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Kaspar Hauser

Schon zu Lebzeiten erregte die Geschichte Kaspar Hausers in ganz Westeuropa Aufsehen,
weshalb er das „Kind Europas“ genannt wurde. Doch wer war der Unbekannte, der plötzlich
in Nürnberg auftauchte, scheinbar keine Vergangenheit besaß, dem sich so viele mächtige
Menschen annahmen, und der dann unter mysteriösen Umständen starb?

Am Pfingstmontag im Jahr 1828 taucht wie aus dem Nu ein Unbekannter auf dem Nürnberger
Marktplatz auf. Er kann weder richtig sprechen noch laufen. Das macht ihn in den Augen
zweier Schustern verdächtig. Einer der beiden bringt den Jungen auf die Polizeiwache, wo er
befragt wird. Der Unbekannte kann die Fragen hören, aber nicht verstehen. Trotzdem wird ein
Verhörprotokoll aufgesetzt, das er mit einem Kreuzchen unterschreiben soll. Zum Erstaunen
der Anwesenden nimmt er die Feder selbst in die Hand und setzt seinen Namen in gestochen
scharfer Handschrift unter das Papier: Kaspar Hauser.

Die beiden Briefe, die Kaspar bei sich trägt, weisen ihn als Findelkind aus. Im ersten Brief,
dem Mägdleinzettel steht: "Das Kind heißt Kaspar. Ich bin ein armes Mägdlein und kann ihn
nicht ernähren. Wenn er 17 Jahre alt ist schicken Sie ihn nach Nürnberg zum 6. Regiment."
Der zweite weist ihn als Sohn eines armen Arbeiters aus: "Ich bin ein armer Taglöhner. Seine
Mutter hat mir das Kind gelegt und ich habe ihn seit 1812 keinen Schritt weit aus dem Haus
gelassen. Ich habe ihn mitten bei der Nacht fortgeführt. Er weiß nicht wo ich wohne."

Die beiden Briefe gingen im Laufe der Geschichte verloren. Nur das Stadtarchiv Ansbach
verfügt noch heute über Kopien. Angeblich sollen zwischen dem Verfassen der beiden
Schriftstücke ganze 16 Jahre liegen. Untersuchungen der Schriftproben im Rahmen eines
Graphologischen Gutachtens ergaben, dass beide Dokumente vom selben Verfasser
stammten. Wollte jemand eine falsche Spur legen?

Man wusste mit Kaspar nichts anzufangen, also steckte man ihn kurzerhand ins Gefängnis.
Dort bekam Kaspar bald Besuch vom ersten Bürgermeister Nürnbergs, Friedrich Binder. Er
möchte sich von dem unschuldigen Wesen des Jungen überzeugen und bestimmt, dass Kaspar
keine Gefahr darstellte. Nach dem Besuch Binders hatte sich die Geschichte von dem
Auftauchen des Findelkinds in Nürnberg und Umgebung schnell herumgesprochen. Kaspar
wurde wie in einem Zoo vorgeführt.

Die einen behaupteten, er sei ein entführter Prinz, den man ausgesetzt hatte, andere traktierten
den armen Jungen mit Tritten und Schlägen, weil sie ihn für einen Betrüger hielten. Eine
Tortur, an der er zu zerbrechen drohte. Anselm Feuerbach, Gerichtspräsident und oberster
Kriminologe Bayerns, wollte seine wahre Herkunft feststellen. Er ermittelte, dass die
merkwürdigen Verhaltendweisen Kaspars auf lange Isolation und Kerkerhaft zurückzuführen
waren. Der Junge verschlang Wasser und Brot gierig, lehnte Fleisch und Milch völlig ab.

In seinem Buch "Verbrechen am Seelenleben des Menschen" stellte Feuerbach 1832 fest: "…
weder in Blödsinn noch in Wahnsinn verfallen. Seine Seele, und auch manche seiner Sinne
scheinen in gänzlicher Erstarrung zu liegen, und nur allmählich erwachend den Außendingen
sich zu öffnen." Er hält an der Theorie fest, Kaspar könnte adliger Herkunft sein und wittert
eine Verschwörung hinter der Geschichte. Feuerbach wollte unbedingt die Vergangenheit
Kaspars aufrollen, also stellte er seine eigenen Vermutungen an: "…dass ein verschlepptes
Kind nur dann nicht als verschollen gilt, wenn es für tot gehalten wird. Will man also Kaspars
wahre Identität herausfinden, so muss man ihn unter den Verstorbenen suchen."
Wurde das Kind heimlich vertauscht? Anselm Feuerbach recherchierte, dass die in Karlsruhe
regierenden Zähringer keine männlichen Nachkommen hatten, die den Thron beerben
könnten. Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 wurde zum Beispiel der Beschluss gefasst,
die zu Baden gehörende Pfalz sollte an Bayern zurückgegeben werden, wenn die Zähringer
keine männlichen Nachkommen hätten. Ein politische Verschwörung? Kaspar als Opfer eines
bitteren Erbstreites?

