Ein schönes Gefängnis Auf der Flucht vor Elektrizität und Mobilfunkstrahlen.

Gunilla Ladberg
Übersetzung aus dem Schwedischen von Ingrid von Brandt
Flüchtlinge im eigenen Land.
Dieses Buch handelt von Menschen, die in ihrem eigenen Land zu
Flüchtlingen wurden, nachdem sie überempfindlich gegen
Elektrizität und Strahlung wurden, die von der neuen drahtlosen
Kommunikationstechnik ausgeht.
Ich selbst bin nicht betroffen, auch niemand in meiner Familie.
Aber seitdem ich die Gefahren erkannt habe, die von
Mobiltelefonen und anderer Funktechnik ausgehen, habe ich
begonnen, darüber zu schreiben und ich lernte immer mehr
Menschen kennen, die von an der elektromagnetischen Strahlung
leiden. Einigen von ihnen ging es so schlecht, das sie ihr Haus
und ihre Arbeit aufgeben mussten und sich möglichst weit
entfernt von Stromquellen und Mobilfunkmasten in den Wald
zurückgezogen haben.
Mich machen diese Schicksale sehr betroffen: Hier gibt es
Menschen, die in ihrem eigenen Land zu Flüchtlingen wurden! Und
nicht durch Kriegsereignisse oder Terror, sondern durch unsere
eigene Technik. Sie sind Flüchtlinge in einem der sichersten
Länder der Erde, oder vielmehr was es früher war – vor dem
Zeitalter der IT Technik und dem Ausbau der drahtlosen
Kommunikation.
Die Geschichten dieser Menschen müssen öffentlich gemacht
werden. Das sind wir (noch) gesunden denen, die so schwer
betroffen sind, einfach schuldig. Aber das Thema geht auch uns
alle an. Die Elektrosensiblen sind Menschen wie du und ich. Das
Einzige, was uns von ihnen unterscheidet, die fliehen müssen
ist einfach Glück, nichts sonst.
Ich bin viel in Schweden herumgereist und habe zwanzig der
vielen hundert Flüchtlinge besucht, die dem Schwedischen
Verband der Elektrosensiblen, dem „Elöverkänsligas Riksförbund“
(1), angehören. Ihre Leidensgeschichten habe ich mir erzählen
lassen und möchte sie im folgenden wiedergeben.
Da sich bestimmte Dinge bei fast allen Betroffenen
wiederfinden, habe ich diesen Themen je ein eigenes Kapitel
gewidmet.
Einige der Betroffenen wollten anonym bleiben, andere wollten
sich mit ihrem vollen Namen vorstellen. „Ich finde, wir tragen
alle eine Verantwortung, darum will ich von mir selbst
berichten“, sagt einer von ihnen. Ich habe allen Personen in
diesem Buch erfundene Namen gegeben, um ihre Identität zu
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt, E-Mail: Ingrid.vonbrandt@t-online.de

1

schützen. Entscheidend ist die Erkenntnis, es könnte jeden von
uns treffen.
Mein Dank geht an alle Freunde, die ich hier Maria, Siv, Björn,
Klas, Mia, Eva, Thomas, Inger, Birgit, Naser, Irène, Kenneth,
Johannas Vater und Jonas’ Mutter nenne.
Ich danke Euch dafür, dass ihr hier so offen und mutig eure
schmerzlichen Erlebnisse berichtet habt.
Ich danke Euch, dass ihr die Energie aufgebracht habt.
Ich danke Euch für Euer Vertrauen. Ich habe versucht, das beste
zu geben, um euch allen gerecht zu werden.

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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt, E-Mail: Ingrid.vonbrandt@t-online.de

2

Inhalt:
Flüchtling im eigenen Land

x

Inger
„Drei Tage veränderten mein ganzes Leben“

x

Die unmögliche Flucht

x

Klas
„Ja, das ist ein schönes Gefängnis“

xx

Die Symptome: unterschiedlich, wechselnd und mit ständiger
Verschlimmerung
xx
Maria
„Als wären wir Aussätzige“

xx

Schwieriger Alltag

xx

Kenneth
„Ich dachte, ich hätte eine Psychose“

xx

Wenn man Familie und Freunde verliert

xx

Nicht nur Erwachsene

xx

Misstrauen und Ärger mit Behörden

xx

Menschenrechte in Theorie und Praxis

xx

Hört ihnen zu!

xx

Quellennachweis und Literatur

xx

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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt, E-Mail: Ingrid.vonbrandt@t-online.de

3

Inger
„Drei Tage veränderten mein ganzes Leben“
Ich bin seit viereinhalb Jahren elektrosensibel. Das kann so
schnell gehen. Nur drei Tage veränderten mein ganzes Leben. Es
passierte im Juni 2002, nachdem ich einen neuen Computer
bekommen hatte. Meine Tochter war ausgezogen und mein Mann war
mit seinen Schülern auf Klassenfahrt. Die Sommernächte waren
herrlich, ich arbeitete am Computer an einem neuen Programm.
Schon am ersten Abend hatte ich Probleme mit den Augen. Ich sah
alles vernebelt. Es war warm und ich dachte, ich hätte zu wenig
getrunken. Aber auch ein Glas Wasser half nicht. Am nächsten
Abend spürte ich ein Stechen im Gesicht und mir wurde
schwindlig. Dann trank ich ein Glas Wein, weil ich dachte, das
könnte helfen! Am dritten Abend saß ich wieder am PC und dann
wurde ich ohnmächtig. Ich verstand nicht, was los war. Ich
setzte mich vor den Fernseher und dann erfasste es meinen
ganzen Körper und wieder wurde mir schwindlig und ich hatte
Sehstörungen. Am nächsten Morgen konnte ich mich weder vor dem
Gefrierschrank, noch neben dem Kühlschrank oder am Herd
aufhalten.
Lange Gespräche am schnurlosen Telefon.
Ich war damals halbtags in einer Apotheke beschäftigt und hatte
dort seit den 80ger Jahren auch am Computer gearbeitet. Ich
hatte lange gezögert, mir ein Handy anzuschaffen. Zu Hause
hatte ich aber ein schnurloses Telefon und das benutzte ich
intensiv. Ich war politisch aktiv, und darum führte ich häufig
lange Telefonate.
Als das alles passierte, rief ich eine Bekannte an und fragte
sie nach den Symptomen für Elektrosensibilität. Und sie
berichtete von typischen stechenden Schmerzen im Gesicht. Da
brach ich zusammen. Ich lag drei Tage in der Hängematte und
heulte nur noch, denn nun wusste ich, ich betroffen war.
Was sollte ich tun? Ich konnte nicht mehr in meinem Haus
bleiben. Ich lieh mir einen Wohnwagen und lebte eine Zeitlang
darin. Aber als es im Herbst kalt wurde, musste ich ihn heizen.
Und das führte dazu, dass ich auch diese Bleibe aufgeben
musste. Ich konnte die Strahlung der Batterie nicht ertragen.
Dann fanden wir glücklicherweise eine Hütte im Wald an der
Grenze zur Provinz Dalarna. Dort gab es kein fließendes Wasser,
keinen Strom und nur eine Außentoilette. Die Heizung bestand
aus einem nicht sehr effektiven Kaminofen. In der Hütte wohnte
ich alleine. Mein Mann kam mich besuchen und brachte mir
frische Wäsche, Wasser, Gas und Essen. Ich wohnte von Oktober
bis November ohne Heizung, aber dann wurde es zu kalt. Wieder
fanden wir eine andere Hütte - auch ohne Wasser aber mit einem
Holzherd. Dort verbrachte ich den ganzen Winter. Es war drei
Wochen durchgehend minus 25° C und im Haus herrschten
Temperaturen um die Null Grad. Ich schlief mit mehreren Decken
übereinander. Ich kratzte morgens das Eis vom Fußboden und das
Wasser im Hundenapf gefror. Ich hatte eine Reisetasche mit
sauberer Unterwäsche und als ich sie aufmachte waren große
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

4

Eisstücke darinnen. Aber ich hielt es aus, ich hatte ja keine
andere Wahl.
Ich wohnte unter einem Wurzelteller
Eines Morgens wachte ich auf und es ging mir besonders
schlecht. Eine Freundin kam zu mir und holte mich ab. Sie sagte
zu mir: „Du bist ja weiß wie Kreide“. Sie fuhr mich in unser
Haus. Ich weiß nicht mehr, wie ich dort hinkam. Ich merkte nur,
dass die Strahlung stärker geworden war. Später erfuhr ich,
dass in meiner Nähe ein Mobilfunk-Sendemast für das neue
Navigationssystem für die Lastwagenfahrer errichtet worden war.
Nein, ich konnte nirgendwo mehr bleiben. Schließlich fand ich
im Wald einen Wurzelteller, unter dem ich wohnen konnte. Es war
mitten im Winter, aber ich schlief dort meistens nur. Tagsüber
wanderte ich umher. Alles drehte sich ums reine Überleben.
Dann kauften wir einen Bauwagen und darin ging es mir
wunderbar! Der konnte neben unsrem Haus stehen, so dass ich mir
mein Essen aus dem Haus holen konnte. Aber es gab keine
Heizung. Ich kaufte eine Gasheizung, die ich nur tagsüber
anstellte.
In dieser Zeit führte ich einen intensiven Briefwechsel mit der
Gemeinde. Nach einem langen Hin und her bekamen wir einen
Zuschuss um unsere Hauselektronik sanieren zu lassen. Ich bekam
50 000 Kronen, musste aber selbst 70 000 Kronen aufbringen. Im
Dezember 2003 konnte ich wieder nachhause zurückkehren. Aber
schon nach einem Monat ging es mir wieder schlecht. Warum? Ein
neuer UMTS-Sender war in 3 km Entfernung von unserem Haus
installiert worden. Und wieder fing alles von vorne an.
Ich habe kein Zuhause mehr.
Schließlich fand ich das Haus, in dem ich jetzt mit ein paar
anderen sensiblen Menschen zusammenlebe. Das Haus war anfangs
in einem schrecklichen Zustand: nur Lehmböden, keine Toilette
und keine Heizung. Nach und nach konnten wir einiges
verbessern. Die Elektrik ist hier auch nicht in Ordnung, aber
für Menschen, die so geschädigt sind wie wir, ist es schwer,
etwas Akzeptables zu finden.
An meine Zufluchtsorte habe ich nie meine persönlichen
Gegenstände mitgenommen. Was ich hier habe, bekam ich alles
geliehen oder geschenkt. Immer hatte ich die Hoffnung, dass ich
wieder heimkehren könnte. Aber diese Hoffnung habe ich jetzt
aufgegeben.
Ich nahm dann doch einige Sachen mit hierher, zum Beispiel
meinen Küchentisch. Und ich vergesse nie das Gefühl, das ich
hatte, als er endlich hier stand. Ich setzte mich hin und
weinte. Das ist mein Tisch, meine Kratzer und Scharten... Ich
begann, mehr und mehr Sachen von zuhause mitzubringen. Aber
zurück nach Hause konnte ich nicht Nein für mich gibt es kein
Zuhause mehr.

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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

5

Die Scheidung
Als eine Zeit vergangen war, zerbrach unsere Ehe nach
zweiunddreißig Jahren.
Mein Mann konnte es nicht mehr bei mir aushalten. Er brachte
mir zwar alles, was ich brauchte, beispielsweise Essen,
Kleidung und Zeitungen. In praktischen Dingen war er ganz
fürsorglich, brachte mir auch Schokolade, die ich nicht
bestellt hatte mit. Aber er schlief nicht bei mir. Meine
Wochenenden waren einsam.
Im Sommer 2005 hatte ich eine Menge Ideen, was wir hier alles
unternehmen könnten: Wir könnten Wanderungen und Kanutouren
unternehmen, einfach herumlaufen und Hütten suchen, aber er
sagte zu allem Nein. Schließlich sprach ich mit ihm über unsere
Situation. Es war ein kurzes Gespräch. Ich fragte ihn: „Wie
fühlst Du Dich?“ Wie sollen wir weiterleben? Sollen wir
versuchen, ein Haus im Wald zu bauen, wo wir beide wohnen
können?“ Er sagte: „Ich weiß nicht, aber ich kann mir nicht
vorstellen, so wie Du zu leben – so ohne Fernsehen, ohne Radio
und alles.“ „Dann ist es wohl besser, wenn wir uns trennen und
jeder sein Leben lebt?“ Ja, das fand er auch. „ Sollen wir uns
denn scheiden lassen?“ Da sagte er „Ja, das kostet 450 Kronen
und ich bezahle es auch!“ So ging in zehn Minuten unsere
32jährige Ehe zu Ende.

Meine Tochter reagierte auf unsere Scheidung mit Wut und
Enttäuschung.
Meine Tochter zog sich eine Zeitlang aus Enttäuschung und
Unverständnis vor mir zurück. Jetzt ist das Verhältnis wieder
besser und ich habe ein wunderbares Enkelkind, das ich oft
sehe. Sie bringt es oft zu mir. An Weihnachten war ich für drei
Stunden bei meiner Tochter um gemeinsam Geschenke auszupacken
und gemeinsam zu essen. Ich dachte, ist es schon in Ordnung,
wenn ich mich nur nicht übergeben muss oder ohnmächtig werde.
Bücherbus
Auf jeden Fall gab es auch kleine positive Erfahrungen, denn
ich konnte einige Dinge für uns organisieren: Aufgrund meiner
politischen Erfahrung weiß ich wie man etwas auf den Weg
bringen kann. Auch wir Elektrosensiblen haben das Recht auf
einen Fahrdienst und auf Krankenversorgung zu Hause. Ich habe
erreicht, dass der Bücherbus zu uns kommt. Wir können ja nicht
mehr in die Bibliothek fahren, daher ist der Bücherbus für uns
der einzige Zugang zur Kultur. Wenn wir zum Bus kommen, stellt
der Fahrer immer den Motor ab und schaltet den Computer, die
Leuchtstoffröhren und das Handy aus. Wenn wir die Bücher
ausgesucht haben, steigen wir aus, damit der Busfahrer die
ausgeliehenen Medien im Computer registrieren kann.
„Das hier ist Dein Leben“
Vor zwei Jahren bekam ich aufgrund meiner schwierigen Situation
eine Depression. Sie entstand, nachdem ich erkannt hatte: Das
hier ist Dein Leben; es gibt kein Entrinnen, denn ich bin
einfach sehr stark geschädigt.
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

6

Man bekommt nicht mehr mit, was in der Gemeinde und auf der
Welt passiert. Es geht auch um ganz banale Sachen: Gestern rief
mich eine Freundin aus Bangkok an. „Ich will nur erzählen, dass
es mir gut geht“, sagte sie. „Ja, warum sollte es Dir nicht gut
gehen?“ „ Hier um mich herum wird überall geschossen“,
antwortete sie. Ich hatte keine Ahnung, dass es in Bangkok
einen Terroranschlag gegeben hatte. Man ist nicht mehr auf dem
Laufenden. Eine Zeitung ist teuer und wenn man elektrosensibel
ist, dann sind die finanziellen Mittel meist ziemlich knapp.
Nichts ist für uns mehr selbstverständlich. Aber es ist oft nur
eine Kleinigkeit, die für uns große Verbesserungen bringt: so
soll ich jetzt eine Propangas-Lampe bekommen, damit ich nicht
immer auf Kerzenlicht angewiesen bin. Das ist großartig.
Ich werde dabei sein, wenn wir Recht bekommen
Das Leben läuft nicht mehr den gewohnten Gang. Das ist kein
richtiges Leben, und jetzt, nachdem es hier schwieriger
geworden ist, denke ich: Nein, noch einmal ziehe ich nicht mehr
um. Das schaffe ich nicht. Die Belastung ist auch hier viel
stärker geworden. Eine Jahr lang hatte sich vieles verbessert.
Ich hatte mich nicht mehr übergeben müssen und war nicht mehr
so schwindelig. Auch die übrigen Krankheitssymptome waren nicht
mehr so stark wie vorher. Aber jetzt ist leider eine
Verschlimmerung eingetreten.
Gestern passierte etwas, das mir nie vorher passiert war. Ich
war für 10 Minuten bei Klas, um in seinen Computer zu schauen.
Doch dann drehten sich plötzlich meine Augen nach innen, so als
würde ich schielen, nur noch stärker. Ich war gezwungen, erst
mit dem einen Auge zu sehen und dann mit dem anderen. Es
dauerte ein paar Minuten, bis sich wieder die Augen wieder
richtig stellten. Ich hatte Todesängste.
Es geht um die Lebensgrundlagen, ein Dach über dem Kopf zu
haben, nicht frieren zu müssen. Außerdem geht es einem so
furchtbar schlecht. Man wird nicht erst genommen. Und man
versteht auch selbst nicht, was eigentlich los ist. Ich war
politisch aktiv und hatte einen vollen Terminkalender und
innerhalb von drei Tagen war mit allem Schluss.
Ich habe oft Selbstmordgedanken. Es vergeht kein Tag, an dem
ich nicht darüber nachdenke, wie das hier alles einmal enden
wird. Aber heute bekam ich eine neue Lampe! Und meine Enkelin
wird kommen. Das ist es, was mich davon abhält, zur Tat zur
schreiten. Und ich will über uns Elektrosensible schreiben und
berichten. Ich will dabei sein, wenn wir Recht bekommen. Wenn
wir sagen können: Haben wir es nicht gesagt? Warum habt ihr
nicht auf uns gehört?

