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Texterörterung: Jens Jessen – „Die verkaufte Sprache“ (ZEIT, 2007)

Klett, deutsch.kompetent, S.105f; http://www.zeit.de/2007/31/Deutsch-Aufmacher

Der vorliegende journalistische Artikel „Die verkaufte Sprache“ von Jens Jessen aus dem Jahr 2007 behandelt die Problematik des Einflusses fremder Sprachen auf das Deutsche und dessen Auswirkungen. Das Konfliktpotential um den Sprachwandel ergibt sich dadurch, dass viele konservative Sprachschützer sich gegen die Befürworter von Fremdeinflüssen auflehnen. Jens Jessen als Ressortleiter des Feuilleton der „ZEIT“ nimmt in diesem kontroversen Feld eine relativ reflektierte aber durchaus konservative Position ein. In den Ausführungen wird deutlich, dass Jessen gewillt ist, das Deutsche als Sprache voller Vielfalt nicht unter dem simplifizierenden Einfluss des Englischen qualitativ aussterben zu lassen. Die Anglizismen haben dabei Einfluss auf alle Stilschichten des Deutschen sowie auf die Varietät des Standarddeutschen als überregionale Obermenge der deutschen Sprache, was vor allem bei einer Vielzahl von Sprachhütern für Aufregung sorgt.

Doch Jessen stellt schon im Vorwort klar, dass die deutsche Sprache schon aus dem Kreis der Weltsprachen verschwunden sei. Dies sei nicht nur ein Problem auf internationaler Ebene, sondern auch auf nationale, da das Deutsche durch Fremdeinflüsse immer mehr zum „Sanierungsfall“ würde. Zuerst relativiert Jessen die Sorge der Sprachschützer, indem er sie als zu konservativ darstellt. Jedoch seien auch Gründe da, die Sorgen derer zum Anlass einer vernunftgeführten Diskussion zu nehmen. Jessen gibt hier als Beispiele zahlreiche Anglizismen, die im deutschen Sprachraum nichts zu suchen hätten. Im Gegensatz dazu wird aber betont, dass nicht der zu häufige Einsatz von Anglizismen das Problem sei, sondern die Intention dahinter. So nutzen Viele - nach Jessen - Anglizismen nur zu dekorativen Zwecken ohne jegliche Kenntnis. Weiterhin habe das Deutsche den Einfluss des Französischen im 18. Jahrhundert gut überstanden, da die meisten Ausdrücke entweder verschwunden seien oder aber sich nun tief in den Wurzeln der deutschen Sprache befänden. Jessen stellt daraufhin klar, dass das Deutsche schon seit Langem eine Hybridsprache ist. So sei zwischen der unreflektierten und konservativen Sprachhüterei und der Sorge um den Sprachverfall zu differenzieren. Da die deutsche Grammatik schon mehrfach von Grund auf erneuert worden sei, könne der Einfluss des Englischen nicht grundsätzlich als negativ beurteilt werden. Schon der Einfluss des Lateinischen im Mittelalter und während der Reformation habe das Deutsche an Vielfalt und Intellektualität gewinnen lassen. Anders seien die Werke großer Wissenschaftlicher, Dichter oder Philosophen nicht möglich gewesen. Dennoch sei nun ein erneuter Einfluss des Englischen dadurch nicht legitimiert. Das Problem liege eher darin, dass der Einfluss das Deutsche nicht reicher mache, sondern es simplifziere. Darüber hinaus kommen neue Anglizismen nicht nur hinzu, sondern ersetzen auch deutsche Wörter und verdrängen die natürliche Wortbildung des Deutschen, die dazu allein fähig wäre Neologismen und Wortimporte ohne große Schwierigkeiten zu integrieren. Einen weiteren wichtigen Punkt für den Rückgang der deutschen Sprache sieht Jessen im Ungleichgewicht der Sprecher.

