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Der Prophet

Kahlil Gibran

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Der Prophet

Inhaltsverzeichnis
Die Rückkehr seines Schiffes Über die Liebe Über die Ehe Über die Kinder Über das Geben Über Essen und Trinken Über die Arbeit Über Freud und Leid Über die Häuser Über die Kleider Über Kaufen und Verkaufen Über Schuld und Sühne Über die Gesetze Über die Freiheit Über die Vernunft und Leidenschaft Über den Schmerz Über die Selbsterkenntnis Über das Lehren Über die Freundschaft Über das Reden Über die Zeit Über Gut und Böse Über das Beten Über die Lebensfreude Über die Schönheit Über die Religion Über den Tod Über den Abschied 2 Seite 3 Seite 7 Seite 9 Seite 11 Seite 12 Seite 15 Seite 17 Seite 20 Seite 22 Seite 24 Seite 26 Seite 28 Seite 31 Seite 33 Seite 35 Seite 37 Seite 39 Seite 41 Seite 42 Seite 44 Seite 46 Seite 48 Seite 50 Seite 52 Seite 55 Seite 57 Seite 59 Seite 61

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er auserwählte und geliebte Almustafa, der seinerzeit eine Morgenröte war, hatte zwölf Jahre lang in der Stadt Orphalese auf die Ankunft seines Schiffes gewartet, das ihn auf die Insel zurückbringen sollte, auf der er einst das Licht der Welt erblickte. Im zwölften Jahr bestieg er am siebten Tag des Erntemonats Ailul einen Hügel außerhalb der Stadtmauern und blickte hinaus aufs Meer. Da sah er, dass sich fern am Horizont sein Schiff aus dem Nebel löste. Sein Herz öffnete sich weit und er ließ seiner Freude freien Lauf. Dann schloss er seine Augen und kehrte in der Stille seiner Seele in sich. Aber als er den Hügel hinabstieg, überkam ihn Trauer, und er dachte bei sich: Wie könnte ich diesen Ort in Frieden und ohne Bedauern verlassen? Nein, ganz ohne blutendes Herz werde ich dieser Stadt nicht den Rücken kehren können. Lang waren die leidvollen Tage, die ich in ihren Mauern zubrachte, und lang waren meine einsamen Nächte; und wer kann sein Leid und seine Einsamkeit einfach so hinter sich lassen? Zuviel von meiner Seele habe ich auf diesen Wegen gelassen, die wie tausend zersplitterte Bilder meines Gedächtnisses meine Erwartungen preisgaben. Zu zahlreich sind die Kinder meiner Sehnsucht, die nackt zwischen diesen Hügeln umherirren, als dass ich mich ohne Schmerz von ihnen abwenden könnte. Es ist keine Krone, die ich einfach ablegen könnte, sondern eine Haut, die ich mir eigenhändig vom Leibe reißen müsste. Es sind nicht nur Erinnerungen, die ich hier zurücklasse, sondern ein Herz, das durch Hunger und Durst sanft geworden ist. Doch kann ich nicht länger verweilen. Es ruft das Meer, das alles an sich zieht, und ich muss seinem Ruf folgen. Denn zu verweilen, obgleich die brennenden Nachtstunden nach mir verlangen, hieße zu gefrieren und fest in einer Form zu erstarren. 3

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Gern nähme ich alles mit, was es hier gibt. Doch wie sollte mir dies gelingen? Auch eine Stimme kann Zunge und Lippen nicht mit sich forttragen, die sie formten und beflügelten. Allein muss sie sich in den Äther hinaufschwingen. Ebenso allein und ohne Nest, wie der Adler gen Sonne schwebt. Als er den Hügel hinabgestiegen war, wandte er sich erneut dem Meer zu. Er sah sein Schiff in den Hafen einlaufen, und an Bord erkannte er die Seeleute, Männer seines Landes. Da rief er ihnen aus tiefster Seele zu: Söhne meiner ehrwürdigen Mutter, ihr Ritter der Fluten, wie oft habt ihr in meinen Träumen die Segel gehisst! Und nun erreicht ihr mich zur Stunde meiner Wandlung, in der ich so tief in meinen Träumen bin wie niemals zuvor! Ich bin bereit aufzubrechen, und mit gesetzten Segeln warte ich nur noch auf den Wind. Gewährt mir nur noch einen Atemzug von dieser stillen Luft und einen letzten liebevollen Blick zurück. Dann werde ich bei euch sein, als Seefahrer unter Seefahrern. Und du, unergründliche See, niemals ruhende Mutter, die du allein den Flüssen und Strömen Freiheit und Frieden gewährst, nur noch eine Windung des Stromes, ein Murmeln in der Lichtung. Und ich werde dir gehören, so wie ein Tropfen, der sich im grenzenlosen Meer verliert. Als er weiterschritt, erblickte er in der Ferne zahlreiche Männer und Frauen, die ihre Felder und Weinberge verließen und zu den Stadttoren eilten. Er hörte sie seinen Namen rufen, und die Kunde von der Ankunft des Schiffes verbreitete sich von Feld zu Feld. Da dachte er bei sich: Kann nur der Tag des Abschieds uns einander näher bringen? Soll mein Morgenrot in Wahrheit meine Abenddämmerung sein? Was kann ich jenem hinterlassen, der seinen Pflug inmitten der Furchen stehen lässt oder das Rad seiner Weinkelter zum Stillstand gebracht hat? Kann mein Herz so wie ein Baum sein, reich beladen mit Früchten, die ich pflücken und an die anderen verteilen kann?

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Werde ich meine Wünsche wie ein Quell sprudeln lassen können, an dem Menschen ihre Becher füllen können? Bin ich eine Harfe, die der Allmächtige berührt, oder eine Flöte, in die sein Atem dringt? Sicher, ich verehre die Stille. Doch welche Reichtümer verdanke ich der Stille, die ich ob ihres Wertes getrost weitergeben könnte? Wenn dies der Tag meiner Ernte ist, so wüsste ich gerne, wann und auf welche Felder ich zu säen versäumte. Und wenn dies wirklich die Stunde ist, in der meine Laterne erleuchten soll, so wird es niemals meine Flamme sein, die darin brennt. Leer und dunkel werde ich sie erheben, und der Wächter der Nacht wird sie mit Öl füllen, um sie zum Leuchten zu bringen. So sprach er, doch vieles in seinem Herzen blieb unausgesprochen. Denn er selbst wollte sein größtes Geheimnis nicht preisgeben. Als er schließlich die Stadt betrat, lief ihm das Volk bereits entgegen, und einstimmig riefen sie ihm zu. Die Ältesten der Stadt baten: Verlass uns noch nicht! Du hast Sonne in unsere Dämmerung gebracht und deine Jugend ließ uns träumen. Weder Fremder noch Gast warst du in unserer Mitte, du warst unser Sohn und unser Geliebter. Wir flehen dich an, lass unsere Augen nicht schon jetzt dein Antlitz missen. Und die Priester und Priesterinnen beschworen ihn: Lass nicht zu, dass uns die Wellen des Meeres von dir trennen und dass die Jahre, die du bei uns verbrachtest, nur noch ferne Erinnerung sind! Du hast unseren Geist geweckt und allein dein Schatten ließt unsere Gesichter erstrahlen. Wir liebten dich sehr, doch versäumten wir es, unserer Liebe Ausdruck zu verleihen, denn unsere Herzen waren in Schleier gehüllt. Nun aber wollen wir dir unsere Liebe unverhohlen zeigen. Denn ist es nicht immer so, dass die Liebe ihre wahre Tiefe erst in der Stunde der Trennung erkennt?

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Andere kamen hinzu und flehten ihn an. Doch er schwieg. Er neigte seinen Kopf, und jene, die ihm am nächsten standen, sahen Tränen auf seine Brust fallen. Inmitten der Menschenmenge begab er sich auf den großen Tempelplatz. Da trat aus dem Heiligtum eine Frau hervor, ihr Name war Almitra Almitra war eine Seherin. Er blickte ihr mit unendlicher Zärtlichkeit in die Augen, denn sie war es, die als erste zu ihm gekommen war und seit dem Tage seiner Ankunft in dieser Stadt an ihn geglaubt hatte. Sie wandte sich an ihn und sprach: Prophet Gottes, auf der Suche nach dem Allerhöchsten, lange hast du den Horizont nach deinem Schiff abgesucht. Nun ist es gekommen, und du musst von uns gehen. Wie stark muss deine Sehnsucht nach dem Land deiner Erinnerungen und der Heimat deiner erhabensten Wünsche sein. Unsere Liebe, mag sie auch noch so groß sein, soll dich nicht fesseln und unsere Not darf dich nicht zurückhalten. Doch bevor du uns verlässt, möchten wir dich um eines inständig bitten: Sprich zu uns, und verkünde uns deine Wahrheit. Auf dass wir sie an unsere Kinder weitergeben können, und diese wiederum an ihre Kinder, damit sie niemals verloren gehe. In deiner tiefen Einsamkeit wachtest du über unsere Tage, und in deinem Wachen hörtest du uns in unseren Träumen lachen und weinen. Es ist an der Zeit, dass du uns dein Wissen enthüllst, sprich mit uns über alles, was uns auf unserem Wege von der Geburt bis hin zum Tode zuteil wird! Er antwortete: Menschen von Orphalese, wovon sollte ich euch erzählen, wenn nicht von dem, was eure Seelen gerade bewegt?

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a sprach Almitra: Erzähle uns zunächst über die Liebe! Er hob den Kopf und blickte auf die vor ihm stehende Menschenmenge. Schweigen ergriff die Versammelten. Da sprach er mit lauter Stimme: Wenn die Liebe dir winkt, so folgt ihr. Mögen ihre Wege auch undurchdringlich und steinig sein! Und wenn ihre Flügel euch umfangen, so gebet euch ihr hin, mag euch auch das Schwert, das sie unter ihrem Gefieder verbirgt, verwunden. Und wenn die Liebe zu euch spricht, so vertraut ihr. Auch wenn ihre Stimme eure Träume zu zerschlagen vermag, so wie der Nordwind den Garten verwüstet. Denn so wie die Liebe euch zu krönen vermag, so kann sie euch auch demütigen. An ihr könnt ihr wachsen, an ihr könnt ihr aber auch zerbrechen. So wie sie sich zu euren Spitzen aufschwingen und eure zartesten Zweige zu liebkosen vermag; so steigt sie auch hinab zu euren Wurzeln und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit. So wie die Korngaben, die wir ernten, versammelt sie sich um euch. Sie drischt euch, um euch zu entblößen. Sie siebt euch, um euch von der Spreu zu befreien. Sie mahlt euch, bis ihr weiß seid. Sie knetet euch, bis ihr geschmeidig seid. Dann weiht sich euch ihrem heiligen Feuer, auf dass ihr heiliges Brot werdet für Gottes heiliges Festmahl. 7

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All dies wird die Liebe mit euch tun, damit ihr die Geheimnisse eurer Herzen ergründet und in diesem Wissen ein Teil des Herzens des Lebens werdet. Doch wenn ihr in eurer Kleinherzigkeit nur der Liebe Lust und Frieden suchet, dann solltet ihr besser eure Blöße verhüllen und fliehen, sobald die Liebe erwacht. Fliehet in eine immergleiche Welt, in der ihr wohl lachen könnt, niemals aber aus ganzem Herzen, in der ihr wohl weinen könnt, niemals aber aus ganzer Seele. Die Liebe verschenkt nur sich selbst und nimmt nur von sich selbst. Weder will sie besitzen, noch lässt sie sich besitzen, denn alles, was die Liebe braucht, ist Liebe. Und wenn ihr liebt, dürft ihr nicht sagen: „Gott ist in meinem Herzen“, sagt vielmehr: „Ich bin im Herzen Gottes.“ Glaubet nicht, den Lauf der Liebe lenken zu können, denn es ist die Liebe, die euren Lauf lenkt, sofern sie euch für würdig hält. Liebe hegt nur den Wunsch, erfüllt zu werden. Doch wenn ihr liebt und dennoch Wünsche habt, so mögen es diese sein: zu einem fließenden Bach zu verschmelzen, der des Nachts sein Lied singt; den Schmerz zu spüren, den übergroße Zärtlichkeit weckt; von eurem Unverständnis der Liebe verwundet zu werden; und freiwillig und freudig zu bluten; beim Morgenrot mit frohem Herzen zu erwachen und Dank zu zollen für diesen neuen Tag, an dem es euch gegeben ist zu lieben; zur Mittagszeit zu ruhen und über die Ekstase der Liebe nachzusinnen; und abends dankbar heimzukehren; einzuschlafen mit einem Gebet für den geliebten Menschen im Herzen und auf den Lippen einen Lobgesang.

