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1 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

Prolog
Andrej Frank‘s rascher Schritt, an dem ihn jeder im Haus von weitem erkannte, verhallte im
hohen Krankenhausflur wie auf einer einsamen Straße. Er blieb kurz stehen und sah auf die Uhr
– es war genau 2Uhr14 an diesem 10. Oktober.
Kurz zuvor hatte der Chef der Frauenklinik bei ihm angerufen
„Tut mir leid, so mitten in der Nacht zu stören, aber ich habe hier eine Patientin bekommen, der
es sehr schlecht geht. Ist die Frau des Fußballmanagers, wenn sie wissen, was ich meine.“
„Nein, weiß ich nicht, ist mir auch egal, ich komme gleich.“
Was zum Teufel interessierte ihn Fußball? Oder ein Fußballmanager?
Das Läuten des Telefons und der kurze Wortwechsel genügten, ihn hellwach zu machen. Der
Rest war Ergebnis jahrelangen Trainings, auch zu den unmöglichsten Zeiten zu funktionieren.
Schnell stand er auf, trat ans Waschbecken. Kaltes Wasser lief in seine zur Schale geformten
Hände.In seinem Gesicht ließ es ihn für einen Moment tief durchatmen, dann zog er sich an.
Sein Appartement lag im Ärztehaus, gleich neben der Klinik. In die Außenwände hatte sich die
Schwärze des Revierstaubs Jahr um Jahr eingefressen. Wie in so viele Lungen der Bergleute, als
wollte sich die Erde dafür rächen, dass sie seit Jahrzehnten vergewaltigt wurde.
Andrej Frank hatte dieWohnung gemietet, solange er mit seiner Familie noch nicht umgezogen
war. Mittlerweile wohnte er schon über zwei Jahre in diesem Haus, da sich sein Umzug immer
wieder hinauszögerte. Trotzdem schätzte er es, zu jeder Zeit in wenigen Minuten in der Klinik zu
sein. Er liebte diese spartanische Unterkunft, die eher für einen Mönch eingerichtet war. Als er
sich mit Andrea hier zum ersten Mal traf, stellte sie spontan fest „Wie kann ein Mann nur hier
leben?“.
Andrej blickte sie damals nur verständnislos an und schwieg.
Das Haus „Ärztehaus“ zu nennen, war eine Übertreibung - hier lebten die unterschiedlichsten
Berufsgruppen: Pfleger, Schwestern, Verwaltungsangestellte. Direkt neben seiner Wohnung war
die Notarztwagenbesatzung untergebracht. Das garantierte zuverlässig, dass Andrej bei jedem
Alarm in der Nacht mit aufwachte. Einzig ein großes mit Tesafilm an der Wand befestigtes
Poster von Van Gogh versuchte, mit dem Sämann dem Raum die Farbe der Sonne
bekanntzumachen. Die Gemeinschaftstoiletten und die Gemeinschaftsküche waren vor
seinem Einzug kurzfristig renoviert worden – allein die Erzählung über ihren ehemaligen
Zustand musste jeden Zuhörer krank werden lassen.
Andrej verließ das Ärztehaus, die gläserne Haustüre fiel scheppernd ins Schloss. Ein böiger
Wind stürmte. Er begleitete ihn auf seinem Weg ins Krankenhaus, das sich mit seinen hohen
Gebäudetrakten hell erleuchtet vor dem Nachthimmel abhob. Für einige Sekunden wanderten
seine Augen die Fenster entlang, die ihn zu beobachten schienen. Nur wer hier arbeitete, wusste
um das Leben und Sterben, das tagtäglich hinter diesen Fassaden geschah.
Er schloss die Eingangstüre zum Haupthaus auf und ging das Treppenhaus hinauf in die
gynäkologische Ambulanz.
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Als Andrej die Tür zum Untersuchungszimmer öffnete, schauten ihn fünf Personen an. Quer im
Raum, auf einer Untersuchungstrage liegend, eine Frau. An ihrem Kopfende ein Mann, in einer
Ecke im Halbdunkel ein weiterer Mann mit verschränkten Armen. Rechts neben der Tür der
gynäkologische Chefarzt, der ihn gerufen hatte. Bei der Patientin stand Frau Dr. Steffens, die
sofort anfing, ihm alles zu erklären. Offensichtlich war sie vor ihm gerufen worden, da sie
Nachtdienst hatte.
„Die Patientin hat einen eingeklemmten Leistenbruch. Ich habe versucht, ihn wieder
zurückzudrücken, aber die Patientin hat zu starke Schmerzen und wollte das nicht mehr.“
Um sich gegen Frau Dr. Steffens durchzusetzen, musste man schon einen starken Willen haben.
Oder die Schmerzen, die sie beim Zurückdrücken des Bruchs der Patientin zufügte, waren
tatsächlich so stark, dass sogar sie von der weiteren Verfolgung dieses Unterfangens abließ.
Er wandte sich der Patientin zu – und nur die Andrej gut kannten, hätten an seinen schmal
werdenden Lippen bemerkt, wie angespannt er plötzlich war. Er sah eine Frau, die auf dem Weg
zum Sterben war.
Sie zitterte am ganzen Körper und hielt sich krampfhaft mit beiden Händen am Rand der Liege
fest.
„Mein Name ist Frank, wie geht es ihnen?“
„Bitte, bitte untersuchen sie mich nicht mehr, es tut so weh.“
„Ich muss sie operieren, so können wir das nicht lassen.“
„Dann bringen wir das hinter uns. Ich mache alles mit, ich will nur keine Schmerzen mehr
haben.“
Ihre müden Augen sahen Andrej Frank an.
„Bitte, bitte helfen sie mir“, flüsterte mühsam die zierliche Frau
Blonde Haare fielen um ihr schmales Gesicht, dass Andrej signalisierte, wie wenig Zeit er hatte.
„Sie werden sehen, wir kriegen das schon wieder hin.“
Wie oft hatte er diesen Standartsatz gesagt, auch dann, wenn er sicher war, dass er nicht mehr
helfen konnte. Er lächelte sie an.
Sie sah ihn an und er meinte, eine Spur eines Lächelns zu sehen. Er erkannte, dass sie ihn
durchschaute. Sie wusste genau, wie gefährlich krank sie war.
„Also, wir bringen sie jetzt in den Op.“
Zu Frau Dr. Steffens gewandt
„Informieren sie Anästhesie und Op-Schwestern.“
„Soll ich ihnen assistieren“, fragte der Chefarzt der Gynäkologie.
„Nein, Frau Steffens macht das.“
Er ging in Richtung Op, ohne sich weiter um die beiden anderen Männer zu kümmern.
Im Umkleideraum des Zentral-Ops wechselte er seine Kleidung. Vor dem Spiegel, aus dem ihm
ein scharf geschnittenes Gesicht ansah, zog er Op-Haube und Mundschutz an. Seine Op-Schuhe
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fand er ordnungsgemäß an ihrem Platz. Mit Genugtuung registrierte er das, da er nichts so sehr
hasste, seine Op-Schuhe unter Dutzender anderer Schuhpaare heraussuchen zu müssen.
Die Op-Mannschaft war schnell – es vergingen 15 Minuten und die Patientin war in Narkose
vorbereitet. Op-Schwester Manuela richtete flink ihre Instrumente nach einer Ordnung, die nur
Eingeweihte zu durchschauen wussten.
„Guten Morgen!“
Seine sonore Stimme war wirklich nicht zu überhören, öfters wurde er gefragt, ob er nicht
Sänger sei.
„Guten Morgen, Professor!“ grüßten alle munter.
„Keine gute Zeit so früh am Morgen oder noch mitten in der Nacht“, meinte der
Anästhesist, der den Spitznamen Fürst der Finsternis mit Würde trug.
„Tatsächlich keine gute Zeit“, gab er zurück und wusch, nachdem er von Manuela steril
angezogen war, den Bauch der Patientin mit Desinfektionsmittel ab.
In ihrer Nacktheit und den seitlich ausgebreiteten Armen wirkte die Patientin zerbrechlicher als
vorher. Ihre Haut schimmerte nahtlos wie Bronze, unwillkürlich musste er an südliche
Sommertage denken. Die Schwellung in der rechten Leiste war faustgroß und
steinhart. Manuela reichte ihm wortlos das Messer, das sanft über die Haut glitt und den Weg in
die Tiefe des Körpers öffnete. Bald stieß er auf ein Gebilde, das schwarz wie Kohle aussah –
abgestorbener Dünndarm. Wie harmlos und doch todbringend.
„Jetzt halten sie schon den Darm so hin, dass ich operieren kann“, fuhr er seine
Assistentin an. Bisher war es am Tisch still gewesen, Manuela war eine erfahrene Op-Schwester.
Ohne dass er etwas sagen mußte, gab sie ihm die richtigen Instrumente in die offen hingehaltene
Hand.
Warum waren diese Leute so spät gekommen, fluchte er still vor sich hin. Es war immer wieder
dasselbe. Und jetzt starb diese Frau fast an einem lächerlichen, eingeklemmten Leistenbruch.
Routiniert führte er die Operation zu Ende, schnitt den abgestorbenen Dünndarm ab und warf
den Klumpen angewidert auf einen Beistelltisch. Danach nähte Andrej gut durchbluteten Darm
wieder aneinander und vernähte die Bruchlücke.
„Machen sie noch die Hautnaht und den Verband“, bat er Frau Dr. Steffens.
Er trat vom Op-Tisch ab und notierte sich den Namen der Patientin, Andrea Michaelsen, für den
Op- Bericht.
„Hoffentlich heilt alles gut. Dann – bis später!“
„Bis gleich“, rief man ihm nach.
Er sah auf die Uhr – noch eineinhalb Stunden bis zur Frühbesprechung.
Der stürmische Nachtwind hatte sich nicht gelegt und begleitete ihn auf seinem Weg zurück in
das Ärztehaus.
Als er sich hinlegte, fiel er sofort in einen Tiefschlaf. Seit langer Zeit träumte er wieder.
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Kapitel 1
Irgendjemand schrie laut den Namen seines Vaters. Immer und immer wieder – unterbrochen
von Schluchzen und Weinen. Andrej schaute auf die Uhr – es war 2.14 am Morgen. Er sprang
aus dem Bett und lief in das Erdgeschoß. Das Schreien kam aus dem Schlafzimmer seiner Eltern.
Seine Mutter schrie andauernd den Namen seines Vaters. Andrej dachte an ein sterbendes Tier,
es konnte nicht schlimmer brüllen. Verzweifelt und mit schweren Schritten ging seine Mutter vor
dem Ehebett auf und ab, schlug mit ihren Händen immer und immer wieder vor ihr Gesicht. Sie
brüllte den Namen ihres Mannes hinaus – Walter, Walter…
Andrej sah von der Tür des Schlafzimmers aus seinen Vater mit eingefallenem Gesicht im Bett
liegen. Er lag ruhig da, als schien ihn das Ganze nichts anzugehen. Andrej trat an das Bett und
nahm die linke Hand seines Vaters – sie war warm, aber kraftlos. Nie mehr würde sie treffsicher
mit wenigen Hammerschlägen einen Nagel in den Balken hineintreiben. Nie mehr würde sie für
ihn einen großen Drachen bauen und im Herbstwind auf den Wiesen vor dem Dorf steigen
lassen.
“Papa ist tot.“
Seine Mutter war jetzt still und saß zusammengesunken auf dem Bett.
“Ich bin von einem Schnarchen wach geworden und hörte noch seinen Atem. Dann war es still.“
Wie ein Beobachter aus einer anderen Welt betrachtete Andrej seinen Vater. Tiefe Gräben
durchfurchten sein kleines Gesicht, quer über die rechte Wange verlief eine lange Narbe –
Spuren des Krieges. Der Kopf lag einsam auf dem großen Kopfkissen wie auf einer Wolke und
verschwand darin fast.
„Wir müssen Opa und Oma Bescheid sagen.“
„Gut, dann fahr und sag es ihnen. Aber fahr vorsichtig.“
Die leeren Augen seiner Mutter wandten sich von Andrej ab und schauten wieder auf Walter,
ihren Mann. Eine Welt war zerbrochen.
Als Andrej mit dem Fahrrad losfuhr, blies ihm ein kalter Wind ins Gesicht, Windböen trieben
Blätter vor sich her. Der November zeigte sich mit seinen ganzen Unbilden. Der Lichtkegel
seiner Fahrradlampe verlor sich im Nichts der nachtschwarzen Landstraße.
„Wieso stirbst du einfach so? Wieso machst du dich einfach davon?“
