Sie sind auf Seite 1von 1

20

MEINUNG&DEBATTE

Neuö Zürcör Zäitung

Mittwoch, 4. März 2015 Nr. 52

SEITENBLICK

Der ideologische Diskurs der Geschlechter

Milosz Matuschek

Folgende Alltagsszene: Eine Frau beleidigt ihren Mann laut- hals in der Fussgängerzone. Die ersten Passanten verlangsa- men ihre Schritte, wenden sich ihnen belustigt zu. Bald schon schubst sie ihn, die ersten Schläge folgen. Die Passanten lachen nun, im Cafe´ schüttelt man vergnügt den Kopf. Der Mann duckt sich abwehrend weg. Gleiche Szene, nur mit ver- tauschten Rollen: Nun ist es der Mann, der die Frau lauthals beleidigt. Die Passanten bleiben stehen, schauen skeptisch. Dann wird auch der Mann handgreiflich, schubst die Frau vor sich her. Zu Schlägen kommt es nicht, schon nach fünf Minu- ten wird der Mann von Passanten überwältigt. Sie lehnen Gewalt grundsätzlich ab? Und doch wirkt die Gewaltanwendung durch die Frau eher legitim als die des Man- nes. Die Frau erscheint uns als tendenziell schwächer, als geeig- neteres Opfer als der Mann. Wir sehen hier die gleiche Szene doppelt. Einmal live und ein zweites Mal durch die Brille eines Weltbildes, das wir als Grundeinstellung abgespeichert haben, um zwischen gut und böse zu unterscheiden. Statistisch ge- sehen ist übrigens der Mann häufiger Opfer von Gewalt. Unser Gehirn liebt derartige Vereinfachungen. Es bietet uns als erste Reaktion in Entscheidungssituationen eine Welt- deutung an, die plausibel ist, kognitiv leicht verdaulich – und oft verzerrt. Es ist, als würden wir der Stimme eines Naviga- tionsgerätes folgen. Das Kartenmaterial hingegen, das ihm zu- grunde liegt, benutzt grobe Koordinaten. Unser Gehirn merkt sich am liebsten, was laut, spektakulär und negativ ist. Ein Test:

Woran denken Sie zuerst, wenn Sie an Kolumbien denken? An guten Kaffee oder an Kokain und Bandenkriege? Diese «Verfügbarkeitsheuristik» ist ein Beispiel für intuiti- ves, schnelles Denken in Form einer Abkürzung. Scheinbar mühelos und blitzschnell erreichen wir ein gefühlt richtiges Ergebnis. Hilfreich war diese Fähigkeit vor allem, wenn man in Urzeiten einem Säbelzahntiger begegnete. Der Nachteil:

Auf dem Boden der Denkfaulheit gedeihen ideologische Weltdeutungen besonders munter. Das ideologische Häpp- chen «flutscht» kognitiv eben besser als die mehrseitige, sper- rige Excel-Tabelle mit den Realdaten. Auch unsere Vorstellung von Mann und Frau und ihrem Verhältnis zueinander ist immer noch ideologisches Sperr- gebiet. Frauen sind in der heute kulturell dominierenden Deutung des Feminismus unterdrückte Subjekte, die Opfer eines Patriarchats und zudem latent von sexuell übergriffigen Männern bedroht («Rape Culture»). Männer hingegen, stets auf Sieg und Wettbewerb programmiert, werden gerne als rücksichtslos, gefühlskalt und aggressiv porträtiert. Für Auto- rin Karen Duve («Warum die Sache schiefgeht») sind Män- ner pauschal Psychopathen, Egoisten und Autisten. Der Be- weis? Allen Ernstes Satan, Darth Vader, Investmentbanker und Physiker des Cern. Ein Aufschrei folgte nicht. Duve absolvierte, nahezu ohne dass ihr widersprochen wurde, meh- rere TV-Auftritte. Die gesellschaftliche Grundeinstellung war ihr Freund. Ebenso denkfaule Zuschauer. Wir schreiben das Jahr 2015. Die Errichtung eines gefühlt «richtigen» Weltbildes be- günstigt Heuristiken, kalibriert Moral und verteilt einseitig Empathie. Die Unterrepräsentanz von Frauen in Aufsichts- räten und Vorstandsetagen schaffte es so zu einem drängen- den Gerechtigkeitsproblem. Für teilweise existenzielle Pro- bleme von Buben und Männern bleibt da recht wenig übrig, dabei geht es immerhin um ADHS, Alkoholismus oder eine gegenüber Frauen um etwa fünf Jahre verkürzte Lebenserwar- tung bei dreimal höherer Suizidrate. Das Projekt der Moderne ist mehr als eine in Jahreszahlen skalierbare Errungenschaft. Genau wie gute individuelle Entscheidungen scheint es uns eine wiederkehrende geistige Anstrengung abzuverlangen, damit wir nicht der Verführung des einfachen Weltbildes unterliegen. Denken verbraucht mehr Energie als Fühlen. Wie beim Anfahren am Berg droht man bei nachlassendem Kraft- aufwand zurückzurollen. Der Moderne fehlt in der Steigung die Handbremse. Wie aufgeklärt sind wir wirklich?

