lewis) reicht die Bandbreite der Kritiken an Gurdjieff von Pauwels unwissenschaftlicher «Abrech­ nung» bis zu Whitall N. Perrys Gurdjieff in the Light of Tradition (Pe­ rennial Books, 1978), einer ätzenden Polemik, geschrieben aus der Sicht der philosophischen Schule von Frithjof Schuon. Einen wissenschaftlichen Bericht über die spirituell begründeten Anschuldigungen gegen Gurdjieff findet der Leser bei J.Spencer Trimingham, The Sufi Orders in Islam, Cla­ rendon Press, 1971, Anhang B.

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J.G. Bennett

J. G. Bennett (nachfolgend kurz JGB) saß etwa einen Monat lang, vom 7. März bis 4. April 1928, im Athener Zentralgefängnis in Untersu­ chungshaft, weil er angeblich den lokalen Grundbuchbeamten bestochen hatte, urkundliche Ansprüche auf kaiserlich-ottomanischen Besitz zu fäl­ schen, an dem JGB gern die Konzession gehabt hätte. Die formelle An­ klage lautete auf: Anstiftung anderer Personen zur Fälschung amtlicher Dokumente. Um JGB herauszupauken, verbündeten sich seine zweite Ehefrau Winifred, einflußreiche Gurdjieffianer in London (darunter Lady Malcolm), bedeutende Geschäftsfreunde in der Aegean Trust Ltd. sowie (schweren Herzens) der britische Botschafter Sir Percy Lyham Loraine. Nachdem JGB durch Trinken einer Jodflüssigkeit eine Blinddarmentzündung vorge­ täuscht hatte, wurde er am 4. April aus dem Athener Gefängnis in ein städ­ tisches Krankenhaus verlegt. Am 19. April wurde die Anklage abge­ schwächt: Er habe die Firma, die er repräsentierte, betrogen. Und am 2;. April wurde er gegen Kaution von einer Million Drachmen freigelas­ sen. Aus amtlichen Urkunden geht hervor, daß aufgrund von nur wider­ willig ausgeübtem Druck des britischen Außenministeriums alle Anklagen am 13. August 1928 fallengelassen wurden. JGB selbst jedoch behauptet, er sei am 27. September 1929 wegen der ursprünglichen Anklage vor dem Berufungsgericht in Thessaloniki erschienen, habe sich selbst auf Grie­ chisch verteidigt und sei zu Lasten der Staatskasse freigesprochen worden. Amtliche Akten vermitteln uns ein gewisses Bild von JGBs buntem Abenteurerleben in den Jahren von 1921 bis 1931. Im Jahre 1921 bot man ihm (wie auch anderen) den gerade vakanten Thron Albaniens an. In den Jahren von 1921 bis 1924 war er Partner von John Wesley de Kay (1872-1938), einem Abenteurer, der während des Ersten Weltkriegs in den Akten des britischen Geheimdienstes (Mi;) zu Recht oder Unrecht

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unter dem Codenamen «Mordecai» als «Leiter der Abteilung Sabotage und Mord des deutschen Geheimdienstes» geführt wurde. Im Jahre 1922 wurde JGB zum Vertreter der Interessen der acht Witwen Abduls des Ver­ dammten ernannt. 1926 verdächtigte man ihn, Haschisch aus Thessalo­ niki geschmuggelt zu haben. Im Jahre 1927 soll er in eine Betrugsangele­ genheit im Zusammenhang mit einer Goldmine in Avret Hissar bei Kilkisch verwickelt gewesen sein (man hatte etwas Gold in die Mine ge­ schmuggelt, um Anleger zu täuschen). Ein strenges Urteil über JGB würde dem Ganzen allerdings nicht ge­ recht. Auf den ersten Blick erinnern diese Jahre von JGBs Leben an das des jüngeren Gurdjieff, als dieser Spatzen malte und sie als «amerikanische Kanarienvögel» verkaufte - auch wenn es eher unwahrscheinlich ist, daß JGB sich bereits während dieses Jahrzehnts in vergleichbarer Weise auf dem Pfad spiritueller Suche befand.

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Trinksprüche auf die Idioten

Gurdjieffs «Toast (Trinkspruch) auf die Idioten» samt seiner «Wissen­ schaft des Idiotismus» war vielleicht seine seltsamste Lehrmethode. Bei re­ gelmäßigen ritualisierten Mahlzeiten, deren Gastgeber er war, wurden förmliche Trinksprüche ausgebracht auf aufeinanderfolgende Kategorien von «Idioten», gelegentlich mit improvisierten «Zusätzen», mit denen die spezifische Idiotenform näher erläutert wurde. Die Toasts wurden vom «Direktor» oder tamada ausgebracht, normalerweise von einem Mann, manchmal jedoch auch von einer Frau, der (die) zur Linken von Gurdjieff saß (während Gurdjieffs letzter Lebensjahre war Bernard Lemaitre der be­ merkenswerteste). Alle Gäste - ausgenommen natürlich jene der besonde­ ren Kategorie, auf die getrunken wurde - waren dann verpflichtet, auf den Toast hin ihr Glas Armagnac oder Wodka ex zu trinken. Ebenso wie dem Direktor wurden anderen Teilnehmern bei diesen Mahlzeiten besondere Rollen zugewiesen, wie zum Beispiel: Verseur (Mundschenk), Poubelle (Abfalleimer), Bouche d'Egout (Abflußöffnung), Egout pour Sweet (Ab­ flußrinne für Süßes). Eine typische Sitzordnung schildert Rina Hands, The Diary of Madame Egout Pour Sweets,TwoRivers Press, 1991,S. 3. Gurdjieff führte seinen Toast auf die Idioten im Jahre 1922 ein; ab 1940 legte er zunehmend Wert darauf. Obwohl er der Bezeichnung «Idiot» nicht ihren herabsetzenden Sinn nahm, wertete er sie anderseits mit der Bedeutung Individualität auf (entsprechend der griechischen Wurzel des Wortes «Ich mache meine Sache selbst»). Obgleich Idiotentum etwas Uni­ versales ist - Gott selbst ist der «Einzigartige Idiot» (Nr. 21)-, erlaubt eine

