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Markus J.

Sauerwald
Wege aus dem täglichen Chaos
Neue Arbeitstechniken: Mind Mapping für Anwälte

Der Umgang mit komplexen Zusammenhängen – eigentlich eine Domäne der Juristen – will heute
neu gelernt werden. Der Anwalt muss sich neuen Anforderungen stellen: Komplexe Vorgänge
beherrschen und dabei auch kreatives Potential entwickeln! Mit der Technik des Mind Mappings lässt
sich diese Herausforderung durchaus bewältigen.

Die Arbeitswelt des Anwalts wird komplexer und vernetzter. Faktoren wie
Mandantenbindung, Kanzleiprofil und strategische Ausrichtung sind zu neuen
beherrschenden Faktoren bei der Mandatsbetreuung geworden. Zudem sind
Informationsquellen vielfältiger und der Wettbewerb um anwaltliche Dienstleistungen
schärfer geworden. Weil alles mit allem zusammenhängt, ist es inzwischen fast
unmöglich, sämtliche Folgen einer Entscheidung abzuschätzen. Doch wie gelingt es
schnell und zuverlässig einen Überblick zu finden?

Mind Mapping als Schlüsseltechnik?


Das sogenannte Mind Mapping ermöglicht seinem Anwender, den täglichen
Konfusionen mit seinen vielschichtigen Aufgaben zu begegnen, indem es Strukturen
verdeutlicht und Zusammenhänge „auf einen Blick“ erkennen lässt. Die Technik ist
nahezu intuitiv zu erlernen und ermöglicht,
− kreative Potentiale zu nutzen,
− komplexe Strukturen abzubilden, damit diese durchdacht und zu fundierten
Entscheidungen geführt werden können oder
− komplizierte Aufgabenstellungen zu beherrschen.

Ein Thema oder ein Problem wird im wörtlichen Sinne abgebildet. Durch das Mind
Mapping wird das bildlich-räumliche Denken aktiviert, die Voraussetzung für eine
strukturierte Sichtweise.

Wie funktioniert Mind Mapping?


Ein erstes Beispiel soll dies veranschaulichen: Viele „Gedächtniskarten“ sind dem
Anwalt – ohne dass sie bislang von ihm so bezeichnet wurden – präsent und können
aus dem Kopf abgerufen werden.
Nehmen wir zum Beispiel den Vertragsschluss. Die Mind Map setzt sich –
ausgehend vom Thema – in den Hauptzweigen aus den allen Aspekten des Themas
zusammen. Die davon abgehenden Zweige bezeichnen Unterpunkte (Beispiel Mind
Maps zu diesem Beitrag finden Sie unter http://anwaltmindmaps.blogspot.com).

Die „Gedankenlandkarte“ ist dabei Abbildung der inneren Strukturen und Abläufe
unserer Denkwege. Pro Sekunde kann eine Gehirnzelle Impulse von
Hunderttausenden von Verbindungspunkten empfangen. Wie bei einem
Fernsprechamt verarbeitet die Zelle von Mikrosekunde zu Mikrosekunde die gesamte
ankommende Information und leitet sie auf die entsprechenden Pfade weiter.
Während ein Gedanke von Gehirnzelle zu Gehirnzelle weitergeleitet wird, wird ein
biochemischer elektromagnetischer Pfad errichtet, sozusagen eine
„Erinnerungsspur“. Eine Gedächtnis Karte zeichnet diese Laufwege nach.

Die Technik des Mind Mappings ist für den Anwalt deswegen ideal, weil er sich
bereits mit einer Vor-Struktur seinen Aufgaben nähert. Diese Fertigkeit erleichtert
dem Juristen das Erlernen dieser Technik. Die oben dargestellte Gedächtniskarte ist
jedem Anwalt unbewusst bereits präsent.

Was benötigt man für die Mind Map und wie erstellt man sie?
Mind Mapping stellt geringe Anforderungen an den Anwender. Man benötigt einen
Bogen DIN A 4-Papier im Querformat und gegebenenfalls einen oder mehrere
Farbstifte.
Man beginnt in der Mitte eines Blattes. Dorthin schreibt man den zentralen Begriff
oder das zentrale Problem, um das es geht. In der Regel werden die Zweige im
Uhrzeigersinn angeordnet. Nehmen wir an, sie planen den Start oder die
Neuausrichtung der Kanzlei, so könnten die Ausgangsüberlegungen in die Form
einer Mind Map gebracht schnell zusammengefasst werden (siehe Beispiel unter der
o.g. Webseite).
Ausgehend von diesem zentralen Bild, das das Thema visualisiert oder als Begriff
„Kanzleiprofil“ bezeichnet lässt man mehrere Linien abzweigen. Diese Hauptäste
stellen die Hauptgliederungspunkte dar und sind stichwortartig sprechend
bezeichnet, etwa „Marktanalyse“, „Beratungsprofil“, „Marketing“ oder „Kanzleigröße“.
Die davon abgehenden Äste sind deren Unterpunkte. Leere Äste bleiben für Ideen.
Nicht notwendig ist, dass an jedem Hauptast bereits alle relevanten Zusatzaspekte
angefügt werden. Es mag sein, dass einem manche Punkte erst später „einfallen“.
Das offene System der Mind Map befreit den Anwender aus der formalen Enge
linearer Aufzeichnungen. Oft entstehen geistige Blockaden, weil einem zu einem
„Erstens“ kein „Zweitens“ einfällt.

