Sie sind auf Seite 1von 8

Ein anderes Rezept –

Fundraising und Ethik in


Frauengesundheitsorganisationen

Transkript eines Vortrags

gehalten auf der Fachtagung „Korrupt oder korrekt“


Berlin, 27. April 2007, Rathaus Schöneberg

von Gudrun Kemper


Ein anderes Rezept – Vortrag

[Letzter Beitrag der Fachtagung …]

Ja, also ich hoffe, Sie sind noch wach. Und ich ver- schichte. Als Patientinnen in der Selbsthilfe sind
spreche auch, dass ich zügig und flott durch diese wir von diesem Thema Pharmasponsoring bereits
Präsentation durchgehe. Ich komme nochmals auf seit dem Beginn unserer Arbeit betroffen. Wir be-
das Kernthema Selbsthilfe. In diesem Bereich en- obachten die medizinischen Entwicklungen zu un-
gagiere ich mich seit – jetzt kann man sagen sie- serem Themenkomplex, auch über nationale
ben Jahren – und stelle Ihnen ein neues Projekt Grenzen hinweg. Und wir sehen darüber hinaus
vor. Ich engagiere mich in einem Bereich, wo es auch die in anderen Ländern tätigen Organisatio-
um Onkologie geht, und zwar einen Bereich, wo es nen, insbesondere Frauengesundheitsorganisatio-
sehr viele Neuerkrankungen gibt, 1,2 Millionen nen, die sich mit dem Thema befassen. Was ma-
Neuerkrankungen bei Brustkrebs, jedes Jahr chen wir jetzt anders? Vor einigen Jahren haben
weltweit. Es ist auch ein Milliardenmarkt. wir realisiert, dass es die Breast Cancer Action-
Projekte gibt, die auf die Einwerbung von Mitteln
Mein Beitrag für Sie heute heißt "Ein anderes Re- im Interessenkonflikt verzichten und solche Mittel
zept. Fundraising und Ethik in Frauengesund- konsequent ausschließen. Geht das denn? - … ha-
heitsorganisationen." Und, was erwartet Sie: Ich ben wir nachgefragt. Und wir bekamen zur Ant-
stelle Ihnen den neuen Ansatz dieses Projektes wort, es geht. Die Idee ist bei uns haften geblieben
vor, gebe einen kleinen Einblick in Interessenkon- und wir haben versucht, diesen Ansatz auch in
flikte aus der Verbraucherinnenperspektive, werfe Organisationen hier hineinzutragen, was sich al-
einen kurzen Blick auf unsere Online-Broschüre lerdings als schwierig erwies. Doch die Idee ließ
"Ein anderes Rezept" und wir werfen dann ge- sich nicht mehr verscheuchen. Die Konsequenz in
meinsam noch einen kleinen Blick auf globale der Mitteleinwerbung hat auch Auswirkungen auf
Strukturen, auf den Standort D, auf unsere Um- die Konsequenz der Arbeit. Das konnten wir deut-
frage zum Pharmasponsoring, und ich fasse lich feststellen bei einem Blick auf die Inhalte der
nochmals kurz zusammen. Arbeit in den Breast Cancer Action Projekten in
Kanada und den USA hinsichtlich der Positionen
Meine Zeit ist sehr knapp hier, ich hätte auch noch im Verbraucherinnenschutz und der Patientin-
einige weitere Zutaten für eine unabhängige nenvertretung. Bevor wir mit unserem Projekt am
Selbsthilfe, wie gesagt, allerdings ist die Zeit auf 1. Januar 2007 hier neu gestartet sind, haben wir
dieser Fachtagung dafür einfach zu kurz. Viel- hiesige Organisationen in unserem Bereich zum
leicht kann man in der Diskussion darauf dann Beispiel gefragt, ob sie nicht auf die Einwerbung
noch weiter eingehen. Frau Hohmann hat mich von Mitteln im Interessenkonflikt verzichten
gebeten, die Geschichte unseres Projektes ein möchten. Und wir haben solche Antworten be-
bisschen vorzustellen, die Entstehung und Ge- kommen wie: „Es geht nicht“, „Es geht jetzt noch
2
Ein anderes Rezept – Vortrag

