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Raus aus dem akademischen Elfenbeinturm und hinaus in die Welt

Von Martin Henking, München

In seiner letzten Rede (abgedruckt in „Le Monde diplomatique Nr. 6677“ am 15.2.2002)
rief Pierre Bourdieu die Wissenschaft dazu auf scholarship und commitment zu verbinden.
Mit anderen Worten: die Wissenschaftler sollten endlich den Elfenbeinturm verlassen und
sich politisch engagieren. Dies möchte ich am Beispiel der Ethnologie erläutern. Ich selbst
habe einen Magister Artium in Ethnologie. Wie oft hörte ich während meines Studiums, dass
es die Aufgabe der Ethnologie als wissenschaftlicher Disziplin sei, sich auf die Forschung zu
beschränken. Es gab hitzige Debatten unter den Professoren, als einer von ihnen sich dazu
entschloss politisch aktiv zu werden. Dies sei nicht Aufgabe der Ethnologie und erst recht
nicht der Staatsbeamten.
Doch mit Pierre Bourdieu möchte ich fragen, ob es nicht im Gegenteil in unserer
globalisierten Welt Aufgabe der Ethnologen ist für die Verlierer der Globalisierung, für die
Opfer von Krieg, Verfolgung und ethnischer Säuberung und Menschenrechtsverletzungen
jeder Art Position zu beziehen und für sie politisch zu kämpfen? Sollte nicht eher die
Ethnologie endlich den Elfenbeinturm verlassen und teilnehmen an der öffentlichen
Meinungsbildung und am politischen Prozess? Ist es nicht unsere Pflicht als Ethnologen uns
zu engagieren und unser Fachwissen einzubringen in die öffentliche Diskussion?
Ich selbst engagiere mich seit Jahren bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).
Die GfbV ist eine Menschenrechtsorganisation, die sich für politisch, kulturell und religiös
verfolgte Minderheiten und Ethnien einsetzt. Sie ist weder konfessionell noch parteilich
gebunden (http://www.gfbv.de). Meine Mitstudenten waren bei Amnesty International oder
dem BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) aktiv, um nur einige Beispiele
zu nennen.
Die Menschenrechtsarbeit oder jedes andere Engagement sehe ich als Fortsetzung oder
Anwendung der Ethnologie und sinnvolle Ergänzung des Studiums. Somit lassen sich
commitment und scholarship ideal verbinden. Die Trennung von Forschung und politischem
Engagement erschien mir schon immer gerade bei einem Fach wie der Ethnologie als
künstlich. Von daher rufe ich die ethnologischen Bewohner des akademischen Elfenbeinturms
dazu auf diesen zu verlassen und hinaus in die Welt zu gehen. Werdet aktiv und ergreift das
Wort in der politischen Diskussion! Bei einem stärkeren politischen Engagement der
Ethnologie ließe sich auch das verzerrte Image des Fachs korrigieren und überwinden.