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Fassaden

Atlas

HERZOG

KRIPPNER

LANG

Institut für internationale Architektur-Dokumentation • München

Das Buch wurde erarbeitet am Institut für Entwerfen und Bautechnik, Fakultät für Architektur, Lehrstuhl für Gebäudetechnologie Technische Universität München www.gt.ar.tum.de

Autor

Thomas Herzog O. Prof., Dr. (Univ. Rom), Dipl.-Ing. Architekt Lehrstuhl für Gebäudetechnologie, TU München

Co-Autoren:

Roland Krippner Dipl.-Ing. Architekt (Modulare Ordnung; Beton; Solartechnik)

Werner Lang Dr.-Ing., M.Arch. (UCLA) Architekt (Glas; Kunststoff; Mehrschalige Gebäudehüllen aus Glas)

Wissenschaftliche Mitarbeiter:

Peter Bonfig, Dipl.-Ing. Architekt (Flächen - Strukturelle Prinzipien) Jan Cremers, Dipl.-Ing. Architekt (Außen- und Innenbedingungen; Metall) Andrés Reith, M.Sc.Arch. (Univ. Budapest), Gastwissenschaftler (Naturstein; Tonstein) Annegret Rieger, M.Arch. (Harvard University) Architektin (organisatorische Koordination; Holz) Daniel Westenberger, Dipl.-Ing. Architekt (Ränder, Öffnungen; Manipulatoren)

Studentische Mitarbeiter:

Tina Baierl, Sebastian Fiedler, Elisabeth Walch, Xaver Wankerl

Redaktion

Redaktion und Lektorat:

Steffi Lenzen, Dipl.-Ing. Architektin

Redaktionelle Mitarbeit:

Christine Fritzenwallner, Dipl.-Ing.

Susanne Bender-Grotzeck, Dipl.-Ing.; Carola Jacob-Ritz, M. A.; Christina Reinhard, Dipl.-Ing.; Friedemann Zeitler, Dipl.-Ing.; Christas Chantzaras, Manuel Zoller

Zeichnungen:

Marion Griese, Dipl.-Ing. Elisabeth Krammer, Dipl.-Ing.

Mitarbeit Zeichnungen:

Bettina Brecht, Dipl.-Ing.; Norbert Graeser, Dipl.-Ing.; Christiane Haslberger, Dipl.-Ing.; Oliver Klein, Dipl.-Ing.; Emese Köszegi, Dipl.-Ing.; Andrea Saiko, Dipl.-Ing.; Beate Stingl, Dipl.-Ing.; Claudia Toepsch, Dipl.-Ing.

DTP & Produktion:

Peter Gensmantel, Cornelia Kohn, Andrea Linke, Roswitha Siegler

Reproduktion:

Karl Dörfel Reproduktions-GmbH, München

Druck und Bindung:

Kösel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell

Fachbeiträge:

Winfried Heusler, Dr.-Ing. (Bauphysikalische Planungshinweise) Direktor Objekt-Engineering International, Bielefeld

Michael Volz, Prof. Dipl.-Ing. Architekt (Holz) FH Frankfurt/Main

Fachberatung:

Gerhard Hausladen, Prof. Dr.-Ing. (Ränder, Öffnungen) Institut für Entwerfen und Bautechnik Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik, TU München

Stefan Heeß, Dipl.-Ing. (Beton) Dyckerhoff Weiss, Wiesbaden

Reiner Letsch, Dr.-Ing. M.Sc. (Kunststoff) Lehrstuhl für Baustoffkunde und Werkstoffprüfung, MPA Bau, TU München

Volker Wittwer, Priv. Doz. Dr. (Solartechnik) Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme, Freiburg

Herausgeber:

Institut für Internationale Architektur-Dokumentation GmbH & Co. KG, München www.detail.de

© 2004, erste Auflage

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Ver­ vielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugswei­ ser Verwertung, Vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Wer­ kes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetz'ichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils gel­ tenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungs­ pflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmun­ gen des Urheberrechts.

Inhalt

Impressum

 

4

Inhaltsverzeichnis

5

Vorwort

 

6

Hülle, Wand, Fassade - ein Essay

8

Teil A

Grundlagen

16

1 Außen-und Innenbedingungen

18

2 Allgemeine Konstruktionsgrundlagen

 

2.1 Flächen - Strukturelle Prinzipien

26

2.2 Ränder, Öffnungen

38

2.3 Modulare Ordnung

46

3

Bauphysikalische Planungshinweise

52

Teil B

Gebaute Beispiele im Detail

60

1 Materialspezifische Konstruktionen

 

1.1 Naturstein

62

1.2 Tonstein

82

1.3 Beton

100

 

1.4 Holz

124

 

1.5 Metall

154

1.6 Glas

182

1.7 Kunststoff

210

2 Sonderthemen

 

2.1

Mehrschalige Gebäudehüllen aus Glas

232

2.2

Manipulatoren

258

2.3

Solartechnik

286

Teil C

Anhang

Verordnungen, Richtlinien, Normen

312

Abbildungsnachweis

314

Personenregister

317

Sachregister

318

Vorwort

Rund 30 Jahre nach Erscheinen des ersten Konstruktionsatlasses liegt nun ein solcher über Fassaden vor. Über Jahrhunderte konzentrierten sich die gestalterischen Leistungen der Architekten schwerpunktmäßig auf die Erarbeitung wohl gelungener Ansichtszeichnungen von Bauten - was oft Gegenstand heftiger Kontroversen über Fragen des zu wählenden Stils war oder auch Medium der Vermittlung neuer künstle­ rischer Positionen.

Dass Fassaden heute wieder zunehmend in den Blick gerückt sind, hat eine Ursache sicher in der wachsenden Bedeutung, die die Außen­ wände im Zusammenhang mit Fragen des Energieverbrauchs einnehmen sowie mit den Möglichkeiten Umweltenergie zu nutzen. Dazu kommt - meist kontrastierend - die Suche nach Selbstdarstellung und »Adressenbildung« sol­ cher Auftraggeber, denen die »Verpackung« ihrer im Innern oft banalen Bauten längst zum Ersatz für qualitätvolle Architektur wurde. Die boomenden asiatischen Metropolen zeigen dies überdeutlich.

Was den Aufbau des Buches angeht, so orien­ tiert sich die Folge der einzelnen Kapitel an einer sinnvollen Vorgehensweise bei Entwurf und Entwicklung einer Fassadenkonstruktion. Solche Aspekte, die für die Außenwand von Gebäuden generell gelten - also die an sie gestellten Anforderungen, ihre prinzipielle Funktionsweise oder ihren konstruktiven Auf­ bau betreffen - sind abgelöst von den Beson­ derheiten des Einzelfalles. Entsprechend handelt es sich nicht nur um eine Sammlung unterschiedlicher Bauten, was Standort und Kontext, Typus und Technik betrifft. Vielmehr sind die Spezifika nach den unterschiedlichen Werkstoffen für das Wandmaterial bzw. das ihrer Bekleidung sortiert.

Der erste Teil befasst sich mit den von innen heraus formulierten Anforderungen an eine Fassade, die sich aus dem Nutzungstyp des Gebäudes ableiten. Zwangsläufig werden diese konfrontiert mit den je nach Region natürlich sehr unterschiedlichen lokalen kli­ matischen Bedingungen. Aus dieser Gegen­

überstellung ergeben sich die funktionalen Anforderungen an die jeweilige Außenwand. Diese sind dann in Summe als Aufgabe formu­ liert und zunächst lösungsoffen. Entsprechend wird in diesem Teil auf die Darstellung von Ausführungsdetails verzichtet. Die maßgeb­ lichen Aussagen erfolgen in Bildform über Dia­ gramme und schematische Darstellungen zur Morphologie von Flächen und Öffnungen. Zudem steht die Hülle des Gebäudes in unmit­ telbarer Wechselwirkung mit den anderen Sub­ systemen: Tragwerk, Raumunterteilungen und technische Gebäudeausrüstung. Die hier bestehenden oder zu definierenden Wechsel­ wirkungen bedürfen bei jedem baulichen Sys­ tem der geometrischen Koordination im Raum. Die maßlichen und modularen Bedingungen und die Proportionen müssen geklärt werden, damit das Gebäude überhaupt als Ganzes ent­ wickelt werden kann. Führt man die genannten Aspekte zusammen, so hat man die Vorgaben für die materielle Umsetzung aus den zu wäh­ lenden Werkstoffen und Konstruktionsweisen erfasst.

Werden nun die Materialien und die zu ihrer Herstellung nötigen Technologien für die Aus­ formung der weiteren Einzelheiten maßgeblich, so sind die physikalischen, stofflichen, montagebedingten und ästhetischen Spezifika aufeinander abzustimmen. Aus diesen Zusammenhängen leitet sich der Aufbau des zweiten Buchteils ab: Die hier wie­ derum allgemein zu betrachtenden Kapitel sind von den Beispielen abgetrennt und ihnen vor­ angestellt. Sie beginnen jeweils mit einem kur­ zen zivilisationsgeschichtlichen Exkurs in die historische Verwendung der jeweiligen Materia­ lien und ihre werkstofflichen Spezifika. Dass wir hierbei den Bereich der Materialanwendung zunächst nicht auf Baukonstruktionen beschränken, hat den einfachen Grund, dass Technologie im Zuge der Entwicklung von Zivi­ lisation auf ganz unterschiedliche Weise als Wechselwirkung mit den Werkstoffen entstand und Erstanwendungen häufig in ganz anderen Gebieten erfolgten. Die Bedeutung von Stein, Keramik und Metall beispielsweise reicht soweit, dass diese ganze Kulturepochen namentlich bezeichnen. Auch heute geschieht

ein wesentlicher Teil technischer Innovation im Bauwesen und gerade auch bei modernen Fassadenkonstruktionen durch den Transfer von Technologien aus ganz anderen Sektoren. Dies gilt für viele Bereiche wie z. B. Umform­ technik, Oberflächenbehandlung, Robotik u. a. Daran schließt die auf Materialien bezogene Auswahl von realisierten Beispielen an, die Ein­ blick in das Spektrum der Möglichkeiten geben und zum Weiterentwickeln anregen sollen. Dass dies grundsätzlich über die Zeichnungen der maßgeblichen Fassadendetails mit Erläute­ rungen durch Legenden erfolgt, orientiert sich an der bei Architekten üblichen Informations­ vermittlung über dieses Medium.

Ausgewählt wurden sowohl neue Projekte, die interessante Ausführungsformen ihrer Fassa­ den aufweisen, als auch »Klassiker«, die ihrer architektonischen Qualität wegen nach wie vor Maßstäbe setzen und im Hinblick auf das Detail auch im Zusammenhang mit der Arbeit inner­ halb bestehender älterer Bausubstanz da und dort für Architekten und Ingenieure von prakti­ schem Wert sein mögen. Die Darstellung der Projekte selbst zeigt nicht Bauten als Ganzes, sondern es erfolgt eine Beschränkung auf ihre Fassaden, weshalb neben den Architekten nur selten weitere Mitar­ beiter bei den Projekten genannt sind, und auch Fachingenieure nur dann, wenn sie an den Fassadenkonstruktionen maßgeblich mit­ gewirkt haben.

Bei den konstruktiven Details wird man manch­ mal feststellen, dass von den in Deutschland üblichen Lösungen oder technischen Regeln abgewichen worden ist, was bei einem Buch mit internationalen Beispielen gerechtfertigt erscheint. Gelegentlich mag der Wunsch entstehen, nähere Kenntnis über ein gezeigtes Projekt zu erhalten. Hierfür dienen die weiterführenden, mit »CP« angegebenen Literaturhinweise.

Sicherlich kann man einen Wert darin sehen, wenn sich Bauten als technische Großgegen­ stände nicht als diffiziles, eventuell kaum hand­ habbares und aus vielerlei Komponenten bestehendes System darstellen, sondern in

lapidarer Weise einfach, gleichermaßen kraftvoll wie sensibel gestaltet sind. Doch hat die Ent­ wicklung der letzten Jahrzehnte mit den enorm gestiegenen Anforderungen an die Gebäude­ hülle als Folge zu mehrschichtigen Konstruktio­ nen geführt, bei denen jede einzelne Lage spezifische Funktionen übernehmen muss. Dies ist inzwischen durchgängiges Merkmal moderner Konstruktionen in fast allen Werk­ stoffen. Über die materialspezifischen Konstruk­ tionen hinaus werden daher auch Sonderthe­ men von Fassadenkonstruktionen behandelt.

Ein Jahrhunderte altes Prinzip zur Veränderung und individuellen Beeinflussung der Durchläs­ sigkeit von Fassadenöffnungen - sei es aus Gründen des Energiehaushalts, des Innenraum­ klimas, der Lichtverhältnisse oder der Sicherheit -w ird unter der Rubrik »Manipulatoren« in neuer Aktualität in vielfacher Variation abgehandelt. Die im vergangenen Jahrzehnt erfolgte Verbrei­ tung von mehrschaligen oder Doppelfassaden bedarf nach unserer Auffassung eigener Erwäh­ nung und Darstellung, weil noch große Unsi­ cherheit bei Entwurf und Planung besteht und man leider nicht selten eher einem modischen Trend folgt, anstatt die prinzipiellen Vorteile richtig zum Einsatz kommen zu lassen. So wer­ den häufig grundlegende Fehler gemacht, da die konstruktiven und energietechnischen Zusammenhänge sowie die einzelnen Varian­ ten, die für die Ausführung verfügbar sind, nicht genügend bewusst sind. Auch die Integration von direkt und indirekt wir­ kenden solaren Systemen in die Gebäudehülle ist nach wie vor für viele Neuland und die geglückte Verbindung aus Gebrauchswert, technisch-physikalischer Funktion sowie gestal­ terischer und konstruktiver Bewältigung nach wie vor eher die Ausnahme - obwohl erste Pio­ nieranwendungen schon Jahrzehnte zurück­ liegen.

Wir danken allen Personen, Institutionen, Archi­ tekten, Fotografen und Firmen, die unsere Arbeit durch kompetente Mitwirkung unterstützt haben.

München, im Frühjahr 2004 Thomas Herzog

Hülle, Wand, Fassade - ein Essay

1 Moldau Kloster, Sucevita (RO) 16. Jh.

Hülle, Wand, Fassade

Dieses Buch über Fassadenkonstruktionen hat seinen Schwerpunkt im funktionalen und technischen Bereich. Dennoch sollen einige Betrachtungen vorangestellt werden, die darüber hinausgehen und mit denen versucht wird, das sehr komplexe, kulturspezifische Thema, das ja auch die Wahrnehmung von Architektur unmittelbar betrifft, in weitere Zusammenhänge ansatzweise einzubinden.

Die schützende Hülle

Die Hülle von Gebäuden mit ihrer Funktion als Schutz gegen Witterung und gegen Feinde sowie zur Unterbringung von Vorräten stellt den ersten und wichtigsten Grund zum Bauen dar. Im Gegensatz zu Bauwerken wie Brücken, Türmen, Dämmen oder Kränen enthalten Gebäude Räume, deren Entstehen und Nut­ zung als wesentlicher Teil der menschlichen Zivilisation in eng mit dem Klima zusammen­ hängenden Notwendigkeiten zu sehen sind.

Das zeigt sich schon darin, dass man sich dafür in solchen Regionen auf geringen Auf­ wand beschränken kann, wo die außenklima­ tischen Bedingungen mit den von Menschen als behaglich empfundenen Umweltbedingun­ gen weitgehend korrespondieren. Je mehr aber äußeres Klima und innere raumklimatische Ansprüche auseinander liegen, desto größer wird der erforderliche technische Aufwand, um den Notwendigkeiten für den Aufenthalt im Innern zu entsprechen.

Entwicklungsgeschichtlich steht daher über lange Zeiträume hin zunächst die Suche nach für Mensch und Tier geeigneten, schon existie­ renden Räumen, wie dies z. B. Höhlen in der Erde, im Fels oder in sehr dichten Vegetations­ massen bieten - geschützte Orte also, wo sich zum Überleben taugliche Bedingungen fanden (Abb. 2).

Mit dem Sesshaftwerden wird Raum durch Nutzung Vorgefundener Materialien in Verbin­ dung mit einem entsprechenden Bauvorgang künstlich erzeugt. Überdachung und Außen­ wände entstehen. So wird die Außenseite der gebauten Räume bedeutsam, die nun vielfache Funktionen übernehmen muss, die in erster Linie dem Witterungsschutz dienen (Abb. 3).

Die in der Natur existierende, Hohlräume umgebende Masse an Stein oder Erde ist nun reduziert auf eine relativ dünne Schicht, die als vom Menschen gemachte Konstruktion ent­ steht. Das Gebäude hat jetzt gleichermaßen eine Innen- und Außenseite.

Der Begriff »Außenwand« kennzeichnet dabei in seinen Bestandteilen sowohl die Lage, näm­ lich »außen«, als auch den Charakter dieses baulichen »Subsystems«, den der Wand. Wände sind aber in der Geschichte der bauli­ chen Konstruktionen - jedenfalls bis ins

3

2 Höhlenwohnung

3 Außenwand aus örtlichem Naturstein, Auvergne (F)

20. Jh. - im weit überwiegenden Maß nicht nur Raumbegrenzung, sondern auch wesentlicher Teil des Tragwerks (indem sie die auftretenden Nutzlasten, ihr Eigengewicht und das der auf ihnen lastenden Decken sowie die Windkräfte über die aussteifende Wirkung des massiven Aufbaus in die Fundamente einleiten). Daher assoziiert man mit dem Begriff der Wand, zumal der Außenwand, auch das Stabile, Robuste, meist Schwere, ja sogar Abweisende, Privates und Öffentliches Abtrennende und auf diese Weise das Wesen des Gebäudes nach außen hin vorrangig Bestimmende.

Die äußere Oberfläche entsteht nun zusätzlich als Pendant zu den längst als maßgebliches Kommunikationsmedium genutzten Innenober­ flächen (wie z. B. im Fall der Höhlenmalereien). Sie dient fortan auch als Bildträger für profane und sakrale gesellschaftliche Strukturen und zur Vermittlung von Werthierarchie und Macht­ anspruch.

Hülle, Wand, Fassade

4 Bauerhausmuseum, Amerang (D)

5 Majolikafries am »Ospedale del Ceppo«, Pistoia (I)

6 Alhambra, Granada (E)

7 Dom, Lucca (I) 12. (-15.) Jh.

8 Casa Batllö, Barcelona (E) 1906, Antoni Gaudí

Material und Konstruktion

Der zwischen den äußeren Wänden geschaffe­ ne Raum hat nun die Ansprüche und Funktio­ nen für den Gebrauch und Komfort zu erfüllen. Um dies zu erreichen, müssen die lokalen Bedingungen und gestellten Anforderungen näher erfasst, beeinflussbar und dann durch geeignete konstruktive Mittel erfüllbar werden.

Das technische Resultat entsteht im Kontext von Materialien, Konstruktion, Fügungen, den Abläufen der Herstellung, aber auch aus Ansprüchen, die aus der Gravitation und ande­ ren äußeren und inneren physikalischen Ein­ flüssen und Gegebenheiten resultieren. So spiegeln die Hüllen von Gebäuden die Entwick­ lung der Technologien einer Region und damit einen wesentlichen Teil der jeweiligen lokalen Kultur wider. Die Entscheidung für ein bestimmtes Material etwa kann sich also nicht nur auf Beanspru­ chungen gründen, die von außen oder innen kommen, sondern es müssen die Regeln berücksichtigt werden, die sich auf den Her­ stellungsprozess der jeweiligen Gebäudehülle beziehen. Dabei bestimmen nicht allein die ein­ zelnen Nutzungsanforderungen die Ausbildung der Fassade, sondern diese muss immer im Zusammenhang mit den Fragen der Fügung, der Konstruktion und damit der technischen Umsetzung im baulichen Gesamtsystem, der materiellen Gesetzmäßigkeit und geometri­ schen Ordnung betrachtet werden (Abb. 4). Vor allem auf diesem Feld muss die professio­ nelle Kompetenz eines Architekten in seiner Rolle als »Baumeister« gesehen werden, denn er allein kennt alle Zusammenhänge und die vielfachen Wechselbeziehungen innerhalb und zwischen der architektonischen Komposition und der konstruktiven Logik.

Die Gestalt

Außenwände werden im allgemeinen Sprach­ gebrauch auch als »Fassaden« bezeichnet, wodurch nun gegenüber den genannten Grundfunktionen von Witterungsschutz und Bestimmung des Raumklimas ein anderenr Aspekt in den Vordergrund rückt: der der Wahrnehmung des Baus über sein »Gesicht«, abgeleitet auf dem Umweg über das französi­ sche »façade« vom lateinischen »facies«. Gemeint ist also etwas Gebautes, das in seine Umgebung »hineinschaut« bzw. von dort aus als erste und maßgebliche semantische Bot­ schaft wahrgenommen wird [1 ]. Oberflächen, die von Menschen gestaltet sind, haben stets auch als Informationsträger gedient. Abgebildet wurde, was das soziale Leben, was transzendente und religiöse Projek­ tionen bestimmte, was Ziel oder Bericht war:

Verehrung der Gottheit, Jagd oder Rituale, Kampf, Vermählung, Beute und Tod - lange bevor Schrift als abstrakte Form der Vermitt­ lung verfügbar war (Abb. 5).

Die Qualitäten der Außenoberflächen sind in ihrer Bildwirkung ähnlich zu sehen wie die der erwähnten inneren Oberflächen hinsicht­ lich grafischer Merkmale, Strukturen, Farb­ gebungen, Gravuren und Reliefs, Mischun­ gen von Informationen aus Schrift, Bild und Materialwirkung. Das ganze Spektrum wurde im Lauf der Geschichte in Bildform sichtbar - »der Schauer des Kreatürlichen und das Schauerliche des Todes« [2].

Man erzeugt erstmals Baukörper mit diffe­ renzierter eigener Gestalt, von außen auch in unterschiedlichen Einzelheiten wahrzuneh­ mende dreidimensionale Objekte, die im Vergleich zur reinen Wandfläche weitere Merkmale aufweisen, beispielsweise durch räumliche Proportionen, Volumen und beides in Relation zur vorhandenen Umgebung.

