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. Einleitung ,,[D]as Jaulen der Sirene, das Explodieren der Bomben, die rauschenden und prasselnden und pfeifenden Feuersbrünste, die dumpf trampelnden Kolonnen auf den Straßen und die singenden Soldaten, die Chöre der HJ und der BDM-Mädels, und über allem die heiser gebrüllten Reden der braunen Führungsschicht in Stadien und Festsälen. Im Radio und in der Wochenschau."1 So beschreibt Claudia Schmölders in ihrem Essay Die Stimme des Bösen eindrucksvoll die akustische Welt des Dritten Reichs. Marcel Beyer taucht in seinem Roman Flughunde in diese Welt ab. Durch den Protagonisten Hermann Karnau erfährt der Leser die Jahre des Zweiten Weltkriegs zuvorderst über ihre Klänge und Laute. Karnau, Akustiker im Dienst der Nazis, ist nicht nur selbst fanatischer Klangforscher, der es sich zum Ziel gesetzt hat eine Karte aller menschlichen Laute zu entwerfen, sondern reagiert auch äußerst sensibel auf die hörbaren Eindrücke seiner Umwelt. Aus seiner Perspektive entwirft Beyer ein akustisches Panorama der Kriegsjahre 1939 bis 1945. In der folgenden Analyse will ich dieses Panorama näher beleuchten. In einem ersten Schritt geht es um die Grundlage der akustischen Herrschaft der Nationalsozialisten, Karnaus Handwerkszeug: die Technik - von gigantischen Beschallungsanlagen für Stadien bis zum Magnettonband, um den feindlichen Funkverkehr an der Front abzufangen. Es soll verdeutlicht werden, dass es den Nazis möglich war, eine omnipräsente ,,Schall- und Klangwelt"2 aufzubauen, der niemand entkommen konnte. Im anschließenden Kapitel folge ich Karnau an die Front und gehe näher auf die dort herrschenden auditiven Zustände ein. Die Geräuschkulisse, die sich aus menschlichen Lauten und den künstlichen Geräuschen der Kriegsmaschinen zusammensetzte, bildete eine akustische Ausnahmesituation, wie sie nur an der Front vorzufinden war. Abschließend stehen Karnaus Experimente an den Stimmorganen von Gefangenen und die Auswirkungen, die das Dritte Reich auf die Stimmen der Menschen hatte. Es soll deutlich werden, wie sehr diese Zeit die Sprechweise der Menschen bestimmt hat. So sehr, dass ihre Stimmen Karnaus Überzeugung nach als Zeugnis des Geschehenen herhalten können im Sinne einer unauslöschlichen Erinnerung an das Dritte Reich.

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Schmölders: Die Stimme des Bösen. S. 681.

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Ebd. S. 681.

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2. Hintergund

2.1 Zur Person des Autors

Marcel Beyer wurde am 23. November 1965 in Tailfingen geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Allgemeinen Literaturwissenschaft in Siegen erschien 1991 sein erster Roman Das Menschenfleisch. Es folgten 1995 Flughunde (mit einem Kapitel des Romans hatte Beyer schon 1991 am Ingeborg-Bachmann- Wettbewerb teilgenommen) und im Jahr 2000 Spione. Seit 1989 erschienen mehrere Sammlungen seiner dichterischen Arbeiten. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller und Dichter, für die er zahlreiche Preise erhielt, arbeitet Beyer als Musikkritiker bei der Musikzeitschrift Spex und geht weiterhin seiner

literaturwissenschaftlichen Tätigkeit nach, veröffentlichte z.B. einen Materialband zu William S. Burroughs.3

