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FOTOS: ERIC GARAULT / DER SPIEGEL (U.); ARNE WEYCHARDT / DER SPIEGEL (O.)

/ DER SPIEGEL (U.); ARNE WEYCHARDT / DER SPIEGEL (O.) Das deutsche Nachrichten-Magazin Das deutsche

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung

Betr.: Chefredaktion, AfD, Titel

Harms, Brinkbäumer
Harms, Brinkbäumer

S eit dieser Woche stehen SPIEGEL

und SPIEGEL ONLINE unter

neuer Führung. Klaus Brinkbäumer, 47, ist Chefredakteur des Magazins, und Florian Harms, 41, hat die Lei- tung der Online-Redaktion über- nommen. Sie folgen damit auf Wolf- gang Büchner, der bis Ende ver- gangenen Jahres beide Funktionen

innehatte. SPIEGEL und SPIEGEL

ONLINE gehören zusammen, sind aber nicht das Gleiche. Beide ver- ändern sich, und Wolfgang Büchner, der in einer wichtigen Phase dieser

Veränderungen Impulse setzte, ge- bührt Dank. Es war, zugegeben, ein langer, langsamer Führungswechsel, doch die Zeit, in der unser Haus nicht nur Quelle der Berichterstattung, sondern bisweilen auch Gegenstand derselben war, soll nun vorbei sein. Klaus Brinkbäumers Karriere beim SPIEGEL begann bereits 1993, er war Redak- teur für die Ressorts Sport, Deutschland, Ausland und Gesellschaft und berichtete als Korrespondent aus den USA und als Reporter von vielen Krisenherden der Welt. 2011 wurde er zunächst Textchef und dann stellvertretender Chefredakteur des SPIEGEL. Florian Harms stieß 2004 zu SPIEGEL ONLINE, leitete später die Entwicklung des Zeitgeschichte-Portals einestages, war Chef vom Dienst und wurde 2011 stellvertretender Chefredakteur des Nachrichten-Portals. Gemeinsam werden Harms und Brinkbäumer, der nun auch als SPIEGEL-ONLINE-Herausgeber zeichnet, dafür kämpfen, dass der SPIEGEL in Zeiten des medialen Struktur- wandels das bleibt, was er ist: investigativer Taktgeber der politischen Debatte.

B ernd Lucke, Bundessprecher der Alternative für Deutschland, galt stets als seriöses Gesicht der Partei. Doch wie geschickt der Professor für Volkswirt-

schaftslehre von Anfang an auch die Tricks politischer PR beherrschte und wie gezielt er um Wählerstimmen am rechten Rand warb, das entdeckten die Re- dakteure Melanie Amann und René Pfister nun bei ihrer Recherche im Innen- leben der AfD. Sie werteten ein Konvolut von Tausenden Mails aus, die zeigen, „wie Lucke erst die Rechten in seiner Partei stärkte und dann zunehmend von ihnen marginalisiert wurde“, sagt Amann. „Jetzt könnte Lucke von seinen eigenen Vorstandskollegen entmachtet werden.“ Seite 16

E

in

Team

von

SPIEGEL

und

Rohr (3. v. l.), SPIEGEL-Team in Paris
Rohr (3. v. l.), SPIEGEL-Team in Paris

SPIEGEL ONLINE begab sich für

die Titelgeschichte auf die Spuren der Pariser Attentäter. Die Kolleginnen und Kollegen haben die Geschichten der Urheber dieser Anschläge er- forscht: Sie haben mit Jugend- gefährten im ländlichen Frankreich gesprochen; die tristen Sozialsied- lungen in und um Paris besucht, in

denen die Täter lebten; Verhör- protokolle und Gerichtsakten studiert; Sozialarbeiter und Anwälte interviewt. Redakteur Mathieu von Rohr fügte das Charakterbild dreier wütender junger Männer zusammen, deren Weg in den dschihadistischen Abgrund weder un- vermeidlich noch vorgezeichnet war. Seite 76

FOTOS V.L.N.R.: ROLF ZOELLNER / EPD / IMAGO; STEFAN THOMAS KRÖGER / LAIF; PHOTO COURTESY OF THE GUARDIAN / DPA; THOMAS MEYER / OSTKREUZ; DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL; JOE KLAMAR / AFP

Wut auf den Westen Frankreich Die Anschläge von Paris zielten auf Europas Werte – und
Wut auf den Westen
Frankreich Die Anschläge von
Paris zielten auf Europas Werte –
und sie werfen grundlegende
Fragen auf. Autoren, Religions-
und Terrorexperten debattieren
auf 29 Seiten über das Verhältnis
von Islam und Terror, den Frei-
heitsbegriff des Westens und die
Ursachen für den Dschihad-Kult.
Ein SPIEGEL-Team rekonstruierte
zudem anhand von Dokumenten
und Dutzenden Zeugen den Weg
der drei Attentäter von unauf-
fälligen Jugendlichen zu brutalen
Mördern. Seiten 76 bis 96 und
126 bis 132

Gefährliches

Verlangen

Kinderpornografie Eines frü-

hen Morgens steht die Polizei vor dem Haus der Familie K. – Sohn Johann hat im Netz nach Kinderpornos gesucht, monate- lang. Im Rahmen eines neuen Therapiekonzepts muss der 14-Jährige nun lernen, sein Ver- langen zu kontrollieren. Die frühe Intervention hat ein Ziel:

dass Johann niemals übergriffig

wird. Seite 46

ein Ziel: dass Johann niemals übergriffig wird. Seite 46 Höllenritt Ski alpin Vor den Steilhängen und
ein Ziel: dass Johann niemals übergriffig wird. Seite 46 Höllenritt Ski alpin Vor den Steilhängen und

Höllenritt

Ski alpin Vor den Steilhängen und Sprüngen der Streif in Kitzbühel, der berühmtesten Abfahrtsstrecke der Welt, ha- ben selbst die besten Skiprofis Respekt. Um den Mythos vom Höllenritt zu beleben, wurden für das Jubiläumsrennen am kommenden Wochenende einige Passagen der Piste ver- schärft. Geht das Spektakel am Ende auf Kosten der Gla- diatoren? Seite 110

auf Kosten der Gla- diatoren? S e i t e 1 1 0 Die essgestörte Republik

Die essgestörte Republik

Konsum Laktosefrei, glutenfrei, zuckerfrei: Für viele Menschen ist Essen inzwischen eine Art Ersatzreligion. Sie sind wie besessen davon, sich richtig zu ernähren. Das gestörte Verhält- nis zur Ernährung ist auch die Folge einer hysterischen Politik, die den Verbrauchern bei jedem Bissen ein schlechtes Gewissen macht. Seite 32

Titel

76

Frankreich Wie aus drei jungen Männern die Terroristen von Paris wurden – die Geschichte einer Radikalisierung

86

Dschihadisten Die Sorge der Behörden vor einem Anschlag in Dresden oder Berlin

90

Terrorismus Der Islam-Experte Olivier Roy erklärt im SPIEGEL-Gespräch, warum der Dschihadismus kein religiöses Phänomen ist, sondern Folge der Gewaltkultur

94

Essay Freiheit muss nerven

96

Legenden Der ermordete Zeichner Jean Cabut und sein Erbe – eine Chronik Frankreichs

Deutschland

10

Leitartikel Warum wir das Verhältnis von Staat und Religion neu ordnen sollten

12

Merkel wegen Islam-Äußerung unter Druck / Bildungsforscher kritisieren Schultests / Mexikos Mafia mit deutschen Gewehren / Kolumne: Im Zweifel links

16

Parteien Interne Mails belegen, wie AfD- Chef Bernd Lucke am rechten Rand fischte

24

Finanzen Im SPIEGEL-Gespräch erläutert Minister Wolfgang Schäuble, warum der griechische Wahlkampf die deutsche Politik berührt

27

Symbole Angela Merkels Kampf gegen unerwünschte Umarmungen anderer Regierungschefs

28

Überwachung Der US-Geheimdienst NSA bereitet sich auf den digitalen Krieg vor

32

Konsum Wie überengagierte Politiker den Bürgern Gesundheitsprobleme einreden

36

Islam Deutsche Muslime fürchten eine neue Welle rassistischer Vorurteile

39

Ermittler Privatagent Werner Mauss gibt keine Ruhe

40

Bundeswehr Interne Dokumente offen- baren gravierende Mängel deutscher Hightech-U-Boote

Gesellschaft

44

Sechserpack: Stürmische Zeiten / Der Mann, der 84811583 Verwandte hat

45

Eine Meldung und ihre Geschichte

Gerichtsstreit um einen Flug ins All

46

Kinderpornografie An der Berliner Charité lernt ein 14-Jähriger, mit seinen sexuellen Fantasien umzugehen

50

Homestory Warum ich Pegida gern ignorieren würde

Wirtschaft

52

Sinkender Ölpreis entlastet Schäuble / RWE kann Dea nur teilweise verkaufen / Nach Ostern drohen neue Lufthansa-Streiks

54

Geldpolitik EZB-Präsident Mario Draghi stößt mit seinen Plänen auf wachsenden Widerstand

56

Interview Der niederländische Notenbank- chef Klaas Knot fordert Kompromisse im Streit um Anleihekäufe

59

Arbeitsmarkt Deutschland benötigt ein Einwanderungsgesetz

60

Strukturwandel Erlebt Detroit dank junger Unternehmer ein erstaunliches Comeback?

64

Finanzkonzerne Deutsche Bank setzt Mitar- beiter unter Druck, Missstände zu melden

66

Affären Anklage im Fall Porsche enthüllt das geheime Rekordgehalt des damaligen Chefs Wendelin Wiedeking

Medien

69

Phoenix schreibt Verluste / Grönemeyer gewinnt gegen „Bild“

70

Idole YouTube macht Menschen von nebenan zu Stars, zum Beispiel „Bibi“

Ausland

74

Uganda liefert Milizenkommandeur an Internationalen Strafgerichtshof aus / Verfahren gegen „Zeit“-Mitarbeiterin in China

102

Guantanamo Das Tagebuch des Gefangenen Mohamedou Ould Slahi schildert Folter und schockierende Zustände in dem US-Lager

107

Global Village Ein argentinischer Anwalt klagt für das Recht eines Orang-Utans auf ein besseres Leben

Sport

109

Der britische Fotograf Jonathan Griffith riskiert für Bilder von Extremkletterern sein Leben / Die schwierige Jobsuche des Fußballprofis Ched Evans

110

Ski alpin Spektakel oder Wahnsinn? Das Abfahrtsrennen auf der Streif in Kitzbühel

113

Kolumne Alexander Osang trauert den Zeiten des großkotzigen FC Bayern nach

Wissenschaft

114

Flugüberwachung aus dem All / Patientenbeobachtung via App / Gen macht (manchmal) fett

116

Biotechnik Der Harvard-Genetiker George Church will ein Mammut aus einem Elefanten machen

120

Geschichte War der römische Philosoph Seneca ein eitler Intrigant und Opportunist?

122

Ebola Langsam weicht die Seuche – und stürzt Impfstoffforscher in Probleme

123

Klima Der Ozeanograf Mojib Latif über das Wärmerekordjahr 2014

Kultur

124

Die Biografie eines Wohnzimmers – spektakuläre Graphic Novel des US-Ame- rikaners Richard McGuire / Bilder der Flucht – die jüdische Fotografin Lore Krüger dokumentierte das Leben im Exil / Kolumne: Mein Leben als Frau

126

Terror Links gegen rechts – Frankreichs Schriftsteller Yannick Haenel und Michel Houellebecq

130

Migranten Der Pariser Kurator Simon Njami über Frankreichs Versagen

132

Religion Ahmad Mansour über den Islam und den Terror

136

Kino Alan Turing, Mathematiker und Enigma-Entschlüssler, als Held des oscar- nominierten Spielfilms „The Imitation Game“

138

Lyrik Das „Abendlied“ für alle Ewigkeit

140

Filmkritik Jessica Chastain in der Strindberg-Verfilmung „Fräulein Julie“

6 Briefe

 

129

Bestseller

142

Impressum

Wegweiser für

Informanten:

143

Nachrufe

144

Personalien

www.spiegel.de/

146

Hohlspiegel/Rückspiegel

briefkasten

In diesem Heft

Hohlspiegel/Rückspiegel briefkasten In diesem Heft Bernd Lucke, Parteichef der AfD, hat von Anfang an um

Bernd Lucke,

Parteichef der AfD, hat von Anfang an um Stimmen vom rechten Rand geworben. Dies belegen interne Mails aus der Führungsspitze der Anti- Euro-Partei. Jetzt könnte ihm dieser Kurs zum Verhängnis werden. Seite 16

könnte ihm dieser Kurs zum Verhängnis werden. Seite 16 Bianca Heinicke, genannt „Bibi“, ist der größ-

Bianca Heinicke,

genannt „Bibi“, ist der größ- te weibliche YouTube- Star Deutschlands. Auf der Videoplattform stellt sie ihren Alltag zur Schau – und wird dafür von Teenagern verehrt. Seite 70

Schau – und wird dafür von Teenagern verehrt. Seite 70 Edward Snowden, der NSA-Whistleblower, warnt davor,

Edward Snowden,

der NSA-Whistleblower, warnt davor, dass Geheim- dienste sich auf digitale Krie- ge im Internet vorbereiten. Seine Dokumente zeigen, wie jeder Internetnutzer zwi- schen die Fronten der Spione geraten kann. Seite 28

Briefe „Eines der größten und am schwersten erkämpften Rechte des Menschen ist der Witz, die

Briefe

„Eines der größten und am schwersten erkämpften Rechte des Menschen ist der Witz, die Freiheit, sich über was auch immer lustig machen zu können.“

Andreas Kurz, Gräfelfing (Bayern)

Lacht sie in Grund und Boden

Nr. 3/2015 „Charlie Hebdo“ – Anschlag auf die Freiheit

Mit den Anschlägen sind nicht nur welt- weit geltende Ideale von Meinungs-, Ge- danken-, Kunst- und Pressefreiheit ange- griffen worden. Sondern die Freiheit aller Andersdenkenden ist bedroht: jeder, der sich ein eigenes Bild machen, verkrustete Denk- und Handlungsmuster aufheben, dumpfe Religiosität und stumpfes Nach- beten vorgefasster Meinungen, Intoleranz, Fanatismus, Faschismus, Dogmatismus, Verblendung und gesellschaftspolitische Unterdrückung verhindern will. Davon wird mich bis ans Ende meiner Tage kein durchgeknallter Dschihadist abbringen.

Dr. Thomas G. Schätzler, Dortmund

Die offizielle deutsche leidenschaftliche Verteidigung von Meinungs- und Kunst- freiheit birgt eine Menge Scheinheiligkeit und Heuchelei. Die deftigen Karikaturen, die „Charlie Hebdo“ über die katholische Kirche veröffentlicht hat, könnten hier nie- mals erscheinen. Bevor ein empörter Auf- schrei von katholischer Kirche, CDU und CSU sie begleiten könnte, würde schon die Schere im Kopf der Journalisten eine Veröffentlichung verhindern.

Ulrich Lindemann, Georgsmarienhütte (Nieders.)

Lacht! Lacht sie in Grund und Boden mit Witzen und Karikaturen. Lacht mehr denn je! Lacht über Islamisten und andere Ver- bohrte. Gegen diese Waffen sind ihre Ka- laschnikows und ihre Intoleranz machtlos. Wir sind stärker. Diese Weltverschlechte- rer und Fanatiker haben keine Macht über uns, und sie werden sie niemals haben. Das sind wir den Freunden von „Charlie Hebdo“ und Opfern von Paris schuldig.

Joachim Sterz, Hardheim (Bad.-Württ.)

Erschreckend ist nicht nur das in Paris an- gerichtete Blutbad, sondern die Ignoranz derer, die das Verbrechen statt als Symp- tom eines fehlgeleiteten Glaubens als ei- nen von Verrückten verursachten Betriebs- unfall betrachten. Natürlich distanziert sich die Mehrheit der Muslime in Europa von den Taten, weil sie bis zu einem ge- wissen Grad säkularisiert und kulturell an- gepasst ist. Aber es genügt eine Handvoll Fanatiker, um Unheil zu stiften und den bereits im „heiligen“ Buch der Muslime angelegten Kulturkampf anzufachen. Ohne Koran kein Islamismus so wie ohne Neues Testament kein Evangelikalismus.

Prof. Dr. Hartmut Heuermann, Braunschweig

Nach der Ermordung der französischen Sa- tiriker sagten alle befragten Muslime ein- stimmig vor den TV-Kameras, dass es sich bei den Attentätern nicht um wahre Mus- lime handeln könne, da ein Angehöriger dieser Religion niemals so etwas tun wür- de. Deshalb eine simple Frage: In welchem islamischen Land könnte jemand die „Charlie Hebdo“-Karikaturen veröffent- lichen, ohne umgebracht zu werden?

Fritz Grübl, München

Es müssen Strategien der Verhinderung her. Kein Muslim wird als Terrorist und Gewalttäter geboren. Der Heranwachsen- de wird beeinflusst und gebildet durch vie- le Umstände. Neben der Schule sind es die religiösen Gemeinschaften, in die er hinein- wächst und deren Gedankengut er an- nimmt. Hier muss die Politik ansetzen:

Nehmt die Imame, die Ulama, die Hod- schas, die den Islam vermitteln, mit ins Boot. Sie haben noch den meisten Einfluss auf junge Muslime. Hassprediger dürfen in den Moscheen junge Gläubige nicht der- art indoktrinieren, dass diese glauben, Ge- waltanwendung sei legitim.

Philipp Mainz, Mönchengladbach

Wer anderen Menschen Wertschätzung entgegenbringt, wird auch respektvoll kri- tisieren. Werden einzelne Menschen oder gar ganze Gruppen pauschal beleidigt, dif- famiert und Gefühle absichtlich verletzt, weist das auf Verachtung hin. Das gilt na- türlich auch für Satire. Dies zu ignorieren entspringt entweder Dummheit oder Ar- roganz. Mein uneingeschränktes Mitgefühl für die Opfer der Mordanschläge. Ich bin entsetzt, aber ich bin nicht Charlie.

Dr. Thomas Wetzel, Weilburg (Hessen)

Für die kurze zur Verfügung stehende Zeit ist Ihnen eine journalistische Glanzleistung gelungen. Gratulation.

Stefan Sethe, Erfurt

Die Redaktion mit „Je suis Charlie“-Pla- katen abzubilden ist zu wenig für ein ehe- maliges „Sturmgeschütz der Demokratie“.

Andreas Leo Kramer, Hamburg

Der Duktus der Verurteilung dieses Ter- roranschlags durch die wichtige Autorität sunnitischer Glaubensrichtung, al-Azhar nämlich, kam nicht überzeugend genug rü- ber: Es ist viel zu wenig, diesen Akt als kriminell zu bezeichnen, um dann zu kon- statieren, dass der Islam jede Art von Ge- walt verurteile. Man spürt bei diesen an-

gepassten Islamgelehrten die Angst vor der eigenen Courage. Es genügt doch nicht, die Attentäter als Personen zu bezeichnen, die den Prinzipien des Islam zuwiderhan- deln. Man muss sie, und übrigens auch die Schergen von IS und al-Qaida, vielmehr als Häretiker und Gotteslästerer brandmar- ken, sie unbedingt aus der Gemeinschaft der Muslime ausschließen, ähnlich wie etwa Papst Franziskus die Mafia-Banditen exkommuniziert hat.

Dr. Aref Hajjaj, Bonn

Allah oder sonst ein Gott, zu Ende gedacht, ist bestimmt nicht angewiesen auf solche Verehrer, die seine Geschöpfe kalt nieder- metzeln. Er benötigt keine zwangsrekru- tierten Anhänger, die ihn nur aus Angst anbeten, weil sie sonst brutal getötet wer- den. Glaube unter Zwang ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Dr. Stefan Ummenhofer, Meckenheim (NRW)

Die Verunglimpfung religiöser Symbole Andersgläubiger kann nicht Teil unserer Pressefreiheit sein, schon gar nicht Teil un- serer Freiheit an sich.

Dr. Eberhard Irmer, Coburg

Islamistische Terroranschläge sind wohl auch Ausdruck von Verzweiflung. Ver- zweiflung über Rückständigkeit und Un- terlegenheit irrlichternder Weltanschauung. Neben aller beharrlichen polizeilichen und sicherheitstechnischen Abwehr und Auf- klärung werden nur eine auf Langfristigkeit und Geduld angelegte Werteannäherung in Richtung Anerkennung von unver- äußerlichen Menschenrechten, Demokra- tie, Rechtsstaatlichkeit und eine gerechtere Verteilung von Wirtschaftsgütern eine fried- lichere Weltordnung sichern helfen.

Uwe Jakobs, Geestland (Nieders.)

Frankreich hat ohne Zweifel eine Bring- schuld gegenüber den im Land lebenden Muslimen, um gegen deren Diskriminie- rung vorzugehen. Aber auch die muslimi- schen Eltern haben eine Bringschuld ge- genüber Frankreich, seinen laizistischen Werten und seiner Religionsfreiheit.

Stephanie Günther, Paris

Als nicht mehr junge Europäerin bin ich entsetzt und betroffen von den Taten. Ge- gen die Meinungsfreiheit. Wir sollten trotz- dem nicht die unzähligen Opfer der Flücht- linge an unseren Außengrenzen verges- sen – gegen die Menschlichkeit.

Elisabeth Schwerzmann, Inzigkofen (Bad.-Württ.)

