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Gabi Meyer öffnete die Bürotür und fragte: „Störe ich?


„Sie haben keinen Termin.“
„Ich habe ein Schwert.“
Sie ging in das Büro und stellte sich vor die drei Männer,
die dort in Ledersesseln saßen. Einer der Männer stand auf.
„Was fällt ihnen ein? Wissen sie nicht, wer wir sind?“
„Sie sind meine Geiseln.“
Gabi stupste den Mann mit ihrem Schwert gegen die
Schulter und er fiel zurück in seinen Ledersessel. „Mein
teures Sakko! Passen sie doch auf!“
„Ich habe aufgepasst, sonst wäre ihre Schulter jetzt
durchbohrt und ihr Arm hinge schlaff herab.“
„Wer sind sie?“
„Sie können mich nicht kennen. Ich bin eine ihrer
Sekretärinnen. Ich arbeite erst seit zehn Jahren bei ihnen.“
„Die Firma ist groß. Soll ich jeden Mitarbeiter morgens per
Handschlag begrüßen? Ich habe Wichtigeres zu tun. Wollen
sie sich auf diese Art bei mir vorstellen? Vergessen sie es –
ich entlasse sie hiermit.“
„Das können sie gar nicht. Sie haben mich bereits vorige
Woche entlassen.“
Einer der anderen Männer stand auf. Er griff zum Telefon
auf dem großen Schreibtisch. Gabi haute auf das Telefon
mit ihrem Schwert. Die Hand des Mannes zuckte zurück.
„Ich hole die Polizei.“
„Das habe ich bereits für sie erledigt. Wie es sich für eine
gute Sekretärin gehört. Wenn sie aus dem Fenster schauen,
können sie die Polizeiwagen sehen und wenn sie sehr
genau hinschauen sogar die beiden Scharfschützen.“
Der Mann schaute aus dem Fenster. „Darf ich die anderen
beiden Herren auch zu uns bitten. Es geht gleich los.“
Die beiden Männer in den Ledersesseln sahen sich an,
dann stürmten sie beide gemeinsam zur Bürotür. Gabi war
schneller und schloß die Bürotür mit einem Fußtritt. „Sind sie
kräftig genug, um den Schrank vor die Tür zu schieben?“
„Fuchteln sie nicht andauernd mit diesem Schwert vor
meiner Nase herum. Glauben sie, so ein Schwert macht sie
allmächtig?“
Gabi gab dem Mann einen Stoß mit ihrer Hand. Bevor der
Mann sie festhalten konnte, war sie schon zurückgewichen.
„Sie sind schnell. Vielleicht war es ein Fehler sie zu
entlassen.“
„So rasch kommt bereits die Reue? Da sind wir noch gar
nicht. Erst einmal erzähle ich ihnen, warum ich so wütend
auf sie bin. Dann ist es Zeit für Reue und Buße. Am offenen
Fenster. Die Presse wartet dort bereits.“
Die beiden Männer schoben den Schrank vor die Bürotür.
„Jetzt, meine Herren, dürfen sie mir einige Fragen stellen.
Vielleicht beginnen sie, Herr Dr. Lamprecht.“
Der Mann, der am Fenster stand, schüttelte den Kopf. „Sie
sind mir egal. Von ihrer Verwirrtheit will ich so wenig wie
möglich wissen. Die Polizei regelt das schon.“
„Erst regle ich das hier. Was danach von ihnen übrigbleibt,
damit kann sich die Polizei beschäftigen.“
„Sie haben zu viele Kriminalfilme gesehen. – Ist das dort
unten ein Kamerateam? Planen sie wirklich eine gräuliche
Tat?“
„Ich lasse mich vom Moment inspirieren. Und ich höre
darauf, was das Schwert zu mir spricht. Will es mich rufen
zur Tat oder will es sich noch eine Weile ausruhen.“
„Ich mache ihre Psychospielchen nicht länger mit. Ich
steige aus.“
Dr. Lamprecht öffnete das Fenster. Gabi sagte: „Das ist
der dritte Stock. Sehr sportlich sehen sie nicht aus. Aber
wenn sie es versuchen wollen, schaue ich ihnen gerne beim
Abstürzen zu. Damit spare ich fünf Jahre Gefängnis. Soviel
kostet es mindestens, wenn man einen seiner Chefs mit
dem Schwert bearbeitet.“
„Ach, hören sie doch auf mit diesem Schwert-Gerede. Das
ist tiefstes Mittelalter.“
„Aber sie geht sehr elegant damit um. Wo haben sie das
