Wie der Häuserkampf in

~ 8 1 besetzten Studenten und Autonome die Gebäude am Hafen / Es war der Anfang einer
D
ie Hafenstraße
lebt. Scharen von
Touristen pilgern
heute noch zu den
bunt bemalten Fassaden,
die in den 80er jahren zum
Symbol der Auflehnung
gegen die Staatsgewalt
wurden. Heute wird vor
und an den Häusern voller
Inbrunst gehämmert und
diskutiert. Alles soll vor-
bereitet sein, wenn zwi-
schen dem 15. und 17. Sep-
tember ein ganz besonde-
res Jubiläum ansteht - vor
25 Jahren wurden dort die
ersten Häuser besetzt.
Es begann Anfang der
80er jahre "Gru-
ner+jahr" plante den Um-
zug an die Hafenkante.
Um /Ur den Verlag Platz zu
schaffen, kaufte die Stadt
alle Häuser dort auf. Da-
runter auch die später Uffi-
.. ftenGebäude108bis
116 und 120 bis 122. Ur-
sprünglich wohnten in
den Häusern aus dem 19.
jahrhundert Hafenarbei-
ter. Im Zuge der Entmie-
tung durch die SAGA kam
es im September 1981 zu
einer ersten stillen Beset
zuog.
Menschen unterschied-
lichen Alters, darunter
auch Studenten und Auto-
nome, zogen in die teilwei-
se bereits entmieteten und
zum Abriss verdammten
Wohnungen ein. Sie einte
ein Ziel: eine eigene Welt
mit eigenen Regeln. Der
Traum vom selbst-
bestimmten Leben.
Bereits 1982 wuchs die
Kommune an der EIbe auf
60 Personen an. Es kam zu
ersten Auseinanderset-
zungen mit der Polizei. Im
Winter 1982 ordnete die
SAGA offiziell an, die
Häuser zu entrümpeln.
Die Bewohner warfen d a ~
raufbin alles, was nicht
niet- und nagelfest war,
aus den Fenstern. Geplän-
kel im Vergleich zu den
Schlachten, die Bürger,
ew.l!ht!er, EPIiz.ci uncieo
CHRONIK
Herbst 1981: Die Häuser an
der Sl Paull HafenstraBe wer-
den still besetzt.
April 1982: Rund 60 Men-
schen wohnen in den Häu-
sern. Sie beginnen, die baufäl-
ligen Gebäude zu renovieren.
Erste kleinere Krawalle.
September 1982: Festnah-
men und erste Durchsuchung
durch die PolizeI.
September/Oktober 1982:
Die Bewohner machen einen
Vorschlag für ein selbst ver-
waltetes Wohn nnodell- der
Senat lehnt ab und beschließt
den Abriss.
Februar 1983: Es kommt in
den Häusern zu schweren
Auseinandersetzungen. Barri-
kaden werden gebaut, Steine
fliegen auf Polizisten.
November 1983: Die SAGA
schließt mit den Bewohnern
Mietverträge ab. Die Stadt
zahlt den legalISierten Bewoh-
nern 140 000 Mark für die Re-
novierung.
Februar 1986: Der Senat
entscheidet über den Kopf des
Bezirks hinweg, dass Anfang
1987 drei Häuser abgerissen
werden.
Oktober 1987: 500 Beamte
rücken zum bisher umfang-
reichsten Einsatz an, Hinter-
grund: ein RAF-Spruch an der
Fassade und Strafanträge der
SAGA gegen die Mieter.
die Stadt kam
jahrelangen - oft gewalttätigen - Auseinandersetzung
litik später an den Rand der
Belastbarkeit treiben sollten.
Aber: "Unsere erste gemein-
same Aktion", erinnert sich
Claus Petersen. Er ist einer
der Organisatoren der dies-
jährigenJubiläumsveranstal-
tung.
Zum Wendepunkt in der
bis dahin weitgehend friedli-
chen Auseinandersetzung
geriet 1982 der Ausbau der
Hafenrandstraße auf vier
Spuren. Petersen später zur
MOPO: "An den Baggern
hatte sich unsere Wut ent-
zündet." Die Folge: Straßen-
schlachten mit der Polizei,
Verletzte auf bei den Seiten.
Die Besetzer erhalten natio-
nal und international Unter-
stützung. Kampf den Immo-
bilienspekulanten - Linken
und Liberalen gefiel dieses
Motto.
Einige Bewohner hielten
dem Druck nicht mehr Stand
und zogen aus. Vor allem
Frauen mit ihren Kindern
hatten Angst. Andere kämpf-
ten erbittert weiter.
1983 trotzen die Hafen-
sträßlerdem SPD-Senat Ver-
träge ab, die zwei Jahre spä-
ter keine Gültigkeit mehr be-
sitzen sollten. Startschuss rur
eine weitere Welle der Ge-
walt. "In einer beispiellosen
Dialektik von Repression
und Widerstand von 1985 bis
1987 setzen wir - getragen
von vielfaltiger Solidarität -
durch, hier zusammen zu le-
ben. ohne jedoch die Bedin-
gungen dafiir selbst gestalten
zu können", beschreiben die
derzeitigen Hafensträßler
die damalige Situation.
Anders ausgedrückt: In
Hamburg herrschten bürger-
kriegsähnliche Zustände.
Bürgermeister Klaus von
Dohnanyi verpfandete sein
Amt für eine friedliche w-
sung. Die Angst auf allen Sei-
ten war groß. "Ich bekam ei-
nes Tages einen Anrufvon ei-
ner verzweifelten Frau, de-
ren Tochter in einem der
Häuser wohnte. Sie be-
schwor mich, weiter für Ver-
handlungen einzutreten", er-
innert sich der damalige
Zweite Bürgermeister lngo
von Münch (FDP) im Ge-
spräch mit der MOPO.
Die Forderung der Politik:
Abbau der Barrikaden. Die
Besetzer sperrten sich zu-
nächst dagegen. Die Folge:
Im Spätherbst 1987 standen
5000 Polizisten zum Sturm
auf die besetzten Häuser be-
reit. High Noon an der Ha-
fenstraße. ERIKTRÜMPlER
Morgen lesen Sie:
Wie Zeitzeugen die
Krawalle erlebten
12 HAMBURG Dienstag, 12. September 2006 Hamburger Morgenpost
1987 eskalierte die Gewalt - dann geschah ein Wunder
H
igh Noon in der Ha-
fenstraße im Spät-
herbst1987.5000 Poli-
zisten stehen zum
Sturm auf die besetzten
Häuser bereit. Am 19. No-
vember um 14 Uhr läuft das
allerletzte Ultimatum aus.
Hamburg steht kurz vor
einem Straßenkampf, wie es
ihn noch nicht gegeben hat.
Die Fronten sind verhärtet,
die Nerven von Politik, Po-
lizei, Bewohnern und Bür-
gern zum Zerreißen ge-
spannt. "Ich kann nicht aus-
schließen, dass damals ge-
schossen worden wäre", sagt
Michael Herrmann. damals
als Vermittler zwischen den
Fronten aktiv.
Vor den Häusern spiegelt
sich die Gewalt der vergan-
genen Tage wider. Auto-
wracks, Holzbohlen, umge-
stürzte Container und Eisen-
gerüste zieren die Straße.
Doch am Morgen des 18. No-
vember 1987 - das Wünder.