nicht“, „Dann können wir ja gleich aufhören“, o- stützt. Das Pharmasponsoring, Industriesponso-
der: „Ohne die Pharmaindustrie können wir ein- ring, insbesondere das Pharmasponsoring, ist eine
packen“. So lauteten die immer wieder ähnlichen noch relativ neue Form der Finanzierung von
Antworten aus unterschiedlichen Richtungen. Selbsthilfeorganisationen, die in den letzten rund
Unser Projekt versucht ein anderes Rezept, eine 20 Jahren mehr und mehr Verbreitung gefunden
Probe aufs Exempel sozusagen, ein Low-Budget- hat. Und Selbsthilfe sollte sensibilisiert werden
Projekt, mit dem wir testen möchten: Geht es mit mehr Fachwissen um die Zusammenhänge
wirklich nicht, oder wird unsere Arbeit damit und gestärkt werden in einer fairen Diskussion. Es
nicht vielleicht sogar effektiver? gibt die unterschiedlichen Standpunkte, die ich
jetzt hier kurz mit zwei Statements vorstelle. „Für
Dieses als ersten Einblick in Interessenkonflikte Lobbyorganisationen im Gesundheitsbereich be-
aus der Verbraucherinnenperspektive. Der Um- schädigt die Nähe zur Industrie den guten Namen
gang mit dem Thema ist, und das zeigt die Fachta- und das Renommee", so ein Statement einer Or-
gung hier sicherlich heute auch, nicht einfach. Ich ganisation. Und "Das Geld muss ja irgendwo her-
glaube, in Bremen haben Sie das sicher auch fest- kommen, und Gott sei Dank kommt es aus der
gestellt, wenn Sie sich mit diesem Thema befas- Pharmaindustrie, weil es sonst nirgendwo etwas
sen. Die Diskussion wird häufig sehr emotional gibt", so der konträre Standpunkt. Wir sind in die
geführt, während die sachliche Auseinanderset- Selbsthilfe hineingegangen mit schwerer Erkran-
zung mit diesem zentralen und gesellschaftspoli- kung. Wir haben Hilfe gefunden. Und das Thema
tisch sehr wichtigen Thema besonders bei uns in Pharmasponsoring hat uns eigentlich zunächst
Deutschland zu wenig geführt wird. Die Diskussi- erst einmal gar nicht interessiert. Wir haben das
on sollte in jedem Fall nicht verstanden werden auch gar nicht wahrgenommen. Das stand nir-
als ein Angriff auf Selbsthilfe und Patientenorga- gendwo dran, und es war kein Thema. Dann wa-
nisationen, sondern vielmehr als eine anstehende ren wir eins, zwei, drei Jahre in Organisationen
und notwendige Diskussion zur Standortbestim- dabei, und das Thema tauchte langsam am Hori-
mung von Organisationen im Verbraucherinnen- zont auf. Und natürlich sind wir auch in eine Ver-
schutz und der PatientInnenvertretung im Kon- teidigungshaltung durch die Angriffe, die öffent-
text von Profit und Non-Profit. Und es geht hier lich auch stattgefunden haben, gekommen. Wir
nicht nur um „schwarze Schafe“, sondern es be- haben vor allen Dingen aber auch Informationen
trifft alle Organisationen, die Drittmittel in Inte- gesucht und es gibt wenig solcher Informationen.
ressenkonflikten einwerben, und gerade im Be-
reich der gesundheitspolitisch tätigen größeren Auf dieser Suche nach Information haben wir eine
Organisationen werden für einige Indikationen Broschüre von Anne Rochon Ford aus Kanada
praktisch alle Selbsthilfen in unterschiedlichem entdeckt, "Ein anderes Rezept", die auf unserer
Umfang auch von der Pharmaindustrie unter- Homepage nun zum Download bereitsteht und die
3
Ein anderes Rezept – Vortrag