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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

7

Die unmögliche Flucht
Die meisten Flüchtlinge, die ich interviewt habe, hatten
bereits an vielen verschiedenen Orten Zuflucht gesucht. Hierbei
geht es aber nicht um Umzüge, wie wir es kennen, wenn wir eine
neue Wohnung gefunden haben. Es waren buchstäblich Fluchten.
„Ich floh vor Strom und Mikrowellen, und es ging ums Überleben.
Ich hatte keine andere Wahl. Es war der reine
Überlebenswillen“, sagt Maria.
Eva und Thomas flüchten
Eva ist elektrosensibel, ihr Mann Thomas ist damit indirekt
auch betroffen. Beide müssen ihr Leben einschränken und er muss
jedes neue Haus umständlich umbauen und anpassen, damit Eva
darin wohnen kann. Als ich Thomas bat, zu erzählen, antwortete
es: „Ja, Evas Geschichte ist auch meine Geschichte. So ist es
seit mehr als dreißig Jahren.
Zwei Jahre im Keller
Eva: Wir wohnten in Järna (in der Nähe von Stockholm) bis es
nicht mehr ging. Denn, ich wurde immer empfindlicher. Wir
konnten unser Haus nicht elektrosanieren, denn es gab dort ein
zu starkes Magnetfeld. Im Keller ging es mir etwas besser,
darum wohnte ich zwei Jahre lang im Keller des Hauses. Zwei
Jahre lebte ich im Dunkeln und sah kein Tageslicht, es gab nur
kleine Kellerluken. Aber schließlich mussten wir Järna
verlassen.
Wir kauften uns ein kleines Sommerhaus außerhalb von
Södertälje, rund 20 Kilometer von Järna entfernt. Thomas
richtete die Hütte her, isolierte sie und baute zusätzlich eine
Garage und ein Gästehäuschen. Als wir in das Haus einzogen,
wohnte dort nur eine Person. Als wir dort wegzogen, waren es
inzwischen 13 bis 15 Menschen, die sich dort dauerhaft
eingerichtet hatten. Sie waren gut ausgerüstet, beispielsweise
mit Fernsehen und Alarmanlage. Und dann kam der Ausbau mit
Mobilfunktechnik: Auf der anderen Seite des Sees wuchs ein Wald
aus Sendemasten empor.
Mir ging es daraufhin immer schlechter, mein Körper vibrierte,
es war unerträglich. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen,
darum ging ich draußen spazieren. Ich nahm unseren Hund mit und
wanderte im Wald herum.
Thomas: „Ja, wir mussten auch von dort wieder wegziehen. Wir
mussten das Haus wieder aufgeben. Wir kauften einen Wohnwagen,
den Eva an einem ruhigen Platz aufstellen wollte. Dann
verkauften wir die Hütte und zogen ungefähr 20 Kilometer weit
nach Björnlunda. Wir fanden dort ein schönes Haus, das wir
elektrisch sanierten.“
Totalschaden.
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

8

Eva: Es ging mir dort gut, es war toll, die Hölle im Kopf
verschwand und ich schlief wieder gut. Ja ich konnte immer
schlafen. Dann kamen die neuen Stromzähler. Und da brach wieder
alles zusammen. Wir konnten zum Glück den alten Zähler
behalten, aber der Zähler des Nachbarn hing am gleichen
Stromkreis und störte unsere Sanierung. Wir konnten es
nachmessen. Vattenfall war nicht davon begeistert, aber wir
sind schon daran gewöhnt, dass man uns als Verrückte
Wir kauften für 16000 Kronen (€ 1600.-)einen Filter; daraufhin
wurde es zwar nicht deutlich besser, aber damit konnte ich es
zumindest aushalten. Aber dann passierte wieder etwas Neues,
worauf ich es nicht mehr im Freien aushalten konnte - man hatte
einen Probebetrieb mit WIMAX Breitband-Funk aufgenommen. Ich
lief schwankend herum und das Atmen fiel mir schwer.
So kamen wir hierher. Diese Hütte mieteten wir im letzten
Sommer und wohnten hier versuchsweise in den Ferien. Hier war
es traumhaft. Wir fuhren wieder zurück nach Sörmland, Thomas
kündigte seinen Job, wir verkauften unser Haus in Järna und
kamen hierher. Jetzt leben wir von meiner Pension.
Wir haben hier so wenig elektrische Installationen wie möglich.
Zur Küchenlampe führt ein abgeschirmtes Kabel. Wir haben eine
Außentoilette und im Winter haben wir manchmal am Morgen nur 11
Grad im Haus. Wir wohnen malerisch, aber wir sind in einem
Alter, in dem man eigentlich gerne bequemer wohnt. Wir hatten
eben keine andere Wahl und mussten unser schönes warmes Haus
gegen eine Hütte mit Außenklo tauschen.
Elisabeths Flucht
Elisabeth wurde krank, als sie eine neue Arbeitsstelle antrat
und dort begonnen hatte, am Computer zu arbeiten.
„ Ich bekam eine Ausbildung als Grafikdesignerin und arbeitete
am PC. Das war toll! Das wollte ich lernen. Nach der Ausbildung
machte ich ein Praktikum in Enköping. Aber schon nach drei
Wochen war ich fix und fertig. Ich litt unter Schwindelgefühlen
und Herzbeschwerden, Haut- und Augenreizungen, Kopfweh und
Müdigkeit und war völlig unkonzentriert“. Dann verschlechterte
sich Elisabeths Zustand mehr und mehr.
„Im Januar 2005 kam der neue Stromzähler von Vattenfall, und
das war das Schlimmste. Ich bekam schlimme Symptome und es ging
mir sehr schlecht. Als ich mit Vattenfall Kontakt aufnahm,
waren sie anfangs kooperativ, kamen und bauten mir einen Filter
ein. Das half aber nichts. Es ging mir nicht besser, auch unser
Messgerät zeigte keine Veränderung. Als wir uns bei Vattenfall
wieder beschwerten, änderten sie plötzlich ihre Haltung uns
gegenüber. Wir schrieben nochmals an Vattenfall, diesmal an die
höchste Ebene, aber wir bekamen zur Antwort, sie seine nicht
zuständig, sie könnten nichts mehr tun“.
Eine Nacht hier, eine Nacht dort...

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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

9

Damals konnte ich nicht mehr im Haus schlafen. Ich übernachtete
draußen, eine Nacht hier, eine Nacht dort. Das war nicht immer
leicht, es ist schwer, passende Orte zu finden, wenn man
elektrosensibel ist. Dann richtete ich mir meinen alten
Wohnwagen her, der im Garten stand und schlief nun dort. Das
ging eine Weile lang gut. Tagsüber war ich so viel wie möglich
im Freien, und wenn ich drinnen war, schaltete ich oft den
Hauptstrom aus.
Aber es ging mir trotzdem im Frühling immer schlechter. Ich
verreiste für eine Woche an einen Ort, wo ich mich ganz gut
erholte. Als ich aber wieder heimkam ging es mir wieder so
schlecht wie davor. Ich hatte das Gefühl, dass ich einfach weg
musste, nur weg. Aber wohin? Da las ich in der Zeitung der
Elektrosensiblen („Ljusglimten“)über ein Haus in Grangärde im
Süden Dalarnas. Mein Freund fuhr mich dorthin.
Dort lebte Erika, eine junge Frau, die stark elektrosensibel
war und natürlich meine Probleme verstand. Ich konnte nicht
schlafen und war ganz aufgekratzt. Und ich hatte Angst,
furchtbare Angst. „Wird das jetzt mein Leben lang so bleiben?“
Es war so furchtbar, nicht zu verstehen, was im Körper vor sich
ging.“ Erika sagte mir: „Du kannst machen, was Du willst.
Schreiben, weinen, kämpfen, was Du willst, nur nicht aufgeben!“
Ich weinte und trat wütend gegen die Bäume.
Nach zwei Monaten war es richtig schön in Grangärde. Das war
ein alter Bauernhof und ich wohnte in meinem Wohnwagen weit weg
vom Haus. Anfangs schlief ich fast gar nicht. Die ganze Nacht
war ich unruhig. Ich lag nächtelang wach und war schließlich
ganz verzweifelt. Am liebsten ging ich in den Wald, wo ich
weinte und gegen die Bäume trat..... Jeden Tag dachte ich: „Was
soll ich nur machen?“ So allmählich begann sich mein Körper zu
beruhigen und als ich nach zwei Monaten wieder heimfuhr, ging
es mir besser.
Dann hatten meine Freunde für mich eine Hütte bei Sala (in der
Nähe von Uppsala) gefunden. Sie waren dort und hatten den
Elektrosmog gemessen und gute Werte gefunden. Ich fuhr dorthin
zum Probewohnen. Es war eine süße kleine Hütte mitten im Wald.
Ich schlief dort nur eine Nacht. Aber ich schlief so schlecht
und am Morgen hatte ich schlimme Schmerzen im Hals und in der
Luftröhre, so dass ich kaum Luft bekam. Ich musste einfach weg.
Ich holte sofort meine Sachen und zog wieder in den Wohnwagen
zurück. Ein neues Problem: Wohin sollte ich jetzt gehen? Hier
saß ich allein im Wald fest, ohne Telefon und konnte kaum Auto
fahren. Als der Besitzer der Hütte erfuhr, dass ich sie nicht
kaufen wollte, verlangte er, dass ich innerhalb von zwei Tagen
mit meinem Wohnwagen weg fahren sollte. Panik!
Dann begann der Wanderzirkus. Mit Hilfe meines Sohnes und
meiner Freunde zog ich mehrmals mit meinem Wohnwagen um. Ich
versuchte, bei Freunden und deren Bekannten zu bleiben. Aber
überall ging es mir mehr oder weniger schlecht. Einen Monat
lang wohnte ich bei Freunden außerhalb von Bålsta in der Nähe
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

10

von Stockholm am Mälarsee. Es war so schön, bei Freunden zu
wohnen und es war viel näher an meiner Heimat, so bekam ich
auch wieder mehr Besuch. Aber auch dort konnte ich es nicht
länger aushalten. Als ich merkte, dass ich dort nicht bleiben
konnte, fühlte ich mich sehr verzweifelt.
Allein auf einem leeren Campingplatz
Einmal hatte ich mir einen Campingplatz bei Västerås (westlich
von Stockholm) angesehen. Schließlich sah ich keinen anderen
Ausweg, als dort hinzuziehen. Das war der fünfte Umzug
innerhalb von zweieinhalb Monaten.
So lebte ich im trüben November allein auf einem leeren
Campingplatz. Meine Familie und Freunde suchten noch immer nach
einer Wohnung, aber alle Vorschläge endeten in einer Sackgasse.
Ich selbst saß in meinem Wohnwagen und konnte nur Briefe
schreiben. Ich fühlte mich so hilflos.!
Eine Menge Probleme hatten sich aufgetürmt. Wohin sollte ich im
Frühling gehen? Ich wusste, dass ich auf dem campingplatz nicht
bleiben konnte, wenn die Leute mit ihren Elektrogeräten und
Handys kämen. Wovon sollte ich leben? Ich war nicht mehr
krankgeschrieben. Würde ich Krankengeld bekommen und wie hoch
wäre das? Wer könnte mich beim Hauskauf beraten? Es schien mir
ganz unmöglich, eine Bleibe mieten zu können. Die Beziehung zu
meinem Freund wurde immer anstrengender und schwieriger.
„Ich war in einer schlechten Verfassung, als ich auf dem
Campingplatz ankam. Der Umzugsstress und die schlechte
Wohnsituation hatten mir arg zugesetzt.“
Elisabeth musste dann noch mehrmals umziehen, bevor sie ihre
jetzige Wohnung fand, in der die Situation zwar immer noch
nicht optimal ist, aber doch bedeutend besser als vorher. Die
Beziehung zu ihrem Freund ist inzwischen zerbrochen.

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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

11

Überstürzte Flucht
Manchmal wird man gezwungen, innerhalb von Minuten zu
verschwinden, um dann nicht mehr wiederzukommen.
Björn: „Am ersten Juni 2003 wachte ich um drei Uhr nachts zum
letzten Mal in unserem alten Haus auf. Mein Herz raste, die
Haut brannte, höllische Schmerzen auf der Zunge und
unlöschbaren Durst. Es wurde von Minute zu Minute immer
schlimmer. „ Der Elektrozaun! Zum Teufel! Ab ins Auto. Flucht!
Um Mitternacht hatte der Nachbar ohne Vorwarnung zum ersten Mal
in der Saison seinen Elektrozaun aufgebaut. Diesen Zaun, hatten
wir mehrere Jahre lang angeschaltet, wenn wir wegfuhren und
abgeschaltet, wenn wir heimkamen. Nun sollte er die ganze Zeit
angeschaltet sein. Die Besitzerin, eine Krankenschwester hatte
keine Lust, auch in ihrer Freizeit auf Invalide Rücksicht zu
nehmen. Es reichte ihr in ihrer Arbeit. Und das, obwohl sie
keinen Zweifel an unserer Elektroempfindlichkeit hatte.
Nach ein paar Tagen bekamen wir einen schlecht isolierten
Wohnwagen geliehen. Es war gut, denn in unserem Volkswagen war
es doch ein bisschen eng.
Probewohnen
Probewohnen ist ein Wort, das ich noch nie zuvor gehört hatte,
bevor ich diese Menschen getroffen hatte. Die Elektrosensiblen
müssen oft eine Zeit lang auf Probe wohnen, um zu testen, ob es
für sie dort erträglich ist. Das liegt an den stark
unterschiedlichen Belastungen. Die Menschen, die sich am ersten
Tag relativ gut gefühlt haben, können es möglicherweise nach
einer Woche nicht mehr aushalten. Also muss man Probewohnen –
eine neue Wortschöpfung.
Kenneth: „Bevor ich eine Wohnung miete oder ein Haus kaufe,
muss ich dort Probewohnen. Bis jetzt bin ich ungefähr 25 bis 30
mal umgezogen. Ich habe im Auto oder im Zelt geschlafen. Und
ich habe auch einen Wohnwagen.
Wir „normalen“ Menschen besichtigen eine Wohnung, entscheiden
uns und ziehen ein. Vor einem Hauskauf oder der Anmietung einer
Wohnung ist es nur selten möglich, Probe zu wohnen, und der
Makler wird sich einigermaßen wundern, wenn Sie ihn darum
bitten werden.
Fast alle, die ich interviewt habe, haben mehrfach zur Probe
gewohnt. Aber manchmal geht das nicht. Man lebt immer mit dem
Risiko, hinterher festzustellen, dass man hier nicht bleiben
kann.
Und was ist morgen?
Die elektromagnetische Belastung ist an einem bestimmten Platz
selten konstant, sondern schwankt dauernd, aber die
Gesamtbelastung nimmt überall allmählich zu.
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

12

Björn: Wenn unsere Nachbarn mit ihren Handys in ihre Hütte
kommen, müssen wir sofort von hier verschwinden. “Wenn ihr
unsere Handys nicht vertragt, dann könnt ihr ja wegfahren, wenn
wir kommen“ sagen sie. ‚Ja, aber dann könnt ihr uns vielleicht
anrufen und vorwarnen, damit wir Bescheid wissen, wann ihr
kommt.“ sagten wir. Nein, das wollen sie aber nicht. Darum
müssen wir immer auf dem Sprung sein, loszufahren. Und wir
wissen nie, wie lange wir wegbleiben müssen.“
Mia: „ Man hat nie seine Ruhe, weil man nie weiß, was am
nächsten Tag passiert. Kann man wohnen bleiben? Hier ist es
jetzt schlimmer als damals, als ich herkam. Kann man sein
eigenes Haus noch betreten? Ein Teil der Politiker fordert
funkfreie Krankenhäuser und so weiter. Aber die Wohnungen sind
doch viel wichtiger. Wir sind keine Menschen, uns gibt es
nicht, uns kann man nicht finden.
Wir sind von der Strahlung Gejagte, so fühlen wir uns. Man
fühlt sich gejagt. Die ganze Zeit.
Klas
„Ja, das war ein schönes Gefängnis“
Als wir zu Klas’ kleiner Hütte kommen, rutscht es mir heraus
„Schön hast du es hier am See“. Ja, sagt Klas, das ist ein
schönes Gefängnis, ich lebe hier in der Verbannung.
Klas kann bestimmte Geräte anwenden, die andere
Elektroflüchtlinge nicht mehr benutzen können. In seiner Hütte
hat er sich ein Studio eingerichtet, worin alle Apparate und
Instrumente nach allen Regeln der Technik so abgeschirmt sind,
dass sie möglichst wenig belastende elektromagnetische
Strahlung aussenden. Wenn er alles abschirmt und wegschließt,
kann er gut arbeiten, solange auch die Umgebung des Hauses
nicht zu sehr belastet ist.
„Ich habe in der Werbebranche gearbeitet und ich komponiere
auch. Jetzt arbeite ich gerade an einem Musical. Im Jahr 1995
hatte ich für meine Firma Telefonbereitschaft. Ich trug das
Handy in der Gesäßtasche und eines Tages, als ich heimkam,
hatte ich einen rote Fleck auf meinem Gesäß. Da dachte ich mir,
irgendetwas stimmt nicht mit dieser Technik. Seitdem habe ich
kein Handy mehr benutzt. Stattdessen benutze ich einen Piepser
(einen sog. Minicall)
Zunehmende Schweißausbrüche und Unlust.
Bis 1999 passierte nichts. Dann bekam ich einen Job als
Webdesigner und Multimediaproduzent. Als ich aber an meinen
Arbeitsplatz kam und anfing zu arbeiten, war es, als liefe mein
Körper Amok. Ich bekam rasende Schweißausbrüche. Ich habe nie
viel geschwitzt, aber jetzt war es so, dass mir die Augen
tränten und ich mir fünf Mal am Tag die Füße waschen müsste.
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