Schwarz gekleidete Men-
schen machen sich im Mor-
gennebel ans Werk und bau-
en - wie gefordert - qie Bar-
rikaden ab. Am Tag darauf
werden auch die Verbarrika-
dierungen der Häuser ent-
fernt. Bereits knapp zwei
Stunden nach Ablauf des
eingehaltenen Ultimatums
tritt der Senat zu einer Son-
dersitzung zusammen. Um
17.38 Uhr klingelt in der Ha-
fenstraße das Telefon: Sozi-
alsenator Jan Ehlers ist dran
und übermittelt die frohe
Botschaft: Der Senat hat
dem zugesicherten Pacht-
.. Ich bin zuversichtlich,
dass auf diesem Weg endlich
ein Konflikt gelöst werden
konnte, der Hamburg jahre-
lang vergiftet hat", jubelt
Bürgermeister Klaus von
DohnanyL Fast allein, ohne
Unterstützung des Senats,
seiner Partei und des Koali-
tionspartners FDP, hat er auf
eine Karte gesetzt - und ge-
wonnen.
Doch die heiße Phase soll-
te sich noch weitere Jahre
hinziehen. Im Februar 1988
fliegen erstmals wieder Mo-
lotow-Cocktalls, Barrikaden
brennen - trotz Vertrags-
abschlusses zwischen Re-
gierung und Bewohnern. Es
folgt ein jahrelanger Klein-
krieg. Ob politische Parolen
an den Häuserwänden oder
eine angebliche Nähe zu
RAF-Terroristen - die Ha-
fenstraße steht weiter im
Brennpunkt. Bürgermeister
Henning Voscherau, der im-
mer wieder mit Räumung
droht, löst Klaus von Dohna-
nyi als Bürgermeister ab.
Erst Mitte der neunziger Jah-
re sollte Ruhe einkehren.
Mehr als zehn Jahre nach der
ersten, stillen Besetzung.
ERIK TROMPlER
Hamburger Morgenpost Dienstag, 12. September 2006
DER POLIZIST
Noch heute erinnere
ich mich an einen
Nachtdienst, in dem
ich das erste Mal auf
Menschen getroffen
bin, die mir so feind-
selig und böswillig
begegneten, dass ich
Angst hatte. So groBe Angst wie da-
nach nie mehr als Polizeibeamter.
Gegen Mitternacht erhielten wir einen
Einsatz für eine Streifenwagenbesat-
zung. Jemand hatte ein Fahrzeug mit
einer eingeschlagenen Scheibe gemel-
det. Vorsichtshalber hatte die.Einsatz-
zentrale einen zweiten Streifenwagen
entsandt. Der Einsatzort lag in der
Bemhard-Nocht-Stra8e_ Dort wur-
den wir plötzlich von einer etwa zehn-
köpfigen Personengruppe aus den
Häusern umringt. Was dann passier-
te, habe ich nie wieder erleben
müssen. Mehrere Bewohner der Häu-
ser sind mit erhobenen Knüppeln und
Zaunlatten auf uns zugestürmt und ha-
ben uns geschlagen. Sie wollten uns
erheblich verletzen. vielleicht sogar
mehr. Ich habe in dieser Nacht erst-
mals mit meinem Gummiknüppel
zugeschlagen, um mich zu verteidi-
gen. So oft und kräftig, dass ich danach
entkräftet war. Für mich war das ein
einschneidendes Erlebnis.
Ralf Kunz (44)
..... ...
Früher Schutzpolizist, jetzt
Pressesprecher. Ralf Kunz
DER VERMITTlER
Natürlich erinnere
ich mich an die Zeit
damals. Politna-
sen, besonders de-
nen weiter oben,
fehlte es wie heute
an Besonnenheit,
um soziale Konflikte mit Vernunft zu
lösen. Stattdessen verließen sie
sich lieber auf die Schlagkraft
der Polizei. Hausbesetzungen
waren damals die Antwort auf
die Zerstörung gewachsener
Viertel durch Spekulanten und
Abriss. Wir hatten damals das
wKomitee zur Verteidigung der
Hafenstraße" gegründet und
erfahren, dass Innen- und Bau-
senator Tabula rasa machen
Angst vor einer Räumung hatten die
Bewohner Poller aus Stahlbeton auf
den Gehwegen errichtet. Bürger-
meister von Dohnanyi war
Sylt im Urlaub_ Wir sprachen mit
der Patriotischen Gesellschaft, um
den Irrsinn zu stoppen und Dohnanyi
zu besuchen. Erich BralHl-Egidius
von den Patrioten, der Fotograf Gün-
ter Zint und ich, damals noch in der
wollten. Wir nannten das die Tretten der GAL in der legendären Volxkü-
Poller-Krise des Senats. Aus che: Vorne links sitzt Michael Herrmann
GAl, flogen quasi mit weißer Fahne
per Hubschrauber nach Sylt. Beim
Bürgermeister gabs Kuchen und Kaf-
fee. DOhnanyi erfuhr beim Gespräch
auch, dass viele der an ihn heran-
getragenen Nachrichten über das
überzogen waren. So er-
klärten wir ihm, dass man als
nonnaler Mensch die Balduin-
treppe hinab- oder hinaufgehen
konnte, ohne dass von oben
Pech und Schwefel herab-
kämen.lch bot ihm an, mit mei-
nem Peugeot da vorbeizufah-
ren, damit er sich einen eigenen
Eindruck machen könne.
Schließlich konnten wir ihn da-
von überzeugen. seine Sena-
toren anzurufen und den Sturm
auf die Häuser abzublasen.
Michael Herrmann 60)
HAMBURG 13
November 1987: Bürger-
meister Klaus von Dohnanyi
verpfändet sein Amt. Erver-
langt den Abbau der Barrika-
den. den Zugang zu den Häu-
sern. Die Besetzer halten sich
.an das gesetzte Ultimatum.
Der Senat stimmt dem Pacht-
vertrag mit den Bewohnern zu.
Februar 1988: Übertragung
der Grundstücke auf die städti-
sche lawaetz-Stiftung. Der
bürgerschaftliche Haushalts-
ausschuss bewilligt 500 ODO
Mark von insgesamt 1,5 Millio-
nen Mark für die Instandset-
zung der Häuser.
Juni 1988: Bürgermeister von
Dohnanyi tritt zurück.
September 1989: Der Stren
um eine Häuserwand löst eine
Straßenschlacht zwischen Poli-
zei und Demonstranten aus.
Mai 1990: Großeinsatz mit
3000 Beamten von Bundes·
grenzschutz und Polizei, 13
Wohnungen an der Hafenstra-
ße werden durchsucht.
DER SAGA-JURIST
Ein Ereignis ragt
fOr mich persön-
IIcII aus allen an-
deren beraus.
Schon oft war ich
als Jurist der SAGA
mit zahlreichen
Polizeikräften zu Räumungen in der
Hafenstraße. Doch das S.chlimmste
passierte mir im Frühjahr 1989. Als
Geschäftsführer der neu ge-
gründeten Hafenrand GmbH
meldete ich mich zu einer Besichti-
gung der Häuser an. Mit meinem
Kollegen Eberhard Gilde und einem
Elektroinstallateur machten wir uns
auf den Weg. Zunächst lief alles
glatt. Urplötzlich st ürmten aus
einem Hauseingang etwa fünf
maskierte Männer heraus. Die wa-
ren mit Knüppeln bewaffnet und
hatten nur ein Ziel: mich. Sie
prügelten auf mich ein . Ich war auf
diesen Angriff weder vorbereitet
noch trainiert. Nach wenigen
schmerzhaften Sekunden war alles
vorbei.Meine Kollegen suchten den
Blick zu einem Fahrzeug mit Zivil:
poliZisten auf der gegenüberliegen-
den Straßenseite. Die kamen dann
voller Schreck rüber, weil sie sahen,
dass ich stark am Kopf blutete. Sie
wollten einfach nur weg vom-Tatort
und fuhren deshalb direkt ins
Hafenkrankenhaus. Von da an hatte
sich meine persönliche Situation
vollkommen verändert. Die Polizei
gab zu, die Snuation völlig falsch
eingeschätzt zu haben. Bürgermeis-
ter Voscherau schrieb mir einen
Brief, in dem er sein Entsetzen über
die Tat zum Ausdruck brachte
fortan bekam ich zwei Per-
sonenschützer an die Seite ge-
stent, die mich ständig begleiteten.