.............................................................................................................................

Milosz Matuschek ist Jurist und Publizist. Von Paris und Berlin aus bloggt er zudem als «Dr. Strangelove» für die NZZ.

der Westschweiz auslösen, sondern auch den Bund zum Eingreifen veranlassen, da dieser den Kantonen nötigenfalls den Unterricht in einer 2. Landessprache in

z. B. zum Übergang von der Primar- in die Oberstufe, Massnahmen beim Um- zug von Familien in den und aus dem Kanton usw. Der Aufwand und die Kos-

der Primarschule vorschreiben kann. ten wären sehr hoch, und Chaos und

Dieser Schritt sollte im Interesse aller Beteiligten vermieden werden, um eine politische Eskalation abzuwenden. Für den Fall, dass sich Nidwalden am 8. März tatsächlich ab Schuljahr 2015/16 für die Verlegung einer Fremdsprache auf die Oberstufe entscheiden würde,

Improvisation wären programmiert. Dies sind nur einige von vielen Gründen, weshalb wir klar die Weiter- führung der heutigen Sprachenstrategie mit zwei Fremdsprachen auf der Pri- marstufe befürworten. In unseren Au- gen ist es sinnvoller, gemeinsam lang-

MEINRAD SCHADE; «KRIEG OHNE KRIEG – WAR WITHOUT WAR», VERLAG SCHEIDEGGER UND SPIESS. AUSSTELLUNG FOTOSTIFTUNG WINTERTHUR AB 7.3.2015

FOTO-TABLEAU: RUSSLAND – KRIEG OHNE KRIEG 3/5

«Mutter Heimat ruft» heisst die gigantische Statue, die sich auf einem in der Schlacht um Stalingrad bitter umkämpften Hügel erhebt. Wenn die Russen am 9. Mai den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland feiern, pilgern die Menschen in Scha- ren dorthin; derweil hat der Fotograf Meinrad Schade die Figur vor einem dramatischen Spiel aus Licht und Wolkendunkel in Szene gesetzt. Wie eine böse Ironie der Geschichte mutet an, dass eine «Schwester» der Statue ausgerechnet in Kiew steht.

ZUSCHRIFTEN VON LESERINNEN UND LESERN

..................................................................................................................................................................................................................................................................

Blocher, der «Schwizischwatzi»

Es ist rührend, dass Bundesrat Ueli Maurer der Delegiertenversammlung seiner Partei zurief, es brauche Mut, hin- zustehen und eine eigene Meinung zu haben – den Delegierten ausgerechnet der SVP, deren Vizepräsident Christoph Blocher dem Bundesrat vorwirft, er wolle die Schweiz aufgeben und «schlei- chend» der EU ausliefern (NZZ 2. 3. 15). Der EU Schritt für Schritt näher zu kommen, entspricht unserer Gewohnheit, gute Lösungen von Proble- men zu «erdauern» – ein spezifisch schweizerisches Verbum der deutschen Sprache. Dass Brüssel meint, man schaf- fe ein vereintes Europa mit Bürokratie statt mit Ausdauer, ist ein bedauerlicher Irrtum, der nicht nur Schweizer beküm- mert, aber viele Eidgenossen zu hoch- mütigen Verächtern einer Union Euro- pas und zu grimmigen Eigenbrötlern macht. Seit Jahren verpasst Christoph Blo- cher keine Gelegenheit, die EU zu schmähen und Eidgenossen, die in ihr ein grosses, schwieriges Werk sehen, das noch lange in Arbeit sein wird, zu verun- glimpfen. Vor Jahren verhöhnte er die Politik der Freisinnigen als Wischiwa- schi, heute ist er der «Schwizischwatzi».

Robert Schneebeli, Zürich

Bevölkerung gegen Limmattalbahn

Eine Klarstellung zum NZZ-Bericht über die Einigung des Dietiker Stadtrats mit der Limmattalbahn AG (NZZ 24. 2. 15): Nicht Dietikon lenkt bei der Linienführung der Limmattalbahn ein, sondern einzig und allein der Dietiker Stadtrat. Wie letzte Woche in einem Mediencommunique´ mitgeteilt wurde, sprechen sich gemäss einer repräsentati- ven Umfrage in Schlieren und Dietikon über 60 Prozent der Bevölkerung gegen den Bau der Limmattalbahn aus. Hof- fentlich werden durch diese neue «Lö-

sung» noch mehr Bürgerinnen und Bür- ger ihren Standpunkt zum Thema «Grossbaustelle Dietiker Stadtzentrum» überdenken und im Herbst bei der kan- tonalen Abstimmung den Bau der Lim- mattalbahn zu verhindern wissen.

