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Kriegstagebuch von Kurt Hennemann

08.01.44

ab Mortegliano (Udine)

10.01.44

an Reims (K.O.A.-Lehrgang)

17.2.44

Lehrgangsende (Quarantäne)

29.02.44

ab Reims, an Paris, ab Paris

03.03.44

an Mortegliano (Udine)

06.03.44

ab Mortegliano nach Verona

08.03.44

ab Verona, an Mortegliano

09.03.44

ab Mortegliano, an Ronchi

22.08.44

ab Ronchi, an Mortegliano

23.08.44

ab Mortegliano, Undine, Villach, Lienze

24.08.44

an Bozen

26.08.44

ab Bozen, an Trient

06.09.44

ab Trient, an Bozen

07.09.44

ab Bozen, ab Schluderus

23.10.44

ab Schluderus, an Bozen

01.12.44

ab Bozen (2.12. an Verona)

04.12.44

ab Verona

10.12.44

an Aussig

12.12.44

ab Aussig

14.12.44

an Gardelegen

20.12.44

ab Gardelegen

21.12.44

an Salzwedel

26.12.44

ab Salzwedel

28.12.44

an Arnheim (Deelen)

12.01.45

ab Arnheim (Deelen), Ede

13.01.45

Veenendaal

14.01.45

an Leersum

30.01.45

ab Leersum, Culemborg, Leerdam, Gorinchem

04.02.45

an Dussen-Binnen

14.02.45

ab Dussen-Binnen, an Amerzoden

20.02.45

ab Amerzoden-Wodrangen

21.02.45

an Utrecht

23.02.45

ab Utrecht, Amersfort, Apeldoorn, Bentheim

25.02.45

an Duisburg

26.02.45

Erste Station vor Wesel, Apeldoorn, Nachtigall, Marienbaum

04.03.45

Gefangenschaft

05.03.45

Hertogenbosch nach Tilleburg

09.03.45

ab Tilleburg nach Brüssel

23.03.45

ab Brüssel, Lille, an Bruay (24.3.)

30.04.45

ab Caen, Arras, an Bruay (1.5.)

25.06.45

an Houddin, an Barlin

26.06.45

ab Barlin über St. Pol an Hesdin

12.47

Entlassungslager Metz

31.12.47

Entlassung

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Fliegerhorst Deelen bei Arnheim

31.12.44

Heute wurden wir wiedermal aufgeteilt. Man konnte sich zu den Granatwerfern, Panzervernichtern, Nahkämpfern, Flak usw. melden. Ich melde mich aber zu nichts mehr freiwillig. Was kommt, das kommt. Ich wurde zur 1. Komp. des 3. Batallion der 6. Division zugeteilt. Leichte Jägerkomp.- Infanterie. Wir bleiben aber auf dem Fliegerhorst bei Arnheim, ziehen nur in ein anderes Haus ein. Abends gab es pro Mann 1/10 l Schnaps. Mit Strohhalm, des längeren Genusses wegen, getrunken. Kurz vor Mitternacht stärkeres Feuer unserer V-Waffen. Große Freude bei uns. Feind schoß verzweifelt, aber vergeblich danach. Hatten auch auf der Stube ein Kofferapparat mit Platten. War alles ganz nett soweit.

1.1.45

Nun beginnt wieder ein neues Jahr?! Die unausgesprochene Frage: was wird es uns bringen? ist in aller Mund. Der Führer soll angedeutet haben, dass im Herbst der Krieg zu Ende sei. Daran klammert sich nun alles. Vormittags wurden alle Feldwebel im 1. Zug, 1. Gruppe eingeteilt. So bleiben wir Alten von Salzwedel noch immer zusammen. Traurig ist nur, dass wir alte Knacker von Feldwebel, die noch keine Fronterfahrung haben, als Ausbilder kriegen. Und einen großen Bogen spucken die, als wenn sie schon seit Jahr und Tag Fallschirmjäger wären. Auf die Frage, was ich bisher getan hätte, habe ich gesagt: Ausbilder und Zugführer. Unsere Stube weiterhin eingerichtet und je einen Brief an Eltern und Barbara geschrieben.

2.1.45

Heute ging die Ausbildung los. Unser Ausbilder, ein alter Oberfeldwebel, ist so nervös, dass er kaum

ein richtiges Kommando geben kann. Nun läuft man wie ein Rekrut durch die Gegend. Hoffentlich geht das auch bald vorbei. - Das Essen ist ein bisschen knapp, aber es schmeckt.

3.1.45

Vormittags Geländeausbildung in einem hügligen Heidegelände. Der Boden ist so nasskalt, dass die

Nässe überall durchgeht. Nachmittags Waffenausbildung: Nahkampf. Alles alte Klamotten, die man schon hundertmal gemacht hat. - Wieder ist das Licht aus; wir sitzen im Dunkeln.-

4.1.45

Den ganzen Tag Geländeausbildung. Wenn man so acht Stunden den ganzen Tag draußen im nasskalten Wetter herumtobt, dann ist es kein besonderes Vergnügen. Der Boden ist aufgetaut, überall stehen Pfützen, die nicht versickern. Wie die Tonerde von Frankreich. Nachmittags fehlte ein Gruppenführer. Da habe ich eine Gruppe zur Ausbildung bekommen. (Schützenreihe und Schützenkette) Ein Mann vom Zug soll jeden Tag jetzt zuhause bleiben und die Stuben vom Zug heizen. Morgen fange ich an.

5.1.45

Holz zusammengetragen. Feuer gemacht. Man hat ganz schöne Arbeit dabei. Abends hundemüde.

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6.1.45

Wie jeden Vormittag, Geländeausbildung. An und für sich bleibt es doch immer dasselbe. Dazu die Hundekälte. Ab und zu werde ich vorgezogen und muß Gruppenführer spielen. Abends eine Nachtübung bis 24:00 Uhr, mit Lehrvorführung. Mit Abständen fliegen die V1-Geschosse über uns hinweg. Auch schießt ab und zu die Fernkampfbatterie (V2) in der Nähe des Horstes. Das wummert immer anständig. Die Nacht ist dann kurz taghell erleuchtet. Abends ging eine V1 runter; ob sie abstürzte oder abgeschossen wurde, die Tommys schießen ja öfters danach, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall merkten wir den Knall in der Unterkunft sehr deutlich. - Sehr müde und verfroren kehrten wir von der verunglückten Nachtübung dann nach Haus.- Morgen will ich mal wieder schreiben. Man hat ja kaum Zeit dazu. -

7.1.45

Einheit Wittig= Kompanieführer, Obltn. Einheit Bittmann= Btl.-Kdr., Hptm. Endlich kenne ich die Vorgesetzten mit Namen. Der Generalleutnant Borcher sollte schon gestern auftauchen. Er lässt sich aber nicht sehen. - Sogar Sonntags muss Dienst gemacht werden. Wir haben es aber durchgedrückt, dass der Nachmittag für uns ist. Man kommt sonst ja nicht mehr zum Schreiben und auch nicht zum Sachen instandsetzen; wie waschen usw. Briefe an: E. Kamelau, Barbara Wir sind alle gespannt was mit uns wohl nach der Ausbildung geschieht. Ob wir einzeln oder geschlossen eingesetzt werden. Die 6. Division, welcher wir angehören, soll ja noch nicht eingesetzt sein. Na, mal abwarten. Wehrmachtsbericht: Bei Wassum in Ostholland haben unsere Truppen in den letzten Tagen einen Brückenkopf über die Maas gebildet und alle Gegenangriffe der 3.englischen Division unter hohen feindlichen Verlusten zerschlagen. Lüttich und Antwerpen liegen unter unserem Fernfeuer.

8.1.45

Schneesturm! 5 cm hoch ist alles in eine weiße Welt verwandelt. Lausig kalt, man würde kein Hund auf

die Straße jochen. Während der Geländeausbildung bin ich pitschnass geworden. Ständig das Sture:

Schützenreihe, Schützenketten, Stellung usw. hängt einem nun so langsam zum Hals heraus. Die Hose und Handschuhe sind zum auswringen. Die Zeltplane ist vor Nässe steif. Wahrlich, es ist kein Vergnügen jetzt draußen herumzulaufen. Dabei ging der Dienst bis 13:00 Uhr mittags! Nachmittags mit den nassen Sachen exerziert. Hat aber ganz gut geklappt. dafür soll unsere 1. Gruppe morgen nach Arnheim gehen. Wehrmachtsbericht: An der Nord-und Südwestflanke des Frontbogens zwischen Maas und Mosel behaupteten sich unsere Verbände in harten Kämpfen gegen die wieder einsetzenden Durchbruchsversuche der durch englische Divisionen verstärkten 1.amerikanischen Armee. Sie vernichteten zahlreiche feindliche Panzer.

9.1.45

Sache Arnheim ist verschoben. Und wir hatten uns so gefreut. Also wieder umziehen, Zeltplane über und ab ging es. Nach fast einer Stunde Marsch durch den verschneiten Fliegerhorst, gelangten wir auf der großen Heidefläche an. Stfw. Hoffmann übernahm die Gruppe und so exerzierten wir ruhig ein wenig. Im ganzen haben wir uns dreimal hingelegt. Dabei ging die Zeit überhaupt nicht hin. So etwas langsames Laufen macht mehr müde und stur, als richtiges zackiges Exerzieren. Aber so langsam gewöhnt man sich an die Kälte. Obltn. Wittig unterhielt sich längere Zeit mit uns. Er sagte, dass schon die ersten Anforderungen vom Regiment vorliegen. Es wird also wohl bald zur Front gehen.

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Einsatzurlaub scheint es aber nicht zugeben. Es ist ja doch alles so unsicher. Man kann nichts bestimmtes sagen, alles ist so unberechenbar. So muss man von einem Tag zum anderen leben. Ohne Ziel und Hoffnung. Ich habe mir aber gestern Abend etwas schönes ausgedacht: ich werde mir nach dem Krieg ein Haus bauen. Ich hatte da so einen schönen Gedanken; den habe ich gleich zu Papier gebracht. Ich stelle mir ein zweistöckiges Haus vor. Vorn rechts ein vorstehender, runder Erker. Vielleicht so etwa:

rechts ein vorstehender, runder Erker. Vielleicht so etwa: Die Eingangspforte wird von 2 Säulen mit Dach

Die Eingangspforte wird von 2 Säulen mit Dach überdeckt. Von der Diele aus, kann man in 2 Treppen, die sich oben vereinen, zum nächsten Stock gehen. Das Geländer kommt dann in 3/4 Höhe der Diele. So habe ich mir das alles in der Abendstunde ausgedacht. Ob dieser Wunsch mal in Erfüllung geht? Wer weiß? Man hat ja so viele Wünsche schon gehabt und wo sind sie geblieben? Im Aufruhr des Krieges ist alles untergegangen. - Ab heute geht der Dienst von 7:00-12:00 Uhr und von 14:00-18:00 Uhr. Dadurch haben wir ein bisschen Mittagspause länger. Ist auch ganz schön. Nachmittags Ausbildung und Unterricht an der Panzerfaust und Panzerschreck. - Morgen wollen wir nach Arnheim gehen und Unterwäsche holen. - Brief an Eltern. - 21:00 Uhr Probealarm mit Sturmgepäck.-

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10.01.45

Um 7:00 Uhr ging es nach Arnheim. Wir luden Kohlen, Kartoffeln, Eingemachtes (Bohnen) usw. auf. Wir durchstöberten dabei einen ganzen Straßenzug. Leider Leider sah es schon wüst in den Wohnungen aus. Alles war umgekrempelt; das Unterste nach oben gewühlt. Schränke usw., alles aufgebrochen und den Inhalt umher gestreut. Mit einem Wort, es sah wüst aus. Wenn die Leute mal wieder zurückkehren, werden sie bestimmt auf den Rücken fallen. Ich habe mir etwas Stoff, 1 Paar Schuhe, Stopfgarn, usw. besorgt. Viel ist es ja nicht, aber immerhin besser als überhaupt nichts. Nachmittags um 15:00 Uhr kehrten wir zurück. Anschließend dienstfrei! Die “Beute“ sortiert. -

11.1.45

Wir üben jetzt immer längere Märsche, damit wir uns an das Laufen gewöhnen. Es wird erzählt, dass wir in der nächsten Zeit wegkommen. Und zwar wieder zur Front. (Der Vormarsch geht weiter!) Es macht aber Spaß, morgens zu marschieren. Die Zeit geht immerhin von der blöden Geländeausbildung ab. Der Schnee knirscht in der Kälte unter den Füßen, direkt romantisch. Schießen auf 3 Kopfringscheiben in 200, 250 und 300 Meter Entfernung. Mein Verschluss klemmte dabei, sodass ich in den 20 Sekunden nur ein Schuss abgeben konnte. Aber immerhin ein Treffer! Vor einigen Tagen war auch Schießen. Und zwar 50 Meter, Kopfscheibe. Es war sehr nebelig und trotzdem: 3 Schuss -3 Treffer! Ein schlechter Schütze bin ich noch nie gewesen. Nachmittags war eine kurze Untersuchung. Da ich einige Fleckchen auf dem Körper habe, will der Stabsarzt eine Blutuntersuchung machen. Also werde ich mich morgen früh krank melden, zur Blutabnahme. - Nachmittags ist kein Außendienst. Da ist es dann immer ein bisschen gemütlicher in der warmen Stube. Abends macht uns aber die Beleuchtung Kopfschmerzen: so viele Kerzen gibt es ja nicht. Wir wissen bald nicht mehr, wie wir uns Licht beschaffen. - Heute wurde auch gefragt, wer Offizier werden wolle. Ich habe mich selbstverständlich nicht dazu gemeldet. Genau vor einem Jahr, bin ich schwer gejocht worden. Und was war? Nur Schiebung und Bluff. Das kommt ein zweites Mal nicht wieder vor.

12.1.45

Krankmeldungen werden heute nicht angenommen. da Entlausung ist. - Die Kompanie zog geschlossen nach Arnheim, um Schlitten zu besorgen. Ich habe zwei gefunden. - Als wir nach Deelen ins Lager zurück kamen, erfuhren wir, dass wir morgen marschieren werden. Ich wurde zum Vorkommando mit 1 Unteroffizier und 6 Mann eingeteilt. Um 18:00 Uhr beim Bataillon gemeldet. Um 19:30 Uhr zog dann der ganze Haufen los. Ich mit dem ganzen Gepäck. Gepäck und Waffen ca. 50 Kg. Dabei dachte ich immer, dass wir gefahren werden. Denkste! Anfangs ging es ja ganz gut, aber später?! Katastrophal! - Alle zwei Kilometer mussten wir Rast einlegen. Der Rucksack drückte zum verrückt werden. Am liebsten hätte ich alles hingeschmissen. An Arnheim ging es vorbei auf die Autobahn. Später drückten sogar noch meine Füße. Sie brannten wie Feuer. Trotzdem die Nacht sehr kalt war, schwitzte ich wie ein Affe. Unterwegs schoss in der Nähe die englische Flak auf V1. Eine ging mit Getöse runter.

13.1.45

Dann kamen wir endlich todmüde und zerschlagen in Ede an. (1:00 Uhr) 19 Km haben wir somit in 5 Stunden zurückgelegt. In der Ortskommandantur übernachtet. Am Morgen, nach einer wohligen Nacht, um 7:30 Uhr weitermarschiert. Die Füße brennen wie toll. Zwei Blasen habe ich mir gelaufen. Wieder

ging eine V1 runter. Die Pausen werden immer länger. Alles ist kaputt.

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Viele hängen ab, aber schleifen sich noch mit letzter Kraft weiter. Rast in De Klomp. Die letzten 3 Km waren ein Trauermarsch. Aber als wir in die Ortschaft Veenendaal einrückten, riss jeder das Letzte zusammen. 11:30 Uhr: wieder 10 Km gelaufen; nun haben wir seit gestern Abend 30 Km hinter uns. Eine ganz beachtliche Leistung. Noch dazu, wenn man bedenkt, der ganze Marsch auf eisglatter Straße! Nur ab und zu war die Straße etwas aufgetaut. Von der Ortskommandantur werden uns Quartiere zugewiesen. Heute wird aber nichts getan. Jeder will sich schließlich mal ausruhen. Morgen soll also unsere Arbeit, Quartiere zumachen, beginnen. Diese Nacht schlafen wir auf Matratzen! Ein herrliches Gefühl! Nach dem krieg werde ich nur auf schönen, weichen und federnden Matratzen schlafen. -

14.1.45

Nach vierzehnstündigen Schlaf stand ich ausgeruht auf. Das war eine Wohltat! In der Ortschaft etwas rumgestrolcht mit meinem neuen “Knochensack“. Ist aber nicht viel zu sehen. Die Bevölkerung hat kaum was zu essen. 9 Offiziers-Quartiere gesucht. War schwer, da Veenendaal vollgepfropft mit Evakuierten ist. - Nachmittags schoss sich feindliche Artillerie in der Nähe ein. Es hat ganz schön gewummert. - Von der 6. Division soll nur ein Regiment im Einsatz sein. Ein Teil ist weiter in Richtung Rotterdam marschiert; ein anderer soll nach Westen verlegt haben. Wer weiß?

15.1.45

Um Mitternacht rückte die Kompanie an. Alle untergebracht, einschließlich Offiziere. Heute soll es nun weitergehen nach Amerongen. Durch Zufall fand ich einen kleinen Schlitten. Gepäck darauf festgeschnallt. Dann kam der Befehl, dass alles getragen werden soll. So ein Mist! Um 18:30 Uhr Abmarsch von Veenendaal. Wieder ein anstrengender Fußmarsch. Aber nicht ganz so schlimm wie vorgestern. (So langsam wird man es gewohnt.) Gegen 22:00 Uhr kamen wir über Amerongen in Leersum an. Bezogen Quartier in einer Schule. Kalte Nacht!

16.1.45

Diese Nacht kamen 100 Mann von der Kompanie weg. Wohin? Die 1. Kompanie soll auch aufgelöst werden. Was dann kommt, ist wieder ein Fragezeichen. Der 1. und 2. Zug wurde in einem Zug verschmolzen, mit 5 Gruppen und 1 Spitzengruppe. Ich wurde zur Spitzengruppe eingeteilt. - Briefe von Eltern: 29.12, 3.1. und 4.1. Der Koffer ist endlich daheim angekommen. 3 Briefe an Eltern. Abends in einem kleinen Café gegenüber unserer Unterkunft Kaffee getrunken. Ich fühle mich nicht ganz wohl. Schüttelfrost und etwas Fieber: 38,1°C; habe mich sicher erkältet.

17.1.45

Zwei Briefpäckchen an Eltern abgeschickt. Mein Gewehr gereinigt. Sah toll verrostet aus! Noch 3 Briefpäckchen abgeschickt. Brief an Barbara. - Angriff auf Magdeburg. Hoffentlich ist zuhause alles noch in Ordnung. - Nachmittags fliegen immer öfters englische Jabos über uns hinweg. Ari-Feuer ist seltener zu hören. Gesundheitlich geht es mir wieder besser. Fühle mich wieder wie früher. -

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18.1.45

Vormittags Geländeausbildung, wie immer. Mittags 14:00 Uhr kam der Divisionskommandeur General Borchers, und besichtigte kurz die Kompanie. Unterricht am MG 42. Eine wunderbare Waffe! So einfach und unkompliziert, gibt es selten etwas. - Seit gestern ist verschärfte Urlaubssperre. Da sind wieder einige Hoffnungen hin. - Brief an Barbara. 2 Briefpäckchen an Eltern. -

18.1.45

In der ganzen Nacht wurden wir laufend geweckt. Es wurden immer Leute zu Kommandos usw. rausgesucht. - Soviel wie ich von Oberleutnant Wittig gehört habe, werde ich später als Zugführer eingesetzt. Bekomme noch viel Sandkastenunterricht. Ja, die Strategie und Taktik. Ich will mal kurz versuchen zu schildern, wie wir hier hausen: wir liegen in einer holländischen Schule. Zentralheizung ist kaputt; Ofen nicht vorhanden. Es ist also immer feuchtkalt. Auf der Erde liegt ein Strohsack, worauf ich schlafe. Zeltplane lege ich unter und mit zwei Wolldecken wickele ich mich ein. Den Mantel benutze ich zum Zudecken mit. Über meinem Kopf, an der Zentralheizung hängt der Rucksack mit meinen sieben Sachen. Auf der Heizung liegt die Essware und das Waschzeug. Eine Lampe brennt in einer Ecke des Zimmers und wirft einen kleinen Schein umher. Vor der Tür, draußen auf dem Hof, steht die Wasserpumpe. Verdammt Kaltes aber! - Einen billigen Kleiderstoff habe ich für 50 Zigaretten an Oberfeldwebel Engmann abgegeben. - Jeden Tag schicke ich ein Briefpäckchen an die Eltern. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber es erleichtert das Gepäck doch ungemein. Am Morgen stelle ich fest, dass es nun seit gestern Abend in einem durch schon regnet. Dazu ein lausiger, scharfer Wind, der einen den Atem nimmt. da muss man nun Dienst machen; das nennt man so schön “frontale Erziehung“. Leider haben die Ausbilder aber noch keine.

19.1.45

Unser Übungsgelände ist ein ehemaliger Abwurfplatz für Bomben. Es stecken noch viele Zementbomben in der Erde. Zum Üben für Erdeinsatz ist er wie geschaffen. Hügelig. Heide, viele Löcher, Wald usw. 2 Briefpäckchen an Eltern. - Nachmittags Geländeausbildung. (Spähtrupp) Vor Ende der Zeit musste die Kompanie ganz plötzlich wieder einrücken. Es wurden Leute ausgesucht; wofür? Auch ich musste vortreten. Später erfuhren wir, dass wir als Zug-, bzw. als Gruppenführer zu anderen Einheiten versetzt werden sollen. Wehrmachtsbericht: Im Westen nahmen unsere Truppen in überraschendem Angriff den Ort Zetten nordwestlich Nimwegen. Feindliche Gegenstöße scheiterten.

20.01.45

Es ist alles wieder aufgelöst worden. Wir kommen noch nicht weg. Es wird sich um einige Tage verschieben. Die Ausbildung geht weiter. - Nachts hat es wieder geschneit. Rund 5 cm liegt der Schnee hoch. Während der Geländeausbildung gab es mal wieder kalte Füße und nasse Klamotten. So langsam macht es ja nun keinen Spaß mehr. Zwischendurch griffen etwa 10 bis 12 Jabos den Eisenbahnzug,

Strecke nach Utrecht, an. Sie stürzten sich runter mit Bordfeuerwaffen und schmissen je 4 Bomben. Wir konnten alles genau beobachten. Nachmittags habe ich Zugführerunterricht über Häuserkampf abgehalten. (Ich werde wohl als Zugführer versetzt werden.) Abends Kino im kalten Kinosaal: “Der Verteidiger hat das Wort“ War ganz spannend. Ist doch wenigstens eine Abwechselung. - Morgen sollen wir umziehen. Da soll es sich besser wohnen. Vor allem ein Ofen ist vorhanden!

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21.1.45

Großer Umzug von der Schule in ein Café. Jetzt wohnen wir bedeutend gemütlicher. Auf Stroh, warm mit Decken eingehüllt. Ofen und Brennholz besorgt. Den ganzen schönen Sonntag verbracht, die “Gaststätte“ wohnlich einzurichten.

22.1.45

Von 02:00-04:00 Uhr Unterkunftswache mit einem Unteroffizier gehabt. Vormittags im Gelände “Spähtrupp“. Ruhige Sache. Da kann man schon ruhig mal eine Zigarette rauchen. Nachmittags habe ich “frei“ bekommen, zum Haarschneiden,Wäsche waschen usw. Die Taschen- und Handtücher kriege ich gar nicht mehr sauber. 1 Brief und 2 Briefpäckchen an die Eltern. - Wir sollen ein Marschlied für unsere 6. Fallschirmjäger-Division komponieren. - Ein Oberjäger hat einen Text gedichtet und ich will es vertonen.

23.1.45

MG 15-Schießen. 15 Schuß-3 Feuerstöße-8 Treffer Bedingung. Ich habe heute überhaupt nichts getroffen. Es liegt wohl an der frostklirrenden Kälte. Aber zwischendurch habe ich mich zu einer holländischen Wohnung fort geschlichen. Dort gut aufgewärmt. Die Holländer machten gerade ihren Selbstbau-Tabak fertig. Sie kochten ihn über siedendes Wasser aus. (Damit der Nikotin rausgeht.) Und zwar zwei Stunden lang. Ich wollte gleich etwas abkaufen, aber als ich den Preis hörte, 1/2 Kg=100 Gulden, da ließ ich es lieber sein. So leichtsinnig will ich ja nun doch nicht sein. Gegen Mittag griffen wieder die Jabos den Zug in der Nähe an. Hoffentlich verschonen die uns noch recht lange. Die Thunderbolts stürzen fast senkrecht runter und rappeln aus den Bordwaffen. - Morgen will ich mich krank melden zur Blutuntersuchung. mal sehen, was mir fehlt. Ich habe heute Abend mal kurz ausgerechnet, wie viele Kilometer ich in diesem Krieg zurückgelegt habe. Danach komme ich auf das Jahr:

1942 - 10980 Km 1943 - 11340 Km 5690 Km

1944

- bis heute - 42 Km Alles in allem, rund und ziemlich grob gerechnet also 28072 Km. Also über die Hälfte des Erdumfanges! Oder 28 mal durch Deutschland auf der Strecke Aachen bis Königsberg.

24.1.45

Habe mich krank gemeldet. 2 Tabletten gegen Kopfschmerzen bekommen. Morgen will ich zum Arzt nach Amerongen gehen. Wegen einer Blutuntersuchung. (Wassermann) Mal sehen, was draus wird. Die Russen sind nördlich von Breslau. Wenn das man gut geht!

25.1.45

Um 10:00 Uhr wurde im Krankenrevier in Amerongen meine Blutuntersuchung vollzogen. (Fleckiger Ausschlag, Verdacht auf L.) Was das ist, weiß ich auch nicht. In 14 Tagen soll ich nochmals hinkommen. Deutsch-Eylan ist gefallen, die Russen stehen vor Allenstein und Elbing! Brief an Eltern. Ein Oberjäger ist heute losgefahren und hat 7 Zentner Äpfel und 70Kg Fleisch über den Rhein für 450 Gulden eingekauft. Die Sachen sind für den 1. Zug bestimmt. Wehrmachtsbericht: In Holland war die beiderseitige Stoßtrupptätigkit in letzter Zeit besonders lebhaft.

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26.1.45

Gruppenscharfschießen auf 300, 200 und 100 Meter Entfernung. Ich habe mit meiner Gruppe bei je 5 Schuss, 10 Treffer erzielt. Aber dabei gefroren wie ein junger Hund. Heulen hätte ich können. - Die Äpfel und das Fleisch hat seelenruhig die Kompanie wieder einkassiert. Aus ist es mit dem Extrabraten. - Es passieren hier eigentlich so allerhand Sachen, die ich mal nieder schreiben muss. Seit dem 15.1 sind wir nun schon hier, und haben erst seit vorgestern 8 Zigaretten bekommen. Wo sind die anderen Zigaretten hin? Gleich in den ersten Tagen sollte es Schnaps zur Verpflegung geben. Bis jetzt gab es noch keinen. Wo ist er? Vor etwa 5 Tagen ist Marketenderware geholt wurden. Warum ist sie noch nicht ausgegeben? Die Poststelle vom Bataillon hat die an- und abkommende Post zusammen geschmissen. Nun finden sie sich nicht mehr durch. Dadurch kann keine Post verteilt werden. Es geht also drunter und drüber. - Vorgestern Mittag gab es grüne Bohnen. Das Essen war so versalzen, dass man es überhaupt nicht essen konnte. Abends allerdings gab es eine süße “Wassersuppe“. Das Küchenpersonal soll auch abgelöst werden. - Solche “Kleinigkeiten“ beunruhigen nun mein Herz. Vor allem, sie verbittern einen. Aber Schwamm drüber! -

27.1.45

Von 4:00-6:30 Uhr Unterkunftswache gehabt. Mit Grauen dachte ich vorher daran. Aber die Wachzeit ging ziemlich schnell vorüber. Während der Geländeausbildung habe ich mich mit Oberleutnant Wittig über Verschiedenes zweieinhalb Stunden unterhalten. Er erzählte mir, dass er seine Frau in Magdeburg kennengelernt hatte. Auch war er auf dem Fliegerhorst Ost gewesen. Er kennt Borsick, Schulze, Geißler, den Kantinenwirt Heinrich Bösche, Hauptmann Schrader usw. ich war ganz überrascht. Ich musste ihm auch erzählen, was ich bisher gemacht hatte. Wir haben beide viel gelacht über unsere “Vergangenheit“. Im besten Einvernehmen schieden wir wieder auseinander. - Nachmittags Impfen. 2 cbm Tetanus. Beim Herausziehen der Spritze ist die Nadel noch in der Brust steckengeblieben. Anschließend brannte es wie Feuer. Wehrmachtsbericht: In Holland wiesen unsere Truppen feindlichen Angriffe gegen den Mass- Brückenkopf östlich Gertruidenburg und Versuche der Kanadier, den Fluss östlich davon zu überschreiten, ab.

28.1.45

Antreten und Besichtigung durch den neuen Bataillonsführer, ein Oberstleutnant. Die 3. Kompanie rückt morgen ab zur Front. Nach 14 Tagen wird sie von einer anderen Kompanie abgelöst. Abends erfuhren wir, dass die 1., unsere Kompanie, die 3. ablöst. Vormittags Geländeausbildung, wie immer. Morgen soll es besonders groß werden. Mit Knallkörper usw. - Briefpäckchen Nr. 13 an Eltern. -

29.1.45

Vormittags große Geländeausbildung in Elst. Unser Zug war der Verteidiger von Elst. Die anderen 3 Züge griffen an. Wir bauten Straßenbarrikaden usw. das war ein Geballere, Überall griff der Gegner an.

Wurde aber im hinhaltenden Widerstand vernichtet. Er hatte zu große Verluste. Auf dem Rückweg stieg nochmals eine Sache. Ich hatte ein Spähtrupp vom Verteidiger aus. Ein mörderisches Platzpatronenfeuer bis nach Leersum hinein. Panzerfaust und Panzerschreck wurden auch vorgeführt. Hat anständig geknallt; das ist ja auch das Wichtigste bei so einer Sache. - Diese Woche haben wir noch 3 Nachtübungen. Heute Abend startet schon die Erste. Briefpäckchen Nr. 14 an Eltern. Abends um 20:00 Uhr Ausmarsch.

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Auf dem Schießstand Scharfschießen auf Pappkameraden in 50, 75 und 100 Meter Entfernung. Ich habe leider nichts getroffen, wie der weitaus größte Teil. Man konnte kaum die Scheiben erkennen; dazu eine unheimliche Kälte. Um 23:30 Uhr waren wir, Gott sei Dank, wieder in der warmen Unterkunft. Morgen früh ist Antreten für die gesamte Kompanie.

30.1.45

Beim Antreten heute morgen, wurde eine neue Kompanie eingeteilt. Auch ich war dabei. Sofort Rucksack packen und fertig machen zum Abmarsch. Wohin es geht, ist unbekannt. Im Grunde genommen bleibt es sich auch egal. - Nach langer Zeit ein Brief von den Eltern. (12.1.) Danach ist nun H. Ihlow auch gefallen. So langsam bleibt bald keiner mehr übrig. Es wird höchste Zeit, dass der Krieg bald zu Ende geht. Um 18:00 Uhr Abmarsch von Leersum. Wir zogen unser gesamtes Gepäck auf Schlitten fort. Ist zwar auch eine mühselige Arbeit, aber immer noch besser als tragen. In einer langen Schlange bewegte sich die “Karawane“ fort. In Wijk machten wir eine halbe Stunde Rast. Dann ging es bei Kälte und scharfem Wind auf den schier unendlich lang erscheinenden Damm vom Nieder-Rhein weiter bis Culemborg. Zum Teil taute die Straße kurz vorher leicht auf, so das wir Mühe hatten, den Schlitten fortzuziehen. Wehrmachtsbericht: Im Westen wurden auch gestern Angriffe der Kanadier gegen unseren Massbrückenkopf Gertruidenburg durch Artilleriefeuer zerschlagen. Schwere Kämpfe mit dem Feind, der seine Angriffe am Abend und in der Nacht fortsetzte, halten an.

31.1.45

Gegen 3:00 Uhr trafen trafen wir dann endlich in Culemborg ein. Den ersten Tag unseres Marsches haben wir hinter uns. 22 Km sind wir gelaufen. - Schuhe, Strümpfe und Hose waren pitschnass. Sachen gewechselt. Bis 10:00 Uhr geschlafen. - Im Ort sah man viele evakuierte Familien durchziehen. Sonst gab es nichts besonderes zusehen. Von der Bäckerei habe ich ein Brot geschenkt bekommen. Auch gab es prima Leberwurst als Marschverpflegung. Ich habe versucht Wagen von der Ortskommandantur zu bekommen. War aber nichts zu machen, da alle Wagen beschlagnahmt sind. Zur nächsten Station müssen wir das Gepäck tra gen. Alles ist ein Matsch draußen. Leichter Regen fällt auch noch dazu. Brief an Eltern. Wir kommen bis dicht an die Hauptkampflinie heran. Sehr wahrscheinlich sind wir Füllpersonal bei einer Fronteinheit. Oder werden wir geschlossen eingesetzt?

1.2.45

Um 1:00 Uhr Wecken. Anschließend Abmarsch zum nächsten Zielort. Ab von Culemborg um 2:50 Uhr. Die Nacht war wunderbar. Ein warmer Frühlingswind wehte. der Schnee war fast verschwunden. Meinen Rucksack konnte ich kurz vor dem Abmarschieren auf einen LKW, der zum nächsten Zielort fuhr, darauf schmeißen. So hatte ich nur Decken, Zeltplane, Gasmaske und Karabiner zu tragen. Ein wunderbares Gefühl sein Gepäck schon im Voraus zu wissen. Der LKW konnte nur einige Rucksäcke mitnehmen. Es musste auch ganz schnell gehen. Da war mit drei Griffen mein Rucksack gepackt. Während ich auf das Verpacken der Decke und Gasmaske verzichtete, packten fast alle anderen alles schön zusammen; eben, um gar nichts zu tragen. Aber Bescheidenheit ist eine Zier! Mein Rucksack hatte auf dem LKW noch Platz, während die anderen Kumpels ihren Kram nun doch selbst tragen mussten. Ich war “Schließender“, dass heißt, ich musste aufpassen, dass keiner zurück blieb. Bald hatten wir Culemborg im Rücken und es ging an prächtig frisch duftenden Feldern immer weiter. Man hatte das Gefühl, als wenn der Frühling mit aller Macht einziehen wollte.

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Dann sah ich zum ersten Mal die typische holländische Landschaft: Wiesen und Äcker waren eingerahmt von Wassergräben. Die Landschaft sah trotz ihrer fast sturen Gleichgültigkeit erfrischend aus. Am Wege sah man stattliche Bauerngehöfte. (Die Landser klauten sogar einige Hühner!) Später wieder sahen wir alles überschwemmt. Die Straße, fast immer ein Damm, hob sich aber wie ein Rücken daraus empor. In der Ferne grollte Artilleriefeuer. Ganz, wie ein richtiger Vormarsch zur Front. - Früh im Morgengrauen, um 7:00 Uhr etwa, erreichten wir dann unser zweites Marschziel: Leerdam. So hatten wir nun 13 Km mal wieder zurückgelegt. Ich fühlte mich noch ziemlich frisch. Wir schliefen dann bis Mittag wieder in einer Schule. Essen bekam ich von einer Einheit, die im Ort stationiert war. Ich trank in einem Café einen Schnaps für 5 Gulden. Auch Bier. Man fühlt sich wieder wie ein Mensch. Abends Kino: “Kellnerin Anna“. Als wir in die Unterkunft zurück kamen, erfuhren wir, dass, wenn wir Glück haben, mit der bahn fahren konnten. Mit Hoffnung legte ich mich wieder ins Stroh. Die Rucksäcke wurden auf Pferdefuhrwerken verladen und abtransportiert. Diesmal gab ich sogar Gasmaske und Decken mit. So hatte ich nur das Gewehr zu tragen. Brief an Eltern. Wehrmachtsbericht: In Holland wurde die schwache, aus Fallschirmjägern bestehende Besatzung, die seit Wochen einen kleinen Brückenkopf südlich der Maas bei Gertruidenburg gegen weit überlegende feindliche Kräfte tapfer hielt, auf das Nordufer des Flusses zurückgenommen.

2.2.45

Um 00:50 Uhr fuhr der Güterzug ab. Schneller als wir dachten, gelangten wir um 1:20 Uhr in Gorinchem an. 14 Km Fußmarsch haben wir so damit gespart. Es war bestens! Und wieder schliefen wir ganz gut in einer Schule. - Wir erfuhren, dass der Maas-Brückenkopf von uns zurückgenommen ist. Das sieht bös aus! Es ist ja schließlich “unsere“ Front! Ein Bataillon Fallschirmjäger soll dabei futsch gegangen sein. Die Verluste sollen auch hoch sein. (Batallion Sauter. Verluste: 140 Mann.) Das sieht ja gut aus. Aber die Verpflegung soll sehr gut sein. Da hilft mal wieder nur mein alter Grundsatz:

abwarten was kommt! - Brief an Eltern. - Nachmittags die Kleinstadt besichtigt und Kinos ausfindig gemacht. Kino ist noch immer die beste Unterhaltung. Film: “Die Feuerzangenbowle“. War wirklich sehr nett.

3.2.45

00:00 Uhr Abmarsch von Gorinchem. Mit einer Motorfähre übergesetzt. Nun haben wir wieder mal einen breiten Fluß hinter uns. Rückzug? Naja. Und wieder habe ich mir einen vierrädrigen Wagen “besorgt“ und mit 7 Mann das Gepäck verladen. Kilometer um Kilometer zogen wir so der Front näher. Artillerieeinschläge auf Straßen und Häusern zeigten uns die Spuren der Frontnähe. Endlich, nach einem Marsch von 14 Km, gelangten wir in Almkerk, und später in Dussen an. Sogleich erfuhren wir, dass zwei englische Spähtrupps in der Ortschaft wären. Also aufpassen! Da es aber mittlerweile 4:30 Uhr geworden war, konnten wir nicht mehr schlafen gehen. Am Morgen wurden wir Unteroffiziere vom Bataillonskommandeur, Hauptmann Sauter, besichtigt und auf die einzelnen Kompanien verteilt. Leider blieb ich mit keinem meiner jetzigen Kameraden zusammen. Ich wurde zum Kampfzug des Bataillons eingeteilt. Eine Art Elitetruppe. Im Dauerlauf lief ich dann mit meinem Gepäck zur 9., da die Straße vom Feind eingesehen werden konnte. Mein Gepäck ließ ich dort und nur mit den nötigsten Sachen begab ich mich zum Zug an der Hauptkampflinie. Ich lernte den Zugführer, Feldwebel Gerd Royke, kennen. Er teilte mich als Zugtruppführer und stellvertretender Zugführer ein. Er zeigte mir die Stellungen an der Maas. Der Feind liegt am jenseitigen Flussufer, in etwa 250 Meter Entfernung.

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Durch das Glas konnte ich 2 feindliche Posten und 3 Panzer ausmachen. Die Artillerie und vor allem die Granatwerfer bepflastern uns in der Nähe öfters. Wie das heulte und grölte, zischte und fauchte! Eine schaurige Symphonie! Die MGs knatterten und bellten; gegen Abend zog die Leuchtspur hinüber und herüber. Der Zugführer muss heute ein Spähtrupp machen. Zu diesem Zweck zogen wir einen kleinen Fischerkahn über den Damm bis an das Ufer heran. Es war ein komisches Gefühl, so allein und doch verwegen, das Ding bis ans Wasser zuziehen, während drüben 20 MGs jeden Augenblick mit schießen anfangen konnten. Gerade als wir am Ufer waren, schossen die Brüder von Drüben eine Leuchtkugel ab. Im Nu war alles taghell erleuchtet; wir erstarrten zu Salzsäulen. Nichts rührte sich! Wie lange doch so eine Leuchtkugel brennen kann! Zum Glück ging alles gut ab. Ich aß dann mein Abendbrot und anschließend schrieb ich einen Brief an Eltern und Barbara! - Übrigens heben wir von Leersum bis Dussen 63 Km zurückgelegt. Nun ist man bald durch ganz Holland gelaufen. -

4.2.45

Nachts ging von uns ein Spähtrupp rüber, um unsere Munition, welche auf dem Maas-Brückenkopf liegen geblieben war, zu holen. Ich verfolgte alles genau. Als sie mit dem Boot drüben waren, schossen die Kanadier eine weiße Leuchtkugel ab. Wurden aber trotzdem nicht gesehen. Die müssen doch dort drüben schwer pennen. Als der Spähtrupp das zweite mal rüber wollte, sahen sie 4 Kanadier am Ufer stehen. Schnell zurück. Die schossen hinterher, ohne zu treffen. Früh, gegen 5:30 Uhr, schleppte ich mit 1 Mann die Granatwerfermunition, 120 mm, rund 80 Schuss, vom Ufer über den Damm weg. Wir waren somit wohl zehnmal dem feindlichen Feuer ausgesetzt. Zum Glück schossen sie nicht. Nur einmal zog eine Leuchtspur weit links vorbei. Ich war aber froh, dass die Arbeit auch ein Ende hatte. - Anschließend gewaschen und im warmen Bunker gegessen. Heute Abend werden wir jedoch abgelöst und kommen zum Bataillon zurück. Um 19:00 Uhr kam die Ablösung. Feldwebel Royke musste noch dort bleiben, weil er das Fährkommando diese Nacht noch hatte. So zog ich allein weg. Der Abend war finster wie die Nacht. Ich konnte nicht die Hand vor dem Auge sehen. Mit dem Karabiner habe ich immer erst “vorgefühlt“ und dann erst den Fuß nachgezogen. Endlich, nach etwa 2 Stunden, kam ich in der neuen Unterkunft an. Geschlafen habe ich in dieser Nacht im Keller eines Bauernhauses. Unter dem Getöse des feindlichen Artilleriefeuers bin ich dann in wohlverdienten Schlaf gefallen.

5.2.45

Um 9:00 Uhr musste ich mich beim 1a, Leutnant Kessler, melden. Ich soll mich bereithalten, um einen Degradierten zurückzubringen. Anschließend meine Sachen etwas gereinigt. Der Mantel sah vor allen Dingen toll aus; er war von oben bis unten mit Lehm beschmiert. Nun warte ich schon bis 16:00 Uhr und noch immer habe ich keinen Bescheid, um den ehemaligen Feldwebel fortzubringen. Nachdem am Vormittag so einigermaßen Ruhe war, beginnt die feindliche Artillerie wieder die Ortschaft zu beschießen. - Ich habe jetzt im Zugtrupp 2 Sanitäts-Oberfeldwebel und 3 Melder. -

6.2.45

Die Nacht verlief ruhig. Im Schlaf vergisst man wenigstens den Krieg für ein paar Stunden. Am Vormittag Karten gespielt, die Ari ballert mal wieder etwas zur Abwechselung. Das macht einem aber schon nichts mehr aus: man gewöhnt sich daran. Jabos sind fast ständig in der Luft. Tun aber weniger etwas. Mittags in den Personalpapieren aufgenommen. Ein Feldwebel, der mit mir kam, ist Hauptfeldwebel. - Im Allgemeinen verleben wir jetzt momentan eine ruhige Zeit. Trotzdem 800 Meter von hier, über der Maas, der Amerikaner sitzt. -

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Brief an Eltern. Abends musste ich überraschend zu Hauptmann Sauter. ich soll den Zug übernehmen, während Feldwebel Royke Verwendung als z.b.V. findet. Etwas Ausbildung soll gemacht werden. Jeden Tag muss ich einen Dienstplan vorlegen. - Abends kamen noch 7 Mann zum Kampfzug dazu. Einen behalte ich hier, als Melder. - Die Nacht verlief ruhig. Nur die MGs duellierten sich. -

7.2.45

Vormittags alle 3 Gruppen besichtigt und Stärke der Waffen und Ausrüstung festgestellt. Mittags stärkeres feindliches Ari-Feuer. Dienstplan für morgen angelegt. Den Dienst lasse ich um 7:00 Uhr beginnen. Abends stelle ich fest, dass ich zum ersten mal im Leben Läuse habe. So ein Mist. Bisher hatte ich mich immer gefreut, dass ich sie nicht kriegte und jetzt!Magdeburg soll schon wieder angegriffen sein. Wenn man wenigstens Post bekäme. Vom letzten Angriff am 16.1. weiß ich noch immer keinen Bescheid.

