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Agatha Christie

Mord im Orientexpreß

Agatha Christie Mord im Orientexpreß Scherz Bern – München – Wien

Scherz

Bern – München – Wien

überarbeitete Fassung der einzig berechtigten Übertragung aus dem Englischen von Elisabeth van Bebber Titel des Originals: »Murder on the Orient-Express« (Deutscher Titel der bisher nur in gekürzter Fassung erschienenen Ausgabe: »Der rote Kimono«)

1. Auflage 1993 Copyright © 1933 by Agatha Christie Gesamtdeutsche Rechte beim Scherz Verlag Bern und München Gesamtherstellung: Ebner Ulm

1

Es war fünf Uhr morgens. Im Bahnhof von Aleppo stand ab­ fahrbereit der Zug, den die Kursbücher großspurig den Taurus- Express nennen und der sich aus einem Speisewagen, einem Schlafwagen und zwei einheimischen Waggons für den syri­ schen Lokalverkehr zusammensetzt.

Neben den Stufen, die zum Schlafwagen hinaufführten, un­ terhielt sich ein junger französischer Leutnant in prächtiger Uniform mit einem vermummten kleinen Mann, von dem nichts zu sehen war als eine rotgefrorene Nase und die zwei Spitzen eines aufgezwirbelten Schnurrbarts.

Die grimmige Kälte machte die Aufgabe, einem Fremden von Rang das Abschiedsgeleit zu geben, nicht beneidenswert, doch Leutnant Dubosc führte sie mannhaft aus. Seine Lippen drech­ selten elegante Sätze in wohlklingendem Französisch. Nicht, daß er genau wußte, um was es sich eigentlich handelte. Gewiß, es hatte Gerüchte gegeben, wie es in derartigen Fällen unaus­ bleiblich ist. Die Laune des Generals – seines Generals – hatte sich von Tag zu Tag verschlechtert. Und dann tauchte dieser Belgier auf, offenbar aus England kommend. Hierauf eine Wo­ che voll neugieriger Spannung. Und dann gerieten die Dinge in Bewegung. Ein sehr begabter Offizier beging Selbstmord, ein anderer nahm seinen Abschied, ängstliche Gesichter verloren den Ausdruck der Angst, gewisse militärische Vorsichtsmaßre­ geln wurden gelockert. Und der General – Leutnant Duboscs höchsteigener General – sah plötzlich zehn Jahre jünger aus.

Zufällig hatte Dubosc eine Unterhaltung zwischen dem Gene­ ral und dem Fremden teilweise erlauscht. »Sie haben uns geret­ tet, mon cher«, beteuerte der General bewegt, wobei sein weißer

Schnurrbart zitterte. »Sie haben die Ehre der französischen Ar­ mee gerettet – haben viel Blutvergießen verhindert. Wie kann ich Ihnen danken, daß Sie unbekümmert um die Strapazen der weiten Reise meiner Bitte nachkamen?«

Der Fremde – sein Name lautete Hercule Poirot – hatte etwas Passendes erwidert und hinzugefügt: »Meinen Sie, mon général, ich hätte vergessen, daß Sie mir einst das Leben retteten?« Höf­ lich leugnete der hohe Offizier jeden in der Vergangenheit er­ wiesenen Dienst ab. Es folgten noch ein paar gegenseitige Be­ merkungen über Frankreichs und Belgiens Ruhm, Ehre und andere Vorzüge, dann war das Gespräch beendet.

Wie gesagt – um was es eigentlich ging, wußte Leutnant Du­ bosc nicht. Er bekam jedoch den Auftrag, M. Poirot um fünf Uhr früh zum Taurus-Express zu begleiten, und er führte die­ sen Auftrag mit dem Eifer aus, der sich für einen jungen, viel­ versprechenden Offizier schickt.

»Heute ist Sonntag«, sagte Leutnant Dubosc. »Morgen abend sind Sie in Istanbul.«

Nicht zum erstenmal ließ er diese Bemerkung fallen, Unter­ haltungen auf dem Bahnsteig, vor Abfahrt des Zuges, sind sel­ ten frei von Wiederholungen.

»Ganz recht«, entgegnete Monsieur Poirot.

»Und dort wollen Sie ein paar Tage bleiben?«

»Mais oui, in Istanbul war ich noch nie. Es wäre doch ein Jammer, wenn ich nur durchfahren würde – so.« Bei diesem »So« schnippte er mit den Fingern. »Nichts drängt mich, und daher werde ich mich als schlichter Vergnügungsreisender ein paar Tage dort umschauen.«

»Die Hagia Sophia ist sehr schön«, erklärte der junge Franzo­ se, obwohl er das Bauwerk nie gesehen hatte.

Ein eisiger Wind pfiff über den Bahnsteig. Die beiden Männer fröstelten. Dem Leutnant glückte es, einen verstohlenen Blick auf seine Uhr zu werfen. Fünf Minuten vor fünf – also nur noch fünf Minuten! Aber da er glaubte, daß der kleine Belgier den Blick bemerkt hatte, sprudelte er einen neuen Satz hervor.

»Um diese Jahreszeit reisen nur wenige Menschen.«

Dabei betrachtete er die Fenster des Schlafwagens.

»So ist es.«

»Hoffen wir, daß Sie im Taurus nicht einschneien!«

»Kommt das vor?«

»Bisweilen. Dieses Jahr allerdings noch nicht.«

»Hoffen wir also das Beste.« Poirot lächelte. »Die Wetterbe­ richte aus Europa sind freilich schlecht.«

»Schlecht. Besonders vom Balkan wird Schneefall gemeldet.«

»Aus Deutschland auch, habe ich gehört.«

»Eh bien«, sagte Leutnant Dubosc hastig, als eine neue Pause zu drohen schien. »Morgen abend um sieben Uhr fünfzig sind Sie in Istanbul.«

»Ja«, bestätigte Hercule Poirot und fuhr verzweifelt fort: »La Sainte Sophie – man schwärmt allgemein von ihr.«

»Ja, sie ist prächtig!«

Über ihren Köpfen wurde der Vorhang eines Schlafwagen­ fensters zur Seite gezogen, und eine junge Dame spähte heraus.

Mary Debenham hatte seit ihrer am Donnerstag erfolgten Ab­ reise aus Bagdad wenig geschlafen. Weder im Zug nach Kirkuk noch während der Übernachtung in Mosul oder der letzten Nacht in der Eisenbahn. Da sie es satt hatte, in der heißen Schwüle ihres überhitzten Abteils wach an die Decke zu star­ ren, stand sie auf und schaute aus dem Fenster.

Das mußte Aleppo sein. Natürlich sah man nichts. Nur einen langen, kärglich beleuchteten Bahnsteig, auf dem irgendwo ein wütender, lauter arabischer Wortwechsel stattfand. Unter ih­ rem Fenster unterhielten sich zwei Herren auf französisch, ein französischer Offizier und ein kleiner Zivilist mit gewaltigem Schnurrbart. Mary lächelte malt. Noch nie hatte sie einen so festvermummten Menschen gesehen! Vermutlich war es schneidend kalt draußen, deshalb heizte man den Zug auch so übermäßig. Sie versuchte, das Fenster einen Spalt herunterzu­ lassen, aber es klemmte.

Jetzt trat der Schlafwagenkondukteur zu den beiden Herren. Der Zug führe gleich ab, und Monsieur täte gut daran einzu­ steigen, mahnte er. Der Kleine lüftete den Hut. Was für einen drolligen, eiförmigen Kopf er hatte! Überhaupt ein komischer kleiner Mann, den sicher niemand ernst nahm. Mary Deben­ ham mußte unwillkürlich lächeln, obwohl ihr eigentlich nicht danach zumute war.

Leutnant Dubosc schickte sich an, die Abschiedsworte vom Stapel zu lassen, die er sich lange vorher zurechtgelegt hatte. Eine sehr schöne, schwungvolle Rede.

Um nicht zurückzustehen, erwiderte Monsieur Poirot in der gleichen Form.

»En voiture, Monsieur!« drängte der Schlafwagenbeamte.

Mit der Miene offensichtlichen Widerstrebens erkletterte der Belgier die Stufen. Der Schaffner folgte ihm. M. Poirot winkte mit der Hand, Leutnant Dubosc legte salutierend die Rechte an die Mütze. Mit einem schrecklichen Ruck setzte sich der Zug langsam in Bewegung.

»Enfin!« murmelte Hercule Poirot.

»Brrrrr«, stieß Leutnant Dubosc hervor, der plötzlich merkte, wie eisig kalt es war.

»Voilà, Monsieur.« Mit einer dramatischen Geste machte der Schaffner Poirot darauf aufmerksam, mit welchen Bequemlich­ keiten sein Schlafwagenabteil ausgestattet und wie ordentlich das Gepäck gestapelt war. »Die kleine Tasche von Monsieur habe ich dort untergebracht.«

Seine ausgestreckte Hand war nicht mißzuverstehen, so daß der neue Reisende ihr auf jeden Fall eine gefaltete Banknote anvertraute.

»Merci, Monsieur!« Jetzt wurde der Mann kurz und sachlich. »Die Fahrkarten habe ich bereits, wenn ich auch noch um den Paß bitten dürfte? Monsieur unterbricht, wie ich hörte, seine Reise in Istanbul?«

Hercule Poirot bejahte und fügte hinzu: »Ziemlich leer der Zug, wie?«

»Ja. Ich habe nur zwei Passagiere – beides Engländer. Ein O­ berst aus Indien und eine junge Dame aus Bagdad. Wünscht Monsieur irgend etwas?«

Monsieur wünschte eine Flasche Perrier.

Fünf Uhr morgens ist für den Antritt einer Reise eine sehr un­ angenehme Zeit. Zwei Stunden noch, ehe sich die erste Ahnung der Morgendämmerung bemerkbar machen würde. Und mit dem Gedanken an eine unzulängliche Nachtruhe und einen erfolgreich durchgeführten heiklen Auftrag lehnte sich Poirot in eine Ecke und schlief ein.

Als er aufwachte, war es halb zehn, und er machte sich auf den Weg zum Speisewagen, um Kaffee zu trinken.

Dort saß im Moment nur eine einzige Person, offenbar die junge Engländerin, die der Schaffner erwähnt hatte. Groß, schlank und dunkel war sie und etwa achtundzwanzig Jahre alt. Eine gewisse kühle Ungezwungenheit in ihrer ganzen Art –

zum Beispiel als sie den Kellner bat, ihr noch Kaffee zu bringen, verriet, daß sie weltgewandt und des Reisens nicht ungewohnt war. Sie trug ein dunkles Kleid aus einem dünnen Gewebe,, der heißen Temperatur des Zuges angemessen.

Poirot, der nichts Besseres zu tun hatte, vergnügte sich damit, sie zu studieren, ohne daß es auffiel.

Sie war, so urteilte er, eine junge Frau, die sich – wo immer sie auch sein mochte – mit großer Selbstsicherheit allein zurecht­ fand. Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit gehörten fraglos zu ihren Tugenden. Poirot gefiel die strenge Regelmäßigkeit ihrer Züge und das zarte Weiß ihres Teints; ihm gefielen auch das glän­ zende, leichtgewellte schwarze Haar und die Augen, kühl, un­ persönlich und grau. Aber für Poirots Geschmack wirkte sie ein wenig zu tüchtig, um eine jolie femme zu sein.

Jetzt betrat ein anderer Reisender den Speisewagen. Ein gro­ ßer Mann zwischen vierzig und fünfzig, mit hagerem Gesicht, brauner Haut und dichtem Haar, das an den Schläfen zu er­ grauen begann.

Der Oberst aus Indien, sagte Hercule Poirot zu sich selbst.

»Guten Morgen, Miss Debenham«, grüßte der neue Gast und verbeugte sich leicht vor der jungen Dame.

»Guten Morgen, Oberst Arbuthnot.«

Er legte die Hand auf den Stuhl ihr gegenüber.

»Sie gestatten?«

»Bitte, nehmen Sie Platz.«

»Nun ja, manche Leute frühstücken lieber allein, weil sie um diese Zeit noch nicht besonders gesprächig sind.«

»Das bin ich auch nicht. Aber ich verspreche, nicht zu bei­ ßen.«

»Kellner!« rief der Oberst in befehlsgewohntem Ton, während er sich niederließ. Er bestellte Eier und Kaffee.

Für eine Sekunde ruhte sein Blick auf Hercule Poirot und schweifte dann sofort gleichgültig weiter. Poirot, der in der englischen Seele zu lesen verstand, wußte, daß das Urteil hieß:

»Nur irgendein verdammter Ausländer!«

Ihrem Nationalcharakter getreu, waren die Briten nicht ge­ sprächig. Sie wechselten ein paar kurze Bemerkungen, aber bald erhob sich das junge Mädchen und ging zu seinem Abteil zurück. Zum Lunch saßen die beiden wieder am selben Tisch, und wieder schenkten sie dem dritten Reisenden keinerlei Be­ achtung. Sie unterhielten sich lebhafter als beim Frühstück. O­ berst Arbuthnot erzählte vom Pandschab und stellte Miss De­ benham hin und wieder eine Frage über Bagdad, wo sie Erzie­ herin gewesen war. Im Laufe des Gesprächs entdeckten sie ei­ nige gemeinsame Freunde, was sofort bewirkte, daß sie sich weniger steif und zurückhaltend gaben. Ziemlich ausführlich beschäftigten sie sich mit einem gewissen Tommy Smith und einem Jerry Miller. Hierauf erkundigte sich der Oberst, ob sie bis England durchfahre oder die Fahrt in Istanbul unterbreche.

»Nein, ich fahre direkt.«

»Ist das nicht schade?«

»Ich habe vor zwei Jahren dieselbe Reise gemacht und Istan­ bul damals drei Tage gewidmet.«

»Ah, das ist freilich etwas anderes. Im übrigen freut es mich, daß Sie ohne Unterbrechung Weiterreisen, weil ich es ebenfalls tue.« Er verbeugte sich ein wenig linkisch und wurde rot.

Schau, schau! dachte Hercule Poirot vergnügt. Er ist für weib­ liche Reize empfänglich, unser Oberst. Eine Zugfahrt birgt die­ selben Gefahren wie eine Seereise.

Miss Debenham erwiderte, das sei sehr nett, doch es klang etwas bedrückt.

Als sie mit dem Essen fertig waren, begleitete der Oberst sie zu ihrem Abteil zurück. Nicht viel später glitt vor den Fenstern die ungeheuer eindrucksvolle Szenerie des Taurus vorüber, und die beiden standen Seite an Seite im Gang.

»Es ist so wunderschön!« hörte Poirot, der gleichfalls die Landschaft bewunderte, Mary Debenham leise sagen. »Ich wollte – ich wollte…«

»Ja?«

»Ich wollte, ich könnte es genießen!«

Arbuthnot antwortete nicht sofort. Die viereckige Linie seines Kiefers schien noch ein wenig grimmiger und härter zu wer­ den. »Bei Gott, ich wünschte, Sie wären aus allem heraus!«

»Pst! Pst!«

»Oh, schon gut!« Er warf einen leicht verärgerten Blick in Poi­ rots Richtung. »Mich wurmt der Gedanke, daß Sie sich als Er­ zieherin plagen müssen und den Launen tyrannischer Mütter und ihrer unangenehmen Bälger ausgeliefert sind.«

Sie lachte auf. Es klang eine Spur unbeherrscht.

»Unsinn! Das Märchen von der mit Füßen getretenen Gou­ vernante hat sich längst überlebt. Ich kann Ihnen versichern, daß die Eltern meiner Zöglinge eher fürchten, von mir tyranni­ siert zu werden.«

Sie schwiegen. Vielleicht schämte sich Arbuthnot seines Aus­ bruchs.

Poirot, der unfreiwillige Lauscher, sagte nachdenklich zu sich:

Das ist ja eine sonderbare kleine Komödie, die ich da beobachte. Später sollte er sich dieses Gedankens erinnern…

Gegen halb zwölf Uhr nachts kamen sie in Konya an. Die bei­ den Engländer spazierten, um sich ein wenig die Beine zu ver­ treten, auf dem verschneiten Bahnsteig auf und ab. Hercule Poirot begnügte sich zunächst damit, das Gewimmel auf der Station durch die Fensterscheibe zu beobachten. Nach zehn Minuten entschied er jedoch, daß ein Atemzug frischer Luft nichts schaden könne. Er traf hierzu sorgfältige Vorbereitun­ gen, hüllte sich in mehrere Mäntel und Wollschals, zwängte seine blitzblanken Schuhe in Galoschen und kletterte derart ausstaffiert bedächtig ins Freie. Langsam ging er den Bahnsteig entlang, noch über die Lokomotive hinaus.

Es waren ihre Stimmen, die ihm sagten, wer die beiden un­ deutlichen Gestalten waren, die im Schatten eines Güterwagens standen.

»Mary«, bat Oberst Arbuthnot.

Aber das Mädchen unterbrach ihn. »Nein, nicht jetzt. Nicht jetzt. Wenn alles vorbei ist. Wenn es hinter uns liegt, dann…«

Diskret machte Poirot kehrt, aufs höchste erstaunt. Er hatte Miss Debenhams kühle, beherrschte Stimme kaum wiederer­ kannt. »Seltsam«, murmelte er.

Am nächsten Tag fragte er sich, ob sich die beiden vielleicht gestritten hatten. Sie sprachen wenig miteinander, und Mary hatte dunkle Ringe unter den Augen.

Nachmittags um halb drei hielt der Zug plötzlich an. Aus al­ len Fenstern wurden Köpfe rausgestreckt. Neben dem Schie­ nenstrang sammelten sich ein paar Männer, die auf irgend et­ was unter dem Speisewagen wiesen.

Poirot lehnte sich hinaus und wechselte ein paar Worte mit dem Schlafwagenschaffner, der gerade vorübereilte. Als Poirot den Kopf zurückzog und sich umwandte, prallte er beinahe gegen Miss Debenham.

»Was gibt’s?« fragte sie ziemlich atemlos auf französisch.

»Nichts Gefährliches, Mademoiselle. Irgend etwas unter dem Speisewagen hat Feuer gefangen. Man hat es bereits gelöscht und repariert den Schaden. Es besteht keinerlei Gefahr mehr.«

Sie fuhr ungeduldig mit der Hand durch die Luft, als schiebe sie den Gedanken an Gefahr als gänzlich nebensächlich beiseite. »Ja, ja, ich verstehe. Aber die Zeit!«

»Die Zeit?«

»Wir werden uns verspäten.«

»Das ist allerdings möglich«, gab Poirot zu.

»Aber wir können uns keine Verspätung erlauben. Dieser Zug trifft fahrplanmäßig abends um 6.55 Uhr ein, und man muß den Bosporus überqueren und um neun Uhr den Simplon-Orient- Expreß nehmen. Wenn wir eine Stunde oder zwei hier vertrö­ deln, verpassen wir den Anschluß.«

»Das ist möglich«, wiederholte er und musterte sie neugierig. Ihre Hand, die das Fensterkreuz umklammerte, bewegte sich unruhig, und ihre Lippen zitterten.

»Ist es denn für Sie so wichtig, Mademoiselle?« fragte er.

»Ja. Ungemein. Ich muß jenen Zug erreichen.« Sie ließ Poirot stehen und ging zu Oberst Arbuthnot.

Ihre Angst war jedoch überflüssig. Zehn Minuten später ging die Fahrt weiter. Mit nur fünf Minuten Verspätung lief der Zug in Haydapassar ein, nachdem er die übrige Zeit im Laufe des Nachmittags wieder eingeholt hatte.

Im Bosporus war rauhe See, so daß Monsieur Poirot sich wäh­ rend der Überfahrt höchst unbehaglich fühlte. Von seinen Rei­ segefährten wurde er auf dem Dampfer getrennt und bekam sie nicht wieder zu Gesicht. Und als die Fähre an der Galatabrücke

anlegte, fuhr der kleine Belgier schnurstracks zum »Tokatlian Hotel«.

2

Er verlangte ein Zimmer mit Bad und erkundigte sich, ob Post für ihn eingetroffen sei.

»Ja, drei Briefe. Und außerdem ein Telegramm.«

Poirots Augenbrauen zogen sich ein wenig in die Höhe – ein Telegramm hatte er nicht erwartet. Trotzdem öffnete er es in der ihm eigenen gemessenen Art.

»Entwicklung, die Sie im Fall Kassner voraussagten, unerwar­ tet schnell eingetreten. Bitte sofort zurückkehren.«

»Ah, c’est embêtant!« murmelte Hercule Poirot verdrießlich. Er blickte auf die Uhr und wandte sich an den Portier: »Ich muß noch heute Weiterreisen. Um wieviel Uhr fährt der Simplon ab?«

»Um neun, Monsieur.«

»Können Sie mir einen Schlafwagenplatz besorgen?«

»Sicher, Monsieur. Um diese Jahreszeit ist das nicht schwer. Der Zug ist fast leer. Erste oder zweite Klasse?«

»Erste.«

» Très bien, Monsieur. Wie weit?«

»Nach London.«

»Dann werde ich Ihnen eine Fahrkarte bis London besorgen und ein Abteil in dem Istanbul-Calais-Waggon reservieren las­ sen.« Wieder befragte Poirot seine Uhr. Zehn Minuten vor acht.

»Habe ich noch Zeit zu Abend zu essen?«

»Aber gewiss, Monsieur.«

Der kleine Belgier nickte, widerrief seine Zimmerbestellung und ging in den Speisesaal. Während er mit dem Kellner sprach, legte sich eine Hand auf seine Schulter.

»Ah, mon vieux, das nenne ich ein unerwartetes Vergnügen!« sagte eine Stimme hinter ihm. Der Sprecher war ein älterer, un­ tersetzter Herr, der das Haar bürstenartig geschnitten trug. Poi­ rot sprang auf.

»Monsieur Bouc!«

»Ja, ja, ich bin’s, Monsieur Poirot.«

M. Bouc war Belgier und einer der Direktoren der Internatio­ nalen Schlafwagengesellschaft. Poirot, den ehemaligen Star der belgischen Kriminalpolizei, kannte er schon seit Jahren.

»Sie sind ja ziemlich weit weg von daheim, mon cher.« M. Bouc lächelte seinen Landsmann an.

»Eine kleine Angelegenheit in Syrien.«

»Ah! Und jetzt sind Sie auf der Rückreise?«

»Ja. Heute abend fahre ich.«

»Famos! Ich ebenfalls. Das heißt, ich fahre bis Lausanne, wo ich zu tun habe. Vermutlich benutzen Sie den Simplon- Expreß?«

»Ja, ich habe den Portier eben gebeten, mir ein Schlafwagen­ abteil reservieren zu lassen. Eigentlich war es meine Absicht, hier ein paar Tage herumzubummeln, doch ich erhielt aus Eng­ land ein Telegramm, das meine sofortige Weiterreise erforder­ lich macht.«

»Ah, les affaires – les affaires!« M. Bouc seufzte. »Aber Sie haben ja inzwischen den Gipfel der Berühmtheit erklommen, mon vieux.«

»Nun, ein paar kleine Erfolge hatte ich zu verzeichnen.« Her­ cule Poirot gab sich alle Mühe, bescheiden auszusehen, was ihm gründlich mißlang.

Bouc lachte.

»Wir sehen uns später wieder«, sagte er und ging. Der kleine Detektiv widmete sich nun der Aufgabe, seinen Schnurrbart nicht allzuoft im Suppenteller zu baden. Nachdem dieses schwierige Werk vollbracht war, hielt er, auf den nächsten Gang wartend, im Speisesaal Ausschau. Es saß nur etwa ein halbes Dutzend Gäste an den Tischen, und von diesem halben Dutzend interessierten Hercule lediglich zwei Herren.

Sie saßen nicht weit von ihm entfernt. Doch nicht der jüngere, ein sympathischer Dreißigjähriger, offenbar ein Amerikaner, hatte Poirots Aufmerksamkeit erregt, sondern sein Gefährte, ein Mann zwischen sechzig und siebzig. Von weitem gesehen glich er einem abgeklärten Philanthropen. Der schon ein wenig kahle Kopf, die gewölbte Stirn, der Mund, der beim Lächeln ein sehr weißes falsches Gebiß entblößte, schienen auf eine liebenswür­ dige Persönlichkeit schließen zu lassen. Nur die Augen straften diesen Eindruck Lügen, kleine, tiefliegende, listige Augen. Und nicht nur das. Als sich der Fremde nach einer an seinen jungen Begleiter gerichteten Bemerkung im Speisesaal umsah, blieben seine Augen sekundenlang an Poirot haften, und während die­ ser einen Sekunde glitzerte eine sonderbare Bösartigkeit, eine unnatürliche Spannung in ihnen. Gleich darauf erhob er sich.

»Begleichen Sie die Rechnung, Hector«, sagte er.

Seine Stimme klang leicht heiser, war gleichzeitig jedoch von einer merkwürdigen, gefährlichen Sanftheit.

Als Poirot mit seinem belgischen Freund in der Halle wieder zusammentraf, verließ das ungleiche Paar gerade das Hotel. Ihr

Gepäck wurde unter Aufsicht des Jüngeren nach draußen ge­ schafft. Kurz darauf öffnete er die Glastür und verkündete:

»Alles fertig, Mr. Ratchett.«

Der Ältere knurrte etwas und stelzte hinaus.

»Eh bien«, meinte Poirot, »was halten Sie von den beiden?«

»Es sind Amerikaner.«

»Fraglos sind es Amerikaner. Ich wollte wissen, was Sie von ihnen als Menschen halten.«

»Der junge Mann gefiel mir ganz gut.«

»Und der andere?«

»Offen gestanden – er war mir nicht besonders sympathisch. Geht es Ihnen ebenso?«

Hercule Poirot zögerte mit der Antwort.

»Als er im Restaurant an mir vorbeiging«, erwiderte er end­ lich, »hatte ich einen merkwürdigen Eindruck. Es war. als sei ein wildes Tier, ein wildes, grausames Tier, an mir vorüberge­ gangen.«

»Und dennoch sieht er durchaus redlich und achtbar aus.«

»Ganz gewiß! Der Körper, die Hülle – ich möchte sagen: der Käfig – wirkt absolut achtbar, aber durch die Stäbe sieht einen das wilde Tier an.«

»Sie haben Phantasie, mon vieux«, sagte M. Bouc.

»Vielleicht. Doch ich konnte mich des Eindrucks nicht erweh­ ren, daß das Böse dicht an mir vorbeistrich.«

»In Gestalt dieses respektablen Amerikaners?«

»In Gestalt dieses respektablen Amerikaners.«

»Nun, mag schon sein, es gibt ja allerhand Böses in der Welt«, meinte M. Bouc fröhlich.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und der Portier kam auf die beiden Belgier zu – ziemlich verlegen und betreten.

»Es ist kaum zu glauben, Monsieur«, wandte er sich an Poirot, »aber es sind sämtliche Schlafwagenabteile erster Klasse im Zug besetzt.«

»Comment?« rief M. Bouc dazwischen. »Um diese Jahreszeit? Ah, da reist sicher eine Gruppe von Journalisten oder Politi­ kern…«

»Keine Ahnung, Sir«, versicherte der Portier. »Ich kann Ihnen nur die bedauerliche Tatsache melden.«

»Schon gut.« M. Bouc klopfte Poirot auf die Schulter. »Lassen Sie den Kopf nicht hängen, alter Freund. Ich weiß schon einen Ausweg. Es gibt immer ein Abteil – Nr. 10 –, das der Schaffner frei hält!« Er lächelte vielsagend und fuhr nach einem Blick auf die Uhr fort: »Kommen Sie, es ist Zeit, daß wir aufbrechen.«

Auf dem Bahnhof wurde M. Bouc mit dienstwilligem Eifer von dem braununiformierten Schlafwagenschaffner begrüßt. »Sie haben Abteil Nr. 1, Monsieur.« Er winkte den Trägern, die das Gepäck auf zweirädrigen Karren zur Waggontür schoben. Eine Metalltafel an der Außenwand des Waggons nannte die drei wichtigsten Zielbahnhöfe des Zuges:

ISTANBUL TRIEST CALAIS

»Ich höre, Sie sind voll besetzt?«

»Es ist unglaublich, Monsieur. Heute abend scheint die ganze Welt vom Reisefieber gepackt.«

»Einerlei – Sie müssen für meinen Freund hier Platz schaffen. Geben Sie ihm Abteil Nr. 16.«

»Es ist bereits belegt, Monsieur.«

»Was? Die Nr. 16?«

Der Direktor und sein Untergebener tauschten einen ver­ ständnisvollen Blick, und der Schaffner, ein großer, blasser Mann mittleren Alters, lächelte.

