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Die Jahre 1987-1988: Vorwärts immer, rückwärts nimmer

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1987 1988

vorwärts immer,

rüc

wärts nimmer

Weltbild

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Hans-Günther Pölitz, Der Fortschritt ist hinter uns her

7

1. Kapitel: Vorwärts immer, rückwärts nimmer

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John Stave

Wie wir uns selbst verwalten

Hans-Günther Pölitz

Was nun?

Jochen Petersdorf

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Motiv

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Matthias Biskupek

Nachba.rin Hümpe erläutert die Grußerweisung

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2. Kapitel: Alles zum Wohle des Volkes Humorvolles aus dem Alltag

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Ernst Röhl

Eine lehrreiche Geschichte

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Manfred Strahl

Der totale Wettbewerb

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Jochen Petersdorf

Schreiben Sie doch mal

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Hansgeorg Stengel

Aller guten Affen sind drei

34

Ernst Röhl

Pardon wird nicht gegeben

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Johannes Conrad

Die kleinen, wilden Kaffeemaschinen

Jochen Petersdorf

38

Datschen-Kino

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3. Kapitel: Lernen, lernen, nochmals lernen Als wir Schüler und Pioniere waren

43

Heli Busse

Mein Wunderkind

44

Ottokar Domma

Inhalt

5

Jochen Petersdorf

Frühes Leid

Thomas Reuter

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Meine pädagogischen Fähigkeiten

54

Ottokar Domma

Was ist Glück?

56

4. Kapitel: Was des Volkes Hände schaffen Wir Werktätigen in Stadt und Land

Ernst Röhl

57

Zur Feier des Tages

58

Manfred Strahl

Ideen muß man haben

62

Klaus Lettke

Alles aufeinander eingespielt

66

Alfred Schiffers

Laien-Spiel

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5. Kapitel: Heißer Sommer Von Ostseestrand, Datsche und Jugendclubs

Lothar Kusche

71

Keine Reise ohne Zange

72

Jochen Petersdorf

Sammerteim

74

Matthias Biskupek

Unser Freizeitfreiluftmobiliar

76

Jochen Petersdorf

Unter fremden Menschen

78

Heli Busse

Am Waldsee

80

6. Kapitel: Höher, schneller, weiter Sportlich sportlich

85

Jochen Petersdorf

Sport-Klauberei

86

Hans-Dieter Kern

Fußball auf unserer Klitsche

88

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Inhalt

Klaus Lettke

Anglerglück

7. Kapitel: Unter vier Augen Über Verliebte und Verheiratete

Angela Gentzmer

Kurschatten

Ottokar Domma

Wie man die Frauen ehrt

Irn1gard Abe

Ewig diese verfluchte Schlamperei

Jochen Petersdorf

Gewichtgedicht

Lothar Kusche

Hugos Hochzeit

8. Kapitel: Wo wir sind, ist vorn Es geht seinen sozialistischen Gang

Matthias Biskupek

Mein Selbst-Vertrauen

Wolfgang Schaller

Die Stimmungsliederrnacher

Manfred Strahl

Der Staatsbesuch

Hans-Günther Pölitz

Gewöhnungssache

Zeittafel

Rechtliches

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Eine Lachnummer

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Das Jahr 1988 ist traurig. Weil es nicht so berühmt ist wie das Jahr 1989. Des- halb haben ihm die Buchmacher auch das Jahr 1987 an die Seite gestellt. Gemein- sam sind sie stark. Und zwar betroffen vom Zerfall dessen, was sich einmal DDR nannte. In der Sowjetunion tobten schon seit geraumer Zeit Glasnost und Pere- stroika. In der DDR tobte dagegen das Politbüro: »Würden Sie, wenn Ihr Nach- bar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung eben- falls neu zu tapezieren?« Mit diesem Spruch ging Chefideologe Kurt Hager 1987 erst als »Tapeten-Kutte« in die Geschichte ein und zwei Jahre später völlig unter. Unsere Tapetenindustrie war schon mit den alten Bahnen völlig überfordert, ge- schweige denn mit neuen. Statt das Brett zum Tapezieren aufzustellen, trug man es lieber vor dem Kopf. Es wurde weiter gelebt im Sozialismus in den Farben der DDR: Schwarz-Rot-Gold. Die Bürger ärgerten sich schwarz, die Funktionäre sahen rot und versprachen eine goldene Zukunft. So zirkelte man sich im Kranz der Ähren über die Zeit, bis der Hammer fiel. Aber vorher wurden noch einmal kräftig Geschenke verteilt. 1987 schenkte Erich Honecker seinen Landeskindern mehr Kindergeld und Udo Lindenberg eine Schal- mei. Dieser hatte ihm vorher bereits eine Lederjacke geschenkt. Die aber Erich nicht anzog, als ihm Helmut Kohl einen Empfang in Bonn schenkte. Die DDR schenkte der Welt dann noch den ersten Megabit-Chip, Made in GDR. Da war der Wurm drin. Denn unsere Mikroelektronik war nicht kleinzukriegen. Kleinkriegen wollte man dagegen alle kritischen Stimmen. Im Sommer 1988 fanden noch die 22. Arbeiterfestspiele im Bezirk Frankfurt/Oder statt. Sie waren die letzten. Da- nach stand den Werktätigen der Sinn weniger nach Musizieren, Fotografieren und Rezitieren. Sie wollten lieber diskutieren, protestieren und demonstrieren. Im November 1988 stürzte der sowjetische »Sputnik« wegen zu kritischer Äußerun- gen aus dem Himmel des DDR-Postzeitungsvertriebs. Hilflose Parteisekretäre be- gründeten in ihren Parteigruppen das Nichterscheinen damit, daß die Züge, wel- ehe die Hefte in die DDR transportieren sollten, auf sowjetischem Territorium im Schnee steckengeblieben wären. Im Schnee schon, aber in dem, den die Partei redete. Damit löste sie wieder eine Eiszeit aus. In dieser wurden zum Beispiel die meisten Kabarettprogramme, die Ende 1988 auf die Bühne kommen sollten, »wegen künstlerischer Mängel« aus dem Verkehr gezogen. Eine Lachnummer. Aber der Volkswitz ließ sich nicht unterkriegen, und so spiegelt sich die Zeit sehr schön in folgendem wieder: Die USA, die Sowjetunion und die DDR wollen ge- meinsam die Titanic heben. Die USA interessieren sich für den Goldschatz und den 'Iresor mit den Brillanten. Die Sowjetunion interessiert sich für das techni- sche Know-how. Und die DDR interessiert sich für die Band, die bis zum Unter- gang noch fröhliche Lieder gespielt hat.

Hans-Günther Pölitz

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Vorwärts imm e r, rückwärts nimmer

John Stave

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Vor zwei Jahren haben wir unser Mietshaus in die eigenen Hände genommen. Mieterselbstverwaltung nennt sich das, und ich wunderte mich schon, daß keiner stutzig wurde, als der bis dahin zuständige Verwalter der KWV nach geleisteter Vertrags- unterschrift sich verstohlen die Hände rieb. Aber wir sind ja

auch ein recht intellektuelles Haus, alles Leute, die Beacht- liches auf theoretischem Gebiet leisten, also nicht direkt pro- duktiv, und sogar ein Professor ist dabei sowie ein Zahnarzt. Einer aus dem Haus liest den ganzen Tag nur Bücher, lebt aber auch. Zwei haben Autos, einer einen Trabant. Und noch einer wird jeden Morgen mit einem Volvo abgeholt und abends wie- der nach Hause gebracht. Das nur mal zur Illustration. Noch was: Im zweiten Stock wohnt eine Schauspielerin. Sie möchte aber in diesem Zusammenhang ausnahmsweise

Übrigens, unser Hausrasen sieht aus wie ein englischer Fußballplatz.

einmal nicht genannt sein. Und nun können Sie sich vorstellen, wie das ist,

wenn wir als HGL zusammentreten und uns selbst verwalten. Ach halt! Beinah hätt ich noch einen vergessen, der etwas aus dem Rahmen fällt. Ein praktischer Mensch: Albert Kunze. Der ist von Beruf Weichenausspüler bei der Straßen- bahn. Er macht das mit noch einem Kollegen, und da fahren sie dann mit so einer kleinen Nuckelpinne von Auto alle Wei- chen ab und spülen sie aus. Und an dem Auto steht dran: Vor- sicht, Schienenfahrzeug! Das haben Sie sicher schon mal ge- lesen. Also dieser gute Albert, der schmeißt unsern Laden im Grunde. Er eröffnet die Sitzung, begrüßt alle, und dann sagt er, daß unser Limit eintausendzweihundert beträgt. Das hört sich natürlich nach etwas an; und so spendet unser Professor auch gleich begeistert Beifall. »Das ist eine gute Sache!« ruft

er entzückt. »Das ist großer Mist!« sagt hingegen Albert, und ein bißchen Leid umwölkt seine Stirne. Sie müssen wissen, daß unser Haus mittlerweile fünf Jahre alt geworden ist, und nun zeigen sich natürlich langsam die ersten Zerfallserscheinungen. Nehmen wir nur mal die Fensterkreuze. Da ist die Farbe runter. Aber das wäre weiter nicht schlimm, hat Albert gesagt. An zwei Wo- chenenden könnte er das schon in Ordnung bringen. Und wenn vielleicht noch jemand hülfe, ginge es sogar schneller. Aber

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wie gesagt, wir sind alles mehr Theoretiker, mehr Arbeiter des Geistes eben und weniger der Faust. Und dann die Sache mit den Badeöfen - puh! Sechs Stück auf einen Schlag im Eimer. Das macht eintausendzweihundert! »Großer Mist«, sagt Albert. Und er denkt scharf nach. Was an sich unsre Sache wäre. Aber er hat das Denken wahrscheinlich als Hobby, und so macht es ihm Spaß. Übrigens: Unser Hausrasen - große Klasse. Sieht aus wie ein englischer Fußballplatz. Das macht alles Albert. Seine Frau hilft ihm tüchtig. Und Blumen haben sie auch aus ihrer Laube herangeschleppt. »Natürlich müssen erst die Ba- deöfen in Ordnung gebracht wer- den. Vielleicht lassen sich ein paar doch noch reparieren. Das Geld, das wir einsparen, nehmen wir für Farbe. Und dann streichen wir zuerst einmal die schlimmsten Kreuze«, sagt Albert. »Also mein Kreuz nach vom raus sieht verheerend aus«, sagt die Schauspielerin, »aber ich bin am Wochenende nicht zu Hause. Kön- nen Sie nicht mal am Tage pinseln kommen?« Der Zahnarzt lacht schallend und schlägt sich dabei auf die Schenkel. Der Professor kichert mit, weiß aber nicht, worum es geht. Albert notiert sich schweigend den Mitt- wochnachmittag, da hat er ein paar Überstunden abzubummeln. Er erhält von der Schau- spielerin eine Westzigarette. »Herr Doktor«, sagt Albert, »Sie wollten doch mal einen Farblichtbildervortrag über Ihre Jugoslawienreise halten?« »Mein lieber Albert«, sagt der Zahnarzt bedauernd, »ich bin leider noch nicht dazu gekommen, die Dias zu rahmen.« »Schicken Sie uns den ganzen Ramsch rauf, meine Frau und der Junge können das erledigen«, sagt Albert. So gesehen ist eine Mieterselbstverwaltung gar nicht von der Hand zu weisen. Ich selbst bin im Grunde kein ausgesprochener Intellektueller. Ich bin Verwalter bei der KWV, aber in einem ganz anderen Stadtbezirk. Und ich kann Ihnen sagen: In meinen Häusern ·

läuft alles!

SACHBEARBEITfR·.·

FÜR

KRITISCHE HINWEISE

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Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Hans-Günther Pölitz

Brennende Fragen unserer Zeit Aus dem Programm des Amateurkabaretts »Die Zange«

Das Neue Deutsch- land erscheint mit drei neuen Seiten:

Auf Seite eins steht, was gemacht werden muß, auf Seite zwei, wie es gemacht werden muß, und auf der dritten Seite sind schwarz umrandete Kästchen. Das sind die, die es versucht haben.

(Aus dem Off ist ein Gespräch mit folgendem Wortlaut zu hören) A: Ist denn nun draußen schon Licht, oder was? B: Nein, ist noch alles dunkel. C: Meine Güte, wie lange sollen wir denn noch warten? A: In der Dunkelheit werden uns doch die Leute unruhig. Ich gehe jetzt einfach mal raus. D: Bist du verrückt?! Die Anweisung lautet: Erst wenn oben Licht gemacht wird, sollen wir anfangen zu reden. A: Ich habe keine Lust mehr zu warten. Ich gehe jetzt raus, mal nachsehen. B: Komm zurück! (Auf der Bühne, die immer noch dunkel ist) A: Mensch, was ist denn los? Pennen die da oben an der Lei- tung? D: Mäßige dich, du schockierst die Zuschauer. A: Wieso? D: Unsere Menschen sind es nicht gewohnt, daß über Fehler- quellen in der Öffentlichkeit diskutiert wird. A: Das merkt doch eh jeder, daß hier was nicht klappt. D: Also brauchst du auch nicht extra drüber zu reden. A: Du redest wie unsere Zeitungen. B: Wrr wollten doch in diesem Programm ohne Massenmedien auskommen. A: Bei solcher Berichterstattung kommt man sehr gut ohne Massenmedien aus. B: Eigott, wenn die an der Leitung nicht bald Licht machen, re- dest du dich hier noch um Kopf und Kragen. C: Was ihr bloß habt? Unsere Massenmedien sagen doch alles. Wenn auch mit anderen Worten. A: Wenn ich etwas mit anderen Worten formuliere, dann ist das keine Infonnation, sondern eine Fabel. C: Na, dann stimmt doch der Satz, daß der DDR-Bürgerfabel- haft informiert wird. B: Mensch, nun macht doch mal mehr Licht!

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C: Das waren schon Goethes letzte Worte. B: »Den Gedanken Licht!« Das forderte auch Erich. Alle: ????????????????????? B: Weinert. D: Wollten wir nicht heute über brenzlige Fragen der Gegen- wart sprechen? A: Uber brennende, du Knallo. C: Wenn die Fragen brennen, dann müßte doch hier mehr Licht sem. A: Dann laß doch deinen Geist leuchten. C: Nee danke, ich stehe lieber im Dunkeln. Als leuchtendes Beispiel abzufackeln, ist mir zu gefährlich. A: Aber nach mehr Licht schreien. C: Ich habe keinen Ton gesagt. So wie 's ist,

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wird

schon seine

es Richtigkeit haben.

E: (durch die Saaltür in den dunklen Saal kom-

mend) Heh!

Hallo!

Hört ihr mich? B: Was machst denn du da drüben? E: Ich bin in der Dunkel- heit den falschen Weg gegangen. A: Wrr begrüßen unseren Sowjetbürger.

E: Wieso Sowjetbürger? A: Ich dachte nur, weil du in aller Öffentlichkeit zugibst, daß du was falsch gemacht hast. B: Der tappt im Dunkeln und hat trotzdem noch den Weg ge- funden. D: Du bist für eine Leitungsfunktion geboren! A: Apropos Leitung! Wann machen die denn nun das Licht an? B: Vielleicht verstehen die unsere Sprache nicht? E: Dann versucht's doch mal mit sowjetisch! (peinliche Pause, zu A) Na komm, du hast doch am lautesten nach Licht ge- schrieen. Nun mach mal!

••

A: Ah

E: Nix Lampa kaputt. Du kaputt. Kann denn hier keiner die

äh

Lampa kaputt

Sprache der Bolschewiki?

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Vorwärts immer, rückwärts -nimmer

D: Wir können mehr so die Sprache von Bernhard Wicki. C: Oder Leandros Vicki

E: Da haben wir nun 38 Jahre lang agitiert: Von der Sowjet- union lernen, heißt siegen lernen. Und dann haben wir nicht mal die Sprache gelernt. B: Gelernt schon, bloß können kann's keiner. A: Hat doch keiner geahnt, daß man die mal so plötzlich brau- chen könnte. E: Es ist doch nicht das erste Mal, daß uns die Entwicklung klar macht, was wir versäumt haben. D: Mensch, sei bloß froh, daß es hier so finster ist. Wenn das einer sehen würde, was du redest. E: Oder hören würde, wie ich aussehe. (geht an die Rampe) To- warischtschi, wkljutschitje swet! (Licht geht an) A: Ich werde verrückt, die russische Variante geht. E: Wissen ist eben Macht.

Unsere Menschen, ja das weiß ich,

B: Jetzt gucken die alle auf uns.

arbeiten tagtäglich fleißig.

E: Mit Recht. Wer im Licht steht, muß auch ein Programm haben. B: Jetzt muß aber was losgehen. C: Der Pianist fehlt. A: Nun stehen wir im Licht und nichts geht los. D: Wären wir im Dunkeln geblieben, hätten wir uns jetzt schön

zurückziehen können. C: (zu E) Das hast du uns eingebrockt mit deinem Russisch. E: Ich? Ihr habt doch nach Licht gebrüllt. Hättet ihr lieber or- ganisiert, daß alle Voraussetzungen da sind. C: Wie kann ich denn im Dunkeln sehn, was uns fehlt? D: Was machen wir denn nun ohne Musik? B: Da singen wir eben nicht, sondern reden bloß drüber. C: Da merkt doch auch der Letzte, daß uns was fehlt. A: Da kommt vielleicht 'ne Stimmung auf. B: Und wie fangen wir die ab? C: Das beste ist, wir machen das Licht wieder aus. (Licht geht wieder aus) A: Komisch, die Verdunklung funktioniert in Deutsch. C: Ich habe doch gleich gesagt: »Brennende Fragen unserer Zeit«, das ist nichts fürs Kabarett. Die Satire bringt doch mehr durcheinander, als die Politiker B: Na, na, na!

C:

je wieder geradebiegen können. Ihr müßt einen mal aus-

reden lassen.

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D: Ich könnte zum Beispiel ein zündendes Referat halten über brennende Fragen. Hier ist meine Wortmeldung. (gibt A einen Zettel) A: Denkste, ich kann das im Finstern lesen? Macht doch mal Licht an. Jetzt geht das wieder nicht. Wie hieß das? E: Towarischtschi, wkljutschietje swet! A: (stockend) Towarischtschi, wklu-jschtsch-iete swet! (Licht geht an) E: Klingt noch bißchen unbeholfen, aber du siehst, der gute Wille wird belohnt. A: Sie hören jetzt ein Referat zum Thema: »Was rührt das Ka- barett in den Problemen unserer Zeit.« C: (schaut auf den Zettel) Was rührt das Kabarett an den Pro- blemen unserer Zeit. A: Oder so. Es spricht ein hoher Funktionär, einer mittleren Ebene. D: Mir sträuben sich sehr oft die Haare, wenn ich vom Cabaret erfahre. Die treiben alles auf die Spitze, Und fragen nicht, ob's uns auch nütze. Die machen auf der Bühne Witze, daß ich im Saale unten schwitze. Drum fragend ich zum Chef hinseh - Gehört denn das ins Cabaret?

