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In der treuen Zofen Runde sass das Fräulein

Kunigunde,
Schaute in den Spiegel.
Ach, ihr Busen war voll Jammer, denn sie lebte in
der Kammer
Hinter Schloss und Riegel.
Nein, sie hatte nichts verbrochen, war zum
Eheweib versprochen
Dem Graf mit Brief und Siegel.
Den Grafen aber mocht' sie nicht, er war am Leib
und im Gesicht
So stachlig wie ein Igel.
Sie wäre gern davongerannt, doch da gab's die
dicke Wand
Aus gebranntem Ziegel.
Draussen spielte in der Nacht Kunigundens
Liebster sacht
Auf Schalmei und Schwiegel.
Nicht von Adel war der Gute, kriegte oft eins mit
der Rute
Oder mit dem Striegel,
Ward gequält wie alle Narren, baute Planwagen
und Karren
Mit und ohne Spriegel.
Doch seit jener Schicksalsstunde, als das Aug' von
Kunigunde
Sich in seinem hat gespiegelt,
War Kunibert nicht mehr zu knechten,
Sprach allem Volk von Menschenrechten,
Hat die Armen aufgewiegelt.
Dann plötzlich ward die Burg gestürmt!
Gundis Papa ist gleich getürmt,
Hat inwendig alles verriegelt.
Sogar ein Graf, welcher verlobt, scheut niedres
Volk, derweil es tobt
(hat sich viel lieber eingeigelt).
Als Gundi Kunibert erblickt', hat doppelt er ihr
Aug' entzückt,
War wie ein Edelmann geschniegelt!
Den Kunibert zog's in die Ferne, sie folgte ihrem
Liebsten gerne,
Hat vorher selbst das Pferd gestriegelt.
Und als sie fragen wollt: "Wie weit...?",
Hat Kunibert der holden Maid
Mit einem Kuss den Mund versiegelt.