8.2.45

Um 7:00 Uhr bin ich mit meinem Häuflein etwas abseits marschiert zur “Geländeausbildung“. Konnte aber nicht viel machen, da der Ari-Aufklärer über uns war. Da bin ich gleich wieder zurückmarschiert zur Unterkunft. Hinter uns schlugen dann die Granatwerfer ein. Huiiiiiih! - bums! Im Dauerlauf weg. - Nun machen wir aus jedem Haus eine Festung. Schützenlöcher und MG-Nester. - Der Abend verlief wie jeden Tag: etwas erzählen und Karten gespielt. - Kaum hatte ich mich hingelegt, da kam der Befehl: höchste Alarmbereitschaft. Schuhe wieder anziehen und weiter gepennt. War aber bis zum Morgen nichts besonderes los. -

9.2.45

Früh um 5:30 Uhr fängt die feindliche Artillerie wieder an, die Ortschaft zu beschießen. Im großen Ganzen hat es aber keinen Zweck, denn dabei passiert kaum etwas. Es sei denn, ein Volltreffer. Und den wollen wir uns nicht wünschen. - Das Ari-Feuer hielt den ganzen Tag über an. - Der Tag verläuft wie jeder andere. - Auf dem Ofen brate ich mir öfters Bratkartoffeln oder röste Brot. Zeit dazu hat man ja. Überhaupt esse ich jetzt wieder ganz anständig. Hungern kommt überhaupt nicht in Frage. -

10.2.45

Wie jeden Vormittag Unterricht. Um 5:00 Uhr ist Wecken und um 6:00 Uhr fängt der Dienst an. Tagsüber ist dann wieder Ruhe und abends von 18:00-23:00 Uhr ist wieder Dienst. Also ganz angenehm. Dazu eine prima Verpflegung mit 10 Zigaretten. Das haut hin. Auf der “anderen Seite“ stehen drei Panzer. Der Hauptmann will sie wohl vernichten lassen. Na, mal sehen was daraus wird. Die schießen nämlich verdammt gut und machen schon was kaputt. - Abends war ich mit Flieger-Oberjäger Garff beim Spieß drüben und habe einen drauf gemacht. Die Leute von mir haben nämlich in einem Garten 23 Flaschen Likör gefunden. Vor einigen Tagen sind schon mal mehrere hundert Zigaretten gefunden worden. Nun gräbt jeder in der Geographie umher und sucht diese köstlichen Waren. Wehrmachtsbericht: Im Westen sind zwischen dem Niederrhein östlich Niemwegen und er Maas bei Gennep heftige Abwehrkämpfe im Gange. Im Verlauf starker Angriffe konnte der feind im Reichswald Boden gewinnen.

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11.2.45

Heute wurden zwei Zentner Raps gefunden. Den lassen wir malen; es gibt pro Zentner Raps 17 Liter Öl. Auch werden mehrere Fässer Benzin gefunden. Da freut sich einer! (Bataillonskommandeur) - Ich suchte auch mit Garff in den Gärten umher: Fand aber nichts. Einmal hatten wir eine Hoffnung. Wir sahen aufgeworfene Erde, und das ist ja immerhin ein verdächtiges Zeichen. Mit Spaten und Picke ging es also dran. Nach der Erde kam eine Schicht Stroh. Dann einige Balken. Und nun ein Hohlraum! Aber wir wurden dann enttäuscht. Denn wir hatten einen Luftschutzbunker vor uns! Jetzt schoss der Ami mit Granatwerfern! Ich schnell um das Haus rum und weg, daß war ein. Auf dem Fleck, wo wir gerade standen, flogen einige Splitter hin. Da hat uns doch der Ari-Aufklärer entdeckt, aus 300 m Höhe. Und mit Granatwerfern schießen die dort drüben sofort auch auf den einzelnen Mann. Mittags gab es Kartoffelbrei, Bratklops und einen wunderbaren Pudding. Nachmittags musste ich Hauptmann Sauter. Er hätte einen ehrbaren Kampfauftrag. Ich spitzte schon die Ohren. (Die 3 Panzer?) Aber es sind nur solche Leuchtzeichen an der HKL aufzustellen. Na, mal sehen. - Abends bin ich zur 3. Gruppe eingeladen. Die Mordsbengel haben einige Flaschen Wein ausgegraben. - War ein netter Abend. Cirka 30 bis 35 Flaschen Wein betrug die Beute. -

12.2.45

Um 5:30 Uhr erfolgte ein Feuerüberfall auf unser Bauernhaus. Es hat ganz schön gewackelt. Um 6:30 Uhr, ich war gerade oben in der Stube beim anziehen, da bumste es schon wieder. Ich lag gleich in der Stube lang; die Tür flog auf, aber das war auch alles. Direkt neben dem Haus hat so ein Biest von Granatwerfer eingeschlagen. Und das alles zum Geburtstag. Ein prima Essen haben wir uns gebraten:

Kartoffeln, Zwiebeln und Wurst. War einfach bestens. Von der 3. Gruppe wurden 8 Flaschen Wein gespendet. Haut prima hin. Ein, den Verhältnissen entsprechender Geburtstag! An Major Schmenkser

und Hauptmann Hirte habe ich je einen Pflichtbrief geschrieben

es daheim aus. Alle paar Tage bringt der Wehrmachtsbericht, dass Magdeburg angegriffen worden ist. -

- Nur eine Sorge habe ich: wie sieht

13.2.45

Heute morgen brachten wir die Alarmzeichen an der HKL an. Auf dem Weg dahin mussten wir uns einige mal hinlegen, da die Granatwerfer dicht über uns hinweg pfiffen und etwa 100 Meter hinter uns einschlugen. Die Straßen sind einzusehen und daher zieht man immer sofort feindliches Feuer auf sich. Da die Anbringung der Leuchtzeichen, durch die Schwere des Drahtes, schwierig war, und auch 2 Jabos ständig über uns hinweg flogen, kehrten wir um und gingen nach Haus. - Nachmittags Skat gespielt und einige Flaschen Wein getrunken. - Gegen Abend musste ich zur Kompanieführer- besprechung. Wir sollen morgen verlegen. Kommen in einen Nachbarabschnitt weiter ostwärts rein. Kampfgruppe Fuchs. Infanterie unterstellt. Ortschaft Ammerzoden. Nachts ging von uns ein Stoßtrupp rüber um Gefangene einzubringen. - Gefallen im Nahkampf. -

14.2.45

Früh die Leuchtzeichen wieder eingebracht. Sachen gepackt. Ein prima klarer Himmel. Jabo-Wetter. Sie brummen schon ständig in der Luft. Das wird ein gefahrvolles Marschieren wer den. Um 15:00 Uhr soll Abmarsch sein. - 16:30 Uhr Abmarsch von Dussen-Binnen. Bis Almkerk gelaufen. Dort trafen wir von uns ein LKW. Schnell drauf. Berghoch die Munition. Aber besser schlecht gefahren, als gut gelaufen. Ein Sani-Wagen und ein PKW noch im Schlepp. Waghalsige Fahrt. Stockdunkel. Links und rechts Wasser. Öfter stecken geblieben, so das der Wagen bald umkippen wollte. Muss Licht anmachen. Sofort Ari-Beschuss. Licht aus. Zu Fuß weiter. Wagen wird im Schritt eingewunken.

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15.2.45

Endlich um 1:00 Uhr am Zielort: Wordragen. Damit mal wieder rund 30 Km zurückgelegt. Kaum um 2:00 Uhr eingeschlafen, setzt ein einstündiges Trommelfeuer ein. Ich war so todmüde, dass ich alles nur im Halbschlaf mithörte. War nicht fähig aufzustehen. - Um 5:00 Uhr fangen unsere Granatwerfer, welche direkt neben unserem Haus stehen, an mit schießen. Bin vom Sofa gefallen, vor Schreck. Dann pfiffen und klatschten die MG und Mpi-Kugeln um das Haus: ein 30 Mann starker englischer Spähtrupp war in der Nähe eingebrochen. Bald war aber wieder Ruhe. - Die Leute von mir kamen im Laufe des Tages an. - Abends musste ich zur Ortskommandantur nach Bruchem und eine Holzfrage für Stellungsbau klären. Bin lange aufgehalten worden und konnte erst in der Dunkelheit zurückkehren. Dicker Nebel hing über dem Überschwemmungsgebiet. Vom Weg abgekommen und auf morastigen Wegen drei Stunden lang umhergeirrt. Zum Glück traf ich von mir Soldaten. Bin mit denen die 5 Km nach Haus gegangen. Müde und zerschlagen ins Bett gefallen. Wehrmachtsbericht: An der Schlachtfront zwischen Niederrhein und Maas zerschlugen unsere Truppen auch gestern alle unter starkem Materialeinsatz geführten Angriffe der Engländer. Südlich des Reichswaldes wurden einige örtliche Einbrüche abgeriegelt. Schnelle deutsche Kampfflugzeuge und Schlachtflieger mit beobachteter guter Wirkung in diesem Kampfraum bei Tag und Nacht feindliche Nachschubstützpunkte und Bereitstellungen an.

16.2.45

Granatwerferfeuer weckt uns auf. Die Stube ordentlich noch aufgeräumt. Mittags gab es bei uns Salzkartoffeln, Klopse und Apfelmus. Das Leben fängt wieder an. Nachmittags verstärktes feindliches Feuer. Der Mist-Ari-Aufklärer über uns. Einschläge neben unserem Haus. Abends wunderbar Rommé mit der ganzen Stubenbelegschaft gespielt. Wehrmachtsbericht: In der Schlacht um den Niederrhein und der Maas errangen unsere Truppen einen neuen Abwehrerfolg. Sämtliche mit Schwerpunkt an der Straße Kleve-Kalkar geführten englischen Angriffe wurden zerschlagen. Südlich davon erlitt der Gegner, der bis zu achtmal vergeblich angriff, schwerste Verluste. Auch am Südrand des Reichswaldes wurde der Feind abgewiesen.

17.2.45

Stellungsbau angefangen. Für Rundumverteidigung. Mussten wieder aufhören damit. Sachen instandsetzen und fertigmachen zur Verlegung. Es geht wahrscheinlich nach Kleve. Marine löst uns ab. Na, ich bin gespannt, Jetzt laufen wir wieder durch Holland zurück. Mittags bereiteten wir uns Hammelbraten. Von der 3. Gruppe bekamen wir eine große Keule. Dazu Kartoffeln, Apfelmus und eine einzigartige Soße. War herrlich. Abends Kartoffelpuffer. Auch bestens.

18.2.45

Gegen Mitternacht ging ein Trommelfeuer auf unsere Stellungen nieder. Hielt bis gegen Morgen an. Um 4:30 Uhr mache ich mich mit meinem Zug alarmbereit. Bin angezogen und lese ein Buch. Warte auf den Befehl, wann es losgeht. Der Tommy hat den Damm durchbrochen, es scheint Hochwasser zugeben. Habe jetzt eine MPi 43. - Wir sollen verlegen. Die Leute haben mir ein Fahrrad zusammengebaut. - Wahrscheinlich geht es nach Deutschland. - Zum ersten mal, nach langer Zeit, drei Briefe von zu Haus.

16

Wehrmachtsbericht: Nach dem Festlaufen ihrer Angriffe beiderseits der Straße Kleve-Kalkar verlegte die 1.kanadische Armee am 10. Tag der Abwehrschlacht zwischen Niederrhein und Maas ihren Angriffsschwerpunkt in den Südteil des Reichswaldes. Unter stärkstem Feuerschutz angreifende Infanterie- und Panzerverbände brachen trotz erneuter Verstärkung nordöstlich Goch im Feuer unserer Waffen zusammen. Westlich davon konnten sie sich nach harten Kämpfen näher an die Stadt heranschieben.

19.2.45

Marine löst uns ab. Eine Kompanie ist schon da. - Eine V1 ist in unserer Stellung runtergegangen. Zwei Offiziere schwer verwundet. Fühle mich nicht wohl. Leibschmerzen und Durchfall. Wehrmachtsbericht: Auch am gestrigen tage scheiterten im Westen die starken Angriffe der 1.kanadischen Armee im Raum östlich Kleve 8nd an der Maas am entschlossenen Widerstand unserer Truppen. Nur im Abschnitt von Goch kam der Feind geringfügig vorwärts.

20.2.45

Mittags geht es ab. Nach Culemborg. In Utrecht werden wir verladen. Um 15:00 Uhr ab von Wordragen. Fahrrad fährt schwer. Schwitze verrückt. Sah ein Auto. Rauf! Weiter bis Culemborg. An, etwa 18:30 Uhr. Mit Oberfeldwebel Warnack ein Privatquartier bezogen. Wollte nochmals ausgehen, aber ab 18:00 Uhr ist hier alles dicht. Wunderbar geschlafen.

21.2.45

Um 8:00 Uhr aufgestanden. In der Ortschaft einige Bier getrunken. Nachmittags 14:00 Uhr ab Culemborg. Herrliches Frühlingswetter. Lachender Sonnenschein. Ich fuhr hübsch langsam aber lustig in den Sonnenschein hinein. Aber nicht übermütig werden: Jabos! Das Schreckgespenst der Landstraßen. - Um 17:00 Uhr vor dem Soldatenheim in Utrecht gelandet. Hier ist fast nichts kaputt. Und doch sieht man den Krieg: hungernde und bettelnde Kinder! Vollkommen verwahrlost. - Schlafe in einer Kaserne. Morgen sollen wir verladen werden. - Von Wordragen bis Utrecht sind es 36 Km. Wieder ein Stück Geographie hinter mir. - Abends im Soldatenheim gegessen. Wehrmachtsbericht: In de Schlacht zwischen Rhein und Maas zerschellten auch gestern die fortgesetzten schweren Angriffe der Engländer und Kanadier am harten Widerstand unserer Grenadiere und Fallschirmjäger. Der Feind verlor 28 Panzer und zahlreiche Gefangene.

22.2.45

Vormittags die Stadt besichtigt. In Friedenszeiten muß es wohl ganz schön hier gewesen sein. Jetzt sieht es kahl, hungrig aus. Trostlos. Die meisten Geschäfte sind geschlossen. Eine Aufnahme von einer Kirche. nachmittags Kino: “Der große Schatten“. Wehrmachtsbericht: Die Angriffe der 1.kanadischen Armee im Großraum von Kleve haben nach den schweren Gegenschlägen unserer Panzergrenadiere und Fallschirmjäger erheblich an Stärke nachgelassen. Der Feind führte gestern nur Teilangriffe im Raum südlich und südwestlich von Goch, die unter beträchtlichen Verlusten für ihn zusammenbrachen.

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23.2.45

Um 2:00 Uhr Wecken. Auf dem Bahnhof Fahrzeuge verladen bis 7:00 Uhr. Mit der Abfahrt wird es aber noch nichts. Zurück zur Kaserne und abwarten. - Es wird gemunkelt, dass es nach Ungarn gehen soll. - Dann man los. Um 17:00 Uhr Abfahrt von Utrecht. Über Amersfoort, Apeldoorn, Bentheim nach Deutschland. - Haben für uns einen großen Waggon allein. Ofen. Warm. Gemütlich.

24.2.45

8:00 Uhr durch Rheine gefahren. Wie sieht die Stadt aus! Verwüstet! Ein Trichter neben dem anderen. - Ein Stück hinter der Stadt machte der Transportzug halt. Warten den Abend zur Weiterfahrt ab. - Gegen Mittag griffen 5 Jabos den Zug an. Feuer aus allen Waffen! 1 Abschuss! Nun werden wir wohl doch noch im Westen bleiben. Ist ja auch egal, wo man kämpft. Diesmal werde ich zum ersten mal auf deutschen Boden zum Einsatz kommen. Komisch, bisher war man immer im Ausland, und nun steht man mit der Waffe auf deutschen Boden. Bei Einbruch der Dunkelheit weitergefahren.

25.2.45

Frühmorgens waren wir in Duisburg. Zum Teil brannte die Stadt vom letzten Angriff vor vier Tagen. Über riesengroße Bombentrichter musste ich staunen. - Starke Jabo-Tätigkeit. Eine MG-Bedienung von mir schoss einen Sperrballon ab. - Den ganzen Tag über auf dem Bahnhof herumgelegen. Über die Rheinbrücke war kein Hinüberkommen, da die Jabos ständig in der Luft waren. - B.a.E. - Um 18:00 Uhr ging es über die Brücke und den Rhein weiter nach Westen.

26.2.45

Um 2:00 Uhr Entladung. Eine Station vor Xanten. Quartier gesucht. Strömender Regen. Nachmittags mit LKW zur Front. 16: 00 Uhr Angriff. Ich besetzte eine Höhe. Weiter vorgegangen. Häusergruppe besetzt. Sehr starkes MG- und Ari-Feuer. Liegen fast. Rundumverteidigung. Obergefreiter Wudi am rechten Knie Granatsplitter. Warte weitere Befehle ab. Links und rechts gehen die Kompanien nochmals zum Angriff vor. Ortschaft: Apeldoorn. Grollendes Trommelfeuer in der Ferne. Batallion:

40% Verluste.

27.2.45

Morgens 6:00 Uhr Stellungswechsel. Zurück auf einen Hang! Besetzen und eingraben! Ari- Trommelfeuer hält bis in die Morgenstunden an. - Habe mir mit Oberjäger Garft ein schönes Loch gebuddelt. Aufnahme. - Bleiben wahrscheinlich längere Zeit hier. Loch zusammen gerutscht, neues gegraben. - Obergefreiter Tillmann verwundet. Nachmittags Angriff von 4 Panzern. 3 abgeschossen. - Trommelfeuer nimmt zu. Können die HKL nicht mehr halten. Links ist der Tommy durchgebrochen! Bei Einbruch der Dunkelheit Stellung geräumt. 8 Km gelaufen. Im Wald gesammelt. Loch gesucht, drei Stunden geschlafen. Panzergeräusch. Raus. Durchbruch! Wehrmachtsbericht: Nach stärkster Artillerievorbereitung nahm die 1.kanadische Armee ihre Großangriffe zwischen Niederrhein und Maas wieder auf. Südlich Kalkar und südwestlich Goch konnte der Feind in unsere Stellungen eindringen. Unsere Reserven warfen sich den Angreifern entgegen und behaupteten so den Zusammenhang der Abwehrfront. Ein dort eingesetztes Panzerkorps vernichtete 57 feindliche Panzer.

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28.2.45

In Bereitstellung gerückt. Infanterie ging zurück. Sauter trieb sie mit der Pistole vor. Verdammt, gleich in eine Ari-Feuersalve hineingeraten! Nochmal gut gegangen. Einschläge in 5 Meter Nähe, die Luft bleibt einem weg. Sicherungen nach vorn geschickt. Mittags Angriff vom Tommy. Durchgebrochen! Kampfzug macht Gegenstoß! Ziehe die Gruppen auseinander und gehe vor. Am Waldrand in Stellung gegangen. Mit 1 Mann vorgegangen. (Oberjäger Fröhlich) Spähtrupp. Sehe plötzlich Amerikaner vor mir. Zurück. Erwarten einen Angriff. Nichts. Gehe nochmals vor. Sehe in 800 m feindliche Panzer mit aufgesessener Infanterie. Kann ja gut werden. Fast dauernd liegt Feuer auf unserer Stellung. In der Luft 8 Jabos mit Raketenbomben und Bordwaffen. Greifen in jeder Minute an. Werden ständig durch andere Jabos abgelöst. Erde dröhnt. Furchtbar. Endlich wird es Abend. Die 10. Kompanie mit 35 Mann kommt mit in meine Stellung. Spähtrupp: Oberjäger Niehoff Feindberührung. Abends 19:00 Uhr: wir machen einen Angriff bis zur Ortschaft Nachtigall. Unterwegs schon feindliches Feuer. Mit den Händen in die Erde gekratzt. Finger tun weh. Vor und Panzer. Zur Seite. Anschluss an die Kompanie gefunden. Einbruchslücke geschlossen. Die 10. bleibt da, wir gehen zurück. Um 23:00 Uhr müde, verdurstet beim Bataillon zurück gekommen. Küchenwagen brachte Essen. Plötzlicher Feuerüberfall. Mit dem Kopf zuerst rein in den Graben! Im Zug habe ich dabei 1 Toten. Nachts unter einem Holzstapel geschlafen. Wehrmachtsbericht: Im niederrheinischen Kampfraum blieben die südöstlich Kalkar und östlich Goch angreifenden Verbände der 1.kanadischen Armee unter hohen blutigen Verlusten bei geringem Geländegewinn in unserem Hauptkampffeld liegen. 63 englische Panzer wurden dabei vernichtet.

1.3.45

Vormittags Loch besser ausgegraben. Regen! Durchnässt, müde, durstig. Ewiges Ari-Feuer. Kaum noch auszuhalten. Und kalt! Wehrmachtsbericht: Im Westen konnten die Engländer und Kanadier trotz ihres gewaltigen Material- und Menscheneinsatzes zwischen Maas und Niederrhein, der jetzt drei Wochen andauert, auch gestern nur südöstlich Kalkar einige Kilometer Boden gewinnen. Ihre Angriffe südöstlich von Goch scheiterten.

2.3.45

500 Meter zurück nach rechts. Seit den frühen Morgenstunden trommelt der Tommy mit seiner Ari im Wald herum. Es ist einfach furchtbar. Ein Leutnant hat den Kampfzug übernommen. Führe selbst einen Halbzug. (3. und 4. Gruppe) Man kann von wirklich unerhörtem Glück sprechen, wenn man hier heil wieder rauskommt. Ich gebe es so langsam auf. Nur ein Wunder kann noch retten. Ständig muss man auf Draht sein wie ein Luchs. Dieses dauernde Angespannt sein aller Nerven und Muskeln ist sehr anstrengend und nimmt einen furchtbar mit. Öfters sind schon Granaten in drei bis vier Meter Entfernung krepiert. Wenn das nichts ist, na, ich weiß nicht. Mir tun meine Eltern leid, wenn mit mir etwas passieren sollte. Ich kann den Schmerz mir gut vorstellen. Erst Horst, dann Günter - und nun ich. Verdammt sei alles, was mit Krieg zusammenhängt! Habe die Schnauze restlos voll. Und der Mist- Ami, wenn der nicht wäre, dann wäre die ganze Scheiße schon längst zu Ende. Eben bringen sie Feldwebel Teske, ein Kamerad von früher, verwundet zurück. Bin ganz verzweifelt: laufend treffe ich zurückkommende verwundete Kameraden. Und jeder nennt einen Toten mit Namen. das Bataillon schmilzt von Stunde zu Stunde mehr zusammen. Kampfzug muss sich fertig machen zum Gegenstoß. Meine Sachen, die zwei Habseligkeiten, sind gepackt. Hoffentlich geht alles gut. Lagen den ganzen Tag in Bereitschaft. Abends Bataillon zurückverlegt. Nachts auf den Kartoffeln im Keller geschlafen.

19

3.3.45

Alarm. Tommy durchgebrochen! Verteidigungslinie. Starkes feindliches Ari-Feuer! Das hält kein Mensch mehr aus. Der Mist muss ein Ende nehmen. Dazu die Jabo-Angriffe! Toll. Ich muss schon sagen, die Zusammenarbeit zwischen Infanterie, Artillerie und Luftwaffe ist bei dem Tommy ganz groß. Was haben wir dagegen zusetzen? Nichts. Ich habe den Entschluss gefasst, lieber zum Tommy zugehen. Da ist es wohl doch noch besser als sich für diesen Wahnsinn hinschlachten zulassen. Anmerkung: Schinkenhof bei Marienbaum Abends rückte die Kompanie ab. Nach Süden. Ich sah eine günstige Gelegenheit zur Flucht und versteckte mich in einem Keller. Nun soll mich der Tommy abholen. Ich warte darauf!

4.3.45

Morgens mit Oberjäger Fröhlich zum Wald gelaufen. Wieder Ari-Feuer. Im TVP versteckt. Dann sahen wir die ersten Kanadier aus dem Wald kommen. Wir raus und ergeben. 3 Verwundete mit hinübergeschleppt. - Wie stark war doch der Kanadier. Überall Fahrzeuge, Panzer, Waffen usw. Mit LKW zurückgeschafft worden. Abends schon im Zeltlager gefangen. Die Nacht war aber kalt. Wehrmachtsbericht vom 6.3.45: Am Niederrhein wiesen unsere Verbände die Angriffe der Engländer und Kanadier im Raum von Xanten auch gestern ab. In der Zeit vom 2. Bis 5. März wurden hier 203 feindliche Panzer vernichtet.

5.3.45

Vormittags herumstehen und frieren, auf den Abtransport warten. Endlich, nachmittags kommen vier LKWs und bringen uns nach Holland über Herzogenbusch nach Tilburg. Der Tommy bessert überall die Straßen aus. Aufräumungsarbeiten. Einige Holländer drohen uns mit ihren Fäusten; als wenn wir Soldaten Schuld an diesem Krieg hätten. Abends in einer Fabrik entlaust und geschlafen. Das Essen ist ganz gut. So viel hatten wir drüben nicht. Cornedbeef und Kekse. Die Nacht verläuft besser als im Loch. Kein Schuss, keine Arie und keine Flugzeuge. Herrlich.

6.3.45

Wir warten auf den Abtransport nach England. Ich möchte ja gerne nach Amerika. Vielleicht Kanada.

Das wäre die Masche. Hier ist ein Magdeburger als englischer Sand-Soldat. Überhaupt muss ich mich wundern, wie viele hier Deutsch sprechen. Nachmittags Verhöre. Viel braucht man ja nicht zu sagen, die wissen ja schon alles.

7.3.45

Wieder kommen wir nicht weg. Alles spricht von Kanada. Jetzt ist der ganze Keller schon mit Gefangenen voll. Wo kommen bloß die vielen Landser her? Morgens und abends gibt es Fleisch und Kekse. Aber kein warmes Essen. Das vermisse ich nun schon

sehr lange. Meinen Füllhalter haben mir die Kanadier weggenommen. Ich vermisse ihn sehr.

8.3.45

Der Steinfußboden ist hart; der Rücken mit allen Gliedern schmerzt. Langweilig wird es auch schon in dieser Fabrikhalle. Aber morgen soll es tatsächlich weggehen.

20

9.3.45

5:00 Uhr Wecken. 7:30 Uhr Abfahrt von Tilburg. Über Tournhout, Antwerpen und Brüssel gefahren. Hier merkt man schon längst nichts mehr vom Krieg. 6 Km von Brüssel entfernt ist ein großes Gefangenen-Zeltlager für 15000 Mann bestimmt. Wir sind in unserem Transport 1800 Mann. Alles wird in Hundertschaften eingeteilt. Ich gehöre zur Kompanie B5. Entlausung durch so´n Puder nun schon zum Dritten Mal. Jeder bekommt drei Decken und ein Kochgeschirr. Die Nacht ist sehr kalt, da kein Stroh in den Zelten ist.

10.03.45

Heute werden wir namentlich erfasst. Es gibt wieder kein warmes Essen. Die Küche ist noch nicht intakt. Morgens gibt es Tee uns ein Päckchen Kekse. Mittags Tee, Kekse, Cornedbeef. Satt wird man aber nicht. Ständig hat man Hunger. Liege mit Oberjäger Fröhlich in einem Zelt. Nachts vier Mal Alarm in Brüssel. Sicher V1. Hoffentlich passiert hier im Lager mal nichts.

11.03.45

Sonntag! Heute bin ich nun eine Woche Kriegsgefangener. Auf jeden Fall ist der Krieg für mich zu Ende. Nie wieder Krieg! Es müsste nur wärmer werden. Dann macht das Leben im Zeltlager mehr Spaß. Um 16:00 Uhr zum ersten mal seit dem 27.02. wieder warm gegessen. Mir ist es anschließend ganz schwarz vor den Augen geworden. - Hauptmann Sauter und Obergefreiter Wegschneider sind auch als Gefangene hier. Sauter sagt, dass ich als vermisst gemeldet bin. Na schön, hoffentlich machen sich die Eltern keine all zu großen Sorgen. Und Barbara? Ach, wie lange ist man auseinander! Und noch nie Post von ihr erhalten.

12.03.45

Ich mache den Vorschlag, ein Musik-Korps aufzumachen. Es wird aber leider nichts daraus. Es fehlen ja die Instrumente. - Seife, Handtuch und Rasierzeug empfangen.

13.03.45

Treffe wieder einige Kameraden vom Kampfzug im Nachbarlager. Sie sagen mir, dass ich schon im Hochwald vermisst wurde. Das kann ich nicht verstehen. - Es gehen so allerhand Parolen hier um, man weiß nicht, ob sie wahr sind. Unsere Turbo-Jäger sollen im Einsatz sein und 400 Tommys abgeschossen haben. Die Russen wären bis hinter Kattowitz mit neuartigen Kampfmitteln zurückgeschlagen wurden. Wenn das stimmen würde? Meine Gedanken drehen sich aber meistens um das Essen. Das Mittagsbrot, Erbsensuppe, gab es an den letzten beiden Tagen, schmeckte sehr gut. Nur müsste es mehr sein. Ich werde auf jeden Fall nicht satt. Gestern konnte ich die erste Kriegsgefangen-Postkarte nach Hause schreiben. Heute geht sie ab. Hoffentlich kommt sie bald an. Briefe können wir erst später schreiben. - Nun bleiben wir doch hier und ich hatte mich so auf Kanada gefreut. Dort hätte ich Tante Ida besuchen können. Vielleicht wäre das nicht das Schlechteste.

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14.03.45

Nun bin ich seit drei Tagen notgedrungener Nichtraucher. Ab und zu, besonders nach dem Essen, habe ich aber noch einigen Appetit auf eine Zigarette. Ja, wenn Deutschland den englischen Kriegsgefangenen Zigaretten ausgeben würde, dann hätten auch wir etwas zum Rauchen. Schade, dass mein Tagebuch von 1944 verloren ging. Mit den vielen, netten Erinnerungen aus Ronchi, Bozen und Schlenderns. Diese Zeiten werde ich nie im Leben vergessen. Überhaupt: Italien und Sizilien! Wenn ich doch man nur dort sein könnte. - Heute scheint nun schon den ganzen Tag die Sonne. Das erinnert einen noch mehr an den schönen warmen Süden. - Täglich startet hier eine größere Anzahl von Bombern nach Deutschland. Und ein Flugverkehr herrscht hier auf dem Platz. Fast immer sind hier mehrere Maschinen zu gleicher Zeit in der Luft. Wo nur der viele Sprit herkommt? Ich fange an, Englisch zu lernen. Vielleicht kann man es noch gut gebrauchen. - Mit der Verpflegung komme ich jetzt besser aus. Man gewöhnt sich an das Quantum.

15.03.45

Meine frühere Einheit Wittig ist ebenfalls sehr stark im Lager vertreten. W. selbst, ist stiften gegangen.

Wie gestern wunderbares Wetter. Sitze den ganzen Tag vor dem Zelt und lassen mich von der Sonne bescheinen. Nur Bücher und Zeitschriften fehlen hier zur Unterhaltung.

16.03.45

Schlechtes Wetter. Nebel; nasskalt. Sitzen im Zelt und frieren.

17.03.45

Jetzt gibt es ein dreiviertel Brot pro Tag. Also mehr. Nun kann man auskommen. Nur mittags müsste es mehr geben. Gut ist es ja, aber zu wenig. Ich denke oft an die Zukunft, wie ich wohl später mal mit meiner Frau leben werde.

- 36 zweimotorige Mitshell-Bomber starten hier fast täglich gegen Deutschland. -

Von meinem Zug sind jetzt hier als Gefangene: Ofw. Warnek, Ofw. Woitalla, Obj. Fröhlich, Ogfr. Wegscheider, 1?, Haake. Gefallen: Schuster, Ernst. Verwundet: Obj. Garff, Niehoff, Wessels, Czichne, Wudi und Tillmann.

18.03.45

Karten spielen. Die Möglichkeit des Ankaufs eines Bauerngehöftes durchgerechnet. (Man hat ja vor

lauter langer Weile nichts Besseres zu tun.) Danach bräuchte man pro Person zum Leben 1 ¼ ha Land. Im Jahr kommen aber noch etwa 4000,- Mark sonstige Unkosten dazu. Ist eine ganz interessante Aufstellung.

- Wie mag es zu Hause aussehen? Was machen die Lieben daheim? Wenn nur alles gut geht.

19.03.45

Früh um 4:00 Uhr schießt so ein Tommy nach einem, welcher am Zaun austreten will, trifft nicht, aber einen Schlafenden durch den Bauch. Schnapsschütze! - Heute kommen vom Lager 500 Mann weg, in ein anderes Lager. Schade, dass ich nicht dabei bin. Denn einen von der Küche kannte ich gut. Da hätte ich bestimmt nicht zu hungern brauchen. Hier in der Küche wird ja auch schwer Beschiss betrieben. Gestern Abend gab es nur ein Viertel Weißbrot! Die Hälfte wie üblich. Ich weiß ja, wo der Rest steckt. Umsonst wird nicht noch abends um 22:00 Uhr in der Küche gebraten und gebacken. Ja, es ist immer wieder das gleiche Lied: Der Stamm!

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20.03.45

Gehöre der 13. Kompanie an. Vergangene Nacht im neuen Zelt wunderbar geschlafen. Unter die Decken noch Pappe gelegt. So ist es weicher, wärmer und trockener. Haben uns unterhalten, über das Segelflugzeug „Bäbi“ mit Motor. 22 PS. Für 100 Km 15-20 L Benzin. Das wäre ja eigentlich die Sache. Wenn es mir nach dem Krieg gut geht, werde ich das Flugwesen mal probieren. Die Sonne lacht wieder. Frühlingswetter mit blauem Himmel. Hoffentlich kommt der Frieden bald. Ein Vergnügen ist es nicht, einige Monate hinter Stacheldraht verbringen zu müssen.

21.03.45

Heute Vormittag war ich das erste Mal arbeiten. Im Nachbarlager. Aufsicht gemacht. Arbeiten dürfen ja Portepee-Uffz. nicht. Stacheldraht gezogen. Ein jüdischer Soldat trieb schwer an. Erzählte dabei, dass der Krieg in ein bis zwei Monaten zu Ende sei. Köln wäre besetzt. Überall, wo die amerikanischen Panzer hinkämen, wäre kein Widerstand mehr. Panzer rollen über Menschen! - Wir sollen fort kommen. Aus mit arbeiten. Es heißt: Ans Meer. Es laufen hier Parolen um, dass in Stockholm Friedensverhandlungen wären. Der Führer hätte jedoch zu hohe Bedingungen gestellt. Auch hätten wir einen riesengroßen Kessel gebildet: Königsberg, Breslau, ?.

22.03.45

Nachmittag bis Abend genaue Einteilung des Transportes. Die deutsche Bürokratie stirbt selbst im G- Lager nicht aus. Die kommende Nacht schlafen wir im Nebenlager. Seht schlechte Stimmung, weil wir im essen dem anderen Lager weit nachstehen.

23.03.45

5:00 Uhr Wecken, Teeempfang. Abmarsch zum Bahnhof und Einsteigen in Güterwagen. Die Fenster wurden extra zugenagelt, aber wir bekommen sie wieder auf. So haben wir wenigstens etwas Frischluft. Heißer Tag. Durchfahren Brüssel – Ath – Tournai – Lille. Hier längeren Aufenthalt. Dachte schon, wir bleiben hier! Franzosen und Belgier werfen mit Steinen und machen öfters die Bewegung des Halsabschneidens. Wir sind doch verdammt unbeliebt in der Welt. Aber kann ich etwas dafür? - Gegen Abend kommen wir noch durch Sainhin uns Arras. Hier steigen aus dem Wagen kurz vorher drei Mann aus! Haben es aber erst zum Morgen bemerkt.

24.03.45

Folgende Stationen heute durchfahren: Sartrou – Ville – Acheres – Mautes – Brisset – Ereux – Seranigny – Bernay – Lisieux. Abends liegen wir vor Caen.

25.03.45

Morgens Entladung. Fußmarsch etwa 2 Km. Sehr großes Lager. Etwa 9500-10000 Gefangene. Man sollte sich wundern, wo die vielen Soldaten alle herkommen. Treffe einen Uffz. Mit Namen Hennemann. Es sollen noch mehr mit diesem Namen rumlaufen. Eine Hoffnung mehr, eventuell Horst oder Günter zu treffen.

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26.03.45

Lager 7, 39. Kompanie, 4. Zug Werden wieder eingeteilt in Kompanien (340 Mann) und je 12 Züge (26 Mann) Bin Zugführer. Im Zelt liegen zwei Uffz. mit mir. (Objg. Glässer und Objg. Hegenbarth) Es ist viel besser als in Brüssel. Bessere Unterkunft, die Zelte sind innen ausgeschachtet und etwas besseres Essen. - Hier besteht ein Lagerorchester. Habe Verbindung aufgenommen. Hörner sind schon bestellt. Sowie sie ankommen, mache ich mit. Freue mich sehr, denn dann bin ich wieder in meinem Beruf.

1.04.45

Ostern! Mein Gott, wie die Zeit verrinnt. Das Fest der Auferstehung und Wiedergeburt! - Nachmittags Fußballwettkämpfe. Ein Tag vergeht wie der andere. Um 9:00 – 11:00 Uhr ist Antreten und Zählung. Sonst Ruhe. Ich fange aber in den nächsten tagen mit Unterricht an, Sprachen usw. Etwas muss man ja tun. Um an die Marketenderware (Zigaretten) zu gelangen, muss man arbeiten. Pro Tag bekomme ich 13 Franc. Jede Woche gibt es 50 Zigaretten. Habe aber bisher nur einen Arbeitstag.

6.04.45

Heute bekam ich dieses Tagebuch wieder. Habe kurz nachgetragen. Schwere Not, da es bisher noch nichts zu Rauchen gibt.

9.04.45

Lagersperre. Eine französische Kommission nimmt die Personenzahl der 38. Kompanie auf. Es werden Bauern gesucht. Ob die es unter französischer Bewachung besser haben? Na, ich weiß es nicht. - Für den Zug bekomme ich drei Neue vom Lager Barjou. Sie bestätigen mit die politische Lage in Deutschland. Danach steht der Amerikaner vor Bremen, Hannover, Mühlhausen (Thür.), Nürnberg. Der Russe kämpft schon in Wien. Nun ist meine allerletzte Hoffnung auf einen Sieg dahin. Hoffentlich machen die Kriegsverbrecher in Deutschland mit dem aussichtslosen Krieg bald ein Ende. Ich denke oft an meine Angehörigen daheim. Was werden sie wohl machen? Leben sie überhaupt noch? Oder hat sie Hitler auch schon auf dem Gewissen?

11.04.45

Heute gibt es Marketenderwaren! Ein Stück Seife und 50 Zigaretten. Da ich mir zwei Arbeitsstriche

schenken ließ, musste ich 15 abgeben. Na, immer noch besser als gar nichts.

12.04.45

Franzosen stellen Arbeitskräfte ein. Uffz. Können sich freiwillig melden. Mannschaften müssen. Kommt für mich nicht in Frage. Ich arbeite und bleibe lieber beim Tommy. - Ein Arbeitskommando von uns wurde auf dem Bahnhof Caen mit Kolbenhiebe und Bajonettstiche zur Arbeit angetrieben. Dort sich freiwillig melden? Nee.

13.04.45

Amerikaner haben nördlich von Magdeburg die Elbe erreicht. Dicht vor Sangerhausen stehen sie auch schon! Den ganzen Tag denke ich an meine Angehörigen. Was werden sie in diesen Stunden wohl alles erleben? Hoffentlich geht der Krieg dort bald vorüber. - Roosevelt ist tot. -

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14.04.45

Früh morgens ist es am schönsten hier. Der frische Duft der Äcker und das Jubilieren der Lerchen in den Lüften haben einen friedlichen Geschmack. Es erinnert mich oft an die Zeit, als ich als Junge meine Ferien beim Großvater verbrachte. Landleben ist Friede. Warum zieht es mich dorthin? Ist es der Gedanke, dass die Städte daheim alle in Schutt und Asche liegen? Oder ist es ein anderes urwüchsiges Gefühl, Gesetz? Ach, könnte ich wieder einmal zu Hause sein und die Stätten meiner Kindheit aufsuchen! - Ich habe momentan eine schlimme Nase.

15.04.45

Heute habe ich wieder einmal eine Karte mit meinem Absender an Barbara geschrieben. Hoffentlich

kommt sie an und ich bekomme Post.

16.04.45

In den letzten Tagen war ein wunderbares Wetter. Jeden Tag Sonnenschein. Aber die Wärme und der Frühling machen mich träge und müde. Langeweile.

19.04.45

Gestern gab es wieder 50 Zigaretten. Und drei Bücher. Tasso und Wilhelm Tell, Gottfried Keller. Der Mittwoch, unser „Freier Tag“ ist jedenfalls ein Festtag. Mittags gutes Essen: Drei Knödel! - Heute meldet die Lagerzeitung, dass der Tommy in Magdeburg eingedrungen ist. Es ist kaum zu fassen! Was machen die Lieben zu Haus? Wenn man doch nur Nachricht hätte. - Es geht die Parole um, dass im Lager 4000 englische Uniformen mit der Aufschrift „Germany“ wären. Abwarten. -

24.04.45

Heute kommen etwa 2000 Mann weg nach Lille zu den Franzosen. Es sollen noch mehr fortkommen,

aber erst muss man ja wohl registriert werden.

26.04.45

Und wieder kommen Landser fort zu den Franzosen. Vormittag müssen auch alle Uffz. Zur Registrierung. Als es aber wieder heißt, man kann sich freiwillig melden, ziehen wir wieder lustig ab. - Gestern Abend soll der Führer gesprochen haben. Die 1. oder 9. amerikanische Armee soll bei Magdeburg eingeschlossen sein. Diese und ähnliche Parolen schwirren im Lager herum. - Wir sollen amerikanische Bewachung bekommen.

27.04.45

Registrierung! Einige meldeten sich freiwillig zum Arbeitseinsatz bei den Franzosen. Die anderen, darunter ich, sollen keine Marketenderwaren bekommen. Aber lieber nichts zu Rauchen, als sich von den Franzosen schikanieren zu lassen.

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28.04.45

Schon wieder mal großes Antreten auf dem Sportplatz, wegen der Registrierung. Der englische Major Swan und Hauptmann „Stalin“ machen die „Auslese“. Ich komme, mit den beiden Uffz. aus meinem Zelt, zu der Abteilung: Kaufleute, keine Angestellten, Schüler usw. Wir müssen in der Lage sein, an einer Registratur oder Zahlmeisterei zu arbeiten. Haut doch hin, so etwas kann ich. Als Major Swan jedoch fragt, wer bei den Franzosen nicht arbeiten wolle, der sollte vortreten, da trat alles geschlossen vor. Abrücken und abwarten, was weiter kommt.

29.04.45

Habe mich heute als Kaufmann angemeldet. Abends erfahre ich, dass ich morgen fort komme. Wohin?

Ich bin gespannt. Und als was?

30.04.45

Um 10:00 Uhr ist Antreten auf dem Sportplatz. Sachen untersuchen und Abmarsch. Am Tor nehmen uns Franzosen in Empfang. Sehen aus wie uniformierte Zivilisten. Partisanen. Um 13:00 Uhr vom Panzerwerk mit der Bahn abgefahren. Ein Glück, dass schönes Wetter ist. Seit vier Tagen hat es nämlich nur geregnet. In offenen Loren! Allzu bald merken wir den eleganten Franzosen. Keiner darf über den Wagen gucken. „Grande Nation!“ Scharf geschossen. Ein Toter. Die gleiche Strecke wieder zurück, wie von Brüssel – Caen. Nachts Regen. Durchnässt und verfroren.

1.05.45

Überall drohen uns die Franzosen mit Fäusten. Wird es jemals einen Frieden zwischen Frankreich und Deutschland geben? Durch Arras. Nachmittags, gegen 15:00 Uhr am Endziel Bruay angekommen. Ein schlimmer Marsch durch den Ort. Die Bevölkerung gibt sich hysterisch. In einem Kohlenbergwerk (Holzbarackenlager) kommen wir unter. Wir müssen wohl im Bergwerk arbeiten. Na, ich bin gespannt, wie wohl alles noch kommt. Mit dem Essen sollen wir mit der Zivilbevölkerung gleichgestellt werden. Bis jetzt haben wir aber nur Kaffee bekommen. Abends todmüde auf das Strohlager gefallen.

3.05.45

Morgens und abends gibt es ja ein Stückchen Brot. Lohnt kaum zu beißen. Ohne Fett, Wurst und dergleichen. Als Zusatz abends noch einen Trinkbecher voll Nudelsuppe. In 14 Tagen werden wir verhungert sein. - Berlin soll besetzt sein. Die Wachmannschaften mussten die abgenommenen Sachen, wie Seife usw., wieder rausgeben. - Ich habe seit Tagen einen Pickel auf dem Kopf. Heute kommt ein kleiner fingerdicker Eiterklumpen heraus. - Ab Dienstag sollen wir im Bergwerk arbeiten.