ich Ihnen jetzt hier näher noch vorstelle. Wer ist Frauengesundheit und das heikle Geschäft der Be-
Anne Rochon Ford? Sie ist die Koordinatorin ei- schaffung von Mitteln aus der Pharmaindustrie
nes Netzwerkes "Women and Health Protection" beleuchtet und die unterschiedlichen Seiten ge-
in Toronto, Kanada. Sie hat eine übertragbare Si- zeigt. Wir mit unserem Projekt möchten das un-
tuation beleuchtet. Mit dieser Broschüre, die sie terstützen. Und wir meinen, der einzige Weg, Lö-
herausgegeben hat, ermöglicht sie uns das Erken- sungsmöglichkeiten zu entwickeln, ist ein Maxi-
nen von globalen Strukturen und einer Diskussion mum an Dialog zu führen und eine offene Diskus-
ohne Schuldzuweisungen an hier bei uns enga- sion zu ermöglichen. Wir haben verschiedene An-
gierte Organisationen. Das ist uns einfach auch hänge an unsere Online-Broschüre angefügt, z. B.
wichtig gewesen in unserem Engagement, nicht unsere Drittmittelrichtlinie, Hinweise auf andere
jetzt uns mit anderen Organisationen zu streiten, Informationen, die man in diesem Kontext zu-
sondern einfach Informationen bereitzustellen, sammenstellen kann und die wichtig sind, unserer
um uns damit auseinandersetzen zu können. Anne Meinung nach. Und wir bringen ein kleinen Bei-
Rochon Ford bietet mit ihrer Broschüre "Ein an- trag über Sharon Batt mit einem Ausblick auf das
deres Rezept" einen ganzheitlicheren Ansatz, sie so genannte „Direct to Consumer Advertising
integriert ethische Aspekte und diese werden nicht (DTCA)“, gemeint ist die Direktwerbung für ver-
allein aus finanzieller Sicht, sondern auch z. B. aus schreibungspflichtige Medikamente bei den
dem Blickwinkel von Prävention und Umweltas- Verbrauchern direkt und diese verschreibungs-
pekten, diskutiert. Mit ihrer Information erleich- pflichtigen Medikamente stehen in einem ganz di-
tert sie uns auch ein besseres Verständnis von Zu- rekten Kontext zu dem Thema Pharmasponsoring.
sammenhängen und dem Erkennen von Marke- Man könnte auch die Auffassung vertreten, dass
tingstrukturen. Wir haben ein Vorwort von Prof. Pharmasponsoring eine Form des Medikamen-
Dr. Margit Mayer. Sie lehrt hier in Berlin verglei- tenmarketings ist. Sharon Batt ist eine Professorin
chende und amerikanische Politik an der FU Ber- für Gesundheitswissenschaften. Sie ist Mit-
lin und kennt die aktiven Organisationen und de- begründerin von „Breast Cancer Action Montreal“
ren Probleme, insbesondere auch in den USA. und hat diverse Forschungsarbeiten zum Thema
Was beinhaltet unsere Broschüre? Es wird eine Pharmafinanzierung vorgelegt. Sie engagiert sich
Podiumsdiskussion dokumentiert. Die Spring- sowohl für eine pharmafreie Finanzierung im
mann-Stiftung hat dieses vor drei Jahren ja hier Non-Profit-Sektor, wie auch im universitären Be-
auch schon mal gemacht, oder vier Jahren, ich bin reich. Sie hat verschiedene Ziele mit ihrem Enga-
damals dabei gewesen, wie Herr Kranich auch. gement, so die Sensibilisierung und den Kompe-
Herr Kranich sagte z. B. vorhin, es hat sich seit- tenzerwerb. Ich denke, das ist auch Ziel dieser
dem nichts verändert. Ich denke, es ändert sich Fachtagung hier heute, deswegen finde ich sie
schon langsam etwas. Auch diese heutige Diskus- sehr interessant und auch sehr gelungen in den
sion hat das Thema ethische Standpunkte zur Beiträgen. Sharon Batt engagiert sich weiter für
4
Ein anderes Rezept – Vortrag