Andrej schrie gegen den Wind an, der seine Worte erbarmungslos verschluckte. Er verstand es
nicht, dass sein Vater mit 44 Jahren plötzlich tot war. Er redete und stammelte weiter vor sich
hin, als er tränenüberströmt in das Nachbardorf fuhr.
Seine Großeltern wohnten in einem kleinen Häuschen, gleich in der Nähe der Kirche. Auf das
Klingeln hin hörte er als erstes den hinkenden Gang seines Großvaters.
“Papa ist tot.“
Sein Opa fing an zu weinen. Noch nie hatte Andrej einen alten Mann weinen sehen.
“Muttl, Walter ist tot.“
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Mehr brachte er nicht heraus, seine Schultern zuckten hin und her, sein Kopf wackelte
bedenklich. Solange sich Andrej erinnern konnte – nie wunderte er sich, dass Großvater seine
Frau „Muttl“ nannte. Muttl oder Anna-Oma, wie Andrej sie nannte, stand im Nachthemd im
Halbdunkel des Hausflurs – eine kleine, drahtige Frau mit einer Willensstärke und Härte, die
ihren einmal eingeschlagenen Weg unbeirrbar ging. Von ihrem Temperament wussten alle, die
mit ihr zu tun bekamen, ein Lied zu singen. Andrej hörte von geflüsterten, verschwiegenen
Erzählungen, dass bei der Flucht aus Schlesien am Ende des Zweiten Großen Krieges etwas
Furchtbares mit Anna-Oma passiert sein musste. Auch ihrer Tochter Ella, Andrejs Tante, musste
das gleiche widerfahren sein.
„Wir fahren gleich mit den Fahrrädern los. Mach du voran, dass du nach Hause kommst“, sagte
sie zu ihrem Enkel.
Zu Hause fand Andrej ihren Hausarzt am Totenbett seines Vaters.
„Guten Morgen“, grüßte Andrej.
Der Arzt beachtete ihn nicht, er war gerade mit der Leichenschau fertig geworden und wusch
sich im Badezimmer die Hände. Andrejs Mutter reichte ihm ein frisches Handtuch, damit er sich
die Hände abtrocknen konnte. Andrej beobachtete den Doktor, wie er wortlos das ganze Ereignis
begleitete. So kunstvoll wie dieser Arzt sich die Hände wusch – besser konnte es auch Pilatus
nicht gemacht haben, fiel Andrej spontan ein.
“Hier ist der Leichenschauschein, den geben sie dann dem Bestatter.“
Maria Frank nahm das Papier ohne Regung entgegen. Kein tröstendes Wort kam über die Lippen
des Hausarztes, als er sie eiligen Schritts verließ. Andrej hasste diesen Menschen, der auf ein
Papier schrieb, dass sein Vater tot sei.
Seine beiden Brüder standen plötzlich in der Tür des Schlafzimmers.
“Ist Papa ganz und gar tot?“ fragte der Jüngste.
“Ja.“
Er hielt es in diesem Haus nicht länger aus. Er wollte nur noch weg. Wenn er sich beeilte,
erreichte er noch den Zug zur Schule.
“Ich gehe jetzt zur Schule.“
Seine Mutter sah ihn an. Stumm umarmte sie ihren Sohn kurz, als er ging. Es wurde schon
langsam hell, als er zum Bahnhof unterwegs war. Eine Dorfbewohnerin kam auf ihn zu. Sie
sprach ihm tränenreich ihr Beileid aus. Die Nachricht vom Tod seines Vaters hatte sich im Dorf
nach dem Läuten der Totenglocken mit Windeseile verbreitet. Zum ersten Mal in seinem Leben
bemerkte Andrej, wie Menschen auf Kommando in Tränen ausbrechen konnten. Instinktiv wollte
er ablehnend reagieren, sagte aber weiter nichts und bedankte sich artig. Gerade noch rechtzeitig
erreichte er den Zug. Dicht gedrängt saßen die Pendler, einige lasen Zeitung. Den meisten war
eine Müdigkeit in die Gesichter geschrieben, dass Andrej sich nicht vorstellen konnte, wie diese
Menschen jemals richtig wach sein konnten. Es gelang ihm sogar, zwischen zwei Schülern, die
lustlos ihre Hausaufgaben voneinander abschreiben, einen Sitzplatz zu ergattern.
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Seine Schule lag unterhalb der mächtigen Burganlage, vom Bahnhof war das ein gutes Stück zu
laufen. Zur ersten Unterrichtsstunde kam er immer gerade pünktlich an. An diesem Vormittag
folgte er dem Unterricht wie immer, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.
In der großen Pause fragte ihn Fritz, sein bester Freund:
“Was ist los mit dir?“
Fritz war für seine Direktheit berühmt, er ging keinem Streit aus dem Weg und brachte
Probleme offen zur Sprache. Dabei erstaunte es Andrej immer wieder, wie genau Fritz die
Gefühlslage anderer Menschen einschätzen konnte.
„Dur redest wie ein Pfarrerr“, meinte Andrej gereizt. Er spielte damit bewußt auf den
künftigenBeruf von Fritz an.
„Du bist ein sturer Hund, sag mir, was los ist.“
„Meiner Mutter geht es schlecht.“
„Dann muss sie zum Arzt, hast du sie hingebracht?“
„Nein, der Arzt ist zu uns gekommen.“
„Und?“
„Er hat einen Leichenschauschein ausgefüllt.“
„Was?“
„Mein Vater ist heute früh gestorben.“
Es kam nicht oft vor, dass es Fritz die Sprache verschlug, aber der zukünftige Franziskaner fing
sich rasch.
„Möchtest du darüber reden?“
“Nein.“
Andrej schüttelte den Kopf.
„Auch wenn du davon nichts hältst, ich werde für dich und deine Familie beten und den Herrn
bitten, euch beizustehen.“
Fritz sah direkt in das bleiche, unbewegte Gesicht von Andrej, er wusste um den furchtbaren
Kampf um einen Gott, den er schon gefunden hatte. Und Andrej haderte jetzt erst recht mit
seinem Gott.
„Wir haben jetzt Deutsch.“
„Du solltest nach Hause zu deiner Mutter gehen und dir nicht den Unterricht dieses
Phrasendreschers anhören.“
„Kommt gar nicht in Frage.“
„Du bist wirklich ein sturer Hund, mach was du willst.“
Wütend ließ Fritz ihn stehen und ging gewichtigen Schritts in Richtung Hauptgebäude.
Am Ende des Schultages fuhr Andrej wieder nach Hause, sein Vater war nicht mehr da. Viele
Menschen, Verwandte und Bekannte aus dem Dorf, waren gekommen und redeten mit seiner
Mutter. Sie sagte immer noch kein einziges Wort. Andrej suchte nach seiner Oma Amalia. Er
fand sie schweigsam in einer Ecke des Wohnzimmers sitzend. Ihre Hände waren ineinander
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verschränkt und hielten einen Rosenkranz. Mit ihrem streng nach hinten gekämmtem, zu einem
Zopf geflochtenem, schwarzen Haar, ihren hohen Wangenknochen und in ihrer schwarzen
Tracht strömte sie eine beängstigende Ruhe aus. In ihrem Leben hätte sie so manches schon aus
dem Gleichgewicht bringen können, aber das ließ sie auch jetzt nicht zu. Auch das ständige
Aufeinanderprallen mit ihrer Tochter änderte an dieser Haltung nichts.
Andrej konnte sich diese Spannung zwischen den beiden nicht erklären, aber bruchstückhaft
bekam er mit, dass es um seinen Vater ging und dass Amalia-Oma etwas wusste, das seine
Mutter sehr beunruhigte.
Sein Vater war zur Obduktion in die nahe gelegene Universität gebracht worden. Es dauerte
deshalb einige Tage, bis die Beerdigung stattfinden konnte.
Wie es üblich war in ihrem Bauerndorf, wurden die Kirchenglocken geläutet, wenn der
Verstorbene mit dem Leichenwagen am Dorfeingang ankam. Hinter dem Leichenwagen
versammelte sich normalerweise die Trauergemeinde, die den Toten mit Gebeten durch das Dorf
zum Friedhof begleitete. Seinen Vater begleiteten nur vier Personen durch das Dorf zum
Friedhof – Andrej, seine beiden Brüder und seine Mutter.
Der Tote wurde in der Leichenhalle offen aufgebahrt, eingerahmt von Buchsbäumen. Jeder
konnte noch einmal sein Gesicht sehen. Viele waren gekommen, der Schützenverein gab das
letzte Geleit mit Fahnen und Salutschüssen. Andrejs Tante, eine kriegserfahrene
Krankenschwester, hatte es sich im Übrigen nicht nehmen lassen zu überprüfen, ob ihr Bruder
tatsächlich obduziert worden war. Interessiert berichtete sie von den Zellstofftüchern, mit dem
der Tote ausgestopft war. Der Geistliche Rat sprach am Grab erschöpft und angestrengt die
üblichen Worte, die er bei jeder Beerdigung zu sagen pflegte, nachdem er der Trauergemeinde
mit bewegten Worten den Lebensweg des Verstorbenen erzählte. Danach wurde der Sarg mit
Hilfe von Seilen in den schmalen Schacht des Grabes abgesenkt. Mit einem Surren wurden die
Seile unter kundiger Assistenz des Totengräbers herausgezogen
….und erbarme dich auch dessen, der als nächster dem Verstorbenen aus unserer Mitte folgen
wird… betete die Gemeinde abschließend. Es folgte noch ein Vater unser und die
Menschenmenge zerstreute sich, nachdem sie kondoliert hatte.
Verloren standen sie alleine am Grab.
“Ich war seine große Liebe“, flüsterte Andrejs Mutter.
Sie sah ihren Erstgeborenen an und nahm ihn plötzlich an die Hand wie ein kleines Kind,
obwohl er schon sechzehn Jahre alt war.
Fragend richtete sich der Blick Andrejs auf seine Mutter. Sie kämpfte mit sich, ihm etwas zu
sagen. Mehrfach setzte sie an, ohne dass ein Wort über ihre Lippen kam. Schließlich sagte sie
entschlossen
“Es wird Zeit, ich habe es deinem Vater versprochen“ – sie hielt kurz inne und fuhr fort
„ich habe es deinem Vater Jan versprochen, dir von ihm zu erzählen.“
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Kapitel 2
Südmähren – das Land an der Thaya – schon die eiszeitlichen Menschen wussten die Gegend
zu schätzen, als sie das Mammut jagten. Die Thaya, ein kleiner Fluss, der sich im Westen durch
bewaldetes Bergland windet und ostwärts durch weites, gewelltes Land, vorbei an den
Kreidefelsen der Pollauer Berge, zur March hin fliest. Fleißig waren die Menschen an seinen
Ufern – anfänglich Bayern und Franken, die um das Jahr 1000 ins Land geschickt wurden, um es
urbar zu machen. Später dann waren es Tschechen, Deutsche, Kroaten und Juden, die das Land
im Herzen Europas in einen Garten Eden verwandelten. Ein Paradies auf Erden war es trotzdem
nicht, wieder und wieder durchzogen Heere aus allen Himmelsrichtungen kommend das Land
und prallten aufeinander. Zurück ließen sie Tod und Verwüstung. Einfacher wurde es auch
dadurch nicht, dass die Thaya zur Grenze zwischen rivalisierenden Machtzentren, Prag und
Berlin im Norden und Wien im Süden, erkoren wurde. Und neues Ungemach drohte. Die Narben
des ersten Großen Krieges waren immer noch frisch und jeder Wetterwechsel ließ sie heftig
schmerzen, da schickten sich die Völker wieder an, sich zu hassen. Auch dann, wenn die
Menschen schon friedlich über Generationen hinweg miteinander gelebt hatten. Die
Nachdenklichen unter ihnen verstanden nicht richtig, wie der Hass sich in ihre Herzen schleichen
konnte, aber keiner bot ihm Einhalt. Zwar hielten einige tapfer dagegen. Aber als Hitler den
Sudetendeutschen Henlein im April 1939 zum Gauleiter des Protektorates Böhmen-Mähren
ernannte, gab es kein Zurück mehr. Die Konfrontation der Volksgruppen war nicht mehr
aufzuhalten. Niemand ahnte, wohin das letztendlich führen sollte. Soviel war sicher – Amalia
Gregor verspürte in jüngster Zeit häufig eine unvermittelte Bitterkeit im Mund, die sie kurzfristig
am ganzen Körper zittern ließ. Amalia wusste – Träume kündigten sich an.

