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LETTLAND UNTER DER HERRSCHAFT DER SOWJETUNION UND DES NATIONALSOZIALISTISCHEN DEUTSCHLAND

1940–1991

LETTISCHES OKKUPATIONSMUSEUM

DER HERRSCHAFT DER SOWJETUNION UND DES NATIONALSOZIALISTISCHEN DEUTSCHLAND 1940–1991 LETTISCHES OKKUPATIONSMUSEUM 1

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LETTLAND UNTER DER HERRSCHAFT DER SOWJETUNION UND DES NATIONALSOZIALISTISCHEN DEUTSCHLAND

1940–1991

LETTISCHES OKKUPATIONSMUSEUM

DEUTSCHLAND 1940–1991 LETTISCHES OKKUPATIONSMUSEUM RIGA 2010 Latvijas Okupācijas muzeja biedrība Verein des

RIGA 2010 Latvijas Okupācijas muzeja biedrība Verein des Lettischen Okkupationsmuseums

LETTLAND UNTER DER HERRSCHAFT DER SOWJETUNION UND DES NATIONALSOZIALISTISCHEN DEUTSCHLAND

1940–1991

LETTISCHES OKKUPATIONSMUSEUM

Lettische Unterlage LATVIJA PADOMJU SAVIENĪBAS UN NACIONĀLSOCIĀLISTISKĀS VĀCIJAS VARĀ

1940–1991

LATVIJAS OKUPĀCIJAS MUZEJS

Verfasser und Herausgeber:

Valters Nollendorfs

Auswahl der Illustrationen:

Ieva Gundare

Übersetzung:

Maik Habermann

Lektorat:

Stephanie von Harrach

Computersatz:

Oskars Stalidzāns

Umschlag:

Bruchstücke einer Geige, angefertigt 1952/53 aus dünnen Brettern und Suppenknochen von Voldemārs Sproģis (geb. 1921) im Invalidengefängnis von Wologda/Workut (Lettisches Okkupationsmuseum).

Die Übersetzung und Internet-Ausgabe dieses Buches wurde finanziell gefördert durch die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Lettland.

Die Internet-Ausgabe des Buches enthält wegen rechtlicher Vorbehalte nur einen Teil der für den Druck vorgesehenen Illustrationen. Das Lettische Okkupationsmuseum wird mit Dank Spenden für den Druck des vollständigen Buches entgegennehmen. Latvijas Okupācijas muzeja biedrība Reg. Nr. 40008018848 SEB banka, Rīdzenes filiāle, UNLALV2X LVL-Konto: LV67UNLA0002400700517 EUR-Konto: LV24UNLA0002058469771 USD-Konto: LV76UNLA0002000758006

© Latvijas Okupācijas muzeja biedrība (OMB) 2010. Alle Rechte vorbehalten. Verein des Lettischen Okkupationsmuseums Strēlnieku laukums 1, Rīga LV-1050, Lettland Tel.: +371-67 212 715; Fax.: +371-67 229 255 omf@latnet.lv; www.occupationmuseum.lv

INHALT

VOR DER OKKUPATION

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EINFÜHRUNG IN DIE WECHSELVOLLE GESCHICHTE LETTLANDS

OUVERTÜRE ZUR OKKUPATION Partner in der Aggression Die Schlinge legt sich um die baltischen Staaten Bevor sich die Schlinge zuzieht

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1939–1940

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Hitler und Stalin teilen Europa Sowjetische Militärverbände und politische Vorherrschaft Hitler ruft die Deutschbalten „heim ins Reich“

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DIE ERSTE SOWJETISCHE OKKUPATION Hitler in Paris, Stalin in Riga

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1940–1941

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Provokation, Ultimatum und Besetzung Lettlands durch die UdSSR Das Szenario Wyschinskis, des Organisators von Stalins Schauprozessen Die Bevölkerung übt Demonstrationen und Meetings Die einzige Partei erreicht bei den Wahlen nahezu 100 Prozent der Stimmen Die Volks-Saeima bittet einmütig um Aufnahme Lettlands in die UdSSR Die baltischen Staaten werden widerspruchslos in die UdSSR “aufgenommen“ Die Republik Lettland existierte für den Westen weiterhin de jure Liquidierung der lettischen Armee Konfiszierung, Währungsabwertung, Kollektivierung Das gesellschaftliche und kulturelle Leben im Dienste des Kommunismus Die Religion unter dem Joch des Kommunismus Erziehung der Jugend im kommunistischen Geiste Widerstand gegen das Besatzungsregime Die unumschränkte Macht des NKWD – verhaften und liquidieren Die erste Massendeportation in die UdSSR Verschleppungen und Erschießungen politischer Gefangener

Moskaus Regisseur in Lettland

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Die Inszenierung einer Revolution Ein Lehrstück in sowjetischer „Demokratie“

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Letzter Akt für die Demokratie

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Der Vorhang fällt

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Ausbleibender Beifall aus dem Ausland

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Ohne einen Schuß Legalisierte Ausplünderung Macht gegen Geist

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Atheismus als Glaube Bildung als Waffe Der Unmut wächst Unter der Knute der Willkür

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Mit der Wurzel ausreißen „Ein Mensch – ein Problem, kein Mensch – kein Problem“

DIE OKKUPATION DURCH DAS NATIONALSOZIALISTISCHE DEUTSCHLAND Das Ende der Freundschaft Mein Feind als mein Befreier „Besetztes Territorium der UdSSR“ Die Mörder verschleiern ihr Verbrechen Alle Macht dem Eroberer Kriegsbeute Lettlands Das Baltikum wird wieder deutsch Herrenvolk – Herrenkultur Kein eigener Staat – keine eigene Regierung Gratwanderung

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1941–1945

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Hitlers Wehrmacht überfällt die Sowjetunion Erleichterung und rasche Ernüchterung in Lettland Die Deutschen übernehmen die Macht Der Holocaust im deutsch besetzten Lettland Die deutsche Zivilverwaltung im Reichskommissariat Ostland Wirtschaft im Dienste Großdeutschlands Nationalsozialistische Pläne für das Baltikum Germanisierungs- und Koloniesierungspolitik Die ohnmächtige „Landesselbstverwaltung“ Bewußtwerden der Opfer der Kommunisten und Wohlfahrtspflege Zwangsverpflichtung zum Arbeitsdienst Letten im deutschen Militärdienst Letten in der Roten Armee Der nationale Widerstand Vergebliches Vertrauen auf Hilfe aus dem Westen Die Bevölkerung Lettlands auf der Flucht durch das eigene Land und in die Ferne Verheerendes Kriegsende für Lettland

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Mobilisierung für den Krieg „Verteidigt Lettland gegen den Bolschewismus!“ „Befreit Lettland von den Hitlerfaschisten!“ „Nein, danke!“ Die Hoffnung stirbt zuletzt Wohin, wie, warum und wie lange?

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Geschichte wiederholt sich nicht

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ZWEITE SOWJETISCHE OKKUPATION:

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DER STALINISTISCHE TERROR 1944–1953 Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Lettland Militärische Besetzung Lettlands durch die Sowjetunion Lettische Legionäre im Westen Lettische Flüchtlinge in Westeuropa Die westliche Politik der Nichtanerkennung und Nichteinmischung Nationale Widerstandskämpfe der „Waldbrüder“ Sowjetisierung und Proletarisierung auf dem Lande 25. März 1949: Beginn der zweiten Massendeportation Intensive Kolchosgründungen Gewaltloser Widerstand Die Kolonisierung Lettlands beginnt Die Vereinnahmung der lettischen Sprache und Literatur Kunst und Musik am Zügel der Ideologie Einführung des sowjetischen Bildungssystems Unterdrückung der Religion Vom Personenkult zur kollektiven Führungsspitze

Grabesfrieden Mit Waffengewalt Sieger des verlorenen Krieges „Kleine Lettländchen“ Zwischen den Fronten des Kalten Krieges

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Krieg folgt auf den Krieg „Die Kulaken als Klasse sind zu vernichten“ „Verbannt auf Lebenszeit“ Kollektive Mißernten Verteidiger des Freiheitsgeistes Völkerwanderung Auf dem Weg zum „homo sovieticus“ Die Kultur im Gleichschritt Im Zeichen des Marxismus-Leninismus „Das Recht auf antireligiöse Propaganda“ Stalin ist tot – es lebe die Partei

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ZWEITE SOWJETISCHE OKKUPATION Heimwärts, aber nicht nach Hause Das Gespenst des Nationalkommunismus Die Herausforderung wagen Risse im Eisernen Vorhang Unter der Knute Moskaus Moskau schafft Ordnung Eine Welle der Kolonisierung

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KOLONISIERUNG LETTLANDS 1953–1985 Schwierige Rückkehr aus Haft und Zwangsverschickung Widerstand gegen die Moskauer Politik „Tauwetter“ im Kulturleben Kontrollierte Kontakte mit der Außenwelt Absetzung der Nationalkommunisten Zentralisierung und Restalinisierung „Internationalisierung“ der Industrie und massive Zuwanderung von Ausländern Ruin der Landwirtschaft durch Sowjetisierung Das Leben in der Kommune und im Kollektiv “Internationalisierung“ der Kulturlandschaft und der Natur Kampf der Kommunistischen Partei gegen alles Nationale Vom Prager Frühling zur Sołidarność-Bewegung Bildung, Wissenschaft und Kultur Die Überlebensfähigkeit des Volkes Der scheinbare Siegeszug des Atheismus Gesellschaftliches und kulturelles Leben der Letten im Exil Politische Aktivitäten der Exilletten Sowjetische Maßnahmen gegen das Exil

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Ein Land, das nicht ernährt Trister Sowjetalltag Entfremdung vom Land Das Gespenst des „bourgeoisen Nationalismus“ Gärender Unmut und Proteste „Zwischen dem Steifel und der Erde“ Widerstand und Trotz Die Religion am Boden Verstreut auf die weite Welt Für die Unabhängigkeit Wer wen?

AUF DEM WEG ZUR NATIONALEN WIEDERGEBURT UND UNABHÄNGIGKEIT Schwache Staatsmacht Das Volk begehrt auf Verbindende Bande Im Namen der Menschenrechte Singende Revolution Auf dem Baltischen Weg Volkes Stimme Rechte für lettische Staatsbürger Moskautreu bis zuletzt Auf die Barrikaden Endlich frei

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1985–1991

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Gorbatschows Halbreformen Lettland nutzt die Gelegenheit Das Exil schließt sich der Unabhängigkeitsbewegung an Die Organisation Helsinki-86 fordert das Regime heraus Nationale Wiedergeburt Lettlands Die unterdrückten Völker halten zusammen Die Lettische Volksfront Radikale nationale Bewegungen Die Kommunistische Partei Lettlands und die „Interfront“+ Die sowjetische Taktik des politischen Drucks Bestätigung und Anerkennung der Unabhängigkeit

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DER WIEDERGEBORENE STAAT

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EIN LICHTSTREIF ZWISCHEN ZWEI SCHATTEN

EIN LICHTSTREIF ZWISCHEN ZWEI SCHATTEN Dies ist die Geschichte der lettischen Nation und ihres Staates im

Dies ist die Geschichte der lettischen Nation und ihres Staates im 20. Jahrhundert. Der lettische Staat erstand aus den Trümmern der Imperien des Ersten Weltkriegs, erlebte eine kurze, fruchtbare Zeit der Unabhängigkeit und fiel der Machtgier zweier totalitärer Großmächte zum Opfer.

Dies ist die Geschichte der dreifachen Okkupation Lettlands durch die kommunistische Sowjetunion und das nationalsozialistische Deutschland, die die lettische Nation im Lauf eines halben Jahrhunderts bis an die Grenze der physischen und geistigen Vernichtung führte.

Dies ist eine Geschichte über Unterdrückung, Terror und Gewalt, über Ungehorsam, Widerstand und Heldentum, aber auch über Ohnmacht, Angst, Feigheit und Verrat.

Vor allem jedoch ist dies eine Geschichte über die Ausdauer und Geistesstärke, die der Nation das Überleben ermöglichten -- und über die Wiederherstellung eines souveränen Staates und dessen Reintegration in die Gemeinschaft der unabhängigen Staaten Europas und der Welt.

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VOR DER OKKUPATION:

EINFÜHRUNG IN DIE WECHSELVOLLE GESCHICHTE LETTLANDS

Seltsam, sich zu erheben von beinahe unbekannten Ufern im überforschten Europa, wo noch immer im Baltikum sich versteckt des Mondes dunkle Seite, unbeleuchtet, iznemot bis auf Unterdrückung, gewaltsame Aneignung, fortgesetzt unaufhörlich über Jahrhunderte. Ivar Ivask, Baltische Elegien

Das Baltikum wird noch immer häufig mit dem Balkan verwechselt ebenso wie Lettland mit Litauen. Das ist auch nicht verwunderlich. Verborgen in den Gewandfalten großer Imperien, sind die baltischen Völkerschaften – mit Ausnahme der Litauer – bis zum Ende des Ersten Weltkriegs auf der politischen Weltbühne nicht in Erscheinung getreten. Mit dem Zerfall der europäischen Großmächte 1918 gründeten Esten, Letten und Litauer ihre eigenen Nationalstaaten. Die baltischen Staaten sind relativ wenig bekannt in der Welt. Aber jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Die Wurzeln der Okkupationen des zwanzigsten Jahrhunderts reichen tief, und noch tiefer reichen die Wurzeln der baltischen Länder selbst. Von diesen Wurzeln handelt diese Einführung.

Ursprünge

Archäologische Ausgrabungen belegen, daß die Vorfahren der heutigen Balten sich bereits lang vor unserer Zeitrechnung an den Küsten der östlichen Ostsee niedergelassen haben. Ihre Sprachen zeugen bis heute davon, daß hier zwei unterschiedliche Volksgruppen zusammentrafen. Esten und die wenigen verbliebenen lettischen Liven sprechen zur uralischen Sprachfamilie gehörende finnougrische Sprachen; Lettisch und Litauisch dagegen stellen den baltischen Zweig der indogermanischen Sprachenfamilie dar

und sind Linguisten als deren älteste, noch lebende Sprachen bekannt. Die ersten, allerdings recht vagen schriftlichen Zeugnisse über die baltischen Völker finden sich in der vor fast 2.000 Jahren vom römischen Historiker Tacitus aufgeschriebenen Germania. Er erwähnt ein Bauernvolk der „Aestii“ – das einzige Volk, das Bernstein sammele. Dies deutet darauf hin, daß besagter Volksstamm an der Ostküste der Ostsee siedelte – wo sich bis heute die weltweit größten Bernsteinvorkommen befinden und von wo aus zur Zeit des Römischen Reichs Bernsteinstraßen nach Griechenland und Rom führten. Als sie die Anziehungskräfte des Bernsteins bemerkten, nannten die Griechen ihn „elektron.“ Erst tausend Jahre später erfahren wir mehr – in den Chroniken über die Raubzüge der Wikinger, die altrussischen Fürstentümer und die deutschen Eroberungen. Trotz der spärlichen Hinweise können wir schlußfolgern, daß auf dem Gebiet des heutigen Lettland sowohl Seefahrer als auch Bauern lebten, die den Bewohnern des westlichen Europas hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung kaum nachstanden. Wir wissen, daß es mehrere kleine Länder mit eigener sozialer und politischer Ordnung gab, die einheimischen Herrschern unterstanden – die Vorfahren sowohl der heutigen Letten als auch der inzwischen beinahe gänzlich assimilierten Liven. Es gab befestigte Siedlungen und Holzburgen. Die Herrscher waren in der Lage, zur Verteidigung wie auch für Kriegszüge Heere aufzustellen. Man unterhielt sowohl politische als auch Handelsbeziehungen zu anderen Ländern und Völkern.

Entstehung eines Volkes unter fremder Treuhandschaft

Nach zähen Kämpfen gelang es deutschen Kreuzrittern im 13. Jahrhundert, die von den einheimischen Fürsten beherrschten Länder und deren Einwohner auf dem Gebiet des heutigen Estland und Lettland zu unterwerfen. Sie etablierten eigene Herrschaftsstrukturen, die in der Livländischen Konföderation gebündelt waren. Parallel dazu baute der Hansebund im Ostseeraum Handelsnetzwerke und Städte

Bottnischer Busen Ladoga See Wikinger 8. Jh. Schweden 17. Jh. Helsinki Oslo Finnischer S. Petersburg
Bottnischer
Busen
Ladoga
See
Wikinger 8. Jh.
Schweden 17. Jh.
Helsinki
Oslo
Finnischer
S. Petersburg
Busen
Ostsee
Stockholm
Daugava
Tallinn
Russen 16.–18. Jh.
Nowgorod
Nordsee
Rigaer Busen
Wisby
Ventspils
Gottland
Rīga
Moskau
Liepāja
Dänen 13. Jh.
Kopenhagen
Sowjetunion
20. Jh.
Wilna
Lübeck
Rostock
Hamburg
Bremen
Deutsche
Ordensritter 13. Jh.
Deutsche 20. Jh.
0 200 km
Polen 16. Jh.
Berlin
Warschau
© Pascal Orcier, 2005
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Das Territorium Lettlands und seine Eroberer im Lauf der Jahrhunderte.

Die Entwicklung des Territoriums Lettlands.

Grenzen der Gebiete des Livländischen Ordens im 13. Jh.

Grenzen der Gebiete des Livländischen Ordens im 13. Jh.

Das Königreich Polen im Jahr 1629.

Das Königreich Polen im Jahr 1629.

 

Nordgrenze des polnischen Einflußgebiets bis 1629.

Größte Ausdehnung des schwedischen Staates

Größte Ausdehnung des schwedischen Staates

(1629–1700).

Herzogtum Kurland und Semgallen (polnisches Lehen

Herzogtum Kurland und Semgallen (polnisches Lehen

1558–1795).

1944 von der Russischen Föderation annektiertes lettisches Territorium

1944 von der Russischen Föderation annektiertes lettisches Territorium

Gegenwärtige Grenzen Lettlands

Gegenwärtige Grenzen Lettlands

TALLINN Narva Ostsee Estland Vormsi Hiiumaa Peipussee Russ- Muhu land Tartu Pärnu Saaremaa Wirzsee Pskower
TALLINN
Narva
Ostsee
Estland
Vormsi
Hiiumaa
Peipussee
Russ-
Muhu
land
Tartu
Pärnu
Saaremaa
Wirzsee
Pskower See
Venta
Livland
Valka
Pskow
Daugava
Rigaer Busen
Ventspils
Alūksne
Cēsis
Abrene
RĪGA
Kuldīga
Kurland
Jelgava
Rēzekne
Liepāja
Jēkabpils
Semgallen
Ludza
Bauska
Lettgallen
Daugavpils
Šiauliai
Klaipėda
Litauen
Kaunas
WILNA
0
100 km
Gauja
Nemuna
Narva
© Pascal Orcier, 2005

auf. Auf diese Weise wurden die Deutschen zu den Herren

der lettischen und estnischen Länder und Städte, obgleich sie nicht immer die souveräne Macht innehatten. Den Litauern gelang es, das Vordringen der Deutschen abzuwehren und einen eigenen Staat zu errichten, der später im Bund mit Polen zu einer europäischen Großmacht avancierte. Gelegen an einer Schnittstelle großer ost-westlicher und nord-südlicher Handelswege, wurde das Land in der Mitte – das erst seit 1918 als Lettland bekannt ist – zum Ziel vieler Eroberer und zum Schauplatz verheerender Kriege. Im Lauf der Jahrhunderte unterstand das Territorium des heutigen Lettland ganz oder teilweise dänischen, schwedischen und polnischen Herrschern. Die „Schwedenzeit“ bzw. das

17. Jahrhundert hat sich im historischen Gedächtnis der

Letten als besonders positiv eingeprägt. Während des

18. Jahrhunderts wurde das gesamte Gebiet Lettlands dem

russischen Zarenreich einverleibt. Alle Herrscher haben Spuren ihrer Regierungszeit hinterlassen, vor allem Rußland als letzter Beherrscher. Die dauerhafte und stabile deutsche

Präsenz jedoch – als höhere Ritterschaft, Adel, Patriziat, ferner als Mittel- und Bildungsschicht – übten den größten Einfluß aus, vor allem die deutsche Mittelschicht und der Klerus. Das moderne lettische Geistesleben wuchs auf dem Boden, den die Kultur der deutschen Mittelschicht des 18. und 19. Jahrhunderts bereitet hatte. Die große Mehrheit der Bevölkerung im lettischen Raum – in dem es neben den Deutschen nicht an weiteren Minderheiten fehlte – stellten die Letten im heutigen Sinne dar. Sie bestellten das Land und brachten die Ernte ein, waren jedoch allmählich in Abhängigkeit von ihren Herren geraten; seit dem 17. Jahrhundert blieb ihnen die Teilnahme am politischen und wirtschaftlichen Leben nahezu gänzlich verwehrt. Zugleich war dies jedoch eine Phase, da sich die Letten nicht nur ihrer gemeinsamen Sprache und kulturellen Bindungen in vollem Umfang bewußt wurden, sondern auch ihres Status‘ als wirtschaftlich und kulturell unterdrückte Mehrheit im eigenen Land. Eingezwängt in

den Schraubstock der deutschbaltischen Oberschicht und der russischen Bürokratie, begannen sich die Letten allmählich zu einer dritten – immer hartnäckigeren und gefestigteren – Kraft zu entwickeln.

Das Ende der Abhängigkeit – das nationale Erwachen

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist als das nationale Erwachen in die Geschichte Lettlands eingegangen. Dieses Erwachen (lettisch atmoda) war ein von innen heraus vorangetriebener und geführter Prozeß, in dessen Verlauf sich für eine moderne Nation unabdingbare Qualitäten wie Selbstverständnis, Selbstbewußtsein und Eigenständigkeit entwickelten. Das nationale Erwachen der Letten erhielt Impulse von ähnlichen Bewegungen in Europa, insbesondere von der deutschen Romantik und dem Nationalliberalismus. Das nationale Erwachen zeichnete sich durch die kulturelle und wirtschaftliche Befreiung von der herrschenden Klasse aus. Befördert wurde dies sowohl durch die zunehmende Ineffizienz der feudalen Agrarverfassung als auch durch die Entstehung der modernen Industrie und der damit verbundenen Entwicklung der Städte. Die lettischen Bauern hatten die Möglichkeit, wirtschaftlich unabhängig zu werden, indem sie das Recht zum Kauf von Grundbesitz erwarben und die Gutsherren begannen, Land zu veräußern. Gleichzeitig ermöglichte die wirtschaftliche Entwicklung der Städte es der Landbevölkerung, besser bezahlte Arbeit zu finden, und es setzte eine massive Migration von ländlichen in städtische Gebiete ein. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs war Riga zum drittgrößten Industriezentrum, Hafen und Bahnknotenpunkt des Zarenreiches aufgestiegen; seine Einwohnerzahl hatte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf mehr als 500.000 fast verzehnfacht. Im Zuge wandelte sich Riga von einer deutschen zu einer lettischen Stadt. Dieser Prozeß verlief weder problemlos noch einvernehmlich. Weder die herrschende deutschbaltische Klasse noch die russischen Machthaber und Bürokraten

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wünschten eine starke, intellektuell und wirtschaftlich unabhängige nationale Kraft in ihrer Mitte. Die Bestrebungen der Deutschen, gebildete Letten zu assimilieren, insbesondere diejenigen, die eine deutsche Schulbildung genossen hatten, blieben fruchtlos. Die lettische Intelligenz bildete sich außerhalb Lettlands an der deutschen, jedoch liberalen Universität von Dorpat (heute Tartu) in Estland aus sowie in St. Petersburg und Moskau; bald allerdings zeichnete sich ab, daß auch die russische Regierung bestrebt war, nationale Unterschiede zu beseitigen: die Russifizierung begann im vom Polnischen Aufstand 1863/64 betroffenen Lettgallen, wo vier Jahrzehnte lang Druckverbot herrschte. Ab 1880 nahm die Russifizierung auch im Rest des Landes zu, vor allem durch die Einführung des Russischen als Unterrichtssprache an den Schulen. Neben den nationalen Bestrebungen betrachteten die russische Regierung und der privilegierte deutschbaltische Adel auch die Verbreitung der sozialistischen Ideen, die LettlandgegenEndedesneunzehntenJahrhundertserreichten, als Bedrohung. Viele Letten sahen im Sozialismus eine andersgeartete Möglichkeit, sich aus der wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit zu befreien. So hatte die Revolution von 1905 in Lettland einen ambivalenten Charakter: Zum einen stellte sie einen Aufstand des gesamten lettischen Volkes gegen zwei Tyrannen dar, der am zerstörerischsten in der Niederbrennung der Güter der verhaßten deutschen Barone zum Ausdruck kam. Die brutale Niederschlagung der Revolution und das Vorgehen der Strafexpedition, die kurzen Prozeß machte oder gänzlich auf Gerichte verzichtete, war für die Letten – sowohl für die Sozialisten wie auch für alle anderen – ein Beweis dafür, daß der russische Zar und die deutschen Barone gemeinsame Sache machten. Die Wurzeln des späteren Radikalismus der Letten sind mit Sicherheit in den Erfahrungen von 1905 zu suchen. Zum anderen jedoch hat die Revolution von 1905 auch das Vertrauen der Letten in ihre eigene Kraft gestärkt und sie erste konkrete Erfahrungen bei der Organisation von Selbstverwaltungsinstitutionen machen lassen.

Feind und Freund an der Wiege des Nationalstaates

Der Erste Weltkrieg verlangte Lettland schwere menschliche und materielle Opfer ab, als Kriegsfolge erhielt Lettland allerdings seine Unabhängigkeit. Die Geburt des Nationalstaates aus dem menschlichen und politischen Trümmerfeld des Ersten Weltkrieges war jedoch nicht einfach und sollte noch weitere Opfer fordern. Im Krieg zerbrachen zwar sowohl das russische wie auch das deutsche Kaiserreich, die beide danach gestrebt hatten, Lettland und das gesamte Baltikum zu beherrschen, damit waren aber die Begehrlichkeiten nach der Macht im Baltikum noch nicht beendet. Die offene Aggression wurde zu einem Zeichen der Zeit. Hinter Zusagen und Verträgen lauerten häufig verborgene Absichten. Feind und Freund waren zuweilen nicht voneinander zu unterscheiden. Die Vertreter des angehenden Nationalstaates waren hin- und hergerissen von irreführenden ideologischen und politischen Versprechungen. Von Anfang 1915 bis Ende 1917 war Lettland Kriegsschauplatz und Schlachtfeld deutscher und russischer Truppen. Daugava (Düna) bildete dabei für lange Zeit die Frontlinie. Hunderttausende Einwohner Lettlands begaben sich auf die Flucht nach Rußland. Im Sommer 1915, als die

deutschen Truppen vor den Toren der Stadt standen, wurden die Rigaer Fabriken mitsamt ihren Belegschaften und deren Familien (etwa 200.000 Menschen) evakuiert. Nur ein Teil von ihnen kehrte nach Kriegsende nach Lettland zurück. Im Jahr 1915 wurden innerhalb der russischen Armee Lettische Schützenregimenter aus Freiwilligen aufgestellt, die von lettischen Offizieren befehligt wurden. Die Schützenregimenter trugen bis September 1917 nicht nur im Kampf gegen die deutschen Truppen zur Verteidigung Rigas bei, sie zahlten zuweilen auch einen hohen Blutzoll für die sinnlosen, ja, rücksichtslosen Entscheidungen des Oberkommandos der russischen Armee. Diesen rücksichtslosen Verrat machte sich die bolschewistische Propaganda nach dem Sturz der Zarenherrschaft Anfang 1917 erfolgreich zunutze. Die Lettischen Schützen, die zu den wenigen noch kampffähigen Einheiten zählten, wurden nach dem Umsturz im Oktober 1917 zur Leibgarde Lenins und trugen zur Stabilisierung des kommunistischen Regimes in Rußland bei. Lenin seinerseits sagte den Letten wie den anderen Völkern des Imperiums Selbstbestimmungsrecht zu. Ein Paradoxon der Geschichte Lettlands – es ist sehr wahrscheinlich, daß die Unabhängigkeit ohne den völligen Untergang des russischen Imperiums, für den wiederum maßgeblich die Kommunisten verantwortlich sind, niemals möglich gewesen wäre. Sie wäre ebenso unmöglich gewesen, wenn es den Kommunisten bereits zu Beginn gelungen wäre, ihre Herrschaft zu stabilisieren. In der Zwischenzeit wurde Lettland zum Spielball fremder Mächte. Da Lenin Frieden mit Deutschland brauchte, um gegen Feinde im Innern vorzugehen, und da Deutschland wiederum Frieden mit Rußland anstrebte, um den Krieg im Westen zu entscheiden, wurde Anfang 1918 ein Waffenstillstandsabkommen zwischen beiden Mächten abgeschlossen. Damit überließen die Kommunisten das Baltikum praktisch den Deutschen, die unverzüglich mit der Verwirklichung ihres alten Traumes begannen – das Baltikum zu einer deutschen Provinz zu machen. Natürlich dachten die Kommunisten nicht daran, den Deutschen das Baltikum tatsächlich zu überlassen. So wurden die baltischen Länder und Völker zu Geiseln zynischer machtpolitischer Spiele, genauso wie 1939 und in der ersten Hälfte der vierziger Jahre, während der Zeit der Besatzung durch die Sowjets und die Nationalsozialisten. Das kaiserliche Deutschland unterlag schließlich im Ersten Weltkrieg. Am 11. November 1918 wurde der Waffenstillstand unterzeichnet, und die westlichen Alliierten begannen ihre Forderungen zu diktieren. In Rußland ging es ihnen darum, den Kommunismus aufzuhalten, um ihre finanziellen Interessen und Einlagen zu sichern, doch wollten sie nicht selbst involviert werden. Die deutschen Militärverbände bekamen von den Alliierten daher den Auftrag, die Frontlinie gegen die Kommunisten zu halten. Am 18. November 1918 erklärte sich Lettland für unabhängig. Doch der Übergangsregierung von Kārlis Ulmanis gelang es nur mit Mühe, die Macht zu übernehmen. Nach wie vor standen deutsche Militäreinheiten in Lettland. Die Einwohner waren mißtrauisch und müde von Krieg, Besatzung und ideologischen Widersprüchen. Die potentiell stärkste militärische Kraft der lettischen Übergangsregierung, die Lettischen Schützen, setzte nach wie vor auf Lenin. Im Vertrauen auf das von ihm abgegebene Autonomieversprechen unterstützten sie die am 17. Dezember

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1918 gebildete sowjetlettische Regierung und marschierten in Lettland ein. Da die verbliebenen deutschen Soldaten keinen Sinn darin sahen, weiterzukämpfen, stießen die roten Truppen auf nur sehr geringen Widerstand, und die lettische Übergangsregierung zog sich mit ihren einigen hundert schlecht ausgerüsteten Soldaten bis an die Küste der Ostsee zurück. So sah sich die Übergangsregierung gezwungen, ein Bündnis mit dem historischen Erzfeind des lettischen Volkes einzugehen – mit den verbliebenen einheimischen Deutschbalten, die dem kaiserlichen Deutschland treu ergeben gewesen waren, obwohl von vornherein klar war, daß die Interessen und Ziele des lettischen Volkes mit denen der Deutschbalten schon im Ansatz unvereinbar sind.

Freiheitskämpfe

Die Befreiungskämpfe und die Sicherung der realen Unabhängigkeit schienen Anfang 1919 nahezu aussichtslos. Fast ganz Lettland wurde von der Roten Armee und der von ihr gestützten Regierung der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik unter Pēteris Stučka kontrolliert, die sich mit brutalen Terrormethoden an die Verwirklichung ihres revolutionären Programms machte. Das von der Übergangsregierung kontrollierte Territorium bestand lediglich aus dem südwestlichen Winkel Lettlands um die Hafenstadt Liepāja (Libau). Bei den von Oberst Oskars Kalpaks kommandierten, eilig aufgestellten militärischen Verbänden handelte es sich noch nicht um eine Armee. Kalpaks fiel, noch bevor eine richtige Armee entstehen konnte, doch sein Tod war Ansporn für eine stetig wachsende Zahl von jungen Männern, sich den Kämpfern für Lettland anzuschließen.

Männern, sich den Kämpfern für Lettland anzuschließen. Unabhängigkeitserklärung des Lettischen Volksrates und der

Unabhängigkeitserklärung des Lettischen Volksrates und der

Übergangsregierung. „Lettland [

unabhängige demokratische Republik.“

]

ist eine eigenständige,

DiebewaffnetenVerbändederausDeutschbaltengebildeten Baltischen Landwehr vertraten ihre Privilegien und ihre eigenen Interessen. Die aus Freikorps und Abenteurern bestehende Eiserne Division unter General Rüdiger von der Goltz kämpfte für die Wiederherstellung des kaiserlichen Deutschland. Diesen Kräften war einzig die Überzeugung gemein, daß man die eigenen Ziele erst verwirklichen könne, wenn die Kommunisten zurückgeschlagen wären. Das gleiche Ziel verfolgten zunächst die westlichen Entente- Mächte – Briten, Franzosen und Amerikaner. Die Rückeroberung des ersten Teils von Lettland bis zur Einnahme von Riga am 22. Mai war hauptsächlich ein Verdienst der deutschen militärischen Verbände. Doch die lettischen Einheiten gewannen an Stärke und Kampfkraft. In Nordlettland, das von nationalen estnischen Truppen kontrolliert wurde, kam es zur Aufstellung einer lettischen Brigade, die gemeinsam mit den Esten mit der Befreiung von Vidzeme (Nordlettland) begann. Bereits im April wurde die Absicht der Deutschen, die Macht im Baltikum zu übernehmen, offensichtlich. Zu ihrer Unterstützung kam es in Liepāja (Libau) zu einem Umsturzversuch. Obwohl es nicht gelang, die Ulmanis- Regierung zu stürzen, bildete sich eine deutschfreundliche Regierung. Nach der Einnahme Rigas und blutiger Abrechnung mit den Kommunisten und vermeintlichen Mitläufern stoppten die deutschen Militärkräfte ihre Kampfhandlungen gegen die Bolschewiken und rückten nicht weiter in den Osten Lettlands vor, sondern wandten sich in Nordlettland gegen die nationalen Streitkräfte der Esten und Letten. Nach ihrer Niederlage in der Schlacht von Cēsis (Wenden) im Juni 1919 zogen sich die deutschen Militärkräfte nicht aus Lettland zurück, vielmehr verbündeten sie sich mit in Deutschland rekrutierten russischen Kriegsgefangenen, unter der Führung des russischen Monarchisten Pavel Bermondt-Avaloff, und griffen am 8. Oktober 1919 mit einer großen militärischen Übermacht Riga an. Es gelang der immer noch im Aufbau befindlichen lettischen Armee, das rechte Ufer der Daugava (Düna) zu halten. Einen Monat lang bildete der Fluß die Frontlinie. Am 11. November 1919 befreite die lettische Armee mit Artillerieunterstützung durch Schlachtschiffe der westlichen Entente-Mächte das linke Dünaufer. Bis Ende November waren die Bermondt-Einheiten aus Lettland vertrieben. Mit Hilfe der polnischen Armee wurde bis Ende Januar 1920 das Territorium Lettlands auch von bolschewistischen Truppen befreit. Gerade die Zeit der Befreiungskämpfe 1919 hatte das gemeinschaftliche nationale Selbstvertrauen gestärkt und die Bereitschaft für ein Leben in einem eigenen unabhängigen Staat reifen lassen, auch gestärkt durch die Siege der Armee und das Bewußtsein, das Land sei nun frei von seinen historischen Feinden. In Anbetracht ihrer komplizierten innen- und außenpolitischen Lage schloß Lenins Sowjetrußland zur Verwirklichung seiner Nahziele am 11. August 1920 einen Friedensvertrag mit der Republik Lettland ab. Darin erkennt Sowjetrußland die Souveränität Lettlands de jure an und erklärt, daß es „die Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Souveränität des lettischen Staates vorbehaltlos anerkennt und freiwillig und für alle Zeiten auf alle souveränen Rechte verzichtet, die Rußland in Bezug auf das lettische Volk und lettische Land ausgeübt hatte.“

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Die Grenzen der baltischen Staaten in den ersten Jahren ihrer staatlichen Unabhängigkeit (1920–1923).

Die Grenzen Lettlands im Jahr 1923

Die Grenzen Lettlands im Jahr 1923

Die Grenzen Estlands im Jahr 1923

Die Grenzen Estlands im Jahr 1923

Die Grenzen Litauens im Jahr 1923

Die Grenzen Litauens im Jahr 1923

Das 1923 von Litauen annektierte und bis dahin vom Völkerbund verwaltete Memelgebiet

Das 1923 von Litauen annektierte und bis dahin vom Völkerbund verwaltete Memelgebiet

 

Das von Polen 1923 annektierte zwischen Litauen und Polen bestrittene Territorium

zwischen Litauen und Polen bestrittene Territorium Das nach dem Referendum von 1920 bei Deutschland verbliebene
Das nach dem Referendum von 1920 bei Deutschland verbliebene Gebiet um Allenstein

Das nach dem Referendum von 1920 bei Deutschland verbliebene Gebiet um Allenstein

von 1920 bei Deutschland verbliebene Gebiet um Allenstein Letzte Seite des Friedensvertrages zwischen Sowjetrußland

Letzte Seite des Friedensvertrages zwischen Sowjetrußland und Lettland vom 11. August 1920. Darin verzichtete Sowjetrußland „auf ewige Zeiten auf alle souveränen Rechte, über die [das zaristische] Rußland in Bezug auf das lettische Volk und Land verfügt hatte.“

0 100 km TALLINN Narva Ostsee ESTLAND Vormsi Hiiumaa UdSSR (im Jahr Muhu Die 1920
0
100 km
TALLINN
Narva
Ostsee
ESTLAND
Vormsi
Hiiumaa
UdSSR
(im Jahr
Muhu
Die 1920 von einem
Schiedsgericht festgelegte
Grenze zwischen Lettland
und Estland.
1922)
Pärnu
Saaremaa
Tartu
Im Militärbündnis mit
Estland trennt sich
Lettland 1923 von der
Insel Ruhnu (Runö).
Pskow
Ruhnu
Ainaži
Valka
Venta
Valmiera
Rigaer Busen
Ventspils
Cēsis
Alūksne
Abrene
Daugava
Kuldīga
RĪGA
LETTLAND
Rēzekne
Liepāja
Jelgava
Jēkabpils
Bauska
Ludza
Šiauliai
Daugavpils
Panevėžys
Memel (Klaipėda)
Die 1920 von einem Schiedsgericht
festgelegte Grenze zwischen
Lettland und Litauen.
Tilsitt
KAUNAS
Die im Friedensvertrag
1920 zwischen Lettland
und Sowjetrußland
festgesetzte
gemeinsame Grenze.
Königsberg
Lielupe
LITAUEN
WILNA
DEUTSCHLAND
Nemuna
POLEN
Minsk
Grodno
Allenstein
Gauja
Narva
© Pascal Orcier, 2005

Es ist eine Ironie der Geschichte, daß Sowjetrußland der erste Staat war, der die Unabhängigkeit Lettlands de jure anerkannte. Die diplomatischen Aktivitäten Lettlands, die bereits vor der Proklamation der Unabhängigkeit aufgenommen und hinter den Kulissen der Pariser Friedenskonferenz fortgesetzt worden waren, trugen bald Früchte. Von außerordentlicher Bedeutung war der Antrag des französischen Außenministers Arestide Briand vor dem Obersten Rat der Entente, die Unabhängigkeit Lettlands de jure anzuerkennen. Diesem wurde am 26. Januar 1921 einstimmig entsprochen. Am 22. September 1921 wurde Lettland in den Völkerbund aufgenommen. Frieden hatte sich eingestellt. Lettland war frei und international anerkannt. Das Wiederaufbauwerk konnte beginnen, doch blieb dazu nicht viel Zeit. Das Versprechen der sowjetrussischen Rechtsnachfolgerin, der Sowjetunion, „für alle Zeiten“ auf Lettland zu verzichten, hatte kaum zwanzig Jahre – bis zum 17. Juni 1940 – Bestand.

kaum zwanzig Jahre – bis zum 17. Juni 1940 – Bestand. Die lettisch-sowjetische Grenze bei Masļenki,

Die lettisch-sowjetische Grenze bei Masļenki, wo am 15. Juni 1940 sowjetische Truppen Lettland überfielen.