Ein herber Einschnitt in meinem le-
ben. Erst dann wurde mir die Bri-
sanz dieser Funktion in aller Deut-
lichkeit bewusst. Noch heute fragt
mein Arzt, warum meine Nase so
krumm sei. Das sind die Folgen von
damals. Die Nase war von den
Schlägen angebrochen.
Wallgang Dirksen (53)
Stets umringten Presse und Po-
lizei den luristen Walfgang Dirk-
sen beim Betreten der Häuser
HAMBURG Mittwoch,ll September 2006 Hamburger Morgenpost
Dohnanyi tritt 1988 zurück / Krawalle bis Mitte der 90er Jahre / Heute
IIn!nnpunkt HafenstraBe: Klaus
von Oohnanyi im Rampenlicht
M
ut kann man Klaus
von Dohnanyi
(SPD) wahrlich
nicht absprechen.
Ohne Unterstützung des Se-
nats, seiner Partei und des
Koalitionspartners FDP hat-
te der Bürgermeister im No-
vember 1987 alles auf eine
Karte gesetzt. Er verpfande-
INTERVIEW: Klaus von Dohnanyi
te sein Amt rur eine friedli-
che Lösung im brodelnden
Hafenstraßen-Konflikt.
Kurz vor Ablauf des Ulti-
matums geschah das Wun-
der. Die Bewohner bauten
die umstrittenen Barrikaden
ab. Der befürchtete Sturm
von 5000 Polizisten blieb da-
durch aus.
Doch Dohnanyi musste
sich spätestens im Februar
1988 - als erneut Molotow-
Cocktails flogen und Barri-
kaden brannten - harscher
Kritik stellen. "Die Welt"
fragte bissig: "Dohnanyis
,Traumfabrik' in Trüm-
mern?" Wenige Monate spä-
ter warf er das Handtuch.
Einen Zusanunenhang mit
den Ereignissen stritt er spä-
ter vehement ab. "Ich woll-
te sowieso zurücktreten", zi-
tiert ihn der "Stern",
Bis Mitte der 90er Jahre
kam es immer wieder zu ge-
waltsamen Konflikten. Oft
stand die Räumung der Häu-
ser kurz bevor. Doch nicht
zuletzt die zunehmende
Sympathie der Hamburger
Bevölkerung fiir die Bewoh-
ner hinderte den Senat von
Dohnanyi-Nachfolger Hen-
ning Voscherau (SPD) am
Kahlschlag. Das Bild der prü-
gelnden Chaoten in den Häu-
sern verblasste zusehends.
Als die Bürgerschaft 1995
die Privatisierung der Häu-
ser beschloss, fand der jah-
relange Konflikt am Hafen-
rand ein jähes Ende.
Heute sind die meisten
Anne und Michael aus Leipzig
vor den Hafenstra8en-Häusem
Es gab keine Politik der Annäherung«
ehemalige Bürgermeister über seine Erinnerung an die Hafenstraßen-Besetzung
ist am
es in der Politik immer
wieder Situationen gibt, in
denen man aus der Verant-
wortung einsame Entschei-
dungen treffen muss. Wer in
eincrsolchenSituationnicht
bereit ist zu fallen, der wird
nie wirklich stehen, wenn es
riskant wird.
MOPO: Was war damals
schwerwiegender: das Aus-
maß der Krawalle oder der
Imageschaden für die Stadt
Hamburg?
Dohnanyi: Am schwierigsten
war die mangelnde Bereit-
schaft der meisten Medien,
die Lage mit Distanz und Au-
genmaß zu betrachten und
zu beurteilen. Die Medien
haben mehr zur Aufheizung
der Lage beigetragen als die
Krawallmacher se1bst.
MOPO: Sehen Sie Ihre Politik
der Annäherung bestätigt
oder würden Sie heute etwas
anders machen?
Dohnanyi: Es gab keine Politik
der "Annäherung". Wir ha-
ben in meiner Zeit alle neu-
en Besetzungen sofort (in 24
Stunden) geräumt. Es war
Krisenmanagement fLir eine
Wunde, die schon vor mei-
ner Zeit entstanden war.
MOPO:HabenSiesich die der-
zeitige Situation mal ange-
schaut? Sind Sie selbst er-
staunt, wie sich die Hafen-
straße entwickelt hat?
Dohnanyi: Ich bin heute ei-
gentlich enttäuscht, dass die
Bewohner der Hafenstraße
noch immer nicht mehr aus
ihren Möglichkeiten ge-
macht haben.
MOPO: Wie kommt es, dass es
dieses Phänomen der Haus-
besetzung in dem damaligen
Stil nicht mehr gibt? Hat sich
die Gesellschaft verändert?
Dohnanyi: Die Hausbesetzer
stammen aus dem Klima der
60er und 70er Jahre. Damals
meinten viele. wer etwas hat,
der hat das eigentlich zu Un-
recht: Alles gehört allen.
Diese Strömung gibt es Gott
. sei Dank nicht mehr. Demo·
kratie ist heute kein Gegen·
satz mehr zu Leistung und
Erfolg. Und das ist ein Fort-
schritt.
DAS INTERVIEW FÜHRTE
ERIK TRÜMPLER
Hamburger Morgenpost Mittwoch, 13. September 2006 •
leben Steuerberater neben Punks
Häuser instandgesetzt, die
Dächer ausgebaut. ..Der
Kampf um die Häuser ist
vorbei", sagt Bewohner
Claus Petersen ... über die
Jahre hat er uns genug Ener-
gie und Kraft gekostet."
Vor den Gebäuden sitzen
Anne (23) und Michael (26)
aus Leipzig. Sie woUten sich
einen Eindruck von der einst
berüchtigten Zeile verschaf-
fen. Ihr Urteil:. Wir sind fast
ein wenig enttäuscht. Diese
Häuser könnten auch in je-
der anderen Stadt stehen."
Doch eine Tradition wird
an der Hafenstraße weiter
gepflegt: Entscheidungen
fallen im Plenum,. einer Ver-
sammlung aus Bewohnern,
Anwohnern und Betroffe-
nen. "Hier leben Punks, Stu-
denten. Lehrer und Steuer-
berater", erzählt ein Bewoh-
ner. "Hier passt einer auf den
anderen auf." ERIKTROMPLER
Ende der Serie
7. Januar 1991: Das Land·
Hamburg erklärt die
Kündigung der Pachtverträge
durch die Harenrand GmbH für
rechtmäßig. [lne Räumung
steht unmittelbar bevor.
17. Januar 1991: Der Genchts·
voIiZJeher wetgerl SICh zu räu.
men Das AmtsgerICht beslä·
tlQl die Weigerung.
Februar 1991: Das Amts'
weigert sich, den Ge-
richtsvollzieher zur Räumung
zu verpflichten.
MI! 1992: Krawall In der Ha·
1enstraBe. Barrikaden brennerl.
Februar 1995: Senat und Bür·
gerschaft beschließen Ver·
handIungen Ober eine Privat>
sienI1g der Hauser.
Dezember 1995: Der Senat
stimmt dem Verkauf zu. Für
2,04 Millionen Mark gehen die
Häuser an die Genossenschaft
am EJbufer".
September 2006: Die Hafen·
stJa8e leiert iII chi Tagen ihr
25-jähnges Jubiläum.
