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Der Ethnologe im dunklen Reich der Technik

Autor: Martin Henking, München, den 17.Juli 2003 am Todestag von John Coltrane

I

Wo bin ich? Wer brachte mich in dieses feindliche Land umgeben von übermächtigen und menschenfeindlichen Maschinen? Haben es die Maschinen auf mich, mein bedrohtes individuelles Gehirn, abgesehen, um mich als letzten Menschen in ihr Kollektiv zu assimilieren? Bin ich gar der letzte Überlebende des Angriffs auf die Menschheit? Ich, der verfolgte Sohn des verehrten Herodot? Der Feind ist überall: die menschlichen Gehirne dienen längst den übermächtigen Maschinen. Werde ich ins innere Exil gehen müssen? Einst brachten mich ihre Schergen in diese feindliche Umgebung, denn sie wollten mich studieren. Jetzt bin ich eine Gefahr für sie. Meine eigene Individualität bedroht ihr unilaterales Kollektiv wie ein ethnologischer Virus. Würde ich mich retten können zu den reinen Yanomami, ehe sie mich zerstören? Oder würde mit dem letzten lebenden Ethnologen und seinem geliebten Volk, den Yanomami, jede Hoffnung für die Menschheit sterben? Ihre monolinguale Oberfläche bedroht die menschliche Tiefe und opfert damit die multikulturelle Welt der Kulturwissenschaft dem technischen Fortschritt. Die sozio-kulturelle Realität erscheint längst wie eine surreale Reminiszenz einer längst vergangenen, glorreichen und glückseligen Zeit, als die Menschheit noch nicht am Altar von Roddenberry betete. Einst ermordeten sie in der Dunkelheit der Nacht meinen geliebten Freund James Clifford, als er sich weigerte seine postmodernen Kameraden zu verraten. Nun bin ich der einzige und letzte freie Ethnologe in dieser zerstörten Welt.

II

Wenn ich einst stürbe als Märtyrer so zöge meine Seele glorreich und ehrenhaft ein in das Reich der toten Helden und Denker: in das geliebte Avalon. Dort und nur dort fände mein unsteter Geist die ewige ruh. So läge ich gebettet neben den Gebeinen der gefallenen Helden des sozio-kulturellen Rittertums. Doch noch ist meine Zeit nicht gekommen. Eine große Mission harret meiner, auch wenn dies mein letzter Kampf sein sollte. Ich werde nicht weglaufen vor der Gefahr. Solange die Menschheit meiner geistigen Stärke bedarf, werde ich kämpfen bis in den Tod. Sollte ich einst sterben, so sterbe ich als freier, aufrechter und ethnologischer Mensch. Herodot ist mein Zeuge. Das sozio- kulturelle Überleben des menschlichen Geistes ist mein Ziel, die Hoffnung der Menschheit und meine Zuflucht. Im Angesicht der stereotypen Maschinen werde ich Widerstand leisten und die Fahne des Denkens hochhalten. Die Macht mag gegen mich sein, doch der Geist der Menschheit kämpft Seite an Seite mit mir und wird mit mir fallen. Wenn ich dem Feind unterliege, so wird auf ewig das unendliche Nichts regieren. Das ewige Vergessen würde die Welt ereilen und 5000 Jahre Geschichte des menschlichen Geistes wären ausgelöscht und unwiederbringlich verloren. Deswegen darf ich nicht unterliegen.

III

Die Konstruktion sozialer Realität geht weiter, doch beruht sie nicht mehr auf dem Zusammenwirken der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft, sondern basiert auf einem krankhaft maschinellen Prozess. Längst bin ich für sie kein Mensch mehr. Inzwischen sprechen sie von mir nur als einem Virus. Diesen Virus nennen sie Individualität und er bedroht das System in seiner Gesamtheit, da er es als Ganzes in Frage stellt. Ihr unilaterales Gesellschaftsmodell droht mich intellektuell und physisch zu vernichten. Die sozio-kulturelle Realität steht und fällt mit mir. John Coltrane, Ravi Shankar und Clifford Geertz widme ich diesen letzten titanenhaften Kampf.

