3 Seelenlehren in Metaphysik

,
Natur- und Kulturwissenschaften
Die Stellung der Psychologie
unter den wissenschaftlichen Disziplinen
Land pflegt man genau zu vermessen. Man teilt es in Stücke; jedes Stück wird einem rechtmäßigen
Besitzer zugewiesen. Auch Wissensgebiete werden aufgeteilt. Man kann jedes Wissensgebiet einer
btstimmten Wissenschaft zuordnen. Eine und nur eine Gruppe von Wissenschaftlern ist dann für
je?es Wissensgebiet zuständig. Nach diesem Denkmuster könnte man behaupten: Das Wissensgebiet
derSeele geh?rt der Psychologie, und zwar ganz und ausschließlich. Doch so einfach ist es nicht. Das
"weite Land der Seele" (Schnitzler, 1997) ist weder leicht zu vermessen noch eindeutig zu teilen. So
sirldes Vertreter verschiedener Wissenschaften, die es besetzen undpflegen- nicht nur Psychologen.
eine Einzeldisziplin ist, welche allein Lehre und Forschung über die Seele
Erscheinungen (s. Kap. 1) betreibt, wirft eine Reihe von Fragen auf: Warum besitzt Psycho-
die alleinige Zuständigkeit? Mit welchen anderen DisziplineJ) teilt sie ihre Fragestellungen
und Erkenntnisse? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede bestehen zwischen der Psy-
chologi.e undihten Nachbarn? Warum existieren überhaupt verschiedene Wissenschaften, die sich
mit den gleichenoder ähnlichen Problemen befassen? Wie arbeiten sie zusammen? Und wäre es
nichtbesset, sie Würden ihre Teilung überwinden und sich zusammenschließen zu einer umfassen-
derfSeelen-und Lebenswissenschaft?
Wer wissen will:Was ist Psychologie?, sollte also nicht versäumen, seinen.Blick auch auf die ihr
verwandten Disziplinen zu werfen. Diese werden im folgenden in drei Gruppen vorgestellt:
".Metaphysik,
"Naturwissenschaften,
..... Klllturwissenschaften.
Metaphysik behandelt das Leben in jenseitigen, d.h. übernatürlichen Welten und Ordnungen jen-
seit$der unmittelbaren Erfahrung. Natur- und Kulturwissenschaften betrachten das Leben in der als
diesseitig erfahrenen Welt. Dabei untersuchen die Naturwissenschaften vorzugsweise das Leben der
lrtdividuen, wie es sich naturgegeben und ohne Umgestaltung durch den Menschen vollzieht. Die
Ktilturwissenschaften befas$en sich dagegen mit den Schöpfungen des Menschen - einschließlich
der menschlichen Gesellschaft selbst. Der Begriff der Kulturwissenschaft fasst dabei zwei gebräuch-
lichere Begriffe zusammen: Geistes- und Sozialwissenschaften.
Dievergleichende Betrachtung wird ergeben: Die gegenwärtige Psychologie erstreckt sich sowohl
indieNaturwissenschaften als auch in die Kulturwissenschaften. Von der Metaphysik hat sich Psy-
chologie als moderne Wissenschaft weitgehend abgewandtj gleichwohl sind einige Verbindungen
geblieben. Wer die Vielfalt miteinander vernetzter Disziplinen für eine Zersplitterung hält, wird
nach größerer Einheit in der Wissenschaft rufen. Dann bietet sich Psychologie als übergreifende
Lebenswissenschaft an, welche verwandte Disziplinen integriert. Doch die Vielfalt der Disziplinen
hat einen guten Grund: Sie bringt Leistungsvorteile durch Spezialisierung. Durch Spezialisierung
suchen auch Vertreter der Psychologie ihr eigenes Fach leistungsfähiger zu machen. Sie gliedern die
Psychologie nach dem Vorbild benachbarter Disziplinen. Zum einen bilden sie Schwerpunktfächer,
zum anderen natur-, geistes- und sozialwissenschaftliehe Richtungen.
3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften I 67
3.1 Psychologie am Scheideweg
zwischen Metaphysik und
Naturlehre
3.1.1 Psychologie und Religion
Metaphysik im ersten Sinne: Lehren von überna-
türlichen Welten. Eine durch ihr Alter ehrwürdige
und weit verbreitete Seelenlehre lautet: Alle Men-
schen müssen sterben. Eines Tages wird die ge-
samte Welt enden. Doch am Weltende werden
die Toten auferstehen, und in einer neuen Welt
werden die Guten ein ewiges und glückseliges
Leben genießen. Überliefert ist eine Vision des
christlichen Apostels Johannes, die das Weltende
schildert, als sei es bereits Ereignis: "Und das
Meer gab die Toten heraus ... und der Tod und
sein Reich gaben die Toten heraus ... ; und sie
wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken."
Wer die Prüfung besteht, wird aufgenommen in
"einen neuen Himmel und eine neue Erde." Und
er wird zu denen gehören, denen die Offen-
barung verspricht: "Gott wird abwischen alle
Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht
mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch
Schmerz wird mehr sein" (Lutherbibel, 1994,
S.304f.).
Vier Annahmen weisen die Auferstehungs-
lehre als eine Lehre vom übernatürlichen Leben
aus:
~ Es existiert eine Welt außerhalb des natür-
lichen Lebensraums und der natürlichen Le-
benszeit.
~ In dieser Welt leben übernatürliche Wesen.
~ In dieser Welt herrschen Weisheit und Macht,
die alle natürlichen Fähigkeiten übersteigen.
~ In dieser Welt vollziehen sich übernatürliche
Ereignisse und Handlungen.
Es gibt kaum eine Kultur ohne Glauben an über-
natürliche Wesen. Solche Wesen sind oft Natur-
gottheiten mit Macht über Naturerscheinungen -
wie Regen-, Meeres- und Sonnengötter - sowie
Schutzgötter für Sippen und Völker. Manche
der Wesen tragen deutliche Züge irdischer Men-
sehen - z.B. lebt das germanische Götterpaar
Wotan und Fricka im Ehestand und leidet unter
familiärem Zwist.
Lehren von übernatürlichen Welten, Wesen
und Ereignissen haben in der Wissenschaft eine
lange Tradition. Man bezeichnet sie - einer Be-
griffsbildung aus der Antike folgend - als Meta-
physik (griech. ta meta ta physika: was nach der
Naturkunde kommt). Die Lehren vom Überna-
türlichen werden somit getrennt von der Natur-
lehre, die als Physik (griech. physike theoria: Na-
turbetrachtung) bezeichnet wird.
Religion, Seelsorge, Pastoralpsychologie. Lehren
von überirdischen Welten und Wesen sind meist
mehr als unverbindliche Erzählungen. Sie werden
zu Glaubensgewissheiten von Gemeinden, ja von
Völkern. Zu dem Glauben an überirdische Wesen
gehören Furcht vor ihrer Macht und Hoffnung
auf ihre Hilfe. Aus beiden Gründen genießen
Überirdische Verehrung; Gläubige rufen sie in
Gebeten an. Mit dem Glauben geht somit ein
Kult einher. Die Verbindung von Gottesglauben
und Kult nennt man Religion (lat. religio: Gottes-
furcht).
Fortgeschrittene Religionen - zu ihren dauer-
haftesten und mächtigsten gehären neben dem
Juden- und Christentum der Islam, der Buddhis-
mus und der Hinduismus - zeichnen sich durch
eigene, beständige Organisationen aus, durch
Bekennergemeinden. Die Gemeinden unterhalten
in der Regel Priesterämter. Die Führer der Reli-
gionen sorgen für die Dokumentation der Lehren
(z.B. den Druck von Bibeln mit den maßgebli-
chen Gründungsschriften des Juden- und Chris-
tentums, dem Alten und dem Neuen Testament)
und für die Verbreitung ihrer Lehren im Unter-
richt.
Zur Pflege der Religion finden Gottesdienste
mit symbolträchtigen und kunstsinnigen Ritualen
statt. Innerhalb wie außerhalb der Gottesdienste
betreiben kirchliche Organisationen Seelsorge.
überhaupt sind Glaube und Kult mächtige Kräf-
te; sie vermitteln Hoffnung und Furcht, sie kön-
68 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
nen Gesundheit fördern, aber auch Krankheit
erzeugen. Seelsorge zielt nicht nur auf jenseitiges
Heil. Sie will auch zum irdischen Glück beitragen
und den sozialen Frieden fördern. So leisten Ge-
meindepriester und ihre Helfer Erziehungs-,
Lebens- und Krisenberatung.
Die kirchliche Seelsorge weist beträchtliche
Übereinstimmungen mit fachpsychologischer Be-
ratung und Therapie auf. Die Beichtgespräche in
christlichen Kirchen sind mit psychologischen
Therapiegesprächen zu vergleichen - als WIr-
kungsvolle Maßnahmen zur Befreiung von
Schuldgefühlen. In Katastrophenfällen - Z.B.
nach Flugzeug- und Eisenbahnunglücken - pfle-
gen Priester und Fachpsychologen gemeinsam die
Betreuung von Überlebenden sowie von Angehö-
rigen der Opfer zu übernehmen. So entstehen
über praktische Aufgaben Brücken zwischen
Psychologie und Religion. Die rechte Behandlung
von Gemeindemitgliedern, die praktische Seel-
sorge sowie die Beratung und Unterstützung in
individuellen Übergangs- und Notsituationen
wird damit zu einem der Psychologie zugeordne-
ten Lehr- und Wissensgebiet. Man bezeichnet es
als Pastoralpsychologie (lat. pastor: Hirte). Das
Fach Pastoralpsychologie ist in der Aus- und
Weiterbildung von Priestern und Gemeindehel-
fern angesiedelt.
Theologie, Religionswissenschaft. Die Auslegung
und Fortentwicklung religiöser Lehren, ihre häu-
fige Strittigkeit stellen Herausforderungen für
Gelehrte dar. Sie unternehmen Erklärungen für
schwer Verständliches, treffen mitunter sogar Ent-
scheidungen in Streitfragen. Ihre Lehrmeinungen
bilden die Disziplin der Theologie (griech. theos:
Gott).
Wichtige Einrichtungen der Theologie sind
Bibliotheken, in denen die zentralen Lehrschrif-
ten (wie die christlichen Evangelien) aufbewahrt
und deren Auslegungen dokumentiert werden. In
Zentren für religiöse Studien widmen sich Ge-
lehrte den schwierigsten und aktuellsten Proble-
men ihrer Religion. Theologische Einrichtungen
sind in der Regel Glaubensgemeinschaften zuge-
ordnet. Ein wichtiger Grund hierfür: Sie sind für
die Ausbildung der Priester jener Gemeinschaften
zuständig. Dies verpflichtet freilich zu Rechtgläu-
bigkeit und Kirchentreue, und diese schränken
die wissenschaftliche Freiheit ein.
Dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit von
Kirchen verdankt eine andere Disziplin ihre Exis-
tenz: die Religionswissenschaft. Religionswissen-
Können moderne Psychologen gläubige Chris-
ten, Juden, Muslime o.Ä. sein?
Nicht wenige naturwissenschaftlich arbeitende
Psychologen sind gläubige Christen oder Ange-
hörige anderer Religionsgemeinschaften. Wis-
senschaft mit ihrer Zuwendung zum Diesseits
und die auf das Jenseits gerichtete Religion sind
für sie wohl zu trennende Bereiche. In dem
einen Bereich herrschen die Methoden der
strengen Beobachtung und der vernunftgelei-
teten Begründung, in dem anderen der Glaube
und das Einverständnis mit Glaubensgenossen.
Wissenschaftliche und religiöse Identität wei-
chen in solchen Fällen voneinander ab. Die
Doppelidentität, die somit entsteht, braucht die
Betroffenen freilich nicht zu belasten (zur Frage
der Mehrfachidentität s. Kap. 1.3).
Die Religiosität von Fachkollegen erregt in
der heutigen Psychologie weder Aufsehen
noch Anstoß. Denn so wenig wissenschaftliche
Beobachtungen zum Nachweis einer metaphy-
sischen Seele und eines Jenseits geeignet sind,
so wenig strenge Beweise gibt es für ihre
Nichtexistenz. Mit naturwissenschaftlichen
Methoden ließe sich über ein Jenseits, falls
es dieses gäbe, kaum Wissen erwerben. Wis-
senschaft kann Jenseitslehren weder anerken-
nen noch ablehnen. Deshalb verhalten sich
moderne Psychologen meist schweigsam ge-
genüber religiösen Bekenntnissen und über-
haupt gegenüber metaphysischen Seelen-
lehren.
3.1 Psychologie am Scheideweg zwischen Metaphysik und Naturlehre I 69
earl Gustav Jung
(1875-1961) wirkte als
Psychiater in Zürich und
lehrte als Professor an der
dortigen Universität (mehr
über Jung in Kap. 8.3.1)
Karoly K e n ~ n y i (1897-
1973) war seit 1936 Pro-
fessor für Religionswissen-
schaft an der Universität
Fünfkirchen (Ungarn);
seit 1948 widmete er sich
am c.-G.- Jung-Institut
(s. wieder Kap. 8.3.1) der
Erforschung der griechi-
schen Mythologie
Das Urbild des "göttlichen Kindes" - eine der grundlegenden sozialen Kognitionen
Zur menschlichen Existenz gehören Geburt und Tod, Mutter, Vater, Bruder und Schwester. Das
menschliche Leben begleiten Sonne und Mond, Blitz und Donner. Haben sich solche Erfahrungen
den Menschen tief eingeprägt? Gehören sie zu den bevorzugten Gesprächsgegenständen? Werden sie
von Generation zu Generation weitergegeben - durch Unterweisung oder sogar durch Vererbung?
Manche Forscher nehmen an: Menschen teilen Grunderfahrung. Diese Grunderfahrung braucht
ihnen nicht bewusst zu werden. Doch sie taucht in den Mythen, den Erzählungen, und den bild-
lichen Darstellungen auf, welche Kulturen hervorbringen und erhalten. Auch religiöse Geschichten
und Bilder enthalten also Urthemen und Urbilder, deren Analyse für die psychologische Forschung
ergiebig ist. Psychologische Analyse und theologische Exegese treffen sich demnach bei der Unter-
suchung der religiösen Überlieferung.
earl Gustav Jung und Karoly K e n ~ n y i haben gemeinsam nach Urbildern in der Kulturgeschichte
gesucht und sind dabei auf das Thema des Gottes in Gestalt eines Knaben, des "Urkindes in der
Urzeit" gestoßen. Jung und Kerenyi (1941, S. 124ff.) führen dazu aus:
Das "Kind" hat bald mehr den Aspekt der Kindgottheit, bald den des jugendli-
chen Helden. Beide Typen haben die wunderbare Geburt und die ersten Kind-
heitsschicksale, die Verlassenheit und die Gefährdung durch Verfolger gemeinsam.
Der Gott ist reine Übernatur, der Held hat menschliches, aber bis zur Grenze der
Übernatur gesteigertes Wesen ("Halbgöttlichkeit"). Während der Gott, nament-
lich in seiner intimen Beziehung zum symbolischen Tier, das noch nicht in
menschliches Wesen integrierte, kollektive Unbewusste personifiziert, begreift der
Held in seiner Übernatürlichkeit menschliches Wesen ein und stellt daher eine
Synthese des ("göttlichen", d.h. des noch nicht humanisierten) Unbewußten und
des menschlichen Bewußtseins dar. Er bedeutet mithin eine potentielle Vorweg-
nahme einer der Ganzheit sich annähernden Individuation.
Die "Kind"-Schicksale dürfen daher als Darstellungen jener psychischen Ereig-
nisse, welche sich bei der Entelechie oder Entstehung des "Selbst" abspielen, be-
trachtet werden. Die"wunderbare Geburt" versucht die Art des Entstehungser-
lebnisses zu schildern. Da es sich um eine psychische Entstehung handelt, so muß
alles in unempirischer Weise geschehen, also z.B. durch jungfräuliche Geburt
oder durch wunderbare Zeugung oder durch Geburt aus unnatürlichen Organen. Das Motiv der
" Unansehnlichkeit", des Ausgeliefertseins, der Verlassenheit, der Gefährdung usw. versucht die pre-
käre psychische Existenzmöglichkeit der Ganzheit, d.h. die enorme Schwierigkeit, dieses höchste Gut
zu erringen, darzustellen. Ebenso wird damit auch die Ohnmacht und Hilflosigkeit jenes Lebens-
dranges charakterisiert, welcher alles Wachsende unter das Gesetz der möglichst vollständigen Selbst-
erfüllung zwingt, wobei die Umwelteinflüsse in mannigfaltigster Form jeder Individuation die größ-
ten Hindernisse in den Weg legen. Besonders die Bedrohung der Selbsteigenheit durch Drachen und
Schlangen weist auf die Gefahr hin, daß die Bewußtseinserwerbung von der Instinktseele, dem Un-
bewußten, wieder verschluckt wird. . , .
Das Motiv "kleiner als klein, doch größer als groß" fügt zur Ohnmacht die ergänzenden, ebenso
wunderbaren Taten des "Kindes". Diese Paradoxie gehört zum Wesen des Helden und zieht sich wie
ein roter Faden durch sein ganzes Lebensschicksal. Der größten Gefahr ist er gewachsen und geht am
70 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
"Unansehnlichen" doch schließlich zugrunde, Baldur an der Mistel, Maui am Lachen eines kleinen
Vogels, Siegfried an der einen verwundbaren Stelle, Herakles am Geschenk seiner Frau, andere durch
gemeinen Verrat usw.
Die Haupttat des Helden ist die Überwindung des Dunkelheitsungeheuers; es ist der erhoffte und
erwartete Sieg des Bewußtseins über das Unbewußte. Tag und Licht sind Synonyme des Bewußtseins,
Nacht und Dunkel die des Unbewußten. Die Bewußtwerdung ist wohl das erste urzeitliche Erlebnis,
denn damit ist die Welt geworden, von deren Existenz vorher Niemand etwas wußte. "Und Gott
sprach: Es werde Licht!" ist die Projektion jenes vorzeitlichen Erlebnisses der vom Unbewußten sich
trennenden Bewußtheit. ... Darum zeichnet sich schon das "Kind" durch Taten aus, welche aufdie-
ses Ziel der Dunkelheitsbesiegung hinweisen.
Jung, c. G. & Kereny, K. (1941). Einführung in das Wesen der Mythologie. Amsterdam: Pantheon.
Abbildung 3.1. Die Geburt des Dionysos (Ausschnitt aus
griechischer Vasenmalerei, ca. 410 v. Chr.). Dionysos gilt
in der griechischen Mythologie als Gott der Fruchtbar-
keit, des Weines und der Ekstase. Nach der Legende hat
ihn sein Vater Zeus bis zur Geburt in seinem Schenkel
getragen; denn seine Mutter, die Nymphe Semeie, sei
unter den Strahlen des Zeus verbrannt. Auf der Vase
"entbindet" ein Hirte den Neugeborenen aus dem
Schenkel des Vaters
Abbildung 3.2. Jesus mit Maria sowie Königen aus dem
Morgenland (dt. Buchmalerei, 15. Jahrhundert). Nach
christlicher Überlieferung ist Jesus der Sohn Gottes.
Seine Mutter Maria hat ihn unmittelbar vom Heiligen
Geiste empfangen. Die Geburt Jesu ereignet sich in ei-
nem Stall. Auf wunderbare Weise wird die Ankunft des
Kindes bekannt. Ein Stern führt drei Könige aus dem
Morgenland zu dem Kinde
3.1 Psychologie am Scheideweg zwischen Metaphysik und Naturlehre I 71
I
schaft betrachtet den Jenseitsglauben und kirch-
liche Praxis als geistige und soziale Erscheinun-
gen. Dabei stellt sie oft Vergleiche zwischen ver-
schiedenen religiösen Richtungen an. Sofern sie
konfessionell ungebunden betrieben wird, zählt
Religionswissenschaft zu den Kulturwissenschaf-
ten (s. Kap. 3.4).
Religionspsychologie. Erneut ist darauf hinzu-
weisen: Psychologie als moderne Disziplin steht
im Gefolge der Aufklärung. Daher macht sie sich
weder religiöse Lehren zu eigen noch unterwirft
sie sich der Macht von Kirchen (s. Kap. 1.2.1 und
2.1.1). Gleichwohl: Religionen sind ein Stück der
kulturellen Wirklichkeit. Ihre Glaubenslehren -
bei fortgeschrittenen Religionen scharf- und
tiefsinnig gestaltet - sind hervorragende Denk-
leistungen. Sie ziehen das Interesse der Theoreti-
schen Psychologie an (s. Kap. 2.2).
Auch wer den Wahrheitsgehalt von Jenseitsleh-
ren bestreitet, wer zumindest vom wissenschaftli-
chen Standpunkt aus nicht zu deren Richtigkeit
Stellung nehmen will, wird doch deren Bedeu-
tung im menschlichen Denken anerkennen. Göt-
ter, Engel, Verdammnis, Erlösung usw. sind In-
halte der menschlichen Vorstellung, füllen das
Gedächtnis, werden begrifflich geordnet und
Schlussprozessen unterworfen; es sind Kognitio-
nen. Und da Personen, Ereignisse und Erklärun-
gen aus religiösen Lehren von vielen Gläubigen
geteilt, in kirchlichen Organisationen gepflegt
und über Generationen weitergegeben werden,
zählt man sie zu den sozialen Kognitionen.
Zum Weiterlesen
Religions· und Pastoralpsychologie
Einführungen in die Religions- und Pastoralpsycholo-
gie sind:
~ Utsch, M. (1998). Religionspsychologie. Vorausset-
zungen, Grundlagen, Forschungsüberblick. Stutt-
gart: Kohlhammer.
~ Scharfenberg, J. (1994). Einführung in die Pastoral-
psychologie. Gättingen: Vandenhoek & Ruprecht.
Als soziale Kognitionen verstanden, sind religiöse
Inhalte mit den Mitteln der naturwissenschaftlich
orientierten Psychologie zu erfassen. Man kann
ihre Verbreitung feststellen (z.B. "Wie viele Men-
schen glauben an Gott?") sowie ihre Wirkungen
(z.B. "Sind gläubige Menschen glücklicher?").
Man kann ihrer Herkunft nachgehen (z.B. "Wie
wichtig ist das Vorbild der Eltern für den Glau-
ben?"). Überhaupt ist die Frage aufzuwerfen:
Welche Rolle spielt Religion im Leben der Men-
schen? Und man kann dabei sogar Vergleiche
zwischen verschiedenen Religionen anstellen.
Solchen Studien dient eine eigene Richtung der
Psychologie, die Religionspsychologie.
Parapsychologie. Man braucht nicht Anhänger
einer Religionsgemeinschaft zu sein, um an die
Existenz von Geistern, an das Weiterleben der
Seelen Verstorbener sowie an das Wirken geisti-
ger Kräfte zu glauben. Es gibt auch konfessionell
ungebundene Menschen, die reine Geister und
geistige Kräfte für möglich halten, welche der
natürlichen Welt angehören. Es sei dies eben ein
bisher nur unzureichend erforschter Teil der
Natur. So betrachtet, steht die angenommene
Geisterwelt nicht außerhalb dieser Welt, sondern
allenfalls außerhalb der gewöhnlichen sinnlichen
Erfahrung und wissenschaftlichen Erkenntnis.
Man hat sie ebenfalls als "übernatürlich" be-
zeichnet; gemeint ist damit jedoch nur "übersinn-
lich", nicht "überirdisch".
Die moderne Psychologie hat Lehren über
Geistwesen (wie Engel, Seelen Verstorbener),
geistige Kräfte (wie Energien, die entfernte Ge-
genstände in Bewegung setzen) sowie durch Ver-
nunft auszuschließende Erkenntnisse (wie die
Vorausschau zukünftiger Ereignisse) überwie-
gend als Aberglauben oder als Überbleibsel über-
holter religiöser Vorstellungen abgelehnt. Nur
wenige anerkannte psychologische Forscher schenk-
ten ihnen weiterhin Aufmerksamkeit.
Doch tauchten stets neue Berichte über erfah-
rungswidrige, "übersinnliche" Erscheinungen auf,
darunter solche, deren Glaubwürdigkeit nicht zu
72 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
erschüttern ist und die deshalb eme Erklärung
verdienen. Max Dessoir (1917) hat vorgeschla-
gen, ihre Erforschung nicht völlig zu unterlassen,
sondern ihnen wenigstens einen Platz "neben der
Psychologie" einzuräumen. Seitdem trägt das Ge-
biet den Namen "Parapsychologie" (griech. para:
neben).
Neuere Vertreter der Parapsychologie wie Wal-
ter von Lucadou (1995) sehen ihre Aufgabe darin,
erfahrungswidrige Phänomene, soweit sie auf
Selbsttäuschung oder Betrug beruhen, als solche
aufzuklären. Im Übrigen seien aber die Fort-
schritte der modernen Physik zu nutzen, um
bisher Unerklärbares als natürlich zu erklären.
Zum Weiterlesen
Parapsychologie
Ist die Parapsychologie als Wissenschaft ernst zu neh-
men? Welche ihrer Probleme verdienen die Mühe der
weiteren Untersuchung? Diese Fragen behandelt ein
Buch, dessen Autor den einzigen Lehrstuhl für Para-
psychologie an einer deutschen Universität inne hatte:
~ Bender, H. (1980). Parapsychologie. Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Die Parapsychologie muss sich vor Lügnern und Be-
trügern schützen. Zudem beruhen manche unge-
wöhnliche Erscheinungen auf Selbsttäuschung.
Täuschungsfälle hat ein Schüler Benders zusammen-
gestellt:
~ Müller, 1. (1980). Para, Psi und Pseudo. Berlin:
Ullstein.
3.1.2 Psychologie und Transzendental-
philosophie
Metaphysik im zweiten Sinne: Lehren vom Jen-
seits der Erfahrung. Ein Junge erhält als Ge-
schenk ein Fahrrad, und er freut sich. Ein Stein
fliegt gegen eine Glasscheibe, und das Glas zer-
bricht. In beiden Fällen gibt es einen Grund (Ge-
schenk, Stein) und eine Folge (Freude, Glas-
bruch). Beides sind Fälle von Verursachung, von
Kausalität. Wie kommt die Kausalität in diese
Welt? Wie ist es möglich, dass Menschen Kausali-
tät wahrnehmen, an Kausalität denken? Man
kann nun argumentieren: Kausalität muss als
Möglichkeit vorgegeben sein, damit sich auf die-
ser Welt Grund-Folge-Beziehungen verwirkli-
chen. Und Menschen müssen den Begriff der
Kausalität bereits besitzen, bevor sie ihn anwen-
den könnten; sonst würden sie nämlich Grund
und Folge lediglich als Nacheinander erfahren.
Ebenso als Möglichkeit dem Denken vorgege-
ben: der Begriff der Zeit. Im Besitz des Zeitbe-
griffs wird als stetiger Fluss aufgefasst, was sonst
nur als Nacheinander von Ereignissen erfahrbar
wäre. Weitere vorgegebene Möglichkeiten dieser
Welt: Zahlen sowie mathematische und geomet-
rische Gesetze. Die Zahl 12, dass die Zahlen 3 und
5 ein Produkt von 15 bilden, dass im Dreieck die
Summe aller Innenwinkel 180
0
beträgt. Immer
wieder die These: Dem Denken muss die Mög-
lichkeit, sie zu begreifen, vorgegeben sein, bevor
sie in der Wirklichkeit erkannt werden (z.B. beim
Zählen von Personen, beim Berechnen von
Grundstücken). Selbst moralische Begriffe wer-
den der Welt der Möglichkeiten zugeordnet - vor
allem der Begriff des Guten als Voraussetzung für
Urteile über Recht und Sitte.
Nach solchen Überlegungen kann man ein
Jenseits der Erfahrung entwerfen: Grundbegriffe,
Grundgesetze, Grundwerte. Sie stellen Vorgaben
dar für die Erkenntnis. Allein Vernunft vermag
diese Vorgaben zu erschließen. Dabei ist die Ver-
nunft auf sich allein gestellt; sie muss die Erfah-
rung überschreiten, transzendieren (lat. trans-
cendere: überschreiten). Aufgabe der kritischen
Vernunft ist es, die Welt der Wahrheit und des
Werts zu erkunden, auf die sich Erkenntnis und
Moral gründen. Die Richtung, welche sich diesem
Programm verschrieben hat, nennt man Trans-
zendentalphilosophie.
Die Transzendentalphilosophie setzt auf die
Kraft der Vernunft. Sie hat mit dem Werk des
Philosophen Kant (vor allem Kant, 1968) der
Aufklärung starke Impulse gegeben. Die Welt der
Möglichkeiten, die sie durch Vernunft erschlie-
ßen wollte, hat sie von der durch sinnliche Erfah-
3.1 Psychologie am Scheideweg zwischen Metaphysik und Naturlehre I 73
l
Esoterik, Okkultismus, Mystik
Die Metaphysik hat mit ihren kühnen Ideen
hohe Maßstäbe für die Wissenschaft gesetzt. Mit
einer Mischung aus abstraktem Denken und
anschaulichen Bildern hat sie viele Anhänger
angezogen. Licht und Schatten, Höhe und Tiefe
- das waren zwei Gegensatzpaare, mit denen sie
beeindruckte. Damit schuf sie für Wissenschaft
ein doppeltes Motto: "In lichte Höhen" und
"Hinab in die Tiefe, den Dingen auf den Grund
gehen". Das bedeutete einerseits Eindringen in
höhere Welten, wo der allwissende Geist waltet
und Geheimnisse offenbart. Andererseits bedeu-
tet es, in die Tiefe der Erde, des Menschen, des
Lebens und des Seins überhaupt einzudringen,
um Licht dorthin zu bringen, d.h., die dort
schlummernden Geheimnisse aufzudecken.
Unter diesem doppelten Motto ist Aufklärung
gelungen. Es hat aber auch Verblendung und
Aberglauben genährt. So haben sich aus der
Metaphysik mehrere, bis in die Gegenwart an-
haltende Traditionen gebildet, deren Aussagen
umstritten sind.
Esoterik. Lehren und Forschungen zu ange-
nommenen höheren Lichtwelten bilden den
Kern der Esoterik. Esoterik (griech. esoterikos:
innerlich) heißt eigentlich: Lehre für einen Kreis
von Eingeweihten. Zu den bevorzugten Themen
der Esoterik gehören: Geister von Verstorbenen
und erdnahe Geistwesen (Gespenster) mit ihren
Handlungen (Wunder, Spuk); Einfluss der Ge-
stirne auf das Schicksal (Astrologie); geistige
Energie, z.B. geistige Kräfte, die Körper durch
den Raum bewegen (Psychokinese) sowie im
Menschen selbst wirken (Bioenergie).
Esoterische Gruppen haben teilweise die Aus-
lese ihrer Mitglieder betrieben, weil sie glaubten,
der Zugang zur Geisterwelt erfordere eine be-
sondere Begabung - z.B. die Fähigkeit als Me-
dium. Teilweise haben sich esoterische Gruppen
abgesondert, weil sie ihre Erlebnisse nur mit
Gleichgesinnten teilen wollten oder sich von
anderen verfolgt fühlten. So ist Esoterik in den
Ruf einer Geheimwissenschaft gekommen. Doch
viele Vertreter der Esoterik teilen der Öffentlich-
keit ihre Erfahrungen mit und werben für ihre
Ideen - in Vorträgen und Demonstrationen, in
Zeitschriften und Büchern. Die Naturwissen-
schaften haben für esoterische Forschungen stets
eine Nische offengehalten. Denn zu den Erfolgs-
rezepten naturwissenschaftlicher Forschung ge-
hört ja die Offenheit für rätselhafte, unerklär-
liche Erscheinungen. Zum Beispiel zählte die
Elektrizität anfangs zu den kuriosen Erscheinun-
gen, bevor erfolgreiche Forschung schlüssige
Theorien und erfolgreiche Anwendungen der
Elektrizität entwickelt hat.
Okkultismus. Weitgehend austauschbar mit dem
Begriff der Esoterik ist der Begriff "Okkultis-
mus". Okkultismus (lat. occultus: geheim) will
die Geheimnisse der Natur aufklären und wid-
met sich vorzugsweise dem Thema der übersinn-
lichen, außerirdischen Geister und Kräfte. Ge-
genwärtig wirkende okkultistische Vereinigun-
gen - z.B. der Orden des Rosenkreuzes und die
New-Age-Bewegung - knüpfen zwar an ältere
Traditionen an, nehmen aber auch moderne
Themen wie Ökologie und Feminismus auf.
Mystik. Als Mystik bezeichnet man eine Gruppe
von Lehren, die einen Gegensatz von einer Licht-
und einer Dunkelwelt annimmt. Dem Dunkel zu
entgehen und zum Licht zu gelangen ist ihr Ziel.
Dies soll durch Verinnerlichung bzw. durch Ab-
kehr von der irdischen Welt sowie durch Vertie-
fung in eine Welt des Geistes und des Glaubens
geschehen. In der christlichen Tradition leitet
Mystik ihren Namen vom Begriff der geheimnis-
vollen Vereinigung (lat. unio mystica) von Gott
und Mensch ab. Die unmittelbare Begegnung
mit Gottes Geist erschließt alle Geheimnisse -
die höchsten wie die tiefsten.
Aufgrund ihres gemeinsamen Ursprungs aus
der Metaphysik überschneiden sich Esoterik,
74 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
Okkultismus und Mystik. Die Psychologie wird
von Manchen als Partner dieser Gruppierungen
gesehen. Die meisten Vertreter der modernen
Psychologie legen jedoch Wert auf die Feststel-
lung, dass ihre Disziplin die Trennung von Eso-
terik, Okkultismus und Mystik vollzogen hat.
Andere halten es für unklug, die Beziehung zu
diesen Richtungen ganz abzubrechen, da in
rung zu erschließenden Welt abzugrenzen ver-
sucht. Die Lehre von der Welt der Erfahrung
wurde Physik genannt, die Lehre von der Welt
der Vernunft aber - nun in einem neuen Sinne
(vgl. dagegen Kap. 3.1.1) - Metaphysik.
Gegen ein Jenseits der Erfahrung. Vorgegebene
Wahrheiten und vorgegebene Werte nachzuwei-
sen - dieses Unternehmen beeindruckte zwar als
hohe Schule der Vernunftkritik. Doch waren die
Ergebnisse dieser Bemühungen keinesfalls für alle
überzeugend und einvernehmlich. Kritiker verur-
teilten die Transzendentalphilosophie teils als
inhaltsleer, teils als willkürlich. Das Gegenpro-
gramm war: Erkenntnis und Moral aus Erfahrung
herzuleiten. Begriffe wie Kausalität, Zeit oder
Zahl ließen sich als natürliche Sachverhalte auf-
fassen, die sich die Kognition durch Erfahrung
und nur durch Erfahrung aneignet. Entsprechend
lässt sich der Begriff des Guten aus dem Erleben
von Lust und Unlust ableiten.
Gerade innerhalb der Psychologie sammelten
sich Forscher, die sichere Erkenntnis auf Beo-
bachtung gründen wollten. Sie erklärten das
Nachdenken über ein Vorab und Jenseits der
Erfahrung zu einer unergiebigen Spekulation. In
diesem Sinne suchten sie ihr neues Fach von Me-
taphysik abzugrenzen.
Nativismus: Versöhnung mit der Transzenden-
talphilosophie? Bei den scharfsinnigen Ausei-
nandersetzungen über Vorbedingungen mensch-
licher Erfahrung und Moral sind Vertreter der
Psychologie eher Zaungäste geblieben. Doch in
ihren Untersuchungen sind sie immer wieder auf
ihnen noch ein wissenschaftlich ungenutztes
Potential stecke. Zudem stoßen Esoterik, Okkul-
tismus und Mystik in der Öffentlichkeit auf an-
haltendes Interesse. Die Wissenschaft möge sich
doch mit ihnen auseinandersetzen, erwarten
Viele. Psychologie hat sich dieser Erwartung
nicht durchweg entzogen.
ein Problem gestoßen, das in diesen Auseinander-
setzungen eine zentrale Rolle spielt: Das Auftre-
ten angeborener Kognitionen. Einschlägige Bei-
spiele lieferte die Beobachtung von instinktivem
Verhalten. So reagieren Kinder und Erwachsene
mit Angst-, Flucht- und Abwehrreaktionen auf
den Anblick von Schlangen, selbst wenn sie noch
keine Erfahrung mit Schlangen und deren Biss
besitzen. Sollten sie das Bild der Schlange mit
dem zugehörigen Reaktionsprogramm bereits
von Geburt an kennen? Oehman und Mineka
(2003) haben Belege für die Annahme gesammelt:
Das junge Gehirn wird sogleich bei seiner Entste-
hung mit dem Bild der Schlange und dem zuge-
hörigen Schutzprogramm ausgestattet. Eine sol-
che Erklärung steht in klarem Gegensatz zu der
Auffassung, jedes Individuum erwerbe sein Wis-
sen und Können im Laufe seines Lebens durch
eigene Erfahrung.
Den Standpunkt, Erfahrung bilde die Quelle
des Wissens und Könnens, nennt man Empiris-
mus; den Gegenstandpunkt, der Wissen und
Können für angeboren hält, bezeichnet man als
Nativismus (lat. nativus: angeboren). Den neu-
zeitlichen Nativismus kann man als Nachfolger
der Transzendentalphilosophie betrachten. Auch
Nativismus unterstellt ein Jenseits der Erfahrung;
doch er beschränkt seine Aussagen ausdrücklich
auf das Individuum. Die Vorkenntnis, welches er
annimmt, ist jenseits der individuellen Erfahrung.
Und diese Vorkenntnis schwebt nicht in einem
Ideenhimmel, sondern ist eingekerbt in den
Hirnstrukturen, welche frühere Generationen an
3.1 Psychologie am Scheideweg zwischen Metaphysik und Naturlehre I 75
folgende weitergegeben. Was zunächst als Meta-
physik erklärt wurde, wird nunmehr als Naturer-
scheinung gedeutet.
Starke Impulse für das nativistische Denken in
der Psychologie hat der Linguist Noam Chomsky
(1969) gegeben. Er vertritt die Meinung, alle ge-
sprochenen Sprachen beruhten auf gleichen lexi-
kalischen Einheiten und grammatikalischen Re-
geln (z.B. Nomina und Verben, Gegenwarts- und
Vergangenheitsformen). Alle Grundkategorien
und -regeln der Sprache innerhalb weniger Jahre
neu herauszufinden - das können Kinder nicht
leisten. Also - meint Chomsky - besitzen sie ein
angeborenes Sprachlernmodell mit den linguisti-
schen Universalien. Dieses befähigt sie, in ver-
gleichsweise kurzer Zeit die Sprache ihrer jeweili-
gen Umgebung zu erlernen (s. vor allem Chom-
sky, 1969, S. 79).
Zusammenfassung
(1) Metaphysik im ersten Sinne ist die Lehre von
übernatürlichen Welten. Dazu zählen Reli-
gionen. Die wissenschaftliche Behandlung
der Religionen obliegt der Theologie sowie
der Religionswissenschaft.
(2) Die moderne Psychologie versteht sich vor-
zugsweise als Lehre vom naturgegebenen
Leben. Sie grenzt sich daher von Religions-
lehren ab.
(3) Religionen kann man als Erscheinungen des
menschlichen Denkens betrachten. Insofern
werden ihre Inhalte zum Gegenstand der Re-
ligionspsychologie.
(4) Praktische Seelsorge in Religionsgemeinschaf-
ten weist Gemeinsamkeiten mit Psychothera-
pie sowie mit fachpsychologischer Lebens-
und Krisenberatung auf. Die psychologische
Betrachtung der Seelsorge in Religions-
gemeinschaften bezeichnet man als Pastoral-
psychologie.
An Widerspruch zu der These von der angebore-
nen Fähigkeit zum Spracherwerb hat es nicht
gefehlt. Doch spricht dafür der Befund, dass of-
fenbar Kinder in aller Weh Sprache auf ähnliche
Weise erlernen (Gleitman & Newport, 1996).
Und da im Gehirn spezialisierte Sprachzentren
nachgewiesen sind, ist die Erwartung durchaus
berechtigt, diese Zentren seien schon bei der Ge-
burt zur Darstellung gängiger lexikalischer Ein-
heiten und grammatischer Regeln vorbereitet.
So ist Psychologie, obwohl traditionell empiris-
tisch gesonnen, dem Nativismus durchaus offen.
Und damit nähert sie sich mit einigen ihrer Ver-
treter - durchaus auch empirisch - wiederum
Fragen nach vorgegebenen Grundlagen von
Wahrheit und Sittlichkeit, die sie als spekulativ
verworfen hat, so lange sie ihr als Beitrag der
Metaphysik begegneten.
(5) Metaphysik im zweiten Sinne ist die Lehre
von den Voraussetzungen der Erkenntnis
und der Sittlichkeit, die jenseits der Erfah-
rung liegen (Transzendentalphilosophie).
(6) In der modernen Psychologie gibt es die
Tendenz, alles Wissen und Können auf indi-
viduelle Erfahrung zurückzuführen (Empi-
rismus); danach ist Metaphysik auch im
zweiten Sinne abzulehnen.
(7) Daneben ist in der Psychologie auch eine
Richtung vertreten, die angeborenes Wissen
und Können annimmt (Nativismus); indem
sie angeborenes Wissen als Voraussetzung
für Erfahrung deutet, nähert sie Psychologie
der Metaphysik im zweiten Sinne an.
(8) Man trifft zudem die Auffassung: Es gibt
Geistwesen und geistige Kräfte; diese sind
natürliche Erscheinungen, welche noch
nicht ausreichend erforscht sind. Der Klä-
rung dieser Auffassung widmet sich die
Parapsychologie.
76 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
I
3.2 Naturwissenschaften und
Kulturwissenschaften (Geistes-
und Sozialwissenschaften)
3.2.1 Natur und Kultur
Natur - unberührt von der Hand des Menschen?
Natur (lat. natura: Geburt) ist zunächst als jener
Teil der Wirklichkeit zu verstehen, der seinen
Ursprung bewahrt hat - ohne Veränderung
durch den Menschen. So spricht man von Natur-
landschaften, welche ihre Ursprünglichkeit be-
wahrt haben und nicht durch menschliche Sied-
lungen umgestaltet wurden. Man spricht von
Naturstoffen, die unmittelbar aus dem Boden
oder aus Pflanzen gewonnen werden, ohne durch
Zusätze oder Bearbeitung ihre ursprüngliche
Beschaffenheit zu verlieren.
Ebenso kann man annehmen: Es gibt einen
Naturmenschen sowie ein natürliches Leben. Im
Einzelnen: Es gibt Leistungen, Eigenschaften,
Fertigkeiten und Verhaltensweisen, die dem
Menschen natürlich zugewachsen sind und durch
dessen Zutun keine Änderung erfahren haben.
Das sind Leistungen wie das Wahrnehmen von
Formen und Farben, die Orientierung in Raum
und Zeit, das Erinnern, vielleicht auch das Träu-
men. Zu den Eigenschaften, die dem Menschen
"von Natur aus" zukommen, könnten Freund-
lichkeit oder Gehässigkeit, Faulheit oder fleiß
zählen. Bezüglich natürlicher Fertigkeiten und
Verhaltensweisen ist zu fragen: Kann der Mensch
"von Natur aus" singen? Gibt es eine natürliche
Geburt, eine natürliche Ernährung, ein natürli-
ches Lernen?
Kultur - des Menschen zweite Natur? Wo gibt es
noch die vom Menschen unberührte Natur?
Stadt-, Industrie-, Handels- und Erholungsland-
schaften haben die Naturlandschaften zurückge-
drängt. Pflanzenarten sind neu gezüchtet, Tierar-
ten domestiziert. Ja, die Menschen selbst haben
ihre Ursprünglichkeit abgelegt. Mit ihrer neuen
Lebenswelt haben sie ihr Aussehen, ihr Denken
und ihr Verhalten geändert. Ihr Tag-Nacht-
Rhythmus folgt eher den Unterhaltungspro-
grammen öffentlicher Fernsehsender als dem
Lauf der Sonne; sie kommunizieren über Medien
und weltweite Sprechverbindungen, ihr Zusam-
menleben vollzieht sich in einer öffentlichen
Ordnung mit Gesetzen, Verwaltungsvorschriften
und Wirtschaftsnormen. Beides zugleich hat der
Mensch betrieben: Die Umgestaltung der Natur
und seine eigene Fortentwicklung. So ist Kultur
(lat. cultura: Pflege) zum neuen Lebensraum
geworden. Der Mensch ist zu einem Kulturwesen
geworden, sein Leben zum Kulturleben.
Die Einschätzung des Wertes der Kultur ist
umstritten. Auf der einen Seite steht der Kultur-
pessimismus. Er wertet Kultur als Verschlimme-
rung natürlicher Lebensumstände und Lebens-
weisen; Kultur verbildet den Menschen und
vernichtet sein Glück. Der Kulturoptimismus
behauptet dagegen: Kultur verbessert die Welt; sie
vervollkommnet den Menschen und vermehrt
seine Wohlfahrt. Der Kulturpessimismus sieht
einen Gegensatz, mitunter gar eine Feindschaft
zwischen Natur und Kultur. Er weist auf Fehler
der Kulturentwicklung hin und fordert die Rück-
kehr zur Natur - etwa durch Renaturierung von
Flusslandschaften, durch Anwendung von Na-
turheilmethoden oder durch Rückgewinnung
historischer Formen des Wohnens und Wirt-
schaftens.
Der Kulturoptimismus sieht die Kulturent-
wicklung in der Nachfolge der Naturentwicklung.
Welt und Leben sind in ständigem Fortschreiten
begriffen. Der Natur selbst wohnt ein Optimie-
rungsdrang inne; Leben und Lebewesen will sie
ständig verbessern. Nachdem die Natur den Men-
schen hervorgebracht hat, ist dieser zu ihrem
Agenten der Fortentwicklung geworden. Aus
dieser Sicht geht Kultur aus Natur hervor. Fort-
schritte der Kultur sind gleichzeitig Fortschritte
der Natur. Kultur ist eine zweite Natur.
Vertreter der Wissenschaften sind in ihrer
Haltung zur Kultur gespalten. Doch weit über-
3.2 Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften I 77
wiegend haben sich Wissenschaftler zum Dienste
an der Kulturentwicklung bekannt. Insbesondere
mit ihren naturwissenschaftlichen Forschungen
(z.B. zur Nachrichtenübertragung, zur Bekämp-
fung von Krankheiten, zur Geburtenkontrolle)
haben sie die Voraussetzungen für einen weit
reichenden technischen, wirtschaftlichen und so-
zialen Wandel geschaffen. Der Stolz über solche
Leistungen hat den Kulturoptimismus innerhalb
der Wissenschaft gestärkt. Auf der anderen Seite
waren es gerade erfolgreiche Forschungszweige,
welche Kritik auf sich gezogen haben. Denn mit
Fortschritten sind auch Risiken gewachsen (z.B.
bei der Energieerzeugung, der Gentechnik). Fort-
schritte können durchaus mit Nachteilen einher-
gehen (z.B. nehmen in der mobilen Gesellschaft
u.a. Herz- und Kreislaufkrankheiten zu).
3.2.2 Zwei Gruppen von Wissenschaften
Naturwissenschaften. Entsprechend der Unter-
scheidung von Natur und Kultur lassen sich Na-
tur- und Kulturwissenschaften trennen. For-
schung zur Natur widmet sich überwiegend der
Aufgabe, die Welt in ihrer Ursprünglichkeit zu
ergründen. Naturwissenschaften befassen sich da-
her vorzugsweise mit
~ Abläufen und Mechanismen in der unbelebten
Natur (z.B. Schwerkraft, Aufbau von Molekü-
len),
~ elementaren Bestandteilen und Aktivitäten in
belebten Körpern (z.B. Körperzellen, Stoff-
wechsel),
~ komplexen Körperorganen (wie Auge und
Hand) und Verhaltensweisen (wie Revierver-
teidigung) von Gattungen von Lebewesen
(z.B. Fischen, Affen, Menschen) - sofern sie
als naturgegeben anzunehmen sind.
Kulturwissenschaften (Geistes· und Sozialwis·
senschaften). Kulturwissenschaften konzentrieren
sich auf die Errungenschaften der fortgeschrit-
tenen Menschheit. Ihre Forschungen richten sich
vor allem auf
~ komplexe, insbesondere ideelle Hervorbrin-
gungen gesellschaftlicher Organisationen (wie
Sprache, Gesetze),
~ Aufbau von und Abläufe in gesellschaftlichen
Organisationen (wie Familien, Völker).
Es ist gebräuchlich, die Wissenschaften nach den
beiden soeben genannten Forschungsbereichen in
zwei Gruppen einzuteilen: Geistes- und Sozial-
wissenschaften.
Zwei Fächergruppen genießen unter den mo-
dernen Geisteswissenschaften eine Vorrangstel-
lung: die Sprach- und die Geschichtswissenschaf-
ten. Sprach- und Geschichtsbetrachtung sollen
einen universellen Zugang zum menschlichen
Geist und seinen Schöpfungen eröffnen. In der
Sprache - ist anzunehmen - spiegelt sich die Fülle
menschlichen Wissens und Verstehens. Die histo-
rische Perspektive eröffnet darüber hinaus den
Zugang zu einer schier unbegrenzten Menge von
Produkten des Menschengeistes: Religion und
Kunst, Verwandtschaftsbeziehungen und Sied-
lungsformen, Staat und Staatengemeinschaft -
überhaupt alle Kulturleistungen, einschließlich
der Wissenschaft selbst.
Sozialwissenschaften behandeln dagegen den
Aufbau von Kollektiven (wie Staat, Verbände,
regionale Gesellschaften) sowie deren Tätigkeiten
und Wirkungen (wie Machtzuteilung, Kommu-
nikationsfluss). Den Sozialwissenschaften werden
im Folgenden auch die Wirtschafts- und Rechts-
wissenschaften zugeschlagen, die wegen ihrer
praktischen Ausrichtung und ihrer überragenden
Bedeutung für berufliche Bildung oft eine Son-
derstellung genießen.
Der Begriff der Kulturwissenschaften sucht die
Trennung von Geistes- und Sozialwissenschaften
aufzuheben. Befürwortet wird dies mit dem Ar-
gument, kollektives Bewusstsein und kollektive
Schöpfungen seien ohne Kenntnis der Organisa-
tionen, die sie hervorgebracht haben, nicht zu
verstehen; ebenso wenig dürfe man bei der Un-
tersuchung von Organisationen deren kollektives
Bewusstsein und deren Schöpfungen ausgrenzen.
78 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
Der Begriff der Kulturwissenschaft beginnt sich
allerdings erst neuerdings durchzusetzen.
psychologie - Einzeldisziplin und zugleich trans-
disziplinäre Lebenswissenschaft. Psychologie ist
eine eigenständige Wissenschaft, eine selbständi-
ge Einzeldisziplin. Sie hat sich in ihrer Gesamtheit
weder den Naturwissenschaften noch den Kul-
turwissenschaften angeschlossen. Vielmehr haben
sich in ihr natur- und kulturwissenschaftlich
orientierte Richtungen gebildet. Als moderne
Wissenschaft befasst sie sich mit den Formen des
natürlichen wie des kulturellen Lebens.
Andere Wissenschaften, mit denen die Psycho-
logie in Beziehung steht, haben sich dagegen ein-
geordnet - in die Reihe der Natur- oder der Kul-
turwissenschaften (bzw. der Geistes- und So-
zialwissenschaften). So stehen in der Wissen-
schaftslandschaft nebeneinander: Eine Vielzahl
von Einzeldisziplinen, die sich - teils gesondert,
teils vernetzt - mit ausgewählten Bereichen des
natürlichen oder des kulturellen (geistigen und
sozialen) Lebens befassen. Und eine Wissenschaft
- eben die Psychologie - mit dem Anspruch,
Lebenswissenschaften
Diese Einführung bezeichnet die Psychologie
beharrlich als Lebenswissenschaft. Dieser Begriff
beflügelt seit der Wende zum neuen, zum dritten
Jahrtausend die Diskussion über die Zukunft des
Wissens. Der Begriff der Lebenswissenschaften
(auch Biowissenschaften, engl. life sciences, bio-
sciences) wird meist im Plural gebraucht. Das
bringt zum Ausdruck: Lebenswissenschaft ist als
Gemeinschaftsunternehmung gedacht; mehrere
bislang getrennt arbeitende Disziplinen sollen
sich daran beteiligen. Was hier gemeinschaftlich
erforscht werden soll, umfasst
~ Makrosysteme, Lebensräume im Maßstab von
Regionen, der gesamten Erde, ja sogar extrater-
restrischer Gebiete,
~ Mikrosysteme, kleinteilige Mechanismen wie
Zellen und Nukleinsäuren.
Leben in semer ganzen Breite zu erfassen. Das
kommt einer Verdoppelung der wissenschaft-
lichen Betrachtung gleich. Die Disziplin der Psy-
chologie behandelt Vieles, was auch den Gegen-
stand anderer Disziplinen darstellt. So ziehen sich
psychologische Themen durch sämtliche Diszip-
linen, die sich mit Aspekten des Lebens befassen.
In diesem Sinne ist Psychologie eine übergreifen-
de Disziplin, sie ist transdisziplinär (s. Kap.
2.3.1).
Dass Psychologie gleichzeitig als Einzeldisziplin
und transdisziplinär auftritt, ist zu erklären mit
der Begrenztheit des menschlichen Erkennens,
Forschens und Lehrens. Wie wünschenswert wäre
doch Folgendes: Sachkundig, tiefsinnig und in
allen Einzelheiten nach dem neuesten Stand der
Forschung doziert eine Professorin über den
Aufbau von Nervenzellen und die Ausschüttung
von Hormonen, über Gedächtnis, Logik und
Leistungsmotive, über Koalitionen in kleinen
Gruppen, über Zahlensysteme und indogermani-
sche Sprachen, über asiatische Jenseitsvorstellun-
gen, Konjunkturzyklen und die Gewaltenteilung
Naturwissenschaften nehmen hervorragende
Plätze unter den Lebenswissenschaften ein. Der
traditionelle Verbund aus Botanik und Zoologie
wird schon längst als Biologie bezeichnet. Die
traditionelle Biologie hat durch zahlreiche Koa-
litionen mit anderen Naturwissenschaften neue
Disziplinen hervorgebracht - wie die Biochemie,
die Biophysik und die Bioinformatik.
Kulturwissenschaften fallen im Verbund der
Lebenswissenschaften ebenfalls wichtige Aufga-
ben zu. Doch sie schließen sich diesem Verbund
bisher nur zögerlich an. Entsprechend unein-
heitlich verhält sich die Psychologie; zu den
Lebenswissenschaften bekennt sie sich stärker
mit ihren naturwissenschaftlichen als mit ihren
geistes- und sozialwissenschaftlichen Ansät-
zen.
3.2 Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften I 79
Cambridge, USA
Abbildung 3.3.
Edward O. Wilson
Edward O. Wilson, gebo-
ren 1929, ist Professor am
Department of Biology der
Harvard-Universität in
Einheit der Lebenswissenschaften: Führungsrolle der Psychologie?
Die Sprach-, Geschichts- und Kulturwissenschaften, die Sozial-, Rechts- und Gesellschaftswissen-
schaften, Biologie und Medizin, Informatik und Technikwissenschaften haben sich in eigene For-
schungsinstitute, Studiengänge und wissenschaftliche Gesellschaften aufgegliedert. Dies hat ihnen
Leistungs- und Organisationsvorteile gebracht. Zugleich ist dadurch die Zersplitterung einer Wissen-
schaftslandschaft eingetreten, die nicht nur von Öffentlichkeit und Politik, sondern auch von betrof-
fenen Wissenschaftlern selbst bedauert worden ist. In dieser Situation hat Psychologie viel Anerken-
nung und Zuspruch gefunden. Obwohl in vielem Spezialwissen unterlegen und auf Unterstützung
durch verwandte Wissenschaften angewiesen, hat sie doch die Idee des Zusammenhangs verkörpert
und zu deren Austausch beigetragen.
Gerade die starke Spezialisierung von Forschung und Lehre hat die Forderung nach mehr Aus-
tausch und Zusammenarbeit verstärkt. Interdisziplinäre Zusammenarbeit verspricht wirkungs-
vollere Forschung, schnellere Verbreitung von Wissen und größere Wirtschaftlichkeit durch Ver-
meidung von unfruchtbarer Parallelforschung und Bündelung von Forschungs-
mitteln. Da kehrt er dann wieder: der Traum von der Einheit der Wissenschaf-
ten. In diesem Traum fällt der Psychologie eine zentrale Rolle zu. Natur-, Geis-
tes- und Sozialwissenschaft zugleich, transdisziplinär angelegt, könnte sie
das Verbindungsglied zwischen bisher getrennten Spezialdisziplinen dar-
stellen.
In jüngerer Zeit hat ein international bekannter Gelehrter die Vision einer
Einheit des Wissens (engl. consilience) erneuert. Der Soziobiologe Edward
O. Wilson hat schon mehrfach zu einer Bündelung wissenschaftlicher Anstren-
gungen aufgerufen, um den Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden
- Armut, Gewalt, Umweltzerstörung. Wie die Zeitschrift "Monitor" in ihrer
Ausgabe vom September 1999 berichtet, warb Wilson beim Jahreskongress
der American Psychological Association in Boston vor einem dicht gedräng-
ten Auditorium für seine Idee einer Wissenschaft ohne Fachgrenzen, und er
rief die versammelten Psychologinnen und Psychologen auf, bei der Integra-
tion von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften die Führung zu überneh-
men.
Wilsons Plädoyer für die Vernetzung der Erkenntnisse über das Leben ist auch in deutscher Sprache
erschienen. In seinem Buch "Die Einheit des Wissens" entwirft er eine Wissenschaft, die Umweltpoli-
tik, Sozialwissenschaften, Ethik und Biologie nicht trennt, sondern in konzentrischen Kreisen vereinigt.
Von einem gemeinsamen Schnittpunkt aus soll sich Lebenswissenschaft konzentrisch in die Berei-
che der Umweltpolitik, Sozialwissenschaften, Ethik und Biologie ausdehnen. Wilson (2000, S. 19f.)
glaubt:
Nie gab es eine bessere Zeit für die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern ... als heute, vor allem na-
türlich dort, wo sie sich längst begegnet sind, nämlich in den Grenzbereichen von Biologie, Sozialwis-
senschaften und Geisteswissenschaften. Wir nähern uns einem neuen Zeitalter der Synthese, in dem
die größte aller intellektuellen Herausforderungen die Erprobung von Vernetzung sein wird. ... Wenn
die Funktionsweisen der Welt tatsächlich zur Konziliation von Wissen auffordern, dann glaube ich,
dass sich früher oder später auch das Unternehmen Kultur in die Wissenschaften eingliedern wird -
80 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
womit ich die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften, darunter vor allem den Kunst-
bereich meine. Diese Domänen werden sich zu den großen Wissensgebieten des 21. Jahrhunderts
entwickeln. ... Grundsätzlich werden die Sozialwissenschaften natürlich weiterhin bestehen, aber in
radikal veränderter Form. Im Laufe dieses Prozesses werden sich die Geisteswissenschaften - von der
Philosophie über die Geschichte bis hin zur Ethik, den vergleichenden Religionswissenschaften und
der wissenschaftlichen Kunstinterpretation - den Naturwissenschaften immer mehr annähern und
zum Teil mit ihnen zusammenschließen. ...
Ich gebe zu, dass das Selbstvertrauen von Naturwissenschaftlern oft anmaßend wirkt. Aber die Na-
turwissenschaften bieten in der Tat die kühnste Metaphysik unseres Zeitalters. ... Der britische Neu-
robiologe Charles Sherrington nannte . .. das Gehirn einen zauberischen Webstuhl, welcher unauf-
hörlich die Bilder der Außenwelt ineinander verwebt, wieder auflöst, neu verwebt und dabei ständig
andere Welten erfindet und ein eigenes Miniaturuniversum erschafft. Der gemeinschaftliche Geist
von gebildeten Gesellschaften - die Weltkultur also - ist ein noch unermesslich viel größerer Web-
stuhl. Mit den Mitteln der Wissenschaft erwirbt er die Fähigkeit, äußere Realitäten weit jenseits
der Reichweiten eines einzelnen Geistes zu erkennen, und mit den Mitteln der Kunst konstruiert er
Geschichten, Bilder und Rhythmen, die weit mannigfaltiger sind, als es die Produkte eines einzelnen
Genies je sein können.
Der Webstuhl für Wissenschaft oder Kunst ist ein und derselbe. Sein Ursprung und seine Natur
können prinzipiell erklärt werden und damit auch die Conditio humana, von der archaischen Ge-
schichte der genetischen Evolution bis zur modernen Kultur.
Wilson, E.O. (2000). Die Einheit des Wissens, übersetzt von Y. Badal. München: Goldmann.
m demokratischen Staatsformen. Studierende
hören zu und werden dadurch Experten in allen
Fragen des Lebens. Eine solche Wunschvorstel-
lung lässt sich nicht verwirklichen, seitdem die
Fülle des Wissens die Aufnahmefähigkeit des
Einzelnen so beträchtlich übersteigt. Allein die
Lehre so vieler Gegenstände würde - die übliche
Sprech- und Lesegeschwindigkeit vorausgesetzt -
jede vertretbare Ausbildungszeit übersteigen.
Angesichts der Begrenztheit ihrer Arbeitszeit
und ihres Auffassungsvermögens haben sich Wis-
senschaftler Schwerpunktprogrammen verschrie-
ben und zu überschaubaren Wissenschaftlerge-
meinden zusammengeschlossen (s. Kap. 2.1.2).
So sind sie Biologen geworden (oder - noch wei-
ter spezialisiert - Ptlanzenbiologen, Verhaltens-
biologen) oder Linguisten, Mathematiker, Sozio-
logen oder Ethnologen. Die Psychologie als
Einzeldisziplin hat sich immer wieder gegen eine
derart weit gehende Spezialisierung gesträubt.
Ihrer Gründungsidee nach ist sie eine umfassende
Lebenswissenschaft (s. Kap. 2.1.1). Und gerade in
ihren feierlichsten Stunden ertönt die Mahnung,
sie möge ihrer Gründungsidee treu bleiben.
Freilich ist ebenfalls richtig: Die Gesamtbe-
trachtung des Lebens ist zwar Programm für die
Psychologie als Ganze geblieben. An Studienord-
nungen erkennt man noch die Breite ihres Pro-
gramms. Gleichwohl muss auch die Zunft der
Psychologen um der Qualität von Forschung,
Lehre und Praxis willen Spezialisierungen dulden.
So bilden sich innerhalb der Psychologie ver-
schiedene Wissenschaftlergemeinden. Psycholo-
gen teilen sich u.a. in Fachgruppen für Ent-
wicklungs- und Sozialpsychologie, für Klinische
Psychologen und Forensische Psychologen (über
Disziplinen innerhalb der Psychologie und psy-
chologische Berufsfelder s. Kap. 4 und 5).
3.2 Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften I 81
Mit ihrer Arbeitsteilung folgen Psychologen oft
den gleichen Spezialisierungen wie die ihnen
verwandten Disziplinen. Die Folge sind so ge-
nannte Bindestrichpsychologien: Biopsychologie
bzw. Biologische Psychologie, Sprachpsychologie
bzw. Psycholinguistik, Wirtschaftspsychologie
und viele andere (mehr im weiteren Verlauf die-
ses Kapitels).
Darüber hinaus hat sich in der Psychologie die
Trennung nach Wissenschaftsklassen eingebür-
gert. So unterscheidet man eine naturwissen-
schaftliche, eine geisteswissenschaftliche und eine
sozialwissenschaftliche Psychologie.
3.3 Psychologie und Naturwissen-
schaften
3.3.1 Lehren über Gattungen von Lebe-
wesen und ihre Verhaltensweisen
Zoologie, Anthropologie. Zoologie ist die Lehre
von den Tieren (griech. zoon: Lebewesen, Tier).
Zu ihren klassischen Leistungen gehört die
Bestimmung und systematische Ordnung der
Tierarten. Die Ordnung erfolgt nach Gattungen
(Insekten, Fische, Säugetiere u.a.). Die Abstam-
mungsforschung hat belegt, dass Tierarten sich
auf der Erde im Laufe von 600 Millionen Jahren
entwickelt haben. Aus ihrer Reihe ist in den letz-
ten 500000 Jahren die gegenwärtig lebende Gat-
tung Mensch hervorgegangen. Wie Urmenschen
sich zu modernen Menschen gewandelt haben
und wie sie sich über die Erdteile verbreiteten,
untersucht die biologische Anthropologie (griech.
anthropos: Mensch).
Ein wichtiges Anliegen der biologischen An-
thropologie ist die Messung des Körperbaus (Schä-
delform, Größe u.Ä.) zu verschiedenen Epochen
(z.B. Steinzeit, Neuzeit) und in verschiedenen
Lebensräumen (z.B. Westafrika, Mitteleuropa).
Dabei sind zahlreiche Unterschiede in Körperbau,
Hautfarbe und anderen körperlichen Erschei-
nungen festzustellen. In verschiedenen Erdteilen
entwickeln sich genetisch unterschiedliche Popu-
lationen von Menschen, Menschenrassen (franz.
race: Stamm) - vor allem die Europiden, Mongo-
liden und Negriden.
Im Rückblick auf die Epochen der Mensch-
heitsgeschichte sucht Anthropologie anhand von
archäologischen Funden auch Lebensformen zu
erkunden (z.B. Werkzeuggebrauch, Siedlungsty-
pen). Dabei lassen sich Beziehungen herstellen.
Wenn etwa im Laufe der Stammesgeschichte
Schädelgröße und Hirnmasse zunehmen, zu-
gleich immer kunstvollere Werkzeuge hergestellt
werden, so kann man auf wachsende Intelligenz
schließen.
Verhaltensbiologie, Ethologie. Jede Tierart -
Vögel, Fische usw. - besitzt ihren eigenen Kör-
perbau und führt gemäß ihrer körperlichen Aus-
stattung eigenes Verhalten aus. Dabei passen sich
Körperbau und Verhalten der Umgebung an, in
welcher die Tierarten bevorzugt leben. Ange-
passtheit erlaubt eine wirkungsvollere Befriedi-
gung von individuellen Bedürfnissen und eine
höhere Zahl von Nachkommen. Beispiele ange-
passten, arteigenen Verhaltens sind das Schwim-
men der Fische, der Nestbau der Vögel in Wäl-
dern und das Eierlegen von Schildkröten an
Stränden. Mit der körperlichen Ausstattung ver-
erben sich auch Verhaltensmuster und -neigun-
gen. Ein Teil des Verhaltens ist also angeboren.
Angeborenes Verhalten braucht allerdings nicht
sogleich nach der Geburt aufzutreten. Wie der
Körper heranwächst, so entfaltet sich auch ange-
borenes Verhalten oft erst in späteren Lebenspha-
sen. Zum Beispiel setzen sexuelle Triebe und
Verhaltensweisen die körperliche Geschlechtsreife
voraus.
Über das angeborene Verhalten hinaus erwer-
ben Tiere und Menschen weitere Gewohnheiten
und Fertigkeiten. Freilich sind dem individuellen
Erwerb neuer Fertigkeiten durch die arteigene
Ausstattung Grenzen gesetzt. So sind die Sprün-
ge, die Menschen selbst nach eifriger Übung ge-
lingen, nur kurz; Katzen übertreffen Menschen
82 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
im Springen bei weitem. Gar mit Hilfe ihrer Ar-
me durch die Luft fliegen zu können wie Vögel
mit ihren Flügeln, ist für Menschen ein unerfüll-
barer Wunsch.
Die Bestimmung arteigenen Verhaltens und
dessen Anpassung an die Umgebung bildet ein
eigenes Forschungsgebiet. Diesem widmet sich
vorzugsweise die Verhaltensbiologie, auch Etho-
logie (griech. ethos: Lebensweise) genannt. Ihr
Schwerpunkt liegt bei den Tieren. Doch bezieht
sie auch die Gattung Mensch in ihre Untersu-
chungen ein. Dadurch ergeben sich Hinweise auf
die Einzigartigkeit des Menschen, jedoch auch
Einblicke in Gemeinsamkeiten zwischen Mensch
und Tier. Insbesondere wirft die Ethologie die
Frage auf: Gibt es Instinkte, d.h. Kombinationen
von Antrieben und Verhaltensweisen, die, aus der
Naturgeschichte herrührend, auch den modernen
Menschen bewegen - wie Hass und Kampf, Kin-
derliebe und Fürsorge. Wenn der Mensch "von
Natur aus" mit solchen Instinkten ausgestattet
wäre: Sind dann Krieg und Gewalt unabänder-
liches Menschenschicksal? Und welche Entbeh-
rung erleiden Menschen ohne Kinder?
Tierpsychologie. Vergleichende Psychologie. Die
Fragestellungen der Ethologie sind zugleich Pro-
bleme der Psychologie. Vergleiche zwischen ver-
schiedenen Tierarten, zwischen Menschen und
Tieren, zwischen Menschen aus verschiedenen
Regionen erweisen sich als psychologisch frucht-
bar. Insbesondere die Frage der Naturgeschichte
menschlicher Instinkte und menschlicher Intelli-
genz bewegt die psychologische Fachdiskussion.
Zum Weiterlesen
Biologie des Verhaltens
~ Franck, D. (1996). Verhaltensbiologie. Stuttgart:
Thieme.
Eine allgemeine Einführung in die Ethologie. Das Buch
behandelt die Vielfalt der Arten.
~ Eibl-Eibesfeldt,1. (1997). Die Biologie des mensch-
lichen Verhaltens. München: Piper.
Eine Einführung in die Humanethologie. Das Buch
behandelt speziell menschliches Verhalten.
Abbildung 3.4. Meisenjunge (parus major) aus der
Untersuchung von Lubjuhn et al. (1999). Die Tiere
leben frei in einem vom Institut für Vogelforschung
"Vogelwarte Helgoland" wissenschaftlich betreuten
Forstgebiet bei Bahrdorf in Niedersachsen. (Das Bild
hat freundlicherweise Prof. Thomas Lubjuhn, Bonn,
zur Verfügung gestellt.)
Vaterschaft - ein Problem aus der ethologischen Forschung
Meisen leben in Paaren, die gemeinsam Junge auf-
ziehen. Durch Blutproben lässt sich die Vater-
schaft feststellen. Das Ergebnis einer fünfjährigen
Studie von Lubjuhn et al. (1999): In etwa einem
Drittel der Nester befinden sich Junge eines "au-
ßerpaarigen" Erzeugers. Knapp ein Zehntel der
Jungen ist "außerpaariger" Herkunft. Die Forscher
hatten eine Hypothese: das Streben nach "guten
Genen". Das bedeutet: Die weiblichen Tiere wol-
len ihren Nachwuchs mit guten Erbanlagen aus-
statten. Deshalb wäWen sie manchmal Erzeuger,
die ihrem Dauerpartner genetisch überlegen sind.
Doch die Hypothese bewährt sich nicht. Denn die
genaue Beobachtung ergibt: Väter mit "fremden"
Jungen leben genau so lange wie Väter, die nur
eigene Jungen im Nest haben. Und Junge aus dem
Nest ihres Erzeugers leben ebenso lange wie ihre
Geschwister "außerpaariger" Herkunft.
3.3 Psychologie und Naturwissenschaften I 83
Einige Zweige der wissenschaftlichen Psychologie
schenken solchen Themen anhaltende Aufmerk-
samkeit. Eine unmittelbare Brücke zur Verhal-
tensbiologie schlägt die Tierpsychologie, die auch
den Namen "Vergleichende Psychologie" trägt.
Überschneidungen bestehen weiterhin mit der
Differentiellen Psychologie, der Psychologie indi-
vidueller Unterschiede. Wie weit sind Unter-
schiede zwischen Personen naturbedingt? Ein
Ansatz ist die Beschäftigung mit Menschenrassen.
Allerdings ist gerade in Deutschland der Begriff
der Rassenpsychologie in Verruf geraten. Sind
doch während des Nationalsozialismus einige
Vertreter der Psychologie durch eine unverant-
wortliche Rassentheorie an der Verfolgung von
Volksgruppen und der Ermordung ihrer Angehö-
rigen schuldig geworden.
3.3.2 Lehren über das Innenleben
Anatomie, Physiologie, Hirnforschung. Je nach
Standpunkt ist der Körper Werkzeug der Seele
oder Träger der seelisch genannten Funktionen
Einrichtungen zur Beobachtung von Tieren
Zoologische Forschungsinstitute besitzen in der
Regel Laboratorien oder Gehege zur Haltung
und Untersuchung von Tieren. Wissenschaft-
liche Beobachtungen werden zudem an Tieren
in zoologischen Gärten angestellt. Affen, ins-
besondere den dem Menschen in der Entwick-
lungsreihe nahe stehenden Primaten (Orang-
Utans, Gorillas, Schimpansen u.a.), gebührt aus
der Sicht der Humanpsychologie ein besonderes
Interesse. Für deren Untersuchung sind große
Forschungszentren eingerichtet worden. Ein
führendes Zentrum in den USA ist das Yerkes
Regional Primate Center der Emory University
in Atlanta, Georgia; es ist nach seinem Gründer,
dem Psychologen Robert Yerkes, benannt. Eine
vergleichbare Einrichtung in Europa ist das
Deutsche Primatenzentrum in Göttingen.
(s. Kap. 1.2.2 zum Leib-Seele-Problem). Doch wie
ist der Körper beschaffen? Welches sind seine
Funktionen?
Die Wissenschaft vom Körperbau der Lebewe-
sen nennt man Anatomie (griech. anatome: Zer-
schneiden). Ihr Name erinnert daran, dass diese
Disziplin ursprünglich ihre Kenntnisse durch
Aufschneiden des toten Körpers gewonnen hat.
Schon mit bloßem Auge lässt sich die Gliederung
des Körpers in Organe, Gefäße u.Ä. erkennen
sowie der Aufbau einzelner Organe (z.B. die
Kammern und Klappen des Herzens). Mit Hilfe
mikroskopischer und biochemischer Methoden
ist die Anatomie inzwischen zur Untersuchung
der Struktur von Geweben, ja sogar von Körper-
zellen fortgeschritten.
Die Wissenschaft von der Arbeitsweise des
Körpers nennt man Physiologie (griech. physis:
Natur). Die Physiologie betrachtet die Arbeit der
Organe in ihrer natürlichen Umgebung - z.B.
die Atmung und das Zusammenspiel von Herz
und Lunge bei der Sauerstoffversorgung der
Muskeln.
Durch ihre Intelligenz und durch ihr Sozialver-
halten sind neben den Primaten auch andere
Tierarten aufgefallen. Dazu gehören Delfine. Sie
sind im Freien zu beobachten, können aber auch
zu Forschungszwecken in künstlichen Becken
gehalten werden, wie dies im Dolphin Institute
an der University ofHawaii in Honolulu ge-
schieht.
Das Yerkes Regional Primate Center, das Deut-
sche Primatenzentrum sowie das Dolphin Insti-
tute in Hawai stellen sich im Internet unter fol-
genden Adressen dar:
~ http://www.emory.edu/WHSC/YERKES
~ http://www.dpz.gwdg.de
~ http://www.dolphin-institute.com
84 I 3 SeelenJehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
Je höher Lebewesen entwickelt sind, desto deutli-
cher sind ihre End- und Steuerungsfunktionen
getrennt. Als Endfunktionen werden hier die
letztlich wirksamen Leistungen bezeichnet (z.B.
der Vollzug von Bewegungen, der Blutdruck als
Folge des Herzschlags). Alle diese Endfunktionen
werden über ein verzweigtes Nervensystem ge-
steuert. Dieses vereinigt sich zu einem zentralen
Schalt- und Steuerungsorgan, dem Gehirn.
Bei den Wirbeltieren, insbesondere beim Men-
schen weist das Gehirn eine große Differenzie-
rung und Leistungsfähigkeit auf. Über ein Sinnes-
system (sensorisches Nervensystem) vermag es
einerseits Zustände der Umgebung (z.B. Hellig-
keit, Schall, Außentemperatur) abzubilden, ande-
rerseits Zustände im Körper selbst (z.B. Druck,
Schmerz, Hunger, Müdigkeit). Über ein Bewe-
gungssystem (motorisches Nervensystem) steuert
es die Muskeltätigkeit und koordiniert dabei auch
komplexe, zielgerichtete Handlungen (z.B. Ab-
fahrtslauf auf Skiern). Ein weiterer Teil des Ner-
vensystems (vegetatives Nervensystem) reguliert
die Funktionen der Lebenserhaltung (wie At-
mung' Verdauung, Wärmehaushalt). Doch auch
vegetative Funktionen werden vom Gehirn aus
reguliert. Dem Gehirn in seiner überragenden
Bedeutung widmet sich ein eigener Forschungs-
zweig, die Hirnforschung.
Biochemie, Endokrinologie. Feiner, als das bloße
Auge dies zu erkennen vermag, ist der Aufbau
von Muskeln, Nerven, Drüsen und anderen Kör-
perorganen. Unter dem Elektronenmikroskop,
das sie in bis zu dreihunderttausendfacher Ver-
größerung wiedergibt, entdeckt man ihre Zu-
sammensetzung aus Zellen, Fasern und Bläschen,
begrenzende Membranen und verbindende Endi-
gungen. Chemische Analysen zeigen: In kleintei-
ligen Funktionseinheiten des Körpers ereignet
sich ein Austausch chemischer Substanzen. So
kommt es einerseits zur Aktivierung von Funkti-
onen, andererseits zu deren Hemmung. Wer dies
als Grundlage von Erkennen und Verhalten be-
trachtet, wird die Erzeugung und Ausschüttung
chemischer Substanzen vor allem in zwei Körper-
systemen verfolgen: im Nervensystem und im
endokrinen System.
Das Nervensystem besteht aus Bündeln von
Nervenfasern. Oft sind mehrere Nerven hinter-
einander geschaltet. Manchmal enden Nerven an
Muskeln oder Drüsen. Die Verbindung zwischen
einem Nerv und der ihm nachgeschalteten Ein-
heit nennt man Synapse. Über Synapsen wird
Erregung übertragen; eine Hemmung an der
Synapse ist ebenfalls möglich. Erregungsübertra-
gung wie Hemmung geschieht durch Freisetzung
von Substanzen wie Adrenalin und Noradrenalin,
die in den Nervenendungen vor den Synapsen
gelagert sind. Die Vorgänge an der Synapse ereig-
nen sich mit vergleichsweise hoher Geschwindig-
keit - jeweils in wenigen Millisekunden.
Bedeutend langsamer vollziehen sich die Ver-
änderungen im endokrinen System. Sie erstre-
cken sich oft über mehrere Minuten, ja Stunden
und Tage. Die Wirkstoffe im endokrinen System,
die Hormone (griech. horman: drängen), werden
in eigenen Produktionsstätten wie der Schilddrü-
se, den Hoden oder der Nebennierenrinde er-
zeugt und über die Blutbahn oder andere Körper-
flüssigkeiten zu den Endorganen gebracht. Dort
regen die Hormone nicht nur Wachstum an,
sondern steigern auch die Erregbarkeit; dies führt
zu Erscheinungen wie Euphorie, Aggressivität
und Sexualität.
Die chemische Betrachtung des tierischen (und
menschlichen) Körpers wird als Biochemie be-
zeichnet. Als Teilgebiet der Biochemie hat sich
die Analyse des Hormonhaushalts, seiner Aus-
wirkungen und seiner Störungen, verselbständigt.
Dieses Spezialgebiet trägt den Namen Endokrino-
logie.
Genetik. Genetik (griech. genesis: Entstehung,
genos: Gattung) ist die Lehre von der Vererbung,
der Übertragung von Merkmalen und Fähigkei-
ten über Generationen. Die Genetik hat zunächst
von äußeren Eigenschaften, Phänotypen (griech.
phainomenon: Erscheinung) genannt, auf die
3.3 Psychologie und Naturwissenschaften I 85
ihnen zugrunde liegenden Erbanlagen, Genoty-
pen genannt, geschlossen. So ließen sich sowohl
die Erblichkeit als auch der Erbgang von körper-
lichen Merkmalen wie Haarfarbe, Handform und
Blutgruppe nachweisen. Inzwischen ist es gelun-
gen, die Gene, d.h. die Träger der Erbanlagen
sichtbar zu machen. Es sind Moleküle, die inner-
halb der Körperzellen in eigenen Trägern, Chro-
mosomen genannt, angeordnet sind. Der Aufbau
der Moleküle stellt einen Plan dar, nach welchem
das zugehörige Individuum gestaltet ist. Anders
ausgedrückt: In den Körperzellen ist die gesamte
Erbinformation verzeichnet; sie enthalten den
genetischen Code.
Das menschliche Erbgut ist inzwischen weitge-
hend entschlüsselt. Das ist das Ergebnis eines
internationalen Projekts, des "Human Genome
Project". (Die Organisation und die Ergebnisse
des 2003 abgeschlossenen "Human Genome
Project" ist ersichtlich 1m Internet unter
www.ornl.gov/sci/technresources/Human_Geno
me/home.shtml.) Dieser Aufsehen erregende Er-
folg hat zwei weitere Fortschritte angebahnt:
Einerseits die Gendiagnostik, andererseits Eingrif-
fe in das Genom.
Biologische Psychologie, Neuropsychologie, Psy·
choendokrinologie. In der Psychologie werden
die Fortschritte der Anatomie, Physiologie und
Biochemie mit Bewunderung und Interesse ver-
folgt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das
Nervensystem - insbesondere das nervöse Zent-
ralorgan, das Gehirn. Immer größer wird inner-
halb der Psychologie die Zahl der Arbeitsgrup-
pen, die sich an der physiologischen und bio-
chemischen Forschung beteiligen, insbesondere
an der Hirnforschung. So hat sich eine Richtung
gebildet, für welche die Bezeichnungen "Biologi-
sche Psychologie" und "Neuropsychologie" am
gebräuchlichsten sind. Psychologische Forschun-
gen mit biochemischem Schwerpunkt - vor allem
den Hormonhaushalt betreffend - werden spe-
ziell unter der Bezeichnung "Psychoendokrinolo-
gie" zusammengefasst (s. Kap. 4.6).
Stellte Biologische Psychologie zunächst eine
Spezialisierung innerhalb der Psychologie dar, so
könnte sie sich nunmehr auf dem Wege zu einem
eigenständigen, die psychologischen Spezialgebie-
te übergreifenden Ansatz befinden. Das belegt
eine im Jahre 2000 einsetzende Debatte in der
auflagenstärksten deutschsprachigen Fachzeit-
schrift "Psychologische Rundschau". Die Debatte
eröffneten Jan Born, Onur Güntürkin und Rainer
Schwarting mit einem Artikel, der den Titel trug:
"Biologische Psychologie - Fach in der Psycholo-
gie?" Zwei Antworten stellten die Autoren zur
Wahl: Ja - Biologische Psychologie ist zu einem
führenden Fach der Psychologie herangewachsen.
Dann müsse das Fach aber innerhalb der Psycho-
logie mit reichlicheren Mitteln gefördert werden.
Falls dies nicht geschehe, werde die Antwort bald
lauten: Nein - Biologische Psychologie ist kein
Medizin oder Biologie?
Anatomie und Physiologie, Biochemie und En-
dokrinologie gehören zum traditionellen Be-
stand der Medizin; sie werden an medizinischen
Forschungseinrichtungen betrieben und sind
Gegenstand der Medizinerausbildung. Dabei
verfolgt Medizin letztlich das Ziel, die Entste-
hung von Krankheiten zu erkunden und Wege
zu ihrer Vorbeugung und Heilung zu finden.
Die genannten Fächer sind allerdings auch
in Lehre und Forschung der Biologie vertreten.
Verglichen mit der Medizin dürfte in der Bio-
logie der Untersuchung von Tieren und Pflan-
zen ein höheres Gewicht zukommen als die
Untersuchung von Menschen. Aber da zahlrei-
che elementare Lebensprozesse bei Menschen
und Tieren recht ähnlich sind und zu ihrer
Untersuchung die gleichen Methoden ange-
wandt werden, gibt es keine Unterschiede in
den einschlägigen Theorien der Mediziner und
Biologen. Die Verdoppelung der Forschung
ergibt sich lediglich aus den unterschiedlichen
Berufsbildern von Medizinern und Biologen.
86 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
Fach der Psychologie mehr. Sie ist abgewandert in
die Familie anderer neurowissenschaftlicher Dis-
ziplinen; dort ist sie gar nicht mehr als Teil der
Psychologie ausgewiesen.
Die Debatte ließ keinen Zweifel an den metho-
dischen Fortschritten der Biologischen Psycholo-
gie, ihrem starken internationalen Wachstum
sowie an ihrer Förderwürdigkeit. Doch erhebliche
Bedenken wurden geäußert gegen zwei ihrer Ten-
denzen. Das eine ist die Tendenz, psychische
Vorgänge stets auf nervöse Prozesse zu reduzie-
ren. Denken und Gedächtnis, Emotion und Mo-
tivation, das Erlebnis des Selbst und der Aufbau
der Persönlichkeit - sie können Phänomene eige-
ner Art sein und nicht bloß Funktionen der Ner-
ventätigkeit. Jedenfalls reichten die bisherigen
Befunde der Hirnforschung für eine so weit rei-
chende Annahme nicht aus. Damit ist auch der
zweiten Tendenz der Biologischen Psychologie
entgegen zu treten, Psychologie in allen ihren
Teilen der Neurowissenschaft zuzuführen - also
etwa ein Gebiet wie die Entwicklungspsychologie
nur noch neurowissenschaftlich zu betreiben.
Andere Zugänge seien ebenfalls wissenschaftlich
fruchtbar.
Zusammenfassung
(1) Natur nennt man den von Menschen unbe-
einflusst gebliebenen Teil der Welt. Die leb-
lose und lebende Natur ist Gegenstand der
Naturwissenschaften. Naturwissenschaftlich
orientierte Psychologie untersucht (meist an
Individuen) grundlegende Funktionen (wie
Sinnesempfindungen), die im sozialen Leben
vergleichsweise wenig überformt wurden.
(2) Wichtige Partner der Psychologie unter den
Naturwissenschaften sind: (Biologische)
Anthropologie, Zoologie, Ethologie (Verhal-
tensbiologie), Anatomie, Physiologie, Hirn-
forschung, Biochemie, Endokrinologie, Gene-
tik. Zoologie befasst sich insbesondere mit
Genetische Psychologie. Dass körperliche Merk-
male über Erbanlagen von Eltern an Kinder
weitergegeben werden, dass dabei auch Behinde-
rungen und Krankheiten von Vorfahren auf
Nachkommen übergehen, ist ein naturbedingtes
Schicksal. Doch wie steht es mit psychischen
Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltenswei-
sen? Einige von diesen scheinen ebenfalls gene-
tisch geprägt zu sein: Intelligenz und Musikalität,
Erregbarkeit und Stimmung, Sprachbegabung
und Raumorientierung. Jedenfalls hat die Erbfor-
schung Belege hierfür geliefert. Der Untersu-
chung genetischer Faktoren in Persönlichkeit und
Verhalten widmet sich eine weitere spezialisierte
Richtung. Früher nannte man sie Erbpsychologie.
In den letzten Jahren ist dieser Name aus der
Fachsprache weitgehend verschwunden. Man
benutzt heute an seiner Stelle die Bezeichnungen
Genetische Psychologie und Verhaltensgenetik
(mehr dazu in Kap. 4.6.2).
Die Genetische Psychologie war vielfach dem
Verdacht der Ideologie ausgesetzt. Vor allem
wurde gemutmaßt, sie vernachlässige förderliche
und hemmende Einflüsse aus der Umgebung,
insbesondere die Wirkungen der Erziehung. Der
Gattungen von Lebewesen, Ethologie mit
dem arteigenen Verhalten, Anatomie mit
dem Aufbau des Körpers und seinen Orga-
nen, Physiologie mit deren Arbeit. Endo-
krinologie, ein Gebiet der Biochemie, be-
schäftigt sich mit dem Hormonsystem.
(3) Zweige der Psychologie, welche ausdrück-
lich Brücken zu den Naturwissenschaften
schlagen, sind: Tierpsychologie (Verglei-
chende Psychologie), Biologische Psycho-
logie, Psychoendokrinologie, Genetische
Psychologie (Verhaltensgenetik) . Eng ver-
flochten sind Neuropsychologie und Hirn-
forschung.
3.3 Psychologie und Naturwissenschaften I 87

Widerstand steigerte sich zeitweise zur Polemik:
Die Theorie einer genetischen Determination
psychischer Eigenschaften stehe im Dienst einer
politischen Ideologie. Diese wolle gesellschaftlich
bedingte Abhängigkeitsverhältnisse und Unge-
rechtigkeiten als naturbedingte Normalzustände
rechtfertigen. Vor allem verstärkten sie Vorurteile
gegenüber ethnischen Gruppen (indem sie etwa
Schwarzhäutigen eine geringere intellektuelle Be-
gabung zuerkannten) sowie Benachteiligungen
von Frauen (etwa mit der Behauptung, Frauen
seien aufgrund ihrer Erbausstattung emotional
labiler als Männer). Ein besonderer Streitpunkt
wurde die Herkunft der Intelligenz: Hängt sie
wirklich mehr von der Begabung der Vorfahren
ab oder von einer guten Erziehung? Sind Theo-
rien der genetischen Bestimmung der Intelligenz
nicht sozial schädlich, weil sie zum Verzicht auf
öffentliche Schulprogramme für Benachteiligte
führen?
3.4 Psychologie und die Kultur-
wissenschaften
3.4.1 Philosophie - Wiege der Psychologie
Anthropologie, Ethik. Philosophie (griech. phil-
ein, sophia: lieben, Wissen) war ursprünglich eine
Bezeichnung für Wissenschaft schlechthin. Und
es konnte nicht ausbleiben, dass der Mensch als
Betreiber von Wissenschaft selbst zu ihrem Ge-
genstand wurde. So entstand ein Gebiet, das aus-
drücklich als Menschenkunde, Anthropologie
(griech. anthropos: Mensch) bezeichnet wurde.
Zur Anthropologie gehörten Fragen nach der
Herkunft des Menschen und dem Sinn seines
Lebens. Was ist der Mensch eigentlich? Was ist
seine Stellung in der Welt? Und wofür lebt er?
Zur Freude an seinem Leben? Zur Erfüllung sei-
ner Pflichten? Anthropologie entwickelte sich
demnach in zwei Richtungen:
~ Beschreibung des menschlichen Wesens in
allen seinen Erscheinungen,
~ Ethik (griech. ethikos: sittlich), d.h. Lehre vom
richtigen Leben, guten Sitten.
Die Beschreibung des Menschen umfasst seinen
Leib und körperliche Leistungen, weiterhin das
Bewusstsein einschließlich des Willens (z.B. Sin-
nesempfindungen, Wahlentscheidungen). Auch
die Verschiedenheit der Menschen schildert die
Philosophische Anthropologie - Besonderheiten
der Geschlechter, der Persönlichkeiten, der Ras-
sen, der Lebensalter. Gerade die Betrachtung
dieser Probleme hat sich jedoch spezialisiert.
Anatomie und Physiologie haben mit neuen,
leistungsfähigen Methoden die Untersuchung des
Körpers übernommen, die Psychologie die Un-
tersuchung von Bewusstsein und Willen. Eben-
falls zur Domäne der Psychologie geworden sind
die individuellen Unterschiede. Die Biologische
Anthropologie (vgl. dazu Kap. 3.2.1) konzentriert
sich auf die körperlichen Unterschiede von Men-
schen in verschiedenen Regionen. Die beschrei-
bende Anthropologie hat sich in neuen, speziali-
sierten Disziplinen verselbständigt. Der Philo-
sophie selbst sind nur die Grundsatzfragen der
menschlichen Existenz geblieben.
Anders steht es mit der Ethik. Sie ist eine Säule
der Philosophie geblieben. Die Umwälzungen der
Naturwissenschaften und der Technik haben ihr
sogar völlig neuartige Probleme von höchster
Bedeutung bereitet. Es geht nicht mehr nur um
Freundschaft und Liebe, Reden und Schweigen
und ähnliche Fragen zur rechten Gestaltung des
bürgerlichen Lebens. Es geht um Fragen, die sich
als existentiell für das Überleben und die Würde
der Menschheit erweisen könnten - die Erhaltung
der Natur, die Verantwortung für kommende
Generationen, die Zulässigkeit von Eingriffen in
das Erbgut. Und über allen praktischen Fragen
steht die Suche nach den theoretischen und me-
thodischen Grundlagen der Ethik: Was ist eigent-
lich das Gute? Und wie kann man Gutes erken-
nen?
Bleibt hinzuzufügen: Die moderne Anthropo-
logie hat sich zunehmend darauf verständigt, den
88 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
Menschen als Kulturwesen zu behandeln. Was
der Mensch ist und wie er sich verhalten sollte, ist
demnach zu erklären aus seiner Geschichte, aus
seinen regionalen Lebensbedingungen, seinen
gesellschaftlichen Wertvorstellungen, Einrichtun-
gen und Gebräuchen. Für diesen Ansatz steht der
Begriff der Kulturanthropologie.
Zum Weiterlesen
Anthropologie, Ethik, Erkenntnistheorie
~ Gehlen, A. (1997). Der Mensch. Seine Natur und
seine Stellung in der Welt. Heide1berg: Quelle &
Meyer.
~ Jonas, H. (1989). Das Prinzip Verantwortung. Ver-
such einer Ethik für die technologische Zivilisation.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Zwei klassisch zu nennende Werke moderner Autoren.
~ Chalmers, A.F. (2001). Wege der Wissenschaft.
Berlin: Springer.
Eine erkenntnistheoretische Schrift. Ihr Untertitel
lautet: Eine Einführung in die Lehre von der wissen-
schaftlichen Erkenntnis.
Logik, Erkenntnistheorie. Was ist Wahrheit? Und
wie gelangt man zur Wahrheit? Dies sind zwei
Grundfragen der Wissenschaft. Man ordnet ihre
Behandlung vorzugsweise der Philosophie zu.
Unter den Begriff der Logik (griech. logike tech-
ne: Kunst des Denkens) fallen Regeln zur Be-
griffs- und Urteilsbildung. Zentrales Problem der
Begriffsbildung ist die Bestimmung von Klassen -
und ihre Aufgliederung in Unterklassen. Urteils-
bildung umfasst verschiedene Arten des Schluss-
folgerns, d.h. des Ableitens eines Schlusses, d.h.
einer begründeten neuen Aussage, aus Prämissen,
d.h. vorgegebenen Aussagen (z.B. Prämisse 1: Der
Mörder fuhr einen BMW. Prämisse 2: Stefan S.
fährt einen BMW. Die Schlussfolgerung daraus:
Stefan könnte der Mörder sein).
Unter dem Begriff der Erkenntnistheorie be-
handelt man die Gewinnung und Rechtfertigung
von Aussagen. Ein zentrales Problem der Er-
kenntnistheorie ist das Verhältnis von Erfahrung
und Denken (s. Kap. 3.1.2 zur Transzendental-
philosophie). Kann man nur denken, was man
vorher mit seinen Sinnen erfahren hat? Oder
übersteigt Denken in seinen fortgeschrittenen
Formen die sinnliche Erfahrung? Wie kann man
durch Beobachtung theoretische Aussagen falsifi-
zieren, d.h. sie aus der Menge vertretbarer Aussa-
gen ausscheiden? Ist es überhaupt möglich, Theo-
rien durch Beobachtung zu verifizieren, d.h. als
richtig zu bestätigen? Angewandt auf Wissen-
schaften wird die Erkenntnistheorie auch als Wis-
senschaftstheorie bezeichnet.
Zur Logik und Erkenntnistheorie hat die Psy-
chologie eine doppelte Beziehung. Zum einen
untersucht sie die Wahrnehmungs- und Denk-
leistungen der Menschen; dabei kann sie Wahr-
nehmungsprozesse, Begriffs- und Urteilsbildung,
wie sie unmittelbar zu beobachten sind, mit An-
nahmen der allgemeinen Erkenntnistheorie ver-
gleichen. Zum anderen unterzieht Psychologie
ihre Untersuchungsmethoden und ihre Theo-
rienbildung einer beständigen Prüfung; dabei
wendet sie die allgemeine Wissenschaftstheorie
auf sich selbst an.
3.4.2 Philologisch-historische Wissen-
schaften - Kern der Geisteswissen-
schaften
Sprachwissenschaft. Sprachwissenschaft beschäf-
tigt sich einerseits mit den Bestandteilen von
Sprachen: Phoneme (Lauteinheiten), Morpheme
(kleinste Sinneinheiten wie Wortstämme und
-endungen), Wörter, Sätze und Texte. Anderer-
seits ermittelt sie die Regeln, nach denen Bestand-
teile zusammengesetzt werden: Laute zu Worten,
Worte zu Sätzen, Sätze zu Geschichten. Zusam-
mensetzregeln bezeichnet man als Grammatik
oder als Syntax (entsprechend: Satzgrammatik,
Geschichtengrammatik u.Ä.). Dabei gliedert sich
die Sprachwissenschaft in zwei Richtungen:
~ die Philologien,
~ die Allgemeine Sprachwissenschaft oder Lin-
guistik (lat.lingua: Sprache).
3.4 Psychologie und die Kulturwissenschaften I 89
II.
DIE SÄKULARISIERUNG DES ANDENKENS -
MEMOR1A, FAMA, HISTORIA
1. Gedächtniskunst und Totenmemoria
Das kulturelle Gedächtnis hat seinen anthropologischen Kern im To-
tengedächtnis. Damit ist die Verpflichtung der Angehörigen gemeint, die
Namen ihrer Toten im Gedächtnis zu behalten und gegebenenfalls der
Nachwelt zu überliefern. Das Totengedächtnis hat eine religiöse und ei-
ne weltliche Dimension, die sich als <Pietas} und (Fama) einander ge-
genüberstellen lassen. Pietät meint die Pflicht der Nachkommen, das eh-
rende Andenken der Verstorbenen aufrechtzuerhalten. Pietät können
immer nur die anderen, die Lebenden flir die Toten aufbringen. Für Fa-
ma, d. h. flir ein ruhmreiches Andenken, kann dagegen jeder zu einem
gewissen Grade selber zu Lebzeiten Vorsorge treffen. Fama ist eine sä-
kulare Form der Selbstverewigung, die viel mit Selbstinszenierung zu
tun hat. Das Christentum des Mittelalters hat mit seiner Sorge um das
Seelenheil imJüngsten Gericht die antike Sorge um ruhmreiches An-
denken in der Nachwelt weitgehend überdeckt.
Das Gedächtnis ist der Tummelplatz der Erfahrungen. Die
Spuren der Ereignisse, die das Gedächtnis prägten, bleiben
lebendig - sie wirken, weben und leben unbedacht und wir-
ken auf den Geist zurück. Die Intensität der Erfahrungen
und die Sorge, alle Erfahrungen ertragen zu müssen, ohne zu
wissen, wie das geschehen soll, macht die Not des Gedächt-
nisses aus. Dieser Ökonomiezwang des Gedächtnisses pro-
voziert die semantischen Kämpfe der Erinnerungen. Des-
halb zeigen sich Blockaden, Neurosen, Psychosen, die die
semantischen Machtbereiche imBegriffskampf signalisieren.
Ziel dieses Kampfes ist es, die Gewalt der Erfahrung erträg-
lich zu machen, die Gedächtnisinhalte zu domestizieren, Wo
das gelingt, sind Begriffe und Erinnerungen verfügbar, wo
nicht, entsteht, bleibt die Not des Erinnerns.
Abbildung 3.5. Gedächtnis und Erinnern gehören zu den zentralen Problemen der Anthropologie. Die moderne Psy-
chologie hat aus ihrer Untersuchung eines ihrer fruchtbarsten Forschungsgebiete gemacht. Doch ist die Psychologie
nicht die einzige Disziplin, welche dieses Thema aufgegriffen hat. Alle Kulturwissenschaften nehmen Anteil daran. Der
links wiedergegebene Text über das Gedächtnis stammt von dem Philosophen Schmidt- Biggemann (1992, S. 16 f,
Faksimile). Der Autor hat ihn aufgeschrieben als "philosophischen Reisebericht", als Mitteilung der "Erfahrungen des
flanierenden Geistes in philosophischen Sinnlandschaften" (Schmidt-Biggemann, 1992, S. 9). Den rechts wiedergegebe-
nen Text hat die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann (1999, S. 33, Faksimile) verfasst. Er ist Teil ihrer Abhand-
lung über Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, in welchem sie "Erinnerungsräume" behandelt-
Archive und Medien, Denkmäler und Gedenkorte
Philologien lehren die Besonderheiten von
Sprachsystemen unterschiedlicher Herkunft und
verschiedenen Alters - z.B. Germanistik die ger-
manischen Sprachen (Deutsch, Niederländisch
u.Ä.), Romanistik die romanischen Sprachen
(Französisch, Italienisch u.Ä.), Sinologie das Chi-
nesische, Latinistik das antike Latein. Zugleich
befassen sie sich mit dem Sprachwandel, d.h. der
Änderung von Wortbedeutungen und syntakti-
schen Regeln über längere Zeiten.
Die Allgemeine Sprachwissenschaft oder Lin-
guistik sucht nach Theorien, welche einzelne
Sprachsysteme sowie einzelne Epochen übergrei-
fen; sie behandelt die Struktur der (gesproche-
nen) Sprache überhaupt. So schafft sie Grundla-
gen für die oben getroffenen Unterscheidungen
von sprachlichen Einheiten und gibt Antworten
auf Fragen wie: Was ist ein Morphem? Was ist ein
Satz? Weiterhin bestimmt sie die Regelungen der
Syntax bzw. Grammatik - z.B. die Deklination
von Wörtern nach ihrer Rolle im Satz (1. Fall
oder Nominativ für die Rolle des Handelnden,
2. Fall oder Genitiv für die Rolle des Besitzenden
usw.). Die Sprachwissenschaft hat sich über ver-
schiedene Zweige ausgedehnt. So untersucht der
Zweig der Pragmalinguistik (griech. pragma:
Handlung) die Beziehung der Sprache zur
Sprechsituation bzw. den Absichten des Spre-
chers. Sprachliche Äußerungen werden dann als
(Sprech)handlungen gedeutet, mit denen ein
Sprecher seine Ziele erreichen will: als Bitte, die
ein Entgegenkommen des Partners anstrebt, als
Versprechen, das ein Entgegenkommen des Spre-
chers zusichert, u.Ä.
Sprachpsychologie. Sprache ist auch für die Psy-
chologie ein maßgebliches, unverzichtbares und
unerschöpfliches Thema. Mindestens vier Grün-
de für die psychologische Bedeutsamkeit der
Sprachanalyse sind zu nennen. Erstens, stellen
sich Inhalte des Bewusstseins bevorzugt IJ1
sprachlicher Form dar. Phantasievorstellungen,
Gefühle u.Ä. lässt sich der Untersucher am ein-
90 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
fachsten von dem Betroffenen berichten. Zwei-
tens sind geistige Leistungen oft unmittelbar an-
hand von Aussagen zu überprüfen - z.B. das Er-
kennen von Bildern durch deren Benennung, das
Erinnern von Ereignissen durch deren Beschrei-
bung. Drittens erfolgt ein Großteil der zwischen-
menschlichen Kommunikation mit Hilfe der
Sprache - in Dialogen, Briefen, Gebrauchsanwei-
sungen u.Ä. Und viertens, ist das Verstehen von
Sprache (beim Hören oder Lesen) sowie das Er-
zeugen von Sprache (durch Sprechen oder Schrei-
ben) selbst ein psychischer Vorgang, der übrigens
zahlreiche grundlegende Prozesse einschließt:
Wahrnehmung, Schlussfolgerung, Begriffsbildung,
Gedächtnis, Bewegung und Handlung.
Vor allem der zuletzt aufgeführte Grund hat zu
der Einrichtung eines eigenen, speziell der Spra-
che zugewandten Bereichs der Psychologie ge-
führt, der Psycholinguistik. Die Psycholinguistik
steht der Allgemeinen Sprachtheorie, der Linguis-
tik, näher als den auf regionale Sprachen kon-
zentrierten Philologien. Insofern kann die Psy-
cholinguistik mit dem Sprachreichtum der Philo-
logen nicht mithalten. Jedoch hat sie ausgefeilte,
die Einzelsprachen übergreifende Theorien zur
Sprachproduktion und zum Sprachverständnis
vorgelegt.
Geschichtswissenschaft. Die Geschichtsbetrach-
tung wendet die Aufmerksamkeit von der Gegen-
wart auf vergangene Epochen - bis hin zu Mittel-
alter, Altertum, Vor- und Frühgeschichte. Bei der
Rekonstruktion der Vergangenheit stützt sie sich
auf Dokumente und andere Artefakte wie Statuen
und Münzen. Sie ermittelt gesellschaftliche, wirt-
schaftliche, religiöse u.a. Strukturen (z.B. Herr-
schaftsformen und Besitzverhältnisse, Verbrei-
tung religiöser Bekenntnisse) sowie deren Wandel
im Laufe der Zeit. Ein vorherrschendes Thema ist
die Biographie von Persönlichkeiten - ihre Her-
kunft und Bildung, ihr Schicksal, ihre Leistungen,
ihre Untaten. Doch oft ist es auch die Geschichte
von Gemeinschaften, etwa Familien und Völkern,
die rekonstruiert wird.
Politik - nicht zuletzt Auseinandersetzungen
zwischen Bürgern, Machtkämpfe, Kriege zwi-
schen Völkern - nimmt in der Geschichtswissen-
schaft einen breiten Raum ein. Doch historische
Lehren behandeln auch Kunst und Religion, All-
tags- und Festtagsbräuche, Wirtschaft, Technik
und Verkehr. Wenn Historiker Biographien oder
den Wandel sozialer Verhältnisse deuten, kann
man sie als kundige Psychologen bewundern. Wie
Psychologen erörtern sie Geist und Verhalten der
Menschen. Sie stellen Motive für Handlungen
fest, Fähigkeiten, Einstellungen, Irrtümer (z.B.
Machthunger, militärische Begabung, Glauben an
die eigene Überlegenheit, Fehleinschätzungen der
Gegner). Sie erklären die Einflüsse von Zuständen
und Ereignissen auf das Leben der Menschen
(z.B. Kinderreichtum aufgrund protestanti-
scher Familienmoral, Aufstände nach Unterdrü-
ckung).
Geschichtspsychologie. Innerhalb der Psycholo-
gie hat es Anregungen gegeben, einen eigenen
Zweig der Geschichtspsychologie zur Deutung
der Vergangenheit zu begründen. Tatsächlich
geschieht es selten, dass Fachpsychologen sich
rückblickend zu Personen und Ereignissen der
Geschichte äußern. Mitunter vermisst man gera-
dezu in aktuellen historischen Diskussionen (z.B.
über Nationalsozialisten und ihre Gewalttaten,
die Vergleichbarkeit von Bolschewismus und
Nationalsozialismus) die Stimme von Fachpsy-
chologen. Dabei gibt es ein Anwendungsfeld, in
welchem Psychologen regelmäßig die Retrospek-
tive pflegen: die Kognitive Psychotherapie (s.
Kap. 7.4.2). Zur gründlichen Untersuchung eines
Klienten mit psychischen Beschwerden gehört
eine sog. Anamnese, d.h. eine Rückschau auf sein
Leben. Die Anamnese soll die Entstehung der
Beschwerden aufdecken; einige therapeutische
Richtungen versprechen sich bereits von der be-
wussten Rekonstruktion der Entstehung psychi-
scher Leiden deren Heilung. So bleibt es nicht
aus, dass manchmal auch von der Geschichtsfor-
schung therapeutische Effekte erwartet werden;
3.4 Psychologie und die Kulturwissenschaften I 91
Abbildung 3.6.
Odo Marquard
Odo Marquard, geboren
1928, ist Professor für Phi-
10sophie an der Universität
Gießen
'1
Geisteswissenschaften - Auslaufmodell oder unverzichtbar?
Gehärt die Zukunft allein den Naturwissenschaften? Werden die Naturwissenschaften die Geistes-
wissenschaften auf Dauer verdrängen? Der Philosophieprofessor Odo Marquard ist zuversichtlich:
Ohne Geisteswissenschaften geht es nicht. Diese Einschätzung hat er in einem Vortrag vor der West-
deutschen Rektorenkonferenz (1985, S. 47f.) begründet:
Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften. ... Das
Vorurteil, das ich ... dementieren mächte, ... lautet folgendermaßen: die Geisteswissenschaften wer-
den durch die Modernisierung unserer Welt zunehmend obsolet; denn zur modernen Welt gehärt die
Geburt und Expansion der harten - der experimentierenden - Wissenschaften (also maßgeblich der
Naturwissenschaften, aber auch der messenden Humanwissenschaften) ., .. Dieses Vorurteil lebt von
folgender historischer Annahme: erst waren - als die alten Wissenschaften - die Geisteswissenschaften
da; dann kamen - als die neuen Wissenschaften - die experimentellen Wissenschaften. Aber diese . ..
Annahme ist falsch. ... Es verhält sich nämlich genau umgekehrt: erst waren die experimentellen Na-
turwissenschaften da; dann kamen die Geisteswissenschaften. Die Geisteswissenschaften sind jünger
als die Naturwissenschaften.
. .. die durchschnittliche Etablierungsverzugszeit der Geisteswissenschaften
gegenüber den experimentellen Naturwissenschaften ... beträgt ... ungefähr ...
100 Jahre. Symptomatisch dafür ist schon der Zeitabstand der beiden philoso-
phischen Programmschriften, jener, die aufdie Naturwissenschaften hinauswill,
und jener, die auf die Geisteswissenschaften hinauswill: Descartes' "Discours
de la methode" erscheint 1637, Vicos "Scienza Nuova" erscheint 1725.... In
symptomatisch ähnlichem Abstand tauchen die Namen beider Wissenschafts-
gruppen auf der Terminus "Naturwissenschaften" wird ab 1703 gebräuchlich,
der Terminus "Geisteswissenschaften" ab 1847 .... Der entscheidende Durch-
bruch der Naturwissenschaften (zunächst der Physik und Chemie) zur Exakt-
heit - man denke an Galilei, Torricelli, Boyle, Newton, Lavoisier, usf - war
das 17. und 18. Jahrhundert; der entscheidende Durchbruch der Geisteswissen-
schaften (der "betrachtenden" ... also zunächst der Altertumskunde, dann der
Geschichte, der Sprach-, Literatur- und Kunstwissenschaften) zu ihrem eigenen
Weg- man denke an Winckelmann, ... Herder, Grimm, Bopp, Niebuhr,
Ranke ... - war das 18. und 19. Jahrhundert. ...
Was ... bedeutet das? Doch wohl dieses: wenn die Geisteswissenschaften "nach" den experimentel-
len Wissenschaften entstehen, kann es nicht stimmen, dass sie durch die experimentellen Wissen-
schaften überflüssig werden. ... Die Genesis der experimentellen Wissenschaften ist nicht die Todes-
ursache, sondern die Geburtsursache der Geisteswissenschaften. ... experimentelle Wissenschaften
müssen die geschichtlichen Herkunftswelten ihrer Wissenschaftler neutralisieren. ... Das aber halten
die Menschen nicht in beliebigem Umfang aus: darum kompensieren sie die Neutralisierung ihrer
geschichtlichen Herkunftswelten durch die Rettung ihrer Präsenz die - durch die experimen-
tellen Wissenschaften vorangetriebene - Modernisierung verursacht lebensweltliche Verluste, zu
deren Kompensation die Geisteswissenschaften beitragen. ...
Wer überprüjbar experimentieren will, muß die Experimentierer austauschbar machen. Die Ex-
perimentierer aber sind Menschen, und Menschen sind eben nicht einfachhin austauschbar: ... weil
92 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
die Menschen primär tatsächlich verschieden sind, nämlich - noch vor aller Individualität- funda-
mental mindestens dadurch, daß sie in verschiedenen Traditionen sprachlicher, religiöser, kultureller,
familiärer Art stecken . ... Darum muß man die Menschen experimentierfähig - d. h. austauschbar-
erst kunstvoll machen; justament das geschieht in den modernen experimentellen Wissenschaften ....
Der Mensch wird nun auch lebensweltlich zum Sachverständigen und das, was ist, zur Sache: zum
exakten Objekt, zum technischen Instrument, zum industriellen Produkt, zur ökonomisch kalkulier-
baren Ware, wobei all dieses - weil es zur Globalisierung drängt - die Lebenswelten weltweit unifor-
misiert ....
Das bedeutet: Immer weniger von dem, was Herkunft war, scheint Zukunft bleiben zu können; die
geschichtlichen Herkunftswelten geraten zunehmend in die Gefahr der Veraltung: das aber wäre-
unkompensiert - ein menschlich unaushaltbarer Verlust, weil ... der ... Bedarf der Menschen nicht
mehr gedeckt wäre, in einer farbigen, vertrauten und sinnvollen Welt zu leben. ... Dieser Verlust ruft
also nach Kompensation; und die Kompensationshelfer sind die Geisteswissenschaften, die darum
gerade jetzt - modern - erst entstehen.
Marquard, O. (1985). Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften. In: Westdeutsche
Rektorenkonferenz (Hrsg.), Anspruch und Herausforderung der Geisteswissenschaften. Dokumente
zur Hochschulreform, 56, S. 47-67.
die Aufklärung von früherer Schuld und frühe-
rem Leid soll Beteiligte von Schuld- und Trauer-
gefühlen befreien. Umgekehrt heben Berichte
über Erfolge und Wohltaten früherer Generatio-
nen oft das Selbstbewusstsein und das Wohlbe-
finden der Nachkommen.
Literatur- und Kunstgeschichte. Sämtliche Kunst-
werke - Erzählungen und Gedichte, Lieder, Tänze
und Instrumentalmusik, Gemälde und Plastiken
- werden als Zeugnisse von Kulturen gepflegt, in
Erinnerung gehalten und Deutungen unterwor-
fen. Wissenschaft spielt in der Dokumentation
und Deutung von Kunst eine bedeutende Rolle,
wobei verschiedene Zweige sich unterschiedlicher
Arten von Kunstwerken annehmen. Schwerpunk-
te in der Literatur- und Kunstbetrachtung sind
Topik (griech. topos: Thema) und Struktur von
Kunstwerken (z.B. Liebe als Thema von Roma-
nen, das Sonett als Versform), deren Wandel
über Epochen (z.B. Entwicklung der Malerei vom
Klassizismus bis zum Impressionismus), ihre
Beziehung zu ihren Autoren sowie deren Umfeld
(z.B. ob Verdi sein Requiem in Erwartung seines
eigenen Todes schrieb).
Künstler gelten oft als geniale Psychologen;
ihre Charakterisierung von Personen, ihre Ent-
würfe von Situationen und Handlungen enthül-
len oft tiefe und originelle Erkenntnis der
menschlichen Natur und kultureller Eigenarten.
Literatur- und Kunstwissenschaftier, die ihre
Werke analysieren, stehen Künstlern an Men-
schenkenntnis nicht nach, ja suchen sie sogar
noch zu übertreffen. Macht Kunstbetrachtung
also Psychologie entbehrlich? Wissenschaftliche
Psychologie weist zumindest zwei Vorzüge auf:
Realitätsnähe und Systematik. Realitätsnähe: Ihre
Untersuchungen erstrecken sich unmittelbar auf
lebende Personen, während die Kunst freie
Nachbildungen der Wirklichkeit, mitunter sogar
Erfindungen der Phantasie, Fiktionen, pflegt.
Systematik: Kunst stellt in der Regel Einzelfälle
dar. Die künstlerische Darstellung muss offen
lassen, wie verbreitet solche Einzelfälle sind und
unter welchen Bedingungen sie zustande kom-
3.4 Psychologie und die Kulturwissenschaften I 93
Hochkultur und volkskultur
Unter Kultur versteht man manchmal nur die
herausragenden, neue Wege weisenden Leistun-
gen einer Epoche: Heldentaten, umwälzende Er-
findungen und eindrucksvolle Einsichten. Zu
diesen Spitzenleistungen zählen Werke genialer
Künstler. Helden, Reformer, weitblickende
Staatsmänner, große Philosophen, Maler und
Dichter werden zu den bevorzugten Gegenstän-
den für viele Historiker. Ihr Blick richtet sich
auf das, was sie für vorbildlich halten, auf das
Unübertroffene, das Fortschrittlichste und
Denkwürdigste aus den jeweiligen Epochen.
Zum Leitthema ihrer Betrachtung werden die
höchsten Errungenschaften der Kultur, die
Hochkultur. Wissenschaften machen die Hoch-
kultur gern zu ihrem Gegenstand.
Eine Hochkultur wird nur von wenigen Mit-
gliedern einer Gesellschaft getragen, nur von eli-
tären Gruppen. Viele Zeitgenossen haben daran
keinen Anteil- das Volk. Doch auch, wer nicht
zur Elite gehört, führt ein epochenspezifisches
Leben. Die Arbeit auf dem Acker und in der
Fabrik trägt unverwechselbare Züge. Es sind
viele Menschen, die Kriege erleben; sie alle sin-
gen die gleichen Lieder und hören die gleichen
Erzählungen. Auf Fortschritte hat das Volk oft
gedrängt; doch häufig folgt es der Gewohnheit,
der Tradition. Gelehrsamkeit wie Künstlerturn
genießen im Volk viel Respekt, finden aber bei
ihm nur schwer Verständnis. So bildet sich eine
Kultur eigener Art: die Volkskultur.
Geschichts-, Sprach- und Kunstwissenschaft
hat in der Volkskultur ebenfalls lohnende The-
men gefunden. Sie entdeckt darin eigenständi-
ges, regional gebundenes und nach Epochen
wechselndes Denken und Fühlen, eigene Stile
der Lebensgestaltung. Es geht dabei nicht um
herausragende Persönlichkeiten, mehr um die
Vielen, deren Namen vergessen sind. Selten geht
es um Spitzenleistungen und -ereignisse, mehr
um den Alltag und um typische Schicksale.
Volkskultur hat sich in der Moderne beson-
ders gewandelt durch massenhafte Verbreitung
von Konsumgütern und Kunstwerken. Der So-
zialphilosoph Walter Benjamin (1972, S. 14f.)
schildert die Ausbreitung einer Massenkultur, in
welcher Kunst durch Techniken der Reproduk-
tion zum Konsumgut wird: "Der einzigartige
Wert des echten Kunstwerks hat seine Fundierung
im Ritual, in dem es seinen originären und ersten
Gebrauchswert hatte.... die technische Reprodu-
zierbarkeit des Kunstwerkes emanzipiert dieses
zum ersten Mal in der Weltgeschichte von seinem
parasitären Dasein am Ritual."
In ihren Anfängen ist die Hochkultur mit der
Oberschicht (Adel, Kirche) verbunden, die Volks-
kultur mit der Unterschicht (Bauern, Handwer-
ker). Seit dem 19. Jahrhundert wird das Bürger-
tum zur maßgebenden Schicht. Dichtung und
Musik entstehen zunehmend für die Familie im
Bürgerhaus, für öffentliche Theater und Konzert-
säle. Das Bürgertum bringt eine neue Hochkultur
hervor und zugleich eine durch Massenkonsum
gestützte Richtung, deren Qualität den Maßstä-
ben der Hochkultur nicht gerecht wird. Beispiele
aus der bürgerlichen Hochkultur sind die Dramen
Schillers (1759-1805) und Symphonien Beet-
hovens (1770-1827).
Eine Gattung, die als Konsumware weite Ver-
breitung, aber nicht den Beifall der an der Hoch-
kultur orientierten Kunstkritiker gefunden hat, ist
der sog. Kitschroman. Beispiele sind die Romane
von Hedwig Courths-Mahler (1867-1950). Der
Germanist Walther Killy (1962, S. 22 f.) urteilt
über den Kitschroman: "Der schlechte Schreiber
gebraucht die Dinge um ihrer Anwendbarkeit wil-
len; er wählt sie, wenn er sie als Vehikel dürftigen
Tiefsinns für geeignet hält. Der Dichter erzählt
von Dingen, weil sie nur so und nicht anders er-
scheinen können: es gibt auch eine Notwendigkeit
der Imagination, die der Notwendigkeit des Le-
bens entspricht. ... Der Stil solcher [schlechter]
Autoren ... ist auf den momentanen Effekt gerich-
tet ... die Tendenz des Kitsches [ist] unrealistisch,
denn die Verhältnisse, sie sind nicht so. Angesichts
dieses unbestreitbaren Sachverhalts pflegt man
den Kitsch als verlogen zu bezeichnen und seine
Mischung von Reiz und Unwahrheit als böse.... "
94 : 3 Scelcnlehren in MetJplwsik, NJtur- und KulturwissenschaftcJ1
men. Die Abschätzung der Repräsentativität von
Beobachtungen sowie der Aufklärung ihres Ent-
stehens ist dagegen die Stärke der wissenschaft-
lichen Analyse.
Kunstpsychologie. Der Analyse der Persönlich-
keit und Biographie von Künstlern, der Entste-
hung von Kunstwerken sowie deren Wirkung auf
Leser, Hörer, Betrachter hat sich ebenfalls die
Kunstpsychologie verschrieben. (Gelegentlich wird
als gesonderter Ansatz eine Literaturpsychologie
vertreten.) Insbesondere die Empfindungen des
Schönen und Hässlichen, sowie deren Auslöser
sucht eine Richtung zu erforschen, die man als
Psychologische Ästhetik bezeichnet. Die Psycho-
logische Ästhetik betrachtet als Auslöser von
Wohlgefallen und Abscheu nicht nur Kunstwer-
ke, auch alltägliche und natürliche Gegenstände
wie Haushaltsgeräte, Familienfotos und Pflanzen,
darüber hinaus Wohnräume, Landschaften u.Ä.
3· 4· 3 Sozialwissenschaften
Soziologie. Die Soziologie ist mit den modernen
sozialen Einrichtungen gewachsen, mit der Kom-
plexität sozialer Prozesse und Beziehungen. So
befasst sie sich mit Organisationen (wie Wirt-
schaftsverbänden, Gewerkschaften, Stadtverwal-
tungen), mit Gruppierungen (wie Jugendlichen,
Religionsangehörigen, Ausländern), mit sozialen
Einstellungen (u.a. zur Demokratie, zur Alters-
versorgung), sozialen Abläufen (wie Kommuni-
kationsfluss, Machtausübung) und sozialen Ord-
nungen (wie Arbeitsteilung, Rangverteilung).
Soziologie erforscht nicht nur große Organisatio-
nen - wie die Bundeswehr - sondern auch kleine
- wie die Familie. So entstehen Lehren, die auf
besondere gesellschaftliche Bereiche zugeschnit-
ten sind - wie Medien-, Jugend- und Medizinso-
ziologie. Diese bilden zusammen die Spezielle
Soziologie. Als Grundlage der Speziellen Soziolo-
gie konzipiert ist die Allgemeine Soziologie. Sie
widmet sich den Gemeinsamkeiten soziologischer
Theorien, insbesondere Theorien des Aufbaus
und Wandels von Gesellschaften, der Struktur
von sozialen Institutionen sowIe des sozialen
Handeins.
Staats·, Rechts·, Wirtschaftswissenschaften. Staat,
Recht und Wirtschaft sind zentrale Bereiche in
modernen Kulturen. Morallehren begründen ihre
Grundsätze - vor allem den Grundsatz der Ge-
rechtigkeit. Was ist gerechte Herrschaft, gerechte
Strafe, der gerechte Preis? Speziallehren liefern
sachkundige Analysen sowie praktische Anleitun-
gen. Die Staatslehre vermittelt Kenntnis von Äm-
tern und Verwaltungen, von Steuern und deren
Verwendung im Staatshaushalt. Die Rechtslehre
unterrichtet über Gesetze, Gerichtswesen und
Gerichtsverfahren, und die Wirtschaftslehre be-
schäftigt sich mit der Produktion von Gütern auf
dem Lande, in Werkstätten und Fabriken, der
Preisgestaltung und Buchhaltung sowie dem
Handel mit Gütern und Finanzmitteln.
Man könnte Staats-, Rechts- und Wirtschafts-
lehren zu Spezialgebieten der Soziologie erklären,
und in der Tat hat die Spezielle Soziologie (s.o.)
für sie eigene Lehr- und Forschungsgebiete aus-
gewiesen - Politikwissenschaft, Rechts- und Wirt-
schaftssoziologie. Doch erlangen die drei Diszip-
linen im System der Wissenschaften aus zwei
Gründen Eigenständigkeit und eine starke Stel-
lung obendrein: Sie pflegen ein unüberbotenes
Spezialwissen über Institutionen (z.B. Parlamen-
te, Banken, Gerichte) und deren Verfahrensre-
geln. Ihre starke Stellung verdanken sie zudem
ihrer engen Verknüpfung mit traditionellen und
geachteten Berufen. Insbesondere obliegt ihnen
die Ausbildung von Verwaltungsbeamten, Rich-
tern und Rechtsanwälten sowie von Verantwort-
lichen in Wirtschaftsunternehmen.
Gesellschaft, Wirtschaft, Recht in der Psycholo-
gie. Das Leben der Gesellschaft ist auch ein wich-
tiges Themen aus der Sicht der Psychologie. In
der Tat hat die Psychologie unter dem Namen
Sozialpsychologie einen bedeutsamen Zweig ent-
wickelt, der sich speziell mit Gruppen, zwischen-
menschlichen Prozessen sowie dem Einfluss des
sozialen Umfeldes auf Individuen befasst (mehr
3.4 Psychologie und die Kulturwissenschaften I 95
über Sozialpsychologie in Kap. 4.1.3 und 4.4).
Wenn sich die Sozialpsychologie in ihrem Ansatz
mit der Soziologie deckt, ist zu fragen, weshalb die
beiden Disziplinen überhaupt getrennt auftreten.
Der Grund für die Trennung dürfte der folgende
sein: In der Soziologie vereinigt sich enormes
Sachwissen über formelle Organisationen und
große Gruppen. Wer etwa den Aufbau und die
Entscheidungsprozesse in Wirtschaftsverbänden,
politischen Parteien u.Ä. genauer kennen lernen
will, wer tiefere Einsichten über die Meinung und
die Lage von großen Bevölkerungsgruppen (z.B.
Jungwählern, Rentnern), überhaupt über gesell-
schaftliche Fragen sucht, wird vor allem von
soziologischen Forschern fundierte Auskünfte
erhalten. Sozialpsychologen konzentrieren sich
dagegen mehr auf überschaubare, informelle
Gruppen und ihre Mitglieder - Eltern und Kinder,
Liebespaare, Diskussionszirkel u.Ä. Wenn Psycho-
logen die Meinung und die Lage von Personen
erkunden, beziehen sie sich eher auf deren nähe-
res Umfeld (Familie, Arbeitsplatz u.Ä.). Soziolo-
gie richtet sich somit stärker auf das öffentliche
Sozialleben, Sozialpsychologie auf das private.
Staats-, Rechts- und Wirtschaftslehren besitzen
ebenfalls einen erheblichen psychologischen Ge-
halt; dem trägt die Psychologie in ihren Spezial-
gebieten der Politischen Psychologie, der Rechts-
und Wirtschaftspsychologie Rechnung (mehr
dazu in Kap. 5.4 und Kap. 5.6). Gleichwohl haben
Staats-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften
gegenüber Zweigen der Psychologie einen gewal-
tigen Vorsprung als eigenständige Fachrichtun-
gen. Von der Psychologie heben sie sich aus den-
selben Gründen ab wie von der Soziologie: Ihr
enormes Spezialwissen und ihre traditionelle
Stellung in der Fachausbildung.
Pädagogik und Erziehungspsychologie. Pädago-
gik (griech. paidagogos: Kinderbetreuer) befasst
sich mit Erziehungszielen und Erziehungsmitteln.
Gegenstand der Pädagogik ist nicht allein das
Lernen in Schulen für Kinder und Jugendliche.
Vielmehr versteht sie sich als Wissenschaft für
Bildung und Ausbildung im weitesten Sinne.
Erweitert um Kleinkind- und Erwachsenenpäda-
gogik betrachtet sie lebenslanges Lernen. Über
das Lernen in der Schule hinaus befasst sie sich
mit Volksbildung, mit betrieblicher Aus- und
Weiterbildung sowie den außerschulischen Ein-
flüssen auf Bildung, wie sie Familie, Altersgenos-
sen, öffentliche Medien u.a. ausüben.
Psychologie und Pädagogik ähneln sich in der
Breite ihrer Zielsetzung. Versuche, den beiden
Disziplinen getrennte Aufgaben zuzuweisen - z.B.
der Psychologie die Lehre von der menschlichen
Entwicklung, der Pädagogik die Theorie der
altersspezifischen Erziehungsziele -, überzeugen
nicht recht. Vollends erschwert ist die Unter-
scheidung zwischen Pädagogik und der auf Erzie-
hungsprobleme spezialisierten Psychologie, der
Pädagogischen Psychologie oder Erziehungspsy-
chologie. Gleichwohl stellt man erhebliche Unter-
schiede zwischen den beiden Disziplinen fest.
Ungeachtet der Anstrengungen einiger ihrer Ver-
treter, über den Rahmen des öffentlichen Bil-
dungswesens hinauszugehen, hat die Pädagogik
sich vorwiegend auf die Probleme der Schulpraxis
eingestellt. Die wichtigste Folge war wohl diese:
Pädagogik hat sich vorwiegend als Geistes- und
Sozialwissenschaft verstanden und keinen starken
naturwissenschaftlich geprägten Zweig unterhal-
ten. Im Vergleich dazu hat sich die Erziehungs-
psychologie breiter entwickelt - etwa durch die
Einbeziehung der Probleme der familiären Erzie-
hung und der Vermittlung von Kompetenzen wie
dem Gesundheitsverhalten, die im Lehrplan der
Schulen seltener enthalten sind (mehr zur Erzie-
hungspsychologie in Kap. 5.3).
Ethnologie und Kulturvergleichende psychologie.
Ethnologie, auch als Völkerkunde (griech. ethnos:
Volk) bezeichnet, erforscht die Lebensweise un-
terschiedlicher Kulturen (Ethnien). Alles, was das
Leben kultureller (ethnischer) Gemeinschaften
kennzeichnet, kann zum Gegenstand der Ethno-
logie werden: Siedlungsformen und Ernährung,
Mythen und Religionen, Gesänge und Gebräu-
96 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
che, Familie und Erziehung, Recht, Besitz und
vieles andere. Manche Ethnologen beschränken
ihre Untersuchung auf eine einzige Kultur. Ande-
re stellen Vergleiche zwischen verschiedenen
Kulturen an und ermitteln dabei Unterschiede
wie Gemeinsamkeiten. Nach dem Grundsatz der
Gleichwertigkeit sämtlicher Menschen sind alle
Völker gleichermaßen Gegenstand ethnologischer
Betrachtung. Tatsächlich befassen sich Ethnolo-
gen bevorzugt mit fremden Völkern, die fern von
den Ländern mit hoch entwickelter Wissenschaft,
Industrie und Versorgung leben. Man nennt
diese Völker Naturvölker wegen ihres einfachen
Wissens und ihrer schlichten Techniken.
Die Untersuchung sog. Naturvölker war zu-
nächst von dem Bestreben bestimmt, Ursprünge
menschlicher Lebensformen zu entdecken. Dieses
Streben entstammte den widersprüchlichen Ein-
stellungen des Kulturpessimismus und des Kul-
turoptimismus (s. Kap. 3.2.1). Kulturpessimis-
mus steht den Errungenschaften von Wissen-
schaft, Technik und Politik kritisch gegenüber.
Vom kulturpessimistischen Standpunkt aus er-
hoffte man von Ethnologie Einsichten in ein na-
türliches und einfaches Leben voller Glück, Frie-
den und Gesundheit. Im Gegensatz dazu be-
hauptet der Kulturoptimismus die befriedende,
existenzsichernde und aufklärende Wirkung sozi-
aler Errungenschaften. Von seinem Standpunkt
hilft Ethnologie, die primitiven Ursprünge des
Menschen zu erkennen, die in der Kulturge-
schichte zu überwinden waren und immer aufs
Neue der Überwindung bedürfen - Grausamkeit
und Unterdrückung, Aberglaube und Unwissen-
heit.
Auf der Suche nach fremden Völkern haben
sich Ethnologen in abgelegene Länder begeben -
wie Neuguinea oder Alaska. Die Beobachtungen
in fremden Kulturen verlangten enorme Anpas-
sungsleistungen - Erwerb völlig fremder Spra-
chen, Respektierung ungewohnter, ja oft der
eigenen Erziehung zuwider laufender Sitten. Fern
von der Zivilisation kamen Unbequemlichkeiten
sowie gesundheitliche Risiken hinzu. Qualifizierte
Ethnologie wurde damit ein Spezialgebiet für die
wenigen Forscher, die sich den Mühen der Frem-
de auszusetzen bereit waren.
Zum Weiterlesen
Sprach- und Sozialwissenschaften
Philologische und historische Gebiete sollten bereits
aus dem Schulunterricht bekannt sein; entsprechender
Leseempfehlungen bedarf es hier also nicht mehr.
Zum Kennenlernen weiterer Gebiete aus der Sprach-
und Sozialwissenschaft eignen sich:
~ Bartsch, R. & Vennemann, Th. (1982). Grundzüge
der Sprachtheorie. Tübingen: Niemeyer.
~ Endruweit, G. (Hrsg.). (1993). Moderne Theorien
der Soziologie. Stuttgart: Lucius & Lucius.
~ Kohl, K.H. (1993). Ethnologie. Die Wissenschaft
vom kulturell Fremden. München: Beck.
Von den übrigen Sozialwissenschaften spaltete
sich Ethnologie damit ab. Dies gilt auch für die
Psychologie. Freilich besteht zwischen Ethnologie
und Psychologie ein erhebliches wechselseitiges
Interesse. Waren Psychologen oft begierig, mehr
über menschliches Denken und Verhalten außer-
halb der komplexen, hoch entwickelten Kulturen
zu erfahren, nutzten Ethnologen gern Theorien
der Psychologie zur Erklärung ihrer Befunde.
Als Brücke zwischen Ethnologie und Psycholo-
gie dient gegenwärtig eine Richtung, die man
meist Kulturvergleichende Psychologie, seltener
Ethnopsychologie nennt. Kulturvergleichende Psy-
chologie benutzt gegenwärtig vier Forschungs-
ansätze:
~ Vergleich von Angehörigen verschiedener
Kulturen in verschiedenen Regionen (z.B. Ja-
paner in Japan und Deutsche in Deutschland).
~ Akkulturation von Migranten in ihrem Gast-
land (z.B. Vergleich japanischer Migranten der
ersten, zweiten, dritten Generation m
Deutschland).
~ Vergleich von Migranten m ihrem Gastland
(z.B. Japaner in Deutschland) mit Personen
3.4 Psychologie und die Kulturwissenschaften I 97
gleicher Herkunft in ihrem Ursprungsland
(z.B. Japaner in Japan).
~ Vergleich von Migranten in ihrem Gastland
(z.B. Japaner in Deutschland) mit dessen nicht
eingewanderten Bewohnern (z.B. Deutsche in
Deutschland).
Die kulturvergleichende Forschung hat inzwi-
schen eine Fülle von Beobachtungen zur Kul-
turspezifität von Fähigkeiten und Einstellungen
erbracht. Wenn etwa in Ländern der Dritten Welt
Kinder frühzeitig ihren Eltern bei der Arbeit hel-
fen, dann verhilft ihnen das zu praktischen Fer-
tigkeiten, wie man sie bei europäischen und
nordamerikanischen Kindern mit längerer Schul-
pflicht seltener findet. Mexikanische Kinder, die
in der Töpferwerkstatt ihrer Eltern beschäftigt
sind, entwickeln z.B. ein besonders gutes Vermö-
gen zum Abschätzen von Volumina (Price-
Williams, Gordon & Ramirez, 1969). Zehn- bis
zwölfjährige Kinder in Zimbabwe, die ihre Eltern
auf den örtlichen Markt begleiten, sind im Ver-
Zusammenfassung
(1) Unter Kultur versteht man die von Men-
schen geschaffene Welt. Dem Menschen
zugeschrieben werden dabei geistige und
soziale Errungenschaften wie Sittlichkeit
und Erkenntnis, Sprache und Kunst, Staat,
Wirtschaft und Recht, Erziehung und über-
haupt gesellschaftliche Ordnung.
(2) Wissenschaften, die geistige und soziale Er-
scheinungen erforschen, trennt man in Geis-
tes- und Sozialwissenschaften. Oft werden
sie neuerdings als Kulturwissenschaften zu-
sammengefasst. Psychologie, die sich jenen
Wissenschaften anschließt, wird entspre-
chend als geistes-, sozial- oder kulturwissen-
schaftlich bezeichnet.
(3) Geisteswissenschaften behandeln die Pro-
dukte menschlicher Intelligenz. Wichtige
Partner der Psychologie unter den Geistes-
wissenschaften sind: Philosophie (Anthro-
ständnis von wirtschaftlichen Begriffen gleichalt-
rigen europäischen Kindern überlegen (Jahoda,
1982). Ähnlich steht es mit Einstellungen wie
Egozentrismus oder Ethnozentrismus.
Eine wichtige Rolle für die Entwicklung spielen
Institutionen, insbesondere solche, die sich aus-
drücklich der Erziehung widmen (wie Familie
und Schule). Theorien des Kulturvergleichs kon-
zentrieren sich in der Regel auf einzelne dieser
Institutionen. Trommsdorff (1993) betont dage-
gen die Wirkung multipler Kontexte in einer
Kultur - etwa das Zusammenwirken von Familie
und Schule, Wirtschaft und Religion. Als zuneh-
mend wichtiges Thema der Kulturvergleichen-
den Psychologie nennt Trommsdorf weiterhin die
multikulturellen Kontexte. Multikulturelle Zu-
sammenhänge entstehen einerseits durch Mi-
schung unterschiedlicher Kulturen im Leben von
Individuen, andererseits als Nebeneinander un-
terschiedlicher Kulturen im gleichen Lebens-
raum.
pologie, Logik, Erkenntnistheorie), Sprach-
wissenschaft (Linguistik, alte und neue
Sprachen), Geschichtswissenschaft, Kunst-
wissenschaft (Literatur, Malerei u.a.).
(4) Soziale Institutionen (Familie, Verbände,
Staat, Wirtschaft) werden in den Sozialwis-
senschaften erforscht. Wichtige Partner der
Psychologie unter den Sozialwissenschaften
sind: Soziologie, sowie - auf zentrale Berufs-
felder zugeschnitten - die Staats-, Rechts- und
Wirtschaftswissenschaften. Pädagogik (Erzie-
hungswissenschaft) und Ethnologie (Völker-
kunde) werden hier ebenfalls den Sozialwis-
senschaften zugerechnet.
(5) Die Psychologie unterhält Brückenfächer zu
zahlreichen sozialwissenschaftlichen Diszip-
linen. Als wichtige Beispiele sind zu nennen:
Sprachpsychologie (Psycholinguistik), So-
zialpsychologie und Kulturvergleichende
98 I 3 Seelenlehren in Metaphysik, Natur- und Kulturwissenschaften
Psychologie, Pädagogische Psychologie,
Kunstpsychologie, Wirtschafts- und Rechts-
psychologie.
(6) Die Zersplitterung von geistes-, sozial- und
naturwissenschaftlichen Ansätzen ist aus zwei
Gründen beklagt worden: Sie führt zu einer
Entfremdung zwischen wissenschaftlichen
Disziplinen sowie zu unäkonomischer Paral-
lelforschung. Der Ruf nach einer Zusam-
menführung getrennter Ansätze ist daher
laut geworden. Der Psychologie, die
bemerkenswert viele Brücken zu anderen
Fächern unterhält, wurde dabei eine integra-
tive Rolle zugedacht.
3.4 Psychologie und die Kulturwissenschaften I 99

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