Sie sind auf Seite 1von 15
Schriftenreihe des Frankfurter Universitätsarchivs · Herausgegeben von N otker Hammerstein und Michael Maaser Band r

Schriftenreihe des Frankfurter Universitätsarchivs

· Herausgegeben von

N otker Hammerstein und Michael Maaser

Band r

Frankfurter Wissenschaftler

zwischen 1933 und 1945

Herausgegeben von Jörn Kobes und Jan-Otmar Hesse

00

WALLSTEIN VERLAG

32

CARSTEN KRETSCHMANN

wenn nicht zum Widerstand, so doch zu einem gewissen Abstand befähig- te. In dieser Perspektive allerdings waren die beiden Frankfurter Historiker doch sehr verschieden: Hier Platzhoff, der Juwelierssohn, der spät Karriere gemacht hatte, in den zwanziger Jahren nicht recht zum Zuge gekommen

war, sich dafür nach 1933 entschädigte und sich - mit einer Heraeus ver- heiratet - überhaupt gerne auf poliertem Parkett bewegte. Und dort Kirn,

der Theologensohn, unverheiratet und introvertiert ,1 ein Stubengelehrter, der

- von seiner Mutter umsorgt - lieber lateinische Sentenzen memorierte als bei Empfängen glanzvolle Reden zu halten. Albert Camus' skeptisches Wort, es gebe keine Gerechtigkeit, wohl aber Grenzen, gilt dabei für Kirn wie für Platzhoff. Diese Grenzen angemessen zu bestimmen, ist freilich nur bedingt möglich. Auch deshalb taugt der Historiker nicht zum Großinquisitor. Die moralischen Selbstgewißheit mancher Nachgeborener wird er so kaum be- friedigen. Stören darf ihn das nicht.

FRANK EsTELMANN / ÜLAF MÜLLER

Angepaßter Alltag in der Frankfurter Germanistik und Romanistik: Franz Schultz und Erhard Lommatzsch im Nationalsozialismus

Germanistik und Romanistik waren in Frankfurt 1933 Teil jener Philosophi- schen Fakultät, die im Februar 1933 etwa 300 männliche und 180 weibliche Studierende zählte. Die Institute für »Germanische« und »Romanische Phi- lologie«, wie die genaue Bezeichnung damals lautete, waren unterschiedlich . groß. Während die Germanistik über zwei Lehrstühle verfügte, hatte die Ro- · manistik nur einen einzigen Lehrstuhlinhaber. Die Germanistik hatte die Trennung von älterer und neuerer Abteilung bereits vollzogen und mit Hans Naumann und ab 1932 Julius Schwietering einen Spezialisten für mittelalter- liche Literatur, dem mit Julius Petersen und ab 1921 mit Franz Schultz ein Neugermanist zur Seite stand. In der Romanistik hingegen mußte ein einzi- ger Fachvertreter die gesamte Disziplin von den Anfängen bis zur Gegenwart und idealerweise von Portugal bis Rumänien, zumindest aber von Spanien über Frankreich bis Italien repräsentieren. Im folgenden soll von diesem einen Romanisten, Erhard Lommatzsch, und seinem neugermanistischen Kollegen Franz Schultz die Rede sein. Beide lassen sich als außerordentlich repräsentativ bezeichnen, da sie ihren Insti- tuten über gut dreißig Jahre vorstanden, ihre Frankfurter Karrieren in der Weimarer Republik begannen, die zwölf Jahre des Nationalsozialismus mit- machten und noch bis in die frühe Bundesrepublik im Amt blieben. Bei- de rechneten, als sie nach Frankfurt berufen wurden - Schultz 1921, Lom- matzsch 1928 - nicht zu den ganz großen Namen ihrer Disziplinen, sondern galten als solide Handwerker, von denen man sich keine besondere Strahl- kraft versprach. Nach 1945 galten beide offiziell als unbelastet, Lommatzsch sogar so sehr, daß er 1945 zum dreiköpfigen Untersuchungsausschuß gehörte, der das po- litische Verhalten der Mitglieder der Philosophischen Fakultät, u. a. auch das von Schultz, während der Nazizeit zu beurteilen hatte. Gerade, weil sich beide -mit dem Nationalsozialismus deutlich nicht gemein gemacht. haben, ist ihr Verhalten für eine Betrachtung des akademischen Normalbetriebs zwi-

34 FRANK ESTELMANN /OLAF MÜLLER

·1

sehen 1933 und 1945 aufschlußreich. Aufgrund dieser prinzipiell vergleichba- ren Grundhaltung lassen sich aber auch die Differenzen innerhalb der Ähn- lichkeit um so besser beschreiben.

Franz Schultz und die Frankfurter Germanistik

Franz Schultz wurde am + Dezember 1877 in Kulm an der Weichsel gebo- ren und katholisch getauft. Er nahm, nach dem Besuch des Gymnasiums in Danzig und in Kulm, 1896 in Berlin das Studium au[ 1900, also mit 23 Jahren, wurde er mit einer mit dem Grimm-Preis der Berliner Universität

ausgezeichneten Arbeit über Joseph Görres als Herausgeber, Litterarhistoriker, Kritiker im Zusammenhange mit der jüngeren Romantik promoviert, 1903

folgte in Bonn die Habilitation. 1909 veröffentlichte er eine große Arbeit zu den Nachtwachen des Bonaventura. Dieses 1804 anonym erschienene Werk der Jenaer Romantik, das die Germanistik vor Schultz unter anderen schon Clemens .Brentano, E.T.A. Hoffmann oder Dorothea Schlegel zugeschrie- ben hatte, erklärte Schultz mit großem philologischem Beweisaufwand zum Werk von Friedrich Gottlob Wetzei. Es ist zwar seit einigen Jahren bekannt, daß der wirkliche Autor der Nachtwachen Ernst August Klingemann ist, zum Zeitpunkt ihres Erscheinens fand Schultzens Wetzei-These allerdings zahlreiche Anhänger. 1910 erhielt er einen Ruf an die Universität Straßburg. · Dort wurde er 1912 zum ordentlichen Professor ernannt. Der Aufenthalt in Straßburg, wo er bis zum Kriegsende 1918 blieb, war für Schultz insofern prä- gend, als er die bis 1918 dort sehr verbreiteten Forschungen zum deutschen Kulturanteil in Elsaß-Lothringen auch nach 1918 und durch seine gesam- te Frankfurter Zeit hindurch auf literarhistorischem Gebiet weiterbetrieb. Schon in seiner Straßburger Zeit war Schultz im Vorstand einer Gesellschaft für elsässische Literatur, die sich mit Publikationen wie »Das Elsaß .und die poetische Literatur des Weltkriegs« von 1917 hervortat. Kurz nachdem er 1921, nach Intermezzi in Freiburg und Köln, den Ruf nach Frankfurt als Nachfolger des auf Erich Schmidts Berliner Lehrstuhl berufenen Julius Pe- tersen erhalten hatte\ gehörte er bereits zu den Gründungsmitgliedern des

Schultz war, ähnlich wie später Lommatzsch, nicht der Favorit der Fakultät. Auf der Vorschlagsliste, die die Fakultät am 6.7.1920 an das Ministerium in Berlin sandte, wurde sein Name unter fünf Kandidaten an letzter Stelle genannt. Auf Platz I stand Walther Brecht (damals Wien), Platz 2 teilten sich Harry Meyn (Bern) und Rudolf Unger (Halle), Platz drei Robert Petsch (Hamburg) und Schultz, der zu dem Zeitpunkt noch in Freiburg war. Die Laudatio hebt her-

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

35

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK 3 5 Franz Schultz, um 1938. (aus: H. Gumbel,

Franz Schultz, um 1938. (aus: H. Gumbel, Beiträge zur Geistes- und Kulturgeschichte der Oberrheinlande. Franz Schultz zum 60. Geburtstag gewidmet, Frankfurt 1938, Frontispiz).

Frankfurter Elsaß-Lothringen Instituts. Dieses Institut diente zunächst den heimatkundlichen Forschungsbemühungen der nach Kriegsende aus dem Elsaß und aus Lothringen vertriebenen Deutschen, trat aber, besonders nach 1933, auch mit dem Anspruch auf, den deutschen Charakter dieser Gebiete wissenschaftlich nachzuweisen und somit indirekt eine erneute Annexion im voraus zu legitimieren. Die in diesem Umfeld entstandenen Publikationen gehören zu den unmittelbar politisch verwertbaren unter Schultz' Arbeiten. Das Thema war ihm jedenfalls so wichtig, daß er sich nicht scheute, noch

1942 eine eher peinliche Anthologie Elsässische und lothringische Dichter: der

vor, er habe »namentlich für das elsässische Schrifttum und seine Geschichte durch die von ihm geleiteten Unternehmungen der >Gesellschaft für elsässische Literatur< ge~irkt«.An im engeren Sinne wissenschaftlichen Arbeiten weiß die Laudatio nur die Promotion über Görres und die Bonaventura-Arbeit zu nen- nen, Werke also, die 1920 bereits elf bzw. achtzehn Jahre zurücklagen. Stär- ker scheint man Schultzens »organisatorische Fähigkeit« geschätzt zu haben, vgl. die Unterlagen zur Petersen-Nachfolge in UAF, Abt. 1}0, Nr. 19, BI. 8-u, Zit. BI. II.