Briefe

Unter Hochstaplern

Nr. 2/2015 Schlechte Gutachter zerstören vor Gericht Familien

Ich war Postbote und habe in der Rolle ei- nes forensisch-psychiatrischen Sachver- ständigen eine Vielzahl von Gerichtsgut- achten erstattet. Nie hat ein Prozessbetei- ligter auch nur eine einzige kritische Frage gestellt. Ich habe es nicht erlebt, dass mei- nen Gutachten nicht gefolgt wurde. Für meine Obergutachtertätigkeit vor dem BGH wurde ich vom damaligen Vorsitzen- den des 1. Strafsenats öffentlich gelobt: als „der beste Gutachter, besser als die beiden gelernten Psychiater“. Unter gerichtlichen Sachverständigen habe ich mich als Hoch- stapler unter Hochstaplern gefühlt.

Gert Postel, Tübingen

Sie beklagen, dass die Qualifikation der Gutachter in Familienrechtsverfahren un- genügend bis gar nicht vorhanden ist. Das kann ich aus meiner Praxis nur bestätigen. Warum es aber ausgeschlossen sein soll, dass sich etwas verändert, verstehe ich nicht. Man könnte ohne großen Aufwand neben Psychologen auch praxisorientierte, erfahrene Pädagogen und Sozialpädago- gen anwerben, schulen und beauftragen.

Anna-Angelika Dibbern, Psychotherapeutin, Köln

Die haarsträubenden Fälle sollten nicht ver- allgemeinert werden. Der repräsentative Überblick über die Qualität der Gutachten gibt lediglich einen Eindruck aus vier Amts- gerichten wieder. Vielleicht sind die Gut- achten von immer denselben Leuten.

Ursula Becher, Dipl.-Psych./Dipl.-Soz., Berlin

Koste es, was es wolle

Nr. 2/2015 Panorama: Reagan wollte mehr A-Waffen in Deutschland

Über die Nachrüstungsdebatte der frühen Achtzigerjahre ist zwar viel geschrieben, aber dennoch nicht alles gesagt worden. Es gab in der Tat Überlegungen in der US-Re- gierung Reagan, mehr als die 108 Pershing- II-Raketen zu stationieren, wie der Nato- Doppelbeschluss vorsah. Es gab aber auch ganz andere Erwägungen in Washington:

nämlich auf die Stationierung der Pershing II zu verzichten und stattdessen nur die be- reits vorhandenen 91 Pershing 1a zu moder- nisieren, was die hochdramatische öffentli- che Debatte um die Nachrüstung entschärft hätte. Mitte der Achtziger schickte daher die Regierung Kohl/Genscher den zustän- digen Staatssekretär im Verteidigungsminis- terium mit einem Prüfauftrag nach Washing- ton. Das Ergebnis der Sondierung: Die USA waren bereit, diese Option wohlwollend zu prüfen. Der Preis für die Modernisierung sollte allerdings zwei Milliarden DM betra- gen. Da die deutsche Regierung sich ein Li- mit von 300 Millionen DM für die Umset-

zung der Modernisierung gesetzt hatte, schien das Vorhaben damit gescheitert. In dieser Situation schlug Verteidigungsminis- ter Wörner vor, durch einen in den USA gut vernetzten Sondergesandten (den Ver- fasser) die Option der Modernisierung der Pershing 1a erneut zu thematisieren. So ge- schah es. Nach zweitägigen Verhandlungen mit langjährigen Vertrauten aus Politik, Mi- litär und Rüstungsindustrie zeigte sich die US-Regierung bereit, die Kosten auf 275 Millionen DM zu senken. Damit, so schien es, war der Weg frei, das Pershing-Problem publikumsfreundlicher zu gestalten und die Regierung entsprechend zu entlasten. Doch einige Zeit nach Rückkehr des Verfassers aus den USA entschied die Regierung Kohl/ Genscher, am alten Ausrüstungs- und Sta- tionierungskonzept für die Pershing II fest- zuhalten – koste es, was es wolle. Die Grün- de sind bis heute nicht geklärt.

Dr. Hans Rühle, Sankt Augustin (NRW) Ehem. Leiter d. Planungsstabs im Bundesverteidigungsmin.

Selten so geärgert

Nr. 2/2015 Der Globalisierungskritiker Jean Ziegler im SPIEGEL-Gespräch

Das zweifellos wichtigste Interview im SPIEGEL ist das mit Ziegler, diesem wun- derbaren Kämpfer für Menschenrechte. Man liest und weint. Es macht mich ganz wahnsinnig, dass alles immer so weiter- geht, wir uns mit Silvesterknallerei, Mode, mit Oberflächlichkeiten beschäftigen, wäh- rend die Welt am Abgrund steht, Millionen verhungern, verdursten, der Klimawandel voranschreitet. Viel Zeit bleibt nicht mehr!

Gabriele Rohlfes, Tübingen

Selten habe ich mich über ein Interview so geärgert. Ziegler ist ein verachtenswer- ter Menschenfeind. Er zeigt sich als ver- bohrter Ideologe. Das kapitalistische Sys- tem bildet die Natur des Menschen am bes- ten ab, mit allen Stärken und Schwächen.

Martin Krieger, Frankfurt am Main

Das Interview war Balsam für die Seele. Ziegler lässt mich einfach hoffen.

Marzena Juliana Pustelnik, Berlin

Ziegler irrt, wenn er die europäische Asyl- politik als zynische, menschenverachtende Weltsicht bezeichnet. Wer bis zu 10000 Dollar für die illegale Einreise aufbringen kann, hat auch die Mittel, um zum nächs- ten Flüchtlingslager zu gelangen. Die Lö- sung ist die konsequente Ausweisung aller, die illegal nach Europa kommen, und statt- dessen eine Aufnahme von Flüchtlingen auf den legalen Wegen.

Torsten Müsch, Neu-Isenburg (Hessen)

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe ge- kürzt und auch elektronisch zu veröffentlichen:

leserbriefe@spiegel.de

FOTO: POLARIS/LAIF

Das deutsche Nachrichten-Magazin Leitartikel Karfreitag und Ramadan Der Islam gehört zu Deutschland. Deshalb muss der

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Karfreitag und Ramadan

Der Islam gehört zu Deutschland. Deshalb muss der Staat sein Verhältnis zur Religion überdenken.

N un hat ihn die Kanzlerin noch einmal bekräftigt, den Satz, von dem der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff bis heute glaubt, dass er ihn sein Amt

gekostet hat: Der Islam gehört zu Deutschland. Mehr als vier Jahre liegt Wulffs Rede zum Tag der Deutschen Einheit zu- rück. Vor zweieinhalb Jahren distanzierte sich Wulffs Nach- folger Joachim Gauck noch von der Äußerung. Nun haben ausgerechnet die Morde der Islamisten in Paris jenen Satz ins Zentrum gerückt. Der Islam gehört zu Deutschland. Dieser Satz ist mehr als eine reichlich verspätete Anerkennung der gesellschaftlichen

Wirklichkeit. Er ist eine politische Aussage. Er stellt den Islam in seiner kulturellen Bedeutung für Deutschland an die Seite von Christentum und Judentum. Und wirft die Frage auf, wie der Staat künftig sein Verhältnis zur Religion gestaltet, wenn nicht mehr nur die historisch

gewachsene Beziehung zu den christlichen Kirchen gemeint ist. Deutschland ist – anders als Frankreich – kein laizistisches Land, keines, in dem Staat und Religion streng voneinander ge- trennt sind. Das beginnt schon mit dem Gottesbezug in der Prä- ambel des Grundgesetzes. Der deutsche Staat privilegiert in vielfältiger Weise die christ- lichen Kirchen, angefangen mit arbeitsfreien Tagen an Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten über die Kirchensteuer und den Reli- gionsunterricht an staatlichen Schulen bis hin zur Übertragung von Gottesdiensten in gebühren- finanzierten Sendern. Kann das in einem Land, zu dem auch der Islam gehört, so bleiben? Sollte Deutschland die

gesetzlich verankerte Vorzugs- behandlung der christlichen Kirchen aufgeben und ein laizis- tischer Staat werden? Oder sollte der Staat alle Religions- gemeinschaften in gleicher Weise fördern, etwa indem er dem christlichen überall einen gleichberechtigten islamischen Religionsunterricht zur Seite stellt? Oder in Zukunft auch den Sakat für die Islamverbände eintreibt? Auf den ersten Blick erscheint der Laizismus als die klarere, sauberere Lösung. Nur wenn der Staat sich gänzlich aus reli- giösen Dingen heraushält, kann er dem Grundsatz der Gleich- heit aller Bürger tatsächlich gerecht werden. Zudem können wir den politischen Islam eigentlich nur glaubwürdig kritisie- ren, wenn wir selbst Politik und Religion trennen. Der historischen Tradition und den Überzeugungen der Deutschen entspricht ein strenger Laizismus nicht. Der Kopf-

tuchstreit, die Diskussion um das Kruzifix in Klassenzimmern, all diese Debatten der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass

die Frage, wie laizistisch Deutschland sein soll, noch immer umstritten ist. Auch im internationalen Rahmen gibt es keine gerade Ent- wicklung, die aus der Dunkelheit des Mittelalters in den voll- endeten Laizismus führt. In vielen, auch in westlichen Län- dern spielt heute die Religion in der Politik eine größere Rolle als noch vor einigen Jahrzehnten – etwa in den USA, in Russ- land und Ländern des ehemaligen Ostblocks. Die Säkulari- sierung ist keine unumkehrbare Entwicklung der Gesellschaft, wie das Beispiel Türkei zeigt. Eine forcierte Verweltlichung kann – wie etwa in Iran unter dem Schah – eine islamistische Bewegung sogar befeuern. Zudem ist die strikte Trennung von Staat und Kirche kein garantiertes Erfolgsrezept für eine Einwanderungsgesellschaft mit all ihren Schwierigkeiten. Im laizistischen Frankreich ge- lingt die Integration der Musli- me nicht besser als im viel we- niger konsequenten Deutsch- land. Im Gegenteil. Trotzdem muss der deutsche Staat sein Verhältnis zur Reli- gion überdenken. Wir brauchen eine behutsame Weiterentwick- lung des Säkularismus, der ei- ner multikulturellen Gesell- schaft angemessen ist. Dabei ist eine Gleichbehandlung des Is- lam mit den christlichen Kir- chen schon deshalb schwierig, weil den Muslimen eine entspre- chende Organisation fehlt und sie stattdessen von einer Viel- zahl untereinander zerstrittener Verbände vertreten werden. Nötig ist aber, die Privilegien der christlichen Kirchen immer

wieder auf den Prüfstand zu stellen und dort, wo sie nicht

Mahnwache für Terroropfer in Berlin
Mahnwache für Terroropfer in Berlin

mehr zeitgemäß sind, abzu- schaffen. Das gilt für das allgemeine Tanzverbot am Karfreitag ebenso wie für manchen Feiertag, an dessen Bedeutung sich kaum noch jemand erinnern kann. Umgekehrt sollten sich Muslime an hohen islamischen Festtagen wie Ramadan oder dem Opferfest von der Arbeit freistellen lassen können, wie das in einigen Bundesländern schon möglich ist. An staat- lichen Schulen wäre es sinnvoll, den Religionsunterricht ge- nerell durch das Fach Ethik zu ersetzen. Wer für seine Kinder eine religiöse Erziehung wünscht, kann eine konfessionelle Schule wählen. Trotzdem wird der Staat auch weiterhin auf die Religions- gemeinschaften angewiesen sein. Sie helfen, als Träger von Schulen, Kindergärten, Pflegeeinrichtungen. Er braucht sie auch als Vermittler von Werten. Den Islam dabei einzube- ziehen ist Aufgabe der Einwanderungsgesellschaft.

Christiane Hoffmann

FOTOS: STEFAN KRESIN (U.); BORIS RÖSSLER / PICTURE ALLIANCE / DPA (M.); MICHAEL GOTTSCHALK / DAPD (O.)

Schwarzarbeit

Zoll jagt Menschenhändler

Zollfahnder schlagen Alarm. Bei der Bekämpfung der Schwarzarbeit haben es die Ermittler zunehmend mit Fäl- len organisierter Kriminalität zu tun. Wie aus einem inter- nen Schreiben hervorgeht, ist bereits rund ein Drittel des Personals der Einheit Finanz- kontrolle Schwarzarbeit (FKS) mit derartigen Proble- men beschäftigt, das sind mehr als 2000 Ermittler. Man- gels eigener Kompetenzen der FKS müsse der Zollfahn- dungsdienst in diesen Fällen mit Telefonüberwachungen, Observationen und dem Ein- satz verdeckter Ermittler helfen. Das überfordere die entsprechenden Dienststellen zunehmend. Auch die Spezial- einheit ZUZ, die Zentrale Un- terstützungsgruppe Zoll, wer- de immer häufiger für den Einsatz gegen Menschenhänd- ler im Bereich der Schwarz- arbeit angefordert. Die ZUZ ist vergleichbar mit der GSG9 der Bundespolizei und wurde für besonders gefährliche Ein- sätze gegründet. aul

Zolleinsatz
Zolleinsatz

Babyklappen

„Gefährliche

Grauzone“

Die Organisation Terre des Hommes hat Zahlen zu Kindstötungen und lebend ausgesetzten Neugeborenen in Deutschland ermittelt. Demnach wurden im Jahr 2013 insgesamt 31 tote oder noch lebende Kinder aufge- funden, die kurz nach der Ge- burt ausgesetzt worden wa- ren. 2014 waren es 23. Gut ein Drittel der Säuglinge wur- de in Städten gefunden, in

Merkel
Merkel

Union

Widerstand gegen Islam-Äußerung

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt wegen des Satzes, der Islam gehöre zu Deutschland, in ihrer Partei unter Druck. „Solange muslimische Gelehrte die Scharia als Teil des Islam betrachten, bin ich vor- sichtig mit Feststellungen wie der von Ex- Bundespräsident Wulff und mache sie mir nicht zu eigen“, sagt der stellvertretende Chef der Unionsbundestagsfraktion Ar- nold Vaatz (CDU). Merkels Satz müsse „um den Hinweis ergänzt werden, dass un- sere Leitkultur christlich-jüdisch geprägt bleibt“, kritisiert der CSU-Politiker Georg

Nüßlein, ebenfalls Vizechef der Unions- fraktion. „Die Begeisterung über den Satz hält sich an unserer Basis in Grenzen“, klagt auch CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach. Die Bundeskanzlerin hatte am vergangenen Montag die Äußerung des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff in seiner Rede zum Tag der Deut- schen Einheit 2010 erneut zitiert. Bei ih- rem Treffen mit Merkel mahnten am ver-

gangenen Mittwoch auch einige der Chefs der Unions-Landesgruppen im Bundestag einen differenzierten Umgang mit dem Islam an. Man dürfe nicht den Eindruck erwecken, dass sämtliche Strömungen des Islam zu Deutschland gehörten, sagte unter anderen die Spitzenkandidatin für die Bürgerschaftswahl in Bremen Elisabeth Motschmann. Merkel verteidigte ihre Wortwahl bei dem internen Treffen. Es gehe um eine doppelte Ansage: Die Musli- me seien in Deutschland akzeptiert, sie müssten sich aber auch klar an Recht und

Gesetz halten, so die Kanzlerin. Offenbar finden das nicht alle in der Union überzeu- gend. Als Merkel Ex-Präsident Wulff am vergangenen Donnerstag im Bundestag wiederholt zitierte, verweigerten viele Unionsabgeordnete demonstrativ den Applaus. Einzelne Landesverbände berich- ten von einer Vielzahl kritischer Briefe und E-Mails der Basis sowie ersten Partei- austritten. gud, mp

denen Babyklappen oder An- gebote zur anonymen Geburt vergleichsweise leicht erreich- bar sind. Eine offizielle Statis- tik zum Thema Kindstötun- gen existiert in Deutschland nicht. Deshalb wertet Terre des Hommes seit Jahren Me- dienberichte aus. „Es ist ein Skandal, dass die Bundesre- gierung diese Zahlen nicht amtlich ermitteln lässt. Unse- re Daten erheben keinen An- spruch auf Vollständigkeit, sondern sind sichere Mindest- zahlen“, sagt Bernd Wacker von Terre des Hommes. Der

Experte bemängelt eine „ge- fährliche Grauzone“, da nie- mand genau wisse, wie viele Babyklappen es in Deutsch- land gibt und wie viele Kin- der dort jedes Jahr abgege- ben werden. „Sicher ist nur:

Seit Jahren geht die Zahl der

Babyklappe
Babyklappe

tot aufgefundenen Neugebo- renen nicht zurück, sondern bleibt auf einem Niveau zwi- schen 20 und 40 Säuglingen pro Jahr.“ In diesem Rahmen bewegten sich die Zahlen je- doch auch schon vor dem Jahr 2000, als in Hamburg die erste deutsche Babyklappe er- öffnet wurde. Offizielles Ziel der Einrichtungen ist es, Kindstötungen zu vermeiden. Terre des Hommes steht Ein- richtungen wie der Babyklap- pe oder anonymen Geburten seit vielen Jahren kritisch ge- genüber. one

FOTO: ULRICH BAUMGARTEN VIA GETTY IMAGES; ILLUSTRATION: PETRA DUFKOVA / DIE ILLUSTRATOREN / DER SPIEGEL

Vorratsdatenspeicherung

Überwachen mit Hindernissen

Trotz des koalitionsinternen Streits prüft das Innenminis- terium derzeit die Möglich- keiten für ein neues Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung. Im Mittelpunkt stehen dabei jene Schlussfolgerungen, die für einen Gesetzentwurf aus früheren Urteilen des Verfas- sungsgerichts und des Euro- päischen Gerichtshofs zu zie- hen wären. Auf Basis vorlie- gender Expertisen seines Hauses geht Minister Thomas de Maizière (CDU) offenbar davon aus, dass eine einge- schränkte Variante der Vor- ratsdatenspeicherung vor Gericht Bestand hätte. Justiz- minister Heiko Maas (SPD) sieht dagegen gar keine Chance für ein solches Ge- setz. Der ehemalige Verfas- sungsgerichtspräsident Hans-

Jürgen Papier empfiehlt, bei einer möglichen Wiederein- führung der Vorratsdatenspei- cherung noch strengere Vor- gaben zu machen als das Ver- fassungsgericht. Karlsruhe habe in seinem Urteil wesent- liche Voraussetzungen für die vorsorgliche Erhebung von Verbindungsdaten genannt; diese seien aber als „Mindest- vorgaben“ zu verstehen, sagt Papier. So sollten über die Festlegungen des Urteils hin- aus etwa „Berufsgeheimnis- träger“ – wie Anwälte, Ärzte, Geistliche und Journalisten – „besonders geschützt wer- den“. Auch wäre es besser, so Papier, „deutlich“ unter der genannten Speicherdauer von sechs Monaten zu bleiben. Zudem sei ein Zugriff von Geheimdiensten auf diese Daten „in aller Regel“ auszu- schließen, weil diese weit im Vorfeld konkreter Gefahren tätig würden. hip, nik

Schulen

Wenig transparent

Bildungsforscher kritisieren die mangelnde Transparenz der Qualitätstests an Nord- rhein-Westfalens Schulen. Das geht aus Stellungnahmen von Sachverständigen für eine Anhörung im Landtag kommende Woche hervor. „Nicht definiert scheint im nordrhein-westfälischen Ver- fahren der Umgang mit Schu- len, die Mindesterwartungen verfehlen“, schreibt Martina Diedrich vom Hamburger In- stitut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung.