die Beibehaltung des Werbeverbots für verschrei- nisationen werden keine maßgebliche Stimme
bungspflichtige Medikamente. Das tragen wir mit mehr haben, wenn wir nicht Änderungen in unse-
unserem Projekt exakt genau so weiter. Und sie rer bisherigen Förderpraxis in der Selbsthilfe bzw.
engagiert sich für ein Recht auf unabhängige In- Patientenvertretung auch bekommen. Eine Frage,
formation zu Medikamenten. Das ist ein Punkt, die ich dann hier stellen könnte, nicht finanzstar-
deswegen bin ich hier heute auch von verschiede- ke Gruppen werden auf europäischem und inter-
nen Menschen angesprochen worden. Zugang zu nationalem Parkett nur schwerlich mithalten kön-
Informationen zu Medikamenten muss möglich nen und folglich keine Rolle mehr spielen? Ich
sein, aber die Information muss unabhängig sein. denke, das ist eine wichtige Frage, die wir disku-
Ein Zitat von Sharon Batt dazu: "Werbung ist von tieren müssen, um zu schauen, wie und ob man
ihrer Natur her definitiv nicht unabhängig, ihr überhaupt noch auf dieser Ebene mitarbeiten
Zweck ist der Medikamentenverkauf“. Werfen wir kann.
jetzt noch einen kurzen Blick auf internationale
und europäische Strukturen aus der Verbrauche- Christoph Kranich: „Sind denn das auch echte
rinnenperspektive. Patientenorganisationen?“ ….

Stichwort Globale Strukturen: PatientInnenorga- G. Kemper: Ich gehe jetzt erst einmal weiter und
nisationen bestimmen bereits heute unsere Medi- komme noch dazu. Beispiele dafür: „International
zin von morgen in nicht unerheblichem Umfang Alliance of Patient’s Organizations“ – hier eine
mit. Und die Organisationen mit breit angelegten Kopie von der Website – Angaben zur Finanzie-
globalen Strukturen werden auf europäischer und rung, ohne Angabe von Zahlen allerdings, viele
internationaler Ebene - zum Teil fast vollständig - große Pharmakonzerne fördern diese Organisati-
von der Pharmaindustrie finanziert und nehmen on … Ob das eine echte Patientenorganisation ist,
unsere Interessen als Patientinnen und Verbrau- kann ich nicht so genau beurteilen. Dann gibt es
cherinnen bereits wahr. Die Arbeit, insbesondere auf der europäischen Ebene das „European Pati-
auf der europäischen Ebene, wird immer wichti- ent's Forum“, ebenfalls die Angaben zur Finanzie-
ger. rung aus dem Jahr 2006. Diese beiden Organisa-
Das trifft insbesondere auf den speziellen Bereich tionen sind öffentlich mehrfach kritisiert worden
Brustkrebs, in dem wir uns engagieren, zu. Und hinsichtlich ihrer Finanzierungspraxis und insbe-
die Arbeit auf der europäischen Ebene ist in ihren sondere auch der Intransparenz. „European Pati-
Auswirkungen für uns direkt spürbar. Die Positio- ent's Forum“ hat daraufhin reagiert und Zahlen
nen der Patientenorganisationen sind bis in maß- offengelegt. Man kann hier sehen, dass EUR
gebliche Organisationen wie die europäische Arz- 2.400,00 dieser Organisation aus eigenen Mitteln,
neimittelagentur EMEA und die WHO hinein be- den Mitgliedsbeiträgen, getragen worden sind,
reits besetzt und kleine, nicht finanzstarke Orga- während EUR 235.000,00 in der Relation dazu
5
Ein anderes Rezept – Vortrag