2.2 Inhaltsangabe

In Flughunde wird die Geschichte des Akustikers Hermann Karnau erzählt. Dieser arbeitet im Dienst der Nazis und ist u.a. für die Beschallung bei Großkundgebungen zuständig. Privat arbeitet er an einer Karte, die das gesamte Spektrum an menschlichen Lautäußerungen enthalten soll. Parallel zu Karnau berichtet die älteste Tochter des Propagandaministers Helga Goebbels von ihrem Alltag, der sie schließlich auch in Karnaus Haus führt. Dieser soll im Auftrag ihres Vaters eine Weile auf Helga und ihre Geschwister Acht geben. Schließlich wird Karnau auf eigenen Wunsch nach Straßburg versetzt, wo er am Entwelschungsdienst teilnimmt und diese Gelegenheit nutzt, um seine Karte um die Stimmen anderer Regionen zu erweitern. Da er versehentlich ein Magnettonband löscht, fällt er bei seinem Vorgesetzten in Ungnade, wird zunächst an die Front versetzt und schließlich entlassen. Tage später erreicht ihn sein Einberufungsbescheid. Dem Kriegsdienst kann er jedoch entgehen, indem er sich an Goebbels persönlich wendet. Dieser verschafft ihm die Möglichkeit eine Rede vor Sprachforschern in Dresden zu halten. Hier trifft Karnaus Theorie, die Menschen in den besetzten Gebieten auch stimmlich - notfalls mithilfe von operativen Eingriffen - gleichzuschalten, bei dem Begleitarzt des Reichsführers SS Stumpfecker auf offene Ohren. Fortan führen beide Eingriffe an den Stimmbändern von Gefangenen durch, jedoch ohne Erfolg. Die Patienten werden letztendlich alle umgebracht. Immer wieder wird Karnaus Handlungsstrang von Helgas Erlebnissen durchbrochen. Beide treffen sich kurz vor Ende des 3 Rode: Auskünfte von und über Marcel Beyer. S. 197 f.

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Krieges im Führerbunker wieder. Während sich die ganze Familie Goebbels das Leben nimmt, kann Karnau als vermeintliches Opfer der Gefangennahme durch die Siegermächte entgehen. Bis 1992 führt er heimlich weitere medizinische Experimente durch. Als sein Schallarchiv und die Operationsräume entdeckt werden, kann er jedoch fliehen 3. Die Akustik des Dritten Reichs in Flughunde 3.1 Einleitung - Die Verbindung von Akustik und Gewalt Marcel Beyers Roman Flughunde beginnt und endet mit der Stille. Dort, wo nichts zu hören ist, schweigt auch der Roman. Diese Stille bildet den Rahmen, in der sich die Handlung entfaltet, die sich mit allen Facetten der Lautäußerung beschäftigt. Dass diese sich im Dritten Reich oft im unangenehmen Bereich der akustischen Wahrnehmung befindet, macht Beyer schon auf der ersten Seite des Romans deutlich. ,,Die Stimme schneidet in das Dunkel hinein" (FH S.9), heißt es da. Die Stimme bekommt nicht nur ein eher negativ besetztes Prädikat hinzugefügt, sondern scheint selbst das handelnde Element zu sein, denn der dazugehörige Körper tritt nicht in Erscheinung. Beyer macht damit von Anfang an klar, dass die Stimme den restlichen Körper so sehr dominiert, dass er hinter ihr verschwindet. Sie ist das einzig wichtige, wird gleichsam zur handelnden Person erhoben. Der

oben zitierte Satz folgt direkt der Aussage ,,[e]s ist Krieg", mit der nicht nur eine zeitliche Verortung erfolgt4, sondern auch der unmittelbare Zusammenhang von dominanter Akustik und Gewalt hergestellt wird. Angesichts gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Instabilität, angesichts außer Kraft gesetzter Rechte und Gesetze, angesichts von Chaos, Terror und Mord, wird die grundlegende Ordnung und der Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht auf der Basis gleichberechtigter zwischenmenschlicher Kommunikation gesichert. Anders formuliert, führt Gewalt den Menschen immer auf seine niedrigsten Instinkte zurück und das sind im akustischen Sinne hier Brüllen und Schreien, die animalische Seite der menschlichen Stimme. Die Verrohung der Menschen durch den Krieg macht sich also nach Beyer besonders bei der Akustik bemerkbar. Sie ist ein Indikator von Gewalt, in diesem Fall der Gewaltherrschaft der Nazis. Demnach lassen sich also von der Art der Akustik Rückschlüsse auf die herrschenden gesellschaftlichen und

