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Manfred Dziallas

Von der Klostermühle zu Sankt Thomas


Im Jahr 1983 erwarb Herr Schäfer aus Köln die ehemalige Klostermühle, sowie das
Anwesen der Familie Kalmes in St. Thomas, welches in der Liegenschaft der Mühle einge-
bettet liegt.
Herr Schäfer gründete eigens eine Firma und im April 1984 begannen dann die
Renovierungsarbeiten; zunächst mit einem Bauleiter „Teddy“ geheißen , einem Polier
„Köbes“ und drei Bauarbeitern: Karl, Edgar und Heinz, von allen nur „Onkel Heinz“ genannt.
Letztere stammten aus den Ortschaften der näheren Umgebung, während „Teddy“ und
„Köbes“ aus Köln kamen; eigentlich stammte „Köbes“ von der Mosel, war aber schon in
Köln aklimatisiert und hatte seinen moselfränkischen gegen den breiten rheinfränkischen
Dialekt eingetauscht.
Bald erwies sich die Belegschaftsstärke für die in Angriff genommene Arbeit als zu
schwach, und so wurden im Sommer drei weitere Arbeiter eingestellt, unter denen auch ich
mich befand. Im Herbst folgten wiederum zwei Mann, die sich mit den Gewerken Elektrik
und Heizung/Sanitär befaßten.

Das Mühlengelände wird vom Mühldeich zerschnitten. Der nimmt seinen Anfang an der
1987 neu errichteten Schleuse des Flußwehrs der Kyll, gegenüber des ehemaligen Klosters
auf Höhe des Bahnhofs. Das Wasser durchfließt auf gut 100 Metern seines Weges eine
Wiesenlandschaft von knapp zwei Hektar Größe, dann zwängt es sich zwischen die
Widerlager einer Korbbogenbrücke aus rotem Sandstein, läßt den Kalmes-Hof zur Linken
liegen – auf der Rechten halten es die die Tore der seitlichen Schleuse des Flutgrabens im
Zaum – und in der Hauptfließrichtung gebieten ihm vier Tore einer weiteren Schleuse Einhalt.
Ein jedes dieser Tore war früher mit einer breiten Wasserrinne aus Eichenholz versehen. Drei
versorgten die unterschlägigen Mühlräder der, gleich links dahinterliegenden, Kornmühle mit
Energie und die Rechte das der Sägemühle. Dahinter verschwindet das Wasser in einem 30
Meter lagen Gewölbetunnel, ebenfalls aus heimischen Sandstein gefertigt; so bleibt dem
Wasser „der Blick“ auf das, an die Sägemühle anschließende, Wohngebäude mit Hühnerstall
und dem, auf der gegenüber liegenden Seite, hinter der Lücke der Hofeinfahrt, stehenden
Kuhstall mit Tenne und quer angebauter Scheune, die gleichzeitig den unteren Abschluß des
Tunnels markiert, verwehrt. Dann verläuft der Deich am linken Berghang, während sich
rechts Garten und Wiese der Mühlinsel, zwischen ihm und der Kyll, zeigen. Kurz vor der
Straßenbrücke mündet der Deich in den Fluß.
Zu Beginn der Renovierungsarbeiten zeigten sich die Gebäude in einem außerordentlich
desolaten Zustand. Die Dächer waren in großen Teilen kaputt, lange Risse zeigten sich in
vielen Wänden und die Holzdecken waren in sehr schlechtem Zustand. Das Hochwasser im
März 1984 hatte den Fußboden im Erdgeschoß des Wohngebäudes überflutet. So „kletterte“
die Feuchtigkeit im Mauerwerk hoch.

Die Renovierung wurde durch das Landesamt für Denkmalschutz gefördert und
bezuschußt. Nur leider hatte der Bauherr eine andere Vorstellung von Denkmalschutz als die
Herren der Behörde und so wurde vieles der noch vorhandenen Substanz zerstört. Er wollte
einen nutzbaren Zweckbau und kein „funktionierendes“ Museum. Am Ende war eher ein
repräsentatives „Herrenhaus“ entstanden, das sicher ein Juwel für das Dorf St. Thomas ist; der
Charakter der alten Mühle jedoch ging verloren.
Die unterschiedlichen Auffassungen der „Kontrahenten“ über das endgültige Aussehen
des Anwesens eskalierte zeitweise in handfeste Streitigkeiten und so stand das gesamte

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Projekt, während der Bauphase, mehrmals vor dem Aus. Aber irgendwie haben sich beide
Seiten dann wieder „zusammengerafft“ und es ging, wenn auch oft nur holprig, wieder weiter.