Matthias Gregor war schon immer ein Frühaufsteher – Motz, wie er von allen genannt wurde,
wachte an diesem Morgen aber noch früher auf als gewohnt. Amalia, seine Frau, drehte sich im
Bett unruhig hin und her und wimmerte im Schlaf..
„Mali, was ist?“
Motz berührte sanft Amalias linke Schulter. Mali zuckte durch die Berührung zusammen und
wachte urplötzlich auf. Motz sah sie besorgt an.
„Hast du schlecht geträumt?“ Mali antwortete nicht. Ängstlich griff sie nach den Händen ihres
Mannes.
„Mitzi..“ sie machte eine Pause.
„Was ist mit Mitzi?“
„Ich habe von Mitzi geträumt.“
„Das ist doch nicht schlimm, wenn du von unserer Tochter träumst.“
„Du musst auf sie aufpassen, Motz, bitte!“
„Was soll das Mali, ich habe die Kinder immer im Auge.“
„Das weiß ich, sei doch nicht böse. Aber bitte, du musst auf Maria aufpassen!“
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Matthias Gregor merkte plötzlich, wie ernst es Amalia war. Wenn sie ihre Tochter Maria statt
Mitzi nannte, musste etwas passiert sein.
„Was hast du geträumt?“ Mali sah Motz direkt an.
„Ich kann es nicht genau wiedergeben, das Meiste war verschwommen, aber ich habe Mitzi am
Boden liegen sehen, voller Blut.“
„Das ist doch bloß ein verdammt blöder Traum!“
Motz stand mit einem Ruck auf.
„Komm jetzt. Wir haben eine Menge Arbeit vor uns. Die ersten Taglöhner sind auf und wollen
sicher schon frühstücken.“
Mit keinem weiteren Wort ging Motz auf den Traum seiner Frau ein. Dafür war keine Zeit, sie
hatten soviel Arbeit, dass sie nicht wussten, wo zuerst anpacken – für Traumdeutereien war da
kein Platz.
Matthias Gregor ging nach draußen auf den großen Innenhof – prüfend blickte er zum Himmel –
er war sich sicher, dass es wieder einen heißen Sommertag geben würde. Wenn sie sich
ranhielten, würde der Weizen in wenigen Tagen fertig gedroschen sein.
„Guten Morgen!“
Motz drehte sich um. Lächelnd erwiderte er seinem Sohn Ernst den Gruß.
„Was machst du denn schon so früh auf den Beinen?“
„Ich habe dich die Treppe hinuntergehen hören und dachte, es ist Zeit zum Aufstehen. Außerdem
habe ich Hunger.“
Motz lachte. Jeder kannte den Appetit seines Sohnes.
„Dann laß uns in die Küche gehen. Die meisten werden schon beim Frühstücken sein.“
Mit seinen 15 Jahren überragte Ernst seine gleichaltrigen Mitschüler um Haupteslänge. Er sah
seinem Vater immer ähnlicher - breitschultrig und athletisch gebaut. Beide waren ein gutes
Gespann und konnten von früh bis spät hart arbeiten - eine Grundvoraussetzung, um das große
Hofgut bewirtschaften zu können. Denn neben dem Weizen bauten sie noch Zuckerrüben, Mais,
Gurken, Kürbisse und Melonen an. Im weitläufigen Obstgarten, der sich gleich hinter dem Hof
anschloss, mit Blick zur Thaya, standen Äpfel- und Marillenbäume. Der ganze Stolz von
Matthias Gregor war jedoch sein Weinberg, der nicht weit entfernt an den Hängen der Pollauer
Berge lag.
Am langen Küchentisch saßen schon dicht gedrängt die Taglöhner, Männer und Frauen, die
lebhaft durcheinander plauderten und lachten. Deutsche und Tschechen saßen hier zusammen,
als wäre es das Natürlichste von der Welt. Hier in der Küche von Amalia Gregor wurden beide
Sprachen zwanglos benutzt, die meisten beherrschten fließend deutsch und tschechisch. Darauf
war Amalia stolz – dass sie als Deutsche bei den Tschechen hohes Ansehen genoss, weil sie ihre
Sprache benutzte. Sie konnte sich auch gegen Motz durchsetzen, als es darum ging, Maria und
Ernst weiter tschechisch lernen zu lassen.
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Mali stellte laufend dampfenden Malzkaffee in großen Kannen auf den Tisch. Ganze Brotlaibe
verschwanden mit unglaublicher Geschwindigkeit in den hungrigen Mägen der Menschen.
Natürlich gab es auch jede Menge Wurst, Fleisch, Käse und saure Gurken dazu. Und – Mali
wärmte die von ihr am Vortag gebackenen Buchteln im großen Backofen auf. Bei den mit
Marillenmarmelade gefüllten Buchteln kamen alle ins Schwärmen.
„Also, wer bei dir verhungert, ist selber schuld!“, meinte Schani, der Vorarbeiter zu ihr.
Sie strahlte. Ihre Kochkünste waren berühmt, nicht umsonst hatte Motz keine Probleme, zur
Erntezeit gute Tagelöhner zu bekommen. Sie stand mitten in der Küche, ihre dichten schwarzen
Haare zu einem Zopf geflochten, den sie zu einem Kranz hochgesteckt hatte. Die durch die
Fenster hereinfallende Sonne verlieh ihrem Gesicht einen bronzefarbenen Schimmer und ihre
hellblauen Augen funkelten zu Motz hinüber. Sie war wütend – er hatte sie nicht ernst
genommen. Motz wusste instinktiv, dass er Unrecht hatte – auch jetzt, ein stummer Blick zu
Mali signalisierte seine Entschuldigung.
Schani wandte sich an Motz:
„Bauer, wir fahren jetzt mit den zwei Gespannen los. Ich hoffe, das Wetter hält. Heute
Nachmittag wird es gewittrig, sagt mir mein rechter großer Zeh.“
Motz lachte laut.
„Du hast wahrscheinlich die Gicht, Schani, geh zu Mali, die hat sicher ein Kraut dagegen.“
Da er aber wusste, dass Schani mit seinen Wetterprognosen immer Recht behielt, meinte er nur
noch:
„Dann haltet euch ran, wir müssen den Weizen trocken reinbringen. Nehmt Mitzi und Ernst mit,
die können die Gespanne führen.
Die Sonne überschritt bereits ihren Zenit und die versetzte Reihe der Schnitter ging im
Rhythmus ihrer schwingenden Sensen unaufhaltsam voran. Die Weizenhalme, deren
goldfarbenen Ähren am Gewicht der Körner schwer trugen, fielen in nicht endend wollenden
Bahnen zu Boden, so dass die Garbenbinderinnen kaum mit ihrer Arbeit nachkamen.
Ernst wischte sich den Schweiß von der Stirn, schulterte die Sense und ging in Richtung der
Pferde, die im Schatten einer Baumgruppe grasten. Es war Zeit, den Weizen nach Hause zu
bringen. Suchend glitt sein Blick über das Stoppelfeld, auf dem die Garben zu kleinen
Pyramiden zusammengestellt waren. Schließlich entdeckte er Maria. Sie trug das rote Kopftuch,
das er ihr vor Kurzem zum Geburtstag geschenkt hatte.
Ernst rief zu ihr hinüber:
„Hilf mir, die Pferde einzuspannen. Wir fangen mit dem Aufladen der Garben an.“
Maria hüpfte wie ein Ball über das Feld zu ihrem Bruder. Das Kopftuch rutschte ihr dabei in den
Nacken und ein Schwall ungebändigter blonder Locken fiel ihr ins Gesicht. Ein leichter Wind
bauschte ihr Sommerkleid und ließ bereits die Konturen einer jungen Frau erahnen.
„Lass mich die Pferde anschirren, Erni“.
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Ernst grinste, es gab nur einen Menschen, dem er ungestraft erlaubte, ihn Erni zu nennen, und
das war seine Schwester, mit allen anderen fing er sofort ein heftiges Wortgefecht an, wenn sie
es wagten, ihn Erni zu nennen.
„Dann los. Ich helfe dir. Du führst das Gespann entlang der aufgestellten Garben und Schani und
ich laden auf.“
Schani war inzwischen hinzugekommen und machte ein besorgtes Gesicht.
„Im Westen stehen Gewitter. Wir müssen uns sputen, sonst kommen wir ins Unwetter.“
Am Horizont stand weit und breit keine einzige Wolke, nur ein silbriger Schleier war aufgezogen
und die Schwüle noch drückender geworden. Kein Lüftchen regte sich.
Keiner kam auf die Idee, Schanis Worte in Zweifel zu ziehen, zu legendär war sein Ruf als
Wetterfrosch.
Mitzi konnte mit Pferden von jeher so gut umgehen, dass ihr Vater manchmal launisch
anmerkte, sie müsse in einem anderen Leben ein Pferd gewesen sein. Sie lenkte jetzt entspannt
das Gespann entlang der Weizenbündel, Ernst und Schani beluden schließlich den Wagen so
hoch, dass die beiden Kaltblüter alle Kraft aufwenden mussten, um vom Feld auf den Fahrweg
zu gelangen. Ihre Flanken zitterten vor Anstrengung und die Schwänze flogen hin und her, um
die lästigen Bremsen zu verjagen.
„Mitzi, wir beladen noch das zweite Fuhrweg, mach dich schon mal auf den Weg nach Hause“
meinte Ernst.
„Dann bis gleich.“
Sie schnalzte mit der Peitsche und griff die Zügel straffer, langsam setzten sich die Pferde in
Bewegung. Schani hatte Recht behalten, im Westen stand mittlerweile eine schwarze
Wolkenfront, zwar noch weit entfernt, aber es war vorauszusehen, dass sie rasch vorankam.
Mitzi trieb das Gespann zur Eile an. In Sichtweite des Hofes begann das Unwetter, seine
Vorboten zu schicken – Windböen und vereinzelte dicke Regentropfen. Mitzi spürte mit einem
Male eine Kühle, als sie durch das hohe Hoftor fuhr, das sonst den Innenhof gleich einem
Burgtor hermetisch zur Straße hin verschloss. Schlagartig begann ein sintflutartiger Regen. Ihr
Vater kam aus dem Laubengang heran gerannt und half, das Gespann sicher in die Scheune zu
fahren.
„Das war knapp“ bemerkte er nur. Er war sichtlich erleichtert, dass wenigsten seine Tochter vor
dem Unwetter sicher war.
„Die anderen werden nass bis auf die Haut.“
„Sie werden es überleben, lass uns die beiden ausschirren und trocken reiben.“
Mitzi führte beide Pferde am Halfter zum Stall, der sich unmittelbar an die Scheune anschloss,
als das Gewitter seinen Höhepunkt erreichte – eine Serie von Blitzen erleuchtete den schwarzen
Himmel gefolgt von Donnerschlägen, die direkt aus der Hölle zu kommen schienen. Mitzi war
nicht darauf gefasst – beide Pferde brachen wiehernd, mit angstgeblähten Nüstern aus und
schleuderten sie zu Boden. Einer der Hufschläge traf ihren rechten Unterschenkel – das Krachen
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des berstenden Knochens konnte Mitzi aber nicht mehr hören, denn sie war bereits vorher in eine
tiefe Bewusstlosigkeit gefallen.

