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28 mr os / 2014
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ui/2014 PU. 29
TEXT: EDITH LIJSCHMANN
anche kön-
nen nicht ohne ihn, für andere ist er eine
Qual,
nur machen sollte ihn eigentlich
je-
der: Sport. Denn wenn das Herz klopft,
die Muskeln brennen und der Atem nur
mehr ein Keuchen ist, wenn der Kopf
vollkommene Erschöpfung signalisiert
und man trotzdem weiterläuft, dann ist
das für den Körper wie §Teihnachten.
Mit
jedem
Schritt wird der Kreislaul
überschwemmt von kleinen, potenten
Botenstoffen. Diese körpereigenen Do-
pingmittel wandern in Leber, Knochen
oder Gehirn und treiben die faulen Zel-
len an, der Gesundheit zuliebe.
Beeindruckt? Dann bloß nicht stehen
bleiben! Denn diese Alleskönner kom-
men nicht aus dem Gehirn oder den
Hormondrüsen, sondern aus den
Muskeln selbst
-
vorausgesetzt,
diese arbeiten.
Dass Muskeln überhaupt
von sich aus Signale aussen-
den, konnte man sich noch
vor r5
Jahren
kaum vorstel-
len.
,,Die
Muskeln waren bis
vor kurzem ein völlig uner-
forschtes Organ", bestätigt Ingo
Froböse, Leiter des Zentrums fur
Gesundheit durch Sport und Bewegung
der Deutschen Sporthochschule Köln.
,,Aber
es tut sich etwas! Langsam erken-
nen wir, wie viele Abläufe von den Mus-
keln beeinflusst werden."
Lange
Jahre
sah man in den Skelett-
muskeln bloße Mechanik. Sie dienten da-
zu, unsere Arm- und Beinknochen zu be-
wegen, mehr als Nervensignale in Kon-
traktion umzusetzen, traute man ihnen
nicht zu. Doch heute weiß man: Die Mus-
keln sind keine bloßen Befehlsempfänger.
Sie können mit anderen Organen kom-
munizieren und so den ganzen Organis-
mus beeinflussen.
30 m[. os/2014
Datenautobahn:
Über die Muskel-
fasern werden
Informationen im
ganzen Organismus
verteilt
Schuld an dem neuen VIP-Status des
Muskelapparats ist die dänische Medizi-
nerin Bente Klarlund Pedersen vom
Reichshospital in Kopenhagen. Sie hat
vor fast zehn
Jahren
eine entscheidende
Entdeckung gemacht: Indem sie einer
Testperson vor und nach Sportübungen
Blut abnahm, konnte sie nachweisen,
dass Skelettmuskeln bei
leder
Bewegung
bisher unbekannte Botenstoffe ins Blut
abgeben. Die Antriebsmaschine des Kör-
pers wurde damit quasi über Nacht zu ei-
nem der wichtigsten Stoffwechselorgane
des Menschen.
Pedersen taufte diese Moleküle
,,Myo-
kine", was in etwa
,,von
Muskeln produ-
zierte Signalstoffe" heißt. Bis heute arbei-
tet sie daran, mehr über die vielseitigen
Stoffe herauszufinden.
Ihnen allen gemeinsam sind nur ihr
Ursprung in den Muskeln und die
Tätsache, dass sie erst bei kör-
perlicher Anstrengung in
nennenswerten Mengen
produziert werden. Doch
die Frage, wie die einzel-
nen Myokine genau ar-
beiten, ist noch lange
nicht beantwortet.
,,§7ir
wissen nicht
i einmal genau, wie viele
verschiedene Produkte
die Muskeln produzieren
"
können", erklärt die däni-
sche Arztin.
,,Unser
Institut
hat etwas mehr als 6oo Myo-
kine entdeckt, manche Grup-
pen behaupten, es seien 8oo. Ab-
schließend sagen kann das aber noch
keiner."
'§üas
man aber sagen kann, ist: Sie ma-
chen gesund! Oder besser: Sie bieten end-
lich eine Erklärung dafür, warum Sport
gesund macht und zumindest ein Mini-
mum an Bewegung für den Menschen le-
benswichtig ist. Denn dass trainierte
Menschen gesünder sind, zeigen zahlrei-
che Studien. Schon wer sich halbwegs fit
hält, hat ein geringeres Schlaganfall- oder
Herzinfarktrisiko, leidet seltener an Dia-
betes, und sogar Alzheimer scheint bei
Sportlern weniger häufig aufzurreten.