))Morgenpost lügt«
MOPO-Reporter Thomas Hirschbiegel
über den Häuserkampf am Hafen
Der Typ in der grünen Bom·
berjacke mit der Hasskappe
auf dem Kopf war nur Se-
kundenbruchteile am Fens-
ter des Hafenstraßen-Hau-
ses an der Bernhard-Nocht-
Straße zu sehen. Im nächs-
ten Moment spürte ich einen
Schlag an der linken Schul-
ter - eine Stahlmutter, abge-
feuert mit einer ZwiUe, hat-
te mich getroffen. Meine di-
cke Lederjacke verhinderte
Schlimmeres. Die Springer-
Presse, aber auch wir MO-
PO-Leute waren fiir die Ha-
fenstraßler ein rotes Tuch.
.Morgenpost lügt" stand
Ende der 80er Jahre in roter
Farbe auf einem Bauwagen
vor den Häusern. Der Vor-
wurf der Bewohner war: "Ihr
schreibt doch nur, was die
amtlichen Stellen über uns
behaupten, und lasst uns
nicht zu Wort kommen."
Doch wenn man mal den
"Pressesprecher" der Be-
wohner erreichte, wartete
der meist erst mal ein "Ple-
num" in den Häusern ab. Ta-
ge später gabs dann eine wir-
re Erklärungüber .. BuUenter-
ror" und "Politik der Herr-
sehenden". Einfacher ist es
bis heute kaum geworden.
Man bekommt heute vennut-
lieh viel leichter Fotos des
Staatsschutz-Geheimarchivs
als Motive aus den ehemals
besetzten Wohnungen
ke
.,hön war's meist nur von außen. Oie Hafenstraße im Jahre 1988 FOTO: ELLER BROCK@SCHAFFT/BllOERWERK
Ein Sieg, den keiner vergessen darf
KOMMENTAR VON ULRIKE WINKELMANN
Kampf lohnt sich. Das ist die Botschaft
der l-Jafenstraße, wie sie sich 25 Jahre
nach der Erstbesetzung der Häuserzei-
le am Hamburger Hafenrand formulie-
ren lässt - auch mit etwas Abstand.
Dieser Abstand ist dabei unbedingt
nötig. um a1l die Ungereimtheiten und
Peinlichkeiten im gigantischen Sym-
boltheater Hafenstraße kurz zu verges-
sen: Die Selbstgefalligkeit der Hafen-
straßen-Szene, die kein berechtigtes
Interesse von irgendwem sonst kannte.
Da geriet noch der Brief mit der Strom-
rechnung zum unverschämten Angriff
des Schweinesystems auf den frisch
eroberten Freiraum. Dann der eitle
Stolz, wenn der Senat nachgab - eben
noch Bullenstaat, plötzlich windelwei-
che Sozialdemokraten. Und so weiter.
Es waren zum beträchtlichen Teil die
bespotteten bürgerlichen Hafenstra-
ßen-Fans, die die Hafenstraße selbst
davor bewahrten, an linksradikalen Ni-
ckeligkeiten und Neurosen zu ersti-
cken. Wenn auch noch ein Tennisstar
Boris Becker seine Solidarität offen
zeigte, verband sich plötzlich der spezi -
elle Wertehorizont in St. Pauli-Süd mit
dem des verpönten Mainstreams. Im
umkämpften Terrain selbst war eben
nicht zu jedem Zeitpunkt klar, dass es
um mehr ging als die Feindschaft zum
Hamburger Senat.
Gesiegt aber hat die Hafenstraße al-
lein. Ihre Bewohner haben bewiesen,
welche gesellschaftliche Gestaltungs-
kraft Hausbesetzungen entwickeln
können. Bis heute wissen die meisten
Hamburger: Stadtplanung bedeutet
Ein- und Ausschluss von Menschen.
Und: Auch Schlechtverdiener haben
Anspruch auf attraktive Wohnlagen.
Und: Nischenkulturen sind schützens-
wert. Darum wäre es wiederum nicke-
lig, den alten und neuen Bewohnern
vorzuwerfen, sie seien bloß im "Schö-
ner Wohnen" angekommen, Hafen-
panorama inklusive.
Es ist auch nicht Schuld der Hafen-
straße, dass Hamburgs Tourismuswirt-
schaft von den berühmten bemalten
Fassaden profitierte, dass der Kapita-
lismus also noch seine erbittertsten
Gegner als Dekor zu nutzen versteht.
Im Gegenteil: Gerade weil die Besetzer
sich weder verdrängen noch missbrau-
chen ließen, sondern begehrtenWohn-
raum erstanden, haben sie Recht behal-
ten. Hoffentlich wird dieser Sieg nicht
so bald vergessen.
VOR 25 JAHREN BEGANN DIE BESETZUNG DER HAMBURGER HAFENSTRASSE
INTERVIEW JAN FEDDERSEN
taz: Herr von Dohnanyi, hätten Sie sich
vor 2S Jahren vorstellen können, dass
das Wohnprojekt In der Hafenstraße
einmal ein positiver Imagefaktor
Hamburgs sein würde?
Klaus von Dohnanyi: Ich weiß nicht, ob
das heute so ist. Jedenfalls ist positiv an
der Hafenstraße. dass die Stadt an ih-
fern Beispiel gezeigt hat, dass sie in
schwierigen Lagen liberale Lösungen
finden kann.
Es muss Sie 1987 entsetzt haben,
dass ein Helikopter der Unterstützer-
szene der Hafenstraße Sie aus Ihren Fe-
rien auf Sylt zurückholen musste, um
zu verhindern, dass an Ihnen vorbei
und gegen Ihre Absicht geräumt wird.
Ja, das ist wahrscheinlich richtig.
Das klingt so hartgesotten. Hat es
Sie nicht gewurmt, dass Senatskolle-
gen aus dem Traditionsmilieu Ihrer
• In den Achtziger- und Neunzigerjahren zogen die besetzten Höuser der Hafenstraße in Hamburg
ungezöhlte linke on. Klaus von Dahnanyi, früher Bürgermeister der Stadt, war den Besetzern nicht
nahe - und half ihnen doch, einen Teil ihrer Utopie zu retten. Die Geschichte eines longen Kampfes
den. Ich hatte Kontakt mit Richard von
Weizsäcker gehabt, dem damaligen Re·
gierenden Bürgermeister von Berlio,
und ihn nach seinen Erfahrungen mit
der Hausbesetzerszene in Berlin be-
fragt .
Der hatte mit Vertragstreue viel Kre-
dit gewonnen.
Und wir sagten, wir wonen diese Verträ-
ge auch. Das war alles einstimmig be-
schlossen. Das konnte man nicht ein-
fach umkippen, nur weil es einem nicht
passt. Es gab im Senat aber einen .
... der war?
... den Namen will ich nicht nennen, der
hat gesagt, naja, was wir vor der Wahl
versprochen haben, ist doch nicht so
wichtig. Das konnte ich nicht dulden.
Zusagen und Versprechungen zu ma-
chen, zu ihnen hinterher nicht zu ste-
hen. das ist unredlich.
Wie empfanden Sie persönlich die
Hafenstraßenhäuser - jenseits der re-
gierungstechnischen Perspektive? Zeichen und Spuren eines langen Kampfes: die Hamburger Hafenstraße 1995 FOTO : M .. SCHOlZ
"Etepetete war ich da nie
ll
Klaus von Dohnanyi, einst Bürgermeister Hamburgs, erinnert sich gut und gern an den Zoff um die besetzte Hafenstraße
Partei hinter Ihrem Rücken Ihnen Stö-
cker in die Speichen werfen?
Es gab halt unterschiedliche Beurteilun-
gen der Sicherheitslage. Ich habe diese
immer etwas gelassener und etwas rea-
listischer beurteilt, als dies andere im
Senat getan haben.
Was bedeutete Ihnen die Hafen-
straße?
Zunächst war es eine Sache, die ich ge-
erbt habe bei meinem Amtsantritt. Wir
Meine Einstellung war so wie gegenüber
der Achtundsechzigerbewegung und
der Grün-Alternativen Liste in Hamburg
insgesamt : eine ambivalente. Bis heute.