Vom Sägewerk zeugt heute nur noch das geschmiedete Schwungrad des Sägegatters bei
der Sitzecke vor der Furt des Flutgrabens.
Als ich in der Klostermühle mit meiner Tätigkeit begann, war das Sägewerk noch
vollständig erhalten; nur die Schaufeln und der Kranz des Wasserrades waren großteils
zerstört. Die Antriebsachse – ein mächtiger Eichenstamm – war neben allen Schmiergefäßen
noch vollständig erhalten; nur der Lagerbock hatte den Jahren Rechnung getragen und war,
unter der Last des Baumstamms, zerbrochen.
Ähnlich sah es bei der Getreidemühle aus. Im Inneren war noch alles vorhanden. Der
Unterbau der beiden Mahlwerke aus Eichenholz hatte den Hochwassern und der Feuchtigkeit
getrotzt und stand fest, wie am ersten Tag, an seinem Platz. Alles was zu einer
funktionstüchtigen Wassermühle nötig ist, war noch vorhanden. Die Mühlsteinschärf-
werkzeuge hingen an der Wand und der „Galgen“ mit dem der Müller den Läufer vom
Bodenstein abhebt, wartete auf Arbeit. Der „Bechergang“ war intakt. Über die, an der Decke
befestigten Transmissionen konnte er und andere Gerätschaften früher in Gang gesetzt
werden. Den notwendigen Antrieb besorgte das dritte Mühlrad. Die Fußböden, Decken,
Holztreppen und die Treibriemen waren in ausgesprochen misserablem Zustand. Das war
neben den Hochwasserschäden sicher auch eine Folge des feuchten Felsens, der im
Erdgeschoß die Außenwand zur hochgelegenen Straße an der Nordseite bildete. Hier brachte
erst das Einziehen einer hinterlüfteten Vorsatzwand Besserung. Der Dachstuhl des Gebäudes
war noch intakt. So reichte es aus einige „Herzziegel“ auszuwechseln. Diese Dachziegel
waren zu Klinkern gebrannt; sie halten wohl auch noch die nächsten 100 Jahre aus. Von der
Kornmühle sind nur noch die Mahlsteine, eine Blaswinde zum Trennen der Spreu vom Korn,
sowie einige Schärfhämmer und Zangen erhalten. Es fanden sich auch drei alte Bajonette, die
jedoch lange im Schlamm gelegen hatten und beim Ausgraben zerbrachen, sowie der bis zur
Unkenntlichkeit verrostete Verschluß eines K 98 Wehrmachtskarabiners mit gekrümmtem
Kammerbügel.
Die Dächer und Dachstühle der anderen Gebäude mußten allesamt erneuert werden.
Desgleichen wurden alle alten Holzdecken und –treppen durch solche aus Stahlbeton ersetzt.
Wegen der ständigen Hochwassergefahr wurde der Fußboden des Wohntracks ca. 40 cm
höhergelegt, als im vorgefundenen Zustand.
Das Sägewerk war länger, als das zur Verfügung stehende Gelände. So hatte man das
hintere Drittel auf einen Natursteinpilonen, mitten in den Flutgraben, auskragen lassen. Nach
Abriß des hölzernen Tragwerks entstand auch dort eine Stahlbetonplatform, die zumindest das
Andenken an das Sägewerk bewahrt; zumal ihre Aufbauten in teilweise offener Fläche mit
Überdachung, an das Vorgängerbauwerk angelehnt sind.

