Sie sind auf Seite 1von 6
ESSEN-TRINKEN

ESSEN-TRINKEN

DONG XUAN CENTER

Mit Haut und Knorpel

In sechs Lichtenberger Markthallen haben sich Berliner Vietnamesen ein Klein-Hanoi erbaut. Hier verkaufen sie, was ihnen gefällt, ohne Rücksicht auf die Vorlieben der Deutschen. Die kommen trotzdem, auch um zu erleben, wie die Nationalsuppe Phò wirklich schmeckt.

VON Stefanie Flamm | 07. März 2013 - 07:00 Uhr

© Kiên Hoàng Lê für DIE ZEIT

07. März 2013 - 07:00 Uhr © Kiên Hoàng Lê für DIE ZEIT Der Supermarkt Achau24

Der Supermarkt Achau24 im Dong Xuan Center versorgt Vietnamesen mit Rambutans, Zimtäpfeln oder Schweineohren.

Um zwölf Uhr essen gehen? Auf keinen Fall, sagt Tran Cong Thanh. Um zwölf Uhr schlage in Vietnam die Stunde des Pferdes, und wer halbwegs bei Sinnen sei, bewege sich um diese Zeit nicht von der Stelle. Weil das Pferd einen niedertrampeln könnte? Und überhaupt: welches Pferd? Thanh hebt die Schultern. So genau wisse er das leider nicht. »Da müssten Sie unsere Alten fragen.« Doch die sind weit weg.

Thanh steht in einer wattierten Jacke auf einem Parkplatz in Berlin-Lichtenberg, das gar nicht so licht ist, wie der Name nahelegt, eher zugig. Breite Straßen, schmucklose Häuser, am Horizont wachsen Plattenbauten in den Himmel. Viele Erdgeschosse sind vernagelt, ab und an findet man eine Arztpraxis oder ein Küchenstudio, aber kein Café, in dem man sich aufwärmen könnte. Der Parkplatz liegt auf dem Gelände des ehemaligen VEB Elektrokohle, gut versteckt hinter einer Backsteinruine mit eingeschlagenen Fenstern. Hinge über der Zufahrt nicht die rot-gelbe Leuchtreklame » Dong Xuan Center «, nichts würde darauf hindeuten, dass man schon nach wenigen Schritten in Asien ist. Man muss nur eine der sechs Wellblechhallen auf dem Gelände betreten.

Um zehn nach zwölf, als von dem Pferd keine Gefahr mehr droht, öffnet Thanh die Tür zu Halle 3. Die Garküche, die der Mittvierziger nach seinem jüngsten Sohn Duc Anh

ESSEN-TRINKEN

ESSEN-TRINKEN

benannt hat, liegt am Kopfende einer langen, schmalen Ladenstraße, von der rechts und links kleine Geschäfte abzweigen. Jeans gibt es hier in allen Farben der RAL-Tabelle; Hochzeitskleider; gewagte Unterwäsche und praktische; Wärmflaschen, die Musik machen; Plastikspielzeug, das jede Mutter das Fürchten lehrt. Außerdem: Plastikschüsseln, Plastikschuhe, Plastikblumen.

Im Dong Xuan Center hat eine lange fast unsichtbare Minderheit sich ein Forum errichtet. Die Wände sind tapeziert mit Kleinanzeigen von Fahrschulen, Anwaltskanzleien und Devisenhändlern, so reimt man es sich aus den entsprechenden Bildern zusammen. Die einzigen deutschsprachigen Schilder sagen: »Fotografieren verboten« und »Bitte nicht rauchen«.

Letzteres scheint hier aber keinen so recht zu kümmern. Überall stehen volle Aschenbecher herum; im Hausaltar eines Telefonkartenanbieters verglimmen zwischen den Räucherstäbchen auch zwei Zigaretten. Davor unterhalten sich zwei Männer so temperamentvoll, dass man schon befürchtet, sie gingen sich gleich an die Gurgel.

ANFAHRT Mit der Straßenbahn M8 vom Hackeschen Markt in Richtung Ahrensfelde, Haltestelle:

Herzbergstraße/Industriegebiet .

DONG XUAN CENTER Herzbergstraße 128–139, Berlin-Lichtenberg. Geöffnet täglich außer Dienstag 9–21 Uhr. www.dongxuan-berlin.de , Tel. 030/55152038

VERPFLEGUNG Das Restaurant Duc Anh befindet sich in Halle 3. Öffnungszeiten täglich außer Dienstag 11–21 Uhr, am Wochenende inoffiziell, bis der letzte Gast geht. Tel. 030/53217480

Auch im Duc Anh ist es laut. Das Geklapper von Tellern und Schüsseln geht in eine gewaltige Mittagskakofonie ein. Zwei asiatische Schönheiten, am ganzen Körper mit Schmuck behängt, fallen sich rasselnd in die Arme, Mütter halten ihre Kinder zeternd dazu an, nicht mit den Stäbchen im Essen herumzustochern, Geschäftsleute in dunklen Lederjacken schlürfen, über die Teller gebeugt, hastig ihre Suppen. Tran Cong Thanh grüßt Kellnerinnen, die riesige Tabletts so leichtfüßig tragen, als handele es sich um Attrappen, und nickt seiner Frau zu, die mit kerzengeradem Rücken und stoischem Lächeln hinter der Theke einen Berg Knoblauch schält.

