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SEITE A2 NR. 27 THEMEN DES TAGES DIENSTAG, 2.

FEBRUAR 2010

Schnee-Chaos Klirrende Kälte, Schnee und Glätte beherrschen weiter das Saarland. Streusalz und Schneeschieber sind ausverkauft, die Räum-
dienste arbeiten rund um die Uhr. Meteorologen rechnen für diese Woche mit weiteren Schneefällen.

Emily Morsch (links) und Mina Dupont genießen Im frischen Neuschnee versunken liegt die Benediktinerabtei St. Mauritius in Tholey. Dahinter die ver- Winterschlaf: Diese Autos in Rappweiler müssen
am Schaumberg in Theley den Schnee. Foto: dia-saar schneiten Wälder des Schaumbergs. Foto: Bonenberger erst noch freigeschaufelt werden. Foto: rup

Das Saarland versinkt im Schnee


AUF EINEN BLICK

Nicht nur im Saarland


sorgt das Schnee-Chaos
für Schlagzeilen:
Härtester Winter seit 60 Jahren – Bauhöfen geht das Salz aus – Busverkehr zeitweise eingestellt Spuren im Schnee haben
die Polizei in Bonn zu Räu-
Von SZ-Redakteur Thomas Schäfer lein bis zum Nachmittag schon 35 bern einer Post-Filiale ge-
und den SZ-Lokalredaktionen Sturzopfer behandeln, insgesamt führt. Zwei maskierte Män-
sei die Zahl der Unfälle (meist ner hatten den Postshop in
Saarbrücken. Es war gestern mit Knochenbrüche) in den vergan- Niederbachem bei Bonn
Sicherheit die meistgestellte Fra- gen Tagen um 25 Prozent in die am Samstag überfallen
ge im Saarland: Wann (um alles in Höhe geschnellt, hieß es. Weniger und Bargeld erbeutet.
der Welt) hat es zuletzt so viel schmerzhaft, aber mindestens är- Das Versteck der Räuber
Schnee gegeben? Ob beim Bä- gerlich verlief der Start in die Wo- (19 und 20 Jahre alt) fiel ei-
cker, in der Schule, an der Tank- che für alle, die gestern zur Ar- ner 62-jährigen Frau auf.
stelle, im Büro. Ob in Perl, Hom- beit, zum Einkaufen oder zu ei- Sie bemerkte Schuhspuren
burg, Freisen oder Lebach: Über- nem Termin mussten. im Schnee, die zu einem
all sorgte das extreme Winter- Gartenhäuschen führten.
wetter für viel Gesprächsstoff. Kali-Dünger statt Salz Sie verständigte die Poli-
Wann also versank das Land Wie schon am Wochenende wa- zei. Diese fand bei den Bei-
zuletzt unter solchen Schnee- ren vor allem am Morgen viele den die Beute.
massen? „Seit gut 30 Jahren ha- Straßen nicht oder nur schlecht
ben wir so etwas nicht mehr er- befahrbar, weil den meisten Bau- Seine tote Mutter hat ein
lebt“, sagt der Leiter des Perler höfen im Land das Salz ausgeht. Mann in einem zugefrore-
Bauhofs, Michael Leuck. Vom „Wir können momentan keine nen Graben bei Wasbek in
„intensivsten Winter seit 1978“ blitzblanken Straßen anbieten“, Schleswig-Holstein gefun-
spricht der Landesbetrieb für hieß es aus Homburg. Die Ge- den. Neben der 65-Jähri-
Straßenbau. Der Sprecher der meinde Beckingen meldete sogar: gen wachte ihr Hund, teilte
Stadt Homburg, Jürgen Kruthoff, „Wir sind salzlos.“ In Kleinblit- die Polizei Neumünster
hat „ein solches Wetterchaos tersdorf setzt man wegen knap- mit. Das Bellen des Tieres
noch nie erlebt“. Die Daten des per Bestände auf Kali-Dünger aus hatte den Mann auf die
Wetterdienstes „Q.met“ aus dem Elsass. 25 Tonnen sollen ge- Stelle in Wasbek aufmerk-
Wiesbaden stützen die Einschät- liefert werden, der Dünger könne sam gemacht. Nachdem
zung aus Homburg. Die 32 Zenti- „ohne Bedenken als Streugut ein- die 65-Jährige nicht zu ei-
meter dicke Schneedecke, die gesetzt werden“, sagte Bürger- nem verabredeten Treffen
gestern Nachmittag am Flugha- meister Stephan Strichertz. mit einer Nachbarin er-
fen Ensheim gemessen wurden Ob das Beispiel Schule macht, schienen war, hatte sich der