»Ja, auch die Nr. 16«, beteuerte er. »Wie gesagt, wir sind voll besetzt, bis in den letzten Winkel.«

»Aber was ist denn los?« fragte Bouc verärgert. »Findet ir­ gendwo eine Konferenz statt? Oder handelt es sich um eine geschlossene Gesellschaft?«

»Nein, Monsieur. Es ist reiner Zufall. Es hat sich einfach so ergeben, daß alle Leute ausgerechnet heute nacht reisen wol­ len.«

M. Bouc ließ ein ärgerliches Schnalzen hören.

»In Belgrad stößt ja der Schlafwagen von Athen zu uns und nachher auch der Wagen Bukarest-Paris, doch wir erreichen Belgrad erst morgen gegen Abend. Was machen wir also heute nacht? Haben Sie denn ein Abteil in der zweiten Klasse frei?«

»Ja, Monsieur. Das heißt, kein ganzes Abteil, sondern nur noch ein Bett. Im anderen schläft eine Frau – die Zofe einer mit­ reisenden Dame.«

»Verfluchtes Pech!« machte M. Bouc seinem Ärger Luft.

Jetzt mischte Poirot sich beschwichtigend ein.

»Regen Sie sich nicht auf, mon ami. Ich werde dann eben in ei­ nem gewöhnlichen Wagen die Nacht verbringen.«

»Nein, nein, davon kann keine Rede sein.« Wiederum wandte er sich an den Kondukteur. »Haben sich schon alle Reisenden eingefunden?«

»Einer fehlt noch, Bett Nr. 7 zweiter Klasse. Der Inhaber ist ein Engländer, Mr. Harris.«

»Bringen Sie Monsieur Poirots Gepäck in Nr. 7 unter«, ent­ schied M. Bouc. »Wenn dieser Mr. Harris erscheint, werden wir ihm sagen, daß er zu spät kommt, daß die Betten nicht bis zur allerletzten Minute reserviert werden können – oder irgend etwas Ähnliches. Was kümmert mich schließlich irgendein be­ liebiger Mr. Harris?«

»Wie Monsieur wünscht«, erwiderte der Schaffner. Er drehte sich um und sagte Poirots Träger, wohin er das Gepäck bringen sollte. Dann trat er beiseite, damit der kleine Belgier einsteigen konnte. »Tout à fait, au bout, Monsieur«, rief er. »Es ist das vor­ letzte Abteil.«

Hercule Poirot schob sich durch den schmalen Gang, was nicht einfach war, da die meisten Reisenden vor ihren Abteilen standen. Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks murmelte er ein höfliches »Pardon« und gelangte endlich ans Ziel, wo er den großen jungen Amerikaner aus dem »Tokatlian Hotel« antraf.

Der runzelte die Stirn, als Poirot eintrat.

»Verzeihung«, meinte er. »Ich glaube, Sie irren sich.« Dann setzte er in unbeholfenem Französisch hinzu: »Je crois, que vous avez un erreur.«

Der kleine Detektiv entgegnete auf englisch:

»Sind Sie Mr. Harris?«

»Nein. Mein Name ist MacQueen. Ich…«

Doch da sagte der Schlafwagenkondukteur über Poirots Schulter hinweg mit um Entschuldigung bittender, ziemlich atemloser Stimme:

»Es ist kein anderes Bett im Zug mehr frei, Monsieur. Der Herr muß hier untergebracht werden.«

Er schloß das Gangfenster, während er sprach, und schleppte dann Poirots Gepäck herein.

Poirot hörte diese Entschuldigung mit stillem Vergnügen. Zweifellos war dem Mann ein gutes Trinkgeld versprochen worden, wenn er das Abteil ausschließlich dem anderen Rei­ senden zur Verfügung stellte. Doch selbst die freigebigsten Trinkgelder verlieren ihre Wirkung, wenn ein Direktor der Schlafwagengesellschaft im Zug mitreist und »Wünsche« äu­ ßert.

»Voilà, Monsieur, jetzt ist alles untergebracht«, sagte der Schaffner, während er den letzten Handkoffer mit einem Schwung im Netz verstaute. »Ihnen gehört das obere Bett, Nr. 7. In einer Minute fahren wir ab.«

Und schon war er auf und davon.

»Ein Schlafwagenkondukteur, der sich herbeiläßt, eigenhän­ dig die Gepäckstücke an Ort und Stelle zu legen – bei Gott, das ist ein Phänomen!« sagte Hercule Poirot schmunzelnd.

Sein Reisegefährte lächelte. Offenbar hatte er seinen Ärger überwunden und eingesehen, daß es das beste war, sich mit philosophischer Ruhe in das Unabwendbare zu schicken. »Der Zug ist ungewöhnlich voll«, fügte er hinzu.

Ein Pfiff, dann ein langer, melancholischer Schrei der Loko­ motive. Beide Herren traten in den Gang hinaus.

»En voiture!« rief draußen eine Stimme.

»Wir fahren ab«, sagte MacQueen.

Aber sie fuhren noch nicht ab. Zum zweitenmal schrillte die Pfeife.

»Wenn Sie lieber das untere Bett haben wollen, Sir«, begann der junge Amerikaner plötzlich, »ich stelle es Ihnen gern zur Verfügung.«

Poirot streifte den Sprecher mit einem wohlwollenden Blick. Ein sympathischer junger Mann.

»Nein, nein, ich möchte Sie keinesfalls berauben«, wehrte er ab. »Nicht der Rede wert…«

»Sie sind zu liebenswürdig…«

Weitere höfliche Proteste auf beiden Seiten.

»Es handelt sich ja nur um eine Nacht«, erläuterte Hercule Poirot. »In Belgrad…«

»Ah, ich verstehe! Sie steigen schon in Belgrad aus.«

»Das freilich nicht. Indes…«

Es gab einen heftigen Ruck. Beide, der hochgewachsene Ame­ rikaner und der kleine Belgier steckten den Kopf zum Fenster hinaus und sahen den langen, hellerleuchteten Bahnsteig an sich vorübergleiten. Der Orientexpreß hatte seine dreitägige Fahrt durch Europa begonnen.

3

Erst ziemlich spät fand sich Hercule Poirot am nächsten Tag zum Lunch im Speisewagen ein. Er war früh aufgestanden, hatte beinahe allein gefrühstückt und dann die Vormittags­ stunden damit zugebracht, die Notizen über den Fall durchzu­ gehen, der ihn nach London zurückrief. Seinen Reisegefährten hatte er kaum gesehen.

M. Bouc begrüßte seinen Landsmann mit lebhaftem Winken und deutete auf den leeren Platz an seinem Tischchen, das, wie Poirot bald merkte, vom Kellner zuerst und mit besonderer Zuvorkommenheit versorgt wurde. Das Essen war erstaunlich gut.

Erst als sie einen delikaten Sahnekäse aßen, schenkte M. Bouc seine Aufmerksamkeit etwas anderem als der Mahlzeit. Aber ein zufriedener Magen macht eben mitteilsam.

»Ah, wenn ich doch die Feder eines Balzac hätte!« sagte er seufzend. »Wie sollte ich diese Szene beschreiben! Sehen Sie, mon ami, um uns herum sitzen Leute aller Klassen, aller Natio­ nen. Leute jeden Alters. Für drei Tage sind diese einander völ­ lig Fremden zusammengepfercht. Sie schlafen und essen unter demselben Dach, sie können einander nicht ausweichen. Nach Ablauf dieser drei Tage jedoch trennen sie sich, zerstreuen sich in alle Winde, gehen ihren verschiedenen Geschäften nach und sehen sich nie wieder.«

»Und dennoch – nehmen wir an, es geschähe ein Unglück«, begann Poirot.

»Gewiß, es wäre bedauerlich. Aber trotzdem wollen wir es einmal annehmen. Dann sind alle diese Menschen zusammen­ gekettet durch den Tod.«

»Noch etwas Wein«, lenkte M. Bouc ab. »Das sind ja krank­ hafte Einfälle, mein Lieber. Macht Ihnen vielleicht die Verdau­ ung zu schaffen?«

»Kann sein, daß die Ernährung in Syrien meinem Magen nicht ganz behagte«, gab Poirot zu. Langsam nippte er an sei­ nem Glas, und seine klugen Augen betrachteten interessiert die übrigen Gäste des Speisewagens. Dreizehn Personen waren es, und, wie M. Bouc sehr richtig geäußert hatte, waren alle Klas­ sen und Nationen vertreten.

Am Tisch gegenüber saßen drei Männer. Einzelreisende. Der Speisewagenkellner mochte sie mit sicherem und unfehlbarem Urteil abgeschätzt und dann zu dieser Runde vereinigt haben. Ein dicker dunkler Italiener stocherte mit wahrer Wollust in seinen Zähnen. Der magere, saubere Engländer, ihm gegen­ über, hatte das ausdruckslose Gesicht des wohlerzogenen Die­ ners, und neben ihm redete laut und ausdauernd ein stämmiger Amerikaner – möglicherweise ein Handelsreisender.

»Man muß es nur gründlich besorgen«, trompetete er mit tie­ fer, nasaler Stimme.

Der Italiener fuchtelte mit seinem Zahnstocher in der Luft herum.

»Sicherlich«, stimmte er zu. »Das habe ich ja die ganze Zeit gesagt.«

Der Engländer schaute zum Fenster hinaus und hüstelte. Poi­ rots Blicke wanderten weiter.

Kerzengerade saß an einem kleinen Tisch eine der häßlichsten alten Damen, die er je gesehen hatte. Allerdings war es eine Häßlichkeit, die sich mit Vornehmheit paarte. Sie war nicht abstoßend, sondern eher faszinierend. Die Dame trug ein Kol­ lier aus unglaublich großen Perlen, die – was noch unglaubli­ cher schien – tatsächlich echt waren. Die Ringe an ihren Fingern

stellten ein Vermögen dar. Ein kostbarer Zobelmantel lag, mit dem Seidenfutter nach außen, ausgebreitet über der Stuhllehne hinter ihr, so daß sie ihn nur um die Schultern zu raffen brauch­ te, wenn sie aufstand. Der sehr kleine, kostspielige schwarze Hut, den sie trug, stand ihr überhaupt nicht, denn er milderte nicht die Häßlichkeit ihres gelben Froschgesichts, sondern be­ tonte sie noch.

Jetzt gab sie in klarem, höflichem, doch durchaus autokrati­ schem Ton dem Kellner einige Anweisungen.

»Sie werden bitte so freundlich sein, mir eine Flasche Mine­ ralwasser und ein großes Glas Orangensaft in mein Abteil zu stellen und ferner dafür zu sorgen, daß ich heute abend junges Hühnchen ohne Sauce bekomme, außerdem etwas gekochten Fisch.«

Der Kellner versicherte ehrerbietig, daß er ihren Wünschen Rechnung tragen werde, woraufhin sie leicht nickte und sich erhob. Ihr Blick traf Hercule Poirot und glitt mit der Gleichgül­ tigkeit der uninteressierten Aristokratin über ihn hinweg.

»Das ist Prinzessin Dragomiroff«, sagte M. Bouc gedämpft. »Eine Russin. Ihr Gatte verkaufte vor der Revolution seinen gesamten Besitz und investierte das Geld im Ausland. Madame ist häßlich wie die Sünde, aber ungeheuer reich. Eine Kosmopo­ litin.«

Poirot nickte – er hörte von der Prinzessin nicht zum ersten­ mal.

»Eine starke Persönlichkeit«, führte Bouc hinzu. »Hab ich nicht recht?«

Poirot konnte ihm nur beipflichten.

An einem anderen der großen Tische aß Mary Debenham mit zwei anderen Frauen. Eine von ihnen war ein ältliches Wesen in

karierter Bluse und Tweedrock. Sie trug das dichte, farblos blonde Haar straff zurückgekämmt und in einem großen Kno­ ten zusammengedreht und hatte ein langes, sanftes Gesicht, das an ein Schaf erinnerte.

Geduldig hörte sie der dritten Frau zu, deren Redefluß ohne Atempause dahinplätscherte.

»… und daher sagte meine Tochter: ›Mama, du kannst in die­ sem Land keine amerikanischen Methoden anwenden. Die Leu­ te sind von Natur aus träge. Sie haben keinen Schwung.‹ Ja. so sagte sie. Desungeachtet würden Sie staunen, was unsere Schu­ le dort vollbracht hat. Wirklich, sie verfügt über einen vortreff­ lichen Lehrerstab. Meiner Ansicht nach ist Bildung das Wich­ tigste im Leben. Wir müssen unseren westlichen Idealen treu bleiben und den Osten lehren, sie anzuerkennen.

Meine Tochter sagt…«

Der Zug tauchte in einen Tunnel ein, und die ruhige, mono­ tone Stimme ging im hallenden Dröhnen unter.

Am wesentlich kleineren Nebentisch saß Oberst Arbuthnot – allein. Sein Blick ruhte auf Mary Debenhams Hinterkopf. Wa­ rum saßen die beiden nicht zusammen? Es hätte sich mit Leich­ tigkeit einrichten lassen. Warum also?

Vielleicht, dachte Poirot, hatte Mary Einwendungen gemacht. Eine Erzieherin lernt es, auf der Hut zu sein, alles Verfängliche zu meiden. Auch Äußerlichkeiten sind für ein Mädchen, das sich sein Brot selbst verdienen muß, von Wichtigkeit.

Hercules Blick wanderte zur anderen Seite des Wagens hin­ über. Dort saß ganz am äußeren Ende eine Frau mittleren Alters im schlichten schwarzen Kleid. Deutsche oder Skandinavierin, urteilte Poirot. Wahrscheinlich die Zofe der deutschen Dame.

Dann kam ein Paar, das sich angeregt unterhielt. Der Herr trug einen bequemen englischen Tweedanzug, doch Engländer war er nicht. Obwohl Poirot ihn nur von hinten sehen konnte, verrieten ihm das Kopfform und Schulterhaltung. Plötzlich drehte er den Kopf, so daß sein Profil sichtbar wurde.

Ein sehr gut aussehender Mann von etwa dreißig Jahren, mit blondem Schnurrbart.

Die Frau ihm gegenüber hätte auch ein Mädchen sein können – knapp zwanzig Jahre schätzungsweise. Der schwarze Mantel und Rock, die weiße Satinbluse, die kleine schwarze Kappe – alles verriet letzten Chic. Sie hatte ein schönes, fremdartiges Gesicht, eine schneeweiße Haut, große braune Augen und jett­ schwarzes Haar. Sie rauchte eine Zigarette, die in einer langen Spitze steckte. Tiefrot waren die Nägel ihrer manikürten Hände lackiert, und die Linke zierte ein großer, platingefaßter Sma­ ragd. Blick und Stimme waren ein wenig kokett.

»Elle est jolie – et chic«, sagte Poirot. »Ein Ehepaar, eh?« M. Bouc nickte.

»Ungarische Diplomaten, glaube ich«, erklärte er. »Ein hüb­ sches Paar.«

Außerdem gab es noch zwei Gäste – Poirots Abteilgefährten MacQueen und dessen Arbeitgeber Mr. Ratchett, der das Ge­ sicht dem kleinen Belgier zuwandte. Wieder betrachtete Poirot forschend die wenig einnehmenden Züge und stutzte über die trügerische Güte der Stirn und die kleinen, grausamen Augen. Fraglos fiel M. Bouc der Wechsel im Ausdruck seines Freundes auf. »Sind Sie auf Ihr wildes Tier gestoßen?« erkundigte er sich. Hercule Poirot nickte.

Nach dem letzten Schluck Kaffee erhob sich M. Bouc. Da er mit dem Essen früher begonnen hatte als Poirot, war er auch früher fertig.

»Ich gehe in mein Abteil zurück, mon ami. Kommen Sie mir nach, damit wir ein bißchen ungestört plaudern können.«

»Mit Vergnügen.«

Poirot trank langsam seinen Kaffee und bestellte noch einen Likör. Schon ging der Zahlkellner von Tisch zu Tisch, um zu kassieren. Schrill und jammernd erhob sich die Stimme der äl­ teren, redseligen Amerikanerin:

»Meine Tochter hat gesagt: ›Nimm ein Heftchen mit Abon­ nementskarten für das Essen, dann hast du keine Schwierigkei­ ten‹ – überhaupt keine, und jetzt soll ich noch zehn Prozent Trinkgeld zahlen? Und dann diese Flasche Mineralwasser! Was für ein scheußliches Wasser überdies! Warum führen Sie kein Vichy?«

»Weil sie einheimisches Wasser servieren müssen«, mischte sich die schafsgesichtige Dame ein.

»So? Ich finde das sehr merkwürdig.« Verächtlich musterte die Empörte das Häufchen Wechselgeld auf dem Tischtuch. »Sehen Sie nur, was er mir da für Dinger gegeben hat. Dinare oder wie das Zeug heißt. Auf den Kehricht möchte man es wer­ fen! Meine Tochter sagte…«

Mary Debenham stieß ihren Stuhl zurück und verließ die bei­ den mit einem flüchtigen Nicken. Oberst Arbuthnot erhob sich ebenfalls und folgte ihr. Das geschmähte Geld zusammenraf­ fend, brach auch die Amerikanerin auf, begleitet von der Schafsgesichtigen. Das ungarische Ehepaar hatte sich bereits entfernt, so daß nur noch Poirot, MacQueen und Ratchett im Speisewagen verblieben.

Ratchett sagte etwas zu seinem jungen Begleiter, worauf die­ ser aufstand und ebenfalls hinausging. Dann stand auch er auf, aber anstatt MacQueen zu folgen, ließ er sich unerwartet auf dem leeren Stuhl an Poirots Tisch nieder. »Können Sie mir mit

einem Streichholz aushelfen?« fragte er. »Mein Name ist Rat­ chett.«

Poirot begnügte sich mit der Andeutung einer Verbeugung. Er holte aus der Rocktasche eine Streichholzschachtel hervor und reichte sie dem Fremden, der sie nahm, aber keine Miene machte, ein Hölzchen zu benutzen.

»Ich glaube, ich habe das Vergnügen, mit Monsieur Hercule Poirot zu sprechen«, sagte er. »Bin ich da richtig informiert?« Wieder eine kaum merkliche Verbeugung von Seiten Poirots. »Sie sind es, Monsieur.«

Die merkwürdigen intelligenten Augen schätzten den Detek­ tiv sehr genau ab, und Ratchett sprach erst nach einer längeren Pause weiter.

»In meinem Land pflegt man keine Umschweife zu machen, M. Poirot. Ich möchte, daß Sie einen Auftrag für mich über­ nehmen.«

Hercule Poirots Augen zogen sich ein wenig in die Höhe. »Meine Klientel ist heutzutage beschränkt, Monsieur. Ich über­ nehme nur noch ganz wenige Fälle.«

»Das verstehe ich sehr gut. Aber hier geht es um eine staatli­ che Summe, M. Poirot.« Und mit seiner weichen, eindringlichen Stimme wiederholte er: »Eine stattliche Summe.« Hercule Poi­ rot betrachtete ein paar Minuten lang das Muster des weißen Tischtuches.

»Und was soll ich für Sie tun? M. – Ratchett?«

»Ich bin ein reicher Mann, Monsieur Poirot, ein sehr reicher Mann. Und solche Menschen haben Feinde. Ich habe einen Feind.«

»Nur einen?«

»Was meinen Sie mit dieser Frage?« kam es scharf zurück. »Monsieur, solche Menschen – um Ihre Worte zu gebrauchen – haben in der Regel nicht nur einen Feind, sondern mehrere.« Bei dieser Antwort schien Mr. Ratchett erleichtert aufzuatmen. Und schnell erwiderte er:

»Nun, das mag stimmen. Aber ob einen Feind oder mehrere, darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt, ist meine Si­ cherheit.«

»Sicherheit?«

»Mein Leben ist bedroht worden, Monsieur Poirot. Freilich« – er lachte grimmig auf – »verstehe ich mich auch ganz gut selbst zu schützen.« Er schob die Hand in die Tasche und ließ flüchtig einen kleinen Browning sehen. »Ich bin wahrlich nicht der Mann, den man im Schlaf überrumpelt. Doch ich denke, Sie kennen das Sprichwort: Doppelt genäht hält besser. Deshalb komme ich zu Ihnen, Monsieur Poirot. Und Sie können viel, viel Geld dabei verdienen.«

Der kleine Belgier sah sein Gegenüber grübelnd an, doch was er dachte, verrieten seine Züge nicht, so sehr der andere es auch zu ergründen trachtete.

»Ich bedaure, Monsieur«, sagte Poirot endlich. »Leider kann ich Ihnen nicht gefällig sein.«

»Nennen Sie nur Ihre Forderungen«, drängte der Amerikaner. Poirot schüttelte den Kopf.

»Sie verstehen mich falsch, Monsieur. Ich bin in meinem Be­ ruf ungemein vom Glück begünstigt gewesen und habe genug verdient, um meine Bedürfnisse und meine Launen zu befrie­ digen. Jetzt befasse ich mich nur noch mit Fällen, die mich inte­ ressieren.«

»Reizen Sie auch zwanzigtausend Dollar nicht?«

»Nein.«

»Wenn Sie etwa auf mehr spekulieren, so werden Sie eine Enttäuschung erleben, ich weiß den Wert einer Sache abzu­ schätzen.«

»Ich ebenfalls – Mr. Ratchett.«

»Was gefällt Ihnen denn nicht an meinem Vorschlag?«

Hercule Poirot erhob sich.

»Wenn Sie meinen Freimut entschuldigen, Mr. Ratchett – Ihr Gesicht gefällt mir nicht.«

Und damit verließ Poirot den Speisewagen.

4

Der Simplon-Expreß lief abends um Viertel vor neun in Belgrad ein, und da er eine halbe Stunde Aufenthalt hatte, stieg Poirot aus. Er blieb jedoch nicht lange im Freien, denn es herrschte schneidende Kälte. Den Bahnsteig selbst schützte zwar ein Glasdach, doch draußen schneite es noch immer stark. Als der kleine Belgier sich anschickte, wieder in die Wärme des Wag­ gons zurückzuflüchten, wandte sich der Kondukteur an ihn, der auf dem Bahnsteig mit den Füßen stampfte und die Arme bewegte, um sich warm zu halten.

»Ihre Koffer sind in das Abteil Nr. 1 hinübergeschafft worden, Monsieur«, sagte er höflich. »Das Abteil, das bislang M. Bouc innehatte.«

»Aber wo ist denn M. Bouc geblieben?«

»Er ist in den eben angehängten Wagen umgestiegen, Monsi­ eur.« Hercule machte sich auf die Suche nach seinem Freund, der aber nichts von Dank wissen wollte.

»Mon ami, so ist das sehr zweckdienlich und bequem geregelt. Sie, der Sie nach England reisen, sind besser im durchgehenden Waggon nach Calais aufgehoben. Ich aber habe es herrlich hier. Also kein Wort des Dankes! Überzeugen Sie sich doch selbst, wie friedlich und still es hier ist. Der ganze Waggon ist leer; außer mir ist nur noch ein kleiner griechischer Arzt da. Ah, mon ami, was für eine Nacht. Man behauptet, es sei seit Jahrzehnten nicht mehr so viel Schnee gefallen wie in diesem Winter. Hoffen wir, daß wir nicht steckenbleiben. Das würde mir sehr wenig passen, kann ich Ihnen versichern!«

Pünktlich um neun Uhr fünfzehn fauchte der Zug zum Bahn­ hof hinaus, und bald darauf wünschte Hercule Poirot seinem

Landsmann gute Nacht und wanderte in seinen eigenen Wag­ gon hinter dem Speisewagen zurück.

Während des zweiten gemeinsamen Reisetages waren die Schranken zwischen den einzelnen Reisenden gefallen. Oberst Arbuthnot lehnte an der Tür seines Abteils und plauderte freundschaftlich mit MacQueen. Als der junge Amerikaner Poi­ rot gewahrte, brach er vor Staunen mitten im Satz ab.

»Nanu?« rief er. »Ich dachte, Sie hätten uns verlassen? Sagten Sie das nicht bei der Abfahrt?«

»Ah, richtig! Aber Sie haben mich mißverstanden. Wir spra­ chen gerade davon, als der Zug sich in Istanbul in Bewegung setzte.« Poirot lächelte. »Ich wurde dadurch abgelenkt, Ihnen meine Bemerkung, es sei nur für eine Nacht, genauer zu erklä­ ren.«

»Aber Mann, Ihr ganzes Gepäck ist ja fort!«

»Man hat es nur in ein anderes Abteil gebracht – das ist alles.«

»Oh, ich verstehe.« Und MacQueen setzte seine Unterhaltung mit dem Offizier fort, während Poirot weiterging.

Zwei Türen von seinem neuen Abteil entfernt stand die ältere Amerikanerin, Mrs. Hubbard, mit der schafsgesichtigen Dame, die Schwedin war. Mrs. Hubbard drängte der anderen gerade ein Magazin auf.

»Nein, nehmen Sie es, meine Liebe. Ich habe genügend Lese­ stoff in meinem Gepäck… Huh, ist es nicht gräßlich kalt?« Sie nickte Hercule Poirot liebenswürdig zu.

»Sie sind wirklich reizend«, sagte die Schwedin.

»Durchaus nicht. Ich hoffe, Sie können diese Nacht gut schla­ fen und wachen morgen ohne Kopfschmerzen auf.«

»Es ist vielleicht nur die Kälte. Eine Tasse heißer Tee wird schon helfen.«

»Haben Sie auch Aspirin? Bestimmt? Sonst kann ich Ihnen damit aushelfen. Ich habe mich reichlich mit den verschiedens­ ten Medikamenten versorgt. Also dann gute Nacht, meine Lie­ be.«

Als die Schwedin verschwunden war, zog Mrs. Hubbard Poi­ rot ins Gespräch. »Ein bedauernswertes Wesen. Offensichtlich eine Art Missionarin, soweit ich ihrem schlechten Englisch ent­ nehmen konnte. Was ich ihr über meine Tochter erzählte, hat sie sehr interessiert.«

Auch Poirot wußte über Mrs. Hubbards Tochter schon hin­ länglich Bescheid, und mit ihm jedermann im Zug, der eini­ germaßen der englischen Sprache mächtig war. Daß sie und ihr Gatte zum Lehrerkollegium einer großen amerikanischen Schu­ le in Smyrna gehörten, daß das Mrs. Hubbards erster Aufent­ halt im Orient gewesen war und was sie von den Türken in ihrer schlampigen Art hielt und von dem entsetzlichen Zustand ihrer Straßen.

Nun öffnete sich die ihnen nächstgelegene Tür, und der hage­ re, blasse Diener kam heraus. Poirot erhaschte einen flüchtigen Blick auf Mr. Ratchett, der drinnen aufrecht im Bett saß. Auch er sah Poirot, und zornige Röte schoß ihm ins Gesicht.

Mrs. Hubbard zog den kleinen Belgier etwas zur Seite.