36 FRANK ESTELMANN I OLAF MÜLLER

jüngsten Vergangenheit zu veröffentlichen, deren literarischer Ertrag als sehr gering bezeichnet werden kann. Daß er damit allerdings, ohne sich durch be- sondere sprachliche Scheußlichkeiten im Vorwort oder an anderer Stelle zu kompromittieren, ein politisch durchaus opportunes Werk vorlegte, scheint ihn - bei aller ansonsten immer wieder reklamierten Distanz zum National- sozialismus - nicht weiter gestört zu haben. Schultz nahm seine Lehrtätigkeit in Frankfurt im Wintersemester 1921/22 auf, wobei er mit Veranstaltungen über »Die deutsche Literatur im Zeitalter des Humanismus, der Reformation und der Renaissance« und über »Hein- rich von Kleist« bereits zwei seiner Lieblingsthemen anbot. Zu seinem Re- pertoire gehörten, mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit zwischen 1921 und 1950, daneben noch Veranstaltungen über »Die deutsche Literatur zwischen Barock und Klassik«, zu Goethe und Schiller, zur Romantik und immer wieder auch zu zeitgenössischen Autoren, vorzugsweise George, Rilke und Hauptmann. Um so auffalliger ist es, wenn er im Wintersemester 1933/34 in einer als Studium generale konzipierten, neuen Veranstaltungsreihe auftauchte, die unter dem Titel »Volk, Staat und Politik« die Studenten auf nationalsoziali- stische Linie bringen sollte. In der allgemeinen Ankündigung zu der Reihe heißt es: »Der Student tut nicht genug, wenn er sich nur die technischen Fähigkeiten für seinen künftigen Beruf erwirbt. Er hat sich auch über wei- tere Zusammenhänge Gedanken zu machen, hat insbesondere das deutsche Volk, den deutschen Staat und seine Politik verstehen zu lernen«. 2 Diesem Tonfall gemäß, finden sich darin - durchgängig bis zum Sommersemester 1939 - Vorlesungen über »Vererbung und Auslese beim Menschen«, »Geist und Schicksal der deutschen Kunst«, »Völkische Geschichtsprobleme« oder den »Diktatfrieden von Versailles«. Da sich nicht mit Sicherheit sagen läßt, nach welchen Kriterien die einzelnen Veranstaltungen, die auch jeweils in den entsprechenden Instituten auf dem normalen Lehrplan standen, ausge- wählt wurden, und da sich darunter auch wesentlich harmloser klingende Titel finden, sollte man die bloße Tatsache, daß Schultz - wie auch Lom- matzsch - zu dieser Veranstaltungsreihe einen Beitrag leistete, nicht über- bewerten. Auffallig ist dennoch, daß Schultz seine Vorlesung in diesem Rahmen unter dem Titel »Volk und Erde in jüngster deutscher Dichtung« ankündigte. Da er zuvor keine ähnlich klingenden Veranstaltungen ange-

2 Vgl. den Ankündigungstext im Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester

1933·

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

37

'boten hatte - der Titel fallt deutlich aus dem Rahmen des sonst bei Schultz Üblichen -, muß man einen Fall von eilfertiger Überanpassung annehmen. Auffallig und möglicherweise symptomatisch für Schultz' äußeres Konfor- 1 mitätsbedürfnis ist es im übrigen ebenfalls, daß auch die Titel seiner ersten · Nachkriegsveranstaltungen im Wintersemester 1945/46 völlig einzigartig in seiner Frankfurter Lehrtätigkeit dastehen. Er kündigte plötzlich eine Vorle- sung über »Die deutsche Literatur des vorgoetheschen Jahrhunderts, insbe- sondere in ihren Beziehungen zur englischen und französischen Literatur« und ein Seminar zu »Heinrich Heine« an, zwei Themen, zu denen er vor I933 nie etwas angeboten hatte und die er auch ih den verbleibenden Seme- stern bis zu seinen letzten Ankündigungen für das Wintersemester 1950/ 51 nie wieder aufgreifen sollte. 3 In solchen offensichtlich symbolisch gemeinten Ankündigungen, mit denen Schultz nun seine Anpassungsfähigkeit auch an eine europäisch und demokratisch orientierte Wissenschaft dokumentierte, liegt, wie noch zu sehen sein wird, ein wichtiger Unterschied zu Lommatzsch und zur Frankfurter Romanistik insgesamt. Abgesehen von der erwähnten Vorlesung vom Wintersemester 1933/34, lassen jedoch weder die Titel von Schultz' sonstigen Veranstaltungen bis 1945, noch die Titel der bei ihm entstandenen Dissertationen 4 dieser Zeit irgendwelche Zugeständnisse an Nazisprachregelungen erkennen. 5 Im Detail

i !

·~

Allerdings hatte Schultz immerhin 1943 die Dissertation von Ulrich Jänecke über Lessing und Laurence Sterne betreut, was zumindest dem Titel nach über- raschend unzeitgemäß klingt.

4 Der Journalist Karl Korn, der zu Schultzens und Lommatzsch', vor allem aber zu Naumanns Studenten gehörte und von letzterem 1931 mit seinen mediävisti- schen Studien überfreude und truren promoviert wurde, spricht in seiner Auto- biographie davon, daß Schultz »eine germanistische Doktorfabrik« unterhalten habe, vgl. Karl Korn, Lange Lehrzeit. Ein deutsches Leben. Frankfurt 1975, n6. In der Tat hat Schultz in der Zeit zwischen 1921und1950 immerhin 216 Germa- nisten zum Doktortitel verholfen, darunter Werner Kraft (1925), Fritz Lands- hoff (1926), Wilhelm Emrich (1933) und Dorothea Hölscher-Lohmeyer (1937). Kriapp die Hälfte dieser Promotionen (105) fälit in die Zeit zwischen 1933 und 1944, 16 weitere werden noch zwischen 1946 und 1950 abgeschlossen, darunter einige, bei denen die mündliche Prüfung schon 1939 oder 1940 stattgefunden hatte. Was die Zahl und die Themen der bei Schultz entstandenen Disserta- tionen angeht, lassen sich also keine signifikanten Unterschiede zwischen den Jahren von 1933 bis 1945 und seiner restlichen Amtszeit feststellen. Bei den an einer Hand abzuzählenden Arbeiten, deren Tit~l nach Naziprosa klingen, sind der Germanist Hennig Brinkmann und einmal der Historiker Platzhoff Mitgutachter, vgl. Herbert Todt, Die deutsche Begegnung mit Afrika

38 FRANK ESTELMANN /OLAF MÜLLER

sind solche Zugeständnisse dann in Schultzens Schriften vereinzelt durch- aus wahrnehmbar, so wenn er in einer kleinen Einführung in die Deutsche Romantik von 1940 den jungen Friedrich Schlegel als »der Ausdauer und des inneren Haltes entbehrend, allen Einwirkungen offen, weich und lässig« beschreibt und damit begründet, »daß die aufkommende jüdische Emanzi- pation leichtes Spiel mit ihm hatte und er den klugen Berechnungen seiner Freundin und späteren Gattin Dorothea, der Tochter des Moses Mendels- sohn, unterlag« 6 . In der gleichen Schrift will er die besonderen Qualitäten von Novalis' Roman Heinrich von Ofterdingen damit erklären, daß sich die »jahrhundertealte Entwicklung eines niedersächsischen Uradelstammes, aus dem Friedrich von Hardenberg hervorgegangen war«, in diesem Werk »staut«, wie Schultz sich ausdrückt. 7 Man darf bezweifeln, daß Schultz, der ansonsten auf philologisch abgesicherte, logisch verfahrende Argumentati- on Wert legte, und für den das Wort »kritisch« einen entschieden positiven Klang hatte, 8 solche Sätze mit großer Überzeugung geschrieben hat. Ebenso darf man aber - gerade mit Blick auf Lommatzsch - bezweifeln, daß ihm irgend etwas passiert wäre, wenn er sie nicht geschrieben hätte. Daß er derar- tigen Unsinn wider besseres Wissen formulierte, zeigt zumindest, wie selbst ansonsten nachweislich gegen den Naziwahn resistente Köpfe für irrationale und antisemitische Sprachklischees anfällig werden konnten. Auch wenn solche Formulierungen aus heutiger Sicht befremden, muß man betonen, daß Schultz keine Nazigermanistik vertrat, wie das beispiels- weise seine Frankfurter Kollegen Hans Naumann, Hermann Gumbel oder Hennig Brinkmann sehr bewußt taten. Vor allzu großem Anpassungsdruck bewahrte Schultz sicher auch sein Alter, wie ein Gutachten von 1937 zeigt, in

im Spiegel des deutschen Nachkriegsschrifttums (1938), Heinz Lorey, Wesen und Form des Gemeinschaftserlebnisses in der deutschen Erzählungslitera- tur jüngster Zeit (1939) oder Ottilie Bode, Volkstum und Volkskunde in den Dichtungen Agnes Miegels (1944). Diesen wenigen Ausnahmen stehen die gut einhundert weiteren Titel der zwischen 1933 und 1944 entstandenen Arbeiten gegenüber, die vollkommen unauffällig sind.

6

Franz Schultz, Die deutsche Romantik, Köln 1940, 23-24.

7

Schultz, Romantik (wie Anm. 6), 28.

8

Selbst sein Schüler Hermann Gumbel, der sich als begeisterter Nationalsozia- list gerierte, lobte in einem der vielen Gutachten, die über Schultz kursierten, dieser sei ein »bedeutender, sehr gediegener, zuverlässiger und gründlicher Wis- senschaftler, der es sich bei seiner Forschung nicht billig leicht macht und nie zu blenden suchen wird. Er ist sachenvoll und verantwortungsbewußt in seiner Arbeit, produziert langsam und lässt ausreifen.« UAF Abt. 14, Nr. 26, BI. 14.

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

39

dem der Frankfurter NS-Dozentenbund auf eine Anfrage aus München rea- gierte. In München war ein germanistischer Lehrstuhl zu besetzen, und man erkundigte sich nun nach geeigneten Frankfurter Kandidaten. Im Begleit- schreiben zu den Gutachten, die der Frankfurter NS-Dozentenbund über die in Frage kommenden Germanisten Schultz, Gumbel und Kommerell

verfaßt hatte, heißt es:

»Prof. Schultz ist jetzt schon 60 Jahre alt, und ist, wie aus dem Gutachten hervorgeht, ein Mann, der in der alten Richtung aufgewachsen, und, wenn er auch im allgemeinen guten Sinnes ist, in ihr geblieben ist. Wenn Sie einen alten Mann haben wollen, der charakterlich in Ordnung und wissenschaftlich hochqualifiziert ist, dann dürfte Schultz geeignet sein, wird aber nicht mehr, auch wenn er hier und da Ansätze gezeigt hat, imstande sein, nationalsozialistische Wissenschaft zu betreiben. Anders i ist es mit Prof. Gumbel, der sich ganz eindeutig innerlich nationalsoziali- stisch eingestellt hat, und der als junger, ausgezeichneter Wissenschaftler sein Fach im nationalsozialistischen Sinne betreibt. Er ist schon seit län-

1 gerer Zeit Vertreter des Dozentenbundes in der Philosophischen Fakultät und hat dort ganz ausgezeichnete Dienste geleistet. Wir verlieren ihn nur

~ ~.

