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Kultur: Die Seele


des Geschäfts
Lässt sich mit Kultur Geld verdienen? Aber ja, könnte man gleich antworten, die Frage ist nur wie? Ein zweiter
Blick in die Beziehungsgeschichte zwischen Kultur und Wirtschaft verrät jedoch, dass diese Liaison komplizier-
ter ist. Kunst, Musik und geistiges Leben wirken indirekter, aber auch umfassender als angenommen.

der amerikanische Architekt Frank O. Gehry stellt die Frage nach neuen Wegen für
einen Pilgerort der Kultur. In den ersten drei öffentliches oder privates Sponsoring.
Jahren lockte das Museum 3,5 Millionen Die Region Stuttgart verfügt über eine
Besucher an, die der baskischen Stadt rund Vielzahl renommierter Kultureinrichtungen,
Dr. Hans-Jürgen 500 Millionen Dollar bescherten – und die die auch als Wirtschaftsfaktor wahrgenom-
Breuning Wahrnehmung Bilbaos als gesichtslose men werden. Aber lässt sich – dem Bun-
Sympra GmbH, Industrie- und Hafenstadt mehr und mehr destrend folgend – auch in der Region eine
Stuttgart in den Hintergrund drängten. Kultur hat zunehmende Bedeutung von Kultur entde-
hier das Wesen einer ganzen Stadt verän- cken? Gibt es neue Partnerschaften und
 Lange Zeit wurde Kultur lediglich als dert. neue Wege?
„weicher“ Standortfaktor betrachtet, der Nahezu zeitgleich fiel die Entscheidung
Geld zu verdienen
eine willkommene Ergänzung zu den „har- über den Sitz der Europäischen Zentralbank
darf keine Schande sein
ten“ Standortfaktoren wie etwa Infrastruk- (EZB) und auch hier war es Frankfurts „Kul-
tur oder Arbeitskräftepotenzial bietet. Diese tur“, die sich als überaus wertvoller Stand- „Gerade in den letzten Jahren hat man
Einschätzung hat sich spätestens seit den ortfaktor für eine erfolgreiche Bewerbung begriffen, dass Kultur ein ernst zu nehmen-
1990er Jahren deutlich gewandelt: Längst entpuppte. Am Image der „Bankenmetro- des Thema ist“, so der Stuttgarter Galerist
ist die zentrale Bedeutung von Kultur ins pole“ hatte niemand ernsthafte Zweifel, Klaus Gerrit Friese. „Trotzdem sollte man
Bewusstsein der Städte gerückt, längst wer- doch was konnte Frankfurt darüber hinaus noch deutlicher machen, dass Kultur unbe-
ben Städte insbesondere auch mit Kultur für noch bieten? Vor allem mit ihren vielbeach- dingt mit Wirtschaft zu tun hat. Geld zu
ihre Standortqualitäten. Schon 1985 durfte teten Museumsbauten aus den 1980er Jah- verdienen mit Kultur ist das Wichtigste für
sich Athen erstmals als „Kulturstadt Euro- ren gelang es der Stadt, sich zusätzlich zu uns Galeristen – und das darf auch keine
pas“ profilieren. Kultur ist nicht mehr nur profilieren und zu positionieren. Schande sein!“ Zumal dann, wenn es mit
ein „nice to have“, sondern tatsächlich ein Die zunehmende Bedeutung von Kultur dem Sponsoring für Galerien nicht wirklich
bedeutender Wirtschaftsfaktor. Mit der ver- für einen gesamten Wirtschaftsraum mani- gut aussieht. Denn genau hier gibt es für
änderten Wertschätzung hat sich auch die festiert sich derzeit auch in der erfolgrei- Friese gewisse Unterschiede: „Die Kulturför-
Ausgangslage der beiden Partner verändert. chen Bewerbung der Stadt Essen als „Kul- derung bezieht sich oft auf größere Unter-
Beide wissen, dass es nicht mehr gut ohne turhauptstadt Europas 2010“: Der Slogan nehmen. Dass es aber durchaus auch Sinn
den anderen geht, doch wie kann es ein gu- „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wan- machen kann, kleinere Galerien zu fördern,
tes Miteinander geben? del“ steht hier beispielhaft für den epocha- ist vielen nicht bewusst. Wir haben in der
len Wertewandel einer von der Stahlindust- Region sehr gute Galerien, die eine Förde-
Der „Bilbao-Effekt“
rie und dem Bergbau geprägten Region, die rung verdient hätten. Für alle geht es darum,
fasziniert die Städte
nun Kultur als neue Standortqualität als substanzieller Teil des Kulturgeschehens
Eines der leuchtendsten Beispiele für die erkennt. erkannt und wertgeschätzt zu werden: Ohne
enge und erfolgreiche Partnerschaft aus Trotz vieler gegenseitiger Verflechtungen uns würde es ja auch keine junge Kunst
Kultur und Wirtschaft ist zweifelsohne das und Verbindungen ist jedoch das Verhältnis geben, viele interessante Bilder würden
Guggenheim-Museum in Bilbao. Bis heute zwischen Kultur und Wirtschaft keineswegs nicht in die Museen kommen.“ Trotz Finanz-
spricht man vom „Bilbao-Effekt“, den die- immer frei von Spannungen. Nicht selten krise, die das finanzielle Überleben der
ses expressiv-skulpturale, mit Titanzink gibt es gerade im Bereich des Kultursponso- Galerien erschwert, sieht Friese jedoch auch
verkleidete Bauwerk 1997 auslöste. Aus rings schwierige Partnerschaften. Auch hier positive Entwicklungen: „Ich denke, in der
einem vernachlässigten Stadtquartier schuf zeigt die Finanzkrise ihre Wirkung und Wahrnehmung von Kultureinrichtungen hat