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Wieder wandte sich Almitra an ihn und fragte: Was könnt ihr uns über die Ehe erzählen, Meister? Und er antwortete: Zusammen seid ihr geboren und für immer sollt ihr zusammen sein! Ihr sollt vereint bleiben, wenn das Schlagen der weißen Flügel des Todes eure Tage zerstreut. Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes vereint sein. Doch lasst euch in eurem Zusammensein ein wenig Freiheit! Die Winde des Himmels müssen zwischen euch wirbelnd tanzen können! Liebet einander, doch macht die Liebe nicht zur Fessel! Sie sei vielmehr eine wogende See zwischen den Ufern eurer Seelen. Füllt einander den Becher, doch trinkt jeder aus seinem eigenen! Gebet einander von eurem Brot, doch esst nicht vom selben Laib. Singet und tanzet miteinander und seid fröhlich, doch wahret eure Eigenständigkeit! Seid wie die Saiten einer Laute, die einzeln stehen, auch wenn die gleiche Musik auf ihnen erklingt. Verschenkt eure Herzen, doch gebt sie nicht in die Obhut des anderen, denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen bewahren.

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Stehet zusammen, doch nicht zu nahe beieinander, denn auch des Tempels Säulen stehen einzeln; und weder Eiche noch Zypresse gedeihen im Schatten des anderen.

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ine Frau, die einen Säugling an ihrer Brust hielt, bat: Erzähle über die Kinder! Und er sagte: Eure Kinder sind nicht eure Kinder! Sie sind Söhne und Töchter eines Lebens, das sich selbst liebt. Ihr schenkt ihnen ihr Leben, aber ihr seid nicht ihr Ursprung; und wenngleich sie bei euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr könnt ihnen eure Liebe schenken, nicht aber eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr könnt ihren Leibern ein Zuhause geben, nicht aber ihren Seelen, denn ihre Seelen wohnen in den Häusern von morgen, zu denen ihr nicht einmal in euren Träumen Zutritt habt. Ihr dürft versuchen, ihnen zu gleichen, doch trachtet nicht danach, sie euch gleich zu machen, denn das Leben läuft nicht rückwärts und verweilt auch nicht im Gestern. Ihr seid der Bogen, von dem eure Kinder als lebendige Pfeile ausgesandt werden. Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit; er spannt euch in seiner Macht, so dass sich seine Pfeile flink in unendlicher Weite verlieren. Biegt euch freudig in der Hand des Schützen, denn ebenso wie er den fliegenden Pfeil liebt, so liebt er auch den Bogen, der standhält.

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nd ein reicher Mann bat: Erzähle uns über das Geben! Und er erwiderte: Wenig gebt ihr, wenn ihr von eurem Besitz gebt. Erst wenn ihr von euch selbst gebt, gebt ihr wirklich und ehrlich. Was ist euer Besitz anderes als Hab und Gut, das ihr hortet und bewacht aus Sorge, ihr könntet es morgen benötigen? Und was bringt der nächste Tag dem übervorsichtigen Hunde, der seine Knochen ohne jegliche Spur im Sande verscharrt, wenn er den Pilgern zur Heiligen Stadt folgt? Ist nicht die Angst vor der Not selbst eine Not? Ist nicht die Angst vor dem Durst, den man bei gefüllten Brunnen spürt, eben jener Durst, den man nicht zu löschen vermag? Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie besitzen, nur wenig geben - und sie geben um der Anerkennung Willen, und dieser verborgene Wunsch verdirbt ihre Gaben schließlich. Und es gibt Menschen, die wenig besitzen und alles geben. Das sind die Menschen, die an das Leben und die Großzügigkeit des Lebens glauben und deren Beutel nie leer wird. Einige geben voller Freude, und die Freude ist ihr Lohn; andere geben nur wider Willen und dieser Widerwillen ist ihr Lohn. Und es gibt jene, die beim Geben weder Freude, Schmerz noch Tugendhaftigkeit empfinden. Sie geben wie die Myrte im Tal, die großzügig ihren Duft verströmt.

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Durch die Hände solcher Menschen spricht Gott, und durch ihre Augen richtet er seinen wohlwollenden Blick auf unsere Erde. Es ist gut zu geben, wenn man uns darum bittet, doch noch besser ist es, ungebeten und aus Mitgefühl zu geben. Und noch mehr als das Geben selbst bereitet es dem Freigiebigen Freude, jemanden zu finden, den er beschenken kann. Gibt es etwas, was ihr nicht geben könnt? Alles, was ihr besitzt, werdet ihr eines Tages aufgeben müssen. Darum gebt jetzt, dann wird die Zeit des Gebens eure sein und nicht die eurer Erben. Vielleicht sagt ihr nun: „Wie gerne gebe ich, doch nur jenem, der es verdient hat.“ So handeln weder die Bäume in euren Gärten, noch die Herden eurer Weiden. Sie geben, um zu leben, denn wer alles für sich behält, wird zugrunde gehen. Glaubt ihr, derjenige, der würdig ist, die Tage und Nächte des Lebens zu erleben, sei es nicht auch würdig, all das zu erhalten, was ihr ihm zu geben vermögt? Und hat nicht der, der es verdient hat, aus dem Meer des Lebens zu trinken, es ebenso verdient, seinen Becher an eurer Quell zu füllen? Kann es einen größeren Verdienst geben, größer noch als Mut und Vertrauen, größer gar noch als Nächstenliebe, als von anderen empfangen zu dürfen? Und wer seid ihr, dass die Menschen sich die Brust zerreißen und ihren Stolz entschleiern sollten, damit ihr ihren wahren Wert nackt und ihren Stolz entblößt seht? Werdet würdig, ein Gebender und Werkzeug des Gebens zu sein. In Wahrheit ist es das Leben, das gibt, während ihr, die ihr zu geben vermeint, nur Zeugen seid.

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Und ihr, die ihr empfangt - und ihr seid alle Empfangende -, macht die Dankesschuld nicht zur Last, weder für euch noch für den, der gibt! Seht diese Gaben lieber als Flügel, die euch zusammen mit eurem Wohltäter erhöhen werden. Denn wenn ihr die Dankesschuld überbewertet, so zweifelt ihr an der Großmut desjenigen, der die großherzige Erde zur Mutter hat und den barmherzigen Gott zum Vater.

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in alter Gastwirt näherte sich und sprach: Erzähle über Essen und Trinken! Und er sprach: Könntet ihr doch vom Duft der Erde leben oder euch wie die Pflanze mit dem Lichte begnügen! Doch da ihr töten müsst, um zu essen, und dem Neugeborenen die Muttermilch wegnehmt, um euren Durst zu stillen, so lasst dies zumindest eine ehrfürchtige Handlung sein! Und euer Tisch sei ein Altar, auf dem das Reine und Unschuldige des Feldes und des Waldes geopfert wird für das, was im Menschen noch reiner und noch unschuldiger ist. Wenn ihr ein Tier töten müsst, sagt zu ihm in eurem Herzen: „Die gleiche Macht, die dich tötet, wird auch mich töten, und auch ich werde verzehrt werden. Denn das Gesetz, das dich in meine Hände führte, wird mich in noch mächtigere Hände führen. Dein Blut und meines sind nichts als der Saft, der den Baum des Himmels nährt.“ Und wenn ihr in einen Apfel beißt, dann sprecht zu ihm in euren Herzen: „Dein Samen wird in meinem Körper keimen, und deine Knospen von morgen werden in meinem Herzen erblühen. Dein Duft wird mein Atem sein, und gemeinsam werden wir uns aller Jahreszeiten erfreuen.“

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Und wenn ihr im Herbst die Trauben eurer Weinberge zum Keltern sammelt, sagt in eurem Herzen: „Auch ich bin ein Weinberg, und auch meine Früchte werden zum Keltern gesammelt werden, und wie neuer Wein werde ich in ewigen Gefäßen aufbewahrt werden.“ Und wenn ihr an kalten Wintertagen den Wein ausschenkt, so erklinge ein Lied für jeden Becher Wein in eurem Herzen. Möge dieses Lied die Erinnerung wachrufen an die Herbsttage, den Weinberg und die Kelter.

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in Arbeiter bat: Erzähle uns über die Arbeit. Und er sagte: Ihr arbeitet, um Schritt zu halten mit der Erde und der Erde Seele. Denn Müßiggang bedeutet, den Jahreszeiten fremd zu werden und den Pilgerzug des Lebens zu verlassen, der würdevoll und in stolzer Ergebenheit der Ewigkeit entgegen schreitet. Wenn ihr arbeitet, so gleicht ihr einer Flöte, in deren Herzen sich das Flüstern der Zeit in Musik verwandelt. Und wer von euch wollte ein stummes Instrument sein, wenn alles andere im Einklang singt? Stets hat man euch gesagt, Arbeit sei ein Fluch und Mühsal ein Unglück. Ich aber sage euch wenn ihr arbeitet, verwirklicht ihr einen Teil des ältesten Traumes dieser Erde, der gleich bei seiner Entstehung zu eurem Traum wurde. Indem ihr euch beständiger Mühsal hingebt, stellt ihr eure Liebe zum Leben unter Beweis. Und seine Liebe zum Leben über die Mühsal zu zeigen heißt, vertraut zu sein mit des Lebens tiefstem Geheimnis. Doch wenn ihr in eurem Schmerz eure Geburt als Bürde und die Sorge für den Leib als Fluch seht, der auf eure Stirn geschrieben ist, dann sage ich euch, nur der Schweiß eurer Stirn vermag abzuwaschen, was dort geschrieben steht. Man hat euch auch gesagt, das Leben sei Finsternis und in eurer Enttäuschung wiederholt ihr die Worte jener, die vom Leben enttäuscht wurden.