1 ungern, sehen aber ohne Weiteres ein, dass wir ihn hier solange nicht hal-

i ten können, bis der Lehrstuhl, den jetzt Schultz inne hat, frei geworden ist. Dozent Dr. Kommerell ist vom nationalsozialistischen Standpunkt

abzulehnen.« 9

Wie aus diesem Schreiben deutlich hervorgeht, spekulierten die NS-Vertre- ter an der Universität darauf, als Nachfolger für Schultz einen Nationalso- zialisten einzusetzen. Schultz betrachteten sie, »auch wenn er hier und da Ansätze gezeigt hat«, wie es im Gutachten heißt, jedenfalls nicht als einen der ihren. Hermann Gumbel starb bereits I939, aber die Gefahr, den neuger- manistischen Lehrstuhl an einen Nazigermanisten zu verlieren, bestand of- fensichtlich weiter, als Schultz I942 das Pensionsalter erreichte. Die Fakultät setzte damals durch, daß Schultz auch nach Erreichen des 65. Lebensjahrs noch im Amt blieb, was der Prüfungsausschuß zur Entnazifizierung der Phi- losophischen Fakultät im September 1945 als bewußte Strategie darstellte. Im Urteil über Schultz, das der aus den Historikern Gelzer und Kirn und dem Romanisten Lommatzsch bestehende Ausschuß verfaßte, wird dieser

Umstand ausdrücklich genannt:

9 Personalakte Franz Schultz, UAF Abt. 14, Nr. 26, BI. 13.

40 FRANK ESTELMANN /OLAF MÜLLER

»Eine engere Verbindung mit dem Nationalsozialismus kam für [Schultz]

nicht in Frage, da er bis 1933 im anderen Lager stand, insbesondere auch in jüdischen Kreisen verkehrte. Er fühlte sich darum gefährdet und such- te Anstoß zu vermeiden, wurde aber vom Kurator Wisser wegen Verkehrs mit Juden verwarnt. Sein inneres Verhältnis zum Nationalsozialismus än- derte sich nicht. Als er 1942 die Altersgrenze erreichte, beantragte die Fakultät die Verlängerung seiner Lehrtätigkeit, um zu verhüten, daß ein Kandidat des NS-Doientenbundes auf diese wichtige Professur gesetzt werde. Es gelang dem Rektor, einen Einspruch des Dozentenbundsfüh-

rers zu verhindern. « 10

Vielleicht muß man die Zweideutigkeiten in Schultzens Arbeit nach 1933 dem zuschreiben, was hier als Versuch, »Anstoß zu vermeiden«, bezeichnet wird und was im Gutachten des NS-Dozentenbundes als »Ansätze« gedeutet wurde. Sicherlich war die Germanistik ideologischer Instrumentalisierung auch stärker ausgesetzt als die Romanistik. Dennoch läßt sich damit allein wohl nicht erklären, warum sich der Romanist Erhard Lommatzsch unter vergleichbaren Bedingungen auffallend anders verhielt, wie noch zu sehen sein wird. Problematisch ist im Fall Schultz vor allem die Rekonstruktion und die Beurteilung seines Verhaltens unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, wie schon seine Beteiligung an der oben erwähnten Vor- lesungsreihe vermuten läßt. Die Vorwürfe, die gegen ihn in den wenigen neueren Studien, in denen sein Name noch auftaucht, erhoben werden, sind jedenfalls so schwerwiegend wie schwer zu beweisen. So liest man in Ger- hard Sauders Aufsatz zum Verhalten deutscher Germanisten anläßlich der Bücherverbrennungen vom ro. Mai 1933: »Der Frankfurter Germanist Franz Schultz nahm im Talar an der örtlichen Bücherverbrennung teil. In seiner ersten Vorlesung unter dem NS-Regime dankte er der Vorsehung dafür, daß eine klägliche Zeit mit einer ebenso kläglichen literarischen Produk- tion nun vorüber sei.«n Diese Behauptung, die auch Burkhardt Lindner in seiner Arbeit über Walter Benjamins Frankfurter Habilitationsversuch refe-

riert, 12 stützt sich auf Ausführungen in

Werner Fulds Benjamin-Biographie

IO

Personalakte Franz Schultz, UAF, Abt. 4, Nr. 1698, BI. 30.

II Gerhard Sauder, Akademischer »Frühlingssturm«. Germanisten als Redner bei der Bücherverbrennung, in: Ulrich Walberer (Hrsg.), IO. Mai 1933· Bücherver- brennung in Deutschland und die Folgen, Frankfurt 1983, 140-159, Zitat: 143·

12 Burkhardt Lindner, Habilitationsakte Benjamin. Über ein >akademisches Trau- erspiel< und über ein Vorkapitel der »Frankfurter Schule« (Horkheimer, Ador-

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

4I

von 1979· Do~t heißt es über Franz Schultz, den germanistischen Gutach- ter von Benjamins Habilitationsschrift, er habe »in seiner ersten Vorlesung unterm Naziregime der Vorsehung dafür [gedankt], daß eine klägliche Zeit mit einer ebenso kläglichen literarischen Produktion nun vorüber sei«. Schultz habe »natürlich auch im Talar an der örtlichen Bücherverbrennung

teil[genommen]«. 13 Fuld belegt diese Äußerungen in seinem Buch nicht wei- ter, hat aber auf Nachfrage Burkhardt Lindners auf das »persönliche Zeugnis von Werner Fritzemeyer« verwiesen. 14 Fritzemeyer, 1907 in Halle geboren, war nach dem Studium der Geschichte, Philosophie und Germanistik in Leipzig, Heidelberg und Frankfurt im Dezember 1930 mit einer bei dem Frankfurter Historiker Georg Küntzel verfaßten Arbeit über Christenheit und Europa. Ein Beitrag zur Geschichte des europäischen Gemeinschaftsgefühls

von Dante bis Leibniz promoviert worden. 15 Nun steht die Zuverlässigkeit seiner Zeugenaussage allerdings in Frage. So ist zunächst der Umstand er- . staunlich, daß Fritzemeyer noch sieben Semester nach seiner historischen Promotion, nämlich im Sommersemester 1933, germanistische Vorlesungen gehört haben soll, auch wenn er sich an sie mehr als vierzig Jahre später noch im Wortlaut zu erinnern meinte. Weiterhin scheint die Gewißheit, mit der er Schultz bei der Bücherverbrennung in Frankfurt gesehen haben will, zweifelhaft. Sie würde voraussetzen, daß er entweder selber der Bücher- verbrennung beiwohnte oder einem kursierenden Gerücht gefolgt ist, denn andere, schriftliche Belege für Schultzens Teilnahme sind nicht überliefert. Die Frankfurter Tageszeitungen, die in ihren Berichten zum ro. Mai 1933 durchaus einige Prominenz erwähnen, sprechen jedenfalls nirgends über den angeblich im Talar anwesenden Ordinarius für neuere deutsche Literatur.

Da gerade dessen Anwesenheit bei diesem Anlaß natürlich äußerst erwäh- nenswert gewesen wäre, steht Fritzemeyers Aussage sehr isoliert da. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß Fritzemeyer seine Erinnerung aus zweiter Hand bezog, indem er Anfang der l97oer Jahre die Schultz betreffenden Passa- gen aus Ernst Erich Noths 1971 erschienenen Erinnerungen eines Deutschen nachlas. Jedenfalls nehmen sich die Äußerungen in dem von Fuld referierten

no) , in: Lili. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 14 (1984),

H. 53/54, 147-165.

13 Werner Fuld, Walter Benjamin. Zwischen den Stühlen. Eine Biographie, Mün-

chen 1979, 161.

,

14 Vgl.

15 Vgl. den Eintrag zu Fritzemeyer im Promotionsbuch der Philosophischen Fa-

Lindner (Anm. 12), 152, Anm . II.

kultät, UAF.

42 FRANK ESTELMANN /OLAF MÜLLER

Wortlaut wie Paraphrasen von Noths gleichfalls mit vierzigjährigem Abstand verfaßter Darstellung aus. Noth hatte ab dem Wintersemester 1929 in Frank- furt studiert und bei Schultz eine germanistische Promotion begonnen. Er war damals Mitglied der kommunistischen »Roten Studentengruppe«, dann

der Studentengruppe der Sozialistischen Arbeiterpartei und attestierte sei- nem Doktorvater nachträglich »eine tolerante Aufgeschlossenheit und so- gar einigen Mut«, da dieser mit Noths Arbeit über Die Gestalt des jungen Menschen im deutschen Roman der Nachkriegszeit ein sehr »zeitgebundenes

Thema [

gen hatte«. 16 Dennoch liest man in Noths Erinnerungen über Schultz, er habe »1933 zu den >Märzgefallenen<« gehört und »in seiner ersten Vorlesung unter dem Naziregime Gott dafür [gedankt], daß mit einer kläglichen ge- schichtlichen Periode eine ebenso klägliche literarische zum Abschluß ge- kommen sei. Die beiden höchsten Stützen unseres Faches [sc. Schultz und Hans Naumann], haben dann auch in Talarverkleidung an der von Goebbels befohlenen Bücherverbrennung teilgenommen (Naumann sogar als offizi- eller >Brandredner<)«. 17 Noths Behauptung, Schultz habe zu den »Märzge- fallenen«, also zu den nach dem Wahlsieg der Nazis vom März 1933 in die Partei eingetretenen Wendehälsen gehört, ist ausweislich der Personalakten falsch. 18 Auch die Bemerkungen zu Hans Naumann, der ohne jeden Zweifel ein begeisterter Nationalsozialist war, sind nicht ganz zutreffend. Naumann war zwar in der Tat offizieller »Brandredner«, allerdings nicht, wie Noth zu verstehen gibt, in Frankfurt, sondern in Bonn, wohin man ihn 1932 berufen

] gegen den Beschuß durch die Naumann-Gruppe zu verteidi-

16 Ernst Erich Noth, Erinnerungen eines Deutschen, Düsseldorf 1971, 190.

17 Noth, Erinnerungen (wie Anm. 16), 188.

18 In ~inem Fragebogen, den Schultz 1941 ausfüllen mußte, erwähnt er jeden- falls keine Mitgliedschaft in der NSDAP, vgl. Akten des Kurators (Personal- hauptakte Franz Schultz), UAF Abt. 14, Nr. 26, BL I. Im September 1945 hat- te der juristische Hauptuntersuchungsausschuß an der Universität, gestützt auf das Urteil der Kommission der Fakultät, dies noch einmal bestätigt und Schultz als unbelastet im Amt belassen: »Der Antragsteller hat ausser der NSV, dem Altherrenbund und der Reichsdozentenschaft nur dem Bund der Reichs- kulturkammer sowie der Deutschen Akademie, Abtlg. für Sprache und Litera- tur, dagegen weder der Partei noch einer ihrer Gliederungen angehört. Wohl war er 1933, wie zahlreiche, sich sonst vom Nationalsozialismus fernhaltende Universitäts -Professoren, als sogenanntes förderndes Mitglied der SS beigetre- ten; dem Ausschuss ist jedoch bekannt, daß dies keine weiteren Bindungen und Pflichten, als die Zahlung eines Geldbetrages, bedeutete, und dass sehr viele als derartige Förderer nur deshalb beigetreten sind, um sich so vor weiteren Ansprüchen der Partei zu schützen.« (UAF, Abt. 4, Nr. 1698, BI. 31).