Wie sich gebaute Wände mit zunehmender Verfeinerung der Konstruktion differenzieren, so geschieht Analoges im Bereich der Öff­ nungen. Auch hier dominieren zunächst die Funktion und die technische Lösung ihrer Überbrückung in der Wand durch Sturz und Bogen aus gleichem oder anderem Material. Anforderungen an maximalen Lichteinlass bei minimaler Apertur durch seitliches Anschrägen der Leibung von innen und außen, Lichtbrechung, Sichtschutz und Dosierung von Lüftung durch vor- oder ein­ gesetzte Elemente werden durch die Art ihrer Ausformung und gestalterischen Über­ höhung maßgebliche Bestandteile der archi­ tektonischen Gesamtwirkung (Abb. 6).

Wie für die Wände, so finden auch für die Ausstattung der Öffnungen mit starren oder beweglichen Teilen lokale Materialien vielfa­ che Anwendung. Es entstehen regelrechte Preziosen, deren Seiten und Flächen mit enormem Aufwand gestaltet sind. Ein grandioses Wechselspiel von Wand und Öffnung ergibt sich bei der Komposition mehrlagiger Frontfassaden, wie sie bei­ spielsweise an den Domen in Lucca und Ferrara durch den Aufbau räumlicher Tiefe und plastischer Ausformung aller Einzelhei­ ten erreicht wird (Abb. 7).

Im Zuge dessen entstehen im Bereich der Fassade zusätzliche Wirkungen, die sich aus der Überlagerung oder Durch­ dringung, aus dem Wechsel der Exposition von Objekten ergeben. Es kommt zu unter­ schiedlichen oder wechselnden Helligkeiten, Licht-Schatten-Effekten auf dem Gesamt­ volumen und auf seinen Teilen. Der Bereich stereometrischer Ordnungen wird verlassen zugunsten freier Formentwicklungen, es erfolgt Wechsel von gerundeten, einsinnig und gegensinnig gekrümmten Flächen im Verhältnis zu ebenen Bereichen, die liegend, stehend, oder geneigt, gefaltet, oder mit anderen Untergliederungen ausgeformt sind (Abb. 8).

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Hülle, Wand, Fassade

Hülle, Wand, Fassade

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Das sozio-kulturelle Umfeld

Zentralen Einfluss auf die Gestaltung der Gebäudehülle haben außerdem die lokalen Gegebenheiten, die Art der Gesellschaft, die in einer bestimmten Region lebt, ihre Geschichte und Ethnographie, ihre weltan­ schauliche Ausrichtung, das örtliche Klima (das schon auf kurze Distanz differieren kann) oder die Verfügbarkeit lokaler Ressour­ cen.

Solche Zusammenhänge beeinflussen regio­ nale oder lokale Kulturen im Kern dessen, was Gesellschaften charakterisiert, sie stabili­ siert, was Orientierung gibt und Basis ziviler Konvention ist. Koexistenz verlangt kulturelle Vereinbarungen. Auch das Erscheinungsbild von Gebäuden vermittelt sie als Zeitdoku­ ment auf Dauer [3]. Vor solchem Hintergrund haben die Außen­ seiten der Gebäude besondere Bedeutung, die über die Wirkung des Einzelgebäudes weit hinausgeht, denkt man an die Dimension von Straßenfronten, an Plätze oder Quartiere. Hier bestimmt die Summe der Außenwände den öffentlichen Raum.

Die Charakteristik der Fassaden bezüglich Materialwirkung, Farbe, Proportionen, Volumen und bildhafte Informationen signalisiert, wel­ che Funktion die Dinge haben bzw. welche Bedeutung ihnen beigemessen wird.

Es besteht jedoch auch die Gefahr, dass durch willkürliche Applikationen oder Verfrem­ dungen Häuser neue semantische Bedeutung erhalten, was dazu führen kann, dass sie von ihrem Wesen entfremdet werden und dabei jede »Würde« verlieren - sei es, dass dies aus überzogener Toleranz gegenüber präpotenter Selbstdarstellung geschieht, sei es als Folge falscher Zielsetzung. Dies spricht nicht gegen rein modische Ausstattungen innerhalb von temporären Inszenierungen, wenn man dabei an Kunst­ formen denkt, bei denen Zeitablauf oder Zeit­ begrenzung ein Merkmal ist, wie bei einem Theaterstück, bei Oper, Ballett oder Film. Bestimmen sie aber Architektur, so kommt es leicht zur Destabilisierung ästhetischer Identität, es kann sogar die Orientierung am kulturellen Zeugnis verloren gehen.

Gleichwohl darf die optische Wirkung nicht innerhalb eines geschlossenen Kanons bewertet werden. Denn das würde bedeuten, dass Kultur im Grunde dann vorherrscht, wenn sie eingefroren ist, sich also nicht mehr weiterentwickelt. Deswegen ist es ein Merkmal kultureller Pro­ zesse, dass man mit tradiertem baulichem Bestand schöpferisch umgeht (Abb. 12).

Das Bewusstsein um die Bedeutung der Außenseite eines Gebäudes in ihrer Wirkung im öffentlichen Raum sollte aber als wesentli-

eher, auf die Kommunikation in einem Gemein­ wesen setzender Aspekt gesehen werden. Wer ein Bauwerk errichtet, teilt nach außen hin anderen mit, was seine eigenen Absichten sind, und kennzeichnet damit die eigene Identität, wie er auch das Maß der gewollten Zuordnung oder Einordnung in einen existie­ renden räumlichen und baulichen Kontext bestimmt. An dessen Weiterentwicklung ist man demnach in der Regel auch als Architekt beteiligt [4].

Wie sehr man in der Renaissance im Zuge des aufblühenden Humanismus und damit der wachsenden Wertschätzung des geistig unab­ hängigen Individuums die Wirkung der Außen­ wände als »Schauwände« betonte, zeigen zahlreiche Beispiele (z. B. Abb. 10). Noch gesteigert wird dies im Barock: In der Regel werden diese zum davor liegenden Straßen­ oder Platzraum orientierten Fassaden im Gegensatz zu den übrigen Außenseiten mit gestalterisch großem Aufwand unter Einbezie­ hung edler Materialien und bedeutsamer künstlerischer Mittel fast losgelöst vom Bau­ körper als Ganzes zur anspruchsvollen Groß­ kulisse. Viel mehr als technische oder utilitaris­ tische Aspekte spielt dabei die Fassade als Medium für die architektonische Wirkung eine zentrale Rolle. Die Außenwand wird zum Bild­ träger unter Einbeziehung von Relief, Skulptur, Malerei, Mosaik und Schrift, wo alle primär funktionalen Teile Gegenstand höchster deko­ rativer Ausformung werden (Abb. 9).

Heutige so genannte Medienfassaden, wie sie weltweit durch die Integration neuer Gestal­ tungsmittel und Kommunikationstechnologien möglich werden, die in transparenten und transluzenten Glas- und Membranflächen gra­ fische und farbliche Wirkungen neuer Art zei­ gen, stehen in der Tradition dieser Gebäude­

hüllen als Bildträger. Wie sehr dieser Wandel zu Kontrasten, ja zur Denaturierung führen kann, zeigt das Beispiel aus London (Abb. 11), bei dem sich zwei ursprünglich analoge bauliche Volumina gegenüberstehen. Sobald das in der Helligkeit konkurrierende Tageslicht hinreichend abnimmt und künst­ liches Licht dominieren kann, sind elektro­ nisch gesteuerte LEDs und Videos längst die ästhetisch bestimmenden Faktoren von auf der Außenseite der Gebäude erfolgender Informationsvermittlung und architektonischer Wirkung (Abb. 13).

Wenn bei den historischen Vorläufern die ein­ gesetzten Materialien und ihre grafische oder skulpturale Gestaltung zur Gänze die Wirkung der Fassade bestimmten, so intensivieren sie die Wahrnehmung gegenüber dem Gebäude selbst. Dessen eigene, originäre Bestandteile waren hierfür Ursache. Anders wenn die nicht gegenständliche semantische Botschaft über ein nicht selbst gestaltetes neutrales Medium wie ein Computerprogramm und Projektions­ technik transportiert wird. Über die variable Software besteht dort völlige Unabhängigkeit bezüglich der dargestellten Inhalte und weit­ gehend auch bezüglich der Form ihrer Prä­ sentation. Die solchermaßen äußerst intensive, von ständiger Abwechslung lebende Wirkung bei Fassaden ist Hauptursache für den Attraktionswert dieses städtischen Raumes. Diese Art Fassade stetiger Veränderung durch Integration immer wieder neuer Techno­ logie zeigt sich etwa am Times Square in New York - eines unter zahllosen Beispielen. So entsteht ein völlig neuer, über andere Medien wirksam werdender intensiver kultureller Bezug, bei dem die ästhetische Bedeutung der Gebäudefassade selbst in den Hinter­ grund tritt (Abb. 13).

Hülle, Wand, Fassade

12

9 Straßenzug mit bemalter Fassade, Trento (I)

10 San Giorgio Maggiore, Venedig (I) 1610, Andrea Pal- ladio

11 Picadilly Circus, London (GB)

12 Alt - Neu, Übergang im Detail

13 Times Square, New York (USA)

Fassadeninstallationen

In der europäischen Bautradition sind gebäu­ detechnische Anlagen als funktional wichtige Elemente auf vielfache Welse in Außenwände integriert: als Heizungskamine wie im Fall des südenglischen Wells, wo sich die gemauerten Außenwände als Rauchabzüge signifikant nach oben fortsetzen und in Europas erster Reihenhaussiedlung aus neuerer Zeit charak­ teristischer Bestandteil des Straßenbildes werden (Abb. 14).

Alltäglich ist die Anordnung von Radiatoren oder Konvektoren unter Fenstern auf der Innenraumseite oder - in heißen Klimaten - von dezentralen Raumklimageräten auf der Gebäudeaußenseite. Dass die Auflagerkon-

Hülle, Wand, Fassade

solen solcher technischer Geräte auch in ele- mentierte Fassaden konstruktiv elegant ein­ zubinden sind, zeigt das Beispiel des Halb­ leitermontagewerks in Wasserburg am Inn (siehe S. 168f.)

Vor allem um Innenräume großflächig freizu­ halten, wie dies bei Produktions- und Ausstel­ lungshallen gefordert ist, werden auch große Lüftungskanäle im Fassadenbereich ange­ ordnet. Dies wurde als technisches Motiv in expressiver Weise und in großer Dimension beim Centre Pompidou in Paris (Renzo Piano, Richard Rogers, 1977) zum maßgeblichen architektonischen Ausdrucksmittel (Abb. 15). In ähnlicher Welse liegen die raumlufttechni­ schen Anlagen beim Sainsbury Centre of Visual Arts (siehe S. 172f.) an der Gebäude­ peripherie - dort allerdings zwar in Teilen durch Verglasungen von außen sichtbar, aber auf Dauer wirkungsvoll gegen Witte­ rungseinflüsse geschützt. Dass solche weit­ gehend aus dem Bereich des Maschinen­ baus kommenden Elemente als wesentliches bauliches Subsystem und geradezu pro­ grammatisch in den »Schauseiten« von Gebäuden eingesetzt werden, stellt einen Paradigmenwechsel dar [5]. Deren Bedeu­ tung im Zuge der Erzeugung eines künst­ lichen Gebäudeinnenklimas bei wachsender Unterstützung durch Energiezufuhr - und Abhängigkeit davon - ist indessen gerade aus heutiger Sicht wegen dieser Abhängig­ keit zu überprüfen. Die betreffenden (groß-) technischen Installationen sind jedoch nach wie vor sinnvoll, wenn sie - wie beispielswei­ se durch den verstärkten Einsatz erneuerba­ rer Energien - auch nach Kriterien der Res­ sourcenschonung verantwortbar sind. Ihre baukonstruktive Desintegration von Tragwerk

und schützender Gebäudehülle ist allemal schon aus Gründen der leichten Zugänglich­ keit, Wartung und Erneuerbarkeit zweckmäßig.

Verzichtet man auf installierbare Hohlräume in Decken und Böden, um die Masse der tragen­ den Bauteile thermisch aktivieren zu können, und sollen gleichwohl - wie im Verwaltungsbau die Regel - Innenwände auf Dauer versetzbar sein, so muss die Außenwandkonstruktion geeignete Einrichtungen zur Verteilung und für die Zugänglichkeit von Stark- und Schwach­ stromleitungen sowie für die Versorgung mit Kälte, Wärme und Luftaustausch enthalten. In jüngerer Zeit werden zunehmend kleine, dezentrale Fassaden-Lüftungsgeräte entwi­ ckelt, welche zur Minderung von Lüftungs­ wärmeverlusten als Gegenstromanlagen aus­ gebildet sind und so Wärmerückgewinnung in der Heizperiode effizient sicherstellen.

Bei den Neubauten der ZVK in Wiesbaden (siehe S. 282f.) ist dies durch einen Brüs­ tungskanal, Installationsschränke, integrierte Evolventenleuchten, Kleinkonvektoren in allen Büroachsen und steuerbare Lüftungswalzen mit dahinter liegender Prallplatte verwirklicht.

Ganz andere, auf natürliche, organische Wir­ kungen setzende Effekte, solche die das Mikroklima an Fassaden beeinflussen, lassen sich mit dem gezielt funktionalen Einsatz von Vegetation erreichen (Abb. 16). Pflanzen haben, was Staubbindung, Feuchtehaushalt Verschattungswirkung und natürliche Kühlung angeht, gelegentlich - zumal in heißen Jahres­ zeiten und in südlichen Regionen - erhebliche Wirkung im Sinne natürlicher Kühlung. Hier kann sich also Funktionalität mit ästhetischer Absicht überzeugend verbinden [6].

Altern

Geht man davon aus, dass ein Gebäude ab dem Zeitpunkt seiner Fertigstellung Teil der Baugeschichte ist, so stellt sich die Frage nach dem Alterungsverhalten unmittelbar, speziell was das äußere Erscheinungsbild, also die gegenüber der Bewitterung am meisten expo­ nierte Gebäudehülle betrifft.

Sie ist auf Dauer vielfachen Beanspruchungen ausgesetzt, mit der Folge, dass es im Laufe der Zeit nicht nur zu technisch und funktional rele­ vanten Veränderungen kommt, sondern auch zu Veränderungen im Erscheinungsbild.

Es gibt Fassaden, die verrotten, verkommen, »schäbig« werden, die wegen ihrer Konstrukti­ onsweise und Materialwahl schlecht altern. Und es gibt andere, die so gut wie gar nicht altern, was mit den gleichen, nämlich techni­ schen Kriterien zusammenhängt. Gläser bei­ spielsweise, u. U. seit Jahrhunderten einge­ baut, sind vielleicht in ihrer Oberfläche leicht angegriffen, haben sich aber in ihrer stofflichen und ästhetischen Charakteristik wenig verän­ dert.

Schließlich gibt es Materialien, die schon inner­ halb kurzer Zeiträume trotz starker Verände­ rung auf akzeptable Weise altern und die dabei möglicherweise sogar schöner werden. Hier spricht man von Patinierung (Abb. 17). Den Gebrauchswert verlieren sie nicht, ebenso wenig die technische Tauglichkeit (etwa weil Teile faulen oder Querschnitte als Folge von Korrosion zu dünn werden).

Zur gestalterischen und technischen Konzep­ tion und Ausarbeitung von Fassaden gehört es

also auch sicherzustellen, dass sie qualitätvoll altern können, ohne ihren Wert zu verlieren. Die allgemeine Bereitschaft in der Gesell­ schaft, solche ästhetische Veränderung zu akzeptieren, ggf. im Sinne baulicher Denkmä­ ler und kostbarer Einzelheiten hoch zu bewer­ ten, ist dann festzustellen, wenn Materialien aus ihrem natürlichen Zusammenhang heraus bekannt sind. Dies gilt z. B. für Stein, Kupfer und Bronze. Das charakteristischste Beispiel dafür dürfte aber Holz sein, das Menschen dort, wo es hei­ misch ist, in unzähligen Varianten von klein auf kennen, und von dem man weiß, dass es sich bezogen auf sein Aussehen nie in einem End­ zustand befindet, wie sich dies überzeugend am Beispiel des Erweiterungsbaus von Peter Zumthor in Versam (Graubünden, CH 1994) zeigt (Abb. 18).

Anmerkungen

[1] Dass dies nicht immer als positiver Effekt gesehen wird, zeigt sich allerdings auch an Redewendungen wie: »Alles nur Fassade«, was meint, dass die tatsächliche Qualität einer Person oder Sache nicht ihrem Auftreten nach außen hin entspricht. [2] Wortprägung nach Jochen Wagner, Evangelische Akademie Tutzing, TV-Sendung 02/2004

[3]

Dies stabilisiert psychologisch beide: Individuum und Gesellschaft. Das bauliche Umfeld bildet einen wichtigen »Prospekt« für das Bewusstsein von Zuge­ hörigkeit, Heimatgefühl und das Verständnis der

I

M

eigenen Identität. [4] In seinem Aufsatz »Zukunft bauen« schreibt Man­

fred Sack:«

Bauwerk ist eine öffentliche Angelegenheit - und zum Teufel mit dem Architekten, der sich damit leicht täte. Die Fassade gehört allen; nur was dahinter steckt, ist Sache derer, die damit zurechtkommen müssen. Und deshalb ist auch klar, dass die Fassa­

de nicht eine Angelegenheit der Kosmetik sein darf. Denn eine als schön empfundene Stadt ist, was

manch einer nicht vermutet, eine soziale, eine allge­

meine, eine politische Aufgabe «.In:

Sack, Manfred: Verlockungen der Architektur. Luzern

2003

jede Fassade, ach, viel mehr: jedes

[5] Dies erstmals wissenschaftlich grundlegend unter­ sucht zu haben, ist das Verdienst von Rudi Bau­ mann, der im Rahmen seiner Dissertation zeigte, wie groß bei richtigem Einsatz von Vegetation das Poten­ zial der Klimaregulierung durch Rankgewächse in

gemäßigten Zonen ist. Siehe auch: Begrünte Archi­ tektur. München 1983 [6] Selbst wenn der »Paradigmenwechsel« in den letzten Jahren fast zu einem Modewort wurde, so ist doch im vorliegenden Fall festzuhalten, dass das 7iapd8ei7|xa ursprünglich ein speziell für Wett­ bewerbszwecke angefertigtes Architekturmodell bezeichnet.

14 Vicar's Close, Wells (GB)

15 Centre Pompidou, Paris (F) 1977, Renzo Piano/Richard Rogers

16 berankte Fassade

17 patinierter Bronze-Erker, Boston (USA)

Hülle, Wand, Fassade

Teil A

Grundlagen

1 Außen- und Innenbedingungen

2 Allgemeine Konstruktionsgrundlagen

2.1 Flächen - Strukturelle Prinzipien

2.2 Ränder, Öffnungen

2.3 Modulare Ordnung

3 Bauphysikalische Planungshinweise

Außen

Fassade

Innen

Ortsspezifische Bedingungen

Anforderungen

Sonnenstrahlung —

- behaglicher Temperatur-/Feuchtebereich

Lufttemperatur

starke

möglichst geringe

Lichtmenge und -qualität (Lichtmilieu)

Luftfeuchtigkeit

Schwankungen

Schwankungen

Luftaustausch/-erneuerung bei verträglicher

Niederschlag

im Außenklima

im Innenbereich

Luftgeschwindigkeit

Wind -

- behagliches Schallmilieu

Schallquellen in der Umgebung Gas- und Staubbelastung mechanische Beanspruchung elektromagnetische Strahlung

Sichtbeziehung nach außen Abgrenzung privat - öffentlich mechanischer Schutz ggf. Brandschutz Begrenzung toxischer Belastungen

städtbauliche/gestalterische Umgebung lokale Ressourcen soziokultureller Kontext

Schutzfunktionen durch konstant bleibende und durch veränderbare Zustände (wirkungssteigernd oder -m indernd)

Dämmen/ Dämpfen

Dichten/Sperren

Filtern

Speichern

Lenken

mechanisch Schützen

Regelfunktionen

Steuern/Regeln

Reagieren/Wandeln

ergänzende, direkt wirkende M aßnahm en

ergänzende, direkt wirkende M aßnahmen

Wärmeschutz Sonnenschutz (z. B. Fensterläden, Markisen, Brise-soleil, Lamellen etc.)

Blendschutz Sichtschutz (z. B. Vorhänge) Tageslichtlenkung etc.

das Mikroklima beeinflussende Maßnahmen wie Vegetation, Wasserflächen

Aktivierung von Innenbauteilen (Böden, Wände, Decken) zur Energiespeicherung zum Wärmen/Kühlen und zeitversetzten

ergänzende G ebäudetechnik

Installierte Fassaden

ergänzende Gebäudetechnik

Vorgesetzte Kollektoren

integrierte Luft-Wasserkollektoren

Konvektoren/Radiatoren

Photovoltaik

Solar Wall

künstliche Beleuchtung

Erdkanäle, Erdsonden

Medienführung/ -Verteilung

Klimatechnik (zentral/dezentral)

etc.

Wärmerückgewinnung

etc.

A 1 Außen- und Innenbedingungen

Die Fassade bildet die Trenn- und Filterschicht zwischen außen und innen, zwischen der Natur und Aufenthaltsräumen von Menschen. Histo­ risch betrachtet, stellt der Wunsch nach Schutz vor der feindlichen Außenwelt und den Unbil­ den des Wetters den primären Anlass zur Schaffung eines wirksamen Raumabschlusses nach außen dar. Diese Schutzfunktionen wer­ den durch diverse weitere Anforderungen ergänzt: Licht im Inneren, ausreichender Luftaustausch, Blickbeziehungen nach außen bei gleichzeitiger Abgrenzung der Privatsphäre vom öffentlichen Bereich etc. Besondere Maßnahmen machen die Regelbarkeit solcher Öffnungen möglich. Auf diese Weise treten zu den Schutzfunktionen Steuer- und Regelfunktio­ nen hinzu. All diese Anforderungen gliedern sich in zwei Gruppen, die sich aus der Betrachtungsrich­ tung auf die Fassade ergeben und die sich in zahlreiche Einzelaspekte unterteilen lassen:

ortsspezifische Außenbedingungen und Anfor­ derungen an die Innenbedingungen. Das umfassende Verständnis dieser Grundlagen und der Abhängigkeiten ihres Zusammenwir­ kens bilden die Basis für Entscheidungen bei der Planung und Realisierung einer Fassade.