»Wissen Sie, mir graut vor diesem Mann. Oh, nicht den Kammerdiener meine ich – den anderen, seinen Herrn. Ein schöner Herr ist das! Irgend etwas stimmt nicht mit diesem Mann. Meine Tochter sagt immer, ich hätte ein unglaubliches Einfühlungsvermögen. ›Wenn Mami der Schreck in die Kno­ chen fährt‹, sagt sie, ›ist etwas nicht geheuer.‹ Und mir ist ein Schreck in die Knochen gefahren. Er schläft Tür an Tür mit mir, dieser unheimliche Geselle, und vergangene Nacht habe ich meine Tür mit meinem Gepäck verbarrikadiert, weil ich den

Eindruck hatte, daß er sich an der Klinke zu schaffen machte. Mich würde es überhaupt nicht wundern, wenn der Mann sich als Mörder entpuppt oder als einer jener Eisenbahnbanditen, über die man so viel liest. Lachen Sie mich nicht aus; mir läuft bei seinem Anblick eine Gänsehaut über den Rücken! Meine Tochter sagte, ich würde eine angenehme, bequeme Reise ha­ ben, aber ich habe das Gefühl, daß das nicht stimmt, daß sich im Gegenteil unterwegs irgendwas ereignen wird. Mein Gott, wie kann dieser nette, sympathische junge Mann sich dazu her­ geben, Sekretär bei ihm zu spielen…«

Oberst Arbuthnot kam mit MacQueen den Korridor entlang­ geschlendert.

»In meinem Abteil ist das Bett noch nicht gemacht«, sagte der junge Amerikaner. »Setzen wir uns dort hin. Was übrigens Ihre Politik in Indien betrifft…«

Die beiden Männer gingen vorüber und verschwanden in Mac-Queens Abteil.

Mrs. Hubbard unterdrückte ein leichtes Gähnen.

»Ich werde mich jetzt hinlegen und ein bißchen lesen«, sagte sie. »Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Madame.«

Auch Poirot suchte sein Abteil auf, das neben dem von Mr. Ratchett lag. Er zog sich aus, stieg ins Bett, las noch eine halbe Stunde und drehte dann das Licht aus.

Ein paar Stunden später erwachte er oder fuhr vielmehr er­ schrocken in die Höhe. Er wußte, was ihn aus dem Schlaf geris­ sen hatte: ein lautes Ächzen, fast ein Schrei, irgendwo in nächs­ ter Nähe. Im selben Moment hörte er das schrille Klingeln einer Glocke.

Der Detektiv knipste das Licht an. Gleichzeitig merkte er, daß der Zug stillstand. Wahrscheinlich auf einer Station.

Aber was bedeutete jener Schrei? Hercule Poirot erinnerte sich, daß es Ratchett war, der das benachbarte Abteil bewohnte. Er sprang aus dem Bett und öffnete die Tür, gerade als der Schaffner den Gang entlangeilte und bei Ratchett klopfte. Poirot ließ die Tür einen Spalt offen und spähte hinaus.

Der Kondukteur klopfte ein zweites Mal. Wieder klingelte es, und über einer anderen Abteiltür leuchtete eine Lampe auf. Im selben Augenblick rief jemand in Ratchetts Abteil:

»Ce n’est rien. Je me suis trompé.«

»Bien, Monsieur.« Beruhigt machte der Schaffner kehrt und lief zu der Tür, über der die Lampe blinkte. Auch Poirot war erleichtert und ging wieder ins Bett. Er warf einen Blick auf seine Uhr: Ihre Zeiger wiesen auf dreiundzwanzig Minuten vor eins.

5

Doch der Schlaf wollte sich nicht wieder einstellen. Vor allem vermißte Poirot die Bewegung des Zuges. Wenn sie wirklich im Bahnhof hielten, war es merkwürdig still. Im Gegensatz dazu wirkten die Geräusche im Zug ungewöhnlich laut. Der kleine Belgier konnte Ratchett hören, der nebenan hantierte – ein Klick, als er den Waschtisch öffnete, das Plätschern des rinnen­ den Wassers, ein Planschen, dann ein neuerliches Klick, als das Becken wieder geschlossen wurde. Draußen im Gang tappten Schritte vorüber, schlurfende Schritte in Pantoffeln.

Hercule Poirot lag wach und starrte zur Decke hinauf. Warum herrschte solche Stille auf der Station? Er räusperte sich, fühlte ein trockenes Kitzeln im Hals. Er hatte vergessen, seine ge­ wohnte Flasche Mineralwasser zu verlangen. Wieder sah er auf die Uhr. Viertel nach eins. Seine Finger tasteten nach der Klin­ gel, er wollte den Schaffner bitten, ihm Mineralwasser zu brin­ gen. Doch blieb es vorderhand bei der Absicht, da jetzt eine andere Klingel anschlug. Der Mann konnte schließlich nicht gleichzeitig auf mehrere Glockenzeichen reagieren.

Ting… ting… ting…

Wieder klingelte es. Jemand begann, ungeduldig zu werden. Wo war der Schaffner?

Ting…

Der Finger des ungeduldigen Reisenden blieb hartnäckig auf dem Klingelknopf liegen. Plötzlich kam der Kondukteur her­ beigestürzt, laut hallten seine Schritte durch den Gang. Er klopfte an eine Tür in der Nähe von Poirots Abteil.

Stimmen wurden laut – der Baß des Schlafwagenangestellten, ehrerbietig, entschuldigend, und ein helles Frauenorgan, wort­ reich und beharrlich.

Mrs. Hubbard.

Hercule schmunzelte.

Der Wortwechsel – sofern man von gewechselten Worten sprechen konnte – dauerte ziemlich lange, im Verhältnis von neunzig zu zehn. Die neunzig Prozent kamen von Mrs. Hub­ bard, die zehn steuerte der Schaffner beschwichtigend bei.

Endlich schien die Angelegenheit bereinigt zu sein, denn Poi­ rot hörte ein deutliches: »Bonne nuit, Madame«, und das Schlie­ ßen einer Tür. Nunmehr preßte er den Finger auf die eigene Klingel, und der Schaffner erschien prompt. Er sah erhitzt und bedrückt aus.

»De l’eau minérale, s’il vous plaît.«

»Bien, Monsieur.« Vielleicht verführte ihn ein vergnügtes Zwinkern in Poirots Augen dazu, sein Herz zu erleichtern. »La dame américaine…«

»Ja?«

Der Braununiformierte wischte sich die Schweißperlen von der Stirn.

»Malen Sie sich selbst aus, Monsieur, was ich mit ihr auszu­ stehen hatte! Sie behauptete steif und fest, in ihrem Abteil sei ein Mann. In einem Raum dieser Größe, Monsieur!« Er fuhr mit der Hand durch die Luft. »Wo sollte er sich verstecken? Ich habe auf Madame eingeredet, versucht, ihr klarzumachen, daß – daß sie das Opfer ihrer eigenen lebhaften Phantasie ist – ver­ geblich. Sie beharrt darauf: Sie sei aufgewacht und habe einen Mann gesehen. Und wie, frage ich, hat er das Abteil verlassen und von draußen den Innenriegel vorgeschoben? Doch Ver­

nunftsgründen ist sie nicht zugänglich. Als ob wir nicht schon gerade genug Ärger hätten, Monsieur. Dieser Schnee…«

»Schnee?«

»Aber ja, Monsieur. Ist es Monsieur entgangen, daß der Zug hält? Wir stecken in einer Schneewehe fest – der Himmel weiß wie lange noch. Ich erinnere mich, daß wir einmal sieben Tage von den Schneemauern gefangengehalten wurden.«

»Wo sind wir denn?«

»Zwischen Vincovci und Brod.«

»O la la«, sagte Hercule Poirot ärgerlich.

Der Schaffner ging und erschien kurz darauf mit dem Wasser. »Bon soir, Monsieur.«

Poirot trank ein ganzes Glas und streckte sich dann im Bett aus. Er war noch nicht völlig eingeschlafen, als er wieder un­ sanft gestört wurde. Diesmal war es, als sei etwas Schweres dumpf gegen seine Tür gepoltert.

Mit einem Sprung war er aus dem Bett, riß die Tür auf und schaute hinaus. Nichts! Nur zur Rechten ging eine Frau in ei­ nem scharlachroten Kimono den Gang entlang. Am anderen Ende saß der Schaffner in seinem engen Winkel und trug Zah­ len in die Rubriken eines großen Bogens ein. Überall herrschte Totenstille.

»Meine Nerven spielen wirklich verrückt«, sagte Poirot laut vor sich hin und stieg wieder ins Bett. Diesmal schlief er durch bis zum nächsten Morgen.

Als er erwachte, stand der Zug noch immer. Poirot zog die Ja­ lousie hoch und sah hinaus. Der Zug war von hohen Schnee­ wällen eingeschlossen.

Poirot blickte auf seine Uhr. Es war schon nach neun. Viertel vor zehn schlug Hercule Poirot, der kleine, weltberühmte De­

tektiv, geschniegelt und adrett wie immer, den Weg zum Spei­ sewagen ein. Lebhaftes Stimmengewirr schlug ihm entgegen. Wenn doch noch irgendwelche Schranken zwischen einzelnen Reisenden bestanden hatten, so waren sie jetzt endgültig gefal­ len. Alle fühlten sich geeint durch das gemeinsame Mißge­ schick. Gelegentlich drang Mrs. Hubbards Stimme siegreich aus dem Chor der anderen hervor:

»Meine Tochter sagte, es sei die einfachste Sache von der Welt. Einfach im Zug sitzen bleiben bis Paris. Und jetzt? Tage und Tage können verstreichen, ehe der Schnee geräumt ist. Und übermorgen läuft mein Schiff aus. Wie soll ich es denn errei­ chen? Nicht einmal telegrafieren kann ich, um die Buchung rückgängig zu machen. Ich bin so wütend, daß es mir glatt die Sprache verschlägt.«

Der Italiener erklärte, daß ihn dringende Geschäfte in Mai­ land erwarteten, und der große Amerikaner bedauerte »Ma’am« ausgiebig und drückte die Hoffnung aus, daß der Zug die Verspätung durch doppelte Geschwindigkeit wieder einho­ len könne.

»Meine Schwester und ihre Kinder erwarten mich«, sagte die Schwedin weinend. »Und ich kann sie nicht verständigen. Was sollen die nur denken? Sie werden sich das Schlimmste ausma­ len.«

»Wie lange müssen wir wohl hierbleiben?« fragte Mary De­ benham. »Weiß das jemand?«

Ihre Stimme klang ungeduldig, doch Poirot vermißte in ihr die beinahe fiebrige Ängstlichkeit, die sie während des kurzen Aufenthalts des Taurus-Expresses an den Tag gelegt hatte.

Wieder ließ sich Mrs. Hubbard vernehmen.

»In diesem Zug weiß überhaupt niemand etwas. Und nie­ mand bemüht sich, irgend etwas zu tun. Das hat man von dem

faulen Ausländerpack! Ah, wenn diese Schneemassen drüben in Amerika einem Zug den Weg versperren, würde man we­ nigstens versuchen, etwas zu tun.«

Arbuthnot wandte sich an Poirot und sagte in sorgfältig ge­ drechseltem Französisch:

»Vous êtes un directeur de la ligne, je crois, Monsieur. Vous pouvez nous dire…«

Lächelnd klärte Hercule Poirot diesen Irrtum auf.

»Nein, nein«, erwiderte er auf englisch. »Sie verwechseln mich mit meinem Freund und Landsmann M. Bouc.«

»O Pardon!«

»Der Irrtum ist durchaus erklärlich«, meinte Poirot. »Man hat mich jetzt in dem Abteil untergebracht, das er früher innehat­ te.«

M. Bouc war nicht anwesend, und Poirot ließ seinen Blick schweifen, um festzustellen, wer sonst noch fehlte. Nun, zum Beispiel Prinzessin Dragomiroff und das ungarische Ehepaar. Desgleichen Ratchett, sein Diener und die deutsche Zofe.

Die Schwedin trocknete sich die verweinten Augen.

»Ich bin töricht«, sagte sie reuevoll. »Es ist schlecht von mir zu klagen. Diese Verzögerung wird wohl ihr Gutes haben, wie ja meistens alles zum Guten ausschlägt.«

Die anderen teilten diese christliche Denkart jedoch nicht.

»Das klingt schön und gut«, sagte MacQueen unruhig. »Doch wie, wenn wir tagelang hier festsitzen?«

»In welchem Land sind wir eigentlich?« erkundigte sich die verzweifelte Mrs. Hubbard. Und als man ihr Jugoslawien nann­ te, brach es erbittert von ihren Lippen: »Ah, einer von diesen Balkanstaaten! Was kann man da anderes erwarten?«

»Sie sind die einzige Geduldige, Mademoiselle«, wandte sich Hercule Poirot an Miss Debenham.

Sie zuckte leicht mit den Schultern.

»Was hilft’s, sich aufzuregen?«

»Sehr philosophisch gedacht, Mademoiselle.«

»Es ist reine Selbstsucht, Monsieur, Selbsterhaltungstrieb. Ich habe gelernt, mich vor sinnlosen Gefühlsregungen zu hüten, die einen nur zermürben und aufreiben.«

Sie sagte es mehr zu sich selbst als zu ihm. Ja, sie sah ihn nicht einmal an. Ihr Blick glitt über seine kleine Gestalt hinweg aus dem Fenster, wo der Schnee sich immer höher aufzutürmen schien.

»Sie sind ein starker Charakter, Mademoiselle«, versicherte Poirot liebenswürdig. »Meines Erachtens sogar der stärkste von uns allen.«

»O nein. Ich kenne einen, der viel stärker ist als ich.«

»Und das wäre…«

Plötzlich schien es ihr zum Bewußtsein zu kommen, daß sie mit einem Fremden, noch dazu einem Ausländer sprach, mit dem sie bis zum heutigen Morgen knapp ein halbes Dutzend Sätze gewechselt hatte. Sie lachte höflich, aber voller Abwehr.

»Zum Beispiel die alte Dame«, lenkte sie ab. »Sie haben sie wahrscheinlich bemerkt, Monsieur. Eine sehr häßliche alte Da­ me. Und trotzdem braucht sie nur den kleinen Finger zu heben und etwas zu verlangen, und der ganze Zug läuft und rennt.«

»Er läuft und rennt auch für meinen Freund M. Bouc«, ent­ gegnete Hercule Poirot. »Allerdings weil er Direktor der Inter­ nationalen Schlafwagengesellschaft ist, nicht etwa weil er einen herrischen, despotischen Charakter hat.«

Mary Debenham lächelte abermals.

Der Morgen schlich dahin. Verschiedene Reisende, unter ih­ nen auch der kleine Detektiv, blieben im Speisewagen – das Gemeinschaftsleben schien sich für die lästige Wartezeit besser zu eignen. Poirot erfuhr noch eine Menge über Mrs. Hubbards Tochter und wurde überdies in die Gewohnheiten des verstor­ benen Mr. Hubbard eingeweiht – angefangen vom morgendli­ chen Imbiß, zu dem eine reichliche Portion Haferflocken gehört hatte, bis zur Nachtruhe, der er sich in wollenen Bettsocken, von Mrs. Hubbard gestrickt, hinzugeben pflegte.

Als er später einem etwas konfusen Bericht über die Missi­ onsbestrebungen der schwedischen Dame lauschte, betrat einer der Schlafwagenkondukteure den Speisewagen und blieb vor Poirot stehen.

»Pardon, Monsieur.«

»Ja?«

»Eine Empfehlung von M. Bouc. Er läßt fragen, ob Sie wohl die Güte hätten, umgehend für einige Minuten zu ihm zu kommen.«

Poirot trennte sich mit einer Entschuldigung von der Schwe­ din und folgte dem Schaffner in den nächsten Wagen und noch den halben Gang des übernächsten entlang. Das Abteil, an das der Mann endlich klopfte, gehörte nicht M. Bouc. Es war ein Abteil zweiter Klasse, aber besonders geräumig; trotzdem machte es einen überfüllten Eindruck.

M. Bouc selbst saß auf dem kleinen Sitz in der gegenüberlie­ genden Ecke. Ihm vis-à-vis blickte ein dunkelhäutiger Herr in den Schnee hinaus. Breitbeinig und Poirot den Weg versper­ rend stand ein vierschrötiger Mann in blauer Uniform – der Zugführer – vor dem Fenster, und neben ihm sah der kleine Belgier seinen eigenen Schlafwagenkondukteur.

»Ah, mein lieber Freund«, rief M. Bouc. »Schnell, treten Sie näher. Wir brauchen Sie.«

Der Dunkelhäutige unweit des Fensters rückte zur Seite, und Poirot nahm neben ihm Platz. Was fehlte seinem Landsmann?

Sein Gesichtsausdruck gab Poirot zu denken. Etwas Unge­ wöhnliches mußte sich ereignet haben.

»Was ist geschehen?« fragte Poirot.

»Oh, allerhand, mon cher. Erst dieser Schneesturm, dieser un­ freiwillige Aufenthalt. Und jetzt…«

Er machte eine Pause, und aus dem Mund des Schlafwagen­ betreuers kam ein ersticktes Seufzen.

»Und jetzt, was?«

»Und jetzt liegt ein Passagier tot in seinem Bett – erstochen!« sagte M. Bouc mit der Ruhe der Verzweiflung.

»Ein Passagier? Welcher?«

»Dieser Amerikaner. Er heißt – er heißt…« Bouc zog einige vor ihm liegende Notizen zu Rate. »Ratchett. Nicht wahr, Rat­ chett?«

»Ja, Monsieur«, würgte der Schlafwagenschaffner hervor. Und Poirot merkte erst jetzt, daß der Mann weiß war wie eine Wand. »Sagen Sie ihm, er soll sich setzen«, wandte sich der De­ tektiv mahnend an M. Bouc. »Er ist ja einer Ohnmacht nahe.«

Der Zugführer trat ein wenig zurück. Der Schlafwagenkon­ dukteur sank erschöpft in die Ecke und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Brr!« meinte Poirot. »Das ist ernst.«

»Gewiß ist es ernst, mon ami. Ein Mord an und für sich ist schon eine Kalamität erster Ordnung. Doch hier erschweren noch die Nebenumstände die Sache. Wir stecken fest. Vielleicht

für Stunden, vielleicht für Tage. Und ferner haben wir, da wir mehrere Länder passieren, meist einen Polizeibeamten des je­ weiligen Staates im Zug. In Jugoslawien jedoch nicht. Verstehen Sie?«

»Das ist eine verworrene Geschichte«, gab Poirot zu.

»Oh, es kommt noch schlimmer, mon cher. Dr. Constantine – Pardon, ich habe vergessen, Sie vorzustellen – Dr. Constantine, Monsieur Poirot.« Der dunkelhäutige Mann verbeugte sich, und Hercule Poirot tat das gleiche. »Dr. Constantine ist der Meinung, daß der Tod gegen ein Uhr nachts eintrat.«

»Einen genauen Zeitpunkt festzulegen ist ungemein schwie­ rig«, ergriff der griechische Arzt das Wort. »Indes glaube ich, behaupten zu können, daß der Mann zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens starb.«

»Wann wurde Mr. Ratchett zuletzt lebendig gesehen?«

»Gesehen? Das weiß ich nicht«, erwiderte M. Bouc. »Aber un­ gefähr zwanzig Minuten vor eins hat er noch mit dem Schlaf­ wagenkondukteur gesprochen.«

»Richtig«, stimmte Poirot zu. »Das habe ich selbst gehört. Das ist das letzte, was man von ihm weiß.«

»Ja. Das Fenster von Mr. Ratchetts Abteil war weit geöffnet, so daß der Schluß nahelag, der Mörder sei auf diesem Weg ent­ kommen. Meiner Meinung nach ist das aber eine Finte. Wäre der Mörder durch das Fenster geflohen, hätte er Spuren im Schnee hinterlassen müssen. Es gibt aber keine.«

»Wann wurde das Verbrechen entdeckt?«

»Michel!«

Der Schlafwagenschaffner fuhr in die Höhe, das Gesicht noch immer blaß und verstört.

»Berichten Sie dem Herrn ganz genau, was passiert ist«, be­ fahl M. Bouc.

Michel berichtete unzusammenhängend und mit großen Pau­ sen dazwischen.

»Der Kammerdiener dieses Mr. Ratchett – ja, er klopfte heute morgen an die Tür. Erhielt keine Antwort. Dann kam vor einer Stunde der Speisewagenkellner. Er wollte wissen, ob Monsieur zum Dejeuner erscheinen würde. Es war inzwischen elf Uhr geworden. Ich öffnete ihm schließlich die Tür mit meinem Schlüssel. Aber von innen war die Kette vorgelegt. Und kalt war es drinnen – eisig kalt! Der Schnee wehte durch das offene Fenster herein. Ich dachte, daß den Herrn vielleicht ein Un­ wohlsein befallen habe, und holte den Zugführer. Wir spreng­ ten die Kette und gingen hinein. Er lag dort… Ah! C’était ter­ rible!«

Wieder barg er das Gesicht in den Händen.

»Die Tür war verschlossen und von innen durch die Kette ge­ sichert?« wiederholte Poirot nachdenklich. »Selbstmord kann es nicht gewesen sein – eh?« Der kleine griechische Doktor lachte laut auf.

»Tötet sich ein Selbstmörder mit zehn, zwölf, fünfzehn Mes­ serstichen?« fragte er schneidend.

Hercule Poirot riß entsetzt die Augen auf.

»Das ist ja barbarisch!«

Jetzt meldete sich der Zugführer zum erstenmal.

»Glauben Sie mir, das war eine Frau«, erklärte er. »Nur eine Frau kann derartig zustechen.«

Dr. Constantine rieb sich das dunkle Kinn. »Dann müßte sie über beträchtliche Kraft verfügen. Nichts liegt mir ferner, als mich hier in ›technischen‹ Einzelheiten zu ergehen – das wäre

nur verwirrend. Aber ich versichere Ihnen, daß zwei oder drei Stiche mit einer solchen Wucht geführt wurden, als sollten sie durch einen harten Gürtel aus Knochen und Muskeln dringen.«

»Ein spitzfindiges, wissenschaftliches Verbrechen war es also nicht«, urteilte Hercule Poirot.

»Nein. Sogar ein sehr unwissenschaftliches. Die Stiche schei­ nen aufs Geratewohl geführt worden zu sein. Es schien dem Täter egal zu sein, wohin er traf. Ein paar Stiche sind auch ab­ geglitten, haben kaum Schaden angerichtet. Mir kommt es fast so vor, als habe jemand die Augen geschlossen und in wilder Raserei blindlings drauflosgewütet.«

»C est une femme«, versicherte der Zugführer. »Wenn Frauen in Wut geraten, entwickeln sie erstaunliche Kräfte.« Er nickte dabei so weise, daß jedermann argwöhnte, sein Urteil beruhe auf persönlicher Erfahrung.

»Ich kann vielleicht ein paar Lücken füllen«, sagte jetzt Poirot. »Mr. Ratchett hat gestern mit mir gesprochen. Wenn ich ihn recht verstanden habe, besagten seine Worte nichts anderes, als daß er sich in Lebensgefahr befand.«

»Dann war es keine Frau!« rief M. Bouc. »Sondern ein Profes­ sional aus der Verbrecherwelt. Ein Gangster, sagen die Ameri­ kaner, nicht wahr?«

Den Zugführer schien es zu schmerzen, daß seine Theorie in nichts zerrann.

»Nun, dann war es aber ein recht stümperhafter Gangster.« In Poirots Ton lag fachmännischer Tadel.

»Wir haben da einen Hünen von Amerikaner im Zug«, ent­ sann sich M. Bouc, seine Idee weiterverfolgend. »Ein höchst ordinär aussehender Mann mit gräßlicher Kleidung. Er kaut

Gummi, was doch wohl in besseren Kreisen nicht üblich ist. Sie wissen, wen ich meine?«

Der Schlafwagenkondukteur, dem diese Frage galt, nickte.

»Ja, Monsieur. Die Nr. 16. Doch er scheidet als Täter aus. Ich hätte es gesehen, wenn er das Abteil betreten und wieder ver­ lassen hätte.«

»Vielleicht, Michel, vielleicht aber auch nicht. Doch lassen wir das einstweilen dahingestellt. Die Frage lautet: Was sollen wir tun?« Vielsagend blickte er Poirot an, und Poirot hielt dem Blick schweigend stand. »Mon cher, Sie verstehen mich sehr wohl. Warum also noch viele Worte verlieren? Nehmen Sie die Nachforschungen in die Hand. Nein, nein, keine Widerrede! Ich spreche jetzt für die Internationale Schlafwagengesellschaft. Wie einfach wäre alles, wenn wir der jugoslawischen Polizei bei ihrem Erscheinen die Lösung des Falles präsentieren könnten.

Ansonsten Verzögerungen, Verdrießlichkeiten, eine Million Weiterungen. Vielleicht sogar – wer weiß – ernstliche Belästi­ gungen von gänzlich unschuldigen Personen. Statt dessen ent­ schleiern Sie das Mysterium. Wir sagen kurzweg: Es ist ein Mord geschehen, und hier ist der Täter.«

»Und angenommen, ich entschleiere es nicht?«

»Ah, mon cher!« M. Boucs Stimme wurde weich und schmei­ chelnd. »Ich kenne Ihren Ruf. Ich weiß ein wenig über Ihre Me­ thoden Bescheid. Hier wird Ihnen ein geradezu idealer Fall ge­ boten. Das Vorleben all dieser Reisenden zu durchleuchten, ihren Leumund zu prüfen – all das erfordert Zeit und bringt unzählige Unannehmlichkeiten mit sich. Haben Sie nicht oft genug gesagt, um einen Fall zu lösen, brauche ein Mann sich nur in seinen Sessel zu setzen und nachzudenken? Tun Sie das, mon ami. Sprechen Sie mit den Reisenden, sehen Sie sich die Leiche an, prüfen Sie die vorhandenen Hinweise, und dann –

nun, ich baue auf Sie. Ich bin überzeugt, daß es nicht leere Prah­ lerei von Ihnen ist: Lehnen Sie sich zurück, und denken Sie nach. Gebrauchen Sie – wie Sie immer sagen – die kleinen grau­ en Zellen Ihres Gehirns – und Sie werden klarsehen.«

»Ihr Vertrauen rührt mich, mein Freund«, sagte Poirot be­ wegt. »Wie Sie sehr richtig bemerkten, kann das kein schwieri­ ger Fall sein. Ich selbst habe vergangene Nacht – doch das ge­ hört vorerst nicht hierher. Tatsächlich, die Sache reizt mich, mon vieux. Noch vor einer Stunde habe ich überlegt, wie ich mir ü­ ber die Langeweile unseres erzwungenen Aufenthalts hinweg­ helfen könnte, und schon wird mir ein interessantes Problem beschert.«

»Sie nehmen also an?« fragte M. Bouc voll Eifer.

»C’ est entendu. Legen Sie die Sache vertrauensvoll in meine Hände.«

»Wunderbar! Und wir alle stehen Ihnen zur Verfügung.«

»Für den Anfang brauche ich einen genauen Plan vom Schlafwagen Istanbul-Calais und genaue Angaben über die einzelnen Reisenden, und ferner würde ich gern ihre Pässe und ihre Fahrkarten sehen.«

»Michel, die haben doch Sie in Verwahrung. Holen Sie sie.«

Der Kondukteur verließ den kleinen Konferenzraum.

»Was ist mit den anderen Passagieren?« setzte Poirot seine Ermittlungen fort.

»In diesem Wagen sind Dr. Constantine und ich die einzigen. Im von Bukarest kommenden Wagen reist ein alter, dem Schlafwagenbediensteten wohlbekannter Herr mit einem lah­ men Bein. Die übrigen Waggons kommen für uns nicht in Be­ tracht, da nach dem Diner gestern abend die Verbindungstür zum Schlafwagen abgeschlossen wurde. Und vor dem nach

Calais bestimmten Wagen läuft lediglich noch der Speisewa­ gen.«

»Dann müssen wir, wie mir scheint, unseren Mörder in dem Wagen Istanbul-Calais suchen«, sagte Hercule Poirot gedehnt. Und zu dem Arzt gewandt fügte er hinzu: »Das wollten doch auch Sie andeuten, nicht wahr?«

Der Grieche nickte.