politischen Zustände einer Zeit herstellen. Theodor Haecker,5 ,,der sich [

zeitkritischer Schriftsteller verstand",6 schrieb am 11. November 1940 dazu sehr

4 Vgl. Ostrowitz: Die Poetik des Möglichen. S. 21 f.

als

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5 Schmölders bezieht sich in ihrem Essay auch einige Male auf Haecker.

6 Karin Masser: Theodor Haecker. S.5.

passend in sein Tagebuch: ,,Immer wieder erschrecke ich vor den Stimmen der Deutschen. Sie verraten alles, sie schreien das Böse aus sich."7 3.2 Technik als Basis der akustischen Allmacht Die Wahrnehmung der Welt ist bei Beyers Protagonisten Karnau zuvorderst eine akustische - er bezeichnet sich selbst als ,,der Schallmensch" (FH S.286). Durch ihn erlebt der Zuschauer, wie in der Eingangsszene die akustische Inszenierung einer Großkundgebung der Nazis vonstatten geht. Für die anstehenden Reden ist die richtige räumliche Anordnung verschiedenster Mikrofone von entscheidender Wichtigkeit. In dem Stadion, in dem die Kundgebung abgehalten werden soll, werden überall ,,Schallempfänger installiert" (FH S.10) und so platziert, dass sie weder vom Publikum noch von den Menschen im Rücken des Redners wahrgenommen werden können. Die Zuhörer werden ganz bewusst manipuliert, um den künstlichen Charakter der Rede nicht zu offenbaren. Denn ohne technische Verstärkung würden die Reden der Parteioberen in einem Stadion nicht ihre volle Wirkung entfalten können. Mit der Größe eines Raumes nimmt die Bedeutung des Hörens gegenüber dem Sehen zu, da der Redner aus einer bestimmten Entfernung kaum noch auszumachen ist. Somit kommt der technischen Stimmverstärkung eine ganz besondere Rolle zu. Indem man jedoch diese Technik versteckt, suggeriert man, dass die Stimme selbst so voluminös und klangvoll ist. Zwar dürfte dem Publikum durchaus bewusst sein, dass es bei einem Stadion der technischen Unterstützung der Akustik bedarf, aber es macht einen entscheidenden Unterschied, ob diese zu sehen ist oder nicht. Karnaus Aufgabe ist es, diese Illusion einer alles dominierenden Rednerstimme auf jeden Fall zu wahren. Die ,,gigantische Beschallungsanlage" (FH S.14), die dazu aufgebaut wird, symbolisiert die ganze Macht der Akustik und damit auch ein Stück weit die Macht der Nazis. Karnau glaubt, dass Propagandaminister Goebbels ohne die Akustik nie so erfolgreich geworden wäre. Ohne die technische Verstärkung hätte er sich heiser geschrien und ohne die ständige Verbesserung der Technik hätte man nie solche Stadien ohne Probleme beschallen können (FH S.147 f.). Demnach wären die Akustiker die eigentliche Basis gewesen, auf denen der Einfluss der Nazis fußte und dank der sie zur herrschenden Macht in Deutschland aufsteigen konnten. So sieht es auch Schmölders wenn sie schreibt, dass ,,viel stärker als die Filme oder Umzüge oder choreographierten Versammlungen die akustische Präsenz und Repräsentanz Hitlers zur

