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Der Klerus und die Amtskirche im Roman

'Ansichten eines Clowns' von Heinrich Böll

Reaktionen auf den Roman


• Der Roman löste heftige Diskussionen aus, v. a. die kath. Kirche lehnte ihn ab.
• „Ansichten eines Clown“ wurde zu einem der „meistdiskutierten“ Bücher der 70-er-Jahre, aufgrund des
Kritikerstreiks.

Kritik an der Vergangenheitsbewältigung der Katholiken („Kreis fortschrittlicher Katholiken“ als


Beispiel)
• Die Doppelbödigkeit der Moral, die Heucheleien werden von Schnier stark kritisiert
• Das soziale Elend wird von vielen verharmlost (Relativierung des Missstandes)
• Die Menschen verdrängen die Vergangenheit, sie konzentrieren sich auf die Gegenwart und wehren
Trauer ab.
• Viele Nazis erschlichen sich unter dem Schutz der kath. Kirche eine reine Weste.
• Man muss sich einer Gruppe anpassen, mit deren Meinung man konform ist, um nicht als Außenseiter
abgestempelt zu werden (Einengung des Individuums, Intoleranz)
Mehr und mehr wird die Kritik an den unreflektierten Wertewechseln der Deutschen im Übergang vom
Dritten Reich zur Bundesrepublik klar, an der fehlenden Verarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus
und der Katholischen Kirche, die als Institution ihren Anhängern eben diese unreflektierte Anpassung bis
hin zu Gehorsam abverlangt.
Filmbeitrag zur Einstellung Bölls der Kirche gegenüber (auf den Link rechts oben klicken!)
http://www.boellundkoeln.de/cms/koeln-in-boell/mentales/froemmigkeit-und-rebellion/rheinischer-
katholizismus/
Kritik an der Institution Kirche
Zugleich klingt immer wieder die Kritik am satten Klerus, einer verkrusteten Amtskirche, Prunk und
Bigotterie an. Der 1953 erschienene Roman „Und sagte kein einziges Wort“ und der „Brief an einen
jungen Katholiken“ (1958) fokussieren dieses Thema, das Böll auch in den kommenden Jahren niemals
losgelassen hat. Literarisch kumuliert die Kritik am Katholizismus im Roman „Ansichten eines Clowns“
(1963). Im Werk Bölls ist mit diesem Roman in gewisser Weise der Bruch mit der Amtskirche vollendet.
In seinem eigenen Leben vollzieht sich dies erst im Jahr 1976 mit Bölls Austritt aus der katholischen
Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Trotz dieses Schritts steht für Meurer fest, dass für Böll
die Kirche als 'corpus christi mysticum, als geistliche Gestalt' wichtig war und zeitlebens blieb.
Böll tritt aus der 'Institution Kirche' aus, wie er immer wieder betont. Sein Glaube bleibt für ihn dadurch
unberührt – oftmals verbindet ihn das mit Protagonisten in seinen Werken. Als Heinrich Böll in einem
Interview gefragt wird: "Sie würden also sagen, Sie sind ein steuerzahlender, aber nicht praktizierender
Katholik?" antwortet Böll, dass er auf den Klerus verzichten könne, jedoch nicht auf die Sakramente und
die Liturgie.

Gläubigkeit in Bölls Werken


Bölls literarische Werke können als Spiegelbild der Gesellschaft gesehen werden; ab Mitte der 1960er
Jahre nimmt das Motiv Glaube in seinen Werken ab und vermischt sich zunehmend mit gesellschaftlichen
Problemen. Parallel verringert sich auch der Einfluss von Kirche und Religiösität in der Gesellschaft.
Immer wieder trifft der Leser bei Böll auf zwei konträre Glaubenshaltungen, die Bölls Protagonisten,
meist katholisch getauft, innehaben. Diese beiden 'Grundtypen" stehen für den Widerspruch zwischen der
„Institution Kirche“, wie sie Böll wahrnimmt, und dem Glauben der Menschen im Alltag, der sich an den
'Sieben Werken der Barmherzigkeit' festmachen lässt: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde
beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. Die Bibel liefert also
'Handlungsanweisungen' für Christen, gegen die die Kirche häufig verstößt. In vielen Werken betrachtet
Böll die Kirche in ihrer Eigenschaft als Institution differenziert und kritisiert den Klerus. Der "bürgerliche
Katholizismus“ mit seinem Wohlstand und der Prunksucht steht für 'falsche Christen', die ihren Glauben
formal ausleben. Dem gegenüber stellt Böll immer wieder Christen, die ihren Glauben auch im Alltag
leben und sich Freiräume schaffen, die manchmal auch synonym für die Kirche und ihre Liturgie stehen.
Nächstenliebe und Mitleid sind die Hauptinhalte der 'Sieben Werke der Barmherzigkeit' als angewandter
katholischer Soziallehre – Bölls positiv geprägte Protagonisten leben nach ihnen.
Das Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken und deren Lebenswelten war noch bis in die
1950er Jahre hinein dichotom, was folgender Ausschnitt aus einer Dankesrede von Böll anlässlich der
Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille durch die Internationale Lage für Menschenrechte im Jahre
1974 zeigt:
"Als ich ein Kind war – in einer extrem katholisch-konfessionell bestimmten Stadt
aufgewachsen, [...] wenn man damals zu jemand sagte: Du bist verrückt, sagte der: Nein, ich
bin evangelisch. Und die Erwachsenen pflegten zu sagen, wenn man bei anderer Gelegenheit
sagen würde: Es ist zum Verrücktwerden – Es ist zum Evangelischwerden."

