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IV.

Pragmatik Stilistik Rhetorik der Phraseme/Pragmatic, stylistic, and rhetorical issues

Herkunft aus dem Sprichwort. In: Niederdeutsches Wort 35, 227 235. Schmidt-Wiegand, R. (1997): Zwei- und Dreiglied- rigkeit in den deutschsprachigen Urkunden. In:

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nd

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Na t alia Fila t kina, Tr ier (De ut schl and)

13. Stilistische Funktionen von Phrasemen

1.

Einleitung: Stil - Phraseostilistik

2.

Phraseologismen und ihre Eignung für Stil

3.

Ausdruck von Einstellungen/Haltungen

4.

Arten der Themenkonstitution

5.

Textmusterstile als Arten schriftlicher Handlungskonstitution

6.

Gesprächsstile

7.

Literatur (in Auswahl)

1.

Einleitung: Stil Phraseostilistik

S t il ist eine Eigenschaft von Texten oder von

Gesprächen. Insofern gehört er in den Rah- men von Text- bzw. Gesprächslinguistik. Er

stellt jedoch eine spezifische Perspektive auf Texte und Gespräche her, indem er zu deren jeweiliger Gesamtbedeutung Entscheidendes beiträgt. Als Textstil ist er ein spezielles Inter- pretationsangebot an Rezipienten; diese ge- hen mit diesem Angebot gemäß ihren Interes- sen und auf der Basis ihres stilistischen Wis- sens, ihrer stilistischen Kompetenz um. Als Gesprächsstil ist er eine gemeinschaft- liche Leistung der am Gespräch Beteiligten. Die Beschreibung von Phraseologismen in Gesprächsstilen ist derzeit auf die Sichtung gesprächsanalytischer Literatur angewiesen.

13.

Stilistische Funktionen von Phrasemen

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Stil ist die sozial relevante, interaktiv be- deutsame Art der Durchführung sprachlicher Handlungen mittels Text oder interaktiv als Gespräch. Stilistisch bedeutsam sind einerseits die Art der Themengestaltung (vgl. Kap. 4) und an- dererseits die Art der Handlungsdurchführung (Kap. 5, 6). Weitere wichtige Beiträge des Stils zur Gesamtbedeutung des Textes sind:

Art der Selbstdarstellung und Adressatenbe- cksichtigung, die Art der Beziehungsgestal- tung und vor allem auch das Ausdcken von Einstellungen/Haltungen (Kap. 3). Ebenfalls bedeutsam sind die Art der historischen und kulturellen Einbindung, die Art des Bezugs auf die Situation, der Nutzung des Kanals und des Textträgers, der Bezug zu einem be- stimmten Medium wie regionale oder überre- gionale Zeitung, Fernsehsender etc. Auf diese letzte Gruppe wird hier nicht näher eingegan- gen (genauer: Sandig 1986, Kap. 1.2). Ebenso wenig können hier die vielfältigen Arbeiten zu literarischen Stilen beachtet werden. Exemplarisch dazu Palm (1997, Kap. 3.1) und Fleischer (1997, Kap. 5.3.5). Stilistische Funktionstypen werden auf- grund unserer stilistischen Kompetenz (die bei den Einzelnen stark variiert) routinemäßig produziert und interpretiert. Sie entstehen auf der Basis textstruktureller Eigenschaften. Als Elemente dieser Textstrukturen sind unter- schiedliche Phrasemtypen in verschiedener Weise wirksam, auch Modifizierungen und ab w eic hende Ve rw en d u ngen . S t il stru k tu r en sind generell so organisiert, dass die einzel- nen Merkmale unterschiedliches Gewicht ha- ben (Sandig 2006, Kap. 2). So sorgt einerseits die verschiedene Wahrnehmbarkeit von Phra- semtypen für deren mögliches verschiedenes Gewicht. Andererseits sind die Möglichkeiten der Modifizierung und Ambiguierung geeig- net, das konventionelle Gewicht zu steigern. Die stilistischen Textstrukturen werden auf der Grundlage der stilistischen Kompetenz in Relation zu den aktuellen Erwartungen an das Kommunikationsereignis und in Relation zu Eigenschaften der kommunikativen Gegeben- heiten interpretiert: Situationsaspekte, Betei- ligte, Textmuster oder Gesprächstyp, Thema, (sub)kultureller Horizont usw. Es gibt auch verfestigte Zusammenhänge von Struktur, Si- tuationstyp und Text- bzw. Gesprächsfunktio- nen (s. u. 5, 6): typisierte Stile. Gläser (1986, 45ff.) diskutiert eine Phra- seostilistik , die sie als Beschreibungsebene zwischen Syntaktikostilistik und Lexikostili-