Anforderungen an die Fassade von außen und innen

Außenbedingungen sind durch die Planung in der Regel nicht beeinflussbar. Sie stellen daher bereits bei der Suche und Auswahl eines Grundstücks ein wesentliches Kriterium dar. Jeder Standort bietet spezifische, einzigartige Außenbedingungen, die eine sorgfältige Analyse erfordern, da sie sich in Art und Intensität nach Gegend, Region, Land und Kontinent unterscheiden. Zudem nehmen das direkte Umfeld und Mikroklima deutlichen Ein­ fluss. Neben dem ortsspezifischen Klima mit bestimmten, statistisch ermittelten Nieder­ schlagsmengen und -Verteilungen (Regen, Schnee und Hagel) veranlasst beispielsweise ein benachbartes Industriegebiet mit erhöhtem Schallpegel und starker Geruchsbelastung spezielle Maßnahmen bei der Fassadenaus­ bildung.

Die Anforderungen an die internen Bedingun­ gen hingegen sind nicht von vorneherein deter­ miniert, sondern werden in der Planungsphase über einen Anforderungskatalog bestimmt, der sich mit Blick auf die geplante Nutzung defi­ niert. Eine genaue Kenntnis dieser Zielgrößen ist für den Planungserfolg von maßgeblicher Bedeutung, da sie die konstruktive Lösung unmittelbar beeinflussen. Sie bestimmen lang­ fristig die erforderlichen Energie- und Stoffmen­ gen, die für die Realisierung und den Betrieb benötigt werden. Neben den Anforderungen an das Innenklima, die im Wesentlichen durch den Begriff »Behaglichkeit« (siehe S. 22, Abb. 1.12) bestimmt werden, ergeben sich u. U. weitrei­ chende Maßnahmen aus sonstigen verschie-

Außen- und Innenbedingungen

A 1.1 Anforderungen an die Fassade von außen und innen; Schutz-, Regel- und Kommunikationsfunktio­ nen; ergänzende passive Maßnahmen und Gebäu­ detechnik

A 1.2 Schlüsselfragen/Vorgehensweise bei der Ermitt­ lung der Randbedingungen und Anforderungen

denartigen qualitativen Erfordernissen - z. B. dem Wunsch nach einer hohen Gestaltqualität oder nach besonderem Einbruchschutz. Diese Bedingungen und Anforderungen, die Abb. A 1.1 graphisch darstellt, weisen der Fassade Schutz- und Regelfunktionen zu. Erstere schützen im Wesentlichen vor der Intensität der äußeren Einflüsse, vor allem denen der Witterung. Letztere dosieren deren für das Innenraumklima gefordertes und ver­ trägliches Maß mit dem Ziel der »thermischen Behaglichkeit« (siehe S. 22). Versteht man die Fassade als »dritte Haut« des Menschen (nach der des Körpers und der Kleidung), so wird die Analogie des Planungs­ zieles deutlich: Die Schwankungsbreite der von außen einwirkenden Klimabedingungen ist in Richtung des Körperinneren durch jede die­ ser Funktionsebenen weiter zu reduzieren, um letztendlich eine konstante Körpertemperatur von ca. 37 °C sicherzustellen.

Aus den klimatischen Bedingungen ergeben sich jedoch auch Anforderungen, die keiner Seite allein zuzuordnen sind, sondern die aus dem Unterschied zwischen innen und außen resultieren. Sie führen zu mechanischen Beanspruchungen der Fassadenmaterialien sowie der konstruktiven Einzelheiten und ent­ stehen vor allem aufgrund von Temperatur-, Feuchtigkeits- und Druckdifferenzen. Solche Beanspruchungen müssen durch geeignete Maßnahmen aufgenommen werden können (z. B. durch Dehnungsfugen, flexible Anschlüsse o. ä.).

Außen- und Innenbedingungen

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Wh/m2d
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A 1.3 Sonnenbahndiagramm (50 °NB)

A 1.4 Einstrahlung auf Südflächen unterschied­ licher Neigung

A 1.5 Einstrahlung auf vertikale Flächen unter­ schiedlicher Himmelsrichtung

A 1.6 Gesamtstrahlung auf verschieden orientierte Wandflächen an Sonnentagen zu verschiedenen Jahreszeiten

Die Leistungsfähigkeit einer Fassade

Die klimabedingten Aufgaben sollten durch die Fassade möglichst umfassend bewältigt werden, weil auf diese Weise zusätzliche Maßnahmen wie z. B. weitere gebäudetechni­ sche Einrichtungen zur Raumklimatisierung entsprechend gering gehalten bzw. vermieden werden können. Um dieses Planungsziel zu erreichen, sind Kenntnisse der relevanten phy­ sikalischen Grundprinzipien unerlässlich.

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Ergänzende, direkt wirkende Maßnahmen kön­ nen diese Aufgabe beidseitig der Fassade unterstützen. So ist es möglich, andere Bauteile im Gebäudeinneren in diesem Sinne zu »akti­ vieren«, z. B. durch Energiezwischenspeiche- rung in Wänden und Decken. Im Außen- oder Zwischenbereich lassen sich offene Wasserflächen zur Kühlung (durch Ver­ dunstung) oder zur Entfeuchtung (bei ausrei­ chendem Temperaturunterschied Wasser - Raumluft) einsetzen. Durch geeignete Maß­ nahmen sind die abzufedernden Energiespit­ zen anderweitig nutzbar. Wärmestrahlung, vor der man das Gebäude schützen will, kann z. B. in Strom umgewandelt oder über Kollektoren absorbiert und zur Warmwasserbereitung

genutzt werden. Ähnliches gilt für die Nutzung

von erhöhten Außentemperaturen, von Wind und Niederschlägen.

Verbleibende Anforderungen, die durch bauli­ che Maßnahmen nicht ausreichend bewältigt

/ wurden, müssen durch gebäudetechnische Anlagen erfüllt werden - sei es zur Temperie­

A

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A 1.5

rung, Belichtung, Luftreinigung, für einen aus­

reichenden Luftwechsel oder zur Be- oder Ent­ feuchtung. Solche ergänzenden, technischen

Maßnahmen benötigen allerdings immer zusätzliche Energie und bedingen aufwändi­ gen Medientransport, Wartung usw. Werden technische Einrichtungen dieser Art direkt in die Fassade integriert, spricht man von »installierten Fassaden« (siehe S. 13ff.). Wer­ den gar Geräte nicht in haustechnischen Zen­ tralen, sondern in der Fassade in direkter Nähe zu ihrem Wirkungsort untergebracht, so wird dies unter dem Begriff »dezentrale Fassaden­ technik« zusammengefasst.

Abgesehen von den o. g. Einflussfaktoren sind in analoger Weise Bedingungen zu berücksich­ tigen, die sich aus dem baulichen Gesamtzu­ sammenhang ergeben. Dazu gehören Maß­ ordnung, konstruktive Abhängigkeiten, notwen­ dige Toleranzen oder Montageabfolgen - The­ men, denen sich die nachfolgenden Kapitel widmen.

Außenbedingungen: Solarstrahlung

Unter den ortsspezifischen Außenbedingungen spielt die Sonne die zentrale und maßgebliche Rolle, sie ist die wichtigste direkte und indirekte Energiequelle und Grundlage allen Lebens. Die Energiemenge, die sie auf die Erde sendet,

.c 5

entspricht ca. dem 10000-fachen des derzeiti­ gen Weltenergieverbrauchs (auf jeden Qua­ dratmeter der äußeren Erdatmosphäre trifft ein durchschnittlicher Energiestrom von 1353 W), und sie ist nach menschlichem Maßstab uner­ schöpflich, kostenlos und umweltfreundlich. Um dieses Energieangebot nutzen zu können, ist eine Betrachtung von Strahlungsintensität und -dauer in Abhängigkeit von Fassadenaus­ richtung und -neigung von maßgeblicher Bedeutung. Die Planung von Fassaden erfordert außerdem eine umfassende Berücksichtigung folgender Zusammenhänge und Abhängigkeiten:

• Sonnenstandverlauf bezogen auf Standort, Tages- und Jahreszeit

• Strahlungsmenge je nach Flächenausrich­ tung und -neigung, Standort, Tages- und Jahreszeit

• verschiedene Arten an Strahlung (diffus, direkt und verschiedener Wellenlänge) und deren quantitatives Verhältnis in Abhängig­ keit von Wetter, Ausrichtung, Standort, Tages- und Jahreszeit

• Wechselwirkungen mit Oberflächen und Materialien

• zu erwartende Energieeintragsmengen in Abhängigkeit von Wetter, Ausrichtung, Standort, Tages- und Jahreszeit

• Relation zum Wärmebedarf, wie er sich aus der vorgesehenen Nutzung ergibt

Eine Auswahl wesentlicher Zusammenhänge stellen die Abb. A 1.3-11 dar. Im Hinblick auf das solare Strahlungsangebot können für Deutschland folgende Werte als Grundlage angesetzt werden:

1400-2000

Sonnenstunden/Jahr

700-800

Sonnenstunden/Heizperiode

Der Anteil der diffusen Strahlung bezogen auf das Gesamtstrahlungsangebot eines Jahres beträgt circa:

Südfassade Ost- und Westfassade Nordfassade

(Differenz zu 100 %: direkte Strahlung)

30 %

60

%

90 %

Das Strahlungsangebot der Sonne birgt aber auch Gefahren für den Menschen (Überhit­ zung, vorzeitige Hautalterung, Hautkrebs), vor denen er sich in geeigneter Weise schützen muss.

Thermischer Komfort/Behaglichkeit

Die Anforderungen an die klimatischen Innen­ bedingungen lassen sich unter dem Begriff der »thermischen Behaglichkeit« zusammenfas­ sen. Maßgebliche Einflussfaktoren, die im Zusam­ menhang mit der Ausbildung der Fassade ste­ hen, sind (Abb. A 1.12):

Winter

70 °C

65°

60°

55°

50°

45°

40°

35°

30°

25°

20°

15°

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Sommer

Winter

A 1.7

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Besonr unq szeit auf Südwestfassade

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22.06.1963

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über 1175

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1025-1050

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unter 950

Außen- und Innenbedingungen

Globalstrahlung/Jahr (Energie)

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2 dunkelblau

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4 elfenbein

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Außenluft

I

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3.06.1963

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Winter

A1.8

A1.9

A 1.7 Wärmebedarf/Sonnenscheindauer

(schematisch)

A Strahlungsintensität im Tagesdurchschnitt am Beispiel von Mitteldeutschland (50 °NB)

A gemessene Oberflächentemperaturen an

1.8

1.9

einem sonnigen Tag bei verschieden farbigen,

südorientierten Fassadenoberflächen

A 1.10 Prinzip der Projektionsdiagramme der Sonnen­ bahnen

A 1.11 Deutschland - örtliche Verteilung der Jahres­

globalstrahlung [kWh/m2]

Außen- und Innenbedingungen

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unbehaglich

 

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22

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28

 

Raumlufttemperatur [°C]

Raumlufttemperatur [°C]

Raumlufttemperatur [°C]

Wärmefluss

Strahlungstransport

Dampfdruck

Absorption

Wärmeübertragung

Strahlung

Leitung

Rohdichte [kg/m3]

A 1.12 thermische Behaglichkeit: Einflussfaktoren

a Raumlufttemperatur

b relative Raumluftfeuchte

c Oberflächentemperatur

d Luftströmung am Körper

A1.13 Raum-/Oberflächentemperatur

Behaglichkeitsfeld in Abhängigkeit von Raumluft-

und mittlerer (wenig unterschiedlicher) Ober­

flächentemperatur der Raumbegrenzungen (nach Reiher und Frank)

A 1.14 Raumtemperatur/relative Luftfeuchtigkeit

Behaglichkeitsfeld in Abhängigkeit von Raumluft­

temperatur und relativer Luftfeuchte

(nach Leusden und Freymark)

• Temperatur der Raumluft (a)

• Relative Raumluftfeuchte (b)

• Oberflächentemperatur der den Raum umgrenzenden Bauteile (c)

• Luftströmungen am Körper (d)

Diese messbaren Größen bestimmen in Abhän­ gigkeit von Region, Gewohnheit, Kleidung, Tätigkeit und individuellem Empfinden die ther­ mische Behaglichkeit. Die Bereiche, in denen sich die Werte der einzelnen Einflussfaktoren bewegen sollten, nennt man »Behaglichkeits­ felder« (Abb. A 1.13-15). Für keinen der ge­ nannten Werte gibt es verbindliche Zielgrößen, sondern alle stehen in gegenseitiger Abhängig­ keit. Die »empfundene Raumtemperatur« setzt sich näherungsweise zu gleichen Teilen aus Raumlufttemperatur und mittlerer Strahlungs­ temperatur der Raumumschließungsflächen zusammen. Der Begriff der Behaglichkeit wird zunehmend über die rein klimatischen Anforde­ rungen hinausgehend interpretiert:

• »Lichtmilieu« und »visuelle Behaglichkeit«:

Lichtquantität, -qualität und Leuchtdichte­ kontraste (Blendschutz)

• hygienische Behaglichkeit (geringe Schad- und Geruchstoffbelastung)

• akustische Behaglichkeit (Geräusche)

• elektromagnetische Verträglichkeit

Auch psychologische Faktoren (z. B. Materia­ lien, Farben) und kulturelle Aspekte stehen hiermit im Zusammenhang und sollten Berücksichtigung finden.

Physikalische Grundprinzipien

Für das Verständnis der Funktionen der Fassa­ de ist die Kenntnis der bauphysikalischen Grundprinzipien von großer Bedeutung, z. B. von Wärmefluss, Wasserdampfdruck oder Strahlungstransport (Abb. A 1.16).

Wärmetransport Wärmeenergie fließt grundsätzlich von der wär­ meren (energiereicheren) zur kälteren Seite. Es gibt drei Grundprinzipien des Wärmetranspor­ tes (Abb. A 1.17):

Außen- und Innenbedingungen

A1.15 Raumtemperatur/Luftbewegung Behaglichkeits­

A warme Luft ist leichter und steigt auf

1.19

n +

 

feld in Abhängigkeit von Raumlufttemperatur und

1.20

A Winddruck und -sog bei Strömungen um ein

°

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Luftbewegung (nach Rietschel-Raiß)

Gebäude

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A 1.21 Windgeschwindigkeiten nehmen in der Höhe zu

Geltungsbereich für Abb. A 1.13-15

A eine strahlendurchlässige Fassadenebene

1.22

o

°

• relative Luftfeuchte von 30 bis 70 %

ermöglicht die Erwärmung der Zwischenluft-

o

0

• Luftbewegung von 0 bis 20 cm/s

schicht, die daraufhin aufsteigt

(»Kamineffekt«)

°

»

• weitgehende Temperaturgleichheit aller

A Verstärkung der Luftabführung über geeignete

1.23

°

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-fj-+ °° °

raumbegrenzenden Flächen von 19,5 bis 23 °C

geometrische Lösungen

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A Wind: regionale

1.24

Häufigkeiten und Richtungen im

° ° ■> 0 o°

o°°°°o°o0°°

° (•) 8 °° °°°

°

A 1.16 bauphysikalische Grundprinzipien (Auswahl)

A 1.17 Grundprinzipien der Wärmeübertragung

A 1.18 volumenbezogene Wärmespeicherkapazität ausgewählter Materialien

• Wärmeleitung

• Wärmestrahlung

• Wärmekonvektion

Für flächige Bauteile lässt sich der Wärme­ durchgangskoeffizient U-Wert [W/m2K] berech­ nen.

Wärmeleitfähigkeit und -Speicherkapazität Beide sind materialabhängige Werkstoffeigen- schaften und nehmen im Allgemeinen mit der Rohdichte zu, wobei die Wärmespeicherkapa­ zität von Wasser im Vergleich zu üblichen Bau­

stoffen eine deutliche Ausnahme darstellt (Abb.

A 1.18).

Relative Luftfeuchtigkeit Luft kann Wasserdampf aufnehmen bis der Sät­ tigungspunkt erreicht ist. Dieser ist von der Tem­ peratur abhängig, daher spricht man von »relati­ ver Lutfeuchtigkeit«. Bei gleicher Temperatur ist feuchte Luft geringfügig leichter als trockene.

Wasserdampfdruck Wasserdampf strebt von der Seite mit größerem Dampfdruck (Partialdruck) zur Seite mit dem geringeren Druckniveau. Wird durch gleichzeiti­ ges starkes Temperaturgefälle der Taupunkt unterschritten, kommt es zu Kondensaterschei­ nungen (und damit zum Risiko von Tauwasser­ bildung und Schimmel).

Strahlungstransport Auf ein Bauteil auftreffende Strahlung wird

reflektiert, absorbiert oder transmittiert (Abb.

A 1.16 Mitte).

Die Wärmeabstrahlungseigenschaften

Wesentlichen von der Oberflächenbeschaffen­ heit eines Materials abhängig, insbesondere von dessen Farbe (Abb. A 1.9).

sind im

Wind, Thermik und natürliche Lüftung:

Grundprinzipien

Luftströmungen in der Atmosphäre (Wind), die Wechselwirkungen über Öffnungen von außen

und innen sowie thermische Effekte in den an­ grenzenden Luftschichten sind als Phänomene

bei jedem Gebäude wirksam und stellen eine

Jahresmittel am Beispiel München

Windgeschwindigkeit:

a bis 3 m/s

b mehr als 3 m/s

weitere Außenbedingung dar. Da die wetter­

und ortsspezifischen Windsituationen in Stärke

und Richtung sehr unterschiedlich sind (Abb.

A 1.24), können für die Planung nur statistische

Werte zugrunde gelegt werden. Die Luftströmungen, die sich aufgrund der geo­ metrischen Eigenschaften von Körpern in spe­ ziellen Windsituationen einstellen, lassen sich

in Windkanalversuchen und dynamischen,

hochkomplexen Strömungssimulationen unter­ suchen. Daneben spielen grundsätzliche Über­ legungen bei der Planung von Fassaden eine Rolle, die auf grundlegenden thermischen Prin­ zipien beruhen (Abb. A 1.19-23).

Bei der Ausbildung der Fassade sollte das Ziel verfolgt werden, eine weitgehend natür­ liche Be- und Durchlüftung des Gebäudes zu ermöglichen. Hierdurch können Risiken mini­ miert werden, die im Zusammenhang mit dem so genannten Sick-Building-Syndrom [1] stehen. Dabei sind folgende mit natürlicher Lüftung zusammenhängende Probleme so weit wie möglich zu vermeiden:

• erhöhter Wärmebedarf

• zu hohe Raumlufttemperatur im Sommer

• Zugerscheinungen im Inneren

• zu geringe Raumluftfeuchte im Winter

• zu geringe Lüftung bei Windstille

Je mehr sich Luft erwärmt (Energie aufnimmt), umso mehr bewegen sich die Gasmoleküle (Abb. A 1.19), der Luftdruck steigt, die Luft wird weniger dicht und damit pro Volumen leichter, sie steigt auf. In einem geschlossenen

Raum kommt es daher zu unterschiedlichen Lufttemperaturen, einer Schichtung mit wärme­ rer Luft oben und kühlerer Luft unten. Körper bilden ein Hindernis in einer Luftströ­ mung, was zu einer Aufteilung des Luftstromes führt, der den Körper umfließt (Abb. A 1.20). Auf diese Weise entsteht neben Verwirbelun­ gen ein erhöhter Luftdruck vor dem Gebäude und ein relativ niedrigerer dahinter (Sog). Dabei ist zu beachten, dass die Windrichtung stark schwankt (Abb. A 1.24) und sich solche Effekte schnell verändern können.

In Bodennähe treten durch Wechselwirkung mit

der Oberfläche (Rauigkeit) und körperliche Hin­

dernisse im Allgemeinen geringere Windge-

N

A1.19

A 1.21

A 1.22

A 1.23

Außen- und Innenbedingungen

schwindigkeiten auf (Abb. A 1.21), die mit zunehmender Gebäudehöhe steigen. Damit werden auch Winddruck und -sog stärker.

O Tritt Strahlungsenergie durch eine transparente oder transluzente Schicht auf ein durch eine Luftschicht getrenntes Bauteil, so wird dieses durch Absorptionsvorgänge erwärmt (Abb.

A 1.22). Es gibt einen Teil seiner Wärmeenergie

an die angrenzende Luft im Zwischenraum ab, welche sich erwärmt und aufsteigt (Abb. A 1.19 analog); es entsteht Luftzirkulation. Dieser Effekt wird noch verstärkt, wenn die Luft oben entweichen und unten nachströmen kann. Durch Körper mit geeigneten Geometrien kann die vorhandene Anströmung an ein Gebäude zur Erzeugung von zusätzlichem Unterdrück genutzt werden (Abb. A 1.23), um den Kamin­ effekt zu verstärken oder auch, um warme Luft aus einem darunter befindlichen Raum beschleunigt abzuführen.

A 1 27

Schallübertragung: Grundprinzipien

Eine weitere Maßnahme gegen Luftschallüber­ tragung ist eine möglichst effiziente Abdich­ tung (Abb. A 1.30), wodurch vermieden wird, dass sich Luftschall direkt durch Undichtigkei­ ten wie Fugen, Spalten und Ritzen ausbreitet. Zusätzlich besteht die Möglicheit, Luftschall­ übertragung durch eine zweischalige Konstruk­

tion mit gedämmtem Zwischenraum zu dämp­ fen (Abb. A 1.31). Besonders effizient ist eine solche Maßnahme, wenn die beiden Schalen unterschiedlich dick und schwer sind und damit verschiedene Eigenfrequenzen aufwei­ sen. Hierbei darf der Erfolg nicht durch starre Verbindungsmittel zwischen den beiden Scha­ len gefährdet werden (Prinzip: Masse - Feder - Masse). Weitere bauphysikalische Aspekte zum Thema Schallschutz behandelt das Kapitel

A 3 Bauphysikalische Planungshinweise.

Bauliche Umsetzung

In direktem Zusammenhang zu den erläuterten

 

Schall tritt im Bereich der Fassaden sowohl als externe Bedingung wie auch als Anforderung

Außen- und Innenbedingungen, den daraus abgeleiteten funktionalen Anforderungen und den zugrunde liegenden bauphysikalischen

A 1 28

von innen (Schallschutz) auf, da sich die Schallquelle auf beiden Seiten der Fassade befinden kann. Der Schallschutz stellt besonders hohe Anfor- derungen an sorgfältige Planung und Ausführung, da Schallübertragung schon über

Grundprinzipien stehen Wechselwirkungen zwi­ schen den Bauteilen, die sich aus der bauli­ chen Umsetzung ergeben. Über ein strahlungsdurchlässiges Bauteil kommt es z. B. durch Transmission zu einem Energieeintrag im Gebäudeinneren (Abb.

minimale Schallbrücken stattfinden kann.