»Eine halbe Stunde nach Mitternacht bohrte sich unsere Lo­ komotive in die Schneemauer, und seither sitzen wir rettungs­ los fest. Es kann also niemand den Zug verlassen haben.«

»Der Mörder ist unter uns«, sagte M. Bouc sehr ernst. »Er be­ findet sich im Zug.«

6

»Vor allem scheint es mir ratsam, dem jungen MacQueen ein bißchen auf den Zahn zu fühlen«, meinte Hercule Poirot. »Es ist durchaus möglich, daß wir wertvolle Hinweise von ihm erhal­ ten.«

»Gewiß«, pflichtete M. Bouc bei. »Bitte holen Sie Mr. Mac- Queen hierher«, befahl er dann dem Zugführer, der das Abteil sofort verließ. Der Schlafwagenkondukteur kehrte mit einem Stapel von Pässen und Fahrkarten zurück. »Danke, Michel. Jetzt halte ich es für das beste, wenn Sie auf Ihren Posten zurückge­ hen. Ihre offizielle Aussage werden wir später aufnehmen.«

»Sehr wohl, Monsieur.« Und Michel ging wieder.

»Nachdem wir den jungen MacQueen gehört haben, ist viel­ leicht Monsieur le docteur so liebenswürdig, mich zu dem To- ten zu begleiten«, sagte Poirot.

»Gewiß.«

»Und wenn wir dort fertig sind…«

Doch da traten schon der Zuführer und der junge Amerikaner über die Schwelle.

M. Bouc erhob sich.

»Wir sind ein bißchen arg beengt hier«, sagte er zuvorkom­ mend. »Nehmen Sie meinen Platz. Mr. MacQueen. Dann sitzen Sie M. Poirot gerade gegenüber. So – ausgezeichnet.«

MacQueen ließ sich auf die Polster fallen, während M. Bouc dem Zuführer weitere Anweisungen erteilte: »Sorgen Sie dafür, daß der Speisewagen geräumt wird und M. Poirot zur Verfü­ gung steht. Sie können Ihre Vernehmungen dann dort durch­ führen. Ist Ihnen das recht, mon cher!«

»Das Zweckmäßigste wäre es freilich«, stimmte Poirot zu.

MacQueens Augen wanderten unsicher zwischen den beiden Belgiern hin und her denn er konnte ihrem schnellen Franzö­ sisch nicht folgen.

»Qu’est-ce qu’il y a?« begann er stockend. »Pourquoi…«

Mit einer energischen Geste zeigte Poirot auf den Platz in der Fensterecke. MacQueen setzte sich.

»Pourquoi – «, begann er noch einmal, fiel dann jedoch in seine Muttersprache und fragte auf englisch: »Was ist denn los im Zug? Ist was passiert?«

»Ja, leider.« Poirot nickte. »Machen Sie sich auf einen gewalti­ gen Schreck gefaßt. Ihr Arbeitgeber, Mr. Ratchett, ist tot.«

MacQueen spitzte die Lippen und stieß einen leisen Pfiff aus. In seinen Augen leuchtete es auf, aber Schreck oder Betroffen­ heit zeigte er nicht.

»Also haben sie ihn doch erwischt!«

»Was meinen Sie damit, Mr. MacQueen?« Als der Amerikaner zögerte, setzte Poirot hinzu: »Sie nehmen an, daß Mr. Ratchett ermordet wurde?«

»Ist das nicht der Fall?« Diesmal schien MacQueen ehrlich überrascht. »Ich hatte allerdings an Mord gedacht. Ist er im Schlaf gestorben? Mein Gott, der alte Mann war doch so zäh so zäh wie…« Er brach ab, weil ihm kein passender Vergleich ein­ fiel.

»Nein, nein«, korrigierte Poirot. »Sie haben richtig vermutet. Mr. Ratchett fiel einem Mord zum Opfer. Er wurde erstochen. Aber es interessiert mich sehr zu erfahren, wieso Sie sofort an ein gewaltsames Ende dachten und nicht an einen natürlichen Tod.«

MacQueen sah Poirot grübelnd an.

»Ich muß klarsehen«, erklärte er dann. »Wer sind Sie eigent­ lich? Und was haben Sie mit der Sache zu tun?«

»Ich handle im Auftrag der Internationalen Schlafwagenge­ sellschaft.« Nach einer kurzen Pause ergänzte Poirot: »Ich bin Detektiv. Mein Name ist Hercule Poirot.«

Doch die Wirkung, die er erwartet hatte, blieb aus. MacQueen beschränkte sich auf ein gleichgültiges »Ach so!« und wartete darauf, daß er weitersprach.

»Sie kennen den Namen vielleicht.«

»Ja, irgendwie kommt er mir bekannt vor – allerdings hielt ich ihn für den Namen eines Pariser Modeschöpfers.«

Der kleine Belgier warf MacQueen einen giftigen Blick zu.

»Es ist unglaublich«, stieß er erbost hervor.

»Was ist unglaublich?«

»Nichts. Machen wir weiter. Ich möchte, daß Sie mir alles er­ zählen, was Sie über Mr. Ratchett wissen, Mr. MacQueen. Sind Sie mit ihm verwandt?«

»Nein ich bin – war – sein Sekretär.«

»Wie lange waren Sie bei Mr. Ratchett angestellt?«

»Etwas über ein Jahr.«

»Bitte geben Sie mir alle Informationen, über die Sie verfü­ gen.«

»Ich habe Mr. Ratchett vor einem Jahr in Persien kennenge­ lernt.«

»Was haben Sie dort gemacht?« unterbrach ihn Poirot.

»Ich war wegen einer Erdölkonzession von New York herü­ bergekommen, glaube aber nicht, daß die Einzelheiten von In­ teresse für Sie sind. Jedenfalls gerieten meine Freunde und ich dann ziemlich in die Patsche. Mr. Ratchett war im selben Hotel

abgestiegen: da er sich mit seinem Sekretär überworfen hatte, bot er mir die Stellung an, und ich griff zu. Ich war ohne Arbeit, und die Sache kam mir wie gerufen.«

»Und seither?«

»Sind wir herumgereist. Mr. Ratchett wollte die Welt kennen­ lernen, doch haperte es bei ihm mit den Fremdsprachen. Ei­ gentlich war ich mehr Reisemarschall als Sekretär und führte ein ganz angenehmes Leben.«

»Und jetzt erzählen Sie mir mal soviel wie möglich über die Person Ihres Arbeitgebers.«

Der junge Mann zuckte mit den Schultern, auf seinem Gesicht spiegelte sich leichte Verwirrung. »Das ist leichter gesagt als getan«, meinte er.

»Wie hieß er mit vollem Namen?«

»Samuel Edward Ratchett.«

»Amerikanischer Staatsbürger?«

»Ja.«

»Aus welchem Teil Amerikas gebürtig?«

»Das weiß ich nicht.«

»Schön, dann erzählen Sie mir, was Sie wissen.«

»Kurz und bündig, Mr. Poirot: Ich weiß überhaupt nichts. Mr. Ratchett hat nie über sich selbst oder sein Leben in den Verei­ nigten Staaten gesprochen.«

»Weshalb wohl nicht?«

»Keine Ahnung. Möglicherweise schämte er sich für seine Herkunft, seine Anfänge. Manche Männer tun das.«

»Halten Sie das für eine befriedigende Erklärung?«

»Ehrlich gestanden, nein.«

»Hatte er Verwandte?«

»Wenn ja, hat er sie nie erwähnt.«

Aber Poirot ließ noch nicht locker. »Sie müssen sich doch eine Meinung gebildet haben, Mr. MacQueen«, drängte er.

»Das freilich. Ich glaube, er hieß gar nicht Ratchett. Und fer­ ner glaube ich, daß er Amerika verließ, weil er vor irgend etwas oder irgendwem flüchtete. Diese Flucht scheint ihm bis vor we­ nigen Wochen geglückt zu sein.«

»Und dann?«

»Dann bekam er öfter Briefe – Drohbriefe.«

»Haben Sie sie selbst gelesen?«

»Ja. Es gehörte zu meinen Pflichten, seine Korrespondenz zu erledigen. Der erste Brief erreichte ihn vor vierzehn Tagen.«

»Sind diese Briefe vernichtet worden?«

»Nein. Einige müssen noch in meiner Aktentasche stecken. Einen hat Ratchett allerdings in einem Wutanfall zerrissen. Soll ich sie holen?«

»Wenn ich bitten darf.«

MacQueen verließ das Abteil und war bald mit zwei ziemlich schmutzigen Briefbogen wieder zurück. Der erste Brief lautete:

»Sie dachten wohl, Sie könnten uns betrügen und kämen da­ mit davon? Vergebliches Bemühen! Wir sind Ihnen auf den Fersen, und wir werden Sie zur Strecke bringen, Ratchett.«

Eine Unterschrift war nicht vorhanden.

Mit einem kaum merklichen Emporziehen der Augenbrauen las Poirot den zweiten Brief:

»Bald geht die Jagd auf Sie los, Ratchett. Wir werden Sie krie­ gen, das sehen Sie doch ein?«

»Der Stil ist monoton«, sagte Poirot und legte den Brief aus der Hand. »Die Schrift weniger.«

MacQueen starrte ihn an.

»Ihnen fällt das nicht auf«, meinte der kleine Belgier ver­ gnügt. »Aber ein geschultes Auge erkennt ohne weiteres, daß die Schrift nicht von einer einzigen Person stammt. Zwei oder auch mehrere sind daran beteiligt – jeder hat in jedem Wort abwechselnd je einen Buchstaben geschrieben. Außerdem sind die Buchstaben in Druckschrift zu Papier gebracht, was das Erkennen der Handschrift erschwert. Wissen Sie übrigens, daß Mr. Ratchett mich um Hilfe gebeten hat?«

»Sie?« Das Staunen des jungen Mannes war echt, für Poirot ein Beweis, daß er nichts davon gewußt hatte.

»Jawohl, mich. Er fürchtete für sein Leben. Schildern Sie mir bitte, wie er sich beim Empfang des ersten Schreibens verhielt.«

MacQueen zögerte.

»Er – er legte es mit dem ihm eigenen lautlosen Lachen beisei­ te. Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, daß es ihn mächtig mitgenommen hat.«

Poirot nickte und stellte dann eine völlig unerwartete Frage:

»Mr. MacQueen, sagen Sie mir bitte ganz ehrlich, ob Ihnen Ihr Arbeitgeber sympathisch war.«

Wieder antwortete MacQueen nicht sofort. Aber endlich ge­ stand er: »Nein, ich habe ihn nicht gemocht.«

»Und warum nicht?«

»Gründe anzuführen fiele mir schwer. Mr. Ratchett hat mich immer gut behandelt.« Ein abermaliges Zögern. »Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Mr. Poirot: Ich hegte einen Widerwillen gegen ihn, und ich mißtraute ihm. Er war – dessen bin ich si­ cher – ein grausamer und gefährlicher Mensch, muß jedoch zugeben, daß ich für meine Meinung keine stichhaltigen Grün­ de ins Treffen führen kann.«

»Danke, Mr. MacQueen. Nun noch eine weitere Frage – wann haben Sie Mr. Ratchett zuletzt lebend gesehen?«

»Gestern abend gegen – nun, etwa gegen zehn Uhr. Ich ging in sein Abteil, weil er mir ein paar Briefe diktieren wollte.«

»Um was ging es dabei?«

»Um Fliesen und antike Töpferwaren, die er in Persien ge­ kauft hatte. Man hatte ihm nicht die von ihm ausgewählten Stücke geliefert. Und darüber führte er einen langen, zornigen Briefwechsel.«

»Und da wurde Mr. Ratchett zum letzten Mal lebend gese­ hen?«

»Das nehme ich an.«

»Wissen Sie, wann Mr. Ratchett den letzten Drohbrief be­ kam?«

»Am Morgen unserer Abreise aus Istanbul.«

»Jetzt noch eine einzige Frage, Mr. MacQueen: Haben Sie sich mit Ihrem Arbeitgeber gut verstanden?«

MacQueen blinzelte plötzlich vergnügt.

»Das ist wohl der Augenblick, in dem ich Gänsehaut kriegen müßte, wie? Doch mit den Worten eines Bestsellers ausge­ drückt: ›Sie können mir nichts anhängen.‹ Ratchett und ich standen sehr gut miteinander.«

»Nun möchte ich noch Ihren vollständigen Namen sowie Ihre Adresse in Amerika wissen.«

»Hector Willard MacQueen«, gab der junge Mann bereitwillig Auskunft und nannte dann noch seine Adresse.

»Das ist im Moment alles.« Hercule Poirot lehnte sich in die Samtpolsterung zurück. »Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn

Sie über Ratchetts Tod noch ein Weilchen Stillschweigen be­ wahren würden.«

»Gewiß. Doch muß sein Kammerdiener, Masterman, bald da­ von erfahren.«

»Er weiß wahrscheinlich schon jetzt Bescheid«, gab Poirot zu­ rück. »In diesem Fall versuchen Sie Ihr Bestes, damit er den Mund hält.«

»Das dürfte nicht schwierig sein. Er ist Brite und ›hält sich für sich‹, wie er es nennt. Er hat eine geringe Meinung von den Amerikanern und eine noch geringere von allen anderen Nati­ onalitäten. Infolgedessen würdigt er kaum jemanden eines Wortes.«

»Danke, Mr. MacQueen.«

Der Amerikaner verbeugte sich und ging.

»Nun?« forschte M. Bouc. »Glauben Sie ihm, mon ami?«

»Er macht einen rechtschaffenen Eindruck. Wäre er in das Verbrechen verwickelt, hätte er sich nicht so offen zu seiner Abneigung gegen Ratchett bekannt. Gewiß, Mr. Ratchett hat ihm verschwiegen, daß er versuchte, mich mit seinem Schutz zu beauftragen, aber ich denke nicht, daß man dies als verdäch­ tigen Umstand deuten muß. Wenn meine Menschenkenntnis mich nicht täuscht, war Ratchett ein Mann, der seine Absichten für sich behielt, wenn es irgendwie möglich war.«

»Ah, dann erklären Sie wenigstens eine Person schon jetzt für unschuldig!« M. Bouc seufzte erleichtert auf.

»Ich?« Poirot warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Mon ami, ich mißtraue jedem bis zur letzten Minute. Dennoch muß ich gestehen, daß ich mir nicht vorzustellen vermag, wie dieser nüchterne Langschädel MacQueen die Fassung verliert und auf

sein Opfer zwölf- bis fünfzehnmal einsticht. Es paßt nicht zu seinem Charakter – nein, es paßt ganz und gar nicht.«

»Richtig. Das ist die Tat eines Mannes, den sein brennender Haß fast um den Verstand bringt, und deutet mehr auf ein süd­ ländisches Temperament hin. Oder auch, wie unser Freund, der Zugführer, behauptet, auf eine Frau.«

7

Gefolgt von Dr. Constantine, begab sich Poirot in den anderen Wagen, wo ihnen der Kondukteur das Abteil des Ermordeten aufschloß.

»Was ist hier drinnen verändert worden?« wandte sich Poirot fragend an seinen Begleiter, als sie den kleinen Raum betraten.

»Nichts«, versicherte der Arzt. »Bei meiner Untersuchung ha­ be ich mich gehütet, den Toten zu bewegen.«

Poirot sah sich um. Das erste, was ihm auffiel, war die schneidende Kälte. Das Fenster war so weit wie möglich geöff­ net und die Jalousie hochgezogen.

»Brrr!« Poirot schüttelte sich vor Kälte.

Dr. Constantine lächelte verständnisvoll. »Ich habe gedacht, es sei besser, es nicht zu schließen«, sagte er.

»Völlig richtig, Doktor. Im übrigen stimme ich mit Ihnen auch darin überein, daß das Fenster nur zum Schein geöffnet wurde, um eine Flucht des Mörders vorzutäuschen. Doch der Schnee vereitelte diese Täuschung.« Poirot untersuchte sorgfältig den Fensterrahmen, nahm dann ein kleines Schächtelchen aus sei­ ner Tasche und bließ ein bißchen Pulver über das Holz.

»Nicht ein einziger Fingerabdruck, das heißt also, man hat den Rahmen abgewischt. Doch auch etwaige Fingerabdrücke wären kaum aufschlußreich gewesen. Sie hätten doch nur Rat­ chett oder seinem Kammerdiener oder dem Schlafwagen­ schaffner gehört. Derartige Fehler unterlaufen Verbrechern heutzutage nicht mehr. Und in Anbetracht dieser Tatsache dür­ fen wir mit gutem Gewissen das Fenster nunmehr schließen«, fügte er fröhlich hinzu. »Bei Gott, in einem Eiskeller kann es nicht viel kälter sein als hier!«

Er ließ die Tat unverzüglich dem Wort folgen und richtete erst jetzt seine Aufmerksamkeit auf die regungslose Gestalt im Bett.

Ratchett lag auf dem Rücken. Seine Pyjamajacke, mit rostfar­ benen Flecken übersät, war aufgeknöpft und zurückgeschlagen.

»Ich mußte die einzelnen Stichwunden genau untersuchen«, erklärte der Arzt.

»Selbstverständlich.« Poirot beugte sich über die Leiche. Als er sich wieder aufrichtete, schnitt er eine kleine Grimasse. »Puh, das ist alles andere als hübsch! Wie viele Wunden sind es ge­ nau?«

»Zwölf habe ich einwandfrei festgestellt. Eine oder zwei sind allerdings so leicht, daß man sie höchstens als Kratzer bezeich­ nen kann. Andererseits sind mindestens drei so schwer, daß jede von ihnen schon genügt hätte, um den Tod herbeizufüh­ ren.«

Irgend etwas in Dr. Constantines Ton machte Poirot stutzig, und er warf ihm einen scharfen Blick zu. Der Arzt musterte den Toten mit unverkennbarer Verblüffung.

»Schenken Sie mir reinen Wein ein, mein Freund«, bat er freundlich. »Da ist doch etwas, das Sie merkwürdig berührt?«

»Sie haben recht«, gab Dr. Constantine zu.

»Und – was ist es?«

»Ja. Sehen Sie diese beiden Stiche – hier und hier. Sie sind tief, jeder hat fraglos wichtige Blutgefäße verletzt, und dennoch klaffen die Ränder nicht auseinander. Die Wunden haben nicht so stark geblutet, wie man es erwartet hätte.«

»Was bedeutet?«

»Daß der Mann schon tot war – ganz kurze Zeit freilich –, als sie ihm beigebracht wurden. Und das ist doch wohl absurd.«

»Gewiß«, meinte Poirot grübelnd, »sofern sich der Mörder nicht selbst eingeredet hat, er habe nicht ganze Arbeit geleistet, und noch einmal zurückkam, um ganz sicherzugehen. Doch das widerspricht jeder Erfahrung. Sonst noch etwas?«

»Ja. Bitte betrachten Sie sich diese Wunde unter dem rechten Arm, unweit der rechten Schulter. Und nun nehmen Sie mal meinen Bleistift, weil wir kein Messer zur Hand haben. Wären Sie imstande, einen solchen Stich anzubringen?«

Poirot machte eine entsprechende Bewegung.

»Ah, ich begreife, Doktor. Mit der rechten Hand ist es außer­ ordentlich schwer, um nicht zu sagen unmöglich. Man müßte dann – wie der Tennisspieler sagt – mit der Rückhand zuste­ chen. Wenn indes der Stich mit der Linken…«

»Richtig, Monsieur Poirot«, fiel der Arzt ein. »Ich möchte wet­ ten, daß eine linke Hand das Messer führte.«

»Mithin wäre unser Mörder ein Linkshänder? Nein, es ist wohl noch verzwickter, nicht wahr?«

»Viel verzwickter. Denn, sehen Sie, ein paar dieser Wunden rühren unbedingt von einer rechten Hand her.«

»Also zwei Personen«, sagte der Detektiv. »So weit waren wir schon einmal.« Und ganz unvermittelt fragte er: »Hat das elekt­ rische Licht gebrannt?«

»Das weiß ich nicht, da es der Kondukteur morgens gegen zehn Uhr abschaltet.«

»Die Schalter werden es uns verraten«, sagte Poirot.

Die Untersuchung ergab, daß der Schalter der Deckenbe­ leuchtung abgedreht war und die Leselampe am Kopfende des Bettes auch nicht gebrannt haben konnte.

»Eh bien, da haben wir die Hypothese des ersten und des zweiten Mörders, wie der große Shakespeare es ausdrücken

würde. Der erste Mörder erstach sein Opfer und verließ das Abteil, nachdem er das Licht ausgeschaltet hatte. Der zweite schlich sich im Dunkeln herein, ohne zu ahnen, daß ein anderer ihm zuvorgekommen war, und stach wenigstens zweimal auf eine Leiche ein. Que pensez-vous de ca?«

»Wunderbar!« rief der kleine Arzt begeistert.

»Ist das Ihre ehrliche Meinung?« Poirot zwinkerte mit den Augen. »Dann freut es mich. Mir selbst kam es ein bißchen un­ sinnig vor.«

»Kann es denn eine andere Erklärung geben?«

»Das frage ich mich auch. Haben wir es hier mit einem zufäl­ ligen Zusammentreffen zu tun? Stehen wir noch anderen Wi­ dersprüchen, anderen Ungereimtheiten gegenüber, die sich nur durch die Beteiligung zweier Personen erklären ließen…«

»Letzteres möchte ich bejahen, Monsieur Poirot. Einige dieser Wunden deuten auf Schwäche – einen Mangel an Kraft oder einen Mangel an Entschlossenheit hin. Es sind kraftlose, ober­ flächliche Stiche. Wohingegen der hier – und dieser hier des­ gleichen – brutale Gewalt voraussetzen. Überzeugen Sie sich, daß sie die Muskeln glatt durchschnitten haben.«

»Da hat also, Ihrer Meinung nach, ein Mann das Messer ge­ führt?«

»Ganz bestimmt.«

»Kann es nicht auch eine Frau gewesen sein?«

»Eine junge, athletische Frau wäre dazu imstande, besonders wenn sie durch eine heftige Gemütsbewegung aufgepeitscht wird. Und dennoch erscheint es mir unwahrscheinlich.«

Poirot blickte finster vor sich hin, und Constantine fragte be­ sorgt: »Verstehen Sie meinen Gesichtspunkt nicht?«

»Doch, doch, ganz und gar. Überhaupt beginnt sich das Dun­ kel erstaunlich zu lichten!« Sarkastisch lachte er auf. »Der Mör­ der war ein sehr kräftiger Mann – er war schwach, es war eine Frau, er war linkshändig, er war rechtshändig… Ah, c’ est ridicu­ le, tout ca! Und das Opfer? Wie benimmt es sich bei alledem? Schrie es? Kämpfte es? Verteidigte es sich?« Bei seiner letzten Frage schob er die Hand unter das Kissen und zog den Brow­ ning hervor, den Ratchett ihm tags zuvor gezeigt hatte.

»Voll geladen – sehen Sie.«

An den Messinghaken der Wand hing Ratchetts Tagesklei­ dung, und auf dem kleinen Tisch, den der Deckel des Waschbe­ ckens bildete, standen ein Glas mit Ratchetts falschen Zähnen, noch ein zweites, leeres Glas, eine Flasche Mineralwasser, eine große Phiole und ein Aschenbecher, der einen Zigarettenstum­ mel, ein verkohltes Stück Papier und ferner zwei angebrannte Streichhölzer enthielt.

Der Doktor nahm das Glas und schnupperte daran. »Hier ha­ ben wir die Erklärung dafür, daß Ratchett sich nicht wehrte.«

»Betäubungsmittel?«

»Ja.«

Poirot nickte. Er hob die beiden Streichhölzer auf und prüfte sie eingehend.

»Die Streichhölzer sind nicht vom selben Fabrikat«, antworte­ te Poirot. »Eins ist flacher als das andere. Sehen Sie?«

»Die flachen kann man im Zug kaufen«, sagte der Doktor. »In Streichholzheftchen.«

»Ja? Das wußte ich nicht.« Schon durchstöberte Hercule Poi­ rot eifrig die Taschen von Ratchetts Anzug und förderte eine Streichholzschachtel zutage, deren Inhalt er sorgfältig mit den beiden Hölzchen im Aschenbecher verglich. »Das runde

Streichholz stammt aus Mr. Ratchetts Schachtel«, sagte er. »Mal sehen, ob er auch flache Streichhölzer besaß.«

Doch so eifrig er auch suchte, es waren keine anderen vor­ handen.

Poirots Blicke flogen im Abteil hin und her. Sie waren hell und scharf wie die eines Raubvogels, und man hatte das Ge­ fühl, daß ihnen nichts entgehen konnte. Plötzlich bückte er sich mit einem Ausruf und hob etwas vom Boden auf.

Ein zierliches Quadrat aus Batist, das in der einen Ecke den gestickten Buchstaben H trug.

»Ein Taschentuch«, sagte der Arzt. »Schau, schau, da hatte der Zugführer, der die Sache einer Frau in die Schuhe schieben wollte, also doch recht. Es ist eine Frau im Spiel.«

»Die uns zur Freude am Tatort ihr Taschentuch verliert«, sag­ te Poirot. »Genau wie im Roman oder im Film. Und um uns die Dinge zu erleichtern, ist es mit einem Monogramm gekenn­ zeichnet.«

»Wirklich ein unglaubliches Glück für uns, Mr. Poirot!«

»Und ob!« sagte Poirot.

Etwas in seinem Ton überraschte den Arzt, doch noch bevor er um eine Erklärung bitten konnte, hatte Poirot sich zum zwei­ tenmal gebückt.

Diesmal lag. als er sich aufrichtete, auf seiner flachen Hand ein – Pfeifenreiniger.

»Vielleicht gehört er dem Toten«, meinte der Arzt.

»Obwohl in seinen Taschen weder eine Pfeife noch ein Ta­ baksbeutel stecken?«

»Dann ist er ein unschätzbarer Hinweis.«

»Oh, unbedingt, und eigens zu unserer Unterstützung zu­ rückgelassen!« kam es spöttisch von Poirots Lippen. »Einer, der zur Abwechslung auf einen Mann schließen läßt. Wahrlich, über einen Mangel an Hinweisen kann man sich in diesem Fall nicht beklagen – es gibt sie in Hülle und Fülle. Wo haben Sie übrigens die Tatwaffe gelassen?«

»Der Mörder muß sie mitgenommen haben. Ich habe keine Waffe gesehen.«

»Ich frage mich, warum er sie mitgenommen hat«, sagte Poi­ rot nachdenklich.

»Ah!« rief der Doktor plötzlich, der sich an der Schlafanzugja­ cke des Toten zu schaffen gemacht hatte und nun eine goldene Taschenuhr aus der Brusttasche zog. »Die ist mir vorhin ent­ gangen.«

Die mörderische Klinge hatte das Uhrgehäuse stark ver­ schrammt und verbeult, und die Zeiger wiesen auf ein Viertel nach eins.

»Nun wissen wir die genaue Tatzeit, die sich mit meinen Be­ rechnungen deckt. Zwischen Mitternacht und zwei Uhr lautete mein Urteil. Eh bien, da haben wir die Bestätigung. Ein Viertel nach eins. Das ist die Stunde, in der das Verbrechen begangen wurde.«

»Es ist möglich, ja. Es ist zweifellos möglich.«

Der Arzt sah Poirot neugierig an. »Verzeihung, Monsieur Poi­ rot, ich verstehe Sie nicht ganz.«

»Ich verstehe mich selbst nicht«, antwortete Hercule Poirot. »Ich verstehe überhaupt nichts, und wie Sie sehen, ärgert mich das.« Er seufzte und neigte sich über den kleinen Tisch, um das verkohlte Papier zu begutachten. »Eine altmodische Damen­

hutschachtel – ja, das ist es, was ich in diesem Moment drin­ gend brauche«, sagte er vor sich hin.

Dr. Constantine wußte sich diese sonderbare Bemerkung nicht zu deuten. Doch Poirot ließ ihm keine Zeit, eine entspre­ chende Frage zu stellen. Er öffnete die Tür zum Gang und rief den Kondukteur, der dienstwillig herbeigelaufen kam.

»Wie viele Damen reisen in diesem Wagen?«

Michel zählte an den Fingern ab.

