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TEXT: EDITH LIJSCHMANN

anche kön-

nen nicht ohne ihn, für andere ist er eine

Qual, nur machen sollte ihn eigentlich je- der: Sport. Denn wenn das Herz klopft,

die Muskeln brennen und der Atem nur

mehr ein Keuchen ist, wenn der Kopf

vollkommene Erschöpfung signalisiert

und man trotzdem weiterläuft, dann ist

das für den Körper wie §Teihnachten.

Mit jedem Schritt wird der Kreislaul überschwemmt von kleinen, potenten

Botenstoffen. Diese körpereigenen Do- pingmittel wandern in Leber, Knochen oder Gehirn und treiben die faulen Zel- len an, der Gesundheit zuliebe.

Beeindruckt? Dann bloß nicht stehen bleiben! Denn diese Alleskönner kom-

men nicht aus dem Gehirn oder den

Hormondrüsen, sondern aus den

Muskeln selbst - vorausgesetzt,

diese arbeiten. Dass Muskeln überhaupt von sich aus Signale aussen-

den, konnte man sich noch

vor r5 Jahren kaum vorstel-

len. ,,Die Muskeln waren bis

vor kurzem ein völlig uner-

forschtes Organ", bestätigt Ingo

Froböse, Leiter des Zentrums fur

Gesundheit durch Sport und Bewegung

der Deutschen Sporthochschule Köln.

,,Aber es tut sich etwas! Langsam erken- nen wir, wie viele Abläufe von den Mus-

keln beeinflusst werden."

Lange Jahre sah man in den Skelett-

muskeln bloße Mechanik. Sie dienten da-

zu, unsere Arm- und Beinknochen zu be- wegen, mehr als Nervensignale in Kon- traktion umzusetzen, traute man ihnen

nicht zu. Doch heute weiß man: Die Mus- keln sind keine bloßen Befehlsempfänger.

Sie können mit anderen Organen kom- munizieren und so den ganzen Organis-

mus beeinflussen.

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Datenautobahn:

Über die Muskel- fasern werden

Informationen im

ganzen Organismus

verteilt

Schuld an dem neuen VIP-Status des Muskelapparats ist die dänische Medizi-

nerin Bente Klarlund Pedersen vom

Reichshospital in Kopenhagen. Sie hat

vor fast zehn Jahren eine entscheidende

Entdeckung gemacht: Indem sie einer

Testperson vor und nach Sportübungen

Blut abnahm, konnte sie nachweisen,

dass Skelettmuskeln bei leder Bewegung

bisher unbekannte Botenstoffe ins Blut

abgeben. Die Antriebsmaschine des Kör- pers wurde damit quasi über Nacht zu ei- nem der wichtigsten Stoffwechselorgane des Menschen.

Pedersen taufte diese Moleküle ,,Myo-

kine", was in etwa ,,von Muskeln produ- zierte Signalstoffe" heißt. Bis heute arbei- tet sie daran, mehr über die vielseitigen Stoffe herauszufinden.

Ihnen allen gemeinsam sind nur ihr

Ursprung in den Muskeln und die

Tätsache, dass sie erst bei kör-

perlicher Anstrengung in

nennenswerten Mengen

produziert werden. Doch

die Frage, wie die einzel-

nen Myokine genau ar-

beiten, ist noch lange

nicht beantwortet.

,,§7ir wissen nicht

i einmal genau, wie viele

verschiedene Produkte die Muskeln produzieren

" können", erklärt die däni-

sche Arztin. ,,Unser Institut

hat etwas mehr als 6oo Myo-

kine entdeckt, manche Grup-

pen behaupten, es seien 8oo. Ab- schließend sagen kann das aber noch

keiner." '§üas man aber sagen kann, ist: Sie ma-

chen gesund! Oder besser: Sie bieten end-

lich eine Erklärung dafür, warum Sport

gesund macht und zumindest ein Mini-

mum an Bewegung für den Menschen le-

benswichtig ist. Denn dass trainierte

Menschen gesünder sind, zeigen zahlrei- che Studien. Schon wer sich halbwegs fit

hält, hat ein geringeres Schlaganfall- oder

Herzinfarktrisiko, leidet seltener an Dia- betes, und sogar Alzheimer scheint bei

Sportlern weniger häufig aufzurreten. Nur warum das so ist, das konnte bis- her keiner so genau beanfworten. ,,Heu- te wissen wir, dass die Myokine bei die- sen Vorgängen eine Rolle spielen", erklärt der Sportwissenschaftler Froböse.,,Und das bestätigt natürlich den positiven Ef-

fekt körperlicher Aktivität, den wir im-

mer predigen."