Während Hamburg und Ber- lin Berichte der Schulinspek- tionen im Internet veröffent- lichten, habe sich NRW für eine „schulinterne Verfügbar- machung der Daten“ ent- schieden. Dies laufe dem „wachsenden gesellschaftli- chen Anspruch auf ein trans- parentes, nachzuvollziehen- des Verwaltungshandeln“ entgegen. Der Dortmunder Forscher Hans-Günter Rolff hält es für falsch, dass die Schulprüfer bei den Bezirks- regierungen angesiedelt sei- en, während andere Länder auf „unabhängige Einrichtun- gen (Agenturen)“ setzten. fri

Einrichtun- gen (Agenturen)“ setzten. f r i Deutschland Jakob Augstein Im Zweifel links Merkels Mut

Deutschland

Jakob Augstein Im Zweifel links

Merkels Mut

Übernimmt Angela Merkel die politische Führung? Die Verantwortung? Sie hat den alten Wulff-Satz erneut wie- derholt, vom Islam, der zu Deutschland gehöre. Einer- seits selbstverständlich: Rund vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Andererseits erstaunlich, nach den Atten- taten von Paris, nach aktuel- len Umfragen, die feststellen, dass sich eine Mehrheit der Deutschen vom Islam bedroht fühlt. Das wäre mal eine Meldung: Merkel doch mutig! Früher dachte man, Politik ohne Mut, ohne ein gewis- ses Heroentum, das geht nicht. In seinem Text über „Poli- tik als Beruf“ hat Max Weber geschrieben: „Es ist ja durchaus richtig … dass man das Mögliche nicht erreich- te, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Un- möglichen gegriffen worden wäre. Aber der, der das tun kann, muss ein Führer und nicht nur das, sondern auch – in einem sehr schlichten Wortsinn – ein Held sein.“ Nur wer das „Scheitern aller Hoffnungen“ ertragen könne, schreibt Weber, „nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber: ,dennoch!‘ zu sagen vermag, nur der hat den ,Beruf‘ zur Politik“. Als große Dennoch-Sagerin ist Merkel nicht gerade im Gedächtnis geblieben. Im Gegenteil. Die Frau ist weltbe- rühmt dafür, einen möglichst langweiligen und uninspi- rierten Eindruck machen zu wollen. Sie hat aus der Ab- wesenheit von öffentlich zur Schau gestelltem Mut gera- dezu ein politisches Erfolgsrezept gemacht. Der „FAZ“- Journalist Nils Minkmar hat ihre Haltung in dem Satz zu- sammengefasst: „Wenn ich eine andere Politik machen soll, dann sagt es mir einfach, dann mach ich die.“ Und nun stellt sich diese Frau gegen das eigene Volk? Ausgerechnet Merkel, die ihre Politik mehr als alle Vor- gänger mit den Instrumenten der Demoskopie steuert. Schon zu Neujahr hatte sie die Deutschen aufgefordert, nicht den Islamfeinden auf den Leim zu gehen: „Heute rufen manche montags wieder ,Wir sind das Volk‘. Aber tatsächlich meinen sie: Ihr gehört nicht dazu – wegen eu- rer Hautfarbe oder eurer Religion. Deshalb sage ich allen, die auf solche Demonstrationen gehen: Folgen Sie denen nicht, die dazu aufrufen! Denn zu oft sind Vorurteile, ist Kälte, ja sogar Hass in deren Herzen!“ Das klang gut – war aber in Wahrheit wohlfeil. Denn jenseits von Dresden, wo offenbar Fremdenfeindlichkeit und Ressentiment überdauern, fasst Pegida in Deutsch- land nicht so recht Fuß. Auch für das wiederholte Islamwort der Kanzlerin gilt:

Man mag ihr das Bekenntnis glauben – aber Bekenner- mut ist das nicht. Im Schatten der Pariser Attentate wagt sich Merkel aus der Deckung. Nie war es gefahrloser, sich hinter die Muslime in Deutschland zu stellen. Denn die Toten mahnen zur Einheit. Mutig wäre es, wenn Merkel über den Schock von Paris hinaus dabei bliebe: Islam- feindlichkeit in Deutschland? Nicht mit dieser Kanzlerin!

feindlichkeit in Deutschland? Nicht mit dieser Kanzlerin! An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan

An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau Auschwitz „Putin hat keinen Grund, beleidigt zu sein“ Christoph Heubner, 65,
Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
Auschwitz
„Putin hat keinen Grund, beleidigt zu sein“
Christoph Heubner, 65, Mitglied des Internationalen Auschwitz-
Rates, über die Gedenkveranstaltung am 27. Januar
SPIEGEL: Russlands Präsident Wladimir Putin will nicht an
der Veranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung des
Konzentrationslagers Auschwitz teilnehmen. Haben Sie ihn
nicht eingeladen?
Heubner: Kein Staats- oder Regierungschef wurde eingela-
den. Wir haben schon vor Monaten beschlossen, dass die
Überlebenden im Mittelpunkt stehen sollen, nicht Politiker.
SPIEGEL: Warum kommt dann Bundespräsident Joachim
Gauck?
Heubner: Das ist eine Entscheidung der deutschen Seite. Die
Gedenkstätte Auschwitz, die wir beraten, hat auf unsere
Empfehlung hin bei allen Botschaften in Warschau ange-
fragt, ob das entsprechende Land teilnehmen möchte und
wenn ja, auf welcher Ebene.
SPIEGEL: Nach Medienberichten spielte die polnische Regie-
rung auch eine Rolle.
Heubner: Sie hat freundlicherweise die Anfragen an die Bot-
schaften übermittelt, mehr nicht.
SPIEGEL: Was haben die Russen gesagt?
Heubner: Dass sie den Botschafter schicken – im Gegensatz
zu Frankreich und Deutschland, deren Präsidenten kom-
men. Putin hat keinen Grund, beleidigt zu sein.
SPIEGEL: Immerhin hat die Rote Armee Auschwitz befreit.
Heubner: Die Überlebenden bedauern es sehr, dass Putin
nicht kommt. Allerdings kann nicht nur er für die Befreier
sprechen. In der Roten Armee dienten auch ukrainische
und weißrussische Soldaten. klw
CSU
Kritik an Dobrindt
Mit der jüngsten Umfrage des
Bayerischen Rundfunks könn-
te die CSU zufrieden sein.
Zwar hat sie beim Bayern-
trend 2015 mit 46 Prozent ge-
genüber Januar 2014 drei
Punkte in der Wählergunst
eingebüßt, könnte aber allein
weiterregieren. Für Ärger
sorgt in der Partei indes der
von den Befragten bemängel-
te Kompetenzverlust der
CSU, vor allem in der Ver-
kehrspolitik. Die Maut und
die Art ihrer Durchsetzung
wurden bei der Umfrage ne-
gativ beurteilt. Das habe Ver-
kehrsminister Alexander
Dobrindt allein zu verantwor-
ten, kritisierten jetzt Vertre-
ter der CSU-Spitze. Zumal
sich im Parteivorstand bereits
Unmut darüber breitmache,
dass Dobrindt bundespoli-
tisch außer der Maut im ver-
gangenen Jahr „nichts gelie-
fert“ habe. cnm
Innere Sicherheit
Vernetzt gegen
Islamisten
Dobrindt
In der Europäischen Union
verstärken sich nach den An-
schlägen in Frankreich Über-
legungen für den Aufbau
einer EU-weiten Datenbank
über gefährliche Islamisten.
„Die schrecklichen Attentate
von Paris müssen auch Kon-
sequenzen in der Anti-Terror-
Politik in der EU haben“,
sagt Manfred Weber, Frak-
tionsvorsitzender der EVP im
Europäischen Parlament.
„Sinnvoll wäre eine gemeinsa-
me Gefährderdatei, die von
allen Sicherheitsbehörden in
der EU gepflegt wird“, so der
CSU-Politiker. In der EU-
Kommission gibt es seit Län-
gerem entsprechende Pläne,
doch scheiterten sie bislang
daran, dass die nationalen
Geheimdienste ihre Informa-
tionen nicht mit allen Mit-
gliedstaaten teilen wollen.
Die Sicherheitsbehörden
müssten „ihre Vogel-Strauß-
Politik beenden und sich
besser vernetzen“, fordert
Weber. Jeder Geheimdienst
in der EU habe Angst, dass
ihm ein anderer in die Karten
schaue. „Das muss ein Ende
haben, wenn wir effizient
gegen Terroristen vorgehen
wollen.“ csc
FOTOS: BERND WÜSTNECK / DPA (U.); GRANANGULAR / IMAGO STOCK & PEOPLE (O.)

FOTO: VALESKA ACHENBACH / DER SPIEGEL

Verteidigung

Druck im

Ministerium

Verteidigungsministerin Ursu- la von der Leyen (CDU) muss sich mit Kritik der eigenen Mitarbeitervertretung ausein- andersetzen. In einer Ver- sammlung der Belegschaft im Dezember kritisierte der Per- sonalrat den „enormen tägli- chen Leistungsdruck“, der am Dienstsitz in Berlin herrsche. Bis Ende September hätten die Ministerialen bereits 120000 Überstunden ange- sammelt, dies entspreche

rund 100 Dienstposten. Der Personalrat kritisierte, dass „die permanente Erreichbar- keit“ inzwischen in manchen Bereichen „wie selbstver- ständlich“ dazugehöre. Auch bemängelten die Mitarbeiter, dass viele Überstunden zum Jahresende ersatzlos verfal- len würden. „2014 war wegen der Krisen Ebola, Ukraine und IS sowie der Revision des Rüstungswesens sicher ein be- sonders arbeitsreiches Jahr“, sagt ein Sprecher des Ministe- riums, „wir prüfen, ob Perso- nalressourcen neu verteilt werden müssen.“ gor

Rüstungsexporte

Deutsche Gewehre in Gewaltprovinz

Der Bundesregierung steht Ärger wegen eines Rüstungs- exportgeschäfts bevor. Bei Untersuchungen in der mexi- kanischen Stadt Iguala, in deren Nähe im September 43 Studenten ermordet wur- den, konfiszierten die Bun- desbehörden Dutzende deut- sche Sturmgewehre des Typs G36 der Firma Heckler&Koch bei der mafiösen örtlichen Polizei. Für die Waffe hatte die Bundesregierung zwi- schen 2005 und 2007 Ausfuhr- genehmigungen unter der Voraussetzung erteilt, dass

sie in friedliche Regionen ge- liefert werden und dort ver- bleiben. Hierzu gehört nicht der Bundesstaat Guerrero, in dem Iguala liegt. „Die deutschen Rüstungsexport- richtlinien sehen vor, dass ein Land, das gegen den End- verbleib verstößt, keine Ge- nehmigungen mehr be- kommt“, sagt der Grüne Hans-Christian Ströbele. „Derzeit läuft gegen die Fir- ma Heckler&Koch ein Er- mittlungsverfahren“, so ein Sprecher des Bundeswirt- schaftsministeriums. „Die Bearbeitung von Ausfuhr- genehmigungsanträgen für Kleinwaffen nach Mexiko ist seitdem ausgesetzt.“ gor, on

NSU

LKA wollte Wikipedia- Eintrag schönen

Im Zusammenhang mit der Affäre um den rechtsterroris- tischen NSU hat das Landes- kriminalamt (LKA) Thürin- gen versucht, den Wikipedia- Artikel über die eigene Behörde zu schönen. Die Pressestelle des LKA legte zunächst einen eigenen Wiki- pedia-Account an und nahm Anfang November als erste Amtshandlung eine nach ei- genen Angaben „komplette und umfangreiche inhaltliche Überarbeitung“ des Eintrags vor. Dabei kürzte man auch massiv den Absatz „Kritik“ und löschte dort mehrere Vorwürfe. Daraufhin ent-

brannte unter Wikipedia-Au- toren ein Streit um die PR- Offensive. Ein Kritiker warf dem LKA vor, einen „Promo- Text“ sowie „Eigenlob“ in den Artikel eingefügt zu ha- ben. Die LKA-Pressestelle rechtfertigte sich auf der Dis- kussionsseite ihres Wikipe- dia-Accounts: „Den Absatz Kritik zu ändern und zu ver- wässern war zu keiner Zeit beabsichtigt.“ Die Wichtig- keit des Kritik-Abschnitts „in der bisherigen Form“ sei LKA-Kollegen „nicht be- wusst“ gewesen. Bereits we- nige Stunden nach dem Löschversuch fanden sich die fraglichen Sätze wieder auf der Seite. Inzwischen wurde der Abschnitt „Kritik“ sogar noch ausgeweitet. mop

Deutschland

„Kritik“ sogar noch ausgeweitet. m o p Deutschland Der Augenzeuge „Viel giftiger als das Original“ Rüdiger

Der Augenzeuge

„Viel giftiger als das Original“

Rüdiger Rohland, 52, ist Polizeihauptkommissar am Wasser- schutzpolizeikommissariat 1 im Hamburger Hafen, der Dreh- scheibe für den Schmuggel illegaler Pestizide. Hier wurden im vergangenen Jahr insgesamt 196 Tonnen verbotene Pflanzen- schutzmittel beschlagnahmt.

„Mit gefälschten Pflanzenschutzmitteln lassen sich Gewin- ne wie im Drogenhandel erzielen. Das Zehnfache des Herstellungspreises ist keine Seltenheit. Das liegt daran,

dass bei deren Produktion Mittel verwendet werden, die sehr viel billiger sind als beim Original, wegen anderer Wirkstoffe mitunter aber auch erheblich giftiger. Lösungs- mittel zum Beispiel, denn die meisten Pestizide und Bio- zide sind flüssig und werden in Flaschen, Kanistern und Fässern transportiert. Pflanzenschutzmittel gelten fast im- mer als gefährlich im Sinne der Transportvorschriften und werden deshalb von uns kontrolliert. Als Sachge- bietsleiter meines Kommissariats sitze ich zwar viel am Schreibtisch, aber ich lasse es mir nicht nehmen, so oft wie möglich selbst an die Terminals zu fahren, wo die großen Seeschiffe entladen werden. Rund 30 Prozent des Hafenumschlags stammt aus China. Von dort kommen die meisten Pestizide, die hier umgeschlagen werden, und auch die meisten Fälschungen. Ein großer Teil der Pflan- zenschutzmittel ist für Osteuropa bestimmt. Deshalb kann man den Hamburger Hafen als Drehscheibe für den Schmuggel illegaler Pestizide bezeichnen. Wir überprüfen die Schiffsladungen zunächst anhand der Frachtpapiere. Wenn uns eine Sendung verdächtig erscheint, dann schau- en wir sie uns an. Als Polizeibeamter kontrolliere ich, ob die Ware sicher verpackt ist und mit der Kennzeichnung auf der Verpackung und den sogenannten Placards – das sind die 25 mal 25 Zentimeter großen Schilder mit Gefah- rensymbolen außen am Container – übereinstimmt. Der Zoll ist für Markenrechte und Patente zuständig, das Pflanzenschutzamt prüft, ob der Inhalt tatsächlich den Angaben entspricht und für den jeweiligen Empfänger zu- gelassen ist. Ich habe schon erlebt, dass Pflanzenschutz- mittel in neutralen Verpackungen versendet wurden und die Etiketten in einem anderen Container. Da wird man natürlich misstrauisch. Mitunter erhalten wir auch geziel- te Hinweise auf illegale Lieferungen. Dann lassen wir uns von den Reedereien im Vorwege die entsprechenden Do- kumente schicken. Wenn das Schiff ankommt, stehen wir so schon bereit. Im vergangenen Jahr haben wir allein am Wasserschutzpolizeikommissariat 1 in Waltershof, wo ich arbeite, zwölf Container mit verbotenen Pflanzenschutz-

mitteln entdeckt.“

Aufgezeichnet von Andreas Ulrich

Parteigründer Lucke
Parteigründer Lucke

FOTO: OLAF BALLNUS / AGENTUR FOCUS / XXPOOL

Deutschland

„Das Tabu brechen“

Parteien Der Mailverkehr des AfD-Vorstands offenbart das wahre Gesicht des Frontmanns Bernd Lucke. Während er sich um ein bürgerliches Image bemühte, setzte er intern von Anfang an auf die Stimmen am rechten Rand. Dieses Doppelspiel holt ihn jetzt ein.

I n der Nacht zum 7. Februar 2013 setzt sich Bernd Lucke an seinen Computer und verschickt eine Mail, deren Inhalt

die politische Landschaft in Deutschland umpflügen wird. Sie wird dafür sorgen, dass der FDP bei der Bundestagswahl im darauffolgenden September die entscheidenden Stimmen für den Einzug in den Bundestag fehlen, sie ist mit ein Grund dafür, dass die CDU in Thüringen nach 24 Jahren die Macht verliert. Seit Bestehen der Bundesrepublik hat die Union verhindert, dass sich dauer- haft eine demokratische Partei rechts von ihr im deutschen Parteiensystem etabliert. Das könnte sich nun ändern. „Parteigründung“ steht in der Betreff- zeile. Lucke hätte sich bis zum nächsten Mor- gen Zeit lassen können. Die Sitzung im Evangelischen Gemeindezentrum von Oberursel war zäh und ermüdend. Aber Lucke ist akribisch bis an den Rand des Pe- dantischen, das werden seine Parteifreunde in den folgenden Monaten noch oft genug merken. Er legt sich nicht schlafen, sondern schreibt an seine Parteifreunde:

„Die folgenden Informationen sind bis auf Weiteres vertraulich, aber wichtig: Wir haben heute in einer langen und teilweise wirklich schwierigen Sitzung eine neue Partei gegründet. Sie heißt Alternative für Deutschland und Europa. Ich glaube, dass dies inhaltlich eine sehr gute Wahl ist, denn der Name drückt genau das aus, was wir wollen: Veränderungen für Deutsch- land und ein anderes Europa … Er betont das nationale Interesse, ohne nationalis- tisch zu sein, und er ist europakritisch, aber nicht europafeindlich.“ Lucke verschickt die Mail um 1.35 Uhr von seinem privaten Google-Mail-Account und vergisst nicht zu erwähnen, wer die neue Partei führen wird. Es ist eine illustre Gesellschaft, die sich da zusammenfindet:

Neben Lucke sind es unter anderen der Publizist Alexander Gauland und die Un- ternehmerin Frauke Petry. Lucke ist ein schmaler, asketischer Volkswirtschaftsprofessor aus Hamburg, der über komplizierte konjunkturelle Re- chenmodelle habilitiert hat und dessen wis- senschaftliche Karriere solide, aber glanz- los verlief. Er redet schnell und präzise, wenn auch völlig ohne Humor. Lucke glaubt an die Macht der Zahlen und an

die Autorität von Verträgen. Wenig treibt ihn mehr um als der Gedanke, dass die Griechen Schulden machen, obwohl sie das doch eigentlich gar nicht dürften. Gauland könnte man für einen pensio- nierten Lateinlehrer halten, wäre da nicht seine Lust an der Rauferei, die jetzt, in sei- nem 74. Lebensjahr, noch mal aufglimmt. Gauland galt mal als Musterbeispiel des national-konservativen CDU-Funktionärs, Martin Walser hat ihn in dem Roman „Finks Krieg“ als verschlagenen Staats- kanzleichef Tronkenburg beschrieben. Petry ist eine Frau von 39 Jahren, nicht ohne Charme, aber konservativ bis auf die Knochen. Die promovierte Chemikerin lebt mit ihrem Ehemann, einem evangeli- schen Pastor, und ihren vier Kindern im Pfarrhaus des sächsischen Weilers Tauten- hain. Wie Gauland will sie die AfD von Anfang an zu einer „rechten demokrati- schen“ Partei formen. Später wird sie das auch öffentlich sagen. Im Februar 2013 sprach nichts dafür, dass der neuen Partei ein dauerhafter Er- folg vergönnt sein würde. Gerade hatten die Piraten erleben müssen, wie schwer es ist, sich im deutschen Parteiensystem zu behaupten. Sie schafften zuerst einen fu- riosen Aufstieg und verglühten dann in der rauen Atmosphäre der politischen Wirklichkeit. Warum sollte es der AfD bes-

Datum: 3. April 2013, 00.22 Uhr Von: Bernd Lucke An: AfD Landesvorsitzende, Landesbeauftragte Betreff: WICHTIG: Vorstandswahl

„… Für den Parteivorstand sind bis heute bereits über 100 Kandidatu- ren eingegangen, Tendenz ungebro- chen steigend. Die weitaus meis- ten Kandidaten sind uns völlig un- bekannt. Es besteht die große Ge- fahr, dass hier ein arbeitsunfähiger Vorstand gewählt wird. Wir dürfen deshalb als Parteiführung nicht in falsch verstandener Neutralität schweigen. Deshalb möchte ich Sie bitten, uns Kandidaten zu empfeh- len, die sich … bewährt haben.“

ser gehen? Doch knapp zwei Jahre später sitzt die Partei in drei Landtagen und im Europäischen Parlament in Brüssel, ihre Umfragewerte im Bund liegen stabil über fünf Prozent. Kürzlich wollte sich Mike Mohring, der Thüringer CDU-Fraktions- chef, mit den Stimmen der AfD zum Mi- nisterpräsidenten wählen lassen. Wie gelang der AfD ein solcher Auf- stieg? Der SPIEGEL konnte in den vergan- genen Wochen über 3000 Mails einsehen, sie reichen vom Februar 2013 bis zum Ja- nuar 2015 und umfassen einen Gutteil des Schriftverkehrs zwischen den AfD-Vorstän- den. So entsteht ein einzigartiger Blick in die Gründungsphase der AfD, aber auch auf die Richtungskämpfe, die nun die Par- tei erschüttern. Keine zwei Jahre nach Gründung der AfD schmähen die Anführer einander als „Kontrollfreaks“ und „Intolerante“, tragen Konflikte über öffentliche Briefe aus. Auch auf grundlegende politische Positionen können sich die AfD-Chefs nicht mehr ei- nigen. Das zeigen die Reaktionen der Par- teispitze auf den Terroranschlag gegen das Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Erst mel- dete sich Gauland zu Wort, für den die „Bluttat“ der Beweis war, dass die antiisla- mische Pegida-Bewegung zu Recht vor die- ser Religion warnt. Einen Tag später wi- dersprach Bundessprecher Lucke: „Man darf nicht die Gewalttat zweier Extremis- ten einer ganzen Religionsgemeinschaft anlasten, deren Großteil aus friedlieben- den, unbescholtenen Menschen besteht.“ Es ist nicht ohne Ironie, dass sich ausge- rechnet Lucke zum Anführer einer neuen rechten Bewegung aufschwang. Der Pro- fessor für Makroökonomie ist eine speziell deutsche Ausfertigung des Populisten. Viel wurde gespottet über den 52-jährigen Familienvater, der die Strickpullis seines Vaters aufträgt und sonntags mit seiner sechsköpfigen Familie zum Gottesdienst in die Evangelisch-reformierte Kirche an der Hamburger Ferdinandstraße fährt. Der Öffentlichkeit stellte sich Lucke als seriöser Wissenschaftler vor, den die Sorge um das Wohl des Landes in die Politik ge- trieben habe. Doch in seinen Mails lernt man einen ganz anderen Professor Lucke kennen, einen Mann, der im politischen Nahkampf keine Grobheiten scheut und der fähig ist, sehr flexibel mit seinen Über- zeugungen zu verfahren, solange es beim

Deutschland

Wähler ankommt. In Interviews wehrte sich Lucke vehement gegen den Vorwurf, er führe die AfD an den rechten Rand. Liest man seine Mails, dann wird klar, wie sehr er sich von Anfang an um Stimmen der Extremen bemühte und auch versuch- te, den Provokateur Thilo Sarrazin dafür einzuspannen. Die Geschichte um Lucke ist aber auch die eines Mannes, der die rechten Geister, die er rief, am Ende nicht mehr loswird.

