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Sonderdruck aus RAUMFAHRTFORSCH UNG - Heft 4 - Juli/August 1970 Quasi-hybride Raketenantriebe Roger LO, Stuttgart* Feststoffraketenantriebe mit zusdtzlicher Wasserstoffeinspritzung werden als ,Quosi-Hybride” bezeich- net. Wie bei den Hybriden befindet sich hier ein Teil der Treibstoffe in fester Form in der Brennkam- mer, wahrend ein onderer Teil eingespritzt wird. Im Unterschied zu den Hybriden wird aber weder ‘Oxydator noch Brennstoff eingespritzt, sondern Waszerstoff als reines Aufheizmedium. Als Systeme mit chemischer Wasserstoffaufheizung betrachtet, liegen die Quasi-Hybride hinter Triergolen und Tribriden in der spezifischen Leistung an letzier Stelle. Wegen ihrer einfachen Technologie entsprechen sie jedoch viel cher den Hybriden. Unter diesen liegen sie in der spezifischen Leistung jedoch an héchster Stelle. Das System (Ammoniumperchlorat, Lithium, Beryllium'/Wasserstoff ergibt als bestes Quasi-Hybrid bei 30 atm : 0.01 atm Gleichgewichtsentspannung einen spezifischen Impuls von 480 sec. Solid rocket propellants with additional hydrogen are termed “Quasi-Hybrids". As in hybrids, there is one part of the propellants situated as solid within the combustion chamber while another one is being injected. Quite different to hybrids, however, neither oxidant nor fuel are injected, but hydrogen as an inert material. Regarded as systems with chemical heating of hydrogen the quasi-hybrids, after liquid three component systems and fribrids, have the lowest specific impulse. Due to their comparatively simple technology they correspond much more fo hybrids, however. Among these the specific impulse lies in the highest ranks. The system (ammoniumperchlorate, lithium, beryllium\/hydr gen, which is the best quasi-hybrid, delivers a specific impulse of 480 sec at 30 atm:0.01 atm equi- librium-expansion. Die Terminologie der Raketenantriebe unterscheidet Flus- sigkeits-, Hybrid- und Feststoffantriebe. Die Treibstoffe be- stehen hier prinzipiell aus einer Brennstoff- und einer Oxy- ) Dr. phil, Institut fr Rakotontoibstoffe der DFVLR, Stuttgart 8, Pfattenwaldring 38-40 dotorkomponente; man spricht daher von Diergolen. We- sentlich hohere spezifische Leistungen werden erzielt, wenn zu diesen Systemen nach dem Prinzip der_.chemischen Wasserstoffaufheizung” zusdtzlich Wasserstoff eingespritzt wird. Man erzielt so die bei chemischen Raketenantrieben ‘berhaupt méglichen Spitzenleistungen. Auf diese Weise RAUMFAHRTFORSCHUNG Heft 4/1970 werden aus Flussigkeitstriebwerken Triergole, aus Hybr den Tribride und aus Feststofftriebwerken Quasi-Hybrid So wie die Feststoffantri sen die niedrigsten spezifischen Leistungen erbringen, st hen auch die Quasi-Hybride bei den Systemen mit chemi- scher Wosserstoffautheizung an letzter Stelle. Ihre Bezeich- nung deutet jedoch schon an, daB sie wegen ihrer analog relativ einfachen Technologie viel eher mit den Hybriden zu sich in fester Form im Triebwerk. Um die durch Wasserstoffeinspritzung in Feststofftrieb- werke méglichen Leistungssteigerungen zu Oberprifen, wur- den die theoretischen Daten fur die aussichtsreichsten der- artigen Systeme berechnet. Diese ergeben sich aus der fol- genden Uberlegung. Der beste derzeit verfigbore Fest- oxydator ist Ammoniumperchlorat. NH,CO, enthéilt Saver- stoff und Chlor. Ein Festtreibsotz fur Quasi-Hybride muB in seiner Zusammensetzung auf die Erzielung hoher Reak- tionsenthalpien, nicht auf