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C.G.

Jungs psychoanalytischer Interpretationsansatz

C.G. Jung deutet das tibetische Totenbuch auf eine vllig von Religion und
spiritualitt losgelste Weise. Er liest das Buch von hinten nach vorne, beginnend mit
dem Sipa Bardo und endend mit dem Tschikhai Bardo. Fr ihn ist das Werk nicht ein
Fhrer durch die nachtodlichen

Zwischenzustnde,

sondern

vielmehr eine

Darstellung der Phasen, die ein Mensch im Zuge der Analyse seiner Psyche
durchluft.
Zunchst befindet sich der Mensch auf der Ebene des Sipa Bardo. Hier ist er
verhaftet an Ich-Bewusstsein, Krperlichkeit und dem Wunsch zu leben. In diesem
Zustand ist die Psyche des Menschen angefllt mit sexuellen Phantasien und
Traumata. Ist der Mensch gewillt, diese Stufe des Seins zu durchbrechen, so wird er
in die tiefliegenderen Schichten seiner Psyche eindringen. Den Moment der Aufgabe
des Ich-Bewusstseins vergleicht Jung mit dem Totengericht innerhalb des Bardo.
Den darauf folgenden Bereich der Visionen des Tschnyi Bardo setzt er gleich mit
dem Einbruch in das, was er `kollektives Unterbewusstsein` genannt hat. Dieser
Bereich ist ein Speicher fr allgemeingltige vererbte Inhalte der Psyche.
Diese Inhalte sind zwar allgemeingltig, aber zunchst unspezifisch. Jung nennt sie
`Archetypen`. Sie werden spezifiziert durch Erlernen der Inhalte der jeweiligen
Tradition.
Hier, im kollektiven Unterbewusstsein, werden zunchst die negativ beladenen
Inhalte erfahren und daraufhin die positiven. Die Auflsung dieser Visionen bedeutet
eine vollstndige Befreiung von der Objektverhaftung. Dies wird dargestellt durch das
klare Licht. Somit beschreibt fr Jung der Bardo Thdol einen umgekehrten
Initiationsweg[11].