1985 fanden die Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen der Eisenbahn in Deutschland
statt. Immer wieder fuhren Sonderzüge mit geschleppten Dampflokomotiven Richtung Trier.
Von der Baustelle des Wohntrackts hatte man einen feinen Blick in Richtung der Bahntrasse.
An einem Tag Anfang März hatten wir einen Schornstein, der sich über drei Stockwerke zieht
und dabei viermal „wendelt“, fertig aufgemauert. Ich stand auf der Mittelpfette des neuen
Dachstuhls und betonierte eine Abdeckplatte vor Ort, als Kaminkrone, auf den neuen
Schornstein. Flußabwärts, aus Richtung Kyllburg war deutlich das Stampfen einer Dampflok
zu vernehmen. 86 457, die einige Jahre auf dem Denkmalsockel vor dem Trierer
Hauptbahnhof hatte ausharren müssen, war seit einigen Monaten im Ausbesserungswerk Trier
betriebsfähig hergerichtet worden und absolvierte nun ihrer Lastprobefahrt. Da es noch
zeitiges Frühjahr war, hatte ich von meiner „hohen Warte“ freie Sicht auf den Bahnhof von
St. Thomas. So konnte ich dann, da meine Arbeit glücklich beendet war, meinem „Köbes“

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mitteilen, daß ich Feierabend mache und in Ruhe dem Indizieren, da das Triebwerk noch
nicht richtig „rund“

lief, zusehen. Nachdem diese Arbeit erledigt war, setzt die Maschine ans andere Zugende um
und verschwand mit ihren drei Personenwagen wieder in Richtung Trier.
Das aufwendigste und gefährlichste Gewerk war jedoch einige Tage zuvor das Aufsetzen
des Giebelkreuzes auf der Spitze der südlichen Außenwand des Wohnhauses; zumal der obere
Belag unseres selbsterrichteten Stangengerüsts gut vier Meter unterhalb der Giebelspitze lag
und ich die letzten Meter mit dem Sandsteinklotz auf der Schulter über eine, an die Mauer
angelehnte, Leiter bewältigen mußte. Mir fielen 1000 Steine vom Herzen, als Kollege Karl
mir das Kreuz in seinem „Krähennest“ des neuen Dachstuhls von der Schulter nahm und ich
den dumpfen Laut vernahm, als es auf dem Schlußstein aufsetzte, nachdem wir es gemeinsam
in den Stahldorn eingeführt hatten. Da kam die Episode mit der Dampflok, als „kleine
Belohnung“ gerade recht.
Im Mauerwerk der „Säge“ und des Wohngebäudes stießen wir auf Türhauwerke mit
gotischen Spitzbögen. Sie liegen teilweise sehr tief im Gebäude, daß ihre Fußschwellen bis
knapp über dem Niveau des Deichpegels sitzen. Auch im Haus fanden sich alte Tür- und
Fenstergewänder. Sie wurden allesamt eingemessen und dann wieder eingeputzt. So liegen
sie, vor den Unbilden der Natur gut geschützt, verborgen. Die sichtbaren Hauwerke, so sie
„alt“ sind, und die heutigen Eingänge zieren, stammen alle aus dem 18. Jahrhundert. Die
Fenstergewänder sind, bis auf eine Ausnahme an der Nordseite des Hauptgebäudes, beim
Umbau in einem einheimischen Natursteinunternehmen in Neuheilenbach, neu gefertigt
worden. Gleiches geschah mit vier Türen und den beiden großen Torbogen von Mühle und
ehemaligen Stall, der nun als Garage dient.
Das Einsetzen und der Hauwerke und das Fertigen von Pfeilern, Widerlagern und
Segment- oder Elipsenbögen über den Wandöffnungen erfolgte durch die Männer von der
Klostermühle. Der massiven Bauweise der alten Häuser, mit 60 cm dicken Außen- und
Tragwänden, ist es geschuldet, daß während der gesamten Renovierungsphase kein Stück
Mauerwerk unbeabsichtigt eingestürtzt ist.
So war auch die Unfallbilanz in vier Jahren Bauzeit, bei einem Projekt dieser Größe und
der vorgefundenen, schlechten Bausubstanz erstaunlich gut. Ein Kollege brach sich eine
Rippe, als er durch das Dach zwischen den beiden Mühlen über den Wasserrädern brach und
ein anderer verränkte sich die Schulter, als sein selbstgebautes Gerüst unter ihm zusammen-
brach und er das Material, welches er trug nicht rechtzeitig fallen ließ. Alles andere waren
kleinere Vorfälle, wie sie täglich am Bau geschehen.
Neben den Hochbauarbeiten wurde auch der komplette Hof, ein Wehr am Flutgraben
und die daran anschließende Furt, sowie ein Teil der hinteren Zufahrt und die Brücke durch
uns gepflastert. Viele Sicherungsarbeiten, so an der Brücke und am Tunnel mußten
durchgeführt werden, um den Einsturz derselben zu verhindern.