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

43

hatte. 1 9 Es verwundert nicht, daß Noth sich an Schultzens Vorlesungen vom April 1933 und an die Bücherverbrennung vom Mai nur ungenau 'erinnern kann, da er sich zu dieser Zeit überhaupt nicht mehr in Deutschland auf- hielt und also keinesfalls Augenzeuge des Geschilderten gewesen sein kann. Als unmittelbar gefährdeter Regimegegner hatte er Deutschland bereits im März 1933 verlassen. 20 Es läßt sich also als Zwischenstand festhalten, daß die Anschuldigungen gegen Schultz bislang auf Fulds nicht gekennzeichnetem Zitat aus Fritzemeyers Zeugnis beruhen, der seinerseits wahrscheinlich bei Noth abgeschrieben hat, der selbst wiederum den Geschehnissen nicht hat

beiwohnen können. Auch ein Gespräch mit der Germanistin und Zeitzeugin Dorothea Höl-

scher-Lohmeyer, das wir im

1 konnte keine abschließende Gewißheit bringen. Die bekannte Goethe-For- scherin war ab 1933 Studentin der Germanistik in Frankfurt, und an ihrer
1 Promotion von 1937 beim damaligen Privatdozenten Max Kommerell war auch Franz Schultz beteiligt. Frau Hölscher, die bei Schultzens ersten Vor-

lesungen im Sommersemester I933 tatsächlich anwesend war 2 2, kann sich, wenn auch nicht mehr im Wortlaut, an deutlich pronazistische und antise- mitische Äußerungen vor einem Publikum von mehr als hundert Hörern erinnern, von denen ein großer Teil uniformiert erschienen sei. Doch auch

Rahmen unserer Recherchen führen konnten 21

,

19 Vgl. Otfrid Ehrismann, »Ein schäbiger Konjunkturismus des damals Üblichen war ihm fern«. Hans Naumann und seine bundesrepublikanische Rezeption, in: Frank Fürbeth, Pierre Krügel, Ernst Erich Metzner, OlafMüller (Hrsg.), Zur Geschichte und Problematik der Nationalphilologien in Europa. 150 Jahre Er- ste Germanistenversammlung in Frankfurt am Main (1846- 1996), Tübingen 1999, 603- 618, hier 6rn. Seit 1932 war in Frankfurt Naumanns Nachfolger Ju- lius Schwietering aktiv.

20 Vgl. Ernst Erich Noth, Die Gestalt des jungen Menschen im deutschen Roman der Nachkriegszeit, Frankfurt am Main 2001, 9-rn. Es handelt sich hierbei um den Text von Noths 1933 bei Schultz eingereichter Dissertation. Das Verfahren wurde wegen Noths Flucht nach Frankreich unterbrochen und konnte erst 1971 abgeschlossen werden. Der 1909 geborene N oth hatte 1931 mit großem Erfolg den Roman Die Mietskaserne veröffentlicht.

21 Gespräch in München am 18. März 2005.

22 Schultz las im Sommer 1933 laut Vorlesungsverzeichnis über »Das deutsche Drama vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart«, hielt Seminare über »Geniezeit, Klassik, Romantik in der deutschen Geistesgeschichte« und über »Deutsche Balladendichtung«, sowie ein Proseminar mit seinem Assistenten Gumbel »Übungen zur Einführung in die neuere deutsche Literaturgeschich- te«.

44 FRANK ESTELMANN / OLAF MÜLLER

wenn diese Erinnerung zumindest inhaltlich die Aussagen Noths in Bezug auf die Vorlesung bestätigen würde, hält Frau Hölscher es für ausgeschlossen, daß sich eine Beteiligung Schultzens an der Bücherverbrennung, wenn es eine solche denn gegeben hätte, nicht am Seminar oder an der Universität herumgesprochen hätte. Sie hat jedoch davon nie etwas gehört. Stadtbekannt sei hingegen gewesen, daß Schultz vor 1933 als politisch liberal galt und viele Freunde und Bekannte im jüdischen Bürgertum Frankfurts hatte. Daß das keine Anbiederung bei den Nazis nach 1933 entschuldigt, ist keine Frage, daß es ihn unter einen zumindest subjektiv empfundenen Rechtfertigungs- druck gesetzt haben mag, ist jedoch denkbar. Zutreffend ist jedenfalls die Bemerkung der Entlastungskommission von 1945, Schultz sei vom Kurator der Universität wegen »Umgangs mit Juden« verwarnt worden. Im Februar 1937 war bei der Universitätsleitung eine anonyme Denunziation eingegan- gen, in der mitgeteilt wurde, Schultz pflege »eifrigen Verkehr mit dem Juden Rudolf Strauß, Weinhändler, Liebigstrasse 33«, und die beiden seien regel- mäßig im Grüneburgpark »in Eintracht auf Spaziergängen anzutreffen«. 23 Die Denunziation war vermutlich aus Schultz' nächster Umgebung erfolgt, da der Denunziant noch zutreffend ergänzen konnte: »Schultz ist Mitglied des NSD-Dozentenbundes, der Reichskulturkammer. Förderndes Mitglied der SS.« Schultz wurde darauf zum Kurator der Universität, August Wisser, zitiert, der Anfang April 1937 an die Kreisleitung der NSDAP über sein Ge- spräch mit dem angeschwärzten Germanisten berichtete. Aus dem Bericht läßt sich nicht auf ein besonders mutiges Auftreten Schultz' gegenüber dem Kurator schließen, aber immerhin hat er in dieser unwürdigen Situation, in der sich ein sechzigjähriger Universitätsprofessor für einen Umgang zu recht- fertigen hat, den er bis dahin nicht als anstößig empfunden hatte, noch ein- gewandt, daß er »geglaubt habe, den 70 jährigen Mann nicht durch schroffe Ablehnung verletzen zu sollen«. 24 Aus all dem ergibt sich vielleicht kein übermäßig sympathisches Bild des Frankfurter Neugermanisten; bis zum Beweis des Gegenteils sollte man ihn jedoch nicht in die gleiche nazitreue Gruppe einordnen, zu der sich Hans Naumann oder Hennig Brinkmann rechnen lassen. Vielmehr zeigt der Fall Schultz, so wenig wichtig er an sich sein mag, auf exemplarische Art und · Weise, wie schwer es ist, selbst bei recht reichhaltiger Aktenüberlieferung

23 UAF, Abt. 141, Nr. 457, BI. n3.

24 Schreiben von Wisser vom 9.4.1937 an die Kreisleitung der NSDAP in der Gut- leutstraße 12, UAF, Abt. 141, Nr. 457, Bl. n4.

·t

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

45

und der Möglichkeit, Zeitzeugen zu konsultieren, zu eindeutigen Aussagen über die Aktivitäten vieler deutscher Ordinarien während des Nationalso- zialismus zu kommen. Vergleicht man ihn schließlich mit seinem roma-

nistischen Kollegen Erhard Lommatzsch 25 , wirkt Schultz'

Haltung gegen-

über dem Nationalsozialismus gewiß kompromißbereiter, doch waren die deutsche Klassik und Romantik und das Elsaß nach 1933 eben auch stärker politisierte Themen als die altfranzösische Sprachgeschichte - Lommatzschs wichtigstes Forschungsgebiet. Dies erklärt zumindest zum Teil, warum ein nicht außerordentlich prinzipienfester Wissenschaftler sich leichter in der Verlegenheit sah, rhetorische Zugeständnisse an den Nazijargon zu machen.

Erhard Lommatzsch und die Romanistik

Erhard Lommatzsch konnte man nach 1945 nicht nachsagen, er wäre anfäl- lig gegenüber nationalsozialistischem Gedankengut gewesen. Er war eines

der drei Mitglieder des Ausschusses, der im September I945 das Verhalten von Angehörigen der Philosophischen Fakultät während des >Dritten Reichs< prüfen sollte. »Anybody who knew him, was aware that he did not approve

ofNazism« 26 , heißt es in den

Unterlagen des >Entnazifizierungs<-Verfahrens,

das ihn schnell entlastete. Er selbst bezeichnete sich in einem Brief I946 als »politisch vollkommen unbelastet«. 27

1 1 Lommatzsch, geboren am 2. Februar 1886 in Dresden, evangelisch-lu-
! therischer Konfession, Sohn eines Königlichen Oberförsters, hatte nach dem Abitur eine längere kunstgeschichtliche Italienreise unternommen und nach seinem Militärdienst 1905 in Berlin das Studium der klassischen, germani- schen und romanischen Philologie aufgenommen. 28 I9IO wurde er bei Adolf

r:

25 Schultz und Lommatzsch haben mehrere Dissertationen gemeinsam betreut, darunter die der später als germanistische Barockspezialistin bekannt geworde- nen Maria Elida Szarota (1934 mit einer romanistischen Arbeit über Gautier de Coincy) und noch die letzte bei Schultz angefertigte Arbeit von Willi Ohlen-

dorf über August Wilhelm

Schlegel und die französische Literatur (1950).

26 UAF, Akten des Rektors, Ausgeschiedene Mitglieder des Lehrkörpers, Abt. 4, Nr. 704 (Personalakte Erhard Lommatzsch), Bl. 16.

27 So in einem handschriftlichen Brief vom 4. Mai 1946 an den Rektor der Uni- versität, in dem Lommatzsch seinem Erstaunen darüber Ausdruck verleiht, daß sein Vermögen nach dem Militärgesetz Nr. 52 beschlagnahmt worden sei; in:

UAF (wie Anm. 26), BI. 14.

28 Die biographischen Angaben sind dem Lebenslauf im Anhang von Lom- matzschs Dissertation entnommen; vgl. Erhard Lommatzsch, System der Ge-

46 FRANK ESTELMANN / OLAF MÜLLER

4 6 FRANK ESTELMANN / OLAF MÜLLER Erhard Lommatzsch. Tobler und Heinrich Morf in Berlin mit

Erhard Lommatzsch.