A

1.32). Trifft die Strahlung auf Oberflächen im

A 1.29

Schallwellen breiten sich von Schallquellen etwa kugelförmig durch das Medium Luft in den Raum aus (Luftschall, Abb. A 1.25). Sie werden von allen raumbegrenzenden Flächen und Objekten im Raum mehr oder weniger reflektiert. Je glatter und härter die Oberfläche, desto ungestörter und vollständiger erfolgt die Reflexion.

Rauminnern, wird ein Teil der Energie über Absorption auf das Material übertragen und von dort über Wärmeleitung weitertransportiert (Abb. A 1.33). Ein anderer Teil wird entspre­ chend der Wärmespeicherkapazität des Mate­ rials »eingelagert«. Dieses Potenzial wird als »thermische Speichermasse« bezeichnet. Die Energie wird mehr oder weniger zeitver­

Wird ein festes Material in Schwingung ver­ setzt, z. B. durch mechanische Einflüsse

setzt (u. a. abhängig von der ebenso material­ spezifischen Wärmeleitfähigkeit) über Wärme­ strahlung in den Raum zurückgeführt (Abb.

O

o

A 1.25 Schallquelle

A 1.26 Anregung von Masse durch mechanische Einflüsse

A 1.27 Anregung von Masse durch Luftschall, Weiterleitung im Material (Körperschall)

A 1.28 Übertragung von Schall in Bauteilen über weite Distanzen (auch »Schallängsleitung«)

A 1.29 Strategie 1 gegen Luftschallübertragung: Masse

A 1.30 Strategie 2: effiziente Fugenabdichtung

A 1.31 Strategie 3: Prinzip Masse - Feder - Masse

(Schritte auf dem Boden), so breiten sich auch über die Masse der Bauteile Schallwellen aus, die als Körperschall (Abb. A 1.26) bezeichnet werden. Wird ein Festkörper durch Luftschall angeregt, breitet sich in ihm Körperschall aus (Abb. A 1.27). Hierdurch kann die Luftschicht auf der anderen Seite angeregt werden, die auf diese Weise die Wellen wieder in Form von

Luftschall weitertransportiert. Schallwellen können durch Körperschallüber­ tragung sehr lange Wege zurücklegen (Abb.

A 1.28). Hängen die »festen« Bauteile eines

Gebäudes zusammen, breitet sich Schall auf diesem Weg u. U. durch das ganze Haus aus.

Man spricht dann von »Flankenübertragung«

und »Schallängsleitung«. Eine mögliche Strategie gegen Luftschallüber­

tragung besteht in der Erhöhung der Masse (Abb. A 1.29): Der Körper wird möglichst

schwer und damit träge ausgebildet, d. h. er

besteht aus einem Material mit hoher Dichte

und lässt sich daher durch Luftschallwellen nur

in geringem Maß in Schwingung versetzen.

A 1.34). Durch geeignete Materialwahl und

Bauteildimensionierung kann dieser Effekt dazu

genutzt werden, Temperaturspitzen auszuglei­ chen, ohne dass neue Energiezufuhr (Heizen oder Kühlen) notwendig wird. Über konvektive Vorgänge lässt sich durch

geregelte bzw. kontrollierte Lüftung Energie zwischen innen und außen transportieren (Abb.

A 1.35). Dies kann in beide Richtungen funktio­

nieren. Durch die geschickte Ausnutzung ther­ mischer Effekte (z. B. Abb. A 1.19, 22, 23) kann

man ggf. auf mechanische Lüftung verzichten.

Treibhauseffekt Trifft energiereiche, kurzwellige Sonnenstrah­ lung auf Oberflächen im Rauminneren, wird ein wesentlicher Anteil der Energie in Form von langwelliger Strahlung im Infrarotbereich diffus an das Rauminnere abgegeben (Abb. A 1.36 links), wo sie zur Erwärmung der Raumluft und anderer Oberflächen beiträgt. Die -ehr geringe Strahlungsdurchlässigkeit der Außenwände im langwelligen Bereich (bei einfachen Gewächs-

häusern z. B. Glas, vor allem aber Dämm­ schichten oder wärmedämmende Mehrschei­ benverglasungen, u. U. mit zusätzlicher, wir­ kungssteigernder Beschichtung) verhindert einen Wiederaustritt der Strahlung und hält sie gleichsam im Raum »gefangen«. Man spricht vom »Treibhauseffekt«. Ist dieser Effekt erwünscht, kann man über die Ausrichtung der strahlungsdurchlässigen Fläche zur Strahlungsquelle (also meist durch die Orientierung zur Sonne) und den damit verbundenen Eintrittswinkel der Strahlung den Wirkungsgrad maßgeblich beeinflussen (Abb. A 1.37):

Je flacher die Strahlung auftrifft, desto höher ist der reflektierte - und damit außen gehaltene - Strahlungsanteil (Abb. A 1.36). Beträgt der Ein­ fallswinkel 90 °, so wird ein minimaler Anteil zur Fläche reflektiert. Dessen genauer Umfang ist - wie der Absorptionsanteil - eine materialspezi­ fische Größe und durch zusätzliche Maß­ nahmen modifizierbar, z. B. durch Beschich­ tungen (siehe B 1.6 Glas, S. 186).

Öffnung und Einstrahlungswinkel Die durch eine gleich große und gleich orien­ tierte Öffnung eintretende Strahlungsmenge ist je nach Einfallswinkel sehr unterschiedlich (Abb. A 1.37). Dieser Effekt spielt bei der Aus­ bildung von Öffnungen und Sonnenschutzsys­ temen im Zusammenhang mit den jahreszeitli­ chen Schwankungen des Sonnenstandes eine maßgebliche Rolle (siehe A 2.2 Ränder, Öff­ nungen, S. 40-42).

Konsequenzen für den Grundriss/Zonierung Durch eine Anordnung der Räume nach dem Prinzip der »thermischen Zwiebel« können schon im Rahmen der Grundrissplanung Anfor­ derungen an die Fassade beeinflusst werden:

Räume mit höherem Temperaturniveau werden von Bereichen mit geringeren Anforderungen umgeben (Abb. A 1.38). Durch diese »Puffer­ zonen« sind Heiz- bzw. Kühllasten in der Regel wirkungsvoll reduzierbar. Als Konsequenz aus dem Sonnenverlauf kann es auch zur Gewinnung von solarer Wärme über den Treibhauseffekt sinnvoll sein, die Son­ nenstrahlung über eine vorgelagerte Zone (ent­ sprechend Abb. A 1.39) »einzufangen« und die Wärme durch die geeignete Ausbildung innen liegender Oberflächen zu speichern. Über die Nordseite sind in Mitteleuropa kaum solare Gewinne zu erzielen, daher ist diese ent­ sprechend zu dämmen. Dieses Konzept führt allerdings vor allem im Sommer leicht zu Über­ hitzung und erfordert daher entsprechende Verschattungs- und Ablüftungsmöglichkeiten.

Anmerkungen

[1] Zum Begriff »Sick-Building-Syndrome« siehe:

Dompke Mario, u. a. (Hrsg.): Sick Building Syndrome

II. Dokumentation zum Workshop in Holzkirchen 1996

vom Fraunhc'qr Institut für Bauphysik und Bundes-

industrieverbänd Heizungs-, Klima-, Sanitärtechnik

e. V. Bonn 1996

m

Treibhauseffekt

r

r

März/Sept.

A 1.32 Transmission

A 1.33 Erwärmung - Wärmeleitung

A 1.34 Thermische Speichermassen - Wärmestrahlung

A 1.35 Konvektion - Verteilung - Regelungen

A 1.36 Treibhauseffekt - Ausnutzung

Außen- und Innenbedingungen

Speicherung

I W

VK

N

W

l

Zwischen­

temperaturbereich

A 1.39

A 1.37 Einfallswinkel Solarstrahlung/Öffnungen

A 1.38 »Thermische Zwiebel« - temperaturbezogene

Zonierung des Grundrisses

A 1.39 Gebäudeorientieruung - Wärmespeicherung -

Wärmedämmung

A 2.1 Flächen - Strukturelle Prinzipien

A 2.1.1 Atelierhaus, (D) 1993, Thomas Herzog

Flächen - Strukturelle Prinzipien

Fassaden sind vorwiegend senkrechte sowie flächige bauliche Strukturen zwischen Außen- und Innenraumklima. Unabhängig von ihrer materiellen Realisierung bestehen diverse allgemein gültige Merkmale und technische Lösungsprinzipien für Fassa­ denflächen, die nachfolgend beschrieben werden. Ihre Kenntnis erweist sich beim Konstruieren als hilfreich. Ein Lösungsprinzip zeigt eine grundsätzliche Umsetzung einer abgegrenzten Konstruktionsaufgabe für vorab definierte Funktionen auf [1]. Dabei werden physikalische, chemische und geometrische »Effekte« genutzt und ihr Zusammenwirken in einer geeigneten Struktur verknüpft [2]. Die Struktur der Fassade wird betrachtet:

• in der Fassadenebene

• senkrecht zur Fassadenebene

Gemäß den gestellten Funktionen und An­ forderungen sind Fassaden bestimmte Leis­ tungsprofile zuzuordnen, die in der Fläche variieren können. Ihre technische und materi­ elle Umsetzung erfordert senkrecht zur Fas­ sadenebene u. U. mehrere Funktions- und Konstruktionsebenen. Zusätzliche bauliche Strukturen, die selbst nicht Teil der raum­ abschließenden Hülle sind (wie z. B. horizon­ tale Sonnenschutzeinrichtungen, Lichtlenk- systeme, Wartungsstege etc.) können sich als sinnvoll erweisen. Ziel sollte eine in ihren Komponenten effizient zusammenwirkende Struktur sein.

Klassifikation von Lösungsansätzen [3]

Funktionale Kriterien

Leistungsprofile als Zielvorgabe für die Fassa­ denflächen definieren sich über die allgemei­ nen Schutzfunktionen wie Dämmen und Dich­ ten hinaus, insbesondere über die Permeabi­ lität bezüglich Luft und Licht bzw. Strahlung. Der Grad der Durchlässigkeit ist entschei­ dend für den Charakter der Hüllfläche, den Gebrauchswert und die Qualität der Innen­ räume. Er beeinflusst wesentlich die Energie­ bilanz eines Gebäudes. Wichtige Unterschei­ dungskriterien sind, inwieweit Fassadenflä­ chen auf wechselnde Bedingungen reagieren können, ob sie veränderbar sind und sich ggf. sogar selbst regeln können.

Permeabilität bezüglich Luft Natürliche Lüftungsstrategien erfordern ver- änder- und regelbare Durchlässigkeit für Luft. Aber auch die Abfuhr überschüssiger Wärme, von Wasserdampf sowie im Brandfall heißer und giftiger Gase kann eine entsprechende Durchlässigkeit erfordern.

Permeabilität bezüglich Licht Qualität und Quantität der Licht- bzw. Strah­ lungsdurchlässigkeit bestimmen die natür­ liche Belichtung und den atmosphärischen Charakter eines.Raumes, ermöglichen Sicht-

A 2.1.2 Betrachtung in der Fassadenebene

• Flächenart

• Zuordnung von Leistungsprofilen

• Lastabtragung

• Konstruktionsprinzip

• Fügung

A 2.1.3 Betrachtung senkrecht zur Fassadenebene

• Umsetzung Leistungsprofil

• Aufbau in Schichten und Schalen

• Kopplung von Schichten und Schalen

A 2.1.4 Klassifikation nach funktionalen Kriterien

A 2.1.5 Klassifikation nach konstruktiven Kriterien

Perm eabilität - Luft

 

teildurchlässig

offen

Perm eabilität - Licht

opak

transluzent

semitransparent

transparent

offen

Energiegewinn

keiner

Wärme

Strom

Veränderbarkeit

nicht veränderbar

mechanisch

phys. strukturell

ehem. substanziell

Regelung

manuell direkt/indirekt

»selbstregelnd«

mit Regelkreistechnik

Teil des Tragwerks

nicht tragend

tragend

Aufbau in Schichten

einschichtig

mehrschichtig

Aufbau in Schalen

einschalig

mehrschalig

Hinterlüftung

nicht hinterlüftet

Vorfertigung

niedrig

hoch

Flächen - Strukturelle Prinzipien

bezüge von innen nach außen und umge­ kehrt, Wärmeenergie wird ein- oder ab­ gestrahlt. Bei perforierten, semitransparenten Flächen können besondere wahrnehmungsspezifische Phänomene z. B. für Sonnen- und Blend- schutzeinrichtungen von Nutzen sein:

Selbst Flächen mit sehr geringem Lochanteil sind bei kleinen und eng stehenden Perfora­ tionen für den Betrachter in Richtung des helleren Lichtmilieus blickdurchlässig (unsere Wahrnehmung »ergänzt« den Rest). In Rich­ tung des dunkleren Lichtmilieus hingegen erscheint eine solche Fläche blickdicht, da das Auge eine Adaption an die geringere Hel­ ligkeit der kleinen Löcher nicht leisten kann.

Energiegewinn Für Solarstrahlung durchlässige Flächen ermöglichen direkten Energiegewinn durch Erwärmung von Bauteilen wie Böden und Wände im Gebäudeinneren. Mit besonderen technische Einrichtungen (z. B. Photovoltaik, TWD-Absorberwand) lässt sich im Fassaden­ aufbau selbst Wärme oder Strom für den Betrieb eines Gebäudes gewinnen.

Veränderbarkeit Durch Änderung der Position oder der Eigen­ schaften von Bauteilen kann die Fassaden­ fläche auf sich ändernde Außenbedingungen reagieren, z. B.:

• durch mechanische Bewegung von Fassadenteilen (Lamellenstellung, Öffnungs­ grad von Klappläden etc.)

• durch elektrische, thermo- oder photosen­ sitive Prozesse ausgelöste, reversible Ver­ änderungen von Materialeigenschaften, die sich zum Beispiel auf die Durchlässigkeit von Lichtstrahlen auswirken. Die Verände­ rungen selbst sind entweder physikalisch struktureller Natur (z. B. Wechsel des Aggregatzustands, andere Ausrichtung von Kristallstrukturen) oder chemisch sub­ stanzieller (Änderung der chemischen Verbindung) [4].

Regelung Veränderbarkeit erfordert Regelung. Eine Nachführung an wechselnde Bedingungen ist wie folgt möglich:

• durch manuelle oder mechanische Betätigung, direkt oder indirekt, z. B. per »Knopfdruck«

• »selbst regelnd«, z. B. durch thermosen- sitive Prozesse veränderte Lichtdurchlässig­ keit thermotroper Gläser

• nach dem Prinzip der Regelkreistechnik mit Sensoren und mikroprozessorgesteuerten Stellmotoren

Grundlegende konstruktive Kriterien

Die Klärung wichtiger konstruktiver Grund­ satzentscheidungen bereitet die strukturelle und materielle Umsetzung vor.

 

eben, senk­

doppelt

eben, senkrecht

eben, geneigt

recht + geneigt

gekrüm m t

gekrümm t

 

zylindrisch

zylindrisch

synklastisch

elliptisch

elliptisch

"

y

gefaltet

regelm. Welle

regelm. Welle

 

4^7

 

rotationssym.

rotationssym.

Bezug zum Tragwerk »Nicht tragende« Fassaden übernehmen keine Lasten oder Aufgaben des Tragwerks für die Standsicherheit des Gebäudes.

Aufbau in »Schichten« und »Schalen« Ebenen unterschiedlicher Stofflichkeit, Stärke und Struktur können auf bestimmte Teilaufga­

ben hin optimiert und nach bauphysikalischen und konstruktiven Prinzipien zu einer funktionel­ len Einheit - dem Fassadenaufbau - addiert

werden. Es lassen sich zahlreiche Kombina­ tionsmöglichkeiten mit entsprechenden Leis­ tungsprofilen erzielen. Konstruktionsstärken der einzelnen Funktionsebenen können von Bruchteilen von Millimetern (z. B. Low-E- Beschichtung einer Wärmeschutzverglasung) bis zu einigen Metern (z. B. Luftschicht bei mehrschaligen Glasfassaden) variieren. Die Richtigkeit der Reihenfolge ist maßgeblich für eine effiziente Funktion und die Vermeidung von Bauschäden. Bezüglich der Lastabtragung unbedeutende oder untergeordnete Funktionsebenen lassen sich als »Schichten« oder »Lagen«, statisch beanspruchbare und räumlich freigestellte als »Schalen« klassifizieren (siehe Seite 36) [5].

Hinterlüftung Hinterlüftete Fassadenaufbauten besitzen ein oder mehrere Luftschichten, die mittels thermi­

scher Auftriebskräfte Kondensat und/oder Wärme wirkungsvoll abführen. Solche Systeme sind definitionsgemäß immer mehrschalig.

Vorfertigung Der angestrebte Grad der Vorfertigung prägt maßgeblich das Konstruktionsprinzip, die Art der Elementierung, die absolute Größe der ein­ zelnen Bauteile und die Bedingungen, unter denen die Fassade montiert und evtl. wieder demontiert werden kann.

A 2.1.6

Struktur in der Fassadenebene

Flächenarten

Bei der Festlegung der Außengeometrie des Gebäudevolumens sind Eigengesetzmäßig­ keiten der umgebenden Hülle von Belang. Jede Fassade setzt sich aus mehreren ebenen oder gekrümmten Flächenanteilen zusammen, die sich untereinander und mit den Dach­ flächen in Linien (Kanten) schneiden bzw. berühren. Wie die Flächen geformt und im Raum angeordnet sind, ob senkrecht oder geneigt bis nahezu horizontal, hat entscheiden­ den Einfluss auf die gestalterische und kon­ struktive Detaillierung der Fassade. Beachtung erfordern Schnittkanten und insbesondere »Ecken«, in denen drei Flächen Zusammen­ treffen. Die räumliche Konzeption der Flächenanord­ nung wird von diversen Faktoren bestimmt, die selten ausschließlich, meist kombiniert mit unterschiedlicher Gewichtung zum Tragen kommen, z. B.:

• Grund- und Aufrissgeometrie des Gebäude­ volumens

• Nutzungsaspekte (z. B. Schaffung von Nischen für nicht einsehbare Freiräume)

• Tragwerkskonzept der Hüllfläche selbst (z. B. Faltwerk)

• Aspekte des Wärmeschutzes (z. B. Minimie­ rung des Verhältnisses Hüllfläche/Volumen A/V)

• konstruktive Aspekte (z. B. Wasserführung)

• materialspezifische Aspekte

• gestalterische Absichten

Einschätzung unterschiedlicher Flächenarten

Senkrechte Flächen Die Wasserführung ist nicht erschwert, Faltun­ gen und Versprünge erhöhen die Außenfläche, zusätzlich müssen Innenkanten konstruktiv und

/N L

geometrisch bewältigt werden. Im spitzen Winkel aufeinander treffende Flächen verur­ sachen u. U. in der Herstellung und in der Nutzung Probleme. Bei der konstruktiven Aus­ bildung vertikal verlaufender Kanten erweist sich der Umstand als günstig, dass sie in Fließrichtung des Fassadenwassers verlaufen. Gefaltete Flächen lassen sich als statisch wirksame Faltwerke ausbilden. Abb. A 2.1.7 zeigt 37 unterschiedliche geo­ metrische Fälle auf, bei denen sich Fassaden­ flächen untereinander oder mit Boden- bzw. Dachflächen in Kanten und Ecken schneiden. Jeder dieser markierten Punkte erfordert eine eigene konstruktive Detaillierung und Ausführung. Punkte, in denen mehr als drei unterschiedliche Flächen Zusammentreffen (wie bei Nr. 29), sind konstruktiv und gestalte­ risch kaum zu bewältigen. Spielen zugleich unterschiedliche Neigungen oder gar Krümmungen eine Rolle, wird die Anzahl der geometrischen und somit konstruktiven Fall­ beispiele deutlich größer.

Geneigte Flächen Bei jeder Neigung aus der Vertikalen, ins­ besondere bei Vor- und Rücksprüngen in stark geneigte Flächen, treten zusätzliche Beanspruchungen bzw. Aspekte auf: Die Wasserführung wird erschwert, Schnee und Eisbildung verursachen weitere Beanspru­ chungen, größere horizontale Flächen sind wie Dachflächen zu behandeln und kontrol­ liert zu entwässern, die Oberfläche vergrößert sich, Dichtungs- und Dämmebenen »ver- springen« und provozieren an den Knicklinien konstruktive Schwachstellen. Jede Fensterleibung, jeder Erker, jede Loggia o. ä. bedeutet Flächenversprünge sowohl in der Vertikalen als auch in der Hori­ zontalen. Zusätzlich entstehen Innen- bzw. Außenkanten und -ecken.

stehende Fassade

Windsog

Winddruck

( sonst.

Horizontal­

kräfte )

hängende Fassade

 

"-1

f2

f1

If2 I f1

I

A 2.1.6

A 2.1.6 Schemata typischer Flächenarten, die zu zahl­ reichen Varianten kombiniert werden können

A 2.1.7 Fallbeispiele unterschiedlicher Anschlussdetails bei senkrechtem, orthogonalem Fassadensystem

A 2.1.8 Schema stehende/hängende Fassade

Gekrümmte Flächen Sofern sie senkrecht verlaufen, ist die Wasser­ führung nicht erschwert. Meistens können Krümmungen nicht kontinuierlich, sondern wegen der Ausgangsgeometrie der Materialien und Halbzeuge nur als Polygonzüge konstruk­ tiv umgesetzt werden.

Doppelt gekrümmte Flächen Solche Flächen sind nicht zwingend an Membrankonstruktionen gekoppelt. Oft werden solche Geometrien als Translationsflächen erzeugt, die eine bauliche Umsetzung mit ebe­ nen polygonalen Einzelfächen ermöglichen.