Bruno Pfister, Dietikon

Der Dietiker Stadtrat zieht die Einspra- che gegen die Linienführung der geplan- ten Limmattalbahn zurück. Dabei lehnt

Bahnhof Glanzenberg wird nicht be- dient. Neben dem Flaschenhals Bahnhof Dietikon sind noch weitere Knackpunk- te beim Löwenplatz, bei der Reppisch- brücke und bei der «Bunkerkreuzung». Mit der einen Hand will man einen für die Fussgänger bis auf die viel zu steile Südrampe ausreichenden Durchgang zur Limmat «verbessern» und mit der an- dern Hand eine millionenteure Unter- führung auf der Höhe Wolfsmattstrasse wegen der Limmattalbahn zur Hälfte un-

die Mehrheit der Dietiker Einwohner benutzbar machen. Selbst Liegenschaf-

(bestätigt durch die neuste Umfrage) das unnötige und teure Bahnprojekt ab. Es wird an der Limmattaler Bevölkerung

ten werden zum Abbruch aufgekauft, um Platz zu schaffen. Die nicht voll aufgerechneten Investi-

vorbeigeplant. Denn das Limmattal ist tionskosten werden nicht gerne ange-

schon heute gut durch den öffentlichen Verkehr erschlossen. Und das S-Bahn- Angebot wird nächstens noch erweitert. Falls das Verkehrswachstum so gross

sprochen, von den Folgekosten nicht zu reden. Ist das Projekt realisiert, sind die ehemaligen Steuerpersonen nicht mehr greifbar. Die Ausschaltung der Gewal-

wird, wie der Kanton prognostiziert, tentrennung ist auch klar ersichtlich,

werden die Verkehrsprobleme 2030 mit diesem unreifen Projekt nicht gelöst. Zu bedauern ist auch, dass nicht vor- gesehen ist, dass die Stimmbürger des Kantons Zürich an der Urne über dieses Milliarden-Projekt entscheiden können. Das ist keine direkte Demokratie. Des- halb haben wir den Dietiker Stadtrat er- sucht, eine Konsultativabstimmung in der Stadt Dietikon zur Frage «Wollt ihr diese Limmattalbahn?» durchzuführen. Aber vor dem Abstimmungsresultat hat der Stadtrat Angst. Wir sind gegen das ungehemmte Wachstum, gegen den Dichtestress, ge- gen weitere Überbauungen und somit gegen diese unnötige und teure Bahn im zürcherischen Limmattal. Aber wir sind für mehr Lebensqualität. Aus wirtschaft- lichen und betrieblichen Gründen sagen wir Nein zur geplanten Limmattalbahn. Die Bürger sollen entscheiden können.

Marcel Achermann, Dietikon, alt Stadtrat

wenn das Amt für Verkehr, dessen Präsi- dent, Regierungsrat Ernst Stocker, der Auftraggeber ist und das Geschäft mit allen Mitteln durchboxt. Seine Vasallen sind die seit langem vereinnahmten Lim- mattaler Gemeindebehörden. Wie im- mer sein Wahlresultat sei, seine Kasse wird stimmen, doch die Steuern für die- ses Projekt haben wir zu zahlen.

Peter Ringger, Schlieren

Frühfranzösisch Eskalation abwenden

Die Volksinitiativen zum Sprachunter- richt auf der Primarschulstufe gefährden das Modell 3/5 mit zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe, welches die seit 2006 in der Bundesverfassung veranker- te Harmonisierung der obligatorischen Schule mitträgt und eine freie Wahl der

Die Strategie und die Darstellung des Projekts der Limmattalbahn haben sich um kein Jota geändert. Urteilen Sie

selbst: Wenn immer Bilder gezeigt wer-

den, steht die Bahn auf

oder hinter

einem fast leeren Platz. So ist die Reali- tät nicht. Das Schlagwort «Aufwertung»

Fremdsprachenreihenfolge als Resultat müsste zuerst ein Gesamtkonzept ent- fristige Lösungen zu suchen, um den

eines konsensfähigen gesamtschweizeri- schen Kompromisses zulässt. Die Initia- tive im Kanton Nidwalden (NZZ 23. 2. 15) definiert nicht, welche Sprache

wickelt werden, welches unter anderem folgende Punkte regelt: neue Stunden- tafeln (welche Fächer würden die zusätz- lichen Fremdsprachenlektionen in der

auf die Oberstufe verschoben werden Oberstufe liefern?), neue Lehrmittel, die

soll, aber sie hat primär das Frühfranzö-

Lehrpersonenaus- und -weiterbildung

Fremdsprachenunterricht zu optimie- ren und den Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrpersonen bei Bedarf Unterstützung zu bieten.

Giuseppe Manno, Pädagogische Hochschule FHNW Basel; Christine Le Pape Racine, Pädagogische Hochschule FHNW; Sylvia Nadig, Pädagogische Hochschule Zug

wird systematisch missbraucht. Der im sisch im Visier. Ein solcher Entscheid für den Anfängerunterricht auf der

Jahr 2000 für 20 Millionen gebaute

würde nicht nur heftige Reaktionen in

Oberstufe, neue gesetzliche Grundlagen