7 Theodor Haecker: Tag- und Nachtbücher. S. 140.

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Unterwerfung beigetragen haben" dürften.8 In dem Stadion, in dem Karnau in der Eingangsszene arbeitet, wird diese akustische Allmacht eindrucksvoll demonstriert. Selbst wenn man wie die Taubstummen die Rede selbst nicht hören kann, wird der ,,Körper in fortwährende Schwingungen versetz[t]" (FH S.14). Die Menschen sind der Geräuschkulisse bedingungslos ausgesetzt. Es kommt also gar nicht so sehr auf den Inhalt der Rede an, sondern vielmehr darauf, dass das Publikum dermaßen beschallt wird, dass es gar nichts anderes vermag, als sich dem Sog, die diese omnipräsente Akustik ausübt, hinzugeben. ,,Tief in die Dunkelheit des Bauches sollen die Geräusche reichen"(FH S.14). Akustik wird hier zur Mark und Bein durchdringenden Waffe gegen die es keinen Schutz gibt.9 Kugeln gleich zielen die Schwingungen auf das Innerste des Menschen ab und wollen ihn dort treffen, wo er am wenigsten geschützt ist. Akustik scheint im Krieg also nicht nur ein dominierendes Element der sinnlichen Erfahrungswelt des Menschen zu sein, sondern sie nimmt nach Beyer selbst kriegerische Formen an. So nimmt es dann auch nicht Wunder, dass Karnau, dessen akustischer Sinn besonders stark ausgeprägt ist, unangenehme Geräusche seiner Mitmenschen sehr intensiv erfährt.

So sehr, dass sie für ihn beinahe die Intensität einer Körperverletzung erlangen (FH S.22). Er selbst ist der Überzeugung, dass man mit Schreien und Brüllen, kurz der gesamten Palette an lauten stimmlichen Äußerungen, die eigenen Stimmbänder verletzt (FH S.14 f.). Karnau, als Akustiker bisher vom Kriegseinsatz verschont geblieben, ist so einem anderen Krieg an seiner persönlichen ,,Hörfront" (FH S.23) ausgesetzt. Die Verwendung von Kriegsrhetorik im Zusammenhang mit Geräuschen macht hier abermals deutlich, dass die akustische auch die gewalttätige Realität des Dritten Reichs widerspiegelt. Zur Technik, die hinter der akustischen Allmacht der Nazis steht, gehört u.a. auch das Magnettonband. Eine Szene in Flughunde zeigt sehr deutlich, wie wichtig diese Technik im Krieg geworden ist. Von einer ,,neuen Generation" (FH S.100) ist die Rede, ,,aber damit

waren die jungen Soldaten nicht gemeint, [

Vorstoß, Rückstoß oder auch ganz einfach im Trommelfeuer der eigenen Seite ihr kurzes Leben lassen" (FH S.100). Gemeint sind vielmehr die neuen Tonbänder, mit denen sich sowohl die besonders lauten als auch die sehr leisen Tönen erstmals aufnehmen lassen. Das Leid von Menschen spielt überhaupt keine Rolle mehr, sie sind nur Nachschub im Vernichtungskrieg an den Fronten. Ganz im Gegensatz

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die hier im Stellungskrieg, bei

dazu steht die Technik und die Wenigen, die sie beherrschen: Den Akustikern kommt eine exklusive Rolle zu. Sie sollen die Aufnahmen des gegnerischen Funkverkehrs auswerten, die mithilfe der Tonbänder an der Front gemacht

8 Schmölders: Die Stimme des Bösen. S. 682.

9 Schmölders spricht in diesem Zusammenhang auch von der ,,Ohnmacht des Ohres". (Schmölders: Die Stimme des Bösen. S. 683).