Auf der einen Seite sehe ich die Kreativi-
tät, den Witz - und auch die Erfrischung,
die aus diesen politischen Regionen,
wenn ich das mal so sagen darf, kommt.
Und andererseits ...
... haben diese Leute auch mit einer
Leichtfertigkeit
Chronologie
des Widerstands
September/Oktober '98.: ju-
gendUche besetzen unbemerkt
zwölf leer stehende Häuser in
der Hafenstraße, die die städti-
sche Wohnungsbaugesellschaft
SAGA verrotten ließ, damit Gru-
ner + Jahr und Tchibo dort ein
Großprojekt errichten können.
April'98,: Die SAGA bemerkt
die Besetzung.
November '983: Rund hun·
dert Besetzer erhalten dreijähri-
ge Mietverträge.
Oktober '985: Hamburgs Ver·
fassungsschutzchef Lochte be-
hauptet falschlicherweise in der
taz, die RAF-Kommando-Zentra-
le habe sich eingenistet. Die taz-
Redaktion Hamburg wird ver-
wüstet. Gerüchte um eine Verge-
waltigung in einem der Häuser
bleiben ungeklärt.
Dezember 1986: Kurz vor Aus-
laufen der Mietverträge demons-
trieren 10.000 Menschen für
den Erhalt der Hafenstraße.
Januar 1987: Geräumte Woh-
nungen werden wieder besetzt.
MaI'987: Der Mäzen jan Phi·
lipp Reemtsma bietet Bürger-
meister von Dohnanyi den Kauf
der Häuser zu einem "politi-
'schen Preis" an. Er erhält eine
rüde Absage.
jull'987: Während Dohnanyis
Urlaub wollen Innensenator Pa-
welcyk und Bausenator Wagner
räumen lassen. Die vermittelnde
"Patriotische Gesellschaft"
schreitet ein, fliegt zu Dohnanyi
nach Sylt: Er soll den Putsch ver·
hindern. Dies gelingt. Die Be·
wohner bauen die Häuser den-
sondern' eine bewohnbare - S i t u a t i ~
herstellen. Und die gab es ja damals
nicht, es sah ja schauerlich aus. Das darf
man nicht bestreiten.
Die Furcht war: eine Sanierung zu
onen sind für die Bürger da, damit die
Gesellschaft, damit die Stadt funktio-
niert: das Gesundheitswesen, das Ver-
kehrssystem, die Kindergärten, die Uni-
versitäten und Schulen, die Gerichte, die
Sicherheit und so weiter.
KLAUS VON DOHNANYI, ge-
boren 1928 in Hamburg, war
von 1972 bis 1974 Bundesbil-
Ihre Sorgen in Ehren,
aber die Leidenschaft der
Besetzer muss Ihnen doch
gefallen haben - ein bürger-
gesellschaftliches Engage-
ment für ein besseres Leben
par excellence.
dungsminister, von 1981 bis
1988 Erster Bürgermeister der
Hansestadt Hamburg. Sein
Vater war der Widerstands- Hat es ja auch zum Teil. Aber
meine Gefühle bleiben trotz-
dem zwiespältig. Institutio-
nen zerstören zu wollen
habe ich immer abgelehnt.
Sie mit Spott zu bedenken, in
kämpfer Hans von Dohnanyi,
den die Nazis 1945 hingerich-
tet hatten.
FOTO: ANOREAS SCHOELZEL
Lasten der armen Leute - dass aus dem
Elbrand eine Flaniermeile wird.
Es ging nicht nur um Flaniermeilen. Die
Stadt sollte ihr Gesicht wiederbekom-
men, sich nicht nur in den Norden hin
ausbreiten, sondern zurück an den
Fluss, die Eibe wachsen.
Tatsächlich ist mittlerweile einge-
treten, was Kritiker aus dem Hafen·
straßenumfeld befürchtet haben: Die-
se Wohnlage ist für Arme unbezahlbar.
Mietpreise waren nicht unser Punkt. Wir
hatten darauf zu achten, dass Gebäude
und Einrichtungen repräsentativ für die
Stadt sind. Stellen Sie sich mal vor, man
würde die Hafenstraße neben das Rat-
haus stellen!
Es wäre vielleicht ein Ensemble als
Zeugnis moderner Kunst im öffentli-
chenRaum.
Gut, aber wir waren besorgt zum Bei-
spiel um die hygienischen Verhältnisse
überhaupt in dem Viertel. Deshalb woll-
ten wir sanieren - und aus diesem
Grund haben wir dem Hafenstraßen-
projekt einen Vertrag angeboten.
Aber gegen den Widerstand der
rechten Sozialdemokraten im Senat.
. Die klagen ja noch heute, der Dohna-
nyi hat uns diese Schmuddelkinder
hinterlassen.
Es war doch klar, dass wir Verträge brau-
chen würden. Nach dem Wahlergebnis
im Herbst 1986 gab es darüber sogar ei-
nen gemeinsamen Beschluss in der
Fraktion, in der Bürgerschaft und im Se-
nat, dass wir Verträge abschließen wür-
Zweifel zu ziehen, das finde
ich, wenn es passt, richtig. Man muss
aber immer wissen, dass auch hinterher
eine gewisse Ordnung, insbesondere
eine Rechtsordnung herrschen muss.
Sind Sie zufrieden mit dem Outfit
der Hafenstraße? Kürzlich sah man
Geranienkästen vor den Fenstern der
einst umkämpften Häuser.
Es ist leider noch nicht so, wie es sein
sollte und könnte. In der Sanierung sind
Fortschritte gemacht worden, aber man
könnte das für alle, glaube ich, noch kre-
ativer und schöner machen.
Ihr Vorschlag wäre?
Gucken Sie sich doch die Wege dort an.
Sauberkeit einer Straße oder auf einem
Weg - das ist noch kein bürgerlicher
Schandfleck! Für mehr Sauberkeit könn-
te man sorgen. Es muss ja nicht ausse-
hen wie im Badezimmer, aber man
muss schon dafür sorgen, dass auch an-
dere Leute dort ohne Zorn vorbeigehen
können.
Rom ist auch nicht an einem Tag re-
noviert worden.
Sie haben Recht, nur ich bin jetzt fast 20
Jahre aus dem Amt, und für das Säubern
eines Hauszugangs oder eines Bürger-
steigs braucht man nicht 20 Jahre. Es
fehlt da doch an der Einsicht, eben auch
an einem gewissen Gemeinschaftsge-
fühl.
Ordnung jedenfalls war nun nicht
das erste Anliegen der Hafenstraßen-
Bewohner.
Gut, doch es gab es eben viele Leute auf
St. Pauli, die darunter gelitten haben,
Eine der Demonstrationen in der Hafenstra&e, hier Im Dezember 1986 FOTO: KAI VON APPEN
Schöner wohnen in der Hafenstra&e, im Mai 1987 FOTO: MARlt Y STROUX
dass es bei den Hafenstraßenhäusern so
chaotisch und schmutzig war. Auf diese
Leute mussten die Bewohner doch auch
Rücksicht nehmen. Mir geht es um das
Gemeinschaftsgefühl, nicht um eine Po-
lizeiordnung. Dass die Hafenstraßen-
Bewohner mit anderen auf St. Pauli zu-
sammenleben, darauf sollten sie Rück-
sichten nehmen. Man kann sich doch,
wo man zusammenlebt, nicht mit nack-
tem Hintern durchsetzen. Das Gemein-
schaftsgefühl darf sich nicht nur nach
innen erstrecken, sondern muss auch
nach außen funktionieren.
Hätten Sie Lust, die Hafenstraße in
dieser Hinsicht zu beraten? Sie haben
dort nach wie vor viel Kredit.