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Foto: Chris Krämer

Kultur wird heute in der Region ernster genommen als noch vor einigen Jahren, stellt der Stuttgarter Galerist Klaus Gerrit Friese fest.

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Kunst ist auch eine Werteanlage, sagt Mario Strzelski von der Stuttgarter Galerie DECK. Foto: Chris Krämer Für Simone Schimpf, stellvertretende Direktorin des Kunst m

sich ein Wandel vollzogen. Nun muss aber Simone Schimpf, die stellvertretende Direk- Geben und Nehmen handeln muss: „Kultur-
noch klarer werden, dass die Vielzahl solch torin des Kunstmuseums Stuttgart. „Wir sponsoring ist für das Image eines Unter-
kleiner Einrichtungen wie Galerien in der haben eher einen Bildungsauftrag. Es geht nehmens von Bedeutung. Umgekehrt profi-
Summe sehr wohl von Bedeutung ist.“ Diese für uns nicht darum, mit Kultur das große tieren auch wir davon, wenn wir gefördert
Einschätzung teilt auch Mario Strzelski, der Geld zu verdienen. Vielmehr hat Kultur ent- werden.“ Diese wechselseitige Beziehung
in Stuttgart die Galerie DECK leitet. Für ihn scheidenden Einfluss auf das Image der sieht auch Marli Hoppe-Ritter, die renom-
ist Kultur ein Wirtschaftsfaktor, weil sie Stadt.“ Kultur ist deshalb für sie nach wie mierte Kunstsammlerin, die das 2005
auch Arbeitsplätze schafft: „Schließlich vor ein „weicher Standortfaktor“, obwohl erbaute Museum Ritter in Waldenbuch
arbeiten im Kulturbereich mehr Menschen dazu auch Dienstleistungen oder Tourismus gründete: „Im Idealfall sollten sich Kultur
als im Bankgewerbe. Das wissen viele nicht. gehören: „Wir sind kein zweites Bilbao. Das und Wirtschaft gegenseitig befruchten.
Auch dass man Kunst durchaus als Wertan- brauchen wir aber auch nicht, weil Stuttgart Jeder Bereich kann neue, frische Denkwei-
lage betrachten kann, muss man den Men- von vielen anderen Wirtschaftsfaktoren sen und Lösungsansätze in den jeweils
schen erst einmal vermitteln. Da geht es vor geprägt ist und keine ausgesprochene Tou- anderen einbringen, so dass Synergien wir-
allem um gute Öffentlichkeitsarbeit und das rismusstadt werden möchte.“ Geht es um ken können. Die bildende Kunst nimmt Ein-
Knüpfen von Kontakten.“ die Akzeptanz von Kultur, leisten große fluss auf die Wirtschaft, indem sie Produkt-
Ausstellungen, die überregional in den gestaltung und Design mitbestimmt.“
Kultursektor beschäftigt mehr
Medien besprochen werden, einen entschei-
Menschen als das Bankgewerbe Staatsoper wirbt offensiv
denden Beitrag, der sich nicht zuletzt an
um Privatsponsoren
Besonders für die größeren Museen in der den Besucherzahlen im Museum festmacht:
Region ist ein solches Kontaktnetzwerk eine „Damit bringt man sich ins Gespräch – auch Kultur meint aber insbesondere auch die
wichtige Voraussetzung. Ihr Fokus liegt bei anderen wichtigen Kulturinstitutionen.“ darstellende Kunst, die in gleichem Maße
dabei jedoch weniger in der Vermittlung der Und nicht nur dort, denn mit bedeutenden auf Kooperationen mit der Wirtschaft ange-
„Wertanlage Kunst“ als vielmehr in dem Ausstellungen erzielt man gleichsam die wiesen ist, ohne diesen direkten Einfluss
Sensibilisieren für das kulturelle Bild einer Aufmerksamkeit potenzieller Sponsoren. nehmen zu können. „Suchen Sie einen
Stadt. „Das Hauptziel der Kultur ist für uns Entscheidend für Simone Schimpf ist, dass neuen Partner?“ fragt die Staatsoper Stutt-