IV

Die Maschinen waren übermächtig. Ich tat alles, um sie aufzuhalten, doch ohne Erfolg. Mein Glück war dahin und ich stand kurz davor von ihnen umgebracht oder assimiliert zu werden. Doch soweit sollte es nicht kommen. Bevor ich ihnen unterlag, reiste ich noch ein letztes Mal zu den Yanomami in den brasilianischen Urwald. Sie waren in großer Gefahr, denn ihr Wald wurde von den Maschinen nach und nach abgeholzt oder verbrannt. Damit wäre dann ihre Lebensgrundlage ausgelöscht und ihre Kultur stünde vor dem Untergang. Zusammen mit den Yanomami entwickelte ich einen Plan: wir wollten ein Raumschiff stehlen und zusammen die Erde verlassen, um auf einem weit entfernten Planeten ein neues Leben zu beginnen. Der Plan gelang und wir stahlen das Raumschiff. Es war nicht einfach ihren Schiffen zu entkommen, doch es gelang uns mittels einer gestohlenen Schildtechnologie, die von den Maschinen noch getestet wurde. So reisten wir denn jahrlang durch den Weltraum. Das Leben an Bord des Raumschiffs Solaris war nicht leicht und wir mussten immer auf der Hut sein vor ihren Raumschiffen, die uns jagten. Fernab von der Heimat, ohne Orientierung. Die Yanomami vermissten ihre Ahnen und ihren Regenwald und mir fehlte meine geliebte ethnologische Umgebung. Niemand von uns wusste mit der neuen Situation umzugeben, wobei es mir noch am leichtesten fiel, da ich schon viel von der Welt gesehen hatte und mich leichter anpassen konnte. Doch die Yanomami hatten ihren Regenwald bis dahin noch nie verlassen und es hatte hitzige Debatten gegeben vor unserer Flucht. Das ausschlaggebende Argument war, dass ihre Kultur nicht nur aus materiellen Gegenständen und zeremoniellen Kultstätten bestand, sondern auch die orale Tradition sehr wichtig war. Bei den Yanomami wurde alles von den Alten an die Jungen weitergegeben. So lebte die Kultur in ihren Köpfen weiter. Wenn die Yanomami also bis zum Ende gekämpft hätten, so hätte nach ihrer vollständigen Vernichtung niemand ihr Wissen weitergeben können und ihre Kultur wäre aus der Geschichte verschwunden. So brachen wir also auf, um für uns alle eine neue Heimat zu suchen, damit das ethnologische Wissen und die Kultur der Yanomami nicht verloren gingen. Jahrelang reisten wir durch die Sternenwelt. Ständig auf der Flucht, immer neuen Gefahren ausgesetzt. Mit der Zeit wurden wir zu einer Art Familie und schufen unsere eigene Kultur. Fernab jeder bekannten Welt entstand eine neue Kultur der Weltraumreisenden. Eine ewige Reise. Der Weg schien das Ziel zu sein. Die Jahre vergingen. Der Weltraum war zu unserer Heimat geworden. Wir zogen an vielen Planeten vorbei, doch wir fanden keinen unbewohnten Planeten, um uns dort niederzulassen. Mit der Zeit lebten wir nicht mehr nach unseren alten Traditionen, sondern wir fanden neue Formen der sozialen Interaktion. In langen Nächten sprachen wir über die untergegangene Kultur der Yanomami und liessen sie vor unseren Augen noch einmal aufleben. Fünftausend Jahre Geschichte des menschlichen Geistes lebten in unserem Gedächtnis weiter und ich teilte sie mit den Yanomami. Soviel wie möglich hielt ich schriftlich fest. Auf unseren Reisen durch die Sternenwelt begegneten wir vielen anderen Spezies, zum Teil friedlichen, aber auch feindlichen Aliens und je weiter wir uns von der Erde entfernten, desto geringer wurde unsere Hoffnung jemals zurückzukehren. Es war uns klar, dass unsere Welt untergegangen war. Unsere Heimat war nun die Solaris. 20 Jahre lang reisten wir durch die Galaxie, bis wir schließlich einen unbewohnten Planeten fanden und uns dort niederliessen. Die Reise war endlich zu Ende und die Solaris konnte landen. Eine Neue Welt stand uns offen und vor allem war es eine friedliche Welt. In den 20 Jahren, die wir unterwegs waren, hatten wir mehrere Planeten entdeckt, die für Menschen bewohnbar waren, doch die Bewohner griffen uns immer wieder an und verjagten uns. So waren wir gezwungen weiterzuziehen. Unsere neue Heimatwelt nannten wir El Dorado oder auch das gelobte Land. Von nun an lebten wir dort friedlich und vergnügt.