M an kann sich den politischen Betrieb wie einen Jahrmarkt vorstellen, auf

dem sich neben den großen Fahrgeschäf- ten auch allerlei kleine Gaukler und Schau- steller tummeln, die um die Gunst des Pu- blikums buhlen. Wer neu ist auf dem Rum- melplatz, muss erst einmal Krach machen. Im März 2013, keine vier Wochen nach der Nachtsitzung von Oberursel, machen Meldungen die Runde, dass die EU ein Pa- ket zur Rettung zyprischer Banken aufle- gen will. Sie sind ein Geschenk für die jun- ge Partei, da die Banken in Zypern lange vom Vermögen windiger russischer Oligar- chen profitierten. Nun müssen ausgerech- net diese Institute auch mit dem Geld bra- ver deutscher Steuerzahler saniert werden. Lucke sieht, welches Erregungspotenzial in der Geschichte steckt. Er plant eine spek- takuläre PR-Aktion: „Mein Vorschlag ist, mit einer Ordnungswidrigkeit auf den Rechtsbruch aufmerksam zu machen“, schreibt Lucke am 3. März an seine Vor- standskollegen. „Wir machen (mit möglichst vielen Berliner Unterstützern) eine Sitz- blockade vor dem Finanzministerium in Berlin … Ich vermute, das Finanzmi- nisterium hat eine Tiefgarage o.Ä. Wir blockieren in den Morgenstunden (ca. 8.00– 9.30 Uhr) die Einfahrt und verursa- chen damit einen schönen Verkehrsstau. Da bleiben wir, bis die Polizei uns wegträgt oder Wasserwerfer einsetzt oder andere kamerataugliche Operationen vornimmt … Wenn wir diese Aktion morgens machen (und danach vielleicht erkennungsdienstlich behandelt werden), sind wir um 12.00 Uhr wieder beisammen und können friedlich unsere Vorstandsklausur machen.“ Nur mühsam können gemäßigte Partei- mitglieder Lucke die Idee ausreden. Aber sein Signal an die AfD ist klar: Krawall ist erwünscht.

Es ist ein neuer Bernd Lucke, der hier auftritt. Er hat nichts mit dem braven Wis- senschaftler zu tun, der sich 1997 an der Freien Universität Berlin mit „Beiträgen zur Theorie und Empirie realer Konjunk- turzyklen“ habilitiert hat. „Lucke war da- mals eher ein Nerd, der ganz in seinem Fachgebiet aufging und sich kaum an unseren politischen Debatten beteiligte“, sagt Alexander Dilger, Betriebswirtschafts- professor aus Münster und zeitweise auch AfD-Aktivist. Dilger kennt Lucke seit

Datum: 22. Februar 2013, 18.13 Uhr Von: Bernd Lucke An: Bundesvorstand der AfD Betreff: Superwichtig und supereilig

„ Grundsätzlich ist das Programm

zwar schon drastisch, aber man- ches kann man im Wahlkampf wei- ter zuspitzen. Das ist so gewollt. Im Augenblick ist es wichtig, dass wir auch die Leute zum Eintritt in die AD bewegen, die nicht die radikalsten Lösungen wollen. Wir lassen z. B. nationale Währungen oder kleinere Verbünde (Nordeuro, Südeuro z. B.) zu. Einen einseitigen Euro-Austritt Deutschlands will ich nicht fordern. Das wäre rechtswidrig …“

über 20 Jahren, aus dem Doktoranden- seminar. Irgendwann irritierte es den kühlen Rechner Lucke, wie hartnäckig die Politik sich der Logik der Zahlen verweigerte. Die Verwunderung wuchs zur Empörung, dann zum heiligen Zorn eines Experten, der sich im Recht sieht. Lucke hatte ja alles durch- gerechnet. Politiker lügen, Zahlen nicht. So sieht es Lucke. Dass die Bundesregie- rung Schuldenberge anhäufte, an einer eu- ropäischen Einheitswährung bastelte und diese in der Krise auch noch um jeden Preis erhalten wollte, erschien ihm uner- träglich, gegen jede Vernunft. Anfangs kam Luckes Protest im Gewand der wissenschaftlichen Expertise daher. Mit seiner Kritik an der Europolitik der Kanzlerin war sich Lucke einig mit vielen

Datum: 29. November 2013, 13.24 Uhr Von: Bernd Lucke An: Bundesvorstand der AfD Betreff: Protokollgenehmigungen

„Liebe Freunde, wir müssen noch weitere Protokolle genehmigen.“

Protokoll Vorstandssitzung v. 18. Juli 2013, Top 13 (Verschiedenes) Beschluss Wahlkampfbudget:

– TV-Spot Produktion: 30 TEUR

– TV-Spot Schaltung: 220 TEUR

– Plakate 10 TEUR

– Lucke und die Kanzelette 15 TEUR

– 3 x AfD-Mobil 60 TEUR

– Flyer 300 TEUR (verteilen lassen)

– Guerilla-Aktion (noch zu spezifizieren) 65 TEUR

– Gesamt: 700 TEUR

Kollegen. Doch der Eifer, mit dem Lucke seine Thesen vortrug, unterschied ihn von anderen Ökonomen, die einsehen, dass Volkswirtschaft keine exakte Disziplin ist. Für den Zahlenmenschen Lucke mündet fast jedes Problem in einer binären Lösung, in eins oder null. Mittelwege, Kompromis- se, wie sie die Politiker der so verachteten „Altparteien“ täglich suchen und akzeptie- ren müssen, sind Lucke suspekt. Wenn er sich im Recht sieht, ist er unerbittlich.

D as Problem des Politikers Lucke ist, dass die Eurokrise ihren Höhepunkt

bereits überschritten hat, als sich die AfD gründet. In seinen Augen ist das nur eine Scheingesundung, das Ergebnis der Pallia- tivmedizin der Europäischen Zentralbank. Aber Lucke merkt, dass er immer schriller werden muss, um Gehör zu finden. Er über- legt sich zunächst nur kleine Änderungen. Die Partei solle den Rufnamen „Anstoß“ erhalten, fordert er per Mail, der Name spreche auch „ungebildete Wähler“ an. Die Kollegen, allen voran Petry, winken ab. Dann trifft Lucke die Entscheidung, das Angebot der AfD zu verbreitern. „Wir müssen mehr als nur europäische Forde-

rungen vertreten, sonst wirft man uns vor, wir seien programmatisch zu dünn“, schreibt er am 22. Februar 2013 an seine Vorstandskollegen. „Ins Wahlprogramm gehören nur die Punkte mit Schmackes. D.h. die Punkte, die populär sind (weil sie richtig sind) und die uns von den anderen abheben. Phrasen und Plattitüden, die jeder unterschreiben kann, sind fehl am Platze. Sprachlich müssen wir dem Volk aufs Maul schauen. Kurze Sätze, wenig Fremdwörter, anschauliche Beispiele … Ein vergeistigter Feuilletonstil ist nicht gefragt.“ Lucke öffnet damit die Büchse der Pan- dora. In der AfD wünschen sich viele Mit- glieder, dass die Partei eine scharfe Linie in der Ausländerpolitik vertritt und sich absetzt von der liberalen Gesellschafts- politik von SPD und CDU. Luckes Mail wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Er muss nicht lange warten. Das damalige Vor- standsmitglied Markus Keller antwortet:

„Haben wir nicht die Chuzpe, einen ungebremsten Zuzug von Ausländern in unsere Sozialsysteme abzulehnen? … Es ist vielleicht ein heikles Thema, aber zu wichtig und zu ernst, um auf dem Altar der Political Correctness geopfert zu wer- den. Wenn man in unserem Land nicht mehr die Wahrheit sagen darf, weil es ei- nigen nicht passt, dann gute Nacht.“ Lucke gibt Keller recht. Bald druckt die AfD ein Plakat mit dem Slogan: „Wir sind nicht das Weltsozialamt“. So plakatiert auch die NPD. Lucke sorgt auch dafür, dass aus der AfD kaum liberale Töne zu hören sind. Im Juni 2013 urteilt das Bundesverfassungsge-

FOTOS: HENNING SCHACHT (L.); MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL (R.)

HENNING SCHACHT (L.); MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL (R.) Sächsische AfD-Landeschefin Petry: „Ich bin ziemlich

Sächsische AfD-Landeschefin Petry: „Ich bin ziemlich sauer!“

AfD-Landeschefin Petry: „Ich bin ziemlich sauer!“ Brandenburgs AfD-Chef Gauland: Die AfD hat die Rauflust in

Brandenburgs AfD-Chef Gauland: Die AfD hat die Rauflust in ihm geweckt

richt, das Ehegattensplitting stehe auch schwulen Paaren zu. AfD-Pressesprecherin Dagmar Metzger will ein Statement heraus- geben, das das Urteil ausdrücklich lobt. Metzger ist eine der wenigen Liberalen in der AfD, sie war lange FDP-Mitglied und hat ideologisch nichts gemein mit Partei- freunden wie Gauland oder Petry, die auch auf Stimmen der Homophoben hoffen. Auf Metzgers Vorschlag erwidert Petry kühl, sie denke nicht, dass die AfD mit sol- chen Erklärungen „viel gewinnen“ könne. Die Pressesprecherin schreibt daraufhin eine wütende Mail an den Parteivorstand. Es könne der Eindruck entstehen, „wir sind eine Art deutsche Tea Party, für Be- treuungsgeld und gegen die Homo-Ehe, das muss ich nicht gut finden!“ Lucke, der meist peinlich genau darauf achtet, dass keiner den Komment der Par- tei verlässt, antwortet ihr: „Liebe Dagmar, das ist nicht richtig. Richtig ist, dass wir uns auf die wichtigsten Probleme Deutsch- lands konzentrieren, statt Nebenkriege zu führen. Zum Betreuungsgeld oder zur Homo-Ehe kann jeder seine eigene Mei- nung haben.“ Aber Lucke kann nicht ent- gehen, dass AfD-Sympathisanten über Homosexuelle als „promillegroße Minder- heitenmilitanz“ lästern. Lucke versteht es virtuos, mit dem rech- ten Rand zu flirten. Der Aufstieg der AfD erklärt sich auch mit dem bürgerlichen Ge- wand, in dem die neue Partei daherkommt. Lucke hat nichts gemein mit dem dumpfen Hass, den die NPD predigt. Aber er sieht, dass sich eine Lücke auftut zwischen dem unverhohlenen Rechtsextremismus einer NPD und der neuen, durchmodernisierten Merkel-CDU. Diese Lücke will er besetzen. Sein Verhältnis zu den Rechten ist rein zweckgerichtet. Über Jahrzehnte war sich die Union nicht zu schade, auch jenes Milieu anzu- sprechen, in dem Ressentiments gepflegt

wurden und wo man herzlich über Schwu- lenwitze lachen durfte. Anfang der Sieb- zigerjahre rief Franz Josef Strauß auf einer Wahlkampfveranstaltung: „Lieber ein kal- ter Krieger als ein warmer Bruder.“ Es reg- te niemanden auf. Heute hat die Union Frieden mit der Homo-Ehe geschlossen. Auch bei anderen Themen wird die Partei immer liberaler: Dieser Tage bekräftigte Merkel, der Islam gehöre zu Deutschland. Diese Entwicklung ist aus Sicht der Par- teiführung ein Fortschritt. Andererseits marschiert die CDU schneller als manche ihrer Wähler, und die Zurückgebliebenen will Lucke einsammeln. Er versteht sich auf die Kunst der Zweideutigkeit. Lucke spielt mit der Sympathie der Rechtsradika- len, doch wenn ihm das vorgehalten wird, weist er es als infame Unterstellung zurück. Als sich der ehemalige Fußballprofi Tho- mas Hitzlsperger als schwul outet, sagt Lu- cke: „Ich hätte es gut gefunden, wenn Herr Hitzlsperger sein Bekenntnis zu seiner Ho- mosexualität verbunden hätte mit einem Bekenntnis dazu, dass Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind.“ Nach diesen Worten erreichen Lucke empörte Mails, auch von schwulen AfD- Mitgliedern. Lucke antwortet: „Die Be- richterstattung in der Presse ist (mal wie- der) falsch … Ich habe in meiner Rede kri- tisiert, dass die Medien zwei Tage lang Hitzlsperger wegen seines ,Muts‘ gefeiert haben. Ich habe gesagt, dass zwölf Jahre nach Wowereit und nachdem man sich längst an einen schwulen Außenminister gewöhnt hatte, ich keinen besonderen Mut darin erkennen kann, wenn jemand öffent- lich zu seiner Homosexualität steht … Es ist bezeichnend, dass die Medien die Kritik an den Medien überhört und in eine Kritik an Hitzlsperger umfunktioniert haben.“ Die Strategie Luckes ist einfach. Er will mit seiner Kritik an Hitzlsperger all jene ansprechen, die denken, Schwule und Les-

ben sollten sich am besten unauffällig ver- halten. Aber diese Meinung ist nicht mehr salonfähig, also packt er sie zwischen die Zeilen. Wenn es Kritik gibt, dann schiebt er das auf eine falsche Interpretation der „Mainstream-Medien“, die bei AfD-Anhän- gern ohnehin wenig Vertrauen genießen. Lucke ist sich auch nicht zu schade, Res- sentiments gegen Politiker zu schüren, wenn ihm das nutzt. Im Juni 2013 trifft sich die AfD-Spitze, um über Slogans für den Wahlkampf zu beraten. Im Protokoll der Sitzung heißt es: „Bernd Lucke hob hervor …, im Slogan müsse der Protest- gedanke zum Tragen kommen, dies kön- ne ruhig auch aggressiv geschehen, z.B. ,Politiker sind machtgeil‘. Wir müssten pro- vozieren.“ Das passende Publikum sucht Lucke gezielt aus. Als die Vorstände de- battieren, wie das Geld für Werbespots im Privatfernsehen aufgeteilt werden soll, in- sistiert Lucke: „Der Löwenanteil sollte bei RTL laufen und nur ein bisschen bei n-tv.“

F ür die AfD beginnt der Bundestags- wahlkampf 2013 durchwachsen. Im

Juni, nur zwei Monate nach der offiziellen Gründung, zählt sie schon über 10000 Mit- glieder. Doch in Umfragen liegt sie bei al- lenfalls drei Prozent, was auch daran liegt, dass der Partei ein bekanntes Gesicht fehlt. Lucke kommt deshalb auf die Idee, Thi- lo Sarrazin zum Stargast der AfD-Kampa- gne machen. Sarrazin ist wie gemacht für die AfD, ein ehemaliger Finanzsenator und Bundesbankvorstand, der ein Buch schrieb über die vermeintliche Überfrem- dung des Landes, über die „Fäulnisprozes- se im Inneren der Gesellschaft“. Sarrazin ist das, was die AfD erst noch werden will:

über die Maßen erfolgreich. Sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ ging 1,5 Mil- lionen Mal über den Ladentisch, es ist ei- nes der bestverkauften Sachbücher in der Geschichte der Bundesrepublik.

FOTO: CHRISTIAN CHARISIUS / DPA

Deutschland

Lucke hatte Sarrazin schon zum Grün- dungsparteitag im April eingeladen, aber der Auftritt zerschlug sich im letzten Mo- ment. Nun nimmt er einen neuen Anlauf. Am 31. Juli 2013 schreibt Lucke in einer Mail an seine Vorstandskollegen Gauland und Konrad Adam: „Wir müssen noch ein- mal einen Tabubruch begehen, um Auf- merksamkeit zu kriegen. Das machen wir, indem wir Herrn Sarrazin vereinnahmen. Das kann uns viel Aufmerksamkeit, Kritik der linken Presse und viel Zuspruch in der Bevölkerung einbringen.“ Lucke schlägt vor, die Parteibasis unter dem Motto „Mut zur Wahrheit“ abstim- men zu lassen, welches Buch in der Ver- gangenheit von der „herrschenden Politik“ zu Unrecht ignoriert worden sei: „Die Abstimmung verbinden wir mit der Maß- gabe, dass wir uns im Bundestag der Miss- stände annehmen wollen, die im Buch auf- gezeigt und von den Altparteien ignoriert werden … Die Abstimmung unter unseren Mitgliedern ist also zugleich eine Art das schmale Parteiprogramm erweiternder Arbeitsauftrag für die künftige Fraktion.“ Lucke lässt in der Mail kaum Zweifel da- ran, dass sich die AfD-Basis mehrheitlich für das Sarrazin-Buch als eine Art inoffi- zielles Parteiprogramm entscheiden wird. „Die Reaktionen der linken Presse wer- den nicht ausbleiben“, freut sich Lucke, „aber Sarrazin ist nun mal immer noch SPD- Mitglied, sodass der Vorwurf der Rechts- lastigkeit nicht so recht verfangen wird. Ich denke, auch ‚Bild‘ wird diese Diskussion nicht ignorieren können. Selbst wenn ‚Bild‘ dann negativ über uns schreibt, wird sich das auf unser Wahlergebnis positiv auswir- ken, weil genug ‚Bild‘-Leser mit Sarrazin Positives assoziieren.“ Lucke verteidigt den Plan bis heute: „Die Ehrung Sarrazins wäre ein Tabubruch ge- wesen, weil er ja von manchen politisch Oberkorrekten zur Persona non grata er- klärt worden ist“, sagte er. Die Abstimmung geht aus wie geplant:

Die überwältigende Mehrheit der Teilneh- mer stimmt für das Sarrazin-Buch. Doch am Ende scheuen Luckes Vorstandskolle- gen davor zurück, den Provokateur einzu- spannen. Die Aktion verläuft im Sande.

P olitik ist für Lucke Organisation. Es gibt kaum ein Detail, um das er sich nicht

persönlich kümmern würde. Der Aufstieg der AfD ist auch Ergebnis seines Mikro- managements. Soll es beim Gründungspar- teitag Verpflegung geben? „Ich plädiere für einen billigen Saal ohne Catering. Es ist

keine Schande, sich ein paar Butterstullen mitzubringen, schon gar nicht für eine Par- tei, die sich für Sparsamkeit einsetzt.“ Wer soll die AfD überhaupt führen? „Für den Parteivorstand sind bis heute be-

* Am 22. September 2013 in Berlin.

Datum: 11. September 2013, 15.59 Uhr Von: Hasso H., Mitglied im Landesverband Berlin An: Bundesvorstand AfD Betreff: Sorge

„Aus Sorge um unsere Partei … möchten wir auf folgende Umstän- de aufmerksam machen. Bei unse- ren Wahlkampfauftritten auf den Straßen Berlins machten sehr viele Personen folgende Aussagen: Wenn ihr in den Bundestag kommt, wer- den wir Mitglied der AfD. Sind wir erst in der Mehrheit, werden wir den richtigen Kurs vorgeben. Bei Nachfrage, ob sie schon einer Par- tei angehört hätten, kam: Ich war Mitglied bei der NPD, der Partei ,Die Freiheit‘, Republikaner, DVU …“

reits über 100 Kandidaturen eingegangen, Tendenz ungebrochen steigend“, meldet Lucke Anfang April in einer Rundmail an die vorläufigen Landeschefs der AfD. „Die weitaus meisten Kandidaten sind uns völlig unbekannt. Es besteht die große Gefahr, dass hier ein arbeitsunfähiger Vorstand gewählt wird.“ Dabei kennt Lucke viele Mitstreiter, er muss ja ständig Konflikte schlichten, die überall aufflammen. „Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich sehe, was in NRW an Hahnenkämpfen tobt“, schreibt er den Vorstandskollegen Ende März. Die Parteifreunde ermahnt Lucke, sich zu schonen und beim Einsatz für die AfD nicht aufzureiben: „Warten Sie nicht, bis Sie nicht mehr können. Viele von uns ar- beiten mit großem Einsatz, aber es nützt

nichts, wenn Sie sich selbst überfordern.“ Lucke selbst schont sich nicht. Er ver- schickt seine Mails oft mitten in der Nacht. Er sorgt zudem dafür, dass die Kanz- lerin, wohin sie auch geht, Begleitung hat. „Frau Merkel tourt im Wahlkampf durchs Land. (Schäuble vermutlich auch)“, schreibt Lucke am 25. Juli an seine Lan- desvorsitzenden. „Könnte bitte jeder Lan- desverband unverfänglich bei der Presse- stelle der Bundesregierung erfragen, wann Frau Merkel wo auftritt, und dann organi- sieren, dass sie nie auftritt, ohne unter ihren Zuhörern möglichst viele Menschen mit AfD-T-Shirt, AfD-Flugblättern, AfD- Plakaten, AfD-Luftballons etc. zu haben? (Störungen mit Trillerpfeifen etc. sollten wir nicht machen, aber sonst sollten wir in jederlei Hinsicht sichtbar sein).“ Lucke erklärt dazu: „Die Altparteien wollten uns im Wahlkampf totschweigen. Da lag es nahe, bei Terminen der Kanzle- rin auf uns aufmerksam zu machen.“ Innerhalb weniger Monate entwickelt sich der Ökonom zum Experten für poli- tische PR. Am 24. August 2013, mitten in der heißen Phase des Bundestagswahl- kampfs, wird Lucke bei einem Auftritt in Bremen von zwei Randalierern von der Bühne geschubst. Seine Presseleute sorgen umgehend dafür, dass das Video Verbrei- tung findet, und versenden eine Mitteilung mit der Überschrift: „AfD-Wahlkampfver- anstaltung von Autonomen gestürmt“. Am folgenden Tag bedankt sich Lucke überschwänglich für den geglückten Coup:

„Prima. Ich habe das Video über den Überfall heute Morgen schon bei n-tv ge- sehen. Insgesamt große Resonanz. Sehr gut!“ Dann schlägt Lucke vor, die Sache noch einmal auf der für den Folgetag ge- planten Pressekonferenz zu thematisieren:

„Ich würde den Fragen diesen Dreh geben:

thematisieren: „Ich würde den Fragen diesen Dreh geben: Parteichef Lucke bei AfD-Wahlparty*: „Sprachlich müssen

Parteichef Lucke bei AfD-Wahlparty*: „Sprachlich müssen wir dem Volk aufs Maul schauen“

FOTO: STEFAN BONESS / VISUM

1. Es gibt bei uns seit Jahrzehnten eine gewaltbereite linksradikale Szene, gegen die viel zu wenig getan wird. Man sollte denen mal dieselbe Aufmerksamkeit wid- men wie der rechtsradikalen Szene. Da wird gerade bei uns akribisch alles auf Rechtsverdacht untersucht, aber auf dem linken Auge ist der Staat blind und lässt diesen Leuten viel zu viel Raum. 2. Die Permissivität des Staates be- schränkt sich nicht nur auf den politischen Linksradikalismus. Auch im Bereich der Kriminalität unterhalb der Kapitalverbre- chen ist die Gesellschaft viel zu nachlässig … Wir wollen die Polizei mit deutlich mehr Mitteln ausstatten und die Gerichte sollen imstande sein, sehr viel härtere Ur- teile zu fällen.“ Immer wieder zeigt Lucke, dass er fle- xibel genug ist, um im politischen Geschäft zu überleben. Während des Wahlkampfs drängen die Rechtskonservativen in der AfD darauf, dass die Partei einen EU-Bei- tritt der Türkei ablehnt. Diesmal legt Lucke ein Veto ein, aber nicht etwa aus Überzeu- gung, sondern aus taktischem Kalkül:

„Bitte machen Sie keine Pressemittei- lung zu den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei“, schreibt er am 24. Juni an Vor- standskollegen. „Wir haben da keine Posi- tion zu, aber wir haben vor, die Deutsch- Türken als spezielle Wählergruppe zu avi- sieren. Kritik an Griechenland kommt bei ihnen gut an, und man kann in dem Zu- sammenhang die Türkei loben. Also dür- fen wir sie jetzt nicht verärgern.“

L uckes Verhältnis zum rechten Rand ist ambivalent: Einerseits will er dort

Wähler gewinnen, andererseits soll die AfD nicht als rechtspopulistische Partei er- scheinen. Es ist ein Spagat, der zusehends misslingt.