Rabbi Moritz Stern konnte sich beim Lesen eines Talmudkommentars von Maimonides nicht
richtig konzentrieren. Er erhob sich aus seinem behaglichen Lehnstuhl und ging im
Studierzimmer auf und ab. Der Freitagnachmittag brach an, Rosa, seine Frau, klapperte mit
Geschirr in der Küche. Sie bereitete das Haus für den Sabbat vor und Robert war noch nicht
zurück. Moritz Stern sah auf die Hauptgasse hinunter, konnte Robert jedoch im geschäftigen
Treiben der Leute nicht entdecken.
„Jan!“
Die Tür zum Studierzimmer öffnete sich und Jan blickte fragend auf seinen Vater, der erleichtert
seinen Erstgeborenen ansah. Jan war ein weit über seine Jahre gereifter junger Mann, auf den
jeder Vater nur stolz sein konnte – Entschlossenheit und Feingefühl, gesunder Menschenverstand
und Herzensweisheit verbanden sich bei ihm mit einer Zärtlichkeit und Ruhe, die jeden Sturm
ausglich. Keine Anmaßung und Überheblichkeit steckte in ihm. Heftig waren die Diskussionen
mit seinem Vater, getrieben von einer schier unerschöpflichen Neugier, wenn es darum ging,
Gott zu ergründen. Darin glich er sehr seinem rebellischem Onkel Eduard, der seiner
zionistischen Überzeugungen wegen vor kurzem nach Palästina ausgewandert war.
„Jan, Robert ist noch nicht da!“
„Vater, du weißt doch wie das ist, beim Fußballspielen vergisst Robert alle Zeit und mir geht es
auch nicht anders.“
„Ihr mit eurem Fußballspielen, weiß Gott, ihr könntet eure Zeit mit gottesfürchtigeren Dingen
verbringen.“
„Und im Winter spielen wir dann auch noch Eishockey!“
„Ja, ja!“
Plötzlich mussten beide herzlich lachen.
Rosa kam hinzu und fragte fröhlich:
„Was streitet ihr?“
Sie wusste natürlich, um was es ging.
„Hat dein Vater wieder eine Predigt gegen das Fußballspielen gehalten?“
„Rosa, ich mache mir Sorgen, Robert müsste schon längst zu Hause sein. Du weißt, wie sehr sich
die Zeiten geändert haben.“
Er war ernst geworden.
„Robert ist mit seinen Freunden nach der Schule sicher noch zum Fußballspielen gegangen. Lass
dem Jungen doch seine Freude. Bisher ist doch noch nie etwas passiert. Auf dem
Piaristengymnasium lernt man eben Anstand und Respekt vor den Anderen.“
13 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