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Ich aber sage euch, das Leben ist tatsächlich Finsternis, wenn wir es nicht mit dem Schwung angehen, den uns die Leidenschaft verleiht. Welche Bedeutung hat Leidenschaft, wenn sie nicht durch unser Wissen in die richtige Richtung geführt wird? Und welche Bedeutung hat Wissen, das nicht in Arbeit umgesetzt wird? Jede Arbeit ist sinnlos ohne die Liebe. Wenn ihr aber voller Liebe arbeitet, so findet ihr zu euch selber, zueinander und zu Gott. Und was heißt es, voller Liebe zu arbeiten? Es heißt, das Tuch mit Fäden weben, die aus euren Herzen gezogen sind, so als solle euer Geliebter dieses Tuch tragen. Es heißt, ein Haus mit Leidenschaft zu bauen, als solle eure Geliebte es bewohnen. Es bedeutet, den Samen mit Zartgefühl auszustreuen und die Ernte mit Freude einzubringen, als sollten geliebte Menschen von den Früchten kosten. Es heißt, alle Dinge, die ihr herstellt, mit einem Hauch eures Geistes zu versehen und zu wissen, dass alle Verstorbenen, die euch teuer waren, um euch stehen und zusehen. Oft hörte ich euch wie im Schlafe sprechen: „Wer mit Marmor arbeitet und dem Stein die Gestalt seiner Seele einprägt, ist edler als derjenige, der die Erde pflügt. Und wer den Regenbogen ergreift, um ihn auf einer Leinwand zum Ebenbild des Menschen zu machen, ist mehr als der, der Sandalen für unsere Füße macht." Ich aber sage euch, nicht in der Benommenheit des Schlafes, sondern bei vollem Bewusstsein am hellen Mittag, dass der Wind zu den riesigen Eichen nicht süßer spricht als zum kleinsten aller Grashalme. Allein der ist groß, der die Stimme des Windes in ein Lied verwandelt, das durch seine Liebe noch süßer erklingt. Nur wer arbeitet, macht die Liebe sichtbar. Und wenn ihr nicht mit dem Herzen, sondern nur mit Abscheu arbeiten könnt, dann solltet ihr besser von eurer Arbeit ablassen und euch ans Tor des Tempels setzen, um Almosen von jenen zu erbetteln, die mit Freude arbeiten.

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Denn wenn ihr das Brot gleichgültig backt, so backt ihr ein bitteres Brot, das den Hunger der Menschen nicht einmal zur Hälfte stillt. Und wenn ihr mit Widerwillen die Trauben keltert, so mischt sich dieser Widerwillen wie Gift unter den Wein. Wenn ihr engelsgleich singt, ohne aber den Gesang zu lieben, so macht ihr der Menschen Ohren taub für die Stimmen des Tages und die Stimmen der Nacht.

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ann sprach eine Frau: Erzähle uns über Freud und Leid! Und er sagte: Das Leid wird zur Freude, sobald man es genauer kennt. Der Brunnen, aus dem euer Lachen aufsteigt, war oft von euren Tränen erfüllt. Und wie könnte es anders sein? Je tiefer die Wunde ist, die euer Kummer euch zufügt, umso mehr kann sie sich mit Freude füllen. Ist nicht der kühle Becher, aus dem ihr euren Wein trinkt, das gleiche Gefäß, das zuvor heiß im Ofen des Töpfers brannte? Und ist nicht die Laute, die euren Geist besänftigt, aus demselben Holz geschnitzt, das mit Messern ausgehöhlt wurde? Wenn ihr froh seid, schaut tief in eure Herzen, und ihr werdet entdecken, dass der Grund eures vergangen Leids nun der Grund eurer Freude ist. Und wenn ihr traurig seid, schaut wieder in euer Herz, und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit über das weint, was zuvor eure Freude ausmachte. Einige von euch sagen: „Freude kennt keine Grenzen und ist größer als alles Leid.“ Andere widersprechen: „Nein, das Leid übertrifft alles.“ Ich aber sage euch, das eine geht nicht ohne das andere. Sie trennen sich nie voneinander, und wenn einer alleine mit euch bei Tische sitzt, so ruht der andere bereits auf eurem Lager.

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Wahrhaftig, wie die Schalen einer Waage hängt ihr zwischen eurem Leid und eurer Freude, und nur wenn die Waagschalen leer sind, findet ihr Gleichgewicht und Stabilität. Wenn der Schatzmeister die Waage in der Mitte anhebt, um sein Gold und Silber zu wiegen, so verliert sich das Gleichgewicht zwischen eurer Freude und eurem Leid.

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in Maurer trat vor und bat: Erzähle über die Häuser! Und er antwortete: Baut euch in eurer Phantasie eine luftige Laube in der Wildnis, bevor ihr euch ein Haus innerhalb der Stadtmauern baut! Denn so gern ihr auch in der Dämmerung heimkehrt, so sehr seid ihr auch Wanderer, die die Ferne und die Einsamkeit lieben. Euer Haus ist euer zweiter Körper. Es wächst in der Sonne und schläft träumend in der Stille der Nacht. Oder glaubt ihr nicht, dass euer Haus träumt und träumend die Stadt verlässt, um in Hainen und auf Hügeln zu verweilen? Könnte ich eure Häuser doch in meinen Händen sammeln und sie einem Sämann gleich über Wälder und Wiesen ausstreuen! Wären doch die Täler eure Strassen und die grünen Pfade eure Gassen, so dass eure Wege durch die Weinberge führten, wenn ihr einander besucht und eure Kleidung bei eurer Ankunft nach Erde duftete. Doch noch ist es nicht soweit. Eure furchtsamen Vorfahren siedelten zu nah beieinander, und ihre Furcht wird sich nicht so bald zerstreuen. Die Stadtmauern werden eure Felder noch eine Weile von der Wärme eurer Häuser trennen. Und sagt mir, Menschen von Orphalese, was versteckt ihr in diesen Häusern?

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Was hütet ihr so sorgsam hinter verriegelten Türen? Hütet ihr darin Frieden, diesen stillen anspornenden Gast, der eure Kraft offenbart? Hütet ihr darin Erinnerungen, die, lichtdurchfluteten Gewölben gleich, die Gipfel eures Geistes überspannen? Hütet ihr darin die Schönheit, die über Schöpfungen aus Holz und Stein das Herz auf den heiligen Berg führt? Sagt mir, hütet ihr all das in euren Häusern? Oder gibt es darin nur Bequemlichkeit und die Gier nach Bequemlichkeit, jenes arglistige Verlangen, das euer Haus zunächst als Gast betritt, bevor es zum Wirt und schließlich zum Hausherrn wird? Ja, sie wird sich noch zu eurem Zuchtmeister aufspielen, mit Peitsche und Geißel in den Händen wird sie eure hehren Wünsche zu bedeutungslosen Marionetten machen. Zwar sind ihre Hände aus Seide, doch ihr Herz ist aus Eisen. Mit allen Mitteln versucht sie, euch in den Schlaf zu wiegen, um dann neben eurem Bette zu stehen und des Fleisches Würde zu verspotten. Sie verspottet euren gesunden Verstand und hüllt eure solidesten Gedanken in Watte ein, als seien sie zerbrechliches Porzellan oder ein zu Staub zerfallenes Nichts. Wahrlich, das Verlangen nach Besitz und Bequemlichkeit tötet die Leidenschaft der Seele und trägt sie grinsend zu Grabe. Ihr aber, Kinder der Erde, die ihr euch selbst beim Ausruhen nicht einlullen lasst, ihr lasst euch von der Bequemlichkeit weder einfangen noch von ihr gefügig machen! Euer Haus sei kein Anker, sondern ein Mast Es sei kein schimmerndes Häutchen, das eine klaffende Wunde bedeckt, sondern ein Augenlid, das euer Auge schützt. Baut eure Häuser nicht so, dass ihr eure Flügel falten müsst, um durch die Türe treten zu können, eure Köpfe beugen müsst, um nicht an die Decke zu stoßen, oder kaum atmen könnt aus lauter Sorge, die Wände könnten erzittern und einfallen! Ihr sollt nicht in Grabstätten wohnen, in denen die Toten die Lebenden einmauern! Und mag euer Haus noch so großartig und prächtig sein, es wird niemals ein einziges Geheimnis bewahren können noch verhindern, dass euch eure Hoffnungen verlassen. Denn das, was in jedem einzelnen von euch grenzenlos ist, wohnt im Palast des Himmels, dessen Tor der Morgennebel ist und dessen Fenster die Lieder und die Stille der Nacht sind.

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in Weber sagte: Erzähle uns über die Kleider! Und er sagte: Eure Kleider verbergen viel von eurer Schönheit vor fremden Blicken, verbergen aber nicht, was unschön ist. Wenn ihr eure Gewänder nutzen wollt, um euren persönlichen Bereich abzuschirmen, so gebt acht, dass sie euch nicht Panzer und Ketten sind. Könntet ihr doch der Sonne und auch dem Wind mehr von eurer Haut preisgeben! Denn das Sonnenlicht birgt den Atem des Lebens und der Wind die Hand des Lebens. Einige von euch sagen: „Der Nordwind wob die Kleider, die wir tragen.“ Und ich sage: „Es stimmt, es war der Nordwind.“ Doch sein Webstuhl war die Scham, und eure schwachen Nerven waren sein Garn. Und als diese Arbeit beendet war, verzog er sich lachend in den Wald. Vergesst nicht, dass Keuschheit den besten Schutz vor begehrlichen Blicken bietet. Und wenn es keine Begehrlichkeit mehr gibt, erscheint dann die Scham nicht eher als Fessel und als Beschmutzung des Geistes?

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Und vergesst nicht, dass es die Erde beglückt, eure bloßen Füße zu spüren und sich die Winde danach sehnen, mit eurem Haar zu spielen.

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nd ein Kaufmann bat: Erzähle uns über Kaufen und Verkaufen! Und er entgegnete folgende Worte: Die Erde beschenkt euch reich. Ihr werdet niemals Not leiden, wenn ihr wisst, wie ihr eure Hände füllen müsst. Wenn ihr die Gaben der Erde tauscht, werdet ihr reich werden. Doch ohne Liebe und Gerechtigkeit wird dieser Austausch für Habgier und für Not sorgen. Wenn ihr Fischer, Bauern und Winzer auf dem Marktplatz mit Webern, Töpfern und Gewürzhändlern zusammentrefft, so ruft den Herrschergeist der Erde an, in eure Mitte zu kommen und eure Waagen zu segnen. Dank seiner werdet ihr allem den Wert beimessen, der ihm zukommt. Duldet bei euren Tauschgeschäften niemanden mit leeren Händen, der eure Arbeit nur mit schönen Worten entlohnen möchte! Zu solchen Menschen sollt ihr sagen: „Kommt mit uns aufs Feld oder begleite unsere Brüder aufs Meer, wenn sie ihre Netze auswerfen, denn Erde und Wasser werden sich euch gegenüber ebenso freigiebig zeigen wie uns.“ Kommen aber Sänger, Tänzer und Flötenspieler zu euch, so nehmt auch von ihren Gaben!

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Denn auch sie sind Sammler von Früchten und Weihrauch; und sind ihre Waren auch Traumgebilde, so sind sie dennoch Kleider und Nahrung für eure Seele. Und bevor ihr den Marktplatz verlasst, vergewissert euch, dass niemand mit leeren Händen weggeht. Denn der großmütige Geist der Erde wird nicht eher ruhen und sich von den Winden davontragen lassen, ehe die Bedürfnisse des Geringsten unter euch befriedigt sind.