Prinzipien d er Lastabtragung

Einwirkende Lasten Die Fassade muss die einwirkenden Lasten sicher aufnehmen und an das Tragwerk (Primärtragwerk) weitergeben. Jede Fassaden­ konstruktion, auch eine »nicht tragende«, ist als Sekundärtragwerk für folgende Bean­ spruchungen zu konzipieren und zu dimen­ sionieren:

• Vertikallasten:

Eigenlast, Sonderlasten

(z. B. Sonnenschutzvorrichtungen,

Pflanzen, temporäre Gerüste), Verkehrslasten (z. B. Personen last), Schnee- und Eislasten

(z. B. an Fassadenbegrünungen für

jeden Einzelfall zu ermitteln)

• Horizontallasten:

Windlast (Druck und Sog stehen im Allgemeinen im Verhältnis 8:5, in Rand­ bereichen teils erheblich höhere Soglasten), Verkehrslasten (z. B. Anpralllasten)

• Belastungen aus Zwangskräften, verursacht durch thermisch oder hygrisch bedingte Volumenänderungen

Flächen - Strukturelle Prinzipien

Üblicherweise werden die Lasten aus der Fassadenfläche in Deckenkonstruktionen, Wände und Stützen des Tragwerks einge­ leitet. Die Abtragung bzw. Einleitung von Vertikal- und Horizontallasten kann dabei getrennt voneinander in unterschiedliche Bauteile des Tragwerks erfolgen.

Stehende und hängende Fassade Eine grundlegende Unterscheidung bezüglich des Tragverhaltens ergibt sich aus der Frage, ob die Fassade »hängt« oder »steht«, ob die flächigen oder linearen Bauteile auf Zug und Biegung oder auf Druck und Biegung und damit zusätzlich auf Knicken (Stabilitätsproblematik) zu bemessen sind. Die hängende Montage, bei der das Eigen­ gewicht am Fassadenbauteil oben in das

Tragwerk (z. B. in die Deckenplatte) einge­

leitet wird, hat sich der prinzipiellen Vorteile

wegen weltweit durchgesetzt:

• Sofort nach dem Einhängen befindet sich das Bauteil in stabiler Position (im Gegen­ satz zur labilen Position des stehenden Bauteils), was bezüglich der Sicherheit auf der Baustelle - zumal bei höheren Gebäu­ den - von erheblicher Bedeutung ist.

• Das Eigengewicht wirkt als Zugkraft in der Längsachse des Bauteils. Die damit erzielte Vorspannung wirkt »stabilisierend« (= Reduzierung der Knickbeanspruchung). Die ungünstige Überlagerung von Knicken aus Druck und Biegeknicken wird vermie­ den.

Gerade bei großen Spannweiten erweisen sich die Aspekte der hängenden Lagerung gegenüber der stehenden als besonders vorteilhaft. Verformungen senkrecht zur Fassadenebene werden allerdings nicht in nennenswertem Umfang reduziert.

Fixpunkt, Gleitpunkt Fassade und Tragwerk unterliegen - soweit es sich um getrennte Systeme handelt - unterschiedlichen Temperatur­ schwankungen und Belastungen sowie daraus resultierenden Formänderungen. Dies macht eine zwängungsfreie Kopplung

mit Fix- und Gleitpunkten notwendig. Dabei müssen Relativbewegungen in

beiden Richtungen aufgenommen werden können (Plus- und Minustoleranzen). An den Schnittstellen der beiden Subsysteme treffen meist unterschiedliche Gewerke,

Bauweisen und Bautoleranzen zusammen, weshalb hier ausreichend Justiermöglich­

keiten bei der Befestigung in allen Rich­ tungen notwendig sind. Ebenso sind Anschlüsse von Fassaden­ bauteilen untereinander mit unterschiedlichen Längenausdehnungen (aus Belastung,

thermischen und hygrischen Gründen) zwängungsfrei zu gestalten, um Schäden vorzubeugen.

Flächen - Strukturelle Prinzipien

nur D ruck

Biegung + Norm alkräfte

Platte + Biegeträger

Tragstrukturen

Dem Wesen von raumabschließenden Hüllen entspricht es, dass flächige Bauteile zentraler Bestandteil jeder Fassadenstruktur sind: Je nach Tragwerk (Abb. A 2.1.9 und 10) werden diese nur mit Normalkräften (Zug und/oder Druck) in ihrer Ebene oder zusätzlich auf Bie­ gung senkrecht zu ihrer Ebene beansprucht. Den flächigen Elementen können lineare Trag­ strukturen wie Hinterspannungen, Biegeträger etc. zu- bzw. übergeordnet werden. Kombina­ tionen untereinander ermöglichen hierarchisch gegliederte Systeme mit Haupt- und Neben­ traggliedern. Flächige und lineare Elemente wirken entweder als konstruktive Einheit (z. B. Plattenbalken, hin­ terspannte Platten) oder sie sind diesbezüglich getrennt, wodurch sich Flächenbauteile besser lösen und austauschen lassen.

Die Logik solcher Strukturen ist nicht nur aus der Effizienz des Materialeinsatzes zur Last­ abtragung im eingebauten Zustand ableitbar. Auch Fragen der Vorfertigung und Montage werden berührt. Transport- und Montagevor­ gänge können andere Lastfälle verursachen, die ihrerseits aufgenommen werden müssen. Bei der Dimensionierung sind oft nicht die zulässigen Biegespannungen, sondern Durch­ biegungsbeschränkungen - insbesondere bei Glaskonstruktionen - maßgeblich.

Schwergewichtswand Bei Wänden, deren Gefüge keine Zugkräfte übertragen können, muss die Resultierende aus Vertikal- und Horizontkraft im »Kernbereich« der Grundfläche der Wand liegen, um die Standsi­ cherheit zu gewährleisten und keine klaffenden Fugen entstehen zu lassen. Die Horizontalkräfte werden durch Vertikallasten »überdrückt«. In diesem Fall kann es von Vorteil sein, wenn das Bauteil neben dem Eigengewicht zusätzlich Vertikallasten aus Deckenkonstruktionen erhält, d. h. Teil des Primärtragwerks ist (= »tragende« Fassade). Jede gemauerte Außenwand ent­ spricht für gewöhnlich diesem Prinzip.

Platten Das Flächentragwerk »Platte« leitet Horizontal­ lasten über Biegebeanspruchungen (einachsig

Platte + Hinterspannung

oder zweiachsig) senkrecht zu seiner Ebene ab. Biegesteifigkeit und Stabilität (bei Über­ lagerung mit Druckkräften) definieren sich wesentlich durch die »statische Höhe« des Bauteils (demnach die Bauteiltiefe senkrecht zur Fassadenebene). Die Querschnittsform, mit Konzentration des Materials im Randbereich, ist auf die Belastung entsprechend einzustel­ len. Durchlaufwirkungen sind geeignet, die Biegemomente zu reduzieren. Die Gleichzeitig­ keit von Beanspruchungen aus Horizontal- und Vertikallasten bringt in jedem Fall eine Überla­ gerung von Biegemomenten und Normalkräften mit sich. Vertikalkräfte können auch über Bie­ gung in der Ebene des Flächenbauteils hori­ zontal zu den Seiten hin abgetragen werden.

Platten + Hinterspannungen Durch Hinterspannungen, die mit den Platten eine kraftschlüssige konstruktive Einheit bilden, lässt sich materialsparend die statische Höhe vergrößern. Hinterspannungen sind ein- oder zweiseitig möglich. Die Platten werden zusätz­ lich in ihrer Ebene durch Druckkräfte bean­ sprucht. Der konstruktive Anschluss der Druck- und Zugstäbe mit ihren angreifenden Punkt­ lasten erfordert die Beachtung der Durchstanz­ problematik. Aus der Hinterspannung entste­ hen keine zusätzlichen Auflagerreaktionen, die durch das Primärtragwerk aufgenommen werden müssen.

Platten - Auf Biegung und ggf. Druck beanspruchbare lineare Tragstrukturen reduzieren die Spann­ weiten der flächigen Bauteile. Die Träger sam­ meln die Punkt- und/oder Linienlasten der Flächenbauteile (Platten) und geben sie unter Biegebeanspruchung als Einzellasten an hierarchisch höher stehende Bauteile ab. Im Fall von reinen Windlasten erfolgt die Biege­ beanspruchung einachsig, jedoch für beide Richtungen (Windsog und Winddruck). Über­ lagerung von Druck und Biegung verstärkt die Stabilitätsproblematik, Knickgefahr besteht besonders in Richtung der schwachen Profil­ achse. Zwängungsfrei gekoppelt lassen sich einzelne Biegeträger zu großflächigen, auch gekrümmten oder in Polygonzügen verlaufen­ den Tragstrukturen addieren (z. B. Pfosten-

nur Norm alkräfte

Pneu

A 2.1.9

Riegel-Fassaden). Herstellung, Transport und Montage begrenzen die Abmessungen von Rahmenkonstruktionen. Sie sind jedoch mit anderen Strukturen oder untereinander zu Elementfassaden kombinierbar.

Platten + lineare Strukturen, nur durch Normalkräfte beansprucht Zu den linearen Tragstrukturen gehören:

• Raumfachwerke: räumliche Struktur aus Druck- und Zugstäben, geeignet für große Spannweiten

• Seilbinder, Seilnetze: vorgespannte, nur auf Zug beanspruchbare Strukturen, die dann sinnvoll sind, wenn die hohen Zugkräfte für die Vorspannung ohne aufwändige Zusatz­ maßnahmen vom Tragwerk des Gebäudes aufgenommen werden können. Solch filigrane Strukturen eignen sich besonders, wenn Flächen sehr transparent wirken sollen.

• Gitterschalen

Faltwerke, Schalen, Membranen Die nur in ihrer Ebene zug- und/oder druck- beanspruchbaren Flächentragwerke eignen sich besonders zur Aufnahme gleichmäßiger Flächenlasten. Diese Systeme werden bei wechselnden Flächen- und/oder Einzellasten zusätzlich auf Biegung beansprucht. Entspre­ chende Vorspannungen gewährleisten, dass auch für wechselnde Lastfälle Formänderun­ gen von ausschließlich zugbeanspruchbaren Membranen gering ausfallen.

Strukturen flächiger Fassadenbauteile

Bei flächige Bauteilen lassen sich grundlegen­ de Strukturen unterscheiden, die mit unter­ schiedlichen Materialien umsetzbar und häufig miteinander kombinierbar sind. Die Varianten der Abb. A 2.1.11 zeigen nicht den gesamten Fassadenaufbau, sondern nur Konstruktions­ weisen für Schichten oder Schalen. Eine auf Biegung beanspruchte Platte aus Vollmaterial kann dabei entweder bereits das gesamte Sys­ tem einer geschosshohen, einschaligen und einschichtigen Konstruktion darstellen oder auch nur ein kleinformatiges Teil einer Außen­ wandbekleidung sein. Entscheidungskriterien bei der Auswahl eines geeigneten Prinzips sind:

Beanspruchung im Bauteil

Tragwerkprinzip

vorw. nur Normalkräfte

nur Druck

Schwergewichts-

prinzip

Druck + Zug

|

Faltwerk

Druck + ggf. Zug

1

Schale

nur Zug

Pneu

Membrankonstruktion

Biegung und Normalkräfte

Biegung + Druck

|

Platte,

»stehend«

Biegung + Zug

Platte,

»hängend«

A 2.1.10

• Beanspruchbarkeit gemäß den statischen Erfordernissen (Abb. A 2.1.10)

• baukonstruktiver Zusammenhang: Bauteil­ größe, Bearbeitbarkeit, Befestigungsmög­ lichkeiten, Fügung, Verformungen, Längen­ änderungen, Vorfertigungsgrad, Resistenz gegenüber Feuchtigkeit und Frost etc.

• bauphysikalische Eigenschaften:

spezifisches Gewicht, Wärmeleitfähigkeit, Wärmespeicherfähigkeit, Dampfdiffusions­ widerstand, Lichtdurchlässigkeit etc.

• visuelle Wirkung

»Durchgängiges« Gefüge Darunter versteht man in diesem Zusammen­ hang Vollquerschnitte mit gerichteter oder ungerichteter Struktur (isotrop oder anisotrop). Die Flächenbauteile werden werkseitig vor­ gefertigt oder vor Ort z. B. in Schalungen mit Arbeitsfugen als Schnittstellen der einzelnen Fertigungsschritte erstellt. Größe und Form der Bauteile sind material- und herstellungs­ abhängig. Die Bauteile können als Verbund­ werkstoffe mit zug- und/oder druckfesten Bewehrungen (Metallstäbe, Glasfasern, Natur­ fasern, Kunststofffasern etc.) spezifische Trag­ fähigkeiten erfahren. Das Prinzip lässt sich beispielsweise gleichermaßen in einer auf Bie­ gung beanpruchbaren Platte aus Vollmaterial oder einer nur auf Zug beanspruchbaren Membran aus einem Verbundwerkstoff wieder­ finden.

Gefüge mit hohem Luftanteil oder Hohlkörpern Verschiedene Fertigungstechnologien können den Luftanteil in Bauteilen mit folgenden Ziel­ setzungen erhöhen:

• Reduzierung von Gewicht und Material

• Herabsetzung der Wärmeleitfähigkeit (= Erhöhung der Wärmedämmwirkung)

• Schaffung von Hohlräumen für Installationen

Gelingt es, das Material im Randbereich zu konzentrieren, so sind zumindest bezüglich der Biegebeanspruchbarkeit nur geringe Einbußen gegenüber Vollquerschnitten zu erwarten. Große Materialausdünnung führt zu zug- oder druckbeanspruchten Randzonen und schubbeanspruchten Stegen.

»durchgängiges« Gefüge (Vollmaterial)

a Grundmaterial

b Materialgemisch, Verbundwerkstoff

c Verbundwerkstoff armiert/faserverstärkt

Gefüge mit hohem Luftanteil

d porosiert, geschäumt

e Kugelstruktur

f räumliches Gitter/Netz

Gefüge mit Hohlkörpern

g Hohlkörper, Kammern (punktuell, linear)

h versetzte Hohlkörper

i Stegplatten

geschichtetes Gefüge, reib- und/oder

formschlüssig

j unregelmäßige Einheiten, reibschlüssig

k regelmäßige Einheiten, form- und reibschlüssig

I regelmäßige Einheiten, reibschlüssig

geschichtetes Gefüge, stoffschlüssig

m stabförmige Einheiten

n flächige Einheiten

o stabförmige und flächige Einheiten

»Sandwich«

p mit geschlossenzelligem Kern

q offen, zellartige Struktur als Kern (Waben, Stege etc.)

r mit profilierten Strukturen im Kern

Rippen/Rahmen und Platten

s Rippen und beidseitige Beplankung als kon­ struktive Einheit

t Rahmen und beidseitige Beplankung als kon­ struktive Einheit

u Rahmen und konstruktiv entkoppelte Füllung

profilierte Strukturen

v Einzelprofil

w trapezartige Profilierung

x Sicken

A Tragstrukturen für Fassaden

A Beanspruchungen in flächigen Fassaden­

2.1.9

2.1.10

bauteilen bei Belastung durch Vertikal- und

Horizontallasten

A Überblick konstruktiver Aufbauten für flächige

2.1.11

Fassadenbauteile

Flächen - Strukturelle Prinzipien

oo°°°J

3o°o°°o

oo°o0c

3°5>o°

LJ

r~\

L

J

Flächen - Strukturelle Prinzipien

Geschichtetes Gefüge, reib- und/oder formschlüssig Die Schichtung von kleinteiligen, unregelmäßi­ gen Einheiten ohne Bindemittel gilt als tradi­ tionelle Bauart, die für Vorsatzschalen immer noch angewandt wird. Eine abschnittsweise Zusammenfassung in Metallgittern (Gabionen) erbringt wesentlich höhere Stabilität. In Form und Abmessung regelmäßige, modu­ lar koordinierte Einheiten sind reib- und/oder formschlüssig zu größeren Bauteilen addier­ bar. Kleine modulare Schritte ermöglichen eine gute Anpassungsfähigkeit.

Geschichtetes Gefüge, stoffschlüssig Stabförmige, flächige oder räumliche Strukturen (z. B. Waben, Gitter) lassen sich stoffschlüssig (z. B. über Klebeflächen) zu plattenartigen größeren Einheiten addieren. Eine Sonderform stellt die Sandwichbauweise dar.

»Sandwich« Die stoffschlüssige Kopplung dünnwandiger zug- und druckfester Deckschichten mit einer schubfesten Mittellage (meist in hohem Maße aufgelöste oder porosierte Struktur) ergibt eine konstruktive Einheit mit großer Biegesteifigkeit bei geringem Materialaufwand. Aufbauten mit gut wärmedämmenden Zwischenlagen eignen sich generell für leichte, opake Fassaden­ paneele.

Beplankte Rippen oder Rahmen Durch gegenseitige Stabilisierung von Rippen/Rahmen und flächiger Beplankung bzw. Füllung entstehen sehr tragfähige und Material sparende Flächenbauteile. Hohlräume können mit wärmedämmenden Materialien gefüllt werden.

Profilierte Strukturen Das Prinzip ermöglicht bei geringem Material­ einsatz hohe Steifigkeit. Schon ein U- oder Z-förmiges Element stellt eine profilierte Struk­ tur dar, es lässt sich zu größeren Flächenein­ heiten addieren. Profilierte Strukturen können aus sehr vielen zug- und gleichzeitig druckfes­ ten Materialien z. B. durch Umformen, Strang­ pressen oder mittels Gusstechniken erzeugt werden.

Fügung von Fassadenbauteilen

Nahezu jede Fassade besteht aus einem Gefüge von Einzelbauteilen und enthält somit eine Vielzahl von Fugen. Diese bedeuten »Unterbrechungen« in Schichten und Schalen (z. B. Wetterschale) und in vielen Fällen poten­ tielle »Schwachstellen«, die bestmöglich gedichtet werden müssen. In anderen Fällen bleiben Fugen »offen«, damit:

• sich Dampfdruck entspannt

• Luft nachströmt bzw. abgeführt wird (für Hinterlüftung)

• eingedrungenes Fassadenwasser oder entstandenes Kondensat abfließt

• Relativ-Bewegungen möglich sind

• Lichtstrahlung passiert

So unterschiedlich die »Nahtstellen« der Bauteile ausfallen, sie verlangen besondere Betrachtung, da sich hier u. U. viele Aspekte konzentrieren, die beim Konstruieren relevant sind (Abb. A 2.1.12). Neben den funktionalen und technischen Gesichtspunkten tragen Fugen zur Gliederung einzelner Bauteile und von Fassaden als Ganzes bei (innen wie außen), sie spiegeln geometrische und kon­ struktive Ordnungen wider.

Fugen auf außenseitigen Fassadenflächen sind der Witterung in vollem Umfang ausge­ setzt. Mit zunehmender Gebäudehöhe steigt die Windbeanspruchung. An Gebäudekanten kommt es zu Konzentrationen der Strömung und somit zu höheren Windgeschwindig­ keiten, bei Regen zu einer Verdichtung des »Fassadenwassers«, das sich zudem über die Höhe des Gebäudes nach unten hin addiert. Die Lage der Fugen zur Bewegungs­ richtung von Niederschlags- und Fassaden­ wasser, welche durch Schwerkraft und Wind bestimmt wird, ist ein wichtiger Faktor für ihre Beanspruchung. Weitgehend parallel zur Fließrichtung des Fassadenwassers angeord­ nete Fugen (Vertikalfugen) sind im Regelfall weniger beansprucht als solche, die vor­ wiegend quer dazu liegen. Volumen- bzw. Längenänderungen der angrenzenden Bau­ teile durch Last, Temperaturschwankungen und Wasseraufnahme bzw. -abgabe bean­ spruchen zusätzlich jede Art von Fuge. Dies ist bei elementierten Fassadenkonstruktionen am offensichtlichsten, aber auch Nass-in- Nass-Bauweisen sind keine starren Gefüge.

Prinzipien bei d er Ausbildung von Fugendichtungen

Es ist Aufgabe einer Fugendichtung [6], das Gemisch aus Luft und Wasser (Fluid) im Fugenraum zu bremsen oder zu stoppen. Da Dichtelemente an den Grenzflächen der Fassadenbauteile nie völlig spaltlos anliegen, ist die Dichtungswirkung immer nur relativ. Nur die stoffschlüssige Form ermöglicht völli­ ge Dichtigkeit. Falls eine Fuge mit einem Dichtungselement in einer Ebene nicht aus­ reichend »geschlossen« werden kann, sind andere Strategien nötig. Die Dichtung über mehrere Ebenen und ggf. unterschiedliche Dichtungselemente haben sich dabei bewährt (mehrstufiges Dichtungssystem). Man kann die Ausbildung von Fugendichtun­ gen auf wenige Grundprinzipien zurückführen, die auf vielfache Weise umsetzbar sind (Abb. A 2.1.13). Bei der Wahl des Dichtungssystems ist es entscheidend, in welchem Maß und in welcher Richtung Bewegungen der Bauteile

stattfinden sollen oder zu erwarten sind.

Berührungsfreie Dichtungssysteme

Bauteile werden bewusst in Abstand zueinan­ der gehalten und die Flanken so ausgebildet,

Feuchtigkeit

Regen-/Fassadenwasser

Kapillarwasser

Wasserdampf/Kondensat

Eisbildung, Schnee

Luft/W inddruck

Luft-/Winddichtigkeit Abbau von Winddruck/-sog Zu-/Abluftöffnungen

Schall

Luftschall

Körperschall

Licht

Belichtung

UV-Beständigkeit Fugen-

material

Übertragung Kräfte

Element - Element Unterkonstruktion - Ele­ ment

Ausgleich Toleranzen

Fertigungstoleranzen

Montagetoleranzen

Bewegungstoleranzen

Montage

Justierbarkeit, Fixierung

Abfolge

Witterungsabhängigkeit

W artung

Erforderlichkeit

Möglichkeit/Zugänglichkeit

Dem ontage

Lösbarkeit

Recycling

Wiederverwendbarkeit

Fugenbild

Überlappung

Schattenfuge

Hinterschneidung

Profilierung

Materialwechsel

Farbigkeit

A 2.1.12

dass die Strömung durch Verwirbelung im Fugenraum gehemmt wird. Dieses Prinzip erlaubt große Relativbewegungen und eignet sich besonders als erste Stufe eines mehrstufi­ gen Dichtungssystems. Bei einer »Labyrinth­ dichtung« ist der Fugenverlauf zusätzlich nach dem Prinzip der Überlappung abgewinkelt.