nicht der Wirtschaftsfaktor“, erläutert es sich beim Thema Förderung um ein gart sehr direkt in einer Broschüre

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Foto: Russ
Foto: Chris Krämer

st museums Stuttgart, zählt vor allem der Bildungsauftrag. Stimmt das Kulturleben nicht, kommen keine Fachkräfte, weiß Konzertveranstalter Michael Russ.

ihre potenziellen Sponsoren. „Um ein nicht immer unbedingt nah am kulturellen ger Konzertveranstalter gefestigt sieht, gibt
bestimmtes Angebot überhaupt machen zu Geschehen dran sind.“ es auch für ihn Handlungsbedarf: „Bislang
können,“ sagt Albrecht Puhlmann, der Die Lebensqualität einer Stadt bemisst hat das System aller Konzertveranstalter im
Intendant der Staatsoper, „sind wir auf sich für Albrecht Puhlmann sehr stark an klassischen Bereich funktioniert, aber durch
zusätzliche Unterstützung angewiesen. Für ihren Kultureinrichtungen, in denen er die demografische Entwicklung brechen uns
uns ist es daher immens wichtig, unser Part- wichtige Botschafter sieht: „Hier geht es um die jungen Leute weg, die zu Konzerten
nernetzwerk zu intensivieren und zu erwei- die Wahrnehmung Stuttgarts als eine kultu- gehen. Der Rückgang bei den Abonnenten
tern. Privates Sponsoring wird heute ganz rell gewachsene Stadt.“ Dabei zählt für ihn ist ein schleichender Prozess, der nicht auf-
gezielt eingesetzt und muss für beide Part- nicht nur das Image innerhalb Deutsch- zuhalten ist. Wenn die Entwicklung so wei-
ner passen – wie in jeder Beziehung.“ lands: Die Gastspiele des Staatstheaters im ter geht, werden wir ohne Subventionen
Stimmt also die Chemie zwischen den Part- nicht überleben können. Um die bisherige
nern nicht, kann es auch keine erfolgreiche Qualität zu halten, müssen wir in den nächs-
Foto: Martin Sigmund

