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er Taxifahrer flucht. Noch vor
einer Stunde hat er eingutes Ge-
schäft gewittert: Zwei Touristen
amBahnhof inOaxaca de Juarez
buchten ihn für eine 70 Kilometer lange
Fahrt. Morgens um sechs Uhr, kaum Ver-
kehr, leichtes Geld. Dochjetzt zuckelt er in
Schrittgeschwindigkeit über einemit Fels-
brocken übersäte Straße, mitten im Nir-
gendwo. Die Karosserie ächzt und die Rä-
der bleiben regelmäßig in Schlammlö-
chern stecken. „Was wollt ihr da über-
haupt?“, fragt er mit BlickindenRückspie-
gel, „da gibt es doch gar nichts.“
KeinHandynetz, keinWlan, keinePost-
stelle, kaum Autos. Llano Grande heißt
das Ziel, einkleines Zapoteken-Dorf inder
Sierra Norte, dem Bergrücken im Norden
der Stadt Oaxaca im gleichnamigen Bun-
desstaat. Es liegt rund 450 Kilometer ent-
fernt von Mexiko-Stadt, auf 3000 Metern
Höhe. Rund 100 Einwohner gibt es hier,
eine Schule, ein paar Steinhäuschen.
Sonst nur Berge, Wiesenblumen, mächti-
ge Nadelbäume, die Luft wie frisch gewa-
schen. Hier sieht Mexiko aus wie die
Schweiz. Oder vielmehr so, wie die
Schweiz wohl vor 100 Jahren ausgesehen
hat.
JoséLuis lehnt ander Wandeines Back-
steinhauses, als das Taxi hält. Ein sanfter
Mann mit Schirmmütze und Regenjacke,
sein Gesicht ist von der Sonne braun und
faltig geworden. Er isst Kekse, spricht nur
das Nötigste: „IchbringeSie auf denBerg.“
Seit ein paar Jahren führt er Touristen
durch die Gegend, in der er vor 52 Jahren
geboren wurde. Hier kennt er jeden Ge-
heimweg, jede Heilpflanze, jede Vogelart.
Lange hatte sich kaum jemand für sein
Wissen interessiert. Bis 1998 ein Pilot das
Dorf besuchte und sich in die abgelegene
Idylle verliebte.
Der Mannaus Mexiko-Stadt schlugden
Bewohnern vor, Reisende in ihre Gegend
zu locken. Ganz zurückhaltend, nur ein
paar pro Woche, Ökotourismus. Der Ge-
winnaus denÜbernachtungenkäme allen
zugute, die Arbeit würde gerecht auf-
geteilt. Eine Praxis, die die Bewohner der
Dorfgemeinschaft seit Jahrhunderten
betreiben: Erträge aus der Forstwirtschaft
etwa werden schon seit langem unterein-
ander aufgeteilt. Aber Touristen? In Llano
Grande? Was sollen die denn hier? Die
Dorfbewohner warenunsicher. Sie hielten
Zusammenkünfteab, besprachensichlan-
ge. Wollen wir das? Was würde sich än-
dern? Würden Fremde ihre Traditionen in
Gefahr bringen? Auch Luis war skeptisch.
„Ichhätte nie gedacht, dass jemandzuuns
hier hoch kommen würde. Und jetzt führe
ichTouristenaus Europa, KanadaundAus-
traliendurchdenWald.“Er klingt nochim-
mer überrascht.
Zwei DutzendMänner ausdemDorf ha-
benHüttenfür dieBesucher gebaut, haupt-
sächlichausLehmundHolzausdenumlie-
genden Bergen, nur das Nötigste kauften
sie in der Stadt. InOaxaca de Juarez eröff-
neten sie ein kleines Tourismus-Büro, in
demmanTourenundÜbernachtungenbu-
chenkann. Mittlerweile beteiligen sich al-
leacht Dörfer der SierraNorteandemÖko-
tourismus-Projekt, die „pueblos manco-
munados“. Sie sind durch ein insgesamt
100 Kilometer langes Wegenetz verbun-
den. Hier könnenTouristenauf nahezuun-
berührten Waldpfaden wandern, radeln
und reiten. Vorbei an Wildkräutern, Was-
serfällen und Forellenzuchten, geleitet
von Reiseführern, die eigentlich Bauern,
Dorfpolizisten oder Pilzsammler sind.
José Luis begleitet uns zu der kleinen
Feriensiedlung: neun kleine Hütten mit-
ten im Wald. Hier werden wir die Nacht
verbringen. Auf demHolzbett stapelnsich
Wolldecken, einoffener Kaminist die ein-
zigeHeizung. Es riecht nachkaltemRauch
und Piniennadeln. Wir legen unsere Sa-
chen auf dem großen Bett ab und schnü-
ren die Wanderstiefel.
Der Anstieg ist anstrengend, die Höhe
belastet die Lungen. „Ihr gewöhnt euch
bald daran“, sagt Luis lächelnd. Bis zum
Gipfel sind es noch zwei Stunden. In sei-
ner Stimme liegt kein bisschen Spott. Er
spricht Spanisch, obwohl sichzwei Austra-
lierinnen der Gruppe angeschlossen ha-
ben, die ihn kaum verstehen. Sie versu-
chen es mit Händen und Füßen, es klappt
auch so. Ab und zu bückt er sich, zerreibt
ein Blatt Polei-Minze zwischen den Fin-
gern und lässt uns daran riechen. Oder er
pflückt wilde Beeren und Zitronenkraut,
woraus er sichspäter einenTee kocht. Von
fast jeder Pflanze kennt er die medizini-
sche Wirkung. „Wir hier obenmüssenfast
nie zumArzt. Die Natur hilft uns.“
Am Wegrand steht ein Steinhaufen,
pyramidenartig aufgeschichtet und von
ein paar Hölzern umstellt. Es ist das Grab
von José Luis’ Urgroßvater; eines Mannes,
der nochandieaztekischenGottheitenge-
glaubt hatte, an den Regengott Tlaloc und
diegefiederteSchlangeQuetzalcoatl. Jahr-
tausende alte Götter, die sich von der
Christianisierung der Kolonialherren
nicht vertreiben ließen, sondern neben
demKatholizismus weiter existieren. Seit
Luis durch die Wanderungen wieder öfter
imWaldunterwegs ist, kommt er regelmä-
ßig an der Grabstätte vorbei und stellt
manchmal eine Kerze auf.
José Luis macht sich Sorgenumden Er-
halt seiner Kultur. Seine Kinder sind er-
wachsen, sie interessierten sich nicht für
dieTraditionen, sagt er. „SiesehenimFern-
sehen Telenovelas und arbeiten monate-
lang auf demFeld oder in der Stadt für ein
iPhone, auf das sie dannstundenlang star-
ren.“ Er wirkt enttäuscht. „Und sobald sie
es haben, wollen sie die neue Version.“
Wie anderswo in Mexiko stehen auch
im Bundesstaat Oaxaca indigene Men-
schen am unteren Ende der wirtschaftli-
chen und sozialen Leiter. Oft sind sie Bau-
ern, Handwerker, einfache Arbeiter. Oft
verlassen sie das Land, um in den USA zu
arbeiten. Sechs vonLuis’ siebenGeschwis-
tern wohnen in Amerika oder in Mexiko-
Stadt und verdienen ihr Geld in Fabriken.
Sie kämen selten nach Hause, sagt er. Ei-
gentlich nie.
Seine Eltern sprechen noch Zapote-
kisch, die Sprache der eingeborenen Be-
wohner der Region, aber sonst kaummehr
jemand im Dorf. Im ganzen Bundesstaat
sind es noch 260 000 Menschen. „Wenn
Kinder in der Schule Zapotekisch spre-
chen, bekommen sie mit dem Stock auf
die Finger“, sagt Luis. Die Lehrer kämen
aus der Stadt, verstünden die Sprache der
Zapoteken nicht und wollten geheime Ab-
sprachen ihrer Schüler verhindern. „Wie
soll die Sprache da weiterleben?“
Auf demWegins Nachbardorf liegt José
Luis’ Stück Land, ein kleiner Acker, kaum
größer als ein Baugrundstück für ein Ein-
familienhaus. Hier baut Luis Kartoffeln
an, nur mit seinen Händen und einer Har-
ke. SeineErnteverkauft er imDorf oder ei-
nem der Nachbarorte für zehn Pesos das
Kilo, das sind rund 50 Cent. Für eine drei-
bis vierstündige Wandertour bekommt er
15 Mal so viel.
AmRand des Ackers stehen zwei kleine
Holzhütten: Die eine hat Luis’ Vater er-
baut, dieandereer selbst. Manchmal über-
nachtet er hier, auf einer Liege nebendem
offenen Kamin, um sein Land zu bewa-
chen und nachts die Kojoten vom Feld zu
vertreiben. Er ist stolz auf das Häuschen,
in dem viele Jahre Arbeit stecken. „Gut
oder nicht gut?“, fragt er seine Gäste und
streicht mit der flachen Hand über die
Holzfassade. „Sehr gut!“ José Luis strahlt.
Er liebt diesen Ort. Früher kam seine
Frau mit hierher und wusch Wäsche im
Wildbach nebenan. Dannsaßen sie auf ei-
ner Bank in der Sonne, rösteten Mais auf
dem Feuer und sahen nach dem Gemüse.
Inzwischen hat sie einen „comedor“ im
Dorf eröffnet, ein kleines Restaurant mit
offenem Herd in der Mitte des Raumes,
undbietet Selbstgekochtes an. Maistortil-
las, gefüllte Paprika, scharfe Suppe mit
Hühnchen. Seit die Regierung die Straße
ausbessernlässt, gibt esmehr GästeinLla-
no Grande. Touristen und Straßenbauar-
beiter machenhier Mittagspause. Manch-
mal findenWanderer imWaldgroße Spei-
sepilze, die Luis’ Frau dann mit Zwiebeln
und Chili in einer großen gusseisernen
Pfanne brät.
Zurück in Llano Grande besuchen auch
wir Luis’ Frau zum Abendessen. Wir set-
zen uns an einen alten Holztisch und be-
stellenTortillas mit Käseundscharfer Sau-
ce und zumAbschluss Agavenschnaps. In
den Zimmern knistert bereits das Kamin-
feuer. Jemand aus dem Dorf geht abends
zudenSteinhüttenundkümmert sichdar-
um, dass es die Besucher warmhaben.
Klar, es habe sichetwas verändert, seit-
demTouristen imDorf sind, sagt Luis. Sie
hätten weniger gemeinsame Zeit. Aber
das Lebensei weniger hart –undes sei im-
mer was los. Auf den Holzbalken über uns
sind rund 20 Figuren aufgereiht, alle ha-
benverschiedene Gesichter. Luis’ Großva-
ter hat sie vor vielen Jahren geschnitzt.
„Sie sind schon uralt, aber ich finde sie
wunderbar“, sagt Luis. Dann schaut er in
die Runde und lächelt. „Es ist schön, dass
siejetzt Menschenaus der ganzenWelt se-
hen können.“
Oaxaca
de Juarez
Cuajimoloyas
MEXIKO
SZ-Karte
PAZIFIK
Llano Grande
50 km
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Mexiko-Stadt
Die Spur der Azteken
Früher führten die Bewohner von Mexikos Sierra Norte ein beschwerliches Leben in der Abgeschiedenheit der Berge.
Dann kamen plötzlich die Öko-Touristen
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Auf seinen Tee aus Beeren und
Zitronenkraut vertraut José Luis
mehr als auf jeden Arzt
Immer dem Krieger nach: Ein 100 Kilometer langes Wegenetz verbindet die Bergdörfer. In Llano Grande (Mitte ) wurde das Besucherprojekt erfunden, von dem auch die Einheimischen profitieren. FOTOS: HURST
DEFGH Nr. 60, Donnerstag, 13. März 2014 REISE V2/5
Es ist bei denTierennicht soviel anders als
bei Menschen, wenn sie auf Reisen gehen.
Da gibt es die Pauschal- und All-inclusive-
Touristen, oft Hunde oder Katzen, die sich
wie ein Stück Gepäck in den Süden fliegen
lassen, oder, so sie First Class unterwegs
sind, auf Frauchens Schoß. AmUrlaubsort
nehmen sie am Vergnügungsprogramm
teil, nur sind in ihrem Fall die Animateure
dieselbenwie zuHause. Ansonstenfressen
und schlafen sie.
Dann jedoch gibt es die Abenteurer
unter den Viechern, die auf eigenen Huf
losziehen. MandenkeandieBremer Stadt-
musikantenoder andenkleinenTiger und
den kleinen Bären, Janoschs panamaseli-
ges Duo. Berühmtheit hat ein schwedi-
scher Elch erlangt, der vor Jahren bis nach
Dänemark geschwommen ist. Ob er lieber
eine Fähre genommen hätte, wird man nie
erfahren. Grundsätzlich lehnen die meis-
ten Transportunternehmen Tiere, die oh-
nemenschlicheBegleitungreisen, alsFahr-
gäste ab. Dass besagter Elch schließlich
von einem Zug überfahren wurde, ist also
besonders perfide. Wollen Wildtiere in der
Welt herumkommen, müssensieinder Re-
gel als blinde Passagiere reisen, verborgen
zum Beispiel im Frachtgut auf Container-
schiffen.
Sehr zu begrüßen ist, dass nun in Berlin
Tieren explizit eine Teilhabe am Touris-
mus ermöglicht wird: Ein Eichhörnchen-
seil ermöglicht Nagernfortan, denMüggel-
seedammgefahrlos zuqueren, ihrenBade-
ausflügen steht nichts mehr im Weg. Das
aber kannerst der Anfangsein. Eineuropa-
weites Netz aus Viehtränken, ähnlich den
Autobahnraststätten, brächte Schwung in
den Backpacker-Tourismus des Rotwilds.
Und wo sind die Nightline-Nistkästen an
Fernzügen? Wann organisiert endlich je-
mand eine Mitflugzentrale und vermittelt
WeinbergschneckenundErdkrötenanko-
operative Vögel? Das bedeutet allerdings,
dass man schweinisches Benehmen am
Strandunter bestimmtenUmständenwird
tolerieren müssen. sizrnN rIscnzn
Anreise: Mit verschiedenen Fluglinien von Frankfurt
nach Mexiko-Stadt, hin und zurück ab ca. 800 Euro.
Weiter mit Aeroméxico nach Oaxaca de Juarez, hin
und zurück ab ca. 280 Euro, oder per Bus in sechs
Stunden, einfach ca. 27 Euro. Von Oaxaca mit Bus
oder Sammeltaxi (ca. vier Euro) nach Cuajimoloyas.
Unterkunft: In Oaxaca: Casa del Sòtano, Tinoco y Pala-
cios 404, DZ ca. 50 Euro, Tel.: 0052/951/516 24 94
Geführte Wanderungen: Expediciones Sierra Norte,
M. Bravo No. 210, Oaxaca de Juarez, Tel.:
0052/951/514 82 71, www.sierranorte.org.mx; ein
Zwei-Tages-Ausflug mit lokalemGuide, Unterkunft in
einer Hütte und Verpflegung kostet rund 40 Euro pro
Person.
Weitere Auskünfte: www.ecoturismoenoaxaca.com
Hinweis der Redaktion: Die Recherchereisen für
diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von
Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Touris-
mus-Agenturen.
ENDE DER REISE
Tiere auf Tour
TUI Cruises GmbH n Anckelmannsplatz 1 n 20537 Hamburg
PREMIUM ALLES INKLUSIVE
Mit Premium Alles Inklusive ist all das im Reisepreis schon
inbegriffen:
Essen & Trinken: köstliche, frische Speisen in 8 Bordrestau-
rants | erlesene Weine, rund 140 Markengetränke und hoch-
wertige Spirituosen | Service am Platz – ohne Extra-Trinkgeld |
rund um die Uhr genießen
SPA & Sport: freier Zutritt zum Fitness Bereich | freie Nutzung
der Saunalandschaft
Kinderbetreuung & Abendunterhaltung: TXDOLâ]LHUWHV 3HU
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