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Im eigenen Staat

Es ist außerordentlich erstaunlich, was der junge lettische Staat in den beiden Jahrzehnten seiner Unabhängigkeit zu erreichen vermochte – vor allem angesichts des politischen und wirtschaftlichen Erbes, das er 1918 angetreten hatte.

• Die Kämpfe der fünf Kriegsjahre und die wiederholten Machtwechsel hatten Lettland unsagbare menschliche Opfer gekostet und riesige materielle Schäden hinterlassen: die Bevölkerung war um rund ein Drittel geschrumpft, nahezu die gesamte Industrie war vernichtet, die Felder verwüstet, unbewirtschaftet und verlassen. Nur ein Teil der im Krieg Geflüchteten kehrte in die Heimat zurück.

• Nicht alle glaubten an einen demokratischen Nationalstaat, der in der Lage wäre, sich selbst zu verwalten und zu unterhalten. Feinde bedrohten den Staat von innen und von außen, besonders die Kommunisten im eigenen Land und sowjetische Agenten, die versuchten, die staatlichen Institutionen zu schwächen und zu zerstören.

• Den Führern des jungen demokratischen Staates fehlte es an Erfahrung beim Aufbau und bei der Führung staatlicher Institutionen. Die Politik vermochte kaum tragfähige Koalitionen zustande zu bringen, um politische Stabilität zu garantieren.

• Es fehlte an Finanzmitteln für das Wiederaufbauwerk. Potentielle ausländische Investoren vertrauten nicht auf die Überlebensfähigkeit des Staates. Die Weltwirtschaftskrise traf auch die Wirtschaft Lettlands, in dem Moment, in dem sie sich gerade zu erholen begann.

Und dennoch. Es fehlte der lettischen Nation nicht an Weitsicht und Geschick, um allen Schwierigkeiten zum Trotz zu beweisen, daß sie ihrer Unabhängigkeit würdig war und das verwüstete Land wiederaufbauen, aus eigener Kraft im eigenen Staat regieren und zu einem verantwortungsbewußten und respektierten Mitglied in der Staatengemeinschaft der Welt werden konnte. Als wichtigste Errungenschaften der kurzen Unabhängigkeitsperiode seien erwähnt:

• Schaffung einer demokratischen Verfassung und Gesetzgebung. Die 1922 verabschiedete Verfassung machte die Republik Lettland zu einer parlamentarischen Demokratie mit direkten, geheimen Wahlen, basierend auf dem proportionalen Wahlsystem, was die bürgerlichen Mitbestimmungsrechte beider Geschlechter garantierte. Ein großer Meilenstein war die Ausarbeitung eines neuen Bürgerlichen Gesetzbuches, welches 1937 das Zivilgesetzbuch des zaristischen Rußland ablöste. Sowohl die Verfassung als auch das Bürgerliche Gesetzbuch sind bis heute im wiedererstandenen Lettland in Kraft.

sind bis heute im wiedererstandenen Lettland in Kraft. Lettlands „grünes Gold“ auf dem Weg in einen

Lettlands „grünes Gold“ auf dem Weg in einen Exporthafen.

„grünes Gold“ auf dem Weg in einen Exporthafen. In der staatlichen Elektronikfabrik VEF hergestellte Minox-

In der staatlichen Elektronikfabrik VEF hergestellte Minox- Kamera. Die Technologie wurde später zur deutschen Kriegsbeute.

• Eine grundlegende Agrarreform, die einen Schlußstrich zog unter die Herrschaft der deutschbaltischen Ritterschaften und des Gutsadels und die von ihnen geschaffene soziale Ungerechtigkeit in Lettland. Sie entsprach dem Wunsch der landlosen Kleinbauern und sorgte dafür, daß das Volk nach dem Krieg nicht in Arbeitslosigkeit verfiel und sich selbst versorgen konnte. Mag die Kritik daran, daß die den Kleinbauern zugeteilte Landfläche von durchschnittlich 10–20 ha für ein effektives Wirtschaften zu klein war und die Landverteilung nicht immer gerecht zuging, auch berechtigt gewesen sein, so gelang es Lettland bald schon, sich nicht nur selbst zu versorgen, sondern auch zu einer Lebensmittelexportnation aufzusteigen. Darüber hinaus stärkte die Landreform die Loyalität dem Staat gegenüber.

• Stärkung der internationalen Beziehungen. In Anbetracht der geopolitischen Lage Lettlands zwischen zwei Großmächten – Deutschland und der Sowjetunion als Rechtsnachfolgerin Rußlands – und in dem Bewußtsein, daß das unabhängige Lettland nur in einer Schwächephase beider Mächte hatte entstehen können, war die lettische Diplomatie um eine Stärkung des Staates durch seine Einbindung in internationale Abkommen und Allianzen bemüht. Sowohl Deutschland wie auch die Sowjetunion brachen die bestehenden Nichtangriffspakte. Der Völkerbund erwies sich als machtlos gegen die Aggression, doch Lettland blieb bis zu seiner Auflösung 1946 gleichberechtigtes Mitglied des Völkerbundes.

• Wiederaufbau der Industrie. Die während des Krieges nach Rußland evakuierte Schwerindustrie war unersetzbar und konnte nicht wiederbelebt werden. Da es an Kapital und Rohstoffen zur Schaffung und zum Betrieb großer Industrieunternehmen fehlte, kam es zur Gründung zahlreicher kleiner und mittelständischer Unternehmen. Sie konzentrierten sich auf die Herstellung von Waren, die den effektiven Einsatz von einheimischen Facharbeitskräften und Rohstoffen zuließ. Die wichtigsten Industriezweige waren die Holz-, Lebensmittel-, Textil-, Metall- und die Chemieindustrie. Die Weltwirtschaftskrise überstand die lettische Industrie verhältnismäßig gut. Ökonomen kritisieren die staatliche Einmischung in den industriellen Sektor besonders in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre. Außerordentlich wichtig waren der Bau des ersten Wasserkraftwerks in Ķegums bei Riga und die Fortschritte der Staatlichen Elektrotechnischen Fabrik (VEF), insbesondere die Herstellung von Rundfunkempfängern und der berühmten Minox-Kameras.

• Währung und Außenhandel. Es gelang Lettland, seine Währung stabil zu halten, zunächst hauptsächlich durch das sogenannte „grüne Gold“ – den Export von Rohholz aus den

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großen staatseigenen Forsten. Wichtigste Handelpartner waren Großbritannien und Deutschland. Die Außenhandelsbilanz, in den Anfangsjahren zunächst negativ, erreichte trotz der Weltwirtschaftkrise Ende der dreißiger Jahre positive Werte. • Bildung und Kultur ließ der junge Staat besondere Aufmerksamkeit und finanzielle Förderung angedeihen. Neue Schulen wurden gebaut und alte repariert. Hochschulen wurden gegründet. Die Grundschulausbildung war Pflicht und kostenlos. Die Zahl der Schüler und Studenten stieg stetig an und erreichte in den Jahren der Unabhängigkeit Spitzenplätze im europäischen Vergleich. Besonders stolz war man auf den schon 1920 gegründeten Kulturfond, der die Schaffung von Bibliotheken und den Bau von Kulturhäusern förderte, Museen, Theater und das Musikleben unterstützte sowie Stipendien für Auslandsstudien an Künstler und Wissenschaftler vergab. Die Kunstakademie und das Musikkonservatorium wurden gegründet. Die Theater, die Staatsoper und das Musikleben insgesamt erlebten eine Blüte. In den Anfangsjahren der Unabhängigkeit beförderten europäische Kontakte eine vielseitige und moderne Kulturentwicklung. Mit der Zahl der erschienenen Bücher im Verhältnis zur Einwohnerzahl belegte Lettland einen Spitzenplatz in Europa. • Die Minderheitenpolitik Lettlands war eine der liberalsten in Europa. Die Letten machten 75% der Gesamtbevölkerung aus. Die nationalen Minderheiten wie unter anderem Russen, Juden, Deutsche, Polen und Weißrussen verfügten über weitgehende Schulautonomierechte. Auch ihre Schulen wurden vom Staat und den Kommunen unterhalten. Lettisch gehörte zu den Pflichtfächern. Die Lehrer der Minderheitenschulen hatten sich einer Sprachprüfung im Lettischen zu unterziehen. Jede Volksgruppe gründete ihre eigene Schulverwaltung. In den dreißiger Jahren gab es insgesamt über 600 Minderheitenschulen und -mittelschulen, so im Schuljahr 1933/34 246 russische, 114 jüdische und 97 deutsche Schulen. Aus der Bildungsautonomie ergab sich eine breite Kulturautonomie. Mehrere Parteien der nationalen Minderheiten waren im Parlament vertreten. Nach dem Staatsstreich vom 15. Mai 1934 wurden die Minderheitenrechte eingeschränkt, aber nicht aufgehoben.

Die Bildung der Nation und einer bürgerlichen Gesellschaft war kein einfacher und schneller Prozeß. Die Begründer des jungen Staates waren sich darüber im klaren, daß seine Existenz nicht nur von seiner Fähigkeit abhing, die eigene Unabhängigkeit nach außen zu stärken, sondern auch vom Vermögen, nach innen zusammenzuwachsen. Drei staatstragende und bis in die Gegenwart wichtige Politiker beeinflußten den Gründungsprozeß des Staates entscheidend.

Zigfrīds Meierovics (1887–1925) gilt als der Begründer der lettischen Außenpolitik. Als Repräsentant des vorläufigen Nationalrates von Lettland, der 1917 als erste demokratische Vertretung der Bevölkerung Lettlands zusammentrat, hatte Meierovics bereits eine Woche vor der Proklamation der Unabhängigkeit Lettlands die vom britischen Außenminister Lord Arthur Balfour unterzeichnete Anerkennung Lettlands de facto erhalten. Als Außenminister repräsentierte Meierovics Lettland auf der Pariser Friedenskonferenz. Seine Bemühungen wurden durch die Anerkennung Lettlands de jure und die Aufnahme Lettlands in den Völkerbund belohnt. Meierovics schwebte eine große baltische Entente vor, die neben den drei baltischen Staaten auch Finnland und Polen einbeziehen sollte. Doch unüberbrückbare Gegensätze zwischen den Staaten verhinderten eine solche Allianz. Meierovics‘ früher Tod durch einen Autounfall brachte entsprechende Anstrengungen zum Erliegen. Nach Ansicht zahlreicher Historiker trug das Unvermögen, eine Allianz

zahlreicher Historiker trug das Unvermögen, eine Allianz Jānis Čakste mit gemeinsamer Verteidigungs- und

Jānis Čakste

mit gemeinsamer Verteidigungs- und Außenpolitik zustande zu bringen, erheblich dazu bei, daß Deutschland und die Sowjetunion über das Schicksal Lettlands und der übrigen potentiellen Allianzpartner entscheiden und sie einzeln mit brutaler Gewalt überfallen konnten. Meierovics wird bis heute als der herausragendste und erfolgreichste Vertreter der Interessen Lettlands im Ausland angesehen.

Jānis Čakste (1859–1927) stand sowohl dem Lettischen Volksrat vor, der den Staat Lettland proklamierte und als sein erstes gesetzgebendes Organ fungierte, wie auch der Verfassungsgebenden Versammlung, die eine ganze Reihe von wichtigen Gesetzen auf den Weg brachte, darunter die Gesetzgebung zur Agrarreform. 1922 wurde er von der Saeima zum ersten und 1925 erneut zum Staatpräsidenten der Republik Lettland gewählt. Čakste war ein überzeugter Demokrat. Seine ausgeglichene Persönlichkeit und sein prinzipieller, kontinuitiver Führungsstil legten den Grundstein für ein demokratisches Staatswesen und die gesellschaftliche Integration. Seine Grabstätte wurde in den Besatzungsjahren einer der Orte, an dem die Bevölkerung trotz Verbots durch das Niederlegen von Blumen und Entzünden von Kerzen seine Verbundenheit mit dem unabhängigen lettischen Staat bekundete.

Kārlis Ulmanis (1877–1942) dominierte zwischen den Weltkriegen in der Anfangsphase der Unabhängigkeit Lettlands die Politik, spielte aber gleichzeitig eine kontroverse und tragische Rolle. Er erklärte am 18. November 1918 bei der Übernahme der Amtspflichten als Ministerpräsident der vorläufigen Regierung: „[Lettland] wird ein demokratischer Rechtsstaat sein, in dem es weder Unterdrückung noch Ungerechtigkeit geben darf.“ Die Verdienste von Kārlis Ulmanis bei der Staatsgründung sind unbestreitbar. Seine

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Kārlis Ulmanis. Postkartengruß zum Tag der Arbeit. Energie, sein Fleiß und seine Zielstrebigkeit in scheinbar

Kārlis Ulmanis. Postkartengruß zum Tag der Arbeit.

Energie, sein Fleiß und seine Zielstrebigkeit in scheinbar ausweglosen Situationen waren Eigenschaften, die sich im Krisenjahr 1919 mehr als einmal entscheidend bewährten. Ebenso unstrittig ist seine dominierende politische Rolle. Bis 1934 stand er sieben Regierungen vor und führte wiederholt die Ministerien für Äußeres, Verteidigung, Versorgung und Landwirtschaft. Er war Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung, Abgeordneter aller vier Legislaturperioden der Saeima und führte die zweitstärkste politische Partei Lettlands, die Bauernunion.

Der autoritäre Staat

Die historische Rolle von Kārlis Ulmanis wurde entscheidend geprägt durch den Staatsstreich vom 15. Mai 1934. Ulmanis, damals Ministerpräsident, übernahm mit seinen Leuten die Macht, das Kriegsrecht wurde verkündet, die Verfassung außer Kraft gesetzt, die Saeima aufgelöst und alle politischen Parteien verboten. Die gesamte Lenkung des Staates lag nun in den Händen von Ulmanis und des von ihm geführten Ministerkabinetts. Die Chefs der Kommunen wurden nicht mehr gewählt, sondern von der Regierung eingesetzt. 1936 übernahm Ulmanis auch das Amt des Staatspräsidenten und bekleidete nunmehr die beiden höchsten Ämter im Staate. Der Staatsstreich von Ulmanis und die Zeit seiner autoritären Regierung sind bis heute stark umstritten. Ulmanis begründete den Umsturz mit der politischen Zersplitterung der Saeima und den Schwierigkeiten, politische Stabilität zu garantieren: „Unser Handeln ist nicht

gegen die Demokratie in Lettland gerichtet, sondern zielt darauf ab, daß die Streitereien der Parteien dem gesunden Geist und dem Willen des Volkes nicht länger im Wege stehen.“ Ein Großteil der Kritik an der Saeima und den politischen Parteien war durchaus begründet. Doch Ulmanis‘ weitere Schritte deuteten nicht auf eine Erneuerung und Stärkung der Demokratie hin. Der „Wille des Volkes“ zeigte sich vor allem in Glückwünschen und anderen organisierten Ehren- und Treuebezeigungen gegenüber dem „Führer,“ wie sich Ulmanis nennen ließ. Eine immer wieder versprochene neue Verfassung wurde letztendlich nicht eingeführt. Er sah sich selbst als Hauswirt des lettischen Hofes, als Patriarchen, der weise seine ihm ergebenen Leute führt und ihnen Arbeiten aufträgt. Das Ulmanisregime war keine totalitäre Diktatur, doch es war weit entfernt von einer Demokratie. Der Umsturz durch Ulmanis war einer der letzten Staatsstreiche im Europa zwischen den Weltkriegen. Verglichen mit anderen Diktaturen war Ulmanis‘ Herrschaft vergleichsweise liberal. Ulmanis rechnete durchaus mit seinen politischen Gegnern ab, besonders mit den Sozialdemokraten, doch die Verfolgungen beschränkten sich hauptsächlich auf Inhaftierungen und Verbote. Etwa 2.000 Sozialdemokraten und Mitglieder anderer Parteien wurden verhaftet, darunter Angehörige der radikalnationalistischen Organisation Pērkonkrusts („Donnerkreuz“). Etwa 400 Verhaftete wurden ein Jahr lang in einem Konzentrationslager interniert. Tatsächlich gab es während des Staatsstreiches selbst und in der Zeit der Ulmanisdiktatur kein Blutvergießen. Nicht ein einziger politischer Gegner wurde zum Tode verurteilt. Die bürgerlichen Grundfreiheiten wurden eingeschränkt, aber nicht gänzlich aufgehoben. Radikale rechte und linke Organisationen wurden aufgelöst, ihre Publikationen verboten. Die Ulmanisregierung war durch die Begründung von Kammern, die den Ministerien unterstellt waren und die Entwicklung ihres Bereichs im Sinne der Regierungspolitik sicherstellen sollten, darum bemüht, das wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben zentral zu organisieren und zu lenken. Die Presse unterlag der staatlichen Kontrolle. Für Übertretungen der Pressebestimmungen drohten Strafen. Bis auf in den ersten Monaten nach dem Umsturz gab es keine Zensur, doch hatte die Presse die Regierung und die Ideologie des 15. Mai zu stützen. Ulmanis‘ Ideologie basierte auf der Idee des lettischen Nationalstaates und dem lettischen Patriotismus. Sein politischesProgrammsaheineStärkungderBasisbevölkerung

Sein politischesProgrammsaheineStärkungderBasisbevölkerung Menschen aus Lettland – die Familie Aivars. 14

Menschen aus Lettland – die Familie Aivars.

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des Staates – der Letten –, ihres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens sowie eine Unterstützung und Stärkung der lettischen Bildung und Kultur vor. Die Minderheitenrechte des demokratischen lettischen Staates wurden zwar nicht aufgehoben, aber doch eingeschränkt, und die Letten, die lettische Sprache und Kultur hatten Priorität. Die Ulmanis-Regierung förderte insbesondere die Entwicklung der Landwirtschaft, die zum überwiegenden Teil in lettischen Händen lag. In der Industrie war man um eine Vergrößerung des staatlichen Kapitalanteils bemüht, indem Ausländern und Nichtletten gehörende Unternehmen aufgekauft und diese in größere und rationaler wirtschaftende Staatsbetriebe umgewandelt wurden. Die sogenannte Ulmaniszeit wurde im Gedächtnis vieler zu einer Zeit des Aufblühens, der nationalen Einigkeit und des Patriotismus verklärt, die durch die Einmischung fremder Mächte und die Okkupation mit blanker Gewalt jäh beendet wurde. Wegen der auf die Ulmaniszeit folgenden Aggressionen fremder Mächte blieben der Bevölkerung die vorausgegangenen Jahre als gute Zeiten in Erinnerung. Bei einer Bewertung ihrer Erfolge bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 muß man anerkennen, daß diese tatsächlich vorhanden waren. Doch war der wirtschaftliche Aufschwung nicht allein ein Verdienst der Ulmanis-Regierung, sondern teilweise auch der Überwindung der Wirtschaftskrise in Europa zuzuschreiben. Nationale Geschlossenheit sollte nicht durch Integration der Minderheiten erreicht werden, sondern durch eine Förderung des Selbstbewußtseins des lettischen Volkes sowie dessen zunehmende Privilegierung. Eine solche Politik förderte nicht gerade die Loyalität der Minderheiten gegenüber dem lettischen Staat. Besonders unzufrieden waren die in Lettland lebenden Deutschbalten. Politische Einmütigkeit sollte vielmehr durch die Unterordnung aller politischen Meinungen unter die herrschende politische Ideologie erreicht werden, indem politische Debatten im privaten Sektor eingeschränkt wurden und die freie Entfaltung eines staatsbürgerlichen Denkens und Bewußtseins nicht zugelassen wurde. Ulmanis‘ Handeln am Vorabend des Zweiten Weltkrieges bis zum Beginn der sowjetischen Okkupation ist beinahe ebenso umstritten wie seine Rolle im Umsturzjahr 1934. Es ist kaum anzunehmen, daß ein anderer Staatsführer oder eine andere Regierung in der Lage gewesen wäre, die Besetzung Lettlands im Jahr 1940 zu verhindern. Doch im Fall von Ulmanis bleibt die Frage, ob seine Führerrolle in dieser Zeit wichtigster Entscheidungen nicht eher hinderlich war. Mit der Abschaffung der Demokratie und der Errichtung seiner Alleinherrschaft hatte er einen Teil der Nation dazu gebracht, seiner Führung zu folgen, dem anderen Teil dagegen hatte er sich entfremdet. Auf ein gemeinschaftliches Handeln in der tiefsten Krise des lettischen Staates hatte er das Volk nicht vorbereitet. Seine letzte Botschaft an das Volk am 17. Juni 1940 steht symbolisch dafür: „Ich bleibe an meinem Platz, und ihr bleibt an eurem Platz!“ Im Rückblick gesehen hätte die Bevölkerung andere Ratschläge nötig gehabt, oder besser gar keine. Nach der Besetzung unterzeichnete Ulmanis mehrere Dekrete, die praktisch den von ihm aufgebauten Staat beseitigten. Nach der Niederlegung seiner Vollmachten als Staatspräsident am 21. Juni 1940, als die aus den Scheinwahlen hervorgegangene Volks-Saeima Lettland zur Sowjetrepublik erklärte und die Sowjetunion um die Aufnahme Lettlands in die UdSSR ersuchte, verließ er

um die Aufnahme Lettlands in die UdSSR ersuchte, verließ er Menschen aus Lettland – die Familie

Menschen aus Lettland – die Familie Straume.

ersuchte, verließ er Menschen aus Lettland – die Familie Straume. Menschen aus Lettland – die Familie

Menschen aus Lettland – die Familie Sipovics.

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seinen Platz. Als Gefangener der Sowjetmacht überlebte er die Zerschlagung seines Staates nur um etwas mehr als ein Jahr. Sein Beisetzungsort in Krasnowodsk, dem heutigen Türkmenbaşi in Turkmenistan, ist unbekannt. Ebenso ungeklärt ist eine abschließende Bewertung seiner historischen Rolle in den Anfangsjahren der staatlichen Unabhängigkeit Lettlands. Zur Zeit der Alleinherrschaft von Kārlis Ulmanis und insbesondere zur Schlußphase bleiben viele Fragen offen, weniger was ihre historischen Wechselwirkungen betrifft, als vielmehr ihre Bedeutung für Gegenwart und Zukunft des wiedererstandenen lettischen Staates. Waren die Außerkraftsetzung der Verfassung und die Etablierung des autoritären Regimes 1934 zu rechtfertigen? Konnten die Besatzer dadurch nicht, wenn auch nur zum Schein, argumentieren, 1940 die Demokratie wiederhergestellt zu haben? Warum hatten Ulmanis und seine Regierung das Ultimatum der UdSSR vom 16. Juni 1940 ohne internationalen Protest hinnehmen und die Rote Armee als „Streitkräfte eines befreundeten Staates“ betrachten müssen, was die Nachfahren der Besatzer noch heute argumentieren läßt, es habe überhaupt keine Okkupation stattgefunden? Hätte Ulmanis nach der Besetzung weiter im Amt des Staatspräsidenten bleiben sollen, und wenn ja, aus welchem Grund? Hätte er Dekrete unterzeichnen sollen, die die Fundamente des von ihm etablierten Staates nach und nach abtrugen und gleichzeitig die Bevölkerung über die damalige Normalität der Lage täuschen? Ulmanis‘ Handeln wird von Zeit zu Zeit auch als verräterisch angesehen. Betrachtet man seine Rolle in der Geschichte Lettlands im Rückblick, so wird ihm eine solche Einstufung nicht gerecht. Aus dem Blickwinkel des lettischen Staates läßt sich eins jedoch nicht leugnen:

So entscheidend Ulmanis‘ Rolle in der Aufbauphase des unabhängigen lettischen Staates gewesen war, so maßgeblich war letztendlich auch sein Beitrag zur Beseitigung Lettlands als Staat. Darin liegt die Tragik für Ulmanis als Persönlichkeit und für Lettland als Staat. Bei der Bewertung der kurzen aber intensiven ersten Unabhängigkeitsperiode Lettlands und seiner Bevölkerung wiegt dennoch der Glaube der großen Mehrheit der Bevölkerung an ihren Staat als wichtigster Faktor mehr als Erfolge oder Mißerfolge der Staatsführung. Ohne den Glauben und das Vertrauen der Bevölkerung hätten

Ohne den Glauben und das Vertrauen der Bevölkerung hätten Menschen aus Lettland – die Familie Gerasimovs.

Menschen aus Lettland – die Familie Gerasimovs.

hätten Menschen aus Lettland – die Familie Gerasimovs. Menschen aus Lettland – die Familie Roze. Menschen

Menschen aus Lettland – die Familie Roze.

Gerasimovs. Menschen aus Lettland – die Familie Roze. Menschen aus Lettland – die Familie Alainis. der

Menschen aus Lettland – die Familie Alainis.

der Staat nicht entstehen, die langen Besatzungsjahre nicht überwunden und der Staat nicht wiederhergestellt werden können. Im Rückblick auf diese Zeit ist besonders auffällig, welche große Bedeutung im besetzten Lettland, in der Zwangsverschickung und im Exil den Symbolen der Staatlichkeit als Bekenntnis der Hoffnung und des Widerstandes zukam: am wichtigsten die rot-weiß-rote Flagge. Dazu gehörten nicht minder der 18. November – der Tag der Proklamation der Unabhängigkeit – ebenso wie die vom Bildhauer Kārlis Zāle geschaffenen, der staatlichen Unabhängigkeit gewidmeten Erinnerungsorte:

der Bruderfriedhof, auf dem die Kämpfer für die Unabhängigkeit Lettlands beigesetzt worden waren und wo ihrer in Hochachtung gedacht wurde sowie das aus Spenden der Bevölkerung errichtete und am 18. November 1935 eröffnete Freiheitsdenkmal. Die im Denkmal eingravierten Worte des Dichters Kārlis Skalbe „Für Vaterland und Freiheit“ bezeugten ihre unvergessene Bedeutung Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre, als sich die Menschen mit Fahnen um das Denkmal versammelten und die Wiederherstellung der staatlichen Unabhängigkeit feierten. Die Folgen beider Weltkriege und der dreifachen Okkupation werfen noch immer ihre Schatten auf Lettland und seine Bevölkerung, doch die Rückkehr Lettlands und des Baltikums in das demokratische Europa und die Welt geben Anlaß zur Hoffnung, daß weder Lettland noch das Baltikum in den Augen der Welt jemals wieder die Schattenseite des Mondes in Europa einnehmen wird.

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SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 1

Die Interpretation sowjetischer – und leider noch immer auch einiger russischer – Historiker der jüngsten Geschichte unterscheidet sich grundlegend von derjenigen, die in diesem Buch zum Ausdruck kommt und die vom überwiegenden Teil der westlichen Historiker vertreten wird. Die sowjetische Historiographie beschreibt im Sinne des „Marxismus- Leninismus“ historische Ereignisse als determinierte Wegmarken zur Vervollkommnung des Kommunismus. Sie markiert Etappen im revolutionären Klassenkampf, der unter Führung der Kommunistischen Partei unweigerlich zum Sieg des Proletariats über die kapitalistische Bourgeoisie führt. Um die Geschichte in diesem Sinne interpretieren zu können, hatten die sowjetischen Historiker zu verfälschen, zu verschweigen sowie Fakten und Ereignisse zu verdrehen. Damit dies deutlich wird, geben wir „Sowjetische Geschichtsstunden“ über wichtige historische Ereignisse. Die Zitate sind dem von A. Drīzulis redigierten und vom Historischen Institut der Akademie der Wissenschaften der Lettischen SSR herausgegebenen Buch Latvijas PSR vēsture [Die Geschichte der Lettischen SSR], Verlag Zinātne, Riga 1986, Band 2, entnommen. Zum jungen Staat ist darin zu lesen: „Der reaktionäre Staat und die reaktionäre Gesellschaftsordnung, eine dem Volk feindlich gesinnte Politik, wie sie auf ausländische Anweisungen hin von der bourgeoisen Regierung betrieben wurde, verwandelten Lettland in eine willige Waffe der imperialistischen Staaten. Die Staatsführung Lettlands machte das Land wirtschaftlich von den imperialistischen Staaten abhängig, und ihre Politik war maßgeblich von deren Interessen bestimmt. Gegen die Werktätigen ging die Bourgeoisie mit Terror und Verfolgung vor.“ (Band 2, S. 79)

mit Terror und Verfolgung vor.“ (Band 2, S. 79) Buchdeckel der 1986 erschienenen Geschichte der Lettischen

Buchdeckel der 1986 erschienenen Geschichte der Lettischen SSR, Latvijas PSR vēsture, von Geschichtslehrern häufig wegen der Farbe des Deckels auch als „das blaue Wunder“ bezeichnet.

DAS SCHICKSAL DER LETTEN IN DER SOWJETUNION

Während des Ersten Weltkriegs verließen rund 850.000 Einwohner bzw. ein Drittel der damaligen Bevölkerung das Gebiet des heutigen Lettland. Viele von ihnen wurden 1915 aus Kurland und Riga zwangsevakuiert, als die deutschen Truppen näherrückten. Die russische Regierung kümmerte sich so gut wie gar nicht um die Flüchtlinge; für ihre Versorgung wurden freiwillige Versorgungskomitees gegründet. Obwohl der Friedensvertrag zwischen der Republik Lettland und Sowjetrußland von 1920 die Repatriierung der Flüchtlinge vorsah, kehrten viele von ihnen nicht zurück. Manche blieben wegen ihrer kommunistischen Überzeugung in Rußland, andere aus familiären Gründen, viele jedoch erfuhren schlichtweg nicht von der Möglichkeit zurückzukehren – oder sie wurden daran gehindert. Verschiedene Quellen belegen, daß in der Zwischenkriegszeit rund 150.000 Letten in der Sowjetunion lebten. Einige, die aus den Reihen der Lettischen Roten Schützen hervorgegangen waren, wurden zu herausragenden Befehlshabern der Roten Armee. Letten waren sowohl in der staatlichen Verwaltung der UdSSR aktiv wie im staatlichen Repressionsapparat. Lettische Vereine entstanden. An die 200 lettisch- bzw. lettgallischsprachige Schulen nahmen den Betrieb auf. Es gab rege kulturelle Aktivitäten. In Moskau gab es ein lettisches Theater und einen lettischen Verlag.

Wie andere Einwohner der Sowjetunion waren Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre auch die auf dem Land lebenden Letten von der Kollektivierungswelle betroffen. Doch entscheidend für das Schicksal der lettischen Diaspora in Rußland war der stalinsche Terror von 1937/38. Die großen Schauprozesse in Moskau wurden vom Generalstaatsanwalt der UdSSR, Andrej Wischinski, geleitet, der 1940 die Machtübernahme in Lettland organisierte. Der stalinsche Terror richtete sich nicht nur gegen kommunistische Veteranen, sondern auch gegen nichtrussische Bevölkerungsteile wie Deutsche, Polen, Letten, Esten, indem man sie als Konterrevolutionäre, Nationalisten, Spione und Saboteure bezichtigte. Der Terror traf auch die in Lettland im Untergrund agierenden Kommunisten. Viele von ihnen wurden in die Sowjetunion beordert, verhaftet und liquidiert. Rund 14.000 (9,3 Prozent) der in der Sowjetunion lebenden Letten, mehrheitlich Männer, wurden erschossen. Ihre Angehörigen wurden deportiert und in entlegenen Gebieten Rußlands zwangsangesiedelt. Die Gesamtzahl der Menschen, die politischen Repressionen ausgesetzt waren, wird mit rund 70.000 beziffert, was etwa der Hälfte der seinerzeit in Rußland lebenden Letten entspricht. Lettische Organisationen wurden aufgelöst, Schulen und Kultureinrichtungen geschlossen. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Letten kam zum Erliegen. Dies bedeutete praktisch das Ende der ethnischen Gemeinschaft der Letten in Rußland.

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OUVERTÜRE ZUR OKKUPATION

1939–1940

Hitler und Stalin teilen Europa • Sowjetische Militärverbände und politische Vorherrschaft

• Hitler ruft die Deutschbalten „heim ins Reich“

• Hitler ruft die Deutschbalten „heim ins Reich“ 01.09.1939: Deutschland überfällt Polen. • 03.09.1939:

01.09.1939: Deutschland überfällt Polen. • 03.09.1939: Groß- britannien und Frankreich erklären Deutschland den Krieg; Beginn des Zweiten Weltkrieges. • 17.09.1939: Die Sowjetunion überfällt Polen. • 30.10.1939: Die Sowjetunion überfällt Finnland. • 13.03.1940: Waffenstillstandsabkommen zwischen Finnland und der UdSSR. • 09.04.1940: Deutschland überfällt Dänemark und Norwegen. • 10.05.1940: Mit dem Überfall auf die Niederlande und Belgien beginnt die deutsche Offensive gegen Frankreich. • 26.05.–02.06.1940: Rund 300.000 britische und französische Soldaten werden vom Strand von Dünkirchen (Dunkerque) evakuiert.

PARTNER IN DER AGGRESSION:

HITLER UND STALIN TEILEN OSTEUROPA

PARTNER IN DER AGGRESSION: HITLER UND STALIN TEILEN OSTEUROPA Teilungskarte Polens vom 28. September 1939 mit

Teilungskarte Polens vom 28. September 1939 mit den Unterschriften Stalins und Ribbentrops.

In einem dem Vertrag beigefügten geheimen Zusatzprotokoll verständigten sich die Partner darauf, Polen zu teilen, und bestimmten die Nordgrenze Litauens als die Grenze der Interessensphären zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Damit wurde die Unterordnung Lettlands, Estlands und Finnlands unter den Einfluß und die Willkür der Sowjetunion anerkannt. Am 1. September überfiel Hitlers Armee Polen. Groß- britannien und Frankreich, die die Unantastbarkeit der Grenzen Polens garantiert hatten, erklärten Deutschland am 3. September den Krieg, nahmen aber trotz ihrer Zusagen keine aktiven Kampfhandlungen gegen Deutschland auf. Am 17. September fiel die Sowjetunion in Polen ein. Innerhalb eines Monats hatten beide Großmächte Polen vollständig besetzt. Am 28. September 1939 unterzeichneten Deutschland und die Sowjetunion einen Grenz- und Freundschaftsvertrag, der die genaue Grenze zwischen den von Deutschland und der Sowjetunion besetzten Gebieten Polens festschrieb. Der Vertrag wurde ergänzt durch ein weiteres geheimes Zusatzprotokoll, in welchem nun auch Litauen der „Interessensphäre“ der Sowjetunion zugeschlagen und den deutschstämmigen Einwohnern die Möglichkeit zur Ausreise aus der sowjetischen „Interessensphäre“ sowie den besetzten ostpolnischen Gebieten gegeben wurde. Ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung wurden die baltischen Staaten zu Geiseln der Sowjetunion. Die Sowjetunion hielt ihrerseits Deutschland den Rücken frei und

Mit dem Abschluß des Vertragswerkes und seiner ge- heimen Zusatzprotokolle zwischen der kommunistischen SowjetunionunddemnationalsozialistischenDeutschland am 23. August und 28. September 1939 war das Schicksal der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen für die nächsten fünfzig Jahre besiegelt. Der Abschluß des Paktes und die gegenseitigen Absprachen machten beide totalitären Mächte faktisch zu Partnern in der Aggression und zu Hauptverantwortlichen am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Um das sowjetische Einverständnis für seine Pläne bezüglich eines Angriffs auf Polen zu erlangen, schickte Reichskanzler Adolf Hitler seinen Außenminister Joachim von Ribbentrop nach Moskau. Am 23. August 1939 unterzeichneten er und sein sowjetischer Amtskollege Wjatscheslaw Molotow in Gegenwart von Jossif Stalin einen Nichtangriffspakt, der auch als Molotow-Ribbentrop- oder Hitler-Stalin-Pakt bekannt ist.

als Molotow-Ribbentrop- oder Hitler-Stalin-Pakt bekannt ist. Deutschsprachiges Exemplar des Geheimen Zusatzprotokolls vom

Deutschsprachiges Exemplar des Geheimen Zusatzprotokolls vom 23. August

1939. lieferte wichtige Rohstoffe für Hitlers Westfeldzug 1940.

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Molotov bei der Unterzeichnung des Vertrags am 28. September 1939 in Stalins Arbeitszimmer im Kreml.

Molotov bei der Unterzeichnung des Vertrags am 28. September 1939 in Stalins Arbeitszimmer im Kreml. Hinter ihm Ribentropp.

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 2

Die Geschichte der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik erwähnt mit keinem Wort die zwischen Hitler und Stalin geschlossenen Pakte sowie die geheimen Zusatzprotokolle über

die Aufteilung Osteuropas und die wirtschaftliche Hilfeleistung der Sowjetunion für Deutschland. Über den Kriegsausbruch ist zu lesen: „Schon lange vor Beginn des Zweiten Weltkrieges hatten Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika Deutschland dabei unterstützt, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen und aufzurüsten. Imperialistische Kreise in den USA, Großbritannien und Frankreich schickten sich an, einen Krieg gegen die Sowjetunion zu entfesseln. Doch der Zweite Weltkrieg brach zunächst zwischen den kapitalistischen Ländern aus. Kriegsauslöser waren aggressive faschistische

Staaten wie Deutschland, Italien und Japan [

besetzte gewaltsam Österreich und riß anschließend die

Hitlerdeutschland

].

Tschechoslowakai an sich. Von Litauen holte sich Deutschland Klaipeda und schickte sich an, auch das Baltikum an sich zu reißen. Am 1. September 1939 überfiel Hitlerdeutschland Polen. Daraufhin erklärten Großbritannien und Frankreich

Unter diesen Umständen war es

Aufgabe der Sowjetregierung, den Schutz der sowjetischen Grenzen gegen einen Angriff von Seiten Hitlerdeutschlands zu organisieren.“ (Band 2, S. 126) Als der Wortlaut der geheimen Zusatzprotokolle im Westen veröffentlicht wurde, bezeichnete die Sowjetunion diese als Fälschung. Ihre Existenz wurde erst 1989 von den sowjetischen Behörden bestätigt, als der Oberste Sowjet die Zusatzprotokolle als „ungültig vom Augenblick ihrer Unterzeichnung an“ deklarierte.