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werden. Während dafür unzählige Soldaten ihr Leben lassen müssen, sitzen die Akustiker weit hinter den Linien außerhalb der Gefahr. Wurde die Akustik von den Nazis zunächst nur zur Durchführung der eigenen innenpolitischen Ziele genutzt, wird sie nun Teil des Kriegsapparats und dadurch nicht mehr nur zur Verführung des deutschen Volkes genutzt, sondern zur Vernichtung des Gegners, ohne Rücksicht auf die eigenen dadurch entstandenen Verluste. Menschen verkommen zu Material, die Technik wird zum höchsten Gut. So stellen sich auch die Akustiker in den Dienst der Nazis. Nicht nur um das eigene Überleben zu sichern, sondern auch um die Forschung voranzutreiben. Doch dazu müssen sie ,,einen Nutzen für den Endsieg auszumachen wissen" (FH S.101). Karnaus Vorgesetzter Hellbrandt formuliert diese Prämisse, die gleichsam für die gesamte wissenschaftliche Forschung im Dritten Reich Gültigkeit besitzt. Dass in Flughunde Soldaten für die Forschung sterben müssen und später noch viel schlimmere Gräueltaten begangen werden, wird als ein Opfer angesehen, welches man bringen müsse. Karnau selbst verliert im Laufe des Romans jegliche Menschlichkeit. ,,Seine Ideen und Forschungen sind nach seiner Überzeugung so wichtig und bedeutend, daß sie nicht durch menschliches Mitgefühl beeinträchtigt werden dürfen."10 Es soll hier aber nicht um die ethische Verantwortung der Wissenschaft im Dritten Reich gehen. Festzuhalten bleibt aber, dass dem Roman zufolge auch die Akustik als Auslöser dieser Verbrechen fungierte. 3.3 Der Krieg als akustische Ausnahmesituation Im Verlauf der Handlung wird Karnau schließlich doch an die Front versetzt. Seine Eindrücke hier spiegeln sich in denen wider, die er zu Beginn des Romans den Taubstummen zugeschrieben hatte. Er empfindet den Krieg an der Front als einen ,,Angriff der hörbaren Welt" (FH S.104). Zahlreiche akustische Eindrücke prasseln auf ihn ein: ,,Todesschrei[e]", ,,Geschützdonner", ,,der Lärm des Trommelfeuers", ,,Befehl[e] zum Vormarsch" (FH S.104). Ihm wird bewusst, dass sich der Mensch gegen alle anderen Sinneseindrücke schützen kann, nur

Geräuschen jeglicher Art ist man schutzlos ausgeliefert, da sie nicht nur über die Ohren den Körper erreichen, sondern auch über ihre Schwingungen. Noch viel intensiver als daheim verspürt Karnau nun wie bedrohlich Geräusche sein können. Vor lauter Angst vermag er nicht mehr den schützenden Unterstand seines Lagers zu verlassen (FH S.112). Schließlich wagt er sich doch des Nachts heraus, um Aufnahmen der kämpfenden Soldaten zu machen. Dabei offenbart sich ihm eine ganz eigene akustische Landschaft, wie sie nur der Krieg

10 Ostrowitz: Die Poetik des Möglichen. S. 86.

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hervorbringt: ,,Rufe[

Gurgeln, das Erbrechen in Dreck und Finsternis" (FH S.113-115). Eine Topographie der Stimmen sterbender Soldaten, ihre letzten Laute vor dem Tod. Beyer präsentiert dem Leser eine ganze Bandbreite an Klagelauten und zeigt, wie sehr der Krieg von solchen Geräuschen dominiert wird, gerade weil er sie im Überfluss produziert. Den Krieg beschreibt Beyer als akustische Ausnahmesituation. Der Alltag ist dominiert von Lärm und Krach, sei es im Kugelhagel in der Schlacht oder während eines Bombenangriffs an der Heimatfront. Dazwischen herrscht für kurze Zeit Stille. Zwei entgegengesetzte akustische Pole zwischen denen sich kein Raum mehr für gemäßigte, normale Geräusche zu befinden scheint. Dieser Kontrast wird zu Beginn des sechsten Kapitels verdeutlicht. Zunächst aus Helgas Perspektive: ,,Stille. Tatsächlich einen Moment lang Stille" (FH S.183). Dem gegenüber stellt Beyer im folgenden Abschnitt Karnaus akustische Eindrücke: ,,Man hört nichts mehr, nichts, die Laute sind nicht mehr zu unterscheiden, alles geht unter in diesem Dröhnen" (FH S.187). Zwei unterschiedliche Erzählperspektiven, aber viel mehr noch zwei unterschiedliche akustische Wahrnehmungen, die genau jene Grenzbereiche abstecken, die während des Kriegs den Alltag beherrschen. 3.4 Karnaus Akustikexperimente und die Unveränderbarkeit der Stimme Karnaus Charakter nimmt im Laufe des Romans immer wahnhaftere Züge an.11 Er hat die Theorie entwickelt, dass die Gleichschaltung, die die Nazis betreiben, nicht bei dem Verbot des Sprechens nichtdeutscher Sprachen aufhören sollte, sondern vielmehr müsse man die Stimme selbst modifizieren und dürfe in diesem Zusammenhang auch ,,vor medizinischen Eingriffen [nicht] zurückschrecken" (FH S.139). Ihm schwebt eine Art akustischer Gleichschaltung vor, in dem Glauben, die