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Ich merkte, dass ich nur 80 cm von einer DECT-Station entfernt
saß und außerdem drei Bildschirme um mich herumstanden.
Dann wurde ich unkonzentriert und apathisch. Ich musste mir
Listen schreiben und abarbeiten, andernfalls wäre ich nur
dagesessen und hätte aus dem Fenster geschaut. Es war
frustrierend und ich verlor mein Selbstvertrauen. Ich konnte
keinen Text mehr Korrektur lesen und ich verlor immer schneller
den Faden. Als ich zum dritten Mal zum Chef ging und er mir
sagte, dass ein Fehler immer noch nicht korrigiert sei, wollte
ich nur noch heulen.
Ich konnte nicht mehr schlafen
Als im Jahr 2002 die gesamte IT Branche zusammenbrach, wurde
ich zum Glück entlassen. Ich tat dann viel für meine Gesundheit
und begann, mich viel zu bewegen. Ich ging zum Training, aß gut
trank fast keinen Alkohol. Aber im November 2003 konnte ich
plötzlich nicht mehr schlafen. Das dauerte 5 ½ Monate. Ich lag
nächtelang wach, schlief vielleicht eine Stunde, das kostete
viel Kraft.
In dieser Zeit begann ich, mich ein bisschen mehr in meiner
Umgebung umzusehen und als ich auf die Dächer um mich herum
schaute, fragte ich mich: Was ist denn hier passiert? Ich hatte
keine Ahnung was das war, darum suchte ich im Internet und fand
heraus: Man hatte hier eine neue Technik eingeführt. Ich
entdeckte einen Sender im Abstand von 220 m von meiner Wohnung
entfernt und 110 Meter von meiner Arbeitsstelle einen zweiten.
Konnte meine Schlaflosigkeit damit zusammenhängen? Ich fing an,
mich zu beobachten. Ich mietete ein Haus außerhalb des Ortes in
einer unbelasteten Umgebung, um herauszufinden, ob ich dort
besser schlafen könnte. Schon in der ersten Nacht schlief ich
ziemlich gut und in der zweiten Nacht sogar sehr gut.
Es ist so, als würde man den Lautstärkeregler aufdrehen
Dann lieh ich mir das Auto meiner Eltern und pendelte nach
Karlstad am Vänersee. Wenn ich in die Nähe des dortigen Senders
kam, war es, als würde man den Stärkeregler aufdrehen: Alle
Muskeln verkrampften sich. Ich machte einen Test. Ich näherte
mich sämtlichen UMTS-Masten um zu sehen, was passieren würde.
Ich wollte die rein körperliche Reaktion von der psychischen
unterscheiden. Jedes Mal, wenn ich näher als 50 Meter an einem
Sender war, begann ich zu zittern, bekam Herzflimmern, fühlte
mich elend und hatte Sehstörungen. Somit war es ganz klar.
Ich suchte Kontakt zu den Betreibern und bekam einen
unfreundlichen Brief vom Rechtsanwalt der Firma, der mir riet,
einen Psychiater aufzusuchen. Schließlich beschloss ich, dass
ich radikaler werden müsste. Ich sprach mit Menschen, die sich
besser mit diesem Problem auskannten und baute mir aus Metall
einen sogenannten Faraday’schen Käfig in Form eines Baldachins.
Mit diesem Käfig wurde es etwa zu 50% besser. Aber das reichte
noch nicht. In einer schlaflosen Nacht wurde mir klar: Du hast
zwei Möglichkeiten: Entweder die ganze Zeit im Käfig zu sitzen
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Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
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oder wegziehen. Ich fuhr in eine alte Waldhütte und wohnte dort
zur Probe, aber dort war es auch nicht besser, denn ich war
schon zu sehr geschädigt. So fand ich diesen Platz und als ich
hier in der Küche saß, erkannte ich: Jetzt kannst ich nie mehr
zurück nach Karlstad. Ich kann nie mehr mit öffentlichen
Verkehrsmittel reisen. Ich werde nie in meinem Tonstudio, das
ich mir gebaut hatte, arbeiten können.
Das Studio hatte 40 000.- € gekostet. Der Aufbau hatte vier
Jahre gedauert, aber innerhalb von zwei Tagen hatte ich alles
abgebaut, ins Auto geladen und die Sachen weggefahren.
Es sind die SENDEMASTEN, die ich nicht vertrage.
„Als ich hierher zog, wusste ich nichts über
Elektrosensibilität. Das war der nächste große Schock. Als ich
kochen wollte, konnte ich nicht mehr am Herd stehen. „ Was ist
denn jetzt los?!?“ dachte ich. Das sind doch die Masten, auf
die ich allergisch reagiere!“ Und wenn ich mit einem Minidisk
Musik hören wollte, wurde mir nach nur etwa 10 Minuten so
schlecht, dass ich mich übergeben musste.
Als ich hier herkam, wurde ich wieder ein Mensch. Aber es
variiert, je nachdem wie hoch die Umgebungsstrahlung ist. Und
das spürt man direkt, da reicht ein Blick auf die anderen, die
im Nachbarhaus wohnen. Sobald es besser wird, stehen alle auf,
strecken sich und werden aktiv.
Wenn nicht gerade etwas stört, kann ich hier arbeiten und
komponieren. Aber ich schlafe nie gut. Ich habe keine
Tiefschlafphasen mehr.“
Keine Aussicht auf Besserung
„Ich wurde krank geschrieben, bevor ich hier herzog. Aber jetzt
bekomme ich kein Krankengeld mehr. Die sagen, ich sei gesund
und soll arbeiten. Jetzt lebe ich von geliehenem Sozialgeld.
Zukunft? Wir haben keine mehr. Einmal besuchte ich Freunde und
nahm meinen Käfig mit, um dort schlafen zu können. Aber schon
als ich auf die Toilette ging, kam es mir vor, als wenn ich aus
einem U-Boot aus 200 Metern Tiefe auftauchte. Ich kann mich
nicht mehr frei bewegen, reisen oder ein normales Sozialleben
führen.“
Zum Schluss sagte Klas, was das allerschlimmste sei:
„Die fünf Monate ohne Schlaf kann man mit nichts vergleichen,
was ich vorher erlebt hatte. Man sitzt nackt am Boden, der Kopf
scheint zu platzen und man zittert und weint, schmiert den Kopf
mit Olivenöl ein, um zu versuchen, die Schmerzen und das Gefühl
von Brennen zu lindern.
Und er fügt hinzu: „ Nicht einmal 10 Millionen Kronen pro Monat
wären als Schmerzensgeld hierfür genug.

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Symptome
Unterschiedlich, variierend, ständige Verschlimmerung

Meine elektrosensiblen Freunde beschreiben eine lange Reihe von
verschiedenen physischen und psychischen Symptomen.
Elektrosensibilität variiert von leichtem Unbehagen bis zu
unerträglichen neurologischen und körperlichen Symptomen. Zu
Beginn einer „Karriere“ kann man manchmal das
Elektromagnetische Feld durch eine „Sanierung“ erträglich
machen. Aber wenn man stärker geschädigt ist, dann hilft es nur
noch, in völlig stromfreie Bereiche auszuweichen.
Eva: „Mein Körper vibrierte so, dass ich es nicht mehr
aushielt. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, lief statt
dessen draußen herum. Ich nahm meinen Hund mit und ging mit ihm
im Wald spazieren. Manche Menschen verstehen überhaupt nicht,
wie es einem geht. Es brennt und sticht, und das klingt noch
harmlos. Aber es ist viel schlimmer, ganz schrecklich.“
Klas sagt über die fünf schlaflosen Monate: „Der Kopf will
platzen und man sitzt auf dem Boden zittert und weint, schmier
Olivenöl auf die Haut, um die brennenden und stechenden
Schmerzen zu lindern.“
Maria: „ Mir ist schwindlig, ich habe Kopfschmerzen,
Gliederschmerzen, Magenschmerzen und mehr. Ich bin völlig
erschöpft, habe Probleme bei der geringsten körperlichen
Aktivität, schaffe nichts. Es ist ein unglaublicher Stress im
Körper, etwas das einen nicht in Ruhe lässt.“
Elisabeth beschreibt, wie es anfing: „Ich hatte
Schwindelgefühle und Herzbeschwerden, Haut- und Augenschmerzen,
Kopfschmerzen, Müdigkeit und war völlig unkonzentriert.
Von Oktober bis Mai wohnte ich auf dem Campingplatz Im Frühling
ging es mir entgegen meiner Erwartung noch schlechter. Jetzt
reagierte ich auch noch empfindlich auf Sonnenstrahlen. (*) Ich
musste eine Sonnenbrille tragen und konnte nicht ans Tageslicht
gehen, nicht einmal mit der stärksten Sonnenbrille. Es war
März: Hoher Schnee und Sonne ohne Ende.
Da passierte das Schlimmste, was ich je erlebt habe: Ich ging
nur vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang ins Freie. Aber
auch dann brauchte ich noch eine starke Sonnenbrille. Ich hatte
furchtbare Angst. Zwei Wochen lang war ich tagsüber in meinen
Wohnwagen eingesperrt, bevor es besser wurde und ich wieder
Tageslicht ertragen konnte.“
* Sonnenlicht ist auch eine Art von Elektromagnetischer
Strahlung
Symptome kommen und gehen
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
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Wie Klas und Elisabeth berichten, kommt es vor, dass Symptome
sich unerwartet und ohne Ursache abschwächen. Um manchmal
später genauso unerwartet zurück zu kommen. Diese
Unberechenbarkeit, die wahrscheinlich auf Schwankungen der
Belastungen beruht, führt dazu, dass man nie weiß, wie es einem
gehen wird, oder was einem der nächste Tag oder die nächste
Stunde bringt. Das macht einen normalen Alltag unmöglich. Du
musst von Stunde zu Stunde leben, was eine sehr große
psychische Belastung bedeutet.
Mia: „In der Rückschau verstehe ich, dass ich schon lange Zeit
vorher keinen Strom vertragen hatte. So weit ich mich
zurückerinnere, bekam ich gerötete und brennende Augen, wenn
ich vor dem Fernseher saß. Als ich jung war, wohnten wir auf
dem Land; als ich älter wurde, fuhr ich oft in die Stadt zum
Einkaufen. Und da begann ich allergisch zu werden. Ob es die
Neonröhren waren? Besonders in der U-Bahn fühlte ich mich nicht
gut.“
Jetzt wohnt Mia wie eine Gefangene in einer Hütte im Wald ohne
elektrisches Licht. „Meine Symptome sind jetzt so, dass ich
ständig müde bin und gereizt, ich bekomme Schwindelanfälle,
häufig werden und Gesicht, Kiefer, Hände oder Arme gefühllos.
Ich spüre einen Druck auf dem Brustkorb und habe Atemnot. Ich
habe Herzschmerzen und werde kurzatmig. Und dann werde ich
unkonzentriert und schusselig. Ich kann mich nicht
konzentrieren, die Gedanken springen hin und her. Ich bekomme
Ohrgeräusche (Tinnitus, Ohrenschmerzen und Kopfweh. Dazu kommt
ein starker Druck im Kopf, mit dem ein Gefühl von Angst und
Stress einhergeht.
So schlimm kann es doch nicht sein.
Wenn ich Mia und die anderen von ihren Leiden berichten höre,
merke ich, dass ich manchmal keine Lust mehr habe zuzuhören.
„Nein, jetzt reicht es, nicht noch mehr Symptome. So
schrecklich kann es doch nicht sein!“
Und später, wenn ich zu Hause in Ruhe (nein, das ist der
falsche Ausdruck – ich bin alles andere als ruhig) die
Interviews nochmals durchlese, denke ich oft: Warum, warum,
warum habe ich mir das hier angetan, die ich nichts damit zu
tun habe?“ Da fällt mir ein, dass gerade aus diesem Grund so
viele Flüchtlinge berichten, dass Freunde und Verwandte sich
von ihnen abwenden, oder den Erzählungen keinen Glauben
schenken. „So schlimm kann es doch nicht sein!“ Und man tut so,
als gäbe es das hier überhaupt nicht....

Man kann es nicht sehen
Ich frage Mia, wie sie sich jetzt im Moment fühlt, wenn wir
zusammen sitzen, uns unterhalten und sie mir klar und präzise
von sich erzählt. Ich kann an ihr keine Symptome feststellen,
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Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
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sie sieht eigentlich ganz gesund aus. So in etwa beschreibt sie
sich selbst.:
Ich spüre einen Druck und Schmerzen im Kopf, habe ein taubes
Gefühl im Gesicht und an den Händen, meine Zunge ist
geschwollen und mir ist schwindlig. Es ist sehr anstrengend,
mit Ihnen zu sprechen und gleichzeitig nicht den Faden meiner
Geschichte zu verlieren.
Fast alle Flüchtlinge, die ich treffe, sehen gesund aus. Wenn
sie mir erzählen, wie es ihnen geht, ist es auch für mich
schwer zu glauben, denn man sieht die Leidenssymptome kaum.
Vielleicht ist das zusätzlich ein Grund, warum viele sich
schwer tun, den Aussagen der Betroffenen zu glauben.
Wenn das Gehirn aus dem Ruder läuft
Viele Symptome zeigen, dass das Gehirn oder der Körper
fehlerhafte Signale erhalten. Offenbar stören Elektrizität oder
Mikrowellen das körpereigene elektrische System. Viele
Flüchtlinge berichten, das dies das Schlimmste sei.
Björn: „Wenn man eine ganz normale Tätigkeit ausführen will,
beispielsweise eine Schraube in der einen und eine Mutter in
der anderen Hand hält; man will sie ineinander schrauben wie
immer und bringt es einfach nicht fertig. Oder ein anderes
Beispiel: Ich will etwas ganz einfaches schreiben, was icn
sonst gut kann, aber nichts passiert, das Papier bleibt leer.“
Eva: „Besonders unangenehm ist es, dass ich mir vorkomme wie
leicht senil. Ich kann mich an Vieles nicht mehr erinnern.
Thomas: “Ich spüre, dass Eva allmählich auch betroffen ist.
Einmal kamen wir vom Einkaufen nach Hause und beim Auspacken
stellten wir fest, dass wir merkwürdige Dinge gekauft hatten.
Ich fragte sie: „Warum hast du denn das hier gekauft?“ Aber sie
konnte sich nicht erinnern, es gekauft zu haben. Es gibt an der
Kasse Kontrolleinrichtungen, die sie so beeinflussen, dass sie
nicht mehr rechnen oder bar bezahlen kann.
Sie kann völlig konfus werden: Sie sollte nach Blumen suchen,
während ich den Einkauf machte; ich schob den Einkaufswagen
herum und als ich dann nach Eva schaute, suchte sie immer noch
ihre Blumen!“
Eva: “Ich kann nicht mehr denken. Wenn ich ein Kreuzworträtsel
löse, kann es sein, dass ich etwas völlig Falsches schreibe.
Was passiert da in meinem Kopf?
Siv: “Ich stehe und halte eine Tasse in der Hand, ich will
trinken und plötzlich fällt sie mir zu Boden. Aber das
Schlimmste passiert mit meinem Gehirn: Wenn man plötzlich die
Verbindung zur Erinnerung, zu seinem Wissen, Können und zur
Gegenwart verliert, da fühlt man sich, als stünde man vor einem
Abgrund. Man bekommt einen geistigen Schwindelanfall, das ist
ganz schrecklich.
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
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Wovon wird einem so schlecht?
Woher soll man eigentlich wissen, was die beschriebenen
Symptome hervorruft? Manchmal ist es glasklar. Für Klas war es
recht einfach festzustellen: ”Als ich in die Nähe eines
bestimmten Senders kam, fühlte ich so, als würde ein Regler
aufgedreht, denn ich spürte, wie sich meine Muskeln im ganzen
Körper verkrampften. Jedes Mal, wenn ich weniger als 50 Meter
vor dem UMTS-Sender stand, begann ich zu zittern, bekam
Herzrasen, fühlte mich übel und bekam Sehstörungen.”

Klas fand auch heraus, dass verschiedene Funksysteme bei
ihm unterschiedliche Reaktionen auslösen. Bei den älteren
GSM-Sendern wird mir im Kopf heiß, ich bekomme
Magenkrämpfe, meine Hände fühlen sich pelzig an, und ich
spüre Herzrasen. Von UMTS-Strahlung bekomme ich
Muskelkrämpfe und es fühlt sich an, als ob das Herz stehen
bleibt. Da kann ich nur noch verschwinden. DECT-Telefonene
lösen ein Brummen im Kopf aus, es kribbelt auf der Haut
und ich spüre ständig einen starken Druck im Kopf.
Elisabeth berichtet von einem Ort, von dem sie fliehen
mußte: „Es gab in meiner Nähe einen Elektrozaun, mit dem
ich früher keine Probleme hatte. Aber als der neue
Stromzähler kam, fingen die Probleme an. Es ging mir immer
schlechter, ich konnte nicht einmal mehr telefonieren. Ich
lag nachts in meinem Auto im Wald und konnte nicht mehr
schlafen. Ich verlor an Gewicht, meine Verdauung
funktionierte nicht mehr, mein ganzer Körper geriet aus
dem Gleichgewicht.“
„Ich glaubte damals, ich hätte eine Psychose“
Manchmal ist es dagegen sehr schwer, die Ursache der
Symptome zu erkennen.
„Ich dachte, ich wäre verrückt“, sagt zum Beispie Kenneth,
nachdem er erzählte, dass jedes Mal, wenn er in ein
bestimmtes Geschäft ging, alles um ihn verschwamm und er
sich nicht mehr konzentrieren konnte. Wenn es ihm in
seinen verschiedenen Wohnungen schlecht ging, glaubte er
lange Zeit, er hätte ein Problem mit Schimmelbefall.
Naser: “Als ich elektrosensibel wurde, hatte ich das
Problem, dass ich keine Ursache für meine Leiden finden
konnte. Anfangs, als ich auf eine Stehlampe reagierte,
wickelte ich sie ein, weil ich dachte, es wäre die Farbe,
die mich krank machte. Aber es war doch der Strom. Und bei
den Handys dachte ich anfangs, da kämen giftige Dämpfe
heraus, die ich nicht ertrug. Allmählich erst erkannte ich
die wirkliche Ursache meiner Störungen.
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„Jetzt sollte es mir eigentlich gut gehen...“
Manchmal kommen die Symptome ganz plötzlich und unerwartet und
man versteht überhaupt nicht, was los ist.
Eva: „ Einmal besuchten wir ein Fischerdorf aus dem 17.
Jahrhundert, was ich sehr spannend fand. Aber es ging mir dort
gar nicht gut. Da dachte ich: ‘Jetzt werde ich wirklich
verrückt!’ In so einem alten Haus müsste es mir doch gut gehen,
dachte ich. Aber Thomas sagte: ‚Aber schau dich doch nur um! Es
gibt hier überall Alarmanlagen und Bewegungsmelder!’ Ich ging
herum und sah mir die schönen alten Möbel an und versuchte, die
Probleme zu verdrängen.
Als wir unser Haus bei Södertälje gekauft hatten, ruderten wir
einmal über den Mälarsee. Es war ein schöner Sommertag,
plötzlich wurde mir an einer Stelle mitten im See schlecht. Als
wir weiter ruderten, wurde es wieder besser. Als wir noch ein
Stück weiter ruderten, sahen wir plötzlich vor uns ein Schild:
Vorsicht Hochspannungsleitung! Da lag also eine Leitung am
Seegrund und ich hatte die deutlich gespürt.
Thomas konnte mit oft die Ursache erklären, auf die ich
reagiert hatte und nicht benennen konnte.“