Deutschland den Krieg. [

]

DIE ABKOMMEN VON MÜNCHEN UND MOSKAU

Am frühen Morgen des 30. September 1938 unterzeichneten Adolf Hitler, der britische Premier Neville Chamberlain, der französische Premierminister Édouard Daladier und der italienische Diktator Benito Mussolini ohne Einbeziehung der Tschechoslowakei in München ein Abkommen, welches Deutschland gestattete, das zur Tschechoslowakei gehörende, von Deutschen bewohnte und in Grenznähe zu Deutschland gelegene Sudetenland zu besetzen. Mit ihrem Nachgeben gegenüber den Forderungen und Beteuerungen Hitlers hofften die westlichen Staatsmänner, den Frieden zu retten. Tschechoslowakische Vertreter blieben von der Konferenz ausgeschlossen. Am 1. Oktober begann die Besetzung des Sudetenlandes, die am 15. Oktober abgeschlossen war. Die Tschechoslowakei blieb ihrem Schicksal überlassen und war gezwungen, sich dem Diktat zu beugen. Als sich im März 1939 die Slowakei abspaltete und Tschechien von Deutschland besetzt wurde, hörte die Tschechoslowakei bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges auf, als Staat zu existieren. Das in München unterzeichnete Abkommen wird zuweilen als Vorgänger des in Moskau abgeschlossenen Hitler-Stalin-

Paktes angesehen. Nach einer häufig in Rußland vertretenen Geschichtsinterpretation wird es sogar als wichtigste Kriegsursache betrachtet. Zwischen dem Münchner und dem Moskauer Abkommen bestehen jedoch wesentliche Unterschiede, die an dieser Interpretation Zweifel lassen. Das Münchner Abkommen war in seiner Tragweite begrenzt. Obwohl es die Souveränität der Tschechoslowakei einschränkte, war eine Beseitigung des Staates nicht vorgesehen. Dazu kam es erst durch die aggressive Politik Hitlers unter dem Bruch der Münchner Vereinbarungen. Die Münchner Dokumente enthielten keine geheimen Zusatzprotokolle zur Aufteilung Europas in Interessensphären. Weder Großbritannien noch Frankreich handelten in eigenem Interesse. Sie hofften vielmehr, durch das Münchner Abkommen den Frieden zu retten. Das Wesen des Hitler-Stalin-Paktes und seiner geheimen Zusatzprotokolle hingegen liegt in einer aggressiven, gegen die Souveränität anderer Staaten gerichteten Hinterhältigkeit, die allein den Interessen der beiden Vertragspartner zuträglich war. Wenn das Münchner Abkommen auch unbestreitbar den aggressiven Absichten Hitlers nützte, so steht ebenfalls außer Zweifel, daß der Moskauer Vertrag die direkte Ursache für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges darstellt.

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DIE SCHLINGE LEGT SICH UM DIE BALTISCHEN STAATEN:

SOWJETISCHE MILITÄRVERBÄNDE UND POLITISCHE VORHERRSCHAFT

SOWJETISCHE MILITÄRVERBÄNDE UND POLITISCHE VORHERRSCHAFT 1939 eingerichtete Militärstützpunkte der Roten Armee in

1939 eingerichtete Militärstützpunkte der Roten Armee in Lettland. Damit befanden sich mehr Rotarmisten und Waffen in Lettland, als die Truppen- und Ausrüstungsstärke der lettischen Armee in Friedenszeiten umfaßte.

Nachdem sie sich der Nichteinmischung von Seiten Deutschlands versichert hatte, zögerte die Sowjetunion nicht, ihre Vorherrschaft in ihrer „Interessensphäre“ zu sichern, indem sie die baltischen Staaten zum Abschluß von sogenannten „gegenseitigen Beistandspakten“ zwang. Damit gerieten die baltischen Staaten faktisch in völlige militärische und politische Abhängigkeit der Sowjetunion. Bereits am 27. September 1939 informierte Stalin Ribbentrop über seine Pläne bezüglich Estland und Lettland hinsichtlich der Übereinkunft vom 23. August. Sie sahen ein allmähliches Eindringen in beide Staaten vor. Mit der Umsetzung dieser Pläne wurde unverzüglich begonnen.

DIE ZUSAMMENARBEIT VON HITLER UND STALIN

Als Sowjetrußland 1918 unter Lenins Führung in der polnischen Stadt Brest-Litowsk einen Friedensvertrag mit dem kaiserlichen Deutschland und seinen Verbündeten schloß, überließ es den Deutschen einen großen Teil des russischen Imperiums, darunter das Territorium der heutigen baltischen Staaten. Am 22. September 1939 hielten die Rote Armee und die Wehrmacht in Brest-Litowsk eine gemeinsame Parade ab, um so die militärische Macht der neuen Allianz und das im Hitler-Stalin-Pakt erreichte Übereinkommen über die territoriale Neuordnung zu betonen. Die enge Kooperation zwischen beiden Staaten setzte sich bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 fort. Wie im geheimen Zusatzprotokoll vereinbahrt, kooperierten beide Geheimdienste besonders bei der Zerschlagung des polnischen Widerstandes gegen das Okkupationsregime. Auf der Grundlage eines Handelsvertrages lieferte die Sowjetunion beträchtliche Mengen an Rohstoffen an Deutschland, u.a. Erdöl, Gummi und Manganerz sowie Getreide. Dies half Deutschland, sich trotz der britischen Blockade vorzubereiten auf seine Offensiven in Westeuropa im Frühjahr 1940, in Südeuropa im Frühjahr 1941 und auf den Überfall auf die Sowjetunion selbst am 22. Juni 1941.

Die Flucht eines internierten polnischen Unterseebootes aus dem Tallinner Hafen nahm die Sowjetunion zum Anlaß, an der estnischen Grenze Truppen zusammenzuziehen und mit der Blockade der estnischen Häfen zu beginnnen. Am 27. September wurde Estlands Außenminister Karl Selter nach Moskau beordert und gezwungen, einen Pakt

über „gegenseitigen Beistand“ zu unterzeichnen, der unter anderem Militärbasen der Roten Armee auf dem Territorium Estlands vorsah. Lettland und Litauen sahen sich gezwungen, am 5. bzw.

10. Oktober ebenfalls entsprechende Verträge abzuschließen.

Sowjetische Militärverbände strömten nach Lettland. Nachdem Finnland ähnliche sowjetische Forderungen abgelehnt hatte, fiel die Rote Armee am 30. November

im Nachbarland ein. Trotz des heldenhaften Widerstandes gegen die erdrückende Übermacht, sah sich Finnland am

13. März 1940 gezwungen, einen Waffenstillstandsvertrag

mit der Sowjetunion zu unterzeichnen. Das Land verlor einen Teil seines Territoriums, bewahrte aber seine Unabhängigkeit. Die Einrichtung von Militärbasen wird oft auch als der eigentliche Beginn der militärischen Besetzung angesehen. Von jener Zeit an bis zum 31. August 1994 – dem Abzug der russischen Truppen – standen ununterbrochen starke Truppenkontingente fremder Staaten auf dem Territorium Lettlands.

fremder Staaten auf dem Territorium Lettlands. Politausbildung von Rotarmisten an einer politischen

Politausbildung von Rotarmisten an einer politischen Landkarte, auf der Lettland noch nicht Teil der UdSSR ist. Seit Herbst 1939 befanden sich sowjetische Militärstützpunkte in Lettland.

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BEVOR SICH DIE SCHLINGE ZUZIEHT:

HITLER RUFT DIE DEUTSCHBALTEN „HEIM INS REICH“

Die Deutschbalten in Lettland und Estland wurden mit Zustimmung der Sowjetunion zum Pfand für die nationalsozialistische Politik im Osten. Ihre Umsiedlung war die erste von den totalitären Mächten durchgeführte Massenumsiedlung von Menschen und bewirkte eine Veränderung der ethnischen Bevölkerungsstruktur im Baltikum. Mehr als 50.000 Deutschbalten verließen Lettland. Das am 28. September 1939 von Molotow und Ribbentrop unterzeichnete geheime Zusatzprotokoll „erlaubte“ den Deutschbalten aus der sowjetischen Interessensphäre „heim ins Reich“ umzusiedeln, wie es die Nazipropaganda formulierte. In Wirklichkeit gingen sie weder heim noch ins Reich. Seit JahrhundertenhattendieDeutschbaltenihreHeimatinLettland. Sie wurden nicht in Deutschland angesiedelt, sondern als Kolonisten in den von Deutschland besetzten westpolnischen Gebieten, aus denen die polnische Bevölkerung ihrerseits vertrieben wurde. Für die meisten Umsiedler verschlechterten sich damit ihre Lebensbedingungen im Vergleich zu denen, die sie in Lettland hatten. Unverzüglich wurden Verhandlungen mit der Regierung Lettlands über die Umsiedlung der Deutschbalten aufgenommen. Die Umsiedler selbst hatten keine große Wahl. Unter ihnen agitierten Nazi-Propagandisten. Immobilien und Gewerbe waren unter großen materiallen Verlusten in aller Eile und unverzüglich aufzulösen.

Verlusten in aller Eile und unverzüglich aufzulösen. Vertrauliche Vereinbarung vom 28. September 1939 zwischen

Vertrauliche Vereinbarung vom 28. September 1939 zwischen UdSSR und Deutschland über die Umsiedlung der Deutschbalten aus der Interessensphäre der UdSSR.

Als am 30. Oktober der entsprechende Vertrag zwischen Deutschland und Lettland abgeschlossen wurde, warteten deutsche Schiffe bereits in den Häfen. Innerhalb von 90 Tagen verließen etwa 47.000 Umsiedler Lettland. Die Umsiedlungen endeten im Frühjahr 1941 bereits unter sowjetischer Besatzung. Auch Letten, die sich deutsche Dokumente verschaffen konnten, nutzten diese Chance zur Ausreise. Staatspräsident Kārlis Ulmanis bedauerte den Weggang der Deutschbalten nicht. Sein zweideutiger, sowohl an die Deutschbalten als auch an die ausreisenden Letten gerichteter Nachruf ging in Erfüllung: „Sollen sie fahren! Auf Nimmerwiedersehen!“ Der Verlust dieser kleinen, historisch, intellektuell und kulturell jedoch bedeutsamen ethnischen Minderheit ist im gesellschaftlichen Leben Lettlands bis heute spürbar.

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 3

Ohne den mit Deutschland abgeschlossenen Nichtangriffs- und Freundschaftvertrag und seine geheimen Zusatzprotokolle zu erwähnen, beschreibt die Die Geschichte der Lettischen SSR die Verträge mit den baltischen Staaten über „gegenseitigen Beistand“ als eine Maßnahme der Sowjetregierung, die baltischen Grenzen zum Schutz vor einem Angriff des mit ihr verbündeten Deutschland zu sichern: „Neben anderen Bemühungen forderte die Sowjetregierung aus diesem Grund die Regierungen der baltischen Staaten zum Abschluß von gegenseitigen Beistandspakten mit der UdSSR auf. Dieser Vorschlag fiel mit den schon lange vertretenen Forderungen der Werktätigen Lettlands, Litauens und Estlands zusammen. Die Volksmassen

hatten verstanden: Wenn die Sowjetunion die baltischen Staaten unter ihren Schutz nimmt, bleiben sie vor der Gefahr bewahrt,

Um diesen Beistand

entlang der

Ostseeküste ein bestimmtes Truppenkontingent stationieren. Der Pakt betraf lediglich die gegenseitige Verteidigung. Die

souveränen Rechte Lettlands blieben davon unberührt. [

Beistandspakte waren die Garantie der nationalen Souveränität der baltischen Staaten.“ (Band 2, S. 126) Unerwähnt bleibt, daß „ein bestimmtes Truppenkontingent“ ein Minimum von 25.000 Soldaten meinte – mehr Soldaten als in Friedenszeiten je in der lettischen Armee standen. Ebenso bleibt unklar, von wem und auf welche Weise die Forderungen der Werktätigen gestellt worden waren.

] Diese

in den Krieg hineingerissen zu werden. [

real leisten zu können, durfte die Sowjetunion [

]

]

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DIE ERSTE SOWJETISCHE OKKUPATION

1940–1941

Provokation, Ultimatum und Besetzung Lettlands durch die UdSSR • Das Szenario Wyschinskis, des Organisators von Stalins Schauprozessen • Die Bevölkerung übt Demonstrationen und Meetings • Die einzige Partei erreicht bei den Wahlen nahezu

100 Prozent der Stimmen • Die Volks-Saeima bittet einmütig um Aufnahme Lettlands in die UdSSR • Die baltischen Staaten werden widerspruchslos in die UdSSR „aufgenommen“

• Die Republik Lettland existierte für den Westen weiterhin de jure • Liquidierung der lettischen Armee • Konfiszierung, Währungsabwertung, Kollektivierung • Das

gesellschaftliche und kulturelle Leben im Dienste des Kommunismus • Die Religion unter dem Joch des Kommunismus • Erziehung der Jugend im kommunistischen Geiste

• Widerstand gegen das Besatzungsregime • Die unumschränkte Macht des NKWD –

verhaften und liquidieren • Die erste Massendeportation in die UdSSR • Verschleppungen und Erschießungen politischer Gefangener

14.06.1940: Die deutsche Wehrmacht marschiert in Paris ein. • 15.–17.06.1940: Sowjetische Truppen besetzen die baltischen Staaten. • 22.06.1940: Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und Frankreich. • 27.09.1940: Dreimächtepakt über wirtschaftliche und militärische Kooperation zwischen Deutschland, Italien und Japan. • 28.10.1940: Italien überfällt Griechenland. • 14.11.1940: Mit einem schweren Luftangriff auf Coventry beginnt der deutsche Luftkrieg gegen England. • 11.03.1941: Der US-Kongreß verabschiedet das Leih- und Pachtgesetz zur Lieferung von kriegswichtigen Gütern an Großbritannien. • 24.03.1941: Deutsch-italienische Offensive gegen die britischen Truppen in Nordafrika. • 06.–18.04.1941:

Besetzung Jugoslawiens durch Deutschland und seine Verbündeten. • 06.–30.04.1941: Besetzung des griechischen Festlands durch die deutsche Wehrmacht.

des griechischen Festlands durch die deutsche Wehrmacht. Militärische Operationen zur Besetzung der baltischen

Militärische Operationen zur Besetzung der baltischen Staaten 15.–17. Juni 1940.

HITLER IN PARIS, STALIN IN RIGA:

PROVOKATION, ULTIMATUM UND BESETZUNG LETTLANDS DURCH DIE UDSSR

Während Hitler im Begriff war, die Besetzung Frank- reichs abzuschließen, machte Stalin von der Möglichkeit Gebrauch, die ihm in den geheimen Absprachen eingeräumt worden war, und besetzte die baltischen Staaten. Die Okkupation begann mit Provokationen und Ultimaten und endete mit einem massiven Einmarsch der Roten Armee. Dabei handelte es sich um einen nicht provozierten Akt einer Großmacht gegen kleine souveräne Nachbarstaaten unter Bruch internationaler Konventionen und bilateraler Verträge. Im Morgengrauen des 15. Juni 1940 – zeitgleich mit der Besetzung Litauens – überfielen Sondereinheiten des sowjetischen Innenministeriums drei Grenzstationen im Osten Lettlands. Dabei wurden drei Grenzposten sowie die Frau und der Sohn eines Grenzers getötet. Zehn Grenzschützer und 27 Zivilisten wurden in die Sowjetunion verschleppt. Am 16. Juni, Sonntagnachmittag, stellte die UdSSR der lettischen Regierung ein sechsstündiges Ultimatum. Sie bezichtigte Lettland der Verletzung des 1939 abgeschlossenen gegenseitigen Beistandspaktes und forderte die sofortige Bildung einer neuen Regierung sowie den Einmarsch sowjetischer Truppen in Lettland ohne jegliche Einschränkung, um die Erfüllung des Paktes zu gewährleisten.

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 4

Im Buch Die Geschichte der Lettischen SSR wird erklärt: „Die Sowjetregierung erfüllte die Bestimmungen der gegenseitigen

Beistandspakte mit den baltischen Staaten anständig und fair. Doch ähnlich wie die Regierungen Estlands und Litauens sabotierte auch die faschistische Regierung Lettlands nicht nur den gegenseitigen Beistandspakt, sondern bereitete sich

auf einen Krieg gegen die UdSSR vor. [

Freundschafts- und Kooperationsbekundungen gegenüber der

Sowjetunion betrieb die Regierung Ulmanis in Wirklichkeit eine antisowjetische Politik und schürte in der Bevölkerung den

Haß gegen die Rote Armee und den Sowjetstaat. [

Hintergrund, daß Hitler in Westeuropa in blitzkriegsartigen Feldzügen bereits die meisten seiner Gegner besiegt und sich freie Hand für seine Abenteuer im Osten geschaffen hatte, wurde die Politik der Regierung Ulmanis allzu gefährlich. Am 16. Juni 1940 sandte ihr die Sowjetregierung deshalb eine Note mit der Aufforderung, eine neue Regierung zu bilden, die den Bestimmungen des gegenseitigen Beistandspaktes tatsächlich nachkommen würde. Als Garantie für die Einhaltung des Paktes forderte die Sowjetregierung den Einmarsch von zusätzlichen Truppen der Roten Armee in Lettland. [ ]

Vor dem

Mit falschen

]

]

Ulmanis sah ebenso wie die faschistischen Cliquen Litauens und Estlands keinen anderen Ausweg, als die sowjetischen Forderungen zu erfüllen.“ (Band 2, S. 128–129) Die Aussage, daß die baltischen Staaten einen Angriff gegen die UdSSR vorbereitet hätten, läßt das völlige Mißverhältnis zwischen den Truppenstärken der baltischen Staaten und der UdSSR sowie die Existenz des Hitler-Stalin-Pakts völlig außer acht.

die Existenz des Hitler-Stalin-Pakts völlig außer acht. Erste Seite des sowjetischen Ultimatums an Lettland. Oben

Erste Seite des sowjetischen Ultimatums an Lettland. Oben eine russischsprachige Notiz Molotows: „[Botschafter] Kociņš übergeben um zwei Uhr am 16.VI.“ Am Ende des Dokuments heißt es: „Die Sowjetregierung erwartet eine Reaktion bis 16. VI. 11 Uhr nachts.“

In Anbetracht der militärischen Überlegenheit der sowjetischen Truppen an der Grenze, der brutalen Überfälle auf die Grenzstationen, des tags zuvor erfolgten sowjetischen Einmarsches in Litauen und angesichts der Ereignisse in Polen sowie der seit Herbst 1939 im Westen Lettlands stationierten Einheiten der Roten Armee, hoffte die lettische Regierung, ein Blutbad verhindern zu können, indem sie den lettischen Streitkräften Befehl gab, die Rote Armee als Truppen eines befreundeten Staates zu betrachten. Am 17. Juni besetzte die Rote Armee Lettland und Estland. Am Abend wendete sich Staatspräsident Kārlis Ulmanis an die Bevölkerung: „Ich bleibe auf meinem Platz, und ihr bleibt an eurem Platz!“ Bis heute wird in Lettland über die Frage diskutiert, ob die damaligen Entscheidungen der Regierung und Ulmanis richtig waren. Hätte man nicht bewaffneten Widerstand leisten müssen, obwohl dies aus militärischer Sicht wohl nur einige Tage lang möglich gewesen wäre? Hätte man nicht einen völkerrechtlichen Protest erklären oder wenigstens der Weltöffentlichkeit kundtun müssen, daß die Regierung unter Zwang gehandelt habe? Unter Berufung auf die Anordnungen der lettischen Regierung und der später von Ulmanis unterzeichneten Dekrete, die den Ereignissen einen gewissen Anstrich von Legalität gaben, leugnet die Regierung Rußlands bis heute den Tatumstand einer Okkupation.

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Kārlis Ulmanis durfte „auf seinem Platz“ lediglich Gesetze und Verordnungen der Republik Lettland bestätigen, die die von ihm geformten und am Ende auf seine Alleinherrschaft ausgerichteten Fundamente des Staates zerstörten. Am 21. Juli hatte er die letzte Verordnung zu unterzeichnen – seine Amtsenthebung als Staatspräsident.

Über die Geschehnisse in Lettland und seinen Nachbarstaaten erfuhr die Welt wenig. Ihr Augenmerk war in jenenTagenvielmehrmitSorgeaufdieEreignisseinFrankreich und auf den nächsten Schlag des nationalsozialistischen Deutschland gerichtet. Großbritannien rüstete sich gegen eine mögliche deutsche Invasion.

OKKUPATION

In Artikel 42 im vierten Teil des Haager Abkommens von 1907 (Landkriegsordnung) wird eine Besatzung wie folgt definiert:

„Ein Gebiet gilt als besetzt, wenn es sich tatsächlich in der Gewalt des feindlichen Heeres befindet. Die Besetzung erstreckt sich nur auf die Gebiete, wo diese Gewalt hergestellt ist und ausgeübt werden kann.“ Die Artikel dieser Haager Konvention regeln auch die Pflichten einer Besatzungsmacht im besetzten Gebiet. So

Vorkehrungen zu

treffen, um nach Möglichkeit die öffentliche Ordnung und das

öffentliche Leben wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten, und

zwar [

es: „Es ist untersagt, die Bevölkerung eines besetzten Gebiets zu zwingen, der feindlichen Macht den Treueid zu leisten“ und weiter in Artikel 46: „Die Ehre und die Rechte der Familie, das Leben der Bürger und das Privateigentum sowie die religiösen Überzeugungen und gottesdienstlichen Handlungen sollen geachtet werden. Das Privateigentum darf nicht eingezogen werden.“ Artikel 52 wiederum schreibt vor, daß Beschlagnahmungen „im Verhältnisse zu den Hilfsquellen des Landes stehen und solcher Art sein [müssen], daß sie nicht für die Bevölkerung die Verpflichtung enthalten, an Kriegsunternehmungen gegen ihr Vaterland teilzunehmen.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1949 die Haager Konvention um das Genfer Abkommen über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten und damit um wichtige Bestimmungen ergänzt. In Artikel 49 heißt es dort: „Zwangsweise Einzel- oder Massenumsiedlungen sowie Deportationen von geschützten Personen aus besetztem Gebiet nach dem Gebiet der Besetzungsmacht oder dem irgendeines anderen besetzten oder unbesetzten Staates sind ohne Rücksicht auf ihren Beweggrund verboten.“ Artikel 51 verbietet einer Besatzungsmacht, geschützte Personen zum Dienst in ihren bewaffneten Kräften oder zum Hilfsdienst zu zwingen sowie Druck oder Propaganda auszuüben, die auf einen freiwilligen Eintritt in den Kriegsdienst abzielen. In beiden Konventionen ist die Rede von „Besatzung in Kriegszeiten“ und den Pflichten einer Besatzungsmacht im besetzten Gebiet. Auch sollte man in Betracht ziehen, daß die Haager Konvention aus einer Zeit stammt, als Kriegsführung und Besatzungsgebiet sich von den späteren Realitäten stark unterschieden. Gerade der Zweite Weltkrieg war angesichts der Gewalttaten der totalitären Regime gekennzeichnet durch seine Brutalität und das Nichtfunktionieren fast aller internationaler Konventionen. In vielerlei Hinsicht ist die Genfer Konvention von 1949 als Verurteilung der im Zweiten Weltkrieg praktizierten Kriegsführung zu verstehen. Rein formell könnte argumentiert werden, daß weder die Haager noch die nach dem Krieg verabschiedete Genfer Konvention vollständig auf den Fall der baltischen Staaten anwendbar ist. Die Haager Konvention sah einen solchen Fall nicht vor, in dem eine Großmacht einen anderen Staat ohne Kriegshandlungen besetzen und allein durch die Drohung mit ihrer militärischen

unter Beachtung der Landesgesetze.“ In Artikel 45 heißt

hat nach Artikel 43 der Besetzende „alle [

]

]

Überlegenheit die Herrschaft in diesem Staat übernehmen könnte. Der 1929 sowohl von Lettland als auch von der UdSSR ratifizierte Briand-Kellogg-Pakt, der Krieg als Mittel der internationalen Politik verurteilte und in Artikel 2 vorschrieb, Streitigkeiten ausschließlich gewaltfrei zu lösen, hätte hier eigentlich greifen müssen. Eine Okkupation im klassischen Sinne war weder die Besetzung des Baltikums durch die Sowjetunion noch die durch das nationalsozialistische Deutschland. Weder die eine noch die andere Besatzungsmacht hielt sich an die ihr in den besetzten Ländern auferlegten Pflichten wie die Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit, die Nicht-Heranziehung der Bevölkerung zu gegen ihr Vaterland gerichteten Maßnahmen und den Schutz von Leben sowie Hab und Gut. Die baltischen Staaten sind dem Wesen nach dennoch vom 17. Juni 1940 bis zur Wiedererlangung ihrer vollen Unabhängigkeit am 21. August 1991 als besetzte Territorien zu betrachten, denn:

• Die Forderungen des am 16. Juni 1940 an die lettische Regierung gerichteten Ultimatums kamen einer indirekten Kriegserklärung gleich, angesichts derer sich die Regierung zur Kapitulation gezwungen sah. In Lettland bestanden zu jener Zeit schon sowjetische Militärstützpunkte, die Rote Armee hatte tags zuvor Litauen besetzt; an der Ostgrenze standen große sowjetische Truppenkontingente kampfbereit.

• Die sowjetischen Truppen übernahmen unverzüglich die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet Lettlands. Obwohl keine Militärverwaltung in Lettland aufgebaut wurde, sicherten die Truppen die Machtübernahme, die Schaffung von pseudodemokratischen Staats- und Verwaltungsstrukturen sowie die Angliederung Lettlands zur Sowjetunion ab.

• Sowjetische Truppen kontrollierten das Territorium Lettlands 1940–1941, im Laufe des Krieges abgelöst von der deutschen Besatzung. 1944/45 besetzten sowjetische Truppen erneut das Staatsgebiet Lettlands und sicherten der Sowjetmacht bis zur vollständigen Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 die Vorherrschaft. Die Kommunistische Partei Lettlands, in der Letten immer eine Minderheit darstellten, kontrollierte nach den Anordnungen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion während der gesamten Besatzungszeit sowohl den Staat als auch seine Verwaltungsstrukturen.

• Deutschland stellte nach der Eroberung und Besetzung des lettischen Territoriums die Souveränität nicht wieder her, sondern verwaltete das Staatsgebiet Lettlands mit seinen militärischen und zivilen Institutionen sowie diesen unterstellten lettischen Selbstverwaltungseinrichtungen.

• Zahlreiche Staaten der Welt haben die Besetzung und Einverleibung Lettlands durch die Sowjetunion niemals offiziell anerkannt. In vielen Staaten setzten die vom lettischen Staat eingesetzten Diplomaten ihre Arbeit fort. Die von ihnen ausgestellten lettischen Auslandspässe wurden anerkannt. Der Oberste Sowjet der Lettischen SSR stellte mit seinen Entscheidungen von 1990 und 1991 den 1918 gegründeten, auf der Grundlage der Verfassung von 1922 stehenden lettischen Staat formell wieder her.

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MOSKAUS REGISSEUR IN LETTLAND:

DAS SZENARIO WySCHINSKIS, DES ORGANISATORS VON STALINS SCHAUPROZESSEN

Das politische Ziel der Sowjetunion war eine gewaltsame, scheinbar jedoch mit demokratischen Mitteln herbeigeführte Zerschlagung der Souveränität Lettlands und seine Einverleibung in die Sowjetunion. Zur Liquidierung des lettischen Staates nach einem in Moskau sorgfältig vorbereiteten Szenario fand sich schon am 18. Juni der Stellvertretende Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der UdSSR (Regierung), Andrej J. Wyschinski, in Lettland ein. Er war im Jahr 1937/38 Chefankläger in Stalins Schauprozessen gewesen. In Litauen übernahm Wladimir Dekanosow, Stellvertretender Volkskommissar für Äußeres, diese Rolle, in Estland Andrej Schdanow, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Bereits an Abend des 19. Juni ließ Wyschinski den lettischen Staatspräsidenten Kārlis Ulmanis eine von Moskau erstellte Kabinettsliste unterzeichnen, die hauptsächlich nichtkommunistische Kandidaten mit

dem politisch unerfahrenen Mikrobiologieprofessor Augusts Kirchenšteins an der Spitze enthielt. Die neue „Volksregierung“ machte sich gestützt auf die Vorgaben Wyschinkis sofort an den Umbau bzw. die Auflösung von Institutionen des unabhängigen Lettland und bereitete so das Feld für eine totale Sowjetisierung. Gleiches taten die nach demselben Szenario gebildeten „Volksregierungen“ in den beiden anderen baltischen Staaten. Über ihre wahren Absichten hielten sich die Besatzer anfangs bedeckt. Am 21. Juni versprach Wyschinski in einer auf russisch gehaltenen Rede vom Balkon der Sowjetischen Gesandtschaft in Riga, die Unabhängigkeit Lettlands zu respektieren. Wyschinski beendete seine Rede mit den auf lettisch ausgerufenen Worten: „Es lebe das freie Lettland! Es lebe die Freundschaft zwischen der Republik Lettland und der Sowjetunion!“ Einige Tage flatterten sie noch – die Flaggen des unabhängigen Lettland. DieKommunistischeParteiLettlands,dienachsowjetischer Geschichtsauffassung den Machtwechsel herbeigeführt hatte, verfügte seinerzeit über nur etwa 400 Mitglieder. Ihr Einfluß auf die Bevölkerung war äußerst gering. Sie hatte unter den Säuberungen Stalins im Jahr 1937/38 gelitten. Ihre Tätigkeit bestand zunächst aus der Abhaltung von Demonstrationen. Erst später wurden ihre Mitglieder Dank des Diktats der UdSSR, der Anwesenheit des sowjetischen Militärs, subversiver Aktivitäten und politischer Manipulationen zu den wichtigsten Kollaborateuren. Es fanden sich auch Menschen, die nicht der Kommunistischen Partei angehörten, aber aus persönlichen oder politischen Gründen bereit zur Kollaboration waren, oder die durch List bzw. aufgrund von Drohungen mit Vertretern der Besatzungsmacht zusammenarbeiteten. Viele von ihnen wurden später verhaftet, wie der Wohlstandsminister der Volksregierung Jūlijs Lācis.

Andrej Wischinski auf dem Balkon der Sowjetischen Gesandtschaft in Riga.

der Volksregierung Jūlijs Lācis. Andrej Wischinski auf dem Balkon der Sowjetischen Gesandtschaft in Riga. 26

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The New York Times berichtet über die Besetzung Lettlands und Estlands am 17. Juni 1940.

The New York Times berichtet über die Besetzung Lettlands und Estlands am 17. Juni 1940.

DIE INSZENIERUNG EINER REVOLUTION:

DIE BEVÖLKERUNG ÜBT DEMONSTRATIONEN UND MEETINGS

Mit den Rotarmisten ins Land gekommene, bereits im Vorfeld auf die Militärstützpunkte geschickte und aus dem Untergrund auftauchende kommunistische Provokateure organisierten bereits in den ersten Tagen nach der Besetzung Massendemonstrationen, auf denen der Rücktritt von Staatspräsident Ulmanis und die Wiederinkraftsetzung der Verfassung gefordert wurden.

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 5

Über die Rolle Andrej Wyschinskis in Lettland verliert Die Geschichte der Lettischen SSR kein Wort. Sämtliche Verdienste werden der Kommunistischen Partei Lettlands zugeschrieben, die in den Jahren des Stalinschen Terrors 1937/38 praktisch

zugrunde gerichtet worden war: „Das Proletariat Lettlands stürzte unter Führung der Kommunistischen Partei die faschistische Ulmanis-Diktatur. Der Sturz des faschistischen Regimes und der Aufbau einer demokratischen Volksregierung bildeten den

Beginn der sozialistischen Revolution. [

Partei Lettlands war Organisator und Anführer der Werktätigen

Lettlands im Kampf um den Sieg der sozialistischen Revolution.“ (Band 2, S. 151–152) Die neue Rolle der „Volksregierung“ in der Geschichte wird hingegen so beschrieben: „Das Proletariat mußte nun die errungene Rolle absichern und die sozialistische Revolution zum Ziele führen. Um diese Aufgabe schultern zu können, machte das Proletariat reichlich Gebrauch von den gesetzlich festgeschriebenen Rechten und Möglichkeiten der Volksregierung Lettlands. Diese stützte sich auf zwei wichtige Dokumente – die Regierungserklärung vom 21. Juni und die

Forderungen der Lettischen KP an die neue Regierung. [

Die Kommunistische

]

]

In

dieser Situation erfüllte die Volksregierung Lettlands, stark gestützt auf das ländliche und städtische Proletariat, praktisch die Funktionen eines Organs der proletarischen Revolution. Mittels Dekreten der Volksregierung, von oben also, wurden zahlreiche wichtige Veränderungen mit ungeheurer revolutionärer Tragkraft

auf den Weg gebracht.“ (Band 2, S. 152–153) Es handelte sich also um eine „eine Revolution von oben.“

Von Anfang an wurden dabei Porträts sowjetischer Führer gezeigt, erst später kam die Forderung nach einem Beitritt Lettlands zur UdSSR hinzu. Die Volksregierung verabschiedete eine Amnestie für politische Gefangene. Mit einer großen Massenkundgebung in Riga wurden am 21. Juni 253 politische Gefangene aus Haftanstalten in ganz Lettland entlassen, die sich in Häftlingskleidung in einem Marsch zur Gesandtschaft der UdSSR, zum Regierungsgebäude und zum Rigaer Schloß (Sitz des Staatspräsidenten) begaben. Das Verbot der Kommunistischen Partei wurde aufgehoben. Die Massenmanifestationen waren sorgfältig einstudiert und liefen unter strenger Kontrolle ab. Behörden und Industrieunternehmen nahmen organisiert teil. Die „Volksregierung“ stellte aus ihr treu ergebenen Zivilisten bewaffnete Arbeitergarden zusammen, die teilweise Polizeifunktionen übernahmen. An der Organisation von Demonstrationen beteiligte sich außerdemeinbeträchtlicherTeilpolitischlinksorientierterLetten, Russen, Juden und anderer in Lettland lebender Nationalitäten. Jüdische Quellen bestreiten diese Tatsache nicht, weisen aber darauf hin, daß die jüdischen Teilnehmer eine Minderheit innerhalb der jüdischen Bevölkerung Lettlands darstellten, während viele Juden selbst schwer unter den sowjetischen Repressionen zu leiden hatten. Die Nazis schlachteten später die Beteiligung von Juden an diesen Demonstrationen propagandistisch aus, indem sie die lettischen Juden als Gruppe generell mit den Bolschewiken gleichsetzten.

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 6

In der Geschichte der Lettischen SSR heißt es: „Der Letti- schen KP kommt ein großer Verdienst bei der politischen

Aktivierung der Volksmassen zu. [

rungs-prozeß des Staates fand im Interesse der Volksmassen unter Ausnutzung geltenden Rechts statt. Die in Lettland ste- henden Truppen der Roten Armee hinderten die Bourgeoisie an einer Niederhaltung der revolutionären Massenbewegung mit Waffengewalt und einem Eingreifen der westlichen impe- rialistischen Großmächte.“ (Band 2, S. 153)

Der Demokratisie-

]

27

EIN LEHRSTÜCK IN SOWJETISCHER „DEMOKRATIE“:

DIE EINZIGE PARTEI ERREICHT BEI DEN WAHLEN NAHEZU 100 PROZENT DER STIMMEN

Vorgeblich um die Demokratie wiederherzustellen und auf die organisierten Demonstrationen und den „Volkswillen“ zu reagieren, kündigte die von der Besatzungsmacht gebildete Regierung überstürzt und unter Mißachtung des Wahlgesetzes der Republik Lettland Neuwahlen zum Parlament, der Saeima, an. Dabei wurden sämtliche Grundprinzipien demokratischer Wahlen verletzt. Die Ausschreibung der Wahl erfolgte 10 Tage vor dem festgesetzten Wahltermin. Kandidatenlisten waren innerhalb von 4 Tagen einzureichen. Eine Änderung des Wahlgesetzes machte alternativen Parteien die Teilnahme an der Wahl unmöglich. Die von der Besatzungsmacht erstellte Kandidatenliste des „Blocks der Werktätigen Lettlands“ wurde als einzige, den „Anforderungen des Gesetzes“ genügende Liste genehmigt. Dem ehemaligen Bildungs- und Justizminister der Republik Lettland, Atis Ķeniņš, gelang es nach Überwindung einiger Hindernisse zwar eine alternative „Wählerliste demokratischer Letten“ zusammenzustellen, doch sie wurde nicht zugelassen. Ķeniņš und die meisten der oppositionellen Kandidaten wurden später verhaftet. Viele kamen in GULAG-Lager in der Sowjetunion. Die Wahlen zur sogenannten Volks-Saeima fanden am 14. und 15. Juli unter strenger Aufsicht der zivilen und militärischen Besatzungsbehörden statt. Um später

Aufruf des

„Wählerblocks

Demokratischer

Letten“: „Wir

wollen ein freies, demokratisches Lettland

bewahren [

wollen eng und

kontinuierlich mit

der Sowjetunion

zusammen-

arbeiten.“

]

Wir

mit der Sowjetunion zusammen- arbeiten.“ ] Wir kontrollieren zu können, wer für den „Block der

kontrollieren zu können, wer für den „Block der Werktätigen Lettlands“ gestimmt hatte, bekam jeder Wähler einen Stempel über die Wahlteilnahme in seinen Paß. Solche Stempel hatte es auch früher bei demokratischen Wahlen gegeben. Doch seinerzeit hatten mehrere Parteien zur Wahl gestanden und der Stempel hatte lediglich die Funktion sicherzustellen, daß jeder Wähler nur einmal abstimmt. Moskau verkündete die Ergebnisse: in Lettland lag die Wahlbeteiligung bei 94,8 % der Stimmberechtigten; für die einzige Wählerliste hätten sich 97,8% der Wähler ausgesprochen. Da es kein Wählerverzeichnis gab, ist die Wahlbeteiligung stark anzuzweifeln. In Estland stimmten 92,8 % für die einzige Liste, in Litauen sogar 99,2%.

Hauptthema der Zeitung der KP Lettlands Cīņa (Der Kampf) am 13. Juli 1940:

„Morgen und übermorgen Saeima-Wahlen – Alle für den Block der Werktätigen Lettlands! Für Frieden, Brot und Freiheit“ Linke Schlagzeile: „Kein Grund zur Sorge um euer Eigentum.“

Rechte Schlagzeile: „Wähler,

beachte: [

Kandidatenliste des Blocks der Werktätigen Lettlands, die den Wählern am Wahltag im Wahllokal ausgehändigt wird, in die Wahlurne werfen. 9. Auf der Liste dürfen weder Kandidaten gestrichen noch neue hinzugefügt werden. Die Liste darf nur unverändert abgegeben werden.“

]

8. Nur die

Kandidaten gestrichen noch neue hinzugefügt werden. Die Liste darf nur unverändert abgegeben werden.“ ] 8. Nur

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LETZTER AKT FÜR DIE DEMOKRATIE:

DIE VOLKS-SAEIMA BITTET EINMÜTIG UM AUFNAHME LETTLANDS IN DIE UDSSR

Die der Besatzungsmacht hörige Volks-Saeima erklärte unter Bruch geltenden Rechts in ihrer ersten Sitzung am 21. Juli 1940 Lettland einstimmig zu einer „sozialistischen Sowjetrepublik“ und ersuchte den Obersten Sowjet der UdSSR um Aufnahme Lettlands in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Die Entscheidung der Volks-Saeima war ungesetzlich, da sie gegen die Verfassung der Republik Lettland von 1922 verstieß. Diese schreibt fest, daß Lettland eine unabhängige, demokratische Republik ist (Artikel 1); Lettlands souveräne Staatsgewalt vom lettischen Volke ausgeht (Artikel 2); es einer Volksabstimmung bedarf, um diese Artikel rechtskräftig zu ändern (Artikel 77).

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 7

Zu den Wahlen heißt es in der Geschichte der Lettischen SSR : „Den reaktionären Kräften gelang es nicht, die Wahlen zu vereiteln und dem Volk ihren Willen aufzudrängen. Obwohl sie es mit Wählerbeeinflussung versuchten, Flugblätter verteilten und drohten, mit jenen abzurechnen, die für die Kandidaten des Blocks der Werktätigen Lettlands stimmten. Sie versuchten, eine eigene Kandidatenliste unter der irreführenden Bezeichnung ‚Wählerliste demokratischer Letten‘ aufzustellen. […] Doch der reaktionäre Versuch scheiterte kläglich.“ (Band 2, S. 157)

Versuch scheiterte kläglich.“ (Band 2, S. 157) Demonstration für die Aufnahme Lettlands in die UdSSR:

Demonstration für die Aufnahme Lettlands in die UdSSR:

„Es lebe Sowjetlettland als 14. Unionsrepublik“ – kleiner Fehler: Lettland wurde 15. Sowjetrepublik.