»Eins, zwei, drei – sechs, Monsieur. Die alte amerikanische Dame, eine Schwedin, die junge Engländerin, die Gräfin Andrenyi, Madame la Princesse Dragomiroff und ihre deutsche Zofe.«

Poirot überlegte. »Haben sie alle Hutschachteln bei sich?«

»Ja, Monsieur.«

»Dann bringen Sie mir – halt, eine Sekunde! Ja, bringen Sie mir die Schachtel der Schwedin und der Zofe. Auf diesen bei­ den ruht meine ganze Hoffnung. Erfinden Sie irgendein Mär­ chen, weshalb Sie die Schachteln brauchen, schwindeln Sie das Blaue vom Himmel herunter.«

»Das ist nicht nötig, Monsieur, da die beiden Damen sich im Moment nicht in ihren Abteilen aufhalten.«

»Dann beeilen Sie sich.«

Michel entfernte sich rasch und kam nach wenigen Minuten mit dem Verlangten zurück. Poirot riß zuerst die der Zofe ge­ hörende Schachtel auf und stieß sie als ungeeignet beiseite. Doch als er den Deckel der anderen aufklappte, frohlockte er:

»Voilà! Vor fünfzehn Jahren haben alle Hutschachteln innen so ausgesehen wie diese. Kommen Sie, junger Freund, erwei­ tern Sie Ihre Kenntnisse.« Vorsichtig entfernte er die Hüte und legte runde Klumpen aus Drahtgeflecht frei. »Seinerzeit hat

man die Damenhüte mit einer langen Hutnadel an solchen Drahtgebilden festgespießt.«

Während er sprach, löste er zwei dieser Drahtgebilde ge­ schickt aus der Schachtel, packte die Hüte wieder ein und be­ auftragte Michel, beide Schachteln zurückzutragen.

»Sehen Sie, lieber Doktor, ich gebe im allgemeinen nicht viel auf kriminalistische Techniken wie Fingerabdrücke«, sagte Poi­ rot, als die Tür hinter Michel zuschnappte. »Ich werte die Psy­ chologie höher. In diesem Fall jedoch würde ich eine kleine wissenschaftliche Unterstützung willkommen heißen. Dies Ab­ teil hier strotzt förmlich von Hinweisen. Wer aber bürgt mir dafür, daß sie wirklich das sind, was sie zu sein scheinen?«

»Pardon, Monsieur Poirot, ich sehe nicht ganz klar…«

»Schön, dann werde ich mich durch ein Beispiel verständli­ cher machen. Wir finden ein Frauentaschentuch. Ließ es eine Frau fallen? Oder ein Mann, der sich bei Ausführung des Verbrechens sagte: ›Es soll so aussehen, als sei es die Tat einer Frau, und daher werde ich meinem Feind eine unnötige Anzahl von Stichen beibringen, darunter mehrere schwache und un­ wirksame, und hinterher ein Taschentuch an einer Stelle fallen lassen, wo niemand es übersehen kann.‹ Das ist eine Möglich­ keit. Und nun die andere. Beging eine Frau den Mord und ließ absichtlich einen Pfeifenreiniger zurück, um den Verdacht auf einen Mann zu lenken? Oder dürfen wir ernstlich annehmen, daß ein Mann und eine Frau unabhängig voneinander an der Tat beteiligt waren und beide so unachtsam waren, einen Hin­ weis auf ihre Identität zurückzulassen? Das scheint mir denn doch ein bißchen zuviel des Zufalls zu sein.«

»Aber was hat die Hutschachtel damit zu tun?« fragte der Arzt verblüfft.

»Ah! Auch dazu komme ich noch. Wie ich schon sagte, diese Hinweise – wie die um ein Viertel nach eins stehengebliebene Uhr, das Taschentuch, der Pfeifenreiniger – können echt, aber ebensogut auch falsch sein. Doch auf die Echtheit eines Hinwei­ ses möchte ich schwören – ich meine das flache Zündholz, Monsieur le docteur. Glauben Sie mir, jenes Hölzchen wurde vom Mörder und nicht von Mr. Ratchett benützt. Und zwar benutzte er es, um irgendein belastendes Papier zu verbrennen. Möglicherweise einen kurzen Brief. Wenn das zutrifft, muß dieser Brief etwas enthalten haben, einen Fehler, einen Irrtum, der unmißverständlich auf unseren Mörder hinwies. Ich werde versuchen festzustellen, was dieses Etwas war.«

Er ließ den Doktor eine Minute allein, und als er das Abteil wieder betrat, trug er einen kleinen Spiritusbrenner und eine Brennschere in der Hand.

»Die brauche ich gewöhnlich für meinen Schnurrbart«, erklär­ te er, auf die Brennschere zeigend.

Der Arzt beobachtete Poirot interessiert, sah, wie er die bei­ den Drahtklumpen flachdrückte, das verkohlte Papier mit un­ endlicher Vorsicht auf die eine Drahtfläche legte und mit der anderen zudeckte. Dann hielt er das sonderbare Gebilde mit der Brennschere, die er wie eine Reifenzange benutzte, über die Spiritusflamme.

»Es ist ja nur ein Notbehelf«, sagte er über die Schulter hin­ weg. »Hoffen wir, Doktor, daß er zum Ziel führt.«

Aufmerksam beobachtete der Arzt, was als nächstes passierte.

Das Metall begann zu glühen, und plötzlich erschienen die schwachen Umrisse von Buchstaben. Langsam formten sich Worte – Worte in Feuerschrift.

Doch der Papierfetzen war schmal, und es zeigten sich nur fünf ganze Worte und ein verstümmeltes:

»… innern an die kleine Daisy Armstrong…«

»Ah!« stieß Hercule Poirot hervor.

»Sagt es Ihnen etwas?«

»Ja.« Poirots Augen funkelten, als er vorsichtig die Brennsche­ re niederlegte. »Jetzt weiß ich den richtigen Namen des Toten, und ich weiß auch, warum er Amerika verlassen mußte.«

»Nennen Sie mir den Namen.«

»Cassetti.«

»Cassetti«, wiederholte Constantine mit nachdenklich gerun­ zelten Brauen. »Da meldet sich irgendeine dunkle Erinnerung. Gab es nicht vor etlichen Jahren einen Kriminalfall in Ameri­ ka…«

»Jawohl, einen Kriminalfall in Amerika.« Doch zu einer nähe­ ren Erklärung war Poirot nicht geneigt. »Das werden Sie später noch alles genau erfahren. Lassen Sie uns vorerst einmal hier erledigen, was zu erledigen ist«, fügte er hinzu.

Schnell und gründlich durchsuchte er noch einmal Ratchetts Taschen, fand jedoch nichts Interessantes. Dann versuchte er, die Verbindungstür zum Nebenabteil zu öffnen, aber sie war von drüben abgeriegelt.

»Etwas verstehe ich wirklich nicht«, sagte Dr. Constantine. »Wenn der Mörder nicht durch das Fenster flüchten konnte, die Verbindungstür auf der anderen Seite verriegelt ist und die Tür zum Korridor von drinnen nicht nur abgeschlossen, sondern auch noch durch eine Kette gesichert war – wie hat der Mörder das Abteil verlassen?«

»Genau dasselbe fragt sich bei einer Zaubervorstellung das Publikum, wenn eine an Händen und Füßen gefesselte Person in einen Schrank eingeschlossen wird – und verschwindet.«

»Sie meinen…«

»Ich meine«, sagte Poirot lächelnd, »daß ein Mörder, der uns weismachen will, er sei durch das Fenster entflohen, selbstver­ ständlich den Anschein erweckt, als sei ein Entkommen durch die beiden anderen Ausgänge ganz unmöglich. Genau wie die Person im Zauberkabinett, die sich in Luft aufzulösen scheint. Es steckt ein Trick dahinter, mon cher docteur, und an uns liegt es herauszufinden, wie man den Trick ausführt.« Bei diesen Wor­ ten schloß er die Verbindungstür auch von dieser Seite ab und erklärte schmunzelnd: »Damit es sich die vortreffliche Mrs. Hubbard nicht einfallen lassen kann, für die Briefe an ihre noch vortrefflichere Tochter auf eigene Faust Einzelheiten über das Verbrechen zu sammeln. Und nun gibt es meines Erachtens für uns hier nichts mehr zu tun. Kehren wir zu M. Bouc zurück.«

8

M. Bouc aß gerade den letzten Bissen eines Omeletts. »Mir schien es am zweckmäßigsten, umgehend den Lunch für die anderen servieren zu lassen«, sagte er. »Hinterher soll der Spei­ sewagen geräumt werden. Inzwischen habe ich für uns drei einen Imbiß hierher in mein Abteil bestellt.«

»Eine ausgezeichnete Idee«, lobte Poirot.

Jedoch fehlte es allen dreien am rechten Appetit. Sie aßen schweigend und rasch, doch erst als sie beim Kaffee waren, kam M. Bouc auf das Thema zu sprechen, das sie alle beschäf­ tigte.

»Eh bien?«

»Eh bien«, gab Hercule Poirot zurück, »ich tappe hinsichtlich der Person des Ermordeten nicht mehr im dunkeln. Und ich weiß, warum er gezwungen war, Amerika zu verlassen.«

»Wer war er?«

»Entsinnen Sie sich der Zeitungsmeldungen über das Ver­ schwinden der kleinen Daisy Armstrong? Der Tote in unserem Zug ist der Mann, der das Kind ermordete – Cassetti.«

»Natürlich erinnere ich mich. Eine schreckliche Sache. Die Einzelheiten sind mir allerdings entfallen.«

»Oberst Armstrong war englischer Vizekonsul. Seine Mutter, eine Millionenerbin, stammte aus den Vereinigten Staaten, Armstrong selbst heiratete die Tochter von Linda Arden, der berühmten amerikanischen Tragödin, und lebte mit seiner Gat­ tin in Amerika. Der Ehe entsprang ein Kind – ein kleines Mäd­ chen, der Abgott seiner Eltern. Als die Kleine drei Jahre zählte, wurde sie entführt und eine phantastisch hohe Summe als Lö­

segeld verlangt. Mit den Verwicklungen, die nun folgten, will ich Sie nicht ermüden. Es genügt, wenn ich Ihnen mitteile, daß die verzweifelten Eltern schließlich zweihunderttausend Dollar bezahlten und man kurz darauf die Leiche des Kindes entdeck­ te, in einem Zustand, der unzweideutig bewies, daß der Tod schon mindestens vor vierzehn Tagen eingetreten war. Doch noch weitere Schicksalsschläge trafen die Armstrongs. Mrs. Armstrong war in anderen Umständen und erlitt infolge der Aufregungen eine Fehlgeburt, an der sie starb, worauf sich der so schwer geprüfte Gatte aus Gram und Kummer erschoß.«

»Mon dieu, was für eine Tragödie! Aber wenn ich mich recht erinnere, wurde noch ein Menschenleben vernichtet, nicht wahr?«

»Ja – ein unglückliches französisches oder schweizerisches Kindermädchen. Die Polizei vertrat den Standpunkt, es habe von dem Verbrechen gewußt, und weigerte sich, dem hysteri­ schen Leugnen der jungen Frau Glauben zu schenken, bis sich die Ärmste in einem Anfall von Verzweiflung aus dem Fenster stürzte. Nach ihrem Tod stellte sich heraus, daß sie völlig un­ schuldig war.«

»Es ist nicht sehr angenehm, daran zu denken«, sagte M. Bouc.

»Ungefähr sechs Monate später verhaftete die Polizei Cassetti als Haupt jener Bande, die das Kind entführt und ähnliche Me­ thoden auch schon früher angewendet hatte. Sobald die Polizei ihnen auf die Spur kam, ermordeten die Gangster ihre jeweilige Geisel, erpreßten die Angehörigen aber so lange um horrende Summen, bis der Mord entdeckt wurde.

Und jetzt hören Sie mir gut zu, mein Freund. Cassetti war der Mann. Aber mit Hilfe seines zusammengeraubten, enormen Reichtums und geheimer Druckmittel, die er gegen mehrere

Personen in der Hand hatte, gelang es ihm, aufgrund eines ge­ ringfügigen Verfahrensfehlers seine Freilassung zu erreichen. Dennoch hätte ihn die empörte Bevölkerung gelyncht, wenn sie seiner habhaft geworden wäre. Jetzt weiß ich auch, wie es mit ihm weiterging. Er legte sich einen anderen Namen zu, verließ Amerika, wo ihm der Boden zu heiß geworden war, und reiste beschaulich in der Welt umher – als ein begüterter Gentleman, der von den Zinsen seines Vermögens lebt.«

»Ah, quel animal!« rief M. Bouc voll tiefstem Abscheu. »Ich vermag ihn wegen seines gewaltsamen Todes nicht zu bedau­ ern. Er hat ihn verdient.«

»Da kann ich Ihnen nur zustimmen.«

»Tout de même, es war nicht nötig, daß er im Orientexpreß ge­ tötet wurde. Es gibt genug andere Orte.«

Poirot lächelte flüchtig, da er sich vergegenwärtigte, daß M. Bouc in dieser Hinsicht voreingenommen sein mußte.

»Die Frage, die wir uns vorzulegen haben, lautet: Ist dieser Mord die Tat einer Verbrecherbande, die Cassetti vielleicht frü­ her mal übers Ohr gehauen hat? Oder ist er ein Akt privater Rache? Wenn mich meine Vermutung nicht trügt, verbrannte der Mörder den Brief, von dem ich die verkohlten Überbleibsel fand. Warum verbrannte er ihn? Weil das Wort Armstrong dar­ in vorkam, was ein wichtiger Fingerzeig war.«

Auf einen fragenden Blick von M. Bouc, der ja nicht Bescheid wußte, erklärte ihm Poirot, was es mit dem Brief auf sich hatte.

»Existieren noch lebende Mitglieder der Familie Armstrong?« fragte M. Bouc.

»Darüber bin ich leider nicht unterrichtet, mon ami. Dunkel schwebt mir allerdings vor, als ob ich von einer jüngeren Schwester Mrs. Armstrongs gelesen hätte.« Und nach dieser

Auskunft begann Poirot, von den verschiedenen höchst verwir­ renden Hinweisen zu berichten, die Dr. Constantine und er entdeckt hatten. Als er die zerbrochene Uhr erwähnte, hellte sich M. Boucs Gesicht zusehends auf.

»Prachtvoll! Damit wissen wir die genaue Zeit des Verbre­ chens«, sagte er triumphierend. »Viertel vor eins. Zwanzig Mi­ nuten vor eins haben Sie Ratchett ja mit dem Kondukteur spre­ chen hören – da lebte er also noch.«

»Dreiundzwanzig Minuten vor eins«, verbesserte Poirot.

»Meinetwegen auch das. Ah, da schält sich aus dem Dunkel bereits eine unumstößliche Gewißheit heraus.«

Poirot erwiderte nichts. Er saß in die Polster zurückgelehnt und blickte gedankenvoll vor sich hin.

»Der Speisewagen ist jetzt frei, Monsieur«, meldete Michel, worauf sich M. Bouc sofort erhob.

»Dann wollen wir übersiedeln.«

»Darf ich Sie begleiten?« fragte Dr. Constantine.

»Gewiß, lieber Doktor. Sofern Monsieur Poirot nichts dagegen einzuwenden hat.«

beeilte sich Poirot zu versichern. »Keines­

wegs.«

Nachdem sich die drei Herren an der Abteiltür noch gegen­ seitig an Höflichkeit überboten hatten: »Nach Ihnen« – »Aber durchaus nicht, nach Ihnen, Monsieur«, machten sie sich auf den Weg in den Speisewagen.

»Keineswegs«,

9

Im Speisewagen war alles vorbereitet.

Poirot und M. Bouc nahmen nebeneinander an einem der großen Tische Platz, während der Arzt sich an der Schmalseite niederließ.

Vor Poirot lag ein Plan des Schlafwagens Istanbul-Calais, auf dem in roter Tinte die Namen der Passagiere eingetragen wa­ ren, und daneben ein kleiner Stapel Pässe und Fahrkarten. Auch Schreibpapier, Tinte, Federhalter und Bleistifte fehlten nicht.

»Bravo, mon cher«, sagte Poirot. »Wir können umgehend mit dem Verhör beginnen. Als ersten möchte ich den Schlafwagen­ schaffner vernehmen. Wahrscheinlich können Sie mir schon vorab etwas über ihn sagen. Was hat er für einen Charakter? Ist er ein Mann, dessen Worten man trauen darf?«

»Nach meiner Meinung unbedingt. Pierre Michel, seit über fünfzehn Jahren bei unserer Gesellschaft beschäftigt, ist Franzo­ se und in der Nähe von Calais ansässig. Es mag intelligentere Leute geben als ihn, doch ehrlichere und anständigere schwer­ lich.«

»Gut«, nickte Poirot. »Lassen Sie ihn also holen.«

Michel, obwohl ein wenig gefaßter als am Vormittag, machte immer noch einen äußerst nervösen Eindruck.

»Schrecklich, dieser Mord«, sagte er. »Ich hoffe nur. Monsieur ist nicht der Meinung, ich hätte mir eine Nachlässigkeit zu­ schulden kommen lassen«, meinte er besorgt, und sein ängstli­ cher Blick wandte sich von Poirot ab und seinem Vorgesetzten zu. M. Bouc beschwichtigte ihn, so gut er konnte.

Dann stellte Poirot die ersten Fragen: Namen, Adresse, die Zahl seiner Dienstjahre und die Zeit, die er auf der östlichen Route zugebracht hatte – alles Dinge, die Poirot bereits wußte. Aber diese schematische Fragestellung diente dazu, den aufge­ regten Mann zu beruhigen.

diente dazu, den aufge­ regten Mann zu beruhigen. »Und nun wollen wir uns den Ereignissen der

»Und nun wollen wir uns den Ereignissen der letzten Nacht zuwenden«, fuhr Poirot fort. »Um wieviel Uhr ist Mr. Ratchett zu Bett gegangen?«

»Fast unmittelbar nach dem Dinner, Monsieur. Noch bevor wir von Belgrad abfuhren. In der Nacht vorher ging er zur sel­ ben Zeit schlafen. Er hatte mich angewiesen, sein Bett zu rich­ ten, während er bei Tisch war. Und das habe ich getan.«

»War nach Ihnen noch jemand in seinem Abteil?«

»Sein Kammerdiener, Monsieur, und der junge Amerikaner, sein Sekretär.«

»Sonst niemand?«

»Nicht, daß ich wüßte, Monsieur.«

»Schön. Und später haben Sie ihn nicht mehr gesehen? Nichts mehr von ihm gehört?«

»Doch, Monsieur, Sie vergessen, daß er gegen zwanzig vor eins klingelte – kurz nachdem wir im Schnee steckengeblieben waren.«

»Wie spielte sich das genau ab?«

»Ich klopfte an seine Tür, aber er öffnete nicht und rief nur, er habe sich geirrt, er brauche mich nicht.«

»Auf englisch oder französisch?«

»Auf französisch!«

»Wiederholen Sie mir bitte den genauen Wortlaut.«

»Ce n’ est rien. Je me suis trompé.«

»Das stimmt«, erklärte Hercule Poirot. »Das habe ich auch gehört. Und daraufhin haben Sie sich wieder entfernt?«

»Ja, Monsieur.«

»Gingen Sie zu Ihrem Platz zurück?«

»Nein, Monsieur. Ich ging noch zu einem anderen Passagier, der eben geklingelt hatte.«

»Michel, jetzt kommt eine sehr wichtige Frage: Wo waren Sie um ein Uhr fünfzehn?«

»Ich, Monsieur? Ich saß in meiner Ecke am Ende des Ganges.«

»Sind Sie sicher?«

»Mais oui – wenigstens…«

»Ja?«

»Ich war kurz im nächsten Wagen – dem Athener Wagen –, um ein paar Worte mit meinem Kollegen zu wechseln. Wir sprachen über den Schnee. Das ist kurz nach eins gewesen. Auf die Minute genau vermag ich es nicht anzugeben.«

»Und wann kehrten Sie in unseren Wagen zurück?«

»Als es abermals klingelte – doch das habe ich Monsieur schon heute nacht erzählt. Es war die amerikanische Dame, und sie drückte ein paarmal schnell hintereinander auf die Klingel. Aufgeregt, Sie verstehen?«

»Ich erinnere mich daran«, sagte Poirot. »Und weiter?«

»Nachher, Monsieur? Nun, da haben Sie doch selbst geklin­ gelt und ich brachte Ihnen das Mineralwasser. Eine halbe Stun­ de später machte ich dann das Bett im Abteil von Mr. Mac- Queen zurecht.«

»War Mr. MacQueen allein?«

»Nein, der englische Oberst von Nr. 15 leistete ihm Gesell­ schaft.«

»Und wohin ging der Oberst, nachdem er sich von Mr. Mac- Queen getrennt hatte?«

»Zu seinem eigenen Abteil.«

»Nr. 15 – sagten Sie? Ist das nicht nahe bei Ihrem Platz?«

»Ja, Monsieur. Es ist das zweite Abteil vom Ende des Ganges aus gerechnet.«

»Sein Bett war bereits für die Nacht vorbereitet?«

»Ja, Monsieur. Ich habe es auch gemacht, als er beim Essen war.«

»Wissen Sie, um wieviel Uhr sich die beiden Herren trenn­ ten?«

»Nicht genau, Monsieur. Doch möchte ich behaupten, daß es nicht später als zwei gewesen ist.«

»Und danach?«

»Danach saß ich bis zum Morgen auf meinem Platz.«

»Ein zweites Mal gingen Sie nicht in den Athener Wagen hin­ über?«

»Nein, Monsieur.«

»Vielleicht haben Sie geschlafen?«

»Das glaube ich nicht. Daß der Zug stand, war für mich so ungewohnt, daß ich nicht wie sonst einschlafen konnte.«

»Haben Sie irgendeinen von den Reisenden den Korridor hin­ auf- oder hinuntergehen sehen?«

Pierre Michel überlegte ein Weilchen.

»Eine der Damen ging zu der am anderen Wagenende gele­ genen Toilette.«

»Welche Dame?«

»Das weiß ich nicht, Monsieur. Die Entfernung zwischen ihr und mir war ziemlich groß, und die Dame kehrte mir den Rü­ cken zu. Ich erinnere mich jedoch, daß sie einen scharlachroten, drachenbestickten Kimono trug.«

Poirot nickte.

»Und weiter?«

»Nichts, Monsieur. Bis zum Morgen ereignete sich nichts.«

»Irren Sie sich auch nicht, Michel?«

»Ah, Pardon – Sie selbst, Monsieur, öffnete Ihre Tür und schauten eine Sekunde heraus.«

»Gut, mein Freund«, sagte Hercule Poirot. »Ich wollte nur wissen, ob Ihnen das aufgefallen war. Übrigens wurde ich durch ein Geräusch wach, das so klang, als sei etwas gegen meine Tür gepoltert. Haben Sie eine Ahnung, was das gewesen sein könnte?«

Der Mann starrte ihn an. »Ich bin sicher, Monsieur, daß nichts dergleichen passiert ist«, beteuerte er endlich.

»Nein? Nun, dann hatte ich eben einen Alptraum«, erwiderte Poirot gleichmütig.

kam«,

mischte sich M. Bouc ein.

Doch Hercule Poirot beachtete diesen Einwurf nicht – viel­ leicht veranlaßte ihn die Anwesenheit des Kondukteurs dazu.

»Dann möchte ich noch einen anderen Punkt mit Ihnen erör­ tern, Michel«, ergriff er von neuem das Wort. »Nehmen wir einmal an, der Mörder sei gestern abend erst zugestiegen. Ist es ganz sicher, daß er den Zug nicht wieder verlassen haben kann, nachdem er die Tat begangen hatte?«

»Sofern

das

Geräusch

nicht

aus

dem

Nebenabteil

»Ganz sicher, Monsieur.«

»Oder daß er sich irgendwo im Zug versteckt hält?«

»Man hat alles gründlich abgesucht, mon ami«, sagte M. Bouc. »Diese Idee können Sie ruhig fallenlassen.«

Und Michel ergänzte: »Außerdem hätte ich jeden gesehen, der den Schlafwagen betreten hätte.«

»Wo hatten wir den letzten Aufenthalt?«

»In Vincovci.«

»Um wieviel Uhr?«

»Fahrplanmäßig sollten wir um 11.58 Uhr weiterfahren. Doch durch die Schneeverwehungen hatten wir zwanzig Minuten Verspätung.«

»Vielleicht hat sich jemand aus dem anderen Teil des Zuges eingeschlichen?«

»Nein, Monsieur. Nach Beendigung des Dinners wird die Verbindungstür zwischen den anderen Wagen und dem Schlafwagen abgesperrt.«

»Sind Sie in Vincovci für kurze Zeit ausgestiegen?«

»Ja, Monsieur. Ich blieb, wie gewöhnlich, auf dem Bahnsteig dicht bei den Stufen des Schlafwagens stehen. Die anderen Kondukteure taten dasselbe.«

»Und die vordere Tür? Ich meine die beim Speisewagen.«

»Die ist immer von innen abgeriegelt.«

»Aber jetzt ist sie doch offen.«

Michel stutzte, doch dann hellte sich sein verblüfftes Gesicht auf. »Bestimmt hat einer der Reisenden sie geöffnet, um einen Blick auf die Schneemauern zu werfen.«

»Wahrscheinlich«, sagte Poirot.

In Gedanken versunken klopfte er minutenlang mit dem Blei­ stift auf die Tischplatte.

»Ah, da fällt mir noch etwas ein!« rief er, plötzlich aufbli­ ckend. »Sie erwähnten vorhin, daß noch ein Passagier geklin­ gelt hat, als Sie vor Mr. Ratchetts Tür standen. Tatsächlich habe auch ich es gehört. Wer war das?«

»Madame la Princesse Dragomiroff. Sie hat mich gebeten, ihre Zofe zu ihr zu schicken.«

»Und das haben Sie getan?«

»Gewiß, Monsieur.«

Minutenlang widmete sich Hercule Poirot dem Studium des vor ihm liegenden Plans. Dann nickte er. »Das ist vorläufig al­ les, Michel. Ich brauche Sie nicht mehr.«

»Sehr wohl, Monsieur.« An der Tür drehte er sich verlegen um, den Blick auf M. Bouc geheftet.

»Nur keine Sorge, Michel«, tröstete ihn Bouc. »Pech, daß der Mord ausgerechnet in dem Ihrer Obhut anvertrauten Wagen geschah. Eine Pflichtverletzung haben Sie sich nicht zuschulden kommen lassen.«

Zufrieden verließ Pierre Michel das Abteil.

10

Poirot saß ein paar Minuten gedankenverloren da.

»Ich glaube«, sagte er endlich, »daß wir uns, nach allem, was wir inzwischen erfahren haben, noch einmal mit Mr. MacQueen unterhalten sollten.«

Der junge Amerikaner erschien sofort.

»Nun«, sagte er, »wie stehen die Dinge?«

»Nicht übel. Ich konnte inzwischen in Erfahrung bringen, wer Mr. Ratchett wirklich war.«

»Ja?« Interessiert beugte sich MacQueen vor.

»Ratchett war, wie Sie vermuteten, ein falscher Name. Rat­ chett war Cassetti, der berüchtigte Kidnapper, der unter ande­ rem die kleine Daisy Armstrong geraubt und getötet hat.«

Auf Hector MacQueens Gesicht erschien ein Ausdruck fas­ sungslosen Erstaunens. Dann wurde er feuerrot.

»Dieses verdammte Stinktier!« fluchte er.

»Sie hatten keine Ahnung?«

»Nein, Sir«, antwortete der junge Amerikaner. »Hätte ich es geahnt, hätte ich mir eher die rechte Hand abgehackt, als für diesen Halunken zu arbeiten.«

»Die Sache geht Ihnen anscheinend nahe, Mr. MacQueen.«

»Nicht ohne Grund. Mein Vater, Monsieur Poirot, war der Bezirksstaatsanwalt, der den Fall bearbeitete. Ich habe Mrs. Armstrong mehr als einmal gesehen. Eine reizende Frau, aber völlig gebrochen. Wenn je ein Mensch sein Schicksal verdien­ te«, grollte er, »so ist es Ratchett oder Cassetti. Mich freut sein Ende. Eine solche Bestie verdient nicht zu leben!«

»Sie reden beinahe so, als wären Sie durchaus bereit gewesen, die gute Tat selbst zu vollbringen.«

»Möglich. Ich…« Hector MacQueen unterbrach sich und fügte fast schuldbewußt hinzu: »Mir scheint, ich bin auf dem besten Weg, mich verdächtig zu machen.«

»In meinen Augen würden Sie sich verdächtiger machen, wenn Sie unmäßigen Kummer wegen Mr. Ratchetts Tod heu­ chelten«, erwiderte Poirot.