Moritz seufzte. Es war zwecklos, Rosa davon zu überzeugen, dass sich nach dem Anschluss
Österreichs an das Deutsche Reich sich die Lage der Juden auch in Nikolsburg dramatisch
verändert hatte.
„Also gut. Ich denke, es wäre trotzdem gut, wenn Jan sich nach seinem Bruder umschauen
würde.“
„Ich bin schon unterwegs, Vater.“
Er umarmte schnell seine Mutter.
„Ich freue mich aufs Abendessen, Mutter!“
Jan war seit jeher für seinen herzhaften Appetit bekannt.
„Es gibt dein Leibgericht – Wiener Backhendl und als Nachtisch Marillenstrudel.“
Jan lachte seine Mutter an, nahm sie fest in die Arme und drehte sich mit ihr um seine eigene
Achse.
„Hör auf mit diesen Dummheiten. Geh schon und suche deinen Bruder.“
„Mache ich, Mutter.“
Jan ging die Hauptgasse hinunter vorbei an der Synagoge und dann in Richtung Neustiftgasse.
An ihrem unteren Ende erweiterte sie sich zu einem Platz, eigentlich mehr eine Wiese, die
Birnzipf. Auf dieser Wiese standen mehrere Birnbäume, die dem Platz den Namen gaben. Die
Bäume bildeten ideale Torstangen, meistens wurde aber auf der Neustiftgasse gespielt.
Schon von weitem hörte Jan die lärmenden Jungen aus dem Piaristengymnasium. Robert schoss
gerade den Ball am Tor vorbei und ärgerte sich.
„Hallo, Jan, was machst du hier?“
„Du sollst nach Hause kommen.“
Robert wusste sofort, warum.
„Gut, ich hole noch meinen Ranzen.“
„Bis Montag dann Robert.“ riefen ihm seine Klassenkameraden noch nach.
Es wurde langsam dunkel, als Jan und Robert in die Hauptgasse einbogen. Sie wirkte wie
ausgestorben – der Sabbat hatte begonnen. In Höhe der Synagoge stellten sich ihnen plötzlich
mehrere junge Männer entgegen.
„Was wollt ihr?“ fragte Jan. Er war sich der Gefahr sofort bewusst, in der sie sich befanden. Oft
genug hatte er mit seinem Vater schon über die Entwicklung der politischen Lage gesprochen.
Keinem, der mit offenen Augen durch die Welt ging, konnte der zunehmende Haß, der den
Juden entgegengebracht wurde, verborgen bleiben. Immer häufiger trieben die Mitglieder des
Sudetendeutschen Freikorps ihr Unwesen.
Leise sagte er zu Robert:
„Du rennst auf mein Kommando los, schau, dass du dich bei den Patres verstecken kannst. Lauf
nicht nach Hause, da sind wahrscheinlich noch mehr von denen.“
14 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