Praktische Symptome
Meine Gastgeberin Siv und ich machten einmal einen
Waldspaziergang. Es hatte geschneit und wir sahen
unterwegs Tierspuren. Siv blieb stehen und schaute sie
genauer an. ”Wer das wohl war, das war kein Wolf, denn
Wolfsspuren haben wir hier schon öfter gesehen. Deren
Trittsiegel sind viel größer. Das muss ein Hund gewesen
sein, aber man sieht keine Menschenspur daneben. Ein
freilaufender Hund also. Komisch, denkt Siv, denn kein
Hund aus der Nachbarschaft läuft so frei herum. Während
des Spaziergangs wurde das Gesicht von Siv immer röter und
schwoll an. Als wir nachhause zurück kamen glühte sie
geradezu. Ich fragte mich, was wohl mit ihr los sei.
Ich weiß es nicht, sagte sie, die ich habe die ganze Zeit
gespürt, dass da etwas sein muß. Es waren vielleicht
Forstmaschinen. Eine Stunde später verließen wir das Haus
in die andere Richtung und gingen den Hang zur Straße
hinunter. Dort stand ein Mann mit einem Gewehr. „Hier ist
die Erklärung“, sagte Siv, „ist immer noch Elchjagd und es
waren die Handys der Jäger, die ich gespürt hatte. Und die
Tierspuren stammten von deren freilaufenden Hunden, die
Senderhalsbänder tragen, damit sie von den Jägern überall
geortet werden können.
Später meinte Siv mit Galgenhumor, es sei doch praktisch,
dass sie mit Rötungen und Schwellungen reagiere, denn ihre
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Mitmenschen können genau erkennen, dass etwas mit ihr
nicht stimmt, wenn sie von Strahlung beeinflußt ist.
Unfreiwillige Versuchskaninchen
Björn: Als wir hier herkamen, warnten uns andere
elektrosensible Menschen vor den Forstmaschinen. ‚Wir
bemerken sie bereits aus 10 km Entfernung!. Das ist ja
wohl nicht so gefährlich, dachten wir. Anfangs war es hier
auch ganz wunderbar. Aber eines nachts wachte ich auf. Und
fühlte mich schrecklich. Ich stand auf und sah hinaus und
sah Licht auf einem Hügel. Nach einer Weile ging es mir
besser. Ich sah hinaus – kein Licht mehr! Dann wurde es
wieder schlimmer und das Licht war wieder da. Die
Forstmaschinen fuhren die Hügel auf- und abwärts und die
Hügel schirmten sie ab, wenn sie unten waren. Wenn die
Maschine aber oben auf dem Berg angekommen war, sah man
die Scheinwerfer, aber auch die Strahlung erreichte mich.“
Wir machten selbst auch an einem unfreiwilligen Test mit,
als ich zum ersten Mal bei Siv und Björn zu Besuch kam um
ein paar Tage bei Ihnen zu wohnen. Als wie eine Zeit lang
zusammen saßen und uns unterhielten, fragten sie mich:
„Hast Du möglicherweise ein Gerät mit einer Batterie bei
dir? Vielleicht eine Digitalkamera? Das können wir
spüren“. Oh ja die Kamera, daran hatte ich nicht gedacht.
Was sollten wir jetzt machen? Zum Glück reichte es, die
Batterien herauszunehmen, was die elektromagnetische
Belastung im Raum erheblich verminderte.
Die Belastungen summieren sich.
Viele Elektrosensible sind körperlich so gestresst, dass
sie am Burn-Out-Syndrom leiden, was ja eigentlich ganz
natürlich ist. Stress, aus welchem Grund auch immer,
belastet das körperliche und seelische System. Die
Stressabwehr und das Immunsystem reagieren unabhängig von
den Belastungsfaktoren auf Drogen, Chemikalien,
Grippeviren, auf psychische Herausforderungen,
Arbeitsstress, Strom oder Kombinationen von mehreren
Faktoren. Alle Belastungen summieren sich, und wenn du
bereits von einem oder mehreren Stressfaktoren geschwächt
bist, kann die nächste Belastung das Fass zum Überlaufen
bringen. Elisabeth hatte zum Beispiel keine Probleme mit
einem Elektrozaun, aber als der neue Stromzähler dazu kam,
war die Gesamtbelastung zuviel.
Der Schwellenwert sinkt
Wenn man einer größeren Belastung ausgesetzt ist, werden
die Symptome nicht nur für Expositionszeit schlimmer;
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darüber hinaus sinkt der Schwellenwert, so dass man in der
Zukunft noch empfindlicher wird. Der Preis für die
körperliche Reaktion ist also hoch. Und vor allem: Man
kann für den Rest des Lebens daran leiden.
Mia: Die elektrische Belastung wurden auch hier deutlich
stärker. Trotzdem bleibe ich lieber zuhause, denn ich
fühle mich sehr schlecht, wenn ich mich in der
Öffentlichkeit bewegen muß. Ich vermeide es daher, das
Haus zu verlassen, außer, wenn ich unbedingt wegfahren
muss, zum Beispiel zum Arzt. Wenn man schon geschädigt
ist, muß man unbedingt eine weitere Verschlimmerung
vermeiden.
„Ich freue mich auf bessere Zeiten“
Viele Elektrosensible machen die Erfahrung, dass es schwer
ist, nicht Betroffenen den eigenen Zustand zu beschreiben,
so dass der Ernst der Lage erkennbar wird. „Ihr fühlt Euch
wohl urlaubsreif“, kommentierte ein Politiker die Berichte
von Elektroflüchtlingen. Nein, wir alle müssen besser
zuhören.
Die ganze Welt dreht sich und man kann sich nicht
konzentrieren.“
„Mein Gehirn funktioniert nur noch zu 20 Prozent und es
wird immer schwerer, zu denken.“
„Man will nur noch sterben.“ So etwas rutscht uns
„Normalen“ auch gelegentlich einmal heraus. Mir ist es
auch schon passiert, aber das werde ich nie mehr tun.
„Ich werde mich nicht umbringen, hoffe ich; aber ich hoffe
auf Besserung.“

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Maria
„Als wären wir Aussätzige“
Maria ist eine kleine friedfertige und sanfte Frau in den
Fünfzigern. Früher arbeitete sie als Lehrerin.
„Ich bin seit etwa 18 Jahren elektrosensibel, aber lange
Zeit wusste ich es nicht. Damals wurde über das Thema
überhaupt nichts geschrieben.
Als ich vor dem Fernseher saß, spürte ich Stiche in Händen
und Füssen und ich fühlte mich allgemein schlecht. Mit
meiner Gesundheit ging es bergab, aber ich arbeitete daran
und wollte schaffen, was alle anderen auch schafften. Ich
stürzte mich mit aller Macht in meine Arbeit und überging
die Signale meines Körpers. So arbeitete ich bis zum
Umfallen. Es ging mir so schlecht und meine Haut wurde
gelb, auch die Leber war wohl betroffen. Ich bekam
Sehstörungen und Herzrasen. Das Kurzzeitgedächtnis
funktionierte nicht mehr, ich konnte mich nur schlecht
konzentrieren. Außerdem bekam ich immer größere
Schlafprobleme, die immer schlimmer wurden und mein Herz
war wie verkrampft.
Meine Diagnose lautete: Fibromyalgie und chronisches
Müdigkeitssyndrom.
Wenn es richtig schlimm wird, liege ich am Boden und muss
mich übergeben.
Ich reagierte auf Strom und Mikrowellen und die UMTSTechnik verschlimmerte alles noch mehr. Als ich hier
herzog, war ich auf der Flucht vor einem UMTS-Sender. Von
Mikrowellen bekomme ich Herzkrämpfe, was Strom bei mir nie
ausgelöst hatte. Sonst habe ich bei beiden Strahlungsarten
ähnliche Symptome: Schwindel, Kopfschmerzen, Tinnitus,
Muskelschmerzen, Gliederschmerzen und Magenprobleme. Wenn
es richtig schlimm wird, kann ich nur noch am Boden liegen
und muss mich übergeben.
Ich habe schwere Schlafprobleme und liege so viele Nächte
lang wach. Wenn ich so wenig geschlafen habe, fühle ich
mich wie verrückt. Ich bin ganz kraftlos, fühle, mich
schwach, habe Probleme mit der einfachsten körperlichen
Arbeit, bringe nichts fertig. Wenn es ganz schlimm ist,
kann ich nur eine Dose aufmachen und den Inhalt essen.
Mein Kopf funktioniert nicht und mein Körper fühlt sich
die ganz Zeit an wie unter Hochspannung.
Es ging ums reine Überleben
„Ich lebte in einer Hütte ohne Heizung und Wasser. Um
Wasser zu holen, musste ich eine halbe Stunde weit radeln.
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Ich habe gezeltet, auf Speichern und auf Parkbänken
geschlafen. Schließlich ging es nur noch darum, etwas zu
essen und ein Dach über den Kopf zu bekommen. Jeder Tag,
an dem ich aufstehen und mich anziehen kann, ist ein
Triumph.“

Ein Leben ohne Dach über dem Kopf
„Ein Jahr lang lebte ich von Frühling bis Herbst im Zelt.
Dann zog ich in den Speicher eines Mietshauses. Dort war
es zwar kalt, aber immerhin war ich gegen Regen, Schnee
und Wind geschützt. Ich wohnte etwa acht bis neun Monate
dort, die Tage verbrachte ich auf Parkbänken. Wenn die
Bewohner meines Hauses morgens erwachten und ihre
Elektrogeräte anschalteten, musste ich das Haus verlassen.
Zum Glück hatte die Treppe ein Geländer, denn sonst wäre
ich hinunter gefallen, so schwindlig war mir oft.
Der Arzt glaubte mir zwar meine Elektrosensibilität,
konnte mir aber auch nicht helfen. Die Gesellschaft hat
dafür keine Resourcen.
Die Freude in meinem Leben
Seit dem Jahr 2000 bin ich auf der Flucht. Meine
Schwester, deren Kinder und meine Freunde sind mir
geblieben. Sie haben meine Krankheit akzeptiert und sind
mir eine große Hilfe. Als ich wegzog, fiel es mir
unglaublich schwer, sie zu verlassen. Meine Verwandten und
Freunde gaben mir Geborgenheit. Als ich sie verließ,
verschwand auch meine Sicherheit. Meine Freunde bedeuteten
mir alles. Es gibt sie zwar noch, manchmal bekomme ich
auch Besuch von ihnen, aber das passiert nicht sehr oft.
Aber wir telefonieren, wenn auch nur kurz, denn ich kann
keine langen Gespräche führen. Wir schreiben uns Briefe
und das gibt mir viel Freude.
Hierher kam ich über einen Artikel in der Zeitung
„Ljusglimten“, die vom Verband der Elektrosensiblen in
Schweden herausgegeben wird. Da stand etwas über das Haus,
in dem ich jetzt wohne. Damals floh ich vor einem UMTSSender, davor vertrieben mich Hochspannungsleitung,
Fernsehsender, Handys der Nachbarn und diverse DECT
Telefone. Ich hatte 1 ½ Jahre neben einem UMTSMobilfunksender gewohnt und suchte nach einer neuen
Bleibe. Ich konnte damals kaum auf den Beinen stehen und
hatte eigentlich gar keine Kraft zum Umzug, aber ich zwang
mich dazu.
Jetzt wohne ich hier knapp 1 ½ Jahre. Ich bin aber sehr
schwach. So matt und kraftlos, wie ich bin, schaffe ich
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nur wenig. Aber was den Strom angeht, ist dieses Problem
gelöst: Ein Nachbar im Haus nebenan hatte zunächst Strom;
aber als er ihn abgeschaltet hatte, ging es mir besser.
Die Aussätzigen bekamen ihre eigene Insel.
Es ist schlimm, nicht zu wissen, wie lange ich hier
bleiben kann. Mein Körper ist ständig gestresst. Und mit
dieser Unsicherheit zu leben, ist schwer. Werden die
Kommunen jetzt ein funk- oder kabelgebundenes
Breitbandnetz errichten? Es wurde uns nichts genaues
mitgeteilt. Und ich denke, ständig daran, dass ich
vielleicht eines Tages wieder aufbrechen werde. Muss ich
schon wieder meine Sachen packen? Aber wohin soll ich denn
ziehen? Man bekommt ja keine Hilfe. In zwei verschiedenen
Kommunen habe ich um Hilfe gebeten. Die einzige Antwort,
die ich bekam war ein Nein, wir können Ihnen nicht helfen.
Das ist ungefähr so, als wären wir Aussätzige. Aber die
bekamen wenigstens eine eigene Insel für sich und sie
waren als Kranke anerkannt. Es ist schlimm, wenn einem
niemand hilft, wenn man einfach von der Gesellschaft
ausgeschlossen ist und nicht die gleichen Rechte bekommt
wie alle anderen. Es fehlt der Wille, für uns Betroffene
ein Gebiet zu schaffen, wo wir leben können.

Wir sind keine Mitglieder der Gesellschaft mehr
Wir empfinden auch Trauer darüber, dass wir nicht mehr
Teil der Gesellschaft sind. Das macht depressiv. Kein
Kino, keine Konzerte, Theater oder Museen können wir
besuchen,. weder Stereoanlage noch Radio können wir hören.
Ich kann nur kurze Telefongespräche führen, für mich kommt
nur Kerzenlicht infrage. Und damit kann ich weder lesen
noch nähen, noch irgendetwas anderes machen. Das Fehlen
von Kultur ist nicht gut, weder für den Körper noch für
die Seele. Ich gehe gern in den Wald, hier ist es schön,
aber ich kann wegen meines schlechten Zustands nur kurze
Wanderungen machen.
Aufgrund meiner Situation habe ich Verständnis für andere
Flüchtlinge, die durch Krieg oder Terror vertrieben
wurden, denn das ist doch fast dasselbe. Wir, die wir hier
zusammen leben, sind eben auch Flüchtlinge.
Die große Traurigkeit
Wenn ich an Kinder und junge Menschen denke, werde ich
sehr traurig. Sie sind doch unsere Zukunft, sie sollen
einmal kluge Entscheidungen treffen. Im schlimmsten Fall
wird eine ganze Generation mehr oder weniger geschädigt
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

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sein. Es ist ein gewaltiges Experiment mit ungewissem
Ausgang, in dem wir uns alle befinden. Das ist einfach
verantwortungslos.
Ich habe vieles in den letzten Jahren neu bewertet und so
ist mein Respekt vor allen Lebewesen angewachsen; ich war
immer ein Mensch, der sich für die Umwelt interessiert,
aber jetzt ist dieses Bewußtsein noch viel stärker
geworden. Wir müssen sehr sorgsam mit dem umgehen, was wir
haben und darüber nachdenken, was wirklich wichtig ist,
damit es allen gut geht. Die Gesellschaft soll doch allen
Platz bieten, alle sollen ihren Fähigkeiten gemäß arbeiten
können, keiner darf ausgeschlossen werden. Alle Menschen
sind doch gleich wichtig, wir werden nur unter
verschiedenen Voraussetzungen geboren.
Die Auswirkungen der Funktechnik empfinden wir als eine
gewaltige Tragödie mit traumatischen Folgen und tief
empfundener Trauer.

Ein hartes Leben
Kann man sich ein Leben ohne Fernsehen, Radio,
Stereoanlage, Telefon, Computer, Staubsauger,
Waschmaschine und Glühbirnen noch vorstellen? Nur einen
Holzofen zum Heizen und Kerzenlicht als Beleuchtung? Nein,
das konnte sich keiner meiner Gesprächspartner vorstellen,
bevor er nicht dazu gezwungen wurde. Das ist es, was das
Leben als „Elekroflüchtling“ so schwer macht: Das Viele,
worauf du verzichten mußt.
yy
Stell Dir vor, nicht mehr in der Stadt zum Einkaufsbummel
gehen zu können, nicht einmal mehr Lebensmittel einkaufen
zu können, nicht mehr in dein Sportlokal zum Training
gehen zu können. Kino, Konzerte, Bibliothek –
ausgeschlossen. Es weder beim Hausarzt noch beim Zahnarzt
aushalten zu können.
Nicht zu sprechen vom Einkaufen neuer Kleider. Da gibt es
nur den Versandhandel oder eben abgelegte Kleider. Wenn
man alles bestellen muss oder wenn es nicht anders geht
muss man einen Einkaufszettel schreiben, schnell in das
Geschäft hetzen, die Waren einsammeln bevor der Schwindel
und die Ohnmacht einen übermannt, und so schnell wie
möglich wieder hinaus. Und man bezahlt dafür nicht nur am
nächsten Tag, sondern ist immer länger danach in
schlechter Verfassung.
Überhaupt nicht mehr reisen zu können wegen all der
Elektronik in den Zügen, Bussen und Autos. Nur noch in
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ganz alten Autos ohne moderne Elektronik, oft nicht einmal
mehr in solchen, fahren zu können. Festgenagelt zu sein.
Nicht einmal die alten Eltern oder die eigenen Kinder
besuchen zu können, wenn sie einen brauchen.
Maria: Es ist sehr traurig und deprimierend, nicht mehr
zur Gesellschaft dazu zu gehören. Nicht mehr ins Kino, ins
Theater, Museum zu können. Weder zum Arzt noch zum
Zahnarzt. Keine Geschäfte betreten zu können. Ja, ich
könnte schon in Geschäfte gehen, aber dort werde ich immer
kranker.
Ich kann weder Radio noch Musik hören. Am Telefon schaffe
ich nur kurze Gespräche. Ich habe nur noch Kerzenlicht.
Dann ist das Licht so schwach, dass ich weder lesen noch
nähen oder irgendetwas anderes machen kann.
Mia: „Vor drei Jahren zog ich hierher, ganz allein mit
meinem Hund. Es dauerte eine ganze Woche, bis das Haus
warm wurde. Am ersten Tag zeigte das Thermometer zwei Grad
minus, am nächsten plus vier und am dritten Tag plus sechs
Grad. Aber man gewöhnt sich daran. Ich habe nur kaltes
Wasser, ich bin ganz alleine und ich habe auch kein
Telefon. Trotzdem war es sehr schön, hierher zu kommen.
Hier gibt es nicht ein einziges Elektrogerät. Die ganze
Hütte ist ohne Strom.“
Siv: „ Was ich am meisten vermisse, ist, dass ich nie
Musik hören kann.“
Ich habe mich vernachlässigt
Manchmal hält man es nicht mehr aus mit diesem
eingesperrten Dasein und dann macht man genau das, was man
nicht dürfte.
Inger: “Ich habe mich vernachlässigt. Ich bin zu ein paar
Konzerten gefahren, habe im Hotel übernachtet und an einem
Weihnachtsessen teilgenommen. Ich habe solche Angst, denn
ich weiß was danach kommt: Aber manchmal denke ich: Ich
scheiße auf alles, was kommt, ich muss mich
zusammenreißen. Ich brauche etwas Abwechslung. Es ist so
wichtig für die Psyche, einfach rauszugehen, andere
Menschen zu treffen und eine andere Umgebung zu haben. Ich
will sagen können: ‚Ich gehöre auch dazu.’ Aber danach
ging es mir so viel schlechter, dass es mehrere Monate
dauerte, um mich wieder zu erholen. Beim nächsten Mal
werde ich mit solchen Gedanken viel vorsichtiger sein.“
Man träumt von Dingen, die für viele von uns eine
Selbstverständlichkeit sind.
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Klas: „Ich will nach Stockholm reisen und dort
herumlaufen. Am liebsten führe ich nach Stockholm.
Die tägliche Härte
Es sind so viele Dinge, auf die Elektrosensible verzichten
müssen. Stell dir vor, das einzige Haus, das Du gefunden
hast ist verrottet, mit Schimmel und Hausschwamm
verseucht, das dach ist undicht und der Abfluss verstopft.
Du schaffst es kaum, aufzustehen und hast überhaupt kein
Geld mehr.....So geht es meinen Gastgebern Siv und Björn.
Und Siv erzählt mir noch von anderen Flüchtlingen, mit
denen sie Kontakt hat.
„Die Menschen wohnen in elenden, alten Hütten, in
Wohnwagen, Autos und Zelten. Und ein Mann, den wir kennen
wohnt in einem Ziegenstall. Aber als die Zeitungsleute
kamen um über ihn eine Reportage zu machen, zog er aus. Er
schämte sich, dass er so erbärmlich wohnte, er konnte es
nicht aushalten so gesehen zu werden.“
„Die Leute fragen, was wir den ganzen Tag lang machen, wie
wir uns die Zeit vertreiben. Aber es ist ganz schön
stressig, ein Elektroflüchtling zu sein!“ sagt Siv mit
ihrem Galgenhumor, den ich kaum nachvollziehen kann.
Das, was ich bei meinen Besuchen erfahre ist ungefähr
Folgendes:
Man trägt Holz herein, legt sich erschöpft hin, macht
Feuer im Herd, holt die Post, kocht, ruht sich aus, holt
Wasser, repariert das eine oder andere kaputte Teil, ruht
sich aus, sucht nach Papier, um einen Brief an die
Behörden zu machen, legt sich wieder hin, versucht erneut
etwas zu reparieren, was man gestern nicht fertig gebracht
hatte, spricht mit einem der Nachbarn, wie man sich gegen
die ständige Bedrohung durch das drahtlose Funknetz wehren
kann, versucht den Antrag noch einmal neu zu schreiben,
Aber an vielen Tagen schafft man überhaupt nichts, diese
Tage verschwinden im Nebel.
„Ich muss es noch einen Schritt weiter gehen“
Siv: „Wir hatten einmal eine Woche lang ein paar andere
Elektroflüchtlinge zu Besuch, bevor sie eigene Häuser
bekamen. Das kostete so viel Energie, dass ich
buchstäblich jeden einzelnen Schritt zählen musste. In
solchen Situationen habe ich nur einen Gedanken: Ich will
nur noch einen Schritt vorankommen.....
Meine Schwester rief mich vor einiger Zeit an und erzählte
mir, dass sie Krebs hat. Mein erster Gedanke war: So eine
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Ungerechtigkeit, den könnte ich doch statt ihr bekommen
haben!“ Ich denke nicht daran, mir das Leben zu nehmen.
Aber ich sehne mich nach der Erleichterung, die das
bedeuten würde. Unsere elektrosensible Nachbarin hier sagt
das zum Trost. ‚Ich kann es tun, wenn es unerträglich
wird’.“