Ein am 29.9.1812 geborener Nachkomme des Fürstenpaares starb nur wenige Tage später und
wurde ungetauft in der Familiengruft bei Pforzheim begraben. Doch schon damals wurde
vermutet, nicht der Thronfolger, sondern ein anderes Kind liege an seiner Stelle dort
begraben. Bis heute verwährt die Familie den Zutritt zur Gruft, um eine Untersuchung des
Leichnams vornehmen zu lassen. Unterlagen belegen, dass Johann Ernst Jacob Blochmann,
ein schwächliches, kränkelndes Kind, drei Tage früher geboren wurde als der Fürstensohn.
Sein Vater hatte Verbindungen zum Hof, stand in Diensten bei Gräfin Luise Karoline von
Hochberg.

Die Gräfin war mit dem Markgrafen Carl Friedrich nicht standesgemäß verheiratet. Ihre
männlichen Nachkommen hätten nur Anspruch auf den Thron, wenn aus der Verbindung von
Stephanie de Beauharnais, der Adoptivtochter und Nichte Napoleons, zu Großherzog Karl
keine Erben hervorgehen würden. Und tatsächlich gab es in vier Generationen sieben Tote in
der Zähringer Linie. Der Weg für Gräfin Luise und ihren Sohn Leopold war frei.

Kaspar wurde von Feuerbach zu dem Privatgelehrten Georg Friedrich Daumer auf die Insel
Schütt gebracht. Der sollte in der Vergangenheit Kaspars forschen und offene Fragen klären.
Daumer fand in Kaspars Verhalten Indizien dafür, die auf eine vornehme, adelige Herkunft
schließen ließen. Der Junge war wissensdurstig, lernte schnell sprechen und laufen. Er konnte
noch lange nach Einbruch der Dunkelheit Farben sehen, was man auf lange Kerkerhaft
zurückzuführen konnte. Außerdem war er künstlerisch begabt. Er malte sehr gerne. Darunter
auch ein Bild von einem Holzpferd, das er in seiner Haftzeit vermutlich als Spielzeug
geschenkt bekommen hatte.

Erinnerungen an sein früheres Leben hatte Kaspar Hauser nicht. Doch einmal träumt er von
einem Wappen, das er am nächsten Tag aufzeichnet. Die Skizze weist eine große Ähnlichkeit
mit dem Wappen von Schloss Beuggen auf, das seit 1806 im Besitz des Markgrafen von
Baden war, der es seiner Gattin, Gräfin Luise schenkte. Beuggen liegt in der Nähe der Stelle,
an der 1816 eine Flaschenpost mit einem geheimnisvollen Brief gefunden wurde. Man hat der
Nachricht keine Bedeutung zugemessen. Durch die neuen Umstände erhielt die auf Latein
verfasste Nachricht einen Sinn. Die Unterschrift wurde 1926 mit Hilfe einer
Dechiffriermaschine entschlüsselt: "Sein Sohn Caspar".

Zwei Jahre später konnte Kaspar lesen, schreiben und sprechen. Er schrieb Gedichte und
begann 1829 mit der Verfassung seiner eigenen Biographie, in der der von dem abgelegenen
Schloss Pilsach berichtete. Bei der Renovierung des Schlosses im Jahr 1982 wurde in einem
versteckten Raum ein Spielzeugpferd aus Holz gefunden. Ein weiterer Beweis dafür, dass
Kaspar Hauser in den Räumen im Alter von 10 bis 16 Jahren gefangen gehalten wurde?