Tobler und Heinrich Morf in Berlin mit einer Arbeit promoviert, die mit Hilfe von Darwins The Expressions ofthe Emotions in Men and Animals und der Wundtschen Völkerpsychologie den Versuch unternahm, die unbewußte und intendierte Gebärdensprache in der altfranzösischen Literatur systema- tisch zu erfassen. Die 1913 in Greifswald abgeschlossene Habilitationsschrift über das Werk des altfranzösischen Mirakeldichters Gautier de Coincy war kulturgeschichtlich und soziologisch ausgerichtet. Lommatzsch stellte Gau- tier de Coincy darin als »eindringliche[n] Sittenprediger« und »Satirische[n] Beobachter und Kritiker« seiner Zeit - des r3. Jahrhunderts - dar. 29 1921 wurde Lommatzsch als ordentlicher Professor nach Greifswald berufen. 1928 erhielt er den Ruf nach Frankfurt am Main, an ein junges, aufstrebendes romanisches Institut. Der Schweizer Romanist Heinrich Morf, der zwischen

1902 und 1910 an der Frankfurter Akademie für Sozial- und Handelswissen-

schaften lehrte und anfangs auch ihr Rektor war, hatte bereits 1902 damit begonnen, eine prä-universitäre, praxisnahe romanische Philologie in Frank-

bärden. Dargestellt auf Grund der mittelalterlichen Literatur Frankreichs. Diss. phil. Berlin l9IO, o. A.

29 Erhard Lommatzsch, Gautier de Coincy als Satiriker, Halle a. S. 1913, 3-5.

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

47

fort zu etablieren. Mit Morfs Nachfolger, Matthias Friedwagner, ebenfalls einem Vertreter der neueren Literatur- und Sprachgeschichte, war die Frank- furter Romanistik nach einer schwierigen ersten Zeit, in der noch di~Fremd- sprachenvermittlung und der Fortbildungsaspekt im Zentrum standen, als Institution zu nationalem Ansehen gelangt. 30 Ihre nicht unerhebliche Bedeutung zeigte sich schon 1928 in der Beru- fungsangelegenheit für Friedwagners Nachfolge. Auf den ersten Platz hatte die Philosophische Fakultät den berühmtesten Romanisten seiner Zeit ge- setzt, Karl Vossler, ehemals Rektor in München und schulbildender Vertreter einer mit Kultur- und Ideengeschichte verknüpften, idealistischen Philolo- gie. Von ihm konnte man ernsthaft annehmen, er würde in Erwägung zie- hen, nach Frankfurt zu wechseln.31 Auch wenn Vossler nach einigem Hin und her schließlich mit der Begründung absagte, die Bibliothekssituation in Frankfurt sei ungenügend und das im Aufbau befindliche Institut würde zu viel organisatorischen und praktischen Aufwand beanspruchen, konnte es sich durch sein bloßes Interesse geadelt fühlen. 32 Auch der auf den zweiten Platz in der Berufungsliste gesetzte Ernst Robert _Curtius war als ausgewie- sener Kenner der französischen Gegenwartsliteratur ein renommierter jün- gerer Romanist. Da auch er absagte, mußte sich die Philosophische Fakultät in Erhard Lommatzsch am Ende mit dem Drittplazierten der Berufungs- liste begnügen, der nicht als Idealbesetzung erschien. Seine Schwerpunkte lagen eindeutig im Altfranzösischen und damit im traditionellsten Bereich

30 Zur frühen Geschichte der Frankfurter Romanistik vgl. insbesondere Jürgen Erfurt, An den Schwellen des Wandels: Romanistik in Frankfurt am Main in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Grenzgänge 16, 2001, 45-57.

31 Vgl. den Berufungsbericht des Dekans Franz Schultz (vom 3I. Januar 1928):

»Die Fakultät würde den Namen des berühmten Gelehrten, letzten Münchener Rektors [= Vossler], hier nicht zu präsentieren wagen, wenn sie nicht sehr gute Gründe hätte zu glauben, daß er eine Uebersiedlung nach Frankfurt minde- stens in ernsteste Erwägung ziehen wird«; in: UAF, Akten des Kurators, Abt. 14 (Personalakte Erhard Lommatzsch), Nr. 458, Bl. 7.

32 Vossler sagte in einem handschriftlichen Brief (vom 4. April 1928) an den Rek- tor der Universität Frankfurt ab, in dem es unter anderem heißt: »Den letzten Ausschlag gab schließlich die Einsicht in die Bibliotheksverhältnisse, die für Forschungszwecke eines Romanisten in Frankfurt sehr viel ungünstiger sind als ich mir vorstellte; - wozu sich mehr u. mehr die Besorgnis gesellte, daß eine so junge aufstrebende Universität größere Forderungen an organisatorische u. praktische Tätigkeit stellt als ich glaube leisten zu können«; in: UAF, Akten des Kurators, Abt. 130, Nr. 17.

l

•.'.t

.

'

1

•.'.t . ' 1 1 l

1

l

48 FRANK ESTELMANN / OLAF MÜLLER

romanischer Philologie. 33 Lommatzsch hatte nicht nur seine beiden Quali- fikationsschriften über altfranzösische Themen verfaßt, sondern auch 19rn von seinem Lehrer Adolf Tobler das noch unpublizierte Altfranzösische Wör- terbuch geerbt. Es bestand, wie er später selbst angab, aus »sechs Blechkä- sten mit über 20 ooo Zetteln und 200 ooo Zeilen« 34 , die er im Laufe seiner Frankfurter Zeit erweitern und fast vollständig publizieren sollte. Zeichnete das Erbe des Toblerschen Wörterbuchs Lommatzsch auch als einen renom- mierten Vertreter der romanistischen Mittelalter-Philologie aus, machte ihn eben das für Frankfurt weniger interessant als Vossler und Curtius. Franz Schultz sprach als der damalige Dekan der Fakultät in seinem Berufungsbe- richt von Lommatzsch schlicht als einem »ausgezeichneten Gelehrten der er-

probten älteren philologischen Schulung und Richtung«. Man dürfe »einen soliden und doch zugleich regsamen Geist in Lommatsch [sie!] sehen, dessen Interessen sich allmählich weiter spannen werden, der sich aber immer da- bei bemühen wird, die schwierig festzuhaltende Einheit der Romanischen Philologie zu bewahren.« 35 Die Vorbehalte, die Lommatzsch gegenüber in Frankfurt existierten, zeigten sich nicht nur in der unterkühlten laudatio von Schultz, sondern auch darin, daß eine Minderheit der Fakultät, angeführt von den Klassischen Philologen Karl Reinhardt und Walter F. Otto, seine Berufung im laufenden Verfahren zu verhindern versuchte, indem sie den

später in der NS-Zeit vertriebenen Humanismus-Spezialisten Leo Olschki

für den vakanten Lehrstuhl vorschlug. 36 Doch trat Lommatzsch am r. Okto-

vorschlug. 3 6 Doch trat Lommatzsch am r. Okto- ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

49

ber 1928 die Position des ordentlichen Professors für Romanische Philologie in Frankfurt am Main an und behielt sie über die Zeit des Nationalsozialis-

. Eine der letzten Amtshandlungen Lommatzschs als Dekan der Philoso-

phischen Fakultät, zu dem er 1932 einstimmig gewählt worden war, bestand

1933 darin, das nationalsozialistische Gesetz zur Wiederherstellung des Be- rufsbeamtentums vom 7. April 1933 umzusetzen. Dieses Gesetz kostete eini- ge seiner als nicht-arisch geltenden Kollegen aus der Fakultät, darunter Max

die Emigration. 37 Wenn er sich

Posten des Dekans zurückzog 38 ,

hatte Lommatzsch die ersten Implikationen nationalsozialistischer Univer- sitätspolitik erfahren und bürokratisch umgesetzt. Doch blieb dies die wohl schwerwiegendste Konzession, die er den nationalsozialistischen Zwängen machte. Als Direktor des Romanischen Instituts, der er von Amts wegen war, hatte Lommatzsch im weiteren Verlauf der l93oer Jahre damit zu kämpfen, daß das ihm unterstellte Seminar vom Zerfall bedroht war. Es gehörte der inzwischen kleinsten Fakultät der Universität an, deren Studentenzahlen sich im Laufe der l93oer Jahre auf 30 % des Standes vom Ende der l92oer Jahre

Horkheimer, den Posten und zwang sie in auch turnusgemäß im November 1933 vom

mus hinweg bis 1954·

ben, dass die Gewinnung Olschkis angesichts der Aufgaben der Frankfurter Universität von außerordentlicher Bedeutung sein würde und bitten ihr Urteil zu Gehör bringen zu dürfen, dass der Name Olschkis neben, wenn nicht vor

33 Zur Konstitutionsgeschichte der Romanistik im 19. Jahrhundert und den dis-

1985.

Lommatsch [sie!] zu stellen sei.«

ziplinären Themenschwerpunkten vgl. Hans Helmut Christmann, Romanistik und Anglistik an der deutschen Universität im 19. Jahrhundert. Ihre Herausbil- dung als Fächer und ihr Verhältnis zu Germanistik und klassischer Philologie. (Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der Geistes-

37 Vgl. das Protokollbuch II (vom 18. Juni 1923 bis 22. Mai 1935) der Philosophi- schen Fakultät der Universität Frankfurt. Schon in der Fakultätssitzung am 20, April 1933, das Lommatzsch erstellt und unterschrieben hat, ist der Name Horkheimer als »beurlaubt« aufgeführt.

und Sozialwissenschaftlichen Klasse, Jg. 1985~), Mainz/Wiesbaden/Stuttgart

38 Interessant ist die Wortwahl, in der die Fakultät am 17. November 1933 in einem von Gelzer, Jantzen und Schwietering gezeichneten Brief an den Rek-

34 Zum rno. Geburtstag Adolf Toblers, in: Zeitschrift für Ro-

manische Philologie LVII, 1935. Neuabdrucke in: Lommatzsch, Kleinere Schrif- ten zur romanischen Philologie, Berlin 1954, 155-160, sowie in: Lommatzsch, AdolfTobler und sein Altfranzösisches Wörterbuch. (Bayerische Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse. Sitzungsberichte, Jg. 1965,

Erhard Lommatzsch,

tor Lommatzschs persönliche Erklärung vor der Fakultät wiedergab, in der Lommatzsch begründet hatte, warum er nicht weiter als Dekan zur Verfü- gung stehe. Lommatzsch habe auf seine einjährige Dekanstätigkeit und auf die »jetzt erfolgende[n] Neuordnungen der Fakultäten« hingewiesen, die eine »neue Kraft« b~nötige. Zudem wolle er sich wieder stärker wissenschaftlichen

H. 6.) München 1965, hier II.

Fragen widmen: »Aus diesen Gründen, und nur aus diesen Gründen [

]

bäte

35 Wie Anm. 3i.

36 Vgl. UAF (wie Anm. 32). Bei diesem Schriftstück handelt es sich um einen Brief an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung (vom 20. Juni 1928), gezeichnet von [Karl] Reinhardt, [Walter F.] Otto, [Josef] Horovitz, [Richard] Wilhelm, in dem folgende Aussage zu finden ist: »Die Unterzeichneten glau-

er die Kollegen, davon absehen zu wollen, seinen Namen ein drittes Mal auf den Wahlzettel zu setzen« (Hervorhebung im Original); in: UAF, Akten der Philosophischen Fakultät, Abt. 134, Nr. 337, BI. 38. Lommatzsch wollte also den offenbar naheliegenden Eindruck entkräften, er ziehe sich aus politischen

Gründen vom Dekanatsposten zurück.