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Kenneth
„Ich dachte zuerst, es sei etwas psychisches...“
Kenneth ist in den Vierzigern und zog vor Kurzem in ein
Haus, das er sich mit drei anderen elektrosensiblen
Mitbewohnern teilt.
„Für mich begann es etwa 1994. Aber eigentlich fing es noch
viel früher an, Ich hatte auf Leuchtstoffröhren reagiert und
auf Elektroheizungen. Als ich in Boden wohnte, hatten wir
dort eine ale Elektroheizung und es ging mir nie richtig gut
dort. Ich fühlte mich nicht gut, wenn ich in einem Geschäft
mit vielen Leuchtstoffröhren war, aber ich glaubte es hätte
einen psychischen Zusammenhang.
Eines Tages bemerkte ich aber, dass es das Milieu dort im
Geschäft war, das ich nicht aushielt.
Mein Kopf war nicht mehr klar, ich war benommen, zerstreut
und sehr erschöpft. Das fühlt sich an, als wäre man
irgendwie abgeschaltet. Es ist abstrakt und schwer zu
erklären. Man merkt, dass es einem schlecht geht, aber man
weiß nicht was los ist. Wenn du dir ein Bein brichst oder du
Grippe hast, dann weißt du was los ist. Es war ein sehr
schönes Gefühl, als ich Menschen traf, die das hier kannten
und mir erklären konnten, worum es sich bei meinen
Schwächeanfällen handelte. Man glaubt natürlich ....ja, was
glaubte ich? Das ich einen Hirnschaden oder etwa einen Tumor
hätte.
Erst dachte ich an den Schimmel....
Dann wohnte ich in einem Haus aus den 60ger Jahren in Skara
und es ging mir auch dort nicht gut. Erst dachte ich an
Schimmel oder etwas ähnliches, weshalb ich ausziehen wollte.
Ich war mir nicht sicher, dachte aber es sei sicher besser
auszuziehen. Da fand ich eine Holzhütte aus den 20ger Jahren
und dort fühlte ich mich ziemlich gut.
1999 kam ich nach Nässjö und besuchte dort die
Volkshochschule. Ich wollte mehr lernen über gesunde Häuser
ohne Schimmel, Radon oder Umweltchemikalien. Über Probleme
mit Strom hatte ich nur vage etwas gehört, ich wusste nichts
darüber, deshalb hatte ich auch keinen Verdacht, dass es
dies sein könnte auf das ich reagierte. Ich bekam ein
Speicherzimmer in Nässjö. Nach dieser Ausbildung versuchte
ich, bei meinem Bruder auf dem Bauernhof bei Skara zu
wohnen. Eine Elektroheizung wollte ich nicht haben, der
vertraute ich nicht mehr. Aber dann brauchte ich eine
Wohnung in der Stadt.
Ich muss immer erst Probewohnen um zu sehen, ob ich die
Wohnung mieten oder kaufen kann. Bis jetzt bin ich schon 2
5 bis 30 Mal umgezogen. Ich habe im Auto oder im Zelt
geschlafen. Ich habe auch einen Wohnwagen.
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Einmal zeltete ich draußen im Wald. Dann fand ich eine
Hütte, zwar mit Elektroheizung, aber ich wollte es
versuchen. Ich hatte die Heizung tagsüber an und war viel
draußen. Wenn ich heimkam schaltete ich sie aus. Aber das
ging auch nicht gut.
Ich wollte einen Bauernhof finden, wo ich alleine wohnen
könnte und fand das schließlich in Dalsland. Aber auch dort
ging es mir schlecht. Es gab sowohl Elektrozäune und
Sendemasten. Es war zum Weinen. Ich hielt es von Mittsommer
bis November aus. Dann kam ich hierher.
Jedesmal verliere ich mehrere Monate
Mein Traum war immer, ein eigenes Haus zu haben. Ich bekam
den Tipp über eine Hütte, war dort und wohnte dort drei
Wochen zur Probe. Ich sah aber, dass es mir dort nicht gut
ging. Und jedes Mal, wenn ich zur Probe wohne, vergehen
wieder mehrere Monate, in denen ich apathisch herumliege,
weder lesen noch etwas anderes machen kann. Hier geht es mir
leidlich, so dass ich Angst habe, etwas zu verändern.
Jetzt bin ich schon so oft umgezogen...Am Ende ist man so
leid. Ich nehme jetzt nur noch meinen Rucksack und meine
Gitarre mit.
An einer Arbeitsstelle kannst du nicht sagen. „Tauscht doch
bitte die Leuchtstoffröhren aus, ich werde krank davon.?“ Da
tauschen sie doch lieber gleich mich aus.
Leben wie ein Landstreicher
So ein Leben ist hart. Man darf nicht erwarten, dass man
verstanden wird. Anfangs fragten sie mich: „Was zur Hölle
ist denn mit dir los?“ Dann sind sie weggeblieben. Ich habe
keinen Kontakt zu meiner Familie mehr. Mit meinem Sohn noch
am ehesten, aber er will nicht gerne zu mir kommen und ich
möchte ihn nicht zwingen. Ich will sehen, wie es hier wird.
Man muss auf vieles verzichten. Ich habe keine Familie und
hatte auch in dieser Zeit keine richtige Beziehung.
Man fühlt der Allgemeinheit ausgeliefert. Als wäre ich ein
Landstreicher, der weniger Wert ist als die anderen
Menschen.
Wenn man die Menschen beobachtet, sieht man dass viele
Tabletten schlucken, Schlafmittel und Antidepressiva oder
ähnliches brauchen. Viele haben Fibromyalgie und
Kopfschmerzen oder Verspannungen. Wenn ich Leute sehe, die
arbeiten, denke ich: Warum stressen die sich so? Wie das
wohl in der Bronzezeit war, ob die auch schon Kopfschmerzen
hatten?
In der heutigen Gesellschaft darf man nicht krank werden.
Wenn du eine etwas unklare Krankheit hast, wird es nicht
anerkannt. Aber eine Kusine sagte einmal zu mir: „Niemand
will freiwillig bekommen, was du hast. Dich einen
Arbeitsscheuen oder Parasiten zu nennen ist doch absurd!“
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Wenn man Familie und Freunde vermisst.
Zu allem anderen bringt das Flüchtlingsleben mit sich , dass
man Freunde verliert, manchmal sogar die Familie. Viele
erlebten Misstrauen oder wurden von den Menschen, die sie
liebten und denen sie vertrauten ganz verlassen. Ingers Mann
verließ sie weil er sich nicht vorstellen konnte, so wie sie
zu leben. Kenneth hat gar keinen Kontakt mehr zu seinen
Verwandten.
Für die, die den Kontakt behalten haben bedeutet die Flucht
immer Schmerz darüber, dass die sich nicht um ihre Lieben
kümmern können, sei es Kinder oder Eltern, wenn sie es
bräuchten. Die Familie ist immer irgendwie betroffen.
Eva: „Im Jahr 1992 bekam meine Mutter eine Thrombose und lag
ein halbes Jahr im Krankenhaus bevor sie starb. Und ich
konnte sie kaum besuchen. Ich machte es trotzdem ein paar
mal. Aber ich konnte nicht an ihrem Sterbebett sitzen.“
Elisabeth: „Meine Mutter ist 88 Jahre alt. Wir haben uns
lange nicht getroffen. Im Sommer ging es ihr schlecht und
sie kam mit Darmblutungen ins Krankenhaus. Aber ich wusste
nichts davon.
Sie wollte mich nicht benachrichtigen, ich hätte ja sowieso
nichts für sie tun können. Da wurde ich so böse. Das muss
man mir doch sagen. Ich weinte einen ganzen Tag deswegen,
dachte, was wohl gewesen wäre, wenn sie sich nicht wieder
erholt hätte und ich hätte nichts erfahren!
Ein Psychologe half mir und im September konnte ich mich
losreißen und fuhr bei ihr.
Ich zwang mich zu reisen, obwohl es mir richtig schlecht
ging. Ich traf meine Mutter und hatte ein gutes Gespräch mit
ihr. Das war eine ungeheuere Erleichterung. Wir sprachen
über alle Dinge, über die wir früher nicht gesprochen
hatten. Ich spürte ihre Liebe und Verständnis. Und ich sagte
ihr: Ich bin trotzdem bei dir, im Geiste.
Aber es ist so schrecklich, dass ich nicht einfach zu ihr
fahren und bei ihr sein kann, wenn es ihr wieder schlechter
gehen sollte und sie wieder ins Krankenhaus muss. Oder wenn
den Kindern etwas passiert. Dass ich nicht nach hause kann.
Siv: „Ich habe nie meine Nichten und Neffen gesehen. Sie
müssten hierher kommen, dort hin zu fahren, schaffen sie
nicht. Kinder sind sehr anstrengend wenn man in der
Verfassung ist wie ich damals.
Nicht nur die direkten Opfer sind betroffen
Der ganzen Familie geht es schlecht. Evas Mann Thomas hatte
schmerzende Hände und sich gehorchten ihm fast nicht mehr,
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nachdem er sich mit dem Umbau des Hauses, in das sie
einziehen wollten so übernommen hatte.
Thomas: „Ich habe jahrelang als Geschäftsleiter gearbeitet
mit Zwanzig bis Dreißigjährigen in ihrem Arbeitstempo
zusammengearbeitet. Man kann auch nicht weniger arbeiten,
wenn man für ein Geschäft verantwortlich ist. Die letzten
Jahre waren sehr anstrengend. Ich verließ mein Haus um
sieben Uhr, arbeitete bis acht oder neun Uhr abends und
hatte einen weiten Weg nach hause.
Am Abend und an Wochenenden baute und reparierte ich unser
Haus. Ich konnte bis 12 oder eins Uhr nachts arbeiten und um
sechs Uhr aufstehen. Ich habe alles angepackt, vom
Abflussrohr bis zur Isolierung der der elektrischen
Leitungen. Ich habe kilometerlange Leitungen herausgerissen.
Eva: „Und unsere Tochter, wie war sie betroffen? Sie hatte
jedenfalls all die Jahre eine kranke Mutter.“
Thomas: „Man versteht dass es manchmal ganz schön traurig
war, wenn Eva nicht dabei sein konnte, wenn alle anderen
Mamas da waren. Einmal als ihr Bruder und seine Frau bei und
zu Besuch waren, sagte die Älteste: ‚Könnt ihr nicht einmal
von etwas anderem reden? Wenigstens einmal?’
Eva: ‚Und einmal sagte sie zu mir: ‚Mama ich spiele jetzt,
dass du gesund bist.’“
Inger: „Vor ein paar Jahren bekam meine Tochter eine
Depression. ‚Gehe zu einem Psychologen! riet ich ihr. Da
ging sie zu einem Psychologen und erzählte ihm von unserer
Situation. Es handelte sich darum, dass sie das Gefühl
hatte, ihre Mutter verloren zu haben, als jemand, der ihr
helfen konnte, der mit ihr zum Shoppen gehen konnte und was
man sonst mit seiner Mutter macht. Jetzt haben wir begonnen,
uns wiederzufinden aber etwas ist der Kontakt doch verloren
gegangen. „
Kenneth: „Man kann nicht damit rechnen, verstanden zu
werden. Anfangs fragten sie mich: „Was zur Hölle ist denn
mit dir los?“ Dann sind sie weggeblieben. Ich habe keinen
Kontakt mehr zu meiner Familie. Mit meinem Sohn noch am
ehesten, aber er will nicht wirklich zu mir kommen und ich
möchte ihn nicht zwingen.“
Eva: „Man wird unbequem und verliert seine Freunde. Sie
verschwinden einfach. Wir können sie ja auch nicht bei sich
zuhause besuchen. Die Leute denken, es ist unangenehm dass
sie uns nicht gegen einladen können.“
Inger: „Nachbarn und Freunde, mit denen man sich früher oft
traf, sind allmählich verschwunden. Die dachten nur, ich sei
komisch. Als ich in einer Waldhütte wohnte, traf ich einmal
einen Nachbar‚ ‚Ich habe dich aber lange nicht gesehen!’
sagte er. Ich dachte, ich besuche dich einmal aber es war
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einfach zu kalt. Ich habe Angst, dass ich mir die Beine
abfriere.’ ‚Danke, du musst aber nicht kommen’, sagte ich.
Was glaubst du, wie ich bei dieser Kälte friere?“
Wo sind sie alle von früher? Wo sind sie hin? Meine
allerbeste Freundin gibt es noch. Sie hält immer zu mir.
Aber alle anderen. Jetzt wissen sie, dass ich ein Telefon
habe. Sie können doch anrufen. Aber nein....“
Klas: „Mit den Nachbarn ist es unterschiedlich. Wir werden
für Verrückte oder für eingebildete Kranke, gehalten. Die
Leute fragen: Wie können sie auf die Dorffeste gehen? Wie
können sie einkaufen gehen? Aber sie wissen natürlich nicht,
was das kostet. Das ist ungefähr wie beim Alkohol. Trinkt
man zu viel, geht es einem hinterher furchtbar schlecht. Und
das nicht nur einen Tag lang.
Ein Nachbar hier denkt, wie sind Arbeitsscheue, weil wir die
Umgebung mit negativer Stimmung verpesten. Wir sollen nicht
glauben, dass wir uns so ohne Weiteres krankschreiben lassen
können. Aber es gibt auch schöne Geschichten. Ich stand in
einem Laden vor der vor der Kasse Schlange und wollte
Weihnachtsgeschenke bezahlen. Der Junge vor mir in der
Schlange holte sein Handi heraus und begann zu telefonieren.
Normalerweise beiße ich die Zähne zusammen, aber diesmal
sagte ich. Entschuldigung, ich muss aus der Schlange
herausgehen, ich ertrage keine Mobiltelefone. Dann ging ich
mich etwas auf Abstand, während er telefonierte. Als ich
wieder an meinen Platz zurückkehrte, tippte mich mein
Hintermann auf die Schulter und fregte mich: Entschuldigung,
was meinst du mit nicht ertragen? Was passiert dann? Und
alle anderen stellten sich daneben und hörten mir zu, was
ich erzählte. Und dann wünschte mir der Nachbar noch schöne
Weihnachten.“
Elisabeth: „Die Leute können es wirklich kaum verstehen. Ich
habe darum gebeten, das Mobiltelefon und das DECT-Telefon
auszuschalten. Und ich hatte das Gefühl, dass sie mich
respektierten. Aber sie sagen manchmal: Wie kannst du dem
Händi anmerken, dass es nicht eingeschaltet ist? Ich konnte
nur antworten: Ich weiß nicht wie, aber so ist es. Ich
bekomme unter anderem Herzrasen.“
Damals ging es mir nicht so sehr schlecht und dann war es
für die anderen leichter, mich zu verstehen. Aber wie es mir
jetzt geht, kann sich fast keiner mehr vorstellen!“
Naser: „Wenn unser Nachbar hier in sein Haus kommt, müssen wir
von hier verschwinden. Er hatte versprochen, sein Mobiltelefon
nicht hierher mitzunehmen. Aber daran hielt er sich nicht. Und
man kann natürlich nicht handgreiflich werden, auch wenn man es
gerne wollte!“
Björn: „Von Nachbarn und Freunden geht eine ständige Bedrohung
aus, denn man weiß nie, wann sie kommen und ob sie etwas dabei
haben, was man nicht verträgt. Und es kann passieren, dass
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Nachbarn mit angeschalteten Mobiltelefonen über das Grundstück
laufen und testen wollen, ob wir wirklich reagieren. Stell dir
Mal vor, man würde so mit einem Nuss-Allergiker umgehen. In das
Essen Nüsse hineinschmuggeln, um zu testen ob er davon krank
wird....
Man ist eben ein Stück Freiwild.

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Nicht nur Erwachsene
Ich habe ausschließlich Erwachsene befragt. Aber natürlich sind
auch Kinder betroffen. Hier sind die Geschichten von drei
Kindern, ein Baby und zwei Schulkinder.