hohe spezifische Impulse abge- stimmt sein. Die héchsten Energieausbeuten bei Verbren- nung mit Saverstoff liefert Beryllium, bei Verbrennung mit Halogenen dagegen Lithium. Als bester Brennstoff fOr Am- moniumperchlorat (AP) ist daher ein Gemisch dieser b den Metalle zu betrachten. Dieses Resultat beruht auf dem Prinzip der Brennstoff-Oxydator-Paarung, wonach gt mischte Reaktionsprodukte, welche die Energieausbeute verringern worden, in derartigen Fallen nicht zu erwarten sind, insbesondere dann nicht, wenn Uberschissiger Was- serstoff vorhanden ist. Dessen Gegenwart bewirkt aberdies, daB das Impulsoptimum bei jeweils stéchiometrischem Ver- haltnis des betreffenden Metalls zum zugehrigen Oxyda- tor liegt. Bei der Berechnung konnte man sich daher auf das System NHAC10, + Li 4Be + nH beschrénken und hatte nur die Wasserstoffmenge n zu op- timieren. Die Resuttate sind in BILD 1 gezeigt und in Tabelle | ang} geben. Das Leistungsmaximum des Systems liegt also bei 175 Hz pro Mol AP, wenn der Brennkammerdruck 10, der Disenenddruck 0.01 atm betrdgt. Bei gleichbleibendem Enddruck erh@ht sich der spezifische Impuls auf 480 sec, wenn der Brennkammerdruck auf 30 atm erhoht wird. Ta- belle | enthélt auch vorldufige Resultate der noch nicht ab- geschlossenen Leistungsrechnungen eines anderen quasi- TAB. |: Ubersicht Uber den theor. spez. Impuls von Quasi- Hybriden im Vergleich zu anderen Kombinationen System E F Gleichgew.- _Eingefrorenes Strémung _Gleichgewicht hybriden Systems mit Aluminium anstelle von Beryllium {hier wurden 3/8 Grammatome Al pro Mol AP eingesetzt). Aus der Tabelle geht hervor, da nur die Tribride die be- sten flissigen Treibstoffkombinationen dbertreffen, wah- rend die Quasi-Hybride diesen geringfigig unterlegen sind. Beim Einsatz von Beryllium ubertreffen die Quasi-Hybride die besten Hybride. Dagegen hat der Einsctz von Alu- minium in Quasi-Hybriden keine Vorteile, da dessen Lei- stung selbst von einem so einfachen Hybrid wie dem Sy- stem FLOX/Polyéithylen dbertroffen wird (wobei es in der Praxis allerdings noch darauf ankéme, wie nahe beim Gleichgewicht die Systeme brennen). Berylliumhaltige Quasi-Hybride stellen also eine nevortige Treibstofftechnologie dar, welche es erlaubt, die spezifische Leistung von Festtreibstoffen erheblich zu steigern und selbst jene der besten Hybride zu dbertreffen, ohne do- durch eine wesentlich kompliziertere Technologie in Kauf niehmen zu miissen. Die Technologie der Quasi-Hybride ist nur insofern vielleicht etwas schwieriger, als das Einspritz- medium der besonders kolte Flussigwasserstoff ist. AuBer- dem ist Gber die Stobilitét lithiumhaltiger Festtreibstoffe noch nicht viel bekannt. Vermutlich wird eine gewisse Menge Binder beigegeben werden missen, um das Metall vom Oxydator zu trennen. 500 400 —+ Igiy) (sek) 200 Tribride: O,/Be/Hz 564.6 548.5 Oz, FaBe, 10°%e LiH/Hy 556.6 533.0 Fo/LiH/Hp 509.0 4725 ‘O/AT/Ha a 480 gol Fo/Ho 493, 465.5 Oo/He 481 448.1 Quasi-Hybric AP, Li, Bela 464.5, 448 AP, Li, AI/He 400-410 - Hybride: Foftilt 4421 3743 F, O/Polyéthylen a3 353 RAUMFAHRTFORSCHUNG Heft 4/1870 100 0 10 20 30 40 50 60 70 —» nH BILD 1: Theor Leistungen des quasi-hybriden Systems AP +Li+4Bo+ nH: Obere Kurven: vakuumspezifischer Impuls bei 10:0.01 Entspannung untere Kurven: spezifischer Impuls bei 10:1 Entspannung helle Kreise: Gleichgewichtsstrémung dunkle Kreise: eingefrorenes Brennkommergleichge- wich.

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