stik sieht. Den globalen Rahmen bildet (wie auch hier) die Textstilistik. Demgegenüber wird hier eine Stilistik vertreten, die das Ge- samte von Text und Gespräch und ihre kom- munikativen Voraussetzungen und Folgen be- cksichtigt. Die normativen Stillehren, auch prakti- sche Stilistik, sind vielfach auf Phrasemge- brauch kritisch eingegangen, vgl. Stein (1995, Kap. 4.1). Das Ideal dieser Stilistiken ist der individuelle schriftliche Stil, weshalb das Formeldeutsch zu den Stilkrankhei- ten rechnet. Formelhafte Wendungen er- scheinen dabei als abgenutzt . Die Vorteile hingegen werden nur selten gesehen. Das Einzige jedoch, was gegen den Gebrauch von Phrasemen spricht, ist die noch unzureichen- de Kompetenz bei Lernern: Dann ist die Ge- fahr von Stilblüten gegeben. Z.B. wird im fol- genden Ausschnitt aus einem Schulaufsatz durch die körperteilbezogenen Idiome eine thematisch unangemessene, komisch wir- kende Bildlichkeit erzeugt:

( 1 ) Meinem Ve tt er hing da s a l t e F ahrrad zu m Hals hera u s, w ährend ihm sc hon länger ein e neu er Vo lksw agen im Kopf her u mging .

Mit Stein (1995, 123) ist zu betonen, dass wir sowohl Kreativität als auch Formulierungs- routinen brauchen je nach dem Zweck des Sprachhandelns. Auf der Grundlage der Stilfunktionstypen, deren Kennzeichen Phraseme im Kontext an- derer Merkmale sind, wird Vieles, das die Phraseologie in anderen Kontexten bearbeitet hat, hier in stilistischem Licht betrachtet.

2. Phraseologismen und ihre Eignung für Stil

Als solche stechen die Phraseme im engeren Sinne (nach Burger 2003) bereits in Stilen hervor: Sie sind, als satzgliedwertige oder satzwertige, idiomatisch oder mit Abstufun- gen teilidiomatisch. Ebenso gilt dies für ge- flügelte Worte und intertextuelle Anspielun- gen. Stilistisch unscheinbar hingegen sind strukturelle Phraseologismen (Präpositionen, Konjunktionen), sofern sie nicht gehäuft und dadurch auffällig verwendet sind. Dasselbe gilt für Funktionsverbgefüge und Kollokatio- nen, nicht jedoch für Routineformeln und Ge- meinptze: Sie sind generell für eine mittlere Aufmerksamkeitssteuerung geeignet. Sind Phraseologismen modifiziert oder in einem Kontext abweichend verwendet, wird

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dadurch ihre ursprüngliche Merkmalhaftig- keit gesteigert und zwar je nach der Art der Modifikation und deren Leistung im Kontext in unterschiedlicher Weise. Es sind also vor- geprägte feste Ausdcke, mit denen jedoch generell stilistisch abwandelnd, kreativ umge- gangen werden kann, vgl. auch die Ambigu- ierung (Fleischer/Michel/Starke 1993,

158ff.).

2.1. Konnotationen/Markierungen

Wie auch sonst im Wortschatz sind Konnota- tionen durch Markierungen für Phraseologis- men charakteristisch. Dabei betonen Palm (1997) und Burger (2003) teilweise dieselben Typen, teilweise unterschiedliche; ich fasse beide Vorschläge zusammen und ernze sie. Zunächst Stilebenen bzw. Stilschichten:

überneutral: Roma ae t er na ( das ewige Rom )

neutral: zu Boden sinke n

unterneutral: Rotz u nd Wa sser he u len

vulgär: zu m K o tz en (sein)

Auch gibt es Serien von Phraseologismen (Fleischer 1997, 200ff.) mit unterschiedlicher Markierung, z.B. für den unterneutralen Be- reich: den M u nd/ de n S ch nabel / das Ma u l h al-

t en ( umgangssprachlich/salopp / derb sa- lopp ). Während Expressives ohne emotio- nale Beteiligung geäußert werden kann, ist dies beim Emotionalen nicht der Fall (s. 3.8):

expressiv: einander gleiche n w ie ein Ei dem and eren; den Lö ffel abg eben

emotional: zu m D onner w e tt er (noch mal)! fahren wie (ei)ne geseng t e S a u

Ein bestimmtes Kolorit ist vorgegeben bei

historisch: Kraf t d u rc h F re u de (Nazis)

regional: Für jemdm. w ie a u s d em Gesi ch t gesch ni tt en sein gibt es z.B. im Heidelber- ger Raum die / de r a usg schlupf t Mu dd er/ Va dd er etc. und im Saarländischen Saar- louis geschiss u n gem ol (gema l t ) d er/ die Alt .