Datum: 9. Dezember 2013, 15.48 Uhr Von: Bernd Lucke An: Hans-Olaf Henkel und andere Betreff: RE: Europa-Programm der AfD

„Lieber Herr Henkel, nur kurz ein Zwischenruf zur Türkei: Sie wissen, dass ich da auch eine eher positive Haltung habe, aber ich denke, es ist wichtig, der Türkei die Niederlas- sungsfreiheit nicht zuzugestehen. Ich kann mir eine EU-Mitgliedschaft der Türkei nicht vorstellen, wenn 80 Millionen Türken im Prinzip überall in der EU ansässig werden können … Solange die EU aber in ihrer jetzi- gen Form besteht, ist ein EU-Beitritt der Türkei nicht sinnvoll.“

Bereits am 18. März 2013 schreibt Lucke:

„Liebe Freunde, wir erleben immer mehr, dass man versucht, uns in die rechte Ecke zu drängen, Stichwort Rechtspopulisten. Das war heute auf der Pressekonferenz ganz deutlich und spiegelt sich auch in der teilweise überaus tendenziösen Bericht- erstattung. Ich bin nun Mittwochabend bei ,Anne Will‘. Mir ist bereits angekündigt worden, dass ich dort auch mit einer Frage zu unserer Abgrenzung nach rechts ,kon- frontiert‘ werde. (Wer weiß, was sie da aus- gegraben haben). Ich möchte gerne ant- worten können, dass wir bei der Aufnah- me von Mitgliedern sehr streng vorgehen und klare Richtlinien haben.“ Lucke verlangt, dass der Vorstand alle ehemaligen Mitglieder von NPD, DVU und Republikanern abweist und darüber hinaus alle Anwärter, die mit ausländer-

und darüber hinaus alle Anwärter, die mit ausländer- Buchautor Sarrazin bei einer Podiumsdiskussion 2014 in

Buchautor Sarrazin bei einer Podiumsdiskussion 2014 in Berlin: Den Provokateur einspannen

feindlichen, islamfeindlichen oder antise- mitischen Äußerungen aufgefallen sind. Doch die Satzung, beschlossen auf dem Gründungsparteitag Mitte April 2013, klingt dann viel weniger streng. Sie sieht lediglich eine Einzelfallprüfung vor für Mit- glieder aus Organisationen, „welche durch deutsche Sicherheitsorgane als extremis- tisch eingestuft“ werden. So steht die Tür zur AfD doch vielen Extremisten offen. Neben dem juristischen Filter fehlt der AfD in der Gründungsphase auch die Ka- pazität, jedes Neumitglied zu prüfen. Alle sechs Minuten trete jemand bei, berichtet der Mitgliedsbeauftragte in einer Vor- standssitzung im Frühjahr 2013 stolz. Von der rechtsradikalen Splittergruppe „Die Freiheit“ wird die AfD regelrecht un- terwandert. Sie war im Oktober 2010 von dem ehemaligen Berliner CDU-Politiker René Stadtkewitz gegründet worden und machte vor allem mit islamfeindlichen Sprüchen von sich reden. Die Partei zer- legte sich bald in internen Flügelkämpfen, und im Frühjahr 2013 waren viele Freiheit- Mitglieder auf der Suche nach einer neuen politischen Bleibe. Anfang April erreicht Lucke die Anfrage, ob ein Vorstandsmitglied der Freiheit einen Gästeplatz für den AfD-Gründungspartei- tag am 14. April in Berlin haben könne. Immerhin handle es sich um einen Freund von AfD-Mitinitiatorin Beatrix von Storch. Lucke antwortet umgehend: „Nein. Da bin ich strikt dagegen. Die Freiheit ist eine klar islamfeindliche Partei. Deren Funktionäre will ich nicht auf unserem Parteitag haben.“ Doch Luckes Mahnung wird überhört, viel- leicht auch, weil er selbst sich nicht konse- quent an sein Embargo hält: Eine ehema- lige Freiheit-Aktivistin lässt er etwa die Facebook-Seite der AfD betreuen, später wird er sie sogar in seinem Abgeordneten- büro als Assistentin anstellen. Überläufer der Splitterpartei sitzen bald in den Landesvorständen von Branden- burg und Mecklenburg-Vorpommern. Vor allem Frauke Petrys Landesverband Sach- sen zieht die Islamgegner an: Noch im Bun- destagswahlkampf werden in Sachsen aus früheren Freiheit-Landesvorständen über Nacht verdiente Funktionsträger und Wahlkampfhelfer. In Petrys Landesvor- stand sitzt mit Uwe Schuffenhauer heute ein früherer Landesvize der Freiheit, ein anderer dient ihr als Pressesprecher. Am 30. September 2013, eine Woche nach der Bundestagswahl, verkündet Frei- heit-Gründer Stadtkewitz, seine Partei werde nicht mehr bei Wahlen antreten:

„Es muss die Partei die optimalen Startbe- dingungen erhalten, die die größte Erfolgs- chance hat, Politik in unserem Sinne ge- stalten zu können, und dies ist die Alter- native für Deutschland.“ Ohnehin seien schon einige Hundert seiner Leute zur AfD übergelaufen, schätzt Stadtkewitz. Nun

Deutschland

mögen bitte alle Lucke wählen. Dem wird die Sache unheimlich. „Angesichts der Meldungen über ein nahes Ende der Partei Die Freiheit empfehle ich, in den zustän- digen Gebietsvorständen einen allgemei- nen Aufnahmestopp für frühere Mitglieder dieser Partei zu beschließen“, mailt er am 1. Oktober an die Landesvorsitzenden. Ausnahmen solle es nur in Einzelfällen ge- ben. Luckes einsamer Beschluss wird so- gleich per Pressemitteilung verkündet. Die Medien reagieren positiv, die Vorstands- kollegen weniger. „Ich habe von der PM aus der Presse!!! erfahren und bin ziemlich sauer!“, be- schwert sich Frauke Petry in einer Mail bei einem engen Mitstreiter in Sachsen. Der schreibt umgehend an Lucke: „Diese PM mag taktisch (‚rechte Ecke‘) gerechtfertigt sein, strategisch wird sie uns unendlich schaden. Gerade wir in Sachsen haben von der Freiheit bislang nur positive Resonanz, ja Unterstützung gerade im Wahlkampf er- fahren; jetzt stoßen wir genau die vor den Kopf, die in uns Hoffnungsträger sahen.“ Petry und Gauland legen öffentlich nach:

Lucke habe gar nicht die Befugnis, solche Vorgaben zu machen. Damit ist der Streit angelegt, der bis heute anhält und die Partei in die Spaltung treiben könnte: die Abgrenzung nach rechts und die Alleingänge Luckes. In den folgenden Tagen ringt der AfD-Vorstand um eine gemeinsame Position zu den Rech- ten. Lucke beklagt sich bei den Vorstands- kollegen, sie fielen ihm in den Rücken. Petry beschwert sich ihrerseits über Lu- ckes Alleingang: „Ich verstehe emotional, dass du offenbar unter Druck gewesen bist, aber du hast am vergangenen Dienstag noch nicht einmal den Versuch unternom- men, dich mit irgendeinem Vorstandsmit- glied abzusprechen … Wenn wir nicht ganz schnell zu einer gemeinsamen Füh- rung der Partei finden, wird dies nicht der letzte Schaden dieser Art gewesen sein.“ Am Ende steht ein langes Telefonat zwi- schen Lucke und Petry – und eine neue Pressemitteilung, die „völlige Übereinstim- mung“ der Vorstände verkündet. Das Wort Aufnahmestopp taucht darin nicht mehr auf, jetzt sollen Überläufer nur noch „im Regelfall“ abgewiesen werden. Es ist die erste große Niederlage, die Lucke ein- stecken muss.

D er Zwist in der Führung wird zunächst durch den Triumph bei der Europa-

wahl überdeckt. Am 25. Mai 2014 holt die AfD 7,1 Prozent; Lucke, der die Partei bis- her ehrenamtlich geführt hat, zieht als Ab- geordneter in das Brüsseler Parlament ein. Aber lange währt der Frieden nicht. Lucke

will seine Rivalen mit Formalien entmach- ten. Sein Instrument ist eine neue Satzung für die AfD: „Eine Partei unserer Größe kann nicht durch drei ehrenamtliche Vor-

sitzende geführt werden. Wir müssen uns professionalisieren“, sagt er der „Frank- furter Allgemeinen“ im November 2014. Alles selbst regeln zu dürfen, nicht mehr „amateurhaft und auf Zuruf“, das wäre eine Erleichterung für Lucke, der ohnehin nur der eigenen Kompetenz vertraut. Er hat genug von E-Mail-Debatten, fühlt sich gelähmt von der Pflicht, jeden Schritt mit zwei Co-Vorsitzenden abstimmen zu müs- sen. Wozu hat er Nächte durchgearbeitet, zerstrittene Landesverbände bereist, die Partei zusammengehalten? Jetzt will er sie auch offiziell lenken, assistiert von einem angestellten Generalsekretär seiner Wahl. Aber dieses Modell klingt der Basis ver- dächtig nach „Altpartei“, nach Merkel und ihren Gehilfen. Schon auf einem Parteitag im Frühjahr 2014 hatte Lucke mit seiner Wunschsatzung eine Niederlage erlebt. Jetzt, auf dem Parteitag Ende Januar, will er einen zweiten Anlauf wagen – aber die- ses Mal stellen sich ihm die Vorstandskol- legen in den Weg. Petry und Gauland orchestrieren den Widerstand. Sie wissen um ihre Stärke. Bei ihren Landtagswahlen feierten sie Er- folge, mit Landesverbänden, die sie als Al- leinherrscher führen. Sie haben bewiesen, dass es für die AfD auch ganz ohne Luckes Eurothema gehen kann, nur mit Parolen gegen Asylbetrüger, Moscheen und Ein- brecherbanden aus Polen und Tschechien. Lucke musste von seinem winzigen Ab- geordnetenbüro in Brüssel aus beobach- ten, wie sich die ostdeutschen Landesfürs- ten profilierten und verbündeten. „Lucke ist ein Bürger, und er hat fürch- terliche Sorge, dass die Partei ins Unbür- gerliche abkippt“, sagt Alexander Gau- land. Er sitzt in einem grünen Tweedsakko in einem Restaurant in Potsdam, und an seinem spöttischen Lächeln sieht man, dass

Datum: 19. Februar 2014, 01.14 Uhr Von: Bernd Lucke An: Bundesvorstand AfD Betreff: Könnte sich der Buvo bitte beteiligen?

„Liebe Freunde, ich fühle mich ein wenig allein gelassen. Wir haben einen großen Parteitag vor uns. Wir wollen unsere Satzung erneuern. Dafür habe ich Ihnen einen Entwurf geschickt mit der Bitte, ihn als Bun- desvorstandsmitglieder zu unter- stützen. Termin war Dienstag 24.00 Uhr. Außer Frau Casale hat keiner es für nötig gehalten, zu antworten. … Ich bitte Sie als Buvo-Mitglieder, die Vorlagen, sofern Sie einverstan- den sind, auch zu unterstützen.“

ihn diese Sorge nicht umtreibt. Für Gau- land ist die AfD ein Abenteuerspielplatz. Er wurde in der alten, krachkonservativen Hessen-CDU groß, die sich in den Achtzi- gerjahren neben Franz Josef Strauß als letzte Bastion im Kampf gegen den Sozia- lismus sah. Später wurde auch Gauland ruhiger, führte ein beschauliches Leben als Herausgeber der „Märkischen Allgemei- nen“ und zog nach Potsdam. Er schrieb zitatensatte Bücher über das Leben als Konservativer. Die AfD hat den politischen Haudegen Gauland wachgeküsst. Wenn man mit ihm spricht, dann wird klar, dass Lucke zu ei- nem Getriebenen seiner eigenen Partei ge- worden ist. Lucke wollte den rechten Rand bedienen, weil es dort Stimmen zu holen gibt. Für Gauland ist der rechte Rand die Heimat. Er ist Überzeugungstäter. In Brandenburg liegt der Ausländeran- teil bei zwei Prozent, dennoch machte der AfD-Spitzenkandidat Gauland im Land- tagswahlkampf die Angst vor Überfrem- dung zum großen Thema. Politik hat für ihn nichts mit der Realität zu tun, sondern mit dem Gefühl der Leute. Wenn Bran- denburger und Sachsen Angst vor der Scharia haben, dann will Gauland sie ih- nen nicht nehmen, sondern damit spielen. Frauke Petry sieht das ähnlich. Gauland schätzt Lucke, das ist nicht die Frage. Er sieht ja, wie sich der Profes- sor abmüht. Lucke trinkt am liebsten Orangensaft, während Gauland manchmal schon zum Mittagessen zwei Viertel Rosé trinkt. Er sieht Lucke als „Kontrollfreak“, als eifrigen Referenten für die Europolitik, klug und beredt, dem aber das letzte Quäntchen Ruchlosigkeit fehlt. Gauland und Petry haben auch keine Scheu, die merkwürdigen Gestalten zu ho- fieren, die sich montags in der Dresdner Innenstadt versammeln und unter dem Na- men Pegida durch die sächsische Haupt- stadt ziehen. „Unsere natürlichen Verbün- deten“ nennt Gauland sie. Petry lädt die Pegida-Organisatoren gar zum Treffen mit ihrer Fraktion ein. Beide nehmen in Kauf, dass mit dieser Bewegung wirre Verschwö- rungstheorien in die AfD Einzug halten. Auch Lucke will die Pegida-Leute als Wähler. Deren Thesen seien doch gar nicht so schlimm, mailt er am 10. Dezember an Vertraute. „Solange Pegida zu diesen For- derungen steht (und sich nicht von Rechts- radikalen instrumentalisieren lässt), gibt es für die AfD keinen Grund, diese Leute auszugrenzen.“ Nur einen Kritikpunkt sieht er: „Was sie allerdings unbedingt tun sollten: Ihren törichten Namen ändern.“ Doch anders als Petry und Gauland will Lucke nicht, dass die Pegida-Ideologien in die Partei sickern. Die Populisten sollen AfD wählen, nicht in der AfD mitmischen. Lucke will mit dem Teufel paktieren, aber nicht nach Schwefel riechen.

FOTO: SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS

FOTO: SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS Privatmann Lucke in seinem Arbeitszimmer* „Es ist keine Schande, sich

Privatmann Lucke in seinem Arbeitszimmer* „Es ist keine Schande, sich ein paar Butterstullen mitzubringen“

Das Treffen mit der Basis sei nötig, weil ihn Vorstandskollegen öffentlich demon- tiert hätten. „Die Rufschädigung, die von manchen Kreisen in der Partei betrieben wird, will ich nicht tatenlos hinnehmen. Ich werde weiter auf öffentliche Äußerun- gen verzichten, aber ich will zumindest mit unseren Funktionsträgern im geschlos- senen Kreis sprechen können. Deshalb lade ich zu einer Kreisvorsitzendenkonfe- renz ein.“ Gauland, Petry und drei andere Spit- zenleute der AfD schicken Lucke darauf- hin am Neujahrstag eine Protestnote, die einer Abrechnung gleichkommt: „Wir schreiben Ihnen heute aus Sorge um die Einheit der Partei, die so wichtig für die politische Landschaft in Deutschland ist. Jenseits von CDU und an der Stelle der FDP braucht es eine bürgerliche Partei. Eine zweite Chance wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben. Und, lieber Bernd Lucke, betrachten Sie es als Kompliment:

Was Sie im richtigen Moment mit weni- gen Mitstreitern gegründet haben, ist eine veritable, große Partei geworden. Es ist also nicht mehr nur Ihre Partei, wie Sie es oft betonen, sondern die von Zigtau- senden.“ Lucke, so heißt es in dem Schreiben, könne die Partei nicht mehr nach Guts- herrenart führen. Aber es geht nicht nur um Stilfragen. Gauland und Petry machen Lucke deutlich, dass es ihnen nicht reicht, nur um rechte Wähler zu werben. Sie

es ihnen nicht reicht, nur um rechte Wähler zu werben. Sie Video: Die Lucke-Mails spiegel.de/sp42015afd oder

Video:

Die Lucke-Mails

spiegel.de/sp42015afd

oder in der App DER SPIEGEL

A m 1. November 2014 verfasst Lucke eine Rundmail an die

Basis, die mit den Verschwörungs- theorien aufräumen soll, die in sei- ner Partei umlaufen. „Liebe Freun- de“, schreibt er an die AfD-Spre- cher, „hier mein Textvorschlag … Wir lehnen jede Form des politi- schen Extremismus ab, jede Form von Ausländerfeindlichkeit, jede Form der religiösen Intoleranz und jede Diskriminierung von Minder- heiten. Und wir lehnen alles das

ab, was in zweifelhaften Internet- quellen als grundsätzliche System- kritik oder Aufdeckung vermeint- licher Verschwörungen daher- kommt.“ Lucke zählt die kruden Ideen auf, die bei den AfD-Anhän- gern kursieren. Er schreibt:

„Angeblich müsse unser Wirt- schaftssystem zusammenbrechen, weil es Zins und Zinseszins gebe. Angeblich werde die Bundesregie- rung durch den Verschwörerkreis der sogenannten Bilderberger ge-

steuert … Angeblich seien ame- rikanische Banken oder andere Bösewich- ter die Strippenzieher des Weltgeschehens und die demokratischen Regierungen des Westens nur deren Marionetten … Angeb- lich sei die Bundesrepublik Deutschland als Staat nicht existent, sondern eine in Frankfurt am Main registrierte GmbH.“ Die AfD müsse klarstellen, dass solche Ansichten grober Unfug und nicht Teil der Parteiprogrammatik seien. Doch sogar sol- che Selbstverständlichkeiten wollen Lu- ckes Vorstandskollegen nicht mehr aus- sprechen. Sie könnten ja Wählerstimmen kosten. Wenig später, auf einer Klausur- tagung in Regensburg, stoppen die Vor- standskollegen Luckes Vorstoß. Lucke erkennt, dass ihm die Macht in der AfD entgleitet. Er setzt alles auf den Parteitag Ende Januar, der die Satzung ganz auf ihn als alleinigen AfD-Chef zu- schneiden soll. Wenn sich die Vorstands- kollegen verweigern, will er eben die AfD- Basis direkt als Verbündete gewinnen. Am 23. Dezember lässt Lucke den Bundesvor- stand wissen, dass er zur Vorbereitung des Parteitags alle AfD-Kreisvorsitzenden zum Treffen nach Frankfurt einladen wird. Die Vorstandskollegen könnten ja dazustoßen. Gauland und Petry sind empört. Sie be- fürchten, dass Lucke es so schaffen könnte, die nötige Zweidrittelmehrheit für die Sat- zungsänderung zu erreichen. Wütende An- rufe gehen hin und her, Gauland und Petry werfen Lucke vor, den Vorstand übergan- gen zu haben. Doch Lucke bleibt hart. An Heiligabend schreibt er erneut eine Mail an die Parteispitze.

wollen die ganze AfD nach rechts verschieben:

„Wir haben durch die letzten Wahlen unsere Parteibasis enorm verbreitert. Es sind Menschen zu uns gestoßen, die nicht allein Al- ternativen zum Euro suchen, son- dern auch zu vielen anderen Fehlentwicklungen in unserem Land. Es sind Menschen, die Zu- wanderung nicht allein nach wirt- schaftlichen Notwendigkeiten, sondern auch im Sinne einer kul- turellen Verträglichkeit gesteuert sehen möchten. Es sind Men- schen, die eine islamische Über- fremdung fürchten, und solche, die sich ein europäisches Haus nicht gegen Russland wünschen. Dies alles, lieber Bernd Lucke, sind Themen, die eine Persön- lichkeit allein nicht glaubwürdig repräsentieren kann, vor allem dann nicht, wenn sie diese nicht inhaltlich vertritt.“ Kurz: Lucke möge sich in sei-

ne Euro-Nische trollen. Der AfD-Frontmann steht mit dem Rü- cken zur Wand. Am 11. Januar kommt es zu einem Geheimtreffen in Berlin. Lucke bringt seine letzten prominenten Unter- stützer mit, Hans-Olaf Henkel und den Berliner Landeschef Günter Brinker. Ihm gegenüber haben Petry, Gauland und der EU-Abgeordnete Marcus Pretzell Platz ge- nommen. Misstrauen und Ablehnung sit- zen so tief bei den Kontrahenten, dass sie das Satzungsthema anfangs gar nicht an- sprechen. Stunden später trennt man sich ohne Ergebnis. In der Partei werden nun Kompromisse gesucht, die das Gesicht aller Beteiligten

wahren. Denkbar ist eine Doppelspitze aus Lucke und Petry, mit dem vagen Verspre- chen, Lucke bekomme später den alleini- gen Parteivorsitz. Auf keinen Fall will Lucke die Partei Gauland und Petry überlassen, die aus ihr eine Heimat für Nationalkonservative, aber auch für Eiferer und Verirrte machen wol- len. Aber wer sich durchsetzt, ist ungewiss. Längst mobilisieren beide Lager ihre Trup- pen, Petry subventioniert ihren Mitgliedern gar die Anreise zum Parteitag. „Ich hoffe auf Ihre zahlreichen Buchungen, damit un- ser Landesverband in Bremen stark ver- treten ist und wir erfolgreich für unsere Satzungspositionen kämpfen können“, mailt ihr Generalsekretär den Mitgliedern. Lucke merkt, wie einsam es um ihn ge- worden ist. Öffentliche Kritik sei er ge- wohnt, schreibt er im Dezember an den Vorstand: „Aber ich nehme doch ent- täuscht zur Kenntnis, dass nirgendwo ein einziger Funktionsträger der AfD aufge- treten ist, der mich öffentlich verteidigt

hätte.“

Melanie Amann, René Pfister

* Im April 2014 in seinem Wohnhaus in Winsen an der Luhe.