Kooperation geben. Daneben ist für die ten Jahren unbedingt geeignete Partner ins
Gastspiele im
Staatsoper jedoch vor allem die öffentliche Boot holen.“ Bis heute hat der renommierte
Ausland tra-
Förderung von Bedeutung: „Wir sind sehr Konzertveranstalter außer der BW-Bank
gen den Ruf
froh“, so Albrecht Puhlmann, „dass wir von keine größeren Sponsoren – und auch von
Stuttgarts in
Stadt und Land trotz Einsparungswellen der Stadt erhält er keine Förderung. Ein
die ganze Welt,
gefördert werden – und wir nicht, wie etwa Umstand, den Michael Russ jedoch keines-
gibt Albrecht
in den USA, vor allem von privatem Spon- wegs nur negativ bewertet: „Dass ich nicht
Puhlmann,
soring abhängig sind. Auch unsere Partner- abhängig von der Stadt bin, kann ich trotz
Intendant der
schaft mit der LBBW ist für uns sehr wich- aller wirtschaftlichen Risiken auch als Frei-
Staatsoper, zu bedenken.
tig.“ Im Vergleich mit anderen deutschen heit schätzen.“ Russ weiß um die Bedeutung
Großstädten steht es nach Puhlmanns Ein- der Musikunterhaltung in der Region, die
schätzung um die Förderung des Staatsthe- Ausland sollen den Ruf Stuttgarts in die für ihn einen Schwerpunkt innerhalb der
aters noch recht gut: „Trotzdem gibt es aber Welt hinaustragen. Kulturlandschaft definiert. „Hier werden in
für uns immer noch Handlungsbedarf, allein Der Stuttgarter Konzertveranstalter Baden-Württemberg jährlich ungefähr 80
um das derzeitige Angebot überhaupt hal- Michael Russ (SKS Russ) betrachtet Kultur bis 90 Millionen Euro umgesetzt.“ Da Stutt-
ten zu können.“ Eine optimale Förderung eindeutig als harten Standortfaktor: „Wenn gart im Vergleich mit anderen deutschen
wird für ihn dadurch beeinträchtigt, dass Kultur nicht funktioniert, dann kommen Großstädten gerade auch im Bereich der
„diejenigen, die über die Verteilung der För- auch keine qualifizierten Fachkräfte in die Musikunterhaltung einen sehr hohen Stel-

dermittel im Kulturbereich entscheiden, Stadt.“ Obwohl er seine Position als wichti- lenwert besitzt, würde für Michael Russ

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PORTRÄT

Firmenleitbilder zum Anschauen


Die Sindelfinger Künstlerin Gundula Kern gibt den Leitlinien von Unternehmen konkrete Gestalt