Nur warum das so ist, das konnte bis-
her keiner so genau beanfworten.
,,Heu-
te wissen wir, dass die Myokine bei die-
sen Vorgängen eine Rolle spielen", erklärt
der Sportwissenschaftler Froböse.,,Und
das bestätigt natürlich den positiven Ef-
fekt körperlicher Aktivität, den wir im-
mer predigen."
Schon in den vielen Myokinen, welche
die Muskelzellen nie verlassen, steckt ge-
waltiges Potenzial. Sie sind dafür verant-
wortlich, dass Muskeln durch regelmäßi-
ges Training anwachsen, sich nach Verlet-
zungen regenerieren und an veränderte
Anforderungen anpassen können.
Dazu gehören zum Beispiel Interleu-
kin-7, -8 und -r5. Da sie wie natürliche
Anabolika den Muskelaufbau anregen,
hoffen Mediziner, sie eines Täges als The-
rapeutikum bei Muskelschwunderkran-
kungen einsetzen zu können.
Noch einflussreicher ist allerdings der
Teil der Myokine, der über das Blut in an-
dere Bereiche und zu anderen Organen
wandert und dort zum Beispiel den Fett-
stoffwechsel anregt. Früher diente Fett-
gewebe
ia
dazu, Reserven für schlechtere
Muskeltraining hilft gleich doppelt
gegen Bierbauch und Speckringe
Zeitenzulagern. Aber da Hungersnöte in
unserer Konsumgesellschaft selten gewor-
den sind, machen diese Zellen sich heute
vor allem als ungeliebte Speckringe und
Bierbauch bemerkbar.
Nun versuchen die Menschen schon
sehr lange, ihren Pfunden mit Sport zu
Leibe zu rücken. Doch erst seit der Erfbr-
schung der Myokineweß man, dass Mus-
keltraining auf dem Weg zum'§Tunschge-
wicht gleich doppelt hilfe Zum einen, weil
die Muskeln natürlich Kalorien verbrau-
chen. Und zum Zweiten, weil sie während
os/2014 P/|fi31
l,
der Kontraktion Interleukin-6 (IL-6) aus-
schütten. Dieser Signalstoff ist der Proto-
typ aller Myokine und übernimmt unter
anderem die Rolle eines Abnehmcoachs.
Sein Auftrag an Muskel- und Fettzellen:
Ankommende Feffsäuren aus der Nah-
rung nicht speichern, sondern abbauen!
Die gewonnene Energie dient demAntrieb
der Muskeln. Folge Ungesunde Ferde-
pots schwinden.
,,Abnehmen
ohne Muskeln geht ein-
fach nichto', bringl es Froböse auf den
Punkt.
,,'§üir
brauchen aktive Muskeln,
um die Kalorien, die wir zu uns nehmen,
auch zu verbrennen." Klar, auch wer we-
niger isst, greift irgendwann seine Reser-
ven an und verliert an Feftmasse. Doch
erst der Einfluss der Myokine auf die Fett-
zellen treibt die Verbrennung richtig an
-
Vielleicht gibt es bald eine effektive
Therapie gegen Übergewicht
sowohl in den Fett- wie in den Muskelzel-
len. Das zeigt eine Studie mit Labormäu-
sen. Die Tiere, denen das Gen für IL-a
entferntworden war, wurden mit demAl-
ter alle übergewichtig und entwickelten
eine Glukose-Intoleranz.
lL-6hat nämlich noch eine zweite Fä-
higkeit. Der Teil, der im Skelettmuskel
bleibt, sorgt dafür, dass der Muskel nicht
nur mehr Fett verbrennt, sondern auch
mehr Glukose aus dem Blut aufnimmt.
Normalerweise ist das Aufgabe des Hor-
Gehtn
Fettgewebe
mons Insulin, das immer dann ausge-
schüttet wird, wenn dem Körper Zucker
zugeführt wird. Doch manchmal funkti-
oniert diese Regelung nicht mehr richtig.