gelernt?“
Die beiden anderen Männer stellten sich ebenfalls ans
offene Fenster und sahen hinaus. „Herr Dr. Schmidt, ich
freue mich über ihr Lob. Das erste Lob in dieser Firma seit
zehn Jahren.“
„Wieso hängen sie dann an ihrem Arbeitsplatz? Eine
gewalttätige Frau wie sie, müsste doch überall Arbeit finden
können.“
„Ich war so wütend. Nie habe ich mir etwas zuschulden
kommen lassen. Und dann ist mir dieser kleine Fehler
passiert. Eine Reisebuchung, die keiner in Anspruch
genommen hat. Ich habe die drei Tage genossen in dem
schönen Hotel. Mailand. Wieso finden diese Seminare für
Topmanager immer in den allerschönsten Gegenden statt?“
„Na, wenn das kein Kündigungsgrund ist! Sie haben der
Firma geschadet. Ganz zu schweigen von dem immensen
Vertrauensbruch.“
Gabi holte tief Luft. „Am liebsten würde ich sie alle drei
aus dem Fenster schmeißen. Da stehen sie hier vor mir und
reden von Firmenschaden. Sie sind doch die größten
Firmenschädiger. Mit welchem Mittel kommt man ihnen denn
bei? Gegen Schädlinge helfen in der Pflanzenwelt
Insektizide und Herbizide. Was hilft in der Wirtschaftswelt
gegen Heuschrecken?“
Dr. Lamprecht sagte: „Soll das ein Gespräch werden über
Firmenmanagement? Überfordere ich sie nicht damit?“
Jemand rief: „Sprechen sie bitte lauter. Selbst mit
Richtmikrofon sind sie schwer zu verstehen.“
Dr. Lamprecht beugte sich aus dem Fenster. Unten auf
dem Rasen standen mehrere Menschen und blickten zu
ihnen hinauf. „Verschwinden sie! Das ist Firmengelände.“
„Wir sind hier wegen der Geiselnahme.“
Dr. Lamprecht schloß das Fenster und sagte zu Gabi:
„Sehen sie, was sie angerichtet haben?“
„Aber es geht doch erst los. Ich habe mein Unrecht in die
Waagschale geworfen und danach ihr Unrecht. Ihr Unrecht
ist viel schwerwiegender als meines. Allerdings ist alles, was
sie getan haben legal. Und mein kleines Unrecht ist illegal.
Das ist der feine Unterschied. Ich fragte mich daher, ob mit
dem Recht selber etwas nicht stimmt. Wieso könnt ihr
Topmanager mit euren Firmenaktien superreich werden,
dabei gleichzeitig die Firma ruinieren und dann noch einen
dicken Bonus kassieren? Ihr wißt genau, wann ihr eure
Firmenaktien abstoßen müsst, kennt die eigenen
Geschäftsberichte im Voraus. Insider-Wissen macht reich.
Nur leider macht es auch die Firma arm. Denn ihr verfolgt
kurzfristige Ziel. Das langfristige Wohlergehen der Firma
interessiert euch nicht. Sollte es aber. Das machen gute
Firmenchefs so. Ich habe zwar die Moral auf meiner Seite
bei meinen Argumenten – aber was nützt mir das? Ihr steht
auf der Seite des Rechts, es beschützt euch, beschirmt euch.
Wie konnte es dazu kommen, dass dieser eklatante
Widerspruch besteht zwischen Moral und Recht?“
„Wollen wir jetzt philosophisch werden? Mit dem Schwert
in der Hand? Sie setzten sich immer weiter ins Unrecht.
Sprechen von Dingen, die sie nicht verstehen.“
„Sie haben die Forschungs- und Entwicklungsabteilung
halbiert. Meine Freundin hat ihren Job verloren. Viele
Geschäftsbereiche haben sie nach Indien ausgelagert.
Früher war dieses hier ein solides Familienunternehmen.“
„Und wenn sie damals eine Reise gemacht hätten auf
Kosten der Firma, dann wären sie befördert worden? Ihr
Unrecht können sie nicht vom Tisch fegen mit ihrer
Heuschrecken-Fabel.“
Dr. Schmidt betrachtete Gabis Schwert. „Es sieht scharf
aus. Es ist kein Dekorations-Schwert? Keine Schauspieler-
Requisite?“
Gabi haute mit dem Schwert gegen ein Bein des
Schreibtisches. Der Schreibtisch kippte zur Seite. Dr.