aus der Pharmaindustrie gezahlt worden sind. Ob feld, in dem wir uns bewegen, die Onkologie, be-
wir mit der Offenlegung allein dann hinterher so trachten.
zufrieden sind und sagen, ja, jetzt ist es offen ge-
legt, alles ist gut, das möchte ich mit einem Frage- Ein kleiner Blick jetzt noch auf den Standort D. Es
zeichen versehen. Es gibt weitere europäische Or- ist vor diesem Hintergrund für PatientInnenorga-
ganisationen, die wichtig sind: Die „European nisationen schwer zu verstehen, warum auf der
Cancer Patient Coalition“, z. B., ist jetzt wieder der einen Seite ihre Art der Einwerbung von Mitteln
Bereich, in dem ich aktiv engagiert bin. Das ist ei- im Schussfeld der Kritik steht, während auf der
ne echte Patientenorganisation. Auch dort fließen anderen Seite z. B. staatlicherseits Public Private
Pharmagelder. Die Transparenz ist auf der Websi- Partnerships (PPP), Drittmittelforschung, sowie
te leider nicht so in dem Maße gegeben. Es gibt das Zusammengehen von Forschung und Indust-
„Europa Donna – die Europäische Koalition gegen rie auch von politischer Seite zunehmend einge-
Brustkrebs“ als angesehene europäische Frauen- fordert werden. Ich möchte hier den Wissen-
organisation, die ebenfalls im Brustkrebsbereich schaftsrat "Empfehlungen zu PPP in der universi-
arbeitet und die auf der europäischen Ebene sol- tätsmedizinischen Forschung 2006" zitieren, wo
che Gelder bezieht. Die deutsche „Europa Donna“ zu PPP vermerkt ist „…ein Gebiet mit wachsen-
hat sich davon jedoch distanziert und eine Pres- dem Potenzial und dem Ziel der Effizienzsteige-
semeldung herausgegeben, dass sie eben keine rung“. Das heißt, es wird Medizin und Forschung
Pharmagelder akzeptiert. Für uns ist von daher empfohlen, diese Zusammenarbeit auszubauen,
diese Organisation sehr interessant. Allerdings ist während man PatientInnenorganisationen dafür
es wichtig, Transparenz und unabhängige Organi- öffentlich „geißelt“. Und ich möchte noch ein paar
sationen auf der europäischen und internationa- Gedanken zu den Auswirkungen dieses Konzepts
len Ebene zukünftig weiterzuentwickeln. einbringen. Ein Parallelogramm nach Fraenkel,
ein kleiner Blick auf Interesse und Gemeinwohl,
Und es sind natürlich nicht allein PatientInnen- politische Grundlagen, verschiedene Pole, Gegen-
Organisationen, die betroffen sind, auch die WHO pole im Gesundheitswesen habe ich hier in dieser
z.B. arbeitet zunehmend mit dem privaten for- Form eines Parallelogramms nach Fraenkel ver-
Profit-Bereich zusammen. Die Zusammenarbeit sucht, einzuordnen. Die unterschiedlichen Inte-
von Medizin und Industrie hat sich in den vergan- ressenvertreter ziehen an den unterschiedlichen
genen Jahren verstetigt und ist inzwischen so all- Seiten und sollen damit im Idealfall für unser
gegenwärtig, dass man meinen könnte, sie sei im „Gemeinwohl“ stehen und es aufrechterhalten.
aktuellen Umfang selbstverständlich. Sie muss Und wir haben hier durch die Finanzflüsse eine
weiter ausgebaut werden. Es muss so sein, es ist Verlagerung der Kräfteverhältnisse, die dazu
richtig so, und es geht gar nicht mehr anders. Das führt, dass diese Gegenpole nicht mehr so richtig
sind also unsere Erfahrungen, wenn wir das Um- funktionieren. Sie verschieben sich, sprich, die
6
Ein anderes Rezept – Vortrag