Zum Beispiel Zeitung, Rundf11nk, Fernsehn, In denen wir uns selber gern sehn, Werden hier mit Spott bedacht. Und ich weiß nicht, worüber lacht der Bürger abends nach halb acht im Saale schallend oder sacht. Und der Gedanke tut mir weh - Das muß nicht sein im Cabaret.

Oder nehmen wir die Hauptstadt Die doch jeder Bürger gern hat. Nur die Witzler stelln sich quer, behaupten, keiner freut sich mehr, wenn von allen Orten her abgezogen mehr und mehr protzig in der Hauptstadt steh - das muß.nicht ins Cabaret.

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Honecker, Reagan und Gorbatschow sind zu Besuch bei Gott. Jeder von ihnen hat eine Frage frei. Fragt Reagan, was mit den USA im Jahr

2000 sei. Nun, sagt

Gott, die USA sind

im Jahr 2000 sozia- listisch! Da geht Reagan in die Ecke und weint bitter- li~,h. Fragt Gorba- tschow, was mit der UdSSR im Jahr

2000 sei. Nun, die

gibt es nicht mehr, die wurde Groß- China einverleibt. Da geht Gorba- tschow in die,Ecke und weint bitter- lich. Zuletzt will Erich wissen, was denn mit der DDR im Jahr 2000 sei. Da geht Gott in die Ecke und weint bit- terlich.

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Daß die DDR ein saubres Land, Ist wohl der ganzen Welt bekannt. Die Lästerer jedoch sehn Wälder sterben Und unsre Luft im Qualm verderben, Sehn Krankheitsbilder sich vererben. Das Fell sollte man ihnen gerben. Denn wie ich die Sache seh - Gehört das nicht ins Cabaret.

Ich, der nur vorwärts diskutiert Fühl mich dabei stets angeschmiert. Drum mach ich euch ein Expose - Was reingehört ins Cabaret.

Unser Leben ist brisant. So in der Stadt, wie auf dem Land. Und fällt im Winter mal viel Schnee - Bringt das doch mal im Cabaret.

Unsre Menschen, ja das weiß ich, arbeiten tagtäglich fleißig. Fehlt dann im Konsum mal das Spee - Kann das mal rein ins Cabaret.

Dreimal schon hat man es vernommen, daß eine Robbe in der Elbe angekommen. Warum schwimmt so'n Biest nie in die Spree - Das ist Stoff fürs Cabaret.

Die Feste feiern, wie sie fallen. Gefällt doch jedem von uns allen. Fällt das Gebiß dir raus im Tee - Das bringt Feez ins Cabaret.

C: Wer soll das gewesen sein? Ein hoher Funktionär einer mitt- leren Ebene? B: Das war höchstens ein mittelmäßiger Funktionär mit einer ganz unteren Ebene. A: (zu D) Solche wie dich hätte der Gorbatschow längst abge- setzt. D: Du willst mich absetzen? Du kannst ja nicht mal richtig Russisch.

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A: Dafür reichen mir zwei Worte: Glasnost und Perestroika. E: Und was heißt das? A: Absetzen, absägen, heidewitzka weg der Sessel. E: So einfach? A: Einfach so. Ritsch, ratsch - weg isser! E: So kann nur einer reden, der sich im Russischen nicht aus- kennt. Glasnost heißt nämlich so viel wie Durchsichtigkeit. Und Perestroika Veränderung. B: Erst mußte durchsehen, dann kannste verändern. E: Genau. A: Und wer nichts verändert, wird abgesägt. E: Da fang doch gleich mit dem Kabarett an. Säg's ab! Was ver- ändert denn das Kabarett? D: Die Programmtitel.

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C: Nö, das kannste aber nun nicht sagen. Gucke mal, wie haben wir vor zwanzig Jahren kritisiert, daß uns Klopapier fehlt. Und heute gibt's Klopapier in Hülle und Fülle. E: Willst du damit sagen, daß wir die Probleme von heute in 20 Jahren gelöst haben? D: Wenn ich das noch erleben könnte. C: So genau möchte ich mich da nicht festlegen. Es können auch 21 Jahre werden. B: Manches ging aber auch schneller. Vor 15 Jahren haben wir darüber geredet, daß man auf den Trabbi 8 Jahre warten muß. Und schon nach 8 Jahren

E:

konnten wir darüber reden, daß man auf den Trabbi bald 15 Jahre warten muß.

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B: Oh, das war wohl jetzt ein blödes Beispiel, was?

E: Blöde ist daran nur, daß die Leute vor 15 Jahren genauso darüber gelacht haben wie heute. Sie lachen, gehen nach

Anfrage an den Sender Jerewan:

Ist es üblich 1 irn ~n­

land mit Devisen :> ··

zu bezahlen? Antwort: Im Prin- zip nein. Nur wenn Sie besondere Wünsche haben.

Hause, und was wird verändert C: Solange unsere Bürger noch lachen, wenn sie auf den Trab- bi warten, ist doch alles in Ordnung. D: Eine gute Stimmung in der Schlange verkürzt die Wartezeit. C: Wenn sie dran sind, wird ihnen der Spaß schon vergehen. D: Bis sie den Kaufpreis verdaut haben, ist die erste Repara- tur fällig. A: Alle absetzen! E: Nee, alle müssen was tun! B: Aber was tun? D: Wir sollten eine Losung ausdenken. E: Ich sagte: Was tun! D: Das haben wir aber 38 Jahre lang getan.

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C: Jetzt tun wir das aber nicht mehr

So oft.

D: Schade, mit 'ner Losung konnte man aber immer so schön tun, als würde man was tun. E: Und was hat sich getan? B: Meistens nichts. A: Meine Rede: Hier hilft nur noch Russisch sprechen. B: Und wer das nicht versteht? A: Absetzen! B: Da würde ich aber an deiner Stelle ganz schnell anfangen, Russisch zu lernen. Von wegen: Lampa kaputt! Birne weich. E: Bevor wir bei uns Russisch sprechen, sollten wir mit man- chem erst mal richtig Deutsch reden.

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Kunz ging nachts auf den Balkon llnd schmiß sein altes Chaiselongue kurzerhand aufs Rosenbeet, was andern auf die Nerven geht. Ein Polizist hat ihn verhört, Kunz hat zu seinem Tun erklärt, daß es im Sinn der Losung sei:

»Alles heraus zum 1. Mai!«

. Jochen Petersdoif

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Matthias Biskupek

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Gunntach. Gunntach. Sie mal wieder zu sehen? Wie geht's denn

? Nein. Ich

hab nur ganz schnell was zu erledigen. Auf dem schnellen

Sprung. Man steckt ja ständig in den Sielen. Ich kann mich schließlich nicht den ganzen Tag von Einkauf zu Einkauf han- geln wie gewisse Kolleginnen. Man will ja nichts andeuten. Was sich manche so rausnehmen. Das ist bei mir nicht drin. Wenn man nicht so verschwiegen wäre, könnte man Sachen erzählen. Manche spielt die dicke Frieda und den großen Friedrich noch dazu. Aber so leicht laß ich mir nicht die Wurst von

so in unsern Tagen? Danke der Nachfrage. Bitte

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gucken Sie mal nicht

so darüber. Nein, dorthin. Hm. Das ist der Klimpke, ja, der mit der Wattejacke. Nicht, daß der noch Gunntach sagt. Solche Leute seh ich ja überhaupt nicht. So was igno- riert man. Gucken Sie jetzt bloß nicht hin. Klimpke bringt's fertig und grüßt mich. Obwohl ich den nicht zu sehen ge- denke. Eigentlich auch überhaupt nicht kennen muß. Bloß

der Speckseite

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WissenSie,~sderh~?Derh~mich ~ ---· -·· -------~- - ~

ganz frech gefragt, wieso ich denn immer krank wäre, wenn bei uns im Büro Klüngels angeliefert werden. Sie kennen doch die Dinger? Aus dem Fotolabor? Kommt man ja nie auf seine ge- setzliche Kaffeepause, wenn man das alles einsortieren muß. Also erstens, sag ich, geht das Sie überhaupt nichts an, weil Sie Nachbarabteilung sind. Oder sind Sie sitzengeblieben? Sag ich so, mit Ironie, nicht wahr? Zweitens werde ich gegen Ver- leumdungen einschreiten. Einzuschreiten wissen, sag ich. Drit- tens kann ich krank sein, wie ich und mein Krankenschein wollen. So ganz geistesgegenwärtig sag ich das noch und dann:

Gunntach, Herr Klimpke! Das war das letzte Gunntach, was der

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von mir gehört hat. Na, hören Sie mal, wenn einem einer sol- che Dinge direkt ins Gesicht sagt, ohne schamrot und so. Ich bin ja für Offenheit. Gibt ja hin und wieder Unregelmäßigkei- ten bei gewissen Kolleginnen, die ich in vertraulichen Momen- ten mal dem Kollegen Abteilungsleiter mitteile. Mitteilen muß. Schließlich müssen wir alle mitziehen, und es ist nicht Sache gewisser ein- zelner, Ordnung ins große Ganze zu bringen. Aber da ist man doch in menschlicher Hinsicht von einer inter-

nen Höflichkeit. Solche direkten und öffentlichen Unverschämtheiten sind - ja - einfach ungezogen. Jedenfalls können Leute wie diese Klimpkes lange auf ein Gunntach von mir warten. Das gibt ja noch weit Schlimmeres. Neulich zum Beispiel, also das muß ich Ihnen erzählen, da waren zwei Gebäudefritzen bei mir. Wissen Sie was? Nein, das ahnen Sie nicht! Die hatten irgendwas am Dach zu reparieren, hämmern schon den ganzen Tag rum. Man hat ja keine Ruhe. Wissen Sie, was das an Nerven- material kostet? Und ich bin doch krank geschrieben. Jedenfalls wollten die plötzlich bei mir durch die gu- te Wohnstube aus dem Fenster. Mit irgendwelchen Geräten. Wegen Fest- machen. Sagen die. So sperrige Gerä- te. Die zerschlagen doch womöglich noch was! Würden Sie wildfremde Handwerker

.~ufgang n ur

fur Herrschaften

>>Diese.finstere Zeit liegt nun hinter uns! ((

einfach durch Ihre Stube lassen, bloß weil die irgendwelche Dachschäden bekämpfen? Na, sagen Sie mal, so was. Ich hatte grade geglänzt. So geht's ja nun nicht, sag ich. Ist staat- lich, sag ich, und da kümmern sich gesetzmäßig staatliche Stellen drum. Für mein Wohnzimmer nämlich, da bezahl ich noch immer pünktlich die Miete. Und mein Mann, Sie wissen ja, der hat eine dienstliche Vertrauensstellung, was ich ja gar nicht so öffent-

lich

Wenn da nun Unterlagen bei uns wären? Man kann doch

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nicht jeden über seine Schwelle lassen? So geht's ja nun nicht, jedenfalls hab ich mich strikt geweigert, gesagt, ich stehe da auf dem Boden des stabilen Mieterschutzgesetzes. Da konnten die bloß dumm gucken. Dumm gucken und Achselzucken. Weil im Auftrag nichts schriftlich ausdrücklich vorgegeben war, von unserem Wohnzimmer. Und weil wir bei uns eine erkämpfte Gerechtigkeit haben. Und nun hören Sie zu: Da sagt doch vorgestern einer von den unverschämten Gebäudefritzen, ich hatte die längst vergessen, wie ich ihn grad auf der Straße - also gar nicht sehen will, also da sagt der: Gunntach, Frau Hümpe. Ich sag dazu aber klipp und klar gar nichts. Denk ja nicht dran, solche unverschämten Leute zu kennen. Jedenfalls ruft der mjr noch nach. Ich meine, ich laß mir doch nichts nachrufen. Der ruft also: Ihre Nachbarin, Frau Hümpe, die hatte neulich aber nicht solche Probleme wie Sie. Die haben keine schriftlichen Unterlagen für einen Wohnungsdurchgang

verlangt

Na, da weiß ich doch wieder alles.

Leute vom Schlage dieser Nachbarn, die lassen sich mit Kum-

pelhaftigkeit durchs Leben treiben. Diese sogenannten Mitmie-

ter. Na, die grüße ich ja schon lange nicht mehr. Bitte

Bitte? Na-

? Nein.

Das sind jetzt neue. Die von früher waren ja Gold

Der kürzeste Witz:

Dr. Honecker.

*

Noch ein kurzer Witz: Ein Minister fährt Straßenbahn.

türlich, die haben ja nie gelüftet und die Treppe sah auch immer Nun ja. Man setzt unsereinem ja immer schlimmere Leute vor die Nase.

aus

Jedenfalls, diese neuen, diese Fälle von angeblichen Mitbür- gern, kriegen von mir kein Gunntach zu hören. Der Mann legt's ja noch immer drauf an und grüßt, so frech und direkt, wenn er mich sieht. Ich überhör das aber ganz deutlich. Ich schaue über so was einfach weg. Einfach weg. Die sind für mich nicht da. Stück - ja - Schmutz, sozusagen. Würden Sie zu Schmutz Gunntach sagen? Wissen Sie nämlich, was deren Tochter zu unserm Sohn sagte? Nein, das ahnen Sie nicht! Du bist ein dämliches Kamel. Wörtlich. Sagte deren Tochter. Zu unserm Sohn. Dämliches Kamel. Di- rekt ins Gesicht. Unser Junge ist ja etwas sensibel. Der nimmt so was immer ziemlich schwer. Das quält ihn, das weiß ich. Dämliches Kamel. Ich werd da gar nicht fertig damit. Das mindeste wäre ja nun, daß die Eltern sich bei uns dafür entschuldigen, wenn sie schon ein asoziales Tochterstück auf- gezogen haben. Ich sag noch ganz freundlich zu der Mutter, daß man das ja wohl.verlangen könnte, eine Entschuldigung.

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Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Damals haben wir ja noch gegrüßt, mein Mann die Frau sogar immer zuerst. Wrr haben gewußt, daß das kein Umgang für uns ist. Aber wir haben gegrüßt. Schließlich weiß man, was sich gehört. Jedenfalls sagt diese Mutter, als ich meine Anschuldi- gung deutlich mache und ganz freundlich eine Entschuldigung fordere, sagt doch diese sogenannte Mutter, das seien Kinde- reien. Wissen Sie, wie alt unser Sohn ist? Dreizehn. Mit drei- zehn Jahren steht man in unserer Republik direkt vor der Jugendweihe und ist ein anerkannter Teil der Gesellschaft. Trägt Verantwortung. Das läßt sich nicht einfach als Kinderei

abtun. Das ist noch verletzender als dämliches Kamel. Mein Sohn, sag ich, mein Sohn ist keine Kinderei, aber Ihre Tochter ist offensichtlich kein sehr wertvolles Mitglied unse- rer Gesellschaft. Man hat ja wohl gehört, sag ich, daß sie einen Eintrag unter anderem wegen gewisser Dinge erhalten hat. Ich meine, ich weiß Bescheid, aber so was juckt solche Leute ja nicht, daß man Bescheid weiß. Ich sag also noch: Nun, wenn dieses Dämchen schon nicht weiß, was sich gehört, dann müß- ten Sie das wenigstens wissen. Aber der Apfel und der Stamm, man hat diese Leninsche Erkenntnis ja wohl schon gehört. Ich war ganz ruhig, hab wörtlich: Nicht sehr wertvolles Mitglied un- serer Gesellschaft! gesagt. Denn man hat ja Niveau. Ich laß mich doch nicht auf diese unterste Ebene hinab. Solche Men- schen werden von mir mit Verachtung gestraft. Ich bin froh, wenn ich die nicht sehe. Die sind es nicht wert, sagt immer mein Mann. Roselore, sagt mein Mann: die sind's nicht wert. Einfach unwert. Reg dich nicht auf, sagt mein Mann. Mit die- sen Leuten, die Ausdrücke durch ihre Sprößlinge gebrauchen lassen, wahrscheinlich von langer Hand vorbereitet, man wird das herauszufinden wissen, mit diesen sogenannten Menschen, deren gesellschaftliches Ansehen völlig fehl am Platz ist, reden wir einfach nicht. So sagt das mein Mann. Und ich sag Gunntach doch nur zu den Leuten, denen ich einen guten Tag wünsche. Man ist ja kein Heuchler. Wissen Sie, was ich denen wünsche? Na, ich bin viel

also wirk·

lieh, ich finde, Anstand und Höflichkeit gehören zum Menschen,

aber nicht zu diesen. Die mit ihrer sogenannten Direktheit und

zu gut erzogen, das zu sagen, aber die sollte man

vorgegebenen Offenheit

also so was. Unsereins hat wirklich keine Zeit! Aber wenigstens

Bitte? Sie müssen weg? Hallo

Auf Wiedersehen! kann man ja wohl sagen! Impertinenz!