Elektronik und Epilepsie
Ein junges Paar ist glücklich über sein neugeborenes Baby, aber
das neue Glück wurde von Angst überschattet, als das Baby
plötzlich schwere epileptische Anfälle bekam. Es war jedes Mal
lebensgefährlich und sie mussten zur Notaufnahme in Krankenhaus
fahren.
Eines Tages entdeckte die Mutter eine seltsame Installation auf
dem gegenüberliegendem Haus. Jemand klärte sie darüber auf,
dass das eine Mobilfunkantenne der 3. Generation (UMTS) war.
Sie begann darüber nachzudenken, ob diese Antenne der Grund für
die Anfälle sein könnte und fragte einen Experten, der
bestätigte, dass es bereits Forschungsergebnisse gibt, die
darauf hinweisen. Die Eltern bekamen den Rat, mit ihrem Kind
einen strahlungsarmen Ort aufzusuchen und auch keine
Mobiltelefone oder andere Elektrogeräte dorthin mitzunehmen.
Nachdem sie so handelten, hörten die Anfälle sofort auf.
Da erkannten sie, dass sie umziehen und ohne Elektrogeräte
leben mussten.
Sie fanden eine neue Wohnung in einer strahlenarmen Umgebung
und luden alle ihre Freunde zur Einweihungsparty ein. Sie hatte
einen Braten in den Backofen und wartete auf die Gäste, als das
Kind plötzlich wieder einen Anfall bekam. Die Mutter war
erschreckt und verzweifelt, bis sie darauf kam, dass sie das
Empfangsteil des Funkthermometers in der Hand hielt. „Kann es
etwa das hier sein?“ dachte sie und holte das Thermometer aus
dem Ofen, nahm die Batterien heraus und schmiss alles fort. Der
Anfall ging vorüber, es gab Freudetränen. Die Gäste kamen und
die Party konnte beginnen.
Seitdem: Kein Funkgerät mehr! - Keine neuen Anfälle. Ohne
Strom geht es dem Jungen gut. „Spontanheilung“, sagte der Arzt,
der die Erklärung der Eltern nicht hören will. Die
Krankenschwester spitzte aber die Ohren.
Johanna kann nicht mehr in die Schule gehen
Johanna ist elf Jahre alt. Ihre Geschichte wurde mir von ihrem
Vater erzählt.
„Ein Jahr, nachdem wir von der Stadt aufs Land gezogen waren,
wurde dort neben unserem Haus ein 3G (UMTS) Sender errichtet.
Wir wohnten mitten im Ort und in unserer Gemeinde gilt ist
Funktechnik unanfechtbar. In allen Schulen gibt das drahtlose
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WLAN-Netzwerk. Wir begannen alle, schlecht zu schlafen, und
zogen ein halbes Jahr zum Schlafen ins Gartenhaus um. Meine
Frau, die seit 15 Jahren elektrosensibel ist, kennt sie die
Symptome und weiß daher wo man die Ursachen suchen muss. Und
als Johanna dann anfing, sogar auf den Sender gegenüber von
unserem Haus zu reagieren, sagte meine Frau: „So geht es nicht
weiter, wir müssen hier ausziehen.“
Kopfweh und außergewöhnliche Müdigkeit
Johanna hatte schon im Frühling in der Schule starke
Kopfschmerzen bekommen und war ständig müde. Meine
Fraubemerkte, wenn sie das Kind von der Schule abholte, dass es
ihr nicht gut ging. Wir erzählten das der Lehrerin und auch
dass es ihr in der Nähe von einem Computer mit WLAN schlechter
ging. Die Lehrerin war freundlich und versuchte, Johanna
entgegenzukommen, aber es wurde nicht besser. Da suchten wir
Kontakt mit der Schulkrankenschwester und was machte diese? Sie
sprach mit der Rektorin, die ihr riet, erst einmal abzuwarten.
Im nächsten Schuljahr ging es Johanna in der Schule wieder
schlechter. Da stellte sich heraus, dass sie den verkabelten
Computer, den Johanna vorher benutzt hatte, entfernt hatten. So
wurde es für sie schlimmer statt besser. Ich wurde auf die Schule
wütend und dort wurden sie allmählich nervös. Die Klassenlehrerin
musste eine Schulkonferenz einberufen. Die Rektorin, die daran
teilnahm und sagte: Ja es gibt sicher so etwas wie Elektroallergie,
ich kenne das. Aber in diesem Fall trifft das nicht zu. Sie meinte,
wir hätten es mit einem Lüftungsproblem zu tun. Ja, sie schob es auf
alle möglichen andere Ursachen.
Der Beamer brachte das Fass zum Überlaufen
Damals konnte Johanna noch in die Schule gehen. Aber im Februar ging
es nicht mehr länger. Da hatte die Schule einen Filmprojektor
angeschafft der mit Funk gesteuert wurde. Als er zum ersten Mal
benutzt wurde, reagierte Johanna so heftig, dass sie nach fünf
Minuten das Klassenzimmer verlassen musste.
Wir wurden wütend. Erst hatten wir ein halbes Jahr gekämpft und dann
installieren sie so ein Gerät! Wir begannen, die Lehrerin mit Fragen
zu bombardieren: Könnt ihr das Gerät nicht abschalten? Aber die
Lehrerin sagte unnachgiebig nein. Die IT Technik ist heilig, sie
darf keinen Kratzer abbekommen, das ist das Wichtigste. Daraufhin
nahmen wir sie aus der Schule, weil es ihr dort so schlecht ging.
Dafür nehme ich sie bis heute als Berufspraktikantin mit in meine
Arbeit.
Wir haben dort eine komplette PC Ausstattung, aber alles ist
kabelverbunden. Nun sitzt sie dort und surft im Internet, so viel
sie Lust hat.
Wir zeigten die Schule an

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So kam es zu einer Schulkonferenz bei der wir vor allem von der
Rektorin sehr unfreundlich behandelt wurden. Danach waren wir
ziemlich niedergeschlagen. Aber rechtskundige Freunde halfen
uns. „ Das hier müsst ihr anzeigen“, sagten sie, das ist
unerlaubte Diskriminierung. Daraufhin zeigten wir im März die
Schule beim Schulamt an. Diese reagierten ganz schnell und
befragten nun ihrerseits die Schule, was sie getan haben und was
sie unternehmen wollen, um dem Kind den normalen Schulbesuch zu
ermöglichen. Das war unser erster Erfolg. Bis dahin hatte man
uns Eltern die ganze Schuld gegeben. So sprangen wir vor Freude
hoch, als wir das lasen.
Die Ärztin zeigte uns an
Nach der Schulkonferenz wurde meine Frau zum Arbeitsmediziner
gerufen. Die hatten erwartet, dass sie alleine käme, aber wir
gingen zusammen mit einem uns bekannten Psychologen dorthin.
Statt zwei gegen einen waren wir vier gegen zwei. Sie sprachen
über Johanna und die Ärztin sagte, wir sollten uns keine Sorgen
machen und falls sie Kopfweh bekäme, sollte sie ‚Alvedon’
nehmen. Wir sagten, dass wir uns gar keine Sorgen machen
werden, denn sie wird nicht mehr in die Schule zurückkommen.
„Dann werde ich Sie beim Sozialamt melden“, sagte die Ärztin.
„Aber das geht Sie nichts an, das ist Sache der Schule, darum
müssen Sie sich nicht kümmern“, entgegneten wir. Die Folge war
eine Anzeige beim Sozialamt unserer Gemeinde.
Endlich bekam Johanna einen Hauslehrer
Nach weiteren Schulkonferenzen bekam Johanna in den Kernfächern
für vier Wochenstunden einen Hauslehrer. Von Februar bis Ende
April hatte sie überhaupt keinen Unterricht bekommen, wir
hatten nur wöchentlich die Hausaufgaben von der Schule
abgeholt. Und die Rektorin bekam einen ganz anderen Umgangston,
wurde freundlicher und verständnisvoller. Wir teilten dem
Schulministerium dankbar mit, dass wir nur durch ihren Einfluss
so viel freundlicher behandelt wurden.
Dann begann ein Schriftwechsel zwischen der Rektorin und dem
Schulamt. Die Rektorin beantwortete den Brief des
Schulministeriums mit Angriffen auf uns Eltern. Der
Schriftwechsel lief praktisch bis zum Sommer, aber wir hatten
schließlich das letzte Wort und die Rektorin wurde immer
zahmer. Am Schluss sagte sie: „ Jetzt gebe ich es auf“. Aber
dann begann ein neuer Schriftwechsel um den Heimunterricht.
Denn die Rektorin gab an, dass Johanna vier Stunden
unterrichtet wurde, obwohl sie nur drei Stunden Unterricht
bekam. Wir hatten ein langes Gespräch, wobei wir unter anderem
die Rektorin fragten, warum sie nicht selbst das Schulamt
kontaktiert hatte, sondern den Arbeitsmediziner, der gar nichts
mit der Sache zu tun hatte.
Sie geht nur an manchen Tagen in die Schule
An manchen Tagen besucht Johanna die Schule und kann dort in die
Mensa gehen, nachdem sie dort das DECT Telefon entfernt haben. Sie
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

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nimmt auch am Sportunterricht und an Ausflügen teil, denn sie soll
den Kontakt zur Schule nicht verlieren. Aber sie kann sich dort
nicht ganztags aufhalten, denn sonst geht es ihr zu schlecht. Und
wir wissen natürlich, dass es schlimmer werden kann. Und es spielt
für uns keine Rolle, wie gut ihr Zeugnis ist, denn wer
elektrosensibel ist, bekommt sowieso keinen Job.
Sie spürt die Strahlung der DECT Telefone
Johanna spürt die Strahlung der schnurlosen Telefone. Einmal
übernachtete sie bei einer Freundin und erwachte mit
Kopfschmerzen. Da hatten sie ein DECT Telefon angeschafft.
Beim nächsten mal, als sie dort übernachten sollt, baten wir
die Eltern, das Telefon auszustecken und daraufhin schlief
sie gut. Aber seitdem wird sie nicht mehr eingeladen.
Der Freundeskreis verändert sich, wenn man solche Probleme hat.
Manche brechen den Kontakt ab. Dafür bekommt man neue, bessere
Freunde, die sich auch um einen kümmern. Wir haben fantastische
Hilfe von kompetenten Freunden bekommen.
Die Funktechnik ist in den Gemeinden eine ‚heilige Kuh’. Wir
haben der Schule vorgeschlagen, alle Funkgeräte zu entfernen
und alles verkabeln. „Nein, das geht nicht“, hieß es. Geht
nicht? Es geht aber an meinem Arbeitsplatz. Nein das liegt an
fehlender Einsicht, das ist eine ideologische Frage, denke ich.
So ist Johanna bis auf Weiteres an drei Tagen in der Woche
meine Praktikantin.

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Jonas geht es im Dorf besser
Diese Familie hat vier Kinder. Die Mutter erzählt über Jonas.
„Wir merken es alle zusammen, aber mit dem Jüngsten weiß ich
nicht so richtig. Aber Jonas, der bald 12 Jahre alt wird hat die
deutlichsten Symptome. Er hat ständige Kopfschmerzen und einen
druck auf der Brust. Er hat Herzrhytmusstörungen und das
erkannte auch die Schulkrankenschwester. Es sagt, es fühlt sich
an, als hätte er eine schwere Pfanne auf der Brust. Der
Herzschlag stieg von 87 auf über 100 pro Minute. Er bekommt nur
schwer Luft, es wird ihm schwindlig, Arme und Beine schlafen ein
und die Verdauung funktioniert nicht mehr. Wir sehen es direkt
sofort, wenn es los geht.
In der Hütte werden die Kopfschmerzen schwächer
Er war fast ein Jahr lang nicht in der Schule und bekam nur
Hausunterricht. Vor allem wegen ihm sind wir in ein Haus ohne
Strom und Telefon umgezogen. Das ist nicht so weit weg, aber
liegt in einem Tal und mitten im Wald, der gut abschirmt. Dort
wird sein Kopfschmerz besser. Wir haben unser anderes Haus
behalten, um dort duschen und waschen zu können.
Das Ganze begann, als hier die UMTS-Sender errichtet wurden. Der
nächste liegt 3,5 km weit weg, der zweite 4,5 km. Das war im
Jahr 2003. Wir kamen aus dem Urlaub nach hause, während dem der
Sender angeschlossen wurde und plötzlich reagierten mehrere in
unserer Familie gleichzeitig. Ich konnte nicht mehr schlafen und
das Mädchen, die jetzt sieben Jahre alt ist, wachte nachts auf
und schrie. Das hatte sie früher nie getan. Sie hatte auch
Gelenkschmerzen.
Wir haben einen elektrosensiblen Nachbarn, darum konnten wir uns
besser vorstellen, was los war. Der Nachbar ist wegen Burnout
Syndrom krank geschrieben und war hier heraus gezogen.
Auf einmal schliefen wir wieder durch
Einmal war der Sender eine ganze Woche abgeschaltet und ich
schlief wieder gut.
Alle Familienmitglieder konnten gut schlafen und auch Jonas
bekam das Leuchten in den Augen zurück. Wir konnten es uns nicht
erklären. In dem Moment trafen wir den Nachbarn, der hier
hergezogen war. ‚Du bist hier?’ sagten wir. Ja, merkst du nicht,
wie schön es hier ist, sie haben den Sender abgeschaltet. Er
hatte ein Messgerät dabei und zeigte uns, dass die Werte ganz
niedrig waren. Etwa nach einer Woche wurde der Sender wieder
angeschaltet und unsere Symptome waren sofort wieder da. Sie
setzten auch einen WLAN Sender auf die Schule. Damals ging Jonas
in die erste Klasse und der Sender befand sich direkt vor seinem
Klassenzimmer. Das Resultat war, dass wir ihn aus dem Schulbus
nach hause tragen mussten. Die Klasse zog später in einen
anderen Raum, der etwas weiter weg vom Sender lag und dort ging
es ihm etwas besser.
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Die Lehrerin wollte nicht auf uns hören
Aber in der fünften Klasse hatte er eine Lehrerin, die gar kein
Verständnis hatte. Sie wollte uns nicht zuhören und sagte nur,
das werde vorübergehen. Wir hatten noch ein Gespräch mit ihr und
da war auch Jonas dabei, dem es richtig schlecht ging. Aber sie
meinte, es könnten Unlustgefühle sein wegen der Umstellung auf
die neuen Situation. Aber Jonas liebt ja die Schule. Und er ist
auch in allen Fächern ein guter Schüler. Auch mit seinen
Kameraden hat er keine Probleme.
Unser ältester Sohn, der in eine andere Schule geht spürt den
Projektor, den sie im Klassenzimmer an der Decke hängen haben.
Wenn der eingeschaltet ist, kann er nicht mehr denken. Aber er
hat einen sehr guten Lehrer, der uns auch zuhört. Er verträgt
keine Mikrowelle im Speisesaal und so entfernten sie das Gerät.
Die IT Kommune als treibende Kraft
Viele denken, es ist komisch, dass es einem hier auf dem Land so
schlecht gehen kann. Aber unsere Kommune war sehr
fortschrittlich, was die IT-Entwicklung angeht und hat sich als
eine IT Kommune profiliert. Darum gibt es diese Technik hier
überall. An den Schulen gibt es viele Computer.
Der Sprecher der Bildungsausschuss will nichts davon hören, was
wir an Kritik vorbringen. Und er hatte keine Ahnung, dass
Elektrosensibilität hier in Schweden eine anerkannte Behinderung
ist.
Ein großes Dilemma
Jetzt stehen wir vor einem Riesendilemma. Die Kommune glaubt,
sie hätten alles getan und wir haben ein Ultimatum genannt
bekommen. Entweder wir bringen Jonas zur Untersuchung ins
Krankenhaus oder wir müssen eine Geldstrafe zahlen. Aber
verträgt das Milieu dort nicht und auch nicht den Transport
dorthin. Wir mussten ihm versprechen, dass wir ihn nicht dorthin
bringen.“

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Misstrauen und Behinderungen
Wie geht man mit diesen Menschen um, die
Hilfe fragen? Was sagen Ärzte, Behörden,
andere, die zur Hilfe verpflichtet sind?
unterschiedlich. Einige Betroffene haben
gemacht, man half ihnen – oder zumindest
Verständnis.