Ein paar Grundregeln


Die Technik des Mind Mappings ist einfach, wenn man folgende Regeln seines
„Erfinders“ Tony Buzan beherzigt.
− Verwenden Sie ein Zentralbild oder einen zentralen Begriff, der das Thema
erfasst! Ein Bild oder ein Begriff konzentriert automatisch Augen und Gehirn
auf sich.
− Setzen Sie Assoziationen ein! Pfeile, Farben oder andere Codes stellen in
Ihrer Gedächtniskarte Beziehungen her. Probleme und Fragen kennzeichnen
Sie z.B. mit Fragezeichen. Assoziationen vergrößern die Anzahl und
Bandbreite ihrer kreativen Einfälle.
− Bemühen Sie sich um Deutlichkeit! Am besten nur ein Schlüsselwort pro Linie,
Zentrallinien sollten sinngemäß dicker gemalt werden. Die Kombination aus
grafischer Hierarchisierung und aussagefähigen Stichwort genügen, um bei
der späteren Ausformulierung die Erinnerungen oder Assoziationen zu
wecken.
− Setzen Sie Hierarchien ein! Dies dürfte dem Anwalt nicht schwer fallen.
Hiermit wird die Brücke zum klassischen Schriftsatz und zur juristischen
„Denke“ geschlagen.

Die Einsatzmöglichkeiten
Mind Mapping kann vielfältig eingesetzt werden. Die Methode ist insbesondere in
folgenden Fällen der Tagesarbeit verwendbar:
− Planung von Aktivitäten
− Problemanalyse
− Kreative Beratungstätigkeit
− Planung und Strategie
− Strukturierung komplizierter Sachverhalte
− Gesprächsmanagement/Mediation

Beispiele zu einigen der genannten Einsatzmöglichkeiten sollen dies illustrieren.

Planung der Aktivitäten


Eine Mind Map kann Ordnung in die vielen Aktivitäten des Anwaltes bringen. Sie
kann helfen, die Schwerpunkte der Tätigkeit zu ermitteln oder Ziele zu definieren. In
eine Ordnung gebracht, können die Aktivitäten an den jetzt deutlich gewordenen
Schwerpunkten gemessen werden. Dient dieses Mandat tatsächlich zur Profilierung
meiner Kanzlei? Liegen meine Schwerpunkte in der forensischen Beratung? Was
muss ich tun, um mir neue Marktanteile in der baurechtlichen Beratung zu
erschließen?
Planen Sie Ihre kommende Arbeitswoche als Mind Map! (Siehe Beispiels auf der o.g.
Webseite). Sehen Sie Hauptäste für wichtige Aufgaben, zentrale Mandate, Ideen
oder Privates vor. Arbeiten Sie bewusst ohne Akten und Unterlage! Die wichtigen
Dinge sind Ihnen präsent. Durch die Mind Map werden die weiteren Assoziationen
automatisch geweckt.

Problemanalyse
In einer ersten Mind Map können nach Art eines Brainstormings Aspekte
zusammengetragen werden. Eine erste Ordnung entsteht, die in weiteren
Zeichnungen verfeinert werden kann, ehe man mit Struktur an die mögliche Lösung
geht. Als Hauptäste sehen Sie beispielsweise spontane Lösungswege, Ideen oder
wichtige Aufgaben vor.

Kreative Beratungstätigkeit
In der ersten Überlegensphase können Mind Maps beim Ordnen und Verknüpfen der
Ideen sowie als Grundlage der endgültigen schriftlichen Darstellung eingesetzt
werden. Aus dem Mandantengespräch filtern Sie das Klageziel. In dieser Mind Map,
könne Sie als Hauptpunkte Ihre eigene Agenda einsetzen, etwa, „persönliche
Angaben“, „Fragen zum Sachverhalt“, Klageziel“, „Sonstiges“ und „Ideen“. Im Laufe
des Gespräches, das idealerweise den von Ihnen geplanten Verlauf nimmt, fügen
Sie an die jeweiligen Äste stichpunktartig Begriffe an, die das Gesagt spiegeln. Zum
Hauptast „Nachbarstreit“ können z.B. die Unteräste „Lärmbelästigung“,
„Geruchsbelästigung Grill“ etc. treten.