Üblicherweise sind die Leitlinien eines Unter- Krawatten verbindet, hängt an einer der cherungskonzernen über produzierende
nehmens, die Grundsätze zu Kultur und Wer- hohen weißen Wände das Bild „Männer im Pharmaunternehmen bis zu EDV-Dienstleis-
ten, in Hochglanzbroschüren oder auf der Fir- Olymp“ von Gundula Kern. tern – ein erneuter Prozess zur Weiterent-
menwebsite nachzulesen. Die Sindelfinger „Unser Kontakt kam eher zufällig zustande“ wicklung der Unternehmenskultur angesto-
Malerin Gundula Kern zeigt, dass in solchen erinnert sich Bezner, „bei einem Besuch im ßen, meist in enger Abstimmung mit den Mit-
Aussagen so viel Kunst steckt, dass sie sogar Atelier von Frau Kern hatte ich zwei kleinere arbeitern.
an Wände gehängt werden können – zur Ins- Bilder gekauft, die heute in meinem Büro hän- Bezner denkt gern an den Kreativprozess
piration für Besucher und Mitarbeiter oder gen. Wenn ich am Schreibtisch sitze und diese zurück: Nach einem langen Gespräch über
sogar für die Unternehmensführung selbst. leuchtenden Farben betrachte, dann belebt geschäftliche und private Themen hatte Gun-
„Wir arbeiten viel mit Bildern,“ sagt Eberhard das ganz stark. Schließlich hatte ich den dula Kern zwei Entwürfe vorgelegt, er hatte
Bezner, Inhaber und Senior-Chef des weltweit Wunsch, unsere Firma auch auf diese Weise sich für einen entschieden und ihr ansonsten
tätigen Bietigheimer Hemdenherstellers porträtieren zu lassen.“ Aus Bezners Sicht völlige künstlerische Freiheit gelassen. „Das
Olymp, „wenn wir zum Beispiel unserem Füh- sollte sich jedes Unternehmen leisten, Kunst wäre auch anders gar nicht gegangen“, ist
rungskreis über die Arbeitsbedingungen der für sich erschaffen zu lassen: „Ich kann das Bezner überzeugt, „einem Künstler, der schöp-
Mitarbeiter im Ausland berichten, über neue nur empfehlen, dass man sich so etwas ‚antut’, ferisch tätig ist, dem kann ich sein Tun nicht
Techniken, Gebäude oder Maschinen, dann denn diese Auseinandersetzung mit sich selbst vorschreiben. Wenn die Richtung klar ist, muss
man es laufen lassen. Da ist schon noch mal
ein großer Unterschied zu einem Hemden-
schnitt“, sagt Bezner lachend und fügt hinzu
„heute ist es für meine Mitarbeiter und mich
immer wieder eine Freude, so etwas Schönes
zu betrachten und sich in die ‚Farbphiloso-
phie’ zu versenken. Unsere unternehmerische
Tätigkeit und das Thema Freundschaft kom-
men so gut zum Ausdruck.“
Das Motiv beeindruckte auch schon zahlrei-
che prominente Besucher wie den baden-
württembergischen Ministerpräsidenten Gün-
ther Oettinger. In Form von Grußkarten des
Unternehmens wurde es in die ganze Welt
ausgesandt.
Der „Hemdenpapst“, dem man seine gut sieb-
Foto: Sympra

zig Jahre kaum ansieht, sucht aber rastlos


nach weiteren unternehmerischen Aktionsfel-
dern. Sein neuestes ist ein Hotel in Bietig-
Die Kultur der Unternehmen ins Bild setzen – darauf hat sich die Die Sindelfinger Malerin heim, direkt an der Enz gelegen, und es wird
Gundula Kern spezialisiert. „vor allem ganz hell, mit viel Holz und dezen-
ten, hellen Farben.“ Auch die erste Kunstaus-
findet das im Gedankenaustausch vor der und dem eigenen Unternehmen aus einer ganz stellung im Hotel, das Anfang 2010 eröffnet
Videowand statt.“ Naturgemäß hat die Kunst anderen Perspektive – das weitet den Blick.“ werden soll, hat in seiner Vorstellung schon
in einem auf Design und Ästhetik orientierten Für die Künstlerin Gundula Kern ist die inten- klare Konturen angenommen: „Da war gleich
Unternehmen ihren Platz. Oberhalb der Ein- sive Auseinandersetzung mit der gelebten Fir- meine Idee, dass hier die Gundula Kern ihre
gangshalle im großzügigen Treppenhaus, wel- menphilosophie und, so weit vorhanden, mit Bilder zeigen sollte.“
ches die Verwaltungsbereiche mit den techni- den niedergeschriebenen Leitlinien die wich-
schen Abteilungen und dem Ausstellungsraum tigste Quelle der Inspiration. Oft wird durch Helmut von Stackelberg
mit seiner Farbenvielfalt von Hemden und ihre Bilder bei den Auftraggebern – von Versi- Sympra GmbH, Stuttgart

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Foto: Chris Krämer
„Wir begreifen uns als Dienstleister und denken unternehmerisch“, sagt Werner Schretzmeier, Leiter des Theaterhauses Stuttgart.