Staatspräsident Kārlis Ulmanis legte noch am selben Tag sein Amt nieder und wurde von Augusts Kirchenšteins abgelöst. Einige Quellen sprechen dafür, daß Ulmanis in die Schweiz zu gehen beabsichtigte. Er wurde jedoch nach Woroschilowsk in der UdSSR verbannt, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion verhaftet und starb am 20. September 1942 im Gefängnis von Krasnowodsk (heute Türkmenbaşy in Turkmenistan). Trotz umfangreicher Nachforschungen konnte sein Grab bisher nicht gefunden werden. Bereits vor der formellen Annexion Lettlands hatten die Besatzungsbehörden den Außenminister der Ulmanis- Regierung, Vilhelms Munters, verhaftet und in die UdSSR verschickt, ebenso Kriegsminister Krišjānis Berķis, den ehemaligen Kriegsminister Jānis Balodis sowie fast alle führenden Vertreter des gesellschaftlichen Lebens des unabhängigen lettischen Staates. Sie waren die ersten Opfer der Besatzungsmacht. Am Abend des 21. Juli wandte sich Andrej Wyschinski auf einer Kundgebung an die Menge: „Ich beglückwünsche euch zu diesem großen historischen Tag, an dem ihr der UdSSR beigetreten seid!“ Dies war Wyschinskis letzter öffentlicher Auftritt in Lettland. Seine Arbeit war getan.

DAS KOMMUNISTISCHE DEMOKRATIEVERSTÄNDNIS

Kommunistische Diktaturen beanspruchen den Begriff Demokratie in einer eigenen Interpretation für ihre Zwecke. Mögen die Vorwürfe von Kommunisten im 19. und noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts wegen des Ausschlußes eines großen Teils der Bevölkerung von der parlamentarischen demokratischen Mitbestimmung und der idealistische Wunsch nach einer grundlegenden Demokratisierung auf diesem Gebiet durch die Bildung eines Systems von sogenannten Arbeiterräten auch begründet gewesen sein, so hat doch die von den Kommunisten etablierte Demokratie in der Praxis nie funktioniert und konnte auch nicht funktionieren. In der Sowjetunion mutierte die Demokratie bereits 1923 zu einem sogenannten „demokratischen Zentralismus“ bzw. einer „Diktatur des Proletariats.“ In Wahrheit

jedoch war sie eine Diktatur der Eliten der Kommunistischen Partei. Die Arbeiterräte erfüllten unter Anleitung von Parteiorganisatoren und -propagandisten Weisungen und Vorschriften des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunisten Partei. Wahlen mit phänomenaler Beteiligung und fast einstimmigen Ergebnissen hatten keinerlei Einfluß auf die bestehenden Machtstrukturen. In jedem Wahlbezirk kandidierte nur eine Person, meist ein Mitglied der Kommunistischen Partei. Wahlen erschienen eher als Gewährung einer Loyalitätsbekundung der Bevölkerung ohne eine Aus-Wahl aus realistischen Alternativen. Die gewählten obersten Räte bzw. Sowjets bestätigten die bereits vom Zentralkomitee oder vom Politbüro der Kommunistischen Partei fertig ausgearbeiteten Gesetze und Resolutionen. Trotz des anfänglichen Slogans der Kommunistischen Partei „Alle Macht den Räten!“ lag bereits unter Lenin die gesamte Macht allein bei der Partei und ihren Machtstrukturen.

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DAS BEITRITTSERSUCHEN DER LETTISCHEN VOLKS-SAEIMA

Viele Jahre hat die Bevölkerung Lettlands unter dem Joch der Ausbeuter zu leiden gehabt, war Ausplünderung und Sklaverei ausgesetzt und zu Armut und Niedergang verurteilt.

] [

Mit ihrer gegen das Volk gerichteten Politik hat die alte plutokratische Regierung Lettland ins Verderben geführt.

Durch die verbrecherische und verräterische Politik der bisherigen reaktionären Führungsclique drohte Lettland zu einem Raub der Imperialisten zu werden.

Diese verbrecherische Führungsclique Lettlands hat mit widernatürlichen Mitteln versucht, die Bevölkerung von den Völkern der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken

abzugrenzen und in jeder Hinsicht eine brüderliche Annäherung zwischen uns und den Sowjetvölkern, unsere Freundschaft und unseren engen und untrennbaren Bund mit unserem großen Nachbarn, der unbesiegbaren Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, zu verhindern.

] [

Die hier zusammengekommene Volks-Saeima ist der festen Überzeugung, daß allein der Eintritt in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken unserem Staate wahre Souveränität garantiert

– unserer Industrie und unserer Landwirtschaft und unserer Nationalkultur ein wahres Aufblühen, einen glänzenden und

gewaltigen Anstieg des materiellen und kulturellen Wohlstandes der Bevölkerung Lettlands, Entwicklung und Aufstieg unseres geliebten Vaterlandes.

] [

Gestützt auf den einmütig bekundeten Willen des lettischen Volkes beschließt die Saeima folgendes:

des lettischen Volkes beschließt die Saeima folgendes: den Obersten Sowjet der Union der Sozialistischen

den Obersten Sowjet der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zu ersuchen, die Lettische Sozialistische Sowjetrepublik als Unionsrepublik in den Bund aufzunehmen, unter den gleichen Bedingungen, zu denen die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, die Belorussische Sozialistische Sowjetrepublik und andere Unionsrepubliken in den Bund der Sozialistischen Sowjetrepubliken aufgenommen worden sind.

Es lebe Sowjetlettland!

Es lebe die große Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken!

lebe die große Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken! Als letzte Amtshandlung übergibt Präsident Kārlis Ulmanis

Als letzte Amtshandlung übergibt Präsident Kārlis Ulmanis sein Amt dem neuen lettischen Präsidenten Augusts Kirhenšteins am 21. Juli 1940.

Anordnung des kommissarischen Ministerpräsidenten Vilis Lācis vom 31. Juli 1940, auf Grundlage „des Gesetzes von 1938 über Ordnung und Sicherheit im Staat“ den ehemaligen Verteidigungsminister, General Jānis Balodis, „zusammen mit seinen Familienangehörigen aus der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik in die UdSSR zu verschicken.“

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 8

In der Geschichte der Lettischen SSR ist zu lesen: „Mit der am 21. Juli 1940 durch die Volks-Saeima verkündeten Wiederherstellung der Sowjetmacht nahm der Wille des werktätigen lettischen Volkes endgültig juristische Gestalt an. Der 21. Juli 1940 war ein Etappenziel der sozialistischen Revolution.“ (Band 2, S. 159)

juristische Gestalt an. Der 21. Juli 1940 war ein Etappenziel der sozialistischen Revolution.“ (Band 2, S.

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DER VORHANG FÄLLT:

DIE BALTISCHEN STAATEN WERDEN WIDERSPRUCHSLOS IN DIE UDSSR „AUFGENOMMEN“

Die Aufnahme in die Sowjetunion ist der letzte Akt der Machtübernahme, der dem lettischen Volk die noch verbliebenen Reste von Souveränität raubte und vollständig dem Diktat und der Ideologie der kommunistischen UdSSR unterwarf. Die Vertreter der besetzten baltischen Staaten wurden in Moskau auf organisierten Demonstrationen von jubelnden Gratulanten willkommen geheißen. Der Oberste Sowjet der UdSSR stimmte am 5. August 1940 ohne Gegenstimme für die Aufnahme Lettlands als 15. Sowjetrepublik in die UdSSR. Bereits am 3. August war Litauen als 14. Sowjetrepublik aufgenommen worden. Estland folgte am 6. August als 16. Sowjetrepublik.

Die Volks-Saeima trat am 25. August zu ihrer letzten Sitzung zusammen und nahm einstimmig die am 13. August vom Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) genehmigte Verfassung der Lettischen SSR – eine verkürzte Version der Verfassung der UdSSR von 1936, auch „Stalin-Verfassung“ genannt – an. Aus der Volks-Saeima wurde der Oberste Rat bzw. Sowjet der Lettischen SSR. Das Ministerkabinett (Regierung) trat zurück. Bereits am Folgetag wurde der Rat der Volkskommissare der Lettischen SSR vom Obersten Rat zur Regierung erklärt. Damit waren auch formell die letzten, noch vom unabhängigen Lettland übriggebliebenen Institutionen beseitigt. Die Regierung der Lettischen SSR war zu einem Befehlsempfänger und Erfüllungsorgan Moskaus ohne eigene Handlungsvollmachten geworden. Die Auswüchse der totalitären Macht erreichten im Juni 1941 ihren Höhepunkt durch Massendeportationen und politische Morde, weshalb das erste Jahr der sowjetischen Besatzung in Lettland auch als „das Schreckensjahr“ bezeichnet wird.

ANKLAGE GEGEN JUSTIZMINISTER HERMANIS APSĪTIS

Hermanis Apsītis (1893–1942), der letzte Justizminister der Regierung des unabhängigen Lettland, wurde am 19. Oktober 1940 verhaftet und am 13./14. Oktober 1941 von einem Gerichtskollegium des Bezirksgerichts von Astrachan nach Artikel 58, Punkt 4 und 13 des Strafgesetzbuches der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik zur Höchststrafe – Tod durch Erschießen – verurteilt. Am 17. Oktober 1941 richtete Apsītis eine Kassationsklage an das Gerichtskollegium des Obersten Gerichts der Russischen Föderation, in der er auf die Unrechtmäßigkeit seiner Verurteilung hinwies. Die Kassationsklage befindet sich im Lettischen Staatsarchiv (LVA 1986. f., 1. apr., 37194. l., 242.–244. Handschrift). Auszüge aus der Klage, übersetzt aus dem Russischen:

Ich bekenne mich der mir laut Anklageschrift zur Last gelegten Verbrechen für nicht schuldig und kann mich ihrer auch nicht für schuldig bekennen. Meine Tätigkeit in unterschiedlichen Ämtern der Republik Lettland kann nicht als kriminell eingestuft werden, da ich als Amtsträger eines unabhängigen Staates agiert habe, dessen Souveränität die Sowjetunion mehrfach anerkannt hat. Nach der Gründung der UdSSR haben die Sowjetmacht und die Kommunistische Partei das Selbstbestimmungsrecht der Völker deklariert. Entsprechend hatte Lettland nach dem 18. November 1918 als selbstständiger Staat seine eigene Gesetzgebung, und für keinen Amtsträger dieses Staates hätten Gesetze eines fremden Staates, darunter die Gesetze der Russischen SFSR, Gültigkeit haben noch hätte er diese kennen und befolgen müssen. Darauf habe ich auch das Gericht hingewiesen, unter anderem bezugnehmend auf zwei wichtige internationale Rechtsakte: den Friedensvertrag [Lettlands] mit Sowjetrußland vom 11. August 1920 und das Abkommen über [die Einrichtung sowjetischer] Militärstützpunkte in Lettland vom 5. Oktober 1939. […] Außerdem habe ich auf die Tatsache hingewiesen, daß sowohl Lettland als auch die UdSSR gleichberechtigte Mitglieder des Völkerbundes waren. All dies belegt, daß Lettland nicht nur nach den Prinzipien des Völkerrechts im Allgemeinen, sondern auch nach seinen [bilateralen] Beziehungen und konkreten Rechtsakten mit der UdSSR das Recht hatte, sein staatliches und gesellschaftliches Leben nach eigenem Ermessen und eigener Anschauung zu gestalten, ohne auf andere Staaten Rücksicht nehmen zu müssen. Das Gericht hat meine Stellungnahme nicht berücksichtigt und damit gegen die entsprechenden Bestimmungen im Strafgesetzbuch verstoßen.

Wenn schon für mich als Justizbeamten, Armeeangehörigen und später als Regierungsmitglied die Gesetze eines fremden Staates nicht bindend waren, dann wird Artikel 58 (Punkt 4 und 13) des Strafgesetzbuches der RSFSR, indem er rückwirkend für gültig erklärt wird, völlig zu unrecht auf meine völlig gesetzmäßige Tätigkeit bezogen. Voraussetzung für eine gesetzwidrige Handlung ist, daß die Gesetzesübertretung zur Tatzeit als strafbare Handlung gilt. Die Definition eines gesetzwidrigen Vergehens fordert ein Tatmotiv, was in meinem Falle nicht vorlag und auch nicht vorliegen konnte, da ich gesetzliche Pflichten in Lettland wahrnahm und nicht in der UdSSR. Die Gesetze der UdSSR hätte ich theoretisch und praktisch erst ab 5. August 1940 übertreten können, dem Moment des Beitritts Lettlands zur Sowjetunion, der so, natürlich, nicht stattgefunden hat. Die Anwendung von Artikel 58 (Punkt 4 und 13) ist auch deshalb falsch, weil nicht alle Kennzeichen des Artikels erkennbar sind. So konnte die Regierung Lettlands überhaupt nicht konterrevolutionär sein, da es in Lettland keine Revolution gegeben hat. Während der Existenz des lettischen Staates hat es in Lettland nie einen Bürgerkrieg gegeben (siehe Artikel 58, Punkt 13, den der Bestand des mir zugeschriebenen Vergehens nach dem Strafgesetzbuch fordert). […] Ich wurde und werde als Staatangehöriger Lettlands und nicht der Sowjetunion betrachtet (siehe auch Anklageschrift). Aus diesem Grunde: Selbst wenn ich zugeben würde, irgendein politisches Verbrechen in Lettland vor dem Einmarsch der Roten Armee begangen zu haben (obwohl das nicht so ist!), könnte mich ein zuständiges lettisches Gericht auf dem Territorium Lettlands dafür belangen, statt im Ausland von einem ausländischen Gericht nach den Gesetzen eines fremden Staates angeklagt zu werden. Dies ist klar nach den allgemeingültigen Prinzipien der Straf- und Strafprozeßrechtswissenschaften, nach den Bestimmungen des Strafgesetzbuches der RSFSR und, besonders bedeutend, nach der Stalinverfassung [ ] Auf der Grundlage des hier Ausgeführten, bitte ich das Oberste Gericht ergebenst, das Verfahren gegen mich wegen des Fehlens einer kriminellen Handlung einzustellen bzw., falls das Gericht dem nicht stattgeben sollte, das Urteil des Bezirksgerichts von Astrachan aufzuheben und eine Revision des Urteils mit anderen Sanktionen herbeizuführen.

Am 19. Januar 1942 wurde Hermanis Apsītis erschossen.

* Artikel 58, Punkt 4: Unterstützung des Teils der internationalen Bourgeoisie, der den Sturz des kommunistischen Gesellschaftssystems anstrebt Artikel 58, Punkt 13: Aktivitäten bzw. Kampf gegen die Arbeiterklasse und die revolutionäre Bewegung

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AUSBLEIBENDER BEIFALL AUS DEM AUSLAND:

DIE REPUBLIK LETTLAND EXISTIERTE FÜR DEN WESTEN WEITERHIN DE JURE

Obwohl das Volk Lettlands in der Heimat faktisch seine souveränen Rechte verloren hatte, wurde die Annexion und Einverleibung Lettlands bis zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit 1991 von vielen Staaten nicht anerkannt. Zahlreiche Auslandsvertretungen Lettlands bestanden die gesamte Okkupationszeit hindurch weiter. Schlimmstes befürchtend hatte die lettische Regierung am 18. Mai 1940 ihren Botschafter in London, Kārlis Zariņš, mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet. Falls die Regierung der Republik Lettland daran gehindert werden sollte, ihre Aufgaben wahrzunehmen, sollte er die Leitung des diplomatischen Dienstes Lettlands übernehmen und die Interessen Lettlands in der freien Welt vertreten. In einer Note vom 23. Juli 1941 protestierte Zariņš gegen die Einverleibung Lettlands durch die UdSSR, indem er den damit begangenen Verfassungsbruch benannte. Am selben Tag verurteilte der stellvertretende US-Außenminister Sumner Welles die „hinterhältigen Machenschaften,“ die die Unabhängigkeit und territoriale Integrität der baltischen Staaten „bewußt beseitigen.“ Dieses Dokument bestimmte bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit nach 51 Jahren maßgeblich die von den USA und anderen Staaten geübte Politik der Nichtanerkennung der Einverleibung. In der Absicht, Lettland von der Außenwelt zu isolieren, schloß die Regierung der Lettischen SSR einige Tage nach der Einverleibung sämtliche ausländischen Vertretungen und Unternehmen in Lettland und verwies ausländische Korrespondenten und andere Ausländer des Landes.

Korrespondenten und andere Ausländer des Landes. Note des lettischen Gesandten in London, Kārlis Zariņš,

Note des lettischen Gesandten in London, Kārlis Zariņš, vom 23. Juli 1940 an den britischen Außenminister Lord Halifax, in der er gegen die Besetzung Lettlands, die illegitimen Saeima- Wahlen und den zu erwartenden Anschluß Lettlands an die UdSSR protestiert.

Einige der Staaten, die die Okkupation durch die Sowjetunion nicht anerkannt haben (Flaggen nach dem Stand von 1940).

nicht anerkannt haben (Flaggen nach dem Stand von 1940). Memorandum des kommissarischen Außenministers der USA,
nicht anerkannt haben (Flaggen nach dem Stand von 1940). Memorandum des kommissarischen Außenministers der USA,

Memorandum des kommissarischen Außenministers der USA, Sumner Welles, vom 23. Juli 1940, in dem die „hinterhältigen Prozesse“ in den baltischen Staaten verurteilt werden, in deren Verlauf ihre staatliche Unabhängigkeit vernichtet wird. Dieses Dokument bildete bis 1991 die Grundlage für die Politik der Nichtanerkennung der Inkorporation Lettlands in die UdSSR (de jure).

der Inkorporation Lettlands in die UdSSR (de jure). Telegramm des lettischen Botschafters Alfrēds Bīlmanis in

Telegramm des lettischen Botschafters Alfrēds Bīlmanis in Washington an den seinerzeit amtsführenden Außenminister, Ministerpräsident Augusts Kirchenšteins: „Ich kann die unter einer fremden Macht durchgeführten Saeima-Wahlen und die ungesetzliche Entscheidung zum Anschluß an die UdSSR nicht anerkennen. Als bevollmächtigter Vertreter Lettlands werde ich auch zukünftig die Interessen Lettlands wahren und seine Unabhängigkeit verteidigen.“

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OHNE EINEN SCHUSS:

LIQUIDIERUNG DER LETTISCHEN ARMEE

Die ohne Gegenwehr als Freunde empfangenen Besatzer neutralisierten unverzüglich jeden potentiellen bewaffneten Widerstand, indem sie alle militärischen und paramilitärischen Organisationen und Einheiten auflösten oder unter ihre Kontrolle brachten. Das Offizierskorps des unabhängigen Lettland wurde durch Verhaftung, Verschickung in die GULAG-Lager oder durch Erschießungen ausgeschaltet. Schon in der ersten Woche wurde auf Beschluß der Besatzungsregierung mit der Entwaffnung der seit 1919 bestehenden Aizsargi-Organisation (Selbstschutz) begonnen, einer freiwilligen, aus patriotisch und konservativ gesinnten Kräften bestehenden Organisation mit militärischen Einheiten zur Unterstützung von Polizei und Armee. Am 10. Juli sah sich Staatspräsident Kārlis Ulmanis gezwungen, den Befehl zur Auflösung der Aizsargi-Organisation zu unterzeichnen. Die Armee der Republik Lettland bekam ein neues

Oberkommando.Abdem8.Juligerietsieunterdieideologische

Kontrolle von sogenannten Politruks (Politoffizieren) der Roten Armee. Bereits am 11. Juli, als Lettland formell noch ein unabhängiger Staat war, erließ der Volkskommissar für Verteidigung der UdSSR, Semjon Timoschenko, den Befehl Nr. 0141 zur Bildung eines Baltischen Militärbezirks. Zunächst wurde die Armee in Volksarmee umbenannt, bald darauf jedoch als Territorialkorps Nr. 24 in die Rote Armee eingegliedert.

DER STAAT DER PARTEI

Über die absolute Macht in der Sowjetunion und ihren Unionsrepubliken verfügte die Kommunistische Partei (KP), welche bis 1952 den Namen Allunions-KP (Bolschewiki) führte. Die Regierung war lediglich ein Werkzeug der KP zur Umsetzung ihrer Beschlüsse. Das oberste Entscheidungsorgan in dieser Machtstruktur war aber keinesfalls der gewählte Oberste Sowjet, sondern das Politbüro und der Generalsekretär des Zentralkomitees und der KP. Auch die Geheimpolizei stand im Dienste der Partei und unterstand ihrer Kontrolle. Die Kommunistische Partei Lettlands, die bis 1952 auch die Nebenbezeichnung Bolschewiki im Namen führte, unterstand der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Allunions- KP). Das Amt des Ersten Sekretärs der Lettischen KP hatten während der sowjetischen Okkupationszeit inne: Jānis Kalnbērziņš (1940–1959), Arvīds Pelše (1959–1966), Augusts Voss (1966–1984), Boriss Pugo (1984–1988), Jānis Vagris (1988–1990), Alfrēds Rubiks (1990–1991). Der Zweite Sekretär der Lettischen KP war stets ein von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bevollmächtigter Vertreter, meist russischer Nationalität, der die Umsetzung der Parteivorgaben kontrollierte. Die gleichen Pflichten oblagen Ministern sowie den stellvertretenden Direktoren der wichtigsten Behörden.

den stellvertretenden Direktoren der wichtigsten Behörden. Vom Besatzungsregime eingesetzte politische Armeeführer –

Vom Besatzungsregime eingesetzte politische Armeeführer – von links, sitzend: der politische Führer der Division von Vidzeme, P. Lejiņš, der kommissarische politische Führer der Armee, B. Kalniņš, der politische Führer der Division von Latgale, K. Kurmis, der politische Führer der technischen Abteilung, P. Grigans, der politische Führer der Artillerieabteilung, A. Stākionis; in der zweiten Reihe, stehend: der politische Führer der Division von Zemgale, J. Vecvagars und der Assistent des politischen Führers der Armee, A. Zirnītis.

Allmählich wurden die lettischen Offiziere durch Kommandeure der Roten Armee ersetzt. Offiziere der höheren Ränge schickte man vorgeblich zu „Lehrgängen“ nach Moskau; sie wurden erschossen oder in Straflager des GULAG deportiert. Am 14. Juni 1941 erhielten die Offiziere des 24. Territorialkorps, die sich bei Litene in einem Sommerausbildungslager befanden, den Befehl, sich im Rahmen einer „Ergänzungsübung“ in die nähere Umgebung des Lagers zu begeben. Sie wurden entwaffnet, inhaftiert und in das Arbeitslager im sibirischen Norilsk, nördlich des Polarkreises, deportiert, wo viele Todesstrafen und langjährige Haftstrafen erwarteten. 1940–1941 wurde mehr als die Hälfte des lettischen Offizierskorps (ca. 2.100 Männer) liquidiert. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr estnischen, litauischen und polnischen Offizieren. Die UdSSR wies die Verantwortung für das Massaker an polnischen Offizieren in Katyn in Weißrußland bis 1990 von sich.

Offizieren in Katyn in Weißrußland bis 1990 von sich. Am 27. August 1940 wird die Volksarmee

Am 27. August 1940 wird die Volksarmee als 24. Territorialkorps in die Rote Armee eingegliedert.

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Sommerlager für Offiziere der Lettischen Armee in Litene. Aus dem Deportationszug geworfener Zettel des am
Sommerlager für Offiziere der Lettischen Armee in Litene.
Aus dem Deportationszug geworfener Zettel des am 14. Juni
1941 im militärischen Ausbildungslager Litene verhafteten
Offiziers der Lettischen Armee, Jānis Dubults (1908–1945):
„[
]
14. VI. Der Papa und Mann von Lauma und Dacīte ist
ohne Angabe von Gründen verhaftet worden. 17. VI von Riga
aus werden wir in Richtung Krustpils gebracht, wir wissen
nicht, wohin. [
]“
Dubults kam zunächst ins Lager Norilsk und
starb im Frühjahr 1945 im Lager Taischet.
Politische Unterweisung
von Soldaten der lettischen
Armee durch Politoffiziere.

34

LEGALISIERTE AUSPLÜNDERUNG:

KONFISZIERUNG,

WÄHRUNGSABWERTUNG,

KOLLEKTIVIERUNG

Zwei feste Bestandteile der kommunistischen Politik wurden in Lettland unverzüglich in die Wege geleitet – die KonfiszierungvonPrivateigentumunddieKollektivierung und Proletarisierung der Landwirtschaft. Es begann eine systematische Ausplünderung der vorhandenen Ressourcen Lettlands, um die gesamte Volkswirtschaft der zentralen Moskauer Planung zu unterwerfen. Ohne Rücksicht auf die im Vorfeld der Wahlen verkündete Unantastbarkeit des Privateigentums erklärte die Volks- Saeima bereits am 21. Juli auch „sämtliche großen Handels-, Industrie- und Transportunternehmen sowie Banken nebst ihren Werten zum Eigentum des gesamten Volkes – zum Volkseigentum.“ Damit würden die Voraussetzungen für „ein gewaltiges und rasches Anwachsen von Wohlstand und Glück des Volkes“ geschaffen. In ihrer zweiten Sitzung am 22. Juli erklärte die Volks-Saeima alles Land zum „Eigentum des gesamten Volkes, das heißt zu Staatseigentum.“ Den Landwirten durften bis zu 30 ha zur Selbstnutzung verbleiben. Die lettische Währung Lats wurde dem sowjetischen Rubel gleichgestellt. Sein Wert sank mit der Kaufkraft des Rubels, einer mehrmaligen Preiserhöhung sowie um das Dreifache erhöhten Löhnen. Als die Menschen anfingen, eilig Waren einzukaufen, wurden zunächst Beschränkungen der zulässigen Verkaufsmenge für die gefragtesten Waren, bald darauf Festpreise eingeführt. Für das Horten von Waren drohten Strafen. Am 25. November 1940 kam es zur Einführung des sowjetischen Rubels als Zweitzahlungsmittel. Der Lats wurde vier Monate später aus dem Umlauf genommen. Gleichzeitig wurden die Beschränkungen beim Abheben von Bankeinlagen aufgehoben: statt dessen verblieben auf jedem Sparkonto lediglich maximal 1.000 Rubel. Die großen Industrieunternehmen kamen unter die direkte Verwaltung Moskaus. Die Gewerkschaften wurden zu Ausführungsorganen der Kommunistischen Partei. Trotz steigender Löhne führten Preissteigerungen zu einer sinkenden Kaufkraft.

führten Preissteigerungen zu einer sinkenden Kaufkraft. Lettisch- und russischsprachiges Dekret zur Verstaatlichung

Lettisch- und russischsprachiges Dekret zur Verstaatlichung „größerer“ Wohnhäuser vom 28. Oktober 1940. Darunter fielen in Riga und anderen größeren Städten Wohnhäuser und Nebengebäude mit einer Nutzfläche von mehr als 220 m².

In dem Wissen, daß die lettischen Landwirte nicht bereit für eine Kollektivierung der Landwirtschaft sein würden,

verschwieg die Kommunistische Partei zunächst ihre wahren Pläne. Eilig wurde aber eine Agrarreform auf den Weg gebracht. Aus dem den Bauern enteignetem Agrarland über

30 ha und den Kirchen abgenommenen Ländereien wurde

unter Einschluß des bisher in Staatsbesitz befindlichen Landes ein staatlicher Landfond gegründet. Dieses Land verteilte man zunächst an Kleinstwirtschaften bis zu

10 ha, die sich zum überwiegenden Teil als unwirtschaftlich

erwiesen. Gleichzeitig begann man, die Landwirtschaft zentral zu steuern, mittels fester vorgegebener Termine für bestimmte zu verrichtende Arbeiten und durch die Einführung von Pflichtabgabemengen im Frühjahr 1941. Zur gleichen Zeit wurden die ersten Kollektivwirtschaften (Kolchosen) und Sowjetwirtschaften (Sowchosen) gebildet. Eine weitergehende Kollektivierung der Landwirtschaft wurde im ersten Jahr der sowjetischen Besatzung durch den deutschen Überfall auf die Sowjetunion unterbrochen. Innerhalb eines Jahres hatte das Sowjetregime die kapitalistische Ordnung zerstört und Lettland vom „Joch der Ausbeuter“ befreit, wie seinerzeit die Volks-Saeima bei der Aufnahme Lettlands in die Sowjetunion erklärt hatte. Sie hatten ihr Eigentum und ihre Ersparnisse an die Sowjetunion und ihre Erfüllungsgehilfen in Lettland verloren.

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MACHT GEGEN GEIST:

DAS GESELLSCHAFTLICHE UND KULTURELLE LEBEN WIRD DEM KOMMUNISMUS UNTERWORFEN

Die Kommunistische Partei war bemüht, das gesellschaftliche und kulturelle Leben vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. Obwohl Staatspräsident Ulmanis zuletzt autokratisch regiert hatte, hatte die lettische Gesellschaft insgesamt doch die Freiheit des bürgerlichen gesellschaftlichen Verkehrs und künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten beibehalten, was die Besatzungsmacht nun gnadenlos auszumerzen begann. Bereits in den ersten Wochen der Besatzung wurden unabhängige gesellschaftliche Organisationen von der Regierung geschlossen, aufgelöst, ihr Eigentum eingezogen und durch kommunistisch kontrollierte Organisationen ersetzt. DieKulturhattedurchVerherrlichungderErrungenschaften des Systems und seiner Führer die kommunistische Ideologie zu predigen und zum Klassenkampf gegen die Kapitalisten aufzurufen sowie nationale Kulturansätze zu bekämpfen. Sogenannte schöpferische Verbände der Kulturschaffenden – der Schriftsteller, Musiker und Künstler – wurden ins Leben gerufen. Sie hatten die Kulturarbeit zu kontrollieren und zu lenken, für die Entstehung von der sowjetischen Ideologie entsprechenden und diese verherrlichenden Kunstwerken zu

Beschluß zur Schließung der Gesellschaft des Jüdischen Nationalfonds vom 23. Juli

1940.

Gesellschaft des Jüdischen Nationalfonds vom 23. Juli 1940. sorgen sowie ideologisch loyale Autoren zu unterstützen und

sorgen sowie ideologisch loyale Autoren zu unterstützen und Abweichler abzustrafen und umzuerziehen. Der Staat übernahm und überwachte die Veröffentlichung und den Vertrieb von Büchern und Presseerzeugnissen. Bücher, die der offiziellen kommunistischen Ideologie nicht entsprachen, wurden vom Markt genommen bzw. aus den Bibliotheken entfernt. Bücher und andere Publikationen unterlagen der Zensur. Die Presse hatte die offiziellen Ansichten und Standpunkte der Regierung und der Kommunistischen Partei wiederzugeben. Das Plakative der Sowjetkultur – ihre aufdringliche Symbolik, die grellen Agitationsdekorationen auf den Straßen, die Aufrufe und Demonstrationen – überdeckte, unterdrückte und entfremdete die kulturellen Werte und Errungenschaften der lettischen Nation. Straßen, Fabriken und Institutionen wurden nach bekannten russischen und sowjetischen Persönlichkeiten benannt.

ATHEISMUS ALS GLAUBE:

DIE RELIGION UNTER DEM JOCH DES KOMMUNISMUS

Die Begründer des Kommunismus verneinten die Existenz eines Gottes und betrachteten die Religion als Überbleibsel des Kapitalismus und „Opium für das Volk.“ Der Atheismus wurde zum Glaubensbekenntnis der Kommunisten. Deshalb verbot das Regime alle öffentlichen Funktionen der Religion und schränkte die Rechte von Geistlichen extrem ein. Sie und die Gläubigen hatten mit Repressionen zu rechnen. Die Liegenschaften christlicher und jüdischer Gemeinden wurden enteignet und ihre Nutzung hoch besteuert. Den Geistlichen wurde die Ausübung ihrer bisher wahrgenommenen sozialen Aufgaben, wie gesetzliche Eheschließungen und das Führen von Geburts- und

Das 1940 von den Sowjets umgestürzte Denkmal der Befreiung Lettgallens in Rēzeknē (Rositten) – eine
Das 1940 von den Sowjets umgestürzte
Denkmal der Befreiung Lettgallens in
Rēzeknē (Rositten) – eine symbolische
Darstellung von Lettgallens Māra mit
dem christlichen Kreuz in der Hand.

Dr. theol. Ludvigs Adamovičs (1882–1942), Theologieprofessor an der Universität Lettland und Verfasser wissenschaftlicher Schriften; deportiert 1941, erschossen 1942.

Schriften; deportiert 1941, erschossen 1942. Sterberegistern untersagt. Verboten wurden auch das Feiern

Sterberegistern untersagt. Verboten wurden auch das Feiern religiöser Feste und der Religionsunterricht an den Schulen. Anstelle der Religion wurde der Atheismus gelehrt und von der Presse propagiert. Die Theologische Fakultät der Universität Lettland nebst ihren Instituten für Orthodoxie und Katholizismus wurden geschlossen. Kirchlicher Grund und Boden wurde von Anfang an dem staatlichen Landfond zugeschlagen. Durch einen Beschluß des Rates der Volkskommissare der Lettischen SSR vom 20. März 1941 wurden weitere Liegenschaften christlicher und jüdischer Gemeinden verstaatlicht und für deren Nutzung extrem hohe Steuern erhoben. Klöster der römisch-katholischen Kirche wurden geschlossen. Die Unterdrückung des katholischen Glaubens traf die Menschen in Latgale (Lettgallen) in Ostlettland besonders hart, da der Katholizismus untrennbar zur lettgallischen Identität gehört. Gläubige hatten mit Repressionen zu rechnen. 36 Geistliche verschiedener christlicher Konfessionen und Rabbiner wurden deportiert oder ermordet.

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BILDUNG ALS WAFFE:

ERZIEHUNG DER JUGEND IM KOMMUNISTISCHEN GEISTE

Die Erziehung der Jugend im kommunistischen Geiste gehörte zu den wichtigsten Aufgaben des Besatzungsregimes. Die Lehren von Marx, Engels, Lenin und Stalin durchzogen das gesamte Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Hochschule. Da die Umerziehung bzw. der Austausch des Lehrpersonals erst im Laufe der Zeit möglich war, führte die Sowjetmacht Richtlinien und Instruktionen ein. Schon einige Tage nach dem Anschluß Lettlands an die UdSSR erließ die Regierung der Lettischen SSR Anweisungen für die Lehrkräfte bezüglich obligatorischer und verbotener Lehrstoffe. Zu letzteren zählte alles, was mit der Zeit des unabhängigen lettischen Staates zu tun hatte. Eilig erstellte man für Schulen und Hochschulen neue Lehrpläne. Verfassungslehre der UdSSR wurde zu einem Pflichtfach. Das führende Lehrpersonal an den Bildungseinrichtungen wurde durch regimetreue Mitarbeiter ersetzt. Andererseits regte sich bei patriotisch erzogenen Schülern Widerstand gegen die aufgedrängte Ideologie. Lehrer, Erzieher und Schüler waren mitten unter den vom Regime repressierten Opfern.

waren mitten unter den vom Regime repressierten Opfern. Schüler üben den sowjetischen Pioniergruß ein. Sämtliche

Schüler üben den sowjetischen Pioniergruß ein.

Sämtliche unabhängigen Jugendorganisationen wie die Pfadfinder, die Landjugend (mazpulki), CVJM sowie studentische Verbindungen wurden aufgelöst und ihr Besitz und ihre Liegenschaften von der Regierung übernommen. An ihre Stelle traten die nach sowjetischem Vorbild gegründeten Organisationen der Roten Pioniere und des Leninschen Komsomol (Kommunistische Jugend). Schüler und Studenten hatten an kommunistischen Kundgebungen und Demonstrationen teilzunehmen sowie Schulgebäude und -räumlichkeiten im kommunistischen Geiste auszugestalten.

Russisch-Lehrbuch mit den Biographien Lenins und Stalins.

Russisch-Lehrbuch mit den Biographien Lenins und Stalins. TOTALITARISMUS Die Begriffe „Totalitarismus“ und

TOTALITARISMUS

Die Begriffe „Totalitarismus“ und „totalitär“ charakterisieren die Erscheinungsformen der unumschränkten Machtausübung des 20. Jahrhunderts. Benito Mussolini benutzte sie als erster, um seine faschistische Bewegung in Italien zu beschreiben. Ihre Definition trifft aber auch auf die Herrschaftssysteme des nationalsozialistischen Deutschland und der kommunistischen Sowjetunion zu. Als Merkmale des Totalitarismus gelten:

• Eine Ideologie mit dem Anspruch auf die Erklärung der Welt und die Schaffung eines neuen utopischen gesellschaftspolitischen Systems bei gleichzeitiger Vernichtung des bestehenden. • Umfassender Monopol- und Rechtsanspruch einer herrschenden Partei und/oder ihres Führers in sämtlichen Bereichen von Staat, Gesellschaft und Privatleben. • Umsetzung der Ziele der führenden bzw. meist der einzigen

Partei mittels des ihr vollständig hörigen Machtapparates, dessen Kontrolle sämtliche staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen sowie Privatpersonen unterliegen. • AbsolutesunduneingeschränktesRechtdesHerrschaftsapparates zur Kontrolle und Steuerung aller Massenmedien, gesellschaftlicher, bildungspolitischer und kultureller Prozesse, des Wirtschaftslebens und auch der Freizeitbeschäftigung. • Sicherung des absoluten Herrschaftsanspruchs mittels pseudodemokratischer Legitimationstechniken, Organisation der Massen, allumfassender Propaganda und durch den Einsatz von Mitteln zur psychologischen und physischen Beeinflussung.

Für einen Vergleich der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts sind die hier aufgeführten Kriterien hilfreich. Nicht alle hier genannten Kriterien bzw. ihre Erscheinungsformen müssen gleichzeitig auf jedes einzelne totalitäre System zutreffen.

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DER UNMUT WÄCHST:

WIDERSTAND GEGEN DAS BESATZUNGSREGIME

In der Bevölkerung Lettlands hatte sich in den rund 20 Jahren seit der Staatsgründung 1918 eine Loyalität gegenüber dem Staat und seinen bürgerlichen Gesellschaftsnormen herausgebildet. Die aufgedrängte kommunistische Ideologie, die Konfiszierungen von Eigentum und die Gängelung der Gesellschaft waren für die Mehrheit der Bevölkerung nicht akzeptabel. Dies äußerte sich in einem weitverbreiteten, aber nur teilweise organisierten, unbewaffneten Widerstand, der vom NKWD und anderen Behörden des Besatzungsregimes entschieden bekämpft wurde. Der Widerstand, wenn auch zunächst spontan und unorganisiert, setzte unmittelbar nach dem Einmarsch der Roten Armee am 17. Juni ein. Man versuchte, Waffen zurückzuhalten und zu verstecken. Es gibt Berichte von vereinzelten bewaffneten Widerstandsaktionen. Anordnungen und Befehle wurden mißachtet, Propagandakundgebungen und Wahlen boykottiert. Bei den Wahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR im Januar 1941 wurden Stimmzettel mit antisowjetischen Parolen beschrieben. Am Freiheitsdenkmal wurden heimlich Blumen niedergelegt. Vielerorts riß man rote Sowjetfahnen herunter oder hißte die lettische Staatsflagge. Sowjetwitze und Parodien auf sowjetische Lieder kamen in Umlauf.

und Parodien auf sowjetische Lieder kamen in Umlauf. Illegale Flugblätter, oben: „Nieder mit der Sowjetunion:

Illegale Flugblätter, oben: „Nieder mit der Sowjetunion:

Es lebe England“; unten: „Letten! Entscheidet euch für Freiheit oder Sklaverei. Ihr dürft am 12. Januar 1941 nicht für Sklaverei, Armut und Hunger stimmen. Letten, sammelt alle Kräfte zum Kampf für ein neues freies LETTLAND. Weg mit der Fremdherrschaft!“ Am 12. Januar 1941 fanden Wahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR statt.