Nach außen wirkte Jan ruhig wie immer, doch in seinem Innern stieg ein dumpfes Gefühl auf,
dass er noch nicht kannte. Angst – ja, das ist Angst, dachte Jan. Schweißperlen standen plötzlich
auf seiner Stirn.
Mit einem „Ihr verdammten Saujuden“ gingen die Männer auf Jan los. In diesem Moment rannte
Robert wie der Blitz los und verschwand im Wirrwarr der Gassen des jüdischen Viertels.
Jan war ein durchtrainierter Leichtathlet, in seinem Sportverein Makkabi gehörte er zu den
Besten – gegen die Überzahl der Angreifer hatte er jedoch keine Chance. Schwer keuchend und
Blut hustend ging er zu Boden. Die Stiefeltritte gegen seinen Brustkorb nahm er nur noch wie
durch einen Nebel wahr. Der einzige Gedanke, der Jan durch den Kopf schoss, bevor er in eine
erlösende Traumwelt fiel, war sein Bruder – wenigsten hatten sie den nicht in ihre Gewalt
bekommen.
„Jan, mach die Augen auf!“
Jan erkannte Pater Jakobus und Pater Thomas vom Piaristenkloster. Nach Luft ringend fragte
Jan:
„Was ist mit Robert?“
„Er ist in Sicherheit. Wir bringen dich jetzt ins Spital. Komm, lass dir auf den Zweispänner
helfen.“

Dr. Anton Ulrich, der Spitaldirektor, verließ das Spital wie jeden Tag spät am Abend. Obwohl
ein anstrengender Tag hinter ihm lag, machte er keineswegs einen müden Eindruck. Im
Gegenteil, sein beschwingter Schritt ließ die gleiche Kraft und Ausdauer wie am frühen Morgen
vermuten. Er verabschiedete sich vom Pförtner und trat vor das Hauptportal. Endlich war Zeit,
sich eine Zigarre anzuzünden. „Das war ein gutes Tagwerk“ murmelte er zufrieden vor sich hin.
Er dachte an die Knochenbrüche, die er heute eingerichtet hatte. Ja – deswegen nahmen die
Leute Strapazen und Schmerzen auf sich, nur um von ihm behandelt zu werden. Nicht, dass er
sich darauf etwas einbildete, die Verehrung, die ihm seine Patienten entgegenbrachten wehrte er
stets mit einem knurrenden „Schon gut, schon gut“ ab. Genüsslich sog er den Rauch der Zigarre
durch seine Hakennase, die ihm den Spitznamen Habicht eingebracht hatte. In Gedanken war er
schon im Wochenende – er würde in der Piaristenkirche Orgel spielen, seine zweite große
Leidenschaft, neben Knochenbrüchen einzurichten. Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen,
als er die beiden Patres mit einem verletzten jungen Mann sah.
„Was ist passiert?“
„Das ist Jan Stern, einer unserer Schüler.Mehrere Männer haben ihn in der Judenstadt
zusammengeschlagen.“
Der Direktor erfasste die Situation mit einem Blick.
„Jan, kannst du mich hören?“
Jan nickte mühsam mit dem Kopf. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer.
„Also, wir bringen dich jetzt in den OP, du wirst sehen, dass es dir danach besser geht.“
15 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

Sie saßen nach dem Nachtessen noch alleine zusammen in der großen Küche. Die Stille war
bedrückend. Mali und Motz sprachen seit Wochen nur das Notwendigste. Mali haderte mit
ihrem Mann, der ihre Warnung in den Wind geschlagen hatte, und Motz war ein anderer Mensch
geworden. Schuldgefühle drückten ihn täglich mehr zu Boden. Mali erkannte, dass die Situation
so zu nichts führen konnte und ergriff die Initiative.
„Motz, wir....“
Mali machte eine Pause. Motz fiel ihr in‘s Wort, als sie weitersprechen wollte.
„Ich bin schuld, ich weiß. Du hast gesagt, ich soll aufpassen.“
„Was passiert ist, kann nicht mehr geändert werden. Mitzi wird jetzt bald aus dem Spital nach
Hause gelassen. Der Knochenbruch ist gut verheilt. Lassen wir jetzt die Vorwürfe. Die Zukunft
wird schwer genug. Wir brauchen dazu alle unsere Kraft.“
Mali schaute ihren Mann lange ruhig an.
„Was meinst du damit, die Zukunft wird schwer genug? Hast du wieder geträumt?“
Mali erstarrte, natürlich träumte sie, die Träume kamen immer häufiger.
„Morgen fahren wir ins Spital nach Nikolsburg Mitzi besuchen. Dann werden wir vielleicht
erfahren, wann sie nach Hause kann.“
Mali nahm ihren Mann in den Arm und strich mit einer Hand sanft durch seine Haare.
„Wir werden es schaffen, Motz, unsere Liebe wird es schaffen“
Ihre Augen schimmerten dunkel, abgrundtief, als sie ihn auf den Mund küsste.

Der Unterricht war zu Ende. Ernst schwang sich auf sein Fahrrad. Er ging gerne in die
Winzerschule nach Nikolsburg. Ganz im Gegensatz zur Bürgerschule, die er bis vor Kurzem
besuchte. Jetzt freute er sich darauf, auf dem Heimweg bei seiner Schwester im Spital vorbei zu
schauen.
Mitzi empfing ihn strahlend.
„Stell dir vor, ich werde in ein paar Tagen entlassen. Der Direktor hat es heute den Eltern
gesagt.“
Mitzi war nicht wieder zu erkennen. Sie war in den vielen Monaten ihrer Spitalzeit das
geworden, was sie einmal war – ein wunderschönes, temperamentvolles Mädchen. Nichts ließ
mehr an den hingeschmetterten, blutverschmierten Körper erinnern, dessen Anblick sich in
Ernsts Gedächtnis eingegraben hatte.
„Dann hast du es hier ja bald geschafft. Wurde auch Zeit. Wir vermissen dich zu Hause.“
„Vater ist fast wie früher. Hat mich beinahe erdrückt, als er hörte, ich darf nach Hause. Und dann
kann ich auch in die Schule gehen.“
Ernst neckte seine Schwester und trällerte „Streberin, Streberin.“
Erbost warf sie ein Kissen nach ihm. Insgeheim bewunderte Ernst natürlich, wie
leicht und begierig sie lernte.
16 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

„Hast du schon gehört – Jan, der Sohn des Rabbi ist vor ein paar Tagen zusammengeschlagen
worden. Er wurde von Piaristenpatres hier ins Spital gebracht.“
„Es muß ihm schon besser gehen, er hat mehrere Rippen gebrochen und Blutergüsse am ganzen
Körper. Der ist hart im Nehmen. Er kann gut Fußball spielen.“
„Woher weißt du das?“
„Er spielt in der Fußballmannschaft unserer Schule. Alle Mädchen in meiner Klasse schwärmen
für ihn.“
„Und du natürlich auch!“
„Klar, aber ich glaube, Jan interessiert sich nur für Mädchen seinesgleichen.“
„Dann geh ihn doch mal besuchen. Er freut sich sicher, wenn du vorbeischaust. Gerade jetzt, wo
die Stimmung gegen die Juden immer mehr angeheizt wird. Diese Schläger waren sicher ein paar
Idioten vom Sudetendeutschen Freikorps.“
„Du machst dir nicht unbedingt Freunde mit dieser Meinung.“
„Das weiß ich. Mit Vater liege ich bei dieser Angelegenheit sowieso über Kreuz.“
Ernst schien richtig in Fahrt zu geraten, Mitzi erkannte in diesem Augenblick ihre Mutter in ihm
– Mut, Standhaftigkeit und ein ausgesprochener Sinn für Gerechtigkeit kennzeichneten beide.
„Fahr nach Hause. Du kommst sonst in die Dunkelheit.“
„Vergiß nicht, Jan zu besuchen.“
Mitzi lief rot an.
„Wußt ich’s doch – Mitzi ist verliebt, ist verliebt.“
Lachend entwischte Ernst seiner fauchenden Schwester.

„Aufwachen, Jan! Wir müssen die Verbände neu machen“.