6.05.45

Vorgestern bekamen wir eine blaue Arbeits-Kombi. Heute werden wir in Arbeitsgruppen eingeteilt. Uffz. Brauchen jedoch, so lange wie noch Krieg ist, nicht zu arbeiten. Hitler, Göring und Goebbels sollen von den Anhängern Himmlers und Dönitz ermordet worden sein. Der Krieg soll heute oder morgen zu Ende sein. - Seit zwei Tagen bin ich am Nähen. Eine Tasche mit Reißverschluss für Toilettensachen und eine Windjacke aus der Fallschirmjäger-Kombi sind schon fertig. Jetzt kommt ein Wäschesack dran. - Heute habe ich wieder eine Postkarte schreiben können. Nach Brücken. Vielleicht sind die Eltern dort. Die nächste Post geht dann nach Magdeburg.

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8.05.45

Hitler soll, nach französischen Zeitungen, gestorben sein. Mussolini ist hingerichtet. - Frieden mit den Westmächten. Überall ist geflaggt. Die Landser, die heute zum ersten Mal im Schacht arbeiten waren, kommen schwarz wie die Neger wieder zurück. Sind aber von den Zivilisten im Durchschnitt gut behandelt worden. Seit etwa drei Wochen heute mal wieder rasiert. - Die Verpflegung ist aber miserabel. Fast nur trockenes Brot und mittags eine dünne Suppe. Hoffentlich kommen wir hier bald wieder raus. Und wieder notgedrungen Nichtraucher.

9.05.45

Ab 15:00 Uhr ist Frieden! Französische Fahnen werden gehisst. Umzug mit Musik. Wenn man das alles so sieht! - Goebbels hat sich vergiftet, Hitler tot, Göring weg. Das sieht diesen Brüdern ähnlich. Deutschland bis zum äußersten ende führen und dann sitzen lassen. Ich habe das aber mal früher schon kommen sehen. - Heute treffe ich ganz plötzlich einen aus Brücken. Er hat eine aus der Weidegasse zur Frau. Köhler heißt er, Friseur. - Kurz zuvor, ehe die Scheinwerfer ringsum das Lager anbrannten, krochen zwei Mann von uns durch den Drahtzaun. Weg waren sie. Freiheit! Wie lange wartet sie noch auf mich? Hoffentlich klärt sich unsere Lage bald.

11.05.45

Ab morgen müssen die Uffz. Mitarbeiten. Wer nicht will, kommt in ein besonderes Lager. Ich werde arbeiten. Vielleicht komme ich dann eher nach Hause. - Ein französischer Oberstleutnant will zu uns sprechen und die ganze Angelegenheit über den Arbeitseinsatz der Uffz. regeln. - Noch immer gibt es schlechte Verpflegung und mittags dünne Wassersuppe, früh und abends etwas Brot. Ab und zu etwas Fett oder ganz billige, gefärbte Marmelade.

12.05.45

Ab Montag müssen wir nun alle arbeiten. Dann bin ich endgültig ein Bergmann. Göring und Kesselring sind gefangen! Göring sagte aus, dass er am 24. April schon vom Führer zum Tode verurteilt worden wäre, weil er von einer Flucht gesprochen hätte. Ja, ja, unsere ehemalige Regierung. Da tue ich auch niemals meine Tat am 4. März bereuen. Ich habe damals wohlweislich klug gehandelt. - Letzte Nacht sind schon wieder zwei Mann aus dem Lager entkommen. - Die ersten beiden „Ausreißer“ haben sie heute wieder zurück gebracht. Die Haare wurden kurz geschoren. In der Mittagspause mussten sie rumlaufen, robben usw. Dabei schoss ein französischer Unterleutnant mit der Mpi einen schwer nieder. - Wir Uffz. mussten Barackenteile von Waggons abladen. Anschließend duschen.

13.05.45

Wieder eine Karte an Barbara schreiben können, so langsam muss aber nun mal Post kommen. Es ist furchtbar, so gänzlich ohne Nachricht von daheim zu sein. - Die Anträge auf Bücherei, Instrumente,

Spielgruppe, Radio, Zeitungen usw. sind durchweg abgelehnt wurden. - In Deutschland soll General Eisenhower die Führung haben. Er verlangte alle Kriegsgefangenen nach Deutschland zurück. Vielleicht hören wir bald mehr darüber. -

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14.05.45

13:15 Uhr Abmarsch zum ersten Arbeiten im Kohlebergwerk. Bin gespannt, wie es dort unten wohl zu geht. Die Uffz., welche nicht im Pott arbeiten wollen, bekommen nur noch das Schwarzbrot zu essen. Sehr wahrscheinlich bekomme ich in einigen Tagen die Kantine. Der Dolmetscher, welcher mit mir bei der früheren Einheit Wittig war, hat mit dem französischen Spieß schon gesprochen. Ich werde doch noch wohl Glück im Unglück haben. In der Grube 6L, 600 m tief gearbeitet. Bei der Einfahrt mit Förderkorb legte sich ein richtiger Druck auf die Ohren. Ich arbeite mit einem Franzosen zusammen. Abwechselnd gebohrt und geschippt. Kohlenkomplex 1,50 x 2,00 x 3,50 m. In unserem Stollen kann man wenigstens bei der Arbeit stehen. Die anderen müssen im Knien und Liegen arbeiten. Anschließend duschen. Sah aus wie ein Neger. So hätten mich mal die Eltern sehen müssen. Arbeitsschluss 21:30 Uhr. Im Lager müde und zerschlagen ins Bett gefallen.

16.05.45

Gestern wieder im Bergwerk gearbeitet. Eine lange Zeit ist man dabei immer unterwegs. Um 13:15 Uhr ist Abmarsch. Dann umziehen. Lampe empfangen. Einfahren. 14:30 Uhr reguläre Arbeit etwa von 15:00-21:45 Uhr. Unten im Stollen muss man noch 1,5 Km laufen. Dann ausfahren, Lampe abgeben, duschen und umziehen. Zurück zum Lager. Da ist es Mitternacht vorbei. Also elf Stunden ist man glatt unterwegs. Österreich ist seit Sonntag, wie früher, ein Bundesstaat. - Hier läuft die Parole um, dass wir in drei bis vier Monaten nach Deutschland kämen. SS würde uns „ablösen“. Es ist zu schön, um wahr zu sein. - Mit der Kantine wird es nun doch noch 14 Tage dauern. Dann erst soll es Marketenderwaren geben. Heute habe ich nicht gearbeitet. Hatte keine Lust.

19.05.45

Gestern war ich das vierte Mal im Bergwerk. Viel Freizeit hat man ja tagsüber nicht. Bis früh 9:00 Uhr

wird geschlafen. Dann kommen einige Stunden der Ruhe, das Essen und um 13:15 Uhr ist schon wieder Abmarsch. Hoffentlich kommt die SS bald. - Es heißt, dass wir dann in den großen Webereien bei Lille eingesetzt werden. Das wäre bedeutend bessere Arbeit. - Die Bauern und die Bergarbeiter sollen aber auch nach Deutschland kommen. Da weiß man aber wieder nicht, wie man dran ist. England uns Amerika haben die österreichische Regierung nicht anerkannt. Tito hat unter Missbilligung der beiden Triest besetzt. Pass auf! Es kommt doch noch zu einem Krieg zwischen England, Amerika und den Russen. Vielleicht gelingt es uns doch noch mal hoch zu kommen. Für uns kann es dann aber nur zum Vorteil sein.

20.05.45

Pfingsten! Zu Hause werden sie wohl an mich denken. Wie schön habe ich doch Pfingsten voriges Jahr verbracht. Aber ich will weiter nicht klagen. Ich habe freiwillig die Gefangenschaft dem Tod vorgezogen. Lieber einige Zeit hinter Stacheldraht, als kalt und vermodert in der Erde liegen. - Wenn

ich von der Arbeit komme, den Brotbeutel mit Waschzeug unter dem Arm, dann denke ich an die Arbeiter von Polte, wie sie früher von ihrer Arbeit kamen. Das Beste an der ganzen Arbeit ist immer das Einfahren mit dem Förderkorb, das Duschen unter der heißen Brause.

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Heute und morgen frei. Ab Dienstag habe ich Frühschicht. - Habe einen Zweter gegen ein Päckchen Pumpernickel getauscht. Ein Paket Tabak bekomme ich in den nächsten Tagen noch. - Beim Antreten wurden alle auf das Blutgruppenzeichen am Arm wegen SS untersucht. Einer war dabei.

21.05.45

Typisches Pfingstwetter: Regen und Sonnenschein! Morgen fahren französische Soldaten nach Caen und holen von dort noch 200 Gefangene für unser Lager ab. Ich sehe ja schwarz, mit unserem wegkommen. Wir werden doch längere Zeit hier im Kohlengebiet bleiben. Ab und zu unterhalte ich mich mit einem Uffz. über Ackerbau und Viehzucht. Er besitzt ganz gute Kenntnisse und Erfahrungen. Er war Gutsverwalter.

23.05.45

Ich bin in einer sehr hungrigen Stimmung! Den ganzen Tag über schwer Kohldampf. Das Mittagessen um15:30 uhr esse ich zusammen mit dem Brot. Dann kann ich erst am nächsten Tag wieder essen. Fast alle bekommen im Pott etwas Brot zu essen. Ich habe Pech und bekomme nichts. Bin ebenfalls in einer schwermütigen Verfassung. - Es geht die Parole um, dass wir nächste Woche nach Deutschland kämen. Alle Kriegsgefangenen kämen zurück. Wenn das nur wahr wäre. - In Syrien sollen sich, nach französischen Zeitungen, die Engländer mit den Franzosen in den Harren haben. - War heute das 7. im Pott.

24.05.45

Ich hätte heute morgen umfallen können vor Hunger, genau wie es schon mehreren erging. Aber den Franzosen im Pott möchte ich doch nicht wegen Brot anhauen. Dafür fühle ich doch noch zu stolz. Das Arbeiten nimmt mich doch sehr mit. Ich sehe furchtbar schlecht aus, wie meine Stubenkameraden sagen. Abgenommen habe ich rapide. Blass. Die Muskeln und das Rückgrat schmerzen vom Kohleschippen. An den Händen überall Blasen und Hornhaut, auch aufgerissen und mit Schorf versehen. So sieht es nun in der Gefangenschaft unter Franzosen aus! Die Zeit in Caen beim Tommy war dagegen direkt „golden“. - Ab morgen bekommen wir 75 g Brot mehr! Die Uffz., welche im Pott nicht arbeiten und nur Lagerarbeitsdienst machen, sollen täglich nur 150 g bekommen. Die gehen ja da noch schneller ein. Es heißt, in ein bis zwei Monaten sollen wir nach Deutschland. Andere erzählen nächste Woche. Vorläufig kommen die 50jährigen weg. (Davon sind im Lager zwei.) Dann die Bauern, Bauhandwerker, Fuhrleute usw. Hoffentlich bin ich mal bald dabei.

26.05.45

Zehn Mal im Pott. Nun haben wir von 16:00 Uhr bis Montag 13:00 Uhr Freizeit. Nächste Woche wieder Mittagsschicht. Ein Tag verläuft wie der andere. Nur Parolen wechseln ab. Da kann man immer noch die tollsten Sachen hören. Am 1. Juni sollen wir weg kommen. Ich glaube aber nun bald gar nichts mehr. So schön,

wie es wäre. Verpflegungsmäßig gesehen halte ich es noch zwei, höchstens drei Monate aus. Dann bin ich wohl sanft und ruhig des Hungertodes gestorben. - Statt 75 g gibt es nur 25 g Brot mehr. Tabak haben wir immer noch nicht erhalten.

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27.05.45

Regenwetter! Mai kühl und nass, füllt dem Bauer Scheune und Fass. Eine gute Ernte kann jetzt wohl jedes Land gebrauchen. - Ich habe so ein Gefühl, dass ich in den nächsten Tagen Post bekomme. Wie bin ich da gespannt. - Als heute die Karteikarten geschrieben wurden, habe ich als Beruf Landarbeiter angegeben. Es kann sein, dass dieser Beruf eher nach Hause kommt. Und ich kann ja ganz gut in Brücken helfen.

28.05.45

Am Mittwoch geht die Liste mit meinem neuen Beruf nach Barlin. Hoffentlich klappt bald alles.

30.05.45

Gestern sind mir einige Steinbrocken auf die Schulter gefallen. Schmerzt sehr. Wenn ich nicht immer den Lederhut aufgehabt hätte, hätte ich schon manche Beule am Kopf. - Heute gibt es 40 g Tabak. - Gestern und heute zusätzlich Käse empfangen. Man ist gleich viel satter. Solch gutes Zubrot müsste es immer geben. Der französische „Verbindungsmann“ sagte heute, dass es nur eines Befehls aus Barlin bedürfe und wir würden entlassen. Also wieder mal eine Hoffnung mehr. Allerdings gehen die Listen mit den Berufen nicht nach Barlin. Aber mal sehen. Abwarten. - Heute kommen abends noch 200 Mann von Caen ins Lager. - Abends bekam ich zum ersten Mal eine Schnitte Brot von meinem französischen Kumpel.

31.05.45

Einige haben in Caen Post aus den vom Russen besetzten Gebieten bekommen. Danach sollen die gut zu essen haben. Die Post ging natürlich durch russische Zensur. - Heute 15. im Pott.

1.06.45

Heute vor sechs Jahren bin ich Unteroffizier und vor drei Jahren Feldwebel geworden. Habe mit Schmerz daran gedacht. Wie ist alles anders gekommen! - Die Sache mit Russland scheint sich zuzuspitzen. Er ist auf Bornholm gelandet. Die Amerikaner sofort mit Fallschirmjäger hinterher. Auch soll der Russe die Ostküste von Dänemark besetzt halten. Der Franzose schlägt sich mit den Syriern herum. Daraufhin hat Amerika verlangt, dass der Franzose seine Truppen zurückziehen soll, was bis her noch nicht geschehen ist. Ich glaube nun ganz bestimmt daran, dass es noch zum Krieg kommt. - Heute fehlte im Pott mein Kumpel, da habe ich mit einem Polen zusammen gearbeitet. Erfolg: Zwei Doppelschnitten Weißbrot. Es hat wunderbar geschmeckt. Zu Hause werde ich nur noch schönes, weiches Weißbrot essen. Das Glücksgefühl kann ich gar nicht schildern, als ich so in die mit Fett geschmierten Stullen hinein biss. Einfach herrlich! Besser als die schönste Torte. - Oh, die undankbaren Franzosen! Alle, die von Deutschland zurück kommen, erzählen die wahrsten Schauer-Märchen. Jeder behauptet dasselbe, was damals in der Zeitung stand, ein Liter Wassersuppe und 500 Gramm Brot. Dabei haben die doch gelebt, besser manchmal als Zivilisten. In Deutschland sollen die Kinos wieder geöffnet sein. Es sollen aber nur russische Filme laufen.

2.06.45

Gestern Abend habe ich meinen Zweter und ein Handtuch verschenkt. Ein Päckchen Tabak, eine Tüte voll Tabakblätter, eine Rasierklinge, Blättchen und zwei Doppelstullen habe ich dafür bekommen.

Außerdem kriege ich jeden Tag zwei Schnitten Brot vom Kumpel. - Nach langer Zeit ist mal wieder schönes Wetter. Richtiges Nachmittagsgartenmusikwetter. Ach, die schönen Zeiten!

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Werden sie wiederkommen? - habe nach Hause geschrieben. So langsam muss ich aber doch wohl Post bekommen. Man hört und sieht nichts. Darüber mache ich mir Sorgen. - An Neuem gibt es: 5000 deutsche Soldaten kämpfen mit dem Amerikaner auf dem Balkan gegen Banden. Toll! Der Anfang zum Krieg gegen Russland?

3.06.45

Die Feldwebel Behnke und Willms von meiner Stube haben sich entschlossen, ab morgen nicht mehr zu arbeiten. Sie wollen es darauf ankommen lassen. Ich mache aber nicht mit. Denn ich habe zum Arbeiten A gesagt und nun werde ich auch B sagen. Außerdem wäre ja die ganze Arbeit im Bergwerk bisher umsonst gewesen.

4.06.45

Durch einen wunderbaren Zufall habe ich heute den Kumpel von Fw. Behnke bekommen. Ein Pole. Habe drei dicke Brote. Und von Kasimir, dem anderen, meine zwei Doppelschnitten. Dazu einen halben Liter Rotwein. War aller bestens! Von einem Franzosen sogar etwas Salz und vier Zwiebeln. Bin nach langer Zeit mal wieder richtig satt geworden. Ich habe doch ganz gut daran getan, dass ich weiter gearbeitet habe. Die anderen sind heute nach Barlin zum Hauptlager gemeldet worden.

5.06.45

Meine Missstimmung ist vorbei. Bin innerlich beruhigt. Der Grund: Das gute Essen im Schacht. Jeden Tag von zwei Mann, dass haut hin. Ist man satt, ist die Stimmung oben. - Die Parolen vom Wegkommen lassen schwer nach. Es wird sogar gemunkelt, dass wir zwei bis drei Jahre hier bleiben müssen. Na, dann man los. - Abends die deutsche Zeitung gelesen. Ach, es ist furchtbar, wenn man das alles liest. Es ist zum Brüllen! Ich bekomme immer stärkeres Heimweh. Ich weiß genau, man braucht mich jetzt zu Hause. Die Fotos habe ich, wie so oft, mal wieder bei der Hand gehabt. Ob Horst und Günter noch leben? Wenn es doch nur wahr wäre. Und die Eltern? Lothar, Ruth? Post, Post, Post fehlt mir.

6.06.45

„Unten“ habe ich wieder 400 und 600 Gramm Brot bekommen. Damit kann ich gut auskommen. Für meinen Kumpel habe ich eine Unterhose mitgenommen. Sechs Mal habe ich dafür mein Knäckebrot einem anderen gegeben. Trotzdem, ein Geschäft.

7.06.45

Die Uffz., welche nicht mehr arbeiten, kommen wohl morgen fort. Die haben „Schwein“ gehabt. Wie es heißt, sollen sie in ein Nachschublager für französische Kriegsgefangene, welche dort vorübergehend verpflegt werden. Wenn das stimmt, na dann habe ich mal wieder Pech gehabt. Richtig kalkulieren kann man ja in Gefangenschaft nie.

8.06.45

Heute morgen muss ich hier bleiben und nicht zur Arbeit. Werde registriert! Bekomme ein Arbeitsbuch usw. Soll auch fotografiert werden. Eine Frage: Was bin ich nun eigentlich von Beruf? - In der Zeitung steht, dass Furtwängler in Berlin und Clemens Kraus in Wien wieder dirigieren. Theater sollen

ebenfalls wieder geöffnet sein. - Habe die neue Gefangenen-Nummer 605859 bekommen. Damit auch fotografiert.

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9.06.45

Das 22. im Pott. - Im Spind habe ich zusammen mit Ofw. Wohlfahrt zwei Liter Rotwein. Die wollen wir erst trinken, wenn die anderen beiden fort sind. - Im Waschraum haben mir die Spitzbuben schon wieder Seife geklaut. Dazu den englischen Kamm.

10.06.45

Eine Abwechselung auf dem Speisezettel: Mittags Gulasch mit Pellkartoffeln. Hat gut geschmeckt. War mal was anderes. - Neueste Parole: In der Zeitung hätte gestanden, dass Amerika täglich 150000 Kriegsgefangene entlässt. Frankreich soll 250000 behalten. Eine neue Hoffnung.

11.06.45

Mittags sind 28 Uffz., welche nicht arbeiten wollten, weggekommen. Nun liege ich mit Ofw. Wohlfahrt allein auf einer Stube. - Ab morgen sollen wieder zwei Uffz. nicht mehr arbeiten. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich jedoch entschlossen, weiter zu arbeiten. Im Lager würde man vor Langeweile umkommen. Dazu 125 g Brot und 20 g Fett weniger. Dazu würde ebenfalls das „Zusatzessen“ im Pott weg fallen. - In Frankreich sollen 2000000 Gefangene 5000000000 Arbeitsstunden leisten. - Der Generaldirektor war in der Grube 2. Hat jeden mit „Glück auf“ begrüßt. Er fragte wie es geht usw. Schlechtes Essen. Arbeitsleistung um 100 % gesunken. Leute könne nichts mehr schaffen, fallen um. Wo sind Wurst, 50 Zigaretten, drei Stück Seife geblieben? Das wäre geliefert worden. Hat sicher die Zivilverwaltung sich unter den Nagel gerissen. - Nach der Arbeitsschicht habe ich mit Walter angefangen, den Wein zu trinken.

12.06.45

25. im Pott. - Zum ersten mal habe ich heute morgen noch Brot über gehabt. Ich teile mir ab heute die

Portion genau ein.

13.06.45

Alle Uffz., welche nicht mehr arbeiten wollen, können bis Sonntag aufhören. Auch ich hätte mich gemeldet, wenn nicht heute morgen der Lagerleiter zu mir sprach, dass alle, die weiter arbeiten, bessere Posten bei den Neuen bekämen und dann auch nicht mehr in den Pott bräuchten. - 2400 Mann sollen noch herkommen. Die Baracken werden im Lager zwischen unseren und auch davor schon seit Tagen aufgebaut. - Ein ganz kalter Tag ist heute. Wie im Herbst! - Gestern Abend habe ich einen Kumpel im Pott gefragt, ob er mir nicht einen Kopfhörer besorgen könnte. Dann könnten wir uns ein Radio zusammenbauen. Wenn das klappen würde! Das wäre ein tolles Ding. - In Barlin soll Post für unser Lager sein. - Hitler soll in Spanien sein. Zwei Tage vor seiner Flucht soll er sich mit Eva Braun verheiratet haben.

14.06.45

Gestern und vorgestern sind wieder zwei Mann abgehauen. Davor die Nacht auch einer. Allerdings ist

gestern Nachmittag, an einem Pferd angebunden, schon wieder zurückgebracht worden. Wenn Uffz. Aulauf nicht durchkommt, dann ist es wohl so gut wie ausgeschlossen, stiften zu gehen. Die französische Wachmannschaft ist in heller Aufregung, wie einer nach dem anderen verschwindet. Sie können sich das Entkommen überhaupt nicht erklären. -

32

Bis zum 1. Juli sollen die 32 Baracken stehen. Dann wird wohl auch der Ersatz kommen. - Der Generaldirektor der Bergwerke war gestern hier und hat schwer Krach geschlagen, wegen dem Essen. Daraufhin gibt es jetzt zweimal warmes Essen am Tag.

15.06.45

Mein Rücken schmerzt seit drei Tagen sehr. Ich muss mich irgendwie erkältet haben. An den Fingern habe ich schon einige schöne Schrammen. - Kurz vor Feierabend fiel mir ein Haufen Kohlen auf die Füße. Den ganzen Sternenhimmel gesehen. Die Zehen sind blau und geschwollen. Morgen gehe ich nicht zur Arbeit.

16.06.45

Für heute krankgeschrieben. Liege im Bett.

17.06.45

Ab heute arbeite ich nicht mehr. Die Sache mit dem besseren Posten scheint mir sehr billig. Der Lagerführer drückte sich so aus. Also Kohlenpott adieu! 28 mal war ich nun unten im Pott. Je 600 Meter = 16800 Meter. Durchschnittlich einen Kohlenkomplex bewältigt. Gewichtsverhältnis: 21-6 cbm = 13 t = 260 Ztn x 28 Tage = 364 t oder 7280 Ztn. Kohle. Genügend Kohle habe ich damit für mein ganzes Leben im Voraus schon geschippt. Kohlenklau!

18.06.45

Heute schon wieder gesundgeschrieben vom französischen Grubenarzt. Dabei kann ich noch kaum laufen. Ab morgen gibt es nur noch 350 g Brot, da ich überhaupt nicht arbeite. - Gestern und heute Ganghofer: Waldrausch gelesen. - Hoffentlich kommen wir bald weg.

19.06.45

Kohlenwagen voll geschippt. Jeder muss sechs Tonnen schaffen. Wenn das jeden Tag ist, dann bin ich aber der Angeschmierte. Dann wäre es ja im Pott doch besser gewesen. - Heute gab es wieder ein Päckchen Tabak (40 g) und ein halbes Stück kleine Kalkseife. - Lachhaft! -

20.06.45

Nach der gestrigen drückenen Hitze fällt heute früh ein feiner Regen. Der Staub verschwindet, nun ist die Luft wunderbar klar. Herrlich frisch. Ich muss an Brücken denken. Es riecht nach frischer Erde und Ernte! - Da ich Lagerarbeitsdienst mache, bekomme ich täglich noch 475 g Brot und 20 g Fett. Also nur 10 g weniger. - Ab morgen soll jeder im Lager eine Glatze bekommen. Oh, die Lumpen! Und jeden, den sie auf der Flucht erwischen, wollen sie erschießen! Momentan sind zehn Mann unterwegs. Trotzdem seit gestern die Wachen verdoppelt sind, sind gestern Abend zwei und heute früh nochmals zwei Mann geflüchtet. Die Wut und der Ärger bei den Franzosen sind daher groß. - Momentan hat er „Alarmbereitschaft“. - Heute morgen beim Kohlenschippen, sprach ich mit einem Zivilisten und einem Wachposten. England hat nun außer Marokko auch noch vier französische Städte und sämtliche Flugplätze besetzt. Sie meinten, bis zum Winter gäbe es noch Krieg zwischen Frankreich, Russland, England und Amerika. „Attention England!“ Ich musste ja lachen, wie die sich einen Krieg zwischen und England vorstellen! England schlägt die doch in alle Winde! - Die Bergwerke hier sollen von englischen Polizeitruppen besetzt werden.

33

21.06.45

Ab heute werden Glatzen geschnitten! Meine Wut ist unbeschreiblich! Rache! Es wird im Lager immer schlimmer. Jetzt laufen sie schon mit Peitschen herum. - In Baracke 1 wollten die Landser nicht zur

Arbeit gehen, sie wurden mit Mpis rausgeholt. Ebenfalls wurden die Haare nur mit Waffengewalt runtergeholt. - Die Lage spitzt sich immer mehr zu. Die Wachen um das Lager sind nachts verdreifacht.

- Ich habe Durchfall und wütende Leibschmerzen. Nachts gebrochen. Die Bohnen müssen wohl schlecht gewesen sein. Es geht nämlich noch mehreren so.

22.06.45

Krieg zwischen Amerika und Russland soll ausgebrochen sein. Streitfrage Syrien. - In Cherbourg haben

die Tommys einen kommunistischen Aufstand niedergeschlagen. - Unsere „Bewachung“ hat einen „Verteidigungsplan des Lagers gegen Angriffe von Außen“ aufgestellt. Warum dies alles? Es stinkt! - Die Zeitungen schreiben, dass man Frankreich die Lebens- und Versorgungsbasis durch die Besetzung Marokkos und Tunis fortgenommen hat. De Gaulle verlangt die Räumung der Gebiete bis zum 1. August. Andernfalls will er sie sich mit Waffengewalt holen. Hinter ihm stände Russland. - Um das Lager wird noch Stacheldraht gezogen. - Es werden vorläufig nur den Grubenarbeitern die Haare geschnitten. - Im Lager nimmt die Missstimmung ständig zu. Bei jedem Antreten in der heißen Sonne

fallen einige Landser wie die Fliegen um. - Mir geht es schon wieder besser. Habe aber noch keinen richtigen Appetit. Das trifft sich aber ganz gut, denn ab heute bekomme ich nur noch 350 g Brot und 10

g Fett, weil ich überhaupt nicht mehr arbeite. - Hier läuft jetzt wieder englischer Sprachunterricht.

Fange wieder an. - In Brücken nach der Adresse von Ida erkundigt. - In Deutschland sollen die Russen

Feuerüberfälle auf die Amerikaner machen. - De Gaulle hat einen 12jährigen Vertrag mit Russland.

23.06.45

„Ausreißer“ sind zurückgebracht worden. Zwei waren nur noch 6 Km von der belgischen Grenze entfernt. Sind jedoch, wie sie es bisher alle getan haben, in ein Bauerngehöft gegangen und haben nach Essen gefragt. Und das ist der große Fehler. - Wieder geht die Parole um, dass Eisenhower die Freilassung aller Kriegsgefangenen gefordert hat. - In der Zeitung soll es auch stehen. Wenn es man doch nur wahr wäre! - Neuer Kopfschmuck: Lege mir einen breiten Scheitel zu. Sieht besser aus. Meine Haare sind schon schön lang. - Eine ganz große Überraschung am Sonnabendnachmittag. Vom Deutschen Roten Kreuz gibt es eine prima Zuteilung. Jeder bekommt ein Päckchen Tabak, 24 Zigaretten, Bahlsen-Kekse, ein Nürnberger Lebkuchen, 1 ½ Scheiben Pumpernickel und Bonbons. Und an den nächsten beiden Sonntagen gibt es je wieder ein Päckchen Tabak und 24 Zigaretten. Die Freude ist riesengroß. Stimmung sehr gehoben. Ein richtiger Gruß aus der Heimat! - Seit einigen Tagen kommen auf einigen Stuben unserer Baracke immer wieder Sachen fort. Nun ist der Dieb erwischt:

Uffz. Panzer! Halb totgeschlagen, einmal mit der Haarschneidemaschine über den Kopf gefahren, wurde er in die Zentralheizung eingesperrt.

24.06.45

Wunderbar geschlafen. Bei einer guten, alten, deutschen Morgenzigarette, meinen Traum überdacht. Nach langer Zeit träumte ich von Inge Hauenschild. - Panzer sind vor dem angetretenen Lager die Uffz.-Tressen heruntergerissen worden. Dann hat er das Schild „Ich habe meine Kameraden beklaut“ umgehängt bekommen. Damit muss er während der Essenzeit am Speisesaal stehen. Und als Landser wieder in die Grube fahren, was hat er nun davon? Die Wäsche, Seife, konnten den Bestohlenen wieder zurück gegeben werden. - Und wieder Parolen über Parolen! Immer dasselbe vom Fortkommen.

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25.06.45

Abends großes Theater im Lager. Von der Baracke 5 aus, haben mehrere einen Gang gebaut, um stiften zu gehen. Und den haben die Franzosen entdeckt. Durch Zufall oder Verrat, weiß ich nicht. Mit Mpis und Karabiner liefen sie durch das Lager und machten alles rebellisch. Einer erzählte, dass Krieg zwischen England und Frankreich in Syrien ausgebrochen wäre. England hätte bereits alle französischen Häfen besetzt. Erst dachte ich, dass es damit zusammen hing. Der Amerikaner soll 2 Millionen Gefangene mit LKWs aus Frankreich nach Deutschland transportieren. - Mit erhobenen Händen wurden einige abgeführt. Sie wurden bis zum anderen Morgen um 10:00 Uhr mit Kolben und Gummiknüppel geschlagen. Die Finger wurden mit Bindfaden hochgezogen und die Füße weggerissen. Solche und andere Schikanen wurden verübt. Später in Grundstellung mit erhobenen Händen stehen! Siehe Buchenwald.! Die Franzosen gebärden sich wie toll und kommen sich stark mit den Waffen vor. Ein paar Mal konnten sie auch das Schießen nicht lassen.

26.06.45

Überall ist nach „Waffen“ gesucht worden! Direkt kindisch benehmen die sich. - Ich arbeite wieder.

Wer nicht arbeitet, bekommt abends keine Suppe mehr. - Wann hört dies alles mal auf? Wann kommt der tag der Befreiung? -

28.06.45

Heute war ein Herr vom Roten Kreuz hier. Aus der Schweiz. Dem sind die Zustände hier geschildert worden. Er hat sich sehr aufgeregt und schwer Krach geschlagen. Alles hat er notiert. Sein Ausspruch gegenüber den Franzosen: „Ihr wollt euch aufregen wegen Buchenwald? Mach solch ein Geschrei darum? In keinem deutschen Straflager sah es so aus wie hier. Saustall!“ sagt alles. Wir Uffz. arbeiten ab morgen nicht mehr. Heute habe ich Barackenteile getragen, dass mir die Schultern schmerzen. Nun wird überhaupt nichts mehr getan. Und wenn es nur einmal warmes Essen, 350 g Brot und 10 g Fett am Tag gibt. - Tagesparole: Am 15. Juli kommen wir alle weg! - Die Österreicher ziehen alle in eine Baracke. Sie wollen mit uns nichts mehr gemein haben. Wegen mir! Solch ein falsches Volk! - Bisher sind alle Kameradendiebstähle von denen begangen worden! - Vorgestern hat übrigens die französische Wachmannschaft bei der Durchsuchung der Baracke 5 alles mitgehen lassen: Zigaretten, Tabak, Seife, Hemden, Unterhosen usw. Sauerei! Das letzte bisschen Hab und Gut, wie Uhren, Eheringe usw. ist mit verschwunden! - Ofw. Wohlfart schnitzt seit vorgestern ein wunderbares Schachspiel. Die Figuren sind direkt künstlerisch! -

29.06.45

Fast jede Nacht träume ich von zu Hause. Ich sehe alles so natürlich, dass ich es immer bedauere, wenn der Traum zu Ende ist. - Laut Genfer Abkommen brauchen Uffz. nicht zu arbeiten. Artikel 27. Alles hört nun auf. Entschluss des französischen Hauptmanns und Lagerkommandanten: Wir müssen jeden Tag exerzieren. Heute Nachmittag das erste Mal. Ehrlich gesagt, würde ich ja gerne Lagerarbeit machen. Aber da kein Uffz. mehr arbeitet, kann ich mich als einziger nicht ausschließen. - Nur noch ein Sinnen habe ich: Wann kommt der Tag der Entlassung? Daheim werde ich schon fleißig sein und kräftig mit zupacken. Aber hier, für den Franzosen, habe ich kein Interesse mehr. - Nachmittags, beim Antreten, erklärten alle, außer drei Uffz. sich bereit, „freiwillig“ Lagerarbeit zu machen. Also doch! - Barackenteile geschleppt. -

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30.06.45

Dieser Tag hat hingehauen! Marketenderware: 40 französische Zigaretten gab es. Dann vom Roten Kreuz das Päckchen Tabak und 24 Zigaretten. Nachmittags war ich mit auf dem Bahnhof Bruay und habe Mohrüben, Erbsen, Zwiebeln und Kohl geholt. Dabei konnte man sich satt essen und die Taschen vollstecken. Abends gab es zum ersten Mal ein Stück Knoblauchwurst. Hat wunderbar geschmeckt. - Abends Schach gespielt.

1.07.45

200 g Brot wurden abgezogen. Dafür gab es schlechten, zum Teil verschimmelten, Keks. - Den ganzen Tag Schach gespielt. Und Skizzen gezeichnet.

3.07.45

Heute morgen kamen alle Landser von der Grube 7 wieder zurück. Sie brauchen nicht einfahren; die Bergleute streiken. Da freuen sie sich natürlich. - Mir geht es ebenfalls nicht schlecht. Die leichte Lagerarbeit strengt ja nicht an. Dabei habe ich ein so sattes Gefühl, wie schon lange nicht mehr. Gestern Abend war ich direkt zum Platzen voll. Der Keks, diesmal besser, sättigt auch ungemein.

5.07.45

Alle D.U.-Leute und alle Uffz. kommen weg. Die namentliche Liste ist schon gemacht worden. Bestens sage ich! Der Lagerführer wollte mich zurückbehalten. Ich sollte Lagerpolizist werden. Hätte nur jeden zweiten Tag Dienst. Aber ich will aus dem Kohlenpott raus. Also weg von hier. - Morgen sollen 500 Mann und in 14 Tagen 15000 Mann noch herkommen. Dann tritt ja einer dem anderen auf die Füße. - Es wird erzählt, dass die Uffz., welche schon neulich weg kamen, es gut haben. Sind beim Ami, unter Neger-Bewachung. Viel Arbeit, aber gutes Essen. Wenn wir auch zum Ami kämen, das haute hin. Vielleicht werden wir auch mal eher entlassen. - Postkarten gibt es nicht. Post wird nicht mehr befördert, da das Postnetz erst aufgebaut werden muss. Da brauche ich mich nicht zu wundern, dass ich keine Post bekomme. Das ist ein Pech. Mist ist es!

6.07.45

In den letzten Tagen ist das Wetter sehr warm geworden. Arbeiten mit freiem Obrkörper. Schippen seit drei tagen einen Aschenberg weg. Ist aber eine leichte Arbeit. Der schlechte Keks wurde mit LKW fort gefahren. Gestern konnte ich ihn auch nicht essen. Mehlwürmer und kleine Käferchen waren darin. Habe die Hälfte für fünf Zigaretten weggegeben. - Dauernd werden die Wachmannschaften abgelöst. Es sind alles Rekruten. Sie dienen ein halbes Jahr. Davon eine gute Zeit hier als Posten. Habe mit zwei gesprochen. Die waren in Deutschland. Sie sind in Lille einfach auf der Straße aufgegriffen worden von der Polizei und nach Deutschland zum arbeiten transportiert worden. Das ist ja auch nicht richtig gewesen. Glatter Meschnenraub.

7.07.45

Zum letzten Mal vom Roten Kreuz ein Päckchen Tabak und 24 Zigaretten bekommen. Das war eine gute Hilfe. Denn sonst hätte ich nichts zum Rauchen gehabt. Es heißt, dass wir am Dienstag wegkommen. Ich bin ja riesig gespannt, wo es hingeht. Und ob ich es besser habe? Habe ich diesmal richtig gehandelt? Abwarten. - Heute steht in der Zeitung, dass der Russe Magdeburg besetzt hat. Wie wird es nun zu Hause aussehen?

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8.07.45

Da wir ja in den nächsten Tagen fortkommen und nur eine Decke mitnehmen können, habe ich eine Decke an die Franzosen verkloppt. 1 ½ Brot gegessen und ½ Brot gegen Tabak getauscht. - Ein französischer Leutnant sagte, dass das Lager bis Mitte August verlassen wird. - Zwei „Ausreißer“ vom Tommy mit einem Wagen zurückgebracht.

10.07.45

Die Nächte sind so schön warm jetzt. Einen wunderbaren Schlaf bei offenem Fenster gehabt. Am Morgen zog ein Gewitter auf. Und wieder Regen. - 60000 Gefangene will Frankreich behalten. Die anderen sollen im Laufe der Zeit entlassen werden. - Wann kommen wir Uffz. weg? Ich kann die Zeit schon längst nicht mehr abwarten. Bloß weg und raus von hier. Ich werde in diesem kleinen Raum, wo wir zusammengepfercht sind, noch verrückt. - Nun ist schon wieder der Befehl da: Glatzen. Aber diesmal alles! Ich könnte vor Wut alles kaputtschlagen. So ein Mist, verdammter! Man ist kein Mensch mehr. Noch nicht einmal Sträfling! Ach, ich weiß gar nicht mehr, was ich dazu sagen soll. Die letzte Hoffnung ist ganz plötzliches Fortkommen. Nur das kann noch retten. - Parole: Die Russen hatten erst ganz Berlin besetzt. Jetzt mussten sie sich auf einen Stadtteil zurückziehen. Dabei hätten sie sämtliche Maschinen mitgenommen. Die verlangt jetzt der Tommy zurück. Dann wird erzählt, dass sich Gefangene in die englische oder französische Armee melden könnten. Dies glaube ich jedoch nicht.

11.07.45

Habe heute zum zweiten Mal Wurst bekommen. - In vier Wochen sollen wir alle fortkommen.

Franzosen erzählen das. Wenn es doch nur wahr wäre.

12.07.45

Für uns Uffz. ist keine richtige Arbeit mehr da. Heute seit langem wiedermal nichts zu tun. Das wird wohl nun öfters der Fall sein. - Ich habe so ein Gefühl, als ob ich Horst noch in Gefangenschaft treffen würde. Drei Mal habe ich schon davon geträumt. In Tilburg, Brüssel und Caen haben sich auch schon Brüder getroffen. In Caen sogar Vater und Sohn. Warum soll ich nicht auch mal das Glück haben? - 500 Mann nach hier, würden noch heute erwartet. Betten mit Brettern ausgelegt.

13.07.45

Bis jetzt ist aber noch niemand eingetroffen. - Es wird erzählt, dass im Oktober Jahrgang 20 und älter die landwirtschaftlichen Berufe entlassen werden. - Wir Uffz. können ab kommenden Montag mit der Versetzung rechnen. - Nur nichts vornehmen. An nichts glauben. Lieber Pessimist sein! - Vormittags Nägel rausgezogen. Es ist heute so heiß geworden, dass ich Kopfschmerzen davon bekommen habe. In Zukunft werde ich die Mütze nicht mehr absetzen. Zum 3. Mal 100 g Wurst bekommen. Das geht jetzt ja auffallend schnell!

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14.07.45

Französischer Feiertag! Revolutionstag! Früh um 6:00 Uhr bliesen die schon mit Fanfaren ihren Umzug ein. - Gestern Abend habe ich ein landwirtschaftliches Buch geliehen bekommen. Habe mir das Interessanteste daraus abgeschrieben. Fast nicht geschlafen in der vergangenen Nacht. - Um 8:00 Uhr war Antreten. Zwischen 9:45 und 11:00 Uhr darf keiner von uns die Baracke verlassen. Der französische Leutnant, ich nenne ihn Grünkramhändler, denn er hat so ein Aussehen, hat befohlen, dass bis heute Abend alles die Haare geschnitten hat. Ich lasse mir erst eine Glatze schneiden, wenn sie mich Gewalt zwingen. - Abends hat die Wache Wein bekommen. Da waren die Halunken mal wieder besoffen. Wir mussten das Licht ausmachen und durften nicht am Fenster gucken. Da schmeißen sie mit Steinen. Als ich mal schaute was los ist, kamen einige auf die Stube. Ich dachte erst, sie wollten mich mitnehmen, so schwer waren sie bewaffnet. Sie schlossen die Fensterläden und warfen später mit Steinen dagegen. Wie die Räuber!

15.07.45

Wir bauen uns einen kleinen Tisch zum Schachspielen und einen Sessel. Abends kamen 500 „Neue“.

Ich hoffte immer, Horst oder Günter zu treffen. Aber leider.

16.07.45

Ich bin als Kompanieführer eingeteilt worden. (A-Kompanie) Jetzt ändert sich wohl auch vieles. Werde wohl nun mit den Uffz. nicht wegkommen. Na, vielleicht soll es so sein. - Die Neuen erzählen ja tolle Sachen vom Ami. Wenig Essen, sehr schlechte Behandlung usw. Ich bin erstaunt. Gerade das Gegenteil, was ich bisher annahm. Von 8:00 bis 17:00 Uhr durfte keiner in die Zelte. Alles musste draußen langsam auf und ab gehen. Die Decken genau ausrichten, das Geschirr usw. nach Streichholzschachtelbreite und Daumenbreite genau ausrichten. Andernfalls mussten sie den ganzen Tag mit „Hände hoch“ in die Sonne schauen. Viele wären zusammengebrochen, zwei sogar tot. - Der französische Grubenarzt, der „Knochenbrecher“ stellte bei fast allen Unterernährung fest. Und wenn der das sagt, dann stimmt es bestimmt. - Ein französischer Soldat kam aus Deutschland zurück. Er erzählte, dass er im KZ wegen Sabotage saß. Russen hätten ihn befreit. Die Männer über 80 Jahre hätten sie größtenteils erschossen. Frauen vergewaltigt und ebenfalls erschossen. - Zeitungen schreiben, dass in Mitteldeutschland die Werwölfe ihre Köpfe aus den Höhlen strecken. -

17.07.45

Der erste Tag als Kompanieführer ist gut rumgegangen. Brauche wenigstens nicht zu arbeiten. Und bekomme auch von der Grube bezahlt. Ist ja auch eine „Planstelle“. Wehrsold soll es ja auch bei der Entlassung geben.

18.07.45

Heute morgen kamen alle D.U.-Leute weg. Uffz. jedoch nicht. Wenn die Uffz. hier bleiben, dann habe ich den richtigen „Fang“ als Kompanieführer gemacht. Wollen mal sehen, wie alles noch weiter läuft.

Schlecht habe ich es ja momentan nicht.

21.07.45

Die Neuen wurden in Schichten eingeteilt und Baracken zugeteilt. Eine schwierige Arbeit, denn der größte Teil ist leicht „behämmert“. Habe in meiner A-Baracke Früh-, Mittag- und Nachtschicht, die D.U.-Leute und die nicht arbeitenden Uffz. Nun muss der „Laden“ erstmal einlaufen. -

38

In der Zeitung steht, dass alle Gefangenen, welche als Zivil-Internierte gelten wollen, sich auf 1 ½ Jahr verpflichten müssen. Die anderen, der Rest also, käme im August weg. Na, ich will also zum „Rest“ gehören.

22.07.45

Heute fängt meine Arbeit als Kompanieführer so richtig erst an. Zum ersten Mal fahren die Neuen in die Grube ein. Sie müssen in ihren Uniformen arbeiten, haben keine Sachen zum wechseln.Der Hauptmann und Lagerkommandant hat es befohlen. Wie ich gehört habe, sollen alle französischen Offiziere von hier wegkommen. Es kämen Offiziere her, die ebenfalls in deutscher Gefangenschaft waren. - Die Uffz. kamen überraschend schnell heute weg. Wie es hieß, kommen sie nach Dünkirchen, Minen beseitigen und anschließend Kanal bauen. Na, das ist auch nicht so das richtigeSo eine Mine hat manchmal leichte Mucken. - Abends starkes Fieber.