Die Männer vor Ort waren „durch die Bank“ gestandene Bauleute und Hilfsarbeiter mit
allen ihren positiven, aber, was den Alkoholkonsum betraf, auch negativen Eigenschaften!
Nur wir damals, mit Anfang Zwanzig, noch jungen Kerle waren so garnicht „recht“ geraten
und hielten uns beim „Trinken“ „vornehm“ zurück, was uns den Spott der „Alten“ einbrachte
und meist mit solchen Sprüchen, wie dem, ob wir unsere Gummihosen nicht angelegt hätten
oder ähnlichem, endete. Aber damit konnte ich gut leben und verstehe bis auf den heutigen
Tag nicht, was daran so toll ist jeden Abend sturzbetrunken nach Hause zu kommen. Aber
sonst waren die Kollegen ganz in Ordnung.
Nur einer, von allen nur „Hausmester“ genannt, weil Herr Schäfer ihm wohl zu Beginn
seines Arbeitsverhältnisses eine Hausmeisterstelle in Aussicht gestellt hatte, war ein rechter
Quertreiber mit schlechtem Charakter. Als Herr Schäfer sein wahres Wesen erkannte, war es
dann mit der „Hausmeisterei“ vorbei, aber den Namen ist er nicht mehr losgeworden. Seine

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schlimmste Eigenart war nicht, daß er stinkefaul war, sondern daß er bei andern über seine
Kollegen herzog, Lügen verbreitete und uns in ein schlechtes Licht stellte.