Während Deutsch nur von rund hundert Millionen Menschen gesprochen werde, spricht ein Großteil der Weltbevölkerung Englisch. Aus diesem Grund sei der Rückgang des Deutschen aus der Wissenschaft eine nur logische Konsequenz. Jedoch sieht Jessen in diesem Ungleichgewicht keine Rechtfertigung dafür, dass an sämtlichen höheren Bildungseinrichtungen in Deutschland nun Englisch die vorherrschende Sprache ist, da sie womöglich in einer globalisierten Welt von höherem Nutzen sei. Jedoch sei nicht die internationale Konkurrenz dafür verantwortlich, sondern eher der Zeitgeistopportunismus der Sprachimporteure. So seien die englischen Wörter wie Worthülsen um den Inhalt schmackhafter zu machen. Nach Jessen liegt die Intention des Sprachimporteurs nicht darin, sich gegen die traditionelle deutsche Sprache aufzulehnen, sondern darin, Marketing in eigener Sache zu betreiben. So sei das Englische Mittel zu Prestige, Ansehen, Verschleierung und Kommerz. Weiterhin betont Jessen, dass nicht überpersönliche Mächte für den Sprachimport verantwortlich seien, sondern identifizierbare Sprecher, die oft unbeabsichtigt Anglizismen nutzen. So handle der Sprachimporteur mit Waren, die in seinem Herkunftsland schon als wertlos angesehen würden. Laut Jessen seien hierfür vor allem viele Geschäftsleute verantwortlich, die sich wie Kinder verhalten würden, indem sie die Erwachsenen mit neuen Begriffen verblüffen, beeindrucken und ärgern. Doch letzten Endes läge es in der Hand jedes Einzelnen die weitere Zukunft der deutschen Sprache zu formen. Die Verantwortung darüber, ob das Deutsche aussterben solle, obliegt nun den rund hundert Millionen Sprechern der deutschen Sprache. Jedoch würde auch das Deutsche ähnlich wie das Lateinische als tote Sprache in der heutigen Zeit weiterleben, da es von vielen alten Schriftstellern und Wissenschaftlern getragen werde. Um dieses kontroverse Problemfeld genauer zu verstehen, ist eine Analyse der Argumentation Jessens vonnöten.

Ganz grundsätzlich kann der Text Jessens in sieben große Abschnitte unterteilt werden. Im Vorwort sowie der Einleitung von Z. (0) bzw. 1 bis 6 wird eine kurze Einführung in die Problematik gegeben, die jedoch sofort mit Hilfe rhetorischer Fragen den Leser in gewisser Weise provoziert. Weiterhin wird auch eine erste grundsätzliche Einstellung des Autors deutlich. Von Zeile 7 bis 13 werden die Gründe für die Aufregung bzw. die rhetorischen Fragen Jessens erläutert. Im Folgenden wird ein Exkurs in die sprachliche Geschichte des Deutschen vorgenommen, indem die Einflüsse des Französischen und Lateinischen von Zeile 14 bis 30 dargestellt werden. Ganz im Kontrast dazu steht der - laut Jessen schlechte - Einfluss des Englischen, der von Zeile 31 bis 38 kritisiert wird. Um dem Leser das Ausmaß des Einflusses deutlich zu machen, wird eine Reflexion der aktuellen Situation im deutschen Sprachraum von Zeile 39 bis 51 vorgenommen. Da in diesem Abschnitt vor allem der unter Zeitgeistopportunismus leidende Sprachimporteur angeprangert wird, legt Jessen im Abschnitt von Zeile 52 bis 73 den Fokus auf die Problematik der Sprachimporteure. Schlussendlich endet der Text ab Zeile 74 mit einem appellierenden Fazit an die deutschsprechenden Bürger.

Der vorliegende journalistische Text aus dem Jahr 2007 stammt aus dem Feuilleton der deutschen Zeitung „Die Zeit“ und soll zur Meinungsbildung der deutschen Bürger