ein großer Wunsch in Erfüllung gehen, erhält Fördermittel von Stadt und Land. Festival: „Kultur ist mir sehr wichtig und
wenn die Stadt eine zweite große Konzert- „Und seit sieben Jahren ist die Mercedes hat in unserem Unternehmen auch eine
halle bauen würde – und sich damit „die Benz Bank unser Hauptsponsor, das ist gewisse Tradition.“ Ihr Sponsoring, das sich
Situation der ständig überbuchten Lieder- wunderbar für uns.“ Das Haus mit eigenem durch die räumliche Nähe am Stuttgarter
halle“ spürbar verbessern würde. Das Risiko, Ensemble für Theater und Tanz hat – inklu- Rotebühlplatz ergeben hat, sieht sie nicht
immer genau den Geschmack des Publi- sive Gastronomie – rund 120 fest ange- als Strohfeuer. Im Gegenteil, sie möchte
kums vorauszuahnen, dabei ebenso neue stellte Mitarbeiter. Und nicht zuletzt des- auch in den nächsten Jahren diese Partner-
wie etablierte Namen nach Stuttgart zu halb „müssen wir uns als Dienstleister schaft fortsetzen: „Trotz Finanzkrise werde
bringen, würde für ihn gleichwohl bestehen begreifen und unternehmerisch denken.“ ich nicht weniger fördern – wichtig ist mir,
bleiben. Dass Sponsoring im Kulturbereich nicht dass ich von der Veranstaltung überzeugt
Für Werner Schretzmeier, den Leiter des nur ein Thema für große Unternehmen ist, bin. Dann gebe ich auch gerne Geld für
Stuttgarter Theaterhauses, ist Kultur auf zeigt das Engagement des in Stuttgart und Kultur aus. Das gehört für mich zu meiner
jeden Fall ein Wirtschaftsfaktor. „Wir müs- Markgröningen ansässigen Einrichtungs- ‚Unternehmenskultur’.“ Geht es darum, den
sen mit Kultur Geld verdienen“, betont er. hauses „Ursula Maier Möbel“. Dessen geeigneten Partner zu finden, hat Sarah
„Rund drei Viertel unseres jährlichen Haus- Geschäftsführerin Sarah Maier fördert seit Maier konkrete Vorstellungen: „Wichtig

halts müssen wir selbst einspielen. Dazu 2008 das Stuttgarter Solo-Tanz-Theater sind für mich neben den großen
gehört ein großer sportlicher Ehrgeiz, dass
einen diese Last nicht erdrückt.“ Dieser
finanziellen Herausforderung hat sich Wer-
ner Schretzmeier seit der Gründung des
Theaterhauses 1985 erfolgreich gestellt.
Dennoch ist ihm bewusst, dass er für seine
Veranstaltungsformate unbedingt weitere
Unterstützung benötigt: „Das ist schwerer
als man glaubt, besonders in Zeiten der
Finanzkrise. Sponsoring ist eben etwas
Freiwilliges, das ist für uns immer ein Tanz
auf sehr dünnem Eis.“ Dass es sich beim
Stuttgarter Theaterhaus um ein Unikat han-
delt, das es in dieser Form europaweit nicht
mehr gibt, macht es als Veranstaltungsort
sehr interessant, beim Sponsoring hingegen
wirkt sich diese Einmaligkeit nicht immer
positiv aus: „Ich merke“, so Werner Schretz-
meier, „dass potenzielle Partner manchmal
etwas verunsichert reagieren, weil wir mit
unserem Profil etwas ganz Spezielles sind.“
Das Theaterhaus, das er als „Mischung aus
Staatstheater und Liederhalle“ bezeichnet,

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INTERVIEW

„Die Region wird zu


Norbert Daldrop
einem Filmstandort Geschäftsführer der
AV Communication
mit Profil“ GmbH, Ludwigsburg