In diesen Bereich gehören auch Helvetismen (Burger 1998) bzw. Austriazismen. Burger (2003, Kap. 8.2.6.2) geht ein auf typische Sprechereinstellungen, wie

positiv wertend: (jem. kann) es aufneh men mi t jem dm.

negativ wertend: ins Gerede kommen

ambivalent: die R u he w egh aben ( abwer- tend oder positiv ).

Burger betont (2003, 187ff.), dass dabei oft noch mehr Einstellungen zum ausgedckten

Sachverhalt mitschwingen, z.B. dass es sch w er is t u nd dass man Bewu nd eru ng daf ü r ha t , w enn jem and es mi t jem andem a u fnimm t. Die Bewertungsrichtung muss jedoch - wenn es nicht um unterschiedliche Perspektiven geht - dieselbe sein, bei Burgers Beispiel Das

w ill mir nich t in den Kopf hinein sowohl ab-

wertend als auch verächtlich . Schließlich gibt es soziolinguistische Differenzierungen:

jugendsprachliche, s. 6.2

schichtspezifische: cu m g rano sali s, gnädi- ge Fr a u

generationsspezifische: Dara u f e inen D u - jardin .

Fleischer/Michel/Starke (1993, 153ff.) und Burger/Buhofer/Sialm (1982, 109) weisen auch hin auf Textsortenspezifik. Hier sollten jedoch nur solche Phraseme aufgeführt wer- den, die als solche stilistisch markiert sind:

textsortenspezifisch: Es w ar( en) einmal; Man nehme, Ich komme zu m S chl u ss (mündlicher Wissenschaftsvortrag)

Besondere Verwendungen in Textsorten ge- hören in einen anderen Kontext (vgl. 5). Flei- scher/Michel/Starke (1993, 15ff.) heben her- vor, dass Phraseme in der Regel expressive Konkurrenzformen zu Benennungseinheiten in der Wortstruktur darstellen . Typische Dif- ferenzierungen sind:

Intensität: jem dm. den Kop f w asche n

Anschaulichkeit: jemdm. lach t das Her z im Leib

Expressivität: jemdn. a u fs Kre uz legen

Euphemismus: bis zu m l e tzt en A t em zu g

Fleischer (1997, 199) weist außerdem hin auf eine Vielzahl unmarkierter, neutraler Phra- seme, die aber auch stilistisch besonders, z.B. expressiv verwendet werden können. Auch für die markierten, konnotierenden Phraseme gilt, dass sie in Kontexten anders verwendet werden können, z.B. typischerweise geho- ben oder veraltend für Ironie . Vgl. die etwas andere Sicht bei Gläser (1998, 127ff.). Schließlich gibt es Gradierungenals vor- gegebene Möglichkeiten der Intensivierung

d ur ch p h r a s eo logi s che Va r ian t en: fahren w ie

w ild, w ie eine Wi ldsa u , w ie ein e g eseng t e S a u nach Ross (1980, 39) Grundregel mehr Ton - mehr Bedeutung , hier von expressivbis emotional .

13.

Stilistische Funktionen von Phrasemen

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Mit derartigen Konnotationen können Ein- stellungen ausgedckt bzw. als Symptome interpretiert werden. Vgl. auch das Kapitel Stilistische Aspekte der Phraseologie in Fleischer/Michel/Starke (1993, 148 163), Fleischer (1997, 198 229).

2.2. Rhetorische Prägungen

Dietz beschreibt den kommunikativen Mehr- wert (1999, 384) von satzgliedwertigen Phraseologismen einschließlich fester Phra- sen anhand der rhetorischen Ornatus-Lehre:

mit Metaphern, Metonymien, Ironie ( eine schöne Gesch ich t e, ein sa u be re s F r ü ch t che n) als konventionalisierten (1999, 386) und als weitgehend konventionalisierten (Das hab´ ich gern , 1999, 392) Euphemismus usw. Au- ßerdem sind syntaktische (Hendiadyoin, Satz- abbruch, Ellipse) und phonetische (Allit