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Hilfsdifferenzierung eine zugleich «poetische» wie tiefgründige menschli­ che Typologie. Jeder Schüler wurde zu Beginn aufgefordert, sich entspre­ chend seiner persönlichen Intuition unter den zwölf Arten von Idioten die ihm angemessene auszusuchen (i gewöhnlich; i super; 3 Erz-Idiot; 4 hoffnungslos; 5 mitfühlend; 6 verlegen; 7 im Einklang mit sich selbst ste­ hend; 8 rund; 9 Zickzack; 10 erleuchtet; n zweifelnd; 12 schwankend). Beträchtliches Interesse - einst existentiell, heute nur noch historisch - ist mit gewissen Zuweisungen verbunden, die von Gurdjieff persönlich vor­ genommen wurden. (Orage bezeichnete er als Super-Idioten, Dr. Stjoemval als Erz-Idioten; Jessie Orage als verlegene Idiotin, J. G. Bennett als runden oder zweifelnden Idioten usw.) Gurdjieff bezeichnete nur eine Person als «außerhalb des Idioceniums» stehend, nämlich Jeanne de Salz­ mann (McCorkle 76). Da Gurdjieffs Festmähler wache Aufmerksamkeit erforderten und nie­ mals auch nur im entferntesten in Orgien ausarteten, wurden selten mehr als zwölf Trinksprüche ausgebracht. Die darüber hinausgehenden Kate­ gorien von Idioten (die nirgendwo zuverlässig publiziert wurden) waren vermutlich: 13 geborene, 14 patentierte, 15 psychopathische, 16 polyedrische (vielförmige). Obwohl die Idioten der Kategorien r bis 16 wahr­ scheinlich eine bestimmte, lediglich relativ unterschiedliche Seinsebene er­ reichen konnten, gibt es Hinweise einer wünschenswerten Evolution zum darauffolgenden Typ (etwa von hoffnungslos zu mitfühlend). Sicherlich bot Jeder Typ aus sich selbst heraus Raum für Fort- bzw. Rückschritt. Der in Memoiren am meisten genannte Unterschied ist der zwischen dem Sub­ jekt iv hoffnungslosen Idioten, der sich seiner Bedeutungslosigkeit bewußt und damit Kandidat für einen ehrenvollen Tod ist, und dem objektiv hoff­ nungslosen Idioten, der im Egoismus verstrickt und dem es daher beschieden ist, wie ein Hund zugrunde zu gehen. Die Idioten der Kategorien 17-21 stellten eine spirituelle Hierarchie dar, in der fortschreitende Grade «objektiver Vernunft» zum Ausdruck kamen. Idiot 18 repräsentierte die höchstmögliche Entwicklungsstufe, die ein menschliches Wesen erreichen konnte. Um diese jedoch erlangen zu können, mußte der betreffende Mensch zunächst freiwillig von Kategorie 17 zu Kategorie i hinabsteigen, zum gewöhnlichen Idioten. Die Idioten der Kategorien 19 und 20 waren für die Söhne Gottes reserviert. Der Ursprung von Gurdjieffs «Wissenschaft des Idiotentums» liegt völ­ lig im dunkeln. J.G. Bennett meinte, Gurdjieff habe die ganze Prozedur einer Sufi-Gemeinschaft in Turkestan abgeschaut, was angesichts des isla­ mischen Alkoholverbots wenig überzeugend erscheint. Der Trinkspruch auf die Idioten wurde sofort nach Gurdjieffs Tod im Jahre 1949 abgeschafft, da man meinte, ohne Mitwirkung seiner überra­

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genden Persönlichkeit würde jeder Trinkspruch in Gefahr geraten, zu einer bloßen Form ohne Inhalt zu werden.

11 Gurdjieffs Erbe
Er selbst war fest entschlossen, seine Ideen in reiner Form für die Ewigkeit festzuhalten. Andererseits war er überzeugt, daß die «Flugbahn» jeder Lehre unausweichlich vom «Gesetz der Sieben» abgelenkt wird. Lassen wir einmal die kommerzielle Verbreitung von Gurdjieffs Schriften und seiner Musik beiseite: Aufweiche Weise und durch wen wirkte er weiter? Als Jeanne de Salzmann im Alter von 101 Jahren am 25. Mai 1990 starb, hatte sie jene Kernmannschaft geschaffen, die aufzubauen Gurdjieff ihr aufgetragen hatte. Sie hatte (im allgemeinen unter der Bezeichnung Gurdjieff Foundation oder Society oder Institut) Studienzentren in London, Paris, New York, Kalifornien, Caracas, Sydney und anderswo gegründet und ausgebaut. Deren streng hierarchischer oder «apostolischer» Charak­ ter garantiert, soweit institutionelle Einrichtungen das überhaupt können, eine erkennbare Linie der Übermittlung durch Gurdjieff persönlich. Es wirkt überzeugend, daß die große Mehrheit der überlebenden Schüler Gurdjieffs die Führungsposition von Jeanne de Salzmann anerkannte und sich dieser Familie von Gesellschaften anschloß. Ein Faktor, der die Entwicklung jeder Bewegung beeinflußt, ist die Rei­ henfolge, in der ihre führenden Vertreter sterben. Von den bedeutenden Persönlichkeiten, die bei Gurdjieff studierten und ihn überlebten, starben: James Young 1950, Dr. Maurice Nicoll 1953, Thomas de Hartmann 1956, Roland Kenney 1961, Frank Pinder 1962, Sophia Grigorjewna Ouspensky 1963, Jane Heap 1964, Kenneth Walker 1966, Sir Paul Dukes 1967, Jean Toomer 1967, Gorham Munson 1969, Elisabeta Stjoernval 1972, Margaret Anderson 1973, J.G. Bennett 1974, Jean Vaysse 1975, Solita Solano 1975, C.S. Nott 1978, Anna Butkovsky-Hewitt 1978, Fritz Peters 1979, Rene Zuber 1979, Olga de Hartmann 1979, Rose Mary Nott 1979, Henriette Lannes 1980, Kathryn Hulme 1981, Lord Pentland 1984, Olgiwanna Lloyd Wright 1985, Jessie Orage 1985, Louise March 1987, Basil Tilley 1988, Jeanne de Salzmann 1990. Auch wenn zwei typische Gurdjieffsche Einrichtungen («Toasts auf die Idioten» und die Produktion von «Tricks, halben Tricks und echten Phä­ nomenen») nicht weitergeführt wurden, bieten die Gurdjieff Foundations und Gurdjieff Societies immer noch ein lebendiges Programm mit Grup­ penarbeit, Heiligen Tänzen, Musik, Drama, speziellen Studien und For­ schungsprojekten sowie handwerklichen Arbeiten. Diese Institute haben 365