 Herr Daldrop, inwieweit ist nach Ihrer Ein- ten Strukturen der stärker besetzten Film-
schätzung Kultur ein Wirtschaftsfaktor? standorte Berlin, Hamburg oder München.
Kultur ist im weitesten Sinne ein nicht zu unter-
schätzender Wirtschaftsfaktor. Denn damit – vor  Womit wird in Ludwigsburg Geld verdient?
allem mit der Hochkultur – sind nicht nur Opern- Mit TV-Produktionen? Werbung? Kino?
häuser, Museen und Ausstellungen, sondern Von allem etwas: Ludwigsburg ist keine
auch die kooperierenden Firmen der Kreativwirt- auf eine bestimmte Sparte fixierte Medien-
schaft verbunden, also Autoren, Regisseure, produktionslandschaft. Die privatwirt-
Kameraleute, Fotografen, Musiker, Designer. schaftlich arbeitenden Produktionsunter-
nehmen arbeiten an etwa 200 bis 400 Fil-
 Ist für Sie Kultur eher ein harter oder ein men pro Jahr, vornehmlich im Bereich des
weicher Standortfaktor? Wirtschaftsfilmes. Die TV-Produktionen
Die harten Standortfaktoren sind Arbeits- sind noch etwas rar, der Standort hat aber
Kulturförderung braucht langen Atem, findet Sarah Maier, G
plätze, Ausbildungsstätten, die Möglichkeit, auch hier seine Fähigkeiten bewiesen, TV-
als Absolvent einen Arbeitsplatz zu finden, Sendungen zu produzieren. Also ein All-
die gesamte Wirtschaftsstruktur. Zu den wei- round-Faktor, der sich sehr erfrischend auf Kulturinstitutionen gerade die kleinen,
chen Faktoren zählen die atmosphärischen die Medienproduktionsstruktur auswirkt. freien Einrichtungen. Sie machen die Stadt
Werte: Wohlfühlen, die Kneipenlandschaft, lebendig und lebenswert.“ Über diesen
das Angebot an Orten, wo man „sich trifft“.  Wie entwickelt sich aus Ihrer Sicht die Ansatz würden sich in der Region sicher
Diese weichen Faktoren sind eminent wich- Branche respektive der Standort? noch viele andere Kultureinrichtungen
tig, da sie im Wesentlichen den Charakter Ohne in Euphorie zu verfallen: Der Stand- freuen, die nicht zu den großen, etablierten
eines Wirtschaftsstandortes prägen: Hier ort entwickelt sich moderat. Dabei spielt der zählen. Besonders für sie wäre eine bessere
trifft man diesen und jenen Regisseur oder Südwestrundfunk als Auftraggeber eine Wahrnehmung beim Thema Kultursponso-
Schauspieler, den Autor, den Musiker. Es sie- wichtige Rolle. Die Filmakademie ist quanti- ring relevant.
deln sich Studios an, die Infrastruktur wächst, tativ der größte Produzent, neben dem Fern- Die starke wirtschaftliche Relevanz von
stufenweise entsteht ein Filmproduktions- sehsender. Die Privatwirtschaft bringt pro Kultur in der Region Stuttgart steht außer
standort mit Profil. Genau in diesem Prozess Jahr immer mehr Mittel auf, um Wirtschafts- Frage. Viele Dienstleister und Unternehmen
befinden wir uns im Moment. filme zu produzieren. Die Förderpolitik – als sind von dieser Partnerschaft abhängig.
Strukturpolitik – hat sich bewährt. Es ist ein „Kultur ist wichtig für das Bild der Stadt“,
 Hat der Filmstandort Ludwigsburg/Stutt- respektabler Standort entstanden, der mit stellt auch Bettina Klett von der Wirtschafts-
gart wirklich Gewicht oder ist er vielmehr ein sämtlichen Preisen und Awards ausgestattet förderung Stuttgart heraus. „Stuttgart hat
umhegtes „Biotop“ der Kulturpolitik? ist, vom Studentenoscar, der Goldenden sich gewandelt, ist attraktiver geworden.“
Der Filmstandort Ludwigsburg/Stuttgart Kamera bis zu Deutschen Filmpreisen. Besonders im Wettbewerb mit anderen Städ-
zählt sicherlich nicht zu den Schwergewich- ten hat das Image an Bedeutung gewonnen.
ten der baden-württembergischen Wirtschaft.  Spüren Sie die Folgen der Finanzkrise? „Wir brauchen Menschen“, so Bettina Klett,
Der Standort gibt vielmehr Raum für einen Es ist nicht zu leugnen, dass Unternehmen „die eine kulturelle Bildung haben – es geht
bedeutenden Faktor: die Kulturpolitik. Das in ihrer Kommunikationspolitik zuerst bei nicht nur um Technik. Ein Standort ohne
lässt sich daran erkennen, dass die Film- und den Medien beginnen, wenn es um Einspa- Kultur ist ein armer Standort.“ Der Region
Medienpolitik im Staatsministerium angesie- rungen geht. Aber die MFG, die Medien- und Stuttgart stellt sie ein gutes Zeugnis aus,
delt ist und nicht in einem zugeordneten Filmgesellschaft, ist dieser allgemeinen Spar- denn Kultur besetzt hier eine wichtige Posi-
Fachministerium. Falls der Begriff Biotop aktion nicht angeschlossen worden, die För- tion: „Neben dem Fahrzeug- und Maschi-
also genutzt werden soll: Ein Biotop ist ein derung der baden-württembergischen Spiel- nenbau ist sie eine der Leitbranchen der
schützenwertes Element einer Gesamtstruk- und TV-Filme wurde vielmehr aufgeforstet. Region. Würde sich Stuttgart nur als Auto-
tur. Es ist sichtbar unter Schutz gestellt und Genau diese Impulse sind notwendig, um mobilstadt verstehen, wäre der Nährboden
förderfähig, ganz anders als die flächenhaf- den Standort weiterhin zu unterstützen. für Kreativität und Innovation geschwächt –