Schwester Margaretes Stimme ließ keinen Zweifel aufkommen, wer das Kommando führte. Jan
hatte tief geschlafen und geträumt. Schlaftrunken sah er in das strenge Gesicht der Schwester.
Stoisch hielt er still und biß die Zähne aufeinander, als sein Brustkorb mit mehreren breiten
Bandagen zur Ruhigstellung der Rippenbrüche umwickelt wurde.
„Dein Gesicht ist auch schön abgeschwollen, langsam erkennt man dich wieder.“
Margarete war sichtlich zufrieden mit ihrem Werk. Trotz ihres Feldwebeltons war sie
herzensgut. Jeder schätzte sie wegen ihrer medizinischen Kompetenz.
„Wann kann ich nach Hause?“
„Immer die gleiche Frage. Etwas Geduld musst du schon haben.“
Die Tür zum Krankenzimmer öffnete sich leise. Mitzi steckte den Kopf herein. Als sie Margarete
sah, wollte sie erschrocken die Tür schließen, aber Margarete rief ihr zu:
„Sei nicht so zaghaft, Mitzi, komm rein und mach die Tür zu. Willst du zu Jan?“
„Ja.“
„Siehst du Jan, hier ist jemand, der dir etwas über Geduld erzählen kann. Mitzi ist seit sechs
Monaten hier bei uns im Spital. Aber in ein paar Tagen hat sie es geschafft.“
17 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

Sprachs und schon schob sie den Verbandswagen zum nächsten Patienten.
Jan und Mitzi schauten sich stumm an, dann sagte Mitzi leise:
„Wie geht es dir Jan?“
Jan sagte immer noch nichts, seine Augen drückten eine Verwunderung aus, die Mitzi verwirrte.
„Warst du vorhin schon mal da?“
„Nein, wie kommst du darauf?“
„Vielleicht habe ich von dir geträumt?“
Mitzi wurde schon wieder rot und ärgerte sich darüber.
„Ich hoffe, du hast etwas Schönes von mir geträumt.“
Jan wich der Frage aus.
„Dann kannst du ja bald in die Schule gehen, nicht wahr?“
Jan‘s Lächeln misslang, sein Brustkorb schmerzte heftig, zudem wurde er plötzlich von einem
Hustenanfall geschüttelt.
„Halb so schlimm“ versuchte er zu scherzen.
„Du wirst sehen, in ein paar Tagen sieht alles ganz anders aus.“
Jan schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht wirklich daran.“
Mitzi erschrak über die Ernsthaftigkeit, die in seinen Worten mitschwang. Einen Augenblick
meinte sie, eine tiefe Traurigkeit zu erkennen, aber Jan fuhr schon fort:
„Kommst du uns zum Purimfest besuchen? Mutter organisiert jedes Mal ein Fest mit vielen
Freunden.“
Mitzi spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen, als sie ein einfaches „Ja“ hervorbrachte.
„Dann bis später, gute Zeit.“ konnte sie vor Aufregung noch sagen, als sie das Zimmer verließ.
Beim Hinausgehen begegnete sie einem Mann, dessen freundliche Augen sie kurz streiften, an
seiner Seite eine schlicht gekleidete Frau.

Jan freute sich, seine Eltern zu sehen. Der Schrecken steckte ihnen noch in den Gliedern.
Gleichwohl waren sie froh, dass Jan mittlerweile auf dem Weg der Besserung war.
„Wer war denn die junge Frau eben?“ fragte seine Mutter arglos.
„Maria, ich kenne sie vom Gymnasium her. Sie ist wegen eines Knochenbruchs hier im Spital –
und das seit über einem halben Jahr!“
Rosa hörte aufmerksam zu. Sie kannte ihren Sohn zu gut, als dass sie nicht merkte, wie die
Stimmlage von Jan sich beim Namen von Maria veränderte.
„Das ist ein sehr hübsches Mädchen“.
„Als Rabbi solltest du das aber nicht unbedingt bemerken“ scherzte Rosa und blickte ihren Mann
herausfordernd an.
„Beruhige dich, ich meinte doch nur…“ wiegelte Moritz ab.
„Ich habe Maria zum Purimfest eingeladen.“
18 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

Moritz und Rosa schauten Jan überrascht an.


„Es liegt dir sehr viel daran?“
„Ja, Mutter, es liegt mir sehr viel daran.“
Sein Vater wollte gerade anfangen, mit seinem Sohn die Notwendigkeit dieser Einladung zu
diskutieren, als Rosa einfach feststellte:
„Wenn dir soviel daran liegt, dann soll es so sein.“
Moritz konnte nur noch gottergeben mit dem Kopf nicken.

Motz schnalzte mit der Zunge, und die beiden Schwarzen trabten an, nachdem sie die letzten
Häuser von Nikolsburg passierten. Auf diesen Tag hatten beide lange gewartet – sie holten Mitzi
aus dem Spital ab. Mitzi genoß die Fahrt im offenen Landauer, sie lehnte sich zurück und schloss
die Augen. Mali sah ihre Tochter nachdenklich an.
„Wie schmeckt die Sonne und der Wind?“
„Einfach gut, Mutter.“
„Wir haben ein Geschenk für dich vorbereitet. Das errätst du nie. Ernst ist auf die Idee
gekommen.“
Mali sah, dass ihre Absicht gelang, Mitzis Neugierde zu wecken.
„Sag schon, was ist es?“
„Geduld, Geduld, du wirst es sehen.“
Mehr ließ sich Mali nicht entlocken.
„Mutter, was ist ein Purimfest?“
Überraschender hätte diese Frage von Mitzi nicht kommen können. Mali schaute ihre Tochter
mit einem scharfen Blick an.
„Woher kennst du das Purimfest?“
„Jan, der Sohn des Rabbi, hat mir davon erzählt, ich habe ihn kurz im Spital getroffen. Er liegt
dort, weil er zusammengeschlagen worden ist.“
Mali hörte aufmerksam zu. Schließlich sagte sie:
„Das Purimfest erinnert an eine glückliche Errettung des jüdischen Volkes im Perserreich. Der
Perserkönig Haman wollte die Juden ausrotten, die Königin Ester konnte sich aber erfolgreich
für ihr Volk einsetzen und es retten.“
„Was kümmern uns jüdische Sitten“ unterbrach sie Motz.
„Wir feiern unsere Feste, sie feiern ihre Feste. Jeder bleibt unter sich, und das ist auch gut so!“
Motz war sehr bestimmt.
„Woher weißt du so genau über das Purimfest Bescheid, Mutter?“
Mali schwieg. Motz sah verbissen geradeaus in Richtung der Pollauer Berge, auf die sie
zufuhren.
Nach einer Weile antwortete Mali:
19 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

„Mein Vater, Frederic Eck, hat mir davon erzählt. Der wusste es wiederum von seinem Vater,
Carl Eck. Mein Urgroßvater Carl war Jude, der zum katholischen Glauben übertrat. Er tat es
seiner großen Liebe wegen, denn Charlotte und er hätten sonst nicht heiraten können.“
Motz polterte los.
„Jude bleibt Jude. Ob er nun katholisch wird oder nicht.“
Mali wandte sich zu ihrer Tochter.
„Dein Vater hört es nicht gerne, dass ich jüdische Vorfahren habe.“
So heftig hatte Mitzi ihre Eltern noch nicht streiten gesehen. Die fröhliche Stimmung war mit
einem Mal wie verflogen. Ihre Eltern sprachen kein Wort mehr, bis sie durch das weit offene
Hoftor hindurch fuhren. Es hatte sich herumgesprochen, dass Mitzi nach Hause kommt. Die
ganze Nachbarschaft war versammelt und begrüßte sie mit großem Hallo. Für Ende Februar war
das Wetter geradezu frühlingshaft mild, Ernst hatte deshalb zusammen mit den Knechten Tische
und Bänke im Hof aufgestellt. Wein und Malis Apfelstrudel sorgten rasch dafür, dass eine
lustige Gesellschaft die Gelegenheit beim Schopfe ergriff, bis in den Abend hinein zu feiern.
Ernst nahm seine Schwester an die Hand und führte sie in die Wohnstube. Auf dem Tisch stand
ein kunstvoll mit Schleifen verschnürtes Paket.
„Das ist für dich.“
Gespannt beobachtete er, wie Mitzi es öffnete.
„Eine Geige..“ Mitzi nahm die Geige aus dem Geigenkasten wie einen Säugling aus der Wiege
und drückte sie sanft gegen ihre Brust. Motz und Mali waren hereingekommen und sahen, wie
ihre Tochter mit dem Instrument verschmolz.
„Dein Vater und Ernst sind extra nach Wien gefahren und haben die Geige bei einem berühmten
Geigenbauer gekauft. Unterricht wirst du von Prof. Hawlitschek in Nikolsburg bekommen.“
Mali spürte ein Gefühl der Harmonie, ihre Tochter glücklich zu sehen. Motz war sichtlich
gerührt und sagte gar nichts. Mitzi hielt noch immer ihre Geige in den Armen, so als wolle sie
ein Kind hin und her wiegen.
„Komm, Mitzi, ich glaube, du bist ziemlich müde. Ich gehe noch mit dir auf deine Stube.“
„Meine Geige nehme ich aber mit.“
Mali schmunzelte.
„Natürlich…“
Mitzi umarmte nacheinander ihren Vater und Ernst.
„Gute Nacht. Feiert noch schön. Ich bin tatsächlich müde.“
Mali begleitete ihre Tochter hinauf in ihr Zimmer.
„Mutter, was hat Vater gegen Juden?“
„Ich weiß es nicht, Kind. Es gibt keinen Juden, der ihm etwas Böses getan hat. Manchmal glaube
ich sogar, dass er sie hasst.“
„So wie der Perserkönig?“
„So wie der Perserkönig!“
20 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

„Vielleicht gibt es eine Königin, die ihn davon abbringen kann?“


„Schlaf jetzt, Maria. Und träume etwas Schönes von Jan.“
Die Augen von Mutter und Tochter trafen sich. Beide verstanden sich wortlos.