in ihrer Not nach
Beamte, und
Das ist natürlich
gute Erfahrungen
zeigte man

Kenneth: „Mit meinem Arzt hatte ich Glück, ich trat fast
sofort auf einen Arzt, der sich damit auskannte und mir
mit Respekt begegnete“.
Maria: „Die Ärztin glaubte mir, ich wäre elektrosensibel,
aber sie konnte mir auch nicht helfen. Die Gesellschaft
hat dafür kein Geld.“
Meistens ist es aber ganz anders.
Inger: „Ich legte mich mit der verantwortlichen Beamtin
an, und verlangte eine Sanierung Anpassung meiner Wohnung.
Als ich ihr von meinem Problem erzählte, schrie sie mich
an: ‚Das ist doch wissenschaftlich nicht bewiesen. Und
wenn Sie einen Antrag stellen, werde ich ihn ablehnen’.
„Wahnvorstellungen“
Noch bevor ich die Flüchtlinge traf, lernte ich einen
elektrosensiblen Mann in den 50gern kennen. Sein
Hauptsymptom waren Schmerzen an verschiedenen
Körperteilen. So allmählich fand er heraus, dass es mit
Strom und Mobiltelefonen zusammenhing. Er versuchte, es
seinem Arzt zu erklären. Dieser fing daraufhin an, von
Psychopharmaka zu reden … Als er dann später im
Arztbericht nachlas, was der Arzt geschrieben hatte, sah
er „Wahnvorstellungen“.
Elisabeth: „Der Arzt hatte kein Verständnis.
‚Elektrosensibilität gibt es nicht!’ Wie konnte er so
etwas sagen? Meine Beschwerden werden doch so deutlich vom
Computer ausgelöst. Er hatte keine Zeit für mich, schrieb
mich aber für eine Woche krank wegen ‚unerklärlichen
Schwindelgefühlen’ Dann bekam ich einen neuen Termin bei
einem Kollegen. Gut, dachte ich, hoffentlich ist der
Kollege besser informiert. Aber es wurde nur noch
schlimmer. Der andere Arzt hatte mehr Zeit vorgesehen,
aber diese Zeit verwendete er, um mir einen Vortrag zu
halten. Die Menschen hätten immer Angst vor Technik
gehabt. Als die Eisenbahnen erfunden wurden, hatte man
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Angst vor der schnellen , Eisenbahn Fortbewegung. Heute
soll es zu gefährlich sein, am Computer zu sitzen.
Er erzählte zum Beispiel verschiedene Arten von
Massenpsychosen Froschkrankheit bei der die Leute im 19.
Jahrhundert dachten, sie hätten lebende Frösche im Bauch.
Er zog Parallelen zwischen der Froschkrankheit,
Amalgamvergiftung- und Elektrosensensibilität die er auch
für eine Art Psychose hielt.
Er fragte mich auch, ob mir meine Arbeit nicht gefallen
würde. Aber im Gegenteil, dort fühlte ich mich sehr wohl.
Er wollte mich nicht krankschreiben sondern meinte, ich
solle weiter Arbeiten wie bisher, zumindest halbtags. Der
einzige Vorschlag war, dass ich zu einem Psychologen gehen
solle. Er wollte nicht einmal auf meine Bitte eingehen und
die Leuchtstoffröhren an der Decke ausschalten.
Ich ging zum Arzt weil ich verzweifelt Hilfe brauchte, ich
konnte meine heftigen Reaktionen ja auch nicht verstehen.
Das war eine schreckliche Erfahrung, nicht nur nicht ernst
genommen zu werden, sondern auch noch missverstanden zu
werden.
Ich fühlte mich ganz niedergeschlagen, so dass ich nur
noch weinte.
Puppen und kleine Kinderschuhe.
Mia: „Die Krankenversicherung wollte, dass ich für vier
Tage nach Nynäshamn zur Untersuchung fahren sollte, dort
im Hotel 50 Meter neben einem Mobilmast wohnen sollte.
Das war aber unmöglich. Da kontaktierte mich eine Firma
hier in der Nähe, die , Untersuchungen am Arbeitsplatz
machte. Es kam ein Arzt, eine Krankengymnastin, und ein
Psychologe. Die Psychologin hatte ein paar Puppen und ein
paar Kinderschuhe mitgebracht und begann das Gespräch
damit, dass es eine Zusammenhang zwischen
Kindheitserlebnissen und meinem Problem geben könnte.
Ich verstand gar nichts mehr.
Ich sagte: ich dachte, es dreht sich darum, warum ich
nicht arbeiten kann. Haben Sie meinen Brief gelesen? Nein,
den hatte sie nicht bekommen. Aber was wissen Sie denn
eigentlich von mir? ‚Dass Sie in diesem Haus schon längere
zeit wohnen, und dass Ihr Mann gestorben isr und Sie jetzt
verwitwet sind..
Sie wusste nichts von meiner Geschichte. Sie musste
annehmen, dass ich ein psychologisches Problem mit meiner
Kindheit mit dem Tod meines Mannes hatte....“
„ Du lebst nicht in der Gegenwart“
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Eva: „Um das alles auszuhalten, muss man psychisch sehr
stark sein. So wie man behandelt wird. Bis heute trifft
man auf kein Verständnis eher Misstrauen und Unglauben.
Und wenn die Ärzte nichts finden, soll man zum Psychologen
oder zum Psychiater gehen. Ich musste zu einem Psychiater
gehen, der sich sehr komisch benahm. Er saß mir mit den
Füßen auf dem Tisch gegenüber. ‚Also Sie spüren Strom. Wie
spüren Sie denn das?“ Ich beschrieb es ihm und da schlug
er mit der Faust auf den Tisch und rief: Sie leben nicht
in der Gegenwart. Wir haben schon über hundert Jahre
Strom!.
Die Bemühungen der allgemeinen Medizin sind schrecklich.
Es scheint unter den Ärzten ganz normal zu sein, uns mit
Verachtung anzusehen. Wenn ich heute zum Arzt gehe erzähle
ich nicht oft, dass ich elektrosensibel bin. Denn dass
wird es anstrengend. Ich wurde zur Mammographie eingeladen
und ich werde es dort nicht erzählen sondern lieber
versuchen es so auszuhalten. Aber es ist natürlich nicht
gut, wenn man durch diese Erfahrungen eingeschüchtert
wird.“
Nein, denke ich, wenn ich ihr zuhöre. Das ist wirklich
nicht gut.

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Angst vor der Technik? Nein im Gegenteil!
Eine der Behauptungen, denen sich mehrere meiner Freunde
ausgesetzt sehen ist, dass ihre Reaktionen von
Technikangst herrühren. Meine Interviewpartner sprechen
eine andere Sprache. Viele von ihnen waren sehr angetan
von der neuen Technik wie zum Beispiel Inger, die ganze
Sommernächte an ihrem neuen PC arbeitete. Oder Klas, der
als Multimediaproduzent arbeitete. Vielleicht ist er
gerade deshalb ein Opfer geworden.
Elisabeth erzählt, wie es bei ihr anfing.
Ich war Vorschullehrerin und hatte eine sehr schöne
Arbeit, aber es war zu schwer. Ich hatte Probleme mit den
Schultern und Hals war zu 50 % Krankgeschrieben und
spürte, dass ich nicht mehr zurück in den Ganztagsjob
konnte. Ich bekam eine Umschulung zur Grafikerin und
arbeitete am Computer. Und es war toll. Das wollte ich
machen.
Als die Ausbildung fertig war, machte ich ein Praktikum in
Enköping. Aber nach drei Wochen war ich ganz kaputt. Ich
litt an Schwindelgefühlen, Herzbeschwerden, Haut und
Augenprobleme, Kopfschmerzen, Müdigkeit und
Konzentrationsprobleme. Eines tages saß ich am PC und
spürte es direkt: Das hier geht nicht! Ich fuhr nach Hause
und es ging mir so schlecht, dass ich ein paar Tage mit
Fieber im Bett lag. Ich war wirklich krank, aber ich ahnte
nicht, dass es Elektrosensibilität sein könnte. Damals
wusste ich noch nicht einmal, was das war.“
Ein Phobie? Nein im Gegenteil!
Nicht selten wird im Zusammenhang mit der
Elektrosensibilität auch von Phobie gesprochen.
Ich kann feststellen, dass kein Einziger meiner
Gesprächspartner irgendwelche Phobien beschrieben hat. Ein
Phobie Kranker versucht mit allen Mitteln, Situationen
oder Plätze zu meiden, an denen das Risiko besteht, das,
was die Phobie auslöst, zu treffen, auch wenn es weit weg
ist.
Meine Freunde erzählen, es sei genau andersherum. Sie sind
in voller Absicht in die Nähe eines vermuteten Auslösers
gegangen. Sie haben versucht, sich den Sendern, dem
Elektrozaun usw. zu nähern, um zu sehen, was passieren
wird. Auf diese Weise haben sie herausgefunden, was sie
ertragen können und was sie nicht vertragen und was bei
ihnen unerträgliche Symptome auslöst.
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Viele machen noch etwas anderes. Sie machen genau das, was
sie eigentlich nicht dürfen. Man geht in den Laden obwohl
man weiß, dass es einem dort schlecht gehen wird. Man geht
ab und zu in ein Konzert oder ein Restaurant, damit man
nicht immer so von aller Normalität abgeschirmt lebt. Man
besucht Verwandte, obwohl man fast nicht auf den Beinen
stehen kann. Das ist genau das Gegenteil von einer Phobie.
Eva: „Ich will ich mit dem Kopf durch die Wand. Ich will
nicht mehr elektrosensibel sein, ich will normal sein!
Dann mache ich etwas, von dem ich weiß, dass ich es nicht
tun dürfte. Ich fahre irgendwohin, nur um ein paar
Menschen zu sehen. Und dann geht es mir noch schlechter.“
Viele haben Symptome ohne zu wissen warum und bekamen die
Erklärungen erst nachträglich. Eva berichtet, dass ihr
Mann ihr erklären konnte, warum es ihr in dem alten
Fischerdorf so schlecht wurde, als sie sich selbst nicht
verstand.
***
Alle, die ich befragt habe sind bei klarem Verstand und
drücken sich präzise aus, erzählen zusammenhängend und
machen insgesamt einen vernünftigen Eindruck. Desto
merkwürdiger ist dann das Misstrauen, das man ihnen
entgegenbringt. Ich frage mich, wie auch nur ein einziger
Mensch, ein Arzt, oder irgendjemand, der genau zuhört, zum
Schluss kommen kann, dass es sich um eine Psychose, oder
Einbildung handeln könnte. ..Es ist unbegreifbar. Ich
frage mich umgekehrt: Ist die gesamte Ärzteschaft
einbildungskrank?!?

Warum verleugnen?
Björn: “Wir zählen nicht wie vollwertige Menschen, weil
unsere Erfahrung nicht zählt.”
Ich denke sehr viel darüber nach, warum die Erfahrungen
dieser Menschen für die restliche Gesellschaft so schwer
anzunehmen sind. Ich denke, es kann mehrere Ursachen
haben, warum man diese Menschen nicht ernst nimmt.
Ein Grund ist wahrscheinlich das starke wirtschaftliche
Interesse der Telekommunikationsindustrie, hinter der auch
unsere Regierung steht.
Das ist kein so neues Phänomen. So war es auch mit der
Tabakindustrie, mit Asbest, und verschiednen Medikamente,
und Holzschutzmitteln. Die Industrie hat widersprochen,
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Fakten verdreht, Desinformation verbreitet und
verschleiert bis die Wahrheit die nicht mehr länger
geleugnet werden kann.
Es hätte Konsequenzen
Was Familie oder Freunde betrifft gibt es andere plausible
Erklärungen dafür, dass so viele der Wahrheit nicht ins
Auge sehen wollen. Es dreht sich ja um Erkenntnisse, die
große Konsequenzen für unser tägliches Leben bedeuten
können. Für alle, die sich an die Elektrogeräte, die
Handis und die schnurlosen Telefone gewöhnt haben, kann es
schwer sein, die Tatsachen zu akzeptieren. Es hätte
natürlich so große Konsequenzen für das tägliche Leben,
die Kontakte zu anderen Menschen, die täglichen
Gewohnheiten.
Mia: „Meine Familie will mir ja helfen, aber ich bin mir
nicht sicher, ob sie wirklich verstehen, was los ist. Man
hat nicht nur die Industrie gegen sich. Sondern eigentlich
alle Menschen. Es gibt nur ganz wenige, die auf die
Technik verzichten wollen. Die meisten Angehörigen der
Betroffenen, sind dazu nicht bereit, dann ist es schwer.
Alle Manschen sind so Trend-gesteuert. Vielleicht wäre ich
auch so, wenn mir das nicht passiert wäre. Ich war selbst
auch sehr eingebunden.“
Herausforderungen
Björn: “Bevor wir diese Haus hier kauften, hatten wir ein
Gespräch mit dem Nachbarn, dessen Wochenendhaus neben
unserem steht. Wir sagten ihm, dass wir dieses Haus nur
kaufen würden, wenn er auf sein Mobiltelefon verzichten
würde. Das taten wir, damit er gleich Bescheid wusste. Wir
fregten ihn, ob er sein Mobiltelefon zu hause lassen
könnte, wenn er hier her käme. ‚Ja, klar, kein Problem’,
Er hat ja auch ein Festnetztelefon in der Hütte. ‚Können
wir uns darauf verlassen? Wir werden sonst unangenehm,
sagten wir. ‚Nein, nein’, versprach er.
Aber jetzt bringt er und seine Familie doch ihren Handys
mit. Als wir zu ihm gingen um mit ihn an sein Versprechen
zu erinnern, meinte er, ‚Ja, aber das ist doch schon drei
Jahre her’ Jetzt muss doch einmal Schluss sein mit diesen
Albernheiten!’ Dann können wir jetzt nur weggehen, wenn
die anderen kommen.
Man ist ständig auf der Hut. Wenn die Nachbarn hier
herkommen, müssen wir sofort abhauen. Immer wenn man ein
Motorgeräusch hört, muss man sofort nachsehen wer das ist.
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Wenn wir das nicht machen, dann geht es uns nach fünf
Minuten so schlecht, dass wir es nicht einmal mehr
schaffen, wegzufahren. Einmal kam der Nachbar mit seiner
Familie, als ich gerade draußen im Wald war. Als ich
zurückkam, lag Siv bewusstlos neben dem Holzhaufen.
Nachbarn und Freunde werden zu Feinden, weil man nie weiß,
wann sie kommen und ob sie etwas dabei haben was man nicht
verträgt. Und dann kommt es auch vor, dass Leute mit
eingeschalteten Handys über unser Grundstück laufen, um zu
testen, ob wir wirklich reagieren....Man ist zum Abschuss
freigegeben.
Siv erzählt, als sie merkt, dass ich eine Digitalkamera
dabei habe: „Man hat Provokationsstudien gemacht, bei
denen man Elektrosensible im Versuch mit Mobiltelefonen
konfrontiert hatte. Man schaltet das Handy an und aus und
die Versuchsperson soll sagen wann das Handy angeschaltet
ist. Nur machen sie diese Versuche immer in einer
Umgebung, die schon sehr verstrahlt ist. Wenn ich in einer
Ansammlung von Menschen bin, dann merke ich nicht, ob
jemand sein Mobiltelefon anschaltet. Es geht mir von der
vorhandenen Strahlung schon so schlecht. Es ist so, als ob
man in einem rauchgeschwängerten Raum sagen soll, wann
noch ein bisschen Rauch dazukommt.“[1]
Man hat auch Versuche gemacht, um psychologische
Unterschiede zwischen Elektrosensiblen und anderen
Menschen zu finden. Es verwundert aber nicht, dass man
kein Unterschiede finden konnte. [2]
Das ist eine Weltanschauungsfrage
Vielleicht passen die Elektrosensiblen einfach nicht zu
der Weltanschauung der Industrieländer. Dürfen vielleicht
Ärzte deshalb so etwas Eigenartiges sagen wie, dass es
diesen Zustand nicht gibt und man eben unter
Wahnvorstellungen leidet? Es scheint sehr schwer
vorstellbar zu sein, dass man von elektromagnetischen
Signalen beeinflusst werden kann, obwohl unser eigener
Körper, das Herz, das Nervensystem und das Gehirn mit
diesen Signalen arbeitet.
Beim EKG und EEG handelt es sich ja auch um elektrische
Phänomene. Und das, obwohl bewiesen ist, dass andere
Formen von elektromagnetischen Wellen sehr gefährlich
sind: Röntgenstrahlung, Radioaktivität, Radar, geht man
trotzdem davon aus, das nur diese Strahlen ungefährlich
sind....

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Tatsache ist, dass alle Funktionen der Lebewesen von
schwachen elektrische Impulsen gesteuert werden, auch auf
Zellniveau. Nachdem elektromagnetische Felder sich
gegenseitig beeinflussen, ist es eine
Selbstverständlichkeit, dass das körpereigene System von
künstlicher Elektrizität empfindlich gestört werden kann nicht zuletzt auch von Mobilfunkstrahlung.
Wir alle sind heute künstlicher Strahlung ausgesetzt, die
milliardenfach stärker ist als die natürliche
Hintergrundstrahlung, an die wir angepasst sind.
Unqualifizierte Experten
Wie grundlegend und verbreitet die Zweifel sind, ging mit
aller Deutlichkeit aus einem Artikel in „Aktuellt“ im
August 2007 hervor. Es begann mit der Behauptung, dass
Kommunen Millionenbeträge für die Elektrosanierung
ausgeben würden, wenn es einen wissenschaftlichen Beweis
für den Nutzen gäbe. (Eine merkwürdige Behauptung, nachdem
die meisten Kommunen überhaupt kein Interesse an so etwas
haben.)
In dem Aufsatz wird eine selbst ernannte Expertin, Lena
Hillert, zitiert die ohne wissenschaftlichen Nachweis
behauptet, dass man Elektrosensibilität mit der
sogenannten KBT (kognitiven Verhaltenstherapie) behandeln
kann.
Hillert wurde vom Reichtagsrevisor im Jahr 2003 für
disqualifiziert erklärt, weil sie für die Firma Telekom
gearbeitet hatte. Hier wurde sie gefragt: Gibt es
irgendwelche Gefahren, gegen die man solche Maßnahmen wie
die genannten Elektro-Sanierungen ergreifen muss? Sie
antwortete darauf wörtlich:
„Es besteht die Gefahr, dass es Einschränkungen für
einzelne Individuen gibt. Dass man sich mehr und mehr von
der Gesellschaft und der Familie, Verwandtschaft und
Freunden entfernt. Es besteht auch die Gefahr, dass andere
sich sorgen, ob es hier eine gefährliche Strahlung gibt,
weil man für Menschen, denen es schlecht geht
Schutzmaßnahmen ergreift. Man fragt sich: Ist das auch für
mich gefährlich?
Es sollen also die Schutzmaßnahmen sein, die das Leben der
Menschen einschränken. Ich traute meinen Ohren nicht.
Versuche der Elektrosensiblen, eine erträgliche Wohnung zu
finden, scheitern ständig. Der Verein mit dem sinnigen
Namen ‚Frivolten’ (Spannungslos) hat man mehrere Jahre
lang mit List und Glück nach strahlungsarmen Plätzen
gesucht, wo man Häuser für Elektrosensible einrichten
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kann. Es gibt solche Plätze. Aber die Pläne mussten
ständig über den Haufen geworfen werden. Die Kommunen
weigerten sich mitzuarbeiten, eine Firma wollen das
Grundstück nicht zur Verfügung stellen....
In Degerfors hatte man ein geeignetes Haus gefunden, das
man mit Unterstützung durch die staatliche
Wohnungsförderung (SBO) elektro-sanieren wollte. Die
Kommune war positiv gestimmt und etwa 150 Personen hatten
ihr Interesse angemeldet, dort einzuziehen. Da ließ auf
einmal eine Mobilfunk Firma in Gestalt ihres Sprechers
Mats Holme per E-Mail verlauten, dass es keinen Beweis
dafür gibt, dass eine Elektrosanierung den Menschen helfen
würde. Und siehe da: Die Kommune änderte ihre Meinung. Die
Sanierung wurde gestoppt. (Karlskoga Kuriren 16. August
2007).
Nicht nur in Schweden
Es stimmt nicht, wie es manchmal wird in Diskussionen
behauptet wird, dass es Elektrosensible nur in Schweden
gibt (mit dem Unterton, dass es sich ja eigentlich um eine
Fehldiagnose handelt). In allen Ländern in denen man
Untersuchungen gemacht hat, fand man ähnliche
Symptombeschreibungen. Es handelt sich unter anderem um
Schwindelgefühle, starke Kopfschmerzen, Übelkeit,
Gedächtnisstörungen, Verwirrung, Tinnitus und
Schlafstörungen.
In Österreich schätzt man die Zahl der Elektrosensiblen
auf 3,5 Prozent der Bevölkerung, und die Zahl hat sich in
den letzten zehn Jahren verdoppelt. In Deutschland sind es
9 Prozent, in der Schweiz 5 Prozent.
In Deutschland und der Österreich gibt es Organisationen
für Elektrosensible. Elektroflüchtlinge stehen oft über
die Grenzen in Briefkontakt miteinander und versuchen,
sich gegenseitig zu helfen, irgendwo geeignete Wohnungen
zu finden.
In Irland haben Ärzte Warnungen herausgegeben, ebenso in
den USA, Österreich und Japan.
In Deutschland engagieren sich viele Ärzte in dieser
Frage. Es begann im Jahr 2002 mit dem Freiburger Appell
FREIBURGER APPELL 9.10.2002
Aus großer Sorge um die Gesundheit unserer Mitmenschen
Im Jahr 2002 veröffentlichten 60 deutsche Ärzte einen
Appell, der beginnt mit:
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Als niedergelassene Ärztinnen und Ärzte wenden wir uns
aller Fachrichtungen speziell der Umweltmedizin, an die
Ärzteschaft, an Verantwortliche in Gesundheitswesen und
Politik sowie an die Öffentlichkeit um unsere Sorge um die
Gesundheit unserer Mitmenschen auszudrücken.
Diese Ärzte hatten in den letzten Jahren „einen
dramatischen Anstieg schwerer und chronischer Erkrankungen
beobachtet:
• Lern-, Konzentrations- und Verhaltensstörungen bei
Kindern (z.B. Hyperaktivität)
• Blutdruckentgleisungen, die medikamentös immer schwerer
zu beeinflussen sind
• Herzrhythmusstörungen
• Herzinfarkte und Schlaganfälle immer jüngerer Menschen
• hirndegenerative Erkrankungen (z.B. Morbus Alzheimer)
und Epilepsie
• Krebserkrankungen wie Leukämie und Hirntumore
• Kopfschmerzen und Migräne
• chronische Erschöpfung
• innere Unruhe
• Schlaflosigkeit und Tagesmüdigkeit
• Ohrgeräusche
• Infektanfälligkeit
• Nerven- und Weichteilschmerzen, die mit üblichen
Ursachen nicht erklärlich sind um nur die auffälligsten
Symptome zu nennen.“
Die Ärzte schreiben in ihrem Appell, dass sie als Ursache
dafür Mikrowellen gefunden. Sie haben unter anderem
beobachtet, dass sich monate- bis jahrelange Beschwerden
in relativ kurzer Zeit nach Reduzierung oder Eliminierung
einer Funkbelastung im direkten Umfeld des Patienten oft
bessern oder verschwinden.“
Der Appell fährt fort:
„Unsere therapeutischen Bemühungen um die
Wiederherstellung der Gesundheit bleiben immer häufiger
ohne Erfolg. Denn das ungehinderte Eindringen der
Dauerstrahlung in Wohn- und Arbeitsbereiche, verursacht
pausenlosen Stress und verhindert eine grundlegende
Erholung des Kranken.“ Den vollständigen Text können Sie
unter http://www.igumed.de/apell.html
nachlesen. Mehrere Tausend Ärzte haben diesen Appell
unterschrieben.
Ein paar Jahre später forderte eine Gruppe Ärzte aus
Bamberg systematisch zu untersuchen, wie Menschen von den
Strahlen eines Mikrowellensenders beeinflusst werden. Das
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Originaltitel: Ett vackert Fängelse, Gunilla Ladberg 2008,
Gunilla Ladberg Pedagogik & Språk 2008, ISBN: 978-91-973438-6-2,
Übersetzung von Ingrid von Brandt,