Jeanne de Salzmann bei ihren Bemühungen um die Produktion von Ar­ chivfilmen über Gurdjieffs Heilige Tänze voll unterstützt, die mir vor allem das Gurdjieffsche Erbe zu repräsentieren scheinen. Insgesamt lautstärker und problematischer sind die Bewegungen und schriftstellerischen Arbeiten ehemaliger Schüler, die andere spirituelle Wege einschlugen (vor allem J.G. Bennett, der sich nach Gurdjieffs Tod dem Pseudo-Sufismus und dann nacheinander verschiedenen anderen Lehren zuwandte). Außerdem hat sein Erbe regional unterschiedliche Adaptationen erfah­ ren. In den USA wurden seine Ideen von einem breiten Spektrum von «New Age»- und «Human Potential-Bewegungen für sich reklamiert. In Lateinamerika gab es eine unvermeidliche Versöhnung mit der römisch­ katholischen Kirche. England muß heute, nachdem Henriette Lannes die Gurdjieffsche Gedankenwelt von der Kälte Ouspenskyscher Intellektualität befreit hat, ein zwar willkommenes, aber disproportioniertes Interesse von Lehrern der Alexander-Technik hinnehmen. Und Frankreich bezeugt Sympathie für eine Lehre des Quietismus und der göttlichen Gnade (inter­ essanterweise im Gegensatz zu Gurdjieffs «Obligolnischen Bestrebun­ gen»), unterstützt durch Praktiken, die an Kundalini-Yoga erinnern. Sol­ che unvermeidlichen und vielleicht nur vorübergehenden Varianten werden vielleicht ihre Synthese in einem neu aufkeimenden Geist des In­ ternationalismus finden. Inzwischen liefern sie (in Anlehnung an einen be­ merkenswerten Satz von Jeanne de Salzmann) «eine Gelegenheit, die Kraft eines Denkens zu messen, das, beim Passieren einer Vielfalt von Echos, seine eigene Resonanz und Kraft zum Handeln behält».

366

Dank

Meine Arbeit an diesem Buch wurde freundlich unterstützt von Maurice Desselle, Michel de Salzmann und Henri Tracol (ohne daß sie für meine spezifische Form der Darstellung verantwortlich wären). Besonderen Dank schulde ich Michel, nicht nur, weil er mich ganz direkt ermutigt hat, an einem Projekt weiterzuarbeiten, das persönliche Animositäten hervor­ rufen konnte, sondern auch, weil er mir von sich aus Daten zur Verfügung Stellte, die anderswo nicht greifbar waren. In meiner Darstellung der letzten Lebensjahre Gurdjieffs habe ich ver­ sucht, den Eindruck zu festigen, den nicht nur ich, sondern auch folgende seiner Schüler von ihm hatten: Elizabeth Bennett, Dr. Bernard CourtenayMayers, Michael Currer-Briggs, Tim Dahlberg, Heien Entwhistle, Hylda Field, Dr. Joanna Haggarty, Rina Hands, Lucette Heuseux, Dr. John Le­ ster, Cathleen Murphy, Adam Nott, Dorothy Philpotts, George Philpotts, Basil Tilley, Pamela Travers und Dr. Kenneth Walker. Der Zugang zu schriftlichem Material wurde mir erleichtert durch die Angestellten der British Library, des Public Record Office, der Foreign Office Library, der Royal Asiatic Society, der Royal Geographical Society, der Gurdjieff Society, der Gurdjieff Foundation in New York, der Gurdjieff Foundation of California, des Warburg Institute, der Society for Cultural Relations with the USSR, der Armenian Society for Friendship and Cultural Relations with Foreign Countries sowie durch S. E. Leonid Samjatin, den früheren sowjetischen Botschafter in London. Rose Brookhouse, John Hunter und Dr. Christopher Solomon gingen liebenswürdigerweise verschiedenen Nebenspuren nach. John Hunterund Christine Lambert bin ich für Übersetzungen dankbar. Dank schulde ich ferner Thomas C. Daly und Robin Waterfield, die mir Zugang zur endgültigen Fassung des Manuskripts des 1992 erscheinenden Penguin Book mit dem Titel OurLife with Mr. Gurdjieff von Thomas und Olga de

367

Hartmann verschafften. Keine der Antworten auf meine Nachforschun­ gen hat mich mehr berührt als die von Samuel Mkrtschian vom Merkurow Memorial House in Leninakan, die nur wenige Tage nach dem verheeren­ den Erdbeben des Jahres 1988 in Armenien abgeschickt wurde. Professor Jacob Needleman war stets und schnell mit hilfreichem Rat zur Stelle. Für Abbildungsvorlagen und Veröffentlichungserlaubnis danke ich: Michel de Salzmann und dem Institut Gurdjieff in Paris; Thomas C. Daly; William Segal; Sona Harutunian; Jeremy Finlay; Daphne MackneileDickson; Anne Orage; Rose Brookhouse; Marian Imhasly; Peter Irvine; Paddy Maffett; Professor David Marshall Lang und meinem alten Freund Professor Tilo Ulbricht. Der Enthusiasmus und die persönliche Unterstützung von Michael Mann, Vorstandsvorsitzender von Element Books, war mir in allen Pha­ sen dieses anspruchsvollen Projektes, dessen Verwirklichung vier Jahre in Anspruch nahm, unentbehrliche Ermutigung. Meine Lektorin war Rose­ mary Pettit. Schließlich hat mein alter Freund Jeffrey Somers, Archivar der Gurdjieff Society, mir mit so viel Kritik, Aufmunterung und Vorschlägen ge­ holfen, daß er als Mitverfasser dieses Buches betrachtet werden kann.