Könnte ich vielleicht machen. Etepetete
war ich ja gegenüber der Hafenstraße
nie. Der wirkliche Konflikt war eben,
dass im Bezirk Mitte, zu dem auch 5t.
Pauli und die Hafenstraße gehören,
auch andere Menschen leben, solche,
die mit den Lebensvorstellungen der
Hafenstraße nichts zu tun haben möch-
ten. Diese nur zu verachten wegen ihrer
5pitzengardinen und Alpenveilchen am
Fenster und nur die eigene Unordnung
für richtig zu halten, das geht nicht. Man
muss im Zusammenleben auch Rück-
sicht auf andere Lebensformen und Be-
dürfnisse nehmen. Das hatten die Ha-
fenstraßen-Bewohner zu lernen.
siehe auch SEITE 14
November 1987: Der Senat er-
klärt sämtliche Vertragsver-
handlunge·n für gescheitert; die
Räumung droht. Tausende Auto-
nome aus ganz Deutschland ei-
len zu Verteidigung der Häuser
nach Hamburg. Die Innenbehör-
de holt Spezialeinheiten aus dem
ganzen Bundesgebiet. Dohnanyi
verpfandet in einer Aufsehen er-
regenden Rede sein Wort als Bür-
germeister darauf, dass der Se-
nat mit der Hafenstraße einen
Pachtvertrag abschließt, wenn
die Barrikaden binnen weniger
Stunden beseitigt werden. Tau-
sende Hamburger strömen zum
Hafenrand und räumen die Bar-
rikaden. Der Pachtvertrag wird
unterzeichnet.
Mai 1988: Dohnanyi tritt zu-
rück. Nachfolger wird Hafenstra-
ßen-Kritiker Voscherau.
1989: Die Verwaltung wird der
Hafenrand GmbH unterstellt .
Der Pachtvertrag wird aber
schnell fristlos gekündigt.
Mai 1990: lOOO Polizistlnnen
durchsuchen die Häuser erfolg-
los nach RAF-Mitgliedern.
April 1993: Das Oberlandesge-
richt bestätigt die Kündigungen.
November 1993: Das Landge-
richt erlaubt die Räumung.
Februar 1994: Voscherau
macht eine überraschende
Kehrtwende: Wenn die Hafen-
straßen-Bewohner die Bebauung
von Freiflächen neben "ihren"
Häusern akzeptieren, könne auf
deren Räumung und Abriss ver-
zichtet werden.
April 1994: Ohne große Pro-
teste beginnt nebenan der Bau
von 55 Sozialwohnungen.
Februar 1995: Die Stadt be-
schließt mehrheitlich Verhand-
lungen zur Privatisierung der
Hafenstraßen-Häuser.
Dezember 1995: Der Sena
verkauft die Häuser für 2,28 MB
lianen Mark an die Genossen-
schaft "Alternativen am Elbufer"
und stellt staatliche Sanierungs-
Hilfen in Aussicht. Die Genos-
senschaft stimmt dem Vertrag
zu. MAC, KVA, OIBA
Antikleinbürgerstraße 25
Vor einem Vierteljahrhundert avancierte ausgerechnet ein hanseatischer Stadtteil zum
bundesweiten Symbol der extremen linken. Was war die Hafenstraße, was ist von ihr geblieben?
VON JAN FEDDERSEN
Lässt sich ja leicht sagen, heute,
25 Jahre später: Dass dieser
Kampf nicht zu verlieren war.
Die Gegner waren so was von satt
blind für das, was in der Stadt an
Lebensgefühl in den Brisen hing.
Mit sozialdemokratischer Beton-
politik hatten sie nichts gemein.
Die Siebziger waren kaum zu
Ende in Hamburg, da waren die
Achtundsechziger längst auf ih-
ren Märschen in die Institutio-
nen, hatte Punk noch Strahlkraft
und die Sozialdemokratie hock-
te, aIternativlos, noch immer auf
dem Staatsapparat wie ein Sack
Blei auffrischen Keimen.
Diese Hochnäsigkeit erst hat
die Grünalternativen groß ge-
macht. sie haben geahnt und ge-
fühlt und ermessen, was die Leu-
te, Eingeborene wie Besucher,
gerne mögen, wohin es sie treibt
und was sie ersehnen: in eine
Stadt, die nicht erstickt, die mit-
einander spricht - und St. Pauli
war das Paradestück dieser Fan-
tasie, denn dort, keine Frage,
wurde gefeiert, geschunkelt, ge-
trunken und alles ausprobiert,
was sonst wo allenfalls heimlich
erträumt wird: lüsternes wie lus-
tiges Leben rund um die Uhr. Von
allen, Spießern, Freigeistern, Be-
dürftigen und Notdürftigen,
Spendablen und Geizhälsen.
Irdisches Paradies
Die Hafenstraße, der ganze Kra-
wall um einige Häuser, die dem
klein- wie großbürgerlichen
Sinn für schmucke Fassaden wi-
dersprachen, war nur ein Aus-
druck dieser Unlust, sich die
Stadt kaputtkloppen zu lassen.
Dieses schmuddelige, ärmliche
Viertel zwischen glänzendem In-
nenstadtkern und tatsächlich
kloakiger Eibe. Die meisten Jahre
war diese Prachtimmobilie ja al-
len Herrschenden egal, aber An-
fang der Achtziger sollte die Me-
tropole sich der EIbe, dem Hafen
zuwenden. Noch so ein romanti-
scher Ort, dieser Hafen. Schiffe
aus aller Welt symbolisierten ir-
gendwie WeItläufigkeit.
Damals Brennpunkt, heute Romantik: Kneipe "Onkel atto" in der Hamburger Hafenstraße FOTO: lAIF
Aber als Erwerbsquelle für Ar·
beiter war der Hafen am Abster-
ben, zusammen mit St. Pauli er-
eilte ihn Mitte der Achtziger sei-
ne schwerste Identitätskrise. Was
nützte es zu wissen, dass Figuren
wie die der Beatles, Freddy
Quinn, Hubert Fichte oder 00-
menica, Bohemiens wie Stefan
Aust (Konkret. jetzt Spiegel). Her-
mann Ludwig Gremliza (erst
Spiegel, jetzt Konkret) oder Peggy
Parnass St. Pauli zur Sehnsuchts-
fläche aller Bürger, den Jungen
und Alten, Gierigen wie Flanie-
renden wurde? Aids hatte außer-
dem das Sexgeschäft verdorben,
Hamburg sollte nach ihrem Gus-
to eine Art Betonburg ohne
Schmuddelecken werden.
St. Pauli? Die Amüsiermeile,
wo so viel gefickt und gesoffen
wurde wie sonst nirgendwo, die-
ses Viertel. stadtsoziologisch ge-
sprochen das krassest zusam-
menhängende Rotlichtviertel
der Welt, war einen Dreck Wert in
den Senaten der Stadt. Sollte
weggefegt werden, die armen
Leute an den Stadtrand und auf
den Trümmern Bürogebäude.
Der Kampf um die Häuser an
der Hafenstraße war ein Spekta-
kel, der diesem Viertel über-
haupt erst imagemäßig aufge-
holfen hat. Plötzlich war Radika-
les schick, breitete sich in den
Kellern der Häuser Musik aus,
Probebtihnen, Off- und Offszeni-
ges. Besuch aus der Heimat, und
seien es die Eltern, konnte dort
ausgeführt werden - und galt
nicht als Einstieg in die Hölle.