»Das würde ich nicht einmal tun, um mich vor dem elektri­ schen Stuhl zu retten«, stieß MacQueen grimmig hervor. Und nach einer Weile setzte er hinzu: »Legen Sie es bitte nicht als zudringliche Neugier aus, wenn ich Sie frage, wie Sie hinter Cassettis Identität gekommen sind?«

»Durch das Bruchstück eines Briefes, das ich in seinem Abteil gefunden habe.«

»Aber das war doch – war doch eine sträfliche Nachlässigkeit von dem Alten.«

»Das«, sagte Poirot, »hängt wohl von dem jeweiligen Stand­ punkt ab.«

Der junge Mann schien diese Bemerkung verwirrend zu fin­ den, denn er sah Poirot an, als erhoffe er von ihm einen Hin­ weis.

»Meine Aufgabe besteht zunächst darin, mich über das Tun und Lassen der einzelnen Passagiere zu informieren. Damit will ich niemanden beleidigen, verstehen Sie? Ich handle nur ent­ sprechend der in unserem Beruf üblichen Routine.«

»Nur zu, Monsieur Poirot, prüfen Sie mich auf Herz und Nie­ ren. Ich nehme es Ihnen gewiß nicht übel.«

»Über die Nummer Ihres Abteils brauche ich Sie nicht zu be­ fragen«, sagte Poirot lächelnd, »weil ich es eine Nacht mit Ihnen

teilte. Es ist das Abteil zweiter Klasse Nr. 6 und 7, das Ihnen, nachdem ich ging, wieder allein gehörte.«

»Ganz recht.«

»Jetzt schildern Sie mir genau, was Sie gestern abend nach dem Essen getan haben.«

»Nichts einfacher als das. Ich ging in mein Abteil zurück, las ein bißchen, stieg in Belgrad aus, ging ein paarmal auf dem Bahnsteig auf und ab, fand, daß es grausig kalt sei, und kletter­ te in die Wärme zurück. Eine Weile unterhielt ich mich mit der jungen Engländerin, meiner Nachbarin. Dann begann ich mit Oberst Arbuthnot ein interessantes Gespräch – ah, Sie sind ja an uns vorübergekommen, Monsieur Poirot, und haben uns zu­ sammen gesehen. Dann suchte ich Mr. Ratchett auf. Es handelte sich, wie gesagt, um die Korrespondenz wegen der Antiquitä­ ten. Nachdem ich ihm gute Nacht gewünscht hatte und wieder in den Gang hinaustrat, stieß ich dort abermals auf Oberst Ar­ buthnot. Sein Bett war schon für die Nacht gerichtet worden, so daß ich ihm vorschlug, mich in mein Abteil zu begleiten. Wir rauchten und tranken und erörterten dabei die Weltpolitik, die Maßnahmen der indischen Regierung, unsere eigene finanzielle Lage und die Krise in Wall Street. Im allgemeinen meide ich den Umgang mit Briten – sie sind eine halsstarrige Gesellschaft –, aber dieser Mann gefällt mir.«

»Wissen Sie, um wieviel Uhr er Sie verließ?«

»Reichlich spät. Zwei wird es wohl gewesen sein.«

»Haben Sie bemerkt, daß der Zug hielt?«

»Natürlich. Wir wunderten uns ein wenig. Schauten auch hinaus und sahen die weißen Schneewälle. Wir dachten aller­ dings nicht, daß die Lage so ernst sein könnte.«

»Was geschah, als Oberst Arbuthnot schließlich gute Nacht sagte?«

»Er ging in sein Abteil, und ich rief den Kondukteur, damit er mein Bett machte.«

»Wo hielten Sie sich auf, während er Ihr Bett machte?«

»Ich stand rauchend im Gang, direkt vor meiner Tür.«

»Und dann?«

»Legte ich mich hin und schlief bis zum Morgen.«

»Sind Sie, außer in Belgrad, noch einmal aus dem Zug gestie­ gen?«

»Arbuthnot und ich dachten, es wäre gut, wenn wir uns in Vin… Wie heißt doch das Nest? Vin – Von – ah Vincovci – also wenn wir uns in Vincovci ein bißchen Bewegung machten. Doch der wütende Schneesturm trieb uns bald wieder hinein.«

»Durch welche Tür sind Sie ausgestiegen?«

»Durch die, die unserem Abteil am nächsten lag.«

»Also die beim Speisewagen?«

»Ja.«

»Erinnern Sie sich, ob sie abgeriegelt war, Mr. MacQueen?« Der junge Amerikaner überlegte.

»Ja, ja, jetzt fällt es mir ein«, sagte er endlich. »Es war eine Art Stange vorgelegt, die über die Klinke griff. Meinen Sie das?«

»Ja. Legten Sie bei Ihrer Rückkehr die Stange wieder vor?«

»N – nein, ich glaube nicht. Ich stieg zwar als letzter ein, doch ich kann mich nicht erinnern, daß ich die Tür wieder gesichert hätte.« Und plötzlich fügte er hinzu: »Ist das so wichtig?«

»Vielleicht. Nun vermute ich, Monsieur, daß die Tür Ihres Ab­ teils offenstand, als Sie sich mit Oberst Arbuthnot unterhiel­ ten.«

Hector MacQueen nickte.

»Sagen Sie mir bitte, ob nach der Abfahrt von Vincovci bis zu dem Augenblick, in dem Sie und Oberst Arbuthnot sich trenn­ ten, jemand durch den Gang kam.«

»Mir scheint, der Kondukteur ging einmal vorüber, und zwar aus der Richtung des Speisewagens«, erwiderte MacQueen. »Und dann auch eine Frau, die jedoch ging in die entgegenge­ setzte Richtung.«

»Wer war die Frau?«

»Ich habe nicht aufgepaßt, nur irgend etwas Rotes, Seidiges vorübergleiten sehen. Auch wenn ich weniger eifrig mit Ar­ buthnot diskutiert hätte, hätte ich die Betreffende nicht erkannt, da mir eine in diese Richtung gehende Person sofort den Rü­ cken zukehrt, nachdem sie meine Tür passiert hat.«

»Vermutlich ging sie auf die Toilette, wie?« meinte Hercule Poirot.

»Vermutlich.«

»Haben Sie sie zurückkommen sehen?«

»Donnerwetter, jetzt, da Sie es erwähnen, fällt es mir ein – nein, ich habe sie nicht mehr gesehen. Doch zurückgekommen ist sie natürlich auf jeden Fall.«

»Nun werde ich Sie nicht mehr lange belästigen, Mr. Mac- Queen. Nur eine Frage noch: Rauchen Sie Pfeife?«

»Nein, Sir.«

»Hm…« Poirot überlegte. »Ich denke, das war vorläufig alles. Schicken Sie mir jetzt bitte den Kammerdiener von Ratchett herein. Sind Sie beide eigentlich immer zweiter Klasse gereist?«

»Er ja, ich nicht. Ich hatte meist das Abteil neben dem von Ratchett. Er pflegte dann den größten Teil seines Gepäcks bei mir unterzubringen. Aber bei dieser Reise waren mit Ausnah­

me des einen Abteils, das er für sich belegte, alle Plätze erster Klasse schon vergeben.«

»Ich verstehe. Besten Dank, Mr. MacQueen.«

11

Der Amerikaner wurde von dem blassen Engländer mit dem ausdruckslosen Gesicht abgelöst, den Poirot schon tags zuvor gesehen hatte. In korrekter Haltung stand er abwartend da, bis der Detektiv ihn durch eine Handbewegung zum Sitzen auf­ forderte.

»Wenn man mich recht unterrichtet hat, sind Sie der Kammer­ diener von Mr. Ratchett?«

»Ja, Sir.«

»Wie heißen Sie?«

»Edward Henry Masterman.«

»Ihr Alter?«

»Neununddreißig.«

»Ihre ständige Adresse?«

»21 Friar Street, Cherkenwell.«

»Sie haben gehört, daß Ihr Herr ermordet wurde?«

»Ja, Sir. Es ist furchtbar.«

»Wollen Sie mir bitte sagen, um welche Zeit Sie Mr. Ratchett das letzte Mal gesehen haben?«

»Das muß gestern abend gegen neun gewesen sein«, erwider­ te der Diener nach kurzem Überlegen. »Vielleicht auch etwas später. Ich ging wie üblich zu ihm hinein, um meinen Pflichten nachzukommen.«

»Worin bestanden diese?«

»Seine Kleidungsstücke zusammenzufalten oder aufzuhän­ gen, Sir. Das Gebiß in das Mundwasserglas zu legen und dar­

auf zu achten, daß alles vorhanden war, was er für die Nacht benötigte.«

»Ist Ihnen gestern etwas an ihm aufgefallen? War er wie sonst?«

»Ich glaube, er war erregt.«

»Woran haben Sie das gemerkt? Und warum war er erregt?«

»Wegen eines Briefes, den er gelesen hatte. Er fragte mich, ob ich das Schreiben in sein Abteil gelegt hätte, was ich natürlich verneinte. Doch er beschimpfte mich und fand an allem, was ich tat, etwas auszusetzen.«

»Nörgelte er sonst nie?«

»Oh, häufig. Er geriet sehr leicht in Wut.«

»Hat Mr. Ratchett ab und zu ein Schlafmittel genommen?«

»Wenn wir nachts reisten. Er behauptete, er könne sonst bei dem Geräusch der Räder nicht schlafen.«

»Wissen Sie, welches Mittel er für gewöhnlich nahm?«

Jetzt beugte sich Dr. Constantine etwas vor, diese Antwort in­ teressierte ihn besonders.

»Das weiß ich nicht, Sir. Der Name des Mittels steht nicht auf dem Flaschenetikett – nur: ›Vor dem Schlafengehen einzuneh­ men‹.«

»Hat er das Mittel auch gestern abend genommen?«

»Ja, Sir. Ich goß es in ein Glas, das ich ihm in Reichweite hin­ stellte.«

»Aber Sie haben nicht mit eigenen Augen gesehen, wie er es trank?«

»Nein, Sir. Ich fragte dann, ob er heute morgen geweckt zu werden wünsche, worauf er erwiderte, ich solle ihn nicht stö­ ren, er werde klingeln.«

»War das ungewöhnlich?«

»Durchaus nicht, Sir. Er pflegte dem Schaffner zu klingeln, der mich dann holen mußte.«

»War er ein Frühaufsteher?«

»Das hing ganz von seiner Laune ab, manchmal stand er zum Frühstück auf, manchmal erst kurz vor dem Lunch.«

»So daß Sie heute nicht beunruhigt waren, als es immer später wurde und er sich nicht meldete?«

»Genau, Sir.«

»Ist Ihnen bekannt, daß Ihr Herr Feinde hatte?«

»Ja, Sir«, gab der Mann unumwunden zu.

»Woher wissen Sie das?«

»Ich hörte zufällig, wie er mit Mr. MacQueen über gewisse Briefe sprach.«

»Haben Sie Ihren Arbeitgeber gemocht, Masterman?«

Das Gesicht des Dieners wurde, wenn möglich, noch aus­ drucksloser als zuvor.

»Die Frage ist mir peinlich, Sir. Denn Mr. Ratchett war ein großzügiger Chef.«

»Aber Sie mochten ihn trotzdem nicht, wie?«

»Ich hege für Amerikaner im allgemeinen keine großen Sym­ pathien.«

»Sind Sie in Amerika gewesen?«

»Nein, Sir.«

»Wissen Sie noch, ob Sie vor Jahren Zeitungsberichte über die Entführung der kleinen Daisy Armstrong gelesen haben?«

»Ja, Sir.« Jetzt stieg ein wenig Farbe in die blassen Wangen. »Eine derart gräßliche Geschichte vergißt man nicht so leicht. Das Kind war noch sehr klein, nicht wahr?«

»War Ihnen bekannt, daß Ihr Arbeitgeber, Mr. Ratchett, der Hauptschuldige an diesem Verbrechen war?«

»Nein, wahrhaftig nicht, Sir«, versicherte der Mann, und zum erstenmal verriet seine Stimme ein wenig Wärme und Gefühl. »Das kann ich kaum glauben, Sir.«

»Und dennoch war es so. Nun schildern Sie mir – der Ord­ nung halber – den weiteren Verlauf des Abends. Was taten Sie, nachdem Sie Mr. Ratchett allein ließen?«

»Ich teilte Mr. MacQueen mit, daß Mr. Ratchett ihn sehen wolle, ging dann in mein eigenes Abteil und las.«

»Ihr Abteil ist…«

»Das letzte in der zweiten Klasse. Direkt neben dem Speise­ wagen.«

Poirot verglich die Angabe mit seinem Plan. »Richtig. Und welches ist Ihr Bett?«

»Das untere, Nr. 4.«

»Und wer schläft in dem oberen?«

»Ein dicker Italiener, Sir.«

»Spricht er Englisch?«

»Nun, so eine Art Englisch.« Das klang verächtlich. »Der Mann war in Amerika, in Chicago, soviel ich weiß.«

»Unterhalten Sie sich viel mit ihm?«

»Nein, Sir. Ich ziehe ein Buch der Unterhaltung vor.«

Nur mit Mühe unterdrückte Poirot ein Lächeln. Er glaubte die Szene vor sich zu sehen: den großen, dicken, gesprächigen Ita­

liener, und den Gentleman-Diener, der ihn von oben herab be­ handelte und praktisch schnitt.

»Und was lesen Sie gerade, wenn ich fragen darf?«

»Fesseln der Liebe von Arabelle Richardson.«

»Ein schönes Buch?«

»Ich finde es sehr spannend.«

»Schön. Sie kehrten also in Ihr Abteil zurück und ließen sich von den Fesseln der Liebe fesseln. Bis wann?«

»Gegen zehn Uhr dreißig wollte dieser Italiener schlafen ge­ hen, worauf der Schaffner erschien und die Betten zurecht­ machte.«

»Und Sie gingen auch ins Bett und schliefen?«

»Ich legte mich hin – ja, Sir. Aber ich habe nicht geschlafen.«

»Warum nicht?«

»Ich bekam plötzlich Zahnschmerzen.«

»Oh – das tut mir leid.«

»Es waren sehr starke Schmerzen, Sir.«

»Haben Sie etwas dagegen eingenommen?«

»Ich rieb das Zahnfleisch mit Nelkenöl ein, was den Schmerz zwar ein bißchen linderte, aber an Schlaf war trotzdem nicht zu denken. Ich knipste deshalb die Leselampe an und begann wie­ der zu lesen, um mich abzulenken.«

»Stellte sich der Schlaf denn überhaupt nicht ein?«

»Doch, Sir. Gegen vier Uhr morgens.«

»Und Ihr Gefährte?«

»Dieser Italiener? Oh, der schnarchte nicht schlecht!«

»Er hat das Abteil nachts nicht verlassen?«

»Nein, Sir.«

»Und Sie?«

»Ich auch nicht.«

»Haben Sie im Laufe der Nacht irgend etwas gehört?«

»Nichts Ungewöhnliches, Sir. Ich meine, da der Zug stand, war es sehr still.«

Poirot überlegte einen Augenblick. »Tja, da gibt es wohl nicht mehr viel zu sagen. Zu der Tragödie können Sie keinerlei An­ gaben machen?«

»Leider nein.«

»Wissen Sie zufällig, ob Mr. Ratchett und Mr. MacQueen je­ mals Streit miteinander hatten?«

»O nein, Sir. MacQueen ist ein sehr angenehmer Gentleman.«

»Wo waren Sie in Stellung, bevor Mr. Ratchett Sie engagier­ te?«

»Bei Sir Henry Tomlinson, Sir. Auf dem Grosvenor Square.«

»Warum haben Sie die Stellung aufgegeben?«

»Sir Henry ging nach Ostafrika und benötigte meine Dienste nicht mehr. Doch er würde bestimmt für mich bürgen. Ich war mehrere Jahre bei ihm.«

»Und wie lange waren Sie bei Mr. Ratchett?«

»Etwas mehr als neun Monate, Sir.«

»Ich danke Ihnen, Masterman. Sind Sie übrigens Pfeifenrau­ cher?«

»Nein, Sir. Ich rauche nur Zigaretten.«

»Danke. Das genügt.«

Der Kammerdiener zögerte.

»Verzeihung, Sir – aber die ältere Amerikanerin ist schreck­ lich aufgeregt. Sie behauptet, den Mörder genau zu kennen.«

»So?« Hercule Poirot lächelte. »Dann wollen wir von ihrem Wissen profitieren.«

»Soll ich sie herschicken, Sir? Sie verlangt unentwegt, mit je­ mandem von der Polizei zu sprechen. Der Schaffner bemüht sich vergeblich, sie zu beruhigen.«

»Schicken Sie sie nur zu uns, mein Freund. Wir werden uns ihre Geschichte mit Vergnügen anhören.«

12

Vor Aufregung ganz außer Atem, fegte Mrs. Hubbard in den Speisewagen. Sie war kaum imstande, deutlich zu sprechen.

»Schnell – schnell, sagen Sie mir… wer vertritt hier die Behör­ de? Ich verfüge über sehr, sehr wichtige Informationen und wünsche, sie dem behördlichen Vertreter so rasch wie möglich mitzuteilen. Wenn Sie, meine Herren…« Ihr flackernder Blick zuckte zwischen den drei Männern hin und her. Poirot beugte sich vor.

»Berichten Sie mir, Madame«, sagte er. »Aber zuerst machen Sie es sich bitte hier bequem.«

Mrs. Hubbard plumpste schwer auf den Stuhl, der Poirot ge­ genüberstand.

»Was ich Ihnen zu sagen habe, ist folgendes: Heute nacht wurde im Zug ein Mord verübt, und der Mörder war in mei­ nem Abteil!« Sie legte eine Pause ein, damit ihre Worte auch wirkten.

»Madame, vielleicht irren Sie sich.«

»Irren? Pah! Ich weiß, was ich sage. Und ich will Ihnen auch die näheren Einzelheiten nicht verschweigen. Ich hatte bereits geschlafen und wachte plötzlich wieder auf. Im Abteil war es dunkel und trotzdem wußte ich, daß ein Mann da war. Ich war vor Schreck und Angst wie gelähmt und konnte weder rufen noch schreien. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine. Stock­ steif lag ich da und dachte: Gnade und Barmherzigkeit, man will mich ermorden. Ach, die Ängste, die ich ausstand, kann ich Ihnen gar nicht beschreiben! Und mir fielen alle Geschichten von Eisenbahnüberfällen wieder ein, die ich je gelesen hatte. Dann dachte ich wiederum: Nun, meinen Schmuck wird er je­

denfalls nicht finden. Denn sehen Sie, meine Herren, den hatte ich in einen Strumpf gesteckt und unter mein Kopfkissen ge­ legt. Sehr bequem war das zwar nicht, der harte Höcker drückte ganz schön… Doch das gehört nicht zur Sache. Ja, wo war ich doch stehengeblieben?«

»Ihnen war klargeworden, Madame, daß sich in Ihrem Abteil ein Mann befand.«

»Ja, richtig. Mit geschlossenen Augen lag ich da und dachte:

Dem Himmel sei Dank, daß meine Tochter nichts von der Ge­ fahr weiß, in der ich mich befinde! Und dann konnte ich plötz­ lich wieder klar denken. Vorsichtig tastete ich mit der Hand nach der Klingel und fand sie auch. Aber der Kondukteur kam nicht, so fest ich auch drückte und drückte. Ach, Monsieur, ich kann Ihnen versichern, ich dachte, mir bleibt das Herz stehen. Gnade und Barmherzigkeit, sagte ich mir, vielleicht sind die übrigen Insassen des Zuges schon allesamt ermordet worden. Er stand ohnehin, und es herrschte eine wahrhaft gräßliche Stil­ le. Aber ich klingelte weiter, immer weiter, und, o welche Er­ leichterung, als ich im Gang Schritte hörte und es gleich darauf bei mir klopfte. ›Kommen Sie herein!‹ schrie ich und knipste gleichzeitig das Licht an. Und ob Sie es glauben oder nicht, Monsieur – da war keine Menschenseele!«

Das schien für Mrs. Hubbard keine Antiklimax, sondern der dramatische Höhepunkt ihrer Geschichte zu sein.

»Und was passierte dann, Madame?«

»Ich berichtete dem Kondukteur mein Erlebnis, doch er glaubte mir offensichtlich nicht. Er bildete sich wohl ein, ich hätte geträumt. Doch ich blieb hartnäckig. Ich zwang ihn, unter dem Bett nachzusehen, obwohl er mir versicherte, dort sei es so eng, daß sich höchstens ein Hund oder eine Katze verstecken könnten. Tatsächlich erwies sich, daß der Eindringling nicht

mehr da war. Aber daß er dagewesen war, steht für mich fest, und als der Schaffner versuchte, mir das Ganze auszureden und mich zu beschwichtigen, wurde ich so wütend wie noch nie. Was denkt sich dieser Einfaltspinsel eigentlich? Ich bin kein hysterisches Frauenzimmer, das Gespenster sieht, Mr. – Par­ don, wie lautet Ihr Name?«

»Poirot, Madame. Und dies ist M. Bouc, ein Direktor der Schlafwagengesellschaft, und dies Dr. Constantine.«

»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, murmelte Mrs. Hubbard ziemlich geistesabwesend und stürzte sich dann von neuem in ihren Bericht.

»Und dann habe ich mich dummerweise ziemlich vergalop­ piert. Mir kam nämlich die Idee, es könne nur der Mann von nebenan gewesen sein – der arme Teufel, der ermordet worden ist. Daher befahl ich dem Kondukteur, nachzusehen, ob die Verbindungstür verriegelt war, und natürlich war sie offen. Auf mein Geheiß hin riegelte er sie dann ab, und nachdem er ge­ gangen war, verbarrikadierte ich sie noch mit einem Koffer.«

»Um welche Zeit passierte das alles, Mrs. Hubbard?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Dazu war ich zu aufgeregt.«

»Und was für eine Theorie haben Sie jetzt?«

»Eine wirklich überflüssige Frage, Monsieur Poirot! Das liegt doch auf der Hand. Der Mann, der in mein Abteil eindrang, war der Mörder. Wer sonst?«

»Und Sie glauben, er habe sich ins Nebenabteil zurückge­ schlichen?«

»Weiß ich, was er tat? Ich hatte doch die Augen geschlossen.«

»Er könnte auch durch Ihre Abteiltür auf den Gang geflüchtet sein.«

»Ich kann mich dazu nicht äußern. Wie gesagt, hatte ich die Augen fest geschlossen, Monsieur Poirot.« Mrs. Hubbard seufz­ te. »Herrgott, war ich erschrocken! Wenn meine Tochter…«

»Und Sie sind nicht der Meinung, Madame, daß die Geräu­ sche, die Sie hörten, aus dem Abteil des Ermordeten kamen, daß sich dort jemand bewegte?«

»Nein, nein, dieser Meinung bin ich nicht, Mr. – wie war doch gleich der Name? – Mr. Poirot. Der Mann war im selben Abteil wie ich, nicht nebenan. Ich habe ja einen Beweis dafür.«

Triumphierend begann sie in ihrer riesigen Handtasche zu wühlen. Sie entnahm ihr zwei große, saubere Taschentücher, eine Hornbrille, ein Röhrchen Aspirin, ein Paket Glaubersalz, eine Zelluloidtube mit grasgrünen Pfefferminzplätzchen, einen Schlüsselbund, eine Schere, ein Heft mit American-Express- Schecks, einen Schnappschuß von einem ungewöhnlich reizlo­ sen Kind, mehrere Briefe, eine fünfreihige Kette falscher Ori­ entperlen und einen kleinen metallenen Gegenstand – einen Knopf.

»Sehen Sie diesen Knopf hier? Nun, mir gehört er nicht. Er ist von keinem meiner Kleider abgerissen, und dennoch fand ich ihn heute morgen in meinem Abteil.«

Als sie ihren Fund auf den Tisch legte, beugte sich M. Bouc vor und stieß einen Ruf des Erstaunens aus.

»Das ist ein Knopf von der Uniformjacke eines Schlafwagen­ schaffners.«

»Dafür kann es eine ganz natürliche Erklärung geben«, sagte Poirot. Freundlich wandte er sich an die aufgeregte Dame:

»Den Knopf kann sich der Kondukteur abgerissen haben, Ma­ dame, entweder als er in Ihrem Abteil den Eindringling suchte, oder als er abends Ihr Bett zurechtmachte.«

Seine Worte erregten heftigen Unwillen.

»Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich von Ihnen allen halten soll!« entrüstete sich Mrs. Hubbard. »Nichts als Einwände be­ komme ich zu hören. Aber passen Sie einmal auf! Vor dem Ein­ schlafen habe ich eine Zeitschrift gelesen, die ich, bevor ich das Licht ausdrehte, auf ein kleines Kästchen legte, das beim Fens­ ter auf dem Boden stand. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Einmütig versicherten die drei, daß sie verstanden hätten.

»Gut, dann hören Sie weiter! Der Kondukteur schaute von der Tür aus unter das Bett und trat hierauf an die Verbindungstür, um abzuriegeln. Dem Fenster näherte er sich nicht. Trotzdem lag dieser Knopf heute früh genau auf meiner Zeitschrift. Jetzt möchte ich gern wissen, wie Sie das nennen?«

»Das nenne ich einen Beweis«, erwiderte Poirot und besänf­ tigte damit die empörte Dame.

»Ich werde wild wie eine Hornisse, wenn jemand mir nicht glaubt«, erklärte sie.

»Madame, wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Was Sie uns mitgeteilt haben, ist ebenso interessant wie wertvoll«, sagte Poirot beschwichtigend. »Darf ich Ihnen jetzt noch ein paar Fragen stellen?«

»Aber selbstverständlich.«

»Wieso haben Sie eigentlich die Tür nicht schon früher abge­ riegelt; da Ihnen dieser Ratchett doch so mißfiel?«

»Aber das hatte ich ja«, antwortete Mrs. Hubbard prompt.

»Ach! Tatsächlich?«

»Um ganz genau zu sein, muß ich allerdings gestehen, daß ich die sympathische Schwedin gebeten hatte nachzusehen, ob ab­ geriegelt sei, was sie bejahte.«

»Warum haben Sie sich nicht selbst überzeugt, Madame?«

»Weil ich bereits im Bett lag und mein Schwammbeutel an der Türklinke hing, so daß ich nicht sehen konnte, ob der Riegel vorgeschoben war oder nicht.«

»Wie spät war es, als Sie die schwedische Dame baten, nach­ zusehen?«

»Warten Sie – lassen Sie mich überlegen. Gegen halb elf oder ein Viertel vor elf, denke ich. Sie kam wegen eines Aspirins, die Ärmste, und nachdem ich ihr gesagt hatte, wo ich es aufbewah­ re, holte sie es sich selbst aus meiner Tasche.«

»Sie selbst blieben im Bett?«

»Ja.« Plötzlich lachte Mrs. Hubbard. »Die gute Seele war ganz verdattert. Sie hatte zuerst versehentlich die Tür des Nebenab­ teils geöffnet.«

»Mr. Ratchetts Abteil?«

»Ja. Sie wissen ja wohl aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, sich zu orientieren, wenn man im Zug den Gang entlang­ geht und alle Türen geschlossen sind. Wie gesagt, öffnete sie irrtümlicherweise die von Ratchett. Sie war ganz außer sich, weil ihr das passiert war. Und er hat anscheinend gelacht und ihr eine sehr geschmacklose Bemerkung zugerufen. Gott, wie das arme Geschöpf aufgeregt war! ›Ich mache Irrtum und schäme mich schlimm über Irrtum‹, stieß sie in ihrem schlech­ ten Englisch hervor. ›Er ist kein netter Mann, sagt zu mir: Sie, Madame, zu alt!‹«

Dr. Constantine kicherte, was Mrs. Hubbard unverzüglich rügte. »Über eine so freche Antwort lacht man nicht, mein Herr. So etwas sagt kein wohlerzogener Mann zu einer Dame.«

Dr. Constantine entschuldigte sich hastig.