368

Bibliographie

Diese Bibliographie wurde speziell für das vorliegende Buch zusammen­ gestellt. Dabei wurden grundsätzlich Werke ausgeschlossen, die Gurdjieffs Lehre ausführlich darlegen, Jedoch ohne biographische Bedeutung sind. Alle hier erwähnten Bücher sind Erstausgaben und, wenn nicht an­ ders angegeben, britische Hardcover-Ausgaben. Wissenschaftler, die nach einem umfassenden Quellennachweis suchen, verweise ich auf Gurdjieff: An Annotated Biography von J. Walter Driscoll und der Gurdjieff Foun­ dation of California, ISBN 0-8240-8972-3, erschienen bei Garland Pu­ blishing, New York 1985. Dieses Werk umfaßt 1743 Hinweise; eine zweite und beträchtlich erweiterte Ausgabe ist in Vorbereitung. Die Quellenkurzangaben bei den Zitaten im Text beziehen sich auf diese Bibliographie. Ist bei einem Zitat keine Quelle vermerkt, stammt es aus einem von Gurdjieffs eigenen Werken, gehört zum Allgemeingut der Gurdjieff-Literatur oder der Autor ist aus dem Textzusammenhang er­ sichtlich.

Gurdjieff, Georg Iwanowitsch
Gurdjieffs Schriften werden nachstehend in der Reihenfolge aufgeführt, in der sie verfaßt wurden (was sich nicht mit der Reihenfolge ihrer Veröf­ fentlichung deckt). The Struggle of the Magicians, The Stourton Press, Capetown, 1957. Views from the Real World, Routledge & Kegan Paul, London 1973 (dt. Gurdjieffs Gespräche mit seinen Schülern. Aus der wirklichen Welt, Sphinx, Basel 1982). Beelzebub's Tales to His Grandson, Routledge & Kegan Paul, London

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1950 (dt. Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel. Eine objektiv unpar­ teiische Kritik des Lebens des Menschen, Sphinx Basel4 1991). Meetings with Remarkable Men, Routledge & Kegan Paul, London 1963 (dt. Be­ gegnungen mit bemerkenswerten Menschen, Aurum, Freiburg i. Br. 1988). Life is Real Only Then, When 'I am', Triangle Editions, New York 1975 (dt. Das Leben ist nur wirklich wenn «Ich bin», Sphinx, Basel 1990). Herold qf Coming Good, La Socieie Anonyme des Editions de L'Ouest, Angers (Frankreich) 1933. Anmerkung: Von diesem letztgenannten Werk hat Gurdjieff sich selbst distanziert. Er ließ die bereits ausgelieferten Kopien einziehen. Im Gegensatz dazu enthält P. D. Ouspenskys bedeutendes Werk Auf der Suche nach dem Wunderbaren im wesentlichen Gurdjieffs direkte Rede, deren genaue Wiedergabe er dankbar bestätigt hat.

Briefe und Tagebücher
Bennett, John. G. & Elizabeth, Idiots in Paris: Diaries o f J . G.Bennett und Elizabeth Bennett, 1949, Coombe Springs Press, 1980. Mansfield, Katherine, Katherine Mansfield's Leiters to John Middleton Murry 1913-1922, hrsg. v. John Middleton Murry, Constable, Lon­ don 1951 (dt. Eine Ehe in Briefen, Knaur TB, München 1988). Tilley, Basil, Letters from Paris and England 1947-1949, Privatdruck, Phene Press, 1981.

Memoiren
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Hulme, Kathryn, Undiscovered Country, Linie, Brown & Co., Boston 1966. Kenney, Rowland, Westering, Dent. London 1939. Landau, Rom, God is MyAdventure, Ivor Nicholson & Watson, 1935. Leblanc, Georgette, LaMachine dCourage: Souvenirs, Janin, Paris 1947. McCorkle, Beth, The GurdjieffYears i9 29-19^9 .• Recollections ofLouise March, The Work Study Association, New York 1990. (Die Rochester Folk Art Guild und die March-Familie legen Wert darauf festzustellen, daß sie mit diesem Werk nichts zu tun haben.) Merston, Ethel, Memoirs (unveröffentlicht). Nott, C. S., Teachings of Gurdjieff: The Journal ofa Pupil. An Account of Some Years with G. I. Gurdjieff and A. R. Orage in New York and at Fontainebleau-Avon, Routledge & Kegan Paul, London 1961. -, Joumey Through This Worid: The Second Journal ofa Pupil. Including an Account ofMeetings with G. I. Gurdjieff, A. R. Orage and P. D. Ouspensky, Routledge & Kegan Paul, London 1969. Olgiwanna (Mrs. Frank Lloyd Wright), «The Last Days of Katherine Mansfield», in: The Bookman LXXIII (i), März 1931, New York. S.6-13. Ouspensky, P. D., In Search ofthe Miraculous: Fragments ofan Unknown Teaching, Routledge & Kegan Paul, London 1950 (dt. Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Perspektiven der Welterfahrung und der Selbst­ erkenntnis, 0. W. Barth, Bern und München 1978). Peters, Fritz, Boyhoodwith Gurdjieff, Gollancz, London 1964. -, GurdjieffRemembered, Gollancz, London 1965. Pogson, Beryl, Maurice Nicoll:A Portrait, Vincent Stuart, 1961. Popoff, Irmis B-, Gurdjieff: His Work on M y s e l f . . . with Ochers... for the Work, Vantage, New York 1969. Saurat, Denis, «A Visit to Gourdyev», Living Age, CCCXLV (4408), Ja­ nuar 1934, S. 427-33. Seabrook, William, Witchcraft: Its Powe in the Worid Today, Harrap, London 1940. Staveley, A. L., Memories of Gurdjieff, Two Rivers Press, Aurora (Oregon)1978. Walker, Kenneth, Venture with Ideas, Jonathan Cape, London 1951. Welch, William J., What Happenedin Setween.-A Doctor's Story, George Braziller, New York 1972. Wolfe, Edwin, Episodes with Gurdjieff, Far West Press, San Francisco 1974. Young, James Carruthers, «An Experiment at Fontainebleau: A Personal Reminiscence», in: NewAdelphil (i), Sept. 1927, S. 26-40.