24.07.45

Seit gestern und heute immer Fieber. Angina. Stark erkältet. Kann nicht essen und nicht schlucken. Der

Hals ist steif, kann ihn nicht bewegen.

26.07.45

Heute geht es mir wieder bedeutend besser. Angina ist weg, kann wieder essen und trinken. Nur das Genick schmerzt noch etws, aber soweit auch gut. - Das Leben als Kompanieführer ist bestens. Zwar muss ich früh aufstehen und habe auch sonst viel Laufereien. Aber immer noch besser als arbeiten. Und dreckig werde ich dabei auch nicht. Wenn ich ehrlich sein soll: In den Anfangstagen kam ich kaum mit. Das Brot und die Margarine in drei Verpflegunsstufen, den „Papierkram“, die Meldungen, Aufschlüsselungen usw. machten mir etwas Kopfzerbrechen. Es lag woghl daran, dass man noch nicht eingearbeitet war. Jetzt läuft alles spielend von der Hand. Nun macht es sogar auch Spaß.

27.07.45

Abends im Theater! Unsere Theatergruppe hat hervorragend gespielt. Ein Ballett von vier Mann war auch dabei. Fritz Kuhlanek als Revue-Star „Lilli“ war ebenfalls ganz groß. Habe viel gelacht. - Unter den Neuen ist eine sehr starke kommunistische Stimme vertreten. Das wird wohl später auch in Deutschland so sein.

30.07.45

Heute kam der Rest der Uffz. fort. Wie erzählt wird, sollen sie in Barlin in die Grube müssen. - Glatzen

werden weiter geschnitten.

31.07.45

In dieser Nacht schoss der „Held von Bruay“ im Anschlag knieend mit besoffenem Kopf und Zustand auf eine Baracke. Der Schuss ging einem durch beide Füße durch. Als Sanitäter zur Hilfe kamen,

wollte er auch diese erschießen. Wenn man denkt, es hat sich alles schön eingespielt und das Leben hinter dem Stacheldraht läuft so einigermaßen, dann kommt mal wieder so ein Quertreiber dazwischen wie dieser französische Unterfeldwebel und schürt den Hass wieder von Frischem auf. Aus diesem Grunde wird es wohl auch nie zu einem wahrhaften Frieden zwischen Deutschland und Frankreich

kommen.-

39

Vorgestern wurde erzählt, dass Brüning die Staatsgeschäfte in Deutschland übernommen hätte. Die Regierung bleibt also doch deutsch. Ich glaube, es ist alles halb so wild. Nur nicht den Mut und die Hoffnung verlieren.

2.08.45

Die Neuen bringen die Parole aus dem Pott mit, dass sie Zivilisten werden sollen. Sie könnten sich im Umkreis bis drei Kilometer im Umkreis bewegen. Tatsache ist aber, dass die Arbeiter in drei Verpflegungsklassen eingeteilt werden sollen. Dann bekommen die Landser ihr Brot in drei verschiedenen Größen. Zwei Mann haben ein Gesuch gemacht, dass sie Zivilisten werden wollen. Ist abgelehnt worden.

3.08.45

Parole: Am 15. August sollen die ersten 150 Nichtbergarbeiter wegkommen. - Heute Nacht um 24:00 Uhr sollen die Ergebnisse von Potsdam im Rundfunk bekannt gegeben werden. Ich bin ja gespannt. - Heute Abend erfahre ich, im Laufe eines Gespräches, dass einer von meiner Baracke in Magdeburg gefangengenommen wurde.Morgen muss ich gleich mit ihm sprechen.

4.08.45

Also der in Magdeburg-Buckau gefangengenommene Landser erzählte mir, dass der Ami in die Leipziger und Sudenburger Straße vordrang. Dann hat er Magdeburg westlich umgangen und am 28.- 29. April genommen. Die Innenstadt, vor allem am Bahnhof, soll kaputt sein. Außenansiedlungen nicht. In Wilhelmstadt ist er nicht gewesen. Er sagte aber, dass dort, wie in Sudenburg, nicht viel zerstört sei. Da könnte also unser Haus noch stehen. Ich bin nun wirklich gespannt, wie es zu Hause aussieht. - Abends bekomme ich plötzlich keine Luft. Der Kopf scheint mir zu platzen. Stiche in der Magengegend. Und anschlißend Schüttelfrost. Der ganze Körper zuckte. Der Assi sagte, dass wären die Nerven. In der Nacht sehr stark geschwitzt. - Ein Arzt vom Roten Kreuz war hier und erzählte, dass polnische Gefangene und Zivilisten aus England kommen und hier angesiedelt werden sollen. Wieder ein Zeichen mehr, dass wir wegkommen.

5.08.45

Es werden heute wieder 500 Gefangene erwartet. - Im Pott erzählen die Steiger, dass die ersten 800 Mann, welche am 1. Mai hierher kamen, am 28. oder 29. August entlassen werden. Mein Gott, dass ist nun meine letzte große Hoffnung! Wenn das wahr wird, ich könnte Decken hochspringen.

6.08.45

Heute Morgen kamen wieder 500 Neue. Ich bakam 120 Mann in meine Baracke. Wieder erfährt man einige Neuigkeiten. In Deutschland muss es ja im April und Mai schwer drunter und drüber gegangen sein! Frauen haben sich vor die amerikanischen Panzer gestellt, so das die Soldaten nicht schießen konnten! Der Ami hat alles in Gefangenenlager gesteckt. Sogar Frauen und Kinder! Viele Soldaten

wurden von der Wehrmacht entlassen. Noch im Kriege! Und wir sollten verbluten. Durften nicht unverwundet in Gefangenschaft kommen! So ein Volk! Na, Gott sei Dank, dass der Mistkrieg ein Ende genommen hat.

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9.08.45

Der Landser Wodnik erzählte mir, dass er auch in Magdeburg war, als die amerikanischen Panzer vom Flugplatz Süd herkommend, einrollten. Er hatte sich im Haupbahnhof in einer Telefon- oder Funkzentrale mehrere Tage lang aufgehalten. Ich dachte schon, dass er Ruth dort getroffen hätte. Aber als ich ihm Fotos zeigte, konnte er sich nicht mehr erinnern. - Gestern wurden einige Kleinigkeiten vom franz. Roten Kreuz verteilt. - Russland hat Japan den Krieg erklärt und greift mit vier Millionen Mann an. - Gestern stand in der Zeitung, dass Amerika die erste Atombome auf Japan gelenkt hat. Sie hat eine Sprengwirkung von 20000 t Dynamit! Da verschwindet ja eine ganze Stadt! Mit Japan wird es wohl nun auch Schluss werden.

10.08.45

Japan hat kapituliert! Ich konnte es mir denken. Es war ja auch nicht anders zu erwarten. - Die Neuen gehen heute das erste Mal zur Arbeit. - Sehr regnerisches Wetter nach langer, schöner Zeit. Habe mir ein paar Holzpantoffeln machen lassen. Abends Theater im Speisesaal! Die Theatergruppe strengt sich ja gut an.

12.08.45

Diese Woche habe ich nur Mittags- und Abendschicht, da kann ich schön ausschlafen. Früh um 3:00 Uhr aufstehen macht ja auch keinen Spaß. - Alles spricht von Zivilanzügen. Sie wären sogar mit einem „A“ versehen. (Allemande) Aber meine Gedanken sind immer zu Hause. Ich kann mir alles gar nicht mehr so alles vorstellen. Ach, es ist zum Heulen!

18.08.45

Nun vergeht ein Tag wie der andere. Immer dasselbe. Auch der Küchenplan: Jeden Tag Mohrrüben! Die hängen einem schon zum Hals heraus. Man kann die Wachstumszeit der einzelnen Sachen richtig feststellen. Die „Essperioden“ teilen sich wie folgt ein: Zuerst gab es Pouree-Suppen. Dann folgten Kohl, Pouree, Blumenkohl, Mohrrüben, Blumenkohl und jetzt nach längerer Zeit wieder Mohrrüben. - Am 15. August kamen wieder 400 Neue. Ich hoffe immer leise, dass ich Horst oder Günter mal treffen würde. Aber nein. Jeden einzelnen habe ich beim Durchsuchen der Sachen angesehen. Vergebens. - Was die Neuen erzählen, bestätigt immer wieder meine Annahme, dass überhaupt nicht mehr in Deutschland gekämpft wurde, sonder nur alles drüber und drunter ging. Aber davon will ich nichts mehr wissen. Ist doch alles Quatsch. - Heute Abend gab es kein warmes Essen. Die Franzosen haben uns keine Zutaten geliefert.

20.08.45

Drei Mann von mir haben sich zur Fremdenlegion gemeldet. Vier Jahre Verpflichtung. Vorher bekommen sie vier Wochen Urlaub. Für mich ist das nichts. Kann ich nicht machen; selbst wenn der Urlaub noch so verlockend ist. Wer garantiert mir, dass es den tatsächlich gibt? - Der Krieg mit Japan soll zu Ende sein. Na, mir ist es aber sehr stillschweigend zu Ende gegangen.

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22.08.45

Die Fremdenlegion ist aufgelöst worden! Es heißt, die Alliierten hätten es nicht zugelassen. Ein Zeichen, dass der Franzose noch lange nicht über uns zu bestimmen hat. Im Ganzen hatten sich 195 Mann vom Lager gemeldet. Fast alle hatten sich die Sache nicht richtig überlegt. Viele bereuten es schon in der nächsten halben Stunde. Sie kamen wieder angelaufen un d versuchten sich streichen zu lassen. Ein 18jähriger hat sogar geheult. - Russland hat der Türkei den Krieg erklärt. Weltfrieden?! - Russland hat zum letzten Mal seine Gefangenen gefordert. Und zwar bis zum 1. Oktober. - Außerdem hätte er 1 Milliarde Rubel zum Wiederaufbau Deutschlands gegeben. - Stalingradkämper, vom Russen entlassen, sind jubeld in Berlin eingetroffen. - Im Lager hier, überschlägt sich eine Parole nach der anderen. Alles ist in stiller und doch aufgeregter Stimmung. Abends kam sogar die „Meldung“, dass Amerika und England seine Gefangenen ab morgen entlässt. - Wie es mit mir steht? Ich glaube nicht so richtig daran. Der Optimismus hat sich etwas gelegt bei mir.

23.08.45

Regenwetter. Die Leute wollen nicht einfahren. Sie haben kein Arbeitszeug und keine Mäntel. Sie

müssen aber.

24.08.45

Alle „Blaumacher“ müssen exerzieren. Eine Stunde lang mit Backsteinen und erhogenen Händen stillstehen. Schluss ist erst, wenn alle umgefallen sind. - Die Disziplin im Lager hat sehr nachgelassen. Alles ist ein Räuberhaufen. Befehle werden nur widerwillig und meuternd entgegengenommen. Sogar der französische Hauptmann wird nicht geachtet. Arme Wehrmacht! Dein Stolz und deine Traditin sind dahin. - Wenn man so die Landser sprechen hört, dann glaube ich, dass unser Regiment das einzige war, dass noch im Westen gekämpft hat. Der Soldatenruhm ist futsch. Dabei ist der größte Teil falsch und unehrlich usw. Diebstähle am laufendem Band. Trotzdem fast jeden Tag einer halbtot das Schild „Ich habe meine Kameraden bestohlen“ hochhalten muss. Nach der Disziplin nun auch die Moral. (Ein Sieg wäre wirklich zu schade gewesen. Es ist gut, dass es so gekommen ist.) Essperiode „Kartoffelsuppe“ ist angebrochen.

27.08.45

Gestern war ein wunderbarer Sonntag. Herrliches Wetter. Sonnenschein. Bekam leihweide einige Schmöker zu lesen. John Kling! Tolle Sachen. - Der Lagerführer war zur Besprechung im Hauptlager Barlin. Alle Parolen und Hoffnungen schrumpfen kläglich zusammen. Aber: Durchhalten!

28.08.45

Die Diebstähle im Lager nehmen enorm zu. Heute handelt es sich um eine Hose. Ich war der „Kriminalrat“! Sogar ein Uffz.

30.08.45

Heute früh kamen 161 Uffz. und D.U.-Leute fort zur Landwirtschaft, Entminierung usw. Ich hörte, dass Henze hier in der Nähe, in der Landwirtschaft, eingesetzt ist. Ein polnischer Grubenarbeiter will ihn beim „Hamstern“ gesehen haben. - Mein Kompanie-Helfer Krause aus Berlin, wird wohl in den nächsten Tage auch fortkommen. Dann kann ich aber auch Nachricht an die Eltern mitgeben.

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2.09.45

Der Lagerführer sagte, dass der Amerikaner 1,75 Millionen Gefangene entlassen hätte. Der Russe alle D.U.-Leute. Über das Schicksal der anderen heißt es, dass in nächster Zeit keine Verhandlungen über Entlassungen von Kriegsgefangenen stattfinden. - Ich sehe ja schwarz. Ich glaube, ich muss hier wohl zwei Jahre hinter Stacheldraht zubringen. Mist, Dreck verdammter!

4.09.45

Der Vater hat heute Geburtstag! Was wird zu Hause sein? (Immer wieder die selben Fragen.) - Vorgestern hatten sie hier einige Fotografien von Buchenwald usw. ausgehängt. Wenn ich ehrlich sein soll: Die Landser haben darüber gelacht. Sie meinen, es wäre ein billiger Reklamschwindel. Ich entziehe meine Meinung. Ich habe früher nichts gewusst und will jetzt auch nichts mehr wissen. - 500 Öfen sind für unser Lager bestellt. Man trifft Vorbereitungen für den Winter. - Wie verläuft als Kompanieführer ein Tag für mich? Wenn ich Frühschicht habe, muss ich um 3:00 Uhr aufstehen. Leute wecken. Tee trinken, Zigarette rauchen. Verpflegung ausrechnen. 4:00 Uhr Leute raustreten lassen. An Hand der Arbeits- und Strichliste Namen vorlesen und abhaken. (Verpflegung) Wieder schlafen gehen. Um 9:00 Uhr aufstehen, Brot und Margarine empfangen und auf drei Stuben mit je 60 Mann verteilen. Verdienst: Eine Zigarette. Dann gehe ich auf Stube und krame so ein bisschen rum, bis es Essenmarken für Mittag gibt. Essen holt mir mein Helfer Krause. (Ein Ur-Berliner.) Nach dem Essen soll man eine Zigarette nicht vergessen. Ofw. Wohlfart empfängt ebenfalls vormittags. Also nur eine Scheibe Brot vor dem Essen. Nach dem Essen folgen: Schachspiele, Gespräche und dergleichen. Mittagsschicht raustreten lassen. Und jetzt schlafen bis 16:00 Uhr. Da kommt Flemming, der Küchenbulle und nimmt die Verpflegungsstärke für den nächsten Tag auf. Kurz nach 17:00 Uhr ist Raustreten zur Zählung. Stärke melden. Anschließend Besprechung beim Lagerführer. 19:00 Uhr Abendessen. Das letzte Brot wird nach der Suppe gegessen. 20:00 bis 21:15 Uhr raustreten lassen der Schichten 3, 5, 6, 7. An Lagerführer und Küche schriftlich Stärkemeldung, Arbeits- und Verpflegunsmeldung. 22:00 Uhr noch eine kleine Plauderstunde, größtenteils mit Hannussek, meinem „Leib-Frisör“. 23:00 Uhr schlafen. - Es gibt doch tatsächlich noch Leute, die an ein Wunder glauben. Einer meint sogar, dass noch eine Geheimwaffe da wäre, die das Schicksal noch ändern könnte. Dazu gehört aber ein unendlicher Optimismus. Also nichts für mich. - Vor einigen Tagen sprach ich einen Soldaten, welcher in der Enke- Siedlung Aufräumungsarbeiten leistete. Im März. Er war aus Hidesheim. Er sagte, dass die Enke- Siedlung zu 65% weg wäre. Also die Hälfte. In unserer Ecke war er leider nicht. - Alle Angehörige der Kriegsmarine muss ich melden. Habe einen dabei. Uns alle aufgliedern in welchen Besatzungszonen in Deutschland wohnen. (Der größte Teil wohnt bein Russen.)

7.09.45

Bin leicht erkältet. Bin gestern den ganzen Tag in meinen Sandalen barfuß rumgelaufen. Beide Paare Strümpfe sind von der Wäsche noch nicht trocken. - Meine beiden Ellenbogen sind aufgescheuert vom „Kampf“ gegen Schäfer, dem Schreiber. - In nächster Zeit sollen wir mit französischen Kommandos kommandieren.

9.09.45

Hannussek erzählt, dass für unsere Ersten, welche im Mai hierher kamen, etwas in der Luft liegt. Parole oder Tatsache?

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13.09.45

Der Russe hat im besetzten Gebiet eine deutsche Regierung gebildet. Allerdings auch mit russischen Offizieren. Die französischen Zeitungen schreiben, dass es gegen die Abmachung von Potsdam wäre. - Die Friedenskonferenz soll diese Tage in Berlin beginnen.

17.09.45

Früh um 5:00 Uhr fuhren der Lagerführer und ich nach Barlin. Ein Soldat von mir, der Gefr. Kaintoch, ist dort im Lazarett verstorben und wurde heute beerdigt. Mit und fuhr ein Arbeitskommando, welches dort Holz ausladen musste. Wir fuhren mit der Eisenbahn. Komisches Gefühl, muss ich sagen, so das Lager mit seinen Scheinwerfern verschwinden zu sehen. Am Bestimmungsort angelangt, gingen wir zum Hospital. Die Kranken, es liegen hier mehrere von uns, haben ein gutes Leben. Genügend zu essen, rauchen, deutsche Bücher usw. Um 7:30 Uhr war die Beerdigung. Vorher, in der kleinen Kapelle, eine Messe. Mittagessen gab es ebenfalls im Hospital. Mit einem Brot bepackt, traten wir den Heimweg an. Wenn man so die Zivilisten spazieren gehen sieht, ach, man könnte aus der Haut fahren. Eine ganz andere Atmosphäre herrscht hier im „Freien“.

18.09.45

Es wird erzählt, Russland hätte den Wesmächten den Krieg erklärt. Stalin würde zurücktreten und sich nur noch der Roten Armee widmen.

20.09.45

Heute sollte es, nach vier Wochen, wieder mal Tabak geben. Nichts. Einige Landser haben sich nämlich geweigert, einzufahren. Erfolg: Erst nächste Woche gibt es ihn. Verdammter Mist, Rotz, Piss, Dreck! - Ein Franzose sagte, dass wir in zwei Monaten wegkämen.! SS würde uns ablösen. Immer wieder dasselbe!

24.09.45

Seit Tagen Regenwetter. Stimmung ebenfalls so. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass wir noch recht lange hier bleiben.

27.09.45

Die Karteikarten müssen vervollständigt weden. Besetzte Gebiete, verheiratet, ledig, Wohnort usw. Es wird erzählt, dass wir in vier Wochen wegkämen. - Zivil-Anzüge sind im Zivil-Bureau eingetroffen. - Lasse mir einen kleinen Schnurrbart stehen. Letzte Nacht hatte ich Zahnschmerzen. - Einen wunderbaren Ofen haben wir uns in der Stube gebaut. Prima warm. Zwiebeln und Brot haben wir uns schon geröstet.

5.10.45

Jetzt habe ich die Hälfte der Grube 6 unter mir und damit die B-Kompanie. - Parolen laufen um und

überschlagen sich: Bis Anfang Januar sollen alle Gefangenen entlassen sein! Amerika hat die Gefangenen für fünf Jahre Frankreich geliehen! Die Russen würden im besetzten Gebiet alle Frauen und Mädchen vergewaltigen! In England steht die SS in englischen Uniformen! England und Amerika haben die Japaner im Indo-China-Krieg als Besatzungsmacht eingesetzt. Die Gefangenen aus Übersee werden momentan schon entlassen!

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Nachts ist es schon sehr kalt. Unser Ofen heizt wunderbar und gibt uns mit seinem Feuerschein schöne, besinnliche Stunden, vor allem am Abend. - In Frankreich beginnen demnächst Wahlen, die auch für uns von Bedeutung sind.

8.10.45

Gestern gab es vom DRK wieder einmal eine kleine bescheidene Zuteilung. Es gab etwas Butter. Gute deutsche Molkerei-Butter, wie herrlich! Schweine- und Rindfleisch, Tabak, eine Zigarette und 1 ½ Drops. Es war ein kleines Sonntagmorgen-Appetits-Frühstück. - Morgen sollen wieder 400 Mann kommen. - Vorn, im Zivil-Büro, hat man gesagt, dass wir noch acht Jahre hierbleiben sollen! Auch du liebe Zeit.

12.10.45

Zum Schreiben bekommen wir tatsächlich nichts mehr. Man hält uns wie wilde Tiere gefangen. Seit einiger Zeit ist der Stacheldraht höher und breiter. Durch dieses undurchdringbares Gewirr kommt kaum eine Katze hindurch. Sind wir eigentlich noch Menschen? Wir vegetieren ja nur von einem Tag zum anderen dahin. Menschenrechte? Ein Hohn! Durch die Nazis sind wir in die Hölle gekommen! Wenn mich mein sonniges Gemüt nicht hochhalten würde, hätte ich schon einen seelischen Kacks weg. Wut, Empörung, Heimweh, Sehnsucht verzehren mich langsam aber sicher. Manchmal könnte ich mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Und die anderen? Jeden Tag werden die Gesichter ernster. Ach, was bedeutet das Wörtchen „Freiheit“! Aber die gab es noch nie. - 200 Mann Zuwachs sind gekommen. Aus Norwegen.

17.10.45

Parolen: Blum verhandelt über die Kriegsgefangenen. D.U.-Leute, Schwerverwundete und Leute über 40 jahre sollen entlassen werden. De Gaulle sagt, dass er ohne amerikanische Hilfe seine Gefangenen nicht ernähren kann. Er würde sie entlassen, jedoch fehlen Transportmittel. Welch ein Hohn! Der Ami wirft den Franzosen vor, 2000 Gefangene umgebracht zu haben. Er spricht von einem Blutbad! Die Verhandlungen über unsere entgültige Übergabe an die Franzosen sind ins Stocken geraten. - Im besetzten Gebiet hätten die Franzosen 24 Stunden Plünderungsrecht gehabt. Die Sachen hätten sie sofort mit Flugzeugen nach Frankreich verbracht. Ein Flugzeug davon, sollen die Amis abgeschossen haben. - Heute werden wieder 400 Mann erwartet. - Gestern Abend war ich beim Zahnarzt.

20.10.45

Morgen sind in Frankreich Wahlen. Vielleicht kommt dabei auch für uns etwas Gutes raus. Leon Blum

soll da gesprochen haben, dass er Frankreich mit französischer Hilfe aufbauen will. Ohne Kriegsgefangenen! (Frankreich hat momentan 3 ½ Millionen Arbeitslose.) Krieg wäre schon zwischen Russland und Amerika. - Vorgestern sind wieder 200 Mann gekommen. Jetzt sind im Lager 2415 Mann. Eine ganz schöne Masse auf so einem Fleckchen Erde. Wenn sonntags alles zu Hause ist, dann sind es so viel Menschen, dass sie sich beinahe umlaufen.

26.10.45

Vorgestern ist Willi Krause, mein Kompanie-Helfer, weggekommen. 18 D.U.-Leute sind somit entlassen worden. Ach, der Glückliche. Meine Heimatanschrift hat er ja mitbekommen. Hoffentlich schreibt er auch einmal. Die Russen sollen auf den Dardanellen Manöver machen! In Deutschland baut der Ami 20 Flugplätze aus. Oh, la, la!

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31.10.45

Neblig. Kalt. Vorgestern war ein Krach zwischen dem Lagerführer und dem Zivil-Büro. Dabei sollte der Lagerführer abgesetzt werden. Ich wurde gefragt, ob ich den Posten übernehmen wolle. Nein. Zugleich sollte ein Vertrauensmann für das DRK gewählt werden. Da konnte man sich ja den Grund denken. Aber es wurde von der Militärverwaltung wieder hingebogen. Mir auch recht. Da gibt es nämlich nur mehr Arbeit.

3.11.45

Seit einigen Tagen wchsele ich mich mit „Lilli“ (Uffz. Fritz Kulhanek) beim Wecken ab. So brauche ich nur noch jeden 2. Tag aufzustehen. Parole: Wir werden zum Frühjahr entlassen. Etliche meinen sogar schon im Januar. - Am Montag bauen wir unseren Ofen nochmals auf. Die Stube soll auch

gestrichen

Ich bin vom Chor der Dirigent. Die Proben beginnen wieder am Montag.

4.11.45

Heute konnten wir aus dem russischen, amerikanischen und englischen Gebiet eine Karte schreiben. Bisher hatten ja nur die im französisch besetzten Gebiet die Gelegenheit dazu. Es ist eine Karte, die über den Vatikan geht. - (Über den Bischofssitz in Berlin.)

5.11.45

Heute haben wir unsere Stube gewißt und hellblau angemalt. Tür, Schrank, Tisch und Fußboden gescheuert. Es wurde ja mal Zeit. Jetzt wohnt es sich viel angenehmer.

8.11.45

Gestern Abend hatte ich wie neulich wieder Fieber und Schüttelfrost. - De Gaulle soll nicht mehr am

Ruder sein.

12.11.45

In den vergangenen Tagen gab es mal wieder eine Rote Kreuz-Zuteilung. Wunderbar, wie nacheinander Tabak, Drops, keks, Schokolade, Marmelade usw. ausgeteilt wurden. Wie ich hörte, soll schon wieder eine Sendung im Hauptlager Barlin sein. - Gestern haben wir unserem Siefried Klepsch einen Streich gespielt. Wir haben es eingefädelt, dass er in die Grube einfahren sollte. Später haben wir es scheinheilig wieder abgebogen. Aus Dankbarkeit gab er Walter und mir ein Päckchen Tabak. Und das war ja auch nur der Grund. Am Abend tat er mir Leid, so habe ich ihm unseren Spaß gebeichtet und für den Tabak ½ Brot versprochen. Da war er wieder glücklich und zufrieden. - Ich bin erkältet. Halsschmerzen. - Am politischen Horizont flammt es auf!

18.11.45

Seit einigen Tagen probiert unser „Corona-Theater“ das Lustspiel „Krach im Karwendel“ von Dr. Werner. Ich bin als Souffleur engagiert. Die Uraufführung hat wunderbar geklappt. Fühle mich

glücklich, dass ich eine Abwechselung habe.

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21.11.45

Eine politische Krise! Man hört von Aufständen in allen Städten Frankreichs. De Gualle gegen den Kommunismus. - Gestern Abend hatten wir Sprechprobe, ich mache als Offizier im nächsten Theaterstück mit. Wird eine ganz große Sache. Heute habe ich einen Aushang anbringen lassen, wonach sich Musiker melden sollen. Ich möchte unbedingt eine kleine Theater-Kapelle aufmachen. Mal sehen, was daraus wird.

6.12.45

Einige Tage lang habe ich mein Tagebuch vernachlässigt. Ich will kurz nachholen. - Mein Beschäftigungsdrang neben meiner sturen und wenig abwechselungsreichen Tätigkeit als Kompanie- Führer, führte mich in Versuchung, eine kleine Kapelle aufzumachen. Der Erfolg auf unserem Aushang blieb nicht aus; es meldeten sich einige „Musiker“. Jedoch konnte ich nur ein paar wählen, da unsere Instrumente gering an Zahl sind. Jetzt haben wir die 4. Probe hinter uns. Besetzung ist: 2 Geigen, 3 Blockflöten, (geblasen von einem Oboisten, Klarinettisten und Trompeter) 1 Akkordeon (Karl-Heinz Müller, Schüler von Richter) 1 Gitarre und 1 Schlagzeug. Mit mir also 9 Mann. Na, auf jeden Fall ist ein Anfang gemacht. Zu Weihnachten treten wir das erste Mal öffentlich auf. Zu der Weihnachtsfeier spielen wir ein Stück aus Coppelia, Gold und Silber, 1 Weihnachtslieder-Pottpourrie. Außerdem begleiten wir Sologesang von v. Ricklen (früherer Essener Oper, Bass-Buffo) und den Chor. Zu Silvester kommt das Theaterstück mit anschließender Revue und Varieté dran. Das wird eine ganz große Sache. - Beim Schneider lasse ich mir, aus einer Marine-Uniform, einen Smoking bauen. An alles ist gedacht. - Momentan sind wir noch mit dem Bau eines Orchesterraumes beschäftigt. Vor der Bühne haben wir eine Versenkung eingebaut. Pulte sind schon gebaut.

9.12.45

Heute haben wir zum ersten Mal Theater gespielt. Nachmittags und Abends. War bestens. Die Musik macht sich wunderbar. Die Landser haben schwer geklatscht. Mein Anzug ist auch fertig geworden. Er sitzt wunderbar. Kurz und elegant. Abends hatten wir französischen Besuch, Offiziere und ihre Frauen waren da. Und Claudette! (Sie lieh uns ja die Noten.) Gespielt haben wir: Deutschlands Ruhm, Revue- Walzer von Oskar Strauß und einige kleine französische Schlager. Es war ein voller Erfolg.

10.12.45

Im Lager geht jetzt eine Spende für Musikinstrumente rum. Jeder soll was geben. Ich gebe 1000 Franc. Dafür werden Instrumente gekauft. Hoffentlich klappt alles. Dem Anschein nach, kommen 300000 bis 400000 Franc zusammen. Das würde reichen.

12.12.45

Unser Weihnachts- und Silvesterprogramm hauen schwer hin. Wir proben fast jeden Abend auf der Bühne. Ich als Offizier. - Musik: Walzer: Gold und Silber. Es macht mir viel Spaß, als Kapellmeister. Jetzt habe ich eine anständige und schöne Nebenbeschäftigung.

20.12.45

Die Tage vergehen wie im Fluge. Mit Hochdruck wird an unseren Programmen gearbeitet. Jetzt soll ich auch noch den Chor übernehmen. Nur von unsreren Instrumenten hört man nichts. Die Spenden sind immer noch nicht angeschlossen. Es liegt aber auch sehr viel am Lagerführer. - Die Österreicher sind vor einigen Tagen fortgekommen. -

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Parole: Die Franzosen müssen ihr besetztes Gebiet in Deutschland räumen. Noch vor Weihnachten sollen 500 Neue kommen. - Täglich kommen Karten und Briefe in immer größerer Anzahl. Nur nichts aus der russischen Zone. Wenn doch wenigstens Barbara schreine würde.

25.12.45

Weihnachten! Und im Stillen hoffe ich daheim zu sein. - Wir spielen ein Weihnachtsprogramm:

Coppelia, Kalif von Bagdad und ein Weihnachtslieder-Pottpourie. Dazu Gesang, Chor und Vorträge. - Ein sehr gutes Essen und ein ½ Liter Bier. Von Gustl bekamen wir einen Liter Wein gespendet. Abends selbstgebrauten Schnaps aus Zucker! Haut schwer hin.

31.12.45

Jahresende! Das Jahr der Gefangenschaft! Heute haben wir unser Lustspiel „ Vom Metropol zum Corona“. Ich als Offizier-Kapellmeister. Wird prima werden. - Vorgestern kamen wieder 250 Neue. Nach Heiligabend auch schon 200 angekommen. Es fanden sich mehrere Musiker. Vielleicht kann ich sie noch gebrauchen. Die Instrumente sollen wir ja noch in dieser Woche bekommen.

1.01.46

Drei Aufführungen sind vorbei. Hat alles prima geklappt. Ins neue Jahr sind wir auch ordentlich reingerutscht. Sogar mit Wein. Eine Stube haben wir auch zusammen gekloppt. Tisch, Spind und

Bänke, alles kaputt. - Gestern ist überraschend der Lagerführer Ofw. Otto Hascher weggekommen. Die

250 Neuen sind auch wieder weg. Lagerführer ist jetzt Fw. Grad aus Stollberg. Leider ist der Bursche

noch etwas jüngerer. Aber da kann man nichts machen.

8.01.46

Nachdem die Proben so einigermaßen abgeschlossen sind, starte ich zum ersten Mal den „1. Musikabend“. Wir haben vor, zweimal in der Woche zu spielen. Der Abend war ein voller Erfolg. Was es doch ausmacht, Musik nach einem Jahr Gefangenschaft zu hören, kann man sich ja denken. Das „Volk“ hat buchstäblich getobt. Sogar einen „schmachtenden“ Tenor hatten wir.

11.01.46

200 Neue kämen wieder mal an. Aus französischen Lagern. - Zwei Tage später kamen wieder 115 Neue

an. Aus Marseille.

12.01.46

Denen ging es bisher gut. - Ein Bassist und ein Konzertmeister sind mit dabei. Können wir prima gebrauchen. Gerade jetzt, wo der 2. Geiger Spittler im Revier liegt.

20.01.46

Heute zum letzen Mal das Theaterstück „Vom Metropol zum Corona“. Am nachmittag Musik. - Am

Sonnabend und Sonntag sind ja drei Mann stiften gegangen.

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22.01.46

Heute wieder Einer. Trotzdem die Posten Anweisungen haben, sofort zu schießen, springen sie einfach aus den Reihen heraus und entspringen in der Dunkelheit. Ja, es wird Frühling. Aber es hat doch keinen Zweck. Wenn ich auch öfters gefragt werde, ob ich nicht auch stiften gehen woole, so muss ich verneinen. Was nützt es, wenn ich tatsächlich durchkomme? Abgesehen davon, dass ich, wenn sie mich erwischen, eine Glatze bekomme und 30 Tage Bau, so bin ich doch ohne Papiere und allem. Ich müsste mich versteckt halten und immer in Furcht vor Entdeckung leben. Nein, besser ist es schon, wenn man noch aushält und dann später ein anständiges Leben führen kann. - De Gaulle hat abgedankt. In Frankreich sind Unruhen ausgebrochen. - Gestern Abend wollte uns ein Grubenarbeiter eine Trompete bringen. Alles war schon ausgemacht. Da hat der Karotten-Leutnant den Mann wieder fortgeschickt. Eine Trompete käme nicht ins Lager, weil so viele türmen gehen! Auch verbietet er, dass wir, die Musik, am Sonntag im Lazarett von Bruay spielen. Das war wieder mal ein gemeiner Zug von denen. - Heute kommen wieder 150 Neue. Sie mussten wieder weg, da hier alles überfüllt ist. Arbeiter können sie nicht genug bekommen, aber Essen haben sie nicht dafür.

27.01.46

Abends Abschiedsvorstellung für den Obltn. (Es ist jetzt ein neuer Kommandant hier.) Heute Nachmittag sind wir, (Musik, Sextett v. Ricklen, Assi und vier Sanis.) zum Hospital nach Bruay gegangen und haben dort eine Vorstellung für die deutschen Landser gegeben. Für vier Stunden waren wir somit mal aus den Stacheldraht raus. Prima! - In dieser Woche wollen wir Instrumente kaufen. Aber ob es klappt ist fraglich.

28.01.46

Post von daheim! Riesengroße Freude! Von Barbara und Eltern. Alles lebt! Bin überglücklich! - Heute

haben wir zwei Geigen und eine B-Klarinette gekauft. Dazu Noten. Abends Probe. Haut schwer hin.

3.02.46

Neues Theaterstück: „Qualm um Frau Palm“. Dazu Musik. Neue Schlager gespielt. Ich glaube aber, dass solide Unterhaltungsmusik mehr anspricht.

8.02.46

Der 2. Geiger, Ofw. Schleicher, ist nun doch weggekommen. Wie es hieß, als „widerspenstiger Unteroffizier“! Weil er damals nicht einfahren wollte. - Die Besetzung sieht so aus: Drei Geiger, Bassist immer noch nicht fertig, ein Akkordeon, eine Gitarre, eine Klarinette, ein Fagott, eine Trompete, ein Schlagzeug. - Schlagzeug wollten wir gestern kaufen. Verkauft es aber nicht, da er kein neues wieder reinkriegt. - Die Parolen über unsere Entlassung nehmen immer mehr zu. Es wird behauptet März, April oder Mai sollen wir fortkommen. Ich musste eine Kompanie-Liste anlegen, wer noch keine Nachricht aus der Heimat hat. Warum? Ob es mit der Entlassung zusammenhängt?

12.02.46

Um Mitternacht wurde ich geweckt. Ich wollte schon Krach schlagen über die Störung, da hielt man mir eine wunderbare Torte, eine Flasche Wein und ein Päckchen Tabak unter die Nase. Plötzlich ging die Tür auf und ein Hoch wurde gesungen. Dann spielten die Musiker einige Stücke. Es war

wunderbar. Ich konnte vor Freude gar nichts sagen. Es kam alles so überraschend. An meinem Geburtstag hatte ich dabei gar nicht gedacht. Ich werde ihn wohl nie vergessen.

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17.02.46

Endlich ist nach vieler Mühe der Bass fertig geworden. Jetzt sind wir fast vollständig. Mit mir 14 Mann. Übermorgen spielen wir ein Konzert auf der Bühne. Pulte wurden gebaut und werden rot angestrichen. Wird gut werden.

19.02.46

Das 2. Konzert stieg heute auf. Es war wieder ein voller Erfolg. Auf der Bühne ist das Orchester in drei Stufen aufgeteilt. Kleine, rote Pulte stehen davor. Ein schönes Bild.

26.02.46

Parolen: Wir sollen in kürzester Zeit wegkommen. Auf Grube 6 sollen schon Italiener sein. Tatsache ist, dass augf der Schreibstube Formulare sind, die auf eine Entlassung hindeuten. Nach Parteizugehörigkeit wird auch darin gefragt. Gott sei Dank, kann ich da ein „Nein“ hinschreiben.

5.03.46

Heute wieder Post aus Brücken. Jetzt habe ich schon zehnmal Post bekommen. Ich bin froh, dass von überall gute Nachrichten kommen. Die größte Hauptsorge ist man los. - Vor einigen Tagen hat es geschneit und jetzt steht man bis an die Knöchel im Matsch.

8.03.46

Die Stimmung im Lager ist schlecht. Alles ist pessimistisch. Keiner will mehr an eine Entlassung in diesem Jahr glauben. Warum? Ich weiß es auch nicht. - Vorgestern Abend sollte ein deutscher Film hier gezeigt werden. Der Eintritt von 17 Franc war jedoch für das französische Zivil-Büro zu hoch und daher fiel die Vorstellung aus. - Uns wird der Ankauf des Schlagzeuges verweigert. Es wären wieder zu viele „Blaumacher“. Alles Vorwände! Der Zivil-Chef soll gesagt haben, dass die Instrumente für die uns ablösenden Italiener und SS hierbleiben! Das die Instrumente nach unserer Entlassung hierbleiben, ist ja nicht so schlimm. Aber ich glaube an keine Ablösung. - Johnny Müller und mein Geiger Spittler kommen am Montag weg. - Heute sind „Rote-Kreuz-Sachen“ gekommen! Morgen wird es ausgegeben. Will sehen, dass ich etwas Besonderes abbekomme.

11.03.46

Der Lagerführer v. Stollberg wurde heute überraschend durch das Komplott Johnny Müller, Dr. Werner und Nitsche, wegen „warmer Tätigkeit“ abgesetzt und nach Barlin versetzt. Bei der Wahl eines Neuen wollte mich der französische Oberleutnant einsetzen. Ich habe es abgelehnt. Denn so lebe ich ja viel ruhiger. Daraufhin wurde Stabsfeldwebel Lindner Lagerführer.

18.03.46

Vormittags brach im Bekleidungs- und Verpflegungslager ein Brand aus, der zwei Baracken niederbrannte. Morgen werden die im „Bau“ sitzenden entlassen, weil sie tatkräftig beim Löschen mit zugregriffen haben. Außerdem werden zehn Mann sehr wahrsheinlich aus der Gefangenschaft entlassen. - In Kürze soll nun doch noch eine Kantine eröffnet werden. Das untere Lager wird von uns noch mitbelegt werden. - Wieder Post von Barbara und Eltern bekommen. - Gestern wurden Rote Kreuz-Kleidersachen verteilt. Ich habe nun eine Trainingsjacken und einen Schal. Fast neu.

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30.03.46

Rote-Kreuz-Kommission war hier. Lager soll vergrößert, aufgelockert werden. Der Brand macht doch was aus. Für Theater, kantine, Kirche und Unerrichtsräume soll gesorgt werden. Kommt alles in kürzester Zeit!

31.03.46

Zum zweiten Mal im Hospital gespielt. War ganz nett. Anschließend wollten wir auf einem Pavillon im Stadion von Bruay Platzmusik machen. Einige hatten aber keinen Mumm, da sind wir weiter nach „Hause“ gegangen. Unterwegs trafen wir noch einen Faschingsumzug in Masken. In der französischen Kantine und zum Abschluss im Lager noch eine ¾ Stunde Platzmusik im Freien.

3.04.46

Der Kommandant hat für 14 Tage Theater, Musik, Ausgang usw. gesperrt und verboten. Wegen der vielen „Blaumacher“ und weil die Landser auf Grube 5 sich geweigert haben, zu arbeiten. Sie hatten schlechtere Verpflegungsklassen bekommen. - 22 Flüchtlinge sind unterwegs. Das Wetter ist schön und es werden bald noch mehr gehen. Es juckt in allen Gliedern, der Drang nach Hause wird mich wohl bald überwältigen. Wann kommt der Tag der Freiheit? Ich kann nicht mit Worten beschreiben, was es heißt, unschuldig hinter Stacheldraht sitzen zu müssen, während draußen die Sonne lacht und sonntags die Zivilisten in ihren Sommeranzügen lustig spazieren gehen! -Die Posten, vor allem die Schwarzen, schlagen jetzt öfters mit ihren Gewehrkolben auf Rücken und Köpfe der Pgs. Ab und zu schießen sie auch dicht über deren Köpfe hinweg. Die Läufer, Eskort-Leute, die die Pgs zur Grube begleiten, gehen nicht mehr mit. Sie sind schon öfters von den französischen Posten bedroht wurden. - Das Rote Kreuz wird wir mit Füßen betrampelt.

10.04.46

Krach zwischen uns Kompanieführern und dem französischen Spieß. (Weil die Landser immer öfters geschlagen werden.) Als sich Paasen und Leute von der 2. sich beschwerten und mit Meldung an das Rote Kreuz drohten, wurden sie kurzerhand in den Bau gesperrt. Kurze Zeit später allerdings wieder rausgelassen. Vor einigen Tagen sind Johnny Müller, Dr. Werner und Nitsche geflüchtet. Auf dem Bahnhof Lille wurden sie geschnappt. Gestern kamen sie zurück. Schläge, Untersuchungen, Bau. Pech.

13.04.46

Vor drei Tagen schoss ein Marokkaner einen Landser auf dem Abort an. Hüft- oder Bauchschuss. Lazarett. Man traut sich nicht mehr nachts zum Scheißhaus hin. Ich gehe von jetzt an, nur noch mittags.

3.05.46

Es wird immer ruhiger im Lager. Jeder Tag bringt immer das Gleiche. Die meisten französischen Posten sind entlassen worden, es sind nur noch Schwarze hier. - Letzten Sonntag sind wir, die Theatertruppe nach Barlin gegangen und haben dort im Hauptlager unser 1. Gastspiel angetreten. Der Erfolg war gewaltig. Jeder Musiker hat jetzt anstatt des braunen Hemdes, ein Blaues mit roter Fliege. Vom Oberarzt in Barlin habe ich 15 Marine-Paradejacken bekommen. Prima weiß. - Seit vorgestern Abend knobele ich mit Harry Sternke eine Handlung für eine gemeinsame Operette aus. Der Anfang wird schon so langsam.

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9.05.46

Köhler und Lein müssen wieder einfahren. Wenn es so weitergeht, sehe ich es kommen, dass die Musikgruppe wieder auffliegt. Es liegt auch am Lagerführer. Lindner ist eben in diesen Dingen eine ausgesprochene Flasche. Er hat Angst, dass er den Franzosen draußen zu viel Schwierigkeiten bereiten und er dadurch eventuell seine Stellung verlieren könnte. Mit Stollberg war es schon nicht toll, aber mit dem Jetzigen? Unmöglich! - Gestern hatten wir wieder großen Erfolg beim Konzert.

12.05.46

Orchester tritt in den Streik. Keine Unterstützung. - Abends zum letzten Mal „Schandfleck“. Nachdem wir Unterstützung vom Lagerführer zugesichert bekamen, nimmt das Orchester seine musikalische Tätigkeit wieder auf.