»Haben Sie später – irgendwann – aus Mr. Ratchetts Abteil noch ein Geräusch gehört?« fragte Poirot.

»Eigentlich nicht.«

»Eigentlich nicht? Was heißt das?«

»Nun – er schnarchte. Sogar fürchterlich. In der Nacht vorher konnte ich deshalb kein Auge schließen.«

»Aber nachdem Sie über den Eindringling erschrocken waren, hörten Sie ihn wohl nicht mehr schnarchen?«

»Aber mein verehrter Monsieur Poirot! Wie konnte er schnar­ chen, wenn er bereits tot war?«

»Ah, richtig«, sagte Poirot. Er schien verwirrt zu sein. »Erin­ nern Sie sich an die Entführung der kleinen Daisy Armstrong, die später ermordet aufgefunden wurde, Mrs. Hubbard?«

»Ja, natürlich. Und auch, daß der Verbrecher ohne Strafe da­ vonkam. Na, wenn der mir in die Hände geraten wäre!«

»Er ist der Vergeltung nicht entkommen, Mrs. Hubbard. Er ist tot – in der vergangenen Nacht gestorben.«

»Was? Sie meinen doch nicht etwa…« Vor Erregung schoß Mrs. Hubbard halb von ihrem Sitz in die Höhe.

»O doch, ich meine, Ratchett war der Mann.«

»Also das muß ich sofort meiner Tochter schreiben! Habe ich Ihnen nicht schon gestern abend gesagt, daß der Mann ein bö­ ses Gesicht hat? Ich hatte recht, wie Sie sehen. Meine Tochter sagt immer wieder: ›Wenn Mama eine Vorahnung hat, dann kann man seinen letzten Dollar darauf setzen, daß sie stimmt.‹«

Doch Poirot gestattete ihr kein Abschweifen.

»Waren Sie mit irgendeinem Mitglied der Familie Armstrong bekannt, Mrs. Hubbard?« unterbrach er sie.

»Nein. Die Armstrongs gehörten einem sehr exklusiven Kreis an. Doch ich habe immer gehört, Mrs. Armstrong sei eine rei­ zende Frau, und ihr Mann betete sie an.«

»Ich möchte Ihnen noch einmal versichern, daß wir Ihnen für Ihre Hilfe ungemein dankbar sind. Vielleicht haben Sie die Gü­ te, mir Ihren vollen Namen zu sagen?«

»Warum nicht? Caroline Martha Hubbard.«

»Und schreiben Sie mir bitte Ihre Adresse auf.«

Mrs. Hubbard schrieb, redete dabei aber ununterbrochen wei­ ter.

»Gott, o Gott – darüber komme ich noch nicht hinweg! Cas­ setti – in diesem Zug! Ich habe ihm von Anfang an mißtraut, wissen Sie noch, Monsieur Poirot?«

»Wie sollte ich nicht, Madame? Besitzen Sie übrigens einen seidenen, scharlachroten Morgenmantel?«

»Meine Güte, was für eine drollige Frage! Selbstverständlich nicht. Ich habe zwei Morgenröcke bei mir, einen aus schönem, warmem Flanell, für eine Schiffsreise so richtig gemütlich. Und dann noch einen türkischen, den mir meine Tochter geschenkt hat. Doch was in aller Welt kümmern Sie meine Morgenröcke?«

»Irgend jemand in einem scharlachroten Kimono hat vergan­ gene Nacht entweder Ihr oder Mr. Ratchetts Abteil betreten.

Wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, ist es bei durchweg ge­ schlossenen Türen nicht leicht, die Abteile genau auseinander­ zuhalten.«

»Bei mir war niemand im scharlachroten Kimono.«

»Dann muß die Betreffende zu Mr. Ratchett gegangen sein.«

Mrs. Hubbard preßte die Lippen zusammen und sagte grim­ mig: »Das sollte mich wahrscheinlich nicht wundern!«

»Dann haben Sie also eine Frauenstimme im Nebenabteil ge­ hört?« fragte Hercule Poirot lebhaft.

»Wie Sie das aus meinen Worten schließen konnten, verstehe ich nicht! Doch ich will es nicht leugnen – ja, ich habe sie ge­ hört.«

»Aber Madame! Als ich Sie kurz zuvor nach etwaigen Geräu­ schen in Mr. Ratchetts Abteil gefragt habe, sagten Sie, er habe nur geschnarcht.«

»Und ich habe nicht gelogen. Er hat auch eine Zeitlang ge­ schnarcht. Aber dann…« Mrs. Hubbard schoß das Blut in die Wangen. »Monsieur, es ist nicht sehr angenehm, darüber zu sprechen.«

»Um wieviel Uhr haben Sie die Frauenstimme gehört?«

»Das weiß ich nicht. Ich war nur ein paar Minuten wach, und da hörte ich sie sprechen. Das sieht dem unsympathischen Menschen ähnlich, dachte ich und drehte mich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Nie und nimmer hätte ich so etwas freiwillig vor drei fremden Gentlemen erwähnt, Monsieur Poi­ rot. Doch Sie haben es aus mir herausgequetscht.«

»War das vor oder nach Ihrem Schreck über den Mann in Ih­ rem Abteil?«

»Monsieur Poirot, schon wieder stellen Sie eine so unsinnige Frage! Kann ein Toter sich noch mit einer Frau unterhalten?«

»Pardon. Sie müssen mich wirklich für sehr dumm halten, Madame.«

»Ich denke, Sie sind nur manchmal etwas zerstreut. Doch daß dieses Ungeheuer Cassetti hier im Zug war! Da steht einem ja fast der Verstand still. Wenn ich das meiner Tochter schrei­ be…«

Poirot brachte es mit seiner taschenspielerischen Geschick­ lichkeit fertig, Mrs. Hubbard zu helfen, ihren ganzen Krims­

krams wieder in ihrer Handtasche zu verstauen, dann brachte er die Dame zur Tür.

Im letzten Augenblick, bevor sie das Abteil verließ, sagte er:

»Sie haben Ihr Taschentuch fallen lassen, Madame.«

Mrs. Hubbard betrachtete das feine Leinentüchlein, das er ihr hinhielt.

»Das gehört nicht mir, Monsieur Poirot.«

»O Pardon. Der eingestickte Buchstabe H…«

»Trotzdem gehört es mir nicht. Meine Wäsche ist mit C. M. H. gezeichnet. Außerdem habe ich vernünftige, haltbare Taschen­ tücher und nicht so teuren Pariser Flitterkram. Taugt ein sol­ ches Läppchen für einen richtigen Schnupfen?«

Keiner der drei Männer wagte diese Frage zu bejahen, und so segelte Caroline Martha Hubbard als Siegerin davon.

13

Kopfschüttelnd drehte M. Bouc den von Mrs. Hubbard zurück­ gelassenen Knopf zwischen den Fingern.

»Was bedeutet dieser Knopf?« fragte er. »Sollte Pierre Michel doch in das Verbrechen verwickelt sein?« Er blickte seinen Landsmann antwortheischend an, doch da Poirot dieser stum­ men Aufforderung nicht nachkam, drängte er: »Warum halten Sie mit Ihrer Meinung hinterm Berg?«

»Weil der Knopf allzu viele Möglichkeiten zuläßt, mon ami. Ich meine, es wäre besser, erst die schwedische Dame zu ver­ nehmen, ehe wir irgendwelche Schlußfolgerungen ziehen.« Aus dem Häuflein von Pässen suchte er den schwedischen heraus. »Da haben wir sie. Greta Ohlsson, Alter neunundvierzig.«

M. Bouc gab dem Speisewagenkellner entsprechende Anwei­ sungen, und kurz darauf betrat die Dame mit dem gelblich­ grauen Haarknoten und dem langen, milden Schafsgesicht das Abteil. Ihre kurzsichtigen Augen musterten Poirot durch die Brillengläser, doch eine besondere Erregung war ihr nicht an­ zumerken. Es stellte sich heraus, daß sie Französisch verstand und sprach, so daß die Unterhaltung in dieser Sprache geführt werden konnte. Poirot begann mit den Fragen, auf die er bereits die Antwort kannte: Name, Alter und Adresse. Und anschlie­ ßend erkundigte er sich nach Greta Ohlssons Beruf.

Sie sei Oberin einer Missionsschule in der Nähe von Istanbul, erwiderte sie, und gelernte Krankenpflegerin.

»Es ist Ihnen natürlich zu Ohren gekommen, Mademoiselle, was letzte Nacht hier im Zug geschah?«

»Ja. Es ist fürchterlich. Und die Amerikanerin erzählte mir, der Mörder habe sich in ihr Abteil eingeschlichen.«

»Man berichtete mir. Mademoiselle, daß Sie als letzte Mr. Rat­ chett lebend gesehen hätten.«

»Das mag stimmen. Durch einen peinlichen Irrtum öffnete ich die Tür seines Abteils. Mr. Ratchett las ein Buch. Ich stammelte schnell eine Entschuldigung und zog mich zurück.«

»Hat er etwas gesagt?«

Eine schamhafte Röte färbte das Gesicht der ehrenwerten Dame. »Er lachte und sagte ein paar Worte, die – die ich nicht ganz verstand.«

»Und was haben Sie dann getan, Mademoiselle?« forschte Poirot und ließ die heikle Angelegenheit taktvoll fallen.

»Ich bat Mrs. Hubbard, die Amerikanerin, um ein paar Aspi­ rin, die sie mir bereitwillig gab.«

»Fragte sie, ob die Verbindungstür zum Nebenabteil abgerie­ gelt sei?«

»Ja.«

»War sie abgeriegelt?«

»Ja.«

»Und später?«

»Nahm ich in meinem Abteil das Aspirin und legte mich hin.«

»Um wieviel Uhr war das?«

»Als ich zu Bett ging, war es fünf Minuten vor elf, wie ich beim Aufziehen meiner Uhr bemerkte.«

»Saß der Zug schon fest, ehe Sie einschliefen?«

»Ich glaube nicht. Als ich anfing, schläfrig zu werden, hielten wir wohl auf einer Station.«

»Das kann nur Vincovci gewesen sein. Ihr Abteil ist dieses hier, nicht wahr, Mademoiselle?« Poirot tippte auf eine Stelle seines Planes. »Schlafen Sie im unteren oder im oberen Bett?«

»Im unteren. Nr. 10.«

»Und wer schläft in dem anderen?«

»Eine

Sie

kommt aus Bagdad.«

»Hat sie nach dem Aufenthalt in Vincovci das Abteil verlas­ sen?«

junge

Engländerin,

sehr

nett,

sehr

freundlich.

»Sicherlich nicht.«

»Wieso können Sie das mit solcher Bestimmtheit sagen?«

»Weil ich einen sehr leichten Schlaf habe. Wenn sie von oben heruntergeturnt wäre, wäre ich bestimmt aufgewacht.«

»Haben Sie selbst das Abteil verlassen?«

»Nicht vor dem Morgen.«

»Haben Sie einen scharlachroten Seidenkimono, Mademoisel­ le?«

»Solch einen Luxusgegenstand besitze ich nicht. Ich habe ei­ nen bequemen, molligen Morgenrock aus Trikotstoff.«

»Und die andere Dame? Miss Debenham?«

»Ein malvenfarbenes orientalisches Gewand, wie man es im Osten überall kaufen kann.«

Poirot nickte. Dann fragte er freundlich:

»Was ist für Sie der Anlaß zu dieser Reise? Machen Sie Ur­ laub?«

»Ja. Aber ehe ich nach Schweden fahre, will ich eine Woche bei meiner Schwester in Lausanne verbringen.«

»Wären Sie wohl so liebenswürdig, mir Namen und Adresse Ihrer Schwester zu notieren, Mademoiselle.«

»Gern.« Sie nahm den Bleistift aus seiner Hand entgegen und schrieb, ohne zu zaudern, das Gewünschte nieder.

»Sind Sie in Amerika gewesen?«

»Nein. Beinahe wäre ich einmal hingekommen. Ich sollte eine kranke Dame begleiten, doch im letzten Augenblick zerschlug es sich – zu meinem großen Bedauern. Sie sind anständig und gut, die Amerikaner, und spenden viel Geld für Schulen und Krankenhäuser. Und sie sind sehr praktisch.«

»Haben Sie je von einem Fall Armstrong gehört?«

»Nein. Um was handelt es sich dabei?«

Poirot gab die nötigen Erklärungen. Greta Ohlsson war so entrüstet, daß ihr gelber Haarknoten zu zittern begann.

»Was gibt es doch für böse Menschen auf dieser Welt! Man könnte an der Menschheit fast verzweifeln. Die arme Mutter! Kein Wunder, daß ihr das Herz brach.«

Die blonde Tochter Skandinaviens ging in ihr Abteil zurück, das sanfte Gesicht von zorniger Röte übergossen, die Augen von Tränen getrübt.

»Was notieren Sie da, mon cher?« forschte M. Bouc, als Hercu­ le Poirot eifrig Zeile um Zeile auf ein Blatt Papier schrieb.

»Es ist mir zur zweiten Natur geworden, stets systematisch und ordentlich vorzugehen. Ich notiere mir nur den chronolo­ gischen Ablauf der Ereignisse.« Nach dem letzten Federstrich reichte er M. Bouc das Papier.

»9.15: Zug fährt von Belgrad ab.

Gegen 9.40: Kammerdiener verläßt Ratchett und läßt Schlaf­ trunk bzw. Glas mit Schlafmittel in Reichweite stehen.

Gegen 10: MacQueen verläßt Ratchett.

Gegen 10.40: Greta Ohlsson sieht Ratchett (zum letzten Mal wird er lebend gesehen). Er liest ein Buch.

0.10: Der Zug fährt von Vincovci ab (verspätet).

0.30: Der Zug bleibt in der Schneewehe stecken.

0.37: Ratchetts Glocke läutet. Der Kondukteur folgt dem Klin­ gelzeichen. Ratchett ruft ihm durch die Tür zu: ›Ce n’est rien. Je me suis trompé.‹

Gegen 1.17: Mrs. Hubbard bildet sich ein, es sei ein Mann in ihrem Abteil. Klingelt nach dem Schaffner.«

M. Bouc nickte beifällig.

»Das ist bewunderungswürdig klar.«

»Fällt Ihnen nichts Merkwürdiges daran auf?«

»Nein. Mir scheint alles sehr übersichtlich und klar. Und aus allem scheint hervorzugehen, daß das Verbrechen um 1.15 Uhr verübt wurde. Die beschädigte Uhr zeigt es uns, und Mrs. Hubbards Geschichte paßt auch dazu. Und wenn Sie meine Meinung hören wollen, mon ami, so sage ich Ihnen, der Mörder ist der dicke Italiener. Er kommt aus Amerika – aus Chicago. Bedenken Sie auch, daß die Lieblingswaffe der Italiener das Messer ist. Mit ihr sticht er nicht einmal, sondern mehrmals und sinnlos zu, weil sein südländisches Temperament nicht Maß noch Ziel kennt.«

»Das klingt recht glaubhaft.«

»Zweifellos ist das die Lösung des Rätsels«, versicherte M. Bouc. »Zweifellos steckten die beiden – Ratchett und er – bei der Entführungsaffäre unter einer Decke. Cassetti ist ein italie­ nischer Name. Und dann hat Ratchett seinen Komplizen ir­ gendwie betrogen. Der Italiener spürt ihn schließlich auf, schickt ihm die Drohbriefe und rächt sich am Ende auf brutale Weise. Es ist ganz einfach.«

Poirot schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Das ist es leider nicht, wie ich fürchte.«

»Pah, ich bin überzeugt, daß es den Nagel auf den Kopf trifft«, sagte M. Bouc, sich mehr und mehr für seine Theorie erwärmend. »Und der Kammerdiener mit den Zahnschmerzen, der hoch und heilig schwört, der dicke Italiener habe das Abteil keine Minute verlassen – wo bringen Sie ihn und seine Aussage unter?«

»Er kompliziert die Sache natürlich.«

Poirot zwinkerte amüsiert. »Nicht wahr, das ist Pech für Ihre Theorie, mein Bester, und ein unsagbares Glück für unseren Italiener, daß Ratchetts Kammerdiener von Zahnschmerzen geplagt wurde!«

»Ach was – diese kleine Unstimmigkeit wird sich von selbst regeln«, meinte M. Bouc selbstsicher und geradezu herablas­ send überlegen.

Aber Poirot schüttelte abermals den Kopf.

»Nein, so einfach ist die Lösung kaum«, murmelte er vor sich hin.

14

»Hören wir uns einmal an, was Pierre Michel zu diesem Knopf zu sagen hat.«

Und zum zweitenmal mußte der Schlafwagenschaffner vor dem »Tribunal« erscheinen. Er sah sie fragend an.

M. Bouc räusperte sich.

»Michel«, begann er dann, »hier haben wir einen Knopf von Ihrer Uniformjacke. Er wurde im Abteil von Mrs. Hubbard ge­ funden. Wie ist er Ihrer Meinung nach dorthin gekommen?«

Automatisch tastete Michels Hand die Knopfreihe ab.

»Ich habe keinen Knopf verloren, Monsieur. Das muß ein Irr­ tum sein.«

»Merkwürdig!«

»Ich kann es mir auch nicht erklären, Monsieur.«

Der Mann machte einen erstaunten, aber durchaus keinen schuldbewußten oder bestürzten Eindruck.

»Mit Rücksicht auf die Umstände, unter denen er gefunden wurde«, fuhr M. Bouc nachdrücklich fort, »ist es ziemlich si­ cher, daß der Mann, der sich nachts in Mrs. Hubbards Abteil eingeschlichen hatte, den Knopf verloren hat.«

»Aber Monsieur, in Mrs. Hubbards Abteil war kein Mann. Das hat sie sich nur eingebildet.«

»Sie hat es sich nicht eingebildet, Michel. Der Mörder von Mr. Ratchett wählte diesen Weg, um zu seinem Opfer zu gelangen – und der Mörder hat diesen Knopf verloren.«

Als Michel den ganzen Umfang von M. Boucs Worten zu be­ greifen begann, geriet er in eine unbeschreibliche Erregung.

»Das ist nicht wahr, Monsieur! Das ist nicht wahr!« schrie er. »Mich beschuldigen Sie? Ausgerechnet mich? Ich bin unschul­ dig. Absolut unschuldig. Warum hätte ich einen Mann töten sollen, den ich nie zuvor gesehen hatte?«

»Wo waren Sie, als Mrs. Hubbard klingelte?«

»Ich sagte es bereits, Monsieur – ich unterhielt mich im ande­ ren Waggon mit meinem Kollegen.«

»Wir werden ihn holen lassen.«

»Tun Sie das, Monsieur. Ich bitte darum.«

Der Kondukteur des Athener Wagens wurde geholt und bes­ tätigte Pierre Michels Behauptung. Auch der Kollege des Buka­ rester Wagens sei bei ihnen gewesen, und zu dritt hätten sie die durch den Schnee verursachte Lage erörtert. Vielleicht zehn Minuten später glaubte Michel eine Klingel aus seinem Wagen zu hören. Man habe daraufhin die Verbindungstür geöffnet, und da sei das Klingeln deutlich zu hören gewesen, so daß Mi­ chel Hals über Kopf davonstürzte.

»Sehen Sie, Monsieur, ich bin unschuldig«, sagte Michel noch immer ängstlich.

»Und wie erklären Sie diesen Knopf, der zweifellos von der Uniform eines Schlafwagenschaffners stammt?«

»Er ist mir ein Rätsel, Monsieur. Meine Knöpfe sitzen tadellos fest.«

Und auch die beiden anderen Schaffner beteuerten, keinen Knopf verloren zu haben. Außerdem hätten sie Mrs. Hubbards Abteil überhaupt nicht betreten.

»Beruhigen Sie sich, Michel, und versuchen Sie sich zu erin­ nern, ob Ihnen etwas aufgefallen ist, als Sie zu Mrs. Hubbards Abteil liefen? Sind Sie im Gang jemandem begegnet?«

»Nein, Monsieur.«

»Ging jemand in derselben Richtung wie Sie den Gang ent­ lang? Vor Ihnen oder hinter Ihnen?«

»Niemand, Monsieur.«

»Sonderbar!«

»Nicht so sehr«, griff Hercule Poirot jetzt ein. »Es ist nur eine Zeitfrage. Mrs. Hubbard wacht auf und spürt die Anwesenheit eines Fremden in ihrem Abteil. Eine oder zwei Minuten lang liegt sie wie gelähmt, mit festgeschlossenen Augen. Und in die­ ser kurzen Zeitspanne schlüpft der Verbrecher in den Gang hinaus. Dann rafft sich die erschrockene Dame endlich auf zu klingeln. Aber der Schaffner kommt nicht sofort, hört erst das dritte oder vierte Klingeln. Meiner Meinung nach hatte der Mörder ausreichend Zeit…«

»Wofür? Wofür, mon cher? Erinnern Sie sich, daß der Zug ein­ gekeilt zwischen hohen Schneewällen steckt.«

»Zwei Schlupfwinkel stehen dem geheimnisvollen Mörder of­ fen«, erwiderte Poirot bedächtig. »Er kann in eine Toilette flüchten oder in einem Abteil verschwinden.«

»Aber die waren alle belegt.«

»Ja.«

»Ah, Sie meinen, er sei einfach in sein eigenes Abteil gegan­ gen?« Poirot nickte stumm.

»Das stimmt, das stimmt«, flüsterte M. Bouc, »in den zehn Minuten, die Michel mit seinen Kollegen im anderen Waggon verbringt, kommt der Mörder aus seinem Abteil, geht zu Mr. Ratchett, tötet ihn, sichert die Tür von innen durch Schloß und Kette, entfernt sich durch das Abteil von Mrs. Hubbard, und als der Kondukteur auf das Klingeln hin herbeiläuft, ist unser Mörder längst wieder in seinem eigenen Abteil.«

Doch abermals erhob Hercule Poirot Einwände.

»Daß es nicht ganz so einfach ablief, wird Ihnen unser verehr­ ter Doktor auseinandersetzen, mon ami.«

Mit einer leicht ungeduldigen Geste winkte M. Bouc die drei Schaffner hinaus, und Poirot fuhr fort:

»Es fehlen noch die Aussagen von acht Reisenden. Fünf aus der ersten Klasse: Prinzessin Dragomiroff, Graf und Gräfin Andrenyi, Oberst Arbuthnot und Mr. Hardman. Drei aus der zweiten Klasse: Miss Debenham, Antonio Foscarelli und die Zofe Fräulein Schmidt.«

»Wen wünschen Sie zuerst zu sehen? Den Italiener?«

»Wie hartnäckig Sie auf Ihrem Italiener bestehen. Nein, wir werden mit der Spitze des Baumes beginnen. Vielleicht wird Madame la Princesse die Gewogenheit haben, uns ein paar Mi­ nuten ihrer Zeit zu schenken. Michel, bitten Sie die Dame hier­ her«, rief er dem Kondukteur nach, der gerade hinausging.

»Oui, Monsieur.«

»Sagen Sie ihr, daß wir sie auch in ihrem Abteil sprechen können, falls sie die Mühe scheut, hierherzukommen«, ergänzte M. Bouc. Doch Prinzessin Dragomiroff geruhte, sich dieser Mü­ he zu unterziehen. Sie erschien im Speisewagen, nickte he­ rablassend und nahm Poirot gegenüber Platz.

Ihr kleines, froschähnliches Gesicht sah noch gelber aus als tags zuvor. Sie war wirklich häßlich, hatte aber, wie eine Kröte, Augen wie Edelsteine, dunkel, herrisch und eine geheime E­ nergie und eine Geistesstärke verratend, für die sie sofort einen Beweis erbrachte.

Sie hatte eine tiefe, deutliche und ein wenig heiser klingende Stimme, mit der sie M. Bouc, der eine blumige Entschuldi­ gungsfloskel vorbrachte, sofort unterbrach.

»Das dürfen Sie sich ersparen, Messieurs. Ich begreife selbst­ verständlich, daß Sie alle Reisenden verhören müssen. Schließ­ lich ist ein Mord geschehen. Ich werde Sie unterstützen, so gut ich kann.«

»Sie sind sehr liebenswürdig, Madame«, sagte Poirot.

»Ich tue nur meine Pflicht – mehr nicht. Was wünschen Sie von mir zu erfahren?«

»Ihren Vornamen und Ihre Adresse, Madame. Vielleicht zie­ hen Sie vor, sie eigenhändig niederzuschreiben?« Poirot bot ihr ein Blatt Papier und einen Bleistift, doch sie schob beides zur Seite.

»Sie können es sich genausogut selbst notieren, Monsieur. Es bestehen keine orthographischen Schwierigkeiten irgendwel­ cher Art – Natalia Dragomiroff, 17 Avenue Kleber, Paris.«

»Sie reisen von Istanbul heim, Madame?«

»Ja. Ich war Gast der Österreichischen Botschaft. Mein Mäd­ chen begleitet mich.«

»Würden Sie uns bitte schildern, was Sie gestern nach dem Dinner getan haben?«

»Gern. Ich beauftragte den Schlafwagenkondukteur, während des Abendessens mein Bett für die Nacht vorzubereiten, und legte mich nach Tisch sofort hin. Bis gegen elf Uhr las ich und drehte dann das Licht aus. Ich konnte jedoch nicht einschlafen, weil mich mein altes Rheuma plagte. Gegen Viertel vor eins klingelte ich meiner Zofe, die mich massierte und mir vorlas, bis ich schläfrig wurde. Um wieviel Uhr sie mich verließ, ver­ mag ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Es kann eine halbe, aber auch eine ganze Stunde später gewesen sein.«

»Hatte der Zug schon angehalten?«

»Ja, er hielt bereits.«

»Und während der ganzen Zeit vernahmen Sie kein unge­ wöhnliches Geräusch, Madame?«

»Nein.«

»Wie heißt Ihre Zofe?«

»Hildegarde Schmidt.«

»Ist sie vertrauenswürdig?«

»Durchaus. Sie steht seit fünfzehn Jahren in meinen Diensten und stammt aus einem in Deutschland gelegenen Gut meines verstorbenen Mannes.«

»Ich vermute, Sie waren auch in Amerika, Madame?« Bei dem unvermittelten Themenwechsel hob die alte Dame die Brauen.

»Sehr oft sogar.«

»Waren Sie mit einer Familie namens Armstrong bekannt – einer Familie, die ein tragisches Geschick erlitt.«

Mit bewegter Stimme entgegnete die alte Dame: »Sie sprechen von Freunden von mir, Monsieur.«

»Ah, Sie kannten Oberst Armstrong also gut?«

»Ihn kannte ich nur oberflächlich. Doch seine Frau, Sonja Armstrong, war mein Patenkind. Mit ihrer Mutter, der Schau­ spielerin Linda Arden, verband mich eine innige Freundschaft. Linda Arden war ein Genie, eine der größten Tragödinnen der Welt. Als Lady Macbeth, als Magda bleibt sie unerreichbar. Doch ich habe sie nicht nur wegen ihrer Kunst bewundert. Wir waren eng befreundet.«

»Ist sie tot?«

»Nein, nein, sie lebt. Jedoch in größter Zurückgezogenheit. Wegen ihrer angegriffenen Gesundheit muß sie fast immer lie­ gen.«

»Hatte sie nicht noch eine Tochter?«

»Ja. Bedeutend jünger als Mrs. Armstrong.«

»Auch die lebt noch?«

»Gewiß.«

»Wo hält sie sich auf?«

Die alte Dame musterte Poirot mit stechendem Blick.

»Ich bitte, mir den Grund dieser Fragen zu nennen. Was ha­ ben sie mit der vorliegenden Sache – dem Mord in diesem Zug – zu tun?«

»Es besteht eine Verbindung, Madame. Der Ermordete war der Mann, der die kleine Daisy Armstrong entführte und später ermordete.«

»Ah…«

Prinzessin Dragomiroff richtete sich stocksteif auf, und ihre Augenbrauen wurden zu einem einzigen waagrechten Strich.