Der stumpfe Stoß Der in Abb. A 2.1.13 nicht dargestellte stump­ fe Stoß zweier Bauteilflanken ohne weiteres Dichtelement wäre die ursprünglichste Form aller Berührungsdichtungen. Selbst durch Aufbringung einer Kraft kann aufgrund der Unebenheiten der Oberflächen der Spalt nur reduziert, jedoch selbst bei elastischen oder plastischen Werkstoffen nicht ganz geschlos­ sen werden.

Überlappung Hierbei handelt es sich um das wohl einfach­ ste, ursprünglichste und wirkungsvollste Prin­ zip, das sich in vielen Dichtungssystemen wiederfindet. Die Anordnung der Überlappung muss sich an der Fließrichtung des Fassaden­ wassers ausrichten. Abb. A 2.1.14 zeigt Beispiele, bei denen das Fassadenwasser ohne Dichtelemente vor­ nehmlich nach Prinzipien der Überlappung sicher über die horizontale Fuge geleitet wird. Einige Varianten lassen horizontale Bewegun-

Flächen - Strukturelle Prinzipien

Grundprinzipien

Beispiele (Grundprinzipien)

 

Kom binationen

Beispiele

 

C

offen/

berührungsfrei +

berührungsfrei

Spaltdichtung

Labyrinthspaltd.

Labyrinthspaltd.

überlappend

schräger Spalt

gestaffelter

Labyrinthdichtung

 

Labyrinthspalt

 

Z

 

stoffschlüssig +

überlappend

 

gespundet

 

mit Anpressdruck

überlappend

Schäftung

Keilzinkung

mit oder ohne Anpressdruck

 

Deckprofil

 

n

stoffschlüssig +

T_r

 

überlappend +

stoffschlüssig

 

Balgmembrane

H-Profil

D

C

überlappend -t

C

Dichtelement

Dichtmasse

Porenprofil

 

Kammerprofil

Dichtelement(e)

N u tj.ftjjer^

+ Porenprofil

+ Kammerprofil

ohne äußeren

 

Anpressdruck

■MS

Balgmembrane

Lippenprofil

 

Bürstendichtung

 

+ Dichtmasse

+ Kammprofile

+ Lippenprofile

3 E

3

)

l z

l e

:

Dichtelement

Flachdichtung

Profildichtung

Kammprofil

Fugenband

Tannenbaumprofil

Labyrinthspalt als

mit äußerem

 

+ Fugenblech

Bürstendichtung

Anpressdruck

 

gen zwischen den Bauteilen (z. B. bei Öff­ nungsflügeln) zu.

Stoffschlüssige Dichtung Durch Kleben, Schweißen, Löten oder Walzen hergestellte Kopplung mit im Einzelfall voll­ ständiger Dichtigkeit. Relativbewegungen sind nicht oder nur eingeschränkt möglich.

Dichtmassen Sie eignen sich besonders für unebene Dicht­ flächen. Die Dichtwirkung beruht auf Adhä­ sionskräften zwischen dem Dichtelement und den Fugenflanken. Starre Dichtmassen können ggf. kraftschlüssige Verbindungen herstellen. Plastisch oder elastisch verformbare Dichtmas­ sen können geringe Relativbewegungen auf­ nehmen. Verarbeitungsfehler machen sich erst mit zeitlicher Verzögerung bemerkbar.

Porenprofile, Kammerprofile Diese Profile übertreffen den maximalen Fugenraum bezüglich ihres Volumens vor dem Einbau und stehen im komprimierten Zustand unter einer Vorspannung. Kleine Relativbewe­ gungen quer zur Fugenachse können aufge­ nommen werden, bei Bewegungen längs zur Fugenachse müssen Vorkehrungen gegen ein Verschieben getroffen werden. Kammerprofile sind gegenüber Porenprofilen aufgrund ihrer höheren inneren Vorspannung

geeigneter für häufig wechselnde Belastungen und größere Bewegungen des Fugenraums.

Balgmembrane Große Relativbewegungen können sowohl quer als auch längs zur Fugenachse aufgenommen werden. Die Kopplung zu den angrenzenden Bauteilen kann unterschiedlich erfolgen, z. B. durch Presspassung oder Verkleben.

Lippenprofil Elastisch verformbares Element, bei dem eine oder mehrere Dichtungslippen durch »innere Federkräfte« an die Grenzflächen der Bauteile gedrückt werden. Parallel zur Fugenachse kön­ nen große Translationsbewegungen, quer zur Fugenachse je nach Bauform des Profils aber nur begrenzte Bewegungen aufgenommen werden.

Dichtelemente mit äußerem Anpressdruck Durch Aufbringen einer äußeren Kraft erfolgt eine flächenschlüssige Anpassung des Dicht­ elements an die Grenzflächen des Bauteils. Bei profilierten Dichtungen wirkt der Anpress­ druck auf kleine Grenzflächen. In den Hohl­ räumen wird kapillar vordringendes Wasser gestoppt und Winddruck durch Verwirbelung abgebaut. Es sind kaum Relativbewegungen möglich. Wichtig ist, dass das Dichtelement in seiner Lage gehalten wird.

A 2.1.12 Aspekte bei der Ausbildung von Fugen

A 2.1.13 Prinzipien von Fugendichtungen, Schemata

A 2.1.14

Beispiele von Horizontalfugen zur Ableitung von Fassadenwasser, links:

Außenseite

y

i

i

Flächen - Strukturelle Prinzipien

Kombinationen Die Grundprinzipien lassen sich zu komplexe­ ren, sehr leistungsfähigen, meist mehrstufigen Dichtsystemen kombinieren. Da Dichtigkeit immer relativ zu betrachten ist, sollten ergän­ zende Maßnahmen (z. B. Glasfalzbelüftung/ -entwässerung) mögliches Versagen oder Teil­ versagen von Dichtsystemen kompensieren. Beim Prinzip der so genannten doppelten Dich­ tung verhindert eine erste äußere Dichtungse­ bene das Eindringen von Oberflächenwasser, eine zweite z. B. mit einem Kammerprofil das Durchströmen von Luft. In einem dazwischen angeordneten Spalt (ggf. Labyrinthspalt) baut sich mittles Verwirbelung Winddruck weiter ab, auch kann sich dort eventuell eingedrungenes Wasser »entspannen« und abfließen.

M ontageabfolgen

Bei Fügungen nach Überlappungsprinzipien lassen sich bezüglich des Montage- und Demontageablaufes generell zwei Kategorien unterscheiden:

• Montage der Einzelteile ist nur in strenger Reihenfolge möglich, die bei der Demontage in umgekehrter Richtung eingehalten werden muss. Ein Austausch einzelner Teile in einer solchen Kette kann nur eingeschränkt mit ent­ sprechenden Zerstörungen (z. B. von Dich­ tungselementen oder Falze) erfolgen. Für die Fügung und Dichtung wieder eingesetzter Bauteile bedarf es Sonderlösungen (z. B. in Abb. A 2.1.13 »gespundet«, »Nut und Feder«)

• für die Montage und Demontage von einzel­ nen Bauteilen gibt es keine festen Reihenfol­ ge, der Austausch ist in gleicher Systematik möglich (z. B. in Abb. A 2.1.13 »Spaltdich­ tung«, »Deckprofil«, »Dichtmasse«). Dieses Prinzip empfiehlt sich besonders, wenn die Gefahr von Beschädigungen (z. B. in der Sockelzone) und somit die Notwendigkeit des Austauschs groß ist.

Struktur senkrecht zur Fassadenebene

Von »monolithisch« zu m ehrschichtig/m ehrschalig

Eine homogene Hüllkonstruktion aus vorwie­ gend nur einem Material (oft als »monolithisch« bezeichnet) kann die gestiegenen Anforderun­ gen des Wärmeschutzes an die Hülle heute kaum mehr erfüllen. Mit differenzierten Aufbauten, die einzelne Funktionen auf unterschiedliche Ebenen bestimmter Materialität und Struktur aufteilen, lässt sich das Leistungsprofil der Fassade sehr fein an die jeweiligen Anforderungen anpassen. Die Veränderbarkeit von Schichten oder Schalen erlaubt es zudem, die Eigen­ schaften der Hülle den sich periodisch ändern­ den äußeren Bedingungen nachzuführen. Auch lassen sich einzelne Schichten und Scha­ len nachträglich addieren oder gegen andere austauschen, was eine Anpassung der Gebäu­ dehülle im Laufe der Nutzungszeit an andere Anforderungsprofile ermöglicht. So ist eine als

Verschleißschicht angelegte außen liegende Wetterschale nach entsprechender Bean­ spruchung erneuerbar, ohne dass der dahinter liegende Aufbau verändert werden muss. Dieses Prinzip eignet sich auch im Sinne einer Nachrüstung für die Sanierung und Opti­ mierung von vorhandenen Außenwandkon­ struktionen.

Die Aufteilung von Einzelfunktionen in Schich­ ten und Schalen ist je nach Qualität der gewählten Werkstoffe und Konstruktionswei­ sen auch mit möglichen Nachteilen behaftet:

• Entstehung von vielen Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Materialien und Bauteilen mit der Gefahr von Material­ unverträglichkeiten

• Vergrößerung des Fugenanteils und somit potentieller »Schwachstellen«

• Entstehung von unkontrollierten Hohlräumen

• Probleme bei der Befestigung: Durchdrin­ gungen wasserführender oder wärmedäm­ mender Schichten, Entstehung von Biege­

momenten bei Rückverankerungen von Vor­ satzschalen

• hoher Herstellungsaufwand

• steigender Wartungsaufwand

• ggf. mehrere Gewerke und Verantwortlich­ keiten in einem Wandaufbau, dadurch erhöh­ ter Koordinierungsaufwand und Haftungs­ überschneidungen

• Probleme bei der Trennung und somit Ent­ sorgung unterschiedlicher Schichten

Derzeit sind folgende Tendenzen festzustellen:

• Erhöhung der Leistungsfähigkeit von Funk­ tionsebenen

• Reduzierung des Platzbedarfs der Schichten (z. B. Vakuumdämmung) bis hin zur Minia­ turisierung von Funktionsstrukturen (z. B. prismatische Lichtlenksysteme mit Bauhöhe < 0,1 mm)

• Oberflächenbeschichtungen aus dem Bereich der Nanotechnologie

• Vereinigung mehrerer Funktionen in einer polyvalenten Schicht

Aufgaben von Schichten und Schalen

Folgende Funktionen (oft auch kombiniert) lassen sich in eigenen Schichten oder Schalen materialisieren, z. B.:

• visuelle Wirkung, Informationsträger

• mechanischer Schutz

• Schlagregenschutz

• Winddichtigkeit

• Sperren/Bremsen der Dampfdurchlässigkeit

• Lichtlenkung, Lichtstreuung

• Reflexion von Licht-/Wärmestrahlung

• Absorption von Wärmestrahlung

• Reflexion von elektromagnetischer Strahlung

• Absorption von Schall

• Reflexion von Schall

• Wärmespeicherung

• Reduzierung des Wärmedurchgangs

• Ableitung von Lasten

• Abführung von Wärme

• Aufnahme und Abgabe von Wasserdampf

• Umwandlung von Sonnenenergie in thermi­ sche oder elektrische Energie

Weitere Ebenen ergeben sich durch konstruk­ tive Belange, z. B.:

• Abführung von Wasserdampf

• Ableitung von Kondensat oder einge­ drungenem Oberflächenwasser

• Ausgleich von Unebenheiten

• Schichten für stoffschlüssige Fügungen

(Klebeschichten)

• Maßnahmen für die Stabilisierung von Schichten (z. B. Verhinderung des »Auf­ blähens« von Wärmedämmschichten)

• Unterkonstruktionen für die Kopplung von Schichten und Schalen

• Trennlagen, die wegen Materialunver­

träglichkeiten erforderlich sind

• Gleitlagen für zwängungsfreie Bewegungen

Typische Aufbauten und ihre Wirkungsweisen

Abb. A 2.1.15 zeigt eine kleine Auswahl von

schematisch dargestellten Aufbauten. Sie sind

nach funktionalen und konstruktiven Kriterien

klassifiziert (siehe dazu »Klassifikation von Lö­ sungsansätzen« zu Beginn dieses Kapitels). Anzahl und Mächtigkeit von Schichten und Schalen variieren deutlich. Die Aufbauten un­

terteilen sich in Massiv- und Leichtbauweisen, deren Wirkungsweisen sich für »gemäßigte« Klimazonen eignen.

Schlagregenschutz

Bei saugenden Materialien ist Frostsicherheit gefordert und eingedrungene Feuchtigkeit

muss periodisch wieder vollständig verdunsten können. Die Ableitung des Fassadenwassers ist auch in mehreren Ebenen möglich. Bei der Ausführung von hinterlüfteten Wetter­ schalen mit offenen Fugen fließt ein Teil des

Fassadenwassers auf der Rückseite der Bekleidungen ab. In diesem Fall ist auch die

Gefahr von Verschmutzungen geringer, da sich Schmutz auf horizontalen Kanten durch regelmäßige Abwaschungen in geringerem Maße dauerhaft ablagert.

Winddichtigkeit Windsperren - unbedingt außen vor wärme­ dämmenden Schichten angeordnet - sind

dann besonders wirksam, wenn der Winddruck

durch vorgelagerte Barrieren mittels Verwir­

belung abgebaut wird. Fugen müssen als

überlappende Stöße ausgeführt werden.

Wärmeschutz

Materiallagen mit großem Anteil an eingelager­

ter stehender Luft garantieren gute Dämm-

eigenschaften. Offenporige Dämmmaterialien,

die Feuchtigkeit und Wasser durch kapillare

Kräfte »ansaugen« und dadurch ihre Funk­

tionsfähigkeit erheblich einbüßer., verlangen

konsequenten Schutz vor Feuchtigkeit.

Flächen - Strukturelle Prinzipien

o

o

o

. •

• I

.

.

o

o

o

o .— . o ■— ■o

~

o

■----

nicht permeabel

nicht permeabel

nicht permeabel

nicht permeabel

nicht permeabel

nicht veränderbar

nicht veränderbar

nicht veränderbar

nicht veränderbar

Energie gewinnend

 

veränderbar

tragend oder nicht tragend einschichtig einschalig nicht hinterlüftet

tragend oder nicht tragend mehrschichtig einschalig nicht hinterlüftet

tragend oder nicht tragend mehrschichtig zweischalig nicht hinterlüftet

tragend oder nicht tragend mehrschichtig zweischalig hinterlüftet

tragend oder nicht tragend mehrschichtig dreischalig hinterlüftet (äußerste Schale)

Materialgefüge bestimmt Leis­ tungsfähigkeit, Anpassungen nur durch Wandstärke möglich, eingedrungene Feuchtigkeit muss periodisch vollständig verdunsten können

Verbesserung Wärmeschutz mit Dämmebene, innen und außen Verschleiß- und Schutz­ schichten, Wärmespeicher­ fähigkeit kommt Innenklima zugute

äußere Schale robuster mecha­ nischer Schutz der Dämm­ schicht und gleichzeitig Schlag­ regenschutz, äußere und innere Schale sind ev. teils gekoppelt, bilden aber keine konstruktive Einheit

austauschbare Vorsatzschale, Befestigung darf aufsteigenden Luftstrom nicht beeinträchtigen, Tauwasser und eindringende Feuchtigkeit werden sicher abtransportiert, Zu- und Abluft­ öffnungen erforderlich

hinterlüftete Schale aus licht­ lenkenden Lamellen, lichtdurch­ lässige Schale mit TWD vor Massivabsorber, Gesamtaufbau nicht lichtdurchlässig, Energie­ gewinn veränderbar und ggf. über Regelkreistechnik geregelt.

nicht permeabel

nicht permeabel

permeabel (Licht)

permeabel (Licht)

nicht veränderbar

nicht veränderbar

nicht veränderbar

nicht veränderbar

permeabel (Licht) ggf. veränderbar und geregelt

tragend oder nicht tragend

tragend oder nicht tragend

nicht tragend

nicht tragend

nicht tragend

mehrschichtig

mehrschichtig

einschichtig

einschichtig

mehrschichtig

einschalig nicht hinterlüftet

zweischalig hinterlüftet

einschalig

zweischalig hinterlüftet oder nicht hinterlüftet

einschalig

Leichtbau, innere und äußere Schicht meist zu konstruktiver Einheit gekoppelt, Vermeidung von Dampffalle mit Sperre auf Innenseite, als Ständerwand auch Teil des Tragwerks, Sonderfall Sandwichkonstruktion

Außenseitige hinterlüftete Schutz- und Verschleißschicht, nach außen abnehmender Dif- fussionswiderstand, separate Schicht für Windschutz, Innen­ bekleidung als eigene Schicht

Aufbau selbst nicht Energie gewinnend, auch wenn durch­ lässig für Sonnenenergie, die von Bauteilen im Inneren absor­ biert wird, kein Wärmeschutz

geringer Wärmeschutz, da Luft im Zwischenraum zirkuliert (Wärmeverlust durch Konvekti­ on), Schalen keine konstruktive Einheit, Gefahr von Kondensat­ bildung im Zwischenraum

Funktionseinheit aus mehreren lichtdurchlässigen oder lichtlen­ kenden Schichten, ggf. mit strahlungsreflektierenden Beschichtungen, Lichtdurchläs­ sigkeit ggf. veränderbar

permeabel (Licht)

permeabel (Licht)

permeabel (Licht)

permeabel (Licht)

ggf. veränderbar

veränderbar

permeabel (Licht und Luft) veränderbar

nicht veränderbar

nicht veränderbar

nicht tragend

nicht tragend

nicht tragend

nicht tragend

nicht tragend

mehrschichtig

mehrschichtig

mehrschichtig

mehrschichtig

ein- oder mehrschichtig

einschalig

zweischalig

vierschalig

einschalig

zweischalig

hinterlüftet

hinterlüftet

Funktionseinheit aus mehreren lichtdurchlässigen Schichten, Verbesserung Wärmeschutz mit TWD, Lichtdurchlässigkeit ggf. veränderbar und »selbst regelnd«, z. B. über thermotro­ pe Gläser

durch zwei stehende Luft/Edel­ gasschichten u. ggf. strahlungs­ reflektierende Beschichtungen (Low-E) gute Wärmedämmung, verstellbare oder starre Lamellen als Vorgesetzte hinterlüftete Schale

»Doppelfassade«, äußere und ggf. innere Verglasung öffenbar, Luftraum zwischen Schalen kon­ trolliert belüftet, Lamellen und Blendschutz auf der Innenseite eigene Schalen zur Regelung der Lichtdurchlässigkeit

Pneu mit lichtdurchlässigen Schichten, die systembedingt konstruktiv eine Einheit bilden, deshalb einschaliger Aufbau

Membranen als zwei voneinan­ der konstruktiv unabhängige Schalen, Luftschicht ggf. kon­ trolliert zur Abfuhr von Wasser­ dampf und Wärme belüftet, jedoch Wärmeverluste durch Konvektion

 

I

opakes

lichtdurchlässiges

I

opake

■TWD: Transluzente

Licht lenkendes

I

Materialgefüge

Materialgefüge

|

Wärmedämmung

! Wärmedämmung

System

o

Hinterlüftung

Winddichtung

Dampfbremse

Reflexion von

Lichtstreuung,

A 2.1.15 Strukturen/Aufbauten senk­ recht zur Fassadenebene, links:

 

Strahlung

Blendschutz

Außenseite

Flächen - Strukturelle Prinzipien

F Vertikallasten

a

 

punktuell

linear

flächig

Formschluss

Kraftschluss

Stoffschluss

Beanspruchung

Druck

Zug

Biegung

Abscheren

Torsion

Beweglichkeit

nicht gleitend

gleitend in einer Richtung gleitend in zwei Richtungen

Justierbarkeit

nicht justierbar in einer Richtung in zwei Richtungen in drei Richtungen

Wasserdampfdiffusion Der Dampfdiffusionswiderstand der Schichten muss generell von innen nach außen abneh­ men, um Kondensatbildung im Bauteil entge­ genzuwirken (Vermeidung einer Dampffalle). Kondensat, das sich in der Heizungsperiode im Wandaufbau ansammelt, muss in der warmen Jahreszeit wieder vollständig ver­ dunsten können.

Hinterlüftung Eine wirkungsvolle Hinterlüftung einer Vorsatz­ schale setzt die Montage der Bekleidung im Abstand von mindestens 20 mm sowie aus­ reichende Be- und Entlüftungsöffnungen von mindestens 50 cm2je 1 m Wandlänge voraus [7]. So wird Feuchtigkeit (eingedrungenes Fassadenwasser und/oder Kondensat) und Wärme (sommerlicher Wärmeschutz) wirkungs­ voll abgeführt. Stehende Luftschichten (keine Hinterlüftung) wirken zusätzlich als Wärme­ dämmung.

Wärmespeicherung Raumseitig angeordnete Schichten mit guter Wärmespeicherfähigkeit können für die Regu­ lierung des Innenraumklimas »aktiviert« wer­ den.

Sonnenschutz Sonnenschutzeinrichtungen sind außenseitig am wirkungsvollsten, um den Energieeintrag über strahlungsdurchlässige Schichten zu reduzieren. Ihre Hinterlüftung wirkt der Auf­ heizung der Oberflächen, die sonst ihrerseits Wärme in den Innenraum abstrahlen, entge­ gen. Solche Funktionsebenen gehören in ihrer Charakteristik zu Schalen.

Kopplungen von Schichten und Schalen

Schichten und Schalen müssen zu einer bau­ lichen Einheit, dem Fassadenaufbau zusam­ mengesetzt werden. Funktionale und bau­ physikalische Aspekte bestimmen vorrangig vor konstruktiven die Abfolge. Je nach Lage der Funktionsebenen im Aufbau wirken unter­ schiedliche Lasten ein. Bestimmte Flächen­ bauteile sind dabei aufgrund ihrer Materialei­ genschaften und/oder -stärken nicht oder nur eingeschränkt in der Lage, Kräfte aufzunehmen bzw. weiterzugeben (z. B. dünne Folien, wei­ che Faserdämmstoffe, Schüttungen, Luft­ schichten etc.). Daher bedarf es bei der Lastabtragung eindeutiger Hierarchien, die festlegen, welches Flächenbauteil von wel­ chem anderen Bauteil getragen wird. Die Benennung der Funktionsebenen eines Fassadenaufbaus als Schichten oder Schalen leitet sich vom Grad der konstruktiven Selbst­ ständigkeit ab:

Schichten sind selbst nicht oder nur bedingt tragfähig und/oder Teile einer übergeordneten konstruktiven Einheit; Beispiele: konstruktiv irre­ levante Folien und Beschichtungen, Luftschich­ ten, Dämmungen, Putzlagen, einzelne Schei­ ben eines Mehrscheiben-Isolierglases, einzelne Membranen einer pneumatischen Konstruktion.