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Alles zum Wohle des Volkes

Ernst Röhl

»Es ist unakzeptabel!« hob Herr Lawatschek hervor. Er pack- te die Kuchengabel und versetzte der Zitronenkremschnitte auf seinem Teller den Todesstoß. »Un-ak-zep-ta-bel! «wiederholte er mit vollem Mund. Die rundliche Frau Lawatschek sah das ebenso: »Die eigene Frau als dick zu bezeichnen, nur weil sie nicht dünn ist - wer tut denn so was?!« Dies war nur eine rhetorische Frage. Frau Lawatschek kannte einen solchen Menschen. Sie kannte ihn sehr gut und schon lange. Einst hatte sie ihn gar, im Sinn

des Wortes, an ihrem Busen genährt. »So ist er nun mal«, seufzte die Schwiegertochter, »für ihn ist we- niger ebend mehr.« Mit bebender Hand führte sie die Tasse zum Munde; als sie sie zurückstellte, kljrrte leise

Gerichtliche Schritte kündigte er an und

die Untertasse. Frau Lawatschek hatte ihre Schwiegertoch-

vergaß nicht zu erwähnen, daß er im Dienst

Wand an Wand sitze mit dem Justitiar.

ter, genauer gesagt, ihre ehemalige Schwie- gertochter gleich für das erste Wochenende nach der Scheidung zum Kaffee eingeladen. Das glaubte sie ihr schuldig zu sein. Den Tisch hatte sie mit ihrem Paradegeschirr gedeckt: Zwiebelmuster, ein Weihnachtsgeschenk, von Herrn Lawatschek bezahlt, eine Augenweide, die Tassen so wertvoll, daß die wirtschaftliche Frau Lawatschek aus Gründen der Schonung, wie sie scherzhaft einflocht, am liebsten nichts anderes als Schonkaffee eingeschenkt hätte. Beim Abräumen unterlief der Schwiegertochter dann dieses Mißgeschick. Das Kännchen mit der Kaffeesahne entglitt ihren Händen und zer- schellte auf dem Küchenfußboden. Entsetzt starrte sie auf das Häufchen Scherben in Sahne und ließ den Tränen freien Lauf. »Aber, aber, aber«, murmelte Frau Lawatschek und schloß sie mütterlich in die Arme. »Es ist doch gar nichts passiert, nicht ·

das geringste.« Diese trostreichen Worte erwiesen sich schon bald als Fehl- urteil, und zwar im KERAMIK-SALON, wo Frau Lawatschek nach einem einzelnen Sahnekännchen fragte. »Gießer leider nicht vorrätig«, sagte die Verkäuferin, »Ersatz- teile Zwiebelmuster überhaupt nicht.« Dazu lächelte sie me- lancholisch. Von Auskünften dieser Art ließ sich die lebensklu- ge Frau Lawatschek nicht entmutigen, grundsätzlich nicht. Der

Alles zum Wohle des Volkes

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Gießer, sagte sie, um das Herz der Verkäuferin zu erweichen, wäre ihr ja nie und nimmer zu Bruch gegangen, wenn nicht ihre Schwiegertochter Ilona »Das gehört absolut nicht hierher.« Herr Lawatschek schnitt ihr das Wort ab. Er hielt es für unwürdig, sich bei Verkaufskräf- ten anzubiedern, für unnötig übrigens auch, schließlich waren die Fragen des Handels ebenso wie die der Versorgung gesetz- lich geregelt, umfassend und zielzentriert, also optimal. Herr Lawatschek, um das kurz zu erwähnen, zeichnet sich aus durch einen unerschütterlichen Glauben an Vorschrift, Verfü- gung und Verordnung. Dies be- trifft sogar sein grenzenloses Vertrauen zu Recht und Gesetz im Straßenverkehr. Im Unter- schied zu anderen Verkehrsteil- nehmern verkehrt er mit sei- nem edelgrauen Trabant-Kombi stets haargenau so, wie es die StVO befiehlt und wird folglich immer wieder in Karambolagen verwickelt. Der Handel jedenfalls, legte Herr Lawatschek dar, habe dem Kunden jederzeit Einzel- teile zum Nachkauf bereitzu- stellen, da sei er juristisch in die Pflicht genommen. Der Ver- käuferin sagte er damit nichts

Neues. Dennoch mußte sie bedauerlicherweise bedauern; das >>Bitte schneidern Sie

einzige, was sie in seinem Fall bereitstellen könne, sei die An- schrift des Herstellerbetriebs, mehr leider nicht. Das, hob Herr Lawatschek hervor, sei immerhin etwas. Selbst diesen bescheidenen Optimismus wollte sie nicht tei- len; bei der ganzen Schreiberei käme am Ende ja doch nichts weiter heraus als der bekannte vorgedruckte Brief mit dem vorgedruckten todsicheren Tip: Bitte, wenden Sie sich mit Ihrem Problem an den Einzelhandel! Eine seltsame Fachverkäuferin! Offenbar sah sie ihre vornehm- ste Aufgabe darin, die Kundschaft zu verunsichern. Was war nur mit unserem Handel los? Das fragte er sich schon, seit vor Jahresfrist am Fischladen in der Petra-Kuschlig-Allee die blaue Neonzeile ALLES VOM FISCH ausgetauscht worden war gegen

mir eine solche Bluse!<<

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Alles zum Wohle des- Volkes

Was ist ein DDR- Snob? Einer, der Peter- silie im Intershop kauft, das Neue Deutschland über GENEX bezieht und den Parteibeitrag in D-Mark bezahlt.

die Zeile VIELES VOM FISCH. Wenn das so weitergeht, dach- te Lawatschek, dann steht vielleicht übermorgen dran: EINI- GES oder ALLERHAND VOM FISCH. Er bestellte per Nachnahme 1 Stück Gießer/Service Zwiebel- muster, EVP 9,60 M. Dann wartete er sechs Wochen vergeb- lich. Den vorgedruckten Brief bekam er nicht, vom Sahnekänn- chen ganz zu schweigen. Mit einem zweiten Schreiben, dem er den Durchschlag seiner Bestellung beifügte, brachte er sich nachdrücklich in Erinnerung. Er hatte, fand er, ein Recht auf Antwort, ja er hatte genaugenommen sogar das Recht auf einen Sahnegießer. Wer gut arbeitet, der erwirbt dieses Recht. Erst auf dem jüngst vergangenen Betriebsvergnügen hatte die Fest- zeitung seine diesbezüglichen Qualitäten gutmütig-humorvoll gewürdigt: Kollege L. vergiftet kontinuierlich das Betriebskli- ma, indem er ständig am Platz ist und schuftet, er ist unersetz- lich, speziell bei überflüssigen Arbeiten Womöglich zählten sie in ihrem Porzellanwerk auch den Kun- dendienst schon zu den überflüssigen Arbeiten. So nicht, Sportsfreunde! Wenn der Kunde in den Betrieb hineinruft, muß unbedingt ein weitgehend positives Echo herausschallen! Lawatschek ließ einen Monat verstreichen. Dann schrieb er sei- nen dritten Brief, in dem er sich auf das Gesetz über die Bear- beitung der Eingaben der Bürger bezog. Er verlangte »ach- tungsvolles Verhalten gegenüber den Bürgern, sorgfältige und schnelle Bearbeitung ihrer Anliegen« sowie laut Paragraph 7 Entscheidungsfindung innerhalb von 4 Wochen. Nach vier Wochen, in denen nichts geschah, stieg ihm der Miß- erfolg zu Kopf. »Wenn die Kohlekumpels eines Tages so arbei- ten wie diese Traumtänzer von der Porzellanbude«, brüllte er auf die erschrockene Frau Lawatschek ein, »dann gibt's im Fernsehen endlich die Sendung KLOCK ACHT OHNE STROM!« Sein viertes Schreiben formulierte er in kohlhaasischer Rage. Es ging ihm längst nicht mehr um irgendein Milchkännchen, es ging ums große Ganze! Im Stil eines Anklägers drohte er, die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen. Gerichtliche Schritte kündigte er an und vergaß nicht zu erwähnen, daß er im Dienst Wand an Wand sitze mit dem Justitiar seines Betriebes. »Wand an Wand! Dies nur zu Ihrer persönlichen Information.« Es war ein großartiger, ein mutiger Brief - Lawatschek als Vater Courage. Ein Prachtbrief! Er drückte ihn seiner Frau in die Hand zum Zwecke der Lektüre und angemessener Bewun- derung des Autors. »Und morgen früh«, wies er an, »gleich zum Postamt damit, Einschreiben, Eilbrief, peng! «

Alles zum Wohle des Volkes

-

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Frau Lawatschek hatte ja gar nichts gegen das große Ganze, im vorliegenden Fall aber lag ihr vor allem an der Lieferung eines Sahnegießers für ihr Zwiebelmusterkaffeeservice. Und in keinem seiner vier Briefe hatte ihrer Meinung nach Autor La- watschek den rechten Ton getroffen, den Ton, der zum Erfolg führte. Diese Meinung allerdings hütete sie wie ein Geheimnis. 0 ja, sie wußte genau, was richtig und falsch war in Ehe und Partnerschaft. Erst kürzlich hatte der Ratgeberteil einer Frau- enzeitung sie wieder bestärkt in ihren Auffassungen: »Spre- chen Sie niemals abfällig oder kritisch über das Wirken Ihres Partners. Finden Sie her- aus, wozu er fähig ist und was er nicht be- wältigen kann.« Frau Lawatschek zerriß, bevor sie selbst entschlossen zur Feder griff, den Brief in tausend Schnipsel, die sie den Strom- schnellen des Wasserklosetts anvertraute. Bereits am Sonnabendmorgen war der Ant- wortbrief da. Herr Lawatschek las ihn noch vor dem Frühstück, und Frau Lawatschek las mit, über seine Schulter hinweg. Es war ein rätselhafter, merkwürdigerweise an seine Frau adressierter Brief:

»Liebe Frau Lawatschek! Vielen Dank für Ihr Schreiben vom 25.1. Sie ahnen ja nicht, wie gut ich Sie verstehe. Meine Tochter Clarissa ist nämlich genauso fertig wie Ihre arme Schwiegertochter, nur daß auch noch Kinder da sind, so daß sie wohl ebenfalls bald ihre Zuckerdose mit Zwiebelmuster- dessin fallen lassen wird. Wie die Bilder sich doch gleichen: Meine Clarissa hat nämlich auch Linienpro- bleme, und mein sauberer Herr Schwiegersohn belegt sie zu den Mahlzeiten auch andauernd mit Injurien, sie solle die Vor- speise weglassen und statt des Hauptgerichts kein Dessert

nehmen

Kundendienst. »Was bedeutet das?« Lawatscheks Gesicht verfinsterte sich. »Ich will ja gar nicht behaupten, daß wir schon durch sind«, sagte, vom Erfolg verklärt, Frau Lawatschek. »Aber wir sind einen Schritt weiter!« Und sie piekte mit dem Zeigefinger auf das P.S.: »Bitte wenden Sie sich mit Ihrem Problem Salzstreu-

er/Zwiebelmuster an den Einzelhandel.«

« und so weiter bis zur Unterschrift Müllner, Abt.

>>Natürlich kann ich die- Bommeln abschneiden. Aber dann entsprechen die Leuchten nicht mehr der gebrauchswerterhöh- ten Preisgestaltung des Herstellers. <<

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Alles zum Wohle des- Volkes

Manfred Strahl

or totalJa

Unser letzter Umzug ging erstaunlich reibungslos vonstatten. Wir hatten weder Verletzte noch größere Möbelschäden zu be- klagen. Alles lief wie am Schnürchen. Die Möbelträger zogen das Frühstück, das ihnen meine Frau von zarter Hand bereitet hatte, nicht unnötig in die Länge. Bereits nach zweieinhalb Stunden rüsteten die ersten zum Aufbruch. Als ich ihnen das

'llinkgeld aushändigen wollte, hinderte mich meine Frau daran. »Erst müssen noch die Blumenkästen auf den Balkon geschafft werden«, forderte sie energisch. Zwanzig Minuten später, die Möbelträger waren längst abge- rückt, klingelte es bei uns. Ich öffnete. Vor mir stand freude- strahlend eine Bürgerin in höherem Lebensalter. Sie drückte mir einen frischen Blumenstrauß sowie

Unwissenheit schützt vor Auszeichnung nicht.

eine Urkunde in die Hand und beglück-

wünschte mich im Namen des WBA zum dritten Platz im Balkon-Wettbewerb des Wohngebiets. Da ich soeben erst eingezogen sei, könne es sich nur um eine Verwechslung handeln, beteuerte ich. Aber die alte Dame ließ nicht locker. »Ihre herrlichen Geranien sieht man sogar von der Straße aus «, behauptete sie. Widerstand schien zwecklos. Meiner Frau zuliebe, die in der Tat prächtige Hängegeranien aufgezogen hatte, nahm ich die Auszeichnung entgegen. Unwis- senheit schützt halt vor Auszeichnung nicht! Wer wie wir dem Wettbewerbsgedanken aufgeschlossen ge- genübersteht, kann sich vorstellen, was nach dieser unerwar- teten Würdigung in uns vorging. Wir brannten förmlich vor Ehrgeiz. Wenn wir in aller Unschuld den dritten Platz belegt hatten, sagten wir uns, müßte es doch bei bewußter Teilnah- me am Balkonwettbewerb auch möglich sein, auf den zweiten oder sogar auf den ersten Rang vorzustoßen. Womöglich wink- te dem Sieger eine Kuba-Reise. Unsere ganze Liebe galt fort- an dem Balkon, der bald einem Blumenmeer glich. Selbst in der kalten Jahreszeit, als die Balkone der Nachbarn zusehends verödeten, stand unser Balkon in voller Blüte. Rosen, Tulpen, Gerbera, Astern und Studentenblumen, um nur die wichtigsten Gewächse zu nennen, gediehen trotz teilweise klirrenden Fro- stes prächtig auf unserem Balkon. Als die verdiente Anerkennung dafür ausblieb, glaubten wir, der

Alles zum Wohle des Volkes

-

29

WBA habe uns die kleine Schummelei mit den Sebnitzer Kunst- blumen vielleicht übelgenommen. Trotzdem gaben wir nicht auf. Unverdrossen kämpften wir weiter um den schönsten Bal- kon. Wrr pflanzten echte Schneeglöckchen und Krokusse in Massen an, doch nichts geschah. Nicht einmal auf der Lokal- seite berichtete die Presse über unsere lobenswerten Aktivitä- ten. Entweder - so mutmaßten wir - hatte sich der WBA die großartige Idee mit dem Balkonwettbewerb von einigen Ewig- gestrigen ausreden lassen, oder der Balkonwettbewerb war, wie zuvor manch anderer Wettbewerb, einfach eingeschlafen. Eines schönen Tages, ich ging gerade mit meinem Hund Gassi, entdeckte ich jedoch ein echtes Lebenszeichen unseres geliebten Balkonwettbewerbs. Das heißt, eigentlich entdeckte es Roy, mein vierbeiniger Freund. Ein echter Spür- hund. Er hob sein Bein an einem glasverkleideten Schaukasten, der mir bis dahin nie aufgefallen war, aber offenbar schon eine ganze Weile in unserer Straße stand. Das Papier darin war ziemlich vergilbt, die Schrift jedoch noch gut zu lesen. Der Schaukasten enthielt die öffentliehe Auswertung unseres Balkonwettbewerbs. Etwa 60 Leute waren aus dem Wettbewerb als Sieger hervorgegangen. Wir befanden uns, wie ich verbittert feststellte, leider nicht darun- ter. Hauptsache, der Balkonwettbewerb lebt, tröstete ich mich. Und nicht nur der Balkonwettbewerb lebte. Beim näheren Hin- sehen entdeckte ich, daß der WBA noch eine Reihe weiterer Wettbewerbe öffentlich ausgewertet hatte. Die Schautafeln ent- hielten die Namen der Sieger in den Wettbewerben »Schönster Hof«, »Schönste Haustür« und »Schönster Vorgarten«. In diesen Disziplinen waren allerdings nicht mehr als jeweils zwanzig Sieger aufgeführt. Sicherheitshalber las ich mir auch diese Listen aufmerksam durch. Es hätte ja sein können, daß ich zufällig mal beim Hoffegen, beim Haustürstreichen oder beim Gartenumgraben beobachtet worden war. Mein Verdacht, daß der Schaukasten nicht den aktuellsten Stand des Wettbewerbs im Wohngebiet widerspiegelte, bestand

I

))Mein Vater hatte es schwer! Der mußte noch ins Uhrwerk gucken!«

30

Alles zum Wohle des Volkes

Warum zahlen die FDGB-Mitglieder ihre Beiträge pünktlich? Damit sie immer einer vollen Tisch haben.

zu Recht. Ohne Bürocomputer, gestand mir der WBA-Vorsitzen- de unter vier Augen, sei eine schnelle Auswertung der vielge- staltigen Wettbewerbsaktivitäten heutzutage gar nicht mehr möglich. Aber selbst dann, wenn der WBA über einen eigenen Computer verfügte, gab er seufzend zu, sei an eine Aktualisie- rung der Schautafeln vorläufig nicht zu denken. Das Durch- schnittsalter der für die Auswertung des Wettbewerbs zustän- digen Mitglieder des WBA, erfuhr ich, lag bei 76 Jahren. Doch obwohl sich die ehrwürdigen Damen und Herren bester Ge- sundheit erfreuten, weigerten sie sich eigenartigerweise strikt, einen Computerlehrgang zu absolvieren. Ich horchte auf. Das traf sich ausgezeichnet. Denn bei uns im Betrieb war die Lage genau umgekehrt. Wrr besaßen Bürocom· puter und verfügten auch über qualifiziertes Bedienungsperso- nal. In Ermangelung entsprechender Software ließ aber die Aus- lastung der Computer zu wünschen übrig. Hätten die Kollegen nicht von selbst herausgefunden, daß man mit den Computern wunderbar Schach, Mieze und Anakonda sowie Schiffeversen- ken spielen kann, ständen sie noch völlig ungenutzt herum. Was lag näher, als die brachliegende Rechnerkapazität für die Auswertung der laufenden WBA-Wettbewerbe zu nutzen. Unsere betagten Partner staunten nicht schlecht, als sie sich am Bildschirm persönlich von der Schnelligkeit überzeugen konnten, mit der unser Computer die eingegebenen Daten ver- arbeitete. Die Andeutung, daß der Computer mühelos in der Lage sei, alle halbe Stunde den neuesten Stand in den einzel- nen Wettbewerben zu errechnen, riß sie hin. Unter diesen Umständen, schlug der WBA-Vorsitzende vor, könne der Wett- bewerb noch umfassender geführt werden. Sobald entsprechen- de Kontrollergebnisse vorlägen, sollte der Computer auch die Sieger und Plazierten in den Wettbewerben »Schönste Türklin- ke«, »Schönstes Treppengeländer«und »Schönster Briefkasten« ermitteln. Aber nur die ersten achtzig Plätze in jeder Disziplin. Damit keiner die Ubersicht verlor. Obwohl der Computer tatsächlich so zügig wie angekündigt arbeitete, gab es ein neues Problem. Leider besaßen wir nicht ausreichend Papier für den Drucker, so daß den Leuten vom WBA nichts anderes übrigblieb, als die Ergebnisse per Hand vom Bildschirm abzuschreiben. Der WBA-Vorsitzende tröstete uns. »Spätestens im dritten Quartal haben die Kollegen die Ergebnisse des ersten Quartals

zu Papier gebracht«, sagte er stolz. »So schnell haben sie das noch nie geschafft!«

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Ein Westdeutscher zu Besuch in der DDR wundert sich über eine lange Menschenschlange vorm Fleischerladen. »Nun ja«, erklärt ihm eine alte Dame, »kein Paradies ohne Schlange.«

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Hast du schon gehört, Erich Honecker fährt mit dem Traktor durch Berlin. warum denn das? Er sucht seine Anhänger.

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Katja Ebste\n in Berlin. Drei Abende ga- stierte sie im Weltstadtvariete in der Friedrichstraße. Drei Abende ausverkauf- tes Haus. Drei Abende Riesenbeifall. Eine

Gratulation an eine 100jährige.