und genau das ist Kultur.“ Bei der

14 10 | 2009 Magazin Wirtschaft | IHK


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Foto: Chris Krämer

Foto: Ritter

r, Geschäftsführerin des Einrichtungshauses Ursula Maier . Sponsoring darf kein Deckmantel sein, so Marli Hoppe-Ritter, Gründerin des Kunstmuseums Ritter.

Unterteilung in harte oder weiche Standort- stellungen einhergehen, die für die Gesell- chen. „Dies hat sich“, so Albrecht Puhl-
faktoren gibt Bettina Klett zu bedenken: „In schaft relevant sind.“ Auch Marli Hoppe- mann von der Staatsoper, „nicht nur hier
den Freiräumen, die Kultur unbedingt Ritter sieht die rein private Förderung nicht in den letzten Jahren merklich nach oben
braucht, ist es kontraproduktiv, wenn man unkritisch: „Es ist gut und richtig, dass die verschoben. Mit der Förderung des Kultur-
sie nur als harten Standortfaktor betrachtet. Wirtschaft durch Sponsoring und Spenden bereichs bewegt sich die Region bundes-
Kultur muss frei sein, ansonsten geht viel aktiv ist und somit viele interessante Pro- weit in der gesunden Mitte.“ Und beim
Innovatives und Experimentelles verloren.“ jekte überhaupt erst realisiert werden kön- nach wie vor recht hohen Kulturetat der
Um diese Freiheit zu erhalten, ist das nen. Allerdings darf dieses Engagement Stadt Stuttgart bleibt zu hoffen, dass sich
Thema Sponsoring von entscheidender nicht als Deckmantel missbraucht werden. dies trotz den Auswirkungen der Wirt-
Bedeutung. Im besten Fall besteht dabei Im Vordergrund sollte immer ein ethisches schaftskrise auch in den kommenden Jah-
eine Mischung aus privater und öffentlicher und moralisches Verhalten gegenüber Kun- ren so fortsetzen kann. „Ich sehe trotz
Förderung. „Kultur darf nicht in rein privat- den, Mitarbeitern und Geschäftspartnern allem große Chancen“, so Bettina Klett,
wirtschaftliche Hände gelangen“, sagt stehen.” „denn die verantwortlichen Akteure erken-
Simone Schimpf vom Stuttgarter Kunstmu- Für die Bedeutung von Kultur lässt sich nen heute besser, welchen Stellenwert

seum. „Der Kulturbereich sollte mit Frage- in Stuttgart ein hohes Bewusstsein ausma- Kultur hat.“

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