50 FRANK ESTELMANN / OLAF MÜLLER

reduzierten 39 ; konnte sich des Vorwurfs der Frankreichbezogenheit und da- mit der >Feindphllologie< nicht erwehren und war für die Entwicklung der Universität Frankfurt unter faschistischen Bedingungen nicht von zentraler Bedeutung. Doch war die Romanistik aufgrund der Breite ihrer Gegenstän-

de auf ausreich~nd wissenschaftliches Personal angewiesen. Die deutliche Reduzierung des Lehrkörpers der Fakultät, die bis zum Ende der 193oer Jah- re ein Drittel ihres Personals vor allem durch Vertreibung verlor, mußte sie besonders hart treffen. Betroffen von den Vertreibungen waren im übrigen weniger die ordentlichen Professoren, deren Zahl sich zwischen 1933 und 1939 von 22auf19 verringerte, sondern vor allem der Bereich der Honorar- professoren und Privatdozenten. Die Zahl der Privatdozenten sank von 21 im

1933/34 auf 5 im Wintersemester 1939/40. 40 Es emigrierten

Wintersemester

der Philosoph Theodor W Adorno, der Germanist Martin Sommerfeld und auch der Romanist Ulrich Leo, dessen Exil eine tiefe Lücke im Romanischen Seminar hinterließ. Ulrich Leo, Bibliotheksrat an der Frankfurter Stadtbibliothek, dein nach zwei vergeblichen Anläufen in Tübingen und Marburg 1931 in Frankfurt die venia legendi für Romanische Philologie erteilt worden war, las auf sehr spo- radische Weise noch bis zum Beginn des Wintersemesters 1935/36. Der Erlaß vom 5. November 1935 des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissen- schaft, Erziehung und Volksbildung aber erklärte seine Lehrerlaubnis für er- loschen. 41 Leo wanderte als sogenannter Nicht-Arier 1938 nach Venezuela aus, 1945 wechselte er in die USA, später nach Kanada.42 Er ist als Vertreter der Stilistik aus romanistischer Sicht ein gutes Beispiel für den vom Nationalso- zialismus verantworteten beträchtlichen Wissenschafts- und Methodentrans-

39 Nach den Vorlesungsverzeichnissen der Zeit, die Studentenzahlen enthalten, studierten im Wintersemester 1929/30 489 Studenten und 232 Studentinnen (insg. 721) in der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt. Im Win- tersemester 1932 /33 waren es noch 435 und 253 (insg. 688). Im Wintersemester 1938/39, für das noch Zahlen vorliegen, waren nur noch 131 und 47 (insg. 178) Studierende eingeschrieben.

40 Errechnet nach den Angaben im Personalverzeichnis der Vorlesungsverzeichnisse.

41 Vgl. dazu die Unterlagen zu Ulrich Leos Wiedergutmachungsverfahren Anfang der l96oer Jahre, iri: UAF, Akten des Rektors, Ausgeschiedene Mitglieder des Lehrkörpers, Abt. 4, Nr. 693, bzw. UAF, Akten der Philosophischen Fakultät, Abt. 134, Nr. 324.

42 Vgl. etwa Geoffrey Staggs und Fritz Schalks Abrisse von Leos akademischem Werdegang, in: Ulrich Leo, Romanistische Aufsätze aus drei Jahrzehnten, hrsg. von Fritz Schalk, Köln /Graz 1966.

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

51

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK 51 Ulrich Leo (Aufnahme aus dem nordamerikanischen Exil). fer

Ulrich Leo (Aufnahme aus dem nordamerikanischen Exil).

fer nach

mehr als ein persönlicher und fachlicher Verlust. Bis Erich von Richthofen, der Anfang der l94oer Jahre von Lommatzsch und Schultz mit einer Arbeit zu einem kastilischen Prosawerk des 15. Jahrhunderts promoviert wurde und 1943 mit einer Schrift zum Thema »Studien zur romanischen Heldensage des Mittelalters« habilitierte, blieb der Posten Leos verwaist und als solcher für Lommatzsch ein notorisches Problem. Allein mit dem Privatdozenten und Studiendirektor Friedrich Gennrich, der Lommatzsch von Beginn an zur Seite stand, ließ sich der Seminarbetrieb nur mühsam und lückenhaft auf- rechterhalten. Der von Friedwagner so geschätzte spanischsprachige Teil der Romanistik etwa wurde, wenn überhaupt, von Lektoren angeboten. Neben der schwierigen Situation auf Seiten der Privatdozenten war für Lommatzsch im >Dritten Reich< auch die Stelle des außerplanmäßigen Lek-

die Vertreibung Leos aber

Übersee. 43 Aus Lommatzschs Sicht war

43 Vgl. dazu Frank-Rutger Hausmann, Nom Strudel der Ereignisse verschlungen<. Deutsche Romanistik im >Dritten Reich<. (Analecta Romanica, H. 6L), Frank-

furt 2000, 223-268.

52 FRANK ESTELMANN I OLAF MÜLLER

tors für Französisch ein größeres organisatorisches Problem. Die Auseinan- dersetzungen um diesen einfachen aber dringend benötigten Sprachlehrer- posten sind ein Lehrstück nationalsozialistischer Universitätspolitik, bei dem es sich aufZuhalten lohnt. An ihnen läßt sich das Spannungsverhältnis zwi- schen bürokratischer Hochschulautonomie und nationalsozialistischem Di- rigismus deutlich machen. Als der Posten 1935 frei wurde, einigte sich die Fa- kultät zunächst auf einen jungen Kandidaten, Jean Carrive, der Lommatzsch von seinen französischen Kontakten empfohlen worden war. Die Kandidatur Carrives scheiterte jedoch am Widerstand Karl Eptings, eines promovier- ten Nazi-Romanisten, Leiter der Zweigstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Paris und Wegbereiter der späteren Vichy- Kollaboration.44 Epting schlug Anfang 1935 auf eigenes Betreiben hin den Schweizer Literaten und Kulturphilosophen Denis de Rougemont für den Posten vor. »Denis de Rougemont«: schrieb er im September 1935 an Walter Platzhoff, den Rektor der Universität Frankfurt, sei »für den Posten eines Lektors geeignet - auch in sprachlich-sachlicher Hinsicht«. »Wir bekommen in ihm«, fuhr er pointiert fort, »einen Vertreter desjenigen jungen Frank- reich nach Deutschland, das für die deutsch-französischen Beziehungen in der Zukunft von grösster Bedeutung sein wird.« 45 Rougemont, ein promi- nenter Beiträger der großen französischen Zeitschriften der frühen l93oer Jahre, gehörte der Bewegung des Personalismus an. Gegen Faschismus und Kommunismus suchte diese einen dritten Weg, der nicht über die in den l93oer Jahren in Frankreich bei vielen Intellektuellen als verblaßt geltende, liberale Demokratie führen sollte. 46 Die Vorstellung einer spirituellen Revo- lution, das Idealbild einer kreativen >Person<, die das in kollektiven Mythen verfangene Individuum für neue Sinngebungen öffnen sollte und schließlich das politische Ziel des Föderalismus machten aus Rougemont sicherlich kei- nen Faschisten, zumal er sich bekanntermaßen für die Bekennende Kirche einsetzte. Doch suchte er nach alternativen ideologischen Orientierungen als

44 Vgl. dazu Hausmann, >Vom Strudel der Ereignisse verschlungen< (wie Anm. 43), 413-415 und 540-552.

45 Karl Epting an Rektor Walter Platzhoff, Brief vom 13. September 1935, in: UAF, Akten des Rektors (Personalakte Denis de Rougemont), Abt . l, Nr. 1637, Bl. 4.

46 Zu Rougemonts Wirken Anfang der l93oer Jahre und seiner Zeit in Frankfurt vgl. vor allem Bruno Ackermann, Denis de Rougemont. Une biographie intel- lectuelle. Bd. l: De la revolte al'engagement. L'intellectuel responsable, Geneve 1996, aber auch: Christian Campiche, Denis de Rougemont. Le seducteur de l'Occident, Chene-Bourg 1999·

Le seducteur de l'Occident, Chene-Bourg 1999· ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK 53

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

53

denen, die in Frankreich die späte Dritte Republik anbot. Epting sah in ihm, wie er in einem weiteren Brief an Platzhoff vom Juli 1936 schrieb, den »Mit- führer einer weltanschaulichen Gruppe der Jugendbewegung« 47 in Frank- reich. Er erkannte in ihm ein Potential, das der Verständigung von >jungem< Frankreich und nationalsozialistischem Deutschland dienlich sein könnte und hoffte, dieses Potential mit der Ernennung Rougemonts nach Frankfurt manifest werden zu lassen. Epting setzte seinen Kandidaten schließlich gegen

durch, der in dieser Hinsicht

· den ausdrücklichen Widerstand Lommatzschs

von Rektor Platzhoff unterstützt wurde. In einem Brief an Platzhoff beklagte Lommatzsch die Einmischung von Epting, betonte, es liege gar keine Ge- währ dafür vor, daß Rougemont, sicherlich ein anerkannter Autor, »der sehr viel bescheideneren elementaren Aufgabe eines französischen Sprachlehrers mit Befriedigung nachkommen würde« 48 . Platzhoff meldete an das zuständi- ge Ministerium in Berlin die Bedenken, die Lommatzsch gegenüber der Er- nennung Rougemonts hegte. 49 Berlin stellte jedoch mit dem barschen Hin- weis auf das Anliegen Eptings Rougemont mit Wirkung vom I. Oktober 1935 ein .5° Rougemont trat seinen Dienst in Frankfurt an, gab landeskundliche Sprachseminare, vollendete sein 1936 publiziertes Werk Penser avec les mains, verließ Deutschland dann aber Mitte 1936 mit dem lapidaren Hinweis auf sein zu geringes Gehalt.511938 publizierte er den Journal d'Allemagne, der sei-

47 Brief Karl Eptings an Rektor Walter Platzhoff (vom 15. Juli 1936), in: UAF (wie

Anm. 44), Bl. II.