Schalen sind selbst weitgehend tragfähig, teil­ weise bis vollständig räumlich und/oder kon­ struktiv eigenständig. Eine Schale kann aus mehreren Schichten bestehen; Beispiele:

innere und äußere Haut von Doppelfassaden, durch Luftschichten (z. B. bei Hinterlüftung) oder nicht tragfähige Dämmlagen getrennte Bauteile. In der Regel verbinden zusätzliche Konstruk­ tionen im Abstand zueinander angeordnete Schalen, es sei denn jede Schale ist für sich selbst standsicher. Entweder koppelt eine Konstruktion (z. B. aus Pfosten und Riegeln) übergeordnet mehrere Schalen oder sie bindet als so genannte Unter­ konstruktion (z. B. Konsolen) ein konstruktiv untergeordnetes Bauteil (z. B. Vorsatzschale)

an ein übergeordnetes. Im letzten Fall verursa­

chen die Vertikal lasten der untergeordneten

Schale über den Abstand e (= Hebelarm) Biegemomente, die von der Unterkonstruktion bzw. der im Tragverhalten hierarchisch höher stehenden Schale aufgenommen werden müssen. Abb. A 2.1.17 verdeutlicht, dass sich durch Vergrößerung des Abstandes h zwischen

den Befestigungspunkten die einzuleitenden Druck- und Zugkräfte deutlich reduzieren. Die Beanspruchung durch Abscheren wird dabei nicht berührt; die Befestigungen durch Windsogkräfte aber zusätzlich auf Zug bean­ sprucht.

Rückverankerungen bzw. Befestigungen von Vorsatzschalen durchdringen oft starke Dämmschichten, wodurch große Hebelwirkung entsteht. Gut wärmeleitende Verbindungsele­ mente wie Metalle stellen dabei Wärmebrücken dar, an denen sich Tauwasser niederschlagen kann. Diese müssen deshalb nicht rostend hergestellt werden, selbst ver­ zinkte Stahlverbindungen sind nicht zulässig [7]. Dämmmaterial muss dicht an die Verbin­ dungselemente anschließen, um den konstruk­ tiven Schwachpunkt nicht weiter zu verschär­ fen. Es ist sinnvoll, den Querschnitt, über den Wärme abfließen kann, zu minimieren. Eine weitere Strategie ist es, das Verbindungsele­ ment selbst oder den Anschluss thermisch zu trennen. Entsprechende Tropfkanten bei Ver­ bindungselementen senkrecht zum Aufbau gewährleisten, dass kein Fassaden- oder Tau­ wasser über Adhäsionskräfte in die Dämm­ schicht oder weitere Schichten und Schalen gelangt.

Im Gegensatz zur Kopplung von Schalen ist die von Schichten aufgrund ihrer geringeren räumlichen Distanz weniger problematisch. Befestigungen sollten Funktionsschichten (z. B. Wetterschalen, Abdichtungen, Wind­ sperren, Dampfsperren, Wärmedämmungen) möglichst wenig verletzen bzw. durchdringen. So wird die Leistungsfähigkeit der Funktions­ ebenen nicht herabgesetzt und die Gefahr bauphysikalischer Probleme und daraus resultierender Bauschäden gering gehalten. In allen Fällen sollten unkontrollierte Hohlräume

A2.1.16 räumliche und konstruktive Aspekte bei der Addition von Funktionsebenen Lage der Flächen zueinander:

A 2.1.17

a mit Abstand, keine Kopplungen

b mit Abstand, Kopplung über Unterkonstruktion

c ohne Abstand, Kopplung direkt ohne Unterkonstruktion Kräfteverhältnisse bei der Befestigung von

Vorsatzschalen

A 2.1.18 Kriterien bei der Befestigung von Schichten

und Schalen

A 2.1.19 Befestigung von Flächenbauteilen

a flächig

b linear, senkrecht

c linear, horizontal

d linear, umlaufend

e punktuell

f punktuell

A2.1.20 Beispiele für Lösungsprinzipien von Unter­

konstruktionen für Vorsatzschalen

und durchlaufende Fugen vermieden werden (deshalb Stöße versetzt anordnen), Luft­ schichten zwischen Schalen generell be- und entlüftet und ggf. entwässert werden. Horizon­ tal verlaufende Unterkonstruktionen dürfen erforderliche Lüftungsquerschnitte nicht ein­ engen. Mittels Gittern, Lochblechen oder Net­ zen sind Luftschichten vor Kleintieren (Insek­ ten, kleine Nagetiere) dauerhaft zu schützen. Bei Unverträglichkeiten von Materialien ist ein direkter Kontakt von Funktionsebenen unter­ einander oder zu Verbindungsteilen unbe­ dingt zu vermeiden. Dies gilt auch ohne direk­ te Berührung, falls über Wasser als Medium in Fließrichtung Unverträglichkeiten hergestellt werden.

• Befestigungsmöglichkeiten der Fassadenbe­ kleidung (z. B. punktuelle oder lineare Kraft­ einleitung)

• Erfordernisse aus der Hinterlüftung

• Befestigungs-/Beanspruchungsmöglichkei- ten an der übergeordneten Schale (können z. B. große Zugkräfte eingeleitet und aufge­ nommen werden?).

• bauphysikalische Aspekte (Bedeutung und Gefahren von Wärmebrücken).

Sehr schwere Vorsatzschalen oder sonstige der thermisch trennenden Hülle vorgelagerte Einrichtungen (Balkone, Rankgerüste etc.)

sollten eine eigene Konstruktion und ggf. ein Fundament zur Ableitung der Vertikalkräfte erhalten. Eine Rückverankerung der Schalen

Befestigungsstrategien

ist

dann lediglich zur Weitergabe von Horizon­

Bei der Befestigung von Schichten unterein­

talkräften und ggf. gegen Ausknicken nötig.

ander oder von Schalen an Unterkonstruktio­ nen (und umgekehrt) gibt es diverse Varian­ ten, bei denen insbesondere folgendes

Prinzipielle Unterkonstruktionen (Abb. A 2.1.20):

beachtet werden muss:

a

Pfosten

b

Riegel

• sichere Weitergabe aller anfallenden Lasten

c

und d vertikale und horizontale Tragelemen­

• ggf. zwängungsfreie Lagerung der Bauteile mit Fix- und Gleitpunkten

te, Hinterlüftung und ggf. Entwässerung dürfen durch horizontale Tragglieder nicht

• Klärung der Montageabfolge und der nachträglichen Austauschbarkeit

beeinträchtigt werden, Variante d in dieser Hinsicht problematisch

• Definition der Schnittstellen zwischen unter­ schiedlichen Gewerken bzw. Firmen

e

Unterkonstruktion aus Zug-/Druckstreben und diagonalen Abhängungen zur Aufnah­

• Justierbarkeit beim Anschluss von Bauteilen unterschiedlicher Gewerke und mit voneinan­ der abweichenden Herstellungstoleranzen

me der Vertikallasten, ggf. Kombinationen mit weiteren linearen Traggliedern (vertikal oder horizontal)

Befestigung von Vorsatzschalen Vorsatzschalen bzw. hinterlüftete Bekleidun­ gen werden mittels Unterkonstruktionen im

f

örtliche Konsolen, die in die Tragschale ein­ gespannt werden müssen, Kombinationen mit weiteren linearen Traggliedern (vertikal oder horizontal) sind denkbar

Abstand (Raumbedarf für Dämmung und/ oder Hinterlüftung) an statisch überge­

Justierung von Anschlüssen

ordneten Flächenbauteilen befestigt. Hängen­

Folgende prinzipielle Strategien ermöglichen

de Montage ist grundsätzlich stehender vor­

Justierungen:

zuziehen. Für Unterkonstruktionen existieren mehrere grundsätzliche Lösungsprinzipien

• Unterlegen, Unterfüttern

(siehe Abb. A 2.1.20). Welches Prinzip sich im

• Distanzschrauben

Einzelfall eignet, hängt von folgenden Fakto­ ren ab:

• Verschieblichkeit von Befestigungsmitteln in Langlöchern oder Schienen (z. B. Halfen- schiene)

• Größe und Gewicht der einzelnen Flächen­ bauteile der Bekleidung

• Anschlüsse in übergroßen Aussparungen, die anschließend vergossen werden

Flächen - Strukturelle Prinzipien

ZI

e

i—

[ =

]

-

\

i

. C = l

f

A 2.1.20

freie und ausreichende Positionierungs­ möglichkeiten von Befestigungsmitteln auf Flächen wie z. B. stoffschlüssige

Befestigungen (Klebeflächen,

»Schweißgründe«), punktgenaues Setzen von Schrauben, Dübeln etc. bei der Montage.

Anmerkungen

[1] VDI-Richtlinie 2221. Düsseldorf 1993. S. 39f. VDI-Richtlinie 2222. Düsseldorf 1996, S. 5f. [2] VDI-Richtlinie 2221. Düsseldorf 1993. S. 39f:

[3]

»Effekt: Das immer gleiche, voraussehbare, durch Naturgesetze bedingte Geschehen physikalischer, chemischer oder biologischer Art«. Die überarbeitete Klassifikation baut auf typologi-

schen Untersuchungen im Rahmen eines For­

schungsprojekts zur Gebäudehülle auf:

Herzog, Thomas; Krippner, Roland: Gebäudehülle. Synoptische Darstellung maßgeblicher baulicher Sub­ systeme der Gebäudehülle mit Schutz- und Steuerungsfunktionen als Voraussetzung für die experimentelle Arbeit an ihrer energetischen und

baukonstruktiven Optimierung. Abschlussbericht

(unveröffentlicht). TU München, 2000.

Herzog, Thomas; Krippner, Roland: Synoptical

Description of Decisive Subsystems of the Building Skin. In: Pontenagel, Irm: Building a new Century. 5th Conference Solar Energy in Architecture and Urban Planning. Proceedings. Eurosolar (Hrsg.). Bonn 1999, S. 306-310

[4] Siehe: Themeninfo I/02 »Schaltbare und regelbare

Verglasungen«. BINE Informationsdienst (Hrsg.). Karlsruhe 2003 [5] Die Definition von Schalen ist in der Literatur unein­ heitlich und teils widersprüchlich. Die hier getroffene Festlegung erscheint am plausibelsten. Verwirrung

wird erzeugt, wenn sich die Klassifikation nur auf eine

bestimmte Bauart (z. B. einschalige Betonwand) und nicht auf das ganze System der Hülle (z. B. zweischa- liger Aufbau mit Betonwand und einer Wetterschale aus Aluminiumprofilblechen) bezieht. Siehe:

»Kopplungen von Schichten und Schalen« in diesem Kapitel. [6] Die Beschreibung und z. T. die Gliederung der Fugendichtungssysteme bauen auf folgendem For­

[7]

schungsbericht auf:

Scharr, Roland; Sulzer, Peter: Beiträge zum metho­

dischen Vorgehen in der Baukonstruktion.

Außenwanddichtungen. VDI (Hrsg.). Düsseldorf 1981.

Mit wissenschaftlichen Methoden werden ȟber die

Analyse ausgeführter Konstruktionen Elemente und Strukturen von Dichtungssystemen in Außenwänden«

im Hochbau untersucht und aufgezeigt.

Siehe: DIN 18516 Teil 1. Berlin 1999

Gilt nicht für »Kleinformatige Platten« mit einer Fläche von <; 0,4 m2 und einer Eigenlast von s 5 kg

A 2.2 Ränder, Öffnungen

Ränder

Bisher wurde die Gebäudehülle als Kontinuum in ihrer Fläche und in ihrem Aufbau in der Tiefe betrachtet. Da Flächen im Bereich der Gebäudehülle endlich sind, ist jede Fläche auch durch ihre Ränder definiert. Sobald sich die konstruktiven, funktionalen und gestalteri­ schen Eigenschaften innerhalb der Gebäude­ hülle ändern, kann von abgrenzbaren, unter­ schiedlichen Bereichen gesprochen werden. In der Regel ändern sich die Eigenschaften bezogen auf die Durchlässigkeit.

Öffnungen sind Teile der Gebäudehülle mit Durchlässigkeit für Energie- und Stoffströme. Allgemein gilt dies, wenn sich Teile tatsächlich ganz öffnen lassen, z. B. bei Fenstern [1 j. Es erscheint jedoch sinnvoller zu sein, den Begriff der Öffnung durch die Beziehung zum jeweiligen physikalischen Vorgang zu erweitern. Ein Oberlicht ist zum Beispiel eine Öffnung in der Dachfläche, durch die Licht eintritt.

Mit der Änderung der Eigenschaften (Perfor­ mance) ist auch eine Änderung im konstrukti­ ven Aufbau verbunden. Der in diesem Kapitel verwendete Begriff der Ränder bezeichnet nicht den Rand eines Bauteils, das als einzel­ nes Teil mit vielen gleichen Teilen zu einem großen Ganzen zusammengefügt wird (z. B. Ziegelstein im Mauerwerk), sondern den Über­ gang von Fläche zu Öffnung.

Leibung

Die Tiefe der Leibung ergibt sich primär aus dem Wandaufbau (Abb. A 2.2.5). Die Lei­ bungstiefe kann durch zusätzliche Elemente vergrößert, jedoch nicht verkleinert werden. Die geometrische Ausbildung der Leibung hat direkten Einfluss auf den Tageslichteintrag und auf die Sichtbeziehung. Abb. A 2.2.4 zeigt einige grundsätzliche Merkmale auf. Die Ausbildung der Leibungsflächen steht in Zusammenhang mit dem (konstruktiven) Anschlag der Bauteile, die im Bereich der Öffnungen verwendet werden (z. B. Fenster):

Die Leibung kann nämlich auch dazu dienen, einfallendes Tageslicht in den Raum zu reflek­ tieren; neben der Geometrie sind dabei die Eigenschaften der jeweiligen Oberflächen zu beachten. Die Leibungstiefe steht immer auch im Ver­ hältnis zur Öffnungsgröße, und diese wieder­ um in Relation zur Wandfläche. Die plastische Wirkung der Fassade im Außenraum wird maßgeblich durch den Versatz der einzelnen Flächen in der Fassade und die sich daraus ergebende Schattenwirkung erzeugt. Konstruktive Aspekte bei der Ausbildung der Leibung sind:

A 2.2.1 Wohnhaus, Paderborn (D) 1995, Thomas Herzog

• Einleitung der Windlasten

• Abführen des Eigengewichts der Kon­ struktion

• Abdichtung gegen Wind, Niederschlag etc.

Öffnungen

Ränder, Öffnungen

Öffnungen sind in der Gebäudehülle unum­ gänglich, um das Innere nutzen zu können und den Innenraum mit Licht und Luft zu versorgen. Aus den Schutz- und Versorgungsfunktionen geht hervor, dass die Öffnungen in ihrer Durch­ lässigkeit veränderbar sein sollten, da den Schwankungen der Bedingungen im Außen­ raum der Wunsch nach konstanten Bedingun­ gen im Innenraum gegenübersteht. Die Öff­ nungen in der Gebäudehülle übernehmen die Aufgabe der Vermittlung zwischen innen und außen, also des kontrollierbaren Austauschs des Innenraumklimas mit dem Außenraumklima. Die einzelnen Parameter wie Wärme, Licht, Luft, Schall, Feuchtigkeit etc. lassen sich dabei unter dem Begriff der Regelung der Durchlässigkeit zusammenfassen. Hierfür werden »öffnungsschließende« [2] Ele­ mente verwendet. Die bekannteste Form ist das Fenster, bei dem die Durchlässigkeit von Licht durch entsprechendes Material auch in geschlossenem Zustand gegeben ist, der Aus­ tausch von Luft jedoch nur bei geöffnetem Fenster erfolgt. Die Funktionen Belichtung und Belüftung können selbstverständlich auch getrennt voneinander erreicht werden. Die ein­ fachste Form stellt eine Festverglasung mit einem separaten (opaken) Lüftungsflügel dar [3].

Mit dem Aufkommen von großflächig verglasten Fassaden (z. B. Gewächshäuser) im 18. Jh. und der Errichtung von Bauwerken wie dem Kristallpalast in London (1851) oder dem Glas­ palast in München (1854) vollzieht sich ein Übergang: Das Fenster als transparentes Ele­ ment in einer opaken Wandfläche wird zum Öffnungselement in einer ganzflächig transpa­ renten Fassade. Analog zu Fenstern in einer massiven Wandkonstruktion werden daher die öffenbaren Elemente einer (transparenten) Glasfassade auch als Fenster bezeichnet.

Lage und Geom etrie

Anordnung und geometrische Ausbildung der Öffnung stehen immer im Zusammenhang mit dem dahinter liegenden Raum: Ihre Lage und geometrische Ausbildung haben prinzipielle Auswirkung auf den Tageslichteintrag, die Belüftung sowie auf die Blickbeziehung des Nutzers zum Außenraum. Die Lage der Öffnung steht in Bezug zur Nut­ zung sowohl in der Horizontalen als auch in der Vertikalen. Durch eine Veränderung der Nut­ zung in der Fläche des Grundrisses kann sich der horizontale Bezug zu Öffnungen verändern. Der Bezug zur vertikalen Anordnung der Öff­ nung hingegen ist in der Regel nicht veränder­ bar, da eine Erhöhung oder Absenkung der Bodenebene des Raumes nicht möglich ist.

Vertikale Einteilung der Fassadenfläche

Die Fassade eines Geschosses lässt sich prinzipiell in drei Bereiche unterteilen

(Abb. A 2.2.2):

Ränder, Öffnungen

n

n

A 2.2.2

c

• Oberlichtbereich

• Bereich des Blickfelds vom Innenraum aus

• Brüstungsbereich

Im oberen und unteren Randbereich (Anschluss­ bereiche) gibt es zudem folgende Bezeichnun­ gen, die aus der Betrachtung von Lochfassaden stammen:

• Sturzbereich: bezeichnet den Bereich über einem Fenster/einer Tür bis zur Decke

• Sockelbereich: bezeichnet den Bereich unter einer Tür/Fenstertür bis zum Boden

Sichtbeziehungen Oftmals ist der Wunsch nach Frischluft gekop­ pelt an das Verlangen, auch direkt an der Öff­ nung (am offenen Fenster) stehen zu können. Daher ist bei der Planung einer Öffnung neben der manuellen Betätigung beweglicher Ver­ schlüsse auch der Kontakt mit dem Außenraum zu berücksichtigen. Die Öffnung soll diesen einerseits ermöglichen, andererseits jedoch zugleich einen Abschluss gegen außen bilden. Diesbezüglich unterscheidet man zwischen visueller und physischer Verbindung. Die Blick­ achse kann als mittlerer Wert für die verschiede­ nen Positionen angegeben werden mit [4]:

A 2.2.3

• Ausrichtung in Bezug zur Himmelsrichtung

• Tageszeit

• lokale Verhältnisse der Sonneneinstrahlung (klimatische Bedingungen, lokale Verschat­ tung durch Umgebung wie Vegetation und/oder Bebauung)

In der Fassadenebene sind die Lage und die Geometrie der Öffnung von grundlegender

Bedeutung. Hoch liegende Fensteröffnungen begünstigen den Lichteintrag in die Raum­

tiefe. Die tatsächlich im Raum vorhandene Helligkeit wird wesentlich bestimmt vom Grad der Refle­ xion der inneren Oberflächen, was stark von den vorherrschenden Farben abhängt [7].

Belüftung

Vereinfacht gesagt bedeutet Lüftung »Aus­ tausch von Raumluft gegen Außenluft« [8]. Die Lufterneuerung eines Raumes soll zum einen die hygienischen Anforderungen erfüllen und andererseits auch eventuell vorhandene bauphysikalische Aspekte (Abtransport von Schadstoffen in der Luft, Abführen von Feuchte) berücksichtigen. Bei Lüftung unter­ scheidet man aufgrund der Antriebskräfte grundsätzlich mechanische Lüftung (Antrieb der Luftbewegung durch mechanische Kräfte)

A 2.2.4

Abb. A 2.2.6 [10] stellt das Grundprinzip

des Luftaustausches bei einer Fassaden­

öffnung aufgrund Temperaturschichtung ohne Windeinfluss dar. Im Bereich der gedachten Ebene N (neutrale Zone) findet keine Luftbe­ wegung statt. Durch Änderung der vertikalen Lage der Öffnung und durch Einfluss von Windkräften verschiebt sich diese Ebene in der Vertikalen. Neben Ausbildung und Anordnung der Lüftungsöffnungen in der Fassade ist die Variabilität ein entscheidendes Merkmal im Zusammenhang mit den physikalischen Eigenschaften der Hülle und der Masse eines Gebäudes [11].

Für eine Dauerlüftung sind kleine und gut dosierbare Lüftungsöffnungen erforderlich. Die Luftführung im Raum ist dabei besonders zu beachten, da diese Lüftungsart über einen längeren Zeitabschnitt erfolgt:

• einseitige Lüftung:

zur effizienten Nutzung des thermischen Auftriebs sollten zwei Öffnungen mit mög­ lichst großem vertikalem Abstand zueinan­ der angeordnet sein; eine gut einstellbare Dosierung verhindert unerwünschte Abkühlung und Zugerscheinungen

• ca. 175

cm im Stehen

und freie Lüftung, die auch als natürliche

• Querlüftung:

• ca. 130

cm im Sitzen beimArbeiten

Lüftung bezeichnet wird. Bei dieser erfolgt

um in diesem Fall den thermischen Auftrieb

• ca. 80 cm

im Sitzen

der Antrieb der Luftbewegung durch Druck­

zu nutzen, sollte zwischen Lufteintritts­

• ca.

70

cm

im Liegen (in 30 cm Höhe)

unterschiede zwischen dem Innen- und dem

und Luftaustrittsstelle ein möglichst großer

Sowohl die Lage als auch die Unterteilung der Öffnung müssen auf die Art der Nutzung und die Position des Nutzers abgestimmt werden.