Weiter schrieb er, er habe nie Kontakt zu anderen Menschen gehabt. Eines Tages sei eine
Gestalt bei ihm aufgetaucht. Die Person brachte ihm das Schreiben seines Namens und erste
Gehversuche bei. Dann wurde Kaspar einfach weggeschickt. Die Informationen seines
Lebenslaufs sind eher dürftig, doch heizen sie immer mehr Spekulationen um seine Herkunft
an.
Etwa 17 Monate nach seinem Auftauchen in Nürnberg wird ein Anschlag auf sein Leben
verübt. Eine vermummte Gestalt dringt in das Haus von Daumer ein, wo er Kaspar mit einem
Messer angreift, erwischt ihn jedoch nur an der Stirn und Kaspar überlebt das Attentat.
Zeugen gibt es für die Tat keine, auch Kaspar Hauser selbst kann bis auf eine Zeichnung der
Tatwaffe keine näheren Angaben zu dem Vorfall machen. Wer wollte seinen Tod? Wieder
flammte eine öffentliche Diskussion auf. Diesmal mischte sich sogar der Bayernkönig
Ludwig ein, der Kaspar eine Schutzwache zuteilen ließ. 500 Gulden Kopfgeld werden auf die
Ergreifung des Täters ausgesetzt.

Die Geschichte wird noch merkwürdiger, als der Sohn einer reichen Adelsfamilie plötzlich in
Nürnberg auftaucht und den Kontakt zu Kaspar sucht. Es ist Philip Henry der Vierte, ein Lord
Stanhope, der als Spion arbeitet und seinen Lebensunterhalt mit Wechseln, die für badischen
Banken ausgestellt sind, verdient. Sein Auftrag lautete, die Theorie, Kaspar Hauser sei ein
Nachkomme der Zähringer, zu zerstreuen. Er ködert Kaspar mit Geschenken. Schmuck, teure
Kleidung. Er gibt sich als väterlicher Freund aus. In Wahrheit schreibt er heiße Liebesbriefe
an den jungen Mann. Seine wahren Absichten sind zwielichtig und undurchsichtig. Er rät dem
Findling, nach Ansbach zu ziehen. Kaspar gehorcht und löst sich von seinem Ziehvater
Daumer, um dem Willen Stanhopes zu folgen.

Im Januar 1832 reist Stanhope mit dem leeren Versprechen, ihn bald auf seinen Landsitz in
England nachzuholen, wieder ab. Später wird er Kaspar als Betrüger beschimpfen. Kaspar
bleibt in Nürnberg und arbeitet als Aktenkopist. Die Stelle wurde ihm von Anselm Feuerbach
vermittelt, der im gleichen Jahr ein vertrauliches Papier mit dem Titel "Wer möchte wohl
Kaspar Hauser sein?" verfasste. Die Folgerung aus den Nachforschungen ergab: "Kaspar ist
der rechtmäßige Prinz von Baden."

Das Schriftstück wurde bekannt. Der Staatsrat wollte die Verhältnisse zwischen seinem
Schützling und dem Haus Baden klären, als Anselm Feuerbach am 29. Mai 1833
überraschend und plötzlich unter mysteriösen Umständen starb. Zwei Tage zuvor, auf dem
Rückweg vom Schloss in Karlsruhe, brach er unter Schmerzen nach dem Genuss zwei Gläser
Wein zusammen.

18. Dezember 1833: Kaspar Hauser wird unter dem Vorwand, man wolle ihm Informationen
über den Aufenthaltsort seiner Mutter überreichen, in den Hofgarten von Ansbach gelockt.
Nach seiner Arbeit und einem Besuch bei Pfarrer Fuhrmann ging er wie verabredet in den
Schlossgarten. Dort traf er auf eine in schwarz gehüllte Person, die im Besitz eines lila
Beutelchens war. Dort wäre alles drin, was Kaspar erfahren wollte. Die Person lässt den
Beutel fallen, der Findling bückt sich danach, will sich wieder aufrichten, als das Unfassbare
passiert: Der Unbekannte sticht ihm ein Messer zwischen die Rippen.

Zwar kann er sich schwer verletzt noch bis nach Hause schleppen, doch dort wird er von
seinem Lehrer Johann Georg Meyer, bei dem er seit dem Umzug nach Ansbach lebte, erbost
empfangen. Der vermutete, Kaspar hätte ihm einen bösen Streich gespielt und befahl, ihm
sollte die Stelle im Park gezeigt werden. Das raubt Kaspar die letzten Kräfte. Erschöpft liegt
er auf dem Sterbebett. Drei Tage später, am 17.12.1833 ist Kaspar Hauser an seinen inneren
Verletzungen verblutet.

Am Tatort wurde ein Bekennerbrief gefunden, verfasst in Spiegelschrift. Er warf mehr Fragen
auf, als er Antworten gab. Auch der lila Beutel wurde gefunden. Doch der Mord wurde nie
geklärt. Bis heute halten sich hartnäckig Gerüchte, ob Kaspar Hauser nicht wirklich der wahre
Erbprinz von Baden gewesen sein könnte.