48 Handschriftlicher Brief Lommatzschs an den Rektor (Walter Platzhoff), vom

25. Februar 1935, in: UAF (wie Anm. 45), Bl. I.

49 Vgl. den Brief Platzhoffs an den Ministerialrat Burmeister im Kulturministeri-

.] nach

wie vor Herrn Carrive für den geeignetsten Kandidaten nicht zuletzt deshalb, weil er sich als Hilfslektor in Breslau bereits bewährt hat. Herr Lommatzsch hat mich gebeten, die Ernennung des Herrn Carrive dem Ministerium zu befür-

worten«; in: UAF (wie Anm. 45), Bl. 2.

um Berlin (vom 28. Februar 1935): »Herr Lommatzsch seinerseits hält

50 Vg l. den Brief des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erzie- hung und Volksbildung an das Universitätskuratorium in Frankfurt am Main

die Besetzung des außerplanmäßigen Lektorats für

(vom 19 . August 1935): »Für

französische Sprache in der Philosophischen Fakultät kommt der von dieser vorgeschlagene Licencie-es-lettres Carrive nicht in Betracht. Dagegen ist von dem Deutschen Akademischen Austauschdienst als geeigneter Bewerber für die Stelle Herr Denis de Rougemont vorgeschlagen, ein junger französischer

W issenschaftler und Schriftsteller«; in:

51 Vgl. den handschriftlichen Brief Denis de Rougemonts an den Dekan der Phi- losophischen Fakultät (Eingangsstempel 30. Juni 1936): »Nach einem Jahr der

UAF (wie Anm. 45), Bl. 3.

54 FRANK ESTELMANN I OLAF MÜLLER

ne Erfahrungen aus der Frankfurter Zeit zum Gegenstand hat. Der Journal stellt die wohl wichtigste Quelle für den nationalsozialistischen Alltag im romanischen Seminar der Universität Frankfurt dar, auch wenn die wichtig- sten Personen darin, darunter Lommatzsch, anonymisiert wurden. Rouge- mont beschreibt beispielsweise die Eröffnungsfeier des romanischen Instituts im Wintersemester 1935/36:

»Wir betreten den großen Saal. Tatsächlich sind es höchstens etwa vierzig [Studenten], drei oder vier in brauner oder schwarzer Uniform. Vorstel-

] seine Ansprache. Am

lung des neuen >Lektors<, danach hält Dr. N[

Ende hebt er schüchtern den Arm: >Auf unsere Romanischen Studien,

Sieg Heil!< Eine kurze Stille, dann fängt er sich wieder: >Und natürlich

auf Deutschland

<Verlegenheit. Alle haben

das Zögern bemerkt.« 52

In solchen Anekdoten rekonstruiert Rougemont wiederholt die Mentalität · und, wie er schreibt, die »verdrängten Gedanken« seiner Kollegen. 53

Mit Rougemonts Weggang war die Stelle des außerplanmäßigen Lektors wieder frei geworden. Lommatzsch stand vor dem Problem, daß er erneut um sie kämpfen mußte und sich Epting auch in die anstehende Neubeset- zung des Postens einmischte: Er blieb jedoch zunächst unbesetzt. Die skizzierten Fälle Ulrich Leos, Erich von Richthofens und Denis de Rougemonts zeigen aus institutioneller Sicht die praktischen Schwierigkei- .ten der Frankfurter Romanistik in der Zeit des Nationalsozialismus. Die NS-Politik widersprach sowohl der von den Fachvertretern geäußerten wis- senschaftlichen Rationalität wie den Erfordernissen des Instituts. Die drei Beispiele zeigen einen Erhard Lommatzsch, der versuchte, die wenigen Spiel-

Tätigkeit als Lektor der französischen Sprache an der hiesigen Universität sehe . ich mkh genötigt Ihnen mitzuteilen dass das Gehalt das ich beziehe nicht aus- reicht«; in: UAF (wie Anm. 45), BI. 7. Rougemont bittet in diesem Brief um unbezahlten einjährigen Urlaub, der ihm aufgrund seiner kurzen Vertragsdauer nicht gewährt wurde. Daraufhin kündigte er. Die Zahlung seines Gehalts wur- de Ende September 1936 eingestellt (für Einzelheiten vgl. Bll. 8-rn).

52 Denis de Rougemont, Journal aus Deutschland 1935-1936, Berlin 2001, 15. Die Originalausgabe erschien 1938 unter dem Titel Journal d'Allemagne bei Galli- mard in Paris.

53 Rougemont, Journal (wie Anm. 52), 16. Vgl. dazu Earl Jejfrey Richards, Frank- furter Romanistik im Nationalsozialismus: Denis de Rougemonts Journal d'Allemagne und die literaturwissenschafdichen Arbeiten Hans Jeschkes, .in:

Frank Estelmann/Pierre Krügel/Olaf Müller (Hrsg.), Traditionen der Entgren- zung. Beiträge zur romanistischen Wissenschaftsgeschichte. (Sprache, Mehr- sprachigkeit und sozialer Wandel, Bd. I.), Frankfurt u. a. 2003, 121-136.

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

55

räume, die ihm blieben, so zu nutzen, daß der von ihm verantwortete Lehr- betrieb mit größtmöglicher Kontinuität aufrechterhalten werden konnte. Sie geben ihm in der Sache Recht, wenn er nach dem Krieg, anläßlich seines 70 . Geburtstages, äußerte, es sei ihm im Nationalsozialismus »entgegen al- len Anfechtungen, allem Unrecht und allem Leid« gelungen, »das Schiffiein des Seminars auf mitunter stürmischer See und vorbei an gefahrdrohenden Klippen« 54 richtig zu steuern. Wie die Charakterisierung Hitlerdeutschlands als vorübergehender Sturm schon vermuten läßt, nahm Lommatzsch die Jahre 1933 und 1945 nicht als Zäsuren wahr. Für ihn war der Nationalsozialismus kaum mehr als eine prägnante Periode seiner Frankfurter Zeit. Das konkrete Funktionieren des romanistischen Normalbetriebes war vor 1933, zwischen 1933 und 1945 und nach 1945 in etwa gleichbleibend. Die Curricula waren dieselben, Pro- motionsthemen wandelten sich kaum. 55 Die Methodik, mit der in Frankfurt geforscht und gelehrt wurde, blieb während Lommatzschs gesamter Insti- tutsleitung die gleiche. Lommatzsch arbeitete kontinuierlich an seinem Le- benswerk, dem Altfranzösischen Wörterbuch. Er las im Sommersemester 1929 über ähnliche Themen wie im Sommersemester 1939 oder 1949· Allgemein bevorzugte er ältere Themen, hielt aber auch Veranstaltungen zum 19. Jahr- hundert ab. Lommatzsch publizierte zwischen 1933 und 1945 ausgesprochen wenig. In diese Zeit fällt vor allem der zweite Band des Altfranzösischen Wörterbuchs, der 1936 erschien. In ihr finden sich weiterhin eine Reihe von umfangreichen Zeitschriftenbeiträgen zur italienischen Volksdichtung, positivistische Ma- terialsichtungen dreier frühneuzeitlicher italienischer Manuskripte der Wol- fenbütteler Bibliothek und ihrer Illustrationen, die nach dem Krieg unverän- dert in monographischer Form erschienen. 56 Auch sind eine Reihe kleinerer biographischer Skizzen über seine Lehrer und Vorgänger Morf, Friedwagner und Tobler zu verzeichnen. Ein weiterer Zeitschriftenbeitrag, »Anatole Fran-

54 Erhard Lommatzsch, Ansprache zum 2. Februar 1956 im Romanischen Semi- nar, in: Diskus. Frankfurter Studentenzeitung, April 1956, o. A. Eine Kopie der Rede findet sich auch in der Personalakte Lommatzschs (wie Anm. 31), BI. 72.

55 Zu den von Lommatzsch betreuten Promotionsverfahren vgl. Hans-Joachim Lotz, Dissertationsgutachten der Frankfurter Romanistik in der Zeit von Er- hard Lommatzsch (1928-1956), in: Grenzgänge 16, 2001, 76-99.

56 Vgl. Erhard Lommatzsch, Beiträge zur älteren italienischen Volksdichtung, Ber- lin 1950-1951 (ursprünglich in: Zeitschrift für Romanische Philologie in drei Teilen von LVII, 1937 bis LIX, 1939).

56 FRANK ESTELMANN I OLAF MÜLLER

ce und Gautier de Coincy«, der 1938 in der Zeitschrift für Romanische Phi- lologie erschien, gibt noch den besten Aufschluß sowohl über Lonimatzschs Wissenschaftsverständnis wie indirekt über seine Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus. 57 Der Artikel versucht nichts anderes, als dem Nobel-

preisträger Anatole France auf die einfachste Art nachzuweisen, daß er den Stoff für eine seiner Novellen beim Mirakeldichter des französischen Mittel- alters entlehnt hat. In diesem Artikel erweist sich zweierlei: Zum einen stand der philologische Traditionalismus, mit dem Lommatzsch im >Dritten Reich< publizistisch wirkte, inzwischen in einem auffälligen Kontrast zu seinen gei- stesgeschichtlich und völkerpsychologisch ausgerichteten frühen Arbeiten. Zum anderen entpuppte sich eben dies unter faschistischen Bedingungen als Form der redlichen Selbstzensur und des inneren Exils. Lommatzsch verbot es sich in dem genannten Beitrag beispielsweise, Gautier de Coincys Anti- semitismus, dem er 1913 noch einen Abschnitt seiner Habilschrift gewidmet hatte 58 , zu erwähnen, um damit bei den Nazis Punkte zu sammeln. Wie Franz Schultz stand auch Lommatzsch exemplarisch für einen großen Teil von im 19. Jahrhundert geborenen philologischen Gelehrten in Deutsch- land, denen es während des >Dritten Reichs< vor allem darum ging, ihr Fach zu vertreten und es zu erhalten. Sie waren keine Vertreter des kritischen Bür- gertums wie der Marburger Romanist Werner Krauss. 59 Als sogenannte Arier konnten sie nach I933 auf ihren Posten verbleiben, während andere die ihren verloren. Sie entwickelten als bürgerliche Akademiker alten Schlages keine Sympathien für den Nationalsozialismus, der von ihnen auch nicht wie von der jüngeren Generation an Wissenschaftlern ideologische Konformität ver- langte. Der bereits genannte Romanist Erich von Richthofen, Jahrgang 1913, mußte, um 1943 überhaupt habilitieren zu können, der NSDAP beitreten, wofür er nach 1945 als Mitläufer klassifiziert, I946 vom Dienst suspendiert, allerdings 1949 nach der Prüfung der Einzelheiten als Privatdozent neu ein-

gestellt wurde. 60 Lommatzsch wie Schultz dagegen konnten nach 1933

ihre

57 Vgl. Erhard Lommatzsch, Anatole France und Gautier de Coincy, in: Lom- matzsch, Kleinere Schriften (wie Anm. 34), 126-138 (ursprünglich in: Zeit- schrift für Romanische Philologie LVIII, 1938).