Im Rabbinerhaus liefen die Vorbereitungen für das Purimfest auf Hochtouren. Rosa war in
ihrem Element. Es sollte ein großes Festmahl geben. Zwei Freundinnen waren gekommen, um
ihr zu helfen. Vor allem aber waren sie bereit, sich Rosas energischem Kommando in der Küche
unterzuordnen. Grete, Rosas Mutter, deckte indes die Tafel in der Wohnstube ein. Um den
ganzen Trubel zu entgehen, zog sich Moritz in sein Studierzimmer zurück. Dieses heitere,
ausgelassene Fest, das häufig in einem Trinkgelage endete, rief gemischte Gefühle bei ihm
hervor. Die aktuellen politischen Entwicklungen zeigten deutlich, wie Drangsalierungen,
Schikanen und Unterdrückung der Juden stetig heftiger wurden. Ein großer Judenhasser regierte
die Zeit, ähnlich dem Perserkönig Haman, aber eine Königin Esther war weit und breit nicht in
Sicht.
Die Tür zum Studierzimmer öffnete sich. Jan trat ein. Neugierig musterte Moritz seinen Sohn.
Nichts erinnerte mehr an die Gewalt, die ihm angetan wurde. Etwas Entscheidendes musste mit
Jan jedoch passiert sein, wenigstens war ihm vorher noch nie aufgefallen, ihn scheinbar
gedankenverloren, fast stoisch bei den gemeinsamen Mahlzeiten erlebt zu haben.
„Was gibt es, Jan?“
„Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.“
Moritz nickte. Jan war ein begabter Geschichtenerzähler. Gerne beobachtete er seinen Sohn
inmitten einer Schar von Kindern, die gespannt an seinen Lippen hingen.
Ohne Umschweife fing Jan an.
„Ein paar Tage, bevor diese Schläger kamen, träumte ich genau davon.“
Jan machte eine Pause. Seine Worte versuchten, sich einen Weg durch die tabakschwere Luft des
Studierzimmers zu seinem Vater zu bahnen. Aber auch den Sonnenstrahlen, die durch das
Fenster hereinbrachen, gelang es nicht, den richtigen Weg zu zeigen.
Jan fuhr fort.
„Im Spital träumte ich von einer jungen Frau mit einer Geige, sie spielte eine wunderbare
Melodie, die ich schmecken konnte. Ich konnte ihre Musik tatsächlich auf der Zunge schmecken.
Als ich aufwachte, stand Maria da. Sie sieht genauso aus, wie die Frau in meinem Traum.
Danach hatte ich noch einen dritten Traum – es kamen Männer in unser Haus und nahmen dich,
Mutter und Robert mit.“
Moritz legte seine Pfeife zur Seite, er war ernsthaft besorgt.
„Du hast die Geschichte noch nicht verarbeitet. Das wird eine Weile dauern. Du wirst sehen –
die Zeit heilt Wunden.“
„Vater, ich bin klar bei Verstand, wenn du das meinst.“
Jan kam sofort auf den Punkt. Er hatte befürchtet, dass sein Vater so reagieren würde.
21 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

„Menschen, denen Gewalt angetan wird, stehen unter einer ungeheuren psychischen Belastung,
es ist ganz normal, dass ihre Wahrnehmungen und Träume sich unter diesem Eindruck
verändern. Ich mache dir einen Vorschlag – ich spreche mit Dr. Kusan, er kann dir sicher
helfen.“
„Dr. Kusan? Das ist doch der Nervenarzt, der Großmutter behandelt!“
Jan drehte sich um und verließ wortlos das Zimmer. Unterwegs traf er seine Großmutter. Sie
summte eine Melodie und sprach stellenweise undeutlich mit sich selber. Das war nichts Neues,
des Öfteren sagte sie eben Dinge, die überhaupt keinen Sinn ergaben. Dennoch war sie auf
Grund ihrer stets guten Laune allseits beliebt und respektiert.
„Schlaf mein Kindchen und träume süß. Nicht wahr, Jan, Träume sind nicht süß, sie schmecken
bitter.“
Jan blieb wie angewurzelt stehen.
„Großmutter, was meinst du da?“
Die alte Dame kicherte und lächelte still vergnügt vor sich hin. Ihre Augen wanderten dabei
ängstlich unruhig hin und her, als würde jeden Augenblick Jemand aus dem Nichts auftauchen,
der Übles im Schilde führt. Es war zwecklos, weiter zu fragen.
Das Haus füllte sich langsam mit Gästen. Auch die Verwandtschaft aus Wien traf inzwischen
ein. Jan begrüßte seinen Onkel Julius und seine Tante Lotte. Ihre vier Kinder hingen schon an
ihm wie Kletten und bettelten, er sollte ihnen doch eine spannende Geschichte erzählen.
„Kommt nicht in Frage, jetzt wird erstmal gegessen.“
Rosa ließ keinen Widerspruch zu.
„Jan, dein Gast fehlt noch.“
„Maria wird schon noch kommen“ brummte Jan vor sich hin.
Rosa hatte sich selbst übertroffen – das Lob für das vorzügliche Essen wollte kein Ende nehmen.
Als der letzte Gang serviert wurde – es gab duftende, warme Dukatenbuchterln mit Vanillesauce
– stand Onkel Julius auf. Er atmete schwer. Seine Hand, die das Glas Rotwein hielt, zitterte
etwas. Die lebhafte, laute Unterhaltung verstummte mit einem Mal. Alle warteten gespannt.
Onkel Julius, ein leidenschaftlicher Lehrer, der von seinen Schülern heiß und innig verehrt
wurde, kämpfte mit sich selber, mehrmals setzte er zu sprechen an. Seine Frau Lotte nahm
tröstend seine Hand.
„Ein wunderbares Fest – ich will euch die Festtagsstimmung nicht verderben, aber einmal muß
es ja gesagt werden. Abschied soll man dann nehmen, wenn es am schönsten ist. Ihr wisst, wie
schlimm das Leben in Wien für uns geworden ist“.
Sein Gesicht versteinerte, als er sagte:
„Alle jüdischen Lehrer wurden entlassen, unsere Kinder dürfen ihre Schulen nicht mehr
besuchen, und das ist nur ein Bruchteil von dem, was uns tagtäglich angetan wird. Es ist uns sehr
schwer gefallen, aber wir haben uns entschieden – wir werden in Kürze in die Vereinigten
Staaten auswandern. Laßt uns anstoßen – Glück und der Segen Gottes für uns alle!“
22 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

Auch wenn die Gedanken der Tischrunde schwer wurden, sie prosteten sich gegenseitig zu.
„Ihr werdet es schaffen, wir werden es schaffen, diese schwere Zeit durchzustehen“.
Rosas Zuversicht war einfach nicht unterzukriegen.
Das viele Essen und Trinken ermattete die Festtagsgesellschaft sichtlich.Wohlige Ruhe breitete
sich aus, nur draußen auf der Hauptgasse lärmten die Kinder. Jan war ebenfalls nach draußen
gegangen, in Gedanken noch bei der Rede seines Onkels, als er Maria am Ende der Gasse
entdeckte. Sie schob ein Fahrrad neben sich her. Mit leichtem Schritt kam sie auf Jan zu und
lachte ihn spitzbübisch an.
„Du dachtest sicher, ich habe deine Einladung vergessen.“
„Überhaupt nicht“ stotterte Jan. Um irgendetwas zu sagen fragte er:
„Was steckt da in deinem Rucksack?“
„Meine Geige. Ich komme gerade vom Unterricht.“