Selbsthilfe rückt ein Stückchen näher zur Indust- beim Pharmasponsoring sein?“ Auch diese Frage
rie, die Medizin tut dieses sowieso auch. Und es nach dem Anteil, der zulässig ist, ist ja eine häufi-
wird langfristige Folgen haben. Hier, denke ich, ge Frage. Und das Meinungsbild, das sich hier
muss Versorgungsforschung ansetzen. Und man zeigt, ist auch ganz spannend, denn der Hauptteil
muss eben sehen, wie wird es weitergehen. Wir der Befragten, von 419 Antworten haben 172 Per-
haben damit eine ausstehende Diskussion. Welche sonen angegeben: „…0%, ich bin gegen Pharma-
Auswirkungen werden die Interessenkonflikte in sponsoring“. Das waren 41,1% der Befragten. Ich
bürgerschaftlichen Organisationen wie der Selbst- habe hier noch ein kleines Zitat aus dem Selbsthil-
hilfe und insbesondere natürlich auch in der For- fegruppenjahrbuch. Bei einem Viertel aller Selbst-
schung mittel- und langfristig haben? hilfegruppen liegt der Anteil des Sponsorings bei
etwa 20%. [Hinweis: Obwohl die Quelle sogar in
Wir haben eine Online-Umfrage zum Thema der Pressemeldung mit Bezug auf die Uni Bremen
„Pharmasponsoring - Ja oder Nein“ gestartet. Ich zu einer aktuellen Forschungsarbeit benannt
denke, es ist immer interessant, auch auf die Pati- war, lässt sich diese Info nicht aus der Quelle
enten zu sehen, was sie selber möchten, ein aktu- entnehmen. Es fehlen nachprüfbare Zahlen!]
elles Meinungsbild, ein Blick auf die Basis sozusa- 20%, wir hatten nachgefragt, maximal 25% des
gen. Ich kann leider nur zwei Fragen hier vorstel- Gesamtbudgets, damit würden sich noch 12,5%
len wegen des Zeitlimits. Die Umfrage läuft noch der Befragten, die zukünftig mal Patienten sein
weiter und wird fortgesetzt auf unserer Website. könnten oder Patienten sind, noch arrangieren.
Es ist keine repräsentative Umfrage. Es wäre Jede 20. Gruppe bekommt 50% Pharmagelder.
schön, wenn man das mal repräsentativ vielleicht Das fanden in unserer Umfrage nur 7,9% der Be-
auch durchführen würde. Zu unserer 1. Frage fragten gut. Aktuell habe ich eine E-Mail-Zuschrift
"Pharmasponsoring - Ja oder Nein? Sollen sich zur Umfrage bekommen, die ich auch interessant
PatientInnenorganisationen von der Pharmain- fand: „Die meisten Patienten sind gegen Pharma-
dustrie (mit)finanzieren lassen?": Es ist für uns sponsoring. Die meisten Organisationen hätten es
überraschend gewesen, dass 60,8 % der Befragten gerne.“ Das ist natürlich ein Widerspruch, der da
Organisationen mit dieser Finanzierungsform ab- drinsteckt und die Botschaft, die ich dazu rüber-
lehnen. [Antwort: Nein, ich lehne Organisationen bringen würde, wäre, ich würde mir von Vorstän-
mit dieser Finanzierungsform ab.] Nur 23,4 % der den von Organisationen unbedingt wünschen, mit
Teilnehmer der Befragung, das ist der Stand vom ihren Mitgliedern auch da einen Konsens herzu-
31.04.07 – zwei Monate stand diese Umfrage bis- stellen, eine sehr offene Diskussion zu führen. Wir
her online – haben gesagt, „Ja, ich habe damit werden sicherlich nicht eine Lösung haben. Wir
keine Probleme“. Wir haben dann noch ein biss- werden zukünftig sicherlich auch nicht die nicht
chen differenzierter geschaut. „Pharmasponsoring durch Industrie gesponserte Selbsthilfe haben.
… Wo sind die Grenzen? Wie hoch darf der Anteil Wir werden ganz unterschiedliche Modelle haben.
7
Ein anderes Rezept – Vortrag