22.05.46

Gestern kamen 200 Neue aus Amerika. Zigaretten, Seife usw., wurden wieder bei der „Filzung“ abgenommen. - Schlägerei auf Grube 2. Im Dauerlauf müssen die Landser von der Grube bis zum Camp laufen. Durch die Straßen mit „Hinlegen-Auf, marsch marsch“. Es hagelte Kolbenschläge auf Kopf, Genick und Rücken. 50 Mann brachen erschöpft zusammen. Mehrere Männer mussten in das Revier geschafft werden. Die Neuen, denen es sehr gut in Amerika erging, bekamen so ein richtiges Bild. - Rattenplage nimmt bald Überhand. Acht „Fälle“ liegen im Revier, wo ratten an Ohren, Händen und Köpfen gebissen haben. - Am 17. Mai bekam ich den ersten Brief von Tante Ida. Habe mich sehr gefreut. - Will jetzt ein Tenorsaxofon kaufen. Zur Probe haben wir es schon im Lager. 22000 Franc. Das Zivil-Büro will jedoch nicht zubeißen. Köhler ist Ausrufer und Lein ist Kompanie-Helfer bei der K-Kompanie geworden.

24.05.46

Gestern Abend sind wieder 200 Mann angekommen. Aus amerikanischen Gefangenenlagern. Sehen gut genährt aus. Sind jedoch schwer enttäucht von der Arbeit hier. Einen sehr guten Geiger habe ich dabei erwischt. Jetzt macht es wieder Spaß, die Streicher zu hören. - Parolen laufen wieder: Innerhalb von zwei Monaten wird die russische Zone entlassen. In der amerikanischen Zone sollen Leute eingezogen werden, und uns in der Kohlengrube ablösen.

30.05.46

Parolen über Parolen: Es kann sich nur noch um Wochen handeln bis zur Entlassung. Wie man den Tag der Freiheit herbei sehnt! Draußen lacht die Sonne! Himmelfahrt! Es ist zum Verrückwerden. Aber aushalten heißt es. Heute bend ist wieder Konzert.

4.06.46

Heute fing die erste Probe zu unserer Operette „Kanonen um Barbara“ an. Es wird ganz gut werden, wie es so aussieht.

8.06.46

Regenwetter. Morgen ist Pfingsten! Der französische Spieß sagte, dass wir alle spätestens nächstes Jahr entlassen werden. Auch ein Trost. - Ich langweilige mich. Aber nach dem Fest beginne ich mit dem

englischen Sprach-Unterricht.

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10.06.46

Gestern Nachmitag Konzert. Abends Premiere-Varieté. Hat gut geklappt. - Mir hats gestunken wegen Köhler. Der hat mal wieder blöd gequatscht.

15.06.46

Krach wegen dem Tenorsaxofon. Die Zivilverwaltung will es nicht bezahlen. Ich habe dabei einen auf den Hut bekommen, weil ich es nicht angemeldet habe. Lessau, der evangelische Pfarrer, welcher das Tenor mitbrachte, sollte einfahren. Nun brauch er es nicht mehr. Das Instrument muss wieder abgegeben werden. - Abends gab es als erste Kantinenware pro Mann einen Liter Sprudel.

16.06.46

Film: Traummusik. War schlecht. - Nachmittags und abends wieder Varieté. Das war die 93. Vorstellung (mit Musik) des Corona-Theaters. Zur 100. soll eine Premiere von Anfang bis zur Jetzt- Zeit, die den werdegang des Theaters zeigt, aufgeführt werden. Am 8.07.1945 ist übrigens auch die erste Aufführung gestartet.

17.06.46

Barbara schrieb mir, dass ich meine Anschrift nicht ändern lassen soll. Warum? Aber meinet wegen.

25.06.46

Heute Abend waren der Musikalienhändler De LeGraute und der französische Zahnarzt da und haben

sich eine Probe mit angehört. Sie waren sehr zufrieden.

29.06.46

Die Proben für „Kanonen um Barbara“ sind in vollem Gange. In drei Wochen soll sie starten. - In der Zeitung steht, dass die KG´s in Belgien sich zwei Jahre verpflichten können. Dann bekämen sie ihre Freiheit. Oh weh! Welch lange Zeit noch!

5.07.46

Der erste Akt sitzt bald. Sonntag, in vierzehn Tagen, soll Premiere sein. - Mir geht es ausgezeichnet. Ich kann wirklich nicht klagen. Nur das eine fehlt: Die Freiheit. Der Lebensmut ist sehr gesunken.

14.07.46

Horts hat mir das erste Mal geschrieben. Habe mich sehr gefreut. Und Ruth will heiraten. Toll. Schade,

dass ich nicht dabei bin. - Hier geht es wie immer weiter. Allerdings bekommen wir jetzt öfters Post, Brause und ab und zu auch mal Bier. Über Verpflegung kann ich wirklich nicht klagen. Einfach bestens. - Theater macht gute Fortschritte. Nur in einer Woche kriegen wir „Kaninen um Barbara“ schauspielerisch nicht hin. Ich glaube, wir werden es um eine Woche verschieben. - Neue Parole von Grube 2: Am 21. August soll dort zum letzen Mal gearbeitet werden.

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24.07.46

Mir stinkt es mal wieder. Sternke wirft mir vor, ich würde „seine“ Operette nicht dirigieren, wie er es haben will. Er leidet schon an Größenwahn. Ich werde als Repressalie drohen, dass ich mein Amt als Kapellmeister niederlege. Dann kann ich auch mit anderen Sachen beschäftigen. Lesen, Englisch usw. - Bis zum 1. Oktober sollen alle entlassen sein. Der Zeitpunkt wird also mit Absicht, von irgend jemanden von Zeit zu Zeit verlängert. Auch höhere Politik. Ich glaube aber dem ganzen Schwindel nicht.

28.07.46

Uraufführung der Operette und zugleich 100. Vorstellung. Zur Eröffnung des neuen Theaters war der

Kommandant von Barlin sogar da. Viele Zivilsten (Zivil-Büro) mit Frauen waren anwesend. Hat alles gut geklappt. Anschließend beim Assi eine kleine Feier mit Wein! Prima.

31.07.46

Der zweite Selbstmordversuch hier im Lager. Der erste hat sich die Ader zu öffnen versucht, der jetzige

hat sich aufgehängt. - Unsere Stube haben wir jetzt prima in Schwung. Eckbank mit kleinem Tisch. Ganz gemütlich sieht es aus.

13.08.46

Heute habe ich mich in meinem Kapellmeister-Frack fotografieren lassen. Ein Fotograf fotografierte das ganze Lager. Am Donnerstag wollen wir Aufnahmen von der Operette machen lassen.

23.08.46

Alle aus der russischen Zone sollen nach England verbracht werden. (Parolen) General Pouches hat mit 100000 mann Polen auf Befehl Stalins zu besetzen. Die russische Schwarzmeerflotte hat die Dardanellen besetzt. Beziehungen zur Türkei abgebrochen. - In Jugoslawien sind amerikanische Bürger ermordet worden. Darauhin sind ameriakanische Bomber dort gelandet. In Pas de Calais sollen 25000 Engländer (Soldaten) stationiert werden. - Aus dem Lager sind momentan 135 Mann unterwegs auf Flucht. Da die Disziplin mal wieder schlecht ist, (die Leute treten zur Zählung nicht, wie verlangt, zu fünft heraus und haben die Hände in den Taschen) werden heute keine Pakete ausgegeben. Mehrere sind mit Tabakentzug bestraft. - Schneider, unser Trompeter, wollte vor einigen Tagen stiften gehen. Ist aber gleich wieder geschnappt worden. Es hat also doch keinen Zweck.

29.08.46

Hammelschlachtefest bei den Marokkanern draußen. Gut gegeseen und mit zehn Mann musiziert.

1.09.46

Wieder gespielt. In der französischen Unteroffizierskantine. Gut gegessen und getrunken. Im Lager waren sie futterneidisch. Da einer auf der Flucht erschossen wurde und der Tote im Lager aufbewart

wurde, haben wir kein „Rätselkonzert“ gemacht.

4.09.46

Heute haben wir von Bruay ein Tenor-, ein Altsaxofon und eine Posaune kaufen können. Da Schneider,

der Trompeter, im Bau sitzt, habe ich Trompete geblasen. (71000 Franc)

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5.09.46

Mit Franz vom Zivil-Büro nach Bethune gefahren und dort ein fast neues, sehr gutes Klavierin einem Geschäft für 68000 Franc gekauft. Abends gleich Probe gemacht. Es klingt schon ganz prima. Noch drei Wochen, dann sind wir richtig drin. Dann wird eine 1a-Musik gemacht. - Das Klavier haben wir im Orchesterraum abgestellt.

19.09.46

Heute habe ich ein kleines Päckchen bekommen. Von Tante Ida. 20 Camel- und 20 Chesterfield- Zigaretten. Große Freude. - Stichtag zur nächsten Entlassung ist der 10. Oktober. Na, der Schwindel zieht nicht mehr. Vorgestern und gestern haben wir ein Rätselkonzert veranstaltet. 240 Zigaretten gelangten zur Verteilung.

21.09.46

Drei Tage lang hatte ich die Grippe. Lag mit Fieber im Bett. Heute geht es mir wieder besser. Film:

Wiener Blut. - Alle Algerier werden am Sonntag abgelöst, einschließlich Kommandanten und französische Unteroffiziere. Es ist sicher auf den Zwischenfall neulich in der Grube 2 zurückzuführen. Schlägerei. Zwei Zivilisten tot und ein Algerier verletzt. Mpi-Schuss am Oberschenkel.

4.10.46

Krach im Theater. Das jetzige Programm haut nicht ganz hin. Vorwürfe auf beiden Seiten. Das Schneider als Trompeter weg ist, ist für uns ein Nachteil. Zimmermann schafft es nicht ganz. Na, es wird aber schon werden. Die guten Vorsätze sind auf jeden Fall da und mit unserem nächsten Konzert wollen wir den Minuspunkt wieder aufholen. - Neulich ist draußen die Algerier-Kompanie abgelöst worden. Jetzt sind Marokkaner da. Sehr friedliche Leute. Sie schlagen wenigstens nicht. - Parolen überstürzen sich. Wir sollen in ein bis zwei Monaten fortkommen. In Lens würden die PGs nicht mehr arbeiten.

6.11.46

Was soll ich viel schreiben? Es gibt ja nichts besonderes. Keine Abwechselung. Nur die Parolen reißen

nicht ab. 700000 Kgs sollen in Frankreich bleiben. - England und Amerika fordern die Gefangenen zurück. In der russischen Zone scheint es zu unsicher zu sein. Man liest immer wider schlechte Nachrichten über Verschleppungen usw. Horst hat ganz recht getan, dass er in Rittmarshausen ist. Wer weiß, wozu es gut ist. Der Vater hat auch solch eine Andeutung fallen lassen.

19.11.46

Heute Nachmittag habe ich mir eine Uhr mit Arthur Börner gekauft. Er hat mir von seinem Berliner Konto 1000 Franc geliehen. Sie hat 2600 Franc gekostet.

26.11.46

Die dritte und letzte Probe in Barlin. Es wurde angeschnitten, alle Orchester zusammenzulegen und ein reisendes Orchester daraus zu machen. Schneider hat jedoch abgelehnt. Ich glaube auch kaum, dass etwas daraus geworden wäre.

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27.11.46

Paket aus Amerika! Wie habe ich mich gefreut. Es war einfach prima. Kekse, Bonbons, Sardinen, Milch, Kaffee, Kakao usw. Zigaretten allerdings nicht. Die hat Ida sicher vergessen. Einen Teil der Sachen hebe ich bis Weihnachten auf. - Jetzt wird immer mehr von der Entlassung geschrieben und gesprochen. Im Frühjahr soll es losgehen. 200000 Italiener sollen schon unterwegs sein.

1.12.46

Mit LKW nach Noeux gefahren und dort drei Konzerte gemacht. Hat sehr gut geklappt. Das letzte Konzert war besonders gut. Es wurde durch das Lager-Radio übertragen. Solch einen starken Beifall habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht bekommen.

19.12.46

Am Sonntag spielten wir in Barlin zum letztem Mal das Großkonzert. Mit dem dortigen hauptlagerführer habe ich mich über ein neues klassisches Großkonzert unterhalten. Und zwar aus Marles und Chalons die besten Kräfte dazu. Das Konzert als Kriegsgefangenen-Sendung mit Rundfunkübertragung. Ja, das wäre der größte Streich. Aber die Schwierigkeiten sind zu groß. Ich glaube kaum, dass es was werden wird. - Parole Entlassung geht herum.

26.12.46

Nun will ich mal eine Rückblende von Weihnachten halten: Zu Heiligabend musste gearbeitet werden. Die Nachtschicht war zu bedauern. An Veranstaltungen waren: Heiligabend, 19:30 Uhr Weihnachtsblasen (Vom Himmel undStille Nacht) um 20:00 Uhr Weihnachtsfeier. Sie sprach gut an. Viele haben geweint. Wir haben das Intermezzo aus „L´ Arsiennes“ von Bizet und die „Kleine Nachtmusik“ von Mozart gespielt. Anschließend ein Krippenspiel. Nach der Feierstunde war gemütliches Beisammensein auf unserer Stube. Wir hatten uns drei Torten gebacken. Kakao und Kaffee getrunken. Dazu fünf englische Zigaretten (vom Roten Kreuz) geraucht. Ein Tannenzweig und zwei Kerzen gaben der der Stube ein festliches Gepräge. Wir drei haben an zu Hause gedacht und jeder hat erzählt, wie bei ihm zu Hause die Weihnachtsfeier verlief. Am 1. Weihnachtsfeiertag, um 10:00 Uhr, war noch einmal die Lagerfeier. Mittags wunderbares Essen. Nudeln, Soße, Klops. Abends Sauerkraut und Würstchen. Um 15:00 und 20:00 Uhr Varieté-Programm.

27.12.46

Zylka ist stiften gegangen. Er war ein eigensinniger Kerl, der sich im Lager unmöglich machte. Durch vorlautes Mundwerk und Gemeckere, hat er sich die Stelle als Lagerarbeiter selbst versaut.

29.12.46

Einen neuen Klavierspieler gesucht und gefunden. Behm. B. Hatte damals beim Rätselkonzert den 2. Platz geholt. Mit einigem Üben wird es schon was werden. - Silvester wollen wir auf der Bühne mit der Theatergruppe ein kleines Fest veranstalten. Die Bühne wird schon dekorativ ausgebaut.

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1.01.47

Gestern anständig gefeiert. Vier Mann spielten zum Tanz auf. Alles war in Festkleidung. (Kostüme) Ich habe zum ersten mal getanzt. Und gleich eine ganze Nacht durch. Es war einfach prima. Bier, Wein und Cognac gab es zu trinken. Am anderen Morgen hatte ich direkt einen kleinen Kater. Schlafen bin ich erst um 7:00 Uhr gegangen. Um 6:00 Uhr habe ich nämlich die Sonntagsarbeiter geweckt. Um Mitternacht sind wir mit Blasmusik durch das Lager gezogen. Allgemeines „Heil!“-Rufen vor jeder Baracke. Großer Trubel und Jubel. Jeder rechnet damit, dass dieses Jahr das Jahr der Entlassung werden wird.

3.01.47

Vom 10.01 bis 10.10 soll alles aus Frankreich entlassen sein. Täglich 2000 Mann. Wenn es doch erst soweit wäre. Jetzt ist man von Monat zu Monat vertröstet worden. Immer Lug und Trug. - Ich habe mir seit einigen Tagen eine Sache überlegt. Ich müsste später ein Attraktions- Orchester aufbauen. Mit guten Kräften Außergewöhnliches machen. So etwas, was es noch nicht gibt. Später Rundfunk, Kino usw. Ich habe es nach Hause geschrieben, mal sehen, wie der Vater darüber denkt. - Mit Hellmut Müller blase ich jeden Mittag Tonleiter auf der Trompete. (Wer weiß, für was es gut ist.) - Morgen kommen wieder 50 Mann weg. Sie kommen in andere französische Lager.

25.01.47

An Bekleidung habe ich angegeben: 1 Mantel, 1 Rock, 1 Hose, 1 Mütze, 3 Hemden, 1 Unterhose, 2 Strümpfe, 1 Sweater, 2 Handtücher, 1 Paar schuhe, 1 Löffel, 1 Decke, 1 Schal, 1 Schlafsack.

1.02.47

Morgen ist das erste Konzert, bei dem ich Trompete blase. Ich habe jetzt auch den Posten des Vertrauensmannes der Musik niedergelegt. Ich tue jetzt gar nichts mehr und ruhe mich bis zur Entlassung aus. Der Kommandant von Barlin hat gesagt, dass im März jede Woche 2000 Mann entlassen werden. Das Depot hat 10-12000 Mann, also müssten die allerletzten am 1. Mai weg sein. Wenn das wahr wird, freue ich mich riesig.

7.02.47

Alle Uffz., welche einfahren, oder eingefahren sind, sollen als ertse entlassen werden. Die Liste mit Namen ist nach Barlin abgegangen. Auch ich bin dabei. - Die russische Zone soll für alles gesperrt sein, da englische und amerikanische Spione dort festgestellt worden sind. - Ich bin seit einigen Tagen krank. Schnupfen, Angina.

10.02.47

Von Horst einen nachdenklichen Brief erhalten. Das ist ja ein dicker Hund. - Am 28. Februar soll der erste Transport abgehen. Es sollen 2500 Mann entlassen werden. - Franz Stücker soll mir eine Flasche Rum mitbringen. Kostet 240 Franc. Hoffentlich bekommt er sie. Dann habe ich etwas zum Geburtstag. - Gestern wieder mal ein Theaterstück. „Familie Hannemann“. War lustig, aber zu lang. 2 ½ Stunden. - Heute regnete es, als ich morgens kurz nach 3:00 Uhr weckte, stark. Elendes Wetter. Habe vor Müdigkeit bis 12:00 Uhr mittags fest geschlafen. Überhaupt tue ich jetzt etwas für meine Gesundheit, d.h. Ich schlafe, wenn es geht, immer recht lange. - Momentan versuche ich mich an einer Komposition „Fox-Intermezzo“.

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12.02.47

Am heutigen Tag habe ich, wie im letzten Jahr, ein nettes Ständchen bekommen. Harry Sternke, Heinz Köhler, Walter Lein, Helmut Müller. Vier Liter Wein und einen Liter Rum hatte ich. Abends gemütliches Beisammensein in unserer Stube.

17.02.47

Am Sonnabend war Karnevalsfeier mit Bühnengruppe und Musik. Der Oberarzt hat Köckeritz und zwei „Frauen“ aus Barlin eingeladen. Jeder hatte drei Zucker-Portionen abgegeben. Dafür wurde Wein gekauft. Bier und Wurstbüchsen gab es vom Zivil-Büro. War sehr nett wieder. Bis zum anderen Morgen um 5:00 Uhr war ich da. Dann habe ich meine Sonntagsarbeiter geweckt und bin schlafen gegangen. Leider mussten etliche auch vom Theater arbeiten. Sie kamen natürlich zu spät zum Antreten. Folgen: 15 Tage Bau und einfahren. Desgleichen unser Klavierspieler. Der ist gleich gar nicht erst aufgestanden. Ich glaube jetzt sind Musik- und Theatergruppe aufgeflogen. - Im März sollen aus diesem Lager 400 Mann entlassen werden. Hoffentlich bin ich dabei.

20.02.47

Nachdem nun der Klavierspieler im Bau sitzt, kommt das Unglück mit Riesenschritten über die Musik. Helmut Müller muss Über-Tage arbeiten, Max Lumm muss einfahren, während ja Schnock schon seit zwei Wochen einfährt. Nun will Müller nicht mehr mitmachen. Ich sehe schwarz. Das Orchester zerfällt von Tag zu Tag mehr. Die einzigste Rettung ist und bleibt die Entlassung. Die 40jährigen und die mit drei Kindern sollen im März fortkommen. Für mich stehen die Chancen in etwas sechs Wochen gut. - Hier bekam jemand Post aus Deutschland, da wurde angefragt, ob er hier frei ausgehen könnte,

man würde das in der Zeitung lesen. Es ist allerhand, sich noch über unser Schicksal lustig zu machen. - Vor einigen Tagen hat ein Marrokaner einem Landser in Ohr und Arm gestochen. Gestern sind drei Zivilisten und ein Landser auf Grube 3 verunglückt. Zwei Zivilisten tot, der Landser lebt. (Fahrstuhl verrutsch, in den Schacht gefallen) Wenn der Landser sich nicht auf den Boden des Fahrstuhls geworfen hätte, wäre er auch abgestürzt. - Unser Fest am Sonnabend hat viel Staub aufgewirbelt. Man erzählt ja die tollsten Sachen. Ist aber nur Neid der anderen. - Ich habe mir die Sache mit dem Attraktions-Orchester überlegt. Meine Rechnung sieht wie folgt aus:

5

Violinen, a 600

3000

2

Celli, a 500

1000

2

Bässe, a 500

1000

5

Saxofone, a 700

3500

3

Trompeten, a 700

2100

2

Posaunen, a 700

1400

2

Hörner, a 500

1000

2

Klaviere, a 700

1400

1

Gitarre, a 500

500

1

Kapellmeister, a 1000

1000

1

Sänger, a 400

400

2

Sängerinnen, a 400

800

1

Schlagzeug, a 700

700

 

17800 Mark

58

Sagen wir rund 18000 mark im Monat. Täglich kostet die Kapelle also 900 Mark. So viel muss also täglich im Barverdienst rauskommen. Ich werde die Sache mal im Auge behalten. - Die Aufstellung sieht so aus:

Schlagzeug

Bass

Bass

Trpt.

Trpt.

Pos.

Pos.

Git.

Cello

Cello

Sax

Sax

Sax

Sax

Horn

Klavier

Viol.

Viol.

Viol.

Viol.

Viol.

Klavier

27.02.47

300000 Mann sollen dieses Jahr fortkommen. - In Deutschland soll mal wieder eine Untergrundbewegung aufgedeckt worden sein. 180 Mann.

1.03.47

Franz war heute hier auf der Stube und erkundigte sich, wer an meiner Stelle die Kompanie vertritt, wenn ich mal auswärts, wie z.B. zum Gastspiel in Barlin bin. Ich vermute sehr stark, dass er sich schon Gedanken macht, wer mein Vertreter sein wird. Also wieder eine Hoffnung mehr auf die Entlassung.

5.03.47

Heute Nachmittag kamen die Uffz. weg. Nach Dünkirchen. Sie sind „anständig“ gefilzt worden. Knox, dem gemütlichen Kerl, sollen sie annährend 1000 Franc abgenommen haben. - Ein Marrokaner hat im besoffenen Zustand sich heute mal wieder ein tolles Ding geleistet. Die Grube 6 sollte Achtungsmarsch machen, das Gepäck in der linken Hand tragen und den rechten Arm durchschlagen. Da dieser blödsinnige Befehl jedoch nicht ausgeführt wurde, schlug er vor Wut mit dem Gewehrkolben in die Reihen. Der französische Spiße hat ihn daraufhin eine Glatze schneiden lassen und in den Bau gesperrt.

8.03.47

Ein Haufen Theaterstücke sind hier in der letzten Zeit eingetroffen. Darunter drei Operetten. Jetzt kommen die Sachen an, wo es bald zu spät ist. Von der YMCA sind die bestellte Trompete und Violine angekommen. - Morgen will ich mir den Mantel färben.

13.03.47

Vorgestern sind 28 Kranke weggekommen. Sind in Barlin noch mal einem Arzt vorgestellt worden. Daraufhin sind nur vier Mann zur Entlassung gekommen.

23.3.47

Jeden Monat sollen 20000 Mann entlassen werden. 25000 Mann wollen sie, versuchsweise, als Zivilarbeiter für ¼ Jahr behalten. - Die Kältewelle ist nun entgültig gebrochen. Nun regnet es viel. Von

Tante Ida habe ich wieder ein Paket bekommen. Meine Freude darüber war sehr groß. Sind es doch alles Sachen, auf die man schon lange verzichten musste.

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24.03.47

Gestern war im Lager „Filzung“. Man versucht mit allen Mitteln den „Flüchtlingsstrom“ zu bannen.- Abends sprach Purchards über ein politisches Thema im Lager. Volksgemurmel hat es nur eingebracht.

29.03.47

Morgen gehen wir zum Gastspiel nach Marles. - Heute Nacht das erste Mal in diesem Jahr bei offenem Fenster geschlafen. Die Luft tut selbst im Schlafe gut. - Helmut Müller will nach Barlin. Dort hat er eine Lagerarbeiterstelle angeboten bekommen. Hier muss er zu schwere Arbeit verrichten. Wie ich aber höre, soll vom Zivil-Büro die Versetzung verhindert worden sein. - Ich mache mir Notizen für Kompositionen. Es ist nicht schwer. Doch fehlt mir dabei die Harmonielehre. Zu Hause will ich das noch schnell nachholen. - Im Lager herrscht wieder gedrückte Stimmung, da nichts von Entlassung zu hören und zu sehen ist.

1.04.47

Den Unterarzt in Barlin haben sie mit drei Schüssen niedergelegt. Er wollte zur Probe gehen und hatte die Geige unter dem Arm. Es soll ein MG gewesen sein. (Er wurde wohl zu unbequehm, denn er war Deutscher. Auch schrieb er zu viele krank.) - Von Calune ist der Lagerstab hierher versetzt wurden. 13 Mann. Sie sollen rumgesoffen haben und wer weiß noch was. Naja, immer das gleiche Lied:

Strafversetzt nach Houdain. - Vorgestern waren wir mit der Musik in Marles. Zwei Konzerte. Das Letzte durch Lautsprecher. War ein voller Erfolg. Das Publikum war begeistert und benahm sich wie wild. Solche Musik haben sie noch nicht gehört. Wir hatten auch ein ausgesuchtes Programm. - Mit den Entlassungen sieht es mau aus. Ich habe erfahren, dass ich in der Kathegorie 11 bin und das ist die Masse. Da kann man frühestens im Spätherbst mit der Entlassung rechnen. Mir ist sauelend zumute geworden. Ich glaube nun gar nichts mehr. Barbara möchte ich am liebsten abschreiben. Sie soll nicht mehr warten. Sie wartet vielleicht dieses Jahr wieder umsonst. Ich bin müde.

3.04.47

Wieder Regenwetter. Einfach scheußlich. Der Schlamm will gar nicht verschwinden. - In der Zeitung lasen wir, dass 20000 Mann monatlich zur Entlassung kommen sollen. Ausgeschlossen seien die Kriegsverbrecher, die SS und die 55000, die im Bergbau beschäftigt sind. Dassind ja trostreiche Worte. - Seit einigen Tagen habe ich den Moralischen. Ich versuche lustig zu sein, aber es gelingt mir nicht. Vor inwendiger Wut koche ich. - Helmut Müller kommt nun doch nicht nach Barlin. Er soll jetzt hier auf dem französischen Militärbüro untergebracht werden. Albrecht ist dort als DU entlassen worden. Phillip geht hinterher. Na, ich gönne es jedem, von hier fortzukommen. Ich möchte am liebsten Barbara schreiben, dass sie nicht mehr auf mich warten soll. Denn es besteht kaum die Hoffnung auf eine Entlassung in diesem Jahr. Und das Kind braucht doch einen Vater.

8.04.47

Das dritte Mal Ostern in Gefangenschaft. Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht. Es gab gutes Essen, ½ Liter Rotwein, fünf Eier, Wurst. An kulturellen Veranstaltungen: Premiere von „Drei Eisbären“. (Wir Musiker in Bayerntracht. Blasmusik) Zwei Filme. Ring- und Boxkämpfe. Fußball. Im Lazarett haben wir auch ein Konzert gegeben. Nun sind die Feiertage rum und der Alltag beginnt mit Regen wieder.

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15.04.47

Alle noch einfahrenden Uffz. sollen Ende des Monats rauskommen. Ich bin allerdings nicht dabei, bin ich doch ein Lagerarbeiter. - Wegen Barbara bin ich in große Zweifel gekommen. Sie schreibt wenig und dann nur Belangloses. Es steckt nichts dahinter. Warum schickt sie mir nicht das von mir angeforderte Foto vom Kind? Warum schreibt sie keine Zivilbriefe? Warum soll ich nach Magdeburg und nicht zu ihr? Wenn sie mich liebt, dann sollte sie doch froh sein, dass ich zu ihr komme?! Ich finde alles so unnatürlich, so das ich am liebsten Schluss machen würde. Einen daraufhin zielenden Brief habe ich schon geschrieben.

28.04.47

Heute wurden die ersten 111 Mann entlassen. Heinz Köhler war auch dabei. Die übrigen Uffz. sollen in den nächsten Wochen dran sein. - Ich schreibe überall hin, dass ich keine Post mehr haben will, käme sowieso bald fort.

13.05.47

In Südfrankreich sollen die Kommunisten einige Lager mit Pgs befreit haben. Unruhen. Hier wird ebenfalls um die Wache der Marrokaner Stacheldraht gezogen.

18.05.47

Heute großes Tanz-Konzert. Mit zwei Aushilfen aus Barlin und zwei aus Marles. Durch Radio übertragen.

22.05.47

Die Uffz. aus der russischen Zone sollen kurz nach Pfingsten entlassen werden. Wenn das wahr wird,

bin ich mal wieder der Angeschmierte.

27.05.47

Ein schönes Pfingsten habe ich erlebt. Sonnabendmittag sind wir Bläser nach Barlin rübergegangen. Keine Posten! Prima. Durch die Felder gestreift. Abends „drüben“ Choralprobe für den ersten Festtag. Wein getrunken. 1. Festtag im Kloster. Feier. Dann nach Houdain zurück. Zwei Mal Kino. Sehr gutes Essen gab es. Mein Spind ist voll davon. Abends hat die kleine Besetzung über Mikro gespielt. Ich als Ansager. Hat übrigens sehr gut angesprochen. Zweiter Tag abends Konzert. In Barlin habe ich mit Peter Neuroth gesprochen. Er sagte mir, dass ich Anfang oder Ende Juli mit meiner Entlassung rechnen kann. Ich bin voller Zuversicht und Hoffnung.

29.05.47

In den Zeitungen liest man ja tolle Berichte über die Kriegsgefangenen in Russland. Man schätzt sie auf zwei bis drei Millionen und jetzt sind nur noch 900000 da. Frauen müssen schwer arbeiten. - Die Meldung, dass Amerika 20000 Musiker sucht, rief große Verwunderung hervor.

4.06.47

Hier sind die Menschen sehr unerträglich geworden. Einer gönnt dem anderen nichts. Hatte eine schwere Auseinandersetzung mit unserem Dolmetscher Schäfer wegen der Tabakversorgung. Er behielt den Tabak für meine Kompanie widerrechtlich zurück. - Ich habe das schmarotzerhafte Wesen der anderen satt. Immer klein beigeben, nie ein krummes, scharfes Wort, auch wenn sie im Recht sind.

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6.06.47

Jetzt klage ich seit einigen Tagen über Zahnschmerzen. Ich versuche jedoch bis zu Hause auszuhalten, da der französische Arzt nicht gerade sorgsam mit seinen Patienten umgeht. Er sei ein Ekel und verursache gewollt die Schmerzen.

17.06.47

Russland soll sich im Krieg mit China befinden. Es wird sogar erzählt, dass Russland die Türkei von der Seeseite her beschießt. - Anna schreibt mir, dass ich mein Heimweh dämpfen soll, die Eltern hätten nichts zu essen. - Unsere Musik hier ist so still und leise erloschen. Keiner hat mehr so richtige Lust. - In der Kantine habe ich mir allerlei Sachen gekauft. Darunter auch ein Feuerzeug, Drehbleistift usw.

19.06.47

Gestern las ich in einer deutschen Zeitung, dass die Bevölkerung in Süddeutschland pro Tag nur 967 Kalorien bekommt. Da habe ich mal ausgerechnet, was wir hier im Lager bekommen. Es ist das Dreifache!

21.06.47

Heute erfuhr ich, dass ich mit neun anderen Uffz. am Mittwoch nach Barlin muss. Sehr wahrscheinlich also doch Entlassung. Meine Freude ist unbeschreiblich.

25.06.47

Vormittags ab Houdain. Der Abschied war doch etwas komisch. Man war ja auch schließlich über zwei Jahre hier. Gepäck wurde gefahren. Filzung war keine. Auch nicht in Barlin.

26.06.47

Von Barlin (Bahnhof) um 9:30 Uhr abgefahren. Über St. pol nach Hasdin. Depot 12H. Bauerndepot. Die Bauern suchen sich die Pgs aus. Wie ein Sklavenmarkt. Ich muss doch über die Art und Weise hier lachen, wie die Menschen verhandelt werden. Essen knapp 250g Brot, 15g Fett, zwei Mal warm. Ich habe mich mit Zimmermann, einem Saxofonisten und Geiger aus Neuox hier bei der Kapelle gemeldet.

14.07.47

Das erste Konzert habe ich hinter mir. Hat gut geklappt. Es ist gleich ganz anderer Schwung dahinter. Gestern mit einem LKW nach Boulogne gefahren. (75 Km Nördlich) haben dort zwei Konzerte gegeben. In Le Bordelle und in der Zitadelle. Die Stadt ist schwer mirgenommen durch Luftangriffe. Große Freude bei den Landsern. Sie haben ja keine Abwechselung. Ein furchtbares Leben führen sie. Abends um 21:30 Uhr waren wir wieder zurück. - Post wurde mir von Houdain nachgeschickt. Theo ist schwer auf Draht. - Ich soll einen Chor aufmachen. Daraus werde ich eion Sextett bilden. Auch eine „Bunte Bühne“ will ich aufziehen.

7.10.47

Jetzt habe ich völlig versäumt, mein Tagebuch weiterzuführen. Bin vollkommen beschäftigt, so das ich kaum dazu komme. Anfangs habe ich, bis vor zwei Wochen, Noten von früh bis abends geschrieben. (Für die Kulturwoche.) Da ich aber einsehe, dass die Arbeit doch nicht gelohnt wird, bremse ich mit

dem Schreiben ab. Ich bin einmal enttäuscht von Houdain fortgekommen und will nicht wieder so von hier verschwinden.

62

Vorige Woche war ich mit Arthur Türpe (Kulturreferent und Kriecher) in Dünkirchen. Depot 13 wurde uns zugeteilt. Haben dort das Bühnenmaterial und Instrumente übernommen und hergebracht. Wagen wurde von der „Aid americane pour France“ großzügigerweise gestellt. (Brauchten nur dem Fahrer Trinkgeld zu geben.) - Mit Manfred Ermer habe ich mich angefreundet und mit ihm und Kurt Z. Eine lustige Woche verbracht. Fünf Tage lang waren wir jeden Tag in Fahrt. Eine Flasche Cognac kostet 220 bis 320 Franc. Jetzt sind wir alle blank und können nichts mehr trinken. Muss also wieder sparsam und solide sein.

Nachtrag

Der dritte Sommer ist nun rum! Und immer noch in Kriegsgefangenschaft. - Drittes Weihnachten! Dezember 1947 war es aber endlich soweit. Wir kamen in das Entlassungslager nach Metz. Über Sedan und Verdun fuhr der Zug. Bei Starßburg waren die Rheunbrücken unter Wasser, der Zug fuhr über Mühlhausen an der schweizer Grenze entlang. Über den Rhein sah man schweizer Soldaten und viele ihrer Bunker. Dann um den Schwarzwald bis zum Flugplatz Böblingen bei Stuttgart.

31.12.47

Genau um Mitternacht läuteten die Glocken, als wir vom Bahnhof zum Flugplatz gingen. Ansprache des Pfarrers. Viele Menschen waren da. Jetzt gab es ein ganzes Brot und ein halbes Stück Butter als Reiseverpflegung. In dieser Nacht habe ich alles aufgegessen. Richtig satt war man. Dann ging es über Frankfurt-Butzbach nach Münzenberg bei Gießen. (Tante Anna!) In Münzenburg traf ich auf der Straße Günter. Wir waren aneinander schon vorbeigelaufen. So lange haben wir uns nicht gesehen! Große Begrüßung, auch bei Anna und Karl. Etwa drei Wochen erholten wir uns dort. Dann fuhr ich mit Günter zum Bruder Horst nach Rittmarshausen. Wieder große Freude. Nach einigen Tagen ging es über die Grenze. (Heimlich während der Nacht.) Und ab ging der Zug nach Magdeburg. Zu Hause:

Riesengroße Freude!

63

Zusatz zum Kriegstagebuch

Hiermit hinterlege ich meinen Angehörigen ein Schriftstück, welches ihnen zeigen soll, wie schrecklich der Weltkrieg 1939-1945 war. Ich habe eine Episode daraus ergriffen, und zwar die letzten Wochen des unseligen Krieges. Möge es jedem eine Warnung sein, sich mit Kriegsgedanken oder –-plänen zu beschäftigen. Die heiligsten Gefühle, welche ein junger Mann hat, wurden von einer gewissenlosen Clique von Kriegshetzern und –-verbrechern auf das Elendste missbraucht. Welche Entbehrungen ich während dieser Zeit durchmachte, welches Leid ich sah, sollen diese folgenden Seiten zeigen. Während dem niedergeschriebenen Geschehen war ich Angehöriger der 6. Fallschirmjägerdivision, 17. Regiment, 3. Bataillon und führte den Kampfzug als Zugführer.

Auf meinem Weg zur Front, marschieren wir am 3. Februar 1945, 00:00 Uhr von Gorinchen ab. Auf einem kleinen vierrädrigen Wagen verladen wir das Gepäck. Es wäre leicht gewesen, einen Kinderwagen oder ein anderes Monstrum von Verkehrsmittel zu besorgen; aber da es Befehl ist, nur mit anständigem und würdigem Gerät zu marschieren, müssen wir schon zu besagtem „Gerät“ greifen. Zwei Mann werden vorn angespannt, zwei an jeder Seite und der siebte geht hinterher. Er muss aufpassen, dass kein Gepäck verlorengeht. Durch die etwas holprigen Straßen von Gorinchem geht es zum Hafen. Ein reger Verkehr herrscht an einer größeren Motorfähre. Gerade ist ein Wagen herauf gesteuert, als eine schwere Zugmaschine ebenfalls durch lautes Zurufen hinauf gesteuert wird. Wir müssen mit unserem kleinen Gefährt Platz machen und ausweichen. Bald nahes, bald fernes Flugzeugmotorengebrumm erinnert uns an die Feindnähe. Durch Befragen erzählen uns die Matrosen, dass vor kurzem erst eine Motorfähre durch Jabos versenkt wurde. Nun ja, wie oft bin ich mit der Fähre von Sizilien nach Italien und zurück gependelt und es ist nie „etwas passiert“. Und dort wurden die Fähren nicht nur von Flugzeugen angegriffen, sondern sogar von U-Booten. Die Aufmerksamkeit wird abgelenkt, als von der Brücke Kommandos erschallen. Die Marine hat doch seltsame Kommandos. Ein Wort ergibt das andere. Befehle, Kommandos, Zu- und Zwischenrufe; der Motor der Fähre beginnt zu arbeiten, lässt alles fein erzittern und mischt sich in das Gebrumm des Fliegers. Erst langsam, dann schneller und schneller löst sich die Fähre vom Ufer und fährt hinaus in die stockfinstere Nacht. Am jenseitigen Ufer tauchen weiße und rote Lampen auf: Der Anlegesteg. Noch dauert es eine Weile, bis wir wieder Land unter unseren Füßen haben. In der Ferne hellt Artilleriefeuer wie ein böses Gewitter auf. Irgendwo fallen zwei bis drei Bomben. Da, ein leichter Ruck, die Fähre legt an. Es dauert nicht lange, so poltert das Geschütz an Land. Auch wir sieben Mann legen uns schwer in die Riemen, um unseren Wagen die etwas steile Uferstraße hinauf zu ziehen.Es kostet Mühe und Schweiß, bis wir endlich aus dem Sandweg wieder auf die feste Straße gelangen. Eine Zigarette ist ehrlich verdient. Ausgepumpt ist man aber, kaum zu glauben. Wenn man bedenkt, wir sind jetzt durch fast ganz Holland gelaufen! Wenn wir das alles wieder zurücklaufen müssen! Oh weh! Aber es bleibt nicht viel Zeit zum nachdenken.

Die Pause ist vorbei und weiter geht der Marsch. An den Häusern sind viele Schlagzeilen gemalt: „Sieg oder Sibirien!“ An einer zerschossenen Scheune: „Mauern brechen, aber unsere Herzen nicht!“ Auf den Straßen sind Schlaglöcher, welche unser Gepäck ins Schwanken bringen: Arieinschläge. Die vereinzelten Häuser an der Straße sind alle mehr oder weniger beschädigt. Die Kriegsschäden müssen ja gewaltig hoch sein. Nach dem Kriege wird es wohl interessant sein zu lesen, was alles im Kriege zerstört wurden ist. Wie viel Leid, Sorgen und Arbeit überall dranhängt! Aber weiter! Sinnieren hat keinen Zweck.

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Die harte Wirklichkeit ist da und da heißt es: Augen auf und aufgepasst! Nach 14 Kilometern Fußmarsch kommen wir noch vor Morgengrauen in Almkerk an. Und wenig später sind wir in Dussen- Binnen. Gerade fährt ein Pferdefuhrwerk mit einem Toten vorbei. Furchtbar! „Halt!“ruft ein Doppelposten an der Straße, „in dieser Ortschaft sind zwei englische Spähtrupps!“ warnt er. Mein Gott, wie leichtsinnig wir waren! Zigaretten rauchend, erzählend, ohne Stahlhelm und ungeladenen Waffen laufen wir durch die Geografie. Schnell wird alles nachgeholt. Auseinanderziehen. Tiefenstaffelung. Die Ortschaft liegt unter Granatwerferfeuer. Am Tag sogar Feindeinsicht. Mit je zehn Mann ziehen wir truppweise weiter. Gepäck aufgehuckt. Den Wagen ins Wasser geschoben. Der Morgen graut bereits, als wir in Dussen-Binnen eintreffen und wir in den Häuser und Scheunen vorläufig untergebracht werden. In einer kleinen Stube machen wir es uns bequem. Feuer war im Ofen und ein Hindenburglicht wirft Schatten an die Wände. Im Halbschlaf dösen wir vor uns hin. Gegen 8:00 Uhr müssen alle Unteroffiziere in der Scheune antreten. Hauptmann Sauter, Battalionsführer des III./17 besichtigt uns. Er fragt jeden nach seiner bisherigen Tätigkeit usw. Ich gebe an: Ausbilder und Zugführer. Drei Feldwebel wollen immer mit mir zusammenbleiben, es kann kommen, was da wolle. Als nun Hauptmann Sauter die Unteroffiziere auf die einzelnen Kompanien aufteilt, da bekommen es die drei wohl doch mit der Angst zu tun; ich werde zum Kampfzug eingeteilt, und da lassen sie sich zur 9. bzw. 10. Kompanie einteilen. Das Wort Kampfzug hat sie wohl eingeschüchtert. Ich komme somit allein weg. Und die anderen „Getreuen“? Sie sind einige Tage später bei den Kompanien gefallen. Der Kampfzug ist direkt dem Batalonsführer unterstellt. Er ist und dient zum Schutz des Bataillons, muss jedoch Gegenangriffe mitmachen. Stoß- und Spähtrupps laufen. Wird allgemein an Schwerpunkten eingesetzt. Also da, wo was „los ist“. Augenblicklich ist der Kampfzug an der Maas eingesetzt. Ich muss dorthin und mich bei dem Zugführer Gerd Royke melden. Nach einer kleinen Geländebeschreibung ziehe ich los. Eine etwa 150 Meter lange Dammstraße ist durchgelaufen. Feindeinsicht. Im Dauerlauf los. In einem zerschossenen Haus liegt die 9. Kompanie. Meinen Rucksack lasse ich da. Hole nur das Wasch-, Rasier- und Schreibzeug heraus. Und weiter geht es. Eine Dorfstraße in Binnen entlang. Kirche total zerschossen. Der ganze Kirchturm ist weg. Alle Häuser sind kaputt. Unglaublich viele Granatwerfer-, Ari- und Bombeneinschläge. Momentan ist es ruhig. Die Sonne brennt sehr. Ich schwitze im Mantel. Nur ganz oben brummen zwei Jabos. Fast senkrecht stürzen sie und ziehen wieder hoch. Eine rote Stichflamme und eine gewaltige Sprengwolke steigt auf. Jetzt hört man erst das Geknatter der Bordwaffen und dann erst die Explosion. Ich schleiche mich von einem Häuserschatten zum anderen. Ein Angstgefühl habe ich, als ich daran denke, dass die Jabos mich sehen könnten. Oder ein plötzlicher Ari-Feuerüberfall würde mich überraschen.