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Verwundeter", ,,Todesröcheln", ,,Stoßseufzer", ,,Ächzen,

Stimme eines Menschen so verändern zu können, dass er nicht nur deutsch sprechen kann, sondern gleichzeitig auch die deutsche Kultur - was in diesem Fall hieße auch die nationalsozialistische Gesinnung - zu verinnerlichen. Hier wird die Bedeutung der Sprache und des Sprechens auf die Spitze getrieben. Karnaus neuer Vorgesetzter Stumpfecker sieht in ihm einen Gleichgesinnten in dem Glauben, dass die Sprache einem Menschen im Blut liege (FH S.142 f.). Die Stimme des Menschen wird zu seinem wichtigsten Merkmal, denn mit ihrer Manipulierbarkeit geht auch die Manipulierbarkeit des jeweiligen Menschen einher. Der Mensch wird somit auf seine Stimme reduziert und die Akustik zum alles dominierenden Element erhoben.

11 Vgl. Rode: Auskünfte von und über Marcel Beyer. S. 114 f.

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Beyer verzahnt die Geschichte des Dritten Reichs mit Karnaus Akustikexperimenten. Wie seine Versuche scheitern, die eine Revolution auf dem Gebiet der Stimmforschung darstellen sollten (FH S.198), so scheiterte auch der Nationalsozialismus, der die vermeintlichen Fehler der Weimarer Republik tilgen wollte, aber Deutschland in die Katastrophe stürzte. Helga vermag später zu erkennen, wenn ihr Vater lügt (FH S.208), denn dieser verliert vermutlich die Kontrolle über seine Stimme analog zu seinem politischen Kontrollverlust. Am deutlichsten wird es aber mit Kriegsende. Dieses markiert nach Karnau ,,den Bruch: Ab diesem Zeitpunkt ist es auch mit der Akustik erstmal vorbei" (FH S.229). Seiner Meinung nach war die Herrschaft akustisch so prägend, dass die Leute sehr lange gebraucht haben, um darüber wegzukommen. Alles ließe sich vertuschen, ablegen, erneuern, nur die Stimme nicht, ,,die läßt das Ja Ja Ja, das Heil und Sieg und Ja mein Führer noch auf Jahre durchklingen" (FH S.230). Die Stimme hält den Menschen den Spiegel vor, lässt sie nicht vergessen, wem sie blind in den Untergang gefolgt sind. So verfolgt der Nationalsozialismus die Menschen auch noch Jahre nach seinem Untergang, in dem er die Menschen zum Schweigen verdammt. Karnaus Theorie zufolge, dass sich besonders hohe Töne in die Stimmbänder förmlich einschreiben, hat auch das Dritte Reich seine irreversiblen Spuren auf den Stimmbändern hinterlassen und wird sich niemals komplett löschen lassen, sondern immer ein Teil der Menschen bleiben. Die Stimmbänder werden so zum ewigen Chronisten der menschlichen Lautäußerungen und - damit untrennbar verbunden - der politischen Gesinnung.