Corny Littmann wie Ernie Rein-
hardt fingen dort an, berühmt zu
werden - ihre Theater eröffneten
sie Ende der Achtziger, erst das
Schmidt's, dann das Tivoli . Eine
Zeit, als die Hafenstraßenprojek-
te endlich Verträge in Händen,
die SPD endgültig ihren Beton-
stadtbauwahnsinn beerdigt hat-
te und Kinder aus großbürgerli-
chen Quartieren wie Blankenese
oder Othmarschen zeitweise der
Coolness wegen aufSt. Pauli sess-
haft wurden. Die Hafenstraße-
Apokalypse, dieser sozialdemo-
kratische Stoff aus kleinbürgerli-
chen Albträumen, wirkte sich
modernisierend auf den
klammsten Teil der Stadt aus.
Der Elbsaum samt Yachthafen
ist repräsentabel wie keine ande-
re Adresse in Hamburg - und die
einst autonomen Häuser, viel
weniger akkurat, nehmen sich
wie Beweise für diese antibeton-
hafte Stadtplanung aus: Wo sonst
nur Hafenarbeiter noch Bier
tranken, nach der Schicht auf der
Werft, residieren heute Geschäf-
te, die den Lifestyle der Feinen
bedienen, das Kaufhaus Stilwerk
zum Beispiel, die Greenpeace-
Zentrale mittendrin: S1. Pauli ist
auch dank der Hafenstraße zu ei-
nem Platz geworden, dessen sich
niemand mehr schämen muss.
Ein kleiner Sieg
Mit dem Hass der Kleinbürger
im SPD-Senat, also ihren meisten
Mitgliedern, ist eine ganze Par-
teikultur verpufft. Heute regiert
OIe von Beust von der CDU, dem
Vernehmen nach findet er St.
Pauli in seiner multikulturellen
Eindeutigkeit super. Auch dies
ein kleiner Sieg all jener Autono-
men, die in der Hafenstraße die
Revolution einläuten wollten.
Glückwunsch!
/
Mythos Hafenstraße
Straßenschlachten mit der Polizei waren an der Tagesordnung: Selbst Optimisten hätten keine Wette darauf abschließen wollen, wie lange es die
Hafenstraße in st. Pauli noch geben würde. Von heute an feiern die Bewohnerinnen den 25. Jahrestag. Aus Hausbesetzern sind Hausbesitzer geworden
VON KAI VON APPEN
Die Häuser und ihre Bewohne-
rInnen galten europaweit als
.. Symbol des Widerstands" gegen
staatliche Repression und Um-
strukturierungswahn in den Me-
tropolen - aber auch als Exempel
dafür, dass der Staat unter der
Formel "rechtsfreie Räume un-
terbinden" kompromisslos
durchgreift.
Selbst Optimisten schlossen
Mitte der achtziger Jahre keine
Wette darauf ab, wie alt die Ha-
fenstraße werden würde. Doch
die vor 25 Jahren besetzte Häu-
serzeile ist heute fester Bestand-
teil des Stadtteils Hamburg-St.
Pauli. Aus den Hausbesetzern
wurden Hausbesitzer, die einsti-
ge Abbruchmeile ist weitgehend
saniert. , ~ i r sind eingemeindet
worden': beschreibt es lakonisch
ein Hafenstraßenbewohner der
ersten Stunde.
Wann es an der Hafenstraße
genau losgegangen ist, weiß nie-
mand mehr so recht. "Es begann
sicherlich irgendwann im Okto-
ber oder November 1981': so der
Hafenstraßen-Veteran, Damals
waren nur einzelne Wohnungen
in den zwei leer stehenden
Blocks an einen studentischen
Verein vermietet. Die Woh-
nungsbaugesellschaft der Stadt
Hamburg hatte die Zeile jahre-
lang zwecks Abriss verrotten las-
sen, um auf dem city nahen "Fi-
letstück" für ein Klein-Manhat-
tan der Großinvestoren Tchibo
und Gruner + Jahr Platz zu schaf-
fen, Nach und nach wurden wei-
tere Wohnungen belegt und not-
"Keine Räumung, kein Abriss, Schluss mit dem Polizeiterroru: 12.000 Unterstützer demonstrierten am 20. Dezember 1986 für den Erhalt der Hafenstraße FOTO: KAI VON APPEN
ClUrftlg hergerichtet. Erst als im
Februar 1982 ein Transparent
"Besetzt - Ein Wohnhaus ist kein
Abrißhaus" an die Fassade ge-
hängt wurde, bemerkte die SAGA
die "schleichende Besetzung':
Und keiner hat's gemerkt
In Verhandlungen zwischen
den Besetzerinnen und dem
Hamburger SPD-Senat wird Ende
1982 die Winterfestmachung
und der Erhalt einiger Gebäude
zugesichert, ein Jahr später wer-
den auf drei Jahre befristete
Mietverträge abgeschlossen.
SPD-Bürgermeister Klaus von
Dohnanyi wird Jahre später im
Untersuchungsausschuss der
Bürgerschaft den Besetzerinnen
Respekt für ihr Verhandlungsge-
schick zollen. "Die Bewohner ka-
men und unterschrieben den
Vertrag mit ,B. Setzer' - und nie-
südwester
Spaten aus Kupfer
Wahrscheinlich ist es bloßein gut
gemeinter Beitrag zur "China Ti-
me" - jenem Kultur-Kulinarik-
Lampion-Event, das derzeit ganz
Hamburg erschreckt. Denn wie
jeder weiß, wurden die ersten
Münzen in China geprägt - wahl-
weise als Schwert oder Spaten,
wie das Lexikon weiß. Und wie
auch jene Kupferdiebe wussten,
die sich in Hamburger Elektrog-
roßhandlungen bedienten. Ein
Bildungsgrad, der einerseits
überrascht, andererseits auf eine
erstaunliches handwerkliches
Geschick der Intelligenzija ver-
weist. Der schlichte Plan: Kupfer-
Münzen mit dem Konterfei Oie
von Beusts und der wichtigsten
China-Kaufleute unters Volk zu
bringen. Eine gelungene PR.
mand hat's gemerkt" Es brechen
wilde Zeiten an. Die Volxküche,
die Kneipen "Ahoi': "Onkel Otto"
sowie das antifaschistische
"Störtebeker Zentrum" entste-
hen, es gibt ein Frauenhaus und
das Cafe ,;rante Hermine': Tmmer
mehr Leute stoßen aus privater,
aber auch aus politischer Motiva-
tion zur Hafenstraße. Kaum ein
Wochenende vergeht ohne
Polizeieinsatz. Schema: Autoein-
bruch, Strafverfolgung. Flucht
Richtung Häuser, Widerstand,
Großalarm.
Hamburgs Verfassungs-
schutz-Chef Christian Lochte be-
merkt schnell, dass sich in der
Häuserzeile nicht nur ein Sam-
melsurium aus "Punks und Lum-
penproletariat" zusammenge-
funden hat, sondern auch Men-
schen, die gesellschaftliche Ver-
änderungen anstreben. Für
Lochte eine Mischung, um die
Keule zu schwingen. Er versucht
das Gerücht in die Welt zu setzen,
in der Häuserzeile habe sich die
Kommandozentrale der RAF ein-
genistet - nur weil die Hafenstra-
ße wie ein Großteil der Linken
die Zusammenlegung der politi-
schen Gefangenen forderte. "Der
Versuch der Entsolidarisierung
ist fehlgeschlagen': wird Lochte
später einräumen müssen. Eben-
so, dass manche Randale staat-
lich inszeniert war und V-Leute
mitrandaliert haben. Lochte:
,,wenn Steine fliegen, haben un-
sere Leute keine Tennis-Arme."
Die Hafenstraße teilt die Stadt
in zwei Lager. Der Senat setzt
mehrheitlich auf die Tabula-
rasa-Variante, die BewohnerIn-
nen reagieren 1987 auf erste
Wohnungsräumungen mit der
Wiederbesetzung. Die Springer-
presse, zusammen mit der CDU-
Opposition und der "Betonfrak-
tion" der SPD, will die "Chaoten-
hochburg" räumen lassen. Auf
L.I tl"ltIIJ·\\.J, I:>. ::)1:1" I LlnU!;;1'\ LVV""
der anderen Seite setzten sich
Kulturschaffende, Promis und
PolitikerTnnen wie der Vize-Bür-
germeister Tngo von Münch
(FDP) für eine friedliche und
"entstaatlichte Lösung" ein.