1941 fanden Wahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR statt. Der organisierte Widerstand zeigte sich vielfältig, doch

Der organisierte Widerstand zeigte sich vielfältig, doch fehlte es ihm an einer gemeinsamen Führung und besonders an Unterstützung von außen. Trotz des gemeinsamen Feindbildes – das Sowjetregime – und der Hoffnung auf Wiederherstellung des lettischen Staates, fehlte es den verschiedenen Widerstandsorganisationen und -gruppen an abgestimmten Aktionen. Häufig waren die Gruppen voller Idealismus, doch in der Untergrundarbeit völlig unerfahren – so die an vielen Schulen von patriotischen Lehrern getragenen Widerstandszellen. Meist wurden sie vom NKWD rasch entdeckt und liquidiert. Zu den größten und aktivsten illegalen Gruppen gehörten die Jaunlatvieši (Jungletten), Tēvijas Sargi (Vaterlandsschützer), die Lettische Nationallegion und die KOLA (Kampforganisation für die Befreiung Lettlands). Jede dieser Gruppen verfügte über mehrere Hundert aktive Teilnehmer. Durch die Verbreitung von illegalen Schriften leisteten sie Aufklärungsarbeit zur aktuellen Lage und hielten das nationale Selbstbewußtsein aufrecht. Der NKWD bekämpfte die Organisationen intensiv: Viele Teilnehmer wurden gefaßt und zu Haftstrafen oder zum Tode verurteilt. Bis zum Frühjahr 1941 waren die meisten Organisationen liquidiert. Der bewaffnete Widerstand nahm nach den Massendeportationen vom 14. Juni 1941 zu. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni bildeten sich an einzelnen Orten antisowjetische Partisanenverbände, die sich hauptsächlich aus ehemaligen Angehörigen der lettischen Armee, der Aizsargi-Organisation und ehemaligen Polizisten rekrutierten.

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WIDERSTAND

Die Definition von Widerstand steht immer in enger Beziehung zum entsprechenden historischen Kontext und den jeweiligen Umständen. Eine differenzierte Definition erfordert die Berücksichtigung von Ort, Zeitpunkt, Art und Weise und Ursachen des Widerstandes sowie des Gegenstandes, gegen den er gerichtet ist.

Im

Lettischen

Okkupationsmuseum

wird

der

Begriff

„Widerstand“ möglichst weit gefaßt und beinhaltet aktive bewaffnete wie passive gewaltlose Formen, institutionellen wie individuellen, politischen, nationalen, kulturellen und religiösen Widerstand, die Vertretung der persönlichen Überzeugungen und Wahrung der eigenen Integrität, aber auch offenes Widerstehen von Protestdemonstrationen und Kundgebungen über Sabotageakte bis hin zur Anwendung von Gewalt, stille Opposition von Verweigerung und schlichtem Ungehorsam bis hin zur Solidarisierung mit Verfolgten des Regimes unter Hinnahme der Bedrohung des eigenen Lebens.

des Regimes unter Hinnahme der Bedrohung des eigenen Lebens. Erhaltung der Selbstachtung. Lettische Studenten auf der

Erhaltung der Selbstachtung. Lettische Studenten auf der offiziellen Kundgebung zum 1. Mai 1941.

Widerstand ist nicht immer nur der klassische Kampf gegen Tyrannen, die Fremdherrschaft oder einen Despoten, er kann auch Verteidigung und Abgrenzung individueller Rechte gegenüber den Zwängen und Anforderungen der Machthaber und der politischen Gemeinschaft bedeuten. Die totalitären Regime unter Hitler und Stalin basierten nicht nur auf dem von der Staatsführung befohlenen und praktizierten Terror, sondern auch auf der Bereitschaft größerer Teile der Bevölkerung, mit dem Regime zu kollaborieren und den Terror zu unterstützen – durch alltägliche gegenseitige Kontrolle, Denunziation, Verrat, Feigheit und Wegsehen. Die Begründung für die hier verwendete breite Definition liegt in der Eigenschaft totalitärer Herrschaftsformen, alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens zu kontrollieren. Angesichts der Verletzung jeglicher Individualrechte, der Willkür, der Verfolgung Unschuldiger, der Entrechtung von Familien und Kindern, des Justizterrors der Volksgerichte und nicht zuletzt der Bedrängung und Kontrolle des Geistes, bedeutet allein schon das Bewahren des bloßen Anstands eine Form von Widerstand.

das Bewahren des bloßen Anstands eine Form von Widerstand. Stimmzettel der Wahlen zum Obersten Sowjet der

Stimmzettel der Wahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR am 12. Januar 1941. Trotz des Verbots wurden Kandidaten gestrichen und Kommentare aufgeschrieben: „Ein erträgliches Leben, aber keine Komödien!“ Die Nummer „271“ ist eine Notiz des NKWD.

FREIES LETTLAND

Die Patriotengruppe Freies Lettland wurde von Fricis Skurstenis, Schüler der 11. Klasse des 1. Gymnasiums in Jelgava (Mitau), organisiert. Die Schüler folgten einem emotionalen Protest gegen die Politik der Besatzungsmacht. Die Gruppe wurde vom NKWD entdeckt, liquidiert und im Januar 1941 wur- den alle 13 Mitglieder ver- haftet und verurteilt. Nur einer der Schüler, Voldemārs Treimanis, überlebte die Haft im GULAG.

Voldemārs Treimanis, überlebte die Haft im GULAG. Voldemārs Treimanis, kurz vor seiner Verhaftung und nach
Voldemārs Treimanis, überlebte die Haft im GULAG. Voldemārs Treimanis, kurz vor seiner Verhaftung und nach

Voldemārs Treimanis, kurz vor seiner Verhaftung und nach der Haft am 13. Januar 1941.

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UNTER DER KNUTE DER WILLKÜR:

DIE UNUMSCHRÄNKTE MACHT DES NKWD – VERHAFTEN UND LIQUIDIEREN

Die sowjetische Geheimpolizei war mit den von ihr praktizierten Methoden des psychologischen und physischen Terrors ein Erfüllungsorgan der totalitären Herrschaft der Kommunistischen Partei. Im ersten Jahr der sowjetischen Besatzung stand sie unter der Bezeichnung NKWD (aus dem Russischen für „Volkskommissariat des Innern“) und NKGB (für „Volkskommissariat für Staatssicherheit“). Hauptaufgabe des NKWD war es, „antisowjetische Elemente“und„Klassenfeinde“zuverfolgenund„unschädlich zu machen,“ wobei er sich der äußeren Bespitzelung und eines umfassenden Netzes von Informanten und Zuträgern bediente. Um die Verfolgungen zu legalisieren, wurden neue Gesetze an die Gesetzgebung der UdSSR bzw. der Russischen Föderation angepaßt und diesen rückwirkende Gültigkeit verliehen. Dem Kommissar für Staatssicherheit der Lettischen SSR, Semjon Schustin, sowie dem Volkskommissar für Inneres, Alfons Noviks, wurden uneingeschränkte Befugnisse bei der Erfüllung der kommunistischen Parteibeschlüsse eingeräumt:

Die Unterschrift eines von ihnen war ausreichend, um über einen Inhaftierten die Todesstrafe zu verhängen. Zu ersten Verhaftungen kam es bereits vor der Annexion Lettlands am 5. August 1940. Nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches der Russischen SFSR konnte ein jeder sich des Vorwurfs „antisowjetischer Aktivitäten“ oder der „Illoyalität gegenüber dem sowjetischen Regime“ ausgesetzt sehen.

gegenüber dem sowjetischen Regime“ ausgesetzt sehen. Im Herbst 1940 im NKWD-Gebäude eingerichteter

Im Herbst 1940 im NKWD-Gebäude eingerichteter Gefängnistrakt mit Häftlingszellen.

eingerichteter Gefängnistrakt mit Häftlingszellen. Das am 7. November 1940 mit sowjetischer Symbolik zum

Das am 7. November 1940 mit sowjetischer Symbolik zum Jahrestag der Oktoberrevolution ausstaffierte – im Volksmund „das Eckhaus“ genannte – Gebäude des NKWD/ KGB der Lettischen SSR in Riga an der Ecke der Brīvības und Stabu iela. Text: „23. Oktober“ in russischer Sprache.

In den Kellerräumen des NKWD-Gebäudes in Riga wurden Gefängniszellen eingerichtet, in denen den Inhaftierten zum Teil während wochenlanger Verhöre Geständnisse abgepreßt wurden, was in der UdSSR gesetzlich zulässig war. Die übliche Strafe war Tod durch Erschießen oder langjährige Gefängnishaft, die unter menschenunwürdigen Verhältnissen in den Speziallagern des GULAG zu verbüßen war. Entgegen der unter der nationalsozialistischen Besatzung verbreiteten Behauptung, der NKWD habe sich hauptsächlich aus jüdischen Mitarbeitern rekrutiert, belegen neuere Studien, daß der NKWD-Apparat zum überwiegenden Teil aus Russen bestand. Lediglich einige Führungspositionen in Lettland bekleideten Juden wie Schustin, der Volkskommissar des NKGB, was die Nazipropaganda schamlos ausschlachtete. Klar ist auch, daß der NKWD, ohne eine größere Zahl an lettischen Mitarbeitern, an deren Spitze Alfons Noviks stand und deren Sprach- und Ortskenntnisse unersetzlich waren, seine Aufgabe in Lettland nicht hätte erfüllen können.

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Schlüsselbund des NKWD-Gebäudes. Patronenhülsen aus der Erschießungskammer des NKWD- Gebäudes. DIE SOWJETISCHE

Schlüsselbund des NKWD-Gebäudes.

Schlüsselbund des NKWD-Gebäudes. Patronenhülsen aus der Erschießungskammer des NKWD- Gebäudes. DIE SOWJETISCHE

Patronenhülsen aus der Erschießungskammer des NKWD- Gebäudes.

DIE SOWJETISCHE POLITISCHE GEHEIMPOLIZEI: TSCHEKA – GPU – NKWD – KGB

Die sowjetische politische Geheimpolizei war ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der Diktatur der Kommunistischen Partei. Ihre Bezeichnung und Struktur hat sich im Laufe der Geschichte mehrfach geändert. Unmittelbar nach der Oktoberrevolution im Dezember 1917 wurde die Allrussische Außerordentliche Kommission (Wserossijskaja Tschreswytschainaja Komissija – Tscheka, lett. Čeka) zum Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage gegründet, die sich schnell zu einem umfangreichen Apparat entwickelte. Erster Chef dieser Organisation war Felix Edmundowitsch Dserschinski. Nach dem Bürgerkrieg wurde die Tscheka 1922 in die Vereinigte staatliche politische Verwaltung (Objedinjonnoje Gossudarstwennoje Polititscheskoje Uprawlenije – OGPU) umgewandelt, die zunächst dem Volkskommissariat des Innern unterstellt war, jedoch 1923 zu einer teilweise selbständigen staatlichen Behörde mit wechselnder Bezeichnung wurde. Auch diese leitete Dserschinski bis zu seinem Tode 1926. Ende der zwanziger Jahre sorgte die OGPU für die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft sowie die „Entkulakisierung“ (Liquidierung der Großbauernwirtschaften) und verhaftete in Betrieben und Kolchosen sogenannte Agenten, Verräter und Saboteure. Die OGPU wurde in das 1934 gegründete Volkskommissariat des Inneren der UdSSR (Narodny Kommissariat Wnutrennich Del – NKWD) eingegliedert. Von hier steuerte man Ende der dreißiger Jahre die „Große Säuberung“, eine Terrorwelle, in deren Verlauf die alte Garde der Bolschewisten, ein Großteil der bisherigen Partei, Militär- und Wirtschaftskader liquidiert wurden. Mit der Schaffung des Volkskommissariats für Staatssicherheit (Narodny Kommissariat Gossudarstwennoi Besopastnosti – NKGB) wurde Anfang 1941 der staatliche Sicherheitsapparat wiederum aus dem NKWD ausgegliedert. Seine Aufgabe lag in der Bekämpfung innerer und äußerer Staatsfeinde. Der Strafvollzug in den Gefängnissen und Lagern des GULAG verblieb in der Kompetenz des NKWD. Von 1938 bis 1953 lag die Leitung des Sicherheitsdienstes der UdSSR in den Händen von Lawrentij Berija. Struktur und Bezeichnung der Organisation wechselte in diesen Jahren mehrfach. Nach Stalins Tod und Berijas vergeblichem Versuch, den Sicherheitsapparat in seinem Kampf um das Erbe Stalins einzusetzen, wurde 1954 schließlich das eigenständige Komitee für Staatssicherheit (Komitet Gossudarstwennoi Besopastnosti – KGB) gebildet.

omitet G ossudarstwennoi B esopastnosti – KGB) gebildet. Felix Dserschinski. Lawrentij Berija. Obgleich die Tscheka

Felix Dserschinski.

B esopastnosti – KGB) gebildet. Felix Dserschinski. Lawrentij Berija. Obgleich die Tscheka demnach im

Lawrentij Berija.

Obgleich die Tscheka demnach im eigentlichen Sinne seit 1922 nicht mehr existierte, blieb deren Bezeichnung unter der Bevölkerung als Inbegriff für die Unterdrückung durch die Kommunistische Partei und ihren Terrorapparat bestehen und somit Inbegriff für die psychologische und physische Beeinflussung und Einschüchterung, willkürliche Verhaftungen, Verhöre und Folterungen, Deportationen und Zwangsverschickungen, für Straflager und politische Morde. In diesem Sinne wird der Begriff Tscheka im lettischsprachigen Teil der vorliegenden Darstellung für die sowjetische Geheimpolizei benutzt, unabhängig von der jeweils geltenden offiziellen Bezeichnung. Im Westen ist eher die letzte Bezeichnung KGB geläufig.

Worauf stützt sich die nach dem deutschen Einmarsch 1941 verbreitete Behauptung, die sowjetische Geheimpolizei sei von Juden dominiert gewesen, so daß die Bezeichnung Jude allgemein mit Tschekist (Mitarbeiter der Tscheka) gleichgesetzt wurde? Die verfügbaren Quellen über die ethnische Zusammensetzung der Geheimpolizei widersprechen der Annahme. Obwohl es in den Anfangsjahren unter Dserschinski viele Letten und Juden unter den Mitarbeitern der Tscheka gegeben hatte, bestand der Apparat des NKWD der UdSSR 1940 zu 80 Prozent aus Russen, daneben 6 Prozent Juden und einige wenige Letten. Beim Aufbau des NKWD in der Lettischen SSR 1940–1941 wurden zahlreiche ortsansässige Letten zur Mitarbeit herangezogen. Unter den Verhörführern des NKWD dominierten russische und lettische Namen. Die meisten Urteile wurden von hochrangigen NKWD- Mitarbeitern unterzeichnet, darunter der Jude Semjon Schustin und der Lette Alfons Noviks.

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MIT DER WURZEL AUSREISSEN:

DIE ERSTE MASSENDEPORTATION IN DIE UDSSR

Die Massendeportationen in entlegene Gebiete der Sowjetunion war eines der grausamsten Mittel des NKWD-Terrors. Im Rahmen der Zwangskollektivierung und im Zuge von Terrorwellen hatte es in der Sowjetunion bereits in den dreißiger Jahren massenhafte Zwangsverschickungen von Menschen gegeben. Die erste Massendeportation in Lettland fand am 14. Juni 1941 statt. Deportationen in der durch den Hitler-Stalin-Pakt geschaffenen „sowjetischen Interessensphäre“ hatte es bereits seit Anfang 1940 gegeben, als eine Massenverschickung von Menschen hauptsächlich polnischer Nationalität aus den von der UdSSR besetzten Gebieten Ostpolens einsetzte. Die Quellen belegen, daß Deportationen im Baltikum als Terrorinstrument schon kurz nach der Besetzung in Planung waren, entsprechende Dekrete für das Baltikum und Moldawien wurden im Mai 1941 unterzeichnet. Die Durchführungsregeln für die Deportationen ähnelten denen in Ostpolen. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni wurden nicht weniger als 15.424 Bürger Lettlands, meist Personen, die führende Positionen in Staat und Kommunen, im Militär, in Wirtschaft und Kultur innegehabt hatten, mitsamt ihren Familien festgenommen und deportiert. Unter ihnen befanden sich mehr als 2.400 Kinder unter 10 Jahren. Neben Einheiten der Volkskommissariate für Sicherheit und Inneres, der Roten Armee, der Miliz (Polizei der Sowjetunion) und anderen wurden zu diesem Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch ortsansässige Kommunisten und Komsomolzen (Mitglieder des kommunistischen Jugendverbandes) herangezogen.

des kommunistischen Jugendverbandes) herangezogen. Deportationswaggon 1941. Zeichnung von Aina Roze

Deportationswaggon 1941. Zeichnung von Aina Roze

(1927–1998).

1941. Zeichnung von Aina Roze (1927–1998). Deportationswaggon in einer Bahnstation. Die Menschen wurden

Deportationswaggon in einer Bahnstation.

Die Menschen wurden mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und hatten weniger als eine halbe Stunde Zeit, sich auf die Fahrt vorzubereiten. Unerwähnt blieb der Verbringungsort und daß man die Familien trennen würde. Mitgenommen werden durfte, so viel man tragen konnte. Doch in der allgemeinen Verwirrung und in Unkenntnis der wahren Umstände ließen die Menschen häufig elementare Dinge zurück. Zahlreiche Wertsachen wie auch Fotoapparate mußten zurückgelassen werden. Was zurückblieb, konfiszierte das Regime. Die Opfer wurden in bereitstehende Vieh- und Güterwaggons gepfercht, in denen sie Wochen, manchmal Monate zubringen mußten, was viele Menschen, vor allem Säuglinge, Kranke und Alte nicht überlebten. Die Zeitungen Lettlands berichteten mit keinem Wort über diese Ereignisse. Angehörige bekamen keinerlei Auskunft über den Verbleib der Abgeholten – weder von der Miliz noch von anderen Behörden. Die Schienen blieben von Zetteln mit Abschiedsgrüßen an Angehörige übersät, die nur selten ihre Adressaten erreichten. Die „Volksfeinde,“ hauptsächlich Männer, 5.263 an der Zahl, wurden von ihren Familien getrennt und in stacheldrahtbewehrteStrafarbeitslagerdesGULAGverbracht, wo sie erst später in Eilverfahren und in Abwesenheit wegen antisowjetischer Aktivitäten verurteilt wurden. Die Zustände in den Lagern waren menschenunwürdig. Die Inhaftierten wurden von Wachmannschaften und kriminellen Häftlingen terrorisiert, verloren ihre persönliche Identität und wurden zu Nummern. Die ausgegebenen Essensrationen standen in keinem Verhältnis zu den bei der schweren Arbeit verbrauchten Kalorien. Die Menschen waren ausgezehrt, litten häufig an Durchfall, Skorbut und anderen Krankheiten, die sich nicht zuletzt auch durch Läuse, Wanzen, Flöhe und anderes Ungeziefer stark ausbreiteten. Viele überlebten schon den ersten Winter nicht, in dem eine unerträgliche Kälte herrschte. Nur etwa ein Fünftel der in die Straflager das GULAG Verschleppten überlebte.

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Fragment der russischsprachigen Listen der zu verhaftenden und zu deportierenden Personen. Als Deportationsgründe werden

Fragment der russischsprachigen Listen der zu verhaftenden und zu deportierenden Personen. Als Deportationsgründe werden unter anderem angeführt: „Spionage“, „jüdische Konterrevolution“, „Familienangehöriger eines Verurteilten“, „ehemaliger Kaufmann.“

„jüdische Konterrevolution“, „Familienangehöriger eines Verurteilten“, „ehemaliger Kaufmann.“ 43

43

Frauen und Kinder wurden als Familienangehörige von sogenannten „Heimatverrätern“ ins Zwangsexil in „Spezialsiedlungen“ in Sibirien und anderen entlegenen Gebieten gebracht. Obwohl sie nicht hinter Stacheldraht leben mußten, war ihnen das Verlassen des Ansiedlungsortes untersagt. Auch sie waren um ihre Lebensbedingungen nicht zu beneiden. Es fehlte vor allem an Lebensmitteln und geeignetem Wohnraum. Die ansässige, meist mittellose Bevölkerung bestand zu einem Teil selbst aus einstmals Deportierten und war den Neuankömmlingen häufig nicht wohlgesonnen. Bereits im ersten Winter starben unter den extremen Bedingungen viele ältere Menschen und Kinder. In ein und derselben Nacht wurden aus Estland etwa 11.000 und aus Litauen etwa 21.000 Menschen deportiert. Die Verschleppungen stellten die erste Deportation in großem Maßstab durch eine Besatzungsmacht in der Geschichte des Baltikums dar. Nach der Rückkehr der Sowjetmacht 1945 kam es erneut zu Deportationen.

der Sowjetmacht 1945 kam es erneut zu Deportationen. Am 14. Juni 1941 vom Hauptmann der Lettischen
der Sowjetmacht 1945 kam es erneut zu Deportationen. Am 14. Juni 1941 vom Hauptmann der Lettischen

Am 14. Juni 1941 vom Hauptmann der Lettischen Armee, Aleksandrs Bolšaitis (1900–1942), aus dem Deportationswaggon geworfener Zettel mit der Bitte, seine Angehörigen zu informieren und zu grüßen. Bolšaitis starb in der Haft in Norilsk.

und zu grüßen. Bolšaitis starb in der Haft in Norilsk. Ein am 14. Juni 1941 vom

Ein am 14. Juni 1941 vom Grenzschützer Jānis Jakovičs (1902–1942) aus dem Deportationszug geworfener Zettel, Gulbene, 15. Juni 1941. Jakovičs wurde in Sevurallag erschossen. Seine Frau Lidija wurde mit den drei Töchtern gesondert deportiert. Die erst zwei Monate alte Tochter Astra starb auf der Fahrt im Deportationswaggon.

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 9

Die Geschichte der Lettischen SSR dazu: „Mitte des Jahres 1941 wurde eine gewisse Zahl an ehemaligen Großunternehmern, Führungskräften bourgeoiser politischer Parteien, ehemaligen russischen Weißgardisten, Befehlshabern der Aizsargi-Organisation, Polizisten, Mitarbeitern der politischen Verwaltung nebst ihren Familienangehörigen sowie deklassierten Elementen aus den Städten aus Lettland verschickt. Auch einen Teil der Offiziere der bourgeoisen Armee betrafen die Repressionen. Bei dieser in großer Eile durchgeführten Aktion kam es auch zu Fehlern. [ ] Diese stalinistische Verschickung fand statt, ohne den werktätigen Massen erklärt worden zu sein. Deshalb wurde sie unter der hitlerischen Besatzung zu antisowjetischen und antikommunistischen Zwecken mißbraucht, indem man sie als ‚Beginn der Vernichtung des lettischen Volkes‘ usw. hinstellte.“ (Band 2, S. 172-173)

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„EIN MENSCH – EIN PROBLEM, KEIN MENSCH – KEIN PROBLEM“:

VERSCHLEPPUNG UND ERSCHIESSUNG POLITISCHER GEFANGENER

Stalins berüchtigter Satz wurde am 22. Juni 1941, dem Tag des Überfalls des nationalsozialistischen Deutschland auf die Sowjetunion, zur bitteren Realität. Überstürzt deportierte der NKWD politische Gefangene in Gefängnisse und Zwangsarbeitslager im Inneren der Sowjetunion. Bald darauf wurden Menschen auf den geringsten Verdacht hin verhaftet und als „gesellschaftsgefährdende Elemente“ erschossen. Aus sämtlichen Landesteilen wurden Häftlinge zum Rigaer Bahnhof Šķirotava gebracht, von wo aus sich bis zum 26. Juni mehrere Züge auf ihre lange Fahrt begaben, um Verhöre, Folterungen und Verurteilungen in der Sowjetunion fortzusetzen. Aus den Gefängnissen Lettlands wurden insgesamt rund 3.600 Menschen verschleppt, von denen nur wenige jemals nach Lettland zurückkehrten.

von denen nur wenige jemals nach Lettland zurückkehrten. Fragment eines Befehls des Volkskommissars für

Fragment eines Befehls des Volkskommissars für Staatssicherheit der Lettischen SSR, Semjon Schustin, 78 „gesellschaftlich gefährliche Elemente“ zu erschießen, 26. Juni 1941.

gefährliche Elemente“ zu erschießen, 26. Juni 1941. Exhumierte Opfer des NKWD im Hof des Rigaer

Exhumierte Opfer des NKWD im Hof des Rigaer Zentralgefängnisses im Juli 1941.

NKWD im Hof des Rigaer Zentralgefängnisses im Juli 1941. Trauernde bei den exhumierten Opfern des NKWD

Trauernde bei den exhumierten Opfern des NKWD im Juli

1941.

In Lettland verbliebene Häftlinge und nach dem 26. Juni Verhaftete wurden umstandslos erschossen und in Massengräbern verscharrt. Nach dem Rückzug der Roten Armee wurden im Hof des Rigaer Zentralgefängnisses sowie in Baltezers, Rēzēkne, Ulbroka und anderen Orten eilig zugeschüttete Gräber gefunden. Bald benutzte die Nazipropaganda diese Opfer der Kommunisten, um das Volk gegen die jüdische Bevölkerung Lettlands aufzubringen. Der größte Teil der im Hof des Rigaer Zentralgefängnisses gefundenen Opfer wurde auf den Waldfriedhof umgebettet. Auf der Grabstelle errichtete man weiße Kreuze zur Erinnerung, die während der erneuten sowjetischen Besatzung nach dem Krieg entfernt wurden, gleichzeitig setzte man an dieser Stelle andere Verstorbene bei. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit wurde die Grabstelle als Gedenkort gestaltet, erneut mit weißen Kreuzen bestückt und mit den Namen aller bekannten Opfer des NKWD versehen.

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Die Karte zeigt GULAG-Lager, in denen Bürger Lettlands während der Stalinzeit eingesperrt waren. Sie entspricht

Die Karte zeigt GULAG-Lager, in denen Bürger Lettlands während der Stalinzeit eingesperrt waren. Sie entspricht nahezu einer vollständigen Karte, der über die gesamte UdSSR verstreuten GULAG-Lager. Die während der Massendeportation 1941 verhafteten Familienoberhäupter kamen zumeist nach Norilsk und in Lager im Ural.

kamen zumeist nach Norilsk und in Lager im Ural. Das Gefängnis von Astrachan in Rußland, wo

Das Gefängnis von Astrachan in Rußland, wo viele politische Gefangene aus Lettland hingerichtet wurden.

Aus einem Deportationswaggon geworfenes – aus der Bibliothek des Rigaer Zentralgefängnisses stammendes – Buch, in dem die unbedruckten Stellen mit Briefen mehrerer politischer Häftlinge an ihre Angehörigen beschrieben sind.

in dem die unbedruckten Stellen mit Briefen mehrerer politischer Häftlinge an ihre Angehörigen beschrieben sind. 46

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ARTIKEL NR. 58 DES STRAFGESETZBUCHES DER RUSSISCHEN FÖDERATIVEN SOZIALISTISCHEN SOWJETREPUBLIK

Ein Sonderteil des ersten Abschnitts unter dem Titel „Staatsverbrechen“ benannte „konterrevolutionäre Straftaten.“ Dazu zählten direkte Vergehen gegen die Sowjetmacht wie Heimatverrat, bewaffneter Aufruhr, Terrorakte, Diversion (Sabotage gegen den Staat), Spionage, Sabotage (hier: bewußte Nichterfüllung bestimmter Pflichten), Schädigung des staatlichen Wirtschaftssystems. Einbezogen waren aber auch „Vergehen,“ die in demokratischen Staaten mit den elementaren menschlichen Grundrechten zu tun haben: die persönliche Meinungsäußerung, wenn sie im Widerspruch zur offiziellen Sicht steht; Beziehungen in kapitalistische Staaten ebenso wie die „Nichtmeldung“

antisowjetischer Aktivitäten. Artikel 58 war der unter den Sowjets am häufigsten angewandte Paragraph des Strafgesetzbuches, wenn es um politische Anklagen und Urteile gegen die Bevölkerung Lettlands ging. Bei der Auslegung des Artikels waren den Organen der Sowjetmacht kaum Grenzen gesetzt. So konnten selbst volljährige Familienangehörige von Angeklagten belangt werden. Die Anschuldigungen hatten rückwirkenden Charakter – sie bezogen sich auch auf in die Zeit des unabhängigen lettischen Staates fallende oder noch länger zurückliegende „Vergehen.“ Vom juristischen Standpunkt her wurden im Falle des besetzten Lettland Bestimmungen des Strafgesetzbuch eines fremden Staates auf die Bevölkerung angewandt, um ihnen „Vergehen“ anzulasten, die zeitlich vor der Besetzung und der Einführung des Gesetztes unter Besatzungsbedingungen lagen

Einführung des Gesetztes unter Besatzungsbedingungen lagen Auszug aus einem Gerichtsurteil: Jelena Gerasimowa wird von

Auszug aus einem Gerichtsurteil: Jelena Gerasimowa wird von der Lettischen SSR nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches der Russischen SFSR zu 25 Jahren Haft verurteilt.

der Russischen SFSR zu 25 Jahren Haft verurteilt. Die politische Gefangene Jelena Gerasimowa (erste Reihe,

Die politische Gefangene Jelena Gerasimowa (erste Reihe, erste von links) mit Schicksalsgenossinnen im Jahr 1956.

DEPORTATIONS- UND UMSIEDLUNGSPOLITIK

Bereits seit dem 16. Jahrhundert war es im zaristischen russischen Reich üblich, sich Verbrechern, unliebsamer politischer Gegner oder unterjochter Völker durch Verbannung nach Sibirien zu entledigen. Unter Stalin wurden die Deportationen als alltägliche Form des Terrors zu einem unmittelbaren Vollzugsinstrument der totalitären Macht. Dieser Terror richtete sich zum Teil willkürlich in großem Maßstab gegen all jene, die als Gegner des Regimes oder als „Klassenfeinde“ gebranntmarkt waren, eingeschlossen Parteimitglieder, Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller, Unternehmer. Die Deportation ganzer Völker und sozialer Gruppen nach Sibirien und andere ausgedehnte Landesteile war kennzeichnend für das Stalinregime. So hatte man sich Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre der sogenannten „Kulaken“ (Großbauern) entledigt, die sich gegen den Eintritt in die Kolchosen gesträubt hatten und die in den vom Regime inszenierten Hungerkatastrophen in Weißrußland und der Ukraine am Leben

geblieben waren. In der Zeit des „großen Terrors“ in den dreißiger Jahren wurden alte bolschewistische Parteikader – Weggefährten Lenins – wie auch Angehörige von Nachbarvölkern Rußlands, die auf russischem Staatsgebiet lebten, so auch Letten, und als nicht loyal eingestuft wurden, als „Verräter“ ermordet oder deportiert. Von 200.000 vor dem Krieg in Rußland lebenden Letten wurden 70.000 verhaftet und etwa 14.000 erschossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ Stalin viele Einwohner aus Gebieten, die während des Krieges unter deutscher Besetzung gestanden hatten, wegen vermeintlicher Kollaboration mit dem Feind deportieren. Auf diese Weise haben die Krimtataren ihre Heimat verloren. Ähnlich erging es den Tschetschenen, denen man vorwarf, auf die Deutschen gewartet zu haben. Auch die Politik des Hitlerregimes sah langfristig eine Bevölkerungsverschiebung vor. In den Anfangsjahren des Naziregimes gab es Planspiele, alle Juden nach Madagaskar zwangsumzusiedeln. Himmlers Pläne für das Baltikum im Generalplan Ost sah die Umsiedlung der „minderwertigen“ baltischen Völker nach Osten vor, um die Germanisierung und Kolonisierung des Ostlandes zu fördern.

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Die Karte zeigt die Verbannungsorte, in denen zunächst die während der Massendeportationen 1941 und 1949

Die Karte zeigt die Verbannungsorte, in denen zunächst die während der Massendeportationen 1941 und 1949 Verschleppten angesiedelt wurden. Später wurden die Ansiedlungsorte häufig gewechselt und auch aus den Lagern Entlassene in entlegenen Regionen der UdSSR angesiedelt.

Sie kamen in der dunkelsten Stunde der Nacht. Sie rissen uns aus unseren Betten, aus unseren Häusern, aus unserem Land. Sie rissen uns auseinander – die Männer von den Frauen und Kindern. Sie trieben uns in verwitterte Viehwaggons. Sie gaben uns weder Nahrung noch Wasser. Sie führten uns einem lebendigen Tod entgegen…

Glücklich war das Kind, der Alte, der Kranke, der bald starb und am Rande des Weges blieb; wir, die am Leben blieben, waren zum langsamen Sterben auf den Stacheldrahtinseln des Gulag verurteilt.

Wir waren keine Menschen mehr, wir wurden zu Nummern; ohne Brot und ohne Rast wurden wir zur Arbeit getrieben; Hunger und Tod begleiteten uns; auf der gefrorenen Tundra häuften sich unsere Knochen.

Nur wenige konnten nach vielen Jahren nach Hause – das keines mehr war. Nur einzelne kamen zurück – gebrochen oder als Heilige, die lebendig durch die Hölle gegangen waren.

Valters Nollendorfs 1993 nach den Erinnerungen eines Deportierten.

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DIE OKKUPATION DURCH DAS NATIONALSOZIALISTISCHE DEUTSCHLAND

Hitlers Wehrmacht überfällt die Sowjetunion • Erleichterung und rasche Ernüchterung in Lettland • Die Deutschen übernehmen die Macht • Der Holocaust im deutsch besetzten Lettland • Die deutsche Zivilverwaltung im Reichskommissariat Ostland • Lettlands

Wirtschaft im Dienste Großdeutschlands • Nationalsozialistische Pläne für das Baltikum

• Germanisierungs- und Koloniesierungspolitik • Die ohnmächtige „Landesselbstverwaltung“

Bewußtwerden der Opfer der Kommunisten und Wohlfahrtspflege • Zwangsverpflichtung zum Arbeitsdienst • Letten im deutschen Militärdienst • Letten in der Roten Armee

• Der nationale Widerstand • Vergebliches

Vertrauen auf Hilfe aus dem Westen • Die Bevölkerung Lettlands auf der Flucht durch das eigene Land und in die Ferne • Verheerendes Kriegsende für Lettland

1941–1945

• Verheerendes Kriegsende für Lettland • 1941–1945 Deutsche Eroberungen und administrative Gliederung

Deutsche Eroberungen und administrative Gliederung Osteuropas im Zweiten Weltkrieg.

administrative Gliederung Osteuropas im Zweiten Weltkrieg. Vormarsch der deutschen Wehrmacht auf lettisches Territorium

Vormarsch der deutschen Wehrmacht auf lettisches Territorium 22.06.–07.07.1941.

12.07.1941 Abschluß eines gegenseitigen Beistandspaktes zwischen der UdSSR und Großbritannien. • 14.08.1941 Abschluß der Atlantik-Charta über die Kriegsziele und die Nachkriegspolitik. • 05.12.1941 Deutsche Niederlage vor Moskau. • 07.12.1941 Japanischer Überfall auf Pearl Harbor; Kriegserklärung der USA und Großbritanniens an Japan am Folgetag. • 11.12.1941 Deutschland und Italien erklären den USA den Krieg. • 28.03.1942 Mit der Zerstörung des Zentrums von Lübeck beginnt die britische Luftwaffe Flächenbombardements deutscher Städte. • 13.09.1942 Beginn der monatelangen Kämpfe um Stalingrad, die mit der Vernichtung und Kapitulation der eingeschlossenen deutschen Armee enden. • 13.04.1943 Deutschland verkündet das Auffinden eines Massengrabs

mit rund 4.000 durch die Sowjets hingerichteten polnischen Offizieren und Soldaten in den Wäldern von Katyn nahe Smolensk. • 19.04.1943 Aufstand im Warschauer Ghetto.

05.–12.07.1943 Scheitern der deutschen Offensive in der

Großschlacht bei Kursk. • 10.07.1943 Landung der Alliierten auf Sizilien. • 28.11.1943 Beginn der Konferenz der „Großen Drei“ in Teheran, auf der Roosevelt und Churchill Stalin in

der baltischen Frage nachgeben. • 06.06.1944 Mit der größten Landungsoperation der Geschichte eröffnen die Alliierten in der Normandie eine zweite Front gegen Nazideutschland.

13.06.1944 Deutschland beginnt mit dem Abschuß von

V1- und V2-Raketen auf Großbritannien. • 23.06.1944 Anfang einer breiten sowjetischen Sommeroffensive – „Operation Bagration.“ • 20.07.1944 Gescheiterter

Attentatsversuch militärischer Führungskreise gegen Hitler.

01.08.1944 Beginn des Warschauer Aufstands. • 24.08.1944

Die Westalliierten befreien Paris. • 12.01.1945 Anfang der sowjetischen Großoffensive in Polen. • 04.02.1945 Beginn der Konferenz von Jalta, auf der die Westalliierten

die Vorherrschaft der UdSSR in Osteuropa anerkennen.

13.02.1945 Zerstörung Dresdens durch alliierte Luftangriffe.

12.04.1945 Tod von Franklin D. Roosevelt; Harry S Truman

übernimmt das Amt des US-Präsidenten. • 25.04.1945 Beginn der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen (UNO) in San Francisco. • 30.04.1945 Selbstmord Hitlers in Berlin.

07./08.05.1945KapitulationNazideutschlands,unterzeichnet

durch die Generäle Alfred Jodl und Wilhelm Keitel.

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DAS ENDE DER FREUNDSCHAFT:

HITLERS WEHRMACHT ÜBERFÄLLT DIE SOWJETUNION

Der Überfall des nationalsozialistischen Deutschland am 22. Juni 1941 überraschte die Rote Armee in ihren Offensivstellungen, völlig unvorbereitet für einen Verteidigungskampf. Zügig rückte die deutsche Wehrmacht auf Lettland vor und marschierte schon am 1. Juli in Riga ein. Eine Woche später befand sich das ganze Land in ihrer Hand. Die von deutschen Truppen eingekreiste Hafenstadt Liepāja (Libau) und die Umgebung Rigas waren am heftigsten umkämpft. Während der Kampfhandlungen brannte der hölzerne Turm der St. Petrikirche in Riga nieder wie auch ein beträchtlicher Teil der historischen Gebäude in der Altstadt. Dennoch richteten die Kampfhandlungen im Jahr 1941 in Lettland verhältnismäßig wenig Schaden an. Der Rückzug der Roten Armee ging unorganisiert vonstatten. Ihre Einheiten sowie wiederaufgestellte Arbeitergarden und speziell gebildete „Vernichter“-Bataillone erhielten den Befehl, in den evakuierten Gebieten alles wertvolle Material zu vernichten und sich unnachsichtig gegen „deutsche Spione und andere feindliche Elemente“ zu wenden. Die Sowjetbehörden riegelten die Grenze zu Rußland ab, was vielen insbesondere jüdischen Flüchtlingen, die nach dem Kriegsausbruch 1939 in Lettland Zuflucht gefunden hatten, die Ausreise nach Rußland unmöglich machte und sie dem sicheren Tod preisgab. Letten bildeten im Rahmen ihrer Möglichkeiten bewaffnete Gruppen zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit, zum Schutz von Eigentum und um versprengte Rotarmisten und zurückgebliebene ehemalige kommunistische Funktionäre festzunehmen.

ehemalige kommunistische Funktionäre festzunehmen. Gefallener Rotarmist auf den Ketten eines zerstörten

Gefallener Rotarmist auf den Ketten eines zerstörten Panzers zwischen Riga und Jelgava (Mitau), 30. Juni 1941.

