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Donnerstag, 21.

Januar 2010 Wochengespräch  13

zung, Drogenhandel, nicht integrations- auch nicht, mit dem Köppelschen Zah- stellvertretend für sie steht – sie stehen
willig bis hin zu Mord, Flucht, Gefängnis. lenjonglieren kann ich nichts anfangen. im Mittelpunkt. Etwas in der Zeitung über
Die Medien sind voll davon. Dann gibt es Aber es ist schon – (Pause) schwierig. Azem ist etwas in der Zeitung über sie.
Person B, Azem Maksutaj: Wächst im Ko-
sovo auf, bleibt alleine unten ohne Vater, Sie besuchen zusammen mit Ihrem Zurück zum Filmemachen: Sie ha-
kommt irgendwann in die Schweiz, trai- Hauptdarsteller auch Schulklassen. ben, zusammen mit Ihrem Filmpart-
niert, geht gleichzeitig arbeiten für die El- Da kommt der Lehrer raus. Ich weiss wie ner Nicolò Settegrana, Ihre eigene
tern, wird Schweizermeister und inner- ich auf die Kinder wirke, ich weiss wie Produktionsfirma gegründet. Des
halb von drei Jahren Weltmeister, kauft ausländische Lehrer auf die Kinder wirken Films wegen? Oder auch, um später
mit achtzehn die Schule seines Trainers ab können, vor allem auf Kinder mit Migra- vielleicht andere, fremde Projekte zu
und macht sie bis heute zur erfolgreichs- tionshintergrund. Du wirst völlig anders ­realisieren?
ten Thai-Box-Schule der Schweiz. – Beide, angeschaut, wenn du ein «-vic» bist. Mir Ja und Ja. Wir mussten die Firma gründen,
A und B, stammen aus demselben Dorf im gegenüber wird keiner von denen frech, weil wir Zusagen hatten, mit so viel Geld
Kosovo. Es wäre toll gewesen, einen Film während ich beob- muss man sich absi-
zu machen mit beiden parallel: Es ist eine achte, dass sie es chern, alles andere
Eins-zu-eins-Gegenteil-Story, Ying und bei Schweizer Leh- «Das ist nichts ande- wäre völlig unver-
Yang, Schwarz und Weiss, was auch im- rern sind. Warum? antwortlich: Meh-
mer, im Bereich von: «Kosovare kommt in Weil ich als «-vic» res als der Wunsch, rere 100'000 Fran-
die Schweiz und wird Thai-Boxer.» im direkten Bezug dazuzugehören.» ken auf das eige-
zu ihren Eltern ste- ne Privatkonto ein-
In den Medien wird doch eher die An- he, während sie den zahlen, und wenn
sicht verbreitet, Albaner hauten öf- Schweizer Lehrer bloss als Lehrer kennen, es schief geht, jahrelang abstottern – uns
ter drein. nicht aber in ihrem familiären Alltag. blieb keine Wahl. Wir wussten aber auch,
Dreimal in der Woche gebe ich Turnun- dass wir über den Azem-Film hinaus zu-
terricht an einer Winterthurer Oberstu- Dieser Bezug ist der, sagen wir, didak- sammenarbeiten wollen. So gesehen ist es
fe. Ich habe das Gefühl, die Schule ist im- tische Ansatz bei Ihren Schulbesu- auch eine Investition in die Zukunft.
mer Abbild der Gesellschaft. Sowohl auf chen?
der Lehrerebene als auch bei Eltern und Es geht darum, diesen Kids etwas zu bie- Sie vertreiben Ihren Film selbst.
Kids. Und ich habe das Gefühl, dass die- ten, wo sie sagen können: «Wow, das ist Weil wir niemanden gefunden haben, der
se neue Generation von Kosovo- oder Al- wirklich einer zum Anfassen. Wir haben das so gut kann wie wir. Das heisst: Weil
baner-Kids im Durchschnitt viel weniger einen Film gesehen, und die sind jetzt da, es keinen Verleiher gibt, der bereit gewe-
radikal wird. Als ich vor 10 Jahren an- aber die haben genau gleich angefangen sen wäre, für den Film das gleiche Enga-
fing, war die Anzahl derer, die fast kein wie wir.» Wir haben uns früher auch über gement an den Tag zu legen wie wir.
Deutsch konnten, die nur untereinander Fussball und andere Sportevents definiert.
Albanisch gesprochen haben und über- Das ist nichts anderes als der Wunsch da- Wie geht der Vertrieb voran?
haupt nicht integriert waren, innerhalb zuzugehören, Selbstvertrauen zu haben, Es ist immer die Frage wie viele Kopien man
der Klasse viel grösser. Das ist eine Ent- auch etwas zu bedeuten. Es wird etwas von einem Film hat – so eine 35-mm-Kopie
wicklung, die mich sehr freut. Ich weiss ernst genommen, über etwas geredet, was aus dem Labor ist ziemlich teuer. Momen-
tan haben wir vier Kopien, die gestaffelt in
acht Deutschschweizer Kinos gezeigt wer-
den. Mit 5'000 Zuschauern hätten wir un-
ser persönliches Ziel erreicht.

Und in Zukunft, werden Sie beim Dok-


Film bleiben?
Wenn ich einen Film mache, interessiert
mich eine Geschichte. Es gibt immer ver-
schiedene Arten, diese zu erzählen. Wenn
es spannend ist und die Leute sich daran
erinnern, ist das Medium im Prinzip se-
kundär. Gerade plane ich, zusammen mit
Gabriel Vetter, ein Spielfilmdrehbuch.

Worum wird es in diesem Film


­gehen?
Im weit gefassten Sinne dreht es sich ums
Thema Krankenhaus, Krankheiten. Es
wird sicher ein Drama, das in einer mit-
telgrossen Stadt spielt, vielleicht basie-
Tomislav Mestrovic und Nicolò Settegrana beim Dreh zu «Being Azem». Foto: Zvg rend auf wahren Begebenheiten.