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Alles zum Wohle des-Volkes

Jochen Petersdorf

Aus dem Leben eines vorbildlichen Radiohörers

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Maßstäbe gesetzt

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Karl Wollbauer war am Abend spät zu Bett gegangen. Er hatte sich im Radio das Mitternachtskonzert der Vereinigten Men- gersgereuth-Hämmerner Teufelsgeigenorchester angehört und anschließend sofort zur Postkarte gegriffen, um der Auf- forderung des Programmsprechers nachzukommen, folgende Quizfrage zu beantworten: »Ist die Teufelsgeige ein Streich-, Zupf- oder Rupfinstrument?« Für die richtige Antwort winkten wertvol- le Preise, unter anderem eine Rolle Draht zum selbständigen Anfertigen einer original Teufelsgeige. Wollbauer hatte sich für Rupfinstrument entschieden, seine Lösung in launige Verse gekleidet und die Karte noch in derselben Nacht zum Briefkasten getragen. Erschöpft war er dann zu Bett gegangen, hatte vor- sichtshalber das Radio laufen lassen, aber schlief so fest, daß er den Beitrag von Prof. Schlummer-Rolle verpaßte, der um 1.30 Uhr die Hörer aufforderte, doch mal zu schreiben, ob der Schlaf vor Mitternacht wirklich der gesündeste sei. Zum Glück wurde er munter, als der kregle Moderator der beliebten Frühsendung »Auf- gewacht und mitgedacht« um 6.10 krähte:

»In wenigen Sekunden, liebe Hörer, ist es genau 6.09 Uhr. Wenn Ihnen diese Uhrzeit gefällt, dann schreiben Sie uns doch mal!« Logisch, daß Wollbauer sofort zu Kugelschreiber und Postkar- te griff, die Zeitdurchsage im Prinzip begrüßte, aufs Frühstück verzichtend in seinen Trabant kroch und zum Hauptbahnhof fuhr, um seine Karte dem Richtungsbriefkasten und somit dem Weg des geringsten Postwiderstands anzuvertrauen. Vor dem Hauptbahnhof begegnete Wollbauer dem braven Schü- ler Ottokar, der sich auf dem Weg zum UTP mittels Kofferheu- le den Pionierweckruf anhörte, der mit der Frage an die Hörer

Alles zum Wohle des Volkes

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>>• • • auf die wir uns bei unserer Arbeit stüt z en! <<

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Alles zum Wohle des Volkes

Hansgeorg Stengel

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Der Orang-Utan ist ein Menschenaffe. Drei Exemplare leben in Berlin. Erkennungszeichen: mustergültig straffe uneingeschränkte Tierpark-Disziplin.

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Im Menschenaffen-Standesamtregister steht eingetragen: Ulla, Jussup, Franz. Die drei sind nicht verschwägert noch Geschwister und dennoch ein Terzett der Konkordanz.

Sie gehen wie wir Menschen: kerzengrade und gelten da und dort als Produzent erfrischend köstlicher Orangeade, doch haben sie zu so was kein Talent.

Wir wissen nicht gar viel von diesen Tieren. Wir spüren nur: Sie sind zutiefst human. Sie stammen aus femöstlichen Revieren, mitnichten aber aus Afghanistan.

Aus ihren Augen blitzt nicht wilde Tücke. Sie sehen weise aus und fotogen, als schlügen sie zoologisch eine Brücke zu den Geschöpfen, die vorm Käfig stehn.

Ein Affe ist nicht ganz wie unsereiner. Er meldet sich nicht unentwegt zu Wort, trinkt weder Pilsner Urquell noch Kathreiner und treibt tagtäglich vierzehn Stunden Sport.

Man sollte sich als Mensch nicht überheben. Auch Orang-Utans haben Lebensart. Zwar: Feinschliff ist den Affen nicht gegeben, doch ihr Gemüt ist mild und butterzart.

Es ist nicht nett, die Affen zu verdießen. Sie gehn auf grobe Späße ungern ein. Drum laßt mich mit dem Afforismus schließen:

Wer Affen will, muß fröhlich sein.

Alles zum Wohle des Volkes

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Ernst Röhl

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Vor Jahren sprach mein Arbeitskollege Rohlinger auf Versamm- lungen und Beratungen aller Art gern zu Fragen der sozialisti- schen Lebensweise. Mit einem Seitenblick auf meine Person, doch ohne meinen Namen zu erwähnen, brandmarkte er den Be- sitz von Wochenendhäuschen leidenschaftlich als Datschismus, geißelte er den Erwerb von Grundstücken als kleinbürgerliche Zersiedelungsgier. Tatsächlich hatte ich von meinem Großvater eine hölzerne

Laube mit Garten

Beete mit Radieschen, Teerosen und Sup- penkraut anzulegen, aber die Wühlmaus durchkreuzte meine Pläne. »Wenn die Wühlmaus«, las ich in Brehms Tierleben, »sich einmal eingenistet hat, geht sie frei- willig nicht eher weg, bis sie alles Genieß- bare aufgefressen hat. «Ich fügte mich ins Unvermeidliche, stellte den Gartenbau be- reitwillig ein und legte mich in die Sonne. Denn Nichtstun ist immer noch besser, als mit großer Mühe nichts schaffen. Rohlinger stieg vom Sachbearbeiter zum Abteilungsleiter auf und sprach auf Ver- sammlungen nunmehr wesentlich selte- ner zu Fragen der sozialistischen Lebens- weise, stattdessen begann er auffällig oft von den Schönheiten unserer Heimat zu schwärmen, von Mutter Grün, vom Busen der Natur, von einem stillen Plätzchen, wo es sich in Ruhe nachdenken ließe über sozialistisches Arbeiten, Lernen, Leben. Als er Hauptabteilungsleiter wurde, kaufte er mir mein Häus- chen samt Garten ab. Die Laube gefiel ihm ganz gut, den Gar- ten dagegen fand er reichlich verwildert, unkultiviert. »Ein schönes Fleckchen Erde«, sagte er ironisch, »allerdings ein Schandfleckchen! « Er griff sofort zu Axt und Spaten, streckte ein paar alte, mor- sche Pflaumenbäume nieder, buddelte im Schweiße seines An- gesichts den ganzen Garten um und säte Rasen an, Zierrasen Sorte 1. Nach einem ergiebigen Landregen drängten unaufhalt- sam zarte Grashälmchen ans Licht. Ein irrer Hauch von fri-

geerbt.

_Anfangs hatte ich versucht, ein paar

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>>Wzr orientieren erst einmal darauf, daß alles in bester Ordnung ist. <<

36

Alles zum Wohle des Volkes

schem Grün! Wem der Rasen aufläuft, dem geht das Herze über. Angefeuert von den Ratschlägen seiner Frau, steckte er Tulpenzwiebeln, Krokusse, Osterglocken, Märzenbecher, Schneeglöckchen und fieberte einen langen Winter lang dem Frühjahr entgegen.

Der Schnee schmolz, doch Rohlingers Frühblüher ließen auf sich warten. Mit dem Spaten, ja mit bloßen Händen grub er nach seinen kostbaren Zwiebeln - sie waren allesamt wie aus dem Erdboden verschwunden. Nun erst nahm er eine Erschei- nung ernst, die er bislang nur wahrgenommen hatte: ein ge- heimnisvolles Muster im Rasen. Rissige Gänge zogen sich in abenteuerlichen Kurven dicht unter der Erdoberfläche hin. Hö- hepunkt dieses ominösen Schnittmusterbogens waren zwei Dutzend kleinformatiger Maulwurfskrater. »Herzlichen Glückwunsch zur Wühlmaus!« sagte ich schaden- froh. Rohlinger begann, sich mit Theorie und Praxis der Wühl- mausbekämpfung zu befassen, und

Solange Büchsenlicht herrschte, tauchte der

Feind keine einziges Mal auf aus dem Untergrund. zeichnete sich selbst als Tierfreund

ihm war gar nicht wohl dabei. Erbe-

erster Klasse. Wenn er sich fragte, wen er mehr liebe - seine Frau, seine Freundin, seinen Dackel Conny, dann belegte der Dackel ganz gewiß nicht den letzten Rang. Und nun sollte ausgerechnet er, der Goliath Rohlinger, einschreiten gegen einen unterirdischen David, gegen einen

Winzling aus dem Tierreich? Mit Sicherheit war sich die Wühl- maus gar keiner Schuld bewußt. Das Wühlen liegt ihr natür- lich im Blut, alles Vererbung, sie kann halt wühlen nur und

sonst gar nichts

Andererseits, wenn schon einer in Rohlin-

gers Scholle mmwühlte, dann doch wohl der Inhaber selbst und sonst keiner! Rohlinger stellte Fallen auf. Die Wühlmaus legte Umleitungen an. Rohlinger schickte seinen Dackel vor. Als der Schaden, den dieser anrichtete, die Wühlmausschäden überstieg, nahm sein Herrchen ihn aus dem Rennen. Rohlinger planierte die Landschaft und legte an allen Ecken und Enden des weit- verzweigten Wühlmausverkehrsnetzes das tödlich wirkende Wühlmauspräparat DELICIA aus, ein von der biologischen Zentralanstalt geprüftes und anerkanntes Mittel, ein Freßgift der Abteilung 3 nach dem Giftgesetz vom 6.9.1950. Am Abend starb sein Dackel eines qualvollen Todes. Rohlinger, von Trauer und Zorn übermannt, beschloß, die Wühl- maus als das zu bekämpfen, was sie war: der Hauptfeind des mitteleuropäischen IDeingärtners!

Alles zum Wohle des Volkes

Fortan betrat er seinen Garten nur noch bewaffnet mit seiner Luftbüchse. Doch solange Büchsenlicht herrschte, tauchte der Feind kein einziges Mal auf aus dem Untergrund. Rohlinger kaufte einen größeren Posten Wühlmausgaspatro- nen auf. Tapfer kämpfte er bis zur letzten Patrone. Die Wühl- maus aber baute ihr Gangsystem unverdrossen immer weiter aus. Minutenlang leitete er Autoqualm in die Gänge. Die Wir- kung war nicht gering. Und zwar an seinem Auto. Rohlinger, von seinen Mißerfolgen berauscht, besorgte sich einen Kanister Diesel. Flächendeckend verdieselte er alle Wühlmausgänge. In die Löcher stopfte er dieselgetränktes Zei- tungspapier und zündete es an. Dazu drohte er dem Feinde sie- gesbewußt mit der Faust. Leider stand der Wind nicht günstig. So wurde seine Laube ein Raub der Flammen. Mit diesem Brandopfer begann sein sozialer Abstieg. Seine Freundin, die er zugunsten der Wühlmaus stark vernach- lässigt hatte, wandte sich von ihm ab. Seine Frau reichte die Scheidung ein. Der Betriebsdirektor, der in das Geheimnis von Rohlingers »Dienstfahrten« eingeweiht war, ernannte ihn wut- schnaubend zum wissenschaftlichen Mitarbeiter. Rohlinger ver- suchte es ein paar Tage lang mit Arbeitsdisziplin, aber immer und immer wieder schweiften seine Gedanken aus dem Büro ins Freie. Schließlich glückte es ihm, in einer ländlichen Schlos- serei zehn Kilo Karbid aufzutreiben. Damit verminte er eines Sonntags das sich immer weiter ausbreitende Gangsystem - und sprengte den halben Garten in die Luft. Nun ist er krank- geschrieben, und sein rechter Arm ist wegen Verbrennungen dritten Grades bis zum Ellbogen hinauf bandagiert. Gestern traf ich ihn. Er wolle das Grundstück abstoßen, sagte er. Ruhe und Erholung habe er dort zu finden gehofft, sich statt dessen aber intensiv der Kleinwildjagd widmen müssen. Dies allerdings mit durchschlagendem Erfolg. Die Wühlmaus sei ausgeräuchert, besiegt! Ich hatte meine Zweifel, hütete mich aber, sie Rohlinger, einem geschlagenen Mann, kalt und herzlos mitzuteilen. Ich mußte an Brehm denken und an den Umstand, daß die Wühlmaus auf Rohlingers Grund und Boden alles Genießbare ratzekahl ver- tilgt hatte. Sie hatte sich in einen nahrhafteren Grund zurück- gezogen, davon war ich fest überzeugt. Der Mensch kann es erfolgreich mit Bären, Wölfen und Löwen aufnehmen, die Wühlmaus aber, die Wühlmaus ist für ihn eine Nummer zu groß. ·

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Anfrage·an den ··Sender Jerewan:

Stimmt es, daß es ·

.im }\oJl1munismus

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kein·Geld mehr · geben wird? Antwort: Im Prin- zip ja. Denn es

wird schon im So- zialismus>alles aus„

.gegeben sein

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Alles zum Wohle des Volkes

Johannes Conrad

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Beinahe gut gelaunt brauste der Schnellzug Dresden-Berlin durch den Sonntagnachmittag, durch Sonne und Regenschau- er, an nassen Wäldern und eingeweichten Feldern vorbei, durch Patsch und Quietsch und Krähenknarren, die Schranken ver- beugten sich, die Wagen wiegten sich wie dicke Frauen in den Hüften, die hellgrünen Bäume salutierten, die Kiebitze saßen

kopfschüttelnd auf den Eiern, der Zug steppte und tanzte und wackelte, die Bierflaschen in den Abteilen zitterten, und die Lo- komotive - huhuhu! - gab gerade Laut, als Frau Seidel ihrem Mann ins Ohr sagte, daß der Magere, neben dem Janine sitze, ein feiner Mensch sei, sie habe es gleich gesagt! Uwe Seidel, der sich seit Antritt der Fahrt in seinem Notizbuch auszurechnen versuchte, was er zu bezah-

Sogar Schweinen ziehen sie manchmal

len hätte, wenn er das Auto nun doch in die

farbige Fräcke an und lassen sie kopfstehen . Werkstatt brächte und nicht wieder von

Karl Prutzke, diesem Pfuscher, reparieren ließe, sah seine Frau zerstreut an und seufzte. Dann ließ er den Blick zu Janine wandern, die klein und dick neben dem Mage- ren saß und gerade die dritte Leberwurststulle verdrückte. »Warum gewinnen immer die anderen im Lotto?« dachte er, und das ganze Abteil roch nach Leberwurst. »Leberwurst ist wie Heimweh!« dachte Uwe Seidel. »Feine Milchkühe!« sagte er zu dem Mageren, der einer einsamen Kuhherde zunickte. Der Magere lächelte traurig. »Wenn sie nicht geschlachtet wür- den«, entgegnete er, »möchte man manchmal so ein Tier sein, Kollege! Das bißchen Geziepe an den Zitzen beim Melken kann schließlich so weh nicht tun. Ansonsten grast das doch dau- ernd in der frischen Natur, ohne Kummer, ohne Sorgen, unser- einer aber muß zur Beerdigung seiner Kusine! Kühe haben keine Kusinen! «Der Magere nahm die Brille ab und putzte sie schniefend. »Außerdem leide ich unter Schlafstörungen«, ge- stand er Uwe Seidel. »Wegen der Kaffeemaschine, die ich mir gekauft habe. Weil sie so laut quackert! Sie röchelt wie leben- dig, verstehen Sie? Manchmal denke ich, sie kriegt keine Luft. Man atmet dann unwillkürlich in diesem angstvollen Rhythmus mit. Und immer bei den Nachrichten! Das kommt mir schon langsam seltsam vor. Zudem haut's mit der Tülle am Glaskrug

Alles zum Wohle des Volkes

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nicht hin, mit der Gießschnauze! Der Kaffee läuft beim Aus- schenken daneben, macht Pfützen! Es ist ja so tröstlich, hier mal ohne diese Maschine unter Kindern sitzen zu können, ver- stehen Sie das?« Uwe Seidel nickte verwirrt und dachte an sein Auto. »Wenn man die Filtertüte einlegen will, Kollege«, fuhr der Ma- gere mit erhobener Stimme fort, »muß man den Filter zwischen die Zähne nehmen, stellen Sie sich das mal vor! Weil er um- kippt, wenn er stehen soll! Ich wollte schon das Kaffeetrinken aufgeben deswegen, man ist doch kein abgerichteter Hund!« Erregt strich der Magere der leberwurststullenessenden Ja- nine Seidel übers Haar und preßte durch die Zähne: »Ich darf als Zahntechniker auch keine Prothesen aus Ventilgummi lie- fern! Kein Wunder, daß man die Kühe zu beneiden beginnt! « »Muhkuh macht Aa!« erwiderte Janine Seidel kauend. »Aber nicht mit vollem Mund, Kind!« fuhr Frau Seidel dazwi- schen und berichtete dem Mageren mit mütterlichem Lächeln:

»Wir waren nämlich übers Wochenende bei meinen Schwieger- eltern auf der LPG, da hat sie's gesehen!« - »Ist ja auch beein- druckend!« erwiderte der Magere, und Janine Seidel rief weinerlich »Muhkuh macht Aa! «, worauf Frau Seidel einen roten Kopf bekam und »Jetzt nicht, nur bei Omi!« schrie.

»Aber, junge Frau! «rief der Magere. »Was soll ich da erst sagen mit meiner Kaffeemaschine? Das kleine Ruschel weint ja fast. Wo's doch so artig sein Bemmel mit Leberwurst ißt!« »Hausschlachtne von meinen Eltern!« warf Uwe Seidel ein. »Als hätt ich's gerochen!« rief der Magere. »Und so ein nied- liches Pullöverchen hat das Mädel an! Ein richtiger kleiner Wollknaul biste, was?« - »Muhkuh macht Aa!« schrie der klei- ne Wollknaul wütend, worauf der irritierte Magere seine lange Nase schnaubte und sich mit der Frage »Haben Sie auch eine Kaffeemaschine?« an Frau Seidel wandte.

»Eigentlich nicht direkt

!«antwortete

Frau Seidel vorsichtig.

Honecker hat dar- auf bestanden, daß Margot alle Grün- pflanzen aus der Wohnung in Wand- litz räumt. Er kann das Wort Gießen nicht mehr hören.