Schon in den vielen Myokinen, welche die Muskelzellen nie verlassen, steckt ge-

waltiges Potenzial. Sie sind dafür verant- wortlich, dass Muskeln durch regelmäßi- ges Training anwachsen, sich nach Verlet- zungen regenerieren und an veränderte Anforderungen anpassen können.

Dazu gehören zum Beispiel Interleu- kin-7, -8 und -r5. Da sie wie natürliche Anabolika den Muskelaufbau anregen,

hoffen Mediziner, sie eines Täges als The-

rapeutikum bei Muskelschwunderkran-

kungen einsetzen zu können. Noch einflussreicher ist allerdings der

Teil der Myokine, der über das Blut in an-

dere Bereiche und zu anderen Organen wandert und dort zum Beispiel den Fett- stoffwechsel anregt. Früher diente Fett-

gewebe ia dazu, Reserven für schlechtere

Muskeltraining hilft gleich doppelt gegen Bierbauch und Speckringe

Zeitenzulagern. Aber da Hungersnöte in

unserer Konsumgesellschaft selten gewor- den sind, machen diese Zellen sich heute

vor allem als ungeliebte Speckringe und

Bierbauch bemerkbar.

Nun versuchen die Menschen schon sehr lange, ihren Pfunden mit Sport zu

Leibe zu rücken. Doch erst seit der Erfbr-

schung der Myokineweß man, dass Mus-

keltraining auf dem Weg zum'§Tunschge-

wicht gleich doppelt hilfe Zum einen, weil

die Muskeln natürlich Kalorien verbrau-

chen. Und zum Zweiten, weil sie während

l,

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der Kontraktion Interleukin-6 (IL-6) aus-

schütten. Dieser Signalstoff ist der Proto-

typ aller Myokine und übernimmt unter

anderem die Rolle eines Abnehmcoachs.

Sein Auftrag an Muskel- und Fettzellen:

Ankommende Feffsäuren aus der Nah- rung nicht speichern, sondern abbauen!

Die gewonnene Energie dient demAntrieb

der Muskeln. Folge Ungesunde Ferde-

pots schwinden. ,,Abnehmen ohne Muskeln geht ein-

fach nichto', bringl es Froböse auf den

Punkt. ,,'§üir brauchen aktive Muskeln,

um die Kalorien, die wir zu uns nehmen,

auch zu verbrennen." Klar, auch wer we- niger isst, greift irgendwann seine Reser-

ven an und verliert an Feftmasse. Doch

erst der Einfluss der Myokine auf die Fett-

zellen treibt die Verbrennung richtig an -

Vielleicht gibt es bald eine effektive

Therapie gegen Übergewicht

sowohl in den Fett- wie in den Muskelzel-

len. Das zeigt eine Studie mit Labormäu-

sen. Die Tiere, denen das Gen für IL-a entferntworden war, wurden mit demAl- ter alle übergewichtig und entwickelten eine Glukose-Intoleranz.

lL-6hat nämlich noch eine zweite Fä-

higkeit. Der Teil, der im Skelettmuskel bleibt, sorgt dafür, dass der Muskel nicht nur mehr Fett verbrennt, sondern auch

mehr Glukose aus dem Blut aufnimmt.