Ohne die „alten Haudegen“ hätten wir jungen Maurer sicher niemals die, seit uralten
Zeiten verwendeten, heute schon fast vergessenen, Bautechniken unserer Vorväter erlernt.
Dafür muß man ihnen dankbar sein. Doch man braucht schon ein gutes Nervenkostüm, um
mehr als die Hälfte des Tages – bei 10 Stunden Arbeitszeit – neben einem schnapstrunkenen
Maurer auszuharren und das 5 Tage in der Woche!
Da alle auf ihre Weise „Originale“ waren, ergab sich manch nette Begebenheit. So stand
der „Hausmester“, eines Morgens, wie üblich, im Eck und schaute den andern dabei zu, wie
sie den Dachstuhl der Sägemühle einrissen. Nun fuhr unerwartet, ohne vorherige
Ankündigung, ein großer Mercedes vor. Herr Schäfer kam aus Köln, was sehr selten geschah,
um sich den Fortgang der Arbeiten anzuschauen. Sogleich „erwachte“ der „Hausmester“ aus
seiner Starre, riß mir die elektrische Kettensäge aus der Hand und bestieg eine bereitstehende
Bockleiter um das Kehlgebälk zu durchtrennen. Nun hatten meine Kollegen und ich uns
schon Gedanken gemacht, wie das „Joch“ am besten zu beseitigen sei. Das es auf diese Weise
nicht funktionierte waren allen, bis auf ihm, klar. So sackte der angeschnittenen Balken
zusammen und quetschte die, im vollem Lauf befindliche, Sägekette ab, was der Motor mit
einem lauten Knall, viel Rauch und Gestank quittierte und für immer „sein Leben
aushauchte“! „Onkel Heinz“, der gerade den Raum betrat, bewegte dieser Umstand zu der
Aussage: „Oh Herr, er riecht schon!“, was wir anderen nur mit lautem Lachen bestätigen
konnten. So war die Absicht des „Hausmesters“ sich vor Herrn Schäfer in ein gutes Licht zu
stellen ins Gegenteil verkehrt. Anzumerken sei in diesem Fall noch, daß unser „Hausmester“
in der Regel niemals höher als 1 Meter über Bodenniveau zu steigen pflegte, da er nach
eigener Aussage, nicht schwindelfrei war. Das ist keine Schande, aber in diesem Fall hat er
wohl für seinen Chef eine Ausnahme gemacht.
Ein anderer Kollege war der Herr „Sackaralakis“. In diesen Jahren lief im Fernsehen eine
Sendereihe über griechische Bauwerke der Antike, die ein Professor gleichen Namens, jedoch
ohne „c“, moderierte. Den Spitznamen hatte sich unser Mitarbeiter „erworben“, weil er zum
Bruchsteinmauern bei schlechtem Wetter oder im immer feuchten Deich stets einen alten
Kartoffelsack, als eine Art Schürze, vorband, um seine Arbeitskleidung vor allzuviel Schmutz
zu schützen. Er hatte die meiste Erfahrung im Bruchsteinmauern, war früher mal Polier – oder
Kolonnenschieber, wie er es nannte - konnte, wenn er wollte einen sehr viel lehren und bei
seiner Intelligenz hätte er jeden besseren Beruf, als Maurer, ausüben können. Leider waren
die Zeiten schlecht, als er ins Berufsleben einstieg und so stand ihm nur der Weg „auf den
Bau“ offen. Mit Anfang fünzig war sein Körper durch die jahrelage Schwerstarbeit
verschlissen. Den Rest hatte hochprozentiger Alkohol besorgt, dem er sehr zugetan war.
Täglich ab etwa 14:00 Uhr verspürte er dann keine große Lust mehr das Tagwerk weiter
voranzutreiben. Das war um so schlimmer weil er die, mit ihm an der gleichen Arbeit
werkenden, davon abhielt, etwas zu tun.
Im Herbst 1985 war er längere Zeit krank. In diesen Tagen bauten der „Jonny“ und ich,
zusammen mit zwei Ofenbauern einer Fremdfirma, einen großen Backofen im Winkel, wo
das Wohnhaus an die Räume der ehemaligen Sägemühle stößt, Das Wohnhaus ist breiter und
so paßte der Backofen mit Holzbefeuerung herrlich in das Hauseck. Die Ofenbauer
kümmerten sich um das Innenleben, und „Jonny“ und ich ummauerten das Ganze mit einer
Isolationsschicht aus Sand und Ziegelstein. Die äußere Schale bildete eine Bruchsteinmauer
aus Hammerrechten mit Stehern drin; Sichtmauerwerk und fein verfugt. Als das Werk
vollbracht war, waren alle voll des Lobes über unsere gelungene Arbeit. Nur der Herr
„Sackaralakis“ konnte überhaupt nichts schönes daran finden, da doch alles falsch
aufgerichtet sei! Vermutlich war es sein gekränkter Stolz, der ihn zu solch einer Aussage
veranlaßte, da er das Teil nicht bauen durfte, sondern andere. Nur leider war er krank, als wir
mit den Arbeiten begannen; und einmal damit betraut, durften wir das Werk auch vollenden.

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Er fand den Ofen, nach eigenen Worten nur zum Kotzen. Ständig kamen meine
Arbeitskollegen und berichteten mir, wie er sich darüber erregte. Irgendwann war das Maß