FOTO: CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL

FOTO: CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL „So sind die Menschen“ SPIEGEL-Gespräch Finanzminister Wolfgang Schäuble, 72,

„So sind die Menschen“

SPIEGEL-Gespräch Finanzminister Wolfgang Schäuble, 72, über komplizierte Politik in Zeiten des Euro, wachsende Fremdenfeindlichkeit und die Zuversicht des Demokraten

SPIEGEL: Herr Minister, mit einem Bundes- haushalt ohne neue Schulden, der soge- nannten schwarzen Null, haben Sie Ihr po- litisches Lebenswerk eigentlich vollendet. Schäuble: Dann brauchen wir das Gespräch ja nicht mehr zu führen, oder? SPIEGEL: Doch, wir fragen uns nämlich, warum Sie das nicht ausgiebig feiern. Es ist immerhin das erste Mal seit 1969, dass so etwas einem Bundesfinanzminister ge- lungen ist. Freuen Sie sich gar nicht? Schäuble: Ich freue mich sehr wohl, aber ich triumphiere nicht. Wir haben gehalten, was wir nicht zuletzt im Wahlkampf ver- sprochen haben. Gute Politik und günstige Umstände sind zusammengekommen, und jetzt haben wir die schwarze Null schon 2014 geschafft, ein Jahr früher als geplant. Das muss der Anfang sein für viele weitere Jahre ohne neue Schulden. Das ist Pflicht. SPIEGEL: Manche europäischen Partner ver- stehen so einen Satz eher als Drohung. Schäuble: Wieso denn das? Wir halten uns an die Regeln, die dem Euro Halt geben.

Zu diesen Regeln gehört, dass der Schul- denstand 60 Prozent der Wirtschaftsleis- tung nicht übersteigen soll. Wenn wir so weitermachen, werden wir Ende 2017 erst unter 70 Prozent liegen. SPIEGEL: Feiern Sie auch deshalb nicht, weil Deutschland nicht noch mehr als Muster- schüler in Europa dastehen soll? Schäuble: Gerade wenn es einem gut geht, sollte man zurückhaltend sein. Deutsch- land ist nicht der Musterschüler, wir halten uns nur an die Regeln … SPIEGEL: … was viele andere Eurostaaten derzeit nicht schaffen. Schäuble: Denen rate ich, es auch zu tun, weil es gut wäre für diese Länder – und damit auch gut für uns alle in Europa. SPIEGEL: Insbesondere in Griechenland gel- ten deutsche Ratschläge vor allem als Schläge. Schäuble: Auch die Politiker in Griechen- land müssen darauf achten, dass sie nicht vor der Wahl mehr versprechen, als sie hinterher halten können.

SPIEGEL: Syriza, die Partei, die gute Chan- cen auf den Wahlsieg hat, fordert in ihrem Programm einen Schuldenschnitt, also ei- nen Verzicht vor allem staatlicher Gläubi- ger auf Rückzahlung der gewährten Kre- dite. Ist das so ein uneinlösbares Wahl- kampfversprechen? Schäuble: Diese Frage stellt sich nicht. Das Land hat große Fortschritte gemacht, die griechische Wirtschaft wächst schneller als die in vielen anderen Eurostaaten. Grie- chenland hat mit seinen Schulden derzeit kein Problem, weil die Zinsen für unsere Kredite bis 2020, im Fall der EFSF-Kredite sogar bis 2023 gestundet werden. Die Per- spektiven sind wahrlich nicht schlecht. Das inzwischen wieder angesprungene Wachs- tum in Griechenland in Verbindung mit ei- ner soliden Haushaltslage kann die Schul- denquote rasch sinken lassen. Der IWF sieht Griechenland bis Ende des Jahrzehnts bei einem Schuldenstand von 112 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die nächste Regie- rung muss auf diesem eingeschlagenen

Deutschland

Weg weitergehen und sich an die Verein- barungen halten. All das ist schließlich im Interesse der Griechen. Sie tun es ja nicht für uns, sondern für sich selbst. SPIEGEL: Wenn Syriza das nicht will, kann sie sich auf den Ausgang einer freien, de- mokratischen Wahl berufen. Zählt das nicht? Schäuble: Ich bin nicht Teil des griechischen Wahlkampfs. SPIEGEL: Das sind Sie sehr wohl. Schäuble: Ich bin deutscher Politiker … SPIEGEL: … und europäischer. Schäuble: Die Griechen führen ihren Wahl- kampf, wir respektieren das Ergebnis. SPIEGEL: Was zählt mehr, der demokratische Mehrheitswille oder die Regeln und ver- traglichen Absprachen, auf die sich alle Eurostaaten verpflichtet haben? Schäuble: Europa beruht auf dem Prinzip der Freiheit, auch der Freiheit, Mitglied zu werden, zu sein und zu bleiben. Es be- ruht auf dem Respekt vor den anderen, aber auch auf dem Respekt vor Regeln und getroffenen Absprachen, die wir alle ein- halten sollten. SPIEGEL: Haben die Griechen unter diesen Umständen am 25. Januar überhaupt eine freie Wahl? Schäuble: Natürlich. Die griechischen Wäh- ler sind frei. Sie und ihre Politiker wissen um die Verantwortung, die sie für ihr Land tragen. SPIEGEL: Herr Schäuble, Sie überblicken vier Jahrzehnte Politik. Früher hätte sich doch niemand in Deutschland oder Frank- reich für die griechische Innenpolitik in- teressiert. Was hat sich verändert? Schäuble: Die Globalisierung hat die euro- päischen Staaten viel enger zusammenge- führt, als man sich das vor 25 oder 30 Jah- ren hätte denken können. Kein Land allein könnte dem Wettbewerbs- und Problem- druck allein noch standhalten. Der Euro ist der sichtbarste Ausdruck dafür, wir sind durch die Gemeinschaftswährung viel mehr verflochten als früher. SPIEGEL: Wenn also griechische oder spani- sche Probleme auch deutsche sind, gibt es dann nicht auch ein Recht auf Einmi- schung, vielleicht sogar eine Pflicht dazu? Schäuble: Es gibt die Pflicht, alle Europäer, auch die Deutschen, immer wieder an eines zu erinnern: Wer den Wohlstand und den Sozialstaat in Europa schützen will, der muss permanent an der eigenen Wettbewerbs- fähigkeit arbeiten. Nur wenn wir unseren Rang in der Welt halten, können die euro- päischen Staaten finanzieren, was ihren Bür- gern wichtig ist. Das verdrängt, wer in dieser Lage die Stabilitätsregeln für den Euro ein- fach abschütteln will, weil sie innenpolitisch unangenehm oder umstritten sind. SPIEGEL: Wie verändert das die Möglichkei- ten, Politik zu machen? Früher schaute Ih- nen nur die Opposition auf die Finger, jetzt auch andere Regierungen in Europa, ganz zu schweigen von den Finanzmärkten.

FOTO: CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL

Deutschland

Schäuble: Das macht die Sache natürlich nicht einfacher. Was ist die Rolle nationa- ler Regierungen und Parlamente heute? Diese Frage stellt sich. Jeder in Europa ist von den Entscheidungen der anderen di- rekt betroffen. Deshalb haben zum Bei- spiel andere Eurostaaten ständig eine Mei- nung zu dem, was die Bundesregierung tut, und sie äußern sie auch öffentlich. Das ist eine legitime europäische Debatte. SPIEGEL: Ist das europäische Innenpolitik? Schäuble: Ja, so kann man es nennen. SPIEGEL: Sind Sie in dieser Lage heute we- niger frei zu gestalten als früher? Schäuble: Demokratisches Handeln ist na- türlich immer eingegrenzt, und das ist ja auch gut so. Unter den veränderten euro- päischen Bedingungen wird das allerdings auf neue Art augenfällig. Nehmen Sie den

schen weiß sehr wohl, wie sehr unser Land von Europa profitiert. SPIEGEL: Eine Partei wie die AfD, die mehr oder minder für das Gegenteil von Welt- offenheit und Veränderungsbereitschaft steht, hat erheblichen Zulauf. Schäuble: Das mag sein, aber was heißt das? Ich bekämpfe die AfD politisch. Aber in der Demokratie sind abweichende Mei- nungen keine Beleidigung für eine Regie- rung, sondern ganz selbstverständlich. Es ist doch nicht neu, dass sich bestimmte Gruppen öffentlich gegen Zuwanderung stellen. Das war schon so, als nach dem Krieg Millionen Flüchtlinge aus den ehe- maligen Ostgebieten kamen. Und es war so, als Oskar Lafontaine, damals SPD- Vize, nach dem Fall der Mauer plötzlich die Reisefreiheit und den Zuzug aus der

„Die Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen gehört zu einem weltoffenen, sich wandelnden Deutschland dazu.“

Mindestlohn oder die Steuergesetzgebung. In einem integrierten Europa müssen Sie immer auch mitdenken, wie Ihre nationale Regelung umgangen werden kann. Das be- deutet ganz konkret, dass zum Beispiel das Bankgeheimnis in seiner traditionellen Form keinen Bestand haben konnte. Auf der anderen Seite könnte man auf rein na- tionaler Ebene sowieso nicht mehr wirk- sam die Finanzmärkte regulieren. Da ist die europäische Integration ein Segen. Sie macht uns erst handlungsfähig. SPIEGEL: Vielen geht diese Integration zu weit, sie fürchten, dass sich gewohnte Zu- sammenhänge in einem größeren Ganzen auflösen, das ihnen zu anonym erscheint. Schäuble: Aber es ist objektiv so, dass die Möglichkeiten, rein national zu handeln, viel beschränkter sind als früher. SPIEGEL: Es stört die Leute trotzdem. Schäuble: Ich weiß das. Früher lebten die Menschen in meiner Heimat, dem Schwarz- wald, in einzelnen Tälern, ohne viel von- einander wissen zu wollen. Das Leben war in vielerlei Hinsicht begrenzt. In diese Zei- ten will natürlich niemand zurück. Aber viele Menschen, auch in Deutschland, seh- nen sich heute nach lokaler, regionaler oder nationaler Geborgenheit. Das hat seine gu- ten Seiten, wenn die Menschen sich zum Beispiel für die Geschichte und die Kultur ihrer Stadt oder Heimatregion interessie- ren. Schlecht wird es, wenn diese Gefühle in Ressentiments gegen alles Neue oder vermeintlich Fremde umschlagen. SPIEGEL: Das passiert doch gerade vielfach. Schäuble: Ich habe großes Vertrauen in die Deutschen, ihre Weltoffenheit und ihre Veränderungsbereitschaft. Seien Sie nicht so verzagt. Die große Mehrheit der Deut-

* Christian Reiermann, Nikolaus Blome im Finanzmi- nisterium in Berlin.

untergehenden DDR beschränken wollte. Das war der nackte Populismus, und er hatte eine erhebliche Zustimmung in den Umfragen dafür. Aber da hält man einfach Kurs und setzt am Ende das Richtige durch. SPIEGEL: Jetzt geht es um den Zuzug aus fremden Kulturen. Das ist ein Unterschied. Schäuble: Diese Zuwanderung auch aus anderen Kulturkreisen gehört zu einem weltoffenen, sich stetig wandelnden Deutschland dazu. Natürlich gibt es immer Kräfte, die eine Verweigerung von Gegen- wart und Zukunft predigen. Aber das ist doch irrational, wo bleibt denn da die Zu- versicht in die Zukunft? SPIEGEL: Verzweifeln Sie jetzt doch an den Deutschen? Schäuble: Überhaupt nicht. Ich habe als In- nenminister die Islamkonferenz gegründet, und am Anfang haben die meisten gesagt:

Jetzt spinnt er endgültig. In solchen Run- den muss man mit allen Seiten sehr viel reden und sie immer wieder zusammen- bringen. Aber das schafft am Ende die Ba- sis, auf der Muslime und Christen in ihrem gemeinsamen Deutschland miteinander friedlich leben können. SPIEGEL: Die Islamkonferenz hat gerade erst wieder getagt, aber das Misstrauen gegen

hat gerade erst wieder getagt, aber das Misstrauen gegen Schäuble, SPIEGEL-Redakteure* „Kein Grund, zu

Schäuble, SPIEGEL-Redakteure* „Kein Grund, zu verzweifeln“

den Islam scheint auch schon vor den Pa- riser Morden eher gewachsen zu sein. Schäuble: Der Islam in Europa ist eine Herausforderung, für den Islam selbst und für die europäischen Gesellschaften. Der freiheitliche Staat beruht in Deutschland und Europa auf dem Prinzip der weltan- schaulichen Neutralität. Das ist eine abend- ländische Errungenschaft. Wir müssen dem Islam helfen, sich diese Errungen- schaft zu eigen zu machen. Das ist ein Schlüssel für die hier lebenden Muslime, um sich besser einzupassen in die Maßstä- be der hiesigen Gesellschaften. SPIEGEL: Wie erreicht Ihr Appell zur gegen- seitigen Anpassung eine Gruppe wie die Dresdner Pegida-Demonstranten, die da- mit überhaupt nichts mehr zu tun haben wollen, weil sie weder den Politikern noch den Medien trauen? Schäuble: Ich glaube an die Kraft freiheit- licher Diskussionen und der Selbstverge- wisserung der Demokraten, die wir gerade nach den Anschlägen von Paris in Frank- reich, aber auch in Deutschland erleben. Wir sehen doch, wie viele Menschen für diese Freiheit und Offenheit auf die Straße gehen. Das ist in Wirklichkeit die so oft zitierte „schweigende Mehrheit“. Die ist nicht für Pegida oder die AfD, sondern dagegen. Und sie zeigt sich jetzt auch öf- fentlich, weil sie das Gefühl hat, es ist an der Zeit. Die Demokraten stehen immer dann zusammen, wenn sie herausge- fordert werden. Das macht mich zuver- sichtlich. SPIEGEL: Haben Sie nicht dennoch das Ge- fühl, ein bestimmtes Milieu ist gegenwärtig leichter als früher erreichbar für eine Ver- weigerung von Gegenwart und Zukunft, wie Sie es nennen? Schäuble: Deutschland geht es insgesamt so gut wie ganz lange nicht. Aber so ist es eben: Was glückt, wird schnell vergessen oder irgendwie selbstverständlich. Immer wenn es den Menschen gut geht, wollen sie festhalten, was ihnen so gefällt. Und sie sind leichter ansprechbar für Populisten, die ihnen versprechen, alles könnte von nun an so bleiben, wie es ist. Neu scheint mir, dass solche Gruppen viel härter für ihre Interessen kämpfen und sich manch- mal dabei auch nicht um demokratische Mehrheitsentscheidungen oder Gerichts- urteile scheren. Da muss die Mehrheit, muss die Politik dann Grenzen setzen. SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür? Schäuble: Es hat auch mit der Alterung un- serer Gesellschaft zu tun, denke ich. Eine wachsende Zahl der Älteren ist heute mehr oder weniger frei von materiellen Sorgen, und darum machen sich manche eben an- dere Sorgen. So sind die Menschen, so ist die menschliche Existenz. Aber das ist kein Grund, darüber zu verzweifeln. SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

FOTOS V.L.N.R.: THIBAULT CAMUS / AP / DPA; GUIDO BERGMANN/ BPA / REUTERS; YURI KOCHETKOV / DPA; TIM BRAKEMEIER / PICTURE ALLIANCE / DPA

Bitte Abstand halten!

Symbole Angela Merkels Aufstieg ist auch eine Geschichte der Emanzipation von der männlichen Umarmung.

Das Gegenbild zu Chirac bildete George W. Bush. Eigentlich verstand sie sich nicht schlecht mit dem amerikani- schen Präsidenten, aber für die Kameras produzierte er die Bilder, die sie zurück- versetzten in die unseligen Kohl-Jahre. Bush knuffte und drückte, dass sich Merkel kaum zu wehren wusste. Auf dem G-8-Gipfel im Jahr 2006 in Russland verpasste er ihr im Vorbeigehen eine unerwünschte Nackenmassage. Merkel

V ergangenen Sonntag ging ein Bild Angela Merkels um die Welt. Es zeigt die Kanzlerin, wie sie im Arm

von Frankreichs Präsident François Hol-

lande liegt. Ihre Augen sind geschlossen, sie neigt ihm den Kopf zu. Es ist ein Foto, das auch deshalb Wirkung entfaltet, weil es so unwahrscheinlich erscheint: die deut- sche Kanzlerin, vereint in einer innigen, fast Trost suchenden Geste mit einem Kol- legen? Bisher musste man ihre Karriere eher als eine Geschichte der

Emanzipation von der männ- lichen Umarmung lesen. Merkels Aufstieg begann in der Ära Kohl, es war für sie keine leichte Zeit. Da- mals entstand der Ausdruck „Kohls Mädchen“, und zu ihm passten die Bilder: Kohls riesige Hand, die in einer Mischung aus Anmaßung und Schutz auf ihrer schmalen Schulter ruht. Sie musste sich erst mühsam vom Image der hilfsbedürftigen Frau befrei-

en, um ins Kanzleramt auf- steigen zu können. In der Politik wie im Berufs- leben gibt es so etwas wie die Hierarchie der Berührung. Wer Chef ist, der darf drü- cken und umarmen, das selbstverständliche Über- schreiten einer intimen Gren- ze ist auch Beleg dafür, dass man sich über Regeln, die für andere gelten, hinwegsetzen kann. Vom Herrscher geherzt zu werden hat als Ehre zu gel- ten; umgekehrt muss der Herrscher genau darauf ach- ten, nicht als Opfer einer ungehörigen An- näherung dazustehen. Merkel hatte da als Frau ein doppeltes Problem. Einerseits steht ihr nicht das Repertoire der Kumpelhaftigkeit zur Ver- fügung, auf das männliche Regierungschefs wie selbstverständlich zurückgreifen kön- nen. Andererseits ist sie nur 1,67 Meter groß; das macht es für Männer leicht, sie zum Mädchen herunterzutätscheln. Zu Beginn von Merkels Kanzlerschaft im Jahr 2005 lernte sie zwei Pole des männ- lichen Umgangs kennen: Den einen bildete Jacques Chirac, der sie mit einer etwas an- tiquierten Gockelhaftigkeit umschwärmte. Der französische Präsident ergriff ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf.