Normalerweise ist das Aufgabe des Hor-

Gehtn

Fettgewebe

mons Insulin, das immer dann ausge-

schüttet wird, wenn dem Körper Zucker

zugeführt wird. Doch manchmal funkti- oniert diese Regelung nicht mehr richtig. IL-6 ist nun in derLage, dieZellen wie- der empfänglicher für Insulin zu machen. Gleichzeitig hat der Signalstoff aber auch

Einfluss auf die Leber und die Bauchspei-

cheldrüse, die für die Produktion des Hor-

mons verantwortlich ist. So steuert der

Muskelbote das Zusammenspiel der Or- gane und halt den Blutzuckerspiegel im Gleichgewicht. Seit einiger Zeit bekommt das alt- bewährte IL-6 Konkurrenz von ei

ner vielversprechenden

Entde-

ckung. ,,kisin ist eines der

neuesten und interessantes-

ten Myokine, mit denen

wir arbeiten", erzählt Pe-

dersen. ,,Es hat nämlich

zusätzlich einen nachweis-

baren bräunenden Effekt

Wetche Myokine was können:

lnterleukin-6 steigert den Fettstoffwechsel, macht die Zellen empfänglicher für lnsulin und wirkt so Übergewicht und Diabetes entgegen, Auch Bauchspeicheldrüse und Leber arbeiten unter Einfluss des Myokins besser. Gleichzeitig hat lL-6 eine stark anti-entzündliche Wirkung. lnterleukine-4, -7 und -8 fördern das Muskelwachstum und die Regeneration der Muskelzellen. Myostatin lässt Muskeln stärker wachsen und sorgt für einen Abbau ungesunden Fettgewebes. IGF-I und FGF-2 regen die Neubildung von Knochen an und verbessern deren Stabilität und Dichte. lrisin wkkt positiv auf den Gesamtenergieverbrauch des Körpers und treibt ebenfalls den Fettstoff- wechsel an. Zudem verwandelt lrisin fettspeichernde weiße Fettzellen in braune, fettverbrennende. BNDF erhöht die Fettverbrennung in Muskelzellen und verbessert deren Regenentionsfähigkeit. Vermutlich hat es auch einen schützenden und aktivierenden Einfluss auf Nervenfasern.

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auf Fettzeilen." '§üas nach Solarium und Sommerurlaub klingt, ist in Wirklichkeit

der Traum jedes Abnehmwilligen. Denn

,,braune Fettzellen" produzieren Wärme und verbrauchen so Energie, anstatt sie zu speichern. Jeder Organismus verfügt über solche Ze1len, allerdings überwiegt

die ungesunde weiße Art deutlich. Könn-

te man jedoch weißes Fettgewebe dazu bringen, sich wie braunes zu verhalren,

wäre das eine unschlagbare Therapie ge-

gen Übergewicht.

Sport ist also tatsächlich eine wirkungs-

volle Medizin. Aber noch besser als

Krankheiten behandeln zu

können, ist es natürlich, sie von vornherein zv verhindern. Auch dabei spie-

len die Myokine eine wichtige Rolle, nämlich

als enger Partner unseres Immun- systems. Ein Teil dieser muskulären

Abwehrtruppe ist das vielseitig begabte IL-6.

Es wird bei Verletzungen und Entzündungen gewöhnlich zuerst ausge-

schüttet und ist dann in der Lage, sich Ver- stärkung zu holen. indem es weirere soge-

nannte anti-inflammatorische Zltokine

Hoff nung bei Arterienverkalkung und Alzheimer

aktiviert. Aber vor allem ist IL-6 der Ge- genspieler des Tümor-Nekrose-Faktors (TNF).

Dieser Stoff ist an fast allen Entzündun-

gen beteiligt und wird zum Beispiel von tiefsitzendem Bauchfett produziert. Die- ses Fett liegt zwischen den Organen, wo es aber nicht hingehört. Dadurch entsteht

ein chronischer Entzlindungsherd, der

ständig TNF produziert. Je mehr von dem Stoff in den Körper gelangt, desto schlech-

ter reagieren erwa die Körperzellen auf In- sulin, was zum metabolischen Syndrom und Diabetes führt. Auch Arterienverkal-

kung und neurodegenerative Krankheiten

wie Alzheimer können eine Folge sein.