(allein acht Zentimeter waren ist fraglich, aber gut gebrauchen Sohn auf die Suche nach
zwischen sieben und 13 Uhr ge- kann das Saarland derzeit alles, seiner Mutter gemacht.
fallen), sei ein Rekord seit Beginn was Schnee und Eis von den Stra- Hinweise auf ein Verbre-
der Aufzeichnungen 1951. Ver- ßen fern hält. Denn auch die Ver- chen gibt es nicht.
gleichbare Höhen seien nur 1978 kehrsbetriebe hatten gestern er-
oder 1986 gemessen worden, er- neut massive Probleme, zeitwei- Ein fröhlicher Ausflug mit
klärte Diplom-Meteorologe Do- se ging nichts mehr. „Zwischen einem Traktor im Schnee
minik Jung unserer Zeitung. Ein Sotzweiler und Tholey standen endete für einen Zehnjähri-
Ende der weißen Pracht ist nicht Lkw quer“, berichtete etwa Her- gen im oberpfälzischen
in Sicht, sagt der Experte. Spe- bert Wydra von der Saar-Pfalz- Berg in Bayern tödlich. Der
ziell in der Nacht zu Mittwoch Bus GmbH. In dem dadurch ver- Junge und sein zwei Jahre
soll es wieder kräftig schneien, ursachten Stau seien auch Lini- älterer Cousin saßen auf ei-
„zehn bis 15 Zentimeter könnten enbusse hängengeblieben und nem mit Stroh gefüllten
da wieder draufkommen“, meint hätten sich verspätet. „Das ist großen Sack, den ein 20
Jung. Und nach ein paar eher reg- wiederholt im Landkreis St. Wen- Jahre alter Verwandter mit
nerischen Tagen könnte Anfang del passiert“, sagte Wydra. In dem Traktor durch die ver-
nächster Woche bereits die Saarbrücken musste das Unter- schneite Landschaft zog.
nächste Kaltfront übers Saarland nehmen Saarbahn & Bus den Be- Beim Abbiegen schleuder-
ziehen. Jung: „Für Schnee ist der- trieb gegen 11.30 Uhr für Stunden te der Sack gegen einen
zeit einfach eine günstige Kons- ganz einstellen. Die Saarbahn Leitpfosten aus Holz. Wäh-
tellation, weil feuchte Luft auf hatte indes keine Probleme. „Die rend der ältere Junge un-
Kaltluftmassen trifft.“ Züge können Neuschnee weg- verletzt blieb, kam der
schieben. Zudem gibt es Vorrich- Zehnjährige mit schweren
Hektik in der Notaufnahme tungen, die Sand vor die Räder inneren Verletzungen ins
Eine „günstige Konstellation“ al- streuen können“, erklärte Saar- Nürnberger Klinikum, wo
so, die gestern viele Saarländer in bahn-Sprecherin Christa Horn. er später starb.
eine ungünstige Lage brachte. Von den Bus-Ausfällen waren Saarbrücken im Schneetreiben: Eine Frau geht über die Wilhelm-Heinrich-Brücke. Foto: Oliver Dietze
Neben etlichen Verkehrsunfäl- nicht zuletzt viele Schüler im ge- Auf der Ostsee-Insel Hid-
len, die bis auf Ausnahmen weit- samten Land betroffen. Nicht we- ler nach Hause entlassen“, sagte holt wurden. Ein generelles nasiums Jürgen Helwig: „Das densee, die seit Freitag als
gehend glimpflich ausgingen, nige Schulen machten früher Hans-Georg Ochs vom Albertus- „Schneefrei“ gibt es an den Schu- wird wieder chaotisch.“ von der Außenwelt abge-
meldeten auch die Notaufnah- Schluss. „Wir haben die Eltern in- Magnus-Gymnasium in St. Ing- len heute aber nicht. Angesichts schnitten gilt, wurden ges-
men der Krankenhäuser Hochbe- formiert und nach der dritten bert. Schüler, die nicht zu Fuß der vorhergesagten weiteren Im Internet: tern erste Lebensmittel
trieb. Das Saarbrücker Winter- Stunde in Absprache mit der be- nach Hause konnten, mussten Schneefälle fürchtet der Leiter www.saarbruecker-zeitung.de knapp. Brot, Eier, Kartoffeln
berg-Klinikum etwa musste al- nachbarten Realschule die Schü- warten, bis sie von Eltern abge- des Homburger Saarpfalz-Gym- /schnee sowie frisches Obst und
Gemüse seien ausverkauft,
sagte der Leiter des Edeka-