Das Schweigen der Bevölkerung in den Nachkriegsjahren, welches Karnau ausgemacht haben will, lässt sich in einem metaphorischen Sinne auch auf die Nazizeit beziehen. Hier aber war es nicht das Schweigen der Stimmen, sondern das Schweigen des Gewissens, welches den Nazis die Herrschaft sicherte. So wird nach Schmölders das akustische Dritte Reich weniger durch seine Lautstärke charakterisiert, als durch die Stille: Das Schweigen und die Tatenlosigkeit der Mehrheit der Bevölkerung angesichts der Gräueltaten der Nazis.12 Ähnlich formulierte es auch Haecker am 23. Juni 1940 in seinem Tagebuch: ,,Wie arm wird in nicht langer Zeit der sein, dessen Seele nur Ohr dem Lärm dieser Tage war! Man wird entdecken, daß er sie taub gemacht hat für jedes vernünftige Wort."13

12 Schmölders: Die Stimme des Bösen. S. 693.

13 Haecker: Tage- und Nachtbücher. S. 98.

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4. Zusammenfassung Marcel Beyer ist mit Flughunde eine ,,Klangdiagnose der Nazizeit" gelungen.14 Es wird im wahrsten Sinne des Wortes deutlich, wie sich diese Zeit angehört haben muss. Der Roman fängt das ganze akustische Spektrum von der Massenbeschallung während der Reden der Parteiführenden bis zu dem Kriegsgeschrei an den Fronten ein. Dem Leser eröffnet sich durch das Auge des ,,Ton-Ingenieurs und Kehlkopfforschers"15 Karnau ein ganz neuer Blickwinkel auf eine Zeit, die schon in unzähligen Büchern und Filmen thematisiert wurde. Diese neue Perspektive macht deutlich, wie abhängig die großen Redner der NSDAP von der Akustik waren und um wie vieles geringer ihre Ausstrahlung und damit auch ihre Macht über das deutsche Volk gewesen wäre, hätten sie nicht solche unsichtbaren Helfer wie Karnau gehabt. Dieser stellt sich, wie ein Großteil der Deutschen, ohne kritische Reflexion in den Dienst der Nazis und wird dadurch Teil einer Maschinerie die den moralischen Ausverkauf einer ganzen Nation betreibt oder um mit Haeckers Worten abzuschließen, die er am 20. April 1940 niederschrieb: ,,Ihre Stimmen, mein Gott, ihre Stimmen! Immer neu überwältigt mich ihr Verrat. Am furchtbarsten ist ihre Ausgestorbenheit. Tönende Masken menschlicher Stimmen. Stinkender Leichnam einer vox humana! Tod, Pest, Lüge in der Wüste einer stolzen Gottverlassenheit!"16

14 Schmölders: Die Stimme des Bösen. S. 690.

15 Karasek: Schreien und Flüstern. S. 172.

16 Haecker: Tag- und Nachtbücher. S. 56.

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5. Literaturverzeichnis Beyer, Marcel: Flughunde. 4. Auflage. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1995. Haecker, Theodor: Tag- und Nachtbücher. 1939 bis 1945. o.O.: Suhrkamp 1975.

Karasek, Hellmuth: Schreien und Flüstern. In: Der Spiegel 27 (1995). S. 171-173.

Masser, Karin: Theodor Haecker. Literatur in theologischer Fragestellung. Frankfurt a.M. (u.a.): Lang 1986 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur Bd. 904).

Ostrowitz, Philipp Alexander: Die Poetik des Möglichen. Das Verhältnis von ,historischer Realität und ,literarischer Wirklichkeit in Marcel Beyers Roman ,Flughunde . Stuttgart: Ibidem 2005.

Rode, Marc-Boris (Hg.): Auskünfte von und über Marcel Beyer. 2. erweiterte Auflage. Bamberg: Universität Bamberg 2003.

Schmölders, Claudia: Die Stimme des Bösen. Zur Klanggestalt des Dritten Reiches. In: Merkur 8 (1997). Stuttgart: Klett-Cotta. S. 681-693.

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