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Das 11-6 aber unterdrückt die TNF-Pro-

duktion, lindert dadurch die Entzündung

und verringert die Gefahr von Folge-

Der Tiaum der Pharmaindustrie ist ver-

mutlich ohnehin ein anderer: '§(l'arum

noch schwitzen und sich anstrengen, wenn es nur auf die ausgeschütteten Bo-

tenstoffe ankommt? '§ü'arum also nicht

einfach Myokine in Tablemenform ver-

kaufen?

,,Theor:etisch könnten Myokine als Medikament verwendet werden, aber ich

glaube nicht, dass es bald so weit ist",

dampft Internistin Pedersen die Begeiste-

rung über derartige Gedankenspiele. Da-

zu sei das Myokin-K<lnzept zLr komplex und noch nicht genug erforscht. ,,'§üie

Myokine wirken, hängt zum Beispiel

auch von der persönlichen Verfassung

ab", erklärt die Expertin aus Dänemark.

,,ln einem fitten Körper arbeiten sie

besser." Je trainierter die Muskeln,

desto weniger IL-6 brauchen sie. um effektiv zu sein. Das

1ässt sich durch Tabletten

eher schlecht imitieren.

Ohnehin würde Peder- sen ihre Erkenntnisse

gern anders in die Medi-

zin einbringen.,,Myoki-
'

re verändern unseren

Blick auf Krankheiten

und ihre Ursachen. Wir

könnten sie als Lrdikatoren

benutzen, um Menschen in-

dividueller zu behandeln."

krankheiten.

So könnte ihre Konzentrati-

Darunter fallen sogar viele Krebsar-

on im Blut frühzeitig anzeigen,

ten) zum Beispiel Brust- oder Darmkrebs.

Körper?

welche Krankheiten drohen und mit

Denn auch bösartige Tumore werden

Im Grunde

welcher Art von Training man ihnen ent-

häufig durch ger:ingfügige innere Enrzün-

schon, glaubt zu-

gegenwirken könnte. Wer weiß schon,

dungen verursacht. Frühere Experimen-

rrindest die Spezialistin Pedersen. ,,'Wir

was all die unbekannten Myokine, die

te zeigten, dass Brustkrebszellen, die im

wissen mit Sicherheit, dass Myokine auch

wirklichen Geheimsignale, noch leisten

Labor mit Blutserum mit Myokinen be-

mit der Leber interagieren, die Blutgefä-

mögen? Vielleicht heilen sie eines Täges

l-randelt wurden, aufhörten, sich zu ver-

ße vor Verschlüssen beschützen und anti-

tatsächlich Krankheiten. Vorn viel disku-

mehren und schließlich abstarben. Lei- der ist diese Wirkung im lebenden Kör- per nicht ganz so ausgeprägt, doch der

positive Effekt von Sport bei IGebser-

krankungelr ist unbestritten.

Regelmäßige Qualen

bringen uns aiso nicht

im Fitnessstudio

nur dem 'Iraum-

körper näher, sondern könnten im Alter

unsere l-ebensversicherung bei Krebs, Herzinfarkten oder Demenz sein. Aber ist

es wirklich so einfach? Ein paar Sit-ups und schon strömen geheime Signalstoffe

als wahres Wundermirtel durch unseren

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Warum nicht einfach Myokine in Tablettenform verkaufen?

entzündiiche Effekte haben", zählt sie auf. Aber im Gegensatz zu einem klassischen

Medikament ist der Gesundheitscocktail aus den Muskelzellen schrver zu dosieren.

Das Rezept, auf dem 5o Liegescützen ge-

gen Bluthochdruck verschrieben werden,

gehörr ins Reich der Träume.

tierten Einfluss auf das Gehirn ganz ar

schweigen.

Die Muskelforscher haben in jedem

Fali noch gut zu tun. Bis das alles erkun-

det ist, kann sich der gesundheitsbewuss-

te Mensch helfen, indem er möglichst oft

seinen inneren Schweinehund besiegt und

ordentlich die Muskeln anspannt. Den

Resr machen die Myokine von alleine.