Ich suche nun immer eine Deckung. Bei jedem Schritt stelle ich mir vor, ob die momentane Deckung mich vor dem feindlichen Feuer schützen könnte. Von nun an beginnt das Nerven anstrengende Horchen und Lauschen, dass mich bis zu meiner Gefangenschaft so stark mitnahm. Am letzten Haus angelangt, schleiche ich mich durch den Garten und biege rechts ab. Ein Holzbrett als Steg, führt über einen kleinen Bach. Dann kommt offene Wiese bis zum Damm, die HKL. Überall, fast auf jedem Quadratmeter diese kleinen Löcher der Granatwerfer. Gras- und Erdklumpen sind in Stücke gerissen. Eine Wiese ist nur schwer zu erkennen, alles wie umgepflügt. Vor mir ist wieder ein kleiner Bach. Eine kleine Holzbrücke ragt darüber. Im halben Dauerlauf geht es darüber. Noch 40 Meter bis zum nächsten Bunker! Plötzlich ein Singen in der Luft, ich ducke mich: Hoch oben ziehen unsere Ari-Geschosse vorüber. Komisch, es ist ein Gefühl, welches man nicht beschreiben kann. Huiiiiiiiiii, ganz gleichmäßig ist der Ton. Dann kommt wieder eine Salve. Und wieder eine. Eine ganze Serie von Koffern pfeift da über der Maas zum Engländer rüber, um drüben mit dumpfen Knall zu explodieren.

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Vor dem Bunker ist eine kleine aber ausbesserungsbedürftige Splitterschutzwand aus Erde, Gras usw. Dahinter ist eine kleine Tür mit einer Decke. Ich schlage sie zurück und trete ein. Ein Ofen, Tisch und Stühle und mehrere Holzstapel zum Schutz für die Decke. Und warm ist es hier drinnen. Ur-gemütlich. Ist es nun die Freude über das geschützt sein im Bunker? Ist es die Freude mal wieder „richtige Soldaten“ zu sehen? Nicht solche wie sie dahinten stehen? Ist es das Gefühl in einem Bunker zu hausen, wo immer soviel davon erzählt wurde? Oder ist es der Cognac, den mir ein Soldat anbot? Die Kameradschaft, welche ich sofort spüre? Auf jeden Fall ehrlich gesagt, ich bin glücklich. Schon in den ersten Minuten weiß ich, hier finde ich Kameraden und Kerle, auf die man sich verlassen kann. Der Zugführer, Fw. und Offz.-Anwärter Gerd Royke, teilt mich als stellvertretenden Zugführer und Zugtruppführer ein. Damit habe ich den Zugtrupp, zwei Melder unter mir. Ich muss täglich Meldung machen, was an der HKL alles passiert. Später zeigt mir Fw. Royke die Stellung. Unser Zug ist auf einer Breite von etwas 700 m direkt an der Maas eingesetzt. Laufgräben führen nach oben. Von dort hat man Einsicht über die Maas zum gegenüberliegenden Damm und damit zu den Stellungen der Engländer und Kanadier. Halb links vor uns liegt das Gelände, wo sich der erst vor einigen Tagen zurückgenommenen Maas-Brückenkopf befand. Die Maas selbst, ist ungefähr 300 m breit. Der Wellengang ist 30 bis 50 cm hoch. Ganz langsam, so wie man es gelernt hat, schiebe ich meinen Kopf über die Stellung. Das dauert wohl 10 Minuten. Und ganz langsam hebe ich mein Fernglas. Da man mich zur Vorsicht warnte, war ich es auch. Drüben gibt es Scharfschützen, die schon manchen gutsitzenden Kopfschuss abgegeben haben. Jetzt sehe ich besser durch das Glas. Alle 30 bis 40 m ist ein Posten aufgestellt. Ich sehe die Köpfe deutlich. Links sind drei Panzer eingegraben. (Furchtbar ist das Geschoss eines Panzers. Es geht durch Mauerwände glatt hindurch und krepiert erst im Zimmer. Ratschbumm.) Im Hinterland fahren LKWs herum. Na ja, dass genügt erst mal für heute. Im Bunker wird anschließend erst mal gegessen und jeder erzählt seine Kriegserlebnisse. Zwischendurch ballert die feindlich Ari auf die Stellung und im Hinterland herum. Es heult, faucht, grölt, zischt und brüllt hämmernd auf die Erde herum. Es ist eine schaurige Sinfonie, die einem den Atem wegnehmen kann. Erde rieselt von der Decke, wenn in der Nähe eine Granate einschlägt. Früher sind mal drei Volltreffer drauf gegangen. Die Splitter sind zum Teil durch das Erdreich durchgegangen und haben die Sachen etwas demoliert. Zum Glück ist damals keiner im Moment im Bunker drin gewesen. Unter dem feindlichen Feuer wird es mittlerweile Spätnachmittag. Da kommt der Befehl, dass Fw. Royke in der Nacht einen Spähtrupp über die Maas machen soll. Zu diesem Zweck brauchen wir ein Boot. Als es etwas dämmerig wird, holen wir einen etwas unförmigen Fischerkahn aus der Ortschaft und ziehen ihn bis zur HKL zum Damm. Es ist eine harte Arbeit. Jedoch mit übermenschlichen Kräften schaffen wir es. Der schwere Kahn muss nun über den Damm geschoben werden. Eine Feuerpause muss ausgenutzt werden. Dabei muss jeder unnötige Aufenthalt im Freien nach Möglichkeit vermieden werden. Noch dazu hier auf den freien Wiesen, ohne Deckung usw. Schnell, hart zugepackt. Hauruck! Hauruck! Aber leise, ziehen wir das Boot über den Damm. Unsere Silhouetten heben sich, trotz geduckter Haltung, scharf vom abendlichen Himmel ab. Jeden Moment kann ein feindliches MG mit schießen beginnen. Aber nichts rührte sich. Dort drüben müssen sie auch schlafen. Wir kommen ungehindert an das Maas-Ufer. Schieben den Kahn halb ins Wasser und schleichen wieder geduckt zurück. Knack-zschssss zieht eine weiße Leuchtkugel plötzlich von drüben los. Sofort erstarren wir regungslos. Schlimm ist es nicht. Denn wir sind ja außerhalb des grellen Lichtkegels und haben auch im Rücken den steil ansteigenden Dammhang. Aber Vorsicht soll ja die Mutter der Porzellankiste sein. Und besser ist besser. Ewig kann die Leuchtkugel auch nicht brennen und dann sinkt sie tiefer und tiefer; bis sie im Wasser erlischt.

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Wir kommen dann wieder in unserem warmen gemütlichen Bunker. Esse Abendbrot und schreibe anschließend einen Brief an die Eltern. Bin gerade fertig, als ein Oberleutnant (von dem schrieb Sauter einmal als Beurteilung: „Verwenden als Wald- und Wiesenprediger.“) und holte Fw. Royke ab. Royke muss als Fährmann mit. Zur Darstellung: Dieser Leutnant hatte auf dem Brückenkopf die Granatwerfer unter sich. Bei der Räumung des Brückenkopfes hatte er so und so viel Granatwerfermunition drüben liegen gelassen. Sauter stellte ihn zur Wahl: 1. Kriegsgericht, oder 2. er holt die Muni vom feindlichen Ufer selbst weg. Da hat er sich nun zum letzterem entschlossen. Übrigens: Oberleutnant Violett ist später durch Jabo-Bombe gefallen. Ich verfolge alles vom Damm aus. Im Notfall wollte ich auch noch Feuerschutz geben. Als das Boot nach ca. 1,5 Stunden drüben anlegt, geht eine Leuchtkugel hoch. Jedoch kein Schuss fällt. Nach einer Stunde sind sie wieder da und werfen die Muni über Bord an Land. Dann fahren sie das zweite Mal hinüber. Diesmal geht die Sache beinahe schief. Denn als sie drüben ankommen, sehen sie plötzlich vier Kanadier am Ufer stehen. Schnell paddeln sie zurück. Die Kanadier schießen hinterher. Und nun rasen unsere MG 42 los. Feuerschutz! Nass und halbgefroren steigen sie aus dem Boot aus. Das ging nochmal gut. Einige Stunden lege ich mich schlafen. Dann muss ich raus und die Granatwefer-Muni im Morgengrauen vom Ufer fortbringen. Bis hinter den Damm. Wohl zehnmal laufen wir hin und her und die schwere 12,5 cm-Muni, rund 80 Schuss sichergestellt. Ein komisches Gefühl, so ohne Deckung herum zu laufen. Dabei kann man mich abknallen wie einen Hasen. Zum Glück passiert nichts. Nur einmal knallt ein MG links an uns vorbei. Das war auch alles. Mittlerweile wird es hell und ich fertig. Froh, dass die Arbeit ein Ende hatte, habe ich im Bunker anständig gegessen. Mein Melder Gefr. Ernst, ist wirklich „auf Zack“. Dabei erst knapp 18 Jahre alt. Leider ist der Junge später auch gefallen.

Der Tag verläuft ohne weitere Ereignisse. Nachmittags kommt der Befehl, dass der Kampfzug nach Dussen-Binnen zurückgezogen wird. Die 9. und 10. Kompanie löst uns ab. Nun kommen meine

früheren „Kumpel“ dran. Ja, Glück muss man haben. Meine Leute schicke ich als erste weg. Ich bleibe noch da, bis die Ablösung vollzählig zur Stelle ist. Bis sie aber es war, war es 19:00 Uhr. Draußen ist es rabenschwarz. Die Hand kann man mit besten Willen nicht vor den Augen sehen. Trotz zerschossen und bietet wenig Schutz. G allem, ich muss zum Zug nach Dussen-Binnen zurück. Los. Das Gewehr halte ich vor und taste jeden Schritt ab; in dem ich mit dem Kolben immer aufstoße. Eine mühselige

Die Brücke und die Stege habe ich lange am Ufer suchen

müssen, ehe ich sie fand. Mit dem Kolben immer hübsch am Rand entlang gefahren und rüber komme ich. Jetzt eine Wiese. Ich komme gar nicht mehr runter von ihr; ich glaube, ich laufe im Kreis. Ratlos bleibe ich stehen. Heulen könnte ich aus Verzweiflung und Ratlosigkeit. Zzsch – eine Leuchtkugel! Alles ist für kurze Zeit taghell erleuchtet. Marsch-marsch. Dort das Haus und dahinter die Dorfstraße. Ich bin gerade am Haus, als wieder die Hölle losgeht. Hui-peng-klack-klack. Maschinengewehr. Ich ducke mich. Warum eigentlich? Das Haus ist ja halb zerschossen und bietet wenig Schutz. Das Dach ist weg. Auf die andere Straßenseite! Da ist es meiner Meinung sicherer. Optimisten sagen: In 50 Jahren ist alles vorbei. Nun, hier ist es schon nach fünf Minuten vorbei. Und weiter gehe ich meinen Weg in der stockfinsteren Nacht. So komme ich müde und zerschlagen beim Battalionstab an. Für die 800 m von der Stellung bis hierher habe ich gute zwei Stunden gebraucht. Meine Leute waren noch auf. Wir sind aber bald im Keller des Bauernhauses, unter den wieder beginnenden Artilleriefeuer, in wohlverdienten Schlaf gefallen.

Arbeit. Und dabei noch über drei Bäche

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5. Februar 1945 Um 9:00 Uhr muss ich mich beim 1a, einem Leutnant melden. Er sagt mir, dass ich mich fertig machen sollte, um einen degradierten Feldwebel zurück zu bringen. Gut. Ich mache mich an meine Sachen und bringe sie wieder kulturfähig. Mein Mantel sah besonders schlimm aus. Von oben bis unten mit Dreck beschmiert. (Die Granatwerfer-Muni.) So richtig sauber bekomme ich ihn allerdings nicht. Ich glaube, der Sinn für Reinlichkeit hat bei mir etwas gelitten. Wie kriegt man einen nassen, verschmierten Mantel sauber? Das soll mir mal sagen! Na, mein Melder Ernst bekommt ihn dann aber mit dem letzten Schliff noch einigermaßen hin. Aber es wird Nachmittag und ich bekomme immer noch keinen weiteren Befehl. Wann, wen, wie, wo? Dafür bekomme ich zwei Sanitäts-Oberfeldwebel und einen weiteren Melder in meinen Zug. Was sagte immer der Oberfeldwebel Warnek? Geh nicht zu deinem Fürscht, wenn du nicht gerufen würscht. Also gehe ich auch nicht wieder hin. Auf dem Ofen rösten wir unsere Brotscheiben. Das schmeckt knusprig. Noch dazu, wenn man Butter und Zucker drauf hat. Die Nacht verläuft ruhig. Jedenfalls hören wir keinen Schuss. Unser „Schlafgemach“ ist so ein richtiges Räubernest. Aber fast „Ari-sicher“. Die Decke ist mit starken Stämmen abgestützt. Die Tür gegen Splitterschutz gesichert. Ich bin zufrieden mit unserem Kellerschlafraum. Vormittags spielen wir „Siebzehn und vier“. Ich verliere. Alles mögliche Geld liegt auf dem Tisch umher: Deutsches, Holländisches, Französisches, Belgisches und Italienisches. Spaßig.

Feindliche Ari ballert wieder in der Ortschaft umher. Wenn Granaten in der Nähe einschlagen, setzen wir immer schnell die Stahlhelme auf. Sind die Einschläge weiter weg, setzen wir sie wieder ab. Jedoch im Kartenspiel lassen wir uns nicht stören. Es wird weiter gekloppt. Aber aufpassen muss man, wenn Flugzeuggeräusch zu hören ist. Dann luken wir aus der Tür zum Himmel. Die Bomben der Jagdbomber sind gefährlich. Die reißen ein anständiges Loch in die Erde und legen auch ein Haus zu einem Steinhaufen um. Doch nicht allzu lange lassen wir uns stören und weiter wird gespielt; dazu

Brot geröstet. An und für sich lassen wir uns ja noch nicht einmal stören in den Gedanken, dass in 800

m Entfernung der Feind sitzt. Eine Sicherheit haben wir aber, denn zwischen uns ist noch die Maas.

Will der Feind etwas von uns, so muss er erst darüber. Umgekehrt natürlich dasselbe. Später im Reichswald wird das anders. Da kann man, wenn man Mut und Glück hat, entweder bis nach Paris oder auch nach Berlin laufen. Da muss man mehr aufpassen. Land- und Wassergrenzen! Gegen Abend kommt ein Melder, ich solle sofort zu Hptm. Sauter kommen. Hin. „Sie übernehmen den Kampfzug. Feldwebel Royke als z.b.V. Verwendung.“ Ob ich es mir zutraue? Selbstverständlich. Wie kann ich auch die Ehre abschlagen: Einen Fallschirmjägerschützenzugführer. Als ich wieder schnell zur Unterkunft laufe, freue ich mich. Jetzt werden die anderen, welch mit mir kamen, staunen. Sie werden Augen machen. Sie sind ja nur als Gewehrschützen, höchstens als Gruppenführer eingeteilt. Nun an die Arbeit. Jeden Tag soll in den frühen Morgenstunden und in den späten Abendstunden Dienst gemacht

werden. Dienstplan vorher einreichen. Nicht schlecht die Idee denke ich, die Leute gewöhnen sich dann

an einen und lernen mich besser kennen. Der Diensteifer nimmt mich befangen. Ich stelle sofort Listen

auf, über Personalien, Bestände an Waffen, Munition usw. Mitte in der Aufstellung und Arbeit treten plötzlich sieben Mann ein. Feldmarschmäßig. Sollen sich bei mir melden. Prima. Zuwachs! Schnelle Aufteilung auf die einzelnen Gruppen. Auch papiermäßig. Einer bleibt hier. Habe somit zwei Melder:

Ernst und Wegscheider. Royke führt den Zugtrupp. Hat beide Melder und die beiden Sani- Oberfeldwebel unter sich. Und natürlich auch Fröhlich! Der Name sagt alles. Ein fideler Kerl. Stelle zwei Infanteriegruppen mit starker Bewaffnung, zwei MGs, Mpis und Sturmgewehre auf. Die 3. Gruppe als Panzervernichter. Panzerfaust, Ofenrohr, Granatbecher usw. So, und nun etwas Übung, damit alles klappt, wenn es darauf ankommt.

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Es ist spät geworden. Nur Warnak sitzt noch am Tisch und liest. Die anderen haben sich schon schlafen gelegt. Auch Royke. Er scheint mir verstimmt. Sicher, weil er den Zug abgeben musste. Aber ich kann ja nichts dafür. Draußen duellieren sich Mgs. Rüber und nüber zischt die Leuchtspur. Schon früh bin ich wieder auf. Ich sehe nach, ob alles noch in Ordnung ist. Bei den Gruppen, welche in benachbarten Bauernhäuser untergebracht worden sind, ist es. Sämtliche Waffen und Geräte sind verteilt. Es klappt also. Nun setze ich den Dienstplan für den morgigen Tag fest. Es wird natürlich kein sturer Dienstbetrieb aufgezogen. Nicht so stur wie sonst allgemein. Nein, es wird abwechslungsreich alles aufgesetzt und auch ausgeführt. Zum Teil brauche ich die einzelnen Themen nur kurz zu wiederholen. Es sind ja schon alles alte erfahrende Soldaten mit Fronterfahrung. So kommt es, dass recht viel Unterricht gemacht wird. Dabei im ruhigen Plauderton. Dabei habe ich persönlich besseren Kontakt mit den Leuten. Die Nachrichten bringen wieder, dass Magdeburg so schwer angegriffen worden ist. Das hört und liest man dann täglich. Man macht sich Sorgen. Wenn man Zeit hat, denkt man an zu Hause und ist betrübt über die Ungewissheit.

8. Februar 1945 Früh um 7:00 Uhr ziehen wir zur „Geländeausbildung“ aus. Hinter einen kleinen Kirche drücken wir uns herum. Ich habe vor, einen kleinen Angriff zu fungieren. Aber von den schützenden Häusern kann ich mit dem Zug nicht weg. Ein Ari-Aufklärer ist über uns. Das Wetter ist zwar trübe und diesig, aber wer garantiert dafür, dass uns der Aufklärer nicht sieht? Als gegen 9:00 Uhr die Sonne durchbricht und die Wolkendecke zerreißt, gehe ich zur Unterkunft zurück. Da sehen wir auch den Aufklärer tief über uns. Jetzt muss er uns gesehen haben. Im Dauerlauf fort. Wir sind auch noch keine 20 Meter weg, da geht es schon los. Huiii-huiii-rumps-rumps! Hinter uns schlagen die Geschosse ein. Ich drehe mich im Laufen um: Die Kirche ist hinter uns in Rauch und Pulver eingehüllt. Schneller laufen! Jetzt kommen wir an das schon stark be- und zerschossene Kastell, wo unsere Ari-Beobachtungsstelle war, vorbei. Hier prasseln alle paar Minuten einige Granaten runter. Wir sind auch gerade vorbei, als schon die Koffer ankommen. Den Gruppenführern sage ich, dass die einzelnen Häuser besser ausgebaut werden müssen. Ringsum auch MG-Nester und Schützenlöcher. Ich sage das nur, um die Leute laut Dienstplan zu beschäftigen. Nicht, um aus den Häusern „Festungen“ zu machen. Denn das so etwas Blödsinn ist, wissen wir ja alle. Und so kommen sie auch nicht auf dumme Gedanken. Als ich mich dann abends im Keller schlafen lege, und kaum eingeschlafen bin, kommt die Meldung: Höchste Alarmstufe! Da wir in allen Sachen schlafen, brauche ich nur die Schuhe anzuziehen. Und die Waffen besser bereit legen! Innerlich bin ich sehr aufgeregt. Ich weiß selbst nicht, wie das kommt. Wenn es Schlag auf Schlag geht, dann ist alles noch zu ertragen. Aber das lange Warten zermürbt die Nerven und gibt einem Zeit zum nachdenken. Man bereitet sich zum Sterben vor. Nein, dass will ich nicht. Das hat noch Zeit. Und wenn, dann gleich weg. Nur nicht langsam zu Tode kommen, wie die anderen. Eine kleine Pistole trage ich immer in der Brusttasche bei mir. Die Nacht verläuft ruhig. Nichts passiert. Oder ist es die berühmte Ruhe vor dem Sturm? Früh um 5:00 Uhr beginnt die feindliche Ari wieder die Ortschaft zu beschießen. Doch die Welt ist groß. Warum soll ausgerechnet unser Haus getroffen werden? Und wenn. Dann haben wir eben Pech gehabt. Das Feuer hält den ganzen Tag über an. Einmal hier, einmal dort. Aber immer ohne Pause. So gewöhnt man sich am besten daran. Nachmittags lache ich sogar über so einen Blödsinn. Anders kann ich dieses Katz- und Mausspiel nicht bezeichnen.

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10.

Februar 1945

Im großen Ganzen fühlt sich jeder wohl. Wir haben einen anständigen Dienst. (Ich schreibe ihn mir ja auch selbst vor!) Früh und abends etwas. Und das noch nicht mal ernsthaft. Das essen ist sehr gut. Das muss ich ehrlich gestehen. Und zehn Zigaretten am Tage! Man kann also auskommen. Ich bin zufrieden-bis auf? Ja, bis auf die drei Panzer auf der anderen Seite. Ich hörte mal Sauter davon sprechen, dass die drei Panzer vernichtet werden sollen. Gut gesprochen. Aber? So einfach ist das nicht. Um überhaupt „ran zukommen“, muss man über die Maas, durch die feindliche HKL und dann wer weiß noch durch was. Jedes Mal, wenn ich nun zu Sauter muss, denke ich mit Schrecken daran, dass er mich mal für diese Aktion einteilen würde. Aber bis jetzt ging es ja gut. Der Obergefreite Garff sagt mir abends, dass er mal zum Spieß rüber kommen soll. Der soll auch einige Flaschen Likör haben. Ich schließe mich an. Wird ein ganz gemütlicher Abend. So ein bisschen Alkohol und ein bisschen Musik. Garff spielt nicht schlecht Klavier. Er muss unerhörtes Glück bei Frauen haben. Die Stimmung hebt sich. Und in dieser feucht-fröhlichen Runde, welche für einige Stunden die Granaten und den Dreck vergessen lässt, entstand der Schlager:

Haben sie schon gehört der Papst ist tot? Alle Katholiken sind in großer Not. Aber sie können sich freuen, es gibt bald wieder einen neuen.

Haben sie schon gehört der Krieg ist aus? Alle Soldaten gehen nach Haus. Aber sie können sich freuen, es gibt bald wieder einen neuen.

Haben sie schon gehört wie man drei Panzer knackt? usw. usw.

Als die Stimmung bald übermütig werden sollte, nimmt das feindliche Feuer an Stärke zu. Ob es was zu bedeuten hat? Auf jeden Fall ist es wohl besser, wenn ich wieder zum Zug zurück gehe. In kurzen, schnellen Sprüngen laufe ich, die Feuerpausen ausnutzend, zurück. Eben war man noch in seliger Stimmung und jetzt ist der kleine Rausch schon wieder verflogen. Nun heißt es wieder: Aufpassen. Man braucht nur etwas unaufmerksam zu sein, ein Ari-Abschuss oder das kurze Heulen der Granate zu überhören und schon kann es sein, dass man – Es klappt jedoch bestens.

12. Februar 1945

Wie in Friedenszeiten läuft alles umher. Warum? Gestern haben einige Leute von mir 25 Flaschen Likör gefunden. Die Holländer haben die Angewohnheit, ihre Sachen unter den Fußboden, oder auch in den Gärten zu verstecken. Neulich erst fand man mehrere Kisten Zigarren vergraben. Und nun will ich doch heute auch mal sehen, ob ich auch etwas finde. Mit Garff suche ich alle verdächtig aussehende Stellen ab. Wir finden jedoch nichts. Einmal hatten wir Hoffnung. Es war ein kleiner Erdhaufen, der auf Holzspänen lag. Darunter war ein Hohlraum! Donnerwetter, da ist ja ein prima Loch! Aber wie enttäuscht waren wir, als wir einen Luftschutzkeller vor uns hatten. Da. Abschüsse. Granatwerfer! Ich laufe schnell um das Haus herum und rein. Rumms, rumms, rumms – die Einschläge!

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Genau dort, wo wir standen. Alles ist in Rauch gehüllt. Es stinkt nach Pulver. Mir ist es warm geworden, ich gehe zur Unterkunft zurück. Vom Schatzsuchen habe ich die Nase voll. Am Spätnachmittag muss ich zu Hptm. Sauter. Ein unbehagliches Gefühl beschlich mich. Sollte es losgehen? Kaum, dass man einige Ruhe 800 Meter hinter der Front genossen hat. Na, mal sehen. Einige Offiziere sind versammelt. Auf dem Tisch liegt eine Karte. Der Kampfabschnitt! Also doch. „Ich habe einen ehrbaren Auftrag für sie.“ sagt Sauter und bietet mir Zigaretten an. Ich hänge an seinen Lippen. Was? Was will er? Er erklärt mir den genauen Frontverlauf. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die drei Panzer stehen und schießen! - Es sind Alarmleuchtzeichen an der HKL anzubringen. Ich atme innerlich auf. Also doch nicht auf das jenseitige Ufer. Ein bestimmtes Gefühl sagt mir, dass, wenn ich mal „rüber“ muss, nicht mehr heil zurück komme. Und das ist, was mich so abhält, mit den Kanadiern auf dem anderen Ufer in Verbindung zu treten. Mögen sie zu uns herüberkommen. Ich halte nichts von solchen „Besuchen“. Ich unterhalte mich mit Sauter noch eine Weile. Er gibt mir einige Schachteln Zigaretten für den Kampfzug mit. Kaum bin ich raus, da höre ich es krachen. Staub, Steine, Splitter fliegen umher. Volle Deckung und dann weiter. Ein KWK-Geschoss schlug im Bataillons- Gefechtsstand ein. Jedoch nur durch leere Zimmer. Ich lasse Pfähle bauen, besorge die Alarmzeichen und Draht. Abends gehe ich zur 3. Gruppe und trinke einige Flaschen Wein. Ist ein netter Abend. Mein Geburtstag fängt gut an. Um 5:30 Uhr knallen Granaten auf unser Bauernhaus. Etwas unsanft werde ich geweckt. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Jetzt, da ich schon wach bin, gehe ich hoch in die Stube und ziehe mich an. Plötzlich höre ich wieder das unheimlich herankommende Heulen der Granaten. Hui, hui, hui. Ich schmeiße mich hin. Rumms, rumms, rumms. Wieder Erde, Steine, Dreck, Splitter und Rauch. Die Einschläge liegen genau neben dem Haus. Die Tür fliegt auf. Fensterscheiben zerklirren. Pulvergeruch dringt in die Stube. Nochmal gut gegangen. Ich ziehe mich weiterhin an. Royke, Ernst und Garff kommen hoch, um zu sehen, ob etwas passiert ist. Nichts von Bedeutung. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Kartoffeln werden geschält. Zum Mittag gibt es Kartoffeln, Zwiebeln und Wurst gebraten. Vom Zug als Geschenk acht Flaschen Wein. Nach dem Essen, beim gemütlichen Glase Wein, schreibe ich Briefe und denke an zu Hause. Wie sieht es jetzt dort aus? Was machen die Lieben daheim? Grund zur Sorge ist schon da, denn fast jeden Tag hören wir, dass Magdeburg angegriffen worden ist. Post habe ich schon sehr lange nicht mehr bekommen. Durch die ständigen Verlegungen ist es ja auch kein Wunder. Morgen kommen die Alarmzeichen dran. Ich halte mit den drei Gruppenführern eine Besprechung ab. Treffe die letzten Vorbereitungen und am nächsten Tag in der Frühe ziehen wir los. Im Laufschritt und im Gänsemarsch geht es durch Dussen-Binnen. An der total zerschossenen Kirche vorbei. Dabei muss ich lächeln. Warum? Mir fällt ein, dass man hier wunderbar einen Kriegsfilm drehen könnte. Es ist alles wie geschaffen. Beste Kulisse! (Blödsinn. Ich weiß.) Jetzt von der Straße runter, querfeldein. Über Gräben springen wir. Ari-Feuer! Heulen – Singen – Einschläge. Gut 100 Meter hinter uns. Weiter. So ein Mist, dass wir über eine freie Wiese müssen. Keine Deckungsgelegenheit. Marsch-marsch. Da – Abschüsse – wir bleiben stehen und horchen. Singen – uiiiii – über uns hinweg. Weiter. Kurz vor dem Kanal ein Pfeifen! Runter und volle Deckung. Wieder Einschläge. Knapp 100 Meter entfernt. Schießen die sich etwa ein? Verdammt! Auf einem Laufsteg über den Kanal und ran an den Damm. Unsere Stellung. Wir warten eine Weile. Nichts. Das Schießen hört auf. Ich gebe Befehl zum Anfangen. Pflöcke werden in 25 Meter Entfernung herein geschlagen. Der Wind kommt von drüben. Also günstig. Draht wird gezogen. Da stelle ich fest, dass der Draht zu schwer ist. Zwischenpfähle rein. Alle 10 Meter. Schneller und noch leiser! Nicht allzu laut schlagen! Der Himmel klärt sich auf. Sonne bricht durch. Da, Jabos! Volle Deckung! Dicht über uns fliegen sie hinweg. Ob sie uns gesehen haben? Jetzt ziehen sie eine Schleife und kommen zurück. Wenn sie jetzt schießen!

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Nichts! Eine Ruhe muss man da haben. Eine Spannung entsteht. Die Leute blicken mich an. Als ob ich es ändern könnte! Ich überlege. Die Jabos kreisen jetzt höher. Aber sie sind da. Nein, nichts zu machen. Ich gebe ein Zeichen und wir bauen ab. Ich nehme mir vor, morgen früh im Dunkeln schon anzufangen. Es ist besser. Wir sind über die zerwühlten Wiesen, vorbei am Dorfrand, da hören wir ein Brummer. Flugzeuge. Jabos! Durch die Häuser hatten wir fast nichts gehört. Und nun fliegen zwei Thunderbolts über uns hinweg und beginnen zu schießen. Wohin, weiß ich auch nicht. Auf jeden Fall nicht auf uns. Kaum sind sie weg, da stehen wir auch schon auf und gehen weiter. Unterwegs gingen nochmal einige „Eisenstücke“ runter. Am Spätnachmittag muss ich nochmals zu Sauter. Alle Kompanieführer waren da. Besprechung. Wie weit ich wäre? Zur Hälfte fertig, log ich. Ich konnte unmöglich sagen, dass wir noch nicht einmal ein Viertel geschafft haben. (Müssen wir eben alles Versäumte nachholen und fleißiger sein.) - Gut. Sofort die Arbeit einstellen. Verlegung. Kommen in ein Kampfabschnitt, weiter östlich. Kampfgruppe Fuchs unterstellt. Prima, auch gut. Zum Teufel mit den unnützen Alarmleuchtzeichen! Hauptmann Sauter will noch einen Stoßtrupp zum Abschluss rüber schicken. Er will unbedingt noch Gefangene haben, um sie, wie er selbst sagt, dem Regiment als „Geschenk“ zu überreichen. Erst wollte er mich dazu nehmen, aber dann entschied er sich für die 10. Kompanie. Wie ich später erfuhr, sind der rüber geschickte Feldwebel und drei Mann im Nahkampf gefallen.

14. Februar 1945 Frühmorgens haben wir die Alarmleuchtzeichen wieder reingebracht. Später abgegeben. (Gott sei Dank.) Sachen gepackt. Was man doch für unnützen Gepäck noch hat? Der Rucksack ist noch immer schwer gefüllt. Er ist auch eine fast unerschöpfliche Reserve. Tragen kommt natürlich nicht in Frage. Ich setze mich mit der Küche in Verbindung. Es klappt. Einen Mann lasse ich beim Gepäck zurück. Herrliches Wetter. Einige Jabos brummen herum. Sie sind aber auch immer da, wenn was los ist. Statt um 15:00 Uhr, ziehen wir erst um 16:30 Uhr los. Ein großer Teil hat Fahrräder. Garff und ich gehen zu Fuß. Man hat doch Zeit. Geht alles vom Krieg ab. Und wir kommen noch immer früh genug zu spät. Vorbei an zerschossenen Häusern und ausgebrannten Ställen. Pferde und Kühe liegen verkohlt und aufgedunsen da. Ekelhaft. Als wir in Almkerk ankommen, die Dunkelheit brach in der Zwischenzeit ein, treffen wir einen LKW mit Anhänger von uns. Berghoch liegt die Munition drauf gestapelt. Und ganz oben sitzen noch Landser. Der Wagen ist schwer überladen. Aber was geht das uns an? Auch noch rauf! Sollte der Kram aber mal zufällig hochgehen, na, dann findet man von uns noch nicht mal die Erkennungsmarken. Und schon rappelt der Kasten los. LKW, Anhänger, Sani-Krankenwagen und ein PKW im Schlepp! Wenn das man gut geht?! Die Straßen sind schmal. Auf beiden Seiten reicht das Hochwasser bis an die Straße heran. Schlaglöcher.

Wir wackeln hin und her. Muni kommt ins Rutschen. (Meine Gedanken: Wäre ich doch man lieber zu Fuß gelaufen und wäre die Fahrt doch erst mal zu Ende.) Aber es geht alles gut. Wenigsten vorläufig. Eine große Kurve haben wir hinter uns. Jetzt geht es wieder Richtung Front. Erst sieht man das Aufblitzen, später hört man das Gedonnere der Kanonen. Blödes Gefühl, wenn man immer wieder eine neue Stellung bezieht. Weg ist besser als hin marschieren. Bautz, steckengeblieben. Schweinerei. Los ran. Klarmachen. Alle runter und schieben. Nichts zu machen. Der Kraftfahrer knipst Licht an. „Licht aus!“ Der Schlachtruf des Krieges! Bumm, bumm, bumm – Ruhe! Was war das? Abschüsse! Unwillkürlich geht schon jeder am Straßenrand ran. (Deckung?) Einschläge, 400 Meter hinter uns. Donnerwetter, die schießen aber schnell. Los Wagen klarmachen! Und nochmal gehen wir ran. Beim Anblick der Gefahr leisten wir Übermenschliches. Doch wir schaffen es und bekommen den wagen wieder flott.

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Damit wir nicht noch einmal steckenbleiben, gehen zwei Mann im scharfen Schritt vornweg und leiten den Kraftfahrer sicher um Ari- und Schlaglöcher herum. Keine zwei Minuten sind vergangen, da heulen schon wieder die „Koffer“ herab. Wieder hinter uns. Schnell weg. Im Dauerlauf. Stumpfsinnig traben wir so dahin. Plötzlich vor uns Gestalten. „Halt!“ - Ich springe schnell hinter den Wagen. „Nicht schießen, Deutsche!“ - Ah, Wegweiser. Nach Almkerk rechts ab. Aber Vorsicht. Feindeinsicht. Blödsinn. Nachts und Feindeinsicht! Weiter. Endlich kommen wir todmüde vor dem Bataillons- Gefechtsstand an. Mitternacht ist vorbei. Bei Sauter melden. Zigarette rauchen. Bekomme Unterkunft zugewiesen. Altes Bauernhaus. Breites, großes Dach, mit Moos besetzt. In der Erdgeschoss-Stube sind Soldaten. Sie machen sich fertig zur Ablösung. Sie haben noch gegessen und lassen ihren „Bau“ in einem verlausten, dreckigen Zustand zurück. Schmutziges Geschirr steht überall herum. Morgen werden wir aufräumen. Denn heute sind wir zu müde dazu. Angezogen wie wir sind, schmeißen wir uns auf die Sofas. Vier Stück stehen davon im Zimmer herum. Todmüde und abgekämpft schläft man am besten. Da hört und sieht man nichts. So kommt es, dass ich nur im Halbschlaf mitbekomme, was passiert ist. Etwa eine Stunde lang lagen die Häuser unter dem Feuer der englischen Ari und Granatwerfer. Ich merkte wohl das alles wackelte und der immer noch etwas vorhandene Putz von den Wänden fiel. Aber ich war zu müde und zerschlagen in allen Glieder, dass ich nicht fähig war aufzustehen. Was passiert nicht alles in einer Nacht an der Front. Kaum liege ich wieder in festem Schlaf, als unsere Granatwerfer, welche in dieser Nacht in unsrer Nähe Stellung bezogen hatten, zu schießen beginnen! Vor Schreck falle ich vom Sofa! Das ist ein Geballere! Ganz rot leuchtet unser Zimmer bei jedem Abschuss auf. Gespenstig fallen die Schatten der noch ungewohnten Gegenstände an Wände uns Decke. Als nun auch dieser Feuerzauber vorbei ist und wir uns wieder aufatmend ausstrecken, da geht es schon wieder los. Rrr, rrr, rrr – peng, peng. Klatsch klatsch. MG- und Mpi- Geschosse pfeifen durch die Gegend und klatschen an unser Haus. Jetzt ist die Ruhe tatsächlich vorbei. Auf und ran an die Tür. Geduckt. Mit Infanterie ist nicht zu spaßen. Da heißt es aufpassen. Kohlschwarze Nacht. Nur am Horizont ein heller Schein. Es beginnt zu tagen. Überall zieht weiße und rote Leuchtspur vorbei. Ich schieße nicht, da ich ja nicht weiß, wo Freund oder der Feind ist. Nach einer Weile wird es wieder ruhig. - Vormittags erfahre ich den Grund: Ein 30 Mann starker englische Spähtrupp war über die Maas gekommen und versuchte in die kleine Ortschaft einzudringen. - Im Laufe des Tages (15. Februar 1945), treffen meine restlichen Leute noch ein. Ich weise sie ein. Wir belegen mit dem Kampfzug vier Häuser. In jedes eine Gruppe. Ich überprüfe mich nochmals von der Einsatzbereitschaft aller Waffen. Teile die Gruppe auf ihre Plätze ein. Im Fall eines neuen Angriffs. Gegen Abend muss ich von Sauter aus, zur Ortskommandantur nach Bruchem fahren. Bei dem dortigen Kommandanten soll ich eine Holzfrage für den Stellungsbau klären. Den ganzen Tag über fällt kein Schuss, und so fahre ich in gehobener Stimmung mit einem Fahrrad los. - Ein Oberleutnant der Marine empfängt mich in Holzpantoffeln! Er ließ mich lange warten. Inzwischen schickte er einen Soldaten fort. Als er dann endlich wiederkommt, ich saß wie auf Kohlen, unterhalten sie sich leise. Ein verdacht kommt in mir hoch. Dieses Schwein hat das Bauholz verscheuert! Er erzählt mir etwas von Transportschwierigkeiten und das Holz wäre da und dort, ziemlich weit weg. Auf jeden Fall fahre ich mit einem unsicheren Bescheid wieder weg. - Inzwischen ist es dunkel geworden. Der Nebel, hervorgerufen durch die großen Überschwemmungsgebiete - das Wasser reicht bis zur Straße heran, wird immer dichter. Dadurch komme ich auf einmal vom Weg ab. Oder ist es doch die richtige Straße? Als ich herfuhr sah doch alles ganz anders aus! Ich fahre zurück. In eine andere Straße eingebogen. Aber auch hier bin ich unsicher. Ich biege in einen Weg ein. Plötzlich bin ich, bis an die Pedale, im Wasser. Absteigen. Kaltes Wasser dringt durch Schuhwerk und Strümpfe. Eine unheimliche Ruhe liegt auf der dunklen Wasserfläche. Leise gluckert es irgendwo. Zurück.

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Ich laufe und laufe und komme doch nicht auf die Straße zurück. Schüchtern rufe ich Hallo. Dann Hilfe! Und lauter und lauter Hilfe! - Hilfe! Nichts. Noch nicht einmal ein Echo antwortet. Alles wird vom Nebel verschluckt. Unheimliche Stille. Minuten werden zu Stunden. Ich beginne zu laufen. Gebe es wieder auf. Das Wasser hindert sehr. Das Fahrrad schiebe ich immer vor mir her. Damit ich nicht plötzlich in irgend ein Loch falle. Auf einmal stehe ich bis zu den Knöcheln im Wasser. Fällt das Wasser, oder geht es bergauf? Jetzt bleibe ich stehen und überlege: Solange du im flachen Wasser watest, geht es. Nur so kannst du auf eine Straße kommen. Immer wenn es höher wird, bewege ich mich in eine andere Richtung. Plötzlich höre ich jemand sprechen. Wie ist das möglich? Mir ist es egal, welche Sprache er spricht, der Unbekannte. Aber es ist doch ein Mensch, der helfen könnte! Hallo! - Wer da? - Feldwebel Hennemann! - Komm näher! - Durch ständiges Rufen und unterhalten höre ich die Stimme immer deutlicher und so komme ich fast überraschend wieder auf die Straße. Ein schwerer Druck und ein beklemmendes Gefühl fällt von mir ab. Das sind Soldaten meines Zuges! Welch ein Glück! Fast drei stunden bin ich im dichten Nebel, mit den Füßen oft bis zu den Knien im Wasser, herum geirrt. Nach fast 5 Km Fußmarsch gelangen wir wieder in unsere Unterkunft. Nachdem ich Sauter melde, was los ist, falle ich todmüde auf die Couch. Februar 1945 – Granatwerferfeuer weckt uns am frühen Morgen. Das man doch nicht mal eine Nacht ruhig und lange schlafen kann. - Vormittags räumen wir alles auf. Geschirr gewaschen, ausgekehrt und die Möbel nach unserem Geschmack umgestellt. Sogar eine Tischdecke fand sich ein. Wunderbar die Stube. Direkt freundlich. Nur die Waffen an den Wänden passen nicht hin. - Wo nur Sani-Obfw. Woitalla bleibt? Endlich taucht er, mit allerhand „Sachen“ auf. Eingemachtes Fleisch, Apfelmus und Wurst. Alles in Konserven. Und nun beweist er, was er als Koch kann. Ein Essen, wie zu Haus bei Muttern, zauberte er hin: Salzkartoffeln, Klopse, eine wunderbare Soße. Zum Abschluss Apfelmus. Ich fühle mich ordentlich wohl dabei. Ganz andere Gedanken bekommt man da wieder. Leider ist alles vergänglich. Wieder ein Flugzeuggeräusch. Raus! Mal sehen, was für eine Krähe kommt. Der Mist- Ari-Aufklärer. Ekelhaft, wenn so ein störendes Objekt in der Luft rumkrebst und uns wieder an den Krieg erinnert. Kann er durch den Schornstein gucken? - Da heulen die schon wieder heran, die verderbenbringenden Koffer. Dicht neben unserem Haus schlagen die Ari-Geschosse ein. Wir finden uns im kleinen Keller wieder. Da, noch ein, zwei Salven. Dann ist wieder Ruhe. Die Luft ist wieder rein. Es ist eben alles wieder vergänglich. Abends mit Obfw. Woitalla, Obfw Warneck, Objäg. Garff und dem Läufer Breitschneider wunderbar Rommé gespielt. Am nächsten Tag lasse ich die vorgesehene Rundumverteidigung ausbauen. Für jeden Mann ein Loch. Jedoch mitten in der Arbeit müssen wir aufhören. Hennemann zum Bataillonsführer! Was ist los? Weiter nichts, wir verlegen nur mal wieder. Noch heute! Auf jeden Fall soll ich mich abmarschbereit halten. - Bei Kleve hat der Feind den Rhein erreicht und wir sollen dort hin. Also: Sachen instandsetzen und packen. Nachmittags robben einige Soldaten durch Schlamm und Dreck die Straße entlang. Auf unsere Frage, wir standen rauchend und schmunzelnd an der Tür, wohin sie wollen, antworten sie: Zur Front! Wir lachen und sagen: Aber doch nicht so! Mittags gibt es Hammelbraten, eine große Keule bekomme ich von der 3. Gruppe. Und Salzkartoffeln, Soße und Apfelmus. Abends Kartoffelpuffer. (Wenn man in „Ruhe“ ist, denkt man nur an die Fresserei.) Gegen Mitternacht beginnt plötzlich ein Trommelfeuer, dass bis in die Morgenstunden anhält. Verdammt. Bei längerem feindlichen Feuer ist immer etwas los. Entweder greift der Feind an, oder er macht uns mürbe. Am Maas-Brückenkopf trommelte er auch einmal mehrere Stunden – und plötzlich tauchten Kanadier, als ob sie unverwundbar wären, im eigenem Feuer auf. Wieso? Sie schossen Pappgranaten! Knall ist der gleiche. Splitterwirkung natürlich keine. -

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Daher muss man schon aufpassen, was er schießt. Da prescht auch schon gegen 4:00 Uhr ein Läufer keuchend, sich auf- und niederlegend, heran: Kampfzug fertig machen zum Angriff! - Meine beiden Zugmelder los. Zug fertig machen! - Komisch, nun sollten wir schon längst abgelöst sein, und jetzt kann es passieren, dass der eine oder andere noch eine verplättet bekommt. (Man denkt ja fast immer nur an die Vorteile der Gegenwart, fast nie an Morgen, nie an die Zukunft.) - Ich blättere in einem Buch herum. Wo kommt es nur her? - Goebbels: „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“. Meine Nerven arbeiten wild, ich bin aufgeregt und weiß mich nicht zu beruhigen. Ich lese, rauche. Kampf um Berlin. SA-Sturmabteilungen marschieren. So ein Blödsinn. Dabei weiß jeder genau, wo sie marschieren. Sie sitzen auf U.K.-Stellung in der Heimat und kennen den wirklichen Kampf nur aus Wehrmachtsberichten und Wochenschauen. Und abends am Biertisch – hinten herum einen Braten, mal ein Schnäpschen – es ekelt mich an. Quatsch. Klatsch, das Buch fliegt in die Ecke, gerade als draußen stärkeres Infanteriefeuer einsetzt. Garff fährt hoch: Was ist los? Nichts. Nur es ist so ein Quatsch. Was? Das Buch. - Vor der Tür dämmert es. Der Morgen graut. Das Feuer lässt nach. Vereinzelte Schüsse. Dann vollkommene Ruhe. Für uns kommt noch immer kein weiterer Befehl. Ich lege mich schlafen. - Später erfahre ich, dass der Kanadier den Damm an der Maas durchbrochen hat. Es scheint Hochwasser zu geben. - Aus der Waffenkammer hole ich mir eine Mpi 43, das Sturmgewehr. Eine tadellose Waffe. Warum gibt es von solchen brauchbaren Waffen nur immer so wenig? Warum haben wir zur Mpi 43 so wenig Munition? Wie kommt das? Meine vier Magazine sind voll, dass ist alles. Muss und wird auch genügen. Den ganzen Tag über ist ein Gehämmer überall los. Jeder baut sich aus Einzelteilen ein Fahrrad zusammen. Die 1. Gruppe soll mir auch eins bauen. Andernfalls gehen wir alle zu Fuß. Selbstverständlich bekommst du auch eine Fietze, wir sind sogar schon dabei. Ich schaue mir mein Rädchen an, Toll ist es ja nicht. Aber immerhin, besser schlecht gefahren, als gut gelaufen. Nun geht es nach Deutschland! Wo kommt man nur überall im Kriege hin? Bisher war ich immer im Ausland und habe ehrlich gesagt, die Schmerzen welche der Krieg einem Land zufügt, nie so richtig gesehen. Aber jetzt ist es etwas anderes. Jetzt geht es um Heimatboden. Jede Granate, die irgendwo einschlägt, vernichtet jetzt unser Gut. Wie wird alles nur noch werden? Nachdenken darf man nicht. Man wird pessimistisch. Man kommt in Zweifel. - Aber es geht weiter. Wie lange noch? Wo kommen wir hin, wenn es so weiter geht?