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 10

Zum deutschen Überfall schreibt die Geschichte der Lettischen SSR: „Am Morgen des 22. Juni 1941 fiel das faschistische Deutschland unter gröblichster Verletzung des am 26. August 1939 [so im Original: am 26. und nicht am 23. August] geschlossenen Nichtangriffsvertrages ohne Kriegserklärung in sowjetisches Territorium ein. […] Die Sowjetunion verfügte am Vorabend des Großen Vaterländischen Krieges über ein hohes wirtschaftliches und moralisches Potential. Keine andere Armee konnte auf ein so gefestigtes und organisiertes Hinterland bauen wie die Rote Armee. […] Ihr stand alles zur Verfügung, um dem Gegner den vernichtenden Schlag versetzen zu können. Man hätte nur die Streitkräfte in Kampfbereitschaft bringen und überlegt aufstellen müssen. Doch entsprechende Maßnahmen wurden nicht rechtzeitig eingeleitet, obwohl dem Oberkommando der Roten Armee Informationen über deutsche Truppenkonzentrationen entlang der Grenzen zur Sowjetunion vorlagen. Eine der Ursachen dafür, daß es dazu kommen konnte, waren die Fehleinschätzungen des sowjetischen Führers J. Stalin. […] Im Kampf gegen Nazideutschland wurde das Sowjetvolk von der Kommunistischen Partei geführt und organisiert.“ (Band 2, S. 173–174)

Partei geführt und organisiert.“ (Band 2, S. 173–174) 50 Zerstörter sowjetischer Munitionszug am Bahnhof von Cena

50

Zerstörter sowjetischer Munitionszug am Bahnhof von Cena (zwischen Riga und Mitau).

MEIN FEIND ALS MEIN BEFREIER:

ERLEICHTERUNG UND RASCHE ERNÜCHTERUNG IN LETTLAND

Der eben erst erlebte kommunistische Terror hatte dazu geführt, daß ein großer Teil der Bevölkerung Lettlands die deutschen Soldaten – die Kriegsgegner des Ersten Weltkrieges – als Befreier begrüßte. Man hoffte, die Unabhängigkeit Lettlands wiederherstellen zu können. Doch die nationalsozialistische Politik bewies das Gegenteil – ein der Unabhängigkeit Lettlands feindlich gesonnenes System war einfach durch ein anderes abgelöst worden. Die Menschen in Riga zeigten am 1. Juli ihre Begeisterung:

Sie versammelten sich am Freiheitsdenkmal und gingen mit Blumen und lettischen Fahnen auf die Straßen. Die Nazipropaganda scheute sich nicht, den Haß auf das kommunistische System und die patriotischen Gefühle für ihre ideologischen Zwecke auszunutzen und gezielt zu lenken. Sie kehrte die „Befreier“-Rolle der Deutschen heraus, obwohl die Nazis Lettland eben noch an die Sowjetunion verschachert hatten. Die Stimmung kippte recht schnell, als die reale Politik der Nazis offensichtlich wurde. Das nationalsozialistische Deutschland schickte sich nicht an, die Staatlichkeit Lettlands wiederherzustellen oder den Letten zu erlauben, selbst eine Regierung zu bilden. Lettland wurde als besetztes

eine Regierung zu bilden. Lettland wurde als besetztes Deutsche Soldaten marschieren am 1. Juli 1941 in

Deutsche Soldaten marschieren am 1. Juli 1941 in Riga ein.

Territorium der UdSSR betrachtet und in das neugeschaffene Verwaltungsgebilde namens Ostland eingegliedert. Die Verwendung nationaler Symbole wurde verboten und Patriotismusbekundungen unterdrückt. Die später in geringem Umfang gemachten Zugeständnisse der Nazis, besonders ab dem Jahr 1943, darunter die nun erlaubte Verwendung lettischer Symbole, war durch Ideologie- und Zieländerungen bestimmt und eine von der Kriegslage diktierte Notwendigkeit. Vor allem die Angst vor einer Rückkehr der Sowjetmacht als dem größeren Übel führte am Ende der deutschen Besatzungszeit zu einer Vermeidung lautstarker Unmutsbekundungen von lettischer Seite.

lautstarker Unmutsbekundungen von lettischer Seite. Am Rigaer Freiheitsdenkmal während des Wechsels der

Am Rigaer Freiheitsdenkmal während des Wechsels der Okkupationsmächte.

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MODIFIZIERUNG DES HISTORISCHEN BEWUSSTSEINS IN LETTLAND

Fotos, auf denen Letten in den Straßen von Riga deutsche Wehrmachtssoldaten freudig begrüßen, sind mit dem bis dahin in Lettland herrschenden Geschichtsbild und dem historischen Bewußtsein der Letten unvereinbar. Erklären läßt sich dies nur mit dem kurz zuvor erlebten sowjetischen Terror, der Mitte Juni 1941 seinen Höhepunkt erreicht hatte. Im historischen Bewußtsein der Letten wurden die Deutschen zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts als Eroberer und Herren betrachtet. Die Literatur und das Geschichtsbild waren geprägt von der Vorstellung der vor 700 Jahren ins Land gekommenen deutschen Eroberer, die die Letten seitdem in Knechtschaft hielten. In der Revolution von 1905 entlud sich dieses aufgestaute Bewußtsein, als lettische Revolutionäre Hunderte deutscher Herrenhäuser in Brand steckten und die Gutsherren vertrieben. Als Truppen des kaiserlichen Deutschland 1915 im Ersten Weltkrieg in Kurland einrückten und Riga bedrängten, begaben sich Hunderttausende Letten auf die Flucht oder wurden ins Innere Rußlands evakuiert. Innerhalb der russischen Armee wurden lettische nationale Schützenbataillone, später – Regimente, gegründet. Sie spielten bei der Verteidigung Rigas bis 1917 eine entscheidende Rolle. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Unabhängigkeitserklärung Lettlands am 18. November 1918 war die Sicherheitslage instabil. Wegen des drohenden Einrückens der Bolschewiki in Lettland, der komplizierten militärischen Lage und auf Anraten der Westmächte des Ersten Weltkrieges war die winzige, schlecht bewaffnete Armee des unabhängigen lettischen Staates anfangs zur Kooperation mit den bei Kriegsende in Lettland verbliebenen deutschen Truppen sowie mit der von Deutschbalten gebildeten Baltischen Landwehr gezwungen. Als diese aber im Sommer 1919 mit dem Vorrücken gen Nordlettland und Estland ihre wahren imperialen Absichten offenbarten, wandten sich Einheiten des unabhängigen lettischen Staates im Zusammenspiel

mit estnischen Verbänden gegen die deutschen Freikorps und drängte sie bis Ende des Jahres aus dem Lande. Im historischen Bewußtsein blieben die Deutschen bis zur Okkupation durch die Sowjets im Jahre 1940 der Erzfeind der Letten. Die Freiheitskämpfe Lettlands fanden vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs zweier Imperien statt – Deutschlands und Rußlands. An ihrem Ausgang hatte nicht zuletzt die Unterstützung der Westmächte des Ersten Weltkrieges, insbesondere Großbritanniens und der USA, entscheidenden Anteil. Diese Ereignisse prägten zwischen beiden Weltkriegen in großem Maße die Politik des lettischen Staates und das Geschichtsbild seiner Bevölkerung. Lettland hoffte darauf, Dank internationaler Abkommen, der Existenz des Völkerbundes und im Vertrauen auf Unterstützung durch die Westmächte, seine Unabhängigkeit sichern und bewahren zu können. Diese Hoffnungen wurden zunichte gemacht durch die zynische Politik der beiden totalitären Regime sowie die Machtlosigkeit der westlichen Demokratien, die das Baltikum und andere osteuropäische Staaten ihrem Schicksal und den für ihre Unabhängigkeit fatalen Großmächten überließen. Die Bevölkerung Lettlands war all ihrer souveränen Entscheidungsrechte beraubt – die einzige Alternative war die mehr oder weniger freiwillige bzw. aufgezwungene, die bewußte bzw. von den Umständen diktierte Kollaboration mit dem einen oder dem anderen Übel oder aber Widerstand, was allerdings unter den Besatzungsbedingungen einem Selbstmord gleichkam. Das historische Bewußtsein des bewaffneten und gewaltlosen Widerstandes sowohl gegen die nationalsozialistische wie gegen die sowjetische Besatzungsmacht stärkte den Glauben an die Wiederherstellung des unabhängigen lettischen Staates und das feste Vertrauen auf Unterstützung aus dem Westen. Vielen Einwohnern Lettlands blieb die deutsche Besatzungszeit deshalb eher in positiver Erinnerung, weil die Nationalsozialisten nicht alle ihre Pläne realisieren konnten, und es schien wie eine Atempause zwischen der bereits erlebten ersten und der bevorstehenden weitaus längeren zweiten Okkupation durch die Sowjets.

Zeichnung des deutschen Soldaten Martin Lünstroth:

„Die mit Fahnen geschmückte Mārstaļu iela in Riga am 1. Juli 1941.“

des deutschen Soldaten Martin Lünstroth: „Die mit Fahnen geschmückte Mārstaļu iela in Riga am 1. Juli

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„BESETZTES TERRITORIUM DER UDSSR“:

DIE DEUTSCHEN ÜBERNEHMEN DIE MACHT

Die nationalsozialistische deutsche Besatzungsmacht betrachtete Lettland als besetztes sowjetisches Territorium. Unverzüglich wurde eine Militärver- waltung eingesetzt, die bald schon durch zivile Verwaltungsbehörden abgelöst wurde. Ebenso begannen deutsche Sicherheits- und Geheimdienststellen aktiv zu werden, um mit allen Mitteln die Zielsetzungen der Nazipolitik in die Tat umzusetzen. Bestrebungen nach Gründung von unabhängigen Regierungsinstitutionen und Militäreinheiten wurden verboten, statt dessen wurden Letten zur Realisierung der Nazipolitik herangezogen. In den Städten und Gemeinden Lettlands wurde ein Netz aus Dienstellen der deutschen Wehrmacht und des Sicherheitsdienstes (SD) aufgebaut. Ihnen oblag die Kontrolle der lettischen kommunalen Verwaltungs- und polizeilichen Ordnungsbehörden. Als im September 1941 die deutsche Militärverwaltung durch eine deutsche Zivilverwaltung abgelöst wurde, blieb das Netz des Sicherheitsdienstes, dem Polizei, Haftanstalten und Konzentrationslager zugeordnet waren, weiter bestehen. Der SD richtete sich gemäß der nationalsozialistischen Rassenpolitik vor allem gegen die jüdische Bevölkerung sowie gegen Kommunisten und ihre Sympathisanten, national gesinnte und gegen die Nazipolitik opponierende oder Widerstand leistende Letten.

Nazipolitik opponierende oder Widerstand leistende Letten. Aufruf des Chefs des Lettischen Selbstschutzes, Oberst
Nazipolitik opponierende oder Widerstand leistende Letten. Aufruf des Chefs des Lettischen Selbstschutzes, Oberst

Aufruf des Chefs des Lettischen Selbstschutzes, Oberst Plesners, und seines Stabschefs Deglavs am 8. Juli 1941“ in Abstimmung mit der deutschen Armeeführung“ Selbstschutzeinheiten zu bilden und lettische Uniformen mit Armbinden in den lettischen Nationalfarben zu tragen. Verbot, lettische Uniformen zu tragen, erlassen vom deutschen Feldkommandanten Petersen am 11. Juli 1941.

vom deutschen Feldkommandanten Petersen am 11. Juli 1941. Eine lettische Selbstschutzeinheit im Sommer 1941. Aufgrund

Eine lettische Selbstschutzeinheit im Sommer 1941.

Aufgrund des zügigen deutschen Vormarsches konnten sich eigenständige Partisanengruppen als Kern einer militärischen Kraft des unabhängigen Lettland fast nur in Zentral- und Nordlettland herausbilden. Auf deutschen Befehl wurden sie unverzüglich entwaffnet. An ihrer Stelle wurden von den Deutschen kontrollierte und deutschen Dienststellen unterstellte, aber von Letten geführte „Selbstschutzeinheiten“ gebildet. Sie rekrutierten sich vor allem aus ehemaligen Aizsargi (Selbstschutzmitgliedern), Polizisten und Angehörigen der lettischen Streitkräfte. Das Tragen von lettischen Uniformen war ihnen untersagt. Die Selbstschutzgruppen hatten nicht nur Polizeiaufgaben wahrzunehmen, sondern wurden auch zur Durchführung der ersten wichtigen Aufgaben der nationalsozialistischen Besatzungspolitik herangezogen – Verhaftung und Liquidierung von zurückgebliebenen Funktionsträgern der kommunistischen Machthaber. Sie hatten nach Bedarf auch an von den Nazis organisierten und von Einsatzgruppen des SD geführten Vernichtungsaktionen jüdischer Einwohner teilzunehmen. Bisher konnte die Zahl der unter deutscher Besatzung ermordeten Kommunisten und ihrer Helfer nicht genau ermittelt werden. Allein ihre Zahl dürfte sich auf mehrere Tausend belaufen. Die Selbstschutzeinheiten wurden nach einigen Monaten entwaffnet und aufgelöst. Statt dessen stellte die Besatzungsmacht ihr unterstellte polizeiähnliche „Schutzmannschaften“ zusammen, die nicht nur für Ordnung und Sicherheit im Land sorgen sollten, sondern auch gegen sowjetische Partisanen sowie an der Front eingesetzt wurden. Angesichts des gerade erst überstandenen sowjetischen Terrors waren viele bereit, gegen den Kommunismus als das momentan größere Übel zu kämpfen. Deshalb meldeten sich zunächst Freiwillige für diese Einheiten für eine angeblich begrenzte Dienstzeit. Diese wurde jedoch später willkürlich verlängert, und mit der bloßen Freiwilligkeit war es bald vorbei. Neurekrutierungen fanden unter direktem oder indirektem Druck statt: angefangen mit Soldversprechen, über Anordnungen und letztendlich durch Einberufungen unter Androhung von Kriegsgericht.

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DIE MÖRDER VERSCHLEIERN IHR VERBRECHEN:

DER HOLOCAUST IM DEUTSCH BESETZTEN LETTLAND

Die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis im eroberten Lettland war zielgerichtet vorbereitet, eilig durchgeführt und von äußerster Brutalität geprägt – und wandte sich gegen einen alteingesessenen Teil der Bevölkerung Lettlands und seiner Bürger allein wegen ihrer Herkunft. Die Vernichtungsaktionen begannen gleich nach dem Vorstoß der deutschen Truppen auf lettisches Gebiet. Innerhalb eines halben Jahres fand der größte Massenmord auf lettischem Territorium statt. Im Baltikum wurde die von der deutschen Wehrmacht unterstützte Vernichtung der jüdischen Bevölkerung von der Einsatzgruppe A des SD unter Leitung von SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei, Walter Stachlecker, organisiert und geleitet. Drei Kommandos der Einsatzgruppe folgten der deutschen Heeresgruppe Nord. Im November 1941

übernahm der „Höhere SS- und Polizeiführer Nordrußland und Ostland,“ Friedrich Jeckeln, die Befehlsgewalt. DerHolocaustwurdevondenNationalsozialistenorganisiert, doch schrieb man ihn zynisch spontanen Affekthandlungen der einheimischen Bevölkerung ohne Beteiligung Deutscher zu und schuf damit einen Mythos. Auf Befehl wurden Einheimische gezielt bei der Verfolgung und Ermordung jüdischer Einwohner gefilmt und fotografiert. Nach Berichten des SD zerstreuten sich anfängliche Hoffnungen auf spontane Pogrome in Lettland recht bald. Zur Verbreitung des Mythos vom Holocaust in Lettland ohne deutsche Beteiligung trug nach dem Krieg die Propaganda des NKWD bei. Die Vernichtung der jüdischen Bürger Lettlands fand organisiert unter Leitung des deutschen Sicherheitsdienstes statt. Dabei wurden auf verbrecherische Weise lettische Bürger einbezogen, indem man sie zu öffentlich sichtbaren, in den vordersten Reihen stehenden Erfüllungsgehilfen der Nazis machte. Zu diesem Zweck wurden mehrere lettische Hilfspolizeieinheiten innerhalb des SD gebildet, von denen das Kommando von Viktors Arājs am längsten bestand. Zu den Massenerschießungen jüdischer Einwohner wurden

SS – SD – GESTAPO

SS („ Schutzstaffel“) – Eine Gliederung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), die 1925 zum Schutz Hitlers und der höheren Parteifunktionäre geschaffen wurde und seit 1929 dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler, unterstand. Als reinste Verkörperung der NS-Weltanschauung beanspruchte sie für sich, aus ausschließlich „rassenreinen“ Deutschen die nationalsozialistische Elite zu bilden.

SD („Sicherheitsdienst“) – Nachrichtendienst der NSDAP, der gegen politische Gegner und Parteioppositionäre eingesetzt wurde. Seit 1939 arbeitete der SD im Reichssicherheitshauptamt

zusammen mit der Gestapo („Geheime Staatspolizei“). SS und SD waren in den besetzten Ländern Osteuropas verantwortlich für die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

Gestapo („Geheime Staatspolizei“) – Die politische Polizei war ein Instrument der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland und in den von deutschen Truppen besetzten Ländern. Sie wurde dort zum Inbegriff nationalsozialistischer Unterdrückungsmethoden (Folterungen, Einweisung in Konzentrationslager, Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren). Nach dem Krieg wurden SS, SD und Gestapo in den Nürnberger Prozessen zu verbrecherischen Organisationen erklärt.

DAS KONZENTRATIONSLAGER SALASPILS (KURTENHOF)

Im Jahr 1942 wurde in Salaspils bei Riga ein Konzentrationslager für politische Gefangene und straffällig gewordene Personen eingerichtet. Es lief unter der offiziellen Bezeichnung „Erweitertes Polizeigefängnis und Arbeitserziehungslager“. Zum Aufbau des Lagers wurden Juden eingesetzt, die die Vernichtungsaktionen des Rigaer Ghettos Ende 1941 überlebt hatten. Später zählten zu den Häftlingen und Opfern des Lagers überwiegend Menschen aus Lettland und anderen Ländern des von den Nazis gebildeten Reichskommissariats Ostland sowie aus Rußland: straffällig gewordene Zivilisten, Deserteure, Kommunistenunterstützer, Angehörige der nationalen Widerstandsbewegung sowie im Rahmen der sogenannten „Banden-“ bzw. Partisanenbekämpfung verschleppte Zivilisten und Kinder. Das Lager war geprägt von schwerster Zwangsarbeit und hatte später die Funktion eines Durchgangslagers. Die Gesamtzahl der Häftlinge, die in der Zeit seines Bestehens das Lager durchlaufen haben, wird auf etwa 12.000 geschätzt. Etwa 2.000 Menschen sind hier vor allem durch Krankheiten, Schwerstarbeit sowie unmenschliche Behandlung und Strafen umgekommen. Die sowjetischen Machthaber stilisierten Salaspils später zu einem „Massenvernichtungs- und Todeslager“ mit Opferzahlen von mindestens 53.000 bis 100.000. Dies hatte ideologisch- politische Gründe, sollte doch mit der Dämonisierung der Nazis versucht werden, die Aufmerksamkeit von den eigenen

Nazis versucht werden, die Aufmerksamkeit von den eigenen Das Konzentrationslager Salaspils (Kurtenhof) nach seiner

Das Konzentrationslager Salaspils (Kurtenhof) nach seiner Niederbrennung im Herbst 1944.

Verbrechen abzulenken und die Legitimität der Sowjets als Befreier hervorzuheben sowie die im westlichen Exil lebenden Letten als Nazikollaborateure zu verunglimpfen. Am Ort des Konzentrationslagers wurde im Jahr 1967 die Gedenkstätte Salaspils eröffnet, die in keinem Besuchsprogramm ausländischer Touristen in Sowjetlettland fehlen durfte. Unweit des Konzentrationslagers Salaspils waren sowjetische Kriegsgefangene unter unmenschlichen Bedingungen unter freiem Himmel eingepfercht. Hier und an anderen Orten in Lettland kamen Zehntausende in deutsche Kriegsgefangenschaft geratene Angehörige der Roten Armee um.

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nach Möglichkeit auch Angehörige des Selbstschutzes und ortsansässige Polizisten herangezogen. Eine eigens aus Deutschland herangeschaffte spezielle Propagandatruppe versuchte schon in den ersten Tagen der deutschen Besatzung mit nationalsozialistischen rassistischen Hetzkampagnen und entmenschlichter Propaganda – durch Plakate, Ausstellungen, Broschüren, Presseartikel – die Judenvernichtung zu erklären. In den Zeitungen veröffentlichte man Bilder der Leichen von exhumierten NKWD-Opfern und bezichtigte „den jüdischen Bolschewismus“ dieser Gewalttaten. Die Juden wurden gänzlich von der Gesellschaft ausgeschlossen, entrechtet und erniedrigt. Sie mußten den Davidsstern tragen, durften Bürgersteige nicht benutzen, öffentliche Plätze und Geschäfte nicht betreten; Juden wurden zur Trümmerräumung und zur Exhumierung kommunistischer Opfer und zu anderen Arbeiten eingesetzt. Erste Judenvernichtungsaktionen gab es bereits von Juli bis September 1941, vor allem in Riga, Daugavpils (Dünaburg), Liepāja (Libau) und vielen Kleinstädten. Für die Rigaer Juden, die noch am Leben waren, wurde im September in der Moskauer Vorstadt ein eingezäuntes bewachtes Ghetto gebildet. Nach dem Eintreffen von Jeckeln in Lettland nahm man die Massenerschießungen von Juden wieder auf. In zwei nächtlichen Aktionen, am 30. November und am 8. Dezember 1941, wurden unter seiner persönlichen Führung etwa 25.000 Menschen aus dem Rigaer Ghetto ins unweit der Stadt gelegene Rumbula gebracht und

erschossen. Zwischen dem 15. und 17. Dezember wurden etwa 2.500 Juden aus Liepāja (Libau) ermordet. Damit war bereits einen Monat vor der berüchtigten Wannsee-Konferenz, auf der die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde, die jüdische Bevölkerung Lettlands nahezu vollständig ausgelöscht. Rund 70.000 Menschen waren ihr zum Opfer gefallen. Darüber hinaus wurden etwa 25.000 Juden aus Deutschland, ÖsterreichundderTschechoslowakeinachLettlandverschleppt, von denen sicher 20.000 hier umgebracht wurden. 1943 wurde das Rigaer Ghetto geschlossen und die übriggebliebenen arbeitsfähigen Menschen in Konzentrationslager, insbesondere „Kaiserwald“ bei Riga und Dundaga in Kurland (Westlettland), gebracht. Die noch lebenden Häftlinge wurden 1944 nach Deutschland verschleppt. Die plötzliche, umfangreiche und unerhörte Verfolgung und Ermordung der Juden weckte bei vielen Menschen Mitleid, das von offiziellen Instanzen und in der Presse verurteilt wurde. Über 400 Juden wurden von lettischen Mitbürgern gerettet. Mehrere Helfer wurden, weil sie Juden versteckt hatten, bestraft. Mehr als einhundert Letten erhielten von der israelischen Regierung die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern.“ Durch den nationalsozialistischen Genozid wurde die jahrhundertelange Geschichte der jüdischen Minderheit in Lettland brutal beendet. Innerhalb weniger Jahre verlor die lettische Gesellschaft so einen weiteren historisch, kulturell, wirtschaftlich und politisch bedeutsamen Bevölkerungsteil.

DAS „KOMMANDO ARĀJS“

Schon in den ersten Julitagen 1941 beauftragte der Befehlshaber der Einsatzgruppe A der Sicherheitspolizei und des SD, Walter Stahlecker, den ehemaligen Leutnant der lettischen Polizei, Viktors Arājs, mit der Zusammenstellung eines dem SD unterstellten Sonderkommandos der lettischen Hilfspolizei. Dieses eignete sich gut für das Vorhaben der Nazis, Einheimische in die Vernichtungs- bzw. wie es in ihrer Terminologie hieß „Selbstreinigungsaktionen“ einzubinden, während sie sich selbst möglichst unsichtbar im Hintergrund halten konnten. Das Kommando Arājs war beteiligt an inszenierten Pogromen, die mit dem Niederbrennen der großen Choralsynagoge am 4. Juli in Riga ihren Anfang nahmen, sowie an der systematischen Vernichtung von Juden und Roma zunächst in Riga und später in ganz Lettland. Nach Berechnungen des Historikers Andrievs Ezergailis ist das Kommando Arājs für die

Ermordung von insgesamt etwa 26.000 Menschen verantwortlich, darunter etwa 2.000 Roma und geistig behinderte Menschen sowie etwa 2.000 kommunistische Aktivisten. Dem Kommando gehörten anfangs etwa 100 Freiwillige an, darunter viele, die durch die nicht lange zurückliegenden sowjetischen Repressionen Angehörige verloren hatten. Ende 1941 umfaßte die Truppe ca. 300 Mann. Im Jahr 1942, als die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Lettland bereits abgeschlossen war, stieg ihre Zahl auf nahezu 1.200. Wie Studien belegen, traten mit der Zeit viele aus Berechnung in das Kommando ein, um zum Beispiel den direkten Kriegs- oder Arbeitsdienst zu umgehen. Angehörige des Kommandos waren als Wachmannschaften im Konzentrationslager Salaspils/Kurtenhof, aber auch außerhalb Lettlands eingesetzt. In Polen, Weißrußland und der Ukraine war das Kommando Arājs an Judenvernichtungsaktionen und an der Bekämpfung sowjetischer Partisanen beteiligt.

JUDEN UND LETTEN

Die ersten Juden sind Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts in das Gebiet des späteren Lettland eingewandert. Im Westen, im Herzogtum Kurland, ließen sich überwiegend Händler und Handwerker nieder, im Osten, im zu Polen gehörenden Lettgallen (Latgale), eher Leute, die vor Pogromen in Rußland Zuflucht gesucht hatten. Der jüdische Historiker Leo Dribins hebt anerkennend die tolerante Haltung der lettischen Bauern gegenüber den Juden hervor. Zu vereinzelten Fällen von Antisemitismus in der lettischen Gesellschaft kam es erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Anders als in Rußland gab es in Lettland in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts keinerlei antijüdische Pogrome. Der Antisemitismus in Rußland war vor allem eine Form der Politik der Zarenregierung und nationalistischer russischer Kreise. Nahezu alle in Lettland lebenden Juden verfügten über die lettische Staatsbürgerschaft. Sie genossen offiziellen Minderheitenstatus

und Kulturautonomie. Bis zum Verlust der Unabhängigkeit 1940 existierte ein breites Netz an jüdischen Bildungseinrichtungen. Die Juden waren mit eigenen Abgeordneten in der Saeima vertreten und hatten regen Anteil am Wirtschafts- und Kulturleben Lettlands. Wie andernorts in Europa kam in den zwanziger und dreißiger Jahren auch in Lettland ein sowohl wirtschaftlicher wie auch rassischer Antisemitismus auf. Mehrere Organisationen, darunter die extrem nationalistische Pērkonskrusts (Donnerkreuz), vertraten offen antisemitische Ansichten. Dennoch genossen die Juden in Lettland immer den Schutz des Staates, selbst unter der autoritären Alleinherrschaft von Kārlis Ulmanis. Seine Regierung schränkte gewiß die Kulturautonomie der jüdischen Gemeinde und mit der Forcierung seiner Idee eines Staatskapitalismus die wirtschaftlichen Möglichkeiten jüdischer Unternehmer ein, doch sie verbot auch zahlreiche antisemitische Hetzschriften und Organisationen, darunter die Pērkonskrusts. Während zahlreiche Staaten in den dreißiger Jahren ihre Tore vor ihnen verschlossen, nahm Lettland mehrere Tausend deutsche Juden auf und bürgerte sie ein.

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ŽĪDS / EBREJS

Seitdem Lettland 1991 seine staatliche Unabhängigkeit wiedererlangte, tauchte in der wissenschaftlichen wie öffentlichen Diskussion immer wieder die Frage auf, mit welchem Namen die jüdische Bevölkerung des Landes bezeichnet werden sollte. Bis 1940 war in der Literatursprache die Bezeichnung žīds üblich gewesen, die im Lettischen nicht negativ belegt war und etymologisch der im Polnischen, Litauischen und anderen Sprachen verwendeten Bezeichnung entspricht. Unter der sowjetischen Besatzung 1940/41 wurde im offiziellen Sprachgebrauch bereits die russische Bezeichnung ebrejs verwendet. Unter den Nationalsozialisten tauchte das lettische žīds im Zusammenhang mit antijüdischen Hetzkampagnen auf, insbesondere in der Verbindung „jüdischer Bolschewik.“ Eben weil im russischen Wort žīd eine negative und diskriminierende Nebenbedeutung mitschwingt, bürgerte sich nach dem Krieg die Bezeichnung ebrejs in der lettischen Sprache ein. Nach der Vernichtung nahezu der gesamten jüdischen Bevölkerung Lettlands durch die Nationalsozialisten sprachen die jüdischen Zuwanderer aus anderen Sowjetrepubliken vorwiegend Russisch und bezeichneten sich wie in Rußland selbst als ebreji. Ein Teil der alteingesessenen jüdischen Bevölkerung Lettlands, darunter auch Juden, sowie außerhalb Lettlands lebende Letten bestehen heute auf der alten Bezeichnung žīds mit dem Argument, daß das ursprüngliche lettische Wort keinerlei negative Konnotation habe. Die Vertreter der jüdischen Gemeinde in Lettland lehnen diese Bezeichnung jedoch ab. In der Presse und Öffentlichkeit wie auch im Okkupationsmuseum wird die Bezeichnung ebrejs benutzt.

im Okkupationsmuseum wird die Bezeichnung ebrejs benutzt. Titelblatt des Buches Baigais gads (Das Schreckensjahr).

Titelblatt des Buches Baigais gads (Das Schreckensjahr).

JĀNIS (ŽANIS) LIPKE (1900–1987)

Jānis Lipke, besser bekannt unter dem Namen Žanis, Hafenarbeiter in Riga, arbeitete in den ersten Kriegsmonaten mit jüdischen Zwangsarbeitern zusammen und entschloß sich, sie in einem für diesen Zweck eingerichteten Bunker in seinem Haus und später auch bei Freunden zu verstecken. Auf diese Weise hat er 53 Menschen das Leben gerettet. Das Holocaust-Museum in Jerusalem hat Lipke und seine Frau Johanna mit einer Gedenkmedaille geehrt. In der „Straße der Gerechten“ in Jerusalem wurde für Lipke ein Baum gepflanzt. In Riga ist eine Straße nach ihm benannt. An seinem Haus wurde eine Gedenktafel angebracht. Hier wird eine Gedenkstätte eingerichtet.

angebracht. Hier wird eine Gedenkstätte eingerichtet. Vom Staat Israel ausgestellte Ehrenurkunde für Pauls

Vom Staat Israel ausgestellte Ehrenurkunde für Pauls Krūmiņš, der „sein Leben für die Rettung jüdischer Mitbürger riskiert hatte.“

DAS ScHREcKENSJAHR

Die Erschütterung und Trauer der Bevölkerung in Bezug auf die immer offensichtlicher zutage tretenden, im Jahr 1941 begangenen brutalen Verbrechen der sowjetischen Besatzungsmacht wurde von der Propaganda der Nationalsozialisten im Dienste ihrer rassistischen Ideologie und Hetze ausgenutzt. Am deutlichsten wird dies im 1942 in lettischer und 1943 in deutscher Sprache erschienenen Buch Das Schreckensjahr. Darin wird der sowjetische Terror mit Hilfe von Fotos exhumierter Leichen von NKWD- Opfern gezeigt. Diese werden als Opfer der „Juden–Bolschewiken“ instrumentalisiert, um auf diese Weise die Juden als Schuldige an den kommunistischen Verbrechen hinzustellen und sie als Feinde des lettischen Volkes zu dämonisieren. Zahlreiche Fotos der Publikation sind tendenziös ausgewählt, retuschiert und kommentiert.

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ALLE MACHT DEM EROBERER:

DIE DEUTSCHE ZIVILVERWALTUNG IM REICHSKOMMISSARIAT OSTLAND

Zur Verwaltung der eroberten Gebiete und ihrer optima- len Ausnutzung im Dienste der nationalsozialistischen Kriegszielpolitik und der langfristigen Kolonisierungs- pläne wurde die deutsche Militärverwaltung von einer nicht weniger strengen Zivilverwaltung abgelöst. Zu diesem Zweck schuf die Naziführung ein völlig neues administratives Gebilde unter der Bezeichnung Reichskommissariat Ostland, welches die Territorien der baltischen Staaten als sogenannte Generalbezirke sowie große Teile Weißrußlands einschloß. Obwohl die Verwaltungsgrenzen der Generalbezirke den Staats- grenzen entsprachen, wurde die Verwendung der Staats- namen Estland, Lettland und Litauen bewußt vermieden. Mit der Schaffung einer deutschen Zivilverwaltung begannen die Nationalsozialisten, als am 17. Juli 1941 auf Befehl Hitlers das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete unter Reichsleiter Alfred Rosenberg ins Leben gerufen wurde. Als Reichskommissar für das Ostland war bereits der NSDAP- Funktionär Hinrich Lohse eingesetzt worden. Deutsche Staatsgesetze wurden den besetzten Gebieten angepaßt. Lohse war ein strikter Befürworter der nationalsozia- listischen Linie. Die von ihm geleitete Zivilverwaltung kontrollierte sämtliche lettischen Institutionen, darunter die sogenannte Landesselbstverwaltung, und verhinderte jegli- che Ideen für eine Erneuerung der Selbstbestimmung. Auch die wichtigen Fragen der Nazipolitik im Ostland entschied das Reichskommissariat und kam dabei zuweilen mit Himmlers SS wie mit Rosenbergs Ministerium in Konflikt, insbesondere was die Judenvernichtungsaktionen sowie den Einfluß der militärischen und zivilen Mobilisierung

Der Reichskommissar für das Ostland Hinrich Lohse mit „Reichsführer“ Adolf Hitler.

Ostland Hinrich Lohse mit „Reichsführer“ Adolf Hitler. auf die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Ausbeutung des

auf die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Ausbeutung des Ostlandes, aber auch Fragen über eine mögliche Autonomie Lettlands betraf. Ab dem 1. September 1941 übernahm die Zivilverwaltung nach und nach die Verwaltungsaufgaben von den Militärbehörden. Die von Lohse geführte Behörde mit Hauptsitz in Riga bestand aus vier Abteilungen: dem Zentralamt, der Politik-, der Wirtschafts- und der technischen Abteilung. Die nächste Ebene des Verwaltungsapparats im Baltikum bildeten die drei Generalbezirke in Tallinn (Reval), Riga und Kaunas (Kauen). Sie führten die Aufsicht über die deutsche und die landeseigene Verwaltung. Generalkommissar des Generalbezirks Lettland war der Nationalsozialist Otto-Heinrich Drechsler. Die unterste Verwaltungsebene in Lettland bildeten 5 Kreisgebiete mit Gebietskommissaren an der Spitze, die direkt dem Generalkommissar unterstellt waren und die örtlichen landeseigenen Verwaltungen überwachten. Zu Beginn des Jahres 1944 arbeiteten etwa 2.000 Deutsche im zivilen Verwaltungsapparat des Reichskommissariats Ostland, hinzu kamen weitere Mitarbeiter in Weißrußland. Hitler und Rosenberg lehnten den Einsatz von Deutschbalten in der unmittelbaren politischen Führung des Reichskommissariats ab. Die zurückkehrenden Deutschbalten waren deshalb vorwiegend im Militär oder in der Wirtschaft tätig.

KRIEGSBEUTE:

DIE WIRTSCHAFT LETTLANDS IM DIENSTE GROSSDEUTSCHLANDS

Die Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten in Lettland und im gesamten Baltikum wurde von den kriegswichtigen Bedürfnissen und den deutschen Kolonisierungsvorhaben bestimmt. Die Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung Lettlands spielten dabei eine untergeordnete Rolle und wurden nur soweit berücksichtigt, wie es notwendig war, um sich die relative Gewogenheit der einheimischen Bevölkerung zu sichern. Da sie Lettland als besetztes Territorium der Sowjetunion betrachteten, erklärten die Nationalsozialisten den von den Sowjets verstaatlichten Besitz von Anfang an zur Kriegsbeute. Zur ihrer Verwaltung wurde eigens eine spezielle Behörde gegründet, in deren Fond auch enteigneter jüdischer Besitz aufgenommen wurde. Größere Unternehmen oder zumindest ihre Verwaltung kamen in die Hände deutscher Firmen. Die 1943 eingeleitete teilweise Erneuerung des Rechts auf Privatbesitz diente propagandistischen Zwecken. Große Mengen an Lebensmitteln und anderer Waren wurden nach Deutschland gebracht oder zur Versorgung des deutschen Militärs verbraucht, während der einheimischen Bevölkerung nur minimale Vorräte blieben.

einheimischen Bevölkerung nur minimale Vorräte blieben. Anordnung über die Einrichtung und den Aufbau einer

Anordnung über die Einrichtung und den Aufbau einer deutschen Gerichtsbarkeit im Ostland vom 6. Oktober 1941.

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Die Landwirte hatten Pflichtablieferungen zu leisten. Lebensmittelkarten wurden eingeführt, wobei die Rationen in den baltischen Ländern kleiner festgesetzt waren als in Deutschland selbst und unter dem damaligen Existenzminimum lagen. Die Industrie produzierte überwiegend für Deutschland, und die Wehrmacht und versorgte die einheimische Bevölkerung nur mit einem Minimum an Konsumgütern. Die deutsche Wirtschafts- und Geldpolitik sorgte für einen Abfluß von Waren aus Lettland, zum einen durch die Festlegung unverhältnismäßig hoher deutscher Valutakurse gegenüber der einheimischen Währung sowie das Einfrieren der Preise, zum anderen, indem Waren für den deutschen Bedarf in Lettland etwa um die Hälfte günstiger bezogen werden konnten als in Deutschland. Die Ausplünderung der lettischen Wirtschaft erreichte im letzten Teil des Krieges ab 1944 ihren Höhepunkt, als Fabrikanlagen nebst den oft erst halbfertigen Erzeugnissen nach Deutschland verbracht wurden. Alles, was nur irgendwie evakuiert werden konnte, wurde fortgebracht. Was zurückblieb, wurde gesprengt bzw. auf andere Art zerstört.

Ablieferungs-

karte für Eier und Geflügel 1943/44.

Ablieferungs- karte für Eier und Geflügel 1943/44. DAS BALTIKUM WIRD WIEDER DEUTSCH: NATIONALSOZIALISTISCHE

DAS BALTIKUM WIRD WIEDER DEUTSCH:

NATIONALSOZIALISTISCHE PLÄNE FÜR DAS BALTIKUM

Langfristiges Ziel der nationalsozialistischen deutschen Besatzungsmacht war es, die Territorien der baltischen Staaten zu kolonisieren, zu germanisieren und an ihr Großdeutschland anzuschließen. Doch die Entwicklung der militärischen und politischen Lage im Laufe des Krieges ließ sie von einer Verwirklichung dieser Pläne abrücken. Die deutschen Interessen im Baltikum waren sowohl von weltpolitischen als auch historischen Überlegungen geprägt. Die Nationalsozialisten vertraten die Drang-nach-Osten- Ideologie, die die Schaffung von deutschem Lebensraum im Osten durch Verdrängung der dort lebenden Völker vorsah. In den Territorien Estlands und Lettlands hatten die Deutschen schon bei den Eroberungen im 13. Jahrhundert in Stadt und Land den Ton angegeben. Sie hatten ihren Einfluß auch unter den wechselnden polnischen, schwedischen und russischen Herrschern halten können und ihn erst mit der Gründung der unabhängigen Republiken Estland und Lettland vollständig verloren. Eine Kolonisierung des Baltikums bot nun die Möglichkeit, diesen Einfluß wiederzugewinnen.