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Zuber, Ren6, Who are You, Monsieur Gurdjieffi, Routledge & Kegan Paul, London 1980 (dt. Wer sind Sie Herr Gurdjieffi, Sphinx, Basel 1981).

Zusammenstellungen von Memoiren
Anderson, Margaret, The Unknowable Gurdjieff, Routledge & Kegan Paul, London 1962. Pauwels, Louis, Gurdjieff, Times Press, Douglas (Isle ofMan) 1964.

Historische und literarische Studien
Bennett,J. G., Gurdjieff:Making aNew Worid, Tumstone Books, 1973. Kennan, Cynthia Earl/Eldridge, Richard, The Lives o f f e a n Toomer: A Hunger for Wholeness, Louisiana State Univ. Press, Baton Rouge (USA) 1987. Moore, James, Gurdjieff and Mansfield, Routledge & Kegan Paul, Lon­ don 1980. Munson, Gorham, The Awakening Twenties: A MemoirHistory ofa Literary Period, Louisiana State Univ. Press, Baton Rouge (USA) 1985;. Random, Michel, Lespuissances du dedans: Luc Dietrich, Lama del Vasto, Rene Daumal, Gurdjieff, Denöel, Paris 1966. Webb, James, The Harmonious Circle: The Lives and Work ofG. I. Gurd­ j i e f f , P. D. Ouspensky, and Their Followers, Thames & Hudson, Lon­ don 1980. Welch, Louise, Orage with Gurdjieff in America, Roudedge & Kegan, Paul, London und Boston 1982.

Originaldokumente
Wichtige auf Gurdjieff Bezug nehmende Originaldokumente und Fotos gelangen in verstärktem Maße zu den von Michel de Salzmann in Paris und der Gurdjieff Foundation of California verwalteten bibliographischen Sammlungen. Weitere bedeutsame Unterlagen befinden sich in privatem Familienbesitz. Gewisse spezielle Sammlungen bei öffentlichen Stellen in den USA enthalten relevantes Material über einige von Gurdjieffs Schü­ lern, auch wenn sie im allgemeinen nicht Gurdjieff per se betreffen. Von diesen sind einige nachstehend aufgeführt: Archive of the Library of Con-

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gress, Washington, DC: Margaret Anderson, Jane Heap und Solita Solano. Fisk University Library, Nashville, Tennessee: Jean Toomer. Maryland University, McKelvin Library (Porter Room): Djuna Bames und Jane Heap. Princeton University Library: Zona Gale. Wesleyan University, Olin Library: Gorham Munson. Wisconsin State Historical Society: Zona Gale. Wisconsin University, Milwaukee, Golda Meir Library: Margaret Ander­ son. Yale University, Beinecke Rare Book und Manuscript Library, New Haven, Conn: Muriel Draper, Kathryn Hulme, Mabel Dodge Luhan, Pjotr Demianowitsch Ouspensky und Jean Toomer. Yale University, Music Li­ brary, New Haven, Conn.: Thomas de Hartmann.

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Personen- und Sachregister

Abdul der Verdammte, Sultan 16, 161 Abtei -*• La Prieure «A»-Einfluß 62,64 Afghanistan 40, 42, 115 Ägypten 37 f. Alexander der Große 60 Alexander II., Zar 16 Alexandropol 12,14 ff., 23 ff., 34, 37, 45 f., 81,93,105,114, ii7, i6o «Als seien die schwierigen Jahre vorbei» 261 Anderson, Margaret 219 ff., 223, 225, 230, 240, 246, 282 f., 285 ff., 293 f., 296, 308 Anderson, Paul 270, 276, 321 Ani (Ruinenstadt) 30 Anthropozentrismus 57 Armenien 12, 30, 35> 37' '39> Aschiata Schiämasch 61 f. Aschoch 60 Askokin 58,60, 63 f. Atlantis 21, 38, 6o, 228 Autoegokrat 5 3 Avon-» - Fontainebleau Babylon 40,61

Batumi 138,150 f., 154,239 Beaumont, Winifred A. -»• Bennett,
WinifredA.

Bechhofer-Roberts, Carl 142, 148 f., 170, i79, 187, 193, ”4 Beelzebubs Erzählungenfür seinen EnkelS, 59, 8i, 1 15,233,241, 243,247,249,251 ff., 255 f., 266 f., 279, 284, 290, 294, 297) 302, 309, 316,322 f-.327f-.330 Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen-/ f., 32, 249, 253, 266 «B»-Einfluß 62, 64 Bennett, John Godolphin 19, 40 f., 74, 149, 152, i6o ff., 166, 176, 190 f., 199, 207 ff., 211,225, 241, 245, 276 f., 299, 303, 309 ff., 313, 315 ff„ 322 ff., 3 30 ff., 3 34 Bennett, Winifred Alise 162 f., 310 Berlin 161, 166 ff., 170, 194, 252, 286 «Bestattungszeremonie für einen verstorbenen Derwisch» 202, 213 Bewußtseinsmodell -* Zoostat Bewußtseinsschichten 70 f. Blavatsky, Helena Peo-owna 83