19. Februar 1945

Von der Marine ist nun glücklich eine Kompanie in Stellung gegangen. Man kann die Leute bedauern. Sie sind schlecht ausgebildet und haben mit „Krieg“ noch nie auf Kriegsfuß gestanden. Die Landschaft ist in Nebel getaucht. Schemenhaft heben sich die kahlen Bäume vom wintergrauen, schweren Himmel ab. Alle paar Minuten faucht eine V1 heran. Man kann sie fast immer sehen. Das Rattert wie eine alte Dampfmaschine. Ab und zu setzt sie aus, um gleich wieder mit neuem Geknatter weiter zu fliegen. Heute ist eine runtergegangen. In unseren Linien. Zwei Offiziere sind schwer verwundet. Die Wirkung blieb jedoch hinter unseren Erwartungen zurück. 300 Meter von der Einschlagstelle ist ein Dach abgedeckt. Weiter nichts. Man sagt, es wäre nur die Zündladung, aber ich glaube, es war die ganze V1.

20. Februar 1945

Verlegung! Wir müssen bis nach Utrecht. Dort sollen wir verladen und mit der Bahn weiterfahren. Um 15:00 Uhr fahre ich als letzter los. Mein Fahrrad tritt sich aber schwer. Es quietscht wie ein Schweinchen und die Kette knarrt öfters durch. Ich schwitze trotz der Kälte. Die Holländer lachen. Ich weiß nicht, entweder an oder aus.

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Heute weiß ich es: Aus. Es muss ja aber auch komisch ausgesehen haben: Ein Fallschirmjäger hoch zu Ross. Dabei schwer bepackt, dreckig, schwitzend und fluchend. Am Straßenrand sehe ich ein nettes, gutaussehendes Gasthaus. Runter und rein. Es gibt nur Bier. Ist mir gerade recht. Dann weiter. Ich bin müder und abgekämpfter wie zuvor. Da, ein Auto! Halt! Wo fahren sie hin? Nach Kuhlenburg. Können wir mit? Gerne. Bestens. Wir steigen auf und ziehen die Räder rauf. Weiter. Abends um 18:30 Uhr sind wir in Kuhlenburg. (Wer weiß, wann wir sonst angekommen wären?) Mit Sanitäts-Oberfeldwebel Warnke habe ich ein Privatquartier bekommen. Die Leute sind mürrisch. Sie haben nichts zu essen. Ich gebe ein Kommissbrot ab. Als wir dann durch die dunklen Straßen strolchen, wir wollen noch etwas „erleben“, merken wir, dass sämtliche Kaffees und Kneipen geschlossen sind. Na, ich bin nicht böse drum. Gehen wir also wieder schlafen, müde dazu sind wir ja.

21. Februar 1945 Um 8:00 Uhr aufgestanden. Einen wunderbaren Schlaf gehabt. (Das war die letzte Nacht, welche ich in einem weißen Bett verbracht habe.) Die Sonne scheint recht frühlingswarm. Der Himmel ist blau und unsere Stimmung ist „oben“. Wir Schlendern durch die Straßen, finden ein sauberes Gasthaus und genehmigen einige Biere. Göttlich, diese Ruhe hier. Mittagessen bekommen wir vom Tross an der Gulaschkanone. Sie steht auf einem größeren Hof. Kinder umlagern ihn und bitten um Essen. So gut es ging, kann ich einige „Nachschläge“ verteilen. Mädchen drängen sich dazu. Aber wir geben nur den kleineren Kindern. So, und nun mal los! Lasst die Weiber in Ruh! Abfahrt! - Ziel: Utrecht! Den Zug lasse ich in Abständen losfahren. Ich mache wieder den Schluss. Sie legen alle ein anständiges Tempo vor und es dauert nicht lange, so sind sie mir alle aus den Augen verschwunden. Na, es ist ja auch zu verstehen. Jeder will der Erste sein. Denn von Utrecht schwärmen sie ja alle. Gleich hinter Kuhlenburg geht es über eine große Eisenbahnbrücke. Ich warte ab, bis die Jabos etwas außer Reichweite sind. Dann geht es rüber. Ich muss schieben, da die Brücke schon zum Teil beschädigt ist. Dann auf dem Damm entlang. Überall 2 cm-Flak. Viele Bombentrichter. So geht es durch mehrere Dörfer. Unterwegs hält mich ein Holländer an. Er möchte meine Gummistiefel abkaufen. Nein, leider. Die brauche ich noch. (Schade, später habe ich sie doch nur fort geschmissen.) In der Ferne der geraden Landschaft sehe ich später viele Türme und Kirchen auftauchen. Es ist Utrecht. Langsam versinkt die Sonne. Mit den letzten Strahlen fahre ich in Utrecht ein. Saubere Straßen und schmucke Häuser, sind der erste Eindruck. Breite Straßen. Großer Verkehr. Nach langer Zeit wieder ein Stück Zivilisation. Die Leute bestaunen mich. Oder kommt es mir nur so vor? Jedenfalls, einen vertrauensseligen Eindruck werde ich wohl nicht machen. Ich frage mich zum Soldatenheim durch. Stacheldrahtverhaue und Posten stehen davor. Davor lagert eine tausch- und kaufsüchtige Menge. Die Menschen sehen verwahrlost aus. Sie passen gar nicht in die saubere Stadt. Ich trinke Kaffee und treffe Kameraden. Sammelort ist die Kaserne, in der Nähe des Bahnhofes. Ich fahre hin belege einen Platz zum schlafen. Breite Stroh aus. Putze die Schuhe notdürftig und bürste an meinen Klamotten herum. So. Und nun geht es los zur Stadtbesichtigung. Seltsam wirken die vielen Kanäle. Krachten. Ich denke an Horst. Er schrieb aus Amsterdam vor Jahren davon. Die Stadt ist anscheinend noch nicht bombardiert worden. Ich sehe keine Zerstörung. Es ist schon dunkel, als ich wieder zum Soldatenheim zurückkehre, um dort Abendbrot zu essen. Von Wordragen bis Utrecht habe ich wieder 36 Km zurückgelegt. Ich bin ohne Begleitung und komme mir einsam und verlassen vor. Es ist still um mich her. Nur Geschirrgeklapper. Ob es den anderen Soldaten auch so geht? Ich bin müde. Gehe zur Kaserne zurück.

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22.

Februar 1945

Vormittags wieder durch die Stadt gebummelt. Die meisten Geschäfte sind geschlossen. Es sieht also beim „näher hinsehen“ auch öde und kahl aus. Man spürt den Krieg also auch hier. Meine unternehmungslustige Stimmung ist niedergeschlagen. Nachmittags bin ich im Kino. Der Film: Der große Schatten. Er trägt auch nicht zur Verbesserung meiner Stimmung bei.

23. Februar 1945

2:00 Uhr wecken. Es geht los. Sämtliche Fahrzeuge müssen verladen werden. Bis zum Eintritt des Tages muss alles fahrbereit sein. Am Tage ist es unmöglich, da die feindlichen Jabos sehr genau aufpassen und in Truppenverladungen usw. einen gutes Objekt zum bombardieren haben. Wir schaffen es. Um 7:00 Uhr morgens sind wir fertig. Aus der Abfahrt wird es jedoch nichts. Wir müssen zur Kaserne zurück und warten. Man sagt ja, die längste Zeit des Lebens wartet der Soldat vergebens. Die Stunden kriechen so langsam hin. Man verfällt in einem blöden Zustand. Allerlei Parolen treten auf. Man erzählt, dass wir nach Ungarn kommen. Ich bin phlegmatisch. Mir ist alles egal. Dem Elend ist nicht auszuweichen. Ob es in Deutschland ist, Italien, Sizilien, Tunesien, Frankreich oder Holland ist. Überall hat der Krieg sein Leid geschlagen. Überall Leid, Kummer und Sorge. Was soll einen daher noch aufregen? Die Granaten und Bomben vernichten überall das Leben. Ganz gleich wo es ist und wo man ist. Um 17:00 Uhr geht es dann wirklich los. Wir haben einen geräumigen Wagen. Es ist ein Ofen drin. Mit der Zeit wird es gemütlich warm. Der Zug rollt in die Dunkelheit hinein. Jemand singt in einer Ecke leise ein Lied. Nach und nach fällt einer nach dem andern ein. Bald singt alles. Schwermütig. Leise. Der Ofen strahlt eine gemütlich Wärme aus, er lacht. Die Tüten sind geschlossen, um die kalte Nachtluft nicht im Wagon zu haben. Das Gerummse und im gleichmäßigen Takt Gepoltere des Wagons machen uns schläfrig. Die Schienen rattern. Der Gesang verstimmt. Es wird leise im Wagon. Ab und zu glühen noch vereinzelte Zigaretten auf. Dann schlafen wir. Der Zug rollt weiter, immer weiter, nach Deutschland! Nach der Heimat! 24. Februar 1945 – Wir halten irgendwo. Das Verstummen der Räder auf den Schienen macht uns munter. Ich öffne die Tür ein Spalt und sehe im Morgengrauen einen Bahnhof. Aber was für einen! Schienenstränge ragen in die Luft. Wagons sind zerrissen. Aus den Schienen geschleudert. Bombentrichter neben Bombentrichter. Der Zug rollt langsam weiter. Da, ein Schild: Rheine! Jetzt sieht man einen Ruinenfeld von Häusern. Kein Haus steht mehr. Alles ist dem Erdboden gleich. Rheine ist als Verkehrsknotenpunkt ausradiert. Ein Stück weiter hält der Zug. Rechts und links Wald. Vor uns steht noch ein Zug. Wie ich später erfuhr, vom gleichen Regiment. Wir trampeln etwas herum und laufen uns etwas aus. Gegen Mittag schießt plötzlich die Flak. Wir machen unsere MGs fertig. Da kommen sie auch schon an! Fünf Jabos! Sie kommen im Tiefflug auf unseren Zug. Feuer! Von allen Seiten flitzen die Leuchtspurgeschosse hoch. Alle Waffen schießen. Angefangen vom Karabiner, über die MGs, bis zur 2 cm-Kanone. Einige Bomben rauschen. Fallen. Explosionen! Erdfontänen! Nur Sekunden dauert alles. Unsere Leuchtspur lässt nicht locker. Die Waffen hämmern und knallen. Da. Ein Abschuss! Schlagartig setzt das Feuer aus. Eine feindliche Maschine brennt. Geht tiefer, schlägt auf. Man hört nur noch das Gebrumm der abfliegenden Maschinen. Der Nachmittag verläuft ruhig, trotzdem wir damit rechnen, dass Jabos wiederkommen. Jetzt bleiben wir wohl doch im Westen. Besser gesagt in Deutschland. Es ist ein komisches Gefühl, dass wir bald mit der Waffe in der Hand im eigenen Lande kämpfen. Als es dunkel wird, rollt der Zug weiter. In der Nacht hält der Zug öfters. Rangiert manchmal. Ja, wir wussten es: Hier geht nicht mehr alles am Schnürchen. Die Strecken sind kaputt.

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25. Februar 1945 Am Morgen kommen wir durch Duisburg. Die Stadt brennt noch von dem letzten Angriff vor vier Tagen. Überall Trümmer. Über riesengroße Bombentrichter staune ich. Da die Flak so gut wie ausgeschaltet ist, sind die Flieger sehr tief herunter gekommen. Unser Zug hält auf einem Bahnhof. Es ist kein Weiterkommen, da die Jabos ständig die Rheinbrücke im Auge haben. Man kann nur nachts über die Brücke. Wir haben Zeit und strolchen im Gelände herum. Da ist ein Sportfeld, mitten auf dem Platz ist ein Bombentrichter. Sieht komisch aus. Am Rande sind Luftschutzbunker. Einige Frauen stehen davor. Bleich und abgemagert. Man sieht ihnen die Schrecken der Bombennächte an. Dort hinten liegt ein Gefangenenlager. Russen. Etwas Wald. Sie sägen Holz und scheinen sich nicht viel um den Krieg zu kümmern. Zivilisten laufen mit Panzerfäusten herum. Sie tragen Armbinden. Alte und sehr junge. Das letzte Aufgebot: V3. Zwei, drei Soldaten sind dabei. Wahrscheinlich sind es die Ausbilder. Wir hören sie schießen. Oh, wie tief sind wir gesunken! Ich schreibe einen Brief an die Eltern. Es sollte der letzte sein, den ich als Soldat schrieb. Eine Frau nimmt ihn mit, sie will ihn abschicken. So geht der Nachmittag zur Neige und wir trollen uns zurück zum Bahnhof. Mein Läufer Gefreiter Ernst, hat Urlaub auf Ehrenwort vom Hauptmann bekommen. Seine Eltern sind in der Nähe. Er kommt schwitzend später wieder zurück. Seine Augen leuchten, Zu Hause ist alles wohl auf. Glücklich hält er ein kleines Lebensmittelpäckchen in der Hand. Es dunkelt. 19:00 Uhr. Wir heizen unseren Wagon ein und schließen die Tür. Der Zug rollt an und fährt langsam nach Westen. Keiner singt. Totenstille im Wagen, nur das Geratter der Bahnschienen stört die Stille. Jetzt klingt das Rattern hell, blechern. Wir sind aus der Brücke. Ich öffne die Tür etwas und sehe ihn liegen: Den Rhein. An beiden Ufern sind Bombentrichter. Ich schließe die Tür wieder und lege mich hin. Das gleichtönige, rhythmische Rattern des Zuges schläft mich ein. Wie lange ich schlafe, weiß ich nicht. Plötzlich höre ich einen ohrenbetäubenden Krach, wache auf und schließe die Augen sofort wieder. Langsam komme ich zur Besinnung: Ein Gegenzug ist an uns vorbeigefahren. Wer kann auch noch mit solch starken Eisenbahnverkehr im Frühjahr 1945 rechnen? Ich rauche. Beim Anzünden des Streichholzes sehe ich, dass Gefreiter Ernst neben mir sitzt. Er schläft ruhig. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass er einige Tage für immer schlafen wird. Plötzlich wache ich auf. Was ist los? Nichts. Der Zug hält. Wo sind wir? Wie spät? Tür auf. Draußen strömender Regen. Große Pfützen. Schweinerei! Ich springe raus. Jawohl, entladen! Schnell, es ist zwei Uhr, der Zug muss bis zum hell werden entladen sein. Alles aussteigen! Jeder greift nach seinen Sachen und Waffen. Raus. Wohin? Was weiter? „Kampfzug geht als letzter vom Zug!“ Gut. Alles wieder rein! Gott sei Dank! Es regnet ja unheimlich! Da, in der Ferne blitzt es auf! Und nochmal. Für Sekunden rötet sich der Himmel. Und jetzt hört man es grölen und donnern! Die Front! Wir schätzen auf 15 Km Entfernung. Wir stehen an der Wagentür und schauen zu. Das Feuer dort hinten nimmt zu. Langsam aber stetig steigert es sich. Am Zug erschallen Befehle. Es wird entladen. Vier Kompanien marschieren ab. Truppweise. Es wird ruhiger. Und heller. Die nähere Umgebung können wir schon ausmachen. Was soll mit und werden? Will mal sehen was los ist. Ich gehe am Zug entlang, tatsächlich, wir sind die letzten. Suche den Hauptmann. Denn ewig kann ich ja nicht im Waggon bleiben. Also raus. Ich sage den Leuten erst mal Bescheid, dass wir uns als erstes um Unterkunft umschauen. Jeder soll sich erst mal eine Schlafstelle besorgen. Dort soll jeder erst mal abwarten was wird. Weitere Befehle abwarten. Gruppenweise geht es los. 100 Meter vom Waggon stehen Häuser. Ein Dorf. Marienbaum. Ich gehe von Haus zu Haus und klopfe an. Kein Mensch meldet sich. Dabei regnet es zum verrückt werden und hinten blitzt es immer auf. Wir sind pitschnass. Wir kommen an das letzte Haus. Wenn das geschlossen ist, öffnen wir es mit Gewalt. Klopfen an. Endlich höre ich Tritte.

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Wer ist da? Soldaten. Eine Frau öffnet. „Es regnet so stark. Wir wollen uns etwas unterstellen“, sagen wir. „Ah, Fallschirmjäger! Ihr Kriegsverlängerer! Macht das ihr fortkommt!“, war die Antwort. Sie will die Tür zumachen, aber wir stellen einen Fuß dazwischen. So kommen wir rein, die Frau murmelt vor sich hin und geht in die Küche. Hier ist es warm. Wir sitzen am Ofen und wärmen uns. Schlafen auf den Stühlen sitzend ein. Draußen ist es vollendest Tag. Das Gebrüll in der Ferne ist verstummt. Der Regen hat aufgehört. Ich streiche durch eine Straße und suche den Batallionskommandeur. Ein Panzer und einige Saniwagen fahren vorbei. Zurück. Die meisten Häuser sind unbeschädigt. Sie haben noch Glück gehabt. Aber wie lange noch? Im Gasthaus finde ich den Bataillonsstab. Meldung. Wo sind sie? Fragt er mich. „In einigen Häuser verteilt.“ Gut, besorgen sie sich ein Fahrrad und fahren sie nach vorne. Erkundigung. Ich fackele nicht lange, nehme ein Rad und ein Gruppenführer von mir mit. Los. Wir kommen nicht weit. Etwa drei Kilometer. Wirt halten auf einer Straßenkreuzung. Beschädigte Panzer werden hier repariert. Bin mir noch nicht ganz im Klaren, ob ich links oder rechts abbiegen soll, oder ob ich gerade aus weiter fahre, da rollt ein PKW vorbei. Sauter. Ich rufe, er hält. „Hennemann, fahr sofort zurück, hol deinen Zug und gehe wieder vor. Der Tommy ist durchgebrochen!“ Rauf auf die Karre und wieder zurück. Auf dem Hof des Gasthauses finde ich meine Schäfchen alle wieder. Es gibt gerade Mittagessen. Fertigmachen! Gepäck mit Namen versehen und hier wieder abgeben. Jeder erhält nur Sturmgepäck! Jeder gibt seinen Rucksack ab. (Wir haben sie nie wieder gesehen.) Einige Zigaretten nehme ich mir raus aus meinem Gepäck, den Fotoapparat stecke ich in die Seitentasche meines Rockes. Sturm-Mpi 42 hänge ich um den Hals, ergreife die Munition und los geht es. Ein LKW fährt vor. Klappe runter und rauf. Dicht gedrängt steht einer neben dem anderen. Bei jeder Kurve biegt sich alles zur Seite. Die Seitenwände knarren und knarzen. Die Plane über uns verbietet uns die Aussicht. Also: Runter damit. Sie wird halb zerrissen beim „Aufrollen“. So, nun sieht man wenigstens etwas. Die Riemen der Stahlhelme hängen am Gesicht herunter. Die Zigarette ist fest zwischen den Lippen gepresst. Es geht zur Front! Wir durchfahren eine Ortschaft. Xanten. Total zerstört. Bombentrichter neben Bombentrichter. Nichts Grünes. Alles grau. Dreck. Schutt. Nicht ein Haus ist ganz, so weit wir sehen können. Dann kam nochmals eine Ortschaft. Vor uns liegt ein Berg mit Wald besetzt. Bis dorthin wird es wohl gehen. Aber da blitzt es vor unseren Augen auf! Scharfes Rot mit Schwarz vermischt! Das Motorengeheul des LKWs wird übertönt durch das Aufschlagen der Granaten. Wir stoppen sofort. Bremsen quietschen. Ich kann mir heute noch nicht erklären, wie schnell wir vom LKW runter kamen. Und im Straßengraben lagen! Auf beiden Seiten der Straße liegt mein Zug in voller Deckung. Was kommt jetzt? Was soll ich tun? Das ich handeln muss, ist mir klar. Aber was? Wie? Links von der Straße stehen zwei bis drei Bauernhäuser. Kaum gesehen und schon gebe ich Befehl, dass wir uns dort alle sammeln wollen. Hier können wir ja nicht im Straßengraben liegen bleiben. Wer weiß denn, wann nicht die nächste Salve angerauscht kommt? Schnell laufen wir also zu den Häusern. Am ersten Haus ist ein höherer Offizier: Wo wollen sie hin? Wer sind sie? - Nach Sauter! Hennemann! Kampfzug! - Gut. Sauter ist dort vorn. Melden sie sich dort. - Jawohl. Ich springe über das ungepflügte, jedoch hart gefrorene Feld dem Haus zu, wo Hauptmann Sauter sein soll. Ich mag wohl die Hälfte der Strecke zurück gelegt haben, als ich Sauter sehe. Er steht vor der Tür und macht komische Armbewegungen. Er ruft mir wohl etwas zu, was ich jedoch nicht verstehen kann. Ich laufe noch schneller. Da - ein ohrenbetäubender Krach! Rechts vor mir blitzt es riesengroß auf. Eine gewaltige Feuersäule sehe ich. Schon liege ich lang ausgestreckt auf dem Boden. Ein Pfeifen und Zischen durchschwirrt die Luft. Ich mache mich so klein wie nur irgend möglich. Zischend krachen Splitter und Steinbrocken um mich herum. Immer mehr kommt vom Himmel. Es will und will kein Ende nehmen. Die paar Sekunden werden zu einer Ewigkeit. Endlich hört es auf.

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Ich stehe auf und erreiche schnaufend den Bataillons-Gefechtsstand. Dort erfahre ich, dass gerade eine Brücke gesprengt wurde. Der Feind ist durchgebrochen und befindet sich auf dem Marsch zu uns. Ich erhalte Befehl, dass mein Zug vorzugehen hat, bis ich auf feindlichen Widerstand stoße, oder den Feind sehe. Draußen donnert es auf. Granaten schlagen ringsum ein. Ich passe eine Pause ab, springe vor die Tür und gebe durch Zeichen meinen Gruppenführern nachzukommen. In Schützenreihe kommt eine Gruppe nach der anderen über das Feld. Kurze Instruktionen an diese. Dann geht es los. Weit auseinander gezogen gehen wir über die Felder und Wiesen vor. Es gilt als nächstes, einen Hügel 500 Meter vor uns zu erreichen. Des öfteren müssen wir uns hinlegen. An jedem Feldrand ist ein Wassergraben. Wir waten durch. Wasser dringt durch das Schuhwerk. Doch erreichen wir endlich den Hang. Auf der anderen Seite fällt er schräg ab. Auf der unsrigen ist er steil. Bäume und Buschwerk geben Schutz. Die Männer ruhen sich am Hang aus, ich klettere vorsichtig mit einem Unteroffizier noch oben. Kleine Büsche, wild verwachsen und langes trockenes Gras, geben uns Deckung. Vorsichtig blicken wir in das lang ausgestreckte Tal. Unten stehen sechs bis acht Häuser. Lange und aufmerksam beobachten wir sie. Nichts zu sehen. Halb rechts vorn auf der Höhe, sind wieder Häuser und eine Windmühle. Es scheint ein Dorf zu sein. Bewegt sich was dort, oder ist es nur eine Sinnestäuschung? Ein, zwei Mann sehen beide wir kurze Zeit im Fernrohr. Jetzt wieder nichts. Da – nun wieder. Jemand lugt zwischen den Häusern hervor. Es besteht kein Zweifel mehr, vor uns auf der Höhe liegt der Feind! Rechts ist ein kleines Waldstück. Darin können wir jedoch nichts feststellen. Ein Melder wird zurückgeschickt. Inzwischen geht der Zug in Stellung. Wir graben uns ein. Bald darauf kommt Sauter und überzeugt sich selbst von der Anwesenheit des Feindes. Es geht auf den Abend zu. Die Luft wird wieder ziemlich frisch. Ein Ari-Beobachter (V.B.) geht mit in unsere Stellung. Er leitet das Feuer auf die Mühle. Ich bekomme Befehl, die im Talkessel stehenden Häuser zu besetzen. Wenn der Feind drin ist, soll er rausgeschmissen werden. Ungern gebe ich, unsere soeben am Hang gebaute, Stellung auf. Mir kam sie ziemlich sicher vor. Im Vorfeld krachen inzwischen dauernd Granaten ein. Aber Befehl ist Befehl. Ich suche einen guten Abmarschweg zu den Häusern aus. Ein kleiner Feldweg führt dorthin. Er ist mit einer Hecke auf der einen Seite eingefasst. In Reihe pirschen wir uns an die Häuser heran. Dicht geduckt folgt einer dem anderen. Die Waffen sind entsichert. St, st, st, st – fliegen Geschosse über uns hinweg. Wir beeilen uns sehr. Einige Gruppen bleiben zurück. Sie liegen momentan fest. Ich habe nur das eine Bestreben, möglichst rasch an die Häuser heranzukommen. Das erste haus liegt 20 Meter vor uns. Bis dahin freie Wiese. Im Sprung auf - marsch- marsch! - springen wir darauf zu. St, st, st – pfeifen die Geschosse. Von hinten hören wir das Abschießen der feindlichen Granatwerfer. Doch wir schaffen es. Kaum sind wir im Haus, da heulen die Koffer wieder heran. Ringsum schlägt es ein. Das Haus wird jedoch nicht getroffen. Aber draußen liegt der halbe Zug noch! Es dauert auch nicht lange, da kommt einer nach dem anderen angesprungen. Im Haus stellen wir keinen Feind fest. Wir durchkämmen nun ein Haus um das andere und so gelange ich beim letzten Haus an. Und wieder kracht es. Jedes mal meint man, die Welt müsse untergehen. Ein ohrenbetäubender Knall, Splitter, Dreck. Ich bin gerade oben in der Küche, als Tür und Fensterscheiben zerbersten. Die Küche ist mit Splittern übersät. Alles zerstört. Wir erheben uns langsam aus dem Gewirr von zerrissenem Holz, Glas und Steinen. Ist jemand verwundet. Nein. Gott sei Dank. Wir sind nur eine handvoll Männer, 26 oder 27 Mann ist der Zug stark, die in unmittelbarer Nähe vor dem Feind liegen. Ich gehe vor die Tür, um zu sehen, was die anderen machen. Sie machen sich in den Häusern zu schaffen. Sie verbarrikadieren Türen und Fenster, um einen größeren Schutz gegen die Infanteriewaffen zu haben.

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Über der Scheunentür schlagen dauernd Geschosse ein. Einen Meter über meinem Kopf. Mörtel und Kalk blättern herunter. Weg! Da hält einer gutes Punktfeuer hin. Vom Haus kann man sich nicht weg wagen, wenn man nicht Gefahr laufen will, „eine verplättet“ zu bekommen. Wir hören Stimmen im Keller! Soll doch der Feind hier sein? Vorsichtig steige ich hinunter. Auf halber Treppe öffnet sich unten eine Tür, spärliches Licht fällt heraus, ein alter Bauer steht ängstlich da. Wir treten in das Kellergewölbe. Die ganze Familie hat es sich hier unten bequem gemacht. Auf der erde liegen Betten und Decken herum. Schränke stehen an der Seite. Darauf eine Kerze, ein Kruzifix und ein Spiegel. Dort ist ein Regal, gefüllt mit Eingemachten, Würste, Speck. Der Bauer scheint unsere Gedanken zu erraten, er blickt und feindselig an. Und warum auch nicht? Ich kann ihn fast schon verstehen. Wer trägt denn den Krieg in seine Nähe? Wir! Wer gefährdet durch seine bloße Anwesenheit sein Haus und Hof? Wir selbst! - Aber können wir etwas dafür? Wir wollen deutsches Land verteidigen. Wir wollen sein Haus und Hof beschützen, vor dem Zugriff des Feindes. Ach, wie ist alles so paradox! Warum ist das alles so? Krieg ist Krieg und wo gehobelt wird, fallen auch Späne. Gut, aber Zeit ist nicht da, zum Nachdenken. Wenn ich schon denke, dann nur an meine und die Sicherheit des Zuges. Die mir anvertrauten Leute blicken ja so vertrauensvoll mich an. Sie rechnen ja mit meiner Hilfe und Unterstützung. Bin ich denn nicht Feldwebel? Zugführer? Können sie es verlangen, dass ich mich um sie kümmere? Ich, der ich volle acht Jahre Soldat bin? Ich bin überzeugt, wenn sich jeder Vorgesetzte mehr um seine Leute gekümmert hätte, wäre vieles anders gekommen. Aber so? Und dann der Leichtsinn! Nach meiner Schätzung sind mindestens 60-70 % durch Selbstverschulden und Leichtsinn, hervorgerufen durch Neugier, Angabe und Sucht nach Auszeichnungen usw. gefallen! (Die Prozentzahl ist nicht übertrieben, eher noch unterschätzt.) Draußen geht es wieder los. Die Luft ist voll mit Singen und Heulen, die Erde dröhnt. Die dicken Kellerwände vibrieren. Etwas Mörtel fällt aus einer Ritze. Wir haben Hunger. Seit Mittag nichts mehr gegessen. Ich frage den Bauer nach etwas Essbaren. Er lehnt ab. Wir haben Hunger! Er braucht es für sich. Es ist genug da. Wir sehen es doch selbst! Nichts. Schon will ich auffahren, da höre ich oben Stimmen. Schritte. Die Mpi hoch. Es ist Obergefreiter Wudi. „Es hat mich erwischt.“ - „Wo?“ - „Hier.“ Er zeigt auf sein Gesäß. „Komm runter.“ Er humpelt die schmale Holzstiege herunter. Unten angekommen, verbinden wir ihn. Tief sitzt der Splitter nicht. Ist weiter nicht schlimm. „Laufen kann ich schlecht.“ sagt er. Ich sehe es und schreibe einen Zettel, dass er sich zum T.V.P. Begeben kann. Ja, auch das Sterben kann nur auf Befehl gemacht werden. Ein Verwundeter bedarf immer erst eines Zettels, einer Genehmigung seines nächst höheren Vorgesetzten, ehe er die HKL verlässt und sich zurück begibt zum T.V.P. Da wir jedoch als Kampfgruppe zu schwach sind, kann ich ihm keinen Begleiter mitgeben. Ich würde auch gegen die Befehle verstoßen. „Ich werde es schon allein schaffen.“ Na, dann man los. Pass auf, dass dir unterwegs nichts weiter passiert. (Er ist unterwegs nochmals verwundet worden.) Unser Beobachter meldet uns von oben, dass sich wieder Landser unserem Haus nähern. Und schon springen sie vollgepackt über die Koppel unserem Haus zu. Sie bringen Brot und Wurst. Wir teilen sofort auf. Während des Essens, welches wir hastig verschlingen, meldet der Beobachter, dass auf breiter Front unsere Soldaten vorgehen. Ich gucke zur Tür hinaus und sehe, wie die 9., 10., 11. und 12. Kompanien angreifen. Es geht anfangs ganz gut, aber dann, als sie schon an unseren Häusern vorbei sind, da geht es los.

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Die feindlichen MGs fangen an zu hämmern. Unsere Soldaten legen sich hin. Ich sehe, wie mancher nicht wieder aufsteht. Doch unaufhaltsam geht der Angriff vor. Man hat das Gefühl, als wenn sich ein Ameisenhaufen in Bewegung befände. Schon erreichen die ersten fast die feindliche Höhe, als ein wahres Trommelfeuer der feindlichen Ari und Granatwerfer einsetzt. Aus den Häusern und aus der Mühle ziehen Leuchtspurgeschosse über das Feld in den fast dunklen Abend hinein. Wir unterstützen die Truppe und schießen mit den MGs eine Feuerdeckung. Doch die feindliche Ari trommel auf dem Acker, dass die Erde bebt. Dann müssen wir aufhören zu schießen. Unsere Leute erreichen die Höhe und sind damit in unserer Schusslinie. Von dort hören wir das helle Knallen der Panzerfäuste. Aus der Mühle ist noch immer feindliches Feuer zu sehen. Fünf bis sechs Panzerfäuste sausen dorthin. - Das feindliche MG schweigt. Aus der Mühle schlagen Flammen. Nach und nach verstimmt das Feuer. Die Ari hört auf zu schießen und auf der Höhe tritt ebenfalls Stille ein. Die Mühle brennt lichterloh. Sie hebt sich als fantastisches Bild vom nächtlichen Himmel ab. Ja, fantastisch. Wenn nur nicht so ein blutiger Ernst dabei wäre. Ich stelle Wachen auf, um uns vor eventuellen Überfällen zu schützen. Die Nacht verläuft jedoch ruhig. Nur leichtes Störfeuer der feindlichen Ari liegt im Gelände. Ich schlafe sitzend auf der Kellertreppe. Manchmal weckt mich ein Posten und meldet, dass er Panzergeräusche höre. - Tatsächlich ist von der Höhe das Brummen der Motoren zu hören. Es ist ein absonderlicher Lärm, den diesde Stahlkolosse verursachen. So lange sie jedoch nicht näher kommen, möchte ich keinen Alarm auslösen. Wir haben Glück, der Feind greift in der Nacht nicht an. Wir können ruhig schlafen. Im Morgengrauen, es mag gegen 6:00 Uhr sein, erhalte ich den Befehl, die Häusergruppe zu räumen.

27. Februar 1945 Die Kompanien sind noch in dieser Nacht zurückgegangen. Die Ari trommelt wieder. Sie nehmen das ganze Vorfeld unter Feuer. Wir schleichen uns aus den Häusern und gehen wieder auf die Höhe hinter uns zurück. Dort graben wir uns Löcher und bauen primitive Unterstände. Der Kampfzug ist auf der ganzen Höhe verteilt. Vor uns liegt wieder der Talkessel. Wir können bis zur anderen Höhe sehr gut sehen. (Entfernung ca. 1500-2000m) Ziemlich unten am Hang grabe ich mir mit Oberjäger Garff ein Deckungsloch. Während des Schanzens donnert eine Ari-Salve herein und lässt unser Loch zusammen rutschen. Wir sind halb verschüttet und machen uns lachend frei. Ich stelle meinen Fotoapparat ein und halte das Bild fest. Dann gehen wir beide auf den Mittelhang und hinter einem Baum graben wir uns ein neues Loch. Es ist kaum fertig, da springen wir wieder mit den Kopf zuerst hinein. Diesmal dauert der Feuerüberfall mehrere Minuten. In den Bäumen krepieren die Granaten. Splitter und Äste fliegen umher. Ich halte mit dir Ohren zu und mache den Mund auf, damit mir nicht das Trommelfell platzt. Die wie Stunden dauernden Minuten nehmen aber auch ein Ende. Wir graben hastig weiter. Der Obergefreite Tillmann kommt angehumpelt, der Gruppenführer der 4. Gruppe, er ist verwundet. Ich schicke ihn ebenfalls zurück. Gegen Mittag haben wir etwas Ruhe. A und zu singt ein Ari-Geschoss von uns zum Feind hinüber. Wir sehen deutlich die fliegenden Geschosse als kleine schwarze Punkte über uns hinweg fliegen. Zu essen bekommen wir nichts. Die Kompanie und auch der Tross sind weit zurück. Es wird Nachmittag und wir warten auf ein Wunder. Der Krieg müsste mit einem Schlag zu Ende sein. Wir müssten aufstehen können und aufrecht, ohne Gefahr laufen können. „Panzer!“ Der Ruf schreckt uns aus unserer Ruhe und den Gedanken auf. Oben vom hang rief es einer. Ein mann kommt hastig, durch das Gehölz, zu mir herunter gerutscht. „Panzer greifen an!“- Ich springe hoch und sehe fünf Panzer von der anderen Höhe herunter kommen. Sie fahren in Richtung der Häusergruppe. Die 4. Gruppe macht sich fertig. Sie ist die Panzerabwehrgruppe und besitzt hauptsächlich nur Ofenrohre und Panzerfäuste. Kurze Einweisung, dann laufen sie los.

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Es gilt, vor den Panzern die Häusergruppe zu erreichen. Die übrigen drei Gruppen meines Zuges übernehmen die Feuerdeckung. Die MGs halten auf die andere Höhe und geben ab und zu Feuerstöße. Feindliche Infanterie folgt nicht. Es handelt sich wohl um eine Aufklärung und Erkundung des Feindes mit Panzern. Sie wollen wissen, was vor ihnen liegt. Bei uns muss in einem derartigen Fall ein Spähtrupp losgeschickt werden. Wir müssen Menschen opfern. Drüben können sie es sich leisten, dass sie mit Panzern aufklären. Unsere Panzer sind kaum beim Angriff zu sehen, geschweige, dass sie eine Aufklärung übernehmen. Momentan sind uns auch drei Panzer zugeteilt. Sie sollen uns unterstützen. Aber bisher habe ich noch nichts von ihnen gesehen. - Inzwischen erreicht unsere Gruppe die Häuser. Wir sind gespannt, was nun kommen wird. Aber auch die fünf Panzer bewegen sich schon zwischen den Häusern. Da – ein Krach. Abschuss und Einschlag. Panzerfäuste sausen singend an die Panzer. Wir sind bis auf das Äußerste gespannt. Die MGs der Panzer rattern. Dazwischen explodieren die Panzerfäuste. Ein Panzer nach dem anderen bleibt bewegungsunfähig liegen. Einer brennt. Zwei, drei Panzer drehen ab. Wieder ein Knall und wieder liegt einer fest. Noch zwei Panzer fahren wild zwischen den Häusern herum. Aber nicht lange, und beide liegen auch still. Versuchen zu flüchten, nachdem die Panzerfahrer die Klappen geöffnet hatten und raus gesprungen waren. Trrrr, trrrrr, trrrr, die MGs. Sie bleiben stehen und heben die Hände. Bravo! Das war ein tüchtiges Stück Arbeit, das da unsere Leute geleistet haben. Sie kommen im Dauerlauf auch schon angelaufen. Dazwischen mehrere Gefangene. Voran ein baumlanger Oberleutnant. Über unsere Höhe hinweg, werden die Gefangenen weiter nach hinten geführt. Aber lange wird es wohl nicht dauern, bis der Feind festgestellt haben wird, was aus seinen Panzern geworden ist. - Ein wildes Ari-Feuer fegt nun über unsere Köpfe hinweg. Es kracht und blitzt. Bäume und Splitter fliegen umher. Trommelfeuer. 30 Minuten lang. Ich liege eng zusammen gerollt im Loch. Den Kopf zwischen den Beinen. An ein Herauskommen ist nicht zu denken. Der Feind scheint nur unsere Höhe im Auge zu haben. Eine Stunde. Es nimmt eher zu als ab. Von den Bäumen ist nichts mehr zu sehen. Nur Stummel ragen kahl zum Himmel. Nur einige Zentimeter über mir zischen die Splitter. Zwei Stunden. Es dunkelt. „Herr Gott, lass es Abend werden.“ Aber nein, es hat keinen Zweck. Es geht weiter. Salve auf Salve schlägt ein. Fast ohne Pause. Ich finde mich langsam damit ab und rechne schon nicht mehr mit einem „Lebendig herauskommen“. Ich werde stumpfsinnig und fluche auf alles. Auf alles, was mit dem Krieg zusammenhängt. Ich habe die Schnauze voll. Einmal muss doch ein Volltreffer in unser Loch einschlagen! Mein Loch wird immer kleiner und kleiner. Die Erde rutscht zusammen. Ein Meter vor mir rasen die Granaten herein. Ich werde fast wahnsinnig. Es fehlt nicht viel und ich springe heraus. Aufrecht. Dann bin ich wenigstens sofort tot. Aber nein, dass darfst du nicht tun. Ich bleibe liegen. Es wird noch toller. Zweieinhalb Stunden. Den Mund habe ich voll Dreck. In den Ohren ist ein Dröhnen. Mir schwindelt, es wird mir schlecht. Und da – mit einem Mal hört es auf. Unheimliche Stille. Ich reiße mich zusammen und klettere durch das Wirrwarr nach oben. Die Erde ist warm. Manchmal verbrenne ich mir die Finger, wenn ich einen Splitter anfasse. Vorsichtig gucke ich über den Hang. Nichts zu sehen. Kein Feind greift an. Keine Infanterie und keine Panzer. Die Häusergruppe vor mir ist in einem dunklen Qualm gehüllt. Die abgeschossenen Panzer brennen aus. Die feindliche Höhe ist nicht mehr zu sehen. Schnell wird es vollkommen dunkel. Ich durchstreife den Zugabschnitt. Ich sehe die Leute mit blassen Gesichtern. Dreckig sind die Uniformen. Aber alles lebt. Wie ein Wunder! Der steile Hang hat doch so manchen das Leben gerettet, er lag ja auch fast im toten Winkel. Als ich zu meinem Loch zurückkomme, ist ein Melder da. „Der Kampfzug soll sich in der Dunkelheit absetzen. Auf dem Rückmarsch sollen liegengebliebene Granatwerfer mitgenommen werden.“ Und Munition! Sie liegt rechts von uns, in verlassenen Stellungen.

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Wir bleiben auch nicht eine Minute länger als unbedingt notwendig ist. Jeder trägt mehrere Muni- Kästen. Es bleiben jedoch noch etliche Kästen liegen, wir können unmöglich alles mitnehmen. In Reihe gehen wir zurück. Im Batallionsgefechtstand treffe ich Hauptmann Sauter. Er sagt mir, dass wir uns absetzen werden. Links von uns ist der Feind durchgebrochen. Es besteht Gefahr, dass wir abgeschnitten werden. Die Muni tragen wir noch ein Stück weiter bis zur Straße. Dort steht ein LKW. Wir laden auf und gehen weiter zurück. Endlos ist die schnurgerade Straße. Wenigstens scheint es uns so. Ich bin müde und abgekämpft. Jetzt haben wir 24 Stunden schon nichts mehr gegessen. Wir kommen durch eine Ortschaft, kurz vor Xanten. Unterwegs treffen wir auf einige Granatwerfer (12,5 cm) von uns. Ihr Schießen lässt uns noch länger laufen. Denn wir müssen damit rechnen, dass der Feind darauf wieder antwortet. Aber nichts folgt. In dem Ort brennt lichterloh ein Haus. Wir biegen rechts ein und kommen in den Wald. Der Reichswald. Hohe Bäume wechseln sich mit dichtem Unterholz ab. Wir legen eine Ruhepause ein. Aber nicht lange. Es wird kalt. Weiter geht es. Ich bin der Schließende. (Der Zugführer muss immer beim Vormarsch der erste sein und beim Absetzen der letzte.) Vor uns steht ein Posten. Er weist uns den Weg, den wir noch zu laufen haben. Endlich stoßen wir wieder auf das Gros. Sauter ist auch da. Wir bleiben diese Nacht hier liegen. Jeder sucht sich ein Loch und richtet sich schnell ein. Ein Wagen ist da, mit Verpflegung. Knäckebrot. Butter, Wurst und Zigaretten. Dann schlafen wir. Todmüde fallen mir die Augen zu. Wir sind mal wieder acht Kilometer gelaufen. Die letzten beiden Tage haben mich sehr mitgenommen. An diesen beiden Tagen ist unser Bataillon um 40% zusammengeschrumpft.