Zwischen1940und1943wurdeeinmehrfachumgearbeiteter

sogenannter Generalplan Ost erstellt, der vorsah, die eroberten Gebiete an „Großdeutschland“ anzuschließen, deutsche Kolonisten an- und rassisch Unerwünschte nach Rußland umzusiedeln und alle anderen zu germanisieren und zu assimilieren. Sobald der Krieg abgeschlossen sein würde, sollten etwa 160.000 deutsche Kolonisten mit Privilegien ausgestattet und in Lettland angesiedelt werden. Wegen der sich verschlimmernden Kriegslage kam es nicht zur Weiterentwicklung dieser Pläne. Die abgesteckten Ziele, aber auch die von der Kriegslage diktierten Realitäten bestimmten die tatsächliche Politik der Nationalsozialisten. Bis zum Kriegsende machte die Naziführung keine Abstriche an ihrem Endziel und ließ die Bemühungen der lettischen Elite um eine Erneuerung der Unabhängigkeit ins Leere laufen. Für eine gewisse, wenn auch

schwankende Loyalität der lettischen Eliten sorgten direkte oder indirekte Drohungen, vage und zweideutige Zugeständnisse und gelegentliches Entgegenkommen, auf lettischer Seite aber auch Ängste vor einer Rückkehr des sowjetischen Terrors und Hoffnungen auf eine günstige politische Nachkriegsordnung mit Hilfe der westlichen Alliierten. Echtes Vertrauen gab es weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Davon zeugen Dokumente der Nazis, die in der Vorbereitungsphase der Besetzung die Umsiedlung von 30.000—40.000 mutmaßlich „anglophilen“ Vertretern der lettischen Intelligenz nach Rußland vorsah, andererseits das im Jahre 1944 von 190 Angehörigen der Intelligenz verabschiedete Memorandum für Wiederherstellung der Souveränität Lettlands. Um ihre langfristigen Ziele zu erreichen, ging es den Nationalsozialisten maßgeblich darum, das Territorium von Kommunisten und rassisch unliebsamen Bevölkerungsteilen zu befreien und die übrigen auf eine Germanisierung vorzubereiten. Ihre „Säuberungspläne“ stützten sich vor allem auf die nationalsozialistische Rassentheorie, die die Volksgruppen nach ihrer „rassischen Wertigkeit“ abstufte. Damit versuchten die Besatzer, die unterschiedlichen Volksgruppen in Lettland auf verschiedene Art und Weise zu manipulieren, gegeneinander auszuspielen und für ihre Zwecke einzuspannen. Gleich nach der Besetzung waren Juden und Roma als „rassisch absolut minderwertig“ der Vernichtung preisgegeben und umgebracht worden. Die Nationalsozialisten unterstützten das Streben der als rassisch minderwertiger eingestuften, in der an Rußland grenzenden Region Latgale lebenden Lettgaller nach Kulturautonomie, um sie dadurch von den übrigen Letten abzusondern und später leichter umsiedeln oder vernichten zu können. Der rassische Status der Letten und damit ihre „Eindeutschungsfähigkeit“ war zunächst niedriger angesetzt als der der Esten und höher als der der Litauer. Die Letten wurden allerdings im Laufe der Besatzungszeit aus hauptsächlich pragmatischen Gründen, nämlich dann als ihr Einsatz im „totalen Krieg“ notwendig erschien, höher eingestuft.

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HERRENVOLK – HERRENKULTUR:

GERMANISIERUNGS- UND KOLONIESIERUNGSPOLITIK

Die nationalsozialistische Kulturpolitik zielte ab auf die Unterdrückung des lettischen nationalen Selbstbewußtseins und der lettischen Kultur und auf ihre Unterwerfung unter die nationalsozialistische Ideologie bei gleichzeitiger Aufwertung alles Deutschen. Das zunehmende Abrücken der Deutschen von dieser Politik in der letzten Phase der Besatzung war der Notwendigkeit geschuldet, die patriotischen Gefühle der Letten für die deutschen Zwecke auszunutzen. Die Unterdrückung alles Nationalen begann bald nach der Besetzung: Unabhängigkeitsbemühungen wurden untersagt, die Begriffe „Lettland“ und „lettisch“ bewußt vermieden bzw. totgeschwiegen, das Begehen nationaler Feier- und Gedenktage verboten. Ähnlich wie die Kommunisten benannten auch die Nationalsozialisten die Straßen der Städte nach ihren Helden. So wurde aus der einstigen Freiheitsstraße in Riga (Brīvības iela) die Adolf-Hitler- Straße.

in Riga ( Brīvības iela ) die Adolf-Hitler- Straße. Verordnung zur Umbenennung von Straßen, Plätzen und

Verordnung zur Umbenennung von Straßen, Plätzen und Parks in Riga vom 1. Mai 1942. Zahlreiche Straßen wurden nach Naziführern und deutschen Imperialisten benannt.

nach Naziführern und deutschen Imperialisten benannt. Gedenktafel zur 500-Jahrfeier der Stadt Bauska. Auch durch

Gedenktafel zur 500-Jahrfeier der Stadt Bauska.

Auch durch die Art der öffentlichen Präsentation – mit Plakaten, Fahnen, Symbolen, Massenveranstaltungen und Führerverehrung – erinnerte die nationalsozialistische Propaganda an die der Kommunisten. Offizielle Korrespondenz hatte in deutscher Sprache zu erfolgen. Deutsch wurde als Pflichtfach in den Schulen zur ersten Fremdsprache. Öffentliche Bekanntmachungen erschienen zweisprachig auf deutsch und lettisch. Die Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Bücher war länger als die der sowjetischen Besatzung im Jahre 1940/41und enthielt teilweise die gleichen Titel, insbesondere Bücher, die im unabhängigen lettischen Staat erschienen waren. Lettische Schriftsteller und Künstler, die von den Sowjetbehörden unterdrückt worden waren, konnten, wenn auch kontrolliert, weiter arbeiten. Diese Möglichkeiten blieben denjenigen, die mit dem bisherigen Regime kooperiert hatten, verschlossen. Publikationen und Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte unterlagen der Zensur. Alles Deutsche war besonders hervorzuheben. Zunächst beabsichtigten die Nationalsozialisten, Presse- und Literaturpublikationen allmählich einzuschränken und gute Literaturwerke möglichst in deutscher Sprache und in deutschen Verlagen zu veröffentlichen. In der Endphase der Besatzung, als die Unterstützung der Letten im Krieg vonnöten war, ließen die Nazis kontrolliert mehr und mehr Ausdrucksformen zu, die an die nationalen Gefühle appellierten. In den Werken lettischer Künstler waren Nationalismus oder nationalsozialistische Führerverehrung und Antisemitismus selten und nur anfangs anzutreffen, meistens entsprach die aktuelle Thematik dem politischen Zeitgeist: die kommunistische Gewalt im Schreckensjahr, Vaterlandsliebe, Heldentum im Kampfe mit dem Feind. Für eine besondere patriotische und dem Zeitgeist entsprechende emotionale Aufwallung der Nation sorgte das von Andrejs Eglītis geschriebene und von Lūcija Garuta komponierte Kantaten-Gebet „Dievs, Tava zeme deg!“ (Gott, deine Erde brennt), welches am 15. März 1944 in der Gertrudenkirche in Riga uraufgeführt wurde.

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KEIN EIGENER STAAT – KEINE EIGENE REGIERUNG:

DIE OHNMÄCHTIGE „LANDESSELBSTVERWALTUNG“

Um den Eindruck zu vermitteln, die einheimische Bevölkerung werde an der Macht beteiligt, legte die deutsche Besatzungsverwaltung großen Wert darauf, eine gehobene Institution zu etablieren, die nach außen hin den Anschein einer eigenen Regierung erweckte. Sie sollte Verwaltungsaufgaben wahrnehmen, jedoch nicht über tatsächliche Entscheidungsbefugnisse verfügen und von willfährigen Personen geführt werden, die aber doch ein gewisses Vertrauen in der Bevölkerung genießen würden. Ende 1941 wurde zu diesem Zwecke die sogenannte Landesselbstverwaltung, bestehend aus gesonderten Generaldirektorien, begründet. Einige Generaldirektoren waren Menschen, die bereits während der Eigenstaatlichkeit Lettlands bekannt waren. Ihre Mitarbeit im Verwaltungsapparat der nationalsozialistischen Besatzungsmacht war zweischneidig. Sie waren vollständig an deutsche Weisungen gebunden, konnten aber gelegentlich bewirken, daß Lettland von den Besatzern etwas weniger Schaden zugefügt wurde. Ihre Zusammenarbeit erweckte den Eindruck, die Bevölkerung unterstütze die Besatzungsmacht, obwohl die Generaldirektoren oft

genug protestierten und im Interesse der Bevölkerung Selbständigkeit demonstrierten. Es war den Generaldirektoren untersagt, Beschlüsse zu treffen, gemeinschaftlich tätig zu werden sowie Fragen politischer Art zu behandeln, die ausschließlich den nationalsozialistischen Besatzungsbehörden vorbehalten waren. Auf gelegentliche Verstöße dagegen folgten heftige Zurechtweisungen. Der Generaldirektor für Rechtsfragen, Alfreds Valdmanis, wurde nach Deutschland gebracht, nachdem er Anfang 1943 von den nationalsozialistischen Machthabern im Gegenzug für die Gründung der Lettischen Legion die Anerkennung der Unabhängigkeit Lettlands eingefordert hatte. Den Generaldirektoren war erlaubt, in eng begrenztem Maße Rechtsfälle zu leiten sowie Fragen der Landwirtschaft, Erziehung, des Verkehrs, der Kultur und anderer innerer Angelegenheiten lokaler Art zu behandeln. Aber auch in diesen genannten Bereichen entschied die Besatzungsmacht über die wichtigeren Dinge wie etwa die Lebensmittelverteilung, die materielle Versorgung, die Höhe von Abgaben und Löhnen, den Arbeitsdienst, indem sie parallel zur Selbstverwaltung arbeitete und dieser die zu befolgenden Entscheidungen vorgab. Die Selbstverwaltung stellte zusammen mit der deutschen Zivilverwaltung mit dem Vormarsch der Roten Armee auf Lettland im September 1944 ihre Arbeit ein. Bis zum Kriegsende kam das nicht von der Roten Armee besetzte Territorium erneut hauptsächlich unter die Verwaltung von Wehrmacht und SS.

GRATWANDERUNG:

BEWUSSTWERDEN DER OPFER DER KOMMUNISTEN UND WOHLFAHRTSPFLEGE

Im Rahmen der von den Besatzungsbehörden stark eingeschränkten Möglichkeiten gründeten die Letten eigene Organisationen, um das patriotische Selbstbewußtsein zu stärken und der unter den Besatzungs- und Kriegsbedingungen leidenden Bevölkerung zu helfen. Besonders bedeutend waren die Arbeit an der Aufklärung der Verbrechen des kommunistischen Regimes und die Wohlfahrtspflege. Um die Greueltaten des NKWD zu dokumentieren, arbeitete mit deutscher Erlaubnis die patriotische Jugendorganisation Nationaler Schutz (Nacionālā sardze) im ehemaligen NKWD-Gebäude. In den drei Jahren ihrer Tätigkeit dokumentierten die Mitarbeiter des Nationalen SchutzesdieEreignissedersowjetischenBesatzung.Nachdem sie die Dokumentation für Propagandazwecke ausgenutzt hatten, widmeten die Besatzungsbehörden der Erforschung der Verbrechen des NKWD keine Aufmerksamkeit mehr. Dennoch propagierte die offizielle Presse bis zum Kriegsende die kommunistischen Greueltaten immer wieder und schürte somit die Angst vor einer Rückkehr der Kommunisten. Ein Teil der vom Nationalen Schutz zusammengetragenen Materialien befindet sich heute im Okkupationsmuseum. Die Volkshilfe (Tautas palīdzība) nahm ihre Arbeit im Spätherbst 1941 auf, indem sie Organisationen aus der Zeit des freien lettischen Staates wie das lettische Rote

Zeit des freien lettischen Staates wie das lettische Rote Modris Gulbis, Mitglied des Nationalen Schutzes, bei

Modris Gulbis, Mitglied des Nationalen Schutzes, bei der Sichtung von Dokumenten im NKWD-Gebäude in Riga.

Kreuz und das lettische Frauenhilfskorps vereinigte. Die Volkshilfe unterhielt mehrere Krankenhäuser, Sanatorien, Kindergärten und Sommerlager für Kinder. So unterstützte sie Menschen, die unter dem bolschewistischen Terror und den Kriegshandlungen des Jahres 1940/41 gelitten hatten, lettische Frontsoldaten und kinderreiche Familien. Die Volkshilfe sorgte auch für die Identifizierung und Registrierung der Opfer der sowjetischen Besatzung. Die von der Volkshilfe erstellte Kartei diente als Grundlage für die 1952 in Stockholm vom Lettischen Nationalfond herausgegebenen Listen mit den Namen der während der ersten sowjetischen Besatzung deportierten Menschen.

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KOLLABORATION waren die weltpolitischen Faktoren – der Aufstieg aggressiver totalitärer Ideologien in Europa, die Machtlosigkeit der westlichen Demokratien und die unklare Sicherheitslage der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen kleineren Staaten Europas. Im Kontext der Kollaboration der vierziger Jahre im Baltikum steht die in Westeuropa kaum wahrgenommene Aufeinanderfolge dreier Okkupationen und der destruktive Krieg fremder Mächte, welche Lettland und seine beiden baltischen Nachbarvölker durchzustehen hatten und die Bevölkerung vor ein existentielles moralisches Dilemma stellte. Weder dem nationalsozialistischen Deutschland noch der kommunistischen Sowjetunion, deren konspirative Zusammenarbeit zur Besetzung des Baltikums durch die Sowjetunion 1940 geführt hat, war an der Freiheit der drei Nationen gelegen. Hitlers totaler Krieg hat daran nichts geändert. Beide totalitären Großmächte wollten die baltischen Staaten niederhalten und für ihre Zwecke nutzbar machen. Was sich nicht nur an der grausamen Bekämpfung und Unterdrückung des nationalen Widerstandes zeigt, sondern auch an der zynischen Manipulation und Ausnutzung nationaler Gefühle. Beide Besatzungsmächte forderten die Kollaboration und nutzten jede Gelegenheit, um mit Drohungen, List und Zugeständnissen zum

Erfolg zu kommen. Dies brachte die nationalen Eliten in eine denkbar schwierige Situation, denn ihnen vertraute weder die eine noch die andere Besatzungsmacht. Die von den Sowjets 1941 durchgeführte MassendeportationrichtetesichvorallemgegendieElitenLettlands. Die Nationalsozialisten dagegen drohten – in Anspielung einerseits auf die Aktionen der Sowjets, anderseits auf ihre Abrechnung mit den tschechischen und polnischen Eliten – mit möglichen Deportationen und anderen Repressionen, um sich zumindest eine minimale Unterordnung zu sichern und auf möglichst geringen Widerstand zu stoßen. Half das allein nicht, so waren Gefängnis und Konzentrationslager überzeugende Argumente. Meist genügten jedoch die Drohungen und das In-Erinnerung- Rufen der sowjetischen Terrormethoden. Daher begaben sich die nationalen Eliten vor der Rückkehr der sowjetischen Machthaber mehrheitlich auf die Flucht und befanden sich nach dem Krieg im Westen, während ein kleiner sowjetisierter und dem Regime höriger Teil der Eliten aus der Sowjetunion zurückkehrte und seine Arbeit in Lettland fortsetzte. Unter diesen Umständen ist bei der Bewertung der Kollaboration auch die Problematik der „Entscheidung für das größere oder kleinere Übel“ zu berücksichtigen. Für die jüdische Bevölkerung Lettlands stellte die Sowjetmacht ohne Zweifel das kleinere Übel dar. Der nationalsozialistische Terror konzentrierte sich voll und ganz auf sie im allgemeinen. Nach dem kommunistischen Terror erschienen vielen Letten dagegen die Unterdrückungsmechanismen der Nationalsozialisten weniger brutal und eine Zusammenarbeit auf die eine oder andere Weise im Kampf gegen das als solches wahrgenommene größere kommunistische Übel eher annehmbar. Letztendlich gilt es auch den Zeitfaktor zu berücksichtigen. Nach dem Ende der schlimmsten Formen des stalinistischen Terrors und des bewaffneten Widerstandes, aber auch mit den enttäuschten Hoffnungen auf Hilfe aus dem Westen, wurde die Okkupation gewissermaßen zur „Normalität“. Eine neue Generation trat ins gesellschaftliche Leben, und das Regime war etwas beweglicher geworden. Deshalb ist es äußerst schwierig, die verschiedenen Formen des Nebeneinanders von Kollaboration und Widerstand zu bewerten, einerseits ein Rädchen des aufgedrängten Systems zu sein, andererseits aber doch jede sich bietende Gelegenheit zu wenn auch nur winzig kleinem, eher gewaltlosem geistigen Widerstand zu nutzen. Ein neuer nationaler gesellschaftlicher und politischer Gemeinschaftssinn und eine Identität können sich im wiedererstandenen Lettland nur herausbilden, wenn die in der Besatzungszeit und durch ihre Regime hervorgebrachten gesellschaftlichen Gegensätze ausgewertet, begriffen und überwunden werden. Kollaboration und Widerstand gehören dazu.

ab1940mitdensowjetischenMachthabern,aberauchviele,diespäter

mit den nationalsozialistischen Besatzern zusammengearbeitet hatten. Zu Beginn der sowjetischen Herrschaft waren sich die Kollaborateure nicht über den Charakter des Regimes im klaren, bei dem sie selbst später in Ungnade fielen. Der in einem Jahr unter sowjetischer Besatzung erlebte Terror hatte die Bereitschaft zur Kollaboration in der Zeit der deutschen Besatzung begünstigt, was die Nationalsozialisten schamlos für ihre Zwecke ausnutzten. Unter der zweiten sowjetischen Besatzung begründeten viele, besonders die sogenannten Nationalkommunisten, ihre Tätigkeit im kommunistischen Partei- und Verwaltungsapparat mit dem Wunsch nach einer Verbesserung der Lage der Letten gegenüber den Zuwanderern aus den Sowjetrepubliken. Deshalb ist jede Gleichsetzung von Kollaboration mit Verrat relativ und nicht selten vom Blickwinkel des Betrachters und seinem historischen Abstand abhängig. Im Falle Lettlands gilt es zudem bei der Bewertung des Begriffs Kollaboration auch die Vorgeschichte und den historischen Kontext zu berücksichtigen. In der kurzen Zeit der Unabhängigkeit Lettlands hatte sich eine gefestigte Tradition des demokratischen Umgangs zwischen Staat und Bevölkerung als gesellschaftlichem Integrations- und Stabilisierungsfaktor nur in Ansätzen herausbilden können. Von noch größerer Bedeutung

Jede Okkupation geht einher mit Kollaboration und Widerstand. Unter dem Begriff Kollaboration wird gemeinhin die Zusammenarbeit mit einem Feind bzw. einer Besatzungsmacht im eigenen Staate verstanden. Im Gegensatz zur Kollaboration steht der Widerstand. Das mögliche Spektrum von Widerstand wie auch von Kollaboration ist breit gefächert, schrumpft aber in Extremsituationen zusammen, wenn die Besatzung von Gewalt begleitet wird und eine neutrale oder abwartende Haltung nicht zuläßt. In ihrer gesteigerten Form – besonders im Krieg und unter gewaltsamer Besatzung –, in ihrer Extremform auch als Kollaborationismus bezeichnet, wird Kollaboration zum Verrat, insbesondere in den Augen jener, die dem Feind bzw. der Besatzungsmacht aktiv Widerstand leisten oder geleistet haben. Zum Inbegriff für einen solchen Verräter ist der nach dem Krieg wegen Kollaboration mit den Nationalsozialisten zum Tode verurteilte norwegische Politiker Viskun Quisling geworden. In Lettland verurteilten die nationalen Partisanen nach dem Krieg in ihren Tribunalen aktive Kollaborateure der sowjetischen Besatzungsmacht als Verräter. Doch Kollaboration kommt nicht immer in ihrer extremsten Form vor. Viele Kollaborateure rechtfertigen die Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht als Tätigkeit zugunsten der einheimischen Bevölkerung, um Schlimmeres nach Möglichkeit zu verhindern. Damit versuchten viele in Lettland ihr Handeln zu rechtfertigen, die

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MOBILISIERUNG FÜR DEN KRIEG:

ZWANGSVERPFLICHTUNG ZUM ARBEITSDIENST

Die deutsche Kriegsmaschinerie brauchte Arbeitskräfte und Soldaten. In ihrer Rassentheorie wie in der Praxis betrachteten die Nazis die Bevölkerung der eroberten Ostgebiete zunächst vor allem als Arbeitskraft, die es billig bzw. durch Zwangsverpflichtung auszunutzen galt. Arbeit wurde als patriotische Pflicht im Kampf gegen den Bolschewismus propagiert. Ein Befehl des Reichsministers für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, vom 19. Dezember 1941 führte die Zwangsverpflichtung zum Arbeitsdienst ein.

1941 führte die Zwangsverpflichtung zum Arbeitsdienst ein. Mehrfach umadressierte „letzte Mahnung“ an Ausma Zirnis,

Mehrfach umadressierte „letzte Mahnung“ an Ausma Zirnis, sich „unverzüglich“ zum Arbeitsdienst zu melden.

sich „unverzüglich“ zum Arbeitsdienst zu melden. Aufmarsch von Rekruten des Lettischen Arbeitsdienstes 1943

Aufmarsch von Rekruten des Lettischen Arbeitsdienstes 1943 am Rigaer Freiheitsdenkmal. Titelblatt der Zeitschrift Laikmets (Ära).

Im Folgejahr wurden durch mit Drohungen und List geführte Werbeaktionen bis hin zur direkten Mobilmachung Bürger Lettlands zum Arbeitsdienst im Deutschen Reich zwangsverpflichtet. „Auf ausdrückliche Erlaubnis des Führers“ begann ab 1942 die Bindung der männlichen lettischen Jugend an den halbmilitärischen Reichsarbeits- dienst – so unterwies man die Männer in der national- sozialistischen Ideologie und rekrutierte potentielle, fähige Soldaten. Etwa 20.000 Einwohner Lettlands wurden bis 1944 zur Arbeit in Deutschland zwangsverpflichtet. Als in Lettland selbst Arbeitskräfte knapp wurden, war die Dienstpflicht in Lettland abzuleisten, wobei Männer zum überwiegenden Teil zum Militär einberufen wurden. Die Arbeitsämter, im Volksmund „weiße Tscheka“ genannt, benutzten hierbei Methoden, die von der Bevölkerung mit den Deportationsverfahren der sowjetischen Besatzungszeit verglichen wurden.

„V ERTEIDIGT L ETTLAND GEGEN DEN BOLSCHEWISMUS!“:

LETTEN IM DEUTSCHEN MILITÄRDIENST

Zu Beginn ihres Blitzkrieges hofften die National- sozialisten, die Sowjetunion in kürzester Zeit aus eigener Kraft besiegen zu können. Hitler lehnte die Aufnahme von Nichtdeutschen in die Wehrmacht entschieden ab.

Doch je schwieriger sich die Lage für die Wehrmacht an der Front entwickelte, um so mehr wurden die Reihen der Soldaten unter dem Kommando von Himmlers SS mit Freiwilligen und zwangsverpflichteten Soldaten aus den besetzten Ländern aufgefüllt. Etwa 115.000 Bürger Lettlands standen im Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Einheiten im deutschen Militärdienst. Anfangs trat so mancher Lette im Kampf gegen die Kommunisten freiwillig in deutsche Dienste. So wurden

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im Herbst 1941 für den Einsatz an der Front die ersten drei sogenannten Selbstschutz-, später Ordnungsdienst-, schließlich Schutzmannschaftsbataillone gegründet. Die Nationalsozialisten waren bemüht, sie offiziell nicht mit der Wehrmacht in Verbindung zu bringen. Bereits ab 1942 begann man mit Hilfe verschiedener Anreize wie der Besoldung die Zahl der Anmeldungen anzukurbeln. Mit dem Begriff der „Freiwilligkeit“ wurde die illegale Rekrutierung verschleiert, um sich des Vorwurfs zu entziehen, die Haager Konvention von 1907 verletzt zu haben, die die Einberufung von Bürgern eines besetzten Staates verbietet. Insgesamt stellte die Besatzungsmacht bis 1944 mehr als 30 solcher Bataillone zusammen. Es handelte sich zum überwiegenden Teil um Frontverbände, einige waren an Kämpfen gegen sowjetische Partisanen beteiligt. Zwei Bataillone wurden als äußere Wachmannschaften des Warschauer Ghettos sowie 1942 zur Begleitung von Judentransporten herangezogen. Nach der Niederlage von Stalingrad verkündete Hitler Ende Januar 1943 den „totalen Krieg“ und gab den Befehl zur Aufstellung einer nationalen bewaffneten Militärformation:

der „Lettischen SS-Freiwilligen-Legion,“ deren Kern zunächst mehrere an der Front kämpfende Polizeibataillone bildeten. Im offiziellen Namen der Legion entsprach allein das Wort „lettisch“ der Realität. Die Legion war und konnte niemals Bestandteil von Hitlers SS-Elitetruppe sein, denn diese war ausgesuchten Deutschen vorbehalten. Die Lettische Legion stand aber unter dem Kommando der sogenannten Waffen-SS. Sie bestand nicht aus „Freiwilligen,“ denn etwa 85 Prozent der Legionäre waren einberufen. Die Legion war auch keine Militäreinheit mit eigener Kommandostruktur. Die Funktionen des Generalinspektors der Legion, General Rūdolfs Bangerskis, sowie seines Stabes waren nicht klar definiert und vor allem auf Betreuung, Inspektion und Verbindungsaufgaben mit der deutschen militärischen Führung beschränkt. Die Legion bestand hauptsächlich aus zwei Divisionen, der 15. und der 19., darüber hinaus gehörten auch andere, an vielen Abschnitten der Ostfront eingesetzte und dem deutschen militärischen Kommando unterstellte Einheiten dazu. Beide Divisionen wurden von Deutschen befehligt. Lediglich Regimenter, Bataillone und kleinere militärische Formationen verfügten über lettische Kommandeure. Die Rolle der lettischen Landesselbstverwaltung bei der Gründung der Legion war zwiespältig. In dem Wunsch, möglichst autonome militärische Einheiten zu schaffen, die

möglichst autonome militärische Einheiten zu schaffen, die Musterung von Legionärsrekruten. Befehl Adolf Hitlers vom

Musterung von Legionärsrekruten.

Einheiten zu schaffen, die Musterung von Legionärsrekruten. Befehl Adolf Hitlers vom 10. Februar 1943 zur Aufstellung

Befehl Adolf Hitlers vom 10. Februar 1943 zur Aufstellung einer „Lettischen SS-Freiwilligen-Legion“. Vermerk des Generalinspekors der Legion General Rūdolfs Bangerskis „Aktīs Gen. RB 2.I.44.“

in naher Zukunft den Kern einer Armee des unabhängigen lettischen Staates hätten bilden können, stellte die Landesselbstverwaltung Vorbedingungen für die Gründung einer Legion, eingeschlossen einer Zusage von Seiten der Deutschen, die Unabhängigkeit Lettlands wiederherzustellen. Die Besatzungsbehörden lehnten diese Forderungen ab. Auf deutschen Druck hin führte die Selbstverwaltung schließlich dennoch die Mobilisierung durch. Der „Freiwilligkeit“ versuchte man mit verschiedenen Mitteln nachzuhelfen – mit patriotischer Propaganda, die dazu aufrief, das Vaterland mit der Waffe gegen die Rückkehr des Bolschewismus zu verteidigen, mit Appellen an das Gewissen und schließlich mit der Androhung von Kriegsgerichtsverfahren. Die Entscheidung des Einzelnen, einem Einberufungsbefehl Folge zu leisten oder aber sich seiner Einberufung zu entziehen, war nicht selten bestimmt von unvereinbaren Emotionen und Abwägungen:

der Bereitschaft, gegen eine Rückkehr des brutalen kommunistischen Regimes zu kämpfen; der wachsenden Erkenntnis, daß die Deutschen den Krieg verloren hatten, und der Hoffnung, daß die Westalliierten helfen würden, Lettland als unabhängigen Staat wiederherzustellen. Im Bewußtsein der Legionäre selbst hatte sich die Vorstellung eingegraben, daß sie – wie schon einmal ähnlich in der Geschichte Lettlands im Ersten Weltkrieg geschehen – in der Hoffnung, nach dem Krieg das unabhängige Lettland wiederherstellen zu können, in den Uniformen einer fremden Armee gegen das größere Übel kämpfen würden. Konkret kam diese Haltung in den Manifesten der nationalen Partisanen und der im Westen gegründeten Organisation lettischer Kriegsveteranen Daugavas vanagi zum Ausdruck.

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Schildchen in den Farben der lettischen Flagge trugen die lettischen Legionäre an den Uniformärmeln. DIE

Schildchen in den Farben der lettischen Flagge trugen die lettischen Legionäre an den Uniformärmeln.

DIE LETTISCHE LEGION UND KRIEGSVERBRECHEN

„[

Kriegsverbrechen, die mit der Legion in Zusammenhang stünden, vor Gericht gestanden“, versichert der Historiker Andrievs Ezergailis. Seine Studien verweisen auf den großen Einfluß sowjetischer Falschinformation und Propaganda, die die Lettische Legion mit deutschen Kriegsverbrechen in Verbindung brachte, angefangen mit der verleumderischen Behauptung, die lettischen Legionäre seien Nazis und Angehörige von Hitlers Elitetruppe, der als verbrecherischen Organisation eingestuften SS, gewesen.

bisher hat noch kein lettischer Legionär wegen

]

DIE WAFFEN-SS

Ab 1939 bildete die Waffen-SS die militärische Elitetruppe „Großdeutschlands“. Sie war dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler unterstellt, im Kampf aber der Befehlsgewalt der deutschen Wehrmacht. Die Waffen-SS rekrutierte sich zunächst aus Reichsdeutschen, später auch aus Volksdeutschen. Im Laufe des Krieges wurden außerdem sogenannte „germanische Kontingente“ der Waffen-SS aus Niederländern, Flamen, Italienern, Wallonen, Dänen, Franzosen und Norwegern gebildet. Schließlich kamen Legionen, zusammengestellt aus Letten, Esten, Russen, Ukrainern,

DER 16. MÄRZ

In der Schlacht gegen die Rote Armee am Fluß Welikaja vom 16.–19. März 1944 kämpften beide Divisionen der Lettischen Legion ein einziges Mal in benachbarten Frontabschnitten. Deshalb erklärte die im Exil tätige Organisation der Legionsveteranen Daugavas vanagi 1952 den 16. März zum Gedenktag für die Lettische Legion. Seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit wird der Tag auch in Lettland mit einem inoffiziellen Gedenkmarsch zum Freiheitsdenkmal begangen. 1998

Unstrittig ist, daß die ersten Einheiten der Legion auf der Basis von an der Front eingesetzten polizeiähnlichen Schutzmannschaften gebildet wurden. Unstrittig ist auch, daß später mehrere hundert Männer des Verbrecherkommandos von Viktors Arājs in die Reihen der Legion aufgenommen wurden. Arājs selbst machten die Deutschen sogar für eine Woche zum Bataillonskommandeur. Doch wie einst die sowjetische, so versucht bis heute die russische Propaganda, den Legionären eine Kollektivschuld sowohl an den Judenvernichtungsaktionen wie auch an den Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung zuzuschreiben. Selbst sowjetische Gerichte erkannten eine Kollektivschuld nicht an, als in den sechziger und siebziger Jahren mehrere ehemalige Angehörige des 18. und des 21. Polizeibataillons in zweifelhaften Prozessen verurteilt wurden. Die Frontbewegungen beider Divisionen sind von ihrer Gründung im Jahr 1943 an detailliert erforscht. Es gibt keine dokumentierten Quellen, die mögliche Kriegsverbrechen von Legionären bestätigen würden. Immer wieder tauchen in Rußland diverse Dokumente auf, die angeblich Verbrechen von Legionären belegen und aus dem Zentralarchiv des Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (FSB, früher KGB) stammen. Ihre Echtheit ist nicht nachprüfbar, da das Archiv lettischen Historikern nicht zugänglich ist.

Weißrussen und anderen Nationalitäten, hinzu. Ein solcher Verband war auch die von General Andrej Wlassow geführte aus russischen Kriegsgefangenen gebildete Russische Befreiungsarmee. Nach dem Krieg erkannten die Westalliierten an, daß unter Verletzung der Haager Konvention von 1907 ein Großteil der Soldaten der innerhalb der Waffen-SS gebildeten Lettischen Legion entweder einberufen oder zwangsverpflichtet worden war. Zahlreiche ehemalige Legionäre dienten nach dem Krieg im Hilfsdienst der amerikanischen und britischen Besatzungstruppen in Deutschland. Ihnen war die Einreise in westliche Staaten, darunter die USA, erlaubt.

deklarierte die Saeima den 16. März zum offiziellen Gedenktag. Als das Außenministerium Rußlands und einige Medien dies als Wiedergeburt des Faschismus in Lettland hinstellten und damit Echo in der ausländischen Presse fanden, wurde der offizielle Gedenktag ein Jahr später unverzüglich abgeschafft. Seitdem führen die inoffiziellen Gedenkveranstaltungen zum 16. März alljährlich zu Konfrontationen zwischen nationalen Anhängern der Legion und zumeist russischen, sogenannten antifaschistischen Gruppen, die die ehemaligen Legionäre als Kriegsverbrecher und Nazis betrachten.

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 11

Über die Gründung der Lettischen Legion ist in der Geschichte der Lettischen SSR zu lesen: „Als Anfang 1943 nach der Schlacht um Stalingrad die Okkupanten unter Bruch aller internationalen AbkommeneineMobilisierungderLettenfürihreArmeeverkündeten, wurden sie von [den lettischen bourgeoisen] Nationalisten tatkräftig unterstützt, indem sie die Bevölkerung Lettlands dazu aufriefen,

der hitlerischen ‚Lettischen Freiwilligen-Legion’ beizutreten. Diese verbrecherische Aktion kostete Tausende Letten das Leben.“ (Band 2, S. 183) Unerwähnt bleibt, daß die sowjetischen Behörden nicht selten die während dieser „verbrecherischen Aktion“ eingezogenen Legionäre wegen Kriegsverbrechen verurteilte, bestrafte und mit Repressionen belegte. Das Außenministerium der Russischen Föderation bezeichnet die Legionäre noch heute kollektiv offen als faschistische Kriegsverbrecher.

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General Rūdolfs Bangerskis inspiziert lettische Legionäre.

General Rūdolfs Bangerskis inspiziert lettische Legionäre. Einberufungsbefehl zur „Lettischen SS-Freiwilligen-
General Rūdolfs Bangerskis inspiziert lettische Legionäre. Einberufungsbefehl zur „Lettischen SS-Freiwilligen-

Einberufungsbefehl zur „Lettischen SS-Freiwilligen- Legion.“ Nach den Umadressierungen und Randnotizen zu urteilen, wurde er fünf Mal nachgesendet.

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„BEFREIT LETTLAND VON DEN HITLERFASCHISTEN!“:

LETTEN IN DER ROTEN ARMEE

Ähnlich wie die deutschen Nationalsozialisten zogen auch die sowjetischen Machthaber Letten in ihren Krieg hinein, indem sie nationale Militäreinheiten bildeten, Soldaten rekrutierten und sie mit patriotischen Parolen sowie Propaganda über die bestialische Natur des Nazismus zu motivieren versuchten. Zu Beginn des Krieges waren im 24. Territorialen lettischen Schützenkorps etwa 3.000 lettische Soldaten verblieben, von denen viele beim Rückzug desertierten. Am 12. September 1941 wurde auf Befehl Stalins die 201. Lettische Schützendivision gegründet. Sie umfaßte etwa 10.000 Soldaten, darunter freiwillige oder zwangsverpflichtete evakuierte Bürger Lettlands sowie in Rußland lebende Letten. Schon während der Kämpfe des ersten Kriegsjahres gab es viele Gefallene, später wurde die „nationale“ Einheit auch durch Soldaten anderer Nationalitäten ergänzt. Im Oktober 1943 wurde ihr die Bezeichnung 43. Lettische Gardeschützendivision verliehen. Nach ihrer Rückkehr nach Lettland 1944 wurde das 130. Lettische Schützenkorps gebildet, welches durch Neueinberufene aufgefüllt wurde.

In den Jahren 1944 und 1945 wurden mehr als 57.000 Bürger Lettlands einberufen. Die Reihen der Armee füllten nun oftmals Menschen, die dem Dienst in der Lettischen Legion entgangen oder desertiert waren. Ähnlich wie bei der Mobilisierung für die Lettische Legion waren auch die Einberufungen in die Rote Armee von patriotischer Propaganda und Parolen begleitet. Ebenso wie die Mobilisierung für das nationalsozialistische Deutschland verletzten vom völkerrechtlichen Gesichtspunkt her auch die sowjetischen Einberufungen die Haager Konvention von 1907, die Rekrutierungen von Bürgern eines besetzten Staates in den Militärdienst der Besatzer untersagt. Natürlich betrachtete die UdSSR Lettland nicht als besetztes Gebiet. In den Jahren 1944 und 1945 wurde das 130. Schützenkorps einige Male in Kämpfe gegen die Lettische Legion einbezogen. Die Zahl der im Zweiten Weltkrieg insgesamt in den Reihen der Roten Armee kämpfenden Bürger Lettlands wird auf nahezu 100.000 geschätzt. Im Rücken der Front waren in Lettland auch sogenannte „rote Partisanen“ aktiv. Dabei handelte es sich nicht mehrheitlich um Einheimische, wie später die sowjetische Geschichtsschreibung vorgab, sondern zum überwiegenden Teil um aus der UdSSR entsandte, von ihr geschulte und gesteuerte Kämpfer, die vor allem im Ostteil des besetzten Lettland, in der Endphase des Krieges auch in Kurland operierten. Brutale Strafaktionen der Nazis richteten sich gegen die Zivilbevölkerung, der man vorwarf, versprengte Rotarmisten und die roten Partisanen zu unterstützen.

Der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der LSSR, Augusts Kirchenšteins, bei der Verleihung von Auszeichnungen an lettische Soldaten der Roten Armee.

von Auszeichnungen an lettische Soldaten der Roten Armee. DAS MASSAKER VON AUDRIņI Gegen Ende des Jahres

DAS MASSAKER VON AUDRIņI

Gegen Ende des Jahres 1941 wurde den Einwohnern des Dorfes Audriņi im Landkreis Rēzekne (Rositten) vorgeworfen, versprengte Angehörige der Roten Armee versteckt zu haben. Daraufhin wurden alle 200 Einwohner festgenommen und die Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Dreißig Männer des Ortes wurden auf dem Marktplatz von Rēzekne (Rositten) öffentlich erschossen. Zur Abschreckung wurde diese Strafaktion publik gemacht. Die übrigen Einwohner wurden im Verborgenen umgebracht. 1965

fand in Riga ein Prozeß zum Massaker in Audriņi statt, bei dem nur drei von sechs Angeklagten anwesend waren. Die übrigen drei befanden sich im Westen und wurden in Abwesenheit verurteilt. Fünf Angeklagte wurden zum Tode verurteilt. Zweien der Angeklagten wurde später im Westen der Prozeß gemacht, einer von ihnen wurde für schuldig befunden. Er starb jedoch, bevor das Urteil in Kraft trat. Der zweite wurde aus den USA ausgewiesen. Zum Ende seines Prozesses in Deutschland starb auch er. Der dritte im Westen lebende Angeklagte starb, ohne gerichtlich belangt worden zu sein.

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DIE VERHEERENDEN FOLGEN DES FREMDEN KRIEGES FÜR LETTLAND Mit der Verkündung seiner Neutralität am 1.