Schon schwieriger ist es, sich der Do- minanz zu entziehen, die im Gewand der Fürsorglichkeit daherkommt. Mer- kels Leute können sich immer noch über Putin echauffieren, der der Kanzlerin bei einer Open-Air-Show im Jahr 2013 in Sankt Petersburg eine Decke über die Schulter legte und damit signalisierte:

Der starke Mann Russlands kümmert sich um die schlotternde, hilfsbedürfti- ge Merkel.

Die Machogeste ist aller- dings keine Spezialität Putins. Die Bilder von Merkel und Ba- rack Obama dokumentieren ei- nen zähen Abwehrkampf der Kanzlerin. Ständig ist sie dabei, sich mit einem unverwüstli- chen Lächeln den anstürmen- den Obama von der Pelle zu halten. Es gelingt nicht immer:

Während des G-20-Gipfels in Cannes 2011 packte Obama Merkel um die Schultern und drückte sie an sich. Merkel hasst das. Umso interessanter

also die Frage: Wie konnte das Bild mit Hollande entstehen? Das Video des Auftritts in Paris erzählt eine andere Ge- schichte als das Foto. Man sieht eine Kanzlerin, die mit stoischer Miene erträgt, wie Hollande seine Hand auf ihre Schulter packt. Merkel scheint sich nicht sehr wohl zu fühlen und nickt den Fotografen zu, als wollte sie sagen: So, jetzt ist mal gut. Erst ganz zum Schluss neigt sie Hollande den Kopf zu, und es ist nicht ganz klar, ob sie eine zarte Geste machen oder endlich dem zupackenden Griff des Präsidenten entkommen will. Davon erzählt das Bild nichts, im Ge- genteil. Als der Fotograf abdrückt, hat Merkel für einen Augenblick die Augen geschlossen, vor allem das verleiht dem Moment diese Innigkeit. Im Kanzleramt heißt es nun, Merkel habe Gespür für die Emotionalität des Mo- ments gezeigt. Merkel war nach Paris ge- reist, um für die Opfer der Terroranschläge zu trauern. Das mag stimmen. Aber viel- leicht ist es wie so oft in der Politik. Es kam nicht so schlecht an, dass Merkel sich von einer anderen, weichen Seite gezeigt hat. Also wird die Aussage eines Schnapp- schusses zur Strategie erklärt. René Pfister

zur Strategie erklärt. R e n é P f i s t e r Politikerin Merkel
zur Strategie erklärt. R e n é P f i s t e r Politikerin Merkel
zur Strategie erklärt. R e n é P f i s t e r Politikerin Merkel
zur Strategie erklärt. R e n é P f i s t e r Politikerin Merkel

Politikerin Merkel mit Hollande, Obama, Kohl, Putin* Zum Mädchen heruntergetätschelt

machte dazu die Miene eines Mädchens, dem der Klassenlümmel den Zopf ins Tintenfass getunkt hat. Merkel hat Strategien entwickelt, sich der unerwünschten Annäherung zu ent- winden. Zieht sie ein Kollege zu sich heran, geht instinktiv ihre linke Hand nach oben und schafft so Distanz. Es gibt inzwischen viele Fotos, die diese Methode zeigen. Russlands Präsident Wladimir Putin durfte sie genauso kennenlernen wie Chiracs Nachfolger Nikolas Sarkozy. Der allerdings war auch deshalb leichter zu handhaben, weil er so klein ist wie Merkel.

* Am 11. Januar in Paris; 2011 in Cannes; 1994 in Bonn; 2013 in Sankt Petersburg.

Zentrale der National Security Agency (NSA) in Fort Meade
Zentrale der National Security Agency (NSA) in Fort Meade
NSA-Direktor und Chef des US-Cyberkommandos Rogers (M.)
NSA-Direktor und Chef des US-Cyberkommandos Rogers (M.)

FOTOS: VICTOR J. BLUE/BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES (U.); TREVOR PAGLEN / DPA (O.)

Deutschland

Kontrollierte Eskalation

Überwachung Die Geheimdienste betreiben nicht mehr nur Spionage. Dokumente von Edward Snowden zeigen: Sie wollen die Herrschaft im Internet und bereiten einen digitalen Krieg vor.

N ormalerweise müssen Praktikanten imposante Lebensläufe vorlegen, ehrenamtliche Arbeit in Sozialpro-

jekten macht sich immer gut. Bei „Polite- rain“ verlangt die Ausschreibung andere Neigungen: „Praktikanten gesucht, die Dinge kaputt machen wollen“, heißt es da. Aber Politerain ist auch nicht das Pro- jekt einer konventionellen Firma, sondern des US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA). Oder genauer: das Projekt der NSA-Scharfschützen, der Truppe für maßgeschneiderte Computereinbrüche mit Namen TAO (Tailored Access Operations). Zum Ausforschen fremder Rechner, so wurden Bewerber weiter aufgeklärt, kom- me die „Manipulation und Zerstörung geg- nerischer Computer“. Mit dem Programm „Passionatepolka“ beispielsweise soll man „Netzwerkkarten schrotten“. Programme wie „Berserkr“ und „Barnfire“ („Scheu- nenbrand“) sollen Computer mit einer Hintertür versehen oder zentrale Daten löschen. Und TAO-Praktikanten sollten auch fremde Festplatten unbrauchbar ma- chen. Ziel der Ausbildung sei es, „zu ler- nen, wie ein Angreifer denkt“. Die Job-Ausschreibung ist schon acht Jahre alt, inzwischen ist die Denkweise ei- nes Angreifers für die Datenjäger der NSA zu einer Art Doktrin geworden. Der Ge- heimdienst hat es nicht nur auf die totale Überwachung der Kommunikation im In- ternet abgesehen. Die Digitalspione der sogenannten Fünf-Augen-Allianz aus USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland wollen mehr. Sie planen Schlachten im Internet, um Computernetzwerke lahmlegen zu kön- nen – und damit potenziell alles, was die steuern: Strom- und Wasserversorgung, Fa- briken, Flughäfen oder Zahlungsverkehr. So zeigen es streng geheime Dokumente aus dem Archiv des NSA-Whistleblowers Edward Snowden, die der SPIEGEL exklu- siv einsehen konnte und die SPIEGEL ON- LINE teilweise veröffentlicht. Im 20. Jahrhundert entwickelten Wis- senschaftler sogenannte ABC-Waffen, ato- mare, biologische und chemische. Es dau- erte Jahrzehnte, bis ihr Einsatz reguliert und teilweise geächtet wurde. Für den Krieg im Netz sind nun digitale Waffen entwickelt worden: Für diese D-Waffen gibt es keine internationalen Konventio- nen. Es gilt das Recht des Stärkeren. Der kanadische Medientheoretiker Mar- shall McLuhan hat es kommen sehen, er schrieb bereits 1970: „Der Dritte Weltkrieg

wird ein Guerilla-Informationskrieg sein, ohne Trennung zwischen Militärs und Zi- vilisten.“ Die Spione bereiten sich genau darauf vor. Die U.S. Army, die Navy, das Marine Corps und die Air Force haben eigene Cy- bertruppen aufgebaut; doch die NSA, die eine militärische Behörde ist, spielt längst die Führungsrolle. Nicht umsonst trägt ihr Leiter – seit April 2014 Admiral Michael Rogers – neben dem Titel „DIRNSA“ für „Director of the NSA“ den des Chefs des „Cyber Command“ der US-Streitkräfte. Der ranghöchste Überwacher ist in Per- sonalunion also Chef der Cyberkrieger. Die rund 40000 NSA-Mitarbeiter sind für Spionage und zerstörerische Netzangriffe gleichzeitig zuständig. In der militärischen Sicht auf das Netz ist die Überwachung nur die „Phase 0“ in der Cyberkrieg-Strategie – und internen Unterlagen zufolge die Voraussetzung für alles Folgende: Durch sie sollen die Schwachstellen der gegnerischen Systeme ausspioniert werden. Wenn sie mit „ver- borgenen Implantaten“ infiltriert und mit „permanenten Zugängen“ kontrollierbar sind, ist Phase drei erreicht, die mit „Do- minieren“ überschrieben ist: „Durch die in Phase 0 gelegten Zugänge kritische Sys- teme nach Belieben kontrollieren/zerstö- ren.“ Als kritische Infrastruktur gilt alles, was eine Gesellschaft am Laufen hält:

Energie, Kommunikation, Transport. Ziel, so interne Unterlagen, sei schließlich die „kontrollierte Eskalation in Echtzeit“. In einer NSA-Präsentation heißt es:

„Der nächste größere Konflikt wird im In- ternet beginnen.“ Die US-Regierung treibt die Aufrüstung mit enormem Aufwand vo- ran. Laut dem unveröffentlichten Haushalt für die US-Geheimdienste wurde 2013 für die Stärkung des Angriffspotenzials in Sachen Computer-Netzwerk-Operationen über eine Milliarde Dollar veranschlagt. Allein für „unkonventionelle Lösungen“ wurden zusätzlich 32 Millionen in den Etat gestellt. Zuletzt tauchten Schadprogramme auf, die Experten aufgrund etlicher Indizien der NSA und der Fünf-Augen-Allianz zu- geschrieben haben: „Stuxnet“ beispiels- weise zum Angriff auf das Atomprogramm Irans. In Deutschland machte gerade „Re- gin“ Furore, ein leistungsfähiger Schnüf- feltrojaner, der auf dem USB-Stick einer ranghohen Mitarbeiterin der Bundeskanz- lerin gefunden worden war. Auch beim Angriff auf die EU-Kommission 2011 und

auf die belgische Telekom-Firma Belgacom war Regin im Einsatz (SPIEGEL 1/2015). Der Gefahr, nichts ahnend Opfer eines Datenangriffs zu werden, ist jeder Inter- netnutzer ausgesetzt. Denn Spione können routinemäßig fast jede Firewall knacken; auf manchen Rechnern herrscht ein munteres Kommen und Gehen diverser Eindringlinge; auch in Facebook-Chats wird eingebrochen und kopiert mithilfe von Programmen wie „Quantumdirk“; und zum Abtransport brisanter Daten kön- nen die Handys Unbeteiligter missbraucht werden. In diesem Guerilla-Krieg um Informa- tionen wird kaum zwischen zivil und mili- tärisch unterschieden, wie die Snowden- Dokumente zeigen. Jeder Websurfer kann mit seinen Daten und seinem Rechner einen Kollateralschaden erleiden. Und soll- te eine D-Waffe wie Barnfire aufgrund ei- nes Programmierfehlers die Steuerzentrale eines Krankenhauses „schrotten“, wären selbst jene betroffen, die nicht einmal ein Mobiltelefon besitzen. Die Geheimdienste haben für ihre Netz- operationen die Devise der „plausible de- niability“ ausgegeben, die Attacken müs- sen sich glaubwürdig leugnen lassen. Wer für einen Angriff verantwortlich ist, soll nicht nachweisbar sein. Ein atemberaubender Ansatz, denn die Digitalspione unterlaufen damit vorsätz- lich das Fundament aller Rechtsstaaten. Sie machen das Internet zu einem rechts- freien Raum, in dem die Großmächte und deren Geheimdienste nach Gutdünken operieren, ohne dafür zur Verantwortung gezogen werden zu können. Zur Kerntruppe der NSA zählen jene Männer und Frauen, die in Fort Meade im Bundesstaat Maryland unter dem Code- namen S321 im Remote Operations Center (ROC) arbeiten, dem Zentrum für fernge- steuerte Einsätze. Der ROC-Trupp sitzt in der dritten Etage eines der NSA-Hauptge- bäude. Angefangen hätten sie als „ein Hau- fen Hacker“, erinnert sich ein NSA-Mann in einem Bericht aus dem Snowden-Archiv. „Spontan improvisiert“ habe man zunächst; inzwischen gestalteten sich die Abläufe „systematischer“. Schon bevor die NSA- Führung die ROC-Mannschaft im Sommer 2005 massiv verstärkte, hieß deren Motto:

„Deine Daten sind unsere Daten, deine Ge- räte sind unsere Geräte.“ Die Agenten mit diesem erstaunlichen Eigentumsbegriff sitzen rund um die Uhr im Schichtbetrieb vor ihren Monito-

FOTO: BARTON GELLMAN / GETTY IMAGES

FOTO: BARTON GELLMAN / GETTY IMAGES NSA-Aussteiger Snowden: „Einen neuen internationalen Verhaltenskodex schaffen“

NSA-Aussteiger Snowden: „Einen neuen internationalen Verhaltenskodex schaffen“

ren. Wie nahe die NSA der angestrebten „globalen Netzvorherrschaft“ schon ge- kommen ist, zeigt sich vor allem in der Arbeit der Abteilung „Transgression“. Das kann man mit dem deutschen Wort „Über- schreitung“ übersetzen; im religiösen Kon- text aber auch mit „Sünde“. Die Aufgabe der Abteilung ist das Auf- spüren und Analysieren fremder Cyber- attacken – und im besten Fall das Abschöp- fen der Erkenntnisse konkurrierender Geheimdienste. Diese Form der „Cyber- Gegenspionage“ gehört zum Delikatesten im Agentenwesen. Das Archiv von Edward Snowden ge- währt nicht nur Einblicke in das digitale Angriffspotenzial der USA selbst, sondern auch in das von anderen Staaten. Die Transgression-Mitarbeiter können dafür auf jahrelange Vorarbeit und Erfahrungen zurückgreifen – und auf Datenbanken, in denen sie die Schadprogramme und Angriffswellen anderer Staaten katalogi- sieren. Den Snowden-Unterlagen zufolge ha- ben die NSA und ihre Fünf-Augen-Partner in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Cyberattacken aus anderen Staaten für ihre eigenen Zwecke genutzt. Schon 2009 galt es, fremde Angriffe „zu ent- decken, zu verstehen, zu bewerten“. In ei- nem anderen Dokument heißt es: „Stehlt ihre Werkzeuge, ihr Know-how, ihre Opfer und ihre Ergebnisse.“ Im Jahr 2009 bemerkte eine NSA-Ein- heit einen Dateneinbruch bei Mitarbeitern des US-Verteidigungsministeriums. Die Abteilung spürte daraufhin eine IP-Adres- se in Asien auf, die als Kommandozentrale der Angriffe fungierte. Am Ende der de- tektivischen Arbeit gelang es den Ameri- kanern nicht nur, China als Ausgangspunkt der Ausspähung zu lokalisieren: Sie griffen auch die Spionageergebnisse aus anderen chinesischen Raubzügen ab – darunter die elektronische Beute bei den Vereinten Na- tionen. Seither las man in Fort Meade mit,

was die Chinesen an Interna aus der Uno abzweigten. „Die NSA kann sich in die chinesische Aufklärung einklinken“, heißt es in einer internen Erfolgsmeldung aus dem Jahr 2011. Die Praxis, andere Dienste spionieren zu lassen und sich deren Erkenntnisse an- zueignen, wird „Fourth Party Collection“ genannt. Alle Länder, die nicht zur Fünf- Augen-Allianz gehören, gelten als poten- zielle Ziele für diese „nicht traditionelle“ Methode – also auch Deutschland. Dank der Fourth Party Collection konn- te die NSA, Snowden-Dokumenten zufol- ge, in den vergangenen zehn Jahren zahl- reiche Fälle der Datenspionage aufspüren, viele davon aus China und Russland. So enttarnte die für „maßgeschneiderte Zu- gangsoperationen“ zuständige Abteilung TAO mit der Hilfe von IP-Adressen zu- nächst die Steuerungsrechner in China und arbeitete sich von dort aus zu den Draht- ziehern in der Volksbefreiungsarmee vor. Ihre Gegner hätten es ihnen dabei durchaus schwer gemacht, berichten die US-Spione:

Sie hätten mit wechselnden IP-Adressen gearbeitet, „schwierig zurückzuverfolgen, schwer anzugreifen“. Letztendlich sei es ihnen dennoch gelungen, „zentrale Router auszubeuten“. Kniffliger war es wohl, den Spieß um- zudrehen und die Angreifer selbst zu atta- ckieren. Erst nach langem „Waten durch uninteressante Daten“ drangen die Ame- rikaner auf einen Rechner eines hoch- rangigen chinesischen Militärs vor – und ergatterten sogar Angaben zu geplanten Zielen in der US-Regierung, weiteren in- ternationalen Regierungen und den Quell- code chinesischer Schad-Software. Diesen Operationen stehen allerdings auch chinesische gegenüber. Aus den Snowden-Unterlagen geht die NSA-inter- ne Schadensbilanz von vor ein paar Jahren hervor. Demnach gab es mehr als 30000 erkannte Zwischenfälle allein im Bereich des US-Verteidigungsministeriums; mehr

als 1600 seiner Netzwerkrechner seien ge- hackt worden. Der Aufwand für die Scha- densabschätzung und den „Wiederaufbau“ des Netzwerks wird mit einer erstaunlich hohen Summe angegeben: mehr als hun- dert Millionen Dollar. Zu den betroffenen „sensiblen Militär- technologien“ gehörten Zeitpläne für die Luftbetankung von Flugzeugen, das mili- tärische Logistikplanungssystem, Raketen- Navigations-Systeme der Marine, Informa- tionen zu Atom-U-Booten, Raketenabwehr und weiteren hochgeheimen Rüstungspro- jekten. Von der Gier, alles wissen zu wollen, sind freilich nicht nur Chinesen und Ame- rikaner, Russen und Briten getrieben:

Schon vor Jahren fielen den US-Diensten auch Dateneinbrüche aus Iran auf – sie ana- lysierten sie unter dem Codewort „Voyeur“. Hinter der Angriffswelle „Snowglobe“ dürften Franzosen gesteckt haben. Mittlerweile läuft die Suche nach frem- den Cyberattacken und deren Abwehr bei der NSA und den Fünf-Augen-Partnern weitgehend automatisiert. Das System „Tutelage“ kann Angriffe erkennen und dafür sorgen, dass sie das Opfer gar nicht erreichen. In den Snowden-Unterlagen werden als Beispiele nicht nur chinesische Angriffe ge- nannt, sondern auch die relativ simple „Low Orbit Ion Cannon“ (LOIC). So heißt eine Schad-Software, mit der etwa die Be- wegung „Anonymous“ missliebige Web- sites unerreichbar macht. In diesem Fall, heißt es in einem Dokument, könne Tute- lage die IP-Nummern der Rechner erken- nen, von denen die Überlastungsangriffe ausgingen, und diese wiederum blockieren. Die NSA vermag inzwischen auch die Verteidigung in einen Angriff zu verwan- deln: „Umnutzen und nachbauen“ heißt die- se Methode. Dabei geht es um sogenannte Botnetze, die mitunter aus Millionen Rech- nern von Privatpersonen bestehen, auf de- nen eine Software eingeschmuggelt wurde. So lassen sie sich als Teil einer „Zombie-Ar- mee“ fernsteuern, um etwa Firmen lahmzu- legen und zu erpressen. Statt diese Botnetze zu stoppen und die ahnungslosen Opfer zu warnen, versklaven NSA-Programme wie „Quantumbot“ und „Defiantwarrior“ („Trot- ziger Krieger“) sie teils für eigene Zwecke. Diese Zombie-Rechner seien ideal als „nicht zurückverfolgbare Wegwerfknoten für Netzangriffe“. Statt private Internet- nutzer zu schützen, missbraucht Quantum- bot sie als menschliche Schutzschilde, um eigene Attacken zu tarnen. Die Spezialisten des Remote Operations Center besitzen eine ganze Palette von di- gitalen Nachschlüsseln und Brechstangen, um selbst in die bestgeschützten Rechen- zentren einzudringen. Sie geben ihren Werkzeugen brachiale Namen, als böte man sie in einem App-Store für Cyber-

kriminelle an: „Hammerchant“, erlaubt das Mitschneiden von Internettelefonaten (Voip), „Warriorpride“ bietet eine Art uni- verselles Software-Esperanto, das alle fünf Partnerdienste verwenden, unter anderem für Einbrüche in iPhones. Und mit „Fox- acid“ lassen sich kleine Schadprogramme, sobald sie sich auf fremden Rechnern ein- genistet haben, aus der Ferne mit immer neuen Funktionen aufrüsten. Als Projekt- logo dient ein Fuchs, der schreiend in ei- nem Säurebad aufgelöst wird. Die NSA will sich, wie üblich, zu operativen Details nicht äußern, beteuert aber, dass man sich strikt an die Gesetze halte. Doch so raffiniert die Waffen des Cy- berkriegs auch sein mögen – im Durch- leuchten und Knacken fremder Netze lau-

ert ein Paradox: Wer garantiert, dass nicht auch die Geheimdienste selbst Opfer ihrer eigenen Methoden werden können, zum Beispiel durch private Hacker, Kriminelle oder andere Geheimdienste? Um die Schadprogramme zu steuern, sind die ROC-Spione mit ihnen verbun- den – und das geschieht über eigene, ab- geschottete Netze, durch welche hochsen- sible Telefonmitschnitte, Angriffsprogram- me und Passwörter schwappen. Der Anreiz, hier einzubrechen, ist enorm. Wo immer geheimes Herrschafts- wissen konzentriert liegt, diese Zugangs- informationen und VPN-Schlüssel sind sein hochpotentes Konzentrat. Wer über sie verfügt, kann Konten plündern, mili- tärische Aufmarschpläne durchkreuzen, Jagdbomber nachbauen, Kraftwerke ab- schalten. Globale Netzvorherrschaft eben. Aber die Welt der Geheimdienste ist schizophren: Die NSA soll das Netz ver-

teidigen und gleichzeitig seine Sicherheits- lücken ausnutzen; Räuber und Gendarm sein, Bock und Gärtner. Ganz nach dem unter Spionen gängigen Motto: „Enthülle ihre Geheimnisse, schütze deine eigenen.“ Auf einigen gehackten Servern geht es deshalb zu wie in einem Taubenschlag, Ge- heimdienste geben sich die Klinke in die Hand, es herrscht ein Kommen und Gehen, von dem die rechtmäßigen Besitzer keinen Schimmer haben. Als würde die Polizei ungerührt bei der Plünderung eines Super- markts zuschauen. Es ist absurd: Die Spitzel werden bei ih- ren Raubzügen ständig von anderen Spit- zeln beim Spitzeln bespitzelt. Also ver- suchen sie routinemäßig, ihre Spuren zu beseitigen oder falsche zu legen.