IL-6 ist nun in derLage, dieZellen wie-
der empfänglicher für Insulin zu machen.
Gleichzeitig hat der Signalstoff aber auch
Einfluss auf die Leber und die Bauchspei-
cheldrüse, die für die Produktion des Hor-
mons verantwortlich ist. So steuert der
Muskelbote das Zusammenspiel der Or-
gane und halt den Blutzuckerspiegel im
Gleichgewicht.
Seit einiger Zeit bekommt das alt-
bewährte IL-6 Konkurrenz von ei
ner vielversprechenden Entde-
ckung.
,,kisin
ist eines der
neuesten und interessantes-
ten Myokine, mit denen
wir arbeiten", erzählt Pe-
dersen.
,,Es
hat nämlich
zusätzlich einen nachweis-
baren bräunenden Effekt
Wetche Myokine was können:
lnterleukin-6 steigert den Fettstoffwechsel, macht die Zellen empfänglicher für lnsulin und wirkt so
Übergewicht und Diabetes entgegen, Auch Bauchspeicheldrüse und Leber arbeiten unter Einfluss des
Myokins besser. Gleichzeitig hat lL-6 eine stark anti-entzündliche Wirkung.
lnterleukine-4, -7 und -8 fördern das Muskelwachstum und die Regeneration der Muskelzellen.
Myostatin lässt Muskeln stärker wachsen und sorgt für einen Abbau ungesunden Fettgewebes.
IGF-I und FGF-2 regen die Neubildung von Knochen an und verbessern deren Stabilität und Dichte.
lrisin wkkt positiv auf den Gesamtenergieverbrauch des Körpers und treibt ebenfalls den Fettstoff-
wechsel an. Zudem verwandelt lrisin fettspeichernde weiße Fettzellen in braune, fettverbrennende.
BNDF erhöht die Fettverbrennung in Muskelzellen und verbessert deren Regenentionsfähigkeit.
Vermutlich hat es auch einen schützenden und aktivierenden Einfluss auf Nervenfasern.
32 mrr. os/2014
auf Fettzeilen."
'§üas
nach Solarium und
Sommerurlaub klingt, ist in Wirklichkeit
der Traum
jedes
Abnehmwilligen. Denn
,,braune
Fettzellen" produzieren Wärme
und verbrauchen so Energie, anstatt sie
zu speichern.
Jeder
Organismus verfügt
über solche Ze1len, allerdings überwiegt
die ungesunde weiße Art deutlich. Könn-
te man jedoch
weißes Fettgewebe dazu
bringen, sich wie braunes zu verhalren,
wäre das eine unschlagbare Therapie ge-
gen Übergewicht.
Sport ist also tatsächlich eine wirkungs-
volle Medizin. Aber noch besser als
Krankheiten behandeln zu
können, ist es natürlich,
sie von vornherein
zv verhindern.
Auch dabei spie-
len die Myokine
eine wichtige
Rolle, nämlich
als enger Partner
unseres Immun-
systems. Ein Teil
dieser muskulären
Abwehrtruppe ist das
vielseitig begabte IL-6.
Es wird bei Verletzungen und
Entzündungen gewöhnlich zuerst ausge-
schüttet und ist dann in der Lage, sich Ver-
stärkung zu holen. indem es weirere soge-
nannte anti-inflammatorische Zltokine
Hoff nung bei Arterienverkalkung
und Alzheimer
aktiviert. Aber vor allem ist IL-6 der Ge-
genspieler des Tümor-Nekrose-Faktors
(TNF).
Dieser Stoff ist an fast allen Entzündun-
gen beteiligt und wird zum Beispiel von
tiefsitzendem Bauchfett produziert. Die-
ses Fett liegt zwischen den Organen, wo
es aber nicht hingehört. Dadurch entsteht
ein chronischer Entzlindungsherd, der
ständig TNF produziert.
Je
mehr von dem
Stoff in den Körper gelangt, desto schlech-
ter reagieren erwa die Körperzellen auf In-
sulin, was zum metabolischen Syndrom
und Diabetes führt. Auch Arterienverkal-
kung und neurodegenerative Krankheiten
wie Alzheimer können eine Folge sein.