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ann wandte sich ein Richter der Stadt an ihn und sprach: Erzähle uns über Schuld und Sühne! Und er antwortete mit diesen Worten: Wenn euer Geist sich vom Wind hinwegtragen lässt, so begeht ihr allein und unbewacht ein Unrecht an anderen und somit letztlich auch an euch selbst. Für dieses begangene Unrecht müsst ihr eine Weile am Tor der Seligen warten, bis man euch auf euer Klopfen hin Einlass gewährt. Euer göttliches Ich gleicht dem Meer. Es bleibt ewig makellos. Wie der Äther trägt es nur jene empor, die Flügel haben. Und euer göttliches Ich ist der Sonne ähnlich. Es durchläuft weder die Gänge des Maulwurfs, noch rollt es sich in den Höhlen der Schlangen zusammen. Doch ihr seid weitaus mehr als euer göttliches Ich. Ein großer Teil eures Ichs ist noch Mensch und ein ebenfalls großer Teil ist noch nicht Mensch, sondern ein plumper Zwerg, der im Nebel schlafwandelt und auf sein Erwachen wartet. Dennoch möchte ich über den Menschen in euch sprechen.

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Denn er ist es und nicht euer göttliches Ich oder auch der Zwerg im Nebeldunst, der es mit Schuld und Sühne aufnehmen muss. Oft höre ich euch über jene reden, die sich strafbar machen, so als seien sie keine von euch, sondern Fremde und Eindringlinge in eure Welt. Ich aber sage euch, so wie der Heilige und der Gerechte sich nicht über das Höchste in euch erheben kann, ebenso kann der Böse und Schwache nicht tiefer fallen als das Niedrigste, das jeder von euch in sich birgt. Und wie ein einzelnes Blatt nicht vergilbt, ohne dass der ganze Baum dafür verantwortlich wäre, so gibt es auch keine Übeltäter, der seine Straftaten ohne euer aller verborgenen Willen begeht. Wie in einer Prozession geht ihr zusammen eurem göttlichen Ich entgegen. Ihr seid der Weg und die Wallfahrer. Wenn einer von euch strauchelt und fällt, so fällt er für jene, die hinter ihm gehen, um sie vor dem Stolperstein zu warnen. Ja, er fällt sogar für die, die vor ihm gehen, die schneller und sicherer zu Fuß sind und die es versäumten, den Stein zu entfernen. Und noch ein Wort, wenngleich es schwer auf euren Herzen lasten wird: Der Ermordete ist an seiner eigenen Ermordung nicht unschuldig. Der Beraubte wird nicht ohne Mitschuld beraubt. Der Rechtschaffene stets auch ein wenig der Komplize des Übeltäters. Und nur weil unsere Hände sauber sind, dürfen wir uns doch nicht rühmen, keine Schuld an den Missetaten des Bösen zu tragen. Ja, der Schuldige ist bisweilen das erste Opfer des Unrechts. Und sehr häufig trägt der Verurteilte die Last der Strafe anstelle all jener, die nicht bestraft werden und sich keiner Schuld bewusst sind. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gehören ebenso zusammen wie das Gute und das Böse. Zusammen stehen sie vor dem Angesicht der Sonne, so wie der weiße und der schwarze Faden zusammen in einem Tuch verwoben sind.

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Der Prophet

Reißt der schwarze Faden, so muss der Weber sowohl das ganze Gewebe als auch die ganze Arbeit prüfen. Wenn einer von euch die untreue Frau vor Gericht bringt, so möge man auch das Herz ihres Mannes in die Waagschale legen und ihrer beiden Seelen aneinander messen. Und wer den Übeltäter auspeitschen will, erforsche zunächst den Geist des Übeltäters. Wer von euch im Namen der Gerechtigkeit eine Strafe verhängen und die Axt an den Baum des Bösen legen möchte, der untersuche zuerst dessen Wurzeln! Er wird die Wurzeln des Guten und des Bösen, des Fruchtbaren und Unfruchtbaren miteinander verflochten finden im stillen Schoß der Erde. Und ihr Richter, die ihr gerecht sein wollt, welches Urteil sprecht ihr über jemanden, der in seinem Fleische ehrlich ist, in seinem Denken aber ein Dieb? Wie bestraft ihr jemanden, der im Fleisch erschlägt und im Denken ein Erschlagener ist? Und wie verfolgt ihr jene, der unser Vertrauen missbrauchen und gewalttätig sind, weil sie selbst gekränkt und verletzt wurden? Und wie wollt ihr jene bestrafen, deren Reue bereits größer ist als ihr begangenes Unrecht? Ist nicht Reue die Strafe, die jenes Gesetz verhängt, dem zu dienen ihr vorgebt? Doch ihr könnt weder dem Unschuldigen Reue auferlegen, noch sie dem Herzen des Schuldigen abnehmen. Als ungebetener Gast wird sie in der Nacht zu euch kommen, damit die Menschen wachen und in sich gehen. Und ihr, die ihr etwas von Gerechtigkeit zu verstehen glaubt, werden ihr alle Taten im rechten Licht sehen können? Erst dann werdet ihr wissen, dass der Aufrechte und der Gefallene ein und derselbe Mensch ist, der zwischen der Nacht seines Zwerges und dem Tag seines göttlichen Ichs im Dämmerlichte steht, und dass der niedrigste Stein im Fundament des Tempels ebenso unverzichtbar ist wie der Schlussstein dieses heiligen Gebäudes.

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Der Prophet

a sprach ein Rechtsgelehrter: Wie verhält es sich mit unseren Gesetzen, Meister? Und er antwortete: Es macht euch Freude, Gesetze zu erlassen; doch noch lieber umgeht ihr sie. So wie spielende Kinder Sandburgen am Meeresstrand errichten, um sie dann unter großem Gelächter zu zerstören. Doch während ihr eure Sandburgen baut, schwemmt das Meer immer mehr Sand an. Und wenn ihr eure Sandburgen vernichtet, lacht das Meer mit euch. Wahrlich, das Meer freut sich stets für den Unschuldigen. Doch wie steht es mit denen, für die das Leben nicht dem Meer gleicht und die von Menschen gemachten Gesetze nicht den Sandburgen, für die das Leben vielmehr ein Fels ist und das Gesetz ein Meißel, mit dem sie den Stein nach ihrem Ebenbild formen wollen? Und was ist mit dem Krüppel, der die Tänzer hasst? Und mit dem Ochsen, der sein Joch liebt und das Wild des Waldes für Vagabunden hält? Was ist mit der alten Schlange, die sich nicht mehr häuten kann und alle anderen Schlangen als nackt und schamlos bezeichnet?

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Der Prophet

Und wie steht es mit dem, der frühzeitig zum Hochzeitsmahl kommt, sich den Bauch vollschlägt und sich dann wieder ins heimische Bett aufmacht mit den Worten, alle Feste seien Völlerei und alle Festteilnehmer Gesetzesbrecher? Was soll ich von ihnen anderes sagen, als dass auch sie im Sonnenlicht stehen, wobei sie aber der Sonne den Rücken zuwenden? Sie sehen nur ihre eigenen Schatten, auf deren Grundlage sie ihre Gesetze machen. Und was ist die Sonne für sie anderes als etwas, das Schatten wirft? Gesetze anzuerkennen, bedeutet für sie nichts anderes, als sich zu bücken und ihre Schatten auf der Erde nachzuzeichnen. Ihr aber, die ihr der Sonne zugewandt seid, ließet ihr euch von Schattenbildern auf dem Erdboden aufhalten? Die ihr mit dem Wind reist, ließet ihr euch von einem Wetterhahn den Weg weisen? Welches menschliche Gesetz sollte euch binden, wenn ihr euer Joch zerbrecht, aber die Gefängnistüren nicht zerschlagt? Welches Gesetz solltet ihr fürchten, wenn ihr tanzt, ohne dabei über die Eisenketten an euren Füßen zu stolpern? Und wer sollte euch vor Gericht stellen, wenn ihr zwar euer Gewand zerreißt, es aber auf einem Pfad abstreift, auf dem keine Menschenseele geht? Leute von Orphalese, ihr könnt den Ton der Trommeln dämpfen und die Saiten der Leier lockern, doch wer könnte die Lerche von ihrem Gesang abhalten?

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Der Prophet

in Redner sprach: Erzähle uns über die Freiheit. Und er antwortete: Am Stadttor und an eurem Herd sah ich euch unterwürfig und in Anbetung eurer Freiheit, so wie Sklaven sich vor einem Tyrannen erniedrigen und ihn preisen, obwohl er sie unterdrückt. In den Gärten des Tempels und jenseits der Mauern der Zitadelle sah ich die Freiesten unter euch ihre Freiheit wie ein Joch oder wie Handschellen tragen: Und mein Herz blutete, denn ihr werdet erst frei sein, wenn das Streben nach Freiheit eure Rüstung ist und wenn ihr aufhört, von der Freiheit als Ziel und Erfüllung zu sprechen. Auch wenn eure Tage frei sind von Sorge und eure Nächte frei von Kummer, so seid ihr doch nicht frei. Frei seid ihr erst, wenn diese beiden Lasten euer Leben umklammern und ihr euch nackt und ungebunden über sie erhebt. Doch wie könntet ihr euch über eure Tage und Nächte erhaben fühlen, solange ihr nicht die Ketten zerbrecht, die euch, im Morgengrauen eures Verstehens, vom Weg des Tages abgebracht haben? Wahrlich, was ihr Freiheit nennt, ist die stärkste dieser Ketten, wenn auch ihre Glieder in der Sonne glänzen und eure Augen blenden.

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Der Prophet

Sind es nicht Teile eures Ichs, die ihr abwerfen wollt, wenn ihr wirklich frei sein wollt? Und wenn ihr den Eindruck habt, zunächst ein ungerechtes Gesetz abschaffen zu müssen, dann vergesst nicht, dass ihr es euch auf eure Stirn geschrieben habt. Ihr könnt es nicht auslöschen, indem ihr eure Gesetzesbücher verbrennt oder es von der Stirn eurer Richter abwischt, selbst wenn das Wasser sämtlicher Meere dafür verwenden würdet. Wenn ihr glaubt, einen Despoten entthronen zu müssen, um frei zu sein, dann sorgt zuerst dafür, dass ihr den Thron zerstört, den ihr ihm in eurem Herzen errichtet habt! Wie könnte ein Tyrann seine Gesetze den Freien und Stolzen aufzwingen, wenn es in ihrer Freiheit keinen Tyrannen mehr gäbe und in ihrem Stolz keine Scham mehr? Und ist es eine Sorge, derer ihr euch entledigen wollt, so vergesst nicht, dass es keine auferlegte, sondern eine von euch selbst gewählte Sorge ist. Oder ist es eine Furcht, die ihr vertreiben wollt, so vergesst nicht, dass sie in eurem Herzen wohnt und nicht in der Hand des Gefürchteten liegt. Wahrhaftig, all diese Dinge wohnen in unlösbarer Verflechtung in euch, das Ersehnte und das Gefürchtete, das Abstoßende und das Geschätzte, das was ihr anstrebt und das, dem ihr entfliehen wollt. All dies regt sich in euch wie Licht und Schatten, die einander ergänzen. Verblasst der Schatten aber bis zu Unkenntlichkeit, so wird das verbleibende Licht zum Schatten eines anderen Lichtes. So wird es mit eurer Freiheit sein, sobald sie sich ihrer Fesseln entledigt hat; sie wird zur Fessel einer anderen Freiheit.