Dann bestellt er zwei Portionen Phò, die vietnamesische Nationalsuppe, und zwar mit Hühnerfleischeinlage. »In Vietnam essen wir das Huhn mit Haut und Knorpeln«, sagt er. »Probieren Sie?« Natürlich. Ihm scheint das wichtig zu sein. Thanh, muss man wissen, war einer der ersten vietnamesischen Gastronomen, die in Berlin beschlossen, keine Rücksicht mehr auf die Essgewohnheiten der Deutschen zu nehmen. Vor 17 Jahren fing er an, vietnamesisch zu kochen – und zwar für Vietnamesen. Das war damals eine ziemlich revolutionäre Idee. Die Banken hielten ihn für übergeschnappt. Wie er sich das denn vorstelle? Vietnamesen kochten doch für Deutsche! Seit der Wende hatten die ehemaligen Vertragsarbeiter der DDR die neuen Länder mit einem Netz von Asia-Imbissen überzogen.

ESSEN-TRINKEN

ESSEN-TRINKEN

Auch Tran Cong Thanh, der bis 1989 Werftarbeiter auf Rügen war, versuchte, sich nach seiner Entlassung mit diversen Schnellrestaurants über Wasser zu halten und so der drohenden Abschiebung zu entgehen.

Denkt er an diese Zeit zurück, fällt ihm vor allem ein Gericht ein: »Sauer-scharf-Suppe chinesische Art«. Die kreischrote, klebrige Restepampe war in den frühen neunziger Jahren die unangefochtene Nummer eins auf den Speisekarten der Asia-Imbisse. Tran Cong Thanh kann die Zubereitung noch im Schlaf aufsagen: Hühnerfleisch und Schweinehack mit Morcheln und eingelegter Paprika einen Tag lang zu Mus kochen, anschließend abschmecken mit Essigessenz, Glutamat und viel Zucker.

Irgendwann hatten die Leute die weichgekochte Exotik satt. Thanh versuchte sein Glück mit Thaifood und Sushi, was auch nicht so recht klappte. Warum also nicht etwas anbieten, das ihm selber schmeckte? In Amerika, in Frankreich und überall, wo es eine vietnamesische Community gab, fanden sich auch die entsprechenden Restaurants. Ihre Küche genoss schon damals einen hervorragenden Ruf: frisch und nicht zu scharf, mit viel Gemüse und unzähligen Kräutern. Nur in Berlin lebten bis Mitte der neunziger Jahre 12000 Vietnamesen ohne ein Lokal, in dem sie sich zum Essen treffen konnten.

Die Soziologen haben dafür inzwischen eine Theorie. Sie hat, wie so vieles in Berlin, mit dem Mauerfall zu tun. Damals standen sich in der wiedervereinigten Stadt zwei vietnamesische Gemeinschaften gegenüber, die einander fremder waren als Ossis und Wessis: Im Westteil hatten sich ehemalige Boatpeople angesiedelt, die so gut integriert waren, dass sie vorerst kein Bedürfnis nach Heimatküche mehr verspürten. Im Ostteil der Stadt kämpften ehemalige vietnamesische DDR-Vertragsarbeiter wie Thanh gegen den Ruf, sämtlich Hehler und Zigarettenschmuggler zu sein. Als sie nach zähen Verhandlungen ein Bleiberecht erhielten, fühlten sie sich unter einem großen Anpassungsdruck: »Seid fleißig, und fallt bloß nicht auf!«, so in etwa klang für sie der unausgesprochene Imperativ der deutschen Gesellschaft.

Und fleißig waren sie, nicht nur als Imbissbetreiber. In ihren kleinen Blumen- und Gemüsegeschäften, Ramsch- und Telefonläden, Friseur- und Nagelstudios legten die ehemaligen kommunistischen Arbeitsmigranten schnell eine fast amerikanische Dienstleistungshaltung an den Tag, mit sagenhaft günstigen Preisen und sensationellen Öffnungszeiten.

Als 1996 in Marzahn, nicht weit vom heutigen Standort, der erste vietnamesische Großmarkt eröffnete, witterte Tran Cong Thanh seine Chance: Hunderte Menschen würden im Großhandel arbeiten, Aberhunderte Einzelhändler und Privatpersonen würden hier einkaufen – und alle mussten essen. Dass vor ihm keiner darauf gekommen war! Thanh lehnt sich zurück.