»Ohne Kaffee bin ich kein Mensch!« erklärte der Magere und faltete sein Taschentuch entsetzlich ordentlich zusammen. »Wenn ich vor der Arbeit nicht meine zwei, drei Tassen habe, kann ich gleich einpacken! Aber wenn die Maschine wie der Sterbende Schwan röchelt, pack ich schon vorher ein!« Der Ma- gere schüttelte sich wie einer, der etwas Saures getrunken hat. »Das kann doch nicht der Sinn der Heimelektronik sein!« rief er. »Aber in der Sparkasse Computer! Soll ich mir vielleicht den Kaffee im Sparkassencomputer aufbrühen, meine Dame?« »Bald blühn die Primeln!« erwiderte Frau Seidel ausweichend

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A 11 es

zum Wo h 1e des Vo 1k es

und wandte sich mit der zärtlichen Frage »Willste auch ein Le- berwurstbemmel?« an ihren Mann. Uwe Seidel, der sich gera- de dazu entschlossen hatte, das Auto nun doch nicht in die teure Werkstatt zu bringen, sondern die Sache anders anzupak- ken - keinesfalls aber mit Karl Prutzke! - blickte seine Frau verständnislos an. Verwirrt öffnete er den Mund, da schrie Sei- dels Sohn, ein Fünfjähriger mit großen Ohren und einem schlau aussehenden Campingbeutel auf dem Rücken: »Rehe! Lauter wilde Rehe, die Gras fressen!« Freundschaftlich stieß der Magere den Jungen an und sagte:

»Rehe fressen das Gras nicht, Kleiner, sie äsen!« »Aber ich habe das doch gesehen, wie die Rehe das Gras fres- sen, Onkel!« rief der junge Seidel. »In gewissem Sinne stimmt das schon, mein Kerlchen«, erwi- derte der Magere und blickte amüsiert reihum, »rein optisch ge- sehen, fressen die Rehe das Gras, doch bei den Rehen sagt man nun mal eben, daß sie äsen - Wild äst, mein Junge!« Erstaunt setzte sich der junge Seidel hin. »Äsen Menschen auch, wenn sie Gras fressen?« fragte er. Der Magere lächelte gerührt: »Menschen essen Kopfsalat, Klei- ner, sie haben kein Organ für Gras, aber Rehe haben es!« »Wissen Sie auch, ob Rehe manchmal Schürzen umhaben?« fragte der junge Seidel. »Ich müßte eine umhaben wegen meiner Kaffeemaschine, Junge!« rief der Magere und wandte sich an Frau Seidel: »Ich finde es albern, wenn man Rehe in Schürzen auftreten läßt! Oder Affen mit Zuckertüten! Sogar Schweinen ziehen sie manchmal farbige Fräcke an und lassen sie kopfstehen!« Lie- bevoll blickte der Magere dem jungen Seidel in die Augen und sagte: »Rehe tragen keine Schürzen, Junge.« »Aber wenn wer kommt«, gab der junge Seidel zu bedenken, »und macht den Rehen Schürzen um?« »Wozu denn?« fragte der Magere. »Na, damit sich die Rehe nicht bekleckern, du Blöder!« antwor- tete der junge Seidel, worauf seine Mutter mit hoher Stimme »Aber, Mirko!« rief und der Magere gar nichts mehr sagte. Er sah den jungen Seidel nur an. Feindselig erwiderte der junge Seidel den Blick des Mageren. Etwas später begann er sogar zu singen. »Die kleinen, wilden Rehe fressen Gras und haben Schürzen um«, sang er. Danach sang er etwas lauter: »Auch die kleinen Zuckertüten fressen Gras und haben Schürzen um!« - »Die wilden Schweine auch!« fügte er böse hinzu, um hierauf aus voller Kehle zu singen: »Auch die Eisenbahnen haben

Alles zum Wohle des Volkes

Schürzen um und fressen Gras!« Der Magere nickte bitter. So, als wüßte er das alles schon von seiner Kaffeemaschine. »Ein übermütiges Fohlen!« erklärte ihm Frau Seidel. »Er läßt sich ja nicht mal den ollen Campingbeutel abnehmen! Sag doch auch mal was, Uwe!« rief sie ihrem Mann zu, doch der stellte sich gerade vor, wie ein engelartiger Mensch im Monteuranzug das Seidelsche Auto reparierte - und schwieg. »Auch Regenwürmer haben Schürzen um«, sang der junge Sei- del und machte alle ihm bekannten Tiere, aber auch Schnür- senkel und Zahnbürsten zu grasfressenden Schürzenträgern. Kurz vor Ende der Reise er-

hob sich der Magere, ergriff

O

eine schwarze Aktentasche und einen schlauchförmigen schwarzen Mantel und fragte den noch immer singenden Jungen: »Wann gehst du zur Schule, du übermütiges Foh- len?« - »In einem Jahr, dann esse ich Gras und habe eine kleine Mirkoschürze um«, sang der junge Seidel, der nicht mehr aus dem Singen herauskam. »Na, da bist du ja schon recht schlau für dein Alter!« stellte der Magere fest. Und dann sagte er noch mit respektvollem Nik- ken zu Frau Seidel: »Schöne große Ohren hat er!« Hierauf ver- ließ der Magere traurig das Abteil. »Ach du meine Güte, das war aber ein aufgeblasener Hund!« rief Frau Seidel und setzte erschüttert hinzu: »Wo mein Vater Orchestermusiker ist! Wenn dem Herrn unsere Ohren nicht passen, muß er sich eben seine geliebten Kuheuter angucken! « »Muhkuh macht Aa!« gähnte die erwachende Janine Seidel. »Nein, in der Eisenbahn nicht!« rief Frau Seidel und zog ihren Anorak über. »Große Ohren!« schimpfte sie. »Wo Mirko schon mit dem Taschenrechner rechnen kann! Und nur, weil der Kerl unzufrieden mit seiner Kaffeemaschine ist! Da soll er sich doch keine Neuentwicklung kaufen, er ist doch kein Testpilot! Hät- ten wir uns lieber in das Abteil mit der feinen, alten Dame gesetzt und nicht zu diesem Jammerlappen!« »Er fuhr zur Beerdigung, Uschi!« warf Uwe Seidel ein. »Na, und?« entgegnete Frau Seidel wütend. »Laß bloß mal end-

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Alles zum Wohle des Volkes

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19 B~ in Amerika? WodKa Gorba-

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1981. in der Sowjet-

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Re (a}genwasser.

Das liät der Miile- ,

ralsekretär so an-

geortlnet.

lieh unser Auto richtig reparieren, daß es nicht immer kaputt ist, wenn man gedemütigt wird! « »Prost, Mahlzeit!« dachte Uwe Seidel, der sich gerade dazu durchgerungen hatte, das Auto nun doch wieder von Karl Prutz- ke reparieren zu lassen. »Warum gewinnen bloß immer die an- deren im Lotto?« dachte er und ergriff die schweren Taschen mit der Hausmacherwurst in Gläsern, denn soeben röhrte ein Lautsprecherbaß: »Berlin-Lichtenberg, alles aussteigen, der Zug endet hier! « Der junge Seidel sang gerade stockheiser:

»Die kleinen, wilden Kaffeemaschinen fressen Gras und haben kleine Kaffeemaschinenschürzen um!« - »Komm du mir nur nach Hause!« sagte Frau Seidel und warf ihrem großohrigen Sohn einen furchtbaren Blick zu.

Der Maxe baut ein feines Haus, denn Maxe ist nicht faule, und eine Wiese ist am Haus mit einem Schwimming-Paule.

Der Robert baut ein feines Haus, damit schockiert er Maxen - weil auf dem Dach von Roberts Haus Bananenbäume wachsen.

Der Emil baut ein feines Haus aus Klinkern und aus Klunkern, die Maxens und die Roberts Haus beblinkern und beblunkern.

Da baut der Franz ein schönes Haus aus Marmor, Stein und Eisen und sagt, er kann mit diesem Haus auf alle andern spucken.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann bauen sie noch heute und wundern sich: Wie dußlig sind doch ganz normale Leute.

Jochen Petersdorf

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Heli Busse

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Ich hatte mir diesen Haushaltstag wahrhaftig nicht genommen, um über meine 14jährige Tochter nachzudenken, aber ihr Deutschlehrer wollte es so. In der Kaufhalle trat er mir aus einem Hinterhalt plötzlich in den Weg und sagte, er möchte mich vorwarnen, daß meine Tochter mit einer satten 5 nach Hause komme, weil sie und zwei andere Früchtchen in der Deutscharbeit Wort für Wort mit sämtlichen Fehlern von- einander abgeschrieben hätten. Er wisse nicht, wer von wem, aber das sei ihm auch egal, da alle drei gleich ver- logen seien. Ich mag das nicht, wenn mich Leute so unvermittelt mit ihren beruflichen Problemen überfallen, und darum ant- wortete ich kurz angebunden, ich könne nicht beurteilen, ob meine Tochter genauso verlogen wäre wie die beiden anderen, weil ich die nicht kennen würde, aber ich ver- ließe mich da ganz auf ihn als den Fachmann in solchen Fragen. Naja, man kennt das doch aus der eigenen Schul- zeit: Es ist sinnlos, mit einem Lehrer zu diskutieren, man zieht immer den kürzeren. Kaum hatte ich mich von dem Lehrer befreit, stieß ich auf Herrn Hohnberg und Frau Tittelbach, deren Kinder in der- selben Klasse sind wie meine Tochter. Herr Hohnberg er- zählte Frau Tittelbach gerade von seinem neuen Hi-fi-Ste- reo-Kompakt-Set, und wie er und sein Sohn Thor-Alf und seine Frau abends immer Bach oder Mozart hörten, ohne die sie schon gar nicht mehr einschlafen könnten. Herrn Hohnbergs Sohn habe über 200 Kassetten mit klassischer Musik, und darunter solche Kostbarkeiten wie die ganz selten gespielte 11. Sinfonie in A-Dur für Streicher und Posaune von Tintoretto. Herr Hohnberg wandte sich an mich und lud mich ein, mit Mann und Tochter zu ihm zu kommen, um die Sinfonie zu hören. Hierauf erzählte Frau Tittelbach, ihre Familie könne erst nach hundert Seiten guter Literatur einschlafen, und ihre Tochter Made-Lene habe schon über 300 Bücher der Welt- literatur gelesen und verschlinge selbst solche schwer verständlichen Werke wie fünfhundert Jahre Einsamkeit in einer Nacht. Frau Tittelbach wandte sich an mich und sagte, sie leihe mir das Buch gerne für meine Tochter.

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Nun berichtete Herr Hohnberg von seinem Sohn, bei dem man wegen seiner vielseitigen, überdurchschnittlichen Begabung noch nicht recht sagen könne, ob er mal ein bekannter Lei- stungssportler, Mathematiker, Geigenvirtuose oder ganz etwas anderes werden würde. »Genau wie bei meiner Tochter!« rief Frau Tittelbach aufge- bracht dazwischen. »Ja«, sagte Herr Hohnberg und fuhr fort, daß ein Bekannter sei- nen Sohn letztens Wunderkind genannt habe, was er jedoch für unwissenschaftlich halte, da es sich um eine natürliche, wenn auch hohe, sehr hohe vererbte Intelligenz handele, die allerdings ans Wunderbare grenze. Frau Tittelbach nickte und meinte, auch ihre Tochter gelte allgemein als Wunderkind, weil sie schon im Kindergar- ten lesen, schreiben und rechnen konnte, während sie sich jetzt mehr mit Philosophie und Computer-Basics be- fasse, so daß sie nicht sehr gerne zur Schule gehe, weil das da so langweilig für sie sei. Hier lachte Herr Hohnberg schmerzlich auf und sagte, in der Tat, wenn es etwas gäbe, was den Fähigkeiten sol- cher Kinder am wenigsten gerecht würde, dann wäre das die Schule. Und voller Bitterkeit fügte er hinzu, daß über- durchschnittlich intelligente Kinder bei den Lehrern höchst unbeliebt seien, aber nicht erst seit heute, denn unter dieser Abneigung der Lehrer gegen Wunderkinder habe auch er schon in der Schulzeit gelitten, und Frau Tit- telbach war es nicht anders ergangen. So kam es, daß ich auf dem Heimweg nicht über die noch zu erledigenden Hausarbeiten nachdachte, sondern über meine Tochter und darüber, ob ich nicht ein ernstes Wort mit ihr reden müßte, und das wurde mir zur Gewißheit, als ich schon an der Wohnungstür das bekannte Wumm- wumm-wumm und irres Gedudel hörte. Ich ließ die Taschen mit dem Einkauf fallen, stürzte in das Zimmer meiner Tochter, drehte das Radio aus und schrie:

»Geht nichts anderes mehr rein in dein Gehirn als diese Dampframmenschläge und das Eunuchenheulen? Grad hat mir Herr Hohnberg von seinem Sohn erzählt, an dem du dir mal ein Beispiel nehmen solltest!« »An dem Beknackten, eh?« sagte meine Tochter. »Oder lies mal wie Made-Lene Tittelbach ein gutes Buch!« »Die is ja noch beknackter, eh!« sagte meine Tochter. Ich wollte mich gerade auf sie stürzen, als mein Mann

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nach Hause kam, und ich nahm ihn beiseite und fragte ihn, wie er es sich erkläre, daß die Tochter einer intelligenten Mutter und eines auch nicht gerade auf den Kopf gefallenen Vaters nicht überdurchschnittlich intelligent sei wie Kinder anderer Leute, sondern in Deutsch eine Fünf kriege, obwohl zu Hause nichts wie Deutsch geredet werde. »Es liegt an unserer Desoxyrlbonukleinsäure«, sagte mein Mann. »Ich hab das grad in der Zeitung gelesen. Es ist ganz einfach. Irgendwas in der Säure geht kaputt, und die ganze Erbinformation ist zum Teufel. Das passiert in den besten Familien, und man braucht sich deswegen keine Vorwür- fe zu machen. « Ich sagte, ich mache ihm ja keine Vorwürfe, aberwir soll- ten unserer Tochter wenigstens das Radio wegnehmen, weil ich mir gut vorstellen könne, daß diese Musik, die wie ein spitzer Pfahl ins Gehirn gerammt werde, dort eines Tages noch Wichtigeres als bloß die Erbinforma- tion kaputtmache. Ich erzählte ihm, daß andere Kinder »Fünfhundert Jahre Einsamkeit« lesen und Sinfonien hören, weswegen sie mal irgendwas Berühmtes werden würden, und ich forderte meinen Mann auf, mitzukommen zu Herm Hohnberg, um die 11. Sinfonie in A-Dur von Tin- toretto vom Band zu hören. Mein Mann sagte, er habe die Erfahrung gemacht, daß sich Sinfonien in A-Dur sauer auf seine Ribonukleinsäu- re legten, und ich solle allein mit meiner Tochter gehen. Das machten wir, aber erst wollte ich mir bei Frau Tittel- bach das Buch ausleihen. Wir waren jedoch kaum aus dem Haus, da tauchte schon wieder dieser Deutschlehrer auf, und er machte sich an meine Tochter heran und fragte: »Na, was haben deine Eltern zu der Fünf gesagt?« »Nischt, eh!« sagte meine Tochter. »Hören Sie«, mischte ich mich da in das Gespräch ein. »Sie sollten die beiden Wunderkinder in Ihrer Klasse nicht zum Maßstab für alle machen. Für ein Kind mit kaputter Desoxyribonukleinsäure kommen dann logischerweise nur noch Fünfen heraus.« »Für wer bei was?« stotterte dieser Deutschlehrer, daß meine Tochter mitfühlend die Augen verdrehte. »Ich rede von Ihren Wunderkindern Hohnberg und Tittel-

bach«, klärte ich ihn auf. »Und von meiner bedauernswer- ten Tochter.«

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»Wunderkinder?« schnaufte der Lehrer und ging mit dem Rük- ken an die Hauswand. »Hohnberg und Tittelbach!« half ich ihm beim Denken, aber er brachte bloß noch krächzend heraus, daß Hohnberg und Tit- telbach die anderen beiden verlogenen Früchtchen seien, die er mit einer satten 5 bedacht habe. »Das ist sehr aufschlußreich für mich«, sagte ich. »Ich hab schon davon gehört, daß überdurchschnittlich begabte Kinder nicht sehr beliebt bei den Lehrern sind. Bei Ihnen werden sie gleich kollektiv mit einer Fünf abgestraft. Fein!« Ich nahm meine Tochter und ging. Er blieb an der Hauswand ste- hen wie festgeklebt und blickte uns hinterher. Ich fing langsam an, meine Tochter mit anderen Augen zu sehen. Das Haus, in dem Frau Tittelbach wohnte, war ganz er- füllt von dem bekannten Gewumme und Eunuchengeheul. Wir stiegen die drei Treppen hoch, und der Lärm wurde immer lauter, und ich wollte gerade den Finger auf die Türklingel legen, da hörte ich Frau Tittelbach in der Woh- nung kreischen: »Mach das Radio leiser, hab ich gesagt, Ich hab gesagt, mach das Radio leiser, Ma-de-Le-ne!« Aber das hörte die bei dem Krach natürlich nicht, und wir waren schon wieder auf der Straße, als man Frau Tittel- bach trotzdem noch schreien hörte: »Mach das Radio lei-

ser, hab ich gesagt, ich hab gesagt »Na siehste!« sagte meine Tochter. Bei Herrn Hohnberg im Hause herrschte eine ruhige, ge- pflegte Atmosphäre, daß ich richtig aufatmete. Was immer das auch für eine Sinfonie sein mochte, die Herr Hohnberg uns zu Gehör bringen wollte - schlimmer als das, was man sonst so hörte, konnte es auf keinen Fall sem. Herr Hohnberg gab uns die besten Plätze zum Stereohö- ren, und seine Frau und sein Sohn Thor-Alf ließen sich hinter uns nieder, während Herr Hohnberg die Kassette einlegte und uns noch einmal die Seltenheit dieser 11. Sinfonie in A-Dur von Tintoretto erläuterte, die nur zwei- mal gespielt worden war, nämlich einmal 1887 in New York und vor kurzem in Warschau, wovon Herr Hohnberg die Aufnahme hatte, um die ihn Millionen Musikfreunde in aller Welt beneideten, weil die Sinfonie nach seiner Hochrechnung erst wieder im Jahre 2087 irgendwo ge- spielt werde, aber vielleicht auch überhaupt nie wieder. Hierauf ließ Herr Hohnberg das Band anlaufen und setz-

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te sich mit einem erwartungsvollen Lächeln zu uns. Eine ganze Weile hörte man nichts, und Herr Hohnberg wurde schon un- ruhig, als plötzlich ein irrer Schrei die Stille zerriß, und danach setzte mit ungeheurer Wucht Dampframmengewummere und Eunuchengeheul ein. »Det is die Gruppe Fortschenmix, eh!« sagte meine Tochter er- freut. Herr Hohnberg aber stieg von seinem Stuhl senkrecht hoch wie ein Geist, und mit einem Arm, der mir gut zwei Meter lang zu sein schien, griff er zwischen uns hindurch nach sei- nem Sohn, und während er ihn in den Korridor hinaus- schleifte, brach er in den prophetischen Ruf aus: »Das war die letzte Kassette, die du mit deinem Kleinkinder- gebrüll versaut hast!« Und nun hätte man nicht mehr sagen können, ob das gräßliche Geschrei von der Gruppe Fortschenmix oder von Thor-Alf kam. »Na siehste!«sagte meine Tochter, als wir endlich im Trep- penhaus standen, wo sich ein Mann schwer atmend und vor sich hinbrabbelnd am Geländer zu uns emporzog. Als er unser ansichtig wurde, schrie er auf, stürzte, wie von Furien gejagt, die Treppen hinunter und aus dem Haus. »Mein Deutschlehrer, eh!« sagte meine Tochter erstaunt. Ich legte den Arm um sie und sagte mitleidig: »Gewöhn dich dran, daß dich die Lehrer nicht leiden mögen und daß es Fünfen hagelt, mein armes Wunderkind! Auch deine Mutter mußte dies durchmachen.«

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Ottokar Domma

Eines Tages sagte unsere Russischlehrerin, Frau Katharina Pitthuhn, daß sie sich zum Tag der Befreiung was Schönes ausgedacht hat, nämlich ein Freundschaftstreffen mit einer sowjetischen Schulklasse. Sie kommt aus unserer Kreisstadt, und es sind die Kinder von sowjetischen Soldaten und Offizie- ren, die uns zusammen mit der Volksarmee beschützen. Frau Pitthuhn hat alles mit den Freunden ausgemacht, und wir sollen jetzt überlegen, wie wir sie empfangen und unterhalten. Wir waren gleich freudig aufgeregt und sagten der Frau Pitthuhn, wie wir uns das Treffen denken. Das Beste dachte sich mein Freund Harald aus, indem er vorschlug:

Man kann ja mit den sowjetischen Freunden einen Wett- bewerb ausrufen, zum Beispiel im Gedichtaufsagen und Theaterspielen - und die Mädchen im Singen und Tanzen, damit sie auch was zu tun haben. Frau Pitthuhn rief, das ist eine feine Sache, und sie möch- te noch mehr solche Gedanken hören. Die Wally schlug jetzt eine Handarbeitsausstellung vor, der Schweine-Sigi einen Schachkampf und Wettrechnen, die Bärbel Patzig eine Gemäldegalerie, die dicke Mia eine Sitzung mit Schlagsahne und Torte, der lange Schücht ein Fußball- spiel, und die Mädchen müssen uns anfeuern und jubeln. Der Pillenheini sagte, man kann auch einmal zeigen, wie man gebrochene Beine und Köpfe schnell verbindet; denn junge Sanitäter gibt es überall. Wer siegt, ist Sieger. Jetzt meldete ich mich und sprach, daß ich das auch alles vorschlagen wollte, und man muß unterstreichen, was meine Vorredner unterstrichen haben. Auch könnte man vielleicht einmal probieren, wie wir uns miteinander in der anderen Sprache unterhalten. Wer von uns am längsten Russisch spricht, bekommt einen Orden. Frau Pitthuhn antwortete, sie ist von mir enttäuscht, und die anderen Vorschläge waren besser. Auch wird sie alles so bespre- chen und vorbereiten. Als es soweit war und wir uns vor der Turnhalle aufge- stellt hatten, kam endlich der Omnibus mit unseren so- wjetischen Freunde.n. Sie mußten erst antreten, danach

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marschierten sie vor uns hin, indem ein sowjetischer Pionier auf Deutsch rief: »Wir grüßen unsere Freunde mit Freund- schaft.« »Freundschaft« schrien jetzt alle sowjetischen Pionie- re. Unsere Frau Pitthuhn war auf einmal mächtig aufgeregt und fragte leise, ob das von uns auch einer kann, und sie hat gar nicht an einen russischen Begrüßungssatz gedacht. Weil wir auch nicht daran gedacht haben, rief jetzt Frau Pitthuhn diesen Satz selbst auf Russisch, und wir schrien danach »Druschba«. Wir haben uns erst noch ein bißchen gegenseitig beklatscht und darauf gewartet, wer zuerst aufhört. Wrr hörten zuerst auf, und unsere Freunde waren Sieger. Dann setzten wir uns an die Kuchentafel. Neben mir saß ein Mädchen mit einem schönen gelben Zopf. Ich fragte sie auf Russisch, wie sie heißt. Sie hat meine Frage ziem- lich schnell erraten und antwortete: »Walja.« Jetzt fragte sie auf Deutsch: »In wieviel Klasse Sie gähen, bittä?«Ich sprach stolz: »Pjät klass.« Sie hat es auch ziemlich rich- tig verstanden und sagte einen langen Satz auf Russisch. Ich antwortete sehr sicher: »Nepanjemaju.« Danach frag- te ich auf Deutsch, warum Walja »Sie« zu mir sagt. Walja antwortete darauf: »Nix värstäh, bittä.« Sie war immer sehr höflich, und ich sagte, daß wir jetzt mit dem Kakao Brüderschaft trinken müssen. Als ich ausrief: »Na- strowje! «, mußte Walja mächtig lachen, und sie hatte schöne große Zähne. Nachher zählte ich zusammen, und es stellte sich heraus, daß ich schon halber Sieger war. Denn Walja sagte nur siebenmal »Nix värstäh«, wogegen ich fünfzehnmal »Nepanjemaju! « ausrief. Wie wir mit dem Kuchenessen fertig waren, ging es los. Die Lehrer wählten eine Schüri, und die sollte sagen, wer der Beste im Wettbewerb ist. Zuerst sprach unsere Tanja Schulze ein russisches Gedicht. Sie ist unsere beste Rus- sischschülerin. Die sowjetischen Pioniere und Lehrer wollten gar nicht mehr aufhören mit Klatschen. Danach sprach der sowjetische Pionier Kolja ein deutsches Ge- dicht, es hieß »Gefunden von Johann Wolfgang Goethe«. Jetzt klatschten wir wie verrückt, aber die Schüri mein- te, die Tanja ist Sieger. Das ist keine Kunst, weil Tanjas Mutter Russischlehrerin ist. Nachher sangen wir Lieder. Zuerst klatschten unsere Leh- rer bei unseren Liedern mit, später nicht mehr, sondern nur noch bei den russischen. Auch bekam der Herr Bur- schelmann Ohrensausen, wenn wir sangen, und er stopf-

Lernen, lernen, nochmals lernen

te sich die Finger hinein. Danach zeigten die Tänzer ihre Kunst. Bei den sowjetischen Pionieren tanzten die Knaben und Mäd- chen, bei uns nur noch die Mädchen, weil wir Knaben den An- blick noch mehr versaut hätten. Aber es hat trotzdem nichts genutzt. Die Lenjnpioniere siegten, weil sie schneller waren und sich schöner wiegten, besonders in den Hüften. Unsere Mädchen waren zuerst ein bißchen traurig, und der Herr Bur- schelmann sprach zu ihnen, sie sollen nicht weinen, und es war ein schöner deutscher Stampfer, den ein anderer nicht so leicht nachmachen kann. Zum Schluß rechnete unser Schweine-Sigi die Sieger zu- sammen. Wir siegten: im Gedichtaufsagen, im Fußball- spiel, in weiblichen Handarbeiten, welche eine DFD-Frau anleitet; auch im Hochsprung und im Sackhüpfen waren wir die Besten, und unser Klassenlehrer meinte, im Lärm- machen waren wir auch gut. Aber das wurde nicht mit- gerechnet. Die Leninpioniere siegten: im Schachspiel, im Singen und Tanzen, im Laufen, Tauziehen und Weit- sprung und in der Disziplin, was ebenfalls nicht mitge- rechnet wurde. Nach dem Sport hieß es, jetzt kommt das Sprachspiel, aber es läuft außer Kongruenz. Das Spiel ging so: Zwei Schüler sind die Spieler, und sie müssen sich ein Ge- spräch ausdenken und spielen, sagen wir am Postschal- ter, im Geschäft, auf dem Bahnhof, beim Arzt usw. Sie müssen dabei miteinander in der fremden Sprache spre- chen, bis ihnen nichts mehr einfällt. Und die Schüri schaut auf die Uhr, wie lange es jeder aushält. Meine Freundin Walja spielte mit ihrem Klassenfreund Aljo- scha Vater und Tochter. Der Vater fragte, was die Toch- ter den ganzen Tag gemacht hat, und Walja antwortete oder umgekehrt. Und zwar alles in Deutsch. Als sie nicht mehr weiterkonnten, sagte die Schüri, daß sie acht Mi- nuten gesprochen haben und die Besten der sowjetischen Mannschaft sind. Danach spielte ich mit meinem Freund Harald das Stück »Lehrer und Schüler«. Ich war der Lehrer und fragte den Harald: »Tschto äto?« Harald antwortete: »Äto stol.« Ich fragte wieder: »Tschto äto?« Harald antwortete: »Äto lam- pa.« Ich zeigte meinen Federhalter und fragte: »Tschto äto?«Harald sprach: »Äto penal. «Danach biß ich in eine Stulle und fragte: >>Tschto äto?« Harald rief: »Äto Buter- broat« usw. Es war sehr lustig, und die sowjetischen Leh-

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Lernen, lernen, nochmals lernen

rerinnen mußten vor Freude weinen, wogegen die Schüri nach zehn Minuten rief, wir sollen aufhören. Es war ein sehr schönes Fest, und unser Herr Direktor Keiler hielt eine Rede und rief, wir haben alle gewonnen. Wrr beglei- teten danach unsere Freunde zum Omnibus. Ich sagte »Doswi- danja, Walja«, wogegen sie sprach: »Aufwiddersähn, Oodoo- karr.« Auch hätte ich sie gern ein bißchen gedrückt, aber das ging nicht, weil die anderen dabei waren. Und man soll nicht nur eine Walja lieben, sondern alle Freunde. Druschba!

Jr~ltosleid

Ich bin Schackliehn, und ich bin Meik. Ich bin Eiriehn, und ich Clohndeik. Ich bin der Hansi, wer bist du? Ich bin Swetlana-Märriluh.

Mein Haar ist kurz, und meins ist lang. Ich bin sehr pummlig, ich bin schlank. Ich bin schön braun, und du bist bleich. Und trotzdem sind wir alle gleich.

Ich wohn in Wurzen, ich in Greiz! Ich wohn in Rostock, ich in Zeitz! Ich wohn rechts hinten bei Schwerin, und du wohnst - logisch - in Berlin.

Daß wir uns alle gut verstehn, ist gar nicht so leicht einzusehn. Die Sprachbarrieren sind sehr groß, du singst, du grunzt, du knödelst bloß.

Und doch vertragen wir uns gut, denn uns vereint die gleiche Wut. Wir klettern, wo's auch immer ist, am gleichen, blöden Stahlgerüst.

Der Kinderspielplatzeinheitsquark macht solidarisch uns und stark!

Jochen Petersdorf

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Der Lehrer fragt Fritzchen: »Wie ist die Oberflächenform der DDR?« Fritzchen: »Die DDR ist ein flaches

Land mit vielen Engpässen.<<

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doch noch ens alter Kinderwagen

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31. MAI 1987

RUND UM 0 14 BIS 19 UHR EN ALEXANDERPLATZ

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Lernen, lernen, nochmals lernen

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Thomas Reuter

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Erziehung ist nicht allein Frauensache! Das ist meine Überzeugung. Deshalb bin ich auch sofort einverstan- den, als meine Frau mir eines Abends ein klärendes Gespräch zwischen mir und meinem fünfzehnjähri- gen Sohn nahelegt. Sein Zimmer mache den Eindruck einer wilden Müllkippe. Erziehung ist kein Problem. Man muß nur wissen, was man will. Nehmen wir ein harmloses Beispiel:

Vater und Sohn haben einen Apfel, eine Banane sowie Hunger. Erzieht der Vater autoritär, futtert er die Ba- nane allein, während der Sohn sich durch den Apfel kämpfen muß. Erzieht der Vater antiautoritär, ist beim Sohn alles Banane, und er selbst muß in den sauren Apfel beißen. Bemüht sich der Vater um den kameradschaftlichen Erziehungsstil, wird er eine Schüssel holen und Obstsalat machen. Dann löffeln beide den Salat gemeinsam aus. »Mit unseren jungen Leuten kann man doch reden. Die sind verständig«, suggeriere ich mir letztmalig. Dann betrete ich nach kamerdschaftlichem Klopfen das Zimmer meiner Sohnes. Ich erkenne sogleich die Atmosphäre meiner ehemaligen Studentenbude wie- der. Ich könnte mich fast wohl fühlen, wäre da nicht der vertrackte Auftrag meiner Frau. Das Bett ist zer- wühlt, auf Tisch und Fußboden sind Schallplatten verstreut, aufgeschlagene Bücher, diverse Klamotten und einige Aktbilder, die ich in meinem Schreibtisch als sicher verwahrt vermutete. Inmitten dieser Bo- denkultur ein halbvolles Glas Tee, eine Vase mit But- terblumen und Unkraut. Über diesem Chaos breitet sich majestätisch mein Sohn, mit geschlossenen Augen rücklings auf dem Sofa liegend, aus und wippt gelangweilt mit den Füßen. Räuspernd stelle ich mich ans Fußende der Couch. »Hör mal«, eröffne ich meine pädagogisch wohldurch- dachte Ansprache. »Deine Mutter schickt mich. Wegen dieses Saustalls von Zimmer.« Er reagiert

Lernen, lernen, nochmals lernen

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nicht. »Was denkst 'n dir dabei? Gefällt dir's etwa in diesem Tohuwabohu?« Keiner seiner Muskeln zuckt. Nur die Füße wip- pen. Ich lasse mich durch seine gespielte Teilnahmslosigkeit nicht provozieren. Ich bin mir sicher: Er hört genau zu. »Wir haben dich doch zu einem ordentlichen Menschen erzogen, Mensch! Wenn du so liederlich bleibst, wird aus dir höchstens mal 'n Student. Oder stell dir vor, mein Chef kommt unangemeldet und sieht das hier. Und ich führe im Betrieb noch das große Wort wegen vorbild-

licher Ordnung

Wrr wollen uns jedenfalls deinetwe-

gen nicht schämen!« Gut geredet habe ich. Mein Sohn schnippt dreimal mit der linken Hand. »Also, wir lösen die Sache unbürokratisch. Ich mache einen Vorschlag, und du brauchst nur noch zuzustim- men: Ich kümmere mich ums Geldverdienen, Mutter hält die Wohnung sauber und du dein Zimmer. Okay!« »Baba«, erwidert er und lächelt selig. Ruhig bleiben. Zufrieden verschränkt er die Hände überm Bauch und atmet tief ein. »Was ist nun?« frage ich. »Räumst du deine Bude auf?« - »Yeah! « Er feixt herausfordernd. »Ich kann darüber nicht lachen!« ant- worte ich scharf. Einern jungen Pferd darf man die Zügel nicht zu sehr lockern. Man hat schließlich eine Menge Lebenserfahrung und kann einschätzen, was gut ist für diese Greenhorns. Wer nicht hören will, muß fühlen! »So - Schluß mit dem Debattieren. Du

bringst deine Bude auf Hochglanz, oder es passiert was!« Mein pädagogischer Zeigefinger nagelt ihn auf dem Sofa fest. »Aha«, erwidert er. »Aha - du willst nicht«, schnaufe ich. »Wrr können auch anders!!« Vier-

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zehn Jahre solide Erziehung

Nun wollen wir mal

sehen, wer das Sagen hat! Die Jugend ist unverbes- serlich. »Noch vorm Abendbrot sieht's hier auswiege- leckt!« Mein überheblicher Sohn lächelt verbindlich mit geschlossenen Augen. Jetzt reicht's! Ich hab es nicht nötig, mich von so einem Hüpfer nasführen zu lassen! »Wenn bis heute abend aus diesem Stall kein Appartement geworden ist«, schreie ich außer mir, »kannst du dein Bett woanders aufschlagen!!« Er öffnet die Augen, sieht mich überrascht an, greift in sein Lockenhaar, nimmt die Walkman-Kopfhörer von den Ohren und sagt freudig: »Klasse, Papa, daß du mich mal auf meiner Bude besuchst! «

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Lernen, lernen, nochmals ~rnen

Ottokar Domma

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»Harald, wenn du sowieso alles weißt, dann kannst du mir vielleicht auch erklären, was Glück ist.« »Das ist ganz einfach zu beantworten. Glück ist das Gegenteil von Pech.« »Aha. Also nehmen wir an, ich bekomme auch beim Herrn Kurz mal eine Eins.« »Dann hast du mehr Glück als Verstand gehabt.« »Aha. Dann steht nach deiner Meinung der Verstand im Gegensatz zum Glück?« »So kann mans auch nicht sehen. Ich denke, man kann auch mit Verstand glücklich sein. Guck dir nur mal das Fräulein Heidenröslein an. Die ist glücklich und hat Verstand.« »Woher willst du denn das so genau wissen?« »Sie ist immer fröhlich und hat nie schlechte Laune.« »Oder sie ist verliebt.« »Kann auch sein. Liebe soll ja glücklich machen.« »Na, ich weiß nicht. Mein Vater sagt: Bei zuviel Liebe ist der Verstand im Eimer.« »Kommt drauf an, welche Liebe er meint.« »Na die zwischen Mann und Frau, was sonst.« »Aber man kann doch nicht andauernd lieben, zwi- schendurch muß der Mensch ja auch arbeiten.« »Und zum Arbeiten braucht man Verstand.« »So ist es.« »Meine Oma trällert öfter ein Lied, welches heißt:

Glücklich ist, wer vergißt, was nicht zu ändern ist.« »Das ist Quatsch. Deine Oma ist alt und hat keine zehnklassige Oberschule besucht. Genau müßte sie singen: Glücklich ist, wer nicht vergißt, was alles noch zu ändern ist.« »Najanaja. Aber wenn mein Vater daran denkt, was er alles noch zu tun hat, dann sieht er eigentlich gar nicht so glücklich aus, mehr finster.« Und während wir noch ein bißchen darüber nachdach- ten, kam der Pilei Alfons angewetzt und sagte: »Ein Glück, daß ich euch hier noch treffe. Ich hab einen Auftrag für euch.« Naja, sagten wir, haben wir eben Pech gehabt.

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Fritze zu Paul: »Ich stand gestern auf

der Titelseite vom

Neuen Deutsch-

land.«

Paul: »Wirklich?«

Fritze·: »Ja, mit bei-

den Füßen.«

Ernst Röhl

Was des Volkes Hände schaffen

Triumphierend riß Bä11mel beide Arme hoch und zeigte mir die Instrumente: zwei nullsiebziger Glasmantelgeschosse. Edel! Obwohl mir die harten Sachen nicht halb so viel bedeuten wie ihm, winkte ich ihm zu. Vorfreude - schönste Freude. Feste muß man feiern, wie sie fallen. »Kollege Retisch!« tönte es blechern aus dem Hallenlautspre- cher. »Kollege Retisch! Bitte sofort - sofort!! - zum Kollegen Betriebsdirektor!« Meine Kollegen sahen prüfend zu mir herüber, doch ich war mir absolut keiner Schuld bewußt. Lässig schaltete ich meine Ma- schine ab. Am Waschbecken rubbelte ich mir gründlich die Pfoten blank; denn bei uns in der Verwaltung greifen sie zum Zeichen ihrer Volksverbundenheit verzweifelt nach jeder Ar- beiterhand, die sie zu fassen kriegen. Und Schmieröl an den Fingern, oh! Das wird einem schnell mal falsch ausgelegt, näm- lich so, als wollte man auf gewisse, sagen wir spaßeshalber Niveauunterschiede in der Arbeitsproduktivität aufmerksam machen. Die Tür zum Vorzimmer stand halb offen. Die Sekretärin wink- te mich zu sich herein. Nett von ihr, denn sie war gerade in ein Ferngespräch verwickelt. »Aber nein!« rief sie entrüstet in die Muschel. »Hier ist keiner. Keine Menschenseele. Nicht einmal ich selber. Ich bin um diese Zeit immer zu Tisch. Ich wieder- hole: Hier ist niemand. Keiner! Ehrlich gesagt, hier ist nicht mal ein Anschluß. Auf Wiederhören.« Sie lächelte mir zu, betrat das Allerheiligste, kam auf leisen Sohlen wieder heraus, schloß ganz, ganz sachte die gepolster- te Tür und sagte: »Momentchen noch.« Mein Senkfuß begann sich zu senken, mein Spreizfuß spreiz- te sich beängstigend, und mein Plattfuß drückte längst, da endlich öffnete sich die Tür. »Immer herein in die gute Stube.« Mit großer, belegschaftsnaher Geste bat mein Direktor mich in sein Kabinett. Er lockerte, um nicht allzu unsalopp dazustehen, den Schlips und öffnete den Kragenknopf seines Oberhemds. >>So sieht man sich wieder«, sagte er. »Ich kenn dich gut - hat- test du nicht früher 'ne Vollglatze?« Wortlos schüttelte ich meine zwar graue, aber immer noch üppige Mähne.