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Der Prophet

ie Priesterin sprach erneut: Erzähle uns über Vernunft und Leidenschaft. Und er sagte: Eure Seele gleicht oft einem Schlachtfeld, auf dem eure Vernunft und euer Verstand gegen eure Leidenschaft und euer Verlangen zu Felde ziehen. Könnte ich doch Frieden stiften in eurer Seele und Missklang und Zwietracht, die euch vor Kummer zerreißen, in eine harmonische Melodie verwandeln! Doch wie sollte mir das jemals gelingen, wenn ihr nicht selber Friedensstifter seid, die sich vor allem untereinander ausgesöhnt haben? Eure Vernunft und eure Leidenschaft sind Ruder und Segel eurer zur See fahrenden Seele. Sollten Ruder und Segel brechen, könnt ihr nur noch schlingern und euch treiben lassen oder fern jeglichen Hafens auf hoher See innehalten. Regiert die Vernunft alleine, so ist sie eine einengende Kraft, und ist die Leidenschaft Alleinherrscher, so brennt ihr Feuer bis zur Selbstzerstörung. Daher lasset die Seele eure Vernunft auf den Gipfel der Leidenschaft heben, damit sie singt - und lasst sie eure Leidenschaft mit Vernunft lenken, auf dass eure Leidenschaft ihre tägliche Auferstehung erlebe und sich wie Phönix aus der Asche erhebe.

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Der Prophet

Ich wünsche mir, dass ihr euren Verstand und euer Verlangen wie zwei liebe Gäste in eurem Haus betrachtet. Gewiss werdet ihr einem Gast nicht mehr Ehre erweisen als dem anderen, denn wer einem seiner Gäste mehr Aufmerksamkeit widmet als dem anderen, verliert die Liebe und das Vertrauen beider. Wenn ihr zwischen den Hügeln im kühlen Schatten der weißen Pappeln sitzt und am Frieden und der Heiterkeit der Felder und Wiesen teilhabt, dann lasst euer Herz leise flüstern: "Gott ruht in der Vernunft." Und wenn ein Sturm ausbricht und ein heftiger Wind den Wald aufwühlt, wenn Donner und Blitz die Hoheit des Himmels offenbaren, dann möge euer Herz ehrfürchtig sagen: „Gott regt sich in der Leidenschaft.“ Und auch wenn ihr lediglich ein Hauch in Gottes Baum seid, ein Blatt in seinem Walde, so sollt auch ihr in der Vernunft ruhen und euch in der Leidenschaft regen!

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Der Prophet

ine Frau sprach zu ihm und fragte: Was ist Schmerz? Und er sagte: Euer Schmerz sind die Risse, über die die Keime eures Verständnisses ihre Hülle durchdringen. Wie der Obstkern aufbrechen muss, damit sein Herz in der Sonne reifen kann, so müsst auch ihr den Schmerz empfinden. Könnte euer Herz immer wieder staunen über die täglichen Wunder des Lebens, so schiene euch der Schmerz nicht weniger wunderbar als die Freude. Ihr würdet die Jahreszeiten eures Herzens hinnehmen, wie ihr stets die Jahreszeiten hingenommen habt, die über eure Felder streifen. Ihr würdet den Winter eures Kummers wach und gelassen überstehen. Viel von eurem Schmerz ist selbst gewählt. Er ist die bittere Arznei, mit welcher der Arzt in euch euer krankes Ich heilt. Schenkt diesem Arzt euer Vertrauen, trinkt beruhigt seine Arznei, die er euch verordnet, und klaget nicht! Denn seine Hand, mag sie euch auch brutal und hart erscheinen, wird von der wohlwollenden Hand des Unsichtbaren gelenkt.

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Der Prophet

Und der Becher, den er euch reicht, mag eure Lippen verbrennen, doch er wurde aus dem Ton geformt, den der große Töpfer selbst mit seinen heiligen Tränen benetzte.

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Der Prophet

in Mann sprach: Erzähle uns über die Selbsterkenntnis! Und er sagte: Eure Herzen betrachten in andächtiger Ruhe die Geheimnisse des Tages und der Nacht. Doch eure Ohren dürsten danach, sich des Wissens eures Herzens zu bemächtigen. Ihr wollt in Worte fassen, was ihr insgeheim schon immer ahntet. Und wahrscheinlich wollt ihr den bloßen Körper eurer Träume mit euren Fingern berühren. Und so soll es auch sein! Die verborgene Quelle eurer Seele soll aufsteigen und sich geräuschlos ins Meer ergießen. Und die Schätze in eurer unendlichen Tiefe werden unter eurem Blicke hell funkeln. Doch wiegt eure unermesslichen Schätze nicht mit der Waage! Und lotet die Tiefen eures Wissens nicht mit der Senkschnur aus! Denn euer Sein ist ein grenzenloses Meer. Sagt nicht: „Ich habe die Wahrheit gefunden“, sagt vielmehr „Ich habe eine Wahrheit gefunden.“ Sagt nicht: „Ich habe den Pfad der Seele entdeckt“, sagt vielmehr „Ich traf die Seele, als sie auf meinem Pfad ging.“ Denn die Seele wandelt auf allen Wegen.

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Der Prophet

Die Seele bewegt sich nicht auf den großen, vorgegebenen Wegen, doch sie wächst auch nicht blind wie ein Rosenstrauch. Die Seele öffnet ihre eigene Vielfalt so wie eine Lotosblume ihre zahllosen Blütenblätter entfaltet.

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Der Prophet

ann bat ein Lehrer: Erzähle uns über das Lehren! Und er sagte: Niemand kann euch etwas offenbaren, was nicht schon unbewusst im Dämmern eures Wissens schlummert. Der Lehrer, der mit seinen Schülern im eindrucksvollen Schatten des Tempels umhergeht, beschenkt uns nicht mit seiner Weisheit, sondern mit seinem Glauben und seiner Liebe. Ist er wirklich weise, so lädt er euch nicht ein, das Haus seiner Weisheit zu betreten, sondern er führt euch zur Schwelle eures eigenen Geistes. Der Sternkundige wird euch von den unendlichen Weiten des Weltraumes erzählen können, von denen er sehr viel versteht, doch es ist ihm nicht möglich, euch mit diesem Verständnis auszustatten. Der Musiker kann euch mit seinem Gesang einen Eindruck von den wunderbar klingenden Harmonien des Universums vermitteln, er kann euch aber nicht die Ohren geben, um sie zu hören, und auch nicht die Stimme, um sie nachzuahmen. Und wer in der Wissenschaft der Zahlen bewandert ist, der kann euch von der Welt der Gewichte und Maße berichten, doch kann er euch nicht in ihr Reich führen. Denn die Einsicht eines Menschen leiht ihre Flügel niemand anderem. Und so wie sich jeder von euch allein Gottes Gericht stellen muss, so muss ein jeder auch alleine bleiben in seinem Wissen von Gott und in seinem Verständnis für die Dinge dieser Welt.

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Der Prophet

in Jüngling bat: Erzähle uns über die Freundschaft! Und er antwortete mit den folgenden Worten: Mit euren Freunden finden eure Wünsche Erfüllung. Sie sind das Feld, das ihr mit Liebe besät und auf dem ihr mit Dankbarkeit erntet. Sie sind euer Tisch und euer Herd. Denn ihr fürchtet euch nicht, mit eurem Hunger zu ihnen zu kommen und in ihrer Gesellschaft Ruhe zu finden. Wenn euch ein Freund seine innersten Gedanken preisgibt, dann hört ihm offen zu. Verschließt euch nicht seinen Worten und stimmt ihm voreingenommen zu, wenn ihr mit ihm einer Meinung seid! Und wenn er schweigt, so möge euer Herz dennoch seinem Herzen lauschen. Denn in der Freundschaft werden alle Gedanken, Wünsche und Erwartungen ohne Worte geäußert und geteilt - und mit einer Freude, die keinen Beifall erheischt. Und wenn ihr vom Freund scheidet, so trauert nicht; denn was ihr am meisten an ihm schätzt, wird in seiner Abwesenheit klarer hervortreten, ebenso wie dem Bergsteiger den Berg vom Tal aus deutlicher und größer vor sich sieht. Und möge eure Freundschaft keinen anderen Zweck verfolgen als die Vertiefung des Geistes.

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Der Prophet

Denn die Liebe, die etwas anderes sucht als die Offenbarung ihres eigenen Mysteriums, ist keine Liebe, sondern ein ausgeworfenes Netz, mit dem man nur Marter und Pein einfängt. Gebt euren Freunden nur das Beste von euch! Und wenn sie die Ebbe eurer Gezeiten erfährt, so lasst sie auch eure Flut erfahren! Denn welchen Wert mäßet ihr der Freundschaft bei, wenn ihr eure Freunde nur aufsuchtet, um die Zeit totzuschlagen? Suchet vielmehr ihre Gesellschaft, um die gemeinsamen Stunden zu genießen! Denn Freunde sind dazu da, um eure Bedürfnisse zu stillen, nicht aber, um eure Leere zu füllen. Und zum süßen Gefühl der Freundschaft gesellen sich das Lachen und geteilte Freuden! Denn im Tau kleiner Liebenswürdigkeiten findet das Herz seinen Morgen und seine Erquickung.

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Der Prophet

ann näherte sich ein Gelehrter und sprach: Erzähle uns über das Reden! Darauf antwortete er mit den folgenden Worten: Ihr redet, wenn ihr das Rumoren der Gedanken nicht mehr ertragt, die euch belasten. Wenn ihr nicht länger in der Einsamkeit eurer Herzen verweilen könnt, lebt ihr in euren Lippen, und in den Worten findet ihr Zerstreuung und Ablenkung. Und fast alles, was in eurem Reden und Denken aufkeimt, ist nur von kurzer Lebensdauer. Denn der Gedanke ist ein Vogel im weiten Raum; in einem Käfig aus Worten kann er zwar seine Flügel entfalten, nicht aber fliegen. Einige von euch flüchten sich in Redseligkeit aus Angst, mit sich selbst allein zu sein. Denn in der Stille ihrer Einsamkeit spüren sie eine Bloßheit, die sie verbergen möchten. Und es gibt einige, die absichts- und gedankenlos die Worte sprudeln lassen und darin eine Wahrheit offenbaren, die sie selber nicht verstehen. Und schließlich gibt es noch jene, die Wahrheit in ihrem Inneren bergen, sie aber nicht in Worte fassen können. Denn in ihrem tiefsten Inneren erleben diese Menschen den reinen und ruhigen Rhythmus des Geistes. Wenn ihr einen Freund auf eurem Wege oder auf dem Marktplatz begegnet, so lasst euren Geist eure Lippen bewegen und eure Zunge lenken! Lasst die Stimme in eurer Stimme zum Ohr seines Ohres sprechen!

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Der Prophet

Denn seine Seele wird die Aufrichtigkeit eures Herzens bewahren wie den Geschmack eines Weines, an den man sich noch lange erinnert, auch wenn die Farbe des Weines längst vergessen und der Becher längst leer ist.