beitragen. Diese steht im deutschen Sprachraum für einen politisch liberalen Standpunkt und ist vor allem an Menschen mit höherem Bildungsstand gerichtet. Jens Jessen selbst arbeitete zuvor bei der bürgerlich-konservativ ausgerichteten Frankfurter Allgemeine[n] Zeitungsowie der linksliberalen Berliner Zeitung. Im vorliegenden Text nimmt Jens Jessen eine eher konservative, aber durchaus reflektierte Position ein. Die reflektierte Seite wird dadurch deutlich, dass die Hüter der deutschen Sprache als relativ gefährlich aber lächerlich dargestellt werden, dennoch aber grundsätzlich ernst zu nehmen seien (Vgl. Z. 1ff, 22). So werden rhetorische Fragen gestellt, die dem Rezipienten vor Augen führen sollen, dass eine zu intensive Nutzung von Anglizismen nicht förderlich sei (Vgl. Z. 3-6), sodass auch die konservative Seite vorhanden ist. Im Folgenden kritisiert Jessen die Nutzung von Anglizismen. Dabei liege das Problem eher darin, dass die Deutschen diese ohne jegliche Kenntnis nutzen, als das sie in großem Ausmaß in der deutschen Sprache auftreten. Somit sieht sich Jessen selbst als Teil der Bildungsschicht und stellt die unreflektierte Nutzung der meisten Deutschen in ein schlechtes Licht, sodass der Aussage eine höhere Stellung als Bewertungsebene zugeordnet werden kann (Vgl. Z. 7ff). Darüber hinaus wird als Grund dafür das Streben nach Kommerz genannt, was ebenfalls negativ konnotiert wiedergegeben wird (Vgl. Z. 9ff). Dass Fremdeinflüsse die deutsche Sprache nicht beeinflussen sollen wird deutlich indem Jessen an vielen Textstellen eine implizite Wertung vornimmt (Vgl. Z.7 - Überflutung, 15 - gut überstanden, 34 - atemberaubend, 36f - verdrängen, 56f - betrügerisches Tun), aber auch leicht ironisch an die Thematik herantritt (Vgl. Z. 11 - fake). Besonders deutlich wird dies in Zeile 62 und 63, da dort von Unfug und Gewalt gesprochen wird, die der deutschen Sprache negativ zur Last fallen würden.

Zur Argumentationsstruktur des Textes lässt sich sagen, dass Jessen es gekonnt schafft, von Absatz zu Absatz überzuleiten (Vgl. Z. 12ff, 30f). Dabei bedient er sich einer Struktur, die Thesen aufstellt, Beispiele gibt und einen Beweis abliefern will. Jedoch gelingt es Jessen über den gesamten Text hinweg nur wirkliche Beweise anzudeuten, sobald es sich um Geschichtliches handelt, dessen Richtigkeit schon zuvor durch Statistiken anderer Linguisten empirisch bewiesen wurde. Viele der verwendeten Beispiele können dementsprechend als Beweis herangezogen werden, liefern aber keinen allgemeingültigen und sicheren Nachweis. So wird z. B. in Zeile 8 die These aufgestellt, dass das größte Problem darin bestehe, dass sich die deutschsprachigen Sprecher Anglizismen zum dekorativen Selbstzweck ohne jegliche Kenntnis darüber aneignen. Diese These wird mithilfe des Beispiels der Deutschen Bahn dargelegt, die sich auch sprachlich zu modernisieren versuche, jedoch aber nichts dahinterstecke. Ob etwas dahintersteckt bleibt fraglich, dennoch liegt hier ein gut gewähltes Beispiel vor. Doch inwiefern die Deutsche Bahn nun voller Unkenntnis über die genutzten Anglizismen ist, bleibt unklar, sodass letztlich kein Beweis geliefert werden kann. Ein weiteres Beispiel ist die konnotierte These, dass das Deutsche den Einfluss des Französischen gut überstanden habe (Vgl. Z. 15ff). In Bezugnahme darauf, dass die These schon allein eine starke Färbung des Autors beinhaltet, besitzt das Beispiel mit der Endung -ierenim Deutschen, dass aus dem Französischen kommt,