58 Vgl. Lommatzsch, Gautier de Coincy (wie Anm. 29), Kap. VIII: Ungläubige und Juden, 94-107.

59 Vgl. dazu Peter fehle, Werner Krauss und die Romanistik im NS-Staat. (Argu- ment-Sonderband; N.F., AS 242; Ideologische Mächte im deutschen Faschis- mus, Bd. 8.), Hamburg/Berlin 1996.

60 Vgl. dazu UAF, Akten des Kurators, Abt. 24, Nr. 293 (Personalakte Erich von Richthofen).

Abt. 24, Nr. 293 (Personalakte Erich von Richthofen). ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK 5

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

57

alltäglichen Rechte und Pflichten in Forschung und Lehre weitgehend >unge- stört< wahrnehmen. Sie setzten ihre Hochschulkarrieren fort und ermutigten andere, die ihren aufzunehmen. Sie erhielten eine öffentliche Fassade seriöser Wissenschaftlichkeit und staatsbürgerlicher Zuverlässigkeit aufrecht, die zu ihrem Habitus gehörte. Das Besondere an Lommatzschs Verhalten im Ver- gleich zu Schultz war, daß er sich für sein inneres Exil politisch im geringst möglichen Umfang kompromittierte. Sein Beispiel zeigt das kleinste Maß an persönlicher Anpassung, das es brauchte, um nach 1933 Hochschullehrer in Deutschland zu sein und zu bleiben: die fördernde Mitgliedschaft der SS »mit bescheidenen Beiträgen« sowie die formale Mitgliedschaft im NSV und im nationalsozialistischen Altherrenbund. 61 Das machte ihn nach 1945 im offiziellen Sprachgebrauch nicht einmal zu einem Mitläufer. Gerade Lommatzschs Beispiel kann all jenen deutschen Philologen ent- gegenhalten werden, die sich große Mühe gaben, nicht auffällig zu werden, und die deshalb, wie Franz Schultz, punktuell bestimmte Nazi-Standards bedienten oder sich beispielsweise an der >Aktion Ritterbusch< 62 , dem so- genannten Kriegseinsatz der deutschen Wissenschaften, beteiligten. Lom- matzsch hielt sich vom offiziellen Deutschland im gesamten >Dritten Reich< so weit wie möglich fern. Symptomatisch dafür ist sein Beitrag im Winter- semester 1936/ 37 für die bereits erwähnte universitäre Vorlesungsreihe »Volk, Staat und Politik«, der unter dem Titel »Erklärung ausgewählter Gesänge aus Dantes Commedia, mit Lichtbildern« angekündigt war, was sprachlich und vermutlich auch inhaltlich von Schultzens im gleichen Rahmen gebotenem »Volk und Erde in jüngster deutscher Dichtung« deutlich abwich. Dort, wo er sich hätte beteiligen können, bot Lommatzsch aus der Sicht der volks- deutschen Jugendbewegung, als die sich die Nazis verstanden, grundlegend Ernüchterndes.

1

'

1

61 Vgl. Lommatzschs Meldebogen auf Grund des Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5.p946, in: UAF (wie Anm. 26), BI. 21. Danach war Lommatzsch förderndes Mitglied der SS zwischen 1934 und 1939, Mitglied »mit bescheidenen Beiträgen« (handschriftliche Notiz von Lom-

matzsch) des NSV zwischen 1933/34 und 1945 und des Altherrenbundes (in den

er sich nicht erinnerte, jemals »durch verpflichtende Unterschrift beigetreten« zu sein, wie er angab).

62 Zum romanistischen Anteil an der >Aktion Ritterbusch< vgl. fehle, Werner Krauss (wie Anm. 59), sowie Frank-Rutger Hausmann, Deutsche >Geisteswis- senschafo im Zweiten Weltkrieg. Die >Aktion Ritterbusch< (1940-1945). (Schrif- ten zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, Bd. !.), Dresden/München

1998.

58 FRANK ESTELMANN I OLAF MÜLLER

Dennoch wäre eine Heroisierung seines Wirkens unangebracht. Der uni- versitäre Normalbetrieb im Nationalsozialismus hatte auch bei jenen seine pathologische Seite, die den Nazis keine Zugeständnisse machten. Schon je- ner Lommatzsch ist wenig beeindruckend, der seiner »im Kriegsjahr 1941« er- schienenen Anthologie altfranzösischer Bauernweisheiten das altkluge Motto »Statt Wildbret nimmt ein kluger Mann auch Hamme(fieisch« voranstellte. 63 Auch sind Tatsache und Wortwahl verstörend, wenn Lommatzsch in einem Nachkriegs-Artikel bedauerte, daß »die Stürme eines zweiten Weltkriegs«, die »über die Erde gebraust« sind, ihn »viele Monate, ja Jahre hindurch« daran gehindert hätten, »die wünschenswerte ruhige und regelmäßige För-

Wörterbuchs voranzutreiben. 64 Beredt ist auch

die Vorbemerkung zu den 1950 in Buchform erschienenen und bereits ange- sprochenen Beiträgen zur älteren italienischen Volksdichtung, in der Lom-

] erschien bereits in der Zeit-

schrift für Romanische Philologie, Bd. 57 ff., bis der Zusammenbruch vom Jahre 1945 der weiteren Veröffentlichung ein Ziel setzte.« 65 Die Widmung an den bei der Verteidigung der Oderlinie im Februar 1945 gefallenen Sohn Wilhelm in den 1946 erschienenen Geschichten aus dem alten Frankreich ist die einzige Passage, in der Lommatzsch Privates mit Öffentlichem vermisch- te. 66 Er hoffe darauf, so schrieb er im Vorwort zu diesem Band, daß »das anspruchlose Büchlein« seinen Lesern wie ihm helfen werde, die »Tage der Dunkelheit« des ersten Nachkriegswinters zu überstehen. 67 Für Lommatzsch war und blieb der Nationalsozialismus eine >stürmische< Etappe deutscher Geschichte, die mit dem »Zusammenbruch« und in »Tagen der Dunkelheit« endete, nicht mit der Befreiung. Von einem Romanisten, der bei seiner Be-

matzsch schrieb: »Ein Teil dieser Beiträge [

derung« des Altfranzösischen

63 Vgl. Erhard Lommatzsch, Hundert altfranzösische Bauernsprüche. Nach Adolf Toblers Ausgabe der Proverbes av Vilain (1895), ausgewählt und mit Glossar versehen von Erhard Lommatzsch, Halle a. S. 1941, o. A. (Vorwort).

64 Erhard Lommatzsch, AdolfTobler (wie Anm. 34), 9 (die Bemerkung ist aus dem

Jahr 1965).

65 Erhard Lommatzsch, Beiträge zur älteren italienischen Volksdichtung. Untersu- chungen und Texte. Bd. l: Die Wolfenbütteler Sammelbände, Berlin 1950, o. A. (Vorwort).

66 »Dem teueren Andenken meines lieben Sohnes Wilhelm Lommatzsch«; Erhard Lommatzsch, Geschichten aus dem alten Frankreich, übertragen von Erhard Lommatzsch (Erstausgabe 1946), Freiburg 1948, o. A. (Widmung).

67 Lommatzsch, Geschichten (wie Anm. 66), o. A. (Vorwort).

ANGEPASSTER ALLTAG IN DER GERMANISTIK UND ROMANISTIK

59

rufung als Spezialist für die »Darstellung von Trauer und Schmerz« 68 in der altfranzösischen Literatur gerühmt wurde, kann das enttäuschen. Letztlich steht auch die Jubiläumsrede, die Lommatzsch 1947 vor Hörern aller Fakultäten der Universität Frankfurt über Cervantes' Don Quijote hielt, im Zeichen fehlender Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Cervantes, sag- te Lommatzsch bei dieser Gelegenheit,

»weiß viel von der Jämmerlichkeit, Dummheit und Bosheit des Men- schentums, weiß vid auch von der unerklärlichen Narrheit in der eige- nen Brust. Aber er hat sich damit abgefunden, da er sie als unwiderruflich gegeben ansieht, und er überwindet jede Unvollkommenheit, indem er sie einem entwaffnenden, versöhnlichen Lachen preisgibt und das Gute, Schöne, Edle, das hier auf Erden doch auch seinen Platz behauptet, nicht aus dem Auge verliert.« 6 9

·

Der Festredner bemüht nicht nur ein stereotypes philologisches Muster des lachenden Don Quijote, der, wie er hervorhob, »schließlich doch der Sie- ger«70 geblieben ist. Sein Vortrag zeigte gerade, wie wenig lebendiger Besitz das klassische Erbe nach 1945 letztlich noch war, wenn es der Überwindung, der Versöhnung und der Selbstbehauptung, nicht aber dem Erinnern dien-

te.

68 So Franz Schultz in seiner laudatio für Lommatzsch im Jahr 1928 (wie Anm. 31).

69 Erhard Lommatzsch, Cervantes und sein Don Quijote. Jubiläumsvorlesung 1947, in: Lommatzsch, Kleinere Schriften (wie Anm. 34), 232-248, hier 243.

70 Lommatzsch, Cervantes (wie Anm. 69),