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Der Prophet

in Astronom wandte sich an ihn: Meister, was ist Zeit? Und er antwortete: Ihr wollt die Zeit messen, die maßlose, unermessliche Zeit. Nach Stunden und Jahreszeiten wollt ihr euer Verhalten und euer Denken ausrichten. Ihr wollt aus der Zeit einen Strom machen, an dessen Gestaden ihr euch niederlasst, um sein Fließen zu betrachten. Möge in dem zeitlosen Teil eurer selbst stets ein Bewusstsein für die die Vergänglichkeit des Lebens fortbestehen. Das Bewusstsein darüber, dass das Gestern immer nur die Erinnerung des Heute sein wird, ebenso wie das Morgen immer nur unser Traum von heute sein wird. Und was in euch singt und sinnt, weilt noch innerhalb der Grenzen jenes ersten Augenblicks, der die Sterne in den Weltraum streute. Wer unter euch fühlt nicht, dass seine Kraft zu lieben grenzenlos ist? Und dennoch, wer bedauert nicht, dass seine grenzenlose Liebe im Innersten seines Wesens eingeschlossen bleibt und sich nicht von einem liebevollen Gedanken zum anderen und von einer liebevollen Geste zur anderen bewegt? Und ist nicht die Zeit wie die Liebe, ungeteilt und raumlos? Doch wenn es euer Denken verlangt, die Zeit in Jahreszeiten zu messen, so sorgt dafür, dass in jeder Jahreszeit all die anderen Jahreszeiten zu erkennen sind,

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Der Prophet

Und lasst das Heute die Vergangenheit mit Erinnerung umschlingen und die Zukunft mit Sehnsucht füllen.

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Der Prophet

nd einer der Stadtältesten ergriff das Wort und sagte: Erzähle uns über Gut und Böse! Und er antwortete: Vom Guten in euch kann ich sprechen, nicht aber vom Bösen. Denn was ist das Böse anderes als das von Hunger und Durst gemarterte Gute? Wahrlich, wenn das Gute hungrig ist, sucht es selbst in dunklen Höhlen nach Nahrung; und wenn es durstig ist, stillt es seinen Durst sogar an fauligem Wasser. Ihr seid gut, wenn ihr eins mit euch seid. Doch wenn ihr nicht eins mit euch seid, seid ihr darum nicht schlecht. Denn ein uneiniges Haus ist noch keine Räuberhöhle; es ist lediglich ein Haus, indem Streit herrscht. Ein Schiff ohne Ruder kann lange Zeit ziellos zwischen gefährlichen Inseln umhertreiben, ohne auf dem Meeresgrund zu versinken. Ihr seid gut, wenn ihr euch darum bemüht, etwas von euch zu geben. Doch seid ihr nicht schlecht, wenn ihr versucht, die Dinge zu eurem Vorteil gereichen zu lassen. Denn dann seid ihr wie eine Wurzel, die sich an die Erde klammert und an ihrer Brust saugt.

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Der Prophet

Würde es die Frucht wagen, der Wurzel zu sagen: „Versuche, ebenso reich und voll zu sein wie ich und stets von deiner Fülle zu geben!“ Denn während die Frucht geben muss, lebt die Wurzel vom Empfangen. Ihr seid gut, wenn ihr eure Worte wachen Geistes aussprecht. Und doch seid ihr nicht böse, wenn ihr schlummert, während euch unbedachte und gedankenlose Worte über die Lippen kommen. Denn auch ungeschickte Worte können auf Dauer eure schwache Zunge stärken. Ihr seid gut, wenn ihr festen und kühnen Schrittes euer Ziel verfolgt. Und doch seid ihr nicht schlecht, wenn ihr euch tastend und hinkend dem Ziele nähert. Denn auch die Hinkenden gehen nicht rückwärts. Ihr Starken und Flinken, gebt acht, dass ihr nicht vor dem Lahmen hinkt, und es als Freundlichkeit anseht! Es gibt viele Möglichkeiten, gut zu sein; und doch ihr seid nicht böse, wenn ihr nicht gut seid, sondern nur nachlässig und träge. Es ist zu bedauern, dass der Hirsch der Schildkröte nicht Schnelligkeit beibringen kann! In eurer Sehnsucht nach eurem höheren Ich liegt das Gute in euch; und diese Sehnsucht lebt in euch allen. Doch in einigen von euch ist sie ein reißender Strom, der sich mit Macht ins Meer stürzt, indem er die Geheimnisse der Hügel und die Lieder der Wälder mit sich trägt. In anderen hingegen fließt die Sehnsucht wie ein Rinnsal, das sich in Winkeln und Windungen verliert, noch ehe es das Ufer erreicht. Wer aber viel ersehnt, sage nicht zu dem, der keine Sehnsüchte hat: „Warum bist du so langsam und zögerlich?“ Denn der wahrhaft Gute fragt nicht den Armen: „Wo sind deine Besitztümer?“ und auch nicht den Obdachlosen: „Was ist mit deinem Haus geschehen?“

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Der Prophet

nd eine Priesterin sagte: Erzähle uns über das Beten! Und er sagte: Ihr betet in eurer Bedrängnis und Not. Möget ihr auch beten, wenn ihr tiefe Lebensfreude empfindet und die glücklichsten Tage erlebt. Was ist das Gebet anderes als eure innere Öffnung gegenüber dem Universum. Wenn ihr das Dunkle in euch zu eurem Trost in den Himmel vergießt, so wird es zu eurem großen Glück gereichen, wenn ihr euer Herz erblühen lasset. Und wenn ihr nur beten könnt, wenn eure Seele weint, so sollte sie euch, euren Tränen zum Trotz, so lange zum Gebet anspornen, bis ihr lacht. Wenn ihr betet, schwingt ihr euch in den unendlichen Weiten empor, um jenen zu begegnen, die wie ihr beten und die ihr nirgendwo anders treffen könnt als im Gebet. Möge euer Verweilen in diesem unsichtbaren Tempel reine Verzückung und süße Kommunion sein. Doch solltet ihr diesen Tempel nur zum Bitten betreten, so werdet ihr nicht empfangen. Und wenn ihr ihn betretet, um euch zu erniedrigen, so werdet ihr nicht erhöht werden. Selbst wenn ihr ihn betreten solltet, um für andere zu Bitten zu äußern, werden diese Bitten nicht erfüllt werden.

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Der Prophet

Schätzet euch einfach glücklich, den unsichtbaren Tempel betreten zu dürfen. Ich kann euch nicht lehren, mit welchen Worten ihr beten sollt. Gott hört nicht auf eure Worte, wenn er sie nicht selbst in euren Mund gelegt hat. Auch kann ich euch nicht lehren, das Gebet der Meere, Wälder und Berge zu hören. Ihr aber, Kinder der Berge, Wälder und Meere, ihr werdet dieses Gebet in eurem Herzen finden. Und wenn ihr in der tiefen Stille der Nacht lauscht, so werdet ihr sie flüstern hören: „Unser Gott, der du unser beflügeltes Ich bist; dein Wille in uns ist es, der will. Dein Wunsch in uns ist es, der wünscht. Es ist dein Drängen in uns, das unsere Nächte, die dein sind, in Tage verwandelt, die auch dein sind. Wir brauchen dich um nichts zu bitten, denn du kennst unsere Bedürfnisse, noch ehe sie in uns erwachen. Dich alleine brauchen wir und da du uns dich selbst gegeben hast, hast du uns alles gegeben.“

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Der Prophet

ann trat ein Mann hervor, den man nur einmal im Jahr in der Stadt sieht, und sprach: Erzähle uns über die Lebensfreude! Und er antwortete mit den folgenden Worten: Die Lebensfreude ist ein Lied der Freiheit. Doch sie ist nicht die Freiheit selbst. Sie ist die Blüte eurer Wünsche, aber nicht ihre Frucht. Sie ist Tiefe, die nach Höhe verlangt, doch ist sie weder der Abgrund noch der Gipfel. Sie ist ein Vogel im Käfig, der sich emporschwingen möchte. Doch er erhebt sich nicht in den unendlichen Himmel. Und doch ist die Lebensfreude ein Lied der Freiheit. Und wenn es etwas gibt, was ich mir wünsche, so ist es, dass ihr es aus vollem Herzen singt; doch sollt ihr beim Singen nicht den Hauch des Lebens verlieren. Die meisten Jungen unter euch suchen das Vergnügen, als sei es das einzig erstrebenswerte Ding, und sie werden deswegen getadelt und verurteilt. Ich würde sie nie tadeln noch verurteilen. sondern würde sie aussenden, um an anderen Orten weiterzusuchen. Sie werden die Freude finden, und nicht nur sie allein. Denn sie hat sieben Schwestern, und die Geringste unter ihnen übertrifft das Vergnügen an Schönheit. Habt ihr nicht von dem Mann gehört, der in der Erde nach Wurzeln grub und einen Schatz fand?

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Der Prophet

Einige Ältere unter euch erinnern sich voller Scham ihrer Vergnügungen, als seien sie in der Umnachtung oder Trunkenheit begangene Untaten. Doch jegliche Gewissensbisse sind eine Trübung des Geistes und keine Läuterung. Sie sollten sich ihrer Vergnügungen mit Dankbarkeit erinnern, wie an die Ernte eines Sommers. Doch wenn ihre Gewissensbisse ihr Gewissen erleichtern, so lasst ihnen diesen Trost! Andere unter euch sind weder jung genug, um zu suchen, noch alt genug, um sich zu erinnern. Und in ihrer Frucht vor dem Suchen und Erinnern meiden sie alle Freuden, denn sie wollen sich nicht vorwerfen lassen, den Geist missachtet oder ihn beleidigt zu haben. Doch sie finden im Verzicht ihre Befriedigung. So entdecken auch sie einen Schatz, auch wenn sie nur mit zitternden Händen nach Wurzeln graben. Doch sagt mir, von wem unter euch ließe sich der Geist beleidigen? Vergeht sich die Nachtigall an der Stille der Nacht oder der Glühwurm am Licht der Sterne? Könnten die Flamme der Feuerstelle und der Rauch im Kamin dem Wind etwas aufbürden? Haltet ihr den Geist für ein stilles Wasser, das ihr mit eurem Stecken trüben könntet? Indem ihr euch die Freuden des Lebens versagt, verlagert ihr das Verlangen oft nur in die dunklen Winkel eures Wesens. Und wer weiß, ob das, was wir uns heute versagen, morgen nicht mit aller Macht an die Oberfläche dringt? Euer Körper kennt sein Erbe und seine berechtigten Bedürfnisse, und er will nicht darum betrogen werden. Euer Körper ist die Harfe eurer Seele. Ihr entscheidet, ob ihr diesem Instrument süße Melodien oder schräge Töne entlockt. Ihr fragt euch nun in eurem Herzen: „Wie sollen wir erkennen, was an unserem Vergnügen gut und was schlecht daran ist?“ 53

Der Prophet

Geht hinaus auf eure Felder; ihr werdet sehen, dass es für die Biene ein Vergnügen ist, aus dem Blütenstaub Honig zu gewinnen. Ebenso ist es für die Blume ein Vergnügen, der Biene das zu überlassen, was sie für den Honig benötigt. Denn für die Biene ist die Blume ein Quell des Lebens. Und für die Blume ist die Biene eine Botin der Liebe. Für beide, für die Biene und die Blume, ist Geben und Empfangen der Freude Bedürfnis und Verzückung zugleich. Leute von Orphalese, seid in eurer Lebensfreude wie Blumen und Bienen!