Schmidt wollte nach den Dingen greifen, die vom
Schreibtisch rutschten, doch Gabi hinderte ihn daran.
„Schauen sie, was sie gemacht haben.“
„Und es wird noch besser. Dieses Schwert schneidet
mühelos durch Tischbeine und Menschenbeine. Sehr
praktisch, wenn man aufgebracht ist und seinen Zorn zum
Ausdruck bringen will.“
„Ich sollte sie zu meiner Leibwächterin machen.“
„Ihren Leib würde ich gerne bewachen, Herr Kramer. Aber
haben sie das nötig? Sie sehen fit genug aus, um
Revolverkugeln mit stählerner Brust abzufangen.“
Herr Kramer lächelte. „Sie haben vollkommen recht: Ich
bin ein Superheld. Warum zittern mir dann die Knie, wenn
ich neben ihnen stehe? Ich bin furiosen Frauen nicht
gewachsen. Meine Ex-Frau hat das gnadenlos ausgenutzt.
Immer wenn sie ihren Willen durchsetzen wollte, dann hat
sie ihr Temperament auf die höchste Stufe gestellt.“
„Ich wollte sie nicht verschrecken. Nur motivieren. Zu
einem öffentlichen Sündenbekenntnis in Bezug auf diese
Firma. Ihre privaten Sünden lassen sie bitte außen vor.
Dafür haben wir jetzt keine Zeit.“
„Vielleicht ist später dafür Zeit? Wenn wir zwei unter uns
sind?“
„Wenn sie mich im Gefängnis besuchen wollen.“
„Sie wollen für unsere Sünden ins Gefängnis gehen? So
viel liegt ihnen daran, dass wir uns hier vor der Presse
äußern?“
Gabis seufzte. „Ich verliere das Interesse daran. Meine
Idee ist absurd. Nichts würde sich ändern. Man wird sagen:
ich habe sie dazu gezwungen Lügenmärchen
hinauszuposaunen.“
Dr. Schmidt sagte: „Was ist Lüge? Mache ich mir selbst
etwas vor, wenn ich behaupte, ich meine es gut mit der
Firma? Meine ich es nicht vielmehr gut mit mir selbst? Na
klar, dass Firmenaktien dazu verleiten, was daraus zu
machen. Der Kurs soll in die Höhe gehen und ich habe dann
meine Schäfchen im Trockenen. Mag sein, es ist für die
Firma gut oder auch nicht. Wer vermag das zu sagen? Wer
sieht die nächste Wirtschaftskrise voraus? Vielleicht ist diese
Firma schon bald pleite. Dann habe ich zumindest für das
jetzige Firmenwohl gesorgt. Und ja, ich sammle Insider-
Wissen, versuche so viel wie möglich davon zu erhaschen.
Das lässt sich gut zu Geld machen.“
Gabi sagte: „Das klingt so unspektakulär. Ich habe mir das
alles viel aufregender vorgestellt. Große, dramatische
Enthüllung über die Machenschaften der Topmanager. Ich
hätte einen Zeitungsbericht schreiben sollen, statt hier
hereinzustürmen. Aber was ich noch sagen wollte: mein
Hotel-Aufenthalt in Mailand hat die Firma absolut kein Geld
gekostet. Es war alles bereits bezahlt; es war eine Einladung.
Gewiss, es war nicht okay, aber eine fristlose Kündigung
nach zehn Jahren ist ungerechtfertigt. Oder nur ein bisschen
gerechtfertigt.“
„Werden sie die Reparatur des Schreibtisches bezahlen?“
„Ich habe kein Gehalt.“
„Sie könnten als Pressesprecherin bei uns anfangen. Ihr
rigoroses Auftreten gefällt mir. So muss man umgehen mit
den Leuten von der Presse: dominant, fordernd. Ich habe
des Öfteren Probleme mit denen. Sie kennen seit zehn
Jahren diese Firma. Wie wäre es? Möchten sie es
versuchen?“
„Ist das ein Versuch mich zu überlisten oder meinen sie es
ehrlich?“
Herr Kramer sagte: „Was haben sie zu verlieren? Die
Aussicht uns drei dort vor dem Fenster sprechen zu hören?
Wenn sie uns das ersparen, dann gibt es auch keine
Anzeige wegen Geiselnahme. Sie wären weiterhin frei.“
Gabi setzte sich in einen der Ledersessel. Sie fragte:
„Bekomme ich Firmenaktien?“

ENDE