05 /2AM Pßr. 33
Das 11-6 aber unterdrückt die TNF-Pro-
duktion, lindert dadurch die Entzündung
und verringert die Gefahr von Folge-
krankheiten.
Darunter fallen sogar viele Krebsar-
ten) zum Beispiel Brust- oder Darmkrebs.
Denn auch bösartige Tumore werden
häufig durch ger:ingfügige innere Enrzün-
dungen verursacht. Frühere Experimen-
te zeigten, dass Brustkrebszellen, die im
Labor mit Blutserum mit Myokinen be-
l-randelt wurden, aufhörten, sich zu ver-
mehren und schließlich abstarben. Lei-
der ist diese Wirkung im lebenden Kör-
per nicht ganz so ausgeprägt, doch der
positive Effekt von Sport bei IGebser-
krankungelr ist unbestritten.
Regelmäßige
Qualen
im Fitnessstudio
bringen uns aiso nicht nur dem
'Iraum-
körper näher, sondern könnten im Alter
unsere l-ebensversicherung bei Krebs,
Herzinfarkten oder Demenz sein. Aber ist
es wirklich so einfach? Ein paar Sit-ups
und schon strömen geheime Signalstoffe
als wahres Wundermirtel durch unseren
Körper?
Im Grunde
schon, glaubt zu-
rrindest die Spezialistin Pedersen.
,,'Wir
wissen mit Sicherheit, dass Myokine auch
mit der Leber interagieren, die Blutgefä-
ße vor Verschlüssen beschützen und anti-
Warum nicht einfach Myokine in
Tablettenform verkaufen?
entzündiiche Effekte haben", zählt sie auf.
Aber im Gegensatz zu einem klassischen
Medikament ist der Gesundheitscocktail
aus den Muskelzellen schrver zu dosieren.
Das Rezept, auf dem
5o
Liegescützen ge-
gen Bluthochdruck verschrieben werden,
gehörr ins Reich der Träume.
Der Tiaum der Pharmaindustrie ist ver-
mutlich ohnehin ein anderer:
'§(l'arum
noch schwitzen und sich anstrengen,
wenn es nur auf die ausgeschütteten Bo-
tenstoffe ankommt?
'§ü'arum
also nicht
einfach Myokine in Tablemenform ver-
kaufen?
,,Theor:etisch
könnten Myokine als
Medikament verwendet werden, aber ich
glaube nicht, dass es bald so weit ist",
dampft Internistin Pedersen die Begeiste-
rung über derartige Gedankenspiele. Da-
zu sei das Myokin-K<lnzept zLr komplex
und noch nicht genug erforscht.
,,'§üie
Myokine wirken, hängt zum Beispiel
auch von der persönlichen Verfassung
ab", erklärt die Expertin aus Dänemark.
,,ln
einem fitten Körper arbeiten sie
besser."
Je
trainierter die Muskeln,
desto weniger IL-6 brauchen
sie. um effektiv zu sein. Das
1ässt sich durch Tabletten
eher schlecht imitieren.
Ohnehin würde Peder-
sen ihre Erkenntnisse
gern anders in die Medi-
zin einbringen.,,Myoki-
'
re verändern unseren
Blick auf Krankheiten
und ihre Ursachen. Wir
könnten sie als Lrdikatoren
benutzen, um Menschen in-
dividueller zu behandeln."
So könnte ihre Konzentrati-
on im Blut frühzeitig anzeigen,
welche Krankheiten drohen und mit
welcher Art von Training man ihnen ent-
gegenwirken könnte. Wer weiß schon,
was all die unbekannten Myokine, die
wirklichen Geheimsignale, noch leisten
mögen? Vielleicht heilen sie eines Täges
tatsächlich Krankheiten. Vorn viel disku-
tierten Einfluss auf das Gehirn ganz ar
schweigen.
Die Muskelforscher haben in
jedem
Fali noch gut zu tun. Bis das alles erkun-
det ist, kann sich der gesundheitsbewuss-
te Mensch helfen, indem er möglichst oft
seinen inneren Schweinehund besiegt und
ordentlich die Muskeln anspannt. Den
Resr machen die Myokine von alleine.
34 PM. os/2014