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Der Prophet

nd ein Dichter trat hervor und bat: Erzähle uns über die Schönheit! Darauf antwortete er: Wo solltet ihr die Schönheit suchen, und wie könntet ihr sie finden, wenn sie euch nicht selber Gefährte und Wegweiser wäre? Und wie könntet ihr über sie reden, wenn sie nicht selber eure Worte formte? Die Enttäuschten und Verletzten sagen: „Die Schönheit ist gütig und sanft. Wie eine junge Mutter, ihrer Ausstrahlung verlegen, bewegt sie sich unbemerkt unter uns.“ Die Leidenschaftlichen sagen: „Nein, so ist es nicht. Die Schönheit ist voller Schrecken und Macht! Wie ein Unwetter erschüttert sie die Erde unter unseren Füßen und lässt den Himmel über unseren Köpfen grollen.“ Die Müden und Matten sagen: „Schönheit ist ein sanftes Flüstern, das wir in unserem Geiste hören. Ihre Stimme fügt sich unserem Schweigen wie ein schwaches Licht, das angesichts des drohenden Halbdunkels erzittert.“ Die Ruhelosen sagen: „Wir hören sie in den Bergen rufen und ihr Rufen wird begleitet von Hufeschlagen, Flügelrauschen und Löwengebrüll.“ Inmitten der Nacht sagen die Wächter der Stadt: „Die Schönheit wird mit der Morgenröte im Osten erscheinen.“

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Der Prophet

Und zur Mittagszeit sagen die Arbeiter und Wanderer: „Wir haben sie gesehen, wie sie sich aus den Fenstern der Abendröte über die Erde neigte.“ Im Winter sagen jene, die vom Schnee eingeschlossen sind: „Sie wird mit dem Frühling kommen und von Hügel zu Hügel springen.“ Und die Erntehelfer sagen in der Sommerhitze: „Wir sahen sie mit den Herbstblättern tanzen, und Schneeflocken schmückten ihr Haar.“ All dies und noch mehr habt ihr über die Schönheit gesagt. In Wirklichkeit spracht ihr nicht von ihr, sondern von euren unbefriedigten Bedürfnissen. Doch Schönheit ist nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern die Suche nach Verzückung. Sie ist kein dürstender Mund und keine ausgestreckte leere Hand. Vielmehr ist sie ein entflammtes Herz und eine verzauberte Seele. Sie ist weder das Bild, das ihr sehen wollt, noch der Gesang, den ihr so liebt. Sie ist eher ein Bild, das ihr mit geschlossenen Augen wahrnehmt und ein Lied, das ihr mit geschlossenen Ohren hört. Sie ist weder der Saft in schrundiger Rinde noch ein an eine Klaue gehefteter Flügel. Vielmehr ist sie ein ewig blühender Garten sowie ein Schwarm ewig dahinschwebender Engel. Leute von Orphalese, Schönheit ist das Leben, wenn es sich in seiner heiligsten Form entschleiert. Und ihr seid sowohl das Leben als auch der Schleier. Die Schönheit ist die Ewigkeit, die sich in einem Spiegel betrachtet. Und ihr seid sowohl Ewigkeit als auch Spiegel.

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Der Prophet

in alter Priester sagte: Erzähle uns über die Religion! Und er sprach: Habe ich jemals von etwas anderem gesprochen? Ist nicht alles Handeln und alles Denken Religion? Und ist sie nicht zugleich in allem, was nicht Handeln und nicht Denken ist? Ist sie nicht auch Wunder und Staunen, das stets aufs Neue unsere Seele erfüllt, auch während unsere Hände den Stein behauen oder den Webstuhl bedienen? Wer kann den Glauben seines Herzens von seinen Taten trennen oder seine Überzeugung von seinen Beschäftigungen? Wer kann seine Stunden vor sich ausbreiten und sagen: Jene sind für Gott und jene für mich, oder diese widme ich meiner Seele und jene meinem Körper? Denn Stunden sind Flügel, die von Ich zu Ich durch den Raum gleiten. Wer seine Moral nur als Festtagsgewand trägt, täte besser daran, nackt zu bleiben. Wind und Sonne werden keine Risse in seiner Haut hinterlassen. Und wer nur nach der Moral lebt, sperrt die Nachtigall in einen Käfig. Die schönsten Gesänge erklingen nicht hinter Gittern und Drahtgeflecht.

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Der Prophet

Für wen der Gottesdienst ein Fenster ist, das man beliebig öffnen und schließen kann, der ist noch nicht ins Haus seiner Seele eingekehrt, dessen Fenster von Morgenröte zu Morgenröte offenstehen. Euer tägliches Leben ist euer Tempel und eure Religion. Wann immer ihr ihn betretet, bringt alles von euch mit. Bringt Pflug und Amboss, Hammer und Laute mit! Bringt alles mit, was ihr aus Notwendigkeit oder zur Zerstreuung geschaffen habt. Denn in euren höchsten Träumen könnt ihr euch nicht über besten Schöpfungen erheben und nicht tiefer fallen, als bis zu eurem schmerzhaftesten Scheitern. Und versucht, alle Menschen mit euch zu nehmen! In Anbetung könnt ihr nicht höher fliegen als ihre Hoffnungen, könnt ihr noch tiefer sinken als ihre Verzweiflung. Und wenn ihr Gott sehen wollt, glaubt nicht, Ihn in der Lösung von Rätseln zu finden! Schaut euch lieber um, und ihr werdet sehen, wie Er mit euren Kindern spielt. Blicket hinauf in den Himmel und seht Ihn in den Wolken umherschreiten. Seht, wie Er seine Arme im Blitz ausbreitet und mit dem Regen zu euch herabsteigt. Ihr werdet Sein Lächeln in den Blumen und in jedem Baum sehen, ihr werdet Seine Hände sehen, die sich erheben und tanzen.

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Der Prophet

ann sagte Almitra: Wir möchten nun etwas über den Tod erfahren! Und er sagte: Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennen. Aber wollt ihr es ergründen, wenn ihr nicht im Herzen des Lebens danach sucht? Die Eule, deren nachtsehende Augen am Tag blind sind, kann das Geheimnis des Lichtes nicht entschleiern. Wenn ihr wirklich den Geist des Todes betrachten wollt, so öffnet eure Herzen weit dem Körper des Lebens! Denn Leben und Tod sind eins, so wie Fluss und Meer letztendlich eins sind. In der Tiefe eures Hoffens und Wünschens liegt euer stillschweigendes Wissen um das Jenseits. Und dem Samen gleich, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling. Traut euren Träumen, denn sie zeigen euch das Tor zur Ewigkeit. Eure Furcht vor dem Tod ist nur das Zittern des Hirten, wenn er vor dem König steht, der ihm seine Hand auflegt zum Zeichen der Wertschätzung.

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Der Prophet

Ist dieser Hirte nicht unter seinem Zittern voller Freude die Geste des Königs, mit der er ihn auszeichnet? Und ist er sich deshalb seines Zitterns weniger bewusst? Was bedeutet Sterben anderes, als nackt im Wind zu stehen und in der Sonne zu schmelzen? Und was bedeutet das Verstummen des Atems anderes als seine Befreiung vom rastlosen Auf und Ab der Gezeiten, um sich zu erheben und zu entfalten und ungehindert Gott zu suchen? Erst wenn ihr vom Fluss des Schweigens getrunken habt, werdet ihr wahrhaft singen. Erst wenn ihr den Berggipfel erklommen habt, werdet ihr euch wirklich erheben. Und erst wenn die Erde eure Glieder zurückgefordert hat, werdet ihr wahrhaft tanzen.

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Der Prophet

och schon brach die Nacht herein. Und die Seherin Almitra sagte: Gesegnet seien in unseren Herzen für immer dieser Tag, dieser Ort und der Geist. Und er entgegnete: War ich es, der gesprochen hat? Musste ich nicht auch Zuhörer sein? Dann stieg er die Stufen des Tempels hinab, und alle folgten ihm. Er erreichte sein Schiff und verweilte auf dem Deck. Von dort wandte er sich noch einmal an die Menschenmenge, erhob die Stimme und sprach: Leute von Orphalese, der Wind gebietet mir, euch zu verlassen. Ich habe es weniger eilig als der Wind, doch muss ich aufbrechen. Wir Wanderer, die immer den einsameren Weg suchen, wir beginnen keinen Tag, wo wir den vorausgegangenen beendet haben. Und die Sonne geht für uns niemals dort auf, wo sie uns am Vorabend verließ. Selbst wenn die Erde schläft, sind wir auf Wanderschaft. Wir sind die Samen einer mehrjährigen Pflanze und wenn unser Herz seine Reife und Fülle erlangt, sind wir dem Wind anheimgegeben, der uns zerstreut. Kurz waren meine Tage in eurer Mitte, und kürzer noch die Worte, die ich zu euch sprach. Doch sobald meine Stimme in eurem Ohr verklingt und meine Liebe in eurer Erinnerung verblasst, werde ich in eure Mitte zurückkehren.

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Der Prophet

Und ich werde zu euch sprechen mit offenerem Herzen und mit Lippen, die dem Geist willfähriger sind. Ja, ihr könnt darauf zählen, dass ich mit der Flut zurückkehren werde. Wenn mich auch der Tod verbirgt und das große Schweigen mich einhüllt, so werde ich gleichwohl euer Verständnis wieder suchen. Und ich werde nicht vergeblich um euer Gehör bitten. Wenn etwas von dem, was ich sagte, wahr ist, so wird sich diese Wahrheit mit klarerer Stimme offenbaren und mit Worten, die eurem Denken angemessener sind. Ich breche auf mit dem Wind, Leute von Orphalese, doch meine Reise führt mich nicht ins Nichts. Und war dieser Tag keine Erfüllung eurer Bedürfnisse und meiner Liebe, so sei er Verheißung für einen anderen Tag. Die Bedürfnisse der Menschen verändern sich, nicht aber seine Liebe, und auch nicht der Wunsch, dass diese Liebe seine Bedürfnisse befriedige. Wisset also, dass ich aus dem größeren Schweigen zurückkehren werde. Der Nebel, der sich beim Morgenrot auflöst und Felder und Wiesen mit Morgentau benetzt, wird aufsteigen, sich zur Wolke verdichten und wieder als Regen herabfallen. Und ich war so wie dieser Nebel. Inmitten der Stille der Nacht wandelte ich durch eure Straßen, und im Geiste war ich Gast in euren Häusern. Euer Herzklopfen fand ein Echo in meinem Herzen, euer Atem berührte mein Gesicht, und ich kannte euch alle. Ja, ich wusste alles über euer Freud und euer Leid, und eures Schlafes Träume waren meine Träume. Oft war ich unter euch wie ein See zwischen Bergen. In mir spiegelten sich eure Gipfel, eure steilen Abhänge und die vorbeiziehenden Herden eurer Gedanken und Wünsche. Und in meine Stille drang das Lachen eurer Kinder in Bächen und die Sehnsucht eurer Jugendlichen in Strömen. Als diese Sturzbäche und Flüsse mein Inneres erreichten, verstummten die Bäche und Ströme nicht, sondern sangen weiter.

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Der Prophet

Und etwas erreichte mich, das süßer ist als das Lachen und größer als die Sehnsucht. Es war das Grenzenlose in jedem von euch, der allumfassende Mensch, in dem ihr alle nichts als Zellen und Sehnen seid. Gemessen an seinem Gesang ist euer Singen nichts als ersticktes Seufzen. In Ihm, dem Allumfassenden, seid auch ihr allumfassend. Und als ich nach ihm schaute, sah ich euch und liebte euch. Und würde euch die Liebe nicht auch dann noch erreichen, wenn ihr weit entfernt wäret? Welche Visionen, Erwartungen und Mutmaßungen könnten sich höher aufschwingen als ihr Flug? Der allumfassende Mensch in euch ist wie eine riesige Eiche, deren Krone mit Apfelblüten bedeckt ist. Ihre Kraft bindet euch an die Erde, ihr Duft erhebt euch in den Kosmos, und in ihrer Dauerhaftigkeit seid ihr unsterblich. Häufig hat man euch mit einer Kette verglichen und jeder von euch, so sagte man, sei so schwach wie ihr schwächstes Glied. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Ihr seid auch so stark wie ihr stärkstes Glied. Euch nach eurer geringsten Tat zu beurteilen, hieße, die Macht des Meeres nach der Zartheit seiner Gischt zu bewerten. Euch nach euren Versäumnissen zu beurteilen, hieße, den Jahreszeiten ihre Unbeständigkeit vorzuhalten. Ja, ihr seid wie ein Ozean. Und warten auch festverankerte Schiffe an euren Ufern auf die Flut, so könnt ihr das Herbeifließen des Wassers nicht beschleunigen, nicht einmal der Ozean vermag es. Und auch den Jahreszeiten gleicht ihr. Wenn ihr auch in eurem Winter euren Lenz verleugnet, so ruht er dennoch in euch, schlaftrunken lächelnd, ohne den Zweifel an sich heranzulassen. Glaubt nicht, dass ich euch all dies erzähle, damit ihr danach einander sagt: „Er lobte uns und sah nur Gutes in uns.“ Ich spreche nur das aus, was ihr in eurem tiefsten Inneren wisst. Und ist nicht das in Worte gefasste Wissen der Schatten des wortlosen Wissens?

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Der Prophet

Eure Gedanken und meine Worte sind Wellen eines versiegelten Gedächtnisses, in dem unser Gestern aufgezeichnet ist. Ebenso wie die längst vergangenen Tage, als die Erde weder uns noch sich selbst kannte, und die vergangenen Nächte, als die Erde in ihrem eigenen Chaos zuckte. Weise kamen zu euch und beschenkten euch mit ihrer Weisheit. Ich aber kam, um mir einen Teil von eurer Weisheit schenken zu lassen, über die ihr bereits verfügtet. Und seht, ich fand etwas, was noch erstrebenswerter ist als alle Weisheit. Ein heiliges Feuer flammt in jedem von euch, es nährt sich in sich selbst und breitet sich immer weiter unter EUCH aus. Und doch nehmt ihr seine Ausbreitung nicht wahr und beklagt euch, dass eure Tage nutzlos dahinschwinden. Nur das Leben, welches das Leben im Körper sucht, fürchtet das Grab. Hier gibt es keine Gräber. Diese Berge und Täler sind Wiege und heilige Schwelle zugleich. Immer wenn ihr an dem Friedhof vorüberkommt, auf dem eure Vorfahren liegen, schaut gut hin, und ihr werdet euch und eure Kinder Hand in Hand tanzen sehen. Denn an diesen Freuden habt ihr häufiger teil, als ihr es glaubt. Andere kamen zu euch mit goldenen Verheißungen, die ihr im Gegenzuge Reichtum, Macht und Ruhm gabt. Ich gab euch weniger als ein Versprechen, und doch wart ihr so viel großzügiger zu mir. Ihr schenktet mir einen größeren Durst nach Leben. Und sicher gibt es kein größeres Geschenk für einen Menschen als das, was all seine Ziele in dürstende Lippen verwandelt und sein Leben in einen sprudelnden Quell. Und darin liegt meine Ehre und meine Belohnung, denn immer wenn ich zum Trinken an diese Quelle komme, finde ich das lebendige Wasser selber durstig. Und während ich trinke, stillt es seinen Durst an mir. Einige von euch hielten mich für zu stolz und scheu, um Geschenke anzunehmen.

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Der Prophet

In der Tat bin ich zu stolz, um Lohn zu empfangen, Geschenke aber nehme ich gerne an. Und aß ich auch lieber Beeren in den Hügeln, als ihr mich an euren Tisch geladen hattet, und zog es auch vor, in der Vorhalle des Tempels zu nächtigen, wenn ihr mich beherbergen wolltet, so war es doch eure liebevolle Sorge um meine Tage und Nächte, die mir die Nahrung im Mund versüßte und meinen Schlaf mit Visionen bereicherte. Für eure Sorge um jeden Augenblick meines Daseins bei euch, dafür bin ich euch am meisten dankbar. Eure Großzügigkeit ist grenzenlos und ihr wisst es nicht einmal. Denn die Großzügigkeit, die sich selbst im Spiegel bewundert, erstarrt schnell zu Stein. Und eine gute Tat, die sich selbst rühmt, steht einem Fluche Pate. Einige von euch empfanden mich als zu unnahbar, als vernarrt in meine Einsamkeit. Ihr sagtet: „Er spricht lieber mit den Bäumen des Waldes und meidet die Gesellschaft der Menschen. Er sitzt lieber einsam auf dem Berggipfel und betrachtet uns Menschen von oben herab.“ Es ist wahr, dass ich in den Bergen weilte und durch ferne Gefilde wanderte. Wie hätte ich sonst den nötigen Abstand gehabt, um euch zu sehen, wenn nicht aus großer Höhe oder weiter Ferne? Und wie könnte ich euch wirklich nahe sein, wenn ich nicht zuvor in weiter Ferne war? Einige unter euch rügten mich wortlos und warfen mir insgeheim vor: „Fremder, Fremder, der du die unerreichbaren Höhen liebst, warum sind die Bergeshöhen, wo Adler ihre Nester bauen, dein Zuhause? Warum suchst du das Unerreichbare? Welche Stürme willst du mit deinen Netzen einfangen? Und welche Fantasievögel willst du am Himmel jagen? Warum wirst du nicht einer von uns? 65

Der Prophet

Steig herab! Stille deinen Hunger an unserem Brot, und lösche deinen Durst mit unserem Wein!“ So sprachen sie in der Einsamkeit ihrer Seelen. Wäre ihre Einsamkeit noch tiefer gewesen, so hätten sie gewusst, dass ich in meinem Netz nichts anderes als das Geheimnis eurer Freuden und Leiden fangen wollte. Ich jagte nur nach eurem höheren Ich, das durch den Himmel wandert. Doch in meiner Jagd war ich zugleich der Gejagte. Denn viele meiner Pfeile verließen meinen Bogen und trafen meine eigene Brust. Und in meinem Flug war ich auch Kriechender. Denn als ich meine Flügel in der Sonne ausbreitete, zeichnete ihr Schatten auf der Erde eine Schildkröte nach. Und in meinem tiefen Glauben war ich zugleich auch Zweifelnder. Denn oft musste ich den Finger in meine Wunde legen, damit mein Glaube an euch erstarke und mein Wissen über euch zunehme. In diesem Glauben und in diesem Wissen sage ich euch: Ihr seid nicht gefangen in eurem Körper und nicht eingesperrt in eure Häuser und Höfe. Euer wahres Ich wohnt über den Bergen und streift mit dem Wind am Horizont entlang. Euer Ich ist kein Wesen, das in die Sonne kriecht, um sich zu wärmen, oder Höhlen ins Dunkle gräbt, um sich zu schützen. Es ist vielmehr ein freies Wesen, ein Geist, der die Erde umgibt und sich im Äther bewegt. Sind diese Worte unklar, so versucht nicht zu schnell, hinter ihren Sinn zu kommen. Unklar und nebelhaft ist der Beginn aller Dinge, klar ist nur das Ende. Es wäre mir lieb, ihr würdet mich als Beginn in Erinnerung behalten. Das Leben und alles, was lebt, wird im Nebel empfangen, nicht in einem klaren Kristall. Und vielleicht ist der Kristall nichts anderes als erstarrter Nebel. Möget ihr euch an Folgendes erinnern, wenn ihr meiner gedenkt:

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Der Prophet

Was in euch am schwächsten und verworrensten erscheint, sind eure Stärken. Ist es nicht euer Atem, der euer Knochengerüst aufrecht hält und stärkt? Und ist es nicht ein Traum, an den sich niemand mehr erinnert, der eure Stadt aufbaute und alles schuf, was in ihr ist? Könntet ihr nur die Fluten dieses Atems sehen, ihr würdet alles andere keines Blickes mehr würdigen. Und könntet ihr das Flüstern dieses Traumes vernehmen, so würdet ihr nichts anderes mehr hören wollen. Doch ihr seht nicht, und ihr hört nicht, und das ist auch besser so. Der Schleier, der eure Augen bedeckt, kann nur von den Händen gelüftet werden, die ihn einst woben. Und der Lehm, der eure Ohren verstopft, kann nur von den Fingern durchbohrt werden, die ihn kneteten. Ihr werdet sehen und ihr werdet hören. Doch ihr werdet sowohl eure Blindheit als auch eure Taubheit segnen. Nach diesen Worten blickte er sich um, und er sah den Lotsen seines Schiffes am Steuerrad stehen und bald auf die Segel, bald in die Ferne blicken. Und er sagte: Geduldig, überaus geduldig ist der Kapitän meines Schiffes. Der Wind steht gut und rastlos flattern die Segel; und das Steuerruder will betätigt werden; dennoch wartet es geduldig, bis ich verstumme. Und diese Seeleute, die den Ruf der weiten See vernommen haben, auch sie hörten mir geduldig zu. Nun aber sollen sie nicht länger warten müssen. Ich bin bereit. Der Strom hat das Meer erreicht, und wieder hält die große Mutter ihren Sohn an ihrer Brust.

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ebt wohl, Leute von Orphalese! Der Tag neigt sich dem Ende zu. Er schließt sich über uns, wie sich die Wasserlilie bis zum nächsten Morgen schließt. Was er uns brachte, werden wir im Gedächtnis aufbewahren. Und wenn es nicht genügt, werden wir wieder zusammenkommen und unsere Hände gemeinsam nach Ihm ausstrecken, der uns alles gibt. Vergesst nicht, dass ich zu euch zurückkehren werde! Eine kleine Weile noch, und meine Sehnsucht wird Staub und Krume sammeln, um mir einen anderen Körper zu schenken. Eine kleine Weile noch, ein kurzes Rasten auf dem Wind, und eine andere Frau wird mich gebären. Lebt wohl, ihr und die Jahre der Jugend, die ich mit euch verbrachte. Es erscheint mir wie gestern, dass wir uns im Traum begegneten. Ihr sangt für mich in meiner Einsamkeit, und ich baute aus euren Sehnsüchten einen Turm in den Himmel. Doch heute ist unser Schlaf gestört, unser Traum ist vorbei und die Morgendämmerung ist schon vorüber. Es ist Mittagszeit; aus unserem Halbschlaf wurde ein heller Tag, und wir müssen Abschied nehmen.

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Der Prophet

Wenn wir uns im Dämmerlicht der Erinnerung wieder begegnen, werden wir wieder miteinander reden, und ihr werdet mir ein tieferes Lied singen. Und wenn sich unsere Hände im Traum umeinander schließen, werden wir gemeinsam einen anderen Turm in den Himmel bauen. Mit diesen Worten gab er den Seeleuten ein Zeichen, und sogleich lichteten sie den Anker, lösten die Vertäuung und brachen gen Osten auf. Da erhob sich aus der Menschenmenge ein Schrei wie aus einer Brust, stieg in die Dämmerung auf und ergoss sich wie ein gewaltiger Fanfarenstoß über das Meer. Nur Almitra schaute schweigend dem Schiff nach, bis der Nebel es aufgenommen hatte. Und als sich die Menschenmenge zerstreut hatte, stand sie immer noch einsam am Strand, und in ihrem Herzen erinnerte sie sich seiner letzten Worte: „Eine kleine Weile noch, ein kurzes Rasten auf dem Wind, und eine andere Frau wird mich gebären“.

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