Außenraum, die aus folgenden, sich aus den natürlichen Bedingungen ergebenden Kräften resultieren [9]:

vertikaler Abstand vorhanden sein; bei windinduzierten Druckdifferenzen ist dieser Abstand unbedeutend

Belichtung

Der Lichteintrag über die Fassade nimmt mit der Raumtiefe ab (Abb. A 2.2.3 [5]). Das Maß des Lichteintrags wird durch den Tageslicht­ quotienten charakterisiert (D = Daylightfactor). Dieser gibt das Verhältnis von Beleuchtungs­ stärken im Innen- und Außenraum (nur Diffus­ licht) unter Normbedingungen in Prozent an [6]. Die äußeren Einflussgrößen sind:

• Windkräfte:

durch Wind im Bereich der Fassade indu­ zierte Druckdifferenzen zwischen innen und außen, die den Luftaustausch bewirken

• thermische Auftriebskräfte:

Kräfte, die durch unterschiedliche Dichten aufgrund von Temperaturunterschieden (Temperaturschichtung) entstehen. Die ther­ mischen Auftriebskräfte werden mit zuneh­ mendem Winddruck von diesem überlagert.

Stoßlüftung erfordert Öffnungen mit möglichst großem Lüftungsquerschnitt:

• einseitige Lüftung:

aufgrund der neutralen Zone in der Mitte der Öffnung kann die Fläche zweigeteilt mit ver­ tikalem Abstand zueinander sein

• Querlüftung:

aufgrund der Querlüftung findet der Luft­ durchgang nur in einer Richtung statt

b

A 2.2.5

Für die Behaglichkeit sind neben der Betrach­ tung der Luftwechselzahl, die global erfolgt, Aussagen über die Luftbewegungen relevant

[ 12 ]:

• Größe der Luftgeschwindigkeit an Luftein­ trittsstelle

• maximale im Raum auftretende Luftge­ schwindigkeiten

• Durchschnittsgeschwindigkeit der Luft im Raum

• Durchschnittsgeschwindigkeit der Luft in Ebene des Nutzers (1 m über Fußboden)

Als oberster Grenzwert für Behaglichkeit

die Luftgeschwindigkeit ein Wert von 0,2 m/s.

Vor allem bei Büro- und Verwaltungsbauten ist

ab dieser Luftgeschwindigkeit mit dem Aufwir­ beln von Papier zu rechnen [13]. Als Zugluft wird die durch einen Luftstrom »unerwünschte lokale Abkühlung des menschlichen Körpers« bezeichnet [14,15]. Bei Zugluft handelt es sich demnach nicht um einen absoluten Wert. Man spricht deshalb auch von einem Zugluftrisiko [16]. Zur Vermeidung von Zuglufterscheinung ist es günstig, wenn sich die in den Raum ein­ tretende Luft möglichst gut verteilen kann.

gilt für

Problematisch bei der »behaglichen Zuluft­ zufuhr« sind im Sommer der Einlass warmer Außenluft und im Winter die zu erwartenden Zugerscheinungen durch den Eintrag kalter Außenluft (die zusätzlich durch Kaltluftabfall an der Fassade überlagert werden). Durch dezen­ trale Einrichtungen zur Vortemperierung der Zuluft im Bereich der Fassadenöffnung kann dieser Problematik entgegengewirkt werden.

Da die Wirkung mechanischer Lüftung im Ver­ gleich zu den Schwankungen der äußeren Bedingungen besser voraussagbar ist, bezie­ hen sich eine Vielzahl von Betrachtungen und Untersuchungen dazu oftmals primär auf mechanische Lüftung. Erst in den letzten Jah­ ren sind vermehrt Ansätze zu verzeichnen, auch die schwankenden Bedingungen bei frei­ er Lüftung in Simulationen und Messungen zu

Ränder, Öffnungen

A 2.2.2 Bereiche, die sich aus der Nutzung ergeben

a Oberlichtbereich

b Bereich des Blickfeldes

c Brüstungsbereich

A 2.2.3 Einfluss der Lage und Größe der Öffnung auf den

Tageslichteintrag

a mittig

b unten

c oben

A 2.2.4 Einfluss der Leibung des Randes (bei umlaufend gleicher Ausbildung)

a parallel

b konisch, nach außen gerichtet

c konisch, nach innen gerichtet

d parallel, trapezförmig, nach innen abfallend

e parallel, trapezförmig, nach außen abfallend

A 2.2.5 Einfluss der Wandstärke bei Belichtung und Sicht­

beziehung

a tiefer Wandaufbau

b flacher Wandaufbau

A 2.2.6 Prinzip des Luftaustauschs durch Fassadenöff­

nung aufgrund von Temperaturschichtung ohne

Einfluss von Windkräften, neutrale Zone N bei 1/2H

berücksichtigen. Mit zunehmenden Erkenntnis­ sen über natürliche Lüftung sowie der gestie­ genen Bedeutung nutzbarer Energie aus der Umwelt, kommt der Fensterlüftung wieder mehr Beachtung zu. Analog zu mechanischer Lüf­

tung, bei der zu allen Komponenten genaue Werte verfügbar sind, müssen auch für Fenster

aerodynamische Größen für die Lufteintrittsstel­ len (Fensterspalt: Profilausbildung) ermittelt

werden. Einige aus der Raumluftanlagentech­ nik bekannte Effekte lassen sich auf Fenster

übertragen.

Bei Quelllüftung, die sich durch relativ niedrige Luftgeschwindigkeiten auszeichnet, wird ver­ sucht, mit einer nach oben gerichteten Ver­ drängungsströmung Zuluft und belastete Luft räumlich zu trennen. Durch Zuführung der Zuluft mit Untertemperatur in eine bodennahe Schicht (laminare Einschichtung der Zuluft in Bodenhöhe) wird aufgrund des thermischen Auftriebs an den internen Wärmequellen die nachströmende Luft aus der Zuluftschicht angesaugt und die Abluft im Deckenbereich abgeführt. In der Regel wird Quelllüftung im Zusammenhang mit mechanischer Lüftung verwendet. Bei natürlicher Lüftung kann Quell­ lüftung dann eingesetzt werden, wenn die Lüftungsöffnungen in der Fassade den gleich­ mäßigen Eintritt der Zuluft in den Raum im Bodenbereich ermöglichen.

Soll die eintretende Luft möglichst tief in den Raum eindringen, kann der »Coanda-Effekt« ausgenutzt werden: Wenn ebene Luftstrahlen aus Schlitzen nicht unmittelbar unter der Decke, sondern in einem gewissen Abstand ausgeblasen werden, so legt sich der Strahl infolge des induzierten Wirbels an die Fläche an, er »klebt« gewissermaßen daran. Dieser Effekt wird gelegentlich auch als Wirbelgrenz- flächen-Effekt bezeichnet [17]. Dieser von der mechanischen Lüftung bekannte Effekt lässt sich unter gewissen Umständen auch auf die Fensterlüftung übertragen. Der Außenluftstrom wird als Tangentiallüftung entlang glatter Flächen geleitet. Durch möglichst geringe Ver-

A 2.2.6

wirbelung wird die Wirksamkeit in der Raumtie­ fe gewährleistet. Die entsprechenden Flächen müssen in direkter Nähe der Lufteintrittsstelle liegen. Außerdem sind Lage und Geometrie der Lufteinlassöffnung (Fensteröffnungsstel­ lung) zu beachten.

Je niedriger die Temperatur der zugeführten Luft gegenüber der Raumluft, desto größer das Zugluftrisiko. Ein Vorwärmen der in den Raum eintretenden Außenluft kann durch die Anord­ nung der Zuluftöffnungen in Kombination mit Wärmequellen erfolgen. Die eintretende Luft sollte sich an Bauteilen mittels Konvektion erwärmen können. Fensterlüftung ist bei Einhaltung der Richtwerte für die Behaglichkeit nur bis zu einer bestimm­ ten Außentemperatur möglich. In der Literatur wird z. B. je nach Fensterart als unterer Grenz­ wert eine Außentemperatur von 0 bis 6 °C angegeben [18]. Bei Außentemperaturen in der Nähe des Behaglichkeitsbereichs sollte die eintretende Luft möglichst direkt zur Stelle des Nutzers im Raum gelangen können, ohne sich dabei an wärmeren Bauteilen aufzuheizen. Bei warmen Außentemperaturen kann die eintretende Luft an kühleren Bauteilen mittels Konvektion (geringfügig) abgekühlt werden. Die thermisch wirksamen Massen können die aufgenommene Wärmeenergie mittels Nacht­ lüftung oder Bauteilkühlung wieder abgeben. Zur Einhaltung der Behaglichkeit kann Fens­ terlüftung tagsüber bei hoher Außenlufttem­ peratur dementsprechend nur bedingt einge­ setzt werden.

Die Anordnung der Lüftungsöffnungen in der Fassade und die Art der Lüftung (einseitige Lüftung oder Querlüftung) bestimmen die Raumtiefe, in der die freie Lüftung über Öffnun­ gen in der Fassade wirksam ist. Sie trägt außerdem wesentlich zur Behaglichkeit bei. Ohne nähere Angaben zur Anordnung des Öffnungsflügels, gilt im Allgemeinen die Faust­ regel, dass Räume mit einseitiger Belüftungs­ möglichkeit dann als »natürlich belüftbar«

Ränder, Öffnungen

A 2.2.7 Verschattung durch Lamellenstruktur: Einfluss der Himmelsrichtung

a Südfassade: horizontale Lamellen

b Ost-/Westfassade: vertikale Lamellen

A 2.2.8 Prinzipien des Sonnenschutzes: Ausblenden/ Filtern der direkten Strahlung

a Auskragung: Ausblenden

b Auskragung: Verschattung durch Ausblen­ den und Reflexion zur Tageslichnutzung

c Lamellenstruktur: Ausblenden

d Lamellenstruktur: Ausblenden und Reflexion zur Tageslichtnutzung

e Abdeckung: Ausblenden

f Filtern: Perforation

A 2.2.9 typologische Zuordnung der Bewegungsarten bei Fenstern

gelten, wenn ihre Raumtiefe maximal 2,5-mal ihre lichte Höhe (H) beträgt. Für den Fall der Querlüftung gilt 5-mal die lichte Höhe [19]. Bei einseitiger Lüftung und einer im oberen Bereich angeordneten Öffnung ist die Lüftung bis zu einer Raumtiefe von bis zu 2 H wirksam. Bei einer im unteren und einer im oberen Bereich angeordneten Öffnung erhöht sich die Wirk­ samkeit auf bis zu 3H [20]. Diese Werte sind keinesfalls absolut und können nur als Anhalts­ punkt dienen, die Öffnungsart bleibt dabei unberücksichtigt.

Kleine Öffnungsstellungen der Fenster müssen genau positioniert und ausgebildet werden, da bei einer dichten Hülle die Wirkung des Luftstrahls in den Raum wegen der kleinen Öff­ nungen in der Gebäudehülle analog zu einem Düseneffekt zunimmt. Ist die Dosierbarkeit von Lüftungsöffnungen durch Fenster nicht erreich­ bar, so können zusätzliche Elemente (z. B. Klappen) in der Fassade eingesetzt werden. Die in DIN 5034 angegebenen Tabellen zur Bestimmung der Mindestfenstergröße für Wohnräume beziehen sich auf die ausreichen­ de Versorgung der Räume mit Tageslicht. Eine Größe der Lüftungsöffnung lässt sich daraus nicht ableiten.

Veränderung der Durchlässigkeit

Die Eigenschaft der Durchlässigkeit lässt sich durch den Einsatz von baulichen Vorrichtungen beeinflussen. Hierzu werden starre und verän­ derbare Elemente verwendet.

Starre Elem ente

Da sich die Sonneneinstrahlung und damit die klimatischen Verhältnisse bezogen auf den Tages- und den Jahresverlauf verändern, ändert sich im Fall nicht beweglicher Elemente auch deren Wirkung (Verschattung, Reflexion, Lichtumlenkung) in Abhängigkeit vom jewei­ ligen Sonnenstand.

U

>

Für die Verschattung lassen sich verschiede­ ne Prinzipien unterscheiden (Abb. A 2.2.8):

• durch vollständige unmittelbare Abdeckung der Fassadenfläche

• durch auskragendes Element

• durch Addition kleinerer Elemente (z. B. Lamellen- oder Rasterstruktur)

Lamellenstrukturen lassen sich in zwei Kate­ gorien hinsichtlich Anordnung unterteilen, die sich durch die Ausrichtung zur Himmelsrich­ tung und dem damit verbundenen Sonnen­ stand ergeben:

• auf der Südseite in steilem Winkel auftreffen­ de Sonnenstrahlen werden durch horizontale Lamellen daran gehindert, ins Gebäudeinne­ re einzudringen

• auf der Ost- und Westseite werden die flach auftreffenden Sonnenstrahlen durch vertikale Lamellen abgehalten

Der Ausblick ist bei beiden Prinzipien trotz Verschattung möglich (Abb. A 2.2.7).

B ewegliche Elemente

Das Kapitel Manipulatoren (B 2.3, S. 258ff.) behandelt die beweglichen und veränderba­ ren Elemente im Bereich vor Öffnungen ausführlich anhand von Beispielen. Im Folgen­ den geht es um die Beweglichkeit von Fens­ tern. Primär besteht die Eigenschaft von Fenstern in der Möglichkeit des partiellen Öffnens und Schließens der Gebäudehülle. Von den üblicherweise unterschiedenen Merkmalen (Material des Fensters, Bewegungsart oder Konstruktion des Fensterrahmens, Maueran­ schlag) ist die Öffnungsart (Flügelarten) als Funktion der Fassadenöffnung für die kon­ struktiven und gestalterischen Eigenschaften eines Fensters bestimmend. Für die Unterscheidung der verschiedenen Fenster lassen sich die Öffnungsarten typo-

logisch ordnen durch die Festlegung von vier Betrachtungsebenen mit jeweiligem Unterscheidungskriterium (Abb. A 2.2.9) [21]:

• Fassadenfläche, Unterscheidung nach

Beweglichkeit

• Grad der Beweglichkeit

• Bewegungsart

• weitere Unterscheidungsmerkmale

Erste Betrachtungsebene: Beweglichkeit der Fassadenfläche Fassadenflächen lassen sich bezüglich ihrer Beweglichkeit unterscheiden in fest stehende und öffenbare Flächen. Die Fensteröffnung

ihrerseits wird unter anderem aufgrund stati­ scher (Lastabtragung) und konstruktiver Aspekte (Elemente für Festverglasung und bewegliche Flügel) unterteilt.

Die Größe der einzelnen lichtdurchlässigen Felder hängt von der Verfügbarkeit der Mate­ rialien (z. B. Glasscheiben) ab und definiert so die Unterteilung.

Zweite Betrachtungsebene: Beweglichkeitsgrad Der Beweglichkeitsgrad wird durch den Frei­ heitsgrad bestimmt, der wiederum durch die Rahmen- und Flügelkonstruktion sowie die Art der Beschläge vorgegeben ist.

Dritte Betrachtungsebene: Bewegungsart Die Differenzierung nach Beweglichkeitsgrad kann weiter unterteilt werden. Die jeweilige Bewegung spiegelt sich in der Fensterbe­ zeichnung wider:

• partielle Ortsänderung, Bewegung um verti­ kale Achse (Rotation):

- Wendefenster

- Drehfenster

• partielle Ortsänderung, Bewegung um hori­

zontale Achse (Rotation):

- Kippfenster

- Klappfenster

- Schwingfenster

Ränder, Öffnungen

Fassadenflächen

fest stehende Flächen

zu öffnende Flächen

partielle Ortsveränderung

vollständige Ortsveränderung

Bewegung um eine vertikale Achse (Rotation)

Lichtdurchlässigkeit

Bewegung um eine horizontale Achse (Rotation)

ohne Veränderung des Elements (Translation)

_C

Kippen

: n

Klappen

1

Schwingen

 

hori­

verti­

zontal

kal

Anzahl der

Konstruktions-

beweglich Flügel

prinzipien

innen

unter Veränderung der Elemente (Transformation)

hori­

verti­

hori­

verti­

zontal

kal

zontal

kal

Arretierung

Lastabtragung

A 2.2.9

• Bewegung mit vollständiger Ortsveränderung ohne Veränderung des Elements (Translati­ on):

- Schiebefenster

- Ausstellfenster

• Bewegung mit vollständiger Ortsveränderung unter Veränderung des Elements (Trans­ formation):

- Faltfenster

- Rolltor

• Kombinationen

Bei den üblicherweise verwendeten Faltfens­ tern handelt es sich genau genommen um

Dreh-Schiebefenster, da die Fenster nicht als Fläche gefaltet werden, sondern aus mehreren einzelnen Rahmen bestehen. Zur Verdeutli­ chung sei auf die als Trennwände benutzten

Faltwände verwiesen, bei denen -

auf die Oberfläche bezogen - die ganze Fläche gefaltet wird. Die Fassade als Teil der Gebäudehülle stellt in ihrer grundlegenden Funktion eine vertikale Trennung zwischen zwei Bereichen dar. Die Bewegungsarten können daher in einer unter­ geordneten Betrachtungsebene zusätzlich durch Bezug zur Fassadenebene - in der Regel außen/innen und oben/unten - differen­ ziertwerden, z. B.:

zumindest

• Drehen: nach innen/außen aufgehend

• Klappen: nach innen/außen aufgehend

• Schieben: horizontal (nach rechts/links)/ vertikal (nach oben/unten)

Weitere Unterscheidungsmerkmale Eine weitere Ebene unterscheidet Konstrukti­ onsprinzipien und sich dadurch ergebende bestimmte Merkmale. Neben der für alle beweglichen Flächen zutreffenden Unter­ scheidung nach der Anzahl der Flügel werden auch für die jeweilige Öffnungsart spezifische Merkmale verwendet. Die Anzahl der Flügel (bewegliche Flügel, eventuell arretierte und nur zu Reinigungs­

oder Wartungszwecken bewegliche Flügel, fest stehende Flächen) gibt Aufschluss über die Variationen der Öffnungsmöglichkeiten.

Ein Unterscheidungsmerkmal, das im Zusam­

menhang mit kontrollierter natürlicher Lüftung

an Bedeutung gewonnen hat, stellt der Antrieb zur Bewegung dar, der manuell oder mecha­ nisch erfolgen kann.

Spezifische Konstruktionsprinzipien beschrei­

ben die verschiedenen Öffnungsarten. Unter­ scheidungen können daher nur innerhalb eines Bewegungsprinzips getroffen werden. Ferner gibt es Merkmale bei der Betrachtung, die sich unabhängig von einer typologischen Gliederung primär auf die Konstruktion bezie­ hen und nur sekundär auf den Öffnungsme­ chanismus.

Leistungsspektrum der Bewegungsart

Die Bewegungsmechanismen weisen unter­ schiedliche Eigenschaften auf, die aufgrund ihres Einflusses auf Funktion, Konstruktion und Gestaltung von grundlegender Bedeutung sind [22]. Das Leistungsspektrum eines öffen­ baren Elements in der Gebäudehülle setzt sich dabei vor allem aus den funktionalen Eigenschaften zusammen (Abb. A 2.2.10):

Um Fenster als Komponenten der Gebäude­ hülle - bezogen auf den Energiehaushalt und

den Nutzerkomfort - effizient verwenden zu

können, ist die genaue Kenntnis der Bewe­

gungsarten und des damit verbundenen Leistungsprofils notwendig [23].

Kom binationsm öglichkeiten

Die verwendeten Begriffe verdeutlichen die Vielfalt der Bewegungsarten, die sich aus den Kombinationsmöglichkeiten ergeben:

• Drehflügel mit Drehschiebebeschlag

• Klappflügelfenster: Senkklappflügelfenster

• Faltwand (Kombination aus Dreh- und Schiebebewegung)

Drehkippflügelfenster

• Faltfenster: Faltschiebefenster

• Schwingflügelfenster; Schwingschiebefenster

• Wendeflügelfenster

• Schiebefenster: Höhenschiebefenster, Hebe­ schiebefenster, Hängeschiebefenster, Ver­ senkschiebefenster, Versenktür, Horizontal­ hebeschiebefenster

• Parallelabstellflügel; Kipp- und Parallelab- steller; Drehparallelabsteller

Die Bewegungsarten entwickelten sich über eine Anzahl von Schritten zu einer Vielzahl von Variationen. Die noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts existierenden Varianten werden heute jedoch größtenteils nicht mehr produ­ ziert. Als Gründe für diese Entwicklung gelten neben der Fugenproblematik u. a. die erhöhten bauphysikalischen Anforderungen, die eine Zunahme der Scheibengewichte bedingen und dadurch wesentlich höhere Anforderungen an Beschlag und Rahmen stellen. Bei der Fugen­ dichtungsproblematik wurde der ausreichende Luftaustausch zugunsten der Reduktion des Wärmeverlusts in den Hintergrund gedrängt (Teiloptimierung), statt die Problematik im Kon­ text zu betrachten.

Elementierung

Da die Gebäudehülle in der Regel nicht aus einem Stück herstellbar ist, ergibt sich für die Realisierung die Notwendigkeit einer Zerlegung in einzelne Teile. Die Grundbegriffe der Systembetrachtung in den Naturwissen­ schaften werden für den Bereich der Archi­ tektur auf fünf Stufen ausgeweitet. Daraus entsteht folgende Abfolge der Betrachtung (Abb. A 2.2.11):

• System

Subsystem

• Komponente

• Element

• Material

Ränder, Öffnungen

Vergleich der Bewegungsarten

Drehfenster

Wendefenster

Kippfenster

bei Fenstern zur Ermittlung des

nach innen

Leistungsprofils aufgehend

 

Beeinträchtigung der Nutzfläche

Öffnungsbreite

1/2 Öffnungs­

minimal

bezogen auf die Raumtiefe

breite

Möglichkeit der Anordung

ja

nein

ja

an Verkehrsflächen

(wenn nach

außen

aufgehend)

Durchblick: maximale freie

100%

100%

keine freie

Öffnungsfläche und Unterteilung

mit vertikaler

Öffnung

Teilung

geometrische Beschreibung

1x seitlich spalt­

2x seitlich spalt­

2x seitlich

der erzeugbaren minimalen/

förmig, oben

förmig, oben

winkelförmig,

kleinen Öffnungsflächen

und unten

und unten

oben spalt­