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Ergebnis war ein Brief an den deutschen Umwelt- und
Gesundheitsminister.
Der Brief beginnt mit den Worten:
Akute Gesundheitsgefährdung für die Anwohner der unten
aufgeführten Mobilfunkbasisstationen - Sofortiges
Einschreiten der Behörden geboten.
Ein Zitat aus dem Brief:
Insgesamt wurden von Oktober 2004 bis Januar 2006 bei über
900 Personen an 184 Mobilfunkstandorten zu Hause oder am
Arbeitsplatz Befragungen und Messungen durchgeführt.
Zusammenfassung der ärztlichen Beobachtungen:
Die gepulsten hochfrequenten elektromagnetischen Felder
(von Mobilfunksendeanlagen, schnurlosen DECT-Telefonen,
WLAN u.a.) führen weit unterhalb der gültigen Grenzwerte
zu einem neuen, vielschichtigen
Krankheitsbild mit
charakteristischer Symptomkombination.“ Dann folgt eine
Auflistung der Symptome, die denen des Freiburger Appells
gleichen.
Die gesundheitsschädigenden Auswirkungen treffen uns alle,
Ihre wie unsere Kinder. Wir dürfen davor die Augen nicht
weiter verschließen. Wir bitten Sie daher unverzüglich
tätig zu werden.“
Der Brief in ganzer Länge und vielen Fakten und
Fallbeschreibungen findet sich unter:
http://www.elektrosmognews.de/
Der Bioinitiative Report
Im September 2007 kam der Bioinitiative Report heraus, in
dem unabhängige Forscher nach Prüfung von mehreren tausend
Forschungsberichten feststellten, dass elektromagnetische
Felder eine Menge Gesundheitsprobleme auslösen kann.
Zitat aus dem Bioinitiative Report: „Es gibt wenig
Zweifel,
dass
die
von
Mobiltelefonen
ausgehenden
elektromagnetischen
Felder
und
die
Benutzung
der
Mobiltelefone Auswirkungen auf die elektrische Aktivität
des Gehirns haben.“
www.bioinitiative.org
http://www.bioinitiative.org/report/index.htm

Offizielle Warnungen
Im August 2007 warnte der deutsche Umweltminister vor der
Einrichtung des kabellosen Breitbandnetztes in Schulen.
Das
europäische
Umweltbüro
EEA(European
Environment
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Agency) warnt gleichzeitig vor Grsundheitsisiken der
Funktechnik auf der Grundlage des Bioinitiative Reports.
EEA
fordert
dringende
Maßnahmen,
um
die
Strahlungsexposition von Mobiltelefonen Sendmasten und dem
Kabbellosem Netzwerk zu vermindern.
Und in Schweden?
___________________________
[1] Als Kommentar dazu, ein Zitat aus dem Buch über
Strahlenempfindlichkeit von Helene Aastrup-Samuels:
„In der amerikanischen Umweltklinik in Dallas hat man eine Studie zur
individuellen Frequenzempfindlichkeit durchgeführt. Dr. W Rea und
seine Mitarbeiter untersuchten die Pupillenreaktion von verschiedenen
elektrosensiblen Personen und konnte auf diese Weise die genauen
Frequenzen bestimmen, auf die diese Menschen reagierten. Als man dann
den Provokationstest durchführte, war das Ergebnis positiv und
statistisch signifikant.“
(Ref. Shirakawa S, Rea W J, Ishikawa S, Johnsson A R, Evaluation of
the Autonomic Nervous System Response ba Pupillographical Study in the
Chemically Sensitive Patient.)
[2] Das psychologische Erklärungsmodell oder die Hypothesem dass alle
elektrosensiblen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für psychische
Krankheiten besäßen, wurde durch unsere eigenen Forschungen widerlegt.
(Prof. Bengt Arnetz, Chefoberarzt im Zentrum für Berufs- und
Umweltmedizin Syd im Huddinge Krankenhaus, im Interview mit der
Cancer- och allergifondens Zeitung 1/1996)
[3] im Zusammenhang mit der Erscheinung des sog. RALF-Berichts

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Menschenrechte in Theorie und Praxis
Bevor ich begann, mich mit elektrosensiblen Menschen zu
beschäftigen, war ich der Meinung, dass Schweden ein Land
sei, in dem die Gesetze und Menschenrechte zumindest im
Großen eingehalten werden. Nun musste ich umdenken.
Eine anerkannte Behinderung
Elektrosensibilität ist in Schweden eine anerkannte
Körperbehinderung. Und nach dem Gesetz haben die Kommunen
die Pflicht, die Menschen zu unterstützen, die wegen ihrer
Körperbehinderung Probleme in ihrem Alltag haben. Die
Bedürftigkeit ist das Maß für die Unterstützung, nichts
anderes.
Elisabeth: „ Ich konnte nicht mehr einkaufen, nicht mehr
die Waschmaschine benutzen, nicht einmal mehr
telefonieren. Ich brauchte Unterstützung, denn ich war ja
völlig hilflos. Da kam es zu einem Bewertung meiner
Behinderung. Ich erzählte von einkaufen, waschen, Postund Bankbesorgungen, Telefonaten wegen Wohnungssuche. Eine
Woche später kam er zurück und fragte mich: Wie geht es
Ihnen? Naja, besser als zu hause, aber weit entfernt von
gut, sagte ich. Ja, ich verstehe nicht, wie Sie hier
wohnen können, es ist doch nur 15 Kilometer vom Radio- und
Fernsehsender weg und der strahlt doch mit viele Kilowatt.
Wie halten Sie das aus?
Er zweifelte also meine Behinderung an. Er hielt mir einen
Vortrag über die Stärke des Fernsehsenders statt meine
Bedürftigkeit zu untersuchen - und laut Gesetz ist es die
Bedürftigkeit, an der sich die Unterstützung bemisst. Was
er machte, war also nicht in Ordnung.
Er brachte als Argument gegen mich auch vor, dass ich ja
Autofahren konnte, was ja stimmte. Wenn es mir besser
ging, konnte ich kurze Strecken fahren. Er sagte: Die
Regeln sind so: Wenn man selbst mit dem Auto zum Geschäft
fahren kann, dann hat man keinen Anspruch auf Hilfe beim
Einkaufen. ‚Aber ich konnte ja nicht in das Geschäft
hineingehen!’ Es konnte sich also überhaupt nicht in mich
hinein versetzen und mein Problem verstehen.
Dann wurde mein Antrag abgelehnt. Und das, obwohl mein
Arzt bei ihm gewesen ist und über eine Stunde mit ihm
gesprochen hatte. Als ich den bescheid bekam – war ich so
enttäuscht! Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass
man mir nicht helfen wollte.“
Elisabeth fügt hinzu, als sie von ihren schlechten
Erfahrungen erzählte: „Am Campingplatz hat die Kommune mir
dagegen geholfen, und zwar rundum. Es besuchte mich eine
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Frau, die mich fragte, was ich für Hilfe bräuchte.
Waschen, kochen, Post oder Bank?’ Reicht es wirklich zwei
Mal in der Woche?’ Sie haben doch so eine kleine Kühlbox,
ich glaube ich sollte drei Mal in der Woche kommen’, sagte
sie. Sie glaubte mir. Das war unglaublich!!“
Ja, es war unglaublich, auf diese Weise zu seinem Recht zu
bekommen, was ja eigentlich selbstverständlich wäre.
Ach dem Sozialgesetz haben alle Menschen, die ihren Alltag
nicht mehr alleine organisieren können Anspruch auf
Haushaltshilfen.
Das kommentiert Siv so: Rechte, Ansprüche? Politiker sagen
uns oft: Die haben die gleichen Rechte wie alle. Das würde
für uns heißen, dass wir das Recht auf stromlose
Haushaltshilfen haben. Ich habe solche starken Schmerzen
und Schwindel, dass ich keine gewöhnlichen Alltagsdinge
mehr schaffe. Da müssten Helfer vom Sozialdienst zu mir
nach hause kommen ohne Funkalarm, ohne Mobiltelefone und
mit Autos ohne Elektronik. Sie müssten ohne Staubsauger
putzen und ohne Elektroherd kochen. Wir zumindest kennen
hier niemanden, der so einen stromfreien Hausservice
bekommt.“
UN-Menschenrechtskonvention
Schweden hat die UN-Menschenrechts Konvention
unterzeichnet.
Ich zitiere daraus einige Paragrafen:
Artikel 3
Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Artikel 5
Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder
erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

Artikel 12
Artikel 12
Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine
Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen
seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf
rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.
Artikel 13
1. Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen
und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen.
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Was bedeuten diese Rechte für die Elektrosensiblen?
„Sicherheit der Person“, wenn man krank machender Strahlung
ausgesetzt ist? „Freie Beweglichkeit“, wenn man nicht mehr
in einem gewöhnlichen Verkehrsmittel fahren kann?
„Freizügigkeit“, wenn man fast nirgends einen Ort mehr
findet, wo man wohnen kann?
„Niemand darf „erniedrigend behandelt werden“, - wie sollen
wir das Verhalten von Ärzten und Beamten nennen, von dem
viele meiner Freunde berichteten?.
Der finanzielle Ruin
Viele meiner Freunde sind finanziell ruiniert. Und ihre
Ansprüche auf Entschädigung werden ständig angezweifelt.
Inger: „Ich schrieb einen Brief an das Sozialamt und
schilderte meine Situation. Aber ich bekam eine Absage. Der
Sachbearbeiter kam nicht einmal zu Besuch, weder im
Bauwagen, noch in der Waldhütte, noch in der Wurzelhöhle.“
Mia: „Sie sperrten mir das Krankengeld. Und das war ganz
irreal, als ist den Bescheid las. Dann bekam ich wieder
Krankengeld. Aber jetzt haben sie angekündigt, alle Krank
geschriebenen in der Kommune zu überprüfen. Wird man weiter
Krankengeld bekommen? Wenn nein, wie soll man den Rat
annehmen, umzuziehen? Aber es gibt ja sowieso keinen
sicheren Ort, zu dem man umziehen könnte!
Da gibt es viele drängende Fragen: Wird man von der
Krankenversicherung Geld bekommen? Was, wenn nicht? Man
glaubt uns ja grundsätzlich gar nicht.“
Mia bekam eine Absage, die Ämter befanden, dass sie arbeiten
könne.

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Hört ihnen zu!
Als ich unterwegs war, um die Elektroflüchtlinge zu
interviewen, gingen mir viele Fragen durch den Kopf. Eine
davon war: „Warum glaubt man denen nicht?“
Ich kehrte mit noch mehr Fragen zurück. Warum hört man ihnen
nicht zu? Hier hatte ich mit einer reihe von normalen
intelligenten Menschen gesprochen, die bei klarem Verstand
waren. Wenn ein Mensch klar und deutlich seine Symptome und
das was passiert, wenn er verschiedene Häuser bewohnt,
beschreiben kann, warum glaubt man es ihm nicht? Wenn
hunderte Personen im Prinzip das Gleiche erleben, warum hält
man glaubt man ihnen nicht? Wenn Millionen Menschen in
verschiedenen Ländern völlig unabhängig voneinander die
gleichen Erfahrungen machen, ist das dann immer noch nicht
wahr?
Diejenigen, die elektrosensibel wurden, haben viel über das
Problem und die Symptome gelernt. Sie wissen auch, wie man
die Leiden verschlimmern oder lindern kann, wie man besser
oder zumindest erträglicher leben kann. Wir sollten von
ihnen lernen, statt ihnen zu misstrauen. Sie haben eine
Botschaft an uns alle: Es kann jeden beliebigen von und
treffen. Es gibt keinen Anlass, zu glauben, dass die Körper,
das Nervensystem oder das Gehirn dieser Menschen anders
funktioniert als deines oder meines. Was ihnen passiert ist,
kann dir oder mir ebenso passieren. Bei einer Epidemie
werden auch nicht alle krank. Einige sind empfindlicher
und/oder stärker den Keimen ausgesetzt sind, werden eher
krank. Bei der nächsten Epidemie trifft es wieder andere.
Was haben wir hier vor uns? Vielleicht der Beginn einer
neuen Epidemie?
Wir müssen für diese Menschen selbstverständlich eine
Umgebung schaffen, im der sie erträglich leben können. Und
wir müssen für uns alle und für unsere Kinder die
Gesamtbelastung vermindern statt sie wie es jetzt geschieht,
weiter zu vermehren.

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Quellennachweis und weiterführende Literatur
Bioinitiative Report
Eine reihe unabhängiger
Studien ausgewertet und
Elektromagnetische Feld
verursachen kann.
Der bericht erschien im
www.bioinitiative.org

Wissenschaftler hat über 1000
festgestellt, dass das
(EMF) eine Menge Gesundheitsprobleme
September 2007 siehe unter

Der Freiburger Appell
Der Bamberger Appell

Verdunkelung
Die rechtlosen Opfer der Elektronik, Gunji Nordström.
Hjalmarsson & Högberg 2000
Etwas, was man nicht spürt.
Ein kleines Buch über elektromagnetische Strahlung und ihre
Folgen von Christine von Hedenborg. Eine Einführung in die
Problematik, über eigene Erfahrungen hinausgehend.
Eigendruck im Selbstverlag 2006
Notbremse
Handbuch für weitsichtige framsynta bakåtsträvare von Sture
hegerfors und Lasse Åberg, Forum 2001
Elektrosenibilität
Hélène Aastrup-Samuels. Grundinformation über eine schwere
Behinderung. Herausgeber: elöverkänsligas Riksförbund mit
Unterstützung durch den Allmänna Arvsfonden och Cancer- och
Allergifonden 2005
REFLEX-Studie
Das EU-finanzierte Projekt REFLEX, bestehend aus
Forschergruppen, zeigte, dass elektromagnetische
einen gentoxischen Effekt auf menschliche Zellen
bedeutet Giftwirkung auf die Erbmasse weit unter
Schweden und Deutschland geltenden Grenzwerten.

12
Felder
haben. Das
den in

Spelet om G3 – Fakta och desinformation i det trådlösa
samhället
Die Journalistin Mona Nilsson präsentiert in Auszügen
Forschungsergebnisse, die zeigen dass Strahlung der
Mobiltelefone ernste Konsequenzen haben kann. Medikament
Faktapocket 2005

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Schwarz auf weiß
Beweise für Elektrosensibilität von Rigmor Granlund-Lind und
John Lind. Mimers Brunn 2002
Verträgst du Strom?
Ein Buch über Gesundheit, Elektrizität und Technik von Clas
Tegenfeldt. Bilda Förlag 2001
Cellphones
Unsichtbare Gefahren im Funk-Zeitalter
George Carlo und Martin Schramm. Carroll & Graf publishers
Inc 2000
Cellular Telephone Russian Roulette
Ein historischer und wissenschaftlicher Abriss von Robert C
Kane. Vantage Press Inc 2001.
The Invisible Disease – The Dangers of Environmental Illness
caused by Electromagnetic Fields and hemical Emissions
Von Gunni Nordström. O Books 2004
The Body Electric – Electromagnetism and the foundation of
life von Dr. Robert O. Becker und Gary Selden. Verlag
William Morrow & Company Inc.
Die Homepage der Föreningen Vågbrytarens bietet viele Fakten
und Informationen, www.vagbrytaren.org

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Adressen:
ELÖVERKÄNSLIGAS RIKSFÖRBUND,
The Swedish Association for the ElectroSensitive
Email:
http://www.feb.se
Berti Lindberg und Kristina Fällmann, Sprecher der
„Vågbrytaren Südost“
http://www.vagbrytaren.org/
http://www.feb.se

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