Technisch gesehen läuft das Legen fal- scher Spuren durch die ROC-Mitarbeiter unter anderem so ab: Nach dem Eindrin- gen in fremde Rechner folgt die Exfiltra- tion, also der Rücktransport der erspitzel- ten Daten. Dabei wird die Beute nicht direkt an die Internetadresse des ROC geleitet, sondern an einen sogenannten Sündenbock-Empfänger („Scapegoat“). Geklaute Informationen können so auf den Servern von Gegnern landen, womit diese dann am Pranger stehen. Natürlich hat das NSA-System, bevor die Daten als Ablenkungsmanöver beim Sün- denbock landen, die Daten unterwegs ab- gefangen, kopiert und zum ROC geschickt. Derlei Vertuschungstaktiken bergen das Risiko einer kontrollierten oder unkontrol- lierten Eskalation zwischen den Diensten. Freilich müssen es gar nicht unbedingt die Rechner sein, die systematisch ge- knackt, ausgespäht oder für Botnetze miss-

Deutschland

braucht werden. Auch Mobiltelefone wer- den für den Datenklau am Arbeitsplatz benutzt. Das unwissende Opfer, dessen Handy mit einem Spionageprogramm in- fiziert worden ist, schmuggelt dann die Beute aus dem Büro hinaus, woraufhin sie auf dem Heimweg per Funk abgegriffen wird. Die Digitalspione verhöhnen die Schmuggler wider Willen im Slang von Drogendealern als „ahnungslose Daten- maultiere“. Sie fühlen sich sicher dabei. Weil sie für die mächtige NSA arbeiten und weil sie praktisch keine Spuren hinterlassen, die gerichtsfest wären. Und wo es keinen Schuldbeweis gibt, kann es auch keine Strafjustiz geben, keine parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste, keine inter-

nationalen Abkommen. Bislang sind die Risiken und Nebenwirkungen der neuen D-Waffen noch kaum bekannt und gesetz- lich kaum reguliert. Edward Snowden hat enthüllt, wie die Geheimdienste der Welt, allen voran die NSA, sich bemühen, das Internet zu einem rechtsfreien Raum zu degradieren. Der Aussteiger macht sich inzwischen große Sorgen, dass für die NSA die „Verteidigung eine viel geringere Priorität hat als der An- griff“ – so formulierte er es in einem vorige Woche veröffentlichten Interview mit dem US-Sender PBS. Snowden will das nicht hinnehmen und forderte schon vor Monaten: „Wir müssen einen neuen internationalen Verhaltens- kodex schaffen.“

Jacob Appelbaum, Aaron Gibson, Claudio Guarnieri, Andy Müller-Maguhn, Laura Poitras, Marcel Rosenbach, Leif Ryge, Hilmar Schmundt, Michael Sontheimer

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Deutschland

Das große Fasten

Konsum Glutenfrei, zuckerfrei, laktosefrei: Das gestörte Verhältnis vieler Verbraucher zum Essen ist auch die Folge einer hysterischen deutschen Ernährungspolitik. Von Alexander Neubacher

deutschen Ernährungspolitik. Von Alexander Neubacher Salz-Gegner Lauterbach: „Lieber Spott ertragen als früh

Salz-Gegner Lauterbach: „Lieber Spott ertragen als früh sterben“

I n der Leipziger Nikolaistraße hat kürz- lich ein Supermarkt eröffnet, der mit seinem schmalen Angebot wirbt. Es

gibt kein Fleisch, keinen Fisch, keine Milch, keine Butter, keinen Käse, keinen Joghurt, keine Eier, keinen Honig. Die Produkte aus dem Kühlregal werden als „laktosefrei“ angepriesen, die bescheidene Auswahl an Teigwaren als „glutenfrei“, „nussfrei“ oder „fructosearm“. Und auf den Etiketten in der Getränkeabteilung steht, dass schon bei der Herstellung sorgfältig darauf ge- achtet worden sei, weder Gelatine noch Kasein zu verwenden, ein Bindemittel auf Milchbasis. Der Supermarkt richtet sich an hyper-

kritische Konsumenten, für die Ernährung zu einer Art Ersatzreligion geworden ist.

Man trifft auf überzeugte Besseresser, die in Schuldgefühlen versinken, wenn sie ver- sehentlich in ein Stück Pizza gebissen ha- ben. Weißmehl und Zucker betrachten sie als Sünde am Körper. Wer in diesen Krei- sen zum Essen einlädt, sollte frühzeitig mit der Menüplanung beginnen, um allen An- sprüchen gerecht zu werden. Der eine Gast isst womöglich keine Kohlenhydrate, der nächste nur vegan, und der Dritte verträgt kein Salz. Wenn dann auch noch einer mit Zöliakie (Gluten-Unverträglichkeit) am Tisch sitzt, verlegt man sich besser aufs Trinken. Aus Sicht des Lebensmittelhandels han- delt es sich freilich um eine interessante Zielgruppe, denn sie wächst rasant. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie

spricht vom Phänomen der „Orthorexie“, einer Ernährungshaltung, bei der Men- schen gleichsam besessen davon sind, sich gesund zu ernähren. Die weltgrößte Er- nährungsmesse, die „Grüne Woche“ in Berlin, die an diesem Freitag begonnen hat, wurde gleich um zwei Spezialveran- staltungen erweitert: eine Messe nur für Veganer und Vegetarier und eine weitere für „alle, die unter Lebensmittelunverträg- lichkeiten leiden“, wie es im Programm heißt. Laut einer neuen SPIEGEL-Umfrage achten zwei Drittel der Deutschen stärker als früher darauf, sich gesund zu ernähren. Die „Grüne Woche“ wird zeigen, welch große Bedeutung auch die Politik dem Er- nährungsthema inzwischen beimisst. Meh- rere Kabinettsmitglieder haben sich ange-

FOTO: FRANK ZAURITZ/ARCHIV ZAURITZ

FOTO: FRANK ZAURITZ/ARCHIV ZAURITZ Ernährungsminister Schmidt: Mit schwarzer Pädagogik gegen Übergewicht Linkspartei

Ernährungsminister Schmidt: Mit schwarzer Pädagogik gegen Übergewicht

Linkspartei und Bundestagsabgeordnete von der SPD sind auch dabei.

Die „Wir haben es satt“-Initiative ist be- reits seit mehreren Jahren aktiv. Doch ihre Forderungen nach „Saatgutvielfalt“ oder „Förderung regionaler Futtermittelerzeu- gung“ waren eher was für Biobauern und die ganz Überzeugten der Ökoszene. Das änderte sich, als sich die Bewegung der Sache mit dem Chlorhühnchen und dem transatlantischen Handelsabkommen TTIP annahm. Die Aktivisten behaupteten, dass man dem europäischen Verbraucher demnächst chloriertes Geflügel auftischen werde, sollte der Vertrag zwi- schen der Europäischen Union

und den USA in Kraft treten. Was für eine schaurige Vorstel- lung! Chlorhühnchen: Das klingt nicht nach Essen, son- dern nach Sanitärabteilung. Mit dem Chlorhühnchen wird aus einer komplizierten Wirtschafts- und Umweltdebat- te eine einfache Ernährungsfra- ge: Will man das essen? Nicht nur die Umwelt, die Tiere oder die kleinbäuerliche Landwirt- schaft sind gefährdet, sondern die Gesundheit des Verbrau- chers. Es werden Urängste ge- weckt. Bei den Gegnern des Handelsabkommens, allen vo- ran den deutschen Grünen- Politikern im Europaparlament, kamen mehr als eine Million Unterschriften zusammen. Laut einer Forsa-Umfrage für den „Stern“ glaubten plötzlich 56 Prozent der Deutschen, dass im Chlorbad desinfiziertes Geflü- gelfleisch eine Gefahr für die Gesundheit darstelle. „Die Chlorhähnchen sind nur ein

Beispiel von vielen für die Angriffe auf un- sere Qualitätsstandards“, schrieb die grüne Fraktionschefin Rebecca Harms und setzte das Bild eines Hahnes mit der Überschrift „Kein Bock auf Chlor“ auf ihre Facebook- Seite. Es spricht viel dafür, dass das Chlor- hühnchen bei der Demonstration im Ber- liner Regierungsviertel an diesem Wochen- ende wieder eine zentrale Rolle spielen wird. Auch bei der ebenfalls geplanten al- ternativen Ernährungskonferenz, zu der die Grünen in den Bundestag eingeladen haben, steht das Abkommen zum Chlor- hühnchen auf dem Themenzettel. Man kann es den Organisatoren nicht verden- ken, dass sie sich um Dinge kümmern, die die Herzen vieler Menschen bewegen. Dabei ist die Geschichte von der Chlor- huhn-Gefahr eine Mär. Die Unterhändler des Handelsabkommens haben längst an- gekündigt, dass Verbraucherstandards bei der Lebensmittelproduktion nicht aufge- weicht werden sollen. US-Geflügelzüchter, die den europäischen Markt beliefern wol- len, müssen sich demnach auch künftig den europäischen Regeln anpassen. Das Chloren von Hühnchen stellt auch keine Gefahr für die Gesundheit dar. Die europäische Lebensmittelsicherheitsbehör- de EFSA urteilte nach einer Untersuchung vor zehn Jahren, dass im Chlorbad desin- fiziertes Geflügel kein Gesundheitsrisiko darstellt. Zum gleichen Ergebnis kam das Bundesinstitut für Risikobewertung. Bei je- dem Schwimmbadbesuch nehme man grö- ßere Mengen Chlor zu sich, und selbst das sei völlig unschädlich, so die Experten. Wie also kommt die grüne Fraktions- chefin Rebecca Harms auf die Idee, den Bürgern einzureden, Chlorhühnchen stell- ten eine Bedrohung für die Verbraucher dar? Es fällt ja schwer zu glauben, dass sie die Untersuchung der europäischen und

meldet, ebenso Spitzenvertreter aller im Bundestag vertretenen Parteien. Bundes- ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) hat für diesen Samstag rund 70 Amtskollegen aus aller Welt zu einem Gip- feltreffen eingeladen. „Die Messe ist nicht mehr wiederzuerkennen“, sagt Berlins Messechef Christian Göke über die Ent- wicklung, „was es früher gar nicht gab, war der politische Überbau.“ Die Frage, wie sich Menschen ernähren sollten, beflügelt die Fantasie der Politik. Weil das Thema Essen so viele Bürger ver- unsichert, eröffnen sich Gestaltungsräume und Profilierungschancen. Gemeinsam mit Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) betreibt Minister Schmidt eine „Ini- tiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“. Die Bürger sollen zum Bei- spiel im Internet ihren Body-Mass-Index ausrechnen, um zu erfahren, ob sie gegen die Gewichtsnorm verstoßen. Der von der Bundesregierung eingesetzte Sachverstän- digenrat für Umweltfragen und das Umwelt- bundesamt wollen prüfen lassen, ob eine Strafsteuer auf Fett den Verzehr von Wurst, Fleisch und Butter eindämmen kann. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lau- terbach wirbt weiter dafür, Lebensmittel mit einer Farbampel zu kennzeichnen. Rot würde bedeuten: Achtung, zu viel Fett, Zu- cker oder Salz. Die Grünen verpassten sich bei ihrem jüngsten Parteitag sogar das Eti- kett einer „Ernährungspartei“. Doch sind es wirklich die verunsicherten Bürger, die die Politiker vor sich hertrei- ben? Oder liegt es an einer hysterischen Gesundheits- und Ernährungs- politik, dass so viele Verbrau-

cher ein gestörtes Verhältnis zum Essen entwickeln?

Das Märchen vom Chlorhuhn

Die Polizei warnt: An diesem Samstag ist im Berliner Regie- rungsviertel mit Behinderun- gen zu rechnen. Die Straßen zwischen Potsdamer Platz und Kanzleramt werden abgesperrt, viele Zufahrten blockiert. Die Sicherheitskräfte bereiten sich auf einen der größten Protest- märsche seit dem Atomaus- stieg vor. Es geht um „Gutes Essen“, wie es auf dem Flugblatt der Organisatoren heißt. Unter dem Motto „Wir haben es satt“ wollen mehrere Zehntausend Menschen für bessere und ge- sündere Lebensmittel demons- trieren. Etwa hundert Vereine und Verbände rufen dazu auf, sich dem Protest anzuschlie- ßen, die Liste reicht von Attac bis Slow Food Youth Deutsch- land e. V. Die Grünen, die

SPIEGEL-UMFRAGE

24%

der Befragten finden, die Regierung sollte die Steuern auf be- sonders fett- oder zuckerhaltige Lebens mittel erhöhen. 75 % finden das nicht.

91%

der Befragten sind dagegen, solche Lebensmittel per Gesetz zu verbieten. 9 % sind dafür.

TNS Forschung vom 13. und 14. Januar; 1000 Befragte; an 100 fehlende Prozent:

„weiß nicht“/ keine Angabe

FOTO: WIKTOR DABKOWSKI / PICTURE ALLIANCE / DPA

Deutschland

der deutschen Kontrollbehörde nicht kann- te. Und selbst wenn: Man sollte doch an- nehmen, irgendjemand habe ihr bei einer der vielen Chlorhühnchen-Debatten davon erzählt. Tatsächlich ist es nicht leicht, mit Rebec- ca Harms über diese Fragen zu sprechen. Sie sitzt am Schreibtisch in ihrem Brüsseler Fraktionsvorsitzendenbüro und sagt im Wesentlichen zwei zitierbare Sätze. Der erste lautet: „Es geht nicht um Geschmack, sondern um Massentierhaltung.“ Und der zweite: „Ich breche das Interview jetzt ab.“

Vorsicht, Salz!

Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl W. Lauterbach hält nichts davon, den Bürgern zu sagen, was sie essen sollen. Ihm geht es darum, was sie nicht essen sollen. „Das ist ein wichtiger Unterschied“, sagt der SPD- Politiker. „Gute Ernährung bedeutet nicht, das Richtige zu essen, sondern das Falsche zu vermeiden.“ Zum Beispiel Salz. Lauterbach glaubt, dass gesalzenes Essen schlecht für die Ge- sundheit sei. Er selbst ernährt sich aus Angst vor einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall schon seit 1989 praktisch salz- frei, da war er 26 Jahre alt. In den Bäcke- reien gab es damals kaum ungesalzenes Brot, weshalb sich Lauterbach eine Brot- backmaschine aus Japan bestellte. Wenn er ein Restaurant betritt, schärft er dem Kellner ein, dass sein Essen keinesfalls mit Salz in Berührung kommen dürfe. Trotz- dem passiert es, dass man ihm heimlich in Salzwasser gekochte Nudeln serviert in der Annahme, es werde schon nicht so schlimm sein. Doch er lässt sich nicht aus- tricksen. Fleisch isst Lauterbach schon seit 1987 nicht mehr, da war er sogar erst 24. Er ar- beitet derzeit an einem Buch, in dem es auch um den Zusammenhang zwischen Fleischverzehr und Krebs geht. Sein Ver- dacht ist, dass Fleisch und Wurst hochge- fährliche Viren enthalten: „Die Viren ver- mehren sich im Darm und vergrößern das Risiko, dass dort Krebs entsteht“, sagt Lau- terbach. Früher sei er wegen seiner Ernährungs- regeln häufig ausgelacht worden, sagt Lau- terbach. Dass er aus Prinzip in keine Brat- wurst beißt, kam bei der SPD-Basis in sei- nem Kölner Wahlkreis erst mal nicht gut an. Dass er den Genossen dann auch noch empfahl, statt billiger Fertigsoßen lieber eine selbst gemachte Marinade aus hoch- wertigem Olivenöl („kalt gepresst“) und frischen Kräutern („wegen der Polypheno- le“) aufs Grillgut zu streichen, machte die Sache nicht besser. „Lieber Spott ertragen als früh sterben“, habe er sich dann immer gesagt. In Wahrheit findet es Lauterbach nicht schlimm, wenn man ihn in Ernährungsfra- gen für elitär hält. Es geht ihm auch darum,

Wunsch … in dem 66% dung“ Politik tenzen der Befragten achten heute stärker als noch
Wunsch …
in dem
66%
dung“
Politik
tenzen
der Befragten achten
heute stärker als
noch vor einigen
Jahren darauf, sich
gesund zu ernähren.
34% tun das nicht.
TNS Forschung für den SPIEGEL vom
13. und 14. Januar; 1000 Befragte
… und
Wirklichkeit
Was in deutschen
Kantinen* am liebsten
gegessen wird
rium.
1 Currywurst
mit Pommes
Gebackener
2 Seelachs
3 Lasagne
halten
Bolognese
* vom Anbieter Apetito;
Quelle: Apetito Menü-Charts 2013
F1ONLINE

Willensstärke zu beweisen. Als er vor 25 Jahren be- schloss, kein Salz mehr zu es- sen, gab es noch nicht viele seriöse Studien, die auf den möglichen Nutzen einer sol- chen Diät hingedeutet hät- ten. Aber das spornte ihn eher noch an. Ihn interessier- te, ob es überhaupt möglich sein würde, eine Ernährungs- weise durchzuhalten, die ra- dikal mit den üblichen Ess- gewohnheiten bricht. Lauter- bach erweckt gern den Ein- druck, als setze er sich einer lebenslangen Charakterprü- fung als Fastenmönch aus. Auf Lauterbachs Liste ge- fährlicher Lebensmittel ste- hen viele Produkte, von de- nen der „medizinische Laie“ keine Ahnung habe, wie Lau- terbach sagt. Orangensaft zum Beispiel. „Dieser gilt als gesund, enthält aber genauso viel Zucker wie Cola.“ Auch Vollkornbrot sei wegen des hohen Salzgehalts gefähr- licher, als viele glaubten. Schon ein paar Schnitten pro Tag erhöhten bei Risikoper- sonen den Blutdruck und da- mit die Gefahr, ein Leben lang Medikamente einneh- men zu müssen. Lauterbach wirbt bei sei- nen Parteifreunden dafür, sich stärker als bislang um

Antrag von Union und SPD,

mehr „Ernährungsbil- gefordert wird: „Die kann die Menschen

darin unterstützen, Kompe-

zur Ausprägung eines

eigenen gesundheitsfördern- den und nachhaltigen Le- bensstils zu erwerben.“ Die SPD hat hier Nachhol- bedarf, findet Lauterbach. Ihr werde vom Wähler kei- ne Kompetenz zugemessen, aber Lauterbach hält sich po- litisch wie fachlich für geeig- net, die Lücke zu schließen.

Dickes Deutschland

Ob die Bürger zu dick sind, erfahren sie bei einem Test auf den Internetseiten der Bundesregierung. „Sich

selbst richtig einzuschätzen ist nicht immer einfach, heißt es beim Gesundheitsministe-

„Um einen realisti-

schen Eindruck davon zu be- kommen, kann hier der eige- ne Body-Mass-Index (BMI) berechnet werden.“ Auf ei- ner Homepage des Ernäh- rungsministeriums kann man dann sein Gewicht und seine Körperlänge eingeben und

ein paar Fragen zum Essver-

beantworten; schon

stellt der Computer die Di-

agnose. Sollte beim Selbsttest ein

das Thema „gesundes Essen“ zu kümmern. Bei der Klausurtagung der SPD-Bundestagsfraktion vorige Woche stand Ernährung unter der Überschrift „Themen, die die Bürgerinnen und Bürger bewegen“ bereits auf der Tagesordnung. Vergangenen Donnerstag debattierte der Bundestag dann über einen gemeinsamen

BMI-Wert zwischen 18,5 und 24,9 herauskommen, ist alles in Ordnung. Das ist der Normalbereich. Ein BMI zwi- schen 25 und 30 hingegen bedeutet Über- gewicht, also: Vorsicht! Ist der BMI über 30, gilt der Betroffene als adipös, also fett- leibig. Hier schlägt das Programm Alarm. Auf der Homepage taucht ein Warnhin- weis auf: „Sie haben hohes bis starkes Übergewicht.“ Dem Betroffenen wird ge- raten, einen Arzt aufzusuchen. Es folgt eine Reihe von Diäthinweisen. Man kann sich den Zettel ausdrucken. Der Body-Mass-Rechner auf der Regie- rungs-Homepage steht beispielhaft für die neue schwarze Pädagogik in der Ernäh- rungspolitik. Anstatt die Bürger zu gesund- heitsförderlichem Verhalten zu ermun- tern – 3000 Extraschritte täglich, fünfmal Obst –, setzt die Regierung nun auch auf Schockeffekte und Abschreckung. Nun würde niemand bestreiten, dass ex- tremes Übergewicht tatsächlich ein Ge- sundheitsrisiko darstellt. Es ist unter Ex- perten allerdings sehr umstritten, ob der BMI ein geeignetes Maß dafür ist. Ob ein Körper aus vielen Muskeln oder aus viel Fett besteht, macht bei