voll und ich überlegte, wie ich ihm Einhalt gebieten konnte. Ihn direkt darauf anzusprechen
hätte nur Ärger und Streit gebracht. Also sann ich auf andere Mittel und hatte auch bald eine
Lösung für das „Problem“ parat. Am besten wußte ich ihn beim Geld, das, wie bei den
meisten am Ort, „klamm“ war, zu fassen. In der Firma war ich für die „Kleineinkäufe“
zuständig und da man damals meist noch bar zahlte, hatte ich in der Regel „Firmengelder“ in
der Höhe bis zu 300.- Deutsche Mark in der Tasche. Für dieses Geld konnte man damals noch
richtig einkaufen; was gibt es heute noch groß für 150.- €!?
Also lief ich zum Arbeitsplatz von Herrn „Sackaralakis“, der genau im Blickfeld des
Backofens lag, zückte einige Scheine, und zeigte sie „Onkel Heinz“, der gerade Speiß und
Steine herbeifuhr, mit den Worten: „Guck mohl, den Schäffer hat groht den „Köbes“
ohngeroff un hiehm gesoht, herrn soll dehm „Jonny“ unn mir jihdem 150.- Mark genn, weil
den Bachuven so sching genn aß!“ (Schau mal, der Schäfer hat gerade den „Köbes“
angerufen, und ihm gesagt er soll dem „Jonny“ und mir je 150.- DM geben, weil der
Backofen so gut geraten ist!) Da nahm „Onkel Heinz“ sich davon 50.- DM und meinte er habe
uns das Masterial gebracht; so stünde ihm auch ein Teil zu. Anschließend schickte ich den
„Jonny“ mit dem gleichen Auftrag los und das Spiel wiederholte sich. Kurze Zeit später kam
dann „Onkel Heinz“ und berichtete mir, wie der „Herr Sackaralakis“ am toben sei, daß er die
Arbeit machen müsse und andere das Geld „einheimsen“...
Meine „Strategie“ war voll aufgegangen; ich hatte mein Ziel erreicht! Keiner hatte einen
wirklichen Schaden erlitten und es ist niemals wieder ein böses Wort über den Backofen
gefallen. – Rache ist eben doch süß!

Mit dem Kalmes-Anwesen hatte Herr Schäfer auch „Tant Anna“ „miterworben“! Sie war
wohl eine Verwandte der letzten Besitzer und lebte zusammen mit ihrer Schwester Marie, bis
zu deren Tod, allein auf dem Hof. Sie hatte noch richtigen „Bauernstolz“ und mochte es
überhaupt nicht, wenn wir sie „Tant Anna“ nannten. Herr Schäfer hatte die Weisung heraus
gegeben, daß an den Gebäuden des Anwesens nichts verändert wird, solange sie lebt. Nur
kaputte und verrutschte Dachziegel haben wir ausgetauscht, damit es nicht einregnet und nach
dem Rechten gesehen, wenn sie Sorgen hatte.
Im Erdgeschoß, zum Deich hin, existierte noch eine „offene Küche“ und im ersten Stock
war eine Tür zur Räucherkammer. Der Rauchabzug über der offenen Feuerstelle maß ca. 1,50
Meter im Quadrat und verjüngte sich nach oben bis er den Durchmesser eines gebräuchlichen
Schornsteins aufwies. Selbst die Kaminsäge und ein eiserner Topf am Haken waren noch
vorhanden und in der Trennwand zur „guten“ Stube waren zwei Tackenplatten vermauert, die
diesen Raum früher mitheizten.
Anna zählte schon über 80 Jahre, hatte keine Probleme sich mit Kittelschürze und
Gummistiefeln, die zu ihrem täglichen „Outfit“ gehörten, in den Zug zu setzen und nach
Kyllburg oder Gerolstein zu fahren. Eine ihrer Marotten war das Sammeln von Feuerholz.
Wenn sie auf der Baustelle die Kreissäge laufen hörte, war sie zur Stelle. Alles Holz, was in
der Größe in den Ofen paßte, sammelte sie auf. Auf unser Angebot, ihr das Holz in der
Schubkarre zu bringen, ging sie nicht ein. Sicher ist sicher – was man hat, hat man! Die
beinahe alljährlich wiederkehrenden Hochwasser der Kyll schwemmen viel Treibholz an, das
sich hinter den Bodenwellen auf der Wiese sammelt. Aus den Haufen zerrte sie die Knüppel
und Äste, die sich aus dem Gewirr lösen ließen und hackte alles klein. Als „Tant Anna“ im
Januar 1987 starb, fanden wir in ihrem Schuppen Holz, das für die nächsten sieben Jahre zum
Verfeuern reichte.

Im Jahr 1986 war der Personalbestand auf 13 Mitarbeiter angestiegen. Das war
gleichzeitig die größte Anzahl an Personal, das während den Bauarbeiten vor Ort war. 1987

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waren davon nur noch „Jonny, Onkel Heinz, Köbes“ und ich übrig geblieben. Zeitweise half
Nachbar Herbert als „gute Seele“ aus.