Planung und Strategie


In einem sich verändernden Rechtsanwaltsmarkt stellen sich für die Kanzleien viele
strategische Fragen. Diese gilt es zu ordnen. Die Mind Map ermöglicht eine erste
Bestandsaufnahme. So können Sie zusammen mit Ihrem Partner wichtige Aspekte in
Form eines Brainstormings sammeln und dann in einer Mind Map die genannten
Aspekte strukturieren. Sie werden sehen, dass einzelne Äste besonders viele
Anfügungen haben, hier liegt offenbar ein Schwerpunkt der Überlegungen, die in
einer gesonderten Wissenskarte aufgegriffen werden könnten.

Strukturierung komplizierter Sachverhalte


Gerade komplizierte Sachverhalte lassen sich mit der Mind Map-Technik ordnen.
Das Grundgerüst – die ersten Hauptzweige also – hat der Anwalt schnell
aufgezeichnet. Je nach Fall bezeichnen sie z.B. einzelne Voraussetzungen oder den
Sachverhalt. Viele zusammenhanglose Informationen können nun einzelnen
Zweigen zugewiesen und deren Relevanz bewertet werden. Durch die Aufnahme auf
einem Zentralblatt lassen sich Verbindungen und Beziehungen zueinander auch
grafisch herstellen.

Gesprächsmanagement und Mediation


Gerade in Gesprächen entfalten sich die Vorzüge dieser Technik. Als Grundgerüst
kann die Tagesordnung Verwendung finden(siehe Beispiel auf der o.g. Webseite).
Beginnen Sie die Mind Map als Vorüberlegung zum Gespräch und mit dem Gerüst
der gedachten Agenda. Damit steht bereits Ihr Drehbuch für das nachfolgende
Gespräch. Diese Mind Map nehmen Sie mit ausreichendem Platz für Anfügungen in
das Gespräch mit. Da Sie das Gespräch leite, haben Sie es in der Hand sich an der
vorgegebenen Ordnung zu orientieren und die Parteien zu befragen. Aus dem
Zusammenhang geäußertes wird aber anders als bei linearen Aufzeichnungen an
der entsprechenden Stelle der Mind Map als Stichwort angefügt. So spiegelt die
Zeichnung letztlich den wirklichen Verlauf des Gespräches. Durch die Zahl der
Anfügungen sehen Sie, welche Schwerpunkte das Gespräch hatte. Zugleich
ermöglicht Ihnen die Wissenslandkarte eine „Aufsicht“ auf das Gespräch und gibt
Ihnen die Möglichkeit, auf die gedachte Agenda zurückzuführen ohne die außerhalb
der Tagesordnung genannten Punkte aus dem Auge verloren zu haben.
Diese Mind Map kann dann als Vorlage für ein klassisches Ergebnisprotokoll dienen.
Ihre Hauptäste mit den Agendahauptpunkten bezeichnen die Überschriften Ihres
Ergebnisprotokolls, die stichwortartigen Anfügungen erlauben Ihnen eine schnelle,
thematisch geordnete Zusammenfassung des Gesagten oder der gefassten
Ergebnisse.

Reden und Vorträge mit Mind Maps


Freies Sprechen und Reden ist Teil der anwaltlichen Aufgaben. Mit einer Mind Map
können Sie eine Rede vorbereiten und eine einfache gut strukturierte Mind Map als
Redegrundlage nutzen.
Achten Sie dabei auf Folgendes: Die Hauptäste repräsentieren die
Hauptgliederungspunkte, die Nebenäste Teilaspekte des Themas. Mit einer schnell
erfassbaren und ausreichend großen Mind Map vor sich, genügt ein rascher Blick auf
das Papier, um mit ein wenig Übung ohne Blättergeraschel und Umblättern frei
vorzutragen, weil Sie jederzeit die Gliederung und die wichtigsten Aspekte
überblicken.

Fazit
Es besteht kein Zweifel, dass Mind Mapping Strukturen sichtbar macht, bei der
Ordnung der Gedanken hilft und kreative (Problemlösungs-)Potentiale erschließt.
Setzen Sie die Technik nach und nach in Ihrem Alltag ein, zur Begleitung eines
Telefonats oder Vorbereitung eines Gesprächs.
Als Anwalt können Sie sich so mit Überlegung und Gelassenheit einem
anspruchsvollen Beratungsmarkt stellen und „weiche Fertigkeiten“ entwickeln, der es
Ihnen ermöglicht, sich dem ständigen Strom neuer Rechtsfragen und Probleme
lösungsorientiert zu stellen.

Weiterführende Hinweise
Eine Einführung in die Technik gibt das Werk von Tony Buzan, „Das Mind-Map-
Buch“. Ein PC-gestütztes Programm, das den Regeln des Mind Mappings folgt, kann
in einer 30-Tage nutzbaren Vollversion auf der Produktseite von Mindjet geladen
werden (http://www.mindjet.com/default.aspx ).