DIE VERHEERENDEN FOLGEN DES FREMDEN KRIEGES FÜR LETTLAND

Mit der Verkündung seiner Neutralität am 1. September 1939 war Lettland kein kriegsführendes Land im Zweiten Weltkrieg. Der lettische Staat sowie seine Bevölkerung konnten in diesem Krieg zwischen zwei totalitären Mächten, die zudem der Unabhängigkeit Lettlands feindlich gesonnen waren, nur verlieren. Doch beide Mächte zogen Bürger Lettlands zum Teil freiwillig, zum Teil durch List und Zwangsverpflichtung mit dem Argument in diesen Krieg, zum patriotischen Zweck würden sie gegen das größere Übel kämpfen. So standen Letten auf beiden Seiten der Front. In den Kurland-Schlachten während der Endphase des Krieges wurden häufig lettische Soldaten der Roten Armee gegen die Verteidigungsstellungen der Lettischen Legion in den Kampf geworfen. Nicht selten standen sich hier Vater und Sohn, Bruder und Bruder gegenüber. Es gab sogar Soldaten, die auf beiden Seiten der Front gekämpft hatten.

Soldaten, die auf beiden Seiten der Front gekämpft hatten. Schätzungen über die Zahl der Letten, die

Schätzungen über die Zahl der Letten, die in diesem fremden Krieg gekämpft haben oder gefallen sind, variieren sehr stark. Neueste Berechnungen gehen von insgesamt etwa 200.000 Menschen auf beiden Seiten der Front aus, was mehr als zehn Prozent der Bevölkerung Lettlands entspricht. Schätzungsweise die Hälfte ist gefallen oder gilt als vermißt. Zu den Verlusten für Lettland zählen auch zahlreiche Kriegsinvaliden, Legionäre, die in sowjetische Gefangenschaft gerieten und ihr Leben lang Repressionen ausgesetzt waren oder nach Kriegsende im Westen geblieben sind. Die schweren Verluste in diesem fremden Krieg haben die demographische Lage in Lettland verschärft und die Kolonisierung Lettlands begünstigt. Die Folgen dieses fremden Krieges und seiner Propaganda sind bis heute im gesellschaftlichen Leben des erneuerten Lettland spürbar und werfen unbegründet negativen Schatten auf das Bild Lettlands in Welt. Für die lettischen Soldaten bestand die größte Tragödie darin, daß sie die Unabhängigkeit ihres Staates nicht in den Uniformen ihrer eigenen Armee verteidigen konnten.

PROPAGANDA UND POLITISCHE ZENSUR

Die Kommunisten wie die Nationalsozialisten bedienten sich für ihre Zwecke der Propaganda und anderer Mittel der öffentlichen Beeinflussung und Kontrolle. Mit Hilfe von Verboten und Zensurmaßnahmen schränkten sie öffentliche und künstlerische Ausdrucksformen extrem ein. Dafür sorgte eine allumfassende Kontrolle durch beide totalitären Mächte, der alle Kommunikationsmittel unterlagen: Printmedien, Rundfunk, Kino, öffentliche Reklame. Beide Regime kontrollierten auch das Umfeld künstlerischer Ausdrucksformen: das Verlagswesen, die Bibliotheken, die Theater, die Konzert- und Ausstellungsorte und alle öffentlichen Veranstaltungen. Die kommunistische Propaganda im Jahr 1940/41 war weitreichend und erdrückend. Ihr unterlagen nicht nur die Kommunikationsmittel, sondern auch die Formen schöpferischen Schaffens. Obwohl die Möglichkeiten, sich frei zu entfalten, auch unter der autoritären Regierung von Kārlis Ulmanis eingeschränkt und die Lobpreisung seines Regimes weit verbreitet waren, so überraschte doch die kommunistische Propaganda und die Zensur mit ihrem radikalen antinationalen Einschlag, ihrer Primitivität und ihrer Unausweichlichkeit einen großen Teil der Bevölkerung Lettlands und sorgte in weiten Kreisen für Ablehnung und bissigen Spott. Die nationalsozialistische Propaganda und ihre Kontrolle der Öffentlichkeit waren raffinierter und deshalb nachhaltiger. Obwohl die Art und Weise von Führerverehrung und Lobpreisung des Regimes an die kommunistischen Aufdringlichkeiten erinnerten, so mieden die Nationalsozialisten doch eine offene Konfrontation mit der im Volke herrschenden Stimmung, sie versuchten sie vielmehr für sich zu nutzen. Die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten mit ihrer Hetze gegen den sogenannten „jüdischen Bolschewismus,“ die praktisch alle Juden mit Bolschewiken gleichsetzte und sofort nach dem Einmarsch der Besatzungstruppen begann, führte zwar nicht zu den von den Nationalsozialisten erhofften Judenpogromen und -morden. Doch sie half das Bewußtsein von jüdischer Mitwirkung an den kommunistischen Gewalttaten zu stärken und die Teilnahme von Letten an Judenvernichtungsaktionen

zu rechtfertigen. Obwohl die Letten an diesem Verbrechen nicht kollektiv mitgewirkt haben, so war doch die langjährige Relativierung und Verdrängung dieses Verbrechens aus dem öffentlichen Bewußtsein kollektiv. Das Propagandabild der Nationalsozialisten als Befreier nutzte sich so schnell ab wie offensichtlich wurde, daß es nicht der Realität entsprach. Als effektiver erwies sich da die in ähnliche Richtung zielende antikommunistische, antibolschewistische Propaganda, denn sie baute auf die während der sowjetischen Besatzungszeit durchgemachten Erlebnisse der Bevölkerung auf, die kurz vor dem Machtwechsel ihren Höhepunkt erreicht hatten. Mittels eines simplen Schemas – durch die Dämonisierung des Gegners und ein Appellieren an den Patriotismus – gab sie Antwort auf die in der Bevölkerung herrschende Stimmung und vorhandene Ängste, die mit Hilfe von Literatur und Kunst geschürt wurden. Aus diesem Grund ist es äußerst schwierig, die allgemeine Stimmungslage und ihre propagandistische Verstärkung, die zur Rekrutierung von Letten für das deutsche Militär und die spätere Flucht vieler Letten nach Westen beitrug, auseinanderzuhalten bzw. eine klare Grenze zwischen beiden zu ziehen. In einem Bereich lief die nationalsozialistische Propaganda jedoch ins Leere – bei ihren Bemühungen, die westlichen Alliierten als Helfer des kommunistischen Regimes und Unterstützer seiner Gewalttaten bei der westlich orientierten lettischen Intelligenz verächtlich zu machen. Der Westen war und blieb selbst dann der einzige Hoffnungsträger, als ein konkretes Engagement und jede Hilfe für eine Wiederherstellung der Unabhängigkeit ausblieb. AuchdiekommunistischePropagandawandeltesichwährenddes Krieges. Die brutale Unterwerfungspolitik der Nationalsozialisten in den besetzten sowjetischen Gebieten bot ausreichend Stoff für eine Dämonisierung des Gegners, welche nach Kriegsende noch durch hochgespielte Statistiken der nationalsozialistischen Untaten erweitert wurde. Gleichzeitig versuchte man die lettische Kampfmoral kurzzeitig mit nationalpatriotischen Floskeln anzustacheln. Bald jedoch setzte wieder die typische aufdringliche sowjetische patriotische Propaganda ein sowie ein schonungsloser Propagandafeldzug gegen den „bourgeoisen Nationalismus.“

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„NEIN, DANKE!“:

DER NATIONALE WIDERSTAND

Der nationale Widerstand, der bereits nach der sowjetischen Besetzung begonnen hatte, setzte sich auch unter der nationalsozialistischen Besatzung fort. Die nationalen Widerstandsgruppen traten – sehr stark auch in ihren Untergrundpublikationen – mehrheitlich für die Wiederherstellung des unabhängigen demokratischen Staates ein. Viele Letten sahen unter den Umständen des totalen Krieges in der Erhaltung der Überlebenschancen der Bevölkerung ihr wichtigstes Ziel. Nicht alle Widerstandsgruppen und ihre Untergrundschriften sind bekannt, doch bewegte sich ihre Zahl um einige dutzend. Nach dem Krieg wurde in Deutschland ein Verband der Mitglieder der lettischen Widerstandsbewegung gegründet, dem dreizehn unter deutscher Besatzung agierende Widerstandsorganisationen angehörten. Hervorzuheben ist die Gründung des Lettischen Zentralrats (Latvijas centrālā padome) im Jahre 1943. Der LCP war eine Untergrundorganisation und verfolgte das Ziel, den demokratischen Staat Lettland wiederherzustellen. Den Kern der Organisation bildeten vier Vertreter ehemaliger Parteien und Fraktionen der Saeima. Einer der Initiatoren und gleichzeitig der Vorsitzende des LCP war Konstantīns Čakste, der Sohn des ersten Präsidenten des freien Lettland Jānis Čakste. Der LCP und viele andere Gruppen des Widerstandes orientierten sich in Richtung westlicher Demokratien und hofften auf den Sieg der Alliierten und ihre Unterstützung für eine Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands. Grund für diese Hoffnung gaben ihnen die Nichtanerkennung

der Inkorporation Lettlands (1940), die Atlantik-Charta (1941) und die Deklaration der Vereinten Nationen (1942). Im Jahre 1944 kam es mit Unterstützung des LCP zur Verabschiedung eines Memorandums durch 190 Vertreter der lettischen Intelligenz, die die Wiederherstellung der Republik Lettland auf der Grundlage der Verfassung von 1922 einforderten. Der LCP schickte regelmäßig Nachrichten über die Lage in Lettland an die lettischen Botschafter im Ausland und kooperierte mit den westlichen Nachrichtendiensten. Darüber hinaus stand er in Verbindung mit dem militärischen Verband von General Jānis Kurelis, den man in der Hoffnung auf Hilfe aus dem Westen zum Kern einer Armee des unabhängigen Lettland formieren wollte. Die Mitglieder der Untergrundbewegung wurden von den nationalsozialistischen Besatzungsbehörden verfolgt. Der SD baute eine besondere lettische Abteilung zur Informationsbeschaffung auf, die eine sogenannte „lettische Kartei“ mit den Namen von etwa 23.000 kommunistischen Sympathisanten und anderen unliebsamen Personenkreisen erstellte. Die Verhafteten wurden zunächst nach Salaspils (Kurtenhof) und dann in die Konzentrationslager von Stutthof, Dachau, Buchenwald und Neuengamme verschleppt. Die genaue Zahl der in deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftierten und umgekommenen Bürger Lettlands konnte bis heute nicht genau ermittelt werden. Schätzungen gehen von bis zu 20.000 Menschen aus. Der kommunistische Untergrund unterstützte den nationalen Widerstand nicht, lehnte diesen ab und bekämpfte ihn. Nach der Rückkehr des Sowjetregimes wurden viele Mitglieder der nationalen Widerstandsbewegung verhaftet.

KONSTANTĪNS ČAKSTE (1901–1945)

Konstantīns Čakste, Professor der Rechtswissenschaften an der Universität Lettland, war der Sohn des ersten Staatspräsidenten Lettlands, Jānis Čakste. Er war Initiator und seit 1943 Vorsitzender des Lettischen Zentralrates. Im Herbst 1944 wurde Čakste von den Nazis verhaftet und ins Konzentrationslager Stutthof verschleppt. Er kam am 21. Februar 1945 auf dem Todesmarsch der Lagerinsassen um.

Konstantīns Čakste.

Stutthof verschleppt. Er kam am 21. Februar 1945 auf dem Todesmarsch der Lagerinsassen um. Konstantīns Čakste.

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 12

Der Blick auf den Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzung aus kommunistischer Perspektive ist nachzulesen in der Geschichte der Lettischen SSR: „Einen wichtigen Platz in der Propaganda der Kommunistischen Partei nahm die Entlarvung der lettischen bourgeoisen Nationalisten ein. Im Jahr 1943 begannen sie unter anderem verstärkt die sogenannte Neutralitätstheorie zu propagieren und vorzugaukeln, daß es ebenso sinnlos wäre, die Besatzer zu unterstützen, wie diejenigen, die aktiv gegen sie kämpften, und daß es vielmehr darum gehe, Kräfte für den Kampf um ein ‚unabhängiges‘ Lettland zu sammeln, für die Zeit, wenn Hitlerdeutschland zerschlagen und die Sowjetunion vom Krieg geschwächt wäre. […] Bei ihren Intrigen setzten die Nationalisten auf die Unterstützung durch reaktionäre Kräfte in den USA und England – Unterstützung, die sie seinerzeit im Jahre 1919 von dort erhalten hatten.“ (Band 2, S. 192) „Die Partisanen und antifaschistischen Untergrundkämpfer hatten nicht nur gegen die deutschen faschistischen Eindringlinge zu kämpfen, sondern auch gegen die lettische Bourgeoisie als Klasse, die sich mit Unterstützung der Okkupanten politisch und wirtschaftlich konsolidiert hatte und nun mit aller Macht versuchte, die kapitalistische Ordnung und ihre einstigen Positionen wiederzuerlangen.“ (Band 2, S. 196)

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Feierliches Gelöbnis des Kurelis-Verbandes in Kurland. General Jānis Kurelis. DER MILITÄRISCHE VERBAND VON GENERAL

Feierliches Gelöbnis des Kurelis-Verbandes in Kurland.

General Jānis Kurelis.

des Kurelis-Verbandes in Kurland. General Jānis Kurelis. DER MILITÄRISCHE VERBAND VON GENERAL KURELIS Als der

DER MILITÄRISCHE VERBAND VON GENERAL KURELIS

Als der Ausgang des Krieges bereits absehbar war, bildeten General Jānis Kurelis und sein Stabskommandeur Hauptmann Kristaps Upelnieks Ende Juli/Anfang August 1944 mit Zustimmung der Deutschen eine gesonderte Militärformation, die zunächst vor allem aus ehemaligen Mitgliedern der Aizsargi-Organisation bestand. Die Deutschen hatten für diesen Militärverband zwei Hauptaufgaben vorgesehen – die Verteidigung eines Teils der Dünalinie und den Aufbau von Partisanenverbänden hinter den Linien der Roten Armee. Im September wurde der Verband von Kurelis in den Wäldern nahe des Usma-Sees in Kurland stationiert. Von Anfang an verfolgte die Kurelis-Gruppe eigene Absichten: Sie stand in Verbindung mit dem Lettischen Zentralrat und war darum bemüht, den Kern einer Armee des unabhängigen Lettland zu formieren. In der Hoffnung auf eine absehbare Unterstützung aus dem Westen sammelten sich etwa 3.000 ehemalige Aizsargi und desertierte Legionäre um Kurelis. Als der Kurelis-Verband der deutschen Kontrolle zu entgleiten drohte, wurden die wichtigsten Mitglieder seines Kommandostabes von SD-Einheiten verhaftet. Acht Stabsoffiziere, darunter Hauptmann Upelnieks, der ideologische Organisator der Gruppe, wurden zum Tode verurteilt und am 20. November 1944 erschossen. General Kurelis ließ man am Leben: Er wurde General Bangerskis übergeben. Die verhafteten Mitglieder der Kurelis-Gruppe wurden in Konzentrationslager gebracht. Ein von Leutnant Roberts Rubenis angeführtes separates Bataillon des Kurelis-Verbandes ergab sich nicht kampflos, war aber nach schweren Gefechten gezwungen sich aufzulösen. Als Vergeltung für die durch das Bataillon von Rubenis erlittenen eigenen Verluste brannte ein deutsches Strafkommando in der Nähe der Landgemeinde Zlēkas bei Ventspils mehrere Wirtschaften nieder und brachte etwa 150 Zivilisten um. Nach dem Krieg richtete das sowjetische Besatzungsregime eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die hier ermordeten „sowjetischen Patrioten“ auf.

DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT:

ENTTÄUSCHTES VERTRAUEN AUF HILFE AUS VOM WESTEN

Der Lettische Zentralrat und viele Bürger Lettlands glaubten im Vertrauen auf die erklärten Prinzipien der westlichen Alliierten, daß diese eine erneute sowjetische Okkupation nicht zulassen und sich nach Kriegsende für eine Wiederherstellung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten einsetzen würden. Dieses Vertrauen wurde durch die realpolitischen Erwägungen der Alliierten enttäuscht. Die Atlantik-Charta (1941) und die Deklaration der Vereinten Nationen (1942) formulierten die Prinzipien, nach denen jedes Volk das Recht hat, über seine Staatsform und möglicheterritorialeVeränderungenselbstzubestimmen.Der Botschafter Lettlands in den USA, Alfreds Bīlmanis, wandte sich wiederholt an die US-Regierung in der Überzeugung, daß sie ihre in der Atlantik-Charta deklarierten Prinzipien auch auf Lettland beziehen werde. Der Lettische Zentralrat lieferte über Schweden den westlichen Alliierten wichtige Informationen über die Aktionen der Nationalsozialisten im besetzten Lettland wie die Judenvernichtung und die Zwangsmobilisierung sowie über die Stimmung in der Bevölkerung. Doch die USA und Großbritannien akzeptierten mit Rücksicht auf ihren sowjetischen Verbündeten auf den Konferenzen von Teheran (1943) und Jalta (1945) die Hegemonie der UdSSR im Baltikum, ohne die Einverleibung Lettlands in die Sowjetunion de jure anzuerkennen. Im Wissen um die in der Bevölkerung in Lettland herrschende Stimmung zögerte die Propaganda nicht, die unentschlossene Politik der westlichen Alliierten zu nutzen und das nationalsozialistische Deutschland als den einzigen wirklichen Freund Lettlands hinzustellen. Trotz der großen Enttäuschung über die ausbleibende westliche Unterstützung hegten nationale Widerstands- gruppen in Lettland und im Exil lebende Letten noch lange nach Kriegende die Hoffnung auf ein Eingreifen des Westens in Osteuropa.

die Hoffnung auf ein Eingreifen des Westens in Osteuropa. Churchill, Roosevelt und Stalin auf der Konferenz

Churchill, Roosevelt und Stalin auf der Konferenz von Teheran

1943.

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UNTER LETTISCHER FLAGGE IM DIENSTE DER USA UND GROSSBRITANNIENS

Bei der Besetzung Lettlands im Jahr 1940 befanden sich mehrere lettische Handelsschiffe in ausländischen Häfen und ignorierten die Anweisung der Okkupationsregierung, nach Lettland zurückzukehren. Acht Schiffe mit lettischer Besatzung, die sich seinerzeit in Häfen der USA befanden, fuhren auch weiterhin unter lettischer Flagge und transportierten kriegswichtige Güter für die westlichen Alliierten. Sechs Schiffe wurden schon 1942 von deutschen und italienischen U-Booten versenkt. Dabei kamen die meisten Seeleute ums Leben. Den Krieg überstand nur ein einziges Schiff. Über fünf lettische Schiffe verfügte Großbritannien, von denen drei heil durch den Krieg kamen. Sie fuhren unter britischer Flagge.

WINSTON CHURCHILL SPRICHT VON EINEM „EISERNEN VORHANG“

Im Westen begann man die sowjetische Aggressionspolitik allmählich zu begreifen, als der britische Kriegspremier Winston Churchill am 5. März 1946 in Fulton, im US-Staat Missouri, in seiner berühmten Rede von einem „Eisernen Vorhang“ sprach und erklärte: „Das ist sicher nicht das befreite Europa für dessen Aufbau wir gekämpft haben.“ Auf diese Rede und den westlichen Widerstand gegen die sowjetische Expansionspolitik – die spätere Doktrin der Eindämmung von US-Präsident Harry S. Truman –, die Luftbrücke während der Berlin-Blockade und auf den Korea- Krieg bezogen sich viele nationale Partisanen und die Schriften anderer Widerstandsgruppen in der Hoffnung auf den Ausbruch eines Befreiungskrieges gegen die UdSSR.

„Ķegums“ (ehemals „Everests“) – eines von zwei der acht lettischen Schiffe in den Diensten der USA, das den Krieg überlebte. Foto vom 11. Dezember 1941.

USA, das den Krieg überlebte. Foto vom 11. Dezember 1941. SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 13 Über die

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 13

Über die Flüchtlingsströme schreibt die Geschichte der Lettischen SSR: „Einzig die hitlerischen Mitläufer freuten sich nicht über das Vorrücken der Roten Armee auf das Territorium der Lettischen SSR. Während sie sich auf ihre Flucht mit den zurückweichenden deutschen faschistischen Truppen vorbereiteten, verängstigten sie durch eine haßerfüllte antisowjetische Agitation die Bevölkerung. Durch die niederträchtige Propaganda der deutschen Faschisten und der lettischen bourgeoisen Nationalisten kam es bei einem Teil

der Bevölkerung zu falschen Vorstellungen von der Politik der Sowjetmacht gegenüber dem lettischen Volk. Deshalb kehrten im Sommer 1944 und Frühjahr 1945 viele Letten ihrer Heimat den Rücken, um sich auf den Weg in die Fremde zu begeben. Anfangs vegetierten sie in Lagern für ‚Displaced Persons‘ in Deutschland, später verstreuten sie sich auf der Suche nach einem Auskommen in zahlreiche Staaten der Welt. Doch ein beträchtlicher Teil von ihnen hat früher oder später begriffen, daß er einen Fehler begangen hatte und kehrte in die Heimat zurück.“ (Band 2, S. 209) „Etwa 280.000 Menschen wurden mit Gewalt und List der Heimat entrissen.“ (Band 2, S. 217)

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WOHIN, WIE, WARUM UND WIE LANGE? DIE BEVÖLKERUNG LETTLANDS AUF DER FLUCHT DURCH DAS EIGENE LAND UND IN DIE FERNE

Das Näherrücken der Front im Sommer 1944, die von den Nationalsozialisten geplante Evakuierung und die dadurch geschürten Ängste vor dem kommunistischen Terror zwangen mehrere zehntausend Einwohner Lettlands, ihr Heim zu verlassen und sich auf die Flucht nach Westlettland und nach Deutschland zu begeben. Die meisten vertrauten darauf, daß die westlichen Alliierten eine langjährige Okkupation Lettlands durch die Sowjetunion nicht zulassen würden und sie nach Kriegsende heimkehren könnten. Die Eröffnung der zweiten Front im Juni 1944 in Frankreich begünstigte die Sommeroffensive der Roten Armee. Bereits im Juli 1944 hatte sie die Grenzen Lettlands erreicht und stieß in Litauen fast bis zur Ostsee vor. Es gelang ihr, von Süden her westlich von Riga bis zur Rigaer Bucht durchzubrechen und so Lettland zeitweise in zwei Teile aufzuspalten. Das Näherrücken der Front löste einen Flüchtlingsstrom gen Westen aus. Unter diesen Umständen entschlossen sich die deutschen Behörden zur Evakuierung der Flüchtlinge nach Deutschland und in die deutsch besetzten Gebiete. Zu diesem Zweck wurden geheime Listen mit unterschiedlichen zu evakuierenden Personenkreisen erstellt. Als Hauptgrund für eine Evakuierung wurde die zur Stärkung der Kampfmoral der lettischen Soldaten notwendige Rettung ihrer Angehörigen und Landsleute vor den Bolschewiken angegeben. In Wirklichkeit ging es wohl eher darum, dem Gegner möglichst wenige Menschen zu überlassen und mit ihnen das geschwächte deutsche Arbeitskräftepotential aufzufüllen. Ein Teil der Einwohner wurde zwangsweise nach Deutschland gebracht, als die deutschen Machthaber die lettische Industrie auszulagern begannen und hochqualifizierte Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie nach Deutschland schickten.

für die Rüstungsindustrie nach Deutschland schickten. Fischerboot „Centība“ (Fleiß) mit Flüchtlingen aus

Fischerboot „Centība“ (Fleiß) mit Flüchtlingen aus Kurland auf dem Weg nach Gotland am 11. November 1944, am Bug die Staatsflagge Lettlands. Mit diesem Boot gelangten 105 Menschen nach Schweden.

Mit diesem Boot gelangten 105 Menschen nach Schweden. Wagen mit Flüchtlingen und Vieh vor dem Rigaer

Wagen mit Flüchtlingen und Vieh vor dem Rigaer Freiheitsdenkmal im Sommer 1944.

Etwa 150.000 Menschen verließen in der Endphase des Krieges Lettland in der Hoffnung auf baldige Rückkehr, darunter viele hochgebildete Menschen, die Elite der Nation, Personenkreise, die in den deutschen Evakuierungsplänen einen Platz hatten: Lehrkräfte von Schulen und Universitäten, Schriftsteller,Ärzte,Ingenieure,PolitikerundBeamte,diesich vom Terror und den Repressionen des sowjetischen Regimes am meisten bedroht fühlten. Trotz des Verbots riskierten etwa 5.000 Menschen die Flucht über die gefährliche Ostsee nach Schweden – in selbstbeschafften oder vom Lettischen Zentralrat organisierten Fischerbooten. Schätzungsweise 200.000 Einwohner Lettlands hatten bis zum Kriegsende das Land verlassen, waren in Deutschland, Schweden oder in anderen bis dahin deutsch besetzten Gebieten, unter ihnen Flüchtlinge, Angehörige der Lettischen Legion, verschleppte Zwangsarbeiter und Häftlinge von Konzentrationslagern. Ein Teil war durch Kriegshandlungen und in den Konzentrationslagern umgekommen, ein anderer Teil in sowjetische Gefangenschaft geraten. Ein Teil wurde aus den von sowjetischen Truppen besetzten Gebieten nach Lettland zurückgeschickt. Etwa 120.000 Menschen ignorierten den sowjetischen Aufruf zur Rückkehr und blieben im Westen.

den sowjetischen Aufruf zur Rückkehr und blieben im Westen. Das Kopftuch von Zigrīda Šēre (jetzt: Kalna),

Das Kopftuch von Zigrīda Šēre (jetzt: Kalna), das sie während der Überfahrt nach Schweden trug (vorne Bild links).

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GESCHICHTE WIEDERHOLT SICH NICHT:

VERHEERENDES KRIEGSENDE FÜR LETTLAND

Der Krieg endete mit verheerendem Leid für Lettland und seine Bevölkerung. Das Kriegsende hatte keine Wiederherstellung der Unabhängigkeit oder den Beginn eines neuen Lebens in einem freien Staat gebracht, sondern die Rückkehr zum Terror der totalitären kommunistischen Machthaber. Mit dem Vorrücken der Roten Armee auf lettisches Territorium im Sommer 1944 wurden die deutschen Behörden immer unnachsichtiger gegenüber den Einwohnern Lettlands. Diese wurden in den Militär- oder Arbeitsdienst einberufen. Wer sich drückte oder desertierte wurde hart bestraft. Die von den Deutschen dazu aufgeforderte Landesselbstverwaltung befahl der lettischen Jugendorganisation, Jugendliche des Jahrgangs 1927 zum Luftwaffenhelferdienst heranzuziehen. Nachdem Riga am 13. Oktober 1944 von der Roten Armee eingenommen worden war, verschanzten sich die deutschen Truppen mit der 19. Division der Lettischen Legion in Kurland. Hier befanden sich 230.000 Einwohner und mehr als 150.000 Flüchtlinge. Bis zur Kapitulation des nationalsozialistischen Deutsch- land hielt das eingeschlossene Kurland sechs schweren Offensiven der Roten Armee stand. Etwa 3.500 lettische Legionäre fielen dabei, etwa 14.000 gingen nach der Kapitulation zusammen mit etwa 150.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht in Gefangenschaft. Der überwiegende Teil der lettischen Soldaten, darunter die 15. Division, kämpfte zur gleichen Zeit außerhalb Lettlands und erlitt bei den Großoffensiven der Roten Armee in Polen und im Ostteil Deutschlands schwere Verluste. Etwa 20.000 lettische Soldaten kamen bei Kriegsende in Westdeutschland in Gefangenschaft.

kamen bei Kriegsende in Westdeutschland in Gefangenschaft. Proklamation des Lettischen Nationalkomitees am 19. März

Proklamation des Lettischen Nationalkomitees am 19. März 1945 in Liepāja (Libau).

In den letzten Kriegstagen „erlaubte“ die Naziführung den Letten, ähnlich wie anderen Völkern, in einem letzten Akt des Entgegenkommens eine vorläufige Regierung zu bilden. Ein Nationalrat von Lettland kam am 20. Februar 1945 in Potsdam zusammen und bildete ein Lettisches Nationalkomitee. Diese Regierung durfte aber zu keinem Zeitpunkt die Aufgaben einer Regierung wahrnehmen. Rūdolfs Bangerskis, der Generalinspektor der Lettischen Legion, übernahm die Leitung des Nationalkomitees. Bei seiner Ansprache in Liepāja (Libau) stellte er Parallelen zwischen seiner Mission und dem Beginn der lettischen Freiheitskämpfe im Jahre 1919 her. Doch die Geschichte wiederholte sich nicht. Wie schon am Ende des Ersten Weltkrieges und nach den Freiheitskämpfen im Jahre 1920 war auch 1945 ein großer Teil des Landes zerstört, zahlreiche seiner Bewohner umgebracht oder auf die Welt verstreut worden. Fast ein Drittel der Vorkriegsbevölkerung fehlte 1945 in Lettland, viele kehrten nie zurück. Doch anders als 1920 war Lettland nicht frei, und die kommenden Heimsuchungen hatten gerade erst begonnen.

Durchbruch der Roten Armee zur Bucht von Riga am 3. Juli 1944. Gegenangriffe der Wehrmacht
Durchbruch der Roten Armee zur Bucht von Riga am
3. Juli 1944.
Gegenangriffe der Wehrmacht vom 30 Juli bis 20. August
1944, um den Korridor nach Riga zu öffnen.
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Frontlage auf dem Territorium Lettlands von Juli 1944 bis zum Kriegsende am 9. Mai 1945.

BEVÖLKERUNGSVERLUST LETTLANDS

1939–1945

Von den rund 2 Millionen vor dem Zweiten Weltkrieg in Lettland lebenden Einwohnern waren bei Kriegsende nur etwa 1,4 Millionen geblieben. Verglichen mit den Verlusten der beiden auf lettischem Territorium Krieg führenden Mächte fällt dieser relative Verlust mit etwa 30 Prozent viel schwerer ins Gewicht. In Zeiten von Krieg und Wirren ist es fast unmöglich, genaue Statistiken zu erstellen. Zahlen aus verschiedenen Quellen weichen häufig stark voneinander ab. In der vorliegenden Tabelle wurde versucht, möglichst neueste Forschungsergebnisse einzubeziehen, ohne den Anspruch auf Endgültigkeit zu erheben. Doch auch diese Quellen können nicht immer klare Antworten geben. In der Statistik nicht berücksichtigt sind Menschen, die nach dem Krieg nach Lettland zurückgekehrt, von den sowjetischen

SOWJETISCHE GESCHICHTSSTUNDE, TEIL 14

Die Verdienste um den Sieg im Zweiten Weltkrieg beschreibt die Geschichte der Lettischen SSR wie folgt: „Obwohl zahlreiche Länder einer antifaschistischen Koalition am Krieg gegen Hitlerdeutschland und seine Verbündeten teilgenommen haben, so kam doch der Sowjetunion die entscheidende Rolle

bei der Zerschlagung des Blocks faschistischer Staaten zu. [ ] Eine der Grundvoraussetzungen für den Sieg des Sowjetlandes im Kriege lag in der Gesellschafts- und Staatsordnung der UdSSR, die es ermöglichte, die notwendigen Kräfte und Mittel für den bewaffneten Kampf gegen jeden imperialistischen

Der Sieg der Sowjetunion im

Zweiten Weltkrieg bewies der ganzen Welt die Überlegenheit

des sozialistischen Systems, seine Lebensfähigkeit und die

unbesiegbare Idee des Marxismus-Leninismus. [

des Krieges entfaltete sich die moralische politische Größe der sozialistischen Länder in vollem Ausmaß. Keine Herausforderung im Kampf gegen die Eindringlinge, keine kriegsbedingte Schwierigkeit konnte die Geschlossenheit des Volkes und seine Verbundenheit mit der Kommunistischen Partei und der Sowjetregierung erschüttern.“ (Band 2, S. 215)

Aggressor zu mobilisieren. [

]

]

Während

Besatzern verurteilt und deportiert worden oder beim Kampf der nationalen Partisanen gegen die Sowjetmacht umgekommen sind. Ebenfalls nicht eingeflossen sind Berechnungen von sogenannten potentiellen Verlusten, das heißt, die Zahl der potentiell nicht geborenen Kinder. Die durch den Krieg und die Okkupationen verursachten Verluste, besonders aufgrund der im Krieg gefallenen jungen Männer, deren Zahl gerade im Falle Lettlands sehr hoch war, beeinflussen bis heute die demographische Situation im wiederhergestellten Staat Lettland.

1939–1941

Umgesiedelte Deutschbalten

50.000

1940–1941

Während der 1. sowjetischen Besatzung verhaftet, deportiert, umgebracht

25.000

1941

In die UdSSR geflüchtete Zivilisten und Militärangehörige

50.000

1941

Von den Nazis ermordete Opfer des Holocaust

70.000

1941–1945

Andere Opfer der Nazis und nach Westen evakuierte Häftlinge von Konzentrationslagern 20.000

1941–1945

Zum Arbeitsdienst in Deutschland zwangsverpflichtet

20.000

1944

Verluste infolge des 1944 erfolgten Anschlusses des Abrene-Gebietes an die Russische Föderation 35.000

1944–1945

Nach Deutschland und Schweden geflüchtet

150.000

1941–1945

Im Krieg gefallen oder vermißt, Zivilisten eingeschlossen

120.000

1944–1945 Von den Sowjets verhaftet, deportiert, in „Filtrationslager“ gebracht, ermordet

20.000

1945

Lettische Militärangehörige in Kriegsgefangenschaft bei den Westalliierten

20.000

Insgesamt:

580.000

Einwohnerzahl Lettlands 1939

etwa 2.000.000

Relativer Verlust

29%

Gräber lettischer Legionäre bei Lestene (Kurland) 1945.

Lettlands 1939 etwa 2.000.000 Relativer Verlust 29% Gräber lettischer Legionäre bei Lestene (Kurland) 1945. 73

73

ZWEITE SOWJETISCHE OKKUPATION:

DER STALINISTISCHE TERROR

Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Lettland • Militärische Besetzung Lettlands durch

die Sowjetunion • Lettische Legionäre im Westen • Lettische Flüchtlinge in Westeuropa

• Die westliche Politik der Nichtanerkennung und Nichteinmischung • Nationale

Widerstandskämpfe der „Waldbrüder“ • Sowjetisierung und Proletarisierung auf dem Lande

• 25. März 1949: Beginn der zweiten Massendeportation • Intensive Kolchosgründungen

• Gewaltloser Widerstand • Die Kolonisierung Lettlands beginnt • Die Vereinnahmung

der lettischen Sprache und Literatur • Kunst und Musik am Zügel der Ideologie • Einführung des sowjetischen Bildungssystems • Unterdrückung der Religion • Vom Personenkult zur kollektiven Führungsspitze

1944–1953

Vom Personenkult zur kollektiven Führungsspitze 1944–1953 17.07.1945: Beginn der Potsdamer Konferenz. •

17.07.1945: Beginn der Potsdamer Konferenz. • 06.08.1945:

Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. • 02.09.1945:

Kapitulation Japans. • 20.11.1945: Beginn der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. • 05.03.1946: Winston Churchill spricht in Fulton (USA) von einem „Eisernen Vorhang.“

12.03.1947: US-Präsident Harry S Truman verkündet

die sogenannte Truman-Doktrin zur Eindämmung des Kommunismus. • 05.06.1947: US-Außenminister George Marshall kündigt ein wirtschaftliches Wiederaufbauprogramm für Europa an – den sogenannten „Marshallplan.“ • 05.10.1947:

Gründung des Kommunistischen Informationsbüros (Kominform). • 20.02.1948: Der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš sieht sich gezwungen, eine neue Regierung mit kommunistischer Mehrheit zu bilden.

14.05.1948: Der Jüdische Nationalrat verkündet die Gründung des

Staates Israel. • 24.06.1948–30.09.1949: Berlin-Blockade durch die UdSSR – Luftbrücke der Westalliierten. • 04.04.1949: Gründung der Nordatlantischen Allianz (NATO). • 05.05.1949: Bildung des Europarates, dessen Statuten von 10 Staaten verabschiedet werden.

23.05.1949: Gründung der Bundesrepublik Deutschland aus der

amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszone. • 07.10.1949: Gründung der kommunistisch orientierten Deutschen

Demokratischen Republik in der sowjetischen Besatzungszone.

08.03.1950: Die Sowjetunion verkündet, im Besitz von

Atomwaffen zu sein. • 25.06.1950: Überfall des kommunistischen

Nordkorea auf Südkorea – Beginn des Koreakrieges. • 04.11.1952:

Wahl General Dwight D. Eisenhowers zum Präsidenten der USA.

05.03.1953: Tod Stalins.

Das Nachkriegseuropa mit dem Eisernen Vorhang.

GRABESFRIEDEN:

ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGES IN LETTLAND

Das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 brachte Europa Frieden. In Lettland endete damit zwar das Kriegsleid, aber für den überwiegenden Teil der Bevölkerung bedeutete es eine Fortsetzung der sowjetischen Okkupation und des kommunistischen Terrors. Menschen wurden für eine direkte oder indirekte Zusammenarbeit mit den nationalsozialistischen Besatzern, ja schon für ihre bloße Anwesenheit im deutsch besetzten Lettland, verhaftet, angeklagt oder als „Faschisten“ und „Heimatverräter“ beschimpft. Der Krieg endete mit der bedingungslosen Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschland und dem Sieg der Alliierten. In der Sowjetunion fanden die Siegesfeiern am 9. Mai statt. Doch der lettische Staat und seine Bevölkerung hatte nichts zu feiern – bedeutete doch das Kriegsende nicht die Wiederherstellung der Unabhängigkeit, sondern bereits den zweiten Wechsel der Besatzungsmacht. Abgesehen vom deutsch besetzten Teil Kurlands hatte die Sowjetisierung und die Repressionspolitik der Sowjetmacht auf lettischem Territorium unverzüglich nach dem Eintreffen der Roten Armee Mitte 1944 eingesetzt. Den Fronttruppen folgten Einheiten des NKGB – ab 1946 MGB (Ministerium für Staatssicherheit) – sowie des Armeespionageabwehrdienstes Smersch (russ. „Tod den Spionen“), die im Laufe von knapp sechs Monaten 23.300 Zivilisten verhafteten; viele von ihnen verschwanden spurlos. Die meisten wurden nach Paragraph 58 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation als „Lakaien, Handlanger, Polizisten, Spione bzw. Spionageabwehragenten der Deutschen“ oder als „Heimatverräter“ bestraft.

der Deutschen“ oder als „Heimatverräter“ bestraft. Bei der Entlassung aus dem Filtrationslager: „Du hast den

Bei der Entlassung aus dem Filtrationslager: „Du hast den

Löffel vergessen

ehemaligen Legionärs Juris Barkāns (1924–1975).

“,

Zeichnung aus dem Tagebuch des

Insgesamt etwa 90.000 Kriegsgefangene und viele Zivilisten, darunter vor allem männliche Personen über 16 Jahren, wurden zur Überprüfung in sogenannten Filtrationslagern in Lettland und in der Sowjetunion interniert. Bei seiner Entlassung aus einem solchen Lager mußte jeder Häftling durch Unterschrift bestätigen, daß er „keine Ansprüche gegenüber der Lagerverwaltung geltend macht“ und über das im Lager Gesehene und Erlebte Stillschweigen bewahren wird. Um einen Ausweis oder andere Personaldokumente zu erhalten, mußten die Entlassenen bei der NKGB- bzw. MGB-Abteilung ihres Wohnortes vorsprechen und sich in einer Kartei registrieren lassen, wobei sie nochmals verhört, oftmals erpreßt und als Informanten geworben wurden. 1947 befanden sich 28.813 Einwohner Lettlands, über deren Schicksal noch nicht entschieden war, in sowjetischen Filtrationslagern.

MIT WAFFENGEWALT:

DIE MILITÄRISCHE BESETZUNG LETTLANDS DURCH DIE SOWJETUNION