Was des Volkes Hände schaffen

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»Richtig, jetzt fällt es mir ein: Du hattest diesen gewaltigen schwarzen Rauschebart.« »Eine Zeitlang«, erklärte ich, um ihm entgegenzukommen, »hab ich mich bloß jeden zweiten Tag rasiert.« »Sag ich doch! - Deine Frau kenn ich übrigens auch.« Das nun war schlecht möglich. Er gehörte erst drei Jahre zum Betrieb, ich aber war schon seit mehr als zehn Jahren geschieden. Ich schwieg, um ihn nicht zu enttäuschen.

»Alles klar.« Von seinen Kenntnissen begeistert, legte er mir die Hand auf die Schulter. »Du bist der Schachspieler.« »Tut mir leid, ich bin der Skatspieler«, berichtigte ich. »Schade, ich hätte dich gern herausgefor- dert. Gegen unseren Koofmich anzutreten,

hat wirklich keinen Zweck

«Seine

Miene

hellte sich noch weiter auf, ein Scherz kün- digte sich an. »Der nimmt mir bloß immer die Figuren weg.« Kalau läßt grüßen, dachte ich und stimmte kollegial in sein Gelächter ein. »Aber <<, sagte er, »Spaß beiseite, jetzt wird's feierlich: Ich gratuliere dir von Herzen.« Verdutzt starrte ich ihn an, und in diesem Augenblick der Wehrlosigkeit packte er meine Rechte. »Ich möchte dir heute die Hand schütteln,

ich persönlich, bißchen Handarbeit kann auch im Büro nicht

schaden. -Ach ja

« Er seufzte. »Den lieben langen Tag Ana-

lysen, Statistik, Kennziffem, Planzahlen, aber für mich gibt's

da nur eines: hinter jeder Null den lebendigen Menschen sehen.« Noch immer tappte ich im d11nkeln, noch immer ahnte ich nicht einmal, wovon überhaupt die Rede war. Ich wußte nur soviel:

Gegen überraschende Ehrungen und Auszeichnungen ist bei uns kein Mensch gefeit, ganz besonders dann nicht, wenn er sie gar nicht verdient. »Allerdings«, fuhr mein Direktor fort, »auch wenn oder gerade weil heute dein Ehrentag ist, Kollege, kann ich deine Schwä- chen nicht unerwähnt lassen. Warum nicht? Nun, weil ich an dich glaube! Weil ich weiß, du kannst sie abstellen, wenn du nur willst, Stichwort: Alkohol am Arbeitsplatz.« »Wie, was, warum?« entfuhr es mir.

)>Die Brigade schlägt Emil vor, der hat am wenigsten Bummel- schichten!<<

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Was des Volkes Hände -schaffen

»Mit dem Neuen können wir zufrieden sein, der hat anständig was auf dem Kasten.<<

»Du weißt schon, die Sache damals vor der Konfliktkommis- sion.« - »Das«, sagte ich mit Nachdruck, »war nicht ich. Das war Bäumel! « »Richtig!« Schelmisch drohte er mir mit der geballten Faust. »Du bist ja der berühmte Schläfer, der immer in der Nacht- schicht einpennt.« »Das«, sagte ich, »ist Bäumel! « »Hör mal zu«, sagte er, »irgendeinen Fehler wirst du doch auch haben!« »Kann sein.« Ich lächelte hintergründig. »Aber den verrat ich nicht.« - »Geheimnisträger!« sagte er. Seine geballte Faust entkrampfte sich zum erhobenen Zeige- finger. Aus der Vase, die auf seinem Schreibtisch stand, griff er sich den Tul- penstrauß und überreichte ihn mir. »Also«, sagte er, »alles Gute, auch im per- sönlichen Leben! Und die Blumen, die schenkst du deiner Frau.« Ich kratzte mir verlegen den Hinterkopf. »Wie alt«, fragte er, »wirst du heute ei- gentlich?« »Ich bin vierundvierzig geworden, vor einem Vierteljahr.« Seine Stirn umwölkte sich. »Aber in eurer Brigade hat doch heute einer Geburtstag.« »Im Prinzip ja.« »Und wer, wenn nicht du?« »Bäumel«, sagte ich. »Der feiert allerdings nicht Geburtstag, sondern vierzigstes Betriebsjubiläum.« Ärgerlich schlug er mit der flachen Hand auf die polierte Schreibtischplatte. »Seit die Geburtstagsliste über den Compu- ter läuft, klappt aber auch gar nichts mehr!« Behutsam wollte ich ihm die Blumen in die Hand drücken. Er wies sie zurück: »Kommt gar nicht in Frage! Die schenkst du deiner kleinen Frau.« »Ich bin«, bekannte ich, »seit zehn Jahren glücklich geschieden.« Sichtlich erleichtert nahm er den Strauß zurück. Ich kehrte an meinen Arbeitsplatz zurück und hörte von weitem die blechern klingende Durchsage. Bäumel kam mir entgegen. »Was Schlim- mes?« fragte er. »Jein«, sagte ich, »wie man's nimmt.«

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In der Nacht wurde der Arbeiter Fritze Meyer von einem Wachmann mit ein paar Ziegelsteinen in der Aktentasche er- wischt. Auf die Frage, warum er nachts stehle, antwortete er:

»Am Tage wird man von den Kollegen wegen der paar Steine doch nur ausgelacht.«

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„In eurem Projekt ist ein Fehler!•

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bessern!"

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Was des Volkes Hände s-chaffen

Manfred Strahl

Es war keine gewöhnliche Leitungssitzung. Diesmal sollten wir uns was einfallen lassen. Deshalb war eine Ideenkonfe- renz angesetzt worden. Thema: Unser Beitrag zur Konsum- güterproduktion. Anfangs sprühten die Kollegen förmlich vor Einfällen. Kollege Zuschke schlug zum Beispiel vor, schmiedeeiserne Grills her- zustellen. In allen Größen und Ausführungen. Bis hin zum fahrbaren Gemeinschaftsgrill Marke »Grillparzer« für Kinder- ferienlager und Campingplätze. Zwar wandte Kollege Wittkegel, Zuschkes ewiger Widersacher, sofort ein, daß es im Handel schon Grills in allen Größen und Ausführungen bis hin zum fahrbaren Gemeinschaftsgrill der

Marke »Grillparzer« gebe, doch der Betriebsdirektor erstickte den aufkommenden Meinungsstreit be-

reits im Ansatz. Das sei ja gerade das Be- sondere an einer Ideenkonferenz, wies er

Inzwischen schienen die Kollegen ihr gei- stiges Pulver schon verschossen zu haben.

Wittkegel zurecht, daß jeder Kollege sei- ner blühenden Phantasie freien Lauf lassen könne und unver- blümt sagen dürfe, was ihm einfiele. Kein Vorschlag, so abwe- gig er auch sein möge, dürfe zerredet oder verworfen werden. Jedenfalls nicht von vornherein. Dann bat der Direktor um wei- tere Vorschläge. Kollege Kokoschinski, ansonsten ein außergewöhnlich zurück- haltender Mensch, fühlte sich durch den Hinweis des Direktors ermuntert, erstmalig voll aus sich herauszugehen. Er plädierte leidenschaftlich für schmiedeeiserne Flurgarderoben. Wie ihm über den betrieblichen Buschfunk zu Ohren gekommen sei, ver- fügten zahlreiche Kollegen aus der Produktion ohnehin bereits über Erfahrungen bei der Herstellung von Flurgarderoben für den trauten Bekannten- und Verwandtenkreis. Warum, so frag- te Kokoschinski nach einem euphorischen Blick in die Runde, warum sollten die Kollegen aus betrieblichem Material nicht plötzlich auch Flurgarderoben bauen können, deren Verkaufs- erlös dem Betrieb zugute käme. Kokoschinskis Vorschlag schlug wie eine Bombe ein. Spontan brandete Beifall auf. Obwohl sich jedes Leitungsmitglied natür- lich darüber im klaren war, welch heroischer Überzeugungsar- beit es noch bedurfte, um den Kollegen beizubringen, daß sie

Was des Volkes Hände schaffen

so mir nichts dir nichts plötzlich Flurgarderoben für den Be- trieb herstellen sollten. Rings im weiten Rund wartete man sehnsüchtig auf das Zei- chen zur Abstimmung, denn niemand zweifelte daran, daß Kokoschinskis Jahrhundertidee sofort einmütig abgenickt wer- den würde. Aber es kam anders. Als jedermann bereits mit einem vorzeitigen Ende der Ideenkonferenz rechnete, meldete sich Kollege Geismeier zu Wort. »Ich habe das mal kurz durchgecheckt«, sagte er übergangslos und las von einem Zettel ein paar Zahlen ab, die ich hier aus Gründen der Geheim- haltung nicht preisge- ben möchte. Nur so- viel: Kollege Geismei- er gab zu bedenken, daß uns viel zu wenig Material zur Verfü- qung stand, um eine erkleckliche Anzahl von Flurgarderoben herstellen zu können. »Der Kombinatsdirek- tor lacht sich schek- kig«, konstatierte der Werkdirektor unwil- lig, »wenn wir dem Handel nur ein paar Dutzend Flurgarderoben anbieten.« Das sah jeder ein, was folgerichtig die Frage aufwarf, ob es denn unbedingt Flurgarderoben sein mußten. Natürlich nicht! Aber damit standen wir praktisch wieder am Anfang unserer Ideenkonferenz. Inzwischen schienen die Kol- legen ihr geistiges Pulver allerdings schon verschossen zu haben. Zwar wurde anfangs noch die Produktion von Kasset- tenrecordern, Tee-Eiern, Tischtenniskellen und Bauklötzen er- wogen, wofür man nachweislich kein Gramm Schmiedeeisen benötigt, doch zu guter Letzt setzte sich die Erkenntnis durch, daß wir als Gesenkschmiede bei der Entwicklung und Produk- tion von Kassettenrecordern, Tee-Eiern, Tischtenniskellen und Bauklötzen möglicherweise ein unvertretbares Risiko einge- hen könnten. Obwohl der Direktor energisch um weitere Vorschläge bat, machte sich eine gewisse Ratlosigkeit breit. Das betretene

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>>Steh hier nicht rum, Kollege, du gefährdest den kontinuierlichen Produktionsablauf<<

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Was des Vo 1k es Hä n de sc-ha ff en

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>>Sie haben da drin mal Staub gewischt! Fein, da können wir Sie ja dazuzählen. <<

Schweigen wurde nur hin und wieder durch prinzipielle Hinwei- se einzelner Kollegen unterbrochen. »Fest steht, Kollegen«, sagte kämpferisch der Begeeller, »daß wir aus dem bißchen Material, das uns zur Verfügung steht, so- viel wie möglich machen müssen!« »Genau«, ergänzte der Hauptbuchhalter, »was wir machen, dürf- te dem Kombinat piepe sein. Hauptsache, wir liefern hohe Stückzahlen.« »Demnach«, fügte der Werkdirektor nachdenklich hinzu, »müßte es ein möglichst kleines Erzeugnis sein.« Damit trat unsere Ideenken- ferenz zweifellos in die entschei- dende Phase. Prinzipiell war nun alles gesagt, jetzt ging es um ganz konkrete Vorschläge. Folglich breitete sich Schwei- gen aus. Ich persönlich, muß ich zu mei- ner Schande gestehen, hatte trotz intensiven Nachdenkens keine Idee. Unser Leitungskol- lektiv ist zwar so groß, daß es gar nicht weiter auffällt, wenn dieser oder jener Kollege mal einen schlechten Tag erwischt hat, aber meine Einfallslosigkeit wurmte mich dennoch. Meinen Mangel an Ideen führte ich in erster Linie auf eine langanhaltende Konzentrations- schwäche zurück. Und die wiederum hing wahrscheinlich mit meiner Abneigung gegen das autogene Training zusammen. Ja- wohl, trotz geradezu hingebungsvoller Bemühungen meiner Psychotherapeutin schlug das autogene Training bei mir nicht an. Obwohl ich die Beschwörungsformeln brav auswendig ge- lernt hatte. Da sich unsere Ideenkonferenz ohnehin in einem Stadium be- fand, in dem jeder seinen eigenen schöpferischen Gedanken nachhing, kam ich auf die Idee, es mit dem autogenen Training noch einmal zu probieren. Und zwar sofort. Ich schloß, wie es sich gehört, die Augen, was meinen Kollegen entging, da ich eine dunkle Brille trug. Dann begann ich langsam, ganz lang-

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Was des Volkes Hände schaffen

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sam, die Formel lautlos vor mich hin zu flüstern. »Ich bin ganz ruhig; ganz ruhig und entspannt«, sagte ich, obwohl mein In- nerstes vor Aufregung so aufgewühlt war wie ein Vulkan beim Lavaausbruch. Aber ich gab nicht auf. Mehrmals wiederholte ich den Satz. Endlich, beim sechsten Mal, stellte ich mit Ver- wunderung fest, daß ich tatsächlich völlig ruhig und entspannt war. Nun sprach ich, wie man so sagt, meine Arme an. »Mein linker Arm ist schwer«, sagte ich. Und schon beim dritten Mal spürte ich deutlich, was die Therapeutin damals vergeblich von mir verlangt hatte: Mein Arm wurde tatsächlich schwer. Und warm. Erwartungsvoll dehnte ich das Kommando auf beide Arme aus. »Beide Arme sind ganz schwer«, behauptete ich, und tatsächlich stellte sich ein ungeheures Schweregefühl in den Armen ein. Da ringsherum noch Stille herrschte, die Kollegen also weiterhin angestrengt nachdachten, fuhr ich mit dem au- togenen Training fort. Ich sprach alle möglichen Körperteile an. Und wie durch ein Wunder verfehlten meine Kommandos dies- mal die beabsichtigte Wirkung nie. Ich war begeistert. Selbst mein stattlicher Bauch wurde noch schwerer, als er ohnehin schon war und brannte wie Feuer, nachdem ich »Mein Bauch ist strömend warm« in mich hineingeflüstert hatte. Obwohl ich erst höchstens zwei Drittel der Übungen absolviert hatte, stellte sich bereits jenes Gefühl bei mir ein, von dem meine Therapeutin seinerzeit so geschwärmt hatte. ja, zunächst war es nur ein angenehmes Gefühl. Aus dem angenehmen Gefühl entwickelte sich jedoch bald eine noch angenehmere Vision. Eine Vision, die mir meine Therapeutin offenbar ver- schwiegen hatte. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich in einem hellerleuchteten Raum sitzen. Tausend Lichter strahlten mich an. Tausend Lichter in tausend Kerzenhaltern. »Schöne Kerzenhalter«, rief ich angesichts der Pracht begeistert aus. Plötzlich vernahm ich Stimmengewirr, verstört schlug ich die Augen auf. »Kerzenhalter - das ist ein ganz ausgezeichneter Vorschlag, Kollege«, beglückwünschte mich der Werkdirektor und ließ abstimmen. Nur Kokoschinski machte gegen meinen Vorschlag Stimmung. »Kerzenhalter«, sagte er abfällig, »gibt es im Handel doch nun wirklich genug.« »Aber noch keine aus unserem Betrieb«, konterte der Werk- direktor scharf. Gestern nun habe ich unsere schmiedeeisernen Kerzenhalter zum ersten Mal in den Läden gesehen. Ein schönes Gefühl, wenn du sagen kannst: »Meine Idee!«

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Günter Mittag aUf

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Was des Volkes Hände s<:haffen

Ein Löwe ist aus · dem Tierpark aus- gerissen. Erst nach zehn Tagen wird er - wol11genährt - .·· zurückgebracht. »Wo hast du dich so fettgefressen?« fragt der Tiger. »Ach«, sagt der Löwe, »da war so ein Gebüsch vorm Haus der Plankom- mission. Da habe ich jeden Tag einen Mitarbeiter wegge- fangen, ist gar · nicht aufgefallen.« »Und warum bist du nicht dageblie- ben?« - »Ich Idiot habe die Reinema- chef~u gefressen, die immer den Kaf- fee gekocht hat.<(

Klaus Lettke

Ich bin ein ausgesprochener Schreibtischmensch, ein soge- nannter Sesselfurzer, der nicht einmal einen Nagel in die Wand kriegt. Glücklicherweise habe ich genügend Handwerker an der Hand. Und einer ist immer besser als der andere. Ich habe das beim Bau meines Wochenendhauses erfahren. Der Boß jener Gang, der mir in einer Tag-und-Nebel-Aktion das Ringfundament geschüttet hatte, versicherte mir, es sei ein großes Glück, daß ich ihn und sein Team erwischt habe. »Wrr sind 'ne dufte Truppe«, meinte er ebenso bescheiden wie offen- herzig. »Zwar bloß vier Mann, aber allet aufeinander einje-

spielt. Von wejen an der Arbeit festhalten - is nicht Festpreis

- und allet paletti! Ordentliche Arbeit, ordentlichet Jeld. «

Daß sie ordentliches Geld nahmen, davon konnte ich mich noch am selben Tag überzeugen: Tausend Mark, »bar auf die Kral- le! «, wie sich ihr Brigadier ausdrückte. Die Jungs hielten sich nicht lange bei der Vorrede auf. Es war eine Lust, ihnen bei der Arbeit zuzuschauen. Wie die Heinzel- männchen! dachte ich gerührt. Bloß nicht ganz so billig. Der Boß bediente eigenhändig den Betonmischer. »Eins zu drei, was? «fragte ich in das Mischergedröhn, um auch mal was Fachmännisches dazwischenzuwerfen. Der Brigadier, ein Fachmann durch und durch, wußte sofort, daß ich nicht irgendeinen Wechselkurs, sondern das Mi- schungsverhältnis des Betons gemeint hatte. »Ach was«, sagte er, »eins zu acht, und nach oben hin bißchen fetter. Machen Sie sich mal keen' Kopp!« fügte er hinzu, als ob er meine Bedenken erraten hätte. »Wir haben da so unsere Erfahrungswerte. Das Fundament, das wir Ihnen hinsetzen, kriegen Sie nicht kaputt! « Da ich ohnedies nicht vorhatte, mein eigenes Fundament zu zer- trümmern, war ich beruhigt. Nach knapp drei Stunden war das Werk vollbracht. »Det Ding steht wie 'ne Bombe!« sagte der Brigadier und tipp- te zum Beweis mit der Schuhspitze sacht gegen ein Schalbrett der Betoneinfassung. »Stampfbeton! Wrr haben's erdfeucht ge- macht; sobald wir weg sind, könn' Se ausschalen. « Obwohl ich sehr neugierig war, entschied ich mich, mit dem Ausschalen noch eine Woche zu warten, bis der Beton seine volle Festigkeit erlangt hatte. Danach löste ich vorsichtig ein

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Brett der Einschalung. Sofort rieselte ein Häufchen Kies auf meinen Schuh, wobei sich an der Oberfläche des Fundaments ein kleiner Trichter bildete. Damit nicht noch weitere Verhee- rungen um sich griffen, beschloß ich, die Ausschalarbeiten einem Fachmann zu überlassen. Keiner konnte dafür geeigne- ter sein als der Maurer, welcher versprochen hatte, mir dem- nächst die Wände »hochzuhauen«! Dieser machte jedoch nicht viel Federlesens und deshalb beim Ausschalen das halbe Fundament kaputt. »Können Sie mir mal verraten, worauf ich hier mauem soll?« fragte er interessiert und schubste mit dem Fuß einen Klum- pen fuuchten ~es beiselie - den

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letzten Rest der Fundament-ober-

kante. »Nee, Meister, das bringen "J , Sie erst mal in Ordnung. ehe Sie mich wieder holen!« sagte er. »Aber sehen Sie zu, daß es waagerecht wird.· Ich achte nämlich sehr auf Genauigkeit!« Durch meine Arbeit am Ringfunda- ment hatte ich mich an den Um- gang mit der Wasserwaage ge- wöhnt. Als der Maurer wiederkam, legte ich sie bald an diese, bald an jene Ecke des entstehenden Bau- werkes an. »Was machen Sie denn da?« fragte der Maurer, der mein Tun schon ··

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längere Zeit mit wachsendem Unmut verfolgt hatte. »Meinen Sie vielleicht, das ist nicht gerade?«

»Hier könnte es allerdings ein wenig

«, begann ich tapfer.