Aber ich denke, jeder muss eine passende Organi- rieren werden, das muss man dann abwarten. A-
sation finden können und es sollte Alternativen ber, wie gesagt, die Grundeinstellung ist relativ
geben. Und, wie gesagt, Mitglieder sollten schon kritisch.
auch dringend befragt werden, damit Vorstände
wirklich die demokratischen Prinzipien im Verein Zusammenfassung - Was wird anders? Ich kann
dann tragen und die Interessen ihrer Mitglieder das jetzt nur für unser Projekt darstellen. Wir ha-
vertreten und nicht vielleicht ihre eigenen. ben eine Drittmittelrichtlinie für eine neue Form
der Selbsthilfe. In unserem Projekt verzichten wir
Ein Ausblick noch auf Frauengesundheitsorgani- damit auf Mittel aus den fraglichen Quellen insbe-
sationen, weil ich diesen Vergleich zwischen Pati- sondere dann, wenn wir Interessenkonflikte se-
entinnen- und Frauengesundheitsorganisationen hen. Wir denken, wir werden zukünftig mehr In-
ganz gut sehe. In den Frauengesundheitsorganisa- formationen zu dem schwierigen Thema haben.
tionen ist das Pharmasponsoring meiner Erfah- Das kann jedem helfen. Wir werden auch mehr
rung nach sehr viel seltener. Eine kritischere Forschung zu den Interessenkonflikten und
Sichtweise ist häufiger, und ein unabhängigerer Pharmasponsoring und den dadurch bedingten
Standpunkt ist präsenter. Die thematische Ausei- gesellschaftlichen Veränderungen haben und
nandersetzung mit diesem Thema Pharmasponso- brauchen. Wir werden ein kritischeres Bewusst-
ring beginnt zurzeit in den Organisationen. Und sein bei Initiativen und Verbraucherinnen haben.
man wird sich mit diesem Trend zur Finanzierung Und wir werden hoffentlich auch mehr Transpa-
durch Pharmakonzerne intensiver auseinander- renz und Offenlegung vorfinden. Außerdem wird
setzen und dort auch zu einer Bewertung und Po- es Alternativen in der PatientInnenvertretung ge-
sitionierung kommen. Inwieweit Frauengesund- ben. Ja, und damit bedanke ich mich für die Auf-
heitsorganisationen diese Finanzierungsform tole- merksamkeit.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter einer Creative Commons License. Sie dürfen den Inhalt vervielfältigen, verbreiten und öffentlich aufführen
unter der Bedingung der Namensnennung der Quelle bzw. der Autorinnen. Sie müssen die Namen der beteiligten Autoren/Rechtsinhaber nennen.
Die kommerzielle Nutzung ist untersagt. Dieser Inhalt darf nicht für kommerzielle Zwecke verwendet werden. Eine Bearbeitung ist untersagt. Der
Inhalt darf nicht bearbeitet oder in anderer Weise verändert werden. Im Falle einer Verbreitung müssen Sie anderen die Lizenzbedingungen, unter
die dieser Inhalt fällt, mitteilen. Jede dieser Bedingungen kann nach schriftlicher Einwilligung des Rechtsinhabers aufgehoben werden. Die gesetzli-
chen Schranken des Urheberrechts bleiben hiervon unberührt. (Weiteres siehe http://creativecommons.org/)
8