Zum Sommer verließ „Jonny“ die Firma und kurz danach wurde „Onkel Heinz“ krank
und kehrte nicht mehr zurück. So war ich schließlich mit „Köbes“ allein. Eine große
Sandsteinmauer haben wir als Einfassung des Gartens errichtet und zum 50. Geburtstag
erhielt Herr Schäfer, daran angelehnt, einen „Natursteingrill“, in Form eines Hexenhäuschens,
von uns geschenkt. Im Kalmes-Hof setzten wir den Hühnerstall instand. Inzwischen hatten
wir eine „kleine Farm“ mit Schafen, Gänsen, Peking-Enten und eben Hühnern, die versorgt
werden mußten. Einige Gänsekücken ließ ich im Brutkasten ausbrüten und nachdem sie
geschlüpft waren, versorgte ich sie, bis sie dazu selbst in der Lage waren, täglich mit frischen
Brennnesseln, die in Gänsekreisen als Delikatesse gelten.

Herr Schäfer hatte einen durchaus guten Charakter; im Gegensatz zu manch anderem
Chef, den ich in der Eifel kennenlernte, war mit ihm gut auskommen! Er zahlte, von Beginn
bis zum Ende meiner Tätigkeit in der Firma, den Lohn, wie er in Köln über Tarif für Maurer
galt. Und der lag wesentlich höher, als der in den Baufirmen unserer Heimat übliche, wo sich
ein Großteil der Unternehmer einen Dreck um geltendes Recht und die Sorgen ihrer
Mitarbeiter schert. Nur wenn man mit Herrn Schäfer, wegen irgendwelcher Dinge, verhandeln
mußte, fühlte man sich wie ein Angeklagter vor Gericht! Sein Auskommen verdiente er als
selbstständiger Rechtsanwalt mit eigener großer Kanzlei. Man mußte sich schon vor dem
Gespräch gut darauf vorbereiten und und überlegen, was man zu ihm sagen wollte. Alles
konnte einem „zur Last gelegt und gegen einen verwandt werden“.

Anfang November 1987 zeichnete sich immer deutlicher ab, daß die Arbeiten zur Neige
gehen würden und so endete im Januar 1988 meine Beschäftigung in St. Thomas.

Einige Jahre später wurde auch der Kalmes-Hof vollständig renoviert; doch nun unter
Einbeziehung der alten Bausubstanz und Einrichtung. So bekamen seine Gebäude auch im
Inneren ein gewisses Flair; einen Charme, der ihnen gebührt. Doch zu der Zeit wohnte ich
bereits in Elchingen und konnte mich nur bei meinen regelmässigen Besuchen in der Eifel
vom gelungenen Werk einfangen lassen. Gerne hätte ich daran mitgewirkt!

Meine Zeit in St. Thomas war in großen Teilen schön; aber es gab auch Tage an denen
ich lieber weit weg gewesen wäre! Man sagt: „Die Zeit vergoldet die Erinnerung!“ – doch an
die vier Jahre von 1984 bis 87 erinnere ich mich auch heute nocht gerne zurück.; was ich
leider nicht von allen Abschnitten meines Lebens sagen kann.
Meine Mitstreiter, so ich auch, hatten Kanten und Ecken, waren mürrisch und liebenswert.
Fast alle leben sie heute nicht mehr; ihnen sei hiermit ein Denkmal für ihre Leistung, beim
Wiederaufbau der Klostermühle, gesetzt. Ihre richtigen Namen habe ich bewußt verschwiegen
– nur wer ihre Spitznamen kennt, weiß wer gemeint ist! Doch der Kreis der „Eingeweihten“
ist klein und schwindet zusehens. Vielleicht setzt ihnen einmal jemand eine „Gedenktafel“ an
einem der Gebäude?!

Was ich damals und bis zum heutigen Tag erlebt habe, hat mich bewogen meinen ersten
Roman „Der Eifelbahner“ zu schreiben. Wie das Leben unserer Vorfahren war und wie sie
ihr tägliches Brot verdienten, wie sie wohnten und wie sie die politischen Verhältnisse
zwischen 1850 und 1970, aus ihrer Sicht, erlebten, wird darin in einer spannenden Handlung
und hintergründig erzählt!

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