Doch der Kulturmäzen Jan Phi-
tipp Reemtsma blit zt bei Klaus
von Dohnanyi mit dem Vor-
schlag ab, die Hafenstraße für ei -
nen symbolischen Preis von ei-
ner Mark zu kaufen.
Denn der Konflikt verschärft
sich nach neuen Räumungsge-
rüchten. Die Bewohnerinnen
verbarrikadieren ihre Häuser
mit Natodraht und Feuerschutz-
türen. Hunderte Sympathisan-
ten aus der ganzen Bundesrepu-
blik eilen im November 1987
nach Hamburg.ln der Nacht zum
12. November werden Barrikaden
errichtet. 10.000 PolizistInnen
werden in den nächsten Tagen
HAFENSTRAßE AM WOCHENENDE
Treffen, erzählen, erinnern, strei-
ten - in der Hafenstraße stehen
am Wochenende alle Türen offen.
Jeweils um 14.30 Uhr stellt sich
die Hafenstraßen-Genossenschaft
vor. Von 15 bis 17 Uhr gibt es, bis
Sonntag täglich, einen Trommel-
Workshop. Auch einen festen
Platz im Programm hat das Er-
zähl -Ca!. - täglich ab 16 Uhr in
der Volxküche mit anschließen-
dem Essen ab 19 Uhr und "Film
auf der Treppe" von 20 Uhr an.
"Die Hafenstraße und Gefangene
Der Flug nach Sylt
Es beginnt ein mehrmonati-
ger Nervenkrieg. Während des
Urlaubs von Bürgermeister von
Dohnanyi versuchen die Statt -
halter der SPD-Betonfraktion,
wegen ein paar illegal ange-
brachter Poller an der Straße den
"PoUerkrieg" auszurufen. Der
Vorsitzende der hafenstraßen-
freundlichen Patriotischen Ge-
sellschaft chartert daraufhin ei·
nen Hubschrauber, um von
Dohnanyi am Strand von Sylt
aufzustöbern und ihn zu bewe-
gen, den Putsch zu unterbinden.
Die Räumungspläne werden ver-
schoben, aber nicht aufgehoben.
aus der RAF" ist das Thema in der
Volxküche am Sonntag ab 14 Uhr.
Abteilung Party: Ab 22 Uhr gibt es
heute Abend Ufe-Musik, morgen
lassen DJs die Platten rotieren.
Am Samstag gibt es außerdem ab
20 Uhr ein Konzert im Störtebeker
und von 18 Uhr an, vor dem Essen
in der Volxküche, die Pappel-Soli-
daritäts-Feier. Frühstück und
Brunch gibt es am Samstag ab
zwölf und am Sonntag ab 13 Uhr.
TAl
nach Hamburg gerufen und po-
sitionieren sich mit schweren
Räumgeräten und -panzern in
der City. Hubschrauber-Kom-
mandos des Bundesgrenzschut-
zes sowie die Anti-Terroreinheit
GSG 9 werden zum Angriff über
die mit Stacheldraht gesicherten
Dächer geordert .
Während sich in der Promi-
Kneipe "Zapfhahn" nahe der
Häuser grüne Politiker, Kultur-
schaffende und Journalisten
tummeln und zu vermitteln ver-
suchen, ist in einer Wohnung der
Hafenstraße im ersten Stock die
eigentliche Schaltzentrale einge-
richtet worden. Ober eine Hot-
line - damals ein einfaches Tele-
fon - besteht Kontakt zu Unter-
stützern von außen und zu Politi-
kern wie SPD-Chef Jochen Vogel
und Bundespräsident Richard
von Weizsäcker.
Bürgermeister Klaus von
Dohnanyi wirft seine persönli-
che Zukunft in die Waagschale. Er
gibt sein "Ehrenwort" und "ver-
pfandet sein Amt ': indem er den
Bewohnerinnen einen Pachtver-
trag zusichert, wenn diese mit
dem Abbau der Befestigungen
beginnen. Das Hafenstraßen-Ple-
num willigt ein, "das Wunder
vom Hafenrand" geschieht - und
hält nur kurz. 1988 wird von
Dohnanyi nicht zuletzt wegen
seiner Hafenstraßenpolitik ge-
stürzt, und der neue SPD-Bürger-
meister Henning Voscherau lässt
die Polizei aufmarschieren, um
die Begehung der "Immobilie
Hafenstraße" durch den Pächter
durchzudrücken. Die zur Hafen-
straße gehörende Wagenburg
wird geräumt. Und dann foil1t
noch das Bundeskriminalamt
mit 3-000 Hilfspolizisten in die
Häusermeile ein, um die angeb-
liche RAF-Connection aufzuspü-
ren.
Die Polizei als Freund
Nach einer wahren Prozess-
wut durch alle Instanzen erklärt
das Hamburgische Oberlandes·
gericht den Pachtvertrag 1993
wegen angeblicher Verfehlun-
gen der BewohnerTnnen für ge-
kündigt. Doch Bürgermeister
Henning Voscherau muss nach
dem juristischen Erfolg erken-
nen, dass die staatliche Eskalati-
onsstrategie langfristig nicht
vermittelbar ist. Nachdem die
Randbebauung neben der Häu-
serzeile problemlos begonnen
hat, verkauft die Stadt 1995 die
Häuser an den Rechtsanwalt
Hans-Joachim Waitz. Der grün-
det die Hafenstraßen-Genossen-
schaft und vermietet das Objekt
an den Hafenstraßenverein, so-
dass die BewohnerTnnen wieder
selbst über ihre Geschicke ent-
scheiden.
Inzwischen sind weite Teile
der Häuserzeile saniert. Die Ver-
anstaltungszentren "Onkel Ot-
to': das "Störtebeker" und der Po-
littreff "Butt Club" werden gut
frequentiert. Vor zwei Jahren
musste die Genossenschaft s o g a ~ '
ein Grundstück an der Hafen·
straße kaufen. "Sonst hätte ein
Spekulant dazwischen gebaut';
so die Bewohner.
Doch auch die Hafenstraße
kann nicht verhindern, dass sich
der Ausverkaufund die Yuppisie-
rung des Stadtteils beängstigend
rasch fortsetzt. "Das Investitions-
klima hat sich seit der Legali sie-
rung gewandelt': so der Hafen-
sträßler. "Die neoliberale Globa-
Iisierung schreitet voran." Ober-
all in St. Pauli siedelten sich
Event-Locations und Großpro-
jekte an - kritische Diskussionen
gebe es darüber kaum noch.
Das Verhältnis zur Ordnungs-
macht hat sich seither ent-
spannt. "Die Davidwache würde
uns gern für die Auflösung der
offenen Drogenszene in der Re-
gion gewinnen'; sagt ein Bewoh-
ner, "aber das geht zu weit ."
Selbst wenn es manche in den
Häusern begrüßen, wenn gegen
Dealer vorgegangen wird, sei
dies vor den Häusern Aufgabe
der Polizei, "Das ist ihr Job." Soll-
te die Stadt allerdings ein paar
Lampen anbringen wollen, um
finstere Ecken vor der Hafenstra-
ße gegen heimli ches Dealen aus-
zuleuchten, könnte es sein, dass
so mancher Scheinwerfer aus
den Häusern dazukommt. Es ist
doch ein bissehen anders gewor-
den an der Hafenstraße.
HARKORTSTRASSE S1, 22765 HAMSURG ASO: 030 - 2590 2590 ANZEIGEN@TAZ-NORD. DE

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