Die Kellnerin bringt Ingwertee und zwei große Schüsseln mit dampfender Suppe. Ein würziger, leicht süßlicher Duft steigt einem in die Nase, ein bisschen wie an Weihnachten.

ESSEN-TRINKEN

ESSEN-TRINKEN

»Sternanis, Zimt, Kardamom, Ingwer«, sagt Thanh, der in den ersten Jahren noch selbst mit am Herd stand, und wischt mit einer Papierserviette zwei Paar Stäbchen ab. Mit dem Essen wartet er, bis der Gast einen ersten Bissen probiert hat. Gut?

Sehr gut sogar, wenn man sich erst mal an die Konsistenz der ungebratenen Hühnerhaut gewöhnt hat. Das Fett hält das Fleisch saftig, bündelt das Aroma und kontrastiert das knackige Gemüse. Dazu gibt es ein Schälchen Kräuter – süßes Basilikum und dreierlei Koriander –, die man nach und nach in die heiße Suppe wirft, damit sie nicht auslaugen. Wer’s mag, nimmt noch ein wenig vom eingelegten Knoblauch, den Thanhs Frau hinter dem Tresen täglich frisch zubereitet.

Das Lokal ist berühmt für seinen glasierten Schweinebauch, seine üppigen Feuertöpfe und die gebratenen Hühnermägen. Doch den Großteil seines Umsatzes erzielt Thanh mit Phò, die wahlweise mit Huhn, Rind, Shrimps oder Tofu auf den Tisch kommt. An guten Tagen servieren sie davon 130 Portionen. Der Sud simmert in der Küche von früh bis spät vor sich hin. Zwei Tage dauert es, bis Rinderknochen und Gewürze ihr Aroma abgegeben haben. Der Rest geht flott: Gemüse fein hacken, kurz andünsten, mit Reisbandnudeln und dem Fleisch, den Shrimps oder dem Tofu in die Suppe geben. Das Huhn wird vorher gekocht, entbeint und dann im Ganzen zerhackt, das Rindfleisch aber kommt roh in die Suppe.

In den ersten Jahren haben sich deutsche Kunden gelegentlich darüber beschwert, dass es nicht durch sei. Thanh lacht. »Natürlich nicht!« Ist ja kein Gulasch, eher so was wie fein gehobeltes Entrecôte. Inzwischen haben die Stammkunden sich daran gewöhnt. Der VW- Händler, bei dem Thanh seine Autos kauft, beschwert sich sogar, wenn auf dem Tisch ausnahmsweise mal der eingelegte Knoblauch fehlt. »Und wissen Sie, was das Beste ist?« Kürzlich habe ein deutsches Paar ihn gebeten, ihr Hochzeitsmahl zu kochen. Und das, obwohl heute keiner mehr nach Lichtenberg fahren muss, um vietnamesisch zu essen!

Seit der Jahrtausendwende hat Indochina in der Berliner Innenstadt Fuß gefasst. Es vergeht keine Woche, in der nicht ein neues Bistro eröffnet, mit geschreinerten Holzmöbeln, weißen Lampions, frischen Seerosen auf jedem Tisch und einer kleinen, feinen Speisekarte. Neben diesen gepflegten, ein wenig an die Wellnessoasen von Luxushotels erinnernden Lokalen wirkt das Duc Anh wie eine Wartehalle. Hier wird keine Illusion von Urlaub verkauft, hier gibt es wie zu Sauer-scharf-Zeiten eingeschweißte Karten, Plastikstäbchen und Kantinengeschirr. In der Ecke hängt ein riesiger Fernseher, auf dem den ganzen Tag vietnamesische Seifenopern laufen. Warum auch nicht? Thanhs Landsleute mögen das so. Und die Deutschen scheint es nicht zu stören.

Nach 13 Uhr, wenn die Vietnamesen längst wieder bei der Arbeit sind, stellen sie die Mehrheit der Gäste. Da sind die beiden Herren mit Tweedsakko und grauen Schläfen, die ihre Suppe löffeln wie die vietnamesische Oberschicht: erst die Nudeln auf den Löffel heben und dann, ohne zu schlürfen, schlucken. Da sind auch die Mitte-Hipster mit Westbesuch, der das Fotografierverbot schamlos ignoriert. Die meisten Kunden kommen, mit riesigen Tüten behängt, vom Einkaufen. Die Frauen haben oft frisch modellierte Nägel,

ESSEN-TRINKEN

ESSEN-TRINKEN

die Männer waren beim Friseur. Dank der Vietnamesen erlebt die Elvistolle in Lichtenberg gerade ihr Comeback. Im Bezirk gehört das Center offenbar längst dazu. Als grellbunter Tupfer in einer eher grauen Gegend, als Nahziel für eine Fernreise, bei der man auch noch spart.