»Dann ist dieser Mord eine gute Tat!« rief sie. »Ich hoffe, Sie werden meinen etwas subjektiven Standpunkt verzeihen.«

»Madame, ich kann ihn durchaus verstehen«, versicherte Hercule Poirot. »Und jetzt muß ich auf die Frage zurückkom­ men, die Sie noch nicht beantwortet haben: Wo hält sich die jüngere Tochter von Linda Arden, die Schwester von Mrs. Armstrong, auf?«

»Darüber kann ich Ihnen, offen gestanden, keine Auskunft geben, Monsieur. Mit der jüngeren Generation habe ich die Fühlung verloren. Ich glaube, sie heiratete vor einigen Jahren einen Engländer und ging nach England, aber an den Namen ihres Gatten kann ich mich nicht erinnern.«

Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Haben Sie noch Fragen, Gentlemen?«

»Nur eine noch, Madame. Entschuldigen Sie, wenn ich jetzt in einen sehr privaten Bereich eindringen muß. Welche Farbe hat Ihr Kimono?«

»Wenn ich nicht voraussetzte, daß zwingende Gründe für diese Frage vorliegen, würde ich sie nicht beantworten, Monsi­ eur. Er ist aus schwarzem Crêpe Satin.«

»Verbindlichsten Dank für Ihre Bereitwilligkeit, mir so aus­ führlich zu antworten, Madame. Ich habe keine weiteren Fra­ gen.«

Sie machte eine abwehrende Geste mit ihrer schwerberingten Hand. Sie stand auf und die drei Herren mit ihr. Als sie sich zur Tür wenden wollte, hielt sie jedoch plötzlich inne und sah Poi­ rot an.

»Pardon, Monsieur, darf ich mich nach Ihrem Namen erkun­ digen? Irgendwie kommt mir Ihr Gesicht bekannt vor.«

»Poirot, Madame – Hercule Poirot.«

Sie schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Hercule Poi­ rot. Ja, jetzt erinnere ich mich. Das ist Schicksal.« Und dann ging sie, sehr aufrecht, ein wenig steif in ihren Bewegungen.

»Voilà une grande dame«, sagte M. Bouc. »Was halten Sie von ihr, mon vieux?«

Doch Hercule Poirot schüttelte nur den Kopf. »Ich möchte wissen, was sie mit ›Schicksal‹ meinte…«

15

Als nächste wurden Graf und Gräfin Andrenyi gerufen. Doch der Graf betrat den Speisewagen allein. Kein Zweifel – er war eine bestechende Erscheinung. Mindestens eins achtzig groß, breit in den Schultern und schmal in den Hüften. Er trug einen hervorragend geschnittenen englischen Tweedanzug, und man hätte ihn für einen Engländer halten können, hätte er mit dem langen Schnurrbart und den hochangesetzten Wangenknochen nicht doch eher fremdländisch gewirkt.

»Messieurs, womit kann ich Ihnen dienen?«

»Sie werden es begreiflich finden, daß die Ereignisse der ver­ gangenen Nacht mich zwingen, allen Reisenden gewisse Fragen vorzulegen.«

»Durchaus, durchaus. Ich verstehe Ihre Frage völlig und fürchte nur, daß weder meine Frau noch ich Ihnen irgendwie helfen können. Wir haben geschlafen und überhaupt nichts gehört.«

»Sie wissen, Monsieur, wer der Getötete ist?« lautete Hercule Poirots nächste Frage.

»Der ältere Amerikaner – ein Mann übrigens mit sehr absto­ ßendem Gesicht. Er hat seine Mahlzeiten an jenem Tisch dort eingenommen.«

zu dem

Tisch, an dem Ratchett mit seinem Sekretär gesessen hatte.

»Ja, ja, Monsieur. Das ist alles richtig. Ich meinte aber, ob Ih­ nen der Name des Mannes bekannt ist.«

Graf

Andrenyi deutete mit einer Kopfbewegung

»Nein.« Der Graf sah Poirot verwundert an. »Wenn Sie den Namen wissen wollen, brauchen Sie doch nur in seinem Paß nachzusehen«, sagte er.

»Der Paß lautet auf den Namen Ratchett, doch das ist ein fal­ scher Name. In Wirklichkeit hieß der Mann Cassetti und war der Urheber einer spektakulären Kindesentführung in Ameri­ ka.«

Poirot betrachtete den Grafen unter halb gesenkten Lidern hervor sehr genau, aber die Mitteilung schien ihn ziemlich gleichgültig zu lassen. Nur seine Augen weiteten sich ein we­ nig.

»Ah, dieses Amerika ist doch ein unglaubliches Land!« sagte er. »Kennen Sie es aus eigener Anschauung, Monsieur le Com­ te?«

»Ich war ein Jahr in Washington.«

»Dann kennen Sie vielleicht auch die Armstrongs?«

»Armstrong – Armstrong – es ist schwer, alle Namen zu be­ halten. Man lernt als Diplomat zu viele Menschen kennen.« Andrenyi lächelte entschuldigend. »Aber zur Sache, Gentle­ men. Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Wann haben Sie sich gestern abend zurückgezogen, Monsi­ eur le Comte?« Verstohlen betrachtete Poirot seinen Plan. Das ungarische Ehepaar hatte Abteil 12 und 13 belegt.

»Während wir bei Tisch saßen, ließen wir das eine Abteil für die Nacht vorbereiten und setzten uns, als wir zurückkamen, noch ein Weilchen in das andere.«

»In welches?«

»In Nr. 13. Wir spielten eine Partie Piquet. Gegen elf Uhr be­ gab sich meine Frau zur Ruhe, und der Kondukteur machte

dann auch mein Bett. Ich schlief bis zum Morgen fest wie ein Murmeltier.«

»Daß der Zug anhielt, ist Ihnen nicht aufgefallen?«

»Nein. Von unserem unfreiwilligen Aufenthalt merkte ich erst heute morgen etwas.«

»Und Ihre Gattin?«

»Meine Frau nimmt in der Eisenbahn stets ein Schlafmittel. So auch gestern. Trional heißt es, glaube ich.« Und nach einer Pau­ se setzte der Graf bedauernd hinzu: »Tut mir leid, daß ich Ih­ nen nicht helfen kann.«

Hercule Poirot schob ihm einen Bogen und einen Federhalter hin.

»Eine Formsache, Monsieur le Comte – würden Sie bitte Na­ men und Adresse notieren?«

Langsam und sorgfältig kam der Ungar dieser Bitte nach.

»Ist es deutlich genug?« fragte er liebenswürdig. »Die Schreibweise meines Gutes bereitet in der Regel dem mit unse­ rer Sprache nicht Vertrauten ziemliche Schwierigkeiten… übri­ gens erübrigt es sich, meine Frau kommen zu lassen, sie kann Ihnen nicht mehr sagen als ich.«

Ein kleiner Funke sprühte in Poirots Augen auf.

»Zweifellos, zweifellos. Trotzdem wäre mir eine kurze Unter­ haltung mit Madame erwünscht.«

»Ich versichere es Ihnen, es ist unnötig«, wiederholte Andre­ nyi schroff.

Poirot blinzelte ihn freundlich an.

»Es ist eine reine Formalität«, sagte er. »Doch leider unum­ gänglich, weil ich keinen unvollständigen Bericht abliefern kann. Das verstehen Sie doch, Graf?«

»Wie Sie wollen.« Grollend gab der Graf nach, machte eine kurze, kühle Verbeugung und ging hinaus.

Der kleine Belgier griff nach Andrenyis Paß. Unter Namen und Titel des Grafen stand: begleitet von seiner Ehefrau; Tauf­ name: Elena Maria; Mädchenname: Goldenberg; Alter: zwan­ zig. Irgendwann hatte ein nachlässiger Beamter das Dokument mit einem Fettfleck beschmutzt.

»Ein Diplomatenpaß«, mahnte M. Bouc. »Wir müssen vor­ sichtig sein und uns davor hüten, gegen irgendein Gesetz zu verstoßen. Diese Menschen können mit dem Mord nichts zu tun haben. Denken Sie an die diplomatische Immunität.«

»Keine Sorge, mon ami, ich werde den nötigen Takt walten lassen. Eine reine Formsache…« Er unterbrach sich, als Gräfin Andrenyi den Speisewagen betrat – schüchtern und bezau­ bernd.

»Sie wünschen mich zu sprechen, Messieurs?«

»Eine reine Formsache, Madame la Comtesse«, wiederholte Hercule Poirot, indem er sich galant erhob. »Ich möchte Sie nur fragen, ob Sie in der Nacht irgend etwas hörten oder beobach­ ten konnten, das geeignet wäre, Licht in diese mysteriöse Ange­ legenheit zu bringen?«

»Ich habe nichts gehört, Monsieur, denn ich hatte ein Schlaf­ mittel genommen.«

»Ah, ich verstehe. Dann ist Ihnen selbstverständlich auch das Hin und Her im Nebenabteil entgangen. Die amerikanische Dame, die darin reist, bekam einen hysterischen Anfall und klingelte wie wild nach dem Kondukteur. Nun, dann brauche ich Sie nicht länger zu bemühen, Madame.« Und als sie sich von ihrem Sitz erhob, fügte er schnell hinzu: »Ihre Personalien – Mädchenname, Alter und dergleichen – sind doch hier richtig eingetragen?«

»Absolut richtig, Monsieur.«

»Vielleicht bestätigen Sie mir das durch Ihre Unterschrift.«

Mit schnellen Zügen setzte sie schräg ihren Namenszug unter Poirots Notizen: Elena Andrenyi.

»Haben Sie Ihren Gatten seinerzeit nach Amerika begleitet, Madame?«

»Nein, Monsieur.« Sie lächelte, errötete ein wenig. »Damals waren wir noch nicht verheiratet; unsere Hochzeit fand erst vor einem Jahr statt.«

»Ah, dann freilich… Raucht Ihr Gatte übrigens, Madame?«

Schon im Gehen begriffen, sah sie Poirot erstaunt an.

»Ja.«

»Pfeife?«

»Nein, Zigaretten und Zigarren.«

»Danke, Madame.«

Sie zögerte, musterte Poirot mit unverkennbarer Neugier. Ihre Augen waren sehr schön, dunkel, mandelförmig, mit langen schwarzen Wimpern, die die marmorblassen Wangen streiften. Ihre Lippen, leuchtend rot geschminkt, wie es gerade Mode war, waren leicht geöffnet. Die junge Frau sah exotisch aus und bildschön.

»Warum fragen Sie danach, Monsieur?«

»Madame« – Poirot schnippte leicht mit den Fingern –, »De­ tektive stellen oft die absonderlichsten Fragen. Zum Beispiel interessiert mich sogar die Farbe Ihres Morgengewandes.«

»Es ist weizengelb«, gab sie lachend zurück. »Haben Sie denn nichts Wichtigeres zu fragen?«

»Mir scheint es wichtig genug, Madame.«

»Sind Sie wirklich Detektiv?« forschte sie plötzlich.

»Zu Befehl, Madame.«

»Ich dachte, während der Durchfahrt durch Jugoslawien be­ fänden sich keine Polizeibeamten im Zug. Erst wieder in Ita­ lien.«

»Ich bin kein jugoslawischer, sondern ein internationaler De­ tektiv.«

»Gehören Sie der League of Nations an?«

»Ich gehöre der Welt an, Madame«, versetzte Hercule Poirot mit Pathos. »In der Hauptsache arbeite ich in London. Sprechen Sie Englisch?« fügte er in dieser Sprache hinzu.

»Ein bißchen spreche ich es.« Ihr Akzent war reizend.

Poirot verneigte sich.

»Wir wollen Sie nicht länger aufhalten, Madame.«

Lächelnd wandte sie sich dem Ausgang zu.

»Quelle femme!« begeisterte sich M. Bouc. »Ravissante! Aber geholfen hat sie uns nicht.«

»Nein. Ein Ehepaar, das nichts sah und nichts hörte.«

»Wollen wir uns jetzt den Italiener vornehmen?«

Hercule Poirot ließ eine beträchtliche Weile verstreichen, ehe er antwortete. Er betrachtete interessiert den Fettfleck im unga­ rischen Diplomatenpaß.

16

Schließlich schien er sich fast gewaltsam davon losreißen zu müssen. Als er aufsah, begegnete er dem drängenden Blick von M. Bouc und zwinkerte vergnügt.

»Ah, mein lieber, teurer Freund, ich bin auf meine alten Tage ein Snob geworden. Meiner Meinung nach sollte man die erste Klasse vor der zweiten erledigen. Nein, jetzt möchte ich mit dem schneidigen Oberst Arbuthnot sprechen.«

Da er das Französisch des englischen Offiziers ziemlich kläg­ lich fand, führte Poirot das Verhör in englischer Sprache. Und nachdem Name, Alter, heimatliche Adresse und genauer mili­ tärischer Rang ermittelt worden waren, hieß die nächste Frage:

»Sie kommen auf Urlaub von Indien – wie wir es nennen, en permission?«

Oberst Arbuthnot, den es nicht im mindesten interessierte, wie ein hergelaufener Ausländer irgend etwas nannte, erwider­ te mit echt britischer Kürze: »Ja.«

»Aber Sie reisen nicht wie die anderen Offiziere aus Indien mit einem Dampfer der ›Peninsular and Oriental Navigation Company‹ nach England?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich habe den Landweg aus Gründen gewählt, die nur mich etwas angehen.« Und das mag dir genügen, du unverschämter kleiner Naseweis, besagten Arbuthnots Haltung und Gebärde. Doch der Naseweis ließ nicht locker.

»Sind Sie von Indien direkt durchgefahren?«

»Ich habe die Reise einen Tag unterbrochen, um Ur in Chal­ däa zu sehen, und gönnte mir einen dreitägigen Aufenthalt in Bagdad.«

»Ach, in Bagdad. Soviel ich weiß, kommt auch die junge Miss Debenham aus Bagdad. Haben Sie sie vielleicht schon dort kennengelernt?«

»Nein. Ich lernte Miss Debenham erst im Zug von Kirkuk nach Nissibin kennen. Wir saßen im selben Waggon.«

Poirot beugte sich vor. Er versuchte es nun mit einschmei­ chelnder Überredungskunst und wurde mehr Ausländer als nötig.

»Monsieur, ich flehe Sie an! Sie und Miss Debenham sind die beiden einzigen britischen Reisenden im Zug. Ich kann nicht umhin, ich muß jeden von Ihnen fragen, was für ein Urteil er sich über den anderen gebildet hat.«

»Das ist höchst regelwidrig«, entgegnete Arbuthnot kalt.

»Nein, nein. Sehen Sie, diesen Mord hat aller Wahrscheinlich­ keit nach eine Frau begangen. Der Tote weist zwölf Stichwun­ den auf. Sogar der Zugführer sagte sofort: ›Es ist eine Frau ge­ wesen.‹ Worin besteht also meine erste Aufgabe? Mir über sämtliche weiblichen Passagiere ein Bild zu machen. Doch nichts ist schwerer, als eine Engländerin zu beurteilen. Sie sind sehr reserviert, die englischen Damen. Und deshalb flehe ich Sie an, Monsieur – im Namen der Justiz. Was für ein Mensch ist diese Miss Debenham? Was wissen Sie von ihr?«

versicherte Oberst Ar­

buthnot warm.

»Ah…!« seufzte Poirot mit allen Anzeichen tiefster Dankbar­ keit. »Sie meinen also, sie sei nicht in das Verbrechen verwi­ ckelt?«

»Miss

Debenham

ist

eine

Lady«,

»Unsinn! Der Mann war ihr völlig fremd – sie hatte ihn nie zuvor gesehen.«

»Hat sie Ihnen das gesagt?«

»Ja. Als sie eine Bemerkung über seine nicht sehr angenehme Erscheinung fallenließ. Wenn eine Frau ihre Hand im Spiel hat, wie Sie glauben, so kann ich Ihnen versichern, daß Miss De­ benham diese Frau nicht ist.«

»Wie warm Sie sich für sie einsetzen«, meinte Poirot mit ei­ nem Lächeln.

Oberst Arbuthnot maß ihn mit eisigen Blicken. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«

Poirot schien verlegen. Er senkte den Kopf und begann, die Papiere zu ordnen, die vor ihm lagen.

»Das war nur eine beiläufige Bemerkung«, sagte er. »Spre­ chen wir lieber über Tatsachen. Wir dürfen mit Recht anneh­ men, daß das Verbrechen um ein Viertel nach eins verübt wur­ de, und die üblichen Untersuchungsmethoden erfordern, daß man jede Person fragt, was sie um diese Zeit getan hat.«

»Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Meines Wissens un­ terhielt ich mich zur fraglichen Stunde mit dem jungen Ameri­ kaner, dem Sekretär des Toten.«

»War er in Ihrem Abteil? Oder waren Sie in seinem?«

»Ich war bei ihm.«

»Ist er ein Freund oder alter Bekannter von Ihnen?«

»Ganz und gar nicht. Rein zufällig entwickelte sich zwischen uns beiden eine Unterhaltung. Im allgemeinen mag ich die A­ merikaner nicht – weiß nichts mit ihnen anzufangen…«

Mit geheimem Vergnügen erinnerte sich Poirot an Mac- Queens Urteil über die Briten. »Aber dieser junge Mann gefällt mir«, fuhr der Oberst fort. »Irgendwer hat ihm alberne, idioti­

sche Ideen über die Lage in Indien in den Kopf gesetzt – das ist das Schlimmste bei den Amerikanern. Sie sind so sentimental und idealistisch. Nun, was ich ihm dank meiner beinahe drei­ ßigjährigen Kenntnis des Landes erzählte, fesselte ihn sehr. Als Gegenleistung berichtete er mir über die finanziellen Verhält­ nisse Amerikas. Dann berührten wir die Weltpolitik im allge­ meinen, so daß ich schließlich ganz überrascht war, als meine Uhr plötzlich Viertel vor zwei anzeigte.«

»Um diese Zeit brachen Sie die Unterhaltung ab?«

»Ja.«

»Was haben Sie dann getan?«

»Ich ging in mein Abteil.«

»Ihr Bett war schon aufgeschlagen?«

»Ja. der Schaffner war inzwischen dagewesen.«

»Das ist nach meinem Plan Abteil Nr. 15, das vorletzte, vom Speisewagen aus gerechnet.«

»Ja.«

»Wo war der Kondukteur, als Sie durch den Korridor gin­ gen?«

»Er saß ganz am Ende des. Ganges an seinem winzigen Tisch. Das heilst, MacQueen rief ihn dann, damit er ihm das Bett machte.«

»Nun bitte ich Sie, genau zu überlegen, Oberst Arbuthnot: Ist, während Sie sich mit MacQueen unterhielten, jemand an sei­ nem Abteil vorübergegangen?«

»Vermutlich eine ganze Menge Leute. Ich achtete nicht dar­ auf.«

»Mir kommt es nur auf die letzten anderthalb Stunden Ihres Gesprächs an. Sie sind in Vincovci ausgestiegen, nicht wahr?«

»Ja. Doch nur ganz kurz. Sie haben keine Ahnung, wie der Schneesturm wütete. Die Kälte war unerträglich. Man war froh, wenn man wieder unter Dach und Fach war, obwohl ich es skandalös finde, wie überheizt diese Züge sind.«

M. Bouc seufzte.

»Es ist schwer, es aller Welt recht zu machen«, klagte er. »Da sind die Engländer, die alle Fenster aufreißen, und wiederum die anderen, die alles hermetisch verschlossen haben wollen.«

Weder Poirot noch Oberst Arbuthnot achteten auf ihn.

»Also, es war bitter kalt draußen«, sagte Poirot aufmunternd. »Und nun sind Sie wieder im Zug. Sie setzen sich gemütlich hin – rauchen – vielleicht eine Zigarette, vielleicht ein Pfeifchen…« Er unterbrach sich für den Bruchteil einer Sekunde, und schon fiel der andere ein:

»Eine Pfeife für mich. MacQueen rauchte Zigaretten.«

»Dann fährt der Zug weiter. Sie rauchen Ihre Pfeife, Sie erör­ tern dabei die klägliche Lage Europas, die Weltlage. Unterdes ist es spät geworden. Die anderen Reisenden liegen schon im Bett. Ging nun irgendwer an der Tür vorüber – denken Sie bitte nach!«

Arbuthnot furchte grübelnd die Stirn.

»Verdammt schwierig! Verstehen Sie doch, ich hab einfach nicht darauf geachtet.«

»Aber Sie haben den geschulten Blick des Soldaten für Ein­ zelheiten. Sie beobachten sozusagen, ohne zu beobachten.«

Wieder überlegte der Oberst angestrengt und schüttelte dann den Kopf.

»Ich erinnere mich wirklich nicht, daß außer dem Kondukteur jemand vorüberging. Oder… Halt! War da nicht eine Frau?«

»Haben Sie sie gesehen? Ja? War sie alt – jung?«

»Gesehen hab ich sie nicht. Ich muß gerade zum Fenster ge­ schaut haben. Aber da war ein Rascheln von Frauenkleidern und Parfümgeruch…«

»Parfüm? Gutes Parfüm?«

»Ein obstartiges, möchte ich sagen, obgleich ich nicht weiß, ob das Wort dem Begriff ganz gerecht wird. Ich meine, Sie hätten es schon auf hundert Meter Entfernung gerochen. Doch weiß der Kuckuck«, setzte der Oberst hastig hinzu, »möglicherweise ist das schon viel früher am Abend gewesen. Sehen Sie – da haben Sie Ihre Beobachtungen, ohne zu beobachten… Irgend- wann im Laufe des Abends sagte ich zu mir: eine Frau… Par­ füm… Ziemlich aufdringlich. Aber wann? Wann? Doch es muß unbedingt noch Vincovci gewesen sein, fällt mir jetzt ein.«

»Warum?«

»Weil ich mich jetzt dunkel erinnere, daß wir über das Fiasko sprachen, zu dem sich der Stalinsche Fünfjahresplan entwickelt. Der Gedanke ›Frau‹ brachte mich auf das Thema ›Stellung der russischen Frau‹. Und ich weiß, daß wir bei Rußland erst so ziemlich am Ende unserer Unterhaltung anlangten.«

»Eine genauere Zeitangabe können Sie nicht machen?«

»N-nein. Es muß irgendwann in der letzten halben Stunde gewesen sein.«

»Stand der Zug bereits?«

»Ja. Das glaube ich mit Bestimmtheit sagen zu können.«

»Das muß genügen. Waren Sie je in Amerika, Oberst Ar­ buthnot?«

»Nie. Es lockt mich auch nicht.«

»Haben Sie einen Oberst Armstrong gekannt?«

»Armstrong? Ich habe zwei oder drei Armstrongs gekannt. Tommy Armstrong vom 60. Regiment – meinen Sie den? Und Selby Armstrong – er ist an der Somme gefallen.«

»Ich meine den Oberst Armstrong, der eine Amerikanerin heiratete und dessen Kind entführt und getötet wurde.«

»Ach ja, ich erinnere mich. Eine schockierende Angelegenheit. Nein, dieser Armstrong ist mir nie über den Weg gelaufen, wenngleich ich ihn vom Hörensagen kannte. Toby Armstrong.

Prächtiger Mensch, behauptete man allgemein. Sehr beliebt. Hatte eine glänzende Karriere gemacht. Hatte das Victoria- Kreuz.«

»Der Mann, der vergangene Nacht hier im Zug getötet wurde, hatte Oberst Armstrongs Kind auf dem Gewissen.«

»Dann ist ihm heute nacht recht geschehen«, sagte Oberst Ar­ buthnot. »Obwohl ich vorgezogen hätte, ihn am Galgen oder – das ist in Amerika wohl gebräuchlicher – auf dem elektrischen Stuhl enden zu sehen.«

»Demnach ziehen Sie Gesetz und Ordnung der privaten Ra­ che vor?«

»Nun, man kann doch nicht Blutrache üben und sich gegen­ seitig erstechen wie die Korsen oder die Mafia. Sie mögen sa­ gen, was Sie wollen – die Verurteilung durch ein Gericht ist ein gesundes System.«

Nachdenklich musterte Hercule Poirot das kantige, energi­ sche Gesicht des Briten.

»Ja, Oberst Arbuthnot, einen anderen Standpunkt hätte ich von Ihnen auch nicht erwartet. Ich glaube, ich habe keine Fra­ gen mehr an Sie. Oder fällt Ihnen noch irgend etwas ein, das Ihnen vergangene Nacht verdächtig vorkam oder nachträglich verdächtig vorkommt?«

Arbuthnot dachte ein paar Minuten nach.

»Nein. Das heißt, wenn nicht…« Er zögerte.

»Bitte sprechen Sie weiter«, drängte Poirot.

»Oh, ich denke, es hat keinerlei Bedeutung. Als ich in mein Abteil zurückkehrte, bemerkte ich, daß die Tür des allerletzten Abteils nicht ganz geschlossen war und der Insasse scheu und verstohlen heraussah. Und dann drückte er schleunigst die Tür wieder zu. Gewiß, es ist nichts dabei, wenn man den Kopf zur Tür hinausstreckt, doch diese verstohlene Art berührte mich sonderbar.«

»Wenn Sie das ›allerletzte‹ Abteil sagen, meinen Sie wohl Nr.

16?«

Oberst Arbuthnot nickte. »Ich hab Ihnen ja gesagt, es ist nichts Weltbewegendes«, meinte er, fast als wolle er sich entschuldi­ gen. »Aber Sie wissen ja, wie das ist – zwei Uhr morgens, alles totenstill. Irgendwie wirkte die Sache unheimlich. Wie in einem Kriminalroman. Aber das ist natürlich Unsinn.«

Er stand auf. »Wenn Sie mich jetzt nicht mehr brauchen…«

»Danke, Oberst Arbuthnot. Es ist alles erledigt.«

Trotzdem zögerte der Offizier. Seine erste, natürliche Abnei­ gung, sich von »Ausländern« aushorchen zu lassen, hatte sich verflüchtigt.

»Hinsichtlich Miss Debenham«, begann er linkisch und brach ab, um einen neuen Satz zu bilden. »Ich bürge für ihre Lauter­ keit. Sie ist eine pukka sahib.«

Arbuthnot errötete leicht und wandte sich hastig zur Tür.

»Was ist das – eine pukka sahib?« fragte Constantine.

»Es bedeutet, daß Miss Debenhams Vater und Brüder ebenso vornehme Schulen besucht haben wie Arbuthnot.«

dem

Verbrechen hat es nichts zu tun?«

»Nichts«, antwortete Poirot und versank in tiefe Nachdenk­ lichkeit. Ungeduldig trommelte er dazu mit den Fingern auf die Tischplatte. Plötzlich blickte er auf. »Oberst Arbuthnot raucht Pfeife, und Mr. Ratchett rauchte nur Zigarren. Dennoch wurde in seinem Abteil ein Pfeifenreiniger gefunden.«

»Weiter

nichts?«

meinte

der

Arzt

enttäuscht.

»Mit

»Wie? Sie meinen…«

»Daß Arbuthnot vorläufig der einzige Reisende ist, der sich dazu bekannt hat, Pfeife zu rauchen. Und er hatte von Oberst Armstrong gehört – vielleicht hat er ihn, obwohl er es abstreitet, sogar persönlich gekannt.«

»Sie denken also, es sei möglich…«

Heftig wehrte Hercule Poirot mit beiden Händen ab. »Nein, alles in mir sträubt sich dagegen – nein, es ist unmöglich, ganz unmöglich, daß ein ehrenhafter, leicht beschränkter, aufrechter Engländer auf einen Feind zwölfmal mit dem Messer einsticht. Spüren Sie nicht selbst, meine Freunde, wie unmöglich das ist?«

»Jetzt reiten Sie wieder Ihr Steckenpferd – die Psychologie«, sagte M. Bouc lächelnd.

»Die Psychologie, mon ami, muß man respektieren. Dieses Verbrechen trägt einen Stempel und ganz gewiß nicht den von Oberst Arbuthnot. Doch nun zum nächsten Verhör!«

Diesmal schlug M. Bouc nicht den Italiener vor, obwohl sich seine Gedanken nach wie vor mit ihm beschäftigten.