Bürgerlicher Katholizismus
Böll unterscheidet zwischen dem Glauben, der das Leben der Menschen bestimmt, geprägt vor allem von
Nächstenliebe, für die Jesus Christus synonym steht, und der bürokratischen Glaubensauslebung durch die
Kirche. Hier wird Glaube formal gelebt, es werden zwar Sakramente empfangen und die Riten der
Liturgie vollzogen, jedoch hat dies keine positiven Auswirkungen auf das Leben der Menschen.

Repräsentanten des bürgerlichen Katholizismus


Kostert (vom christlichen Bildungswerk)
repräsentiert den Katholizismus als wirtschafts- und materialorientiert. Kosterts verhalten ist nicht
persönlich, sondern typisch für die Kirche.
Kinkel
Gehört zum 'Kreis' und ist im Besitz wertvoller Madonnen-Statuen, die aus einem Kirchenraub
stammen (müssen). Kinkel repräsentiert hier die Doppelmoral der Kirche, also dass in diesem Fall
die Anhänger der Kirche, die Diebstahl und Heuchelei verurteilten, sie selbst praktizieren. Vgl.:
Kinkels Madonnen!
Der Mönch aus der 'Dings wo Priester ausgebildet werden'
Hier nimmt Böll den Katholizismus quasi auf den Arm. Er spricht am Telefon mit einem Mönch und
bittet ihn auf Latein 'Sum frater leonis'. Eine Andeutung darauf, dass das Mittelalter in der Kirche
noch lange nicht vorbei ist.

Fortgeschrittene Katholiken
Marie (Hans Schniers Partnerin und praktizierende Katholikin) versucht Hans in den 'Kreis
fortgeschrittener Katholiken' zu integrieren. Sie möchte Hans intelligente Anhänger der Kirche zeigen –
intellektuelle Katholiken. Die Kreismitglieder sind nicht nur 'fortgeschritten' sie sind auch recht
wohlhabend. Jeder verdient mindestens 1.500 Mark. Sie trinken Wein, beten, rauchen Zigarre, und
diskutieren 'Käsestangen fressend' über 'Armut in der Gesellschaft, in der wir leben'. Der Kreis ist der
Meinung, dass die 'Armut in der Gesellschaft, in der wir leben', gar nicht so schlimm sei. Viel übler sei es,
zwischen 500 und 3.000 Mark zu verdienen, 'das ist das nackte Elend' – unter 500 und über 3.000 Mark,
damit könne man ja leben!

Böll charakterisiert in 'Ansichten eines Clowns' den bürgerlichen Katholizismus, indem er den Katholiken
und katholischen Gruppen eine repräsentative Rolle verpasst. Mit dem 'Kreis fortgeschrittener Katholiken'
deutet Böll auf seine Grundkritik am Katholizismus:
"Die Katholiken, insbesondere die katholische Intelligenz, missbrauchen ihre Religion und
ihren Verstand gleichermaßen, um die offenbaren Ungerechtigkeiten (...) zu justifizieren."
'Katholik' ist für Schnier ein Schimpfwort, ein Unwort, ein Wort, was auf fortwährende Schande verweist.
Hans ist weder Katholik („weil sie unfair sind“), Protestant („die machen mich krank mit ihrem
Gewissensgefummel“), noch Atheist („die langweilen mich, weil sie immer nur von Gott sprechen“). Er
sagt einfach: „Ich bin ein Clown.“
zusammengestellt von P.K.

Quellen:

1. http://www.boellundkoeln.de/cms/index.php
2. http://books.google.pl/books?
id=wgYOAAAAQAAJ&dq=heinrich+boll+die+ansichten+eines+clowns&printsec=frontcover&s
ource=bn&hl=pl&ei=HfPUSqrxOIqh_Ab68uHZAg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=
4&ved=0CBkQ6AEwAw#v=onepage&q=&f=false
3. http://de.wikipedia.org/wiki/Ansichten_eines_Clowns