Als das Center 2005 von Marzahn nach Lichtenberg übersiedelte, gab es drei Hallen, heute sind es sechs, zwei weitere sollen noch in diesem Jahr hinzukommen. Dann werden hier mehr als tausend Menschen arbeiten. Längerfristig plant die Betreibergesellschaft, das 3,8 Hektar große Industrieareal in eine moderne Asiatown umzuwandeln, mit noch mehr Handel, mit Hotels, Kulturhäusern und eigener Pagode. Es wird also noch fremdartiger, noch exotischer werden, zur asiatischen Warenwelt kommen die Götter und Ahnen, zur örtlichen Kundschaft vietnamesische Touristen aus ganz Europa.

Dabei hat man schon heute Mühe, sich im Gewusel zurechtzufinden. Es kommt einem vor, als ginge man im Kreis: Miederwaren folgen auf Lebensmittel, Elektroartikel auf Spielzeug, Koffer auf Kosmetika und wieder von vorn. Verkaufen die alle dasselbe, oder fehlt einem nur das Verständnis? Und in welcher Halle ist man überhaupt? Eine Lichtenbergerin hilft weiter: »Dit hier is 6.« Nur hier gebe es chinesische Seide.

Dass sich die Seide als reine Kunstfaser entpuppt – geschenkt. Dafür sind die Plastikblumen in Halle 4 aus Papier, und die Filzpantoffeln kosten nur drei Euro das Paar. Und dann steht man plötzlich in einem Lebensmittelladen, dessen Preise es durchaus mit dem KaDeWe aufnehmen können. Eine Jackfruit kostet hier 15 Euro. Im Ernst? Für das Geld kriegt man nebenan einen Rollkoffer. »Wir verkaufen Flugobst«, sagt der junge Geschäftsführer, und da zahle man schon drei, vier Euro für den Transport.

Das Achau24, so heißt der Laden, beliefert im Dreieck zwischen Hamburg, Berlin und Hannover knapp 400 Gaststätten, vom Asia-irgendwas-Imbiss bis zum anspruchsvollen Restaurant. Und es versorgt die vietnamesische Mittelschicht mit all den Dingen, die sie im deutschen Supermarkt vergeblich sucht: Reisnudeln in allen nur denkbaren Varianten, Fischsoße von zwanzig verschiedenen Herstellern, Zimtäpfel, Bananenblüten, Rambutan oder Tamarinden. An der Metzgertheke liegen auch jene Teile vom Tier, die hierzulande sonst unauffällig verschwinden: Hühnerklauen, Rinderhoden, Schweineohren und diverses Gekröse. Die Deutschen guckten sich das alles mit großen Augen an, sagt der Geschäftsführer, nähmen dann aber doch nur ein paar Ingwerbonbons mit. Weil das Angebot zu fremdartig ist oder zu teuer? Er zuckt die Achseln, und man spürt gleich: Die Deutschen sind hier gern gesehen, aber auf sie kommt es nicht an.

Wenn man am Wochenende vorbeischaut, sind auch im Duc Anh nur die Tische vorne an der Wand für Deutsche reserviert. An den anderen feiert abends die Community, was gerade ansteht: Hochzeiten, Einschulungen, Universitätszulassungen.

Heute ist es ein Kindergeburtstag. Mung Day Thang wird fünf, und gut 200 Erwachsene sind seiner Einladung gefolgt. Das Festmahl wird auf großen Platten gereicht: ganze

ESSEN-TRINKEN

ESSEN-TRINKEN

Hühner, die Hälse um den gebratenen Körper gelegt, Klebreiskränze mit Bohnenpaste, Meeresfrüchte, Salate. An der Stirnseite des Raums, dort, wo sonst der große Fernseher hängt, ist eine Tribüne aufgebaut. Hier gibt der Patron Tran Cong Thanh den Conferencier: Er kündigt Tanznummern an, Zauberkunststücke, Quizeinlagen, singt mit markerschütternder Inbrunst traurige Lieder. Dieser Mann, denkt man, wird als Showmaster wiedergeboren werden.

Als guter Gastgeber vergisst er nicht, auch den deutschen Zaungästen immer wieder mal zuzuzwinkern. Die zwinkern zurück, während sie wie immer ihre großen Schüsseln Suppe essen, das Rindfleisch halb roh und das Hühnchen mit Haut und ganz viel Knoblauch. Man ist schließlich nicht zu Hause.

COPYRIGHT: ZEIT ONLINE ADRESSE: http://www.zeit.de/2013/11/Dong-Xuan-Vietnam-Berlin