nur wenig Beweischarakter, da letzten Endes immer noch die Frage offen bleibt, was nun wirklich gut für eine Sprache ist. Bei den geschichtlichen Fakten dagegen ist die Beweisführung basierend auf früherer Erkenntnisse etwas konkreter. So sei die Sprache eines Kleist oder Hegel ohne den Einfluss des Lateinischen auf das Deutsche kaum möglich (Vgl. Z. 29-33). Da Jessen allerdings in Zeile 27 selbst den Konjunktiv verwendet um darauf aufmerksam zu machen, handelt es sich zwar um ein Beispiel mit Beweischarakter, doch zu einer konkreten und fundierten Argumentation kommt es nicht. Ein komplettes Negativbeispiel liegt in Zeile 34 vor. Jessen spricht von einer atemberaubende[n] Simplifizierungdes Englischen auf das Deutsche. So würden die englischen Ausdrücke nicht nur einfach hinzukommen, sie würden zudem auch nicht nur deutsche Wörter ersetzen, sondern die natürliche Wortbildung des Deutschen verdrängen. Für diese These liegen keinerlei Beweisansätze im gesamten Text vor. Als weiteres Beispiel kann Zeile 65 herangezogen werden, da der Zusammenhang auch hier dem Leser nicht klar wird. Je nach Leser mag jedoch das Interesse an einem Beweis unterschiedlich groß sein, sodass eine vorgestellte Meinung möglicherweise umso interessanter sein kann. Somit lässt sich zur Wirkungsabsicht Jessens sagen, dass der zwar konservative aber reflektierte Argumentationsstrang durchaus Eindruck beim Rezipienten hinterlässt, da viele Beispiele aus dem alltäglichen Leben stammen und somit das gesamte System im deutschsprachigen Raum hinterfragen (Vgl. Z. 44f, 56ff). Darüber hinaus wirken viele der vorgestellten Thesen durchaus sehr polarisierend und anprangernd (Vgl. Z. 46 – „Zeitgeistopportunismus, Z. 56f – „Undeutlichkeit, Euphemismus, betrügerisches Tun), was bei Berücksichtigung des hohen Reflexionsgrades relativ glaubhaft wird. Dies wird vor allem durch den Appell am Artikelende deutlich (Vgl. Z. 74ff). Jessen spricht direkt jeden Sprecher der deutschen Sprache an, indem er das Wort unsbenutzt. So werde das Deutsche nicht sterben, es sei denn die Deutschen wollen es. Es wird ersichtlich, dass Jessen sich eine Hyperbel zu Nutze macht, indem er den schlimmsten Fall, der eintreten könnte, darstellt und dem Leser sprichwörtlich damit droht. Das Ziel Jessens liegt schlussendlich darin, dem Rezipienten auf emotionale Weise die Problematik näherzubringen, sodass dieser auch in Zukunft die dargestellte Position im Hinterkopf behält.

Meiner Meinung nach handelt es sich bei dem Artikel von Jessen, um eine gut dargestellte Meinung, die jedoch keinerlei Glaubwürdigkeit bei näherem Betrachten bietet. Auf der einen Seite gefällt die geradezu reflektierte Herangehensweise des Autors, da viele Meinungen aus dem konservativen Lager der Sprachschützer wesentlich weniger Diskussionsspielraum bieten. Auf der anderen Seite wird vom betrügerischen Tunder Sprachimporteure gesprochen, wobei Jessen selbst durch unpräzise und teilweise nicht vorhandene Beweise den Rezipienten bezüglich der Zuverlässigkeit seiner Aussagen täuscht. Außerdem lösen auch die vielen an sich guten Beispiele, die zwar den Kern nicht treffen, nicht das Problem, dass keinerlei statistische oder wissenschaftliche Arbeit vorliegt. Zumindest die Angabe einer Quelle würde die Aussagen eines Ressortleiters von einer großen deutschen Abonnementzeitung glaubhafter machen. Schlussendlich ist zu betonen, dass dem Artikel allein für den

hohen Grad an Emotionalisierung des Lesers ein hoher Wert zukommt, da eine reflektiertere Meinung, die eher zwischen einem der beiden Lager aus Sprachschützern und Opportunisten steht, alle Mal eher Basis zu einer konstruktiven Diskussion bietet.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Struktur sinnvoll gewählt ist, um eine Position bzw. eine These von Abschnitt zu Abschnitt immer weiter zu entwickeln. Die Position wird über den gesamten Text hinweg an vielen Stellen relativ latent mitgeteilt, was dazu führt, dass die Argumentation in sich umso schlüssiger wird. Bei genauerer Untersuchung ist jedoch festzustellen, dass die Position häufig ohne fundierte Beweise vermittelt wird. Außerdem werden keinerlei Quellen für geschichtliche Hintergrundinformationen angegeben. Eine Optimierung des Artikels wäre durch eine konsequentere Beweisführung möglich, die durch Statistiken ergänzt werden müsste. Da der Artikel aus einer Zeitung stammt und somit eher journalistischen als wissenschaftlichen Charakter vorweist, kommt ihm in der Tat ein hoher gesellschaftlicher Wert zu, da er dem Leser eventuell zu einer neuen Betrachtungsweise verhilft oder die Problematik verstärkt ins Gewissen ruft. Insgesamt handelt es sich also um einen aus journalistischer Sicht durchaus gelungenen Artikel, der eine differenzierte Haltung zu Anglizismen darstellt, diese aber durchaus in ihrer Nutzung kritisiert, da sie das Deutsche qualitativ bedrohen.