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Dresscodes: Wie Nazis sich schick machen - NachrichtenLifestyle - WELT ONLINE Seite 1 von 3

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27. März 2008, 12:16 Uhr VON BRENDA STROHMAIER

DRESSCODES

Wie Nazis sich schick machen


Springerstiefel, Bomberjacke, Glatze – das martialische Outfit ist bei Nazis aus der Mode gekommen.
Stattdessen tragen sie nun auch Hiphop-Klamotten und Palästinensertücher. Wer blickt da noch
durch? Annika Eckel von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus klärt auf.

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Foto: dpa

Basecaps und Kapuzenshirts: Auf den ersten Blick könnte man eine Demo von Linken vermuten. Das Banner verrät
die Gesinnung: Hier marschiert die NPD.

WELT ONLINE: In Berlin-Mitte laufen Anwohner gegen ein Geschäft namens Tønsberg Sturm, das ausschließlich die
bei rechtsextremen beliebte Marke Thor Steinar vertreibt. Was genau wird dort eigentlich verkauft?
Eckel: Keinesfalls Springerstiefel und Bomberjacken, wie man sie vielleicht noch im Kopf hat, sondern qualitativ
hochwertige Streetwear. In den letzten Jahren hat sich das Outfit in der rechtsextremen Szene stark verändert, gerade
in Berlin. Auf eine eindeutige stilistische Abgrenzung wird verzichtet, es geht jetzt darum, dezentere rechtsextreme
Codes zu nutzen. Also Symbole, die nicht mehr so eindeutig sind, aber trotzdem von anderen Rechtsextremen erkannt
werden. Und die trotzdem die politischen Gegner provozieren.
WELT ONLINE: Und wie sieht das in der Praxis aus?
Eckel: Auf Pullis sind etwa Runen oder Wikingerschiffe abgebildet. Die Marke spielt aber auch direkt auf
nationalsozialistische Symbolwelten an. Es wird etwa eine Kollektion namens Nordmark verkauft. Das war der Name
eines SS-Arbeitserziehungslagers in der Nähe von Kiel. Es gibt T-Shirts mit dem Aufdruck "Heia Safari", dem
Marschlied des deutschen Afrikacorps während des Zweiten Weltkriegs. Thor Steinar produziert auch Mützen und T-
Shirts, auf denen "Ultima Thule" steht. Das ist der Name einer rechtsextremen Band, spielt aber auch auf den
Untergang eines nordischen Reiches an. Dem Mythos zufolge sind die Überlebenden die Gründer der germanischen
Rasse.
WELT ONLINE: Auch die norwegische Flagge gehört – obwohl der norwegische Staat klagte – zum Symbolrepertoire
der deutschen Marke Thor Steinar. Der Berliner Laden ist gar nach der norwegischen Stadt Tønsberg benannt. Warum
eigentlich?
Eckel: Ich würde vermuten, dass es sich auch hier um einen Bezug zu den Wikingern handelt. Bei dem Wikingerkult

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geht es um die Geschichte eines starken, germanischen Volkes. Thor wurde während der Wikingerzeit in Norwegen
als wichtigster Gott verehrt. Er ist neben Odin der höchste in der Rangordnung der germanischen Götter, und als
Herrscher über Blitz und Donner werden mit ihm Eigenschaften wir Stärke und Tatkraft verbunden. Außerdem gilt er
als Beschützer der Götter und der Menschen vor den Riesen. Stärke, Tatkraft und die Rolle als Beschützer sind
innerhalb des rechtsextremen Selbstverständnisses wichtige Aspekte, vor allem für das Männlichkeitsbild.
WELT ONLINE: Trägt der Nazi dann eigentlich doch heimlich Kleidung mit verbotenen Symbolen wie der
Reichskriegsflagge?
Eckel: Das ist natürlich möglich. Die meisten Kleidungsmarken spielen damit nicht. Die
Palette der Marken und Kleidungsstile ist inzwischen so breit, dass man sich als
Rechtsextremer in jeder Sub- oder Jugendkultur bedienen kann. Die Marke rizist hat etwa
einen ganz klaren Hiphop-Skater-Style. Das Label H8wear (Hatewear)wiederum richtet sich
eher an die Hardcore-Musikecke. Wir nennen es die Pluralisierung rechtsextremer
Jugendkultur. Es gibt ein sehr breites Angebot an Stilen, um einem rechtsextremen
Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen.
WELT ONLINE: Und wie kann man als Laie Nazis dann noch erkennen?
Eckel: Die Vielfalt von Codes macht das schwierig. Es ist Teil unserer Aufgabe, ein gewisses
Foto: privat Grundwissen über rechtsextreme Symbolwelten zu vermitteln. Im Internet gibt es unter
Macht in Berlin gegen www.dasversteckspiel.de eine Art Nachschlagewerk zum Thema, das hilft auf den neusten
Rechtsextremismus
Stand zu kommen.
mobil: Annika Eckel