„Wir arbeiten mit Hochdruck im Drei-Schicht-Betrieb“ Ladens in Vitte, Horst


Sachse. Hungern müsse je-
doch keiner, Konserven ge-
Mitarbeiter des Landesbetriebs für Straßenbau sind im Dauerstress – Rücksichtslose Autofahrer und knappe Salz-Bestände erschweren die Arbeit be es noch. Ein Spezial-
schiff soll nach den Worten
Der Winter hat das Saarland fest Dennoch gibt es Klagen Wie ist die Stimmung in fahrzeuge in abenteuerlicher 300 Tonnen Salz nachzuliefern. von Bürgermeister Man-
im Griff. Für die sieben Straßen- über die Räumdienste. Vie- der Mannschaft? Weise überholt: Diese Autofahrer Mit den Vorräten haushalten wir fred Gau nun Lebensmittel
und Autobahnmeistereien des le Hauptstraßen, auch Au- Kosok: Natürlich sind gefährden Leib und Leben, insbe- sorgsam. Teilweise bringen wir nach Hiddensee bringen.
Landesbetriebs für Straßenbau tobahnen sind zeitweise die Männer einiges ge- sondere ihr eigenes. auf geeigneten Strecken bereits Auch Luftversorgung sei
(LfS) bedeutet das Stress pur. schwer oder überhaupt wohnt, aber wenn dieser ein Salz-Granulat-Gemisch auf. beantragt worden.
SZ-Redakteur Thomas Schäfer nicht zu befahren. Winter vorbei ist, werden Das Salz geht zur Neige oder ist
sprach darüber mit LfS-Sprecher Kosok: Es ist leider so, sie sicher auch drei Kreu- schon verstreut. Welche Auswir- Warum ist es so schwer, derzeit an Im Saarland sind Schnee-
Klaus Kosok (Foto: SZ/privat). dass wir nicht überall ze machen. Was zurzeit kungen hat das? Salz zu kommen? schieber, Streusalz und
gleichzeitig sein können. Klaus Kosok abgeht, ist permanenter Kosok: Wir mussten wegen der Kosok: Das ist nicht zuletzt Schlitten knapp. Wer ange-
Herr Kosok, wie ist die Lage auf Durch den intensivsten Stress, mit Alarmbereit- Schneemassen den Winterdienst auch eine Frage der Lagerkapazi- sichts der heftigen Schnee-
den saarländischen Straßen? Winter seit bestimmt 30 Jahren schaft und allem, was dazugehört. anpassen. Aktuell werden weiter- tät. Zu Beginn des Winters waren fälle noch einen Schnee-
Kosok: Angesichts der ext- stoßen wir an Grenzen. Wenn es Für Privatleben bleibt auch kaum hin alle Autobahnen, Bundes- unsere Hallen mit 19 000 Tonnen schieber braucht, seinen
remen Bedingungen läuft es ei- nach einer Räumung weiter Zeit. Die Männer haben gerade und Landstraßen geräumt, der Salz gut gefüllt. Diese Menge hät- Streusalzvorrat auffüllen
gentlich noch relativ gut. Wir ar- schneit, dauert es eben auch sicher nicht den schönsten Job zusätzliche Einsatz von Streuma- te für einen durchschnittlichen will oder einen Rodel sucht,
beiten mit Hochdruck, weitge- schon mal zwei, drei Stunden, bis des Saarlandes. terial ist allerdings nur noch auf Winter ausgereicht. Der Liefe- wird kaum noch Glück ha-
hend im Drei-Schicht-Betrieb an wir wieder an die entsprechende Autobahnen und gefährlichen rant hat uns zudem zugesichert, ben in saarländischen Ge-
der Räumung der 2000 Kilome- Stelle gelangen. Dadurch ent- Hat das manchmal auch mit un- Strecken zu leisten. Unsere Salz- verbrauchte Mengen kurzfristig schäften. dpa/fab
ter Straßen und Autobahnen im steht vielleicht der Eindruck, einsichtigen Autofahrern zu tun? bestände reichen, um den Win- wieder aufzufüllen. Dies fällt ihm
Saarland, für die der LfS verant- dass überhaupt nicht geräumt Kosok: Ja, absolut, es kommt terdienst in dieser Form aufrecht angesichts der immensen bun- Produktion dieser Seite:
wortlich ist. Bis zu 90 Fahrzeuge wird. Doch dieser Eindruck ist des öfteren zu haarsträubenden zu erhalten. Unser Lieferant hat desweiten Nachfrage derzeit Robby Lorenz, Jörg Wingertszahn
sind im Dauereinsatz. falsch. Situationen. Da werden Streu- zugesagt, dem Saarland täglich schwer. Thomas Schäfer, Iris Neu