28.Februar 1945 Drei Stunden habe ich geschlafen. Plötzlich springe ich heraus. Deutlich höre ich Panzergeräusche. Träume oder wache ich? Gaukeln mir meine Nerven ein Zerrbild vor? Aber nein, es ist die nackte Wahrheit. Ernst, blutiger Ernst. Da schreit auch schon Sauter: Alarm! Panzer! Im Nu ist alles wach. Aus allen Löchern stecken die Köpfe heraus. Wäre kein Krieg, wäre es eine Übung in Friedenszeiten, ich hätte gelacht. „Wie die Kaninchen.“ hätte ich gesagt. Aber so-. Näher kommt das Gerappel der Ketten. Wir hören, wie Bäume geknickt werden von den durch den Wald fahrenden Panzern. Unentschlossen lauschen wir mit vorgestreckten Oberkörpern. Doch dann nimmt das Geräusch ab. Immer leiser wird es, bis es dann ganz aufhört. Die Panzer sind umgekehrt. Aber auch kam schon die Meldung, der Feind ist durchgebrochen. Blitzschnell wird zu den Waffen gegriffen. Befehle erschallen. Die Reste des Bataillons setzen zum Gegenangriff an. Und wieder gehen wir in Gruppen zum Angriff vor. Auf dem Vormarsch sehe ich viele Verwundete. Blutige Verbände um hängende Arme. Frühere Kameraden von mir kommen an. Schwerverwundet. Ich spreche mit ihnen. Viele seien schon gefallen. Mir schaudert, wenn ich an die vielen Namen denke. Es waren doch alles gesunde, große und kräftige Menschen! Und jetzt sind sie gefallen – tot. „Auf dem Felde der Ehre“ heißt es in der Heimat in den Zeitungen. Ist es denn eine Ehre? Der Soldatentod? Lachhaft! Es ist ja Unsinn! Ich blicke um mich. Da geht einer neben dem anderen. Die Lippen fest zusammengepresst. Kämpferische Gesichter? Oder Angst? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube das Letztere. Rechts und links schlagen Granaten ein. Wir ducken uns etwas. Vor uns taucht Infanterie auf. Etwa acht deutsche Soldaten. Sie stehen unschlüssig, als sie uns vorgehen sehen. Hauptmann Sauter springt vor. „Wo wollt ihr hin?“ schreit er. Sie wären aufgerieben, von vorn. Wo ist der Einheitsführer? Gefallen. Sie antworten monoton. Ohne Disziplin. Wo ist der Zugführer? Ist kein Unteroffizier da? Gefallen. Donnerwetter, wer führt denn diese Gruppe? Einer guckt den anderen an. Sie scheinen wohl keinen Führer gewählt zu haben. Sauter gebärdet sich wie wild. Er zittert vor Wut. In diesem Moment ist er mir höchst unsympathisch.

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Jetzt zieht er die Pistole und bedroht sie: „Macht das ihr vorkommt, ihr Feiglinge!“ Die Soldaten machen wohl den Eindruck, als ob sie sich zur Wehr setzen wollen. Schon glaube ich, dass Sauter auf sie schießen wird, als die acht Infanteristen sich gleichgültig mit in unsere Reihen schließen. Sie werden mir zugeteilt. 30 Minuten später habe ich sie aber auch schon nicht mehr gesehen. Mir auch egal. Sauter sprach mit mir später nicht mehr darüber und ich hütete mich davor, ihm ein Wörtchen davon zu sagen. Im Wald stoßen wir auf einen Kreuzweg. Auf beiden Seiten sind riesige Baumstämme gelagert. Hier soll ich Stellung beziehen. Schnell bekommt jede Gruppe einen kleinen Abschnitt zugeteilt. Wir fangen an, uns Deckungen zu schaffen. Ich finde einen Holzstapel mit einem Hohlraum auf ebener Erde. Den werde ich mir ausbauen. Während des Schanzens höre ich ein kurzes schnelles Heulen von heran fliegenden Granaten. Blitzschnell liege ich auf dem Boden lang. Und schon donnert es gewaltig um mich herum. In allernächster Nähe schlagen die „Koffer“ ein. Neben mir liegt ein Mann. Er ist verwundet. Staub und Dreck verziehen sich, nur der scharfe, beißende Pulvergeruch bleibt. Der Verwundete klagt nicht, er wird zurück geschafft. In den Ohren knackt es. Der Druck legt sich. Der noch grüne Waldboden ist aufgerissen. Überall sieht man die Einschläge. Braune, frische Erde ist zu sehen. Die einzelnen Kompanien gehen weiter vor. Wir können sie zählen. Es sind nicht mehr viel. Momentan schätze ich die Bataillonsstärke auf 120 Mann. In Friedenszeiten wären es 600 gewesen. Dabei muss man berücksichtigen, dass unser Bataillon schon das dritte Mal aufgefüllt worden ist. Zwei Mal war es schon fast restlos vernichtet. In 100 Meter von uns entfernt, errichtet Sauter seinen Gefechtsstand. Er nutzt einen Bombenkrater aus. Einige Soldaten von mir müssen mit daran bauen. Ich stehe dabei und passe nach oben auf. Ab und zu fliegt ein feindlicher Aufklärer über uns hinweg. Wir gehen dann in volle Deckung. Des öfteren schlagen die Granaten in unmittelbarer Nähe ein. Einer nach dem anderen wird verwundet, viele bleiben mit weit aufgerissenen Augen liegen. Schrecken und Angst liegen auf den Gesichtern der Toten. Gefangene werden zurückgebracht. Es sind Kanadier. Baumlange Kerle. Da flitzt Sauter heran. Reißt uns aus der Arbeit. „Der Feind ist auf unser Bataillon gestoßen! Die Kompanien gehen zurück!“ Kampfzug fertigmachen zum Gegenstoß. - Um diese Zeit herum, trommelt der Feind mit Ari und und Granatwerfern im Wald herum. Man kann nicht mehr Abschuss und Einschlag unterscheiden. Der Wald mit seinem Echo dröhnt um so toller. Es ist furchtbar. In breiter Front gehen wir vor. Einschläge der Kanonengeschütze sind 100 Meter im Voraus. 50 Meter, 20 Meter – 50 Meter zurück, dann 20 Meter – und dann in unsere Reihen. Wir liegen mehr auf dem Bauch, als wir gehen. Wir robben. Stehen wieder auf. Laufen. Wieder hinlegen. Das Feuer lässt nicht nach. Es wird von Minute zu Minute toller. - (Später lese ich einen Bericht in einer englischen Zeitung darüber. Sie schreibt, dass auf unserem Abschnitt mehr Material eingesetzt wurde, als wie in Nettuno und bei Monte Cassino in Italien!) Vor uns ist dichtes Unterholz. Etwa 30 Meter davor ist ein bereits ausgebauter Graben. Wir springen hinein. Hier fühle ich mich etwas sicherer gegen den Ari-Beschuss. Es sei denn, wir bekommen einen Volltreffer. Aber damit rechnet ja keiner. MGs werden in Stellung gebracht. Wir bleiben hier liegen. Über uns fliegen zwei Ari-Aufklärer. Hoffentlich sehen sie uns nicht. Ich gehe mit Oberjäger Fröhlich als Spähtrupp vor. Er nimmt eine Panzerfaust und ich das Sturmgewehr mit. Tief geduckt schleichen wir uns vor. Öfters bleiben wir stehen und lauschen. Viel ist aber nicht zu hören, denn im Wald rumort es mal näher, mal entfernter. Es mögen wohl mehrere Minuten vergangen sein, als ich plötzlich einen Schatten hinter einem Baum, etwa 80 Meter vor uns, verschwinden sehe. Blitzschnell knie ich mich nieder und nehme den Feldstecher zur Hand. Deutlich sehe ich hinter einem Baum einen Menschen stehen. Seitlich bemerke ich noch einen. Graubraune Uniformen.

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Ich rufe Fröhlich zurück und laufe wie Wahnsinnig, um den Zug zu warnen. Gerade springen wir über eine Waldschneise, als MG anfängt zu hämmern. Wir werfen uns hin. Was war das? Vorsichtig robbe ich etwas zurück und sehe in 800 Meter Entfernung feindliche Panzer mit aufgesessener Infanterie. Das kann ja gut werden! In unserem Schützengraben angekommen, bereite ich alles vor, um einen Angriff abzuschlagen. Die Augen sind starr auf das Dickicht gerichtet. Schon glauben wir zu bemerken, dass Äste knacken und sich Buschwerk bewegt. Aber nichts folgt. Die Nerven sind zum Zerspringen gespannt. Ich schicke einen Melder zurück und fordere eigenes Ari-Feuer an. Während dessen stehen wir gespannt im Graben. Was wird mit den Panzern? Quälende Ungewissheit plagt mich. Ich klettere raus, um nochmal nach zu sehen. Tatsächlich, die Panzer sind noch da. Da – ein kurzes Aufheulen – kurzes Aufblitzen – die erde dröhnt. Staub und Dreck wirbeln auf. Ich rase wie ein Wiesel blitzschnell in den Graben zurück. Dort erfahre ich, dass es die eigene Ari war. Sofort schicke ich wieder einen Melder los, um das Feuer 100 Meter vorverlegen zu lassen. Wieder donnert eine Salve 20 Meter vor der Nasen rein. Dann blitzt es 100 Meter vor uns auf. Aber damit war auch schon unser eigenes Ari-Feuer erschöpft. Unsere Ari gibt immer nur Einzelfeuer ab. Wenn es hoch kommt, werden es höchstens zehn Schuss. Dann ist aber auch 24 Stunden Ruhe hinterher. (Weil keine Muni ausreichend da ist.) - Über uns knallt es so fremdartig! Wir sehen kleine Wölkchen über uns. Schuss auf Schuss folgt. Und dann kommt es wie Regen runter. Schrapnelle! Ich presse mich hart am Grabenrand, um davon nicht getroffen zu werden.Es hört und hört nicht auf. Dann sind rote und blaue Wölkchen da. Was ist das? Ein Zeichen für die Ari? Nein. Wir hören es brummen. Hell. Flugzeuge!- Acht Jabos kreisen über uns! Die Schrapnells hören auf. Nur die bunten Rauchwolken stehen noch über uns. Die Jagdbomber kommen tiefer und tiefer. Ob sie uns sehen? Furchtbare Angst habe ich. Ich habe sie kennengelernt. In Afrika, Sizilien, Italien und Holland. Sie sind der Schrecken der Straße. Und sogar heute hat man sich noch nicht daran gewöhnt. Jetzt schrauben sie sich wieder höher. An ein Schießen denkt keiner von uns. Jeder macht sich so klein, wie nur möglich. Fast kriechen wir in die Erde hinein. Da geht es auch schon los. Im schrägen Winkel stoßen sie auf uns herab. Die Motoren singen immer höher. Ein nervenaufreibender Ton! Und dann knattern sie! Leuchtspur kommt auf uns zu. Ein Jabo nach dem anderen greift an. Ich zähle in Gedanken. 1,2,3,4,5,6,7,8 – Ruhe. Die Geschosse sind dicht über dem Graben hinweggegangen. Erde spritzt auf. Ich blicke nach oben. Sie kreisen wieder höher. Jetzt legen sie sich zur Seite. Sie beobachten. Plötzlich kippt eine Maschine nach der anderen ab und kommt im Sturzflug erneut zu uns herunter. Ich sehe, wie sich oben von der vordersten Maschine ein kleiner Punkt löst. Es zieht viel Rauch hinter sich. Raketenbomben! Verdammt nochmal, ist das das Ende? Ich presse mich an die Erde. An ein Entrinnen ist nicht mehr zu denken. Und da schlägt die immer höher pfeifende Bombe mit Getöse dicht hinter uns ein. Der Luftdruck hebt uns förmlich in die Höhe. Ich meine, ich wäre aus dem Graben geschleudert. Und wieder schlägt es ein, und wieder, wieder. Ich gebe alles auf. Ich zähle nicht mehr. Einmal muss ja eine treffen. Und jedes mal falle ich wieder auf die Erde. Plötzlich Ruhe. Urplötzlich. Ich kann es gar nicht fassen. Langsam komme ich wieder zu mir. Ringsum liegen Bäume, von den Bomben zerrissen. Die hohen, schlanken Stämme sind geknickt wie Streichhölzer. - Ich kann es kaum fassen: Kein einziger Treffer! Ich blicke nach oben. Da kreisen sie friedlich. Als wenn nichts passiert wäre. Es muss bald dunkeln. Im Wald steigt leichter Nebel auf. Zart und dünn hängt er noch im Geäst. Wir sprechen kein Wort. Die Ari schießt auch nicht mehr. Unheimliche Ruhe ist überall. Nur das Singen der Motoren ist zu hören. Fliegen sie denn gar nicht weg? Und wieder setzen sie zum Angriff an. Und nochmals wiederholt sich das Gleiche. Ich bin starr. Bin keines Sinnes mehr mächtig. Die Bomben krepieren nur einige Meter vor mir. - Aber Wunder! - Es geht wieder glimpflich ab. Jetzt feuern sie mit Bordwaffen. Immer wieder stürzen sie.

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(Heute weiß ich nicht mehr, wie oft sie angegriffen haben. Ich habe nicht mehr nach oben geguckt. Habe mich mit meinem Schicksal abgefunden.) Der Nebel ist stärker geworden. Etwas oberhalb des Waldes schließt sich langsam, aber immer dichter die Nebeldecke. Sie breitet einen Schutzmantel über uns. Noch einmal hören wir starkes Fliegergeräusch. Wieder kauern wir uns ängstlich zusammen. Aber nichts kommt. Kein Schuss, keine Bombe. Dann herrscht vollkommene Ruhe. Ungläubig schaue ich nach oben. - Da fliegen Zettel runter. Rot-weiße Zettel. Dicht vor mir liegt einer. Ich hebe ihn auf und lese. Englisch und Deutsch. Er fordert uns zum Überlaufen auf. Der sinnlose Krieg wäre zu Ende. Wir bekämen gute Behandlung, gutes Essen (der Truppenverpflegung gleichgestellt) usw. Unterschrieben von General Eisenhower. Auch die Landser lesen. Dann lachen sie. Nachdenklich falte ich meinen Zettel zusammen und stecke ihn in die Tasche. Doch dann lache auch ich. Blöd so etwas. Es kann ja keiner fort. Der Zettel nützt niemanden etwas. Jeder Soldat hat das recht und die Pflicht, jeden Überläufer zu erschießen. Sprechen darf man auch nicht darüber, es kommt der Tat gleich. Hinter uns knacken Zweige. Ein Trupp Landser kommt an. Vorsichtig schleichen sie sich näher. Ein Hauptmann vorne weg. Ich gebe Zeichen wo wir sind. Dann kommen sie in unseren Graben. Jetzt ist er voll. Mann steht neben Mann. Der Hauptmann fragt nach mir. Er gibt mir die Hand und sagt, dass seine 10. Kompanie, mit 35 Mann, mir unterstellt wäre. Wir sollen in der Nacht einen Angriff starten lassen. Ich schicke sofort einen Gruppenführer los, um feststellen zu lassen, wie weit der Feind entfernt ist. Bei Nacht zieht er sich nämlich immer wieder zurück. So könnten wir Gefahr laufen, unnötig ins Leere zu schlagen. Es ist 19:00 Uhr. Die Ari beginnt wieder mit ihrem Störfeuer. Die Einschläge liegen jedoch weit hinten. Wahrscheinlich vermutet uns keiner so weit vorn. Oder, er ist dicht vor uns. Ich hatte richtig vermutet. - Plötzlich knacken Zweige. Schüsse fallen. Dann wieder Ruhe. Oberjäger Niehoff kommt mit Riesenschritten angesprungen. Mit einem satz ist er im Graben, dicht neben mir. Nach Luft schnappend, meldet er mir stoßweise, dass er im Wald geduckt vorging. Plötzlich fielen Schüsse von der Seite. Daraufhin sei er wie ein Wilder zurück gelaufen. Ich frage, wo es passiert ist. Etwas 150 Meter vor uns! Donnerwetter. Es ist dunkel. Der Widerhall der weit von uns einschlagenen Granaten ist hell. Begleitet von einem mehrfachen Echo. Ich bespreche mich mit dem Kompanieführer der 10. Wir gehen so weit vor, bis wir den Feind haben, dann wollen wir ran. Er nimmt die rechte Seite, ich die linke. Auseinandergezogen gehen wir in Breite vor. Dichtes Unterholz wechselt mit Hochwald ab. Vorsichtig tappen wir uns vor. Kein Zweig knarrt. Die Waffen sind entsichert und schussbereit. Schritt vor Schritt, keine unnötige Hast. Ich gebe durch, dass niemand schießen soll. Erst wenn wir genau wissen wo der Feind ist. Und dann auch erst mit meiner Erlaubnis. Es klappt alles sehr gut. Die Leute halten, soweit ich sehen kann, gute Verbindung. Wir mögen schon so an die 300 Meter zurückgelegt haben, als plötzlich unheimliches Infanterie-Feuer den Wald durchdringt. Rechts von uns knattern die MGs, die MPis und dazwischen die scharfen Gewehrschüsse. Es hört sich an, als ob der Teufel los wäre. Wir halten. Über mir ziehen die Geschosse. Ich knie mich hin. Was tun? Weiter oder umkehren? Die Schießerei nimmt ab, bis sie ganz verstummt. Weiter. Halblinks vor uns glänzt ein heller Streifen auf. Ich schwenke mit dem Zug halblinks ein. Wir stoßen auf einen Waldweg. Doch da – was war das? Eine neue Batterie fängt mit Schießen an. Doch die Abschüsse kommen aus einer ganz anderen Richtung! Huiii, huiii, huiiii – pfeift es heran. Wir liegen lang. Weit und breit keinerlei Deckung. Kein Loch. Vor uns die Straße. Dort sind bestimmt Deckungslöcher. Aber da soll ja der Feind drinstecken. Fieberhaft kratze ich mit den Fingern in die Erde eine Mulde. Die Erde liegt locker, es geht schnell.

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Mit den Füßen stoße ich gleichzeitig nach hinten. Es geht schneller, als ich dachte. Zwar schmerzen mir die Finger, besonders die Fingernägel, aber was hat das zu sagen? Es geht hierbei um das Leben. Salve auf Salve schlägt dicht hinter uns ein. Dann ist es plötzlich wieder still. Man meint, den Atem des Waldes zu hören. Überall knackt es. Äste richten sich auf. Oder fallen runter. Ich robbe vorsichtig vor. Rechts ist ein Loch. Ist dort jemand drin? Ich glaube schon. Aber keiner stört sich daran, es geht weiter. In Reihe robbt der ganze Zug über die Straße. Und wieder Wald. Noch weitere 200-300 Meter, und wieder sehe ich eine Straße. Dicht davor bleiben wir liegen. Jetzt haben wir aber auf jeden Fall die feindlichen Stellungen vor uns. Soll ich nun angreifen oder nicht? Die Verbindung mit der 10.Kompanie ist längst schon abgerissen. Ich zähle schnell die „Häupter meiner Lieben“. Zwei Mann fehlen! Wer es ist, kann ich im Moment nicht feststellen. Wir warten ab. Lockern uns etwas auf. Die Nacht ist ja noch lang. Unternehmen können wir ja immer noch etwas. Die feindliche Ari wird wohl kaum hier her schießen. Auf der Straße höre ich Motoren. Autos fahren vorbei. Da – Panzer! Alles fährt von links nach rechts. Ich besitze keine Karte. Aber ich glaube, rechts von uns liegt die Ortschaft Nachtigall. Mir kommt ins Bewusstsein, dass wir über die feindliche HKL hinaus sein müssen. Wie auch sonst fahren hier Kfz? Einer robbt sich zu mir heran und flüstert, dass wir einen Panzer knacken wollen. Ich rate ab. Denn dann sind wir auf jeden Fall verraten. Wir befinden uns in einem Kessel und kommen dann nicht mehr heraus. Es unterbleibt also. Wir liegen eine gute Stunde. Die große Ruhe tut mir wohl. Schnell konnte ich einschlafen, die Anstrengungen der letzten Tage waren doch enorm. Ein leises Knacken lässt mich sofort aufwachen. Es robbt sich jemand heran. „Was soll jetzt werden? Was weiter?“ Ich entschließe mich für die Umkehr. Wiederum frage ich mich, was es für einen Zweck gehabt hat, dass wir uns soweit vorgewagt haben. Ich peinige mich mit Gewissensbissen. Aber ich tröste mich. Weiß ich doch jetzt, wo die feindliche HKL verläuft. Weiß ich doch, dass auf der Straße nach Nachtigall der feindliche Nachschub rollt. Und schließlich: Das sehr wahrscheinlich die Ortschaft vom Feinde besetzt ist. Dann geht es zurück. Wieder leise. Schritt vor Schritt. Dann robben wir. Die Straße, die feindliche HKL liegt vor uns. Ich robbe vor. Weit hinten gehen Schatten über die Straße entlang. Ich warte, bis sie verschwunden sind. Dann geht es wieder über die Straße. Zwischen zwei Löchern hindurch. Gewehre liegen am Rand der Löcher. Jeder kommt über die Straße. Dem Letzten gebe ich ein Zeichen, dass er das Gewehr mitnehmen soll. Auch ich hebe vorsichtig ein Gewehr auf und weiter geht es. Immer mehr kommen wir in den Wald hinein. Ich merke, dass wir vorhin hier nicht vorbei gekommen sind. Jetzt haben wir eine andere Richtung. Je weiter wir in unser Gebiet kommen, desto größere Unruhe packt mich. Ich glaube, es ist das Bewusstsein, wieder in den alten Schlamassel rein zu kommen. Vor uns Gewehre. Auch sie liegen auf dem Rand der Löcher. Wir sind schon fast ran, als ein „Halt!“ erschallt. Nicht laut. Ich gebe mich zu erkennen und sage die Parole für diese Nacht: Sauter. Im Weitergehen bemerke ich, dass unsere Front in einer ganz falschen Richtung verläuft. Ich mache einen Feldwebel darauf aufmerksam und teile ihm kurz mit, was ich beobachtet habe. Zwischen 23:00 und 24:00 Uhr kommen wir müde und zerschlagen beim Bataillon an. Meine zwei Mann sind schon da. Sie hätten den Anschluss verpasst. Das ist unmöglich, aber ich bin müde und winke ab: Schon gut. Jetzt sind wir wieder in unseren alten Stellung. Ich nehme mir wieder ein Loch unter Baumstämmen in Beschlag. Hauptmann Sauter melde ich die Vorgänge der Nacht und gebe die zwei Gewehre ab. Meine Beobachtungen gibt er an das Regiment weiter. Dann erfahre ich, dass die 10.Kompanie mit 11 Mann zurück gekommen ist. Sie sind von allen Seiten beschossen worden. Man scheint sie in eine Sackgasse gelockt zu haben. 24 Tote. Sehr viel für so ein Unternehmen.

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Gerade will ich es mir im Loch etwas bequemer machen, als ich höre, dass es Essen gibt. Der Küchenwagen ist vorgekommen. Nochmals reiße ich mich zusammen, stehe auf und hole mir Essen. Bisher habe ich keinen Hunger verspürt. Aber jetzt meldet sich doch der Magen zu seinem Recht. Da fällt mir ein, dass ich gestern oder vorgestern das Kochgeschirr zum schnellen Einscharren benutzt hatte. Richtig. Es war noch dreckig mit Erde. Mit den Fingern wische ich es, so gut es geht, aus. Ganz sauber ist es aber wohl doch nicht geworden. Mir ist es gleichgültig. Einen halben Schlag Erbsen gibt es wohl. Aber eine Unmenge Knäckebrot, Wurst und Zigaretten. Für die Gefallenen dürfen wir nämlich mit empfangen. Und auf eine Portion mehr oder weniger kommt es hier nicht so darauf an. Ich packe mich voll und ziehe mich wieder heim, in mein Loch. Dort esse ich gierig einige Löffel, aber im Nu bin ich satt. Ich stelle das Kochgeschirr draußen hin und will mir eine Sulima-Zigarette anstecken, als ich Abschüsse höre. Wie ein leiser Donner dröhnt es. Tschimm, tschimm, tschimm. Ich weiß nicht, was mich bewog, in mein Loch zu kriechen, war es die Innere Stimme? Oder waren es die Nerven? Ich weiß es nicht. Denn kaum war ich drin, als es auch schon krachte. Laut rufe ich noch „Achtung!“ Aber es ging alles zu schnell. Auf die Baumstämme über mir schlägt es ein. Rundum. Für Sekunden ist die Hölle los. - Vorbei. - Raus. - „Ausfall?“ - Ja, einen. Von meinem Zug liegt vier Meter vor mir einer mit mit blutigen, zerrissenem Kopf. War sofort tot. Einer nimmt Ring und Brieftasche ab. Erkennungsmarke wird abgebrochen. Dann schaufeln wir schnell ein Loch. Aus. - Ich melde es Sauter. Er sagt nur: „Warum war er nicht schneller?“ und zuckt mit den Achseln. Ich will noch etwas sagen. „Und?“ Doch ich mache eine Ehrenbezeigung und verschwinde wieder. Im Loch ist es kalt. Ich habe keinen Mantel an. Und doch schlafe ich sofort ein.

1. März 1945 Schon früh bin auf. Die Kälte lässt keinen langen Schlaf zu. Es regnet. Fein, aber unaufhörlich. Das Loch vertiefe ich noch etwas, damit mein Kopf auch unter die erde kommt. Der Granatwerfer- Feuerüberfall hat nur einige Zentimeter aus den Baumstämmen über mir herausgerissen. Ich freue mich über den guten Schutz. Doch dann geht es wieder los. Salve auf Salve schlägt ein. Es nimmt und nimmt kein Ende. Trommelfeuer. Den ganzen Tag lang. Dicht vor uns, hinter uns, auf uns. Immer wieder auf unser Quadrat. Ein Jabo fliegt über uns hinweg. Irgendwo schießt ein MG drauf. Vergeblich. Er fliegt weiter. Zwei Ari-Aufklärer brummen langsam, ihre ruhigen Kreise über uns ziehend, vorbei. Der Regen sickert durch. Schon tropft es regelmäßig auf mich herab. Zur Seite ausweichen nützt nichts. Ich bin bald durchnässt. Im Kochgeschirr hat sich Wasser gesammelt. Ich wasche es aus und stelle es wieder raus. Furchtbar müde bin ich. Versuche zu schlafen. Es wird nichts. Dann trinke ich zwei, drei Schluck aus dem Kochgeschirr. Der Durst quält noch mehr als zuvor. Und Salve auf Salve, Granate auf Granate rast heran. Es ist kaum noch auszuhalten. Immer das gleiche: Abschüsse, Einschläge, Abschüsse, Einschläge. Furchtbar. Es wird Abend. Neben mir, auf ebener erde, bemerke ich einen schmalen Zwischenraum. Eine wunderbare Deckung. Das Feuer hört auf. Ich krieche rüber. Es dunkelt schon. Zentimeterweise schiebe ich meinen Körper hinein. Dabei komme ich auf dem Rücken zu liegen. Dicht, über meinem Gesicht liegen die Baumstämme kreuz und quer. Es ist so eng, dass ich mich nicht zur Seite drehen kann. Schon bereue ich, dass ich mich hierher verzogen habe und mein gutes Loch aufgegeben habe, als es wieder losgeht. Diesmal jedoch nur Störfeuer. Mal hierhin, mal dorthin. Ich bleibe also liegen und schlafe trotz allem ein. -

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2. März 1945 Freitag. Es ist ruhig im Wald. Kein Schuss fällt. Ich friere und stehe schon früh auf. Der Regen hat aufgehört. Er ist vom Waldboden aufgesaugt worden. Meine ganzen Glieder sind steif. Ich reibe sie und springe herum, um warm zu werden. Ich laufe zu Sauter rüber, um zu sehen, ob etwas los ist. Er wollte mich gerade wecken kommen. Wir sollen wieder zurück. Zur ersten Auffangstelle. Die Sonne bricht durch. Ihre Strahlen fallen schräg durch die Bäume zu Boden. Der Nebel steigt. Von den Blättern funkelt es taufrisch. Wir müssen uns beeilen, wenn uns nicht der Ari-Aufklärer sehen soll. Schnell ist alles geweckt und schon können wir los pilgern. Es ist nicht zu früh. In den Ästen zischt es, Zweige fallen herunter. Der Feind schießt mit Sprengmunition. Dann müssen wir uns ducken. Oben ist das Gebrumm des Aufklärers zu hören. Nach 500 Meter gelangen wir dann zu der Stelle, an der wir die erste Nacht verbracht haben. Das Störfeuer nimmt wieder zu. Jeden Augenblick muss man gewärtig sein, davon überrascht zu werden. Ein Leutnant wird mir zugeteilt. Wir machen aus, dass er die ersten beiden Gruppen führt. Ich übernehme die 3. und 4. Aber ich führe den Zug weiter. In einem schon vorbereiteten Loch richte ich es mir so einigermaßen ein. Schnalle ab und behalte nur den Stahlhelm auf. Ich habe dann Zeit für mich und hänge allerlei Gedanken nach. Bin verzweifelt und rechne kaum noch mit einem gesunden Herauskommen von hier. Ich höre Verwundete stöhnen und stöhne mit. Ich leide eine furchtbare seelische Qual durch. Mit Worten kann man es nicht beschreiben. - Wann hört das Morden auf? Warum muss das alles sein? Das ist doch nicht mehr menschlich. Das ist kein Krieg mehr, dass ist Mord! Sinnloser Mord! Ich entschließe mich, sollte ich schwer verwundet werden, eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Warum ist das alles? Hier ein Häuflein Menschen – dort Panzer, Flugzeuge, Artillerie und Massen von Infanterie! Wir kämpfen verzweifelt und drüben machen sie sich einen Sport daraus! Kämpfen wir denn noch aus Ideal? Nein, nur um unser Leben zu halten. Aus Selbsterhaltungstrieb heraus. Ich bin überzeugt, dass sich drüben mehr Panzer befinden, als hier Menschen sind. Das ist doch nicht mehr fair. Wer hat Schuld daran? Die drüben nicht! Denn es ist ja ihr Vorteil, wenn sie in Massen kommen können. Aber es ist ein Verbrechen, dagegen eine handvoll Menschen zu werfen! Und sie sinnlos zu opfern! Unseren Mut in Ehren, auch unsere Leistungen. Aber nein. Es ist ein vergebliches Anstrengen. Jeder weiß es, jeder spürt es, aber keiner wagt es, sich darüber zu äußern. Wir sind nicht mehr Herren unserer selbst, sondern Sklaven anderer. Andere, welche vom Krieg schwärmen und doch nicht dabei sind. Andere, die den Krieg angefangen haben, um die Welt aus den Angeln zu heben, sie zu besitzen. Aber nicht wissen, wo ein Ende gesetzt ist. Ich bin verzweifelt. Dazu die Nervosität, durch das ewige Gespanntsein der Nerven. Auf jedes Geräusch muss man hören, auf jeden Abschuss. Instinktivmäßig das Richtige tun. Oder man geht vor die Hunde. Ein Grab muss ach Vorschrift 60 cm unter der Erde sein. - Mitten in meinen Gedanken hallt ein Ruf: „Kampfzug macht sich fertig zum Angriff!“ Ich bin aufgeregt. Unlustig. Ich habe ein komisches Gefühl in mir. Ich weiß nicht, was es ist. Soll mir beim nächsten Unternehmen etwas passieren? Auf jeden Fall kann ich nicht mehr nachdenken. Mache mich fertig. Sehe das Sturmgewehr nach. 25 Schuss im Magazin und ein Reservemagazin mit der gleichen Anzahl an Munition am Koppel. Dazu den Spaten, Brotbeutel mit Knäckebrot und das Kochgeschirr. In der Fallschirmjägerkombination sind Handtuch, Rasierzeug. Meinen Fotoapparat habe ich zum Tross zurück geschickt, mit der Bitte, ihn nach Magdeburg zu schicken.

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Stunde auf Stunde verrinnt. Wir liegen in Bereitstellung. Aber kein Angriff erfolgt. Mir ist es noch recht. Und wieder wird es Abend. Das Störungsfeuer hört jedoch nicht auf und bleibt auch die Nacht hindurch. Statt des Angriffs kam nur der Befehl, dass wir uns weiter absetzen werden. Diesmal etwas zwei Kilometer. Zu einem Bauernhof am Rande des Waldes. Er heißt „Bärenhof“. Dicht dabei gibt es auch einen „Schinkenhof“. Die Dunkelheit bricht schnell herein und wir ziehen los. Auf einer bestimmten Strecke des Weges sind Tellerminen gegen Panzer gelegt. Wir gehen, weit auseinander gezogen und in Reihe, darüber hinweg. Sollte eine der Minen hochgehen, so soll der Ausfall nicht so schlimm sein. Zwar sind Tellerminen gegen Menschen nicht geeignet, sie sprechen nicht an, aber Vorsicht ist doch besser als Nachsicht. Dennoch kommt es vor, dass so ein Teller auch auf schwächeren Druck anspricht. Wir gehen, als die Gefahrenquelle überquert ist, wieder etwas dichter auf. Es wird stockdunkel. Kaum das die Sterne durch das hohe Baumwerk zu sehen sind. Unterwegs müssen wir uns noch etwas öfters hinlegen. Das Störfeuer kommt in bedrohliche Nähe. Die Bäume werden dünner, unser Weg hellt sich etwas auf. Wir sehen den klaren Sternenhimmel. Hinter uns sind Scheinwerfer starr zum Himmel gerichtet. Sie zeigen die Frontlinie an. Endlich hört der Wald auf. Ein freies, offenes Land liegt vor uns. Und da ist auch ein größerer Hof. Im scharfen Schritt gehen wir darauf zu. Scheinwerfer flammen links und rechts vor uns auf. Sie bestätigen, was ich schon ahnte: Der Feind hat uns umgangen. Er lässt uns liegen. Geht einfach links und rechts an uns vorbei. Es kann also nicht mehr lange dauern und wir sitzen in einem Kessel. Doch ich habe andere Sorgen. Wir betreten das Gehöft. Warmer Kuh- und Pferdegeruch schlägt uns entgegen. Der Küchenwagen ist da. Im Nu sind alle Sorgen verschwunden, wir sind nicht mehr einsam. Überall liegen Soldaten. Schlafend, essend oder rauchend. Trotzdem die Stimmen etwas gedämpft sind, ist doch reges Leben hier. Sauter ist schon da. Ich melde mich zurück. Dann gibt es warmes Essen. Brot, Butter, Wurst und Zigaretten. Mir wird etwas besser. Unter Menschen fühle ich mich nicht so verlassen, wie dort tagelang draußen in einem Loch. Ich will mir ein Plätzchen suchen und prüfe das Mauerwerk des Wohnraumes und des Stalles, als Sauter mir sagt, dass ich mit meinen Leuten rüber zum Schinkenhof muss. Hier wird sonst der Hof überbelegt und drüben ist er leer. So ärgerlich wie ich bin, so kurz vor dem schlafen legen nochmals raus müssen, mache ich mich doch mit meinen Leuten auf den Weg. Immer noch dröhnt es im Wald. Manche Geschosse fliegen über uns hinweg und schlagen weit hinter uns ein. Die 200 Meter haben wir schnell hinter uns. Am Schinkenhof angekommen, ist jedoch keine Menschenseele zu finden. Nach mehrmaligem Klopfen macht uns ein alter Bauer auf. Schnell treten wir ein. Wir lassen uns Licht bringen. Besichtigen kurz das Wohnhaus. Im Wohnraum und Küche herrschen große Unordnung. Auf unsere Frage antwortet der Bauer, dass er und ein russischer Gefangener hier wohnen. Die Bäuerin und die Mägde seien geflüchtet. Trotzdem das Haus sehr stabil gebaut ist, lasse ich mir den Keller zeigen. Eine schmale Holztreppe führt in den muffigen, aber auch warmen Keller hinunter. Hier liegen Kartoffeln unter dem Stroh. Jemand bringt noch ein, zwei Ballen Stroh und wirft sie die Kellertreppe hinunter. Wir breiten es aus und machen es uns so bequem wie möglich. Es dauert auch nicht mehr all zu lange, bis alles in tiefem Schlaf liegt. Draußen tobt das Granatwerfer- und Ari-Feuer weiter. Nur hören wir es gedämpfter.

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3. März 1945 Sonnabend. - Ich bin schon auf und wasche mich in der Küche. Zum ersten mal sehe ich wieder in einen Spiegel. Ich erschrecke: Mein Gesicht ist dreckig-gelb! Haar und Bart wild und zersaust. Auch die Wangen sind eingefallen, die Wangenknochen stehen stark hervor. Da kommt ein Melder angelaufen: Feldwebel Hennemann soll mit allen sofort zum Bärenhof kommen. Der Tommy ist wieder durchgebrochen. Ich brummele mir etwas vor, wo er wohl durchgebrochen wäre, es ist ja nichts mehr da, zum „durchbrechen“. Einige Dauerschläfer muss ich noch wecken. Es dauert nicht lange, wir warten nur noch eine Feuerpause ab, dann springen wir über das Feld. Im Bärenhof ist alles in großer Aufregung. Alles flucht, läuft, packt und hantiert mit Waffen herum. Ich soll eine Rundumverteidigung ausbauen. Wir sollen uns halten und bis zum letzten kämpfen. Bis zur letzten Patrone. (Es darf aber nicht all zu lange dauern, denn an Munition haben wir nicht mehr viel.) Ich erfahre noch mehr. Unser Regiment soll den Abzug der Truppen aus Holland decken. Wir sind im Wehrmachtsbericht erwähnt worden. Parole ist: Aushalten bis zum Ende. Ich weiß es jetzt, wenn du bis jetzt immer heil raus gekommen bist, diesmal gehst du zu Grunde. Der Rhein ist von der SS abgeriegelt. Drüber darf niemand. Oder er wird erschossen. Unser Tross setzt sich noch in dieser Nacht ab und kommt wohlbehalten über den Rhein. Und wir werden geopfert. Geopfert für nichts und wieder nichts! Das heißt: Wir bekommen keine Verpflegung mehr! Keine Munition! Wir sind bereits „abgeschrieben“! Ich teile wieder die Leute in ihre Abschnitte ein. Ringsum das Gehöft in etwa 40-50 Meter Entfernung, gräbt jeder sein Loch. Zum wievielten Male ist es in diesem Krieg schon geschehen? Ich weiß es nicht. Über uns fliegt ein Aufklärer. Er muss uns ja bei diesem herrlichen Wetter sehen! Fieberhaft arbeiten wir. Wir wissen, es dauert nicht mehr lange und die feindliche Ari wird uns beschießen. Ich liege an einer ecke und halte Ausschau nach zwei Seiten. Während der Schanzarbeiten heult es dann auch wieder heran. Auf den Koppeln sind noch einige Pferde und Kühe. In dem nun einsetzenden Trommelfeuer sind sie im Nu zerrissen. Die dicken Bäuche liegen auf der Erde. Ekelhaft. Es wird von Stunde zu Stunde schlimmer und furchtbarer. Die Erde dröhnt! Es ist ein Donner in der Luft! Ich kenne mich selbst nicht mehr. Jabos kommen an. Kreisen und stürzen. Bordwaffen rappeln. Leuchtspur kommt auf uns zu. Ich bin klein, ganz klein. Bin dem Wahnsinn nahe. Ein Volltreffer im Loch neben mir zerfetzt einen meiner Männer. Die Jabos stürzen wieder. Bomben! Raketenbomben mit ihren Rauchfahnen schlagen zwischen unseren Löchern ein. Das Gehöft brennt, es ist in Rauch gehüllt. Dreck und Splitter fliegen herum. Es pfeift schaurig. Links und rechts gehen Markierungszeichen für die feindliche Ari herunter. Blauer Rauch. Brennt lange auf der Erde. Und wieder rummst es. Später, am Abend, ist mir nicht klar, wieso ich immer noch lebe. Überall liegen Tote herum. Verwundete klagen. Einer wird wahnsinnig und springt aus seinem Loch. Schreit wie ein Wilder! Aber es dauert nicht lange. Aus. - Die MGs schießen. Am Waldrand ist feindliche Infanterie aufgetaucht. Unsere Waffen schießen! Der Feind zieht sich zurück. - Es ist Mittag. Trotz der Sonne friere ich. Es ist eiskalt im Loch. Wie in einem Grab, denke ich. Der Nachmittag geht vorüber. Das Schießen hört und hört nicht auf. Ich bin kaputt. Ich feuere nicht mehr. Bin müde und abgestumpft. Die Bauernhäuser stehen alle in Flammen. Überall brennt es. Der Abend kommt. Wir wollen uns absetzen. Ich zögere, soll ich das alles nochmal mitmachen? Alles nochmal erleben? Nein.

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Es ist dunkel. Die Reste des Bataillons sind bis auf ca. 40 Mann zusammengeschrumpft. Einer nach dem anderen verlässt den Hof. Still ziehen sie los. Wie Diebe schleichen sie sich fort. Ich gehe in die Scheune. Plötzlich steht jemand vor mir. Im Nu habe ich die Pistole gezogen. Es ist Oberjäger Fröhlich. Auch er hält eine Pistole in der Hand. Was er hier will. Könnte er genauso fragen. Vorsichtig tasten wir uns ab.

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Im Reichswald

Kurt Hennemann, Mai 1945

Granaten hämmern nun schon seit Tagen ohne Pause auf der Erde herum Im Graben sitzt ein Soldat, ohne zu klagen er murrt nicht; fragt auch nicht: Warum?

Er tut seine Pflicht, so wie man es von ihm verlangt aushalten heißt es und kämpfen bis zum Letzten Es geht um des Vaterlands Ehre und Rang um Freiheit und für des Volkes Besten

Dieses und anderes ward ihm gesagt von seinen Offizieren und Generalen und als guter Soldat hat er auch nie mehr gefragt er kennt ja nur Pflichten aber hat keine Rechten

Stumm sitzt er nun in sich eingesunken mit der Schulter an die feuchte Erde gelehnt man meint in ihm wäre kein Lebensfunken still und ruhig er sich nach der Heimat sehnt

Er denkt zurück an schöne Zeiten als er bei seinen Eltern geborgen noch war und als er dann später in die Weiten der Welt die elterliche Liebe vermissen tat

Die Sonne sinkt hinter Wälder und Wiesen die Natur beginnt den Tag zu enden wenn die Menschheit doch auch vom Kampf abließen und sich in Frieden einander wiederfänden

Noch dringen vereinzelte Sonnenstrahlen durch Baum,- und Buschwerk schräg darnieder huschen über das mit Verzweiflungsqualen verzerrte Gesicht des Soldaten wider

Jedoch mit des Tages Ende der Kampf kein Ende nimmt der Tod hält mit seiner Sense Ernte, von der er genügend find

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Und wieder heulen mit neuer Wucht Granaten auf die Stellung nieder mancher wandte sich zur Flucht manch einer schloss die Augenlider

Wie schrecklich klingt die Symphonie wie furchtbar das fauchende Gezisch du wirst sterben jetzt oder nie was ist der Mensch doch für ein kleiner Wicht

Immer drohender wird das Getöse der hunderten Kanonen Oh, dass mich doch einer erlöse und wäre es der Weg nach oben

Seine Finger krallen sich in die Erde ein sein Wille zu leben seine Brust umschloss warum forderst du Tod das Leben mein? und doch meint er - erlöse mich nur so ein Geschoss

Vorüber geht der Feuerüberfall diesmal galt es ihm noch nicht die Ohren schmerzen von dem Knall auf seinem Körper lag die Erde dicht

Er macht sich frei von der eingerutschten Erde reckt die steifen Glieder wenn doch das alles nur erste mal zu Ende wäre und er könnte nach Hause wieder

Ach Mutter dein letzter Sohn ist nicht mehr an klaren Sinnen soll ich leben oder sterben schon was soll ich nur beginnen?

Erdfontänen spritzen auf stehen kurz eh´ sie zusammenfallen Splitter zischen drauf heiß und scharf wie mit Krallen

Das Holz der Bäume wird zerrissen Zweig und Ast liegt wild herum die Welt ist wie von Furien gebissen kümmert sich kein höherer Richter d´rum?

Ein Zweiglein fällt mit seinem Blatt in den Schoß des kauernden Soldaten als hätte er das Blühen satt wer kann Gedanken der Natur erraten?

Es ist zum Welken nun verdammt kaum das es richtig gesprossen Sinn des Lebens ist ihm unbekannt Natur hat noch nie genossen

Jedoch das junge Menschenleben klammert sich um so fester er will nicht sterben hat er doch eben erfasst, dass er der Mutter Letzter

Er hat keine Furcht vor´m Sterben lieber ist´s ihm es wäre schon so weit Wer will jedoch der Mutter Trübsal erben und deshalb macht sich in ihm der Wille zum leben breit