WELT ONLINE: Kann man schätzen, wie viele dieser Label es gibt?
Eckel: Leider nein, viele verschwinden ganz schnell wieder, manche Label wiederum kommen beispielsweise aus der
Hooliganszene und bedienen eher nebenbei die Rechtsextremen.
WELT ONLINE: Wie ist es denn mit der bei Neonazis einst so beliebten Marken wie Lonsdale. Darf man die
anziehen?
Eckel: Man muss unbedingt zwischen den Marken unterscheiden: Da sind jene, die von der rechtsextremen Szene
genutzt werden, aber gar keine Bezüge dazu haben. Und dann gibt es Marken, die in Internetforen als "von der
Bewegung für die Bewegung" klassifiziert werden. Lonsdale zum Beispiel hat sich ganz explizit von der
rechtsextremen Klientel distanziert und unter dem Motto "Lonsdale loves all colours" antirassistische Konzertreihen
unterstützt.
WELT ONLINE: Und jetzt tragen Nazis kein Lonsdale mehr?
Eckel: Die Kleider sind nicht mehr so beliebt. Es gab aber auch sofort eine Reaktion der Rechtsextremen in Form
einer eigenen Marke, die im Schriftzug sehr ähnlich ist und die Consdaple heißt. Bei Lonsdale sah man ja nur NSDA
auf der Brust, bei Consdaple hat man sogar NSDAP.
WELT ONLINE: Darf ich auch Fred-Perry-Kleider guten Gewissens wieder tragen?
Eckel: Aber ja, das war doch ein jüdischer Tennisspieler aus der englischen Arbeiterklasse. Die T-Shirts waren
damals unter anderem deshalb in der rechten Szene sehr beliebt, weil ein schwarzes Shirt rote und weiße Streifen am
Kragen hatte – also die Farben der Reichskriegsflagge. Es kommt halt immer wieder vor, dass die Rechten sich so
etwas aneignen.
WELT ONLINE: Wie etwa Palästinensertücher und Che-Guevera-Shirts, die man bei rechten Aufmärschen sieht. Will
man so die Linken ärgern?
Eckel: Sicher. Aber Che Guevara wird tatsächlich als Kämpfer für sein Volk verehrt und so sehen die Rechtsextremen
sich ja auch. Es gibt den Ausspruch: "Patria o muerte" – "Vaterland oder Tod", das greifen sie natürlich gerne auf.
WELT ONLINE: Auf einer Protestversammlung gegen den Thor-Steinar-Laden in Mitte kam der Vorschlag auf, es den
Rechten nachzumachen. Normale Leute sollten einfach Nazi-Kleider kaufen, dann machten die Symbole keinen Sinn
mehr. Was halten Sie davon?
Eckel: Das hilft leider nicht. Man muss unbedingt verhindern, dass so ein Laden wie Tønsberg Teil des Mainstreams
wird. Also die Anwohner haben Recht mit ihrem Aufruf: "Keine Geschäfte mit Nazis".
Annika Eckel arbeitet bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) in Berlin. Sie berät Menschen, die
sich in Berlin gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus engagieren. Die MBR wird vom Land Berlin
und dem Bund finanziert.

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