))Na gut, aber erst nach Feierabend!«

»Geben Sie mal her, die Blubber!« sagte der Meister und pack- te mit fachmännischem Griff die Wasserwaage, um sie gegen die frische Mauer zu drücken. »Hier - stimmt doch ganz genau!« meinte er gekränkt. Tatsächlich! Die Luftblase befand sich ak- kurat in der Mitte des gekriimmten Röhrchens. Trotzdem konn- te ich mir den Hinweis nicht verkneifen, daß die Wasserwaa- ge unten ungefähr eine Handbreit von der Wand abstand. »Ach, den halben Millimeter gleiche ich mit dem Putz aus!«

sagte der Maurer optimistisch. Als der Rohbau fertig war, gestand mir der Maurer, daß er sich eigentlich nichts aus Putzen mache. Seine Spezialstrecke sei mehr das Mauem.

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Was des Volkes Hände schaffen

»Wer hat denn hier gemauert?« fragte sein Nachfolger, den ich als Putzer angeheuert hatte. »Ein Maurer«, sagte ich ein wenig unsicher. »Na, wenn das ein Maurer war, dann bin ich Professor Dathe!

Hier, sehn Se sich das mal an. Alles schief! Und da, da fehlt ja fast 'n halber Meter!«

»Vielleicht kann man mit dem

Putz

?«fragte

ich zögernd.

»Mit dem Putz kann man gar nichts ausgleichen«, entgegnete der Putzer, »aber vielleicht kriege ich das noch irgendwie hin.

Hier muß ich was wegstemmen und da was ansetzen. Dauert eben bißchen länger. Aber dafür wird's ordentlich.« Und wirklich, als der Putzer sein Werk vollendet hatte, sah das Häuschen nicht mehr ganz so schief aus wie vorher. Mit etwas Gutmütigkeit und Toleranz konnte man es sogar für ge- rade halten. «Diese verdammten Pfuscher!« schimpfte der Rohrleger, der anschließend kam. »Wie soll ich denn hier ein Stück Wasser-

rohr verlegen, wenn alles krumm und schief ist? Meine Win- kelstücke sind winklig, aber in diesem Haus habe ich bis jetzt noch keinen rechten Winkel entdeckt.«

Für solchen Hungerlohn kann man ja wirklich keine Qualitätsarbeit leisten.

Ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt, der Prügelknabe meiner Handwerker zu sein,

und steckte schuldbewußt die gerechten Vor- würfe des Rohrlegers ein, die fast immer mit dem Satz ende- ten: »Und das alles für zehn Mark die Stunde!« Ich sah ein, daß es allein mit passiver Unterwürfigkeit nicht getan war, und schlug dem geplagten Fachmann vor, seinen Stundenlohn auf zwölf Mark fünfzig zu erhöhen. Daraufhin ging es zügig voran. Bald hatte der Rohrleger den freigeschachteten Raum in Bad und Toilette mit einem unüber- schaubaren und scheinbar wahllos verzweigten System von PVC-Rohren unterschiedlicher Kaliber ausgefüllt. »Passen Sie auf!« sagte er. »Hier gieße ich jetzt Wasser hinein.« Tatsächlich goß er aus einer Brauseflasche Wasser in ein emporragendes Rohrende. Ich mußte grenzenloses Erstaunen heucheln, als mir der Rohrleger, der mich blitzschnell ins Freie gezerrt hatte, ein Rohrende zeigte, aus dem dasselbe Wasser

wieder herauskam. Ein Vorgang, den ich bis dahin für normal gehalten hatte. »Es funktioniert!« brüllte der Rohrleger triumphierend. »Na, nu können Sie zuschippen, das hält hundert Jahre!« Ebensolange hätte ich wahrscheinlich Lobeshymnen auf mei-

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nen letzten besten Handwerker gesungen, wäre die gesamte Abflußanlage nicht nach drei Jahren hoffnungslos verstopft ge- wesen. Da ich in bezug auf Handwerker inzwischen sehr wählerisch geworden war, heuerte ich wieder meinen altbewährten Quali- tätsfanatiker an, der sich aber längst nicht mehr an mich erin- nern konnte. »Mit Reparaturen gebe ich mich eigentlich nicht ab«, sagte er kühl. »Na, machen wir einen Preis unter Brüdern: zwanzig Mark die Stunde und Essen und Trinken auf der Baustelle.« Ich war überglücklich, so billig davonzukommen, denn wahr- scheinlich hätte ich es mir gar nicht leisten können, nicht sein Bruder zu sein. Das Abflußrohr hatte ich bereits durchgesägt und auseinander-

gedrückt - eine wichtige Vorbereitung, denn der Rohrleger be- absichtigte, den Fehler einzukreisen. »Na, das werden wir gleich haben!« meinte der Rohrleger zu- versichtlich. Aber nachdem er eine Weile mit verschiedenen Geräten in dem Rohr herumgestochert hatte, wobei er sich be- sonders von der sogenannten Spirale einen durchschlagenden Erfolg versprach, sagte er plötzlich: »Jetzt reicht's!«und zog mit einem gewaltigen Ruck an dem Rohr. Der Rohrleger schwang triumphierend ein bizarres, geweihartig verzweigtes Rohrgebil- de wie eine Siegestrophäe über seinem Haupte. »Da haben wir's!« rief er begeistert und wies auf das Kunststoff- rohrgewirr, das in seiner eigenwilligen Form an ein abstraktes Kunstwerk erinnerte und mir irgendwie bekannt vorkam. 1 »Hier drin kann ja nichts ablaufen«, sagte der Rohrleger »Sehen Sie sich doch bloß mal diese eckigen Bogen an! Das muß sich ja zusetzen. Ich möchte bloß wissen, welcher Trot- tel das gemacht hat! « »Das waren Sie! « sagte ich rasch, ehe er sich noch mehr auf- regte. Eine Weile sagte er gar nichts. Ich sah fön11lich, wie es

jetzt in seinem Gehirn arbeitete. »Was denn, ich selber soll

Vor dem Haus der Ministerien steht ein Bockwurstver- käufer. Auf einmal weht ein Wmdstoß alle Pappteller in ein Fenster des Mi- nisteriums. Der Ver- käufer geht ZU!ll Pförtner und llittet· " darum, die Papp- teller zurückzuer- halten. Der Pförtner macht sich auf den Weg, kommt nach einer Weile zurück und sagt: »Das geht leider nicht.« »Wieso denn?« fragt der Verkäufer. »Der Minister hat sie alle schon unter„ schrieben.«

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»Na klar! Wissen Sie denn nicht mehr: zwölf Mark fünfzig die Stunde?« »Ach so!« - ein verzeihendes Lächeln huschte über das Antlitz des Rohrlegers, der sich nun wieder voll in der Gewalt hatte. »Na, für solch einen Hungerlohn kann man ja wirklich keine

Qualitätsarbeit leisten.« Das soll mir eine Lehre sein für die Zukunft: Unter fünfund- zwanzig Mark die Stunde läuft bei mir nichts mehr!

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Was des Volkes Hände schaffen

>>Oh,

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Verzeihung, ich

habe Sie aber wirklich nicht mehr gesehen! <<

Alfred Schiffers

Ich betrat den Kurzwarenladen, um einen Hosenknopf zu kau- fen. Kaum hatte ich die Ladentür hinter mir geschlossen, als mich auch schon zwei Verkäuferinnen umzingelten. Lächelnd und wie aus einem Munde fragten sie nach meinen Wünschen. Mein Wunsch, einen Hosenknopf zu kaufen, versetzte sie in helle Begeisterung. Sie geleiteten mich auf liebenswürdigste Weise zum Ladentisch und legten mir eine riesengroße Kollek- tion wunderschöner Hosenknöpfe vor. Sie gaben unaufgefordert Auskunft über Qua- lität, besondere Vor- züge und voraussicht- liche Lebensdauer je- des einzelnen Knopfes bei der entsprechen- den Pflege. Ich gestehe, daß mich dieses nicht alltägli- che Geschäftsgebaren irritierte. Ich wählte einen ge- eigneten Hosenknopf aus und erschrak bei der höchst merkwür- digen Frage der Ver- kaufskräfte, ob ich den

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. Knopf gleich mitzunehmen gedächte oder ob man mir die Ware ins Haus senden sollte. Nun erfaßte mich Panik. Ich schleuderte ein Markstück auf den Ladentisch und verließ unter Zurücklassung des Restbetrages sowie des Knopfes fluchtartig das Geschäft. Draußen vor der Ladentür, als ich schon glaubte, davongekommen zu sein, tipp- te mir ein Herr auf die Schulter. »Das war nicht nett von Ihnen«, sagte er. »Wrr drehen hier einen Film zur Woche der Verkaufskultur, und kurz vor dem Happy- End schmeißen Sie die Sache.« »Tut mir leid«, sagte ich. »Halb so schlimm«, sagte er, »besetzen wir eben den Kunden auch mit einem Schauspieler.«

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Heißer S-ommer

Lothar Kusche

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Die wichtigste Vorbereitung auf eine Reise besteht bekanntlich in der Zusammenstellung des nötigen Gepäcks. Aber selbst er- fahrene und weitgereiste Leute versagen dabei nicht selten:

Sie packen fast immer zuviel ein, und selbst wenn sie sich bei der nächsten Gelegenheit fest vornehmen, nur noch die Hälfte davon mitzunehmen, so ist auch das mindestens das Doppelte von dem, was sie im äußersten Falle gebrauchen könnten. Zum Beispiel Krawatten, Socken, Taschentü- cher nehme ich immer in großen Mengen mit. Wenn ich für zwei Tage wegfahre, packe ich ungefähr sieben Taschentü- cher ein. Genauer gesagt: Es wird eine geheimnisvolle Kraft in mir wirksam, die sie mich einpacken läßt. Natürlich bin ich als aufgeklärter Mensch über den Verdacht erhaben, ir- gendwelcher düsteren Metaphysik anzu-

. hängen, aber was das Einpacken von Ta- schentüchern betrifft, so gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich meine Schulweisheit nichts träumen läßt. Meine Schulweisheit ist allerdings auch ziemlich gering. Doch wie jeder Reisende weiß, nimmt man nicht nur von irgendeiner Sache immer etwas zuviel mit, sondern auch von einer anderen etwas zuwenig. Um auch dafür ein Beispiel zu geben: Ich vergesse mit einer gera- dezu unheimlichen Regelmäßigkeit, eine Zange einzupacken. Schon oft fand ich mich des Abends im Hotelzimmer in der peinlichen Situation, den Koffer auszuräumen und keine Zange darin zu finden. Donnerwetter, dachte ich dann verärgert, du wirst langsam vergeßlich, alter Knabe! Mein Versagen wäre noch zu entschuldigen, wenn es sich um ein ausgefallenes Ding handelte, an das man eben nicht immer denkt, beziehungswei- se das man auf einer Reise so gut wie gar nicht benötigt, bei- spielsweise eine Stehlampe, einen Feuerhaken oder ein Gerät zum Durchleuchten von Hühnereiern. Aber wie kann man als

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Reisender die Zange vergessen! Schließlich reist man nicht nur zum Vergnügen. Man hat Verabredungen einzuhalten, also muß man pünktlich aufstehen. Das aber setzt voraus, daß man zur rechten Zeit aufwacht. Mit dem Wecken ist es aber immer so eine ungewisse Sache. Ich will nichts gegen das Niveau unserer Hotels sagen, das sich ja seit Ausgang des Mittelalters nicht wesentlich gesenkt hat, aber die Methoden, mit denen Gäste geweckt werden sollen, entbehren doch nicht eines gewissen Risikos. In der Regel haut jemand fünf Minuten vor acht einmal gegen die Tür und brummt »halb acht«, und dann kümmert er sich um nichts weiter.

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Daher benutze ich einen Reisewecker. Nun weiß jeder Mensch, der unsere Reisewecker kennt, daß jenes Rädchen, mit dem man den Reisewecker stellen kann, spätestens nach dreimali- ger Benutzung abfällt, weil es einfach nicht so konstruiert ist, daß es an dem Reisewecker dranbleiben könnte. Einern ordentlichen Menschen, der nicht so huschelig ist wie ich, macht das nichts weiter aus, denn er wird niemals seine Zange vergessen und kann mit ihrer Hilfe jederzeit seinen Rei- sewecker stellen. Immerhin bleibt mir eine letzte, kleine Rechtfertigung: Die han- delsüblichen Zangen sind so unhandlich. Daher schlage ich der Uhren-Industrie vor, wenn sie schon keine Reisewecker mit haltbaren Rädchen produzieren kann, doch wenigstens ge- schmackvolle Reisezangen in Etuis anzufertigen und somit einen Beitrag zu den tausend kleinen Zangen zu leisten.

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Heißer Sommer

Jochen Petersdorf

Ein Feldrain. Man hört Mähdreschergeräusch. Ein Bauer kommt auf einem Fahrrad angefahren. Er hält an. Guckt ver- stohlen um sich. Er pfeift auf zwei Fingern und ruft leise:

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»Lisa!« Das Mähdreschergeräusch hört auf. Lisa (die Mähdrescherfah- rerin) kommt. Macht sich das Kopftuch ab. Schüttelt den Staub davon ab. Wischt sich den Schweiß von der Stirn. Lisa (glücklich): Da bist du ja! Bauer: Ja, da bin ich. Lisa: Hat dich auch niemand gesehen? Bauer: Ich glaube nicht. Ich bin unten am Bach langgefahren. Da war bloß Heinrich mit den Schafen. Und der sieht ja schlecht. Lisa: Aber hier ist es ei- gentlich ungünstig. Kein Baum, kein Strauch. Man kann uns meilenweit sehen. Bauer: Wir können doch

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dort hinter den Strohhaufen gehen. (Sie verschwinden hinter den Kulissen, und man hört nur noch die Stimmen.) Lisa: Eigentlich ist es nicht richtig, was wir machen. Es ist ge- mem. Bauer: Aber ist es nun mal nicht zu ändern. Und wenns keiner sieht, kann es auch kein Gerede geben. Lisa: Also gut. Schnell, schnell! (Schmatzende Geräusche, zufriedenes Stöhnen. Dann kommen beide wieder vor.) Lisa: Ah! Das tat gut! Bauer: Ja. Und im Wmter, Lisa, können wir es sogar wieder öffentlieh machen. Dann liefert das Getränkekombinat ganze Kästen voll, und keiner kann neidisch sein, wenn jemand Brause trinkt!

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Die Empfangsdame im Interhotel zu dem bundesdeutschen Gast: »Sagen Sie mir bitte, wenn Sie etwas brauchen.« - »Und Sie können es dann beschaffen?« - »Nein, aber ich kann ihnen erklären, warum es das gerade nicht gibt.«

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Matthias Biskupek

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Zuletzt wurde der Trabbi ohne Motor ausgeliefert - in

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sowieso alles berg- ab

Die linden Lüfte waren erwacht; also die Wettertendenz gestal- tete sich zunehmend positiv. Ich bedachte, daß die Gartenbank jetzt aus dem Keller an die frische Luft gehöre und daß die Bank ein paar blanker Nägel und etwas netter Farbe bedürfe. Gedacht- gesagt. Doch man muß wissen, daß meine Frau mit- ten im Leben tätig ist. Nachrichten sind ihr konkret und abre- chenbar zu übermitteln. Ich fertigte also ein Anschreiben: »Frei- zeitfreiluftmobiliar unverzügl. jahreszeitgemäßer Verwendung zuführen. Umfassende Instandsetzg. ist in Eigeninitiative zu realisieren. Termin: sofort. Beschlußkontrolle: täglich.« Ich erhielt folgende Hausmitteilung meiner Frau: »Begründung für Umsetzung konkretisieren und nachreichen. Bilanzanteile für malermäßige Instandsetzung derzeit noch unbilanziert. Breites Nagelkontingent dringend erforderlich. Ist eine umfas- sende Einbeziehung weiterer gesellschaftlicher Bereiche in An- griff genommen worden? Mitspracherecht verwirklichen! In- formation über Aktivitäten umgehend erbeten.« Ich setzte einen Aufruf an meinen Sohn auf: »Jugend voran! Was ist Dein Beitrag zur sich immer umfassender entwickelnden Jahreszeit? Heraus mit dem Freizeitfreiluftmobiliar! Treffen wir den Nagel auf den Kopf! Bitte teile mjr Deine Aktivitäten un- verzügl. mit. (Formlose Stellungnahme genügt.)« Meine Frau hingegen erhielt von mir folgendes Antwortschrei- ben: »Betrifft: I. Begründung über Umsetzung des Freizeitfrei- luftmobiliars. Betrifft: II. Information über breite Mitsprache der Jugend. Zu I.) Weitere Verbesserung des gartentypischen Sitzangebots. Zu II.) Aufruf gestartet. Begeisterte Zustimmung aus vielen Bereichen. Die weitere Entwicklung wird aufmerksam ver- folgt.« Unser Sohn, seit vielen Schuljahren umfassend auf unser Leben vorbereitet, schrieb mir einen in herrlichen Worten gehaltenen Brief. »Lieber Vater, ich danke Dir für Deine richtungweisen- den Vorschläge. Sei gewiß, auf mich kannst Du Dich immer verlassen. Als vordringliche Aufgabe erachte ich es, unsere erfahrenen Bürger schöpferisch einzubeziehen. Die konkrete Nutzung des Freizeitfreiluftmobiliars ist eine Herausforderung

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für die Jugend!« Einen Durchschlag des Schreibens erhielt meine Frau. Meine Frau sah sich voll gefordert und lud mich zu einer Ko- ordinierungsberatung ein, um alle bisherigen Vorschläge tat- kräftig umsetzen zu können. Ein schöner Erfolg zeichnete sich schon bald ab: Unser Sohn hatte inzwischen ganz unbürokra- tiscl1 und mit jugendgemäßer Frische unsere Oma mal in aller Deutlichkeit angesprochen. Und Oma hatte die Gartenbank in den Garten geschleppt. Ich setzte mich auf die Bank und ein neues Schreiben auf: »Auf dem Er- reichten gilt es sich nicht auszuru- hen. Verwirklichen