377

Blök, Alexander Alexandrowitsch 74 Bogatschewski, Diakon 22 ff. Bolschewik! 142, 152 Borsch, Dekan 20 ff., 24, 28, io6 Boston 223, 275, 279 Bragdon, Claude 262, 268 Brook, Peter 7, 68 Buber, Martin 52 Buchara 39 f., 42,196 Buddha/Buddhismus 59, 67, 76, i6i Butkovsky-Hewitt, Anna Ilischna 83, 93, 96 tf-, 113, 1^7,24^ Butkowski, Anna I. -* Butkovsky-Hewitt, Anna I. CafedelaPaix n ^,225,233,259, 263, 266,270,278,280,290 Carruthers-Young, James 171, i8i Caruso, Dorothy 308 f., 312 f., 318,324,329 Chardin, Teilhard de 52 Chicago 143, 223, 231, 263, 267, 272 f., 275 Cocteau, Jean 208, 246, 296 Crowley, Aleister 224 Crowly, Herb 219 «Das Gebet» 194 «Das Große Gebet» 157

«Der Kampf der Magier^) 88 f., 145, 147 f., 156 f., 159,
319

Das Leben ist nur wirklich, wenn
«Ich bin» 266, 275 Daumal, Rene 136, 255 f., 270, 278, 283, 286 ff., 295, 297 f., 302 Daumal, Vera 255, 278 Deiza, Elizabeth 223, 240 Denikin, Anton I., General 146, i49 «Der Fall der Priesterin^> 157

«Der kleine T ibeter» 157 «Der unbewußte Mord» 233 Der Vierte Weg 187 «Der Walzer» 194 Der Weg des Fakirs 68 Der Weg des Mönchs 68 Der Weg des Yogi 68 Derwische 30, 33, 46, 154, 156, 158,205 -, tanzende -» Mewlewi-Derwische Derwischtänze 145, 158 Diaghilew, Serge 74, 2io, 223 «Die äußere und die innere Welt des Menschen» 275 f. «Die Chiromantie der Aktienbörse» 233 «Die drei Brüder» 233 «Die geheiligte Gans» 194 «Die Initiation der Priesterin» 78, 194, 2oi f., 230 «Die Kokainisten^> 233 Dietrich, Luc 296 f., 302, 304 «Die verlorene Liebe» 194 Dohrn, Harald 169, 179 Dohm,Wolfi69 Draper, Muriel 216 f., 221, 223, 270 Dreiser, Theodore 220 Dresden 162, 169,175, 179 Dualismus -, babylonischer 5 3 -, manichäischer 159 Duncan, Isadora 208 Dukes, Paul 80 ff., 181,245 Dwight, Jessie R. ->• Orage, Jessie R.

378

Einstein, Albert 158 Eliade, Mircea4i Eliot, Vivienne 205 Enneagramm 42, 202, 320 Entropie 54, 56 Essener, Bruderschaft der 30, 86, 308 Essentuki 107 ff., 110,112 ff., 120 ff., 127, 131,136 ff., 143, 1^,1^8,171,203,213,215,
272

Graham-Forbes, Eric A. 171,178,
213

«Große Gruppe» 194 «Große Sieben» 194 Gruppe, Bedeutung der 73 Guenon, Rene-Jean-Marie-Joseph 248 Gurdjieff, Dimitri Iwanowitsch 45 f., 105,114, 134, 137,150, i6o, 278, 284 f. Hartmann, Olga de 8, loi, 103 f., 109 ff., 118, i2i, 129 ff., 134 ff., 13 8 ff., 147 ff., 151 f., 163, 167 f., 172, i8i, 184, 190,
211, 222, 224, 227 ff-, 232, 236,

Etherokriino 5 3 ff. Etjewan, Alfred 318 f. Eurythmie 136, 182 Ferapontoff, Boris 156, 247 Fontainebleau 184 f., 187,189, 196,201,209,211,214,218, 225, 238, 241, 246 f., 255, 259 f., 269, 32i, 335 Frank, Waldo 218, 240 Frankfurt a. M. 247, 252, 323 Freud, Sigmund 6o, 158,193 Gale, Zona 220, 222 f., 263, 265 Galumnian, Elisabeta 144 f., 166, 265 «Gesammelte Präsenz» 70 «Gesetz der Drei» (Triamasikamno) 54 «Gesetz der Sieben» (Heptaparparaschinoch) 54, 56 Gibbes, Sidney 83 Gide, Andre 296 Giorgiades, loannas 13 f., 16 ff.,
27 f., 122

238, 243, 248 ff., 285, 291,332 Harunann, Thomas de 91, i o i ff., 109 f., 117 f., 121, 125 ff., 128, 130 f., 134 ff., 143, 145,147 f., 157, i65f.,i8of., 194, i98,
200 ff., 212 ff., 2l6 ff., 222, 229 f., 234, 238, 249 ff., 253, 255,261,291,333

Heap,Jane 8,219, 220,223,240 f., 246, 250, 278 ff., 285, 289, 293, 306,313 Hebertot, Jacques 212 Heilige Gymnastik 115, 137 Heiliges Bejahen 54, ’I57'> ^7 Heiliges Verneinen 54, 1^7, ^o, 262 Heiliges Versöhnen 54, 157, 303 Heilige Tänze 8, 42, 47, 51, 136, 138 f., 145, 170, 175, 182, 191,
210,2 1 3 , 2 3 2

Giorgiades, Sophia 234 Gilgamesch-Epos 21 Goepfert, Louise 251, 257, 265 Gordon, Elizabeth 231, 262, 265, 28l

Helenistische Spartakistische Vereinigung Ethnike Hetairia 35,37 Hellerau 130,163 f., 169 f. Hemingway, Emest208, 285, 296

379

«Heroische Reisen» 40 Heropass 53 Hinzenberg, Olga Iwanowna Lasowitsch Milanoff -»• Olgiwanna Höheres Gefühlszentrum 68 Höheres intellektuelles Zentrum 68 Höchster Erzengel Sakaki 5 8 f. Howarth, Jessmin 8, 182 «HoYa!» 157 Hulme, Kathryn 208, idi, 280 f., 284 f., 295, 300 ff., 305, 323 Hypnose 39, 49 Imastun-Bruderschaft 37 Indien 41, 146 Institut zur harmonischen Entwicklung des Menschen 8, 142, 158, 178,263,265 Internationale Idealistische Gesellschaft 11 $ f. Internationales Zentrum La Methode Rhythmique 162 Jackson, Schuyier 263,293 Jacques-Dalcroze, Emile 136, 162 f., 169, 182,213 Jaspers, Karl $ 2 Jelow, Abram 26 f., 34, 47, 82,133 Jeziden 27 Johnson, Lydia 141 Jung, C. G.52,171 Kafian, Adele 193 Kandinsky, Wassili 102, 13$, 229 Karpenko, Pjotr 34,47 Kars 15, 17 ff., 106 Kaukasus 127 f. Kemal, Mustapha 150 Kenney, Rowland 8,178 380

Kirstein, Lincoln 217, 270 Konstantinopel 15 o ff., 158, i6off-, 171,175,179,194,239 Kreta 37 Kundabuffer ->• Organ-Kundabuffer Kurdistan 31 Landau, Rom 267 ff., 274 f., 278 f. LaPrieure 138, 184 f., 190 f., 195 f., 200, 204, 209 ff., 213, 215,218,224,230,232,23$ ff., 243,24$ f., 251 ff-, 255,260 f., 264 f., 267, 269, 310, 3i5> 320,
329.335

Lavastine, Philippe 278, 289 Lawrence, D. H. 224, 236 Leblanc, Georgette 219, 240, 246, 282 f., 28 5 ff., 293 Lehrer des Tanzes 181, 223, 230, 317,326,329,334 Lenin, Wladimir Iljitsch U. 60,62,, 82,150,159,1/8 Lentrohamsanin 61 Leonardo da Vinci 60, 67, 94 Lewis, Sinclair 2io London 8, 164, 170 f., 173, 175, 179, 181,202,229,231,245, 247,250,279,293,303,313 Lubowedski, Juri, Fürst 38 f., 40, 47,i$3 Lwowitsch, Lew 80, 245 Lyne Place 303, 307 f., 313 Magnetismus, animalischer 100, 154,158 Mahmud II., Sultan 161 Maikop 124 ff., 131 Mairet, Philip 51, 69 Mansfield, Katharine 12, i88, 190 f., 193 ff., 200 f., 204 f.,

218,248,273,285,288,304 Mauriac, Francois 248, 256 Mayall, Elizabeth (später Mrs. E. Bennett)313,330 Megalokosmos 54 Mendham 303, 313, 315, 320 ff. Merkurow, Georgi 12, 23 Merkurow, Serge j D. 81, 88 f., 94, 105, 107, 121,245 Merston, Ethel 183, X91,195,199, 210,231 f., 245 Menschewiki 133 Mesmer, Franz 60 f. Mewlewi-Derwische 154,156 ff., 287 Milne, Georg 152,178 Moral -, objektive 22 -, subjektive 22, 60 Moskau 35, 49 f., 75 f., 8i ff., 89 f., 94, 107, i i 3 , i 3 9 > i 4 3 > 146,245,276,293 Mudra- Praktiken 42 Munson, Gorham 219 f., 223, 240 f., 263, 270, 274 Murray,John Middleton 205 Nassr-Edin, Mullah 13, 215 New York 8, 143» 211, ^"4 ff-> 220 ff., 231 f., 236, 239 t-, 243» 246, 249, 251,253 f., 256 ff., 260, 263, 268, 270 ff-, 274 t-, 284,293,295^303,305, 317 t-, 320, 324, 328. 331 Nicoll, Maurice 171, 177' '^i, 192,209,225,303 Nijinski, "Waslaw74,102,170,263 Nikolaus II., Zar 43,75' 87, toi, 104 Nott, Rose Mary 8 Nott, Charles Stanley 8,144,174,

176, 192, 202, 217 f., 221, 230,

253,255, 259 f., 263 f., 273, 282,286,314, 316 Noworissisk 138, 148 f., 245 Olgiwanna 144 f., i88,193 f.,2oi, 223,229,231,245,273,293, 296,320 Orage, Alfred R. 66, 171,173 ff., i88, 192, 195 ff., 201, 212, 217, 223 f., 232 ff., 239 f., 242 f., 249 f., 25 3 ff., 263, 266, 275, 293, 303, 306, 312, 316,321 Orage, Jessie Richards 8, 230, 2 3 5 f., 240, 242, 249 Organ-Kundabuffer 58 f., 61, 63,
72

Ostrowska, Julia 76 ff., 101,106, iio,113,ii5,128,131,134, 140,142,145,146,195,198, 207, 212, 223 f., 229, 236 ff., 277,296 Ouspensky, Pjotr Demianowitsch 8, 34 f.,, 56, 63, 70 f., 73, 82 f., 86 ff-, 104, 106 ff., 112 ff., 122, 136 ff., 142 f., 145 f., 148 ff., 155 ff., 159, i62ff., 170 ff., 175 ff., 181, 195, 2i6, 225, 229, 238, 245, 247, 26o, 269, 278 f., 293, 303, 306 f., 309, 313 f., 319, 323 f. Ouspensky, Sophia (Sofja) Grigorjewna 101, 156, 163 f., 185,202,231,247,249^,255, 26o, 286, 288, 307 ff., 320 ff. Paquet, Alphons 163, 247, 252 Paris 8, 35, 8i, i6i, 179 f., 182, 184, 189,208,213,225,243, 245, 255, 264 ff., 272, 278, 285, 287,288,290,293,297^,301, 38l

303,308, 3”, j 320, 323 f., 326 Pauwels, Louis 180, 305, 317, 325, 327 33^ Pera 152 ff., 163 f., 167 Perrault, Giles 288, 290 Persönlichkeit, Rolle der 64 f., 67 Peters, Fritz 77 f., 169, 183, 23$, 237 ff., 2; i £,267,271 ff., 279 ff., 292, 30i f., 304 Petrograd 76, 80 f., 87 ff., 93 ff.,
100, 102, 106 ff., HO, 1 1 2 f.,

Rue des Colonels Renard Nr. 6 283, 289 f., 292, 296, 299, 30i, 303, 3o6ff., 311, 313, 321, 326 f., 332, 335 Sabaheddin, Mehmet, Fürst 101, 150,i62 Sacharoff, Andre) A. 96 f., 101, 104, 107 ff., 115, 130, 142, 148 ff., 245 Salzmann, Alexandre Gustav 135 f., 142,145 ff., 163, 167,
l8o,193,198,200, 202,212,

118, 131 f., 139, 146, 155, 158, 169, 187,245,272,293 Petrow, Alexander 107, 130, 245 Philadelphia 211, 223 Philipson, Ralph 171,177, 181 Pinder, Frank S. 149,170, 172, 175 f., 198, 215, 224 f., 24;, 3i3,3i6 Pogossian, Sarkis 26 f., 30, 34, 38, 47,133 Pohl, Wladimir 81, 88 f., 94,245 Pound, Ezra 209 Priestley.J. B. 50 Prinkipo (Insel i. Marmarameer) 156,i6o,163 Putman, Nick 270, 276 Pythagoras/Pythagoräer 30, 6o, 67,308 Ratschmiljewitsch, Alexander J. 169, 179, 191,207,244,262, 264 f., 278 Resevoir der Gnade 68 Ropp, Robert S. de 79, 319, 321 Rostow 142, 148 f., 175 Rothermere, Lady Mary Lilian, Viscountess 163 f., 171, 177, i8i,188,206 Rotmützen-Lamas 43 382

229 ff., 247, 255 f., 269, 278,
282

Salzmann, Jeanne Matignon (de) 8 f., 136 ff., 142, 145, 147 f.,
1 5 8 ,201,22 3,23 0, 247,2 6 2 ,

264 ff., 270, 278, 282 f., 285 f., 289, 291, 293, 296 t-, 299, 302, 304, 307, 310 f., 313, 3 324, 327, 330 ff. Samarkand 41 f., 202 f. Sanaine-Kloster 26, 29 Sarmung-Bruderschaft 30 f., 33, 49 Sannung, Kloster 40 ff., 222, 277, 30i Sartre, Jean Paul 293, 296 Saurat, Denis 159, 205 ff. Schaeffer, Pierre 317, 325, 327, 334 Schmargendorf (b. Berlin) 167 Schule der Achtsamkeit und des Bewußtseins 187 Schwarzer Magier 88, 145, 159, 165, 190,243,275,281 Schwarze Tänze i6o Seabrook, William 216 ff. «Seilschaft», die 281, 284, 287, 301,320

Sevres-Gruppe 278, 28o Sharpe, Clifford 171, 190, 193 Shoitt, Edward 177 ff. Sinclair, Henry John, Lord Pentland 321, 324 Solano, Solita 240, 246, 280 f., 285 £,289,293,300,306 Soleil Absolut 53 f., 334 Solfeggio, kosmologisches 56 Solowjew 40, 47 Sotschi 130, 212 Souhart, Kloster 213 Spiritualismus 47, 84 Stalin, Joseph W. 82 Stanislawski, Konstantin Sergejewitsch 74, 170 Staveley, Annie -Lou 306, 314 Stjoemval, Elisabeta Grigorjewna 87,107,125,127,131,151,163, 165 f., 214, 223, 238, 262, 265, 296, W f. Stjoemval, Leonid R. 86 f., 95, 97, 103, 107 f., 112 ff., 117, 125 ff-, 131, 134,'42,147,1^4,i66, 196,211 £,214,224,228,230, 238 f., 245, 251, 255, 258, 262, 264 f., 276, 278, 286 St. Petersburg -r Petrograd Strawinski, Igor 74, 2o8 Sucher der Wahrheit 34, 194 Tafel, Edgar 273 Taliesin/Wisconsin 273 Tanieff, Sergej 102 Taos (Neu-Mexiko) 236 Taschkent 46 f. Terror der Situation 45, 47, 59 f. Tetratokosmos 58 The Herold ofComing Goodibb, 279 Theomenmalogos 53

Theosophie 47, 83 f. Tibet 33, 42 ff., 75,115,141,178, 213,326,328 «Tibetische Masken» 157 Tiflis (Tbilissi) 25 ff., 30, 32, 45, 132 ff., 135 f., 138, 140 ff., 146 ff., 153 f., 158, 167, i8i, 194,285 Tilley, Basil 313, 315, 317, 341 Toomer,Jean 219, 230, 236, 240, 249, 263, 267 f., 270 ff. Tracol, Henri 51, 289 Tracol, Henriette 289 Tracol, Lise 330, 332 Transkaukasien 14, 127, 135 Trogoautoegokrat 54 Trotzki, Leo 6o, 62,150,178 Tuapse no, 113, 131 Turkestan 48, 150 Typologie des Menschen 67 f. Unbewußte, das 38, 6o f., 70 Unser Gemeinsamer Vater 58 ff. Vasto, Lanza del 296, 302 Vernunft, objektive 5 8 ff. Walker, Kenneth 73, 141, 177 f., 308, 313 ff., 324 Washington 275 ttWebb,James 192, 2i8, 220, 240, 244, 254, 262, 263, 266, 268 f., 271,307 Weißer Magier 88, 1 4 5 , 1 5 9 ^ 165,i9°,281 Weiße Tänze i6o Weißrussen 152, 154, 156 Welch, Louise 223 f., 229, 235, 255, 263, 304, 320 f., 331 West, Rebecca 220 Wilder, Thomton 259 f.

383

Wolfe, Edwin 259, 263, 270, 282, 320 f., 326 Wright, Frank L. 231, 273, 274,
320

Wüste Gobi 40, 47,94 Wüste Karakum 41 Wüste Kisilkum 41 Wüste Taklamakan 43, 94 Yangi Hissar 46 Younghusband, Sir Francis E. 44 Young, James 182 f., 188, 190, 193, 195 f., 198,201,207,210

Zigrosser, Carl 95,136, 220 Zoete, Beryl de 163, 269 Zoostat, aufsteigende Ebenen des -, objektives Bewußtsein 70 -, Selbst-Bewußtsein 70 -, Waches Bewußtsein (Selbst­ Erinnerung) 70 -, Schlaf 71 2oroaster6i Zuber, Rene 324, 326, 337

384

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