Sie sind auf Seite 1von 682

HANDBOUND

AT THE

UNIVERSITY OF

TORONTO PRESS

AUSFÜHRLICHE

GRAMMATIK

DER

GRIECHISCHEN SPRACHE

VON

D^ RAPHAEL KÜHNER.

ERSTER TEIL:

ELEMENTAR- UND FORMENLEHRE.

, DRITTE AUFLÄGE IN ZWEI BANDEN

IN NEUER BEARBEITUNG

BESORGT VON

DR FRIEDRICH BLASS.

ERSTER BAND.

-^-^O-«—»^

HANNOVER.

HAHNSCHE BUCHHANDLUNG.

1890.

6a. \

J«*!

6^^

^v^r x>

^iu

Hofbuchdruckerei der Gebrüder Jänecke in Hannover.

Aus dem

Vorwort zu der ersten Auflage.

In keinem Zweige der Litteratur mag in den letzten Jahrzehnten

ein regeres Leben geherrscht haben als in dem Fache der grammatischen

Eine grosse Zahl gelehrter und scharfsinniger Werke hat

Forschung.

die griechische Sprachlehre aufzuweisen; mit ihr hat in den neuesten

Zeiten die lateinische Grammatik gewetteifert und jener Werke an die Seite gestellt, die sich an Gründlichkeit, Umfang und Gediegenheit

neben den Untersuchungen aus dem Gebiete der griechischen Sprach-

Auch das Studium der vergleichenden

lehre ehrenvoll behaupten.

Grammatik hat sich mächtig erhoben und den heilsamsten Einfluss

auf die tiefere Einsicht vieler schwieriger und verwickelter Punkte

der Formenlehre geäussert. Aber der Vorrang echt wissenschaftlicher

Behandlung gebührt vor allen der Grammatik unserer Muttersprache:

sie hat zuerst versucht das organische Leben der Sprache zu er-

gründen, dasselbe durch alle Zweige zu verfolgen und ein klares, anschauliches und lebensvolles Bild des grossen und kräftig blühenden

Sprachbaums darzustellen.

Diese grossartige, umfassende und tief-

eingreifende Behandlung hat überall; da, wo toter Mechanismus

herrschte, frisches Leben gebracht, da, wo früher der Zufall sein will- kürliches Spiel trieb und Gleichartiges mit Ungleichartigem mischte,

einen festen Grund gelegt, das Eine von dem Anderen geschieden

und über unzählige Punkte der Grammatik und Erscheinungen der

Sprache, welche früher von einem undurchdringlichen Dunkel verhüllt

waren oder in unklarer Verworrenheit neben einander aufgeschichtet

lagen, Licht und Ordnung verbreitet.

Gross und schwierig ist daher die Aufgabe, welche die griechische Sprachlehre, wenn sie dem jetzigen Standpunkte der Sprachwissenschaft

genügen will, zu lösen hat. Sie soll den Organismus einer der vollendetsten und geistreichsten Sprachen in seinem ganzen Umfange

und in lebendiger Anschauung auffassen, die allmähliche Entwickelung

IV

Vorwort.

desselben von seinem Ursprünge bis zu seiner höchsten Ausbildung

in klarer und natürlicher Ordnung vorlegen und zeigen, wie alle

Formen, Strukturen, Wendungen und Eigentümlichkeiten der Sprache gleichsam wie aus Einem Keime hervorgewachsen sind und sich zu

einem schönen und grossen Ganzen, in dem sich gewissermassen die

lilüte des griechischen Geistes und Lebens in dem schönsten Lichte

zeigt, ausgebildet haben. Je freier, vielseitiger und mannigfaltiger sich aber die griechische

Sprache entwickelt hat, um so mehr erfordert die Erforschung der-

selben ein gründliches, umsichtiges und umfassendes Studium, eine

stets rege und angestrengte Aufmerksamkeit, eine lebendige Auffassung

gleichartiger und verschiedenartiger, analoger und widersprechender

Elemente, eine gewisse Leichtigkeit und Geschmeidigkeit sich in die Denk- und Sinnesweise eines fremden, höchst eigentümlichen Volkes

zu versetzen, Feinheit und Schärfe der Beurteilung in der Scheidung verschiedener Mundarten der Sprache, verschiedener Zeitalter der-

selben und verschiedener Gattungen der Litteratur.

Zu dem gründlichen Studium der griechischen Sprache muss sich, als ergänzende und vermittelnde Gehülfm, die vergleichende

Sprachlehre gesellen. Denn wenn es auch dem Sprachforscher als

einer der wichtigsten Grundsätze gelten muss, die Gesetze der von ihm zu erforschenden und zu beleuchtenden Sprache in ihren Wort-

und Redeformen aus ihr selbst und aus dem Leben und dem Geiste

des Volkes, das sie gesprochen, zu erklären; so wird ihn doch selbst

die tiefste Kenntnis der Sprache, wenn ihm der innere Zusammen-

hang und Verband mit den Schwestersprachen verschlossen geblieben ist, an unzähligen Stellen, wo ein einziger Blick in die vergleichende

Grammatik ihm das hellste Licht und die überraschendsten Aufschlüsse dargeboten hätte, im Stiche lassen. So wird er entweder viele der

wichtigsten Spracherscheinungen gänzlich unerklärt lassen oder, indem

er sich auf die schlüpfrige Bahn leerer Mutmassungen begibt, sich

der Gefahr aussetzen in lächerliche hTtümer zu verfallen. Wie häufig

lag die Erklärung einer Erscheinung so ganz nahe in der Sprache

selbst, wurde aber dennoch nicht erkannt, ja nicht geahnt, weil das

bindende Mittelglied, welches uns eine oder mehrere der Schwester- sprachen darreichen, fehlte! In der Behandlung unserer europäischen

Sprachen , sagt der geistreiche Bearbeiter des Sanskrit , i) musste in

der That eine neue Epoche eintreten durch die Entdeckung eines

neuen sprachlichen Weltteils, nämlich des Sanskrit, von dem es sich

1) Franz Bopp, vergleichende Grammatik des Sanskrit, Zend u. s. w. I. Abtl.

Vorwort.

V

erwiesen hat, dass es in seiner g-rammatischen Einrichtung in der

innigsten Beziehung zum Griechischen, Lateinischen, Germanischen

u. s. w.

steht,

so dass es erst dem Begreifen des grammatischen

Verbandes der beiden klassisch genannten Sprachen unter sich, wie

auch des Verhältnisses derselben zum Germanischen, Litthauischen,

Slavischen eine feste Grundlage gegeben hat. Wer hätte vor einem

halben Jahrhundert es sich träumen lassen, dass uns aus dem fernsten

Orient eine Sprache würde zugeführt werden, die das Griechische in

allen seinen ihm als Eigentum zugetrauten Formvollkommenheiten

begleitet, zuweilen überbietet und überall dazu geeignet ist, den im

Griechischen bestehenden Dialektenkampf zu schlichten, indem sie

uns sagt, wo ein jeder derselben das Echteste, Älteste aufbewahrt hat.

Da das Wesen und die Bedeutung der Formen erst in dem

lebendigen Zusammenhange des Satzes deutlich erkannt und erklärt

Averden kann, so habe ich fast allen tieferen Untersuchungen und

wissenschaftlichen Begründungen dieser Punkte erst in der Syntaxe

ihre Stelle angewiesen. Daher werden manche in der Formenlehre

ausgesprochene Ansichten, die leicht als unbegründete Neuerungen

erscheinen dürften, in der Syntaxe, wie ich hoffe, ihre genügende

Begründung finden. Um Anderes zu übergehen, will ich nur Einen

Punkt erwähnen, weil ich befürchte, dass mir gerade wegen dieses

harte Widersprüche entgegen treten werden, dass ich nämlich es

gewagt habe den Optativ, den man als einen, der griechischen Sprache

allein eigentümlichen Modus gepriesen und auf die spitzfindigste Weise, der Eine so , der Andere anders , erklärt hat , zu dem , was er ist, d. h. zum Konjunktive der historischen Zeitformen, zu machen

und ihm in den Paradigmen den Platz, den er von jeher hätte ein-

nehmen sollen, anzuweisen.

Dass ich die vergleichende Sprachlehre nicht unberücksichtigt gelassen habe, deshalb glaube ich von Keinem, der mit dem Stand-

punkte der Wissenschaft bekannt ist, einen Vorwurf zu befürchten,

eher deshalb , dass ich nicht häufiger zu ihr meine Zuflucht genommen

und namentlich aus der reichen Quelle des Sanskrit zu sparsam

Zweck und die

geschöpft habe.

Aber einerseits durfte ich den

Grenzen des Buches nicht aus den Augen verlieren, und dann glaubte

ich der Wissenschaft einen grösseren Dienst zu leisten, wenn ich

mit Besonnenheit auch nur wenige, aber fest begründete Thalsachen

aufnähme, als wenn ich jaufs Geratewohl die unsichere Bahn der

Hypothesen betrete und Wahres und Falsches vermischte.

YJ

Vorwort.

Don um die Sprachwissenschaft hoch verdienten Männern, deren Werke mir bei der Ausarbeitung dieser Grammatik zu Gebote ge-

standen haben, fühle ich mich für ihre Forschungen und Bemühungen

zu dem aufrichtigsten Danke verbunden, den hier öffentlich auszu-

sprechen mir eine angenehme Pflicht ist. Selbst Ansichten, die den

durch eigene Untersuchungen gewonnenen Ergebnissen entweder

teilweise oder gänzlich widersprachen, waren nicht ohne Interesse

und Nutzen für mich, indem ich oft durch sorgfältige Prüfung und

Abwägung der Momente der einander entgegenstehenden Meinungen

zur Erkenntnis der Wahrheit geleitet wurde.

Durch das vieljährige Studium der griechischen Grammatik und

der über dieselbe geschriebenen Werke und durch die damit unaus-

gesetzt verbundene Lesung der Alten habe ich den bereits auf-

genommenen grammatischen Stoff vielfach ergänzt und vervollständigt,

indem ich mehreren Punkten, die bis jetzt mit Unrecht aus dem

Bereiche der Grammatik ausgeschlossen waren, die ihnen gebührende

Stellung angewiesen, andere, die nur kurz und unvollständig behandelt oder nur beiläufig berührt worden waren, weiter ausgeführt habe.

Hannover, den 1. Junius 1834.

Aus dem

Fl, Kühner,

Vorwort zu der zweiten Auflage.

Bei der Ausarbeitung der ersten Auflage dieser Grammatik hatte

ich die Absicht eine griechische Sprachlehre zu verfassen, welche

einerseits dem wissenschaftlichen Standpunkte, den damals die Sprach-

wissenschaft einnahm, entspräche, andererseits den Bedürfnissen der Schule bei dem Unterrichte der griechischen Sprache in den höheren

Gymnasialklassen genügte. Aber beide Zwecke in einem Buche zu

verbinden ist eine Aufgabe, die wohl nie glücklich gelöst werden

kann, da beide sich überall durchkreuzen, störend und hemmend

sich einander in den Weg treten und grosse Übelstände herbeiführen.

Weniger Schwierigkeiten bietet in dieser Beziehung die Behandlung

Vorwort.

VI!

des syntaktischen Teiles, obwohl auch hier ein tieferes Eingehen in

das Wesen der Sprache und eine wissenschaftliche Begründung der so mannigfachen Erscheinungen der syntaktischen Verhältnisse, die

in der griechischen Sprache mit so bewunderungswürdiger Feinheit

wie in keiner anderen ausgebildet sind, dem Unterrichte selbst in

den höheren Klassen der Schule fern liegt. Die bei Weitem grössten Schwierigkeiten aber treten in der Darlegung der Laut- und der

Formenlehre hervor. Denn diese Lehren müssen sich, wenn sie eine wissenschaftliche Grundlage haben sollen, notwendig auf die Ver-

gleichung des Griechischen mit seinen Schwestersprachen, namentlich

Allerdings hat mir schon in der ersten

mit dem Sanskrit, stützen.

Auflage die vergleichende Grammatik in der Erklärung vieler Sprach-

erscheinungen grosse Dienste geleistet; allein diese Wissenschaft war

damals erst erwacht und noch in ihrer ersten Entwickelung begriffen.

Von Franz Bopps unsterblichem Werke: „Vergleichende Grammatik

des Sanskrit, Zend u. s. w." war erst das erste Heft erschienen.

In

dem langen Zeiträume aber, der zwischen der ersten und dieser

Auflage meiner Grammatik liegt, haben die Forschungen auf dem

Gebiete der Sprachvergleichung die erfreulichsten, umfassendsten und

für die griechische Laut- und Formenlehre wichtigsten Fortschritte

Sprachvergleichende Untersuchungen aber in der Schule

gemacht.

anzustellen, verträgt sich nicht mit ihrem Zwecke; für sie genügt es

die aus den Forschungen der komparativen Grammatik gewonnenen

sicheren Ergebnisse zu einer klareren Darstellung der Grammatik zu

benutzen.

Diese Gründe haben mich bewogen in dieser neuen Auflage die

Rücksicht auf den Schulgebrauch aufzugeben und nur den wissen-

Es war mir daher nicht

möglich die Einrichtung und Anordnung der ersten Auflage beizu- behalten, sondern ich sah mich in die Notwendigkeit versetzt, das

schaftlichen ZAveck ins Auge zu fassen.

ganze Werk von Anfang bis zu Ende nach einem der Wissenschaft

entsprechenden Plane neu zu bearbeiten.

Aber so eifrig und rastlos ich auch in der langen Reihe von

Jahren bemüht gewesen bin, dem Ziele, das ich mir gesteckt hatte,

nachzustreben; so bin ich doch weit entfernt zu wähnen, dass ich dasselbe erreicht habe, bekenne vielmehr ganz offen, dass ich mir

wohl bewusst bin, wie wenig es mir gelungen ist, die Aufgabe, die

ich meinem Werke gestellt hatte, auf befriedigende Weise zu lösen.

So will ich denn mein Vorwort mit dem Wunsche schliessen, dass dem Buche in seiner neuen Gestalt so billige, wohlwollende und zu-

\'J||

Vorwort.

gleich belehrendo und gründliche Beurteilung zu Teil werden mögen,

wie dasselbe in seiner ersten Auflage von Männern, wie Gottfried

Hermann, Karl Otfried Müller, Bernhardy, Mehlhorn,

Moser, Sommer, dem Franzosen Burnouf u. A. gefunden hat.

Hannover, den 22. Januar 1869.

jR. Kühner,

t Ki. 4. 78.

Vorwort zur dritten Auflage.

Der dem Unterzeichneten von der Verlagsbuchhandlung gewordene Auftrag, den ersten Teil der Kühnerschen Grammatik, d. i. die

Elementarlehre und Formenlehre, für eine dritte Auflage neu zu be-

arbeiten, konnte nicht den Zweck einer völligen Umgestaltung des

viel gebrauchten und anerkannt nützlichen Buches haben. Allerdings

sind mehr als zwanzig Jahre seit dem Erscheinen der zweiten Auflage

verflossen, und es ist nicht nötig hier auszuführen, ^vie viel mittler-

weile für dieses Gebiet weiter geforscht und neu gefunden ist; aber

wofern nur das Buch in seinen Grenzen belassen Avurde, konnte es

dennoch in den Grundzügen bleiben was es war.

Ich meine hier

die im ganzen thatsächlich vorhandenen Grenzen und die thatsächlich

vorhandene Art des Buches, aus welchem niemals jemand genaue

Aufschlüsse über das Entstehen des Griechischen aus einer hypo-

thetischen Ursprache begehrt hat, sondern lediglich eine vollständige Übersicht dessen, was in dieser historisch bekannten Sprache that-

sächlich vorhanden war. Hieraus ergab sich, dass der Bearbeiter vor allem die seither bekannt gewordenen Thatsachen nachzutragen,

bezw. vermeintliche, seither als nicht wirklich erkannte Thatsachen zu entfernen hatte. Dieser Nachträge war allerdings eine sehr grosse

Zahl, und das Buch musste dadurch im Umfange beträchtlich wachsen was zu streichen war, kam gegenüber den Zusätzen wenig in Betracht.

Aber der Grundriss ist geblieben, nämlich das gesamte Schema und

die Einteilung nach den Teilen, Abschnitten, Kapiteln, Paragraphen,

so dass, wer an die frühere Auflage sich gewöhnt hat, hiernach sich

Vorwort.

IX

auch in der neuen zurechtfinden kann. Musste einmal ein Paragraph

umgestellt werden, so ist doch für eine möglichst geringe Störung in

der Folge der Paragraphenzahlen Sorge getragen. Bei der Unter-

abteilung in den Paragraphen war natürlich grössere Freiheit der

Abweichung gestattet.

Nun ist es ja freilich ganz augenscheinlich und bekannt, dass

der Verfasser dieser Grammatik weit entfernt gewesen ist, sich auf

die Sammlung der Thatsachen zu beschränken, dass er vielmehr auch die Gründe und Zusammenhänge derselben darzulegen sich bemüht hat, mit Hülfe der vergleichenden Sprachwissenschaft, wie sie damals

vorlag. Das unterscheidet eben die Kühnersche Grammatik von den

früheren und auch von der Krügerschen, in welcher von dem Di-

gamma selten,

von dem Jod nie die Rede ist;

es

ist diese letztere

eine Grammatik des Griechischen wie es thatsächlich vorliegt, während

Kühner frühere, historisch nicht erreichbare Stufen mit einbezieht. Gemäss diesem Prinzipe hätte ich jetzt z, B. der Nasalis sonans einen

Paragraphen widmen können, und manche werden dergleichen in

der neuen Auflage erwarten und werden überrascht sein, wenn sie

nicht einmal den Namen finden.

Ich habe sogar manches getilgt,

was bei Kühner an Spekulationen über indogermanische Ursprache Aufnahme gefunden hatte, und habe auch diesen Namen vermieden

und nichts als die Namen des Sanskrit, Zend und der anderen that-

sächlich bekannten Sprachen stehen lassen. Dass mein Prinzip dasselbe

sei wie das des Verfassers der Grammatik, behaupte ich also nicht;

die Gründe aber für die Annahme dieses Prinzips muss ich in Kürze

darlegen.

Die Aufgabe des Grammatikers besteht darin, die Thatsachen einer Sprache, soweit dieselben der grammatischen und nicht der

lexikalischen Behandlung anheimfallen, in geordneter und übersicht-

licher Weise vorzuführen. Dabei ergiebt sich von selbst oft ein Neben-

einanderstehen früherer und späterer Erscheinungen, und da wird der Grammatiker und werden seine Leser das Bedürfnis haben, die spätere

Erscheinung aus der früheren und aus gewissen Regeln oder Ein-

flüssen zu begreifen,

d. h. man sucht zu erklären, und dies hat so

grossen Reiz,

dass man gern weiter geht,

wenn

es sich thun lässt,

und auch die frühere Erscheinung zu erklären sucht.

Tsr/ou; ist aus

x£i)(£o; entstanden, durch Kontraktion, die ihre Regeln liat; xzv/zo;

selbst, in seinem Verhältnis zu -öi/o;, lassen Butt mann und Krüger

unerklärt,

aber

es

lässt

sich

doch erklären,

aus einem xsr/sa-oc,

welches im Griechischen selbst nicht vorliegt , aber mit Hülfe der

verwandten Sprachen gewonnen werden kann, samt der Regel, nach

welcher hieraus xsiysoc geworden ist.

Durch die Einführung der

X

Vorwort.

Konii T3r/£oo; ist der Grammatiker über sein historisch bekanntes

(iebiet hinausgef,'angen; aber der Beweis für die ehemalige Exisleqz

dieser Form ist so geschlossen, dass er einem Zweifel nicht Raum

lässt.

Vieles ist nun auf solche Weise mit Hülfe der verwandten

Sprachen erklärt und begriffen worden, was aus dem Griechischen

allein sich nicht begreifen Hess, und so

ist es gekommen, dass die

(hammatiker, die vergleichenden insbesondere, die Erklärung der

Formen als ihre Aufgabe, wohl gar als die Hauptaufgabe, ansehen.

Und doch ist dies keineswegs der Fall, nicht einmal für die ver-

gleichende Grammatik. Dieser kommt es zu zu vergleichen, d. i. das

Gleiche und das Verschiedene in den verwandten Sprachen zu er-

kennen, woraus sich dann die Erklärung der Form in der einzelnen

Sprache oft von selbst ergiebt, aber nicht immer, und wenn sie sich

nicht ergiebt, so hat doch der vergleichende Grammatiker durch die

richtige Vergleichung seine Aufgabe erfüllt. Ich betrachte es also nicht als die Aufgabe der vergleichenden Sprachforschung, das Ur-

indogermanische zu rekonstruieren, d. h. eine Sprache, die ganz und

gar Hypothese ist, und von der kein Mensch weiss, wann und wo

und von was für einem Volke sie geredet sein soll, ja auch von der

kein Mensch jemals das wissen wird.

Was geht uns eine derartige

Sprache als solche an? Doch ich verwehre es ja niemandem, auch

eine Grammatik des Urindogermanischen zu schreiben, wozu wir auf

dem besten Wege sind, und ein Lexikon dazu; persönlich nur habe

ich kein Interesse daran, und begehre nicht zu wissen, ob das Ur- indogermanische ein e und ein o gehabt hat oder bloss ein a, indem

ich völlig zufrieden bin mit der Erkenntnis, dass im Sanskrit das als

a erscheint, was im Griechischen teils a, teils e,

dieser Erkenntnis heraus verstehe ich nämlich, wie xaXo^ xaXa (xotXr))

/aXi xaXa eine einheitliche Deklination bildet, mit welcher wertvollen, dem Sanskrit verdankten Erkenntnis ich für das Griechische voll-

teils o

ist.

Aus

kommen genug habe.

Also, wenn bei

Kühner (in § 9) zu lesen

stand: der ursprüngliche A-Laut, der sich im Sanskrit in seiner

Reinheit erhalten hat," u. s. w., so fand ich in diesem „ursprünglich"

ein Überschreiten der gebotenen Grenzen, und wusste ausserdem,

dass es mit der Reinheit wenigstens des kurzen a im Sanskrit that-

sächlich nicht sonderlich bestellt sei; darnach musste ich Kühners

Ausdrücke ermässigen. Hieraus ergiebt sich auch sofort, weshalb

ich von der Nasalis sonans schweigen musste. Denn dies ist kein in irgend einer indogermanischen Sprache wirklich vorhandener Laut vom Lykischen rede ich nicht ; das Urindogermanische aber

mich nicht in Betracht; also blieb keine Möglichkeit der

kam für

Erwähnung. Dabei erkenne ich sehr wohl Brugmanns grosses Ver-

Vorwort.

XI

dass dem ä des

Griechischen in gewissen Fällen ein en im Lateinischen, ein un im

Germanischen u. s. w, mit grosser Regelmässigkeit entspricht; aber mit dieser Erkenntnis begnüge ich mich gern, und begehre nicht zu

wissen, ob, was bei Homer (ictato; lautet, in irgend einer höchst barbari-

schen Ursprache irgend einmal nsmvntos gelautet hat. Denn wenn ich das auch zu wissen begehrte : niemand könnte es mir verbürgen, und

den Wert der ard^xh. kenne ich aus Demosthenes ^) und anderswoher.

Sie schützt nämlich vor einem der schlimmsten Übel, der oo^o^ocpia.

Ich fürchte, unsere Jünger der Wissenschaft bilden sich nächstens

ein. Urindogermanisch zu können, indem sie ja in ihren Heften und

Büchern eine Unmenge davon schwarz auf weiss besitzen, und doch,

was ist das für ein Wissen? Ein Wissen wenn man das Wort so

missbrauchen soll von einem ^. hypothetischen Dinge , von dem Lehrer (wohl gemerkt: nicht dem Jünger selbst) auf hypothetischem

Wege gewonnen, keiner Verificierung durch Thatsachen jemals zu-

gänglich.

Ich halte es nicht für richtig, wenn in Handbüchern wie

der Brugmannschen Grammatik das „Indogermanische" durchaus als bekannte Sprache behandelt wird, in derselben Weise wie sonst

jemand vom Sanskrit oder vom Litthauischen redet.

Denn der

dienst,

indem uns durch ihn klar geworden ist,

Student, der das Buch benutzt, stellt somit unwillkürlich Indoger- manisch und Sanskrit als gleichermassen bekannt auf eine Linie,

und gewöhnt sich an eine ganz unheilvolle Vermischung von Hypo-

thesen und Thatsachen, während doch der weit- und tiefgehende Unterschied zwischen beiden allen denen, die eine Wissenschaft betreiben, stets vor Augen sein soll. Auch imponiert es mir nicht

sehr, wenn Brugmann in seiner Vorrede sich auf die Thatsache beruft,

dass sowohl in allgemeinen als in Einzelfragen gegenwärtig unter den

Linguisten eine so grosse Einhelligkeit bestehe wie nie zuvor.

Das

ist so zu sagen eine durch den Raum verbreitete Einhelligkeit, die

ihre Erklärung auch anderswoher als aus der Sicherheit der Erkennt- nisse findet; eine durch die Zeit, etwa durch ein halbes Jahrhundert

verbreitete würde mir mehr imponieren. Aber wer bürgt für eine

solche? Ich fürchte eher, es wird gehen wie es bei Dante-) heisst:

Gosi ha tolto l'uno all' altro Guido

La gloria della lingua, e forse e nato, Chi l'uno e 1' altro caccerä di nido.

Ich

bitte nun

sehr,

mich nicht

misszuverstehen.

Vor den

Leistungen der neuesten Sprachwissenschaft habe ich grossen Respekt,

1) Demosthenes 6, 24: ev M ti xoivJiv -fj 'j)63i; xiüv e'j

-fpovo'jvTujv sv aÜTfi

xIxTYjTai 9'jXaxTifjpiov , o iräoCv iaz

imozi'x. 2; Purgatorio 11, 97 ff.

d^'^iSöv

xai

c(oTVipiov. t{

o'jv ia-i

toÜTo;

XII

Vorwort.

und erkenne völlig die grosse Geisteskraft, die sich darin kund thut;

aber dieser Respekt kann bei mir den noch grösseren Respekt nicht

austreiben, den ich vor der in Angriff genommenen Sache, d. h. vor

Wenn wirklich die Wissenschaft den Ossa

auf den Olymp türmt, und darüber das Pelion, so ist das eine

gewaltige Leistung, aber sie erreicht damit den Ihmmel nicht. Des-

wegen eben sage ich, dass die Aufgabe des Grammatikers zunächst

die Darstellung des Thatsächlichen ist; zur Erklärung ist er nicht

verpflichtet, w^eil er nur einen Bruchteil erklären kann; also ist es

ein opus supererogatorium, wenn er einmal erklärt. Man sehe doch

die Dinge so an, wie sie wirklich liegen, und nicht wie man wünscht,

dass sie liegen möchten.

Ich höre, dass das Griechische unter allen

ihrer Schwierigkeit habe.

toten Sprachen die bestbekannte sei, namentlich auch weil wir

so viel von den Dialekten übrig, haben.

In dieser bestbekannten

Sprache also war es bis vor ganz

wie in

dem bestbekannten und vornehmsten Dialekte, dem Attischen, für

wir wussten, wir hatten gesehen" u. s. w. gesagt wurde. Bei Brug-

mann (S. 168) steht rjosi;i,£v als die eigentliche griechische Form, die

kurzer Zeit nicht sicher,

er aus r,-/rcto£a-[i.£v erklärt;

nach fjO£i|ji£v habe man auch -(fiei-z für

fjO£OT£ und -/^ööioav für -^oEa-av gesagt, wiederum aber auch nach y^oeaav

•:(]8£[jicv und -ffiBxz. Ich wünschte aber vor allen Erklärungen festgestellt

zu sehen, wann und von wem denn eigentlich tjO£